Dann verschwand Rossetti für einen Monat. Madox Brown nahm keinen Anstoß daran, er glaubte, dass sein Schüler Stimmen „von oben“ vernommen hatte, die ihn zu anderen Aufgaben riefen: die Stimmen der „Trecentisten“ (italienische Dichter des 14. Jahrhunderts, u.a. Dante und Boccaccio), denen er in den Bibliotheken Gehör schenkte. Auch versuchte er sich selbst an Sonetten und an Gedichten. Rossetti schickte diese Versuche an bekannte Dichter wie Leigh Hunt oder an weniger bekannte wie William Bell Scott und bat sie, wobei er ihre Verse mit dem höchsten Lob versah, um ihre Meinung zu den seinen. So schickte er ihnen zum Beispiel mit Die auserwählte Jungfrau das Manuskript zu einem Meisterwerk der Anmut und der Feinheit, und andere nicht so eindrucksvolle Stücke mit dem Titel Katholische Kunstgesänge, was die Rationalisten oder Protestanten unter ihnen zum Schaudern brachte. Dann nahm er mit seinem halb erblindeten Vater ein Gespräch über die Göttliche Komödie, die der Greis einst kommentiert hatte, wieder auf, oder arbeitete mit seinen Geschwistern William Michael und Christina an einer Erörterung über die Heiligenscheine im Mittelalter weiter. Im ganzen Haus wurden Verse geschrieben[5].
Doch niemand verstand, was es mit diesem temperamentvollen Neugierigen auf sich hatte, der sich für alles interessierte, der im Gespräch über alles improvisierte, der revolutionärer Papstgegner war und sich mit Engeln und Heiligen beschäftigte, der Maler war und sich mit Reimen und Rhythmen beschäftigte und dessen Ansehen bei all dem auf seltsame Weise wuchs. Dürr und dunkelhaarig, mit ausländischem Akzent und Aussehen, mit gewölbter Stirn und leuchtenden Augen, mit schulterlangen Haaren und dem Bartschnitt eines neapolitanischen Fischers, nachlässig gekleidet und voller Farbflecken, so erschien er den Studenten, die an der Akademie die Maltechnik erlernten, als ein dem gewöhnlichen Künstler unendlich Überlegener. Seine Leidenschaft für das Pittoreske, seine Verachtung für die Entdeckungen der Wissenschaft, sein Mystizismus in Verbindung mit seiner Sorge darum, seine Bilder möglichst teuer zu verkaufen, und die ununterbrochene Lebhaftigkeit seines Geistes dürften selbst seine engsten Freunde zur Verzweiflung gebracht haben.
Rossetti musste dauernd malen, schreiben, weiter malen, weiter schreiben. Dann verliebte er sich in sein Modell Miss Siddal, konnte sich zehn Jahre lang nicht zum Heiraten durchringen, dann tat er es doch. Als ihm dann ein unerwarteter Schicksalsschlag die geliebte Frau entreißt, wirft er seine Manuskripte mit seinen schönsten Gedichten in den offenen Sarg und weigert sich sieben Jahre lang, sie wieder herauszuholen. Dann ändert er seine Meinung, lässt die bedauernswerte und schreckliche Zeremonie der Exhumierung ausführen und das mit der Toten begrabene Manuskript wieder heraufholen und bezieht eine beträchtliche in Pfund Sterling ausgewiesene Summe daraus. Auf seinem Totenbett schließlich, nach einem Leben der völligen religiösen Gleichgültigkeit, das er inmitten von Gegnern Roms und Freidenkern verbracht hatte, sollte er seine zutiefst erschütterten Freunde um einen Priester und Beichtvater bitten.
Als Rossetti noch im Atelier von Madox Brown Tabakdosen abmalte, unternahm einer seiner Kameraden von der Royal Academy verzweifelte und nahezu übermenschliche Versuche, sich als unabhängiger Künstler zu etablieren, um so dem Handel, dem Gewerbe seiner Familie, zu entgehen. Er hieß William Holman Hunt und war einundzwanzig Jahre alt. Sein Vater, ein kleiner Händler in der Londoner City, hatte alles versucht, um ihn von der künstlerischen Laufbahn abzubringen. Aber das Schicksal hatte sich nie so hartnäckig der väterlichen Fürsorge entgegengestellt.