III. Die Ziele

 

 

 

Was strebt eine so einzigartige Kunst an? Natürlich etwas anderes, als das Auge zu erfreuen. „Die Kunst, die nur die Freude zum Ziel hat“, sagte Ruskin, „ist vor allem das Erbteil der wilden und grausamen Nationen (Ornamentik der Mauren, Inder, Araber), während die Kunst, die besonders der Erhellung von Ereignissen gewidmet ist (wie die der Primitiven), immer auf einen besonderen Charme hinweist, eine besondere Feinheit des Geistes.“ „Die größte Kunst verwirklicht die Schönheit, aber sie macht sie nicht zu ihrem wichtigsten Ziel.“ fügt Robin George Collingwood hinzu. Die englische Malerei hat also ein Ziel, das ihre Eigenheiten erklärt, einen Hintergedanken, der ihre Mängel erläutert, ein Programm, das nicht schöne Torsi und reiche Stoffe zeigen will. Wenn man ihre Meisterwerke ansieht und die ihrer Kritiker liest, dann kommt man zu der Überzeugung, dass dieses nicht ästhetische Ziel einen wichtigen, wenn nicht vielleicht den wichtigsten Platz in ihrem Denken einnimmt.

Dieses Ziel ist vor allem, alle Fähigkeiten des Menschen anzusprechen: Geist, Gedächtnis, Gewissen, Herz und Intelligenz, und nicht die eine Fähigkeit unseres Wesens, zu sehen, vom Gesehenen bewegt zu werden und sich etwas auszudenken. „Die Kunst“, sagt Mrs. Barrington, „soll durch ihre Suggestivkraft zu einer vollständigeren Sicht der menschlichen Lebensbedingungen erheben, als es das banale Alltagsleben kann“, und Ruskin meint dazu, dass „… die vollkommene, perfekte Kunst den ganzen Menschen offenbart.“ Deshalb muss auch der Künstler selbst über eine vollständige Intelligenz verfügen. Das ist bei ihm der Fall. In England gibt es ihn nicht, den großartigen intuitiven Künstler, der dem Gefühl für Farben und Formen offen steht, sich aber dem ganzen Rest verschließt, zumindest gibt es ihn nicht mehr. Turner und Walker waren so. Aber alle Künstler von Wert ähneln den Dichtern und Malern William Blake, Bell Scott und Rossetti in ihren umfassenden Kenntnissen und ihren Sympathien.

William Morris, der Designer und Glasmaler, ist ein sehr begabter Dichter und der interessanteste Schriftsteller der sozialistischen Partei. Frederick Leighton spricht mehrere Sprachen. Edward Burne-Jones, der in Oxford studiert hat, ist ein ausgesuchter Gelehrter und Kenner der Welt der Sagen, Watts ist Philosoph, Hunt ein Exeget, Alma-Tadema ein Archäologe. Poynter hält Vorträge wie einst Reynolds. Stephens und der früh verstorbene Philipp G. Hamerton waren zeitlebens bessere Schriftsteller als Maler, Hook beschäftigt sich mit Soziologie und Birket Foster mit Ornithologie. John Everett Millais und Hubert von Herkomer formulieren beide auf glänzende Weise einfallsreiche Ideen zu allen Künsten und Letzterer war Professor in Oxford. Der Umfang ihrer Bildung ist erstaunlich.

Alle Fragen, die die Welt bewegen, finden in diesen Ateliers ein intelligentes Echo. Jeder Hauch, der über die Massen zieht, bringt die Seelen dieser Künstler ganz besonders zum Schwingen. Wenn man in einem Studio gerade nicht malt, hält man dort theologische Vorträge, und wenn die Belle dame sans merci ihren Spaziergang zwischen den Rhododendren in einem blühenden Garten in Hampstead beendet hat, bereitet William Ewart Gladstone dort eine Rede über das Home Rule vor. Solche Künstler können alle Fähigkeiten eines Künstlers ansprechen, weil ihre eigenen so lebendig sind und weil man viel von ihnen lernen kann, und weil sie selbst viel gelernt haben.

Vor allem lernen wir von ihnen eine Arbeitsauffassung. Dass jemand in zwei Tagen ein Pferd oder eine Harmonie schafft wie Eugène Fromentin oder James McNeill Whistler und dann zweihundert Guineen dafür verlangt, weil er sich ja dreißig Jahre darauf vorbereitet hätte, ist in England äußerst selten. Die meisten englischen Künstler sind sich darin ähnlich, dass sie den leichten Erfolg verschmähen. Sie legen Ausdauer an den Tag und sind entschlossen, sich nicht zufrieden zu geben, solange sie das Gefühl haben, etwas in sich zu haben, womit sie ihr Werk noch verbessern können: nämlich ihr Gewissen, wenn dieses Wort, das schönste, das man für einen Menschen verwenden kann, nicht seinen Wert durch den Missbrauch verloren hätte, den man von ihm macht, indem man es für Künstler benutzt, die überhaupt keines haben. Madox Brown hat vier Jahre für seinen letzten Blick auf England gebraucht, der nur zwei Hauptfiguren enthält, und fünfzehn Jahre, um die Fresken in der Stadthalle von Manchester zu malen.

Hodgson sagt von Frederick Walker, „… kein Künstler hat so sehr wie er über die Schrecken des Schaffens gestöhnt. er tat einem richtig Leid.“[35] Hunt hat ein ganzes Leben voll ununterbrochener Arbeit für ein paar kleine Bilder eingesetzt, so viele, wie ein anderer Maler in einem Jahr auf dem Marsfeld oder im Club ausstellt. Watts hat hunderte gemalt, aber er behält sie in seinem Atelier, weil er der Meinung ist, dass nur zwei davon nicht überarbeitet werden müssen. Burne-Jones hat sieben Jahre gebraucht, um seine Briar-Rose zu entwerfen und auszuführen, die allerdings aus vier Tafeln besteht, von denen jede mehrere Figuren zeigt. Mit dem Malen seines bereits 1871 gezeichneten Schicksalsrads hatte er erst 1877 begonnen und es dann 1883 vollendet.

Man muss die Erzählungen von den Lagerstätten in den Moors von Lancashire von Philip Hamerton lesen, um sich eine Vorstellung davon machen zu können, welche Mühe und Zeit ein Präraffaelit darauf verwendete, um vor Ort und Halm für Halm ein Büschel Farnkraut zu studieren. In seiner Hütte aus Holz und Teerpappe, zehn Jahre vor dem berühmten Planwagen von M. de Nittis, musste Hamerton die Kälte, die Feuchtigkeit, die Windstöße, die Neugier der Bauern, die nachsehen kamen, ob er keine krummen Touren machte, die Angriffe der nächtlichen Jäger und die dummen Fragen der Krautjunker aus der Nachbarschaft ertragen, und das über Monate hinweg.[36]