Eine Weile lebte der Baron völlig zurückgezogen und spielte mit dem Gedanken, weit fortzugehen, entweder allein oder zusammen mit Marinella, um die Früchte seines kühl in die Tat umgesetzten Planes ungetrübt genießen zu können.
Sosehr er auch in alter Manier an sein Leben anzuknüpfen trachtete, er meinte stets, wer weiß was vor den Füßen zu haben, das ihn hinderte, frei auszuschreiten. Jeder Ausruf und jede Andeutung, jeder Priester in den Straßen und jeder Scherz über einen Priester schürten seine Qualen, bedeuteten ihm Anspannung und Sorge, wenn nicht gar Angst.
Täglich las er die Zeitungen und schöpfte Trost aus der Beobachtung, dass sich sein Priester nach dem kurzen Intermezzo mit dem Terno wieder still und leise in den Schatten zurückgezogen hatte.
Keine einzige Zeitung sprach mehr von Don Cirillo, fast als hätte dieser niemals existiert, und fiel einmal der Name Santafuscas, dann nur, um seine Wahl zum Präsidenten des Jagdclubs bekanntzugeben. Da der Baron seine Schulden pünktlich beglichen hatte, galt er nun wieder allenthalben als Ehrenmann.
Zehn Tage waren inzwischen ins Land gezogen, zehn lange und endlose Tage, doch allmählich fasste unser Baron Mut, ähnlich ruhig würden auch die nächsten zehn oder zwanzig Jahre vergehen, und danach hätte sich Don Cirillos Name in Luft aufgelöst wie ein Eiswürfel im Meer.
Eines Morgens meldete ihm Maddalena zum dritten Mal den Besuch des Priesters.
»Wirklich!«, polterte der Baron. »Kannst du ihn nicht endlich zum Teufel schicken?«
»Exzellenz …«, erwiderte Maddalena verängstigt. »Er wartet draußen.«
»Was will er?«
»Sie sprechen.«
Ein winziger Rest von Aberglauben ließ Santafusca zögern.
»Gut«, sagte er schließlich. »Soll er reinkommen. Schauen wir sie uns halt an«, murmelte er leise, nur für sich weiter, »diese leidige Schmeißfliege, die nun schon seit einer Woche um mich herumschwirrt.«
Kaum hatte sich der Baron dazu durchgerungen, den mysteriösen Herrn vorzulassen, wurde er gewahr, dass dieser Schritt ihm besonderen Mut abverlangte. Nicht, dass er fürchtete, Don Cirillo könnte eintreten. Solche Dinge sind in deutschen Balladen zu finden, daran glauben tat heutzutage aber doch wohl niemand! Trotzdem ließ allein das schwarze Gewand ihn instinktiv in Abwehr gehen.
Er lauschte, wie Maddalena den geheimnisvollen Besucher zu ihm schickte. Mit behutsamem, schleichendem Schritt näherte sich der Fremde der Tür. Dann wurde diese sacht und langsam geöffnet …
»Licet?«,* erkundigte sich eine Stimme, klebrig wie Honig.
»Nur zu!«, rief der Baron so laut, als erteilte er einer Schwadron der Kavallerie einen Befehl.
Ein kleiner, rundlicher Priester trat ein, ein Mann mit einem Buttergesicht, in einem properen, frisch gebügelten Gewand, mit zwei molligen Patschhänden und außerordentlich zeremoniellem Gebaren. Er verneigte sich, die Lider halb gesenkt.
»Habe ich die Ehre«, fragte er, wobei er jedes einzelne Wort mit einer Wonne kaute, als wäre es eine Backpflaume, »mit Seiner Exzellenz Baron Coriolano di Santafusca?«
»Exakt! Und ich habe die Ehre mit …«
»… mit dem Monsignor Vikar. Ich komme im Auftrag von Seiner Eminenz dem Erzbischof und soll Ihnen untertänigst eine Frage stellen.«
»Dann nehmen Sie doch bitte Platz!«
Der Baron trat einige Schritte vor, wies auf einen Sessel und rückte sich selbst einen heran. Aus Taktgefühl wollte sich der Vikar nicht als Erster setzen, der Baron bestand jedoch darauf, und nach einigem Hin und Her und beiderseitigem Geziere gab der Priester – sei es aus Respekt, sei es aus Gehorsam – nach, setzte sich, bettete sein herrliches Birett aus Seide am Rand des Schreibtischs und wusch sich zweimal die Hände in der Luft, um die Finger im Anschluss daran zu zwei Sonnenblumen zu spreizen.
»Dann will ich zur Sache kommen!«, sagte er. »Mich würde interessieren, ob – sofern mir diese Indiskretion gestattet ist! – jene Gerüchte der Wahrheit entsprechen, die behaupten, Euer Exzellenz trage sich mit der Absicht, das Anwesen in Santafusca zu veräußern.«
»Diese Gerüchte sind völlig aus der Luft gegriffen«, antwortete der Baron mit aller Entschiedenheit.
»Dennoch will ich gern den Grund darlegen, der mich zu dieser Frage veranlasst hat. Seine Eminenz der Erzbischof sucht im Umland von Neapel nach einem großen Haus, in dem sich ein Seminar und ein theologisches Kollegium einrichten ließen, das darüber hinaus aber auch von der Kirche für die Sommerfrische genutzt werden könnte.«
»Ich habe wirklich nicht die geringste Absicht, Santafusca zu verkaufen«, versicherte der Baron noch einmal.
»Nun, das ist insofern seltsam, als Seine Eminenz der Erzbischof zweifelsfrei von einem Priester aus Neapel weiß, der Euer Exzellenz bereits eine Anzahlung auf das Haus sowie auf die angrenzenden Gebiete geleistet habe.«
»Oh!«, stieß der Baron nur aus, während er sich innerlich für ein weiteres Gefecht wappnete.
Schon wieder dieser verdammte Priester!, dachte er.
»Von entsprechenden Absichten Eurer Exzellenz waren wir umso fester überzeugt, da es sich bei demjenigen, der den Erwerb des Anwesens regeln wollte und nach eigenen Worten bereits einen Teil erstanden hatte, um einen gut situierten Mann handelt, der dem Kanzler unserer Kirche bereits wiederholt Angebote dieser Art unterbreitet hat.«
»Ach ja! Dieser … Monsignore spielt auf diesen Priester an … diesen Don Cirillo?«
Der Baron brachte diese Worte in der Art eines Cantus firmus heraus, gehalten auf einem einzigen Ton. Es war das erste Mal nach dem Mord, dass ihm der Name Don Cirillos über die Lippen kam, und er klang in seinen Ohren wie ein Fanfarenstoß. Das ist bloß ein Gefühl!, schärfte er sich ein. Wenigstens hatte er nicht die Fassung verloren, im Gegenteil, zu seiner Genugtuung hatte er von dem Toten gesprochen wie von einem beliebigen Lebenden.
»Ebender«, bestätigte der Vikar, »Don Cirillo.«
»In der Tat«, fuhr der Baron nun in seinem üblichen Ton fort. »Dieser Priester hat sich zuweilen an mich gewandt, und wir waren übereingekommen, in Bälde gemeinsam nach Santafusca zu fahren. Ich befand mich zu diesem Zeitpunkt in einer gewissen Bedrängnis. Doch dann hat dieser Priester Neapel Hals über Kopf verlassen. Wie es heißt, fürchtete er, noch länger in der Stadt zu bleiben, weil ihm der Ruf eines Zeichendeuters vorauseilte, eines Hexenmeisters und Wahrsagers und was weiß ich noch alles.« Der Baron lachte. »Angeblich spielen bei seinem Verschwinden auch noch irgendwelche Ganoven, die Lotterie und ein Gewinn von einer halben Million eine Rolle. Sogar im Piccolo und, wenn ich nicht irre, im Popolo Cattolico wurde darüber berichtet … Mehr kann ich dazu leider wirklich nicht sagen, Monsignore!«
Nun muss man wissen, dass der Vikar weder Zeitungen las noch sich um den Sakristeitratsch kümmerte, sondern, war ihm doch gelegentlich ein wenig Ruhe gegönnt, lieber ein Nickerchen in seinem Sessel machte. Man stelle sich daher seine Erschütterung vor, als er von einem Priester in Neapel hörte, der sich als Zeichendeuter, Hexenmeister und Ganove verdingte, eine halbe Million gewonnen hatte und nun spurlos verschwunden war.
Sobald der Baron den Unglauben auf dem Gesicht und in den Augen des Gottesmannes las, beeilte er sich, seine Worte in milderes Licht zu rücken.
»So gut kenne ich diesen Priester ja auch nicht … Außerdem habe ich inzwischen einen anderen Weg gefunden, meine Geldsorgen aus der Welt zu schaffen, sodass ich nicht länger die Absicht hege, das Anwesen meiner Ahnen zu verkaufen.«
»Das ist überaus bedauerlich. Santafusca entspricht in vollendeter Weise unseren Bedürfnissen, und die Kirche wäre durchaus gewillt, es sich einiges kosten zu lassen. Der Kanzler hat Don Cirillo im Grunde für das Haus bereits einhunderttausend Lire zugesagt, wäre mittlerweile aber wohl auch bereit, diese Summe noch zu erhöhen.«
Da hätte dieser Priester ein hübsches Geschäft gemacht!, schoss es dem Baron durch den Kopf.
»Es wären zwar etliche Ausbesserungen nötig«, fuhr der Vikar fort, »obendrein wollten wir einen Flügel völlig erneuern …«
»Ich verkaufe nicht!«, erklärte der Baron nahezu barsch, denn allein der Gedanke, in Santafusca würde irgendjemand den Boden aufreißen, ließ ihn bis ins Mark erschaudern.
»Wir achten die noblen Gefühle Eurer Exzellenz selbstverständlich. Momentan ist das für uns bedauerlich, doch seien Sie versichert, dass Sie in uns, sollten Sie Ihre Einstellung je ändern, ein entgegenkommendes Gegenüber finden werden. Es wäre für beide Seiten nur von Vorteil, diesen Zeichendeuter von Priester kaltzustellen, der ja offenbar mit wenig religiöser Haltung aus den Bedürfnissen der Kirche Gewinn ziehen will.«
Der Vikar begleitete dieses kaltstellen mit einer derart unschuldigen Geste, dass nicht einmal eine Fliege dadurch verscheucht worden wäre.
»In der Tat, es scheint auch mir das Beste, in Zukunft auf ihn zu verzichten. Aber, wie schon gesagt, momentan beabsichtige ich nicht, das Anwesen zu verkaufen.«
»Dann bleibt mir nichts anderes zu tun, als mich nochmals für die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen, Exzellenz. Falls Sie je an einem ersten Angebot interessiert sein sollten, dann behalten Sie im Hinterkopf, dass wir bis zu einhundertsechzigtausend Lire gehen würden …«
»Einhundertsechzigtausend!«, brachte der Baron heraus, der sich förmlich in einem Geldregen stehen sah.
Warum hatte ihm niemand dieses Angebot am 3. des Monats unterbreitet? Zufall, was für ein Zufall … All das war nur ein Zufall!
»Ich werde es mir merken, verlassen Sie sich darauf!«
Als sich der Vikar erhob und nach seinem Hut auf dem Schreibtisch greifen wollte, da geschah es – sei es, weil er über den Teppich stolperte, sei es, weil er sein zeremonielles Gebaren übertrieb –, dass er kurz das Gleichgewicht verlor und mit der Hand gegen sein Birett stieß, das daraufhin gleich einem Lebewesen, das von einem elektrischen Schlag getroffen wird, hoch in die Luft wirbelte, wieder auf dem Schreibtisch landete, zur Kante glitt, herunterfiel und auf die Wand zurollte. Der Vikar eilte dem Hut völlig außer sich über sein Missgeschick hinterher, um ihn eigenhändig vom Boden aufzuheben. Dabei beugte er sich in einer Weise vor, wie es auch Don Cirillo getan hatte, um in die Zisterne zu spähen.
Santafusca stützte sich mit beiden Händen an der gepolsterten Rückenlehne seines Sessels ab, auf den Lippen ein kaltes Lächeln, während der penible Vikar mit klatschmohnrotem Gesicht und unter ständigen Verbeugungen rückwärts den Raum verließ.
Selbst als dieser die Tür mit jener Behutsamkeit schloss, die er in allen Dingen an den Tag legte, vermochte der Baron den Blick nicht von der Wand zu lösen, gegen die der Hut gerollt war. Nach wie vor stand er völlig versteinert hinter dem Sessel, an den ihn ein Gedanke, fest und schneidend wie Eisendraht, geradezu fesselte.
Nicht, dass er jene schauerliche Szene gleichsam noch einmal ansehen musste, hatte seine Angst heraufbeschworen. O nein! Gefühle vergehen, kühlen ab und verrauchen, das weiß jeder. Aber der eigentümliche Vorfall mit dem Hut, die Art, wie er über den Boden gerollt war, hatte ihn auf einen Gedanken gebracht, der ihm in den ersten schrecklichen Wirren seiner Überlegungen noch gar nicht gekommen war. Ein schlichter Gedanke, banal geradezu – ja, banaler ging es gar nicht –, der aber geradenwegs dazu führte, dass einem Mann, der sich schon sicher in den Hafen eingefahren wähnte, die Haare zu Berge standen.
Auch sein Priester hatte einen Hut getragen. Beim ersten Schlag mit der Stange ins Genick war er hochgehüpft, durch die Luft getrudelt und dann auf dem Haufen aus Ziegelsteinen gelandet.
Nur: was war danach mit diesem Hut geschehen?