Wie kann sich aber ein Arbeiter, ein Maurer, ein Tischler, ein Weber künstlerischem Genuss hingeben? Indem er zuerst einmal Kunstwerke schafft, antworten die Engländer. Dazu muss er jedoch nicht Maler werden oder in einen Gesangsverein eintreten. Er muss nur seiner Arbeit, dem bescheidenen Werk, das ihm anvertraut ist, eine ästhetische Seite abgewinnen.

„Die Entwicklung der niederen Klassen darf nicht von der falschen Seite her begonnen werden, indem man den Arbeitern Museen und Konzerte bietet, sondern, indem man den Künsten ihre ursprüngliche Rolle zurückgibt, indem man sich bemüht, die Wohnungen, die Kleidung, die Werkzeuge, die Möbel und alle Gebrauchsgegenstände des Lebens gleichzeitig schön und nützlich für alle zu gestalten. Was ist ein Künstler anderes als ein Arbeiter, der fest entschlossen ist, ein hervorragendes Werk zu schaffen? Und was ist die Dekoration eines Möbels oder irgendeines Werkstücks anderes als der Ausdruck der Freude, die der Mensch an erfolgreicher Arbeit hat?“[40]

Daher wollte William Morris, dass allen Arbeitern Zeichenkenntnisse vermittelt werden, jedoch nicht die Kunst des Zeichnens selbst, sondern die Möglichkeit, zu diesem Ziel zu kommen: eine allgemeine Fähigkeit im Umgang mit den Künsten. Wenn das nicht reicht, um eine ästhetische Arbeit von ihnen zu erhalten, müssen die Künstler selbst einschreiten, und ohne falsche Scham ihr Genie für eine Stuhllehne oder für eine Ofendekoration einsetzen. Von dieser Zusammenarbeit profitieren beide, denn „… der Künstler, der nicht mit den Händen arbeitet, verlernt vollkommen den Umgang mit dem Material, das er beherrschen sollte und schafft ein schwaches Werk, und der Arbeiter ohne Kunstideal produziert nur Konfektionsware.“ Hier spürt man die Tradition heroischer Zeiten in der Kunst.

Früher vereinte ein und derselbe Mann den planenden und leitenden Kopf, den ausführenden Arm, die modellierende, ziselierende und verputzende Hand des Experten. Heute sind die verschiedenen Künstler leider so weit voneinander entfernt wie Leute aus ganz verschiedenen Berufen.

„Durch diese Unterteilung“, sagt Ruskin, „ruinieren Sie alle Künste auf einmal. Der Akademiker wird oberflächlich und verweichlicht, weil er es nicht mehr gewohnt ist, die Farbe großflächig und auf schwierig zu bemalenden Oberflächen aufzubringen. Die Arbeiter werden niederträchtig, weil kein gebildeter Mensch ihnen in intellektueller Hinsicht beisteht. Daher muss man zugeben, dass es nicht nur eine an sich richtige Meinung ist, sondern eine praktische Notwendigkeit, dass überall da, wo eine schöne Farbe angebracht werden soll, ein Meister der Malerei beauftragt werden muss, und überall da, wo eine edle Form geschaffen werden soll, ein Meister der Bildhauerei.“[41]

Diese Idee verwirklichen die Engländer in ihrer Künstler- und Handwerkergesellschaft Arts and Crafts, auf deren Ausstellungen der Arbeiter sein Werk signiert wie das Mitglied der Royal Academy sein Gemälde. Ihre feinfühligsten Künstler und subtilsten Denker übertragen ihre Träume auf Vorlegeteppiche und Kaminverzierungen. Burne-Jones verziert Kachelöfen und Klaviere und malt Vorlagen für Mosaike in den Kirchen. Herkomer zeichnet detailgenau die Ornamente für ein Tischservice; Walter Crane, Richmond, Holiday und zwanzig andere stellen ihr außergewöhnliches Talent in den Dienst der gewöhnlichsten Dinge. Und wenn man im Restaurant des Museums von South Kensington um sich schaut, erkennt man, dass man seinen Wildbraten mit Johannisbeergelee und seine Rhabarbertorte inmitten der wunderbaren Dekoration des großen Dichters William Morris und umgeben von den Zeichnungen des großen Symbolisten Burne-Jones zu sich nimmt!