Ich war jahrelang Leistungssportlerin – in der Schulzeit im Handball, später im Radsport. Meine Freizeit hat mehr oder weniger in Form von Training oder Regeneration stattgefunden. Entweder bin ich bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit mit dem Rad zur Uni gefahren oder ich habe auf dem Indoortrainer gelernt: Ich habe mein komplettes Bioinformatikstudium »auf der Rolle« verbracht, also auf dem Fahrrad gelernt, und im Programmierpraktikum Elektrostimulations-Pads an meinen Beinen gehabt, damit ich meine Trainingsform nicht verliere. In der Mittagspause habe ich intensives Intervalltraining gemacht. Abends habe ich mein Essen für den nächsten Tag vorgekocht – ich war »die mit der Tupperdose«, die immer ihr »gesundes Zeug« dabei hatte –, um dann möglichst früh schlafen zu gehen und mich von meinem Tag zu erholen. Ich habe den Sport geliebt, aber ich wollte meine akademische Ausbildung nicht dafür opfern und dieser Spagat hat mir alles abverlangt. Viel mehr, als mir anfänglich bewusst war. So viel, dass ich heute den Kopf schüttle, denn ich bin in eine Situation geraten, die ich keiner Frau wünsche. In eine Situation, die komplett vermeidbar gewesen wäre, hätte ich damals mehr gewusst. Hätte es damals schon ein Buch wie dieses gegeben.
Frauen trainieren meist genauso wie Männer. Das ist auch erst mal naheliegend, denn wir sind ja auf jeder Ebene auf der Suche nach Gleichberechtigung. Aber: Der weibliche Körper funktioniert anders als der von Männern. Frauen leben in einem monatlichen Zyklus im Gegensatz zu Männern, die einen täglichen Zyklus haben. Falsches Training kann Folgen haben, auch schwerwiegende – zum Beispiel das Ausbleiben der Regel oder Unfruchtbarkeit. Und das wissen viele bis heute nicht oder denken beim Training nicht daran. Als ich aktive Sportlerin war, war es nicht an der Tagesordnung, dass Coaches und Sportlerinnen ein großes Wissen über den weiblichen Zyklus besaßen oder gar in die Trainingspläne eingebaut haben. Das wurde mir zum Verhängnis.
Ich habe in der Zeit 800 Stunden pro Jahr in Training investiert, ich bin in einem Bundesliga-Team gefahren. Wir waren bei vielen internationalen Rennen am Start. Die Messlatte wurde immer höher gelegt und ich bin weit gekommen. Ich habe zu der Zeit noch die Pille genommen – und mit der Zeit ist meine Periode ausgeblieben. Ich habe mit Teamkolleginnen darüber gesprochen, bei vielen war es ähnlich, manche hatten seit zehn Jahren keine Blutungen mehr. Eine ausbleibende Menstruation wurde damals als Entlastung gesehen. Es war praktisch, weil wir uns dann nicht darum kümmern mussten. Also habe ich mir nicht viel dabei gedacht und einfach weitertrainiert.
Dann kam der Punkt, an dem meine Leistung abgefallen ist – das war die Zeit, in der ich angefangen hatte, für längere Rennen mit Low-Carb in der Alltagsernährung zu experimentieren, damit ich abnehme und an den Bergen schneller bin. Je leichter man ist, desto besser kommt man da hoch. Dafür muss man dem Körper Kohlenhydrate entziehen und mehr Fett und Proteine essen, damit man in die Fettverbrennung kommt – so die Theorie. Damals habe ich verpasst, auf die Warnsignale meines Körpers zu hören. Ich habe mich nicht gut gefühlt, aber meine Disziplin hat mich jedes Training durchziehen lassen.
Meine Gynäkologin hat schließlich einen Stein ins Rollen gebracht. Als sie gehört hat, dass ich meine Periode nicht mehr bekomme, hat sie meinen Hormonstatus überprüft und die Alarmglocken angeschlagen: Sie hat mir klargemacht, dass ich mindestens fünf Jahre brauche, bevor ich überhaupt darüber nachdenken könne, schwanger zu werden. Als 25-Jährige dachte ich mir: »Ich will zwar im Moment keine Kinder, aber irgendwann vielleicht schon. Und vor allem möchte ich die Chance haben und das selbst entscheiden können. Ich will nicht vor der vollendeten Tatsache stehen, dass es keine Option ist.« Also ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass sich etwas ändern muss. Meine Gynäkologin sagte mir, ich müsse handeln. Und zwar sofort, wenn ich wieder einen gesunden Zyklus haben will. Die vermeintliche Lösung: sofortiger Trainingsstopp und eine geringe Gewichtszunahme.
Beides sind Punkte, die für mich als Leistungssportlerin unvorstellbar waren. Ich wollte meinen Sport nicht aufgeben und auch nicht zwangsläufig zunehmen. Im Gespräch mit vielen Coaches und anderen Sportlerinnen bekam ich Tausende Tipps und probierte sie aus. Darunter war einer, der rückblickend der absolut entscheidende war: Ich habe das Timing meiner Energiezufuhr verändert. Ich habe nicht mehr nüchtern trainiert und mich während meines Trainings mit deutlich mehr Energie, also Kohlenhydraten, versorgt. Das hat dazu geführt, dass ich nach dem Training keine Heißhungerattacken mehr hatte. Ich habe ganz normal gegessen, nicht kohlenhydratreduziert, und trotzdem nicht zugenommen. Nach einem Jahr hatte sich alles wieder ein bisschen eingespielt. Nach zwei Jahren hatte ich wieder einen komplett normalen Zyklus und normale Hormonwerte. Außerdem habe ich zu meiner alten Form zurückgefunden und sogar einen Leistungsanstieg erlebt. Ich war endlich an dem Punkt, an dem ich nachhaltig trainiert habe. Und wie das geht, zeigt dir dieses Buch. Denn ein gesunder Körper ist die Basis für alles, was kommt – auch nach dem Sport.
All meine Erfahrungen, Erlebnisse, Phasen und Zeiten des Nicht-Wissens haben mich zu der Person gemacht, die ich heute bin: Ich bin angehende Ärztin und will die Prozesse des Körpers bis ins Detail verstehen und fundierte Handlungsanweisungen geben können. Ich habe Bioinformatik studiert, da ich datenaffin bin und evidenzbasiert arbeiten möchte. Das Wissen und die Leidenschaft aus diesen beiden Bereichen nutze ich zusammen mit meinem Team bei WAY TO WIN täglich im Coaching für eine gesunde Steigerung der Leistungsfähigkeit in Sport und Alltag. Ein Teilbereich unserer Arbeit ist es, Frauen dabei zu unterstützen, aus einer ähnlichen Situation, wie ich sie erlebt habe, wieder herauszukommen. Oder erst gar nicht dort zu landen. Und zu guter Letzt bin ich eine Frau, die aufgrund von Unwissenheit ihren Zyklus verloren und sich selbst zum Versuchskaninchen gemacht hat, um diese Situation wieder zu ändern. Eine Frau, die ihre sekundäre Amenorrhoe, denn davon sprechen wir hier, hinter sich lassen konnte.
Mir war bis vor etwa zwei Jahren gar nicht bewusst, wie groß der Bedarf an Aufklärung über den weiblichen Zyklus im Generellen und auch im Sport ist. Ich hatte eine Lösung für mich in meinem Sport gefunden und habe meine Erfahrungen dann an meine Klientinnen weitergegeben. In Fahrt kam dann alles durch den Radsport-Podcast Wattasia, der durch unsere Aufnahme über zyklusgesteuertes Training plötzlich weit über die Radsportwelt hinaus bekannt wurde und mir die Türen zu einer Doku im BR-Fernsehen geöffnet hat. Die wiederum hat dann dafür gesorgt, dass ich mich in der neuen Nachbarschaft nicht mehr vorstellen musste und beim Abitreffen niemandem erklären musste, was ich beruflich mache.
Was war passiert? Wissenschaftsautorin Katrin Focke hatte mich kontaktiert und gesagt, sie wolle einen Film zu meinem Thema drehen. Wir haben uns auf die Suche nach einer Frau gemacht, die bereit ist, offen über ihren Zyklus zu sprechen und ein zyklusgesteuertes Training auszuprobieren. Doch wir haben niemanden gefunden, weil die Scham der Frauen so groß war. Also hat Katrin einen Selbstversuch gestartet und ein paar Monate nach meiner Anleitung zyklusbasiert trainiert. Sie konnte in der Zeit extrem motiviert bleiben und ihre Leistung verbessern: »Ich trainiere seitdem ganz anders, Training vor dem Frühstück lasse ich beispielsweise komplett weg. Seitdem habe ich keinen Schwindel mehr und bin nicht todmüde nach dem Sport. Die Motivation ist viel größer, der Schweinehund ist weg, mein Körper ist mein Partner geworden und ich peitsche ihn in ungünstigen Phasen nicht mehr durch intensive Einheiten. Das dankt er mir und ist in zyklusbedingt günstigen Phasen so gut wie noch nie.«
Die BR-Doku »Zyklusbasiertes Training: Warum Frauen anders Sport treiben sollten als Männer« ist durch die Decke gegangen und ich konnte mich vor Anfragen kaum noch retten: So viele Frauen wollten meinen Rat, manche haben unter Tränen um Hilfe gebeten. Anschließend hat auch ProSieben in der Abendsendung »taff« darüber berichtet und ich werde seitdem regelmäßig zu Interviews in Podcasts und Zeitschriftenredaktionen eingeladen. Dann kam die Idee zu diesem Buch, an dem Katrin Focke mitgewirkt hat, denn uns beiden ist es ähnlich wichtig, etwas zu verändern und den Frauen zu helfen. Sie hat mir maßgeblich dabei geholfen, zu diesem komplexen Thema einen sanften Einstieg für interessierte Leserinnen (und Leser) zu gestalten, die nicht aus den verwandten Fachbereichen kommen – ähnlich wie sie dieses Thema bereits mit der BR-Doku für sehr viele Menschen greifbar gemacht hat.
In den Hunderten an Kommentaren unter dem Video wird dies noch viel klarer. So schreibt zum Beipiel eine Userin, dass sie sich nie bewusst war, warum ihr an manchen Tagen das Training so schwer fällt und sie an anderen mehr Gewichte heben kann als sonst. Eine andere Userin berichtet, dass sie durch die Doku nun ihr Training intentionaler gestaltet. Aber auch Männer wurden durch die Doku auf das Thema aufmerksam und verweisen ihre Freundinnen an diese Doku.1
Dieses Buch ist nicht für Fachpersonal aus dem Bereich der Sportwissenschaften oder der Sportmedizin geschrieben. Es soll Sportlerinnen ohne eine oder neben einer professionellen Betreuung helfen, ihren Körper und seine Abläufe besser zu verstehen und wenn gewünscht die Trainingseffizienz zu verbessern. Um das Buch gewinnbringend lesen zu können, braucht man ein minimales Verständnis der hierfür wichtigen Stoffwechselwege und hormonellen Regulation. Die Inhalte sind in einfachen Worten und anhand von Beispielen beschrieben. Dass sich manche Erklärungen in unterschiedlichen Kapiteln wiederholen, soll das Lesen und Verstehen nur einzelner Abschnitte ermöglichen. Einen kleinen Einblick in die professionelle fachliche Tiefe der Thematik gibt das letzte Kapitel für sehr sachkundige Leserinnen und Leser.