DER MÖRDER DES PRIESTERS

Dem Baron blieb kaum Zeit, die eben gehörten Worte zu verdauen.

»Schaut mal da!«, kam es aus zahlreichen Kehlen. »Er ist zurück!«

Sogleich schossen Usilli, di Spiano und etliche andere Herren auf Santafusca zu, nahmen ihn in ihre Mitte und erkundigten sich angelegentlich nach seinem werten Befinden.

»Nun sag schon, wie geht es dir? Was ist denn überhaupt los gewesen?«

»Ist dir die Languste nicht bekommen?«

»Mir ist euer heimtückischer Champagner nicht bekommen«, erwiderte der Baron, während er seine beiden Freunde mit Handschlag begrüßte.

»Das glaubst du doch wohl selbst nicht«, parierte Usilli. »Das kann nur an der Languste gelegen haben, denn die musste durch ein Element schwimmen, das sie nicht kannte. Da hat sie kurzerhand eine Revolution angezettelt.«

»Die ganze Geschichte tut mir aufrichtig leid«, wandte sich Santafusca an di Spiano, »doch werde ich selbstverständlich für das Fenster aufkommen und alles tun, damit es kein Gerede gibt.«

»Hast du selbst irgendeinen Schaden davongetragen?«

»Nur ein paar Kratzer, also nicht der Rede wert. Wir Santafuscas sind schließlich nicht aus Zucker.«

Der Baron setzte an, aus voller Kehle loszuprusten, lachte aber eher mit den Zähnen als mit dem Herzen.

»Conte«, wandte sich di Spiano an einen der Herren, »darf ich Ihnen meinen alten Freund Baron Coriolano di Santafusca vorstellen, ein Patriot, wie er im Buche steht. Und dir, mein Freund, möchte ich Conte Ignazi aus Rom vorstellen, der seinen berühmten Lazio an den Start schickt.«

»Der im letzten Herbst das Derby von Rom gewonnen hat?«

»Ebenjener.«

»Und hier hätten wir noch Conte Stagni aus Urbino, der bereits seit einigen Tagen Gast unserer schönen Stadt ist.«

»Angenehm, es ist mir ein Vergnügen!«

»Die Ehre ist ganz meinerseits!«

Die Herren begrüßten sich ebenfalls per Handschlag und fanden, der Etikette vollends verpflichtet, nur die trefflichsten Worte füreinander. Irgendwann bemerkte Conte Stagni beiläufig, es handle sich bestimmt um ein Wiedersehen, denn er habe den Baron bereits vor gut drei Wochen auf einem kleinen Bahnhof bei Neapel zu Gesicht bekommen.

»Möglich wäre es«, erwiderte Santafusca beinahe gelangweilt.

»Sie müssen wissen, ich hatte an dem Tag einen Ausflug nach Pompei gemacht. Auf dem Rückweg hat dann ein Herr, der über den ganzen Bahnsteig lief, um den Zug noch zu bekommen, meine Aufmerksamkeit gefesselt.«

»Um Ihr Personengedächtnis kann man Sie nur beneiden«, versicherte der Baron nun, der sich im Geiste während dieses Wortwechsels in einem fort jenen Satz wiederholte, den er eben aufgeschnappt hatte: Der Mörder des Priesters, den hat man verhaftet!

»Du frühstückst jetzt erst einmal mit uns, Baron!«

»Gern! Aber lass mich vorher rasch einen Blick in die Zeitung werfen!«

»Apropos …«, rief Usilli aus. »Santafusca ist ja mittlerweile eine echte Berühmtheit. Man hat nämlich den Mörder des Priesters gefasst.«

»Und wer soll das bitte sein?«, fragte der Baron fast grob.

»Lies nur den Artikel, darin ist alles ausführlich geschildert. Aufsehenerregende Prozesse verfolge ich ja mit Leidenschaft, und wäre mir nicht der Conte in die Wiege gelegt worden, dann wäre ich mit Sicherheit zur Polizei gegangen.«

Dies Geständnis wurde mit herzlichem Lachen quittiert, wobei der Baron unterdessen schon in das kleine Lesekabinett eilte. Auf einem langen Tisch fanden sich sämtliche Abend- und Morgenausgaben.

Hastig blätterte er etliche davon mit zitternden Fingern durch – zum Glück war er allein –, bis er schließlich eine dicke Überschrift entdeckte:

MEHR VON DON CIRILLO

»Leider sind wir gezwungen« – hieß es in dem Artikel – »noch einmal auf den Fall des Priesters zurückzukommen, denn gewisse vertrauliche Informationen lassen uns vermuten, dass Don Cirillo in die Annalen der Justiz eingehen wird.

Obwohl die Justiz bisher eine eifersüchtige, nachgerade mönchsgleiche Verschlossenheit an den Tag gelegt hat, findet ein guter Reporter selbstverständlich auch zu dieser Tür einen Schlüssel.

Somit sind wir in der Lage, noch vor allen anderen zu berichten, dass der Fall des Priesters nunmehr in den Händen jenes eifrigen und rechtschaffenen Untersuchungsrichters liegt, als den wir alle Cavaliere Martellini kennen, Justizias Aushängeschild für unser Neapel, überdies begnadeter Schachspieler und großer Bewunderer des schönen Geschlechts.

Wir haben bereits berichtet, wie der Hut des Priesters in Santafusca entdeckt und in einer Schachtel nach Neapel geschickt worden ist, ferner, dass in diesem Zusammenhang der Pfarrer des Dorfes befragt wurde und im Anschluss an die Aussage des ehrwürdigen Mannes die Justiz ihre Spürhunde – der Ausdruck ist hier wahrlich zutreffend – auf den Täter angesetzt hat.

Zunächst wurde man eines gewissen Giorgio habhaft, seines Zeichens Wirt in Falda, im ›Vesuv‹, der – will heißen: der Wirt, nicht der ›Vesuv‹ – zwar im Besitz eines Hutes gewesen war, bei dem es sich indes nicht um den des Don Cirillo handelte … Diesen Hut hatte der Wirt nach eigener Aussage einem ihm unbekannten Jäger ausgehändigt, der – und hier beginnt das Tollstück – eines Tages vorgesprochen und im Namen Don Antonios, Pfarrer in Santafusca, die Herausgabe des falschen Priesterhuts verlangt habe.

Dass in diesem Fall ein Jäger eine Rolle spielt, behauptet nicht nur besagter Wirt, auch einige Bauern und Maurer bestätigen dies. Freilich weiß kein einziger dieser Männer zu sagen, wer der geheimnisvolle Jäger eigentlich ist, woher er gekommen oder wohin er verschwunden sein mag.

Die Justiz tritt dennoch nicht auf der Stelle, und dank des eifrigen Tuns von Cavaliere Martellini besteht für sie kein Grund, den Kopf hängen zu lassen, ist sie doch auch diesem Jäger bereits auf der Spur, der, mag er auch Haken schlagen wie ein Hase, mit Sicherheit schon bald in die für ihn aufgestellte Falle treten wird.

Das wirklich Kuriose an diesem Hut wiederum ist Folgendes: Gab es zunächst nur einen Hut, scheinen nun zwei von der Partie zu sein.

Kurzum: Ein Hut zu viel, ein Priester zu wenig!

Müßig zu sagen, wie sehr dieser Fall das brave Volk unseres schönen Neapel interessiert. Einige besonders treuherzige Seelchen hoffen bereits auf einen Terno, indem sie auf Priester, Hut und Jäger setzen – die entsprechenden Zahlen entnehme man der Kabbala und der Sibylle von Cumae –, weshalb überhaupt nicht auszuschließen ist, dass der letzte Zeichendeuter unserer Zeit, mag er nun tot sein, mag er leben, unsere Staatskasse ein weiteres Mal zur Ader lassen wird.«*

Der Artikel war vor ein paar Tagen schon im Omnibus* erschienen und stammte von einem gewissen Cecere, der als aufgehender Stern am Zeitungshimmel galt.

»Wenn Santafusca mitzieht, können wir alle gemeinsam auf Andreina setzen.«

»Worum geht’s?«, rief der Baron aus, der zusammenzuckte, als Usilli mit einigen der Herren das Lesekabinett betrat. Sofort schob er den Omnibus unter die anderen Blätter auf dem Tisch.

»Um Andreina gegen Lazio, um Neapel gegen Rom, um den Sebeto gegen den Tiber!* Ein Glückspilz wie du, Santa, muss in dem Fall einfach ein paar Tausend Lire setzen.«

»Warum das?«, fragte der Baron, der nach wie vor seine Hand auf die Zeitungen presste und mit verstörtem Blick ins Nichts starrte.

»Usilli!«, rief in dieser Sekunde di Spiano aus dem Saal nebenan durch die offene Tür. »Komm mal her!«

Nur Ignazi blieb bei Santafusca zurück und versuchte, höfliche Konversation mit ihm zu machen.

»Sie müssten einmal mit mir auf Fuchsjagd gehen, Baron, in der Campagna Romana.«

»Gern.«

»Sie sind doch Jäger, oder, Baron?«

»Ich?«

»Ist bei Ihnen auf dem Lande die Leidenschaft für diesen sport nicht sehr groß?«

»Und wie!«

»Bei uns in Rom ist es ganz genauso. Noblesse oblige, Sie verstehen.«

»Denke schon.«

Zum Glück kam nun Usilli zurück, ein wahrer Ausbund an Quirligkeit, um sie beide zu di Spiano zu schleifen, der weitere Freunde aus dem Club von einer Wette auf Andreina zu überzeugen versuchte.

Alle disputierten hitzig, sprachen voller Feuer und in wirrem Durcheinander von Turf, Pisten, Zeiten, Abwiegern, Rassen, Pferden und schönen Damen.

Die meisten der jungen Herren waren ehrgeizig und auf Ruhm ebenso erpicht wie auf jedweden Genuss. Einige saßen auf den Tischen, andere auf der Lehne eines Kanapees oder rittlings auf einem Stuhl. Hier und da trug jemand eine prächtige Uniform, allenthalben brachte der scharfe Rauch von Zigaretten die ohnehin warme Luft zum Glühen und zum Beißen.

Der Baron saß zwar inmitten dieser splendiden jungen Herren aus allen Teilen Italiens, die herbeigeströmt waren, um die heimatliche Aristokratie in ihrer gesamten Pracht zu vertreten, schien indes von allen Anwesenden vergessen worden zu sein, sodass er endlich in den Genuss kam, sich sammeln, fassen und seinen eigenen Gedanken überlassen zu können.

Seine Kräfte gingen zur Neige, das ahnte er, denn der Kampf zwischen einem Lebenden und einem Toten war allzu ungerecht.

Und der Priester war stärker als er.

Ermordet, in der Zisterne versenkt, von einer schweren Steinplatte und einem Haufen aus Ziegeln und Sand überlagert, hatte der Priester es dennoch geschafft, seinen Hut hinaus in die Welt zu jagen. Es war vergebene Liebesmüh gewesen, diesen Hut im Meer verschwinden zu lassen. Der Arm des Priesters reichte weiter …

Bei Gott! Wenn es nicht mehr genügte, einen Menschen mit zwei entsetzlichen Schlägen ins Genick zu töten, wenn es nicht mehr genügte, ein Geheimnis den endlosen Weiten des Mittelmeers anzuvertrauen, wenn der Tod eines Menschen ihm zu mehr Leben verhalf, als er je zuvor besessen hatte, wenn die Tatsache, dass man einen Toten in einer Zisterne versteckte, nur bedeutete, dass dieser dann die ganze Stadt eroberte, sämtliche Zeitungen, das Gericht, das Telegrafenamt, die Barbiere und die Lottoläden, wenn all das möglich war, dann war das bei Gott ein Zeichen dafür, dass Vernunft nichts mehr gilt, dass nicht länger das wahr ist, was wahrscheinlich anmutet, sondern schlicht und ergreifend alles wahr ist, namentlich das Unmögliche und das Absurde, und dass alles nichts ist und das Nichts alles …

An diesem Punkt in seinen philosophischen Konklusionen angelangt, vernahm Santafusca schallendes Gelächter, das er sofort als Lachen all der jungen Herren über ihn auslegte. Nun konnte er diese eleganten Schnösel nur noch hassen.

Doch tat er ihnen unrecht.

Usilli hatte lediglich einige galante Witze zum Besten gegeben, dies freilich mit einem solchen Esprit, dass selbst die Fenster lachten. Diese Ausgelassenheit bekam Santafusca in den falschen Hals, weshalb er sich, ganz gekränkter Mann, erhob, die Runde grußlos verließ, zum Ausgang stürmte, die Treppe hinunterjagte und in Richtung Justizpalast davoneilte, um dort unverzüglich bei dem Cavaliere Martellini vorzusprechen, seinem guten alten Bekannten, dem er häufig im Schachclub begegnete, wo er sich gern mit seinen Bonmots hervortat.

Unterwegs meinte Santafusca, die Zeitungsjungen verkauften heute weit mehr als gewöhnlich. Etliche Kutscher auf den Pferdewagen der Stadt hielten bereits eine Nummer in Händen, und bestimmt lasen sie alle die Geschichte vom Priester und dem Jäger.

Zu diesem seltsamen Jäger kehrten auch seine Gedanken immer wieder zurück. Mit einem Male glaubte er ihn in der blitzsauberen Schaufensterscheibe eines Feinbäckers auszumachen. Er stockte so jäh in seinem Lauf, als hätte sich vor seinen Füßen plötzlich ein Abgrund aufgetan. Entsetzt starrte er einen Moment lang auf sein eigenes Spiegelbild.

Die Kleidung mochte er ja gewechselt haben, das Gesicht des inzwischen berühmten Jägers dürfte dieser Giorgio aus Falda aber nicht vergessen haben. Auch seine Gäste würden sich daran erinnern. An seine funkelnden, aufmerksamen Augen, mehr noch aber an den kohlschwarzen Vollbart. Warum hatte sich denn der Conte Stagni an ihn erinnert?! Wenn der Cavaliere Martellini ihn Giorgio gegenüberstellen würde, dann würde der ihn auf Anhieb wiedererkennen, anders war es ja gar nicht denkbar. Selbst wenn er, Santafusca, seine Lüge bis hin zum Meineid aufrechterhielte … In seiner Lage durfte kein Verdacht, ja nicht einmal der Schatten eines vagen Verdachts auf ihn fallen.

Wie konnte er das verhindern? Unverändert starrte er jene Gestalt im Schaufenster an, die ihn nun auf Schritt und Tritt begleitete. Da geschah es, dass der Zufall – vielleicht aber auch ein heimlicher Instinkt – ihn zu Granella führte.

Die Umstände spielten dem noblen sportsman einmal mehr in die Hände. Jeder Mann, der modisch etwas auf sich hielt, musste dieses Jahr nach England schauen. Als Nonplusultra der Eleganz bei einem Rennen oder sportlichen Anlass galten ein taillierter roter Rock, Reitstiefel, helle Hosen und ein Derby-Bart, will heißen: Koteletten oder ein ganz kurzer Backenbart, während der Rest des Gesichts glattrasiert war.

Granella, in seinem Metier stets auf dem Laufenden, wusste daher sofort, wie er den Baron di Santafusca in den englischsten aller Neapolitaner verwandeln konnte.

»Auch Fürst d’Ottaiano hat für die morgigen Rennen seinen herrlichen Palmerston-Bart geopfert.* An diesen Kleinigkeiten erkennt man nun einmal den wahren sportsman. Wer nicht bereit ist, der Eleganz und der Mode ein Opfer zu bringen, der ist auch nicht bereit, der Schönheit und der Liebe ein Opfer zu bringen. Voilà, Monsieur … Wenn der Baron di Santafusca morgen mehr als nur einen Sieg erringt, hat daran zumindest einen kleinen Anteil auch sein hairdresser

Als der Baron Granella all diese englischen Wörter aussprechen hörte, musste er lachen. Voller Freude betrachtete er sich dann im Spiegel. Vor sich sah er einen deutlich verjüngten Mann. Der Jäger war unter den Händen des ersten hairdresser der Stadt gestorben. Giorgio aus Falda hätte in dem eleganten sportsman niemals den Neffen des Pfarrers aus Santafusca wiedererkannt.

Sofort schlug das Herz des Barons ruhiger, und weil er, genau wie bei seinem letzten Besuch, noch hören wollte, was die Leute so redeten, brachte er Granella dazu, ihm einiges vorzuzwitschern.

»Wie sieht es denn aus?«, fragte er mit schönster Nonchalance, während er vorm Spiegel die Krawatte richtete. »Hat man etwas von diesem Priester gehört?«

»Von welchem genau?«

»Dem mit dem Terno. Ist er wieder aufgetaucht?«

»Das ist eine ganz verzwickte Chose, und meiner Ansicht nach ist die Justiz diesmal gewaltig auf dem Holzweg.«

»Warum das?«

»Weil der Richter glaubt, man hätte den Schuldigen geschnappt, aber damit geben sie dem wahren Täter nur genug Zeit, um sich in Sicherheit zu bringen.«

»Und was veranlasst dich zu dieser Überlegung?«

»Ich will ja nicht prahlen, Exzellenz, aber da ich die Ehre habe, zu meinen Kunden auch den Cavaliere Martellini zu zählen, der in diesem Fall die Ermittlungen leitet, weiß ich natürlich das eine oder andere, das nicht in der Zeitung steht.«

»Oho!«, entfuhr es dem Baron, der sich sofort noch aufrechter hinsetzte und bereits zum zweiten Mal seinen Krawattenknoten zurechtzog.

»Gelegentlich disputieren wir ein wenig, also ich und der Cavaliere, der übrigens ein ganz vorzüglicher Mann ist, stets leutselig … Von seinem Handwerk versteht er etwas, das bestreite ich gar nicht. Doch mitunter sieht er eher die Ameise auf einer Pfahlspitze als den Elefanten vor seiner Nase.«

»Was du nicht sagst! Dann rück mal raus mit der Sprache!«

»Der Priester, also nicht der tote, sondern der lebende, soll ausgesagt haben, dass er erstens niemals irgendeinen Jäger zwecks Restitution irgendeines Hutes nach Falda geschickt habe, und zweitens, dass er generell überhaupt keine Verwandten habe und schon gar keine Neffen, die sich dann auch noch als Jäger ausgeben, und drittens dass der Hut, den er höchstselbst an Filippino geschickt habe, neu gewesen sei, damit das genaue Gegenteil von seinem alten und abgetragenen, was wiederum heißt, dass der arme Tropf, der verhaftet worden ist und beschuldigt wird, unseren Don Cirillo getötet zu haben, noch nicht mal dessen Hut in Händen gehalten hat. Damit haben wir auf der einen Seite also Saumseligkeit und das Geplapper von Journalisten, auf der anderen einen Jäger, der Fersengeld gibt. So weit, so schlecht.«

»Dann glaubst du allen Ernstes … dass der Jäger der wahre Mörder ist …?«

»Daran zweifle ich ebenso wenig wie an der Tatsache, dass Sie bei den morgigen Rennen der eleganteste Herr von ganz Neapel sein werden, Exzellenz! Es gibt zu viel Zeugen, die diesen Jäger gesehen haben. Sogar ein Streckenwärter versichert, an fraglichem Tage sei zur fraglichen Stunde ein Jäger an ihm vorbeigekommen, der dann den Zug nach Neapel genommen und der eine passende Tasche über der Schulter getragen habe. Von anderer Seite wissen wir, dass in der Jagdtasche der Hut des Priesters gewesen ist … Kurz und gut, dieser Herr Jäger hatte ein unbedingtes Interesse daran, den Hut des Priesters verschwinden zu lassen, den ein Zufall, nämlich Filippinos sensationeller Gewinn des Terno, mit einem Schlag so berühmt gemacht hat, dass alle Welt von ihm spricht. Sicher, der Teufel behütet die Seinen im Schlaf, aber alles hat seine Grenzen …«

»Trotzdem muss man wohl erst einmal abwarten, wie sich die Geschichte weiter entwickelt«, sagte der Baron, dem Granellas Ausführungen beinahe körperlich zusetzten. »Allerdings fürchte ich, dass man mich auch noch damit behelligt, schließlich spielt Santafusca in der Angelegenheit eine gewisse Rolle. Hoffen wir also, dass ich nicht ausgerechnet morgen einbestellt werde.«

»Kennen Sie eigentlich den Cavaliere Martellini?«

»Sehr gut sogar. Wir sehen uns hin und wieder im Schachclub.«

»Dann lassen Sie ihm doch eine entsprechende Notiz zukommen.«

»Das ist eine hervorragende Idee! An dir ist ein Anwalt verloren gegangen.«

»Wer weiß, vielleicht hätte ich mich auch in dem Metier nicht übel geschlagen … Darf ich Ihnen Feuer geben?«

Granella hielt dem Baron ein brennendes Streichholz hin, damit dieser sich seine Zigarre anzünden konnte. Anschließend eilte er zur Tür, um Santafusca den Vorhang aufzuhalten.

»Good bye«, verabschiedete er sich in seinem neapolitanisch angehauchten Englisch und ließ zum Abschied ein Handtuch durch die Luft knallen wie eine Peitsche.

»Das ist in der Tat kein schlechter Gedanke«, murmelte der Baron, der erleichtert sein Spiegelbild in den Schaufenstern der angrenzenden Läden bewunderte. Den Jäger würde er nie wieder sehen.

Zum dritten Mal erstand nun die Hoffnung in ihm auf, und seine unguten, bangen Gefühle überließen klaren, zuversichtlichen Gedanken das Feld.

Einmal mehr hatte ihm bloß ein Schatten einen Schrecken eingejagt.

Wenn der eigentliche Schuldige der Jäger ist, was hatte dann bitte ein Baron di Santafusca zu befürchten? Granella sagte doch nur, was alle dachten, vermutlich sogar der Untersuchungsrichter Martinelli. Jede einzelne Zeugenaussage brachte den armen Jäger schlimmer in die Bredouille, während der eleganteste Herr von ganz Neapel seit heute nicht mehr das Geringste mit diesem Schurken zu tun hatte.

Diese Überlegungen waren derart stichhaltig, dass Santafusca selbst in manchen Momenten stärker als geboten an den geheimnisumwitterten Jäger glaubte. In diesem Hochgefühl betrat er ein Café, wo er auf eine seiner Visitenkarten – auf einer, die noch eine Krone zierte – einige Zeilen an den Cavaliere Martellini hinwarf.

Teurer und liebwerter Cavaliere!

Wie mir zu Ohren gekommen ist, soll auch Santafusca in den sogenannten Fall des Hutes verwickelt sein. Der dortige Gemeindesekretär hat mir geschrieben, dass es auf meinem Anwesen zu einem Verstoß gegen Gesetz und Ordnung gekommen ist. Dagegen werde ich zu gegebener Zeit mit aller Entschiedenheit vorgehen, doch vorerst wäre ich Ihnen, Cavaliere, mehr als verbunden, wenn Sie mich in dieser Sache nicht am Tag der Rennen als Zeuge vorladen würden. Sollten Sie mir diese Unannehmlichkeiten gar gänzlich ersparen können, würde ich mit Freuden den nächsten Zug nach Paris nehmen. Gleichzeitig bin ich stets zu Diensten wie ein alter Pfaffenkopf und verbleibe in diesem Sinne gleichsam

Ihr Don Abbondio!*

Der Cavaliere Martellini, unbedingt ein Mann von Welt, der die Gunst des Adels genoss wie ein Fisch das klare Wasser, antwortete auf dieses Schreiben umgehend.

Exzellenz!

Wenn Heiliges verletzt wurde, werden wir Sühneopfer bringen. Was nun Ihre Anhörung betrifft, hochverehrter Herr, so will ich hoffen, dass sie gar nicht nötig sein wird, besteht für eine Gerichtsverhandlung doch nicht der geringste Grund, zu einem Prozess wird es also gar nicht kommen. Im Übrigen verlangt auch mein Herz danach, den Rennen beizuwohnen, sodass ich mir das Leben nicht selbst schwermache, indem ich bei Gericht sitze oder Sie vorlade, während Andreina den armen Lazio mit zwei Längen Vorsprung schlägt. Jeder gute Neapolitaner muss heute an Andreina glauben … For ever!

»Hervorragend«, sagte der Baron, der sich nun nicht einmal mehr die Mühe machte, die Abendzeitungen zu lesen. »Bestens.«

Ein wenig wunderte er sich freilich selbst darüber, wie ruhig und gelassen er nun war.

Doch endlich lastete auf seinem Gewissen nicht mehr dieser gewaltige Stein. Der beschwerte nun das Gewissen eines anderen, will heißen: das des Jägers, der sich gleichsam aus ihm herausgeschält hatte, ein widerlicher Schatten, der jetzt aber zwischen dem Opfer und dem Mörder lag. Schon allein aus Dankbarkeit dafür musste er an den Jäger glauben.

Und ein wenig glaubte er tatsächlich an ihn. Das war, als gäbe es einen zweiten Santafusca in ihm, der das glaubte, genau wie ein Kind den Schatten, der ihm nachhuscht, für einen echten Menschen hält. Deshalb redete er nun gern und oft von dem Schatten, und womöglich hoffte er insgeheim, ihm durch Worte geradezu einen leibhaftigen Körper zu geben.

Denn dieser Schatten, überlegte er, der lenkt die Öffentlichkeit von der Wahrheit ab und zeigt ihr den Weg, die Verantwortung für die ruchlose Tat auf diesen Jäger zu schieben.

Am Tag vor den Rennen war genau dies seine große Sorge.

Wo auch immer Santafusca sich befand, ob im Club, in einem Café oder auf der Rennbahn, wo auch immer er das Gespräch auf den Prozess lenken konnte, da legte er seine Ansichten mit immenser Verve und einzigartiger Klarheit dar, mit einer nahezu enervierenden Beharrlichkeit, sodass Usilli irgendwann der Kragen platzte.

»Jetzt ist aber Schluss!«, fuhr er Santafusca an. »Du raubst mir noch das letzte bisschen Verstand mit deinem Hut!«

Der Baron hatte sich mit Usilli, di Spiano und etlichen anderen Herren zusammengetan, sie schlossen die kompliziertesten Wetten ab, und bis spät hinein in den Abend gab es für ihn an diesem Tag keine ruhige Minute mehr, mal saß er im Sattel eines Pferdes, mal sprang er in einen Wagen, dann wieder musste er zum Schneider, der seinen roten Rock noch immer nicht fertiggestellt hatte, um gleich darauf zurück zum Reithof zu schwirren oder einigen schönen Damen von Adel seine Aufwartung zu machen.

In diesem unbeschwerten Treiben fand er neuen Mut und Elan, da wurde er wieder zu dem eleganten und charmanten Mann, der er in seinen Dreißigern gewesen war. Der Cavaliere Martellini ahnte vermutlich nicht einmal, was er für ein Geschöpf getan hatte, das bereits im Fegefeuer schmorte. Alle, ausnahmslos alle, bis hin zur Fürstin di Palàndes, die ihn schon eine ganze Weile nicht gesehen hatte, fanden ihn um zehn Jahre verjüngt.

Die legendäre Fürstin war noch immer eine bildschöne Frau, in der sich zwei alte Geschlechter, eines aus Italien, eines aus Spanien, aufs Wunderbarste miteinander mischten. Schon in jungen Jahren verwitwet, hatte sie die Dreißig noch nicht überschritten, und ihre Schönheit erblühte nun, bereits gereift, zu ihrer vollen Pracht, die bei anmutigen Frauen ja meist noch beeindruckender ausfällt, verfeinerter und strahlender. Die Fürstin ließ sich ungemein gern den Hof machen – womit im Grunde ihre Tage völlig ausgefüllt waren –, und schenkte ihre Gunst den Unerschrockenen: audaces fortuna juvat.* Dem Baron mangelte es – wie wir gerade ausgeführt haben – nicht an Entschlossenheit, obendrein verstand er es, sich äußerst vorteilhaft ins Licht zu setzen und binnen kürzester Zeit die kurzweiligsten Dinge zusammenzufabulieren, sodass die Fürstin schließlich ihn zu ihrem Kavalier für die Rennen erkor.

»Ich werde Sie morgen mit dem Wagen abholen, Fürstin.«

»Warum nicht mit dem Pferd?«

»Wenn Ihnen das lieber ist, auch mit dem Pferd«, erwiderte der Baron und ließ die Sporen klirren.

»Sie sind wahrlich ein Kavalier, der mich schaudern macht.«

»Warum das, Fürstin?«

»Weil Sie ein Brigantengesicht haben, das mir nur zu gut gefällt.« Die Fürstin lachte mit ihrer glockenklaren Stimme auf. »Stimmt es, dass einer Ihrer Vorfahren als Brigant aufgeknüpft wurde?«

»Dass er Brigant war, ja, dass er gehängt wurde, nein. Wir Santafuscas lassen uns nicht hängen. Bis morgen!«

»Dass Sie mir ja pünktlich sind!«

Ich bin ja fast in sie verliebt, ging es dem Baron durch den Kopf, als er die junge Witwe verließ, und dieser frische, beschwingte Gedanke wand sich als goldener Faden in das dunkle, zerrissene Gewebe seines armseligen Lebens.

Am nächsten Tag ritt der Baron in seinem prachtvollen roten Rock mit eines stolzen Hahnes langer Feder am Samtbarett zur Mittagsstunde Seite an Seite mit der wunderschönen Amazone zum Rennplatz.*