Resümee

Am Ende der Arbeit zum Kriterium der Verhältnismäßigkeit sollen einzelne Aspekte zusammengefasst und in die theologisch-ethische Diskussion eingeordnet werden. „Verhältnismäßigkeit“ als ein medizinethisches Kriterium für die Entscheidung über Behandlungen wird in moraltheologischen Auseinandersetzungen und kirchlichen Stellungnahmen mit verschiedenen Fragestellungen und kontextuellen Bezügen verbunden.638 Zum Schluss sollen drei Aspekte der Arbeit mit zu Beginn skizzierten Fragen und Desideraten als Fazit der Untersuchung und der Reflexion des Kriteriums vorgestellt werden: Die Bedeutung des Begriffs „Verhältnismäßigkeit“ hinsichtlich der Entscheidung über eine Behandlung wird mindestens seit dem 16. Jahrhundert diskutiert. Die Dringlichkeit von Entscheidungen über Behandlungen hat sich angesichts der vielfältigen Möglichkeiten der modernen Medizin wesentlich erhöht.639 Zugleich ist eine Ausdifferenzierung in der ethischen Fragestellung zu beobachten: Mit Hilfe unterschiedlicher ethischer Ansätze, verschiedenen anthropologischen Grundlagen und unterschiedlichen Akzentuierungen wird die Frage der Entscheidung über Behandlungen thematisiert. Welchen Bezugspunkt bietet dabei die Frage nach Verhältnismäßigkeit? Welcher theologischethische Rahmen ist mit der Frage nach Verhältnismäßigkeit verbunden?

1. Das theologisch-ethische Kriterium der Verhältnismäßigkeit zielt auf die Frage nach dem Wohl der Person.

Im Zusammenhang mit der Frage nach Entscheidungen über einen Behandlungsabbruch und -verzicht weist Karl Rahner bereits im Jahr 1975 auf die Schwierigkeit moraltheologischer und medizinethischer Untersuchungen und Reflexionen hin: Hier ist dann jene Situation gegeben, für die sich keine Regeln mehr benennen lassen, „[…] die sachlich eindeutig, unmittelbar anwendbar und für alle einsichtig wären […]“640. In der Auseinandersetzung mit dem Kriterium der Verhältnismäßigkeit lässt sich zeigen, dass letztlich die Frage nach dem Patienten den notwendigen Bezugspunkt einer Entscheidungsfindung bildet – will sie nicht an ihm vorbeigehen. Bei aller Notwendigkeit von weiteren Instanzen der ethischen Bewusstseinsbildung in Konsilien und Ethik-Komitees sowie Studien zu medizinisch-technischen Verfahren der Entscheidungsfindung bleibt doch der Patient in seiner ganz individuellen Situation und Verfasstheit Bezugspunkt der Entscheidung.

Die moraltheologischen Autoren, so konnte in der Begriffsgeschichte gezeigt werden, standen dabei eng im Diskurs mit medizinethischen Fragestellungen. Den Konnex bildet dabei der Bezug auf das Wohl des Patienten. In dieser Perspektive ist die Frage nach Verhältnismäßigkeit eine ethische Heuristik, die in einem abwägenden Verfahren die je konkrete Situation, Konstitution und auch geistlichen Kräfte des Patienten einbezieht. Zugleich muss die Notwendigkeit betont werden, die Frage nach Verhältnismäßigkeit als eine Heuristik, als ein ethisches und eben nicht als ein praktisches Kriterium zu betrachten. Eine solche Einordnung wäre sachlich unzutreffend und würde das Kriterium zudem überfordern. Dies mag eine Ursache für die zahlreiche Kritik aus der Moraltheologie sein.641 Wird Verhältnismäßigkeit als ein Kriterium verstanden, das seinen Bezugspunkt in der Situation des Patienten hat, bietet es auf diese Weise einen kommunikablen und integrierenden Zugang für medizinethische Fragestellungen und Auseinandersetzungen jenseits einer abgetrennten Bereichs- und Expertenethik.

2. Notwendig erscheint ein individueller Bezug statt einer normierenden Einseitigkeit.

Verbindungspunkt in der Begriffsgeschichte des Kriteriums ist die Frage nach der Situation des Patienten, nach der Belastung durch Therapien und Krankheiten. Der Moraltheologe Johannes Reiter formuliert in einem Artikel zu gegenwärtigen Fragen der Medizinethik das Grundanliegen theologischer Ethik, sich auf das Wohl des Patienten zu beziehen: „Es geht um den Patienten“.642 Durch die Einbeziehung der Situation des Patienten als Maßstab einer Entscheidung wird eine normative Einseitigkeit vermieden: Die Lebenswirklichkeit tritt hervor; der Mensch als Glaubender und sittlich Handelnder wird in den Blick genommen. So wird der Patient – wo er kann und will – aus einer bloß passiven Rolle herausgenommen, um mit seiner Wahl zwischen den Vorteilen und den Nachteilen die möglichen Behandlungen mitzugestalten.643 Christliches Ethos mit Regeln und Normen erscheint dabei nicht losgelöst, sondern ganzheitlich und komplementär in seiner schützenden und entlastenden Funktion. Persönliche sittliche und subjektive Wahrnehmungen und Empfindungen haben dabei ihre Verortung in der christlichen Perspektive des Lebens – jenseits einer normierenden Einseitigkeit und einer Verrechtlichung der Moraltheologie.

3. Glaube als inhärentes Moment in der ethischen Diskussion bietet integrierende und inspirierende Perspektiven.

Entscheidungen in Medizin und Pflege sind stets mehr als fachwissenschaftliche und technische Fragestellungen. Hinter ganz konkreten, praktischen ethischen Herausforderungen stehen anthropologische, ja existentielle Fragestellungen. Die Berücksichtigung anthropologischer Fragen und Sachverhalte ermöglicht einen zusammenführenden, integrierenden Zugang zu medizinethischen Diskursen. Besonders pointiert wird dies am Thema Verhältnismäßigkeit deutlich, denn hier geht es – ganz direkt formuliert – um Leben und Tod. Sinn- und Lebensperspektiven, Werte und Haltungen, Anfragen und Motivationen fließen in medizinethische Diskurse wie auch in ethische Bewusstseinsbildung ein. Eine theologisch-ethische Heuristik darf dabei den Mut besitzen, die Sinn- und Lebensperspektiven des Glaubens in die medizinethischen Diskurse hineinzutragen. Jenseits eines normierenden, autoritären Verständnisses von Moral bietet der Glaube integrierende und inspirierende Perspektiven auf das Leben und ethische Fragestellungen.

Gerade im Umgang mit Krankheit und Gesundheit geht es um die tiefgreifenden Fragen in der Spannung von Lebensbejahung und Einverständnis mit der Endlichkeit und den Grenzen des Lebens, um Lebensfreude und Abschied vom Leben, um Lebensmut und Annahme der zerbrechlichen Realität menschlichen Daseins.644 An dieser Stelle soll noch einmal explizit auf die Reflexionen zum Kriterium der Verhältnismäßigkeit in den Kapiteln 4 bis 6 verwiesen werden: Religiöser Sinndeutung und ethischer Reflexion gehen es angesichts von Leben, Sterben und Tod um das rechte Maß zwischen Wertschätzung des Lebens, Sinndeutung von Leid und Annahme des Todes. Mit der Reflexion des moraltheologischen Kriteriums hinsichtlich medizinethischer Desiderate wird sichtbar, in welchem Gesamtzusammenhang ethische Entscheidungen über Behandlungen verortet sind. Die Frage nach Verhältnismäßigkeit steht somit immer auch in einem ganzheitlichen Bezug zu persönlicher Authentizität und ethischer Verantwortung.

638  Vgl. dazu den Abschnitt zur Begriffsgeschichte und -kritik in Kapitel 3.

639  Vgl. dazu Kapitel 2.

640  Rahner, K., Die Freiheit des Kranken, 453. Vgl. dazu Abschnitt 5.4.1.

641  Vgl. dazu Abschnitt 3.2 in Kapitel 3.

642  Vgl. Reiter, J., Es geht um den Patienten, 435ff.

643  Vgl. Römelt, J., Menschenwürdiges Sterben, 528.

644  Vgl. Römelt, J., Menschenwürdiges Sterben, 528.