Brown begab sich zu Rossettis Domizil. „Man meldete mir“ erzählt der Dichter, „dass ein Herr mich sehen wolle, der aber weder hereinkommen noch seinen Namen nennen und nur im Korridor warten wollte. Ich ging also hinunter, und als ich am Fuß der Treppe war, fand ich Brown vor, der in der einen Hand einen dicken Stock hielt und in der anderen meinen Brief schwenkte. Er schrie mich zur Begrüßung an: „Ist Ihr Name Rossetti und haben Sie das hier geschrieben?“ Das bestätigte ich, aber ich zitterte in meinen Schuhen. Seine nächste Frage war „Was wollen Sie mit diesem Brief sagen?“ Als ich ihm geantwortet hatte, dass ich tatsächlich das sagen wollte, was ich geschrieben hatte, dass ich Maler werden wolle und dass ich keine Ahnung hätte, wie ich das erreichen könnte, begann die Vorstellung in Browns Geist einzusinken, dass dieser Brief kein Spott war, sondern aufrichtige Ehrerbietung, und auf der Stelle wurde aus dem tödlichsten Feind der beste aller Freunde.“[4]

Der junge Mann, der sich da so unverhofft auf die Seite von Madox Brown schlug, war erst zwanzig Jahre alt. Er war der Sohn eines ausgewanderten Italieners, der in der alten, kleinen Stadt Vasto d’Ammone in den Abruzzen geboren war. Der Vater, ein zivilisationshungriger Bergbewohner, war nach Neapel hinab gestiegen und dort lange Jahre Konservator des Museums gewesen. Auf diese Weise gelangte die Vorstellung von Kunst und von großer Kunst in die Familie. Dieser Wächter der antiken Gottheiten war aber auch ein Zerstörer moderner Monarchien, ein für seine schwärmerischen Lieder bekannter Dichter, der es seinem Ruf zu verdanken hatte, dass er nach der Rückkehr der Bourbonen 1820 an die englische Küste vertrieben wurde. Und dann hatte er auch noch die Schwester eines Weggefährten von Byron, des Doktors Polidori, geheiratet, so dass seine Kinder in den Erinnerungen, in den Leidenschaften und in den Trauerfällen der Familie ein Echo auf all die großen patriotischen Leiden vorfanden, die der Jugend des Jahrhunderts das Leben schwer machten.

All dies waren vielleicht notwendige Voraussetzungen dafür, dass die der Gotik nahe stehende Kunst eines Brown in dem Gemüt eines Einwohners von London einen anderen Eindruck hervorrief als den des Skandalösen oder Überalterten. Während die Engländer angesichts dessen, was ihre nationale Kunst werden sollte, gleichgültig blieben, applaudierte der junge Italiener voller Begeisterung und begann mit der Unterstützung des Großvaters Polidori seine Ausbildung als Maler. Madox Brown meinte, dass diese ungestüme Natur vor allem der strengen Disziplin der Wirklichkeit unterworfen werden sollte und ließ den zukünftigen Schöpfer von Dantes Traum Tabakdosen abmalen. Rossetti, der dem Unterricht an der Akademie gefolgt war, ohne dabei viel zu lernen, musste sich wohl oder übel mit dem Rat abfinden, um den er gebeten hatte. Rossetti arbeitete ungeduldig und verbissen, ohne Ordnung und Sorgfalt, er reinigte seine Palette mit Papierfetzen, die er auf den Boden warf und die an den Stiefeln der Besucher kleben blieben. Er begann zwölf Bilder auf einmal, verfiel dann in eine völlige tiefe Niedergeschlagenheit, seiner selbst überdrüssig und von allen Dingen enttäuscht, brachte nichts zu Ende und wollte von nichts etwas hören, warf sich zu Boden und stieß ein schreckliches Stöhnen aus.