»Oh, Marinella mein! Du Licht der Sternelein, so hold und so lilienrein, Du kleines Schiffelein! …«
Wie unschwer zu erkennen, war der Baron zum Dichten aufgelegt.
Ein Rheinwein, dieses Musenblut, hatte seine Phantasie entzündet. Doch wenn ein Mann zwei Stunden lang in geselliger Runde zu Tische sitzt, mit vier geleerten Kristallpokalen vor sich und zu jeder Seite eine junge Schönheit, dann versteht wohl ein jeder, dass dieser Mann den Dichter in sich entdeckt.
»Ach! Usilli, stimm ein, besing Lellina mein!«
»Unser dralles Schnuckelein …«
»Das wie Mehl weiß und fein …«
»Du kleines Barkelein …«
»Ihr hirnlosen Vollbärte!«, kreischte Lellina und goss dem Malteserritter und Marchese Carlo Emanuele Lodovico di Spiano einen Kelch guten Weins aus Syrakus von hinten in den Kragen.
Daraufhin schmetterte der Baron seine Reime zur Walpurgisnacht-Aria aus Mefistofele weiter.*
»Oh, Maddalena mein! Voll ist nun mein Bäuchelein! Oh, Sirene, stimm ein!«
Die Favorita, ein entzückendes kleines Landhaus, lag hoch oben über dem Meer, ein filigranes hölzernes Schmuckkästchen, inmitten eines Waldes aus Lorbeer und Orangen.
Vico di Spiano, dem das Glück seit einiger Zeit überhold war, hatte es erworben, um Lellina, diesem Kätzchen voller Grillen und Kapricen, auf die Schnelle ein Geschenk zu machen. Heute hatte er einige gute Freunde sans façon zum Essen eingeladen, zu einem kleinen lunch, dabei aber schon Größeres in Aussicht gestellt, wenn seine Andreina ihr nächstes Rennen gewinnen sollte.
Andreina, das Pferdchen sein …
Lellina, das Kätzelein …
»Das wie Mehl weiß und fein …«
»Besing Lellina mein …«
»Du kleines Barkelein …«
»So hold und so lilienrein …«
»Oh, Marinella mein …«
»Voll ist nun mein Bäuchelein …«
»Oh, Sirene, stimm ein!«
Usilli hatte einen ganzen Korb Champagner beigesteuert, edelste Ware, fünfzig Lire die Flasche, einem Stallmeister des Herzogs von Sachsen abgekauft, der – der Stallmeister, versteht sich, nicht der Herzog – über den Winter in einem Haus in Mergellina Quartier genommen hatte. Bei diesem Schaumwein handelte es sich um echten Champagner, wie er an den Tafeln von Fürsten kredenzt wird. Der Stallmeister – wer wollte das ausschließen? – dürfte ihn seinem Herrn wohl stibitzt haben.
Doch wie heißt es so schön: Stibitzter Wein ist längst verzechter Wein!
Die Silberkäfige vermochten die Korken nicht länger in den Flaschen zu halten, sodass sie aus den Hälsen schossen wie Kugeln aus einer funkelnden Orgelkanone und in hohem Bogen im Meer landeten. Eine Welle, licht und leicht wie Marinellas Haar, ergoss sich in die Kelche, schwappte über die Teller, schäumte hoch und spritzte in die Dekolletés der Damen, die juchzend in diesem süßen Prickelbad umhersprangen, während der Baron, trunkener noch als alle anderen, verkündete, er werde nun die heilige Messe lesen.
Obwohl Santafusca sich fest vorgenommen hatte, seine Zunge im Zaum zu halten und ja nicht die Kontrolle über sich zu verlieren, vermochte er nicht zu verhindern, dass Rheinwein und Champagner irgendwann das Ihrige verlangten. Ausgelassen und berauscht von falscher Heiterkeit, lugte er durch sein Glas und ergötzte sich daran, rein gar nichts zu erspähen, nicht einmal den winzigsten schwarzen Fleck.
Von hier oben ließ er den Blick über das tief unten liegende Meer wandern, diesen azurblauen Unterteller für die azurblaue Tasse des Firmaments. In dem phosphoreszierenden Flimmern der sonnengeküssten Wellen pulste das nie versiegende Leben der Natur, das der Baron nur zu gut auch in sich spürte, wenn er Marinella in den Armen hielt.
Wer sollte in diesem riesigen, sechshundert Meilen weiten Meer den elenden Hut eines Priester an den Angelhaken bekommen?
»Du hast mir schon hundertmal versprochen, mich eines Tages nach Santafusca mitzunehmen«, maulte Marinella. »Aber wenn du etwas versprichst, versprichst du dich wohl nur.«
»Ich habe das Anwesen verkauft.«
»An den Priester?«, erkundigte sich Vico di Spiano.
»Welchen Priester?«
»Den mit der Hypothek?«
»Über ihn an den Erzbischof.«
»Apropos Priester!«, warf Marinella ein. »Habt ihr den Piccolo von gestern Abend gelesen? Sie haben den Priester gefunden.«
»Was für einen Priester?«, fragte der Baron, der mit seinen Gedanken ganz woanders war.
»Den mit dem Hut. Hast du den Piccolo denn nicht gelesen?«
»Weiß du was, du kleine Närrin«, murmelte der Baron, der weiterhin nur mit halbem Ohr hinhörte, »ich kaufe dir ein noch viel schöneres Haus als das hier.«
»Schaut doch mal da oben!«, riefen die Damen und zeigten mit der Hand auf einen Punkt hoch oben am Himmel. »Was für ein Vogel!«
»Das ist ein Adler!«
»Nein, ein Reiher!«
»Das ist ein Kranich.«
Hoch oben am Himmel tauchte im prallen Sonnenschein gerade etwas Schwarzes auf, ein Seevogel vermutlich. Der Baron stieß ein schepperndes Lachen aus und sprang auf.
»Das ist bestimmt der Hut des Priesters«, sagte er.
Und so stand er einen Augenblick da, den Finger zum Himmel gereckt, die Herausforderung in Person.
Unterdessen landete, wie auch immer, der Piccolo auf dem Tisch.
Der Baron, dem nun schwindelte, zündete sich eine dicke Havanna an, bugsierte einen Sessel auf die Terrasse, machte es sich darin bequem, streckte die Beine aus und schlug die Zeitung auf, während er gewaltige Rauchwolken hoch zum Herrn im Himmel schickte.
Etwa in der Mitte der Seite prangte in fetten Buchstaben:
DER HUT DES PRIESTERS
Er las die Worte, zeigte sich aber wenig beeindruckt. Was sollte er sich mit einer derart albernen und gewöhnlichen Geschichte beschäftigen? Aus reiner Neugier überflog er die ersten Zeilen, doch weil sich alles um ihn herum drehte, verschwammen die Wörter zu einer einzigen blutigen schwarzen Brühe.
Ein Rest von Ratio, der das Gelage überstanden hatte, setzte alles daran zu verstehen, was diese Wörter da eigentlich aufs Papier nagelten, doch in seinem Hirn waberte bloß Rauch. Außerdem legten sich der Wein und all die Speisen, die Gänsepastete, Torte und die Languste, wie ein Mühlstein vor den Eingang seines Magens.
Der Baron meinte, ihm würde die Brust zerquetscht, während sein Kopf sich absetzte und davonflog. Aus dem daraus hervorquellenden dicken Rauch schälte sich erneut eine fette schwarze Schrift heraus, umrankt von weiteren Reihen ganz in Schwarz, in denen einzelne Wörter herausstachen, der Name von Don Cirillo, Hut, Hutmacher, Santafusca, Schachtel …
Der Baron vermochte den Sinn all dessen beim besten Willen nicht zu erfassen. Ein Atom seines Bewusstseins allerdings wurde gleichsam von einer Nadel aufgespießt und litt entsetzliche Qualen angesichts dieses Teufelswerks aus Hieroglyphen. Er stieß gewaltige Rauchwolken aus, schnaufte und schwitzte kalten Schweiß aus, der auf seiner Stirn perlte und sie bleich und eiskalt werden ließ.
Unterdessen stimmten die Damen, hingegossen auf ihre Sessel, in einem ausgelassenen Chor das neckische Liedchen an:
Das wie Mehl weiß und fein
Du kleines Barkelein
So hold und so lilienrein
Oh, Marinella mein!
Wer sollte denn so in Ruhe lesen?! Elende Verdammnis aber auch! Wie um alles in der Welt kamen eine Schachtel und ein Hutmacher in diese Geschichte?!
Nur indem Santafusca all seine Willenskraft aufbot, gelang es ihm endlich, einen Satz zu entziffern: »Der Fall liegt nun beim königlichen Staatsanwalt.«
Was war das? Der Traum eines Betrunkenen? Benommen richtete er den Blick auf die lange Tafel in seinem Rücken. Er wusste doch genau, wo er war, erkannte seine Freunde und die hingestreckten, halbnackten Damen, die ihre Zigaretten rauchten. Daraufhin richtete er den Blick auf das flimmernde azurblaue Leuchten des endlos weiten Meeres, dem er sein Geheimnis anvertraut hatte. Er schüttelte dieses Teufelswerk aus Weiß und Schwarz, das er in Hand hielt. Gekreisch und Gesang drangen an sein Ohr, die Großbuchstaben schienen weiter und weiter anzuwachsen. Übergroß ragten sie nun vor ihm auf:
DER HUT DES PRIESTERS
Das konnte nur ein Traum sein! Das reinste Delirium! Ein Inkubus, heraufbeschworen durch Wein und Gänsepastete!
Letzten Endes also nichts als Gefühle!
Er drehte sich zu den Damen zurück. »Ihr hirnlosen Vollbärte …«, murmelte er lachend.
Diese Worte bewiesen ihm endgültig, dass er sturzbetrunken war. Dass seine Schuhe nun bleischwer waren, bewies ihm das noch zusätzlich. Nun galt es wirklich, sich ja nicht zu verplappern! Sich ja nicht zu verraten!
Abermals nahm er sich die Zeitungsseite vor.
Dieser dumme Artikel nannte auch seinen Namen und den von Don Antonio. Eben! Das war ein Traum! Ein Tollstück! Ein Roman von Saverio Montépin!*
Festzuhalten wusste der Piccolo Folgendes:
»Unsere Leser werden sich fraglos an Don Cirillo erinnern, über den wir aus Anlass eines formidablen Lottogewinns berichtet haben, den ein Hutmacher in Neapel gemacht hat. Bei dieser Gelegenheit haben wir auch erwähnt, dass der Priester die Stadt verlassen hat und seitdem niemand etwas über seinen Verbleib zu sagen weiß. Schon damals machten Gerüchte die Runde, ihm sei Furchtbares widerfahren, und heute bestätigt eine sonderbare Entdeckung die schlimmsten Vermutungen.
›Was für eine Entdeckung?‹, werden Sie sogleich fragen. ›Hat man seine Leiche gefunden?‹
›O nein.‹
›Dann ist man einer Verschwörung auf die Schliche gekommen?‹
›Nochmals nein.‹
›Man hat den Mörder verhaftet?‹
›Nicht einmal das. Es ist lediglich sein Hut aufgetaucht.‹
›Sein Hut? Was soll der beweisen?‹
Das klingt in der Tat wie eine Geschichte aus Tausendundeiner Nacht, und doch ist es nichts als die reine Wahrheit.«
Bis hierhin gab der Piccolo wieder, was im Popolo Cattolico stand, ohne freilich auf die Quelle zu verweisen, um dann aber mit eigenen Worten zu enden:
»Wir haben einen unserer Reporter nach Santafusca geschickt, der vor Ort Einzelheiten zusammentragen wird, damit wir unsere Leser über diese höchst bizarre, durch und durch verzwickte Geschichte auf dem Laufenden halten können.«
Nur sehr langsam vermochte der Baron den Sinn dieser Worte zu erfassen, dann aber schälte sich aus seiner lohenden, rauchgeschwängerten Trunkenheit glasklar der Gedanke drohender Gefahr heraus. Eine Kraft stärker als Vernunft und Zufall wollte sich einen Ulk mit ihm erlauben! Ein Schwall Blut schoss ihm jäh in den Kopf, gefolgt von einem Schwall Galle, die einen bitteren Geschmack in seinem Mund hinterließ. In einem Anfall von Raserei zerriss er die Zeitungsseite, stopfte sich eine Handvoll Fetzen in den Mund, zerkaute sie, stolperte, zerschlug die Scheibe der Terrassentür, stapfte weiter, polterte zurück in den Raum und landete schließlich, wie ein wütendes Tier schreiend, unter dem Tisch. Ungeheurer Tumult brach los. Die Damen stoben in ihrer Panik kreischend wie Elstern auseinander, während die Diener auf das Gepolter und das Geschrei hin angelaufen kamen und den betrunkenen Baron forttrugen, der so schwer und so steif war wie ein Epileptiker.