Wie immer, wenn Robin die beredte Stille daheim nicht länger ertrug, bot es sich an, zum Fluss zu gehen an den geheimen Ort.
Aber was war das? Unter dem Brückenbogen saß jemand. Eine fremde Gestalt. Schmal und zierlich, den Rücken Robin zugewandt und mit roten Haaren, aber nicht feuerwehrrot wie Mums, weil sie die Haare vielleicht nicht färbte, sondern dunkelrot wie Rost, saß die fremde Gestalt auf Robins Stein und war – unübersehbar – ein Mädchen.
Robin wollte sich eben umdrehen und unbemerkt den Hang zurückschleichen, als sich ein paar Kiesel unter seinen Füßen lösten. Klackernd schlugen sie unten am Fluss auf. Die fremde Gestalt drehte sich um.
„Hallo!“, sagte das Mädchen und wirkte überhaupt nicht überrascht.
Rückwärtsgang ging nicht mehr. Robin hangelte sich die Böschung hinunter. Stolpernd und ein wenig atemlos kam er neben dem Mädchen zum Stehen. Die Wut, dass jemand dort saß an seinem geheimen Ort, der ihm allein gehörte, war schlagartig verraucht, weil dieser jemand nicht ein Jemand, sondern ein Mädchen war. Ein Mädchen mit rostroten Haaren. Mit grünen Augen und Sommersprossen, die um ihre Nase und auf den Backen tanzten. Und mit einem Mund, bei dem sich jetzt links und rechts tiefe Grübchen in die Backen gruben, weil sie Robin anlächelte.
„Hallo“, murmelte Robin. Dann stierte er in den Fluss, als stünde dort ein Text geschrieben, den er hätte sagen können, etwas wie: „Guten Tag, wie geht es dir?“ Im Wasser stand aber nichts. Im Wasser sprangen lediglich die Lachse. Sie schwammen landeinwärts, um in den Kiesläufen der Flüsse fernab vom Meer, aus dem sie gekommen waren, ihren Laich abzusetzen. Robin fühlte, wie sein Herz klopfte. Es ärgerte ihn.
„Die Lachse kommen zurück“, sagte das Mädchen, als hätte sie Robins Gedanken erraten.
Robin fuhr herum. „Was machst du hier?“, fragte er und seine Stimme klang bissiger, als er es beabsichtigt hatte.
„Ich sitze auf diesem Stein“, sagte das Mädchen ruhig. „Und was machst du hier?“
Die Frage war vollkommen unsinnig und obendrein verkehrt gestellt. Schließlich hockte sie an Robins geheimem Ort und hätte eher ihm eine Erklärung geschuldet. Aber Robin wusste nicht länger, ob der Ort wirklich ihm allein gehörte oder ob er sich das immerzu nur eingebildet hatte. Also schwieg er lieber.
Es schien sie nicht zu stören.
„Ich heiße übrigens Siobhan11“, sagte sie stattdessen und hielt Robin ihre Hand hin, als wären sie schon groß und wüssten, wie solch ein Sichkennenlernen-obwohl-man-einander-gar-nicht-kannte ging, und auch noch, ganz ohne rot zu werden dabei. Ihre Hand fühlte sich leicht an. Wie Vogelflaum. Etwas in Robin begann zu knistern. „Und du?“, fragte sie.
„Was?“
„Wie heißt du?“
„Ich …“, murmelte Robin, „ich heiße Robin.“ Und sein dummes Herz klopfte lauter als zuvor.
„Robin!“, rief das Mädchen. „Das ist aber ein schöner Name.“ Das hatte heute schon einmal jemand zu Robin gesagt. Aber dieser Jemand war ein Jemand, mit dem Robin nicht hätte reden dürfen. Oder durfte er es vielleicht doch?
„Siobhan ist auch ein schöner Name“, sagte Robin.
„Findest du?“ Siobhan grinste, und die Grübchen um ihren Mund bohrten sich tiefer.
„Klar doch“, sagte Robin.
„Er bedeutet auch etwas!“ Siobhan zwinkerte Robin verschwörerisch zu.
„Mmmh?“
„Das glaubst du mir wohl nicht?“ Siobhans grüne Augen funkelten. Machte sie sich über Robin lustig?
Robin dachte an Vater Duncan, wie er William Lenihan beschimpft hatte, weil seine Eltern ihm dummerweise einen falschen Namen gegeben hatten. Robin wunderte sich nicht im Geringsten darüber, dass Namen etwas bedeuteten, auch Siobhans Name nicht. Natürlich nicht. Sein eigener Name bedeutete schließlich auch etwas. Aber bloß weil manche Leute Rotkehlchen mochten, war sein Name doch nicht besser als der von anderen. Namen waren kein Verdienst, sie waren eher Glückssache. „Klar, glaub ich das!“, sagte er.
„Und du lachst nicht, wenn ich es dir verrate?“, fragte Siobhan.
„Nein“, versprach Robin, „ich lache nicht.“
„Also gut!“ Siobhan holte tief Luft, als würde sie mit der Luft auch Mut einsaugen. „Stell dir vor: Mein superirischer Name kommt ursprünglich aus dem Hebräischen. Hebräisch ist eine uralte Sprache, was du sicherlich weißt. Ich glaube, die Leute in der Bibel haben so gesprochen. Er bedeutet“, sie machte eine kurze, vielsagende Pause, „er bedeutet: Gott ist gnädig.“
„Aha“, sagte Robin, der das alles nicht gewusst hatte.
„Siehst du“, sagte Siobhan und die Grübchen in ihren Mundwinkeln erloschen, „ich hab es doch gesagt: Du glaubst mir nicht!“
„Klar, glaube ich dir“, sagte Robin, „ich hab’s bloß nicht gewusst.“
Siobhan sah ihn scharf an, als wollte sie in seinem Gesicht lesen, so wie Mum das immer tat. Dann schien er die Prüfung bestanden zu haben. „Das war noch nicht alles“, sagte sie. „Als die Normannen regierten, haben sie den Namen nach Irland gebracht. Und später, als die Iren kein Irisch sprechen durften, weil sie Englisch sprechen sollten, haben sie den Namen fast vergessen. Aber heute heißen wieder ganz viele Siobhan!“
Du bist allerdings das einzige Mädchen mit diesem Namen, das ich kenne, dachte Robin. Laut sagte er: „Das klingt, äh, spannend.“
„Du findest es albern“, murmelte Siobhan. Es klang betrübt. Als würde der Schnee, auf den man sich den ganzen Winter über gefreut hatte, schon schmelzen, ehe er den Boden berührte. „Aber nein!“, sagte Robin schnell, als wollte er den Schnee am Schmelzen hindern. „Es ist nur … ich meine … Wer waren denn die Normannen?“
„Das ist lange her, schon tausend Jahre“, sagte Siobhan. Tausend Jahre! Wenn Vater Duncan aus der irischen Geschichte erzählte, begann er immer erst bei der Schlacht am Boyne. Und obwohl auch die lange zurücklag, dreihundert Jahre, um genau zu sein, waren es doch keine tausend Jahre. Tausend minus dreihundert machte siebenhundert Jahre. Siebenhundert Jahre früher als die Schlacht am Boyne! Es war eine einfache Rechnung, bescheidene Mathematik. „Warum weißt du das alles überhaupt?“, fragte Robin.
„Das weiß ich, weil es mir meine Großmutter erzählt hat. Und weil es mich traurig macht, wenn Menschen ihre Sprache nicht sprechen dürfen“, sagte Siobhan, als wäre es die nächstliegende Erklärung, und dabei erschien sie Robin so sonderbar, als hätte Big Chief soeben erklärt, er werde nie wieder ein Guinness trinken.
„Du kannst es nachlesen, in den Büchern“, fügte Siobhan hinzu, und dann fiel ihnen nichts mehr zum Reden ein. Sie blickten zum Fluss, der gurgelnd vor sich hinströmte, und sie schwiegen beide.
Sie schwiegen furchtbar lange, vielleicht fünf Minuten, und das Schweigen zwischen ihnen breitete sich aus wie dichter Nebel, der alles einhüllte und die Dinge verschwinden ließ und das Denken ganz unmöglich machte. Aber das Mädchen, das Siobhan hieß, was Gott ist gnädig bedeutete, lächelte jetzt wieder und die Grübchen in ihren Mundwinkeln kehrten zurück. Robin sah es und er wunderte sich, dass es ihn so ungemein erleichterte.
Robin versuchte angestrengt, seine Gedanken zu sammeln. Er war hergekommen, um über alles nachzudenken. Aber jetzt hatte er vergessen, worüber er hatte nachdenken wollen.
Allmählich wurde das Schweigen zwischen ihnen jedoch fast so laut wie die beredte Stille daheim in Robins Zimmer und das ließ sich keinen Augenblick länger aushalten. „Ich muss los!“, sagte Robin deshalb. Er bemühte sich, sehr entschieden zu klingen, obwohl gar nicht stimmte, was er sagte. Denn ziemlich sicher hockte Big Chief gerade im Ochsenauge und schlürfte ein Guinness nach dem anderen, weil das wunderbar beim Vergessen half, den Streit mit Mum zum Beispiel. Während Mum höchstwahrscheinlich zu Hause am wackelnden Küchentisch saß und in ihren Tee starrte. Niemand wartete auf Robin. Niemand vermisste ihn. Und es gab, so sehr Robin auch darüber nachdachte, keinen einzigen gewichtigen Grund, jetzt schon heimzugehen. Aber hierbleiben ging entschieden auch nicht.
„Wartet deine Mum mit dem Abendessen auf dich und schimpft mit dir, wenn du nicht pünktlich kommst?“ Siobhans grüne Augen blitzten spitzbübisch, fast spöttisch sah das aus, aber immerhin lächelte sie dabei.
„Nein“, brummte Robin, „ich muss trotzdem los.“
„Schade“, sagte das Mädchen, und weil das ungefähr das letzte Wort war, das Robin von ihr erwartet hatte, wusste er nun gar nicht mehr, was er noch sagen sollte. Wieder schwiegen sie und starrten hinaus auf den Fluss, in dem die Lachse sprangen.
Wenn ein Lachs in die Luft hopste und wieder zurück auf die Wasseroberfläche klatschte, machte der Fluss ein leises, gluckerndes Geräusch. Robin hörte das Wasser gluckern und auf der Brücke über ihnen hörte er die Autos brausen. Und weitab über den hier wie dort gleich grauen Dächern hörte er den Hubschrauber kreisen, weil in Nordirland manchmal ein Hubschrauber über den Dächern kreiste. Das heißt, er kreiste nicht, er stand vielmehr völlig still, als wäre er eingefroren wie ein Raubvogel, der in der Luft auf Beute lauerte. Nur seine Rotorblätter drehten sich unablässig. Und im Hubschrauber hockte, bei aufgeschobener Tür, ein Polizist oder ein Soldat, der so jung aussah, als wäre er gerade erst von der Schule abgegangen und hielte noch sein Abschlusszeugnis in den Händen. Stattdessen aber trug er ein Selbstladegewehr auf den Knien, eine L1 A1 (vierzig Schuss in der Minute). Damit passte er auf, dass niemand unten auf der Erde etwas Böses anstellte.
Robin schauderte. Plötzlich war ihm ziemlich kalt; kein Wunder, es war ja auch schon fast Dezember.
„Na dann“, sagte Robin.
„Na dann“, sagte Siobhan.
Das sollte so viel heißen wie Auf Wiedersehen. Und dass er Siobhan wiedersehen würde, hoffte Robin sehr.
11 Im Glossar erfährst du, wie Siobhans Name ausgesprochen wird.