Und doch hatten sie welche. Man darf zumindest nicht vergessen, dass diese strenge und realistische Theorie immer nur eine Ausbildungsmethode für junge Maler von zwanzig Jahren war, von ihnen erdacht, um sich das notwendige Werkzeug auf die Gefahr hin zu verschaffen, es später wieder wegzulegen. Sie sollte ein Rahmen für die Vorstudien und nicht ein Plan für die Ausführung sein, ein Handbuch für eine Lehre und nicht eine Bibel für ein Ideal, ein Weg und nicht ein Ziel.[23] Wenn in Momenten der für die Jugend ganz natürlichen Übertreibung irgendein Schriftsteller im Germ das anders verstanden hat, dann hat er es nicht richtig verstanden. Aber es wäre ein großer Irrtum, in den Ausgaben des Germ, in dem weder Millais noch Hunt noch Rossetti ihre Ideen dargelegt haben, nach ihren geheimen Hoffnungen für die Kunst zu suchen.
Betrachten wir lieber ihre Werke. Rossetti, der sich nur selten an die selbst aufgestellten Regeln hielt, hat bewiesen, dass der minutiöse Realismus in seinen Augen nicht das Ziel der Kunst war. Dass Millais sich schon mit achtundzwanzig Jahren nicht mehr an die präraffaelitischen Theorien hielt, hat noch klarer gezeigt, dass er sie für etwas hielt, von dem er sich eines Tages befreien könnte. Hunt dachte genau das Gleiche:
„Als wir darin übereinstimmten, dass wir unsere ersten Werke mit der größtmöglichen Genauigkeit ausführen müssen“, sagt er, „wollten wir nie mehr sagen als dies: dass diese Praxis wesentlich war, um das Auge und die Hand des jungen Künstlers zu üben. Wir hätten nie zugegeben, dass es weniger präraffaelitisch wäre, wenn man diese Arbeitsmethode im reifen Alter aufgibt.“[24]
Schließlich wies auch Ruskin, den man oft der Übertreibung bezichtigt hat, in dem Buch, das Hunt in den Nächten seiner Jugend las, darauf hin, dass die realistische Studie der Natur in seinen Augen nur ein Mittel zur Ausbildung war. Unmittelbar nach den Losungsworten „… nichts vernachlässigen, nichts verachten, nichts auswählen“, die immer wieder zitiert werden, kamen jene, die man nie zitiert und die allein Ruskins Denken festlegen:
„Wenn dann das Gedächtnis der jungen Künstler mit Proviant versorgt sein wird, ihre Fantasie gut genährt und ihre Hand gefestigt ist, dann sollen sie Scharlach und Rot nehmen und ihrer Fantasie ihre Hand leihen und uns zeigen, was sie im Kopf haben. Wir werden ihnen überall hin folgen, wohin sie uns führen. Wir werden ihnen nichts streitig machen. Sie sind von da an unsere Meister und würdig, unsere Meister zu sein. Sie haben sich über unsere Kritik erhoben, und wir werden vertrauensvoll und demütig auf ihre Worte hören, aber nicht, bevor sie sich nicht selbst einer höheren Autorität unterworfen haben werden.“[25]
Es ist daher weder schockierend noch sehr ungewöhnlich, dass Madox Brown, der schon mehr davon verstand als seine Anhänger, sich den Zwängen ihrer Methode nicht unterwarf, dass Rossetti sie frühzeitig, nach ein paar halbfertigen Werken wie Die Verkündigung und Gefunden! wieder abstreifte und dass Millais ein paar Jahre später seinem Beispiel folgte. Es gibt nämlich keinen Präraffaeliten, der nicht zu irgendeinem Zeitpunkt die realistische Methode aufgegeben hätte. Und die Präraffaeliten mit der Theorie ihrer ersten Tage identifizieren zu wollen, birgt die Gefahr des falschen Schlusses in sich, dass die Theorie durchweg von allen Präraffaeliten verleugnet wurde[26].