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„Er hat bestimmt einen Schnupfen bekommen“ – Ein Heiliger fühlt sich nicht wohl

Es war eine echte Niederlage, niederdrückend und beschämend zugleich, denn Siobhan hatte auch noch dabei zugesehen, wie Robin – entgegen all seinen Beteuerungen – nichts in Ordnung bringen konnte.

Die nächsten Tage, nachdem er ihr so grässlich unheldenhaft vor dem unverschämt unfertigen Bürgersteig Auf Wiedersehen gesagt hatte, vergrub er sich deshalb in seinem Zimmer, als wäre er ein Tier, das seine Wunden leckte. Oder ein Igel, der Winterschlaf hielt. Robin wollte niemanden sprechen, und wenn es sich durchaus nicht vermeiden ließ, etwa weil er zur Schule musste oder für Mum Tee einkaufen sollte, versuchte er, solche Ausflüge möglichst rasch und schmerzlos hinter sich zu bringen. Schmerzlos war am wichtigsten, weil Robin fand, dass andere Menschen einem durchaus wehtun konnten.

Cathal wich er aus, so gut es eben ging. Auf dem Weg zur Schule und zurück nach Hause wählte er deshalb eigens eine andere Strecke. Auf diese Weise schlug er gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Robin brauchte Cathal nicht zu begegnen und er konnte außerdem sicherstellen, dass ihm der große Polizist namens Hugh nicht wieder unerwartet vor die Füße trampelte.

Robin ging auch nicht mehr zum Fluss. An jenem Nachmittag im November hatte er Siobhan beweisen wollen, dass er selbst die Dinge in die Hand nehmen und alles zum Aufhören bringen konnte. Aber die Zeit verstrich. Längst war es Dezember geworden, bald kam Weihnachten, und nichts hatte aufgehört. Der Bürgersteig vor ihrer Haustür glänzte unvermindert im fleckigsten Grün und blieb der Schandfleck der gesamten Nachbarschaft. Wie eine Ohrfeige klatschte er Robin ins Gesicht – jedes Mal, wenn er nach Hause kam. Mum und Big Chief stritten weiterhin miteinander. Der Tee glänzte immer noch haselnussbraun, und das Ochsenauge blieb Big Chiefs liebste Zufluchtsstätte. Wie hätte es auch anders sein sollen? Robin hatte nichts beendet.

Ganze Nachmittage hockte Robin in seinem Zimmer und starrte an die Wand, während die Schatten über die Tapete wanderten. Er las nicht in Das Buch der hundert Merkwürdigkeiten und auch nicht in Das ABC der Tiere und vermied es obendrein, den Herrn Jesus in der Glaskugel anzusehen. Manchmal freilich kam es ihm so vor, als würde der Herr Jesus ihn ansehen. Dann warfen sie einander einen flüchtigen Blick zu, aber wirklich nur sehr kurz, Robin dachte an Schwester Basilea und was sie über Jesus gesagt hatte und schaute wieder weg. Er hätte sonst wohl zugeben müssen, dass sein wunderbarer Bordsteinanpinselplan kläglich gescheitert war.

Draußen war es noch kälter geworden. Der namenlose Baum trug kein einziges Blatt mehr und trommelte morgens, wenn sich Robin unter den Decken hervorschälte, mit Raureif überzogenen Zweigen mit dem unvermeidlichen Regen um die Wette ans Fenster. Gelegentlich ging der Regen in Schnee über, aber kaum merklich und eher, als handelte es sich um ein Versehen. Meistens blieb es eine nasskalte Pampe, die schmolz, sobald sie eine Oberfläche berührte, einerlei ob Baum oder Haut oder Beton. Und das Einzige, das die spärlichen Schneeflocken zurückließen, war eine frostige Kälte, die sich, gleich einer Kreissäge, zusammen mit dem Nordwestwind durch Robins Dufflecoat fräste, sodass er zitterte und zitterte und zitterte.

In seinem Zimmer hinter verschlossener Tür aber ließ sich so vieles so viel leichter aushalten. Und es tat gut, sich zu verkriechen, sobald sämtliche Pflichten – Schule, Hausaufgaben, Teetrinken – erledigt waren.

Nur sonntags bestand Mum darauf, dass Robin sein Zimmer verließ und zur Messe ging. Darin blieb sie unerbittlich, obwohl sie selbst den Kirchgang weiterhin verweigerte. Sie habe noch nicht die richtige Kirche gefunden, sagte sie, sie suche nach wie vor. Aber wie sie die richtige Kirche ohne Suchen finden wollte, erklärte sie nicht.

Deshalb pilgerte Robin allein zu Sankt Patrick’s – ohne Mum und ohne Big Chief. Denn an und für sich war er ein braver Junge, der tat, was man ihm sagte. Außerdem fielen ihm keinerlei Ausreden ein, so sehr er sich auch bemühte. Wie ihn zudem eine wunderliche Angst beschlich, alles würde nur noch schlimmer werden, als es ohnehin schon war, falls er die Messe versäumte. Man mochte das Aberglauben nennen, aber schließlich gab es einiges in diesem Land, wie vermutlich sonst auch überall auf der Welt, das an Aberglauben grenzte.

In der Kirche war es klirrend kalt. Wieder stiegen vor den Mündern feine Dampfwölkchen auf, aber zum Glück beendete Vater Faughan soeben seine Predigt. „Bei den Menschen ist es unmöglich, nicht aber bei Gott!“, verkündete er und schmetterte ein entschiedenes Amen. Dann erteilte er den Segen über seine Gemeinde und entließ die kleine überschaubare Schar in eine Woche, von der er wünschte, es möge eine gute und gesegnete sein.

Robin hätte es ihm gerne geglaubt, wäre nicht die Zeitung wieder vollgestopft gewesen von versuchten und geglückten – geglückten? – Bombenanschlägen, von angeschossenen Soldaten und angeschossenen Bürgern – in Zeiten wie diesen nannte man die Bürger auch Zivilisten – und von Polizeiwachen, die in die Luft gesprengt worden waren.

Plötzlich dachte Robin an Hugh. Und er stellte sich vor, wie der Polizist vor der Königlichen Polizeiwache von Portamena fünfzig Schritte in die eine Richtung stapfte und fünfzig zurück, während sein Herz und seine Brust geschützt wurden durch eine kugelsichere Weste. Aber waren sie deshalb tatsächlich geschützt? Und fühlte sich Hugh dadurch auch wirklich sicher? Schließlich trug Hugh die Weste nur, weil irgendjemand auf die irrsinnige Idee kommen könnte, auf einen Polizisten zu schießen. Ihn zu erschießen.14 Um dadurch eine Heldentat zu begehen. Seltsam. Mit einem Mal sorgte sich Robin um den großen Mann, den er doch kaum kannte und um den er sich wahrscheinlich gar nicht sorgen durfte, weil Hugh ein Feind war. Zumindest behaupteten manche das. Zum Beispiel Cathal, der Robin für voll merkwürdig hielt, weil er mit dem Polizisten gesprochen hatte.

Trotzdem stand Hugh tagein, tagaus vor der hohen Mauer, die an eine Ritterburg erinnerte. Er schritt fünfzig Schritte in die eine Richtung und fünfzig in die andere und tat womöglich auch nichts anderes, als den Frieden herzustellen. Oder ihn zu sichern – wer wusste das schon genau? Zumindest versuchte Hugh es auf seine Weise. Auch wenn der Frieden dadurch nicht gekommen war – noch nicht jedenfalls – und vielleicht auch niemals kam.

Sehr kurz und wirklich nur so lange, wie es brauchte, um einmal tief Luft zu holen und wieder auszupusten, zuckte es in Robins Beinen, und es hätte nicht viel gefehlt, er wäre aus der Kirche gestürmt und hätte Hugh gefragt, wie das alles für ihn war. Aber dann drängte Robin den Gedanken fast so schnell beiseite, wie er ihn angefallen hatte. Bleib du mal hübsch brav hier sitzen, befahl er sich selbst, und mische dich nicht ein! Hatte nicht auch Siobhan Ähnliches von ihm verlangt? Robin sollte aufhören, damit etwas Neues anfangen konnte?

Der Organist schlug in die Tasten, die Orgel dröhnte, und mit ihren mächtigen Klängen spülte sie die Gottesdienstbesucher aus den Kirchenbänken. Die Leute rauschten den Mittelgang hinab dem Ausgang zu. Robin beobachtete sie dabei. Nur als die alte Mrs Duffy vorbeikam – sie rauschte nicht, sie zuckelte –, schaute er rasch weg. Unmissverständlich, wenn auch wortlos, gab sie Robin zu verstehen, wie sehr es ihr missfiel, dass Robins Mutter nicht zur Messe gekommen war, schon wieder nicht. Von Big Chief ganz zu schweigen. Aber auf die Männer achtete hier ohnehin kaum einer. Es waren die Frauen, die die Kirche bevölkerten und ihre Gebete zusammen mit den wehmütigen Chorälen hinauf zum Himmel schickten.

Aber Robin hätte Mum eh nicht mitbringen können, beim besten Willen nicht, weil sie heute wieder ihre Traurigkeiten pflegte und alle Last der Welt auf ihren Schultern trug. Deshalb plagten sie auch Kopfschmerzen, solche von der üblen Sorte, die sich knapp über der Nasenwurzel zwischen den Augen festhakten wie eine verrostete, kaum zu lockernde Kneifzange. Und Big Chief? Der schnorchelte daheim im Bett. Eingerollt, als wäre er ein Säugling, träumte er von Guinness und Erdnüssen und Tabakqualm im Ochsenauge.

Robin zuckte mit den Schultern. Vielleicht war es eine gute Übung im Loslassen und Aufhören, wenn er Mrs Duffys vorwurfsvollen Augen auswich? Und also sah er fort und über eine Reihe wackelnder Pudelmützen hinweg und sah stattdessen – Cathal! Inmitten seiner sechs Geschwister – die Zwillingsschwestern Deirdre und Sínead tappten voran – schlurfte Cathal an Robin vorbei, so eng, dass sich ihre Ärmel streiften.

„Hey, Mann“, zischte Cathal. Er zischte es sehr leise, und dabei schenkte er Robin einen Blick, der alles bedeuten konnte: Wut. Trauer. Oder auch ein Friedensangebot. Oder zumindest einen Waffenstillstand.

„Hey, Cathal“, raunte Robin zurück.

Ein Blick und zwei Worte. Mehr nicht. Aber ein Blick und zwei Worte waren ungleich besser als ein zweiter Schlag aufs zweite Auge. Und selbst wenn es kaum als viel gelten konnte, war es immerhin so etwas wie ein Anfang nach der langen, langen Zeit des langen, langen Schweigens, das sich zwischen ihnen aufgetürmt hatte, als wäre es eine Mauer – vielleicht wie jene Friedensmauern, die die Menschen ringsum davon abhalten sollten, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen? Denn obwohl das Schweigen Robin bedrückte, hatte es Cathal und ihn womöglich davor bewahrt, dass sie einander etwas noch Schlimmeres antaten. Auch wenn es bestimmt nur einen zerbrechlichen Schutz abgab – hauchdünn wie die zarte Eisschicht, die mittlerweile an manchen Morgen die Pfützen auf den Wegen überzog. Alle Friedensmauern, ob sie nun aus Stein oder aus Schweigen erbaut waren, blieben nichts weiter als eine künstliche, von irgendwem verordnete Ruhe; sie verdeckten einen tiefen Riss, der auf diese Weise auch nicht heilte.

Trotzdem hatten der eine Blick und die zwei Worte genügt, dass Robins Herz ungestüm zu pochen anfing. Und er hoffte, hoffte, hoffte, er würde einmal wieder richtig mit Cathal sprechen, mehr als nur zwei Worte, vielleicht drei oder fünf oder sogar einen ganzen Satz? Obwohl das bestimmt eine ganz und gar unbegründete Hoffnung war. Zumal Robin nicht mit dem Anfangen anfangen und das nächste Wort sagen wollte.

Aber ehe Robin mehr sagen konnte, war Cathal schon verschwunden. Die Kirche hatte sich geleert, nur der Organist hämmerte noch in die Tasten, und es gab niemanden, der auf Robin wartete oder ihn zur Eile drängte oder für den er eine Ausrede hätte erfinden müssen, so wie neulich bei Siobhan.

Da kann ich genauso gut zum heiligen Sebastian gehen und nachsehen, ob die Pfeile in ihm stecken und ob es immer noch elf sind.

Doch in der Nische, in welcher der heilige Sebastian an seinen Baum gefesselt stand, sah es heute anders aus. Ein weißes Laken umhüllte den Heiligen vom Scheitel bis zu den Zehenspitzen, als hätte jemand alle seine Pfeile verstecken und ihm die Wunden verbinden wollen.

„Robin, mein Sohn, was machst du denn hier?“ Bei seinem Rundgang durch die Kirche hatte Vater Faughan Robin erspäht. Vater Faughan war ein hagerer Mann; lang und dünn wie eine Kirchensäule ragte er neben Robin auf. Vater Faughan kannte Robin, seit der ein kleines Baby war, weil Vater Faughan alle Menschen aus seiner Gemeinde kannte, und alle nannte er seine Söhne und Töchter, als wäre er ein Vater mit einer ungezählten Kinderschar.

„Wolltest du den Heiligen besuchen?“ Vater Faughan legte eine Hand auf Robins Schulter. Die Hand war warm und schwer. „Wie du siehst, geht das heute leider nicht.“ Vater Faughans Finger bohrten sich in Robins Schulter.

Robin hätte sich gern weggedreht, aber er traute sich nicht. „Was ist denn geschehen?“, fragte er vorsichtig.

Vater Faughan kippte den langen Oberkörper nach vorne, sodass er aussah wie ein umgeknickter Schiffsmast. Seine dünnen Lippen berührten Robins Ohr. „Die Nase, mein Sohn, die Nase!“, flüsterte er, als würde er Robin ein schwer gehütetes Geheimnis verraten. Sein Atem roch heiß nach Knoblauch und frittiertem Fisch. „Stell dir vor: Sie ist fort!“

„Fort?!“ Robin rief es lauter, als er gewollt hatte. Von den Kirchenwänden hallte es wider.

„Wenn ich es doch sage“, brummte Vater Faughan. Er klappte den Oberkörper wieder zurück. „Abgefallen ist sie. Einfach so. Oder vielleicht auch, weil das Holz morsch ist.“ Vater Faughan kicherte. „Er hat bestimmt einen Schnupfen bekommen, der Heilige, weil es so kalt ist in der Kirche!“ Vater Faughan kramte ein Taschentuch aus seinem Messgewand und schnäuzte sich. „Ich habe ja selbst einen Schnupfen. Brrrrr!“

Plötzlich sah er Robin an, als wäre ihm ein Gedanke gekommen. Oder ein Verdacht. Robin merkte, dass er rot wurde. „Was willst du denn vom heiligen Sebastian, mein Sohn? Er ist doch eigentlich kein schöner Anblick mit all seinen Pfeilen, jedenfalls nicht für ein Kind in deinem Alter. Und du bist doch noch ein Kind, mein Sohn, nicht wahr?“

„Elf“, sagte Robin, „ich bin schon elf.“ Und er stammelte etwas von Opfern, wie sie der heilige Sebastian erbracht hatte und die man erbringen musste, damit alles aufhörte. Und von Patrick Pearse erzählte er auch.

„So, so“, sagte Vater Faughan, und er verstaute das Taschentuch wieder in den Weiten seines Messgewands. „Über Opfer redet ihr. Und auch noch in der Schule. Im Opferbringen ist der heilige Sebastian in der Tat ganz groß, geradezu unübertroffen. Nur ist er derzeit leider unpässlich, wie ich schon sagte. Du wirst ein andermal wiederkommen müssen, Robin. Wenn seine Nase geflickt ist. Was bestimmt eine hübsche Stange Geld kostet, vermutlich mehr, als wir haben!“ Plötzlich fing der hagere Mann zu glucksen an. „Aber auch wir müssen eben ab und an ein Opfer bringen. Hahaha. Wie der heilige Sebastian mit all seinen Pfeilen.“ Und er lachte und lachte, bis er wieder niesen musste. Noch einmal kramte er sein Taschentuch hervor und schnäuzte sich. „Und immerzu dieser grässliche Regen! Kein Wunder, dass ich mich erkältet habe.“

„Elf“, sagte Robin noch einmal.

„Wie bitte?“

„Elf Pfeile stecken im heiligen Sebastian“, sagte Robin, „ich habe sie gezählt.“

„Nun gut, mein Sohn“, sagte Vater Faughan. Ihm fiel nichts mehr ein, was er mit dem schmalen, hohlwangigen Jungen, der neben ihm in einer Kirchennische vor einem eingehüllten Heiligen stand und zitterte und eine rote Nase und gerötete Backen hatte, noch reden sollte. „Geh jetzt heim“, befahl er, und er bemühte sich, seiner Stimme einen fürsorglichen Klang zu geben. „Wärm dich auf und mach etwas Vernünftigeres, als hier zu frieren und einen beschädigten Heiligen anzuschauen. Deine Eltern warten sicher schon auf dich.“


14  In den dreißig Jahren, in denen die Troubles am heftigsten loderten, galt die nordirische Polizei als gefährlichste Polizeieinheit, in der ein Polizist weltweit dienen konnte. Warum? Weil in diesem Zeitraum im Verhältnis zu ihrer Anzahl mehr Anschläge auf Polizisten in Nordirland verübt wurden als irgendwo sonst auf der Welt.