Es gab also etwas Dauerhafteres als die Theorie bei den Präraffaeliten. Es gab eine Idee, die die Erneuerer enger geeint und sie lange Zeit geführt hat. Um sie zu finden, muss man jedoch von der Theorie ablassen und die Praxis untersuchen, nicht in den Archiven der Zeitungen nachschlagen, in denen die P.R.B.’s geschrieben haben, sondern in die Museen und in die Galerien gehen, in denen ihre Bilder hängen, mit einem Wort, sie nicht aufgrund ihrer Worte, sondern aufgrund ihrer Taten beurteilen, nämlich ihrer Werke. Auf allen diesen Werken sieht man jedoch im gleichen Maße die zornige Bemühung und den verzweifelten Versuch, der ausdrucksarmen Geste und der leblosen Farbgebung der Akademiker von 1850 zu entkommen. Ganz gleich, vor welches Werk man sich stellt, welchen Meister man wählt oder welche Epoche man nimmt – außer der zweiten Lebenshälfte von Millais – man findet diese beiden Charakteristika: Ursprünglichkeit der Geste und Lebhaftigkeit der Farbe. Vielleicht beugt sich ein Kopf zu tief zum Meditieren, vielleicht bewegen sich die Arme manchmal mit mehr Feinheit als notwendig, um eine neue Geste und einen neuen Aspekt des menschlichen Körpers zu zeigen, wie die Äste eines Obstbaums, den man zu merkwürdigen Verzerrungen um ein Spalier herum zwingt. Das Verlangen, die geringste Veränderung in der Haltung zu erkunden, das allergewöhnlichste Muskelspiel zu verjüngen, geht oft bis zur Besessenheit.

In vielen anderen Fällen dagegen stellt die Suche nach der ursprünglichen Geste, indem sie den falschen Anblick einer klassischen Haltung ändert, einfach die Wahrhaftigkeit der Natur wieder her. Im Übrigen scheinen die Farben manchmal laut aufzuschreien, weil sie ohne Übergang nebeneinander stehen, weil sie roh und unverborgen gelassen wurden, und es tut weh, die ungeschickt aufgetragenen Flecken zu sehen, um einen schwierigen Farbton zu erreichen, so sehr hat die Verachtung der vorgegebenen technischen Möglichkeiten den Maler daran gehindert, sein mühsames Vorantasten zu verbergen oder zu überdecken.

Aber glücklich oder nicht, dieselbe Suche ist überall spürbar. Sei es nun eine Qualität oder ein Fehler, die ausdrucksvolle Ursprünglichkeit der Geste und die rohe Lebhaftigkeit des Pinselstrichs kann man in allen Bildern der Präraffaeliten erkennen, in den Bildern ihrer Vorgänger fehlen sie jedoch völlig. Man findet sie bei Madox Brown in seinem Christus wäscht Petrus die Füße (Tate Gallery), in dem tief gebeugten Haupt des heiligen Petrus, in der gefurchten Stirn, in den bis zum Kinn empor gezogenen Knien, in den das Knie umfassenden Händen, in dieser ganzen Mechanik des menschlichen Körpers, durch den Ausdruck des mühsamen Nachdenkens angespannt, in dessen Tiefe der Apostel versunken ist. Es ist dieselbe höchst bedeutsame Haltung, die Holman Hunt später seinem Rabbi Johanan ben Zakkai geben wird, der dem Kind Jesus im Tempel zuhört.

Die Suche nach der lebhaften Farbe findet man in der Virulenz der Farbtöne des Kupferbassins zu Füßen des heiligen Petrus wieder. Man findet diese Merkmale in der Beata Beatrix von Rossetti, nur ein paar Schritte vom heiligen Petrus von Madox Brown entfernt, wieder: Das Haupt schmerzhaft schräg, die Kehle dargeboten wie ein offener Fächer, die Lider halb geschlossen, der Mund leicht geöffnet, die Hände auf den Knien in einer exzessiven Haltung des Schmachtens und der Entkräftung. Die Farben sind Grün, Rot, Orange und Violett, äußerst lebhaft, aber ehrlich und solide und sogar hell, verglichen mit den Brauntönen der akademischen Schule.[27]