Als der zwölfjährige Hunt seine Zeit mit Lesen statt mit Lernen zubrachte, wurde er von der Schule genommen und als Schreiber in einer Art Auktionshaus untergebracht. Als der Besitzer eines Tages sah, wie sein Angestellter etwas im Schreibtisch versteckte und darauf bestand zu wissen, was das war, stellte es sich als Zeichnung heraus, über die er sich vor Freude kaum fassen konnte. „Das ist gut“, sagte er, „am nächsten freien Tag schließen wir beide uns hier ein und malen den ganzen Tag.“ Das hielt eineinhalb Jahre an, bis der junge Mann in eine Lagerhalle versetzt wurde, die von einem Bediensteten von Richard Cobden geleitet wurde. Dort fand er einen Angestellten vor, dessen Hauptaufgabe es war, die Kalikos und andere Stoffe des Hauses mit Ornamenten zu versehen. Natürlich half ihm der junge Hunt dabei und träumte mehr denn je davon, Künstler zu werden. In der Zwischenzeit verwendete er sein Erspartes für Unterrichtsstunden bei einem Porträtmaler und Schüler von Joshua Reynolds. Als eine alte Orangenhändlerin in sein Lager gekommen war, um ihre Ware anzubieten, machte er von ihr ein so treffendes Porträt, dass die Kunde davon in der ganzen Umgebung die Runde machte und bis zu den Ohren des alten Vaters Hunt drang.

Der Sohn ergriff die Gelegenheit, um zu erklären, dass er Maler sein werde und nichts anderes. Der Vater gab erschöpft nach. Holman Hunt kämpfte lange Zeit gegen die Armut und erledigte die verschiedensten Arbeiten, um ihr zu entgehen. Er kopierte Meistergemälde für andere Kopisten, retuschierte Porträts, die ihren Besitzern nicht mehr gefielen, weil sie entweder nicht ähnlich genug oder aber zu ähnlich waren, oder weil die Kleidung nicht mehr der Mode entsprach. Zweimal wurde er beim Aufnahmewettbewerb an der Royal Academy abgewiesen. Ständig drohte ihm die Rückkehr in den Handel oder ein Dasein auf dem Bauernhof seines Onkels, als er endlich gegen alle Widrigkeiten Erfolg hatte.

Aber auf dem Weg dorthin gab es auch schöne Momente. Durch den Unterricht an der Akademie hatte Hunt einen jungen Mann kennen gelernt, zwei Jahre jünger als er, fast noch ein Kind, John Everett Millais, der seine Lehrer durch sein Können in Staunen versetzte. Im Alter von fünfzehn Jahren hatte er schon die große Medaille für die Studien nach der Antike erhalten und alles schien auf ein glänzendes Schicksal hinzuweisen. Die beiden jungen Männer unterhielten sich oft über die Zukunft, über ihre eigene, aber auch über die der englischen Kunst, von der sie fanden, dass sie sich nachteilig entwickelt hätte. Sie sprachen über die schwerfällige, langweilige und bis ins Schwarze hin getriebene Farbgebung, die man ihnen an der Schule beibrachte, verglichen sie mit den hellen, lebhaften und klingenden Farbtönen der alten Meister und auch der Natur, und fragten sich, wie man die Letzteren an die Stelle der Ersteren setzen könnte.

Hunt hatten die Worte eines Vorbeigehenden tief bewegt, die der ihm hinwarf, als er in der National Gallery den Blinden Geiger von Wilkie kopierte: „Sie werden nie die Frische eines Wilkie erreichen, wenn Sie auf braunem, grauem oder geteertem Untergrund malen, wenn Sie die Leinwand vorher mit neutralen Tönen für die Schatten und für das Licht einreiben, wie man es Ihnen an der Akademie beibringt, denn solcher Hintergrund wird bald vor die tatsächlichen Farbtöne hervortreten und sie ins Schwarze ziehen. Wilkie malte auf einer weißen, unbearbeiteten Leinwand, er beendete sein Bild Stück für Stück, wie ein Fresko.“[6]