Wenn man die frühen Bilder der Präraffaeliten anschaut, zum Beispiel Millais’ Isabella, dann staunt man über die naturalistischen und sogar impressionistischen Entdeckungen, die der zwanzigjährige Maler dank seines feinen Auges hat machen können. Da ist kein diffuser Schatten ohne helle Punkte, ohne Spiegelungen der umgebenden Lichtkörper. Es gibt selbst in den Schlagschatten kaum merkliche Schimmer, in den Schatten der Nasenflügel auf Lorenzos Gesicht und denen der Haarbänder auf Isabellas Gesicht, und diese durchgehende Auflösung des Effekts verleiht dem nüchternsten Gemälde ein glänzendes Licht und eine lebendige Beweglichkeit. Verglichen mit den besten akademischen Bildern von 1849 ist es hell und voller Freude.
Dieselbe Qualität, wenn auch nicht in gleichem Maße, macht sich in den Bildern von Hunt bemerkbar: kein Repoussoir, kein durchgehender Schatten, keine Kombination mit Abschirmungen oder Kellerfenstern. Der Maler hat überall dort Licht eingesetzt, wo er es gesehen hat, selbst in der kleinen, einen Fliegenwedel haltenden Hand des Kindes in der Auffindung Jesu im Tempel. Diese arbeitsame, angestrengte und unermüdliche Suche nach den vielen verschiedenen Wirkungen der Sonne, ihres Lichts und Gegenlichts, ihres vollen Glanzes und ihrer feinen Auflösung, ihrer Arpeggios und ihrer Triller, wie sie überfluten und eindringen, und ihrer Spiegelungen und Gegenspiegelungen, diese wahllose und ungeordnete Suche erscheint zunächst verwirrend und störend. Es ist wie das Märchen, in dem die böse Fee ein armes Mädchen dazu zwingt, die im Wald verstreuten Perlen eines Halsbands wieder zu finden. Aber nach und nach wird das Anliegen deutlich, die Fäden entwirren sich, das naturgewollte Ensemble erscheint. Und obwohl die Farben immer noch unangenehm sind, sieht man, wie die Helligkeit sich ausbreitet und eine Harmonie entsteht, wie sich die Perlen aneinander reihen und wieder ein Halsband entsteht.
Beim ersten Blick auf Hunts Verirrte Schafe denkt man an eine Verletzung.[32] Diese blutroten Schafe im indigofarbenen Gebüsch unter einem unversöhnlichen Himmel, auf scheinbar aus Nougat gehauenen Felsen erinnern an die schlimmsten Exzesse der Luministen. Man fragt sich, ob das nicht bereits eine der ersten Kundgebungen der Schule des Pleinair ist, und ob Besnards violette Pferde nicht durch eine seltsame Vererbung von Hunts roten Schafen abstammen. Aber auch, wenn sie in der Durchführung nicht perfekt sind, diese Versuche sind als solche viel wert. Diese frei nebeneinander gesetzten Farbtöne sind oft schreiend, aber sie haben manchmal sehr starke Schwingungen.
Mit all seinen Extravaganzen hat Hunt eine Farbe zum Tönen gebracht, die vor ihm in tiefem Schlaf gelegen hatte. Manchmal ist es nur ein Aufblitzen, das aber zeigt, wie recht die P.R.B.’s gehabt hatten, als sie das Atelier verließen, um ins Freie zu gehen und um die falsch verstandene Tradition zugunsten der Natur aufzugeben, auch wenn deren Darstellung nicht perfekt war. Es ist zwar nur ein Ausdruck, aber die, die ihn benutzt haben, haben gespürt, was daraus entstehen konnte, wenn man das „Sonnensystem“ dem „System der Wiederkehrenden“ entgegenstellte. Die P.R.B.’s haben auch mehrere moderne Entdeckungen verpasst. Mehrmals haben sie die ersten unsicheren Schritte einer ästhetischen Revolution getan. Wenn man sich mit ihnen beschäftigt, hat man dasselbe Gefühl wie beim Lesen der Dîme Royale von Sebastien Vauban: Da tut sich eine neue, bereits halb vorhergesagte Welt auf, sie ist noch nicht deutlich zu sehen, aber man kann sie auf kindliche Weise spüren. Wenn man nun die Kunst der Präraffaeliten auf die ursprüngliche Linienführung und auf die freie Farbgebung zurückführt, so schmälert man ihren Verdienst nicht, im Gegenteil: man macht ihn umso größer. Der Name ihrer Zeitschrift, Germ, war treffend gewählt. Die Kunst der Präraffaeliten enthält im Keim die ganze zeitgenössische Kunst.[33]