12
„Auge um Auge, Zahn um Zahn?“ – Hin und wieder braucht man dringend Unterstützung

Der nächste Tag war ein Samstag. Am Samstag frühstückten die O’Kanes gemeinsam. Zumindest taten sie das dann, wenn Big Chief nicht gerade in seinem Bett schnarchte und das ausschlief, was Mum Dads großen Rausch nannte. Heute schlief Big Chief jedoch keinen großen Rausch aus, und alles, was rauschte, waren allenfalls das Wasser im Teekessel auf dem Herd und das Radio, aus dem die Neunuhrnachrichten plärrten.

Und so hockten die O’Kanes beinahe einträchtig um den wackeligen Küchentisch. Allerdings nicht lange. Denn während sie ihren haselnussbrauen Assam schlürften (ohne Milch und ohne Zucker), Porridge (mit Milch) löffelten und Toastbrot (dick mit salziger Butter bestrichen) zerkrümelten, lauschten sie dem Nachrichtensprecher, der die Ereignisse des Tages und die der Nacht zusammenfasste. Und es waren, da gute Nachrichten leider oftmals keine brauchbaren Meldungen ergaben – wie etwa jene, dass auch heute die Sonne wieder verlässlich aufgegangen war, obwohl sie das bereits seit vier oder fünf Milliarden Jahren tat –, keine erfreulichen.

In Omagh war unter einem geparkten Auto eine Bombe gefunden worden. In Lisburn hatten Heckenschützen einen Soldaten verwundet. In Dundalk war es ein Polizist gewesen. In Kerryfergus waren maskierte Männer in eine Kneipe gestürmt und hatten zwei Menschen erschossen. Die Menschen waren Katholiken gewesen, Väter wie Big Chief und all die anderen auch, die täglich im Ochsenauge standen und ihr Bier tranken.

„Die Terrororganisation, die sich für die Tat verantwortlich erklärt, betont, es handele sich um einen Vergeltungsschlag, weil letztens ein Protestant erschossen worden sei“, sagte der Nachrichtensprecher, und er sagte es derart ungerührt, als würde er lediglich den üblichen Regen fürs Wochenende verkünden. „Auge um Auge, Zahn um Zahn, sagen sie – so stehe es schon in der Bibel.“

„Das ist doch Quatsch“, stöhnte Mum und sie hörte dem Nachrichtensprecher nicht länger zu, weil es sie so erboste. „Auge um Auge, Zahn um Zahn! Bis wir noch alle blind und zahnlos sind!“ Sie strich sich eine Haarlocke aus der Stirn; sie war ihr vor die Augen gerutscht. „Wenn wir so weitermachen, besteht Nordirland eines Tages einzig aus blinden und zahnlosen Leuten und wir können wirklich nichts anderes als Porridge mümmeln. Stellt euch das mal vor: nie mehr Toastbrot oder Pizza, weil uns die Zähne zum Kauen fehlen.“

Aber Big Chief war anderer Ansicht. „Einer muss sagen, wo’s langgeht, Alison. Man kann nicht immerzu die andere Backe hinhalten, sonst schlagen sie dich windelweich!“

Das erinnerte Robin an etwas. Neulich in der Messe, als Vater Faughan gepredigt hatte vom Regen, der über Gut und Böse fiel wie auch die Sonne ausnahmslos für alle Menschen schien, hatte der Priester einen Satz hinzugefügt: „Wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, halte ihm auch die andere hin.“ Es waren nicht Vater Faughans Worte gewesen, Vater Faughan hatte sie aus der Bibel vorgelesen. Aus der Bergpredigt. Der Herr Jesus hatte das mit der anderen Backe gesagt.

Aber wie kann der Herr Jesus so etwas von den Menschen verlangen, wenn es nicht geht? Oder geht es vielleicht doch? Ich werde ihn fragen, dachte Robin. Sobald das, was wie ein Gespräch zwischen seinen Eltern angefangen hatte, aber unvermeidlich in einen Streit münden würde, vorüber war.

„Papperlapapp!“, sagte Mum und ihre Stimme schraubte sich ein paar Tonlagen höher. „Gebrauch deinen Schädel, Angus, dazu sitzt er dir doch zwischen den Schultern! Auge um Auge, Zahn um Zahn – das geht nicht. Dann hätten sie auch nicht zwei Katholiken töten dürfen für den einen Protestanten, sondern nur einen!“

„Alison!“ Big Chief klang empört. „Du bist so etwas von zynisch. Und auch noch vor dem Kind.“

Auch noch vor dem Kind war natürlich ein Scherz, weil Robins Eltern auch sonst keine Rücksicht auf Robin nahmen, wenn sie sich stritten, und wie hätten Robin die Meldungen aus dem Radio auch erschrecken sollen nach elf Jahren Nachrichtenhören? Zynisch aber war ein Wort, das Robin mochte. Es zischte und fauchte wunderlich gefährlich, als wäre Mum eine Raubkatze, und das war sie wohl auch, weil sie immer und überall jeden und alles verteidigte. Robin wusste auch, was zynisch bedeutete. Weil Big Chief das Wort häufig benutzte, wenn er mit Mum stritt, hatte Robin es einmal im Lexikon nachgeschlagen. Auf den letzten Seiten, zwischen Zylinder und Zyste, stand: „Zynisch, der Zynismus. Von Griechisch kýōn – der Hund. Als zynisch bezeichnet man jemanden, der auf eine gefühllose und nahezu boshaft gehässige Weise spöttisch ist und andere damit verletzt.“

Wenn also Big Chief zu Mum sagte: „Alison, du bist so etwas von zynisch“, meinte er: „Ich mag nicht mit dir reden, weil mich das, was du sagst, verletzt!“ (Obwohl Robin nicht einsah, was zynisch mit einem Hund zu tun haben sollte. Konnten Hunde denn etwas sagen, das andere verletzte?)

Trotzdem behielt Mum, wie so oft, das letzte Wort. „Ich bin nicht zynisch, mein Lieber, ich bin realistisch!“, erklärte sie und erstaunlicherweise sank ihre Stimme dabei wieder um ein, zwei Tonlagen, als wäre sie ein CD-Spieler und bräuchte bloß am Lautstärkeregler zu drehen. „Das ist etwas vollkommen anderes. Und ich kann es sagen, weil es nichts weiter ist als wahr.“ Damit erklärte sie das Gespräch, das beinahe zu einem Streit geraten wäre, aber Gott sei Dank doch keiner geworden war, für beendet. Und das Frühstück auch.

Mum stand auf. Sie ließ heißes Wasser ins Becken strömen und kippte jede Menge Spülmittel dazu, dass es nur so schäumte. „Einer muss den Laden hier schließlich am Laufen halten“, knurrte sie, „sonst versinken wir noch restlos im Chaos.“ Dann fischte sie die Becher und Teller vom wackeligen Küchentisch und warf sie ins Spülbecken, wo sie im Schaumberg versanken, als wären sie kenternde Schiffe.

Robin ging in sein Zimmer. Nachdem er die Zimmertür fest hinter sich geschlossen hatte – und fest bedeutete, dass die Tür wirklich, wirklich zu war, sodass Robin sicher sein konnte, dass ihn niemand hörte –, wandte er sich an den Herrn Jesus in der Glaskugel. „Entschuldige bitte, lieber sehr verehrter Herr Jesus, dass ich dich schon wieder störe!“

Dann machte Robin eine Pause, in der er seine Gedanken ordnete. Er räusperte sich. „Trotzdem kannst du mir vielleicht das mit der anderen Backe auch noch erklären? Denn das hast du doch gesagt, oder, damals in der Bibel, dass man anderen die andere Backe hinhalten soll, selbst wenn man schon einen Schlag abbekommen hat? Hast du die denn eigentlich auch hingehalten, als sie dich ans Kreuz genagelt haben? Und bitte – das würde ich auch gerne wissen: Bist du ein Opfer? Oder bist du ein Held? Vielleicht bist du sogar beides? Oder habe ich da etwas falsch verstanden?“ Die vierte und letzte Möglichkeit war die beunruhigendste. Denn sie bedeutete, dass es womöglich bei Robin anfing, und das schüchterte ihn ein, weil er nicht wusste, wo er bei sich anfangen sollte.

Der Herr Jesus in der Glaskugel sagte nichts. Robin seufzte. Je länger er über alles nachdachte, desto verworrener kam es ihm vor. Denn wenn das mit der anderen Backe wirklich galt und zwar für alle – also auch für Robin –, musste er da nicht noch sein anderes Auge hinhalten, nachdem Cathal bereits auf das eine eingedroschen und es blau gefärbt hatte? Zumindest wenn Robin den Vorschlag des Herrn Jesus befolgte? Und eigentlich wollte er gerne tun, was der Herr Jesus zu ihm sagte, aber es erschien ihm wenig appetitlich. Denn obwohl es dem linken Auge etwas besser ging – es war auch nicht mehr ganz so schmal –, tat es bestimmt weh, wenn Cathal außerdem aufs rechte Auge eindrosch.

Ich wäre gern ein Held, dachte Robin, aber keiner von dieser Sorte. Nichts mit Nägeln. Und nichts mit Pfeilen!

Jedenfalls bereitete ihm der Gedanke an ein zweites blaues Auge großes Unbehagen, und dabei war Robin heute ohnehin schon zitterig genug. Denn heute war eindeutig Robins großer Tag. Gleich nämlich würde er eine ehemalige Nonne besuchen und niemand, weder Mum noch Big Chief noch sonst wer, ahnte etwas davon.

Und das ging im Grunde nicht. Weil man so etwas nicht machte. Man besuchte keine wildfremden Menschen. Und schon gar nicht besuchte man wildfremde Menschen in einem Land, in dem sich die Menschen voreinander hinter Mauern versteckten und diese Mauern auch noch Friedensmauern13 nannten. Damit die Menschen hinter den Mauern Frieden hielten, wie es hieß. Aber in Wirklichkeit meinte es: damit sie einander nicht die Köpfe einschlugen, weil sie sich nicht leiden konnten. Nicht leiden konnten? Was für ein Wort, dachte Robin. Tut denn Liebe weh?

Jedenfalls war Robins Besuch bei Schwester Basilea ein Wagnis, und zwar ein echtes. Echte Wagnisse gestalteten sich naturgemäß schon schwierig, selbst wenn man sie nicht bei ehemaligen Nonnen einging. Sie wurden aber erst richtig, richtig schwierig und deshalb kaum zu meistern, wenn man sie alleine anpackte. Weil eigentlich jeder, der ein Wagnis vorhatte, dringend Unterstützung dabei brauchte.

Hilfe, dachte Robin, ich brauche dringend Unterstützung!

Als Robin klar wurde, dass er seinen Besuch bei Schwester Basilea nicht alleine bewältigen konnte, wandte er sich noch einmal an den Herr Jesus. „Entschuldige bitte, lieber sehr verehrter Herr Jesus“, sagte Robin, „es ist bestimmt das letzte Mal, dass ich dich störe, zumindest vorerst. Aber ich brauche dringend deine Unterstützung. Deshalb wäre ich dir sehr dankbar, wenn du mir wenigstens jetzt antworten könntest!“ Aber statt etwas zu sagen, breitete der Herr Jesus die Arme aus und wünschte sich Schnee. Viel Schnee. Schnee mitten im November. Schnee, der in Nordirland eigentlich nicht fiel. Selbst im Dezember selten und auch kaum im Januar.

Und da – es war kaum zu glauben, weil es so schnell hintereinander geschah – machte es schon wieder peng! in Robins Kopf wie kurz zuvor, als ihm der wunderbar rettende Gedanke mit der Blume eingefallen war.

„Du willst Schnee?“, fragte Robin. „Den Gefallen tue ich dir nicht, es sei denn, du tust auch etwas für mich!“


13  In Nordirland, insbesondere in der Hauptstadt Belfast, gibt es viele solcher peace walls. Mehr dazu findest du im Glossar.