1. Die Suche nach den nicht-angekommenen Frauen
Von Andreas Abendländer wusste ich nicht das Geringste – bis zum Zeitpunkt, als ich mich auf meine abendliche Suche nach den nicht-angekommenen Frauen machte. Erst da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Andreas Abendländer hat es immer gegeben, und es gibt ihn noch.
Aber der Reihe nach:
Bis zu dem Tag, als die letzte Klinikdirektorenkonferenz in meinem Berufsleben als Universitätsprofessor endete, hatte ich von Andreas Abendländer noch nie etwas gehört. Insofern ist nachvollziehbar, dass ich auch nicht wusste, dass er am 27. November 1932 im Appenzell Innerrhoden, einem winzigen Schweizer Kanton, geboren wurde. Und so konnte ich auch nicht wissen, dass er am 27. November 2022 seinen 90. Geburtstag gemeinsam mit seiner Frau, seinen Töchtern, Schwiegersöhnen und Enkelkindern feiern konnte.
Weil ich all das nicht wusste, ist es selbstverständlich, dass ich auch nicht ahnte, dass die Lebensgeschichte eines gutmütigen und gottgläubigen Traditionalisten aus einem winzigen Schweizer Kanton wegweisend für mich sein würde. Ich hatte auch nicht die geringste Ahnung davon, dass er während seines langen Lebens einige seiner festen Überzeugungen revidieren musste. Unter anderem stellte er im fortgeschrittenen Alter mit zunehmendem Unverständnis – zuletzt fast so groß wie meines – manche Aussagen der Bibel infrage. Etwa den Spruch: „Bitterer als der Tod ist die Frau.“*
Meine Erfahrungen mit dieser zwar fiktiven, aber doch repräsentativen Person zeigten mir einige wichtige Abschnitte des Weges auf, den ich gehen musste, um meine abendliche Suche erfolgreich abzuschließen.
Meine Suche nach den nicht-angekommenen Frauen.
An der Spitze nicht angekommen
Sie kamen schon wieder. Diese quälenden Fragen kamen schon wieder. Am Ende eines erlebnisreichen Tages, der noch dazu für mich biografisch nicht irrelevant war, waren sie wieder da. Es waren Fragen, die jeder kennt. Die jeder kennen muss, denke ich. Wenn aber jemand meint, dass diese und ähnliche Fragen abgedroschen und nervig sind, dann liegt er nicht richtig. Das Thema, das sie ansprechen, berührt „die größte Revolution unserer Tage“, wie Historikerinnen und Soziologen es nennen. Ein Thema, das gerade jetzt Hochkonjunktur hat, obwohl es seit einer Ewigkeit existiert. Es grünt und blüht seit Jahrhunderten. Genauer gesagt, seit fast drei Jahrtausenden. Das wissen wir, weil es schon so lange ein schriftlich dokumentiertes Thema im Abendland ist. Auch, dass es schon Jahrtausende vor Beginn der Schrift existierte, ist gut belegt. Es ist, noch dazu, überall präsent. Und es ist bestimmend für das gesellschaftliche Zusammenleben und den sozialen Frieden. Es geht um die Gleichwertigkeit und die Gleichberechtigung von Frau und Mann. Vielleicht denkt der eine oder die andere, dass die lange Präsenz dieser Fragen zu Gewöhnung, zu Langeweile und zu Routine führt. Doch das Gegenteil ist der Fall! Diese Fragen haben es nämlich in sich: Sie können durch ihre beißende Penetranz neue Erkenntnisse bringen, zu neuer Nachdenklichkeit animieren, auch neue Einstellungen entstehen lassen und möglicherweise zu neuen Haltungen ermuntern. Sie können der Praxis und dem Diskurs zum Thema eine neue produktive Lebendigkeit verleihen. Aber sie können auch Animositäten und Attacken provozieren.
Es war der Abend der letzten Klinikdirektorenkonferenz meines Berufslebens, als ich mir diese Fragen wieder einmal stellte. Sie können auf Sie möglicherweise kryptisch wirken. Aber lassen Sie mich doch diese Fragen hier so wiedergeben, wie sie damals in meinen Kopf kamen. Dann werde ich Ihnen ihren Hintergrund anhand von Erlebnissen erläutern, die ich an einem einzigen Arbeitstag hatte. Die Fragen lauteten:
„Wo sind am Abend die zahlreichen Frauen zu finden, die vormittags so brillierten?
Was ist im Laufe des Tages mit ihnen geschehen?
Sie waren unterwegs, seit langem, das weiß ich. Aber was ist unterwegs geschehen? Warum sind sie nicht da angekommen, wo sie ankommen sollten? An der Spitze! Die Voraussetzungen und das Rüstzeug dazu haben sie doch!“
Sie haben es vermutlich schon erkannt: Diese Fragen zielen nicht nur auf die Frauen meiner Erlebnisse dieses bestimmten Tages, sondern auf all die Frauen aller Tage und der ganzen Welt. Ihre Vermutung ist richtig. Es handelt sich nicht um die Angelegenheit eines einzigen Individuums, sondern um eine Menschheitsangelegenheit. Wie auch immer. Lassen Sie mich den Ablauf und die Erlebnisse des Tages, die mich am Abend dazu veranlassten, mir erneut solche Fragen zu stellen, kurz schildern, um ihren Hintergrund zu erläutern.
8:00 Uhr morgens. Um diese Zeit versammelte sich wie an jedem Arbeitstag das wissenschaftlich-therapeutische Team im Konferenzraum der Universitätsklinik, die ich an diesem Tag noch leitete, zur sogenannten Klinikkonferenz, um mich über die neu aufgenommenen Patienten und den abgelaufenen Nachtdienst zu informieren. Gemeinsam mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern versuchte ich in diesen Konferenzen, Lösungen für entstandene Probleme zu finden. Auch über interessante Fälle oder relevante wissenschaftlichen Publikationen sowie unsere eigenen Forschungsergebnisse wurde berichtet. Von den sieben Berichtenden an diesem Morgen waren sechs Frauen! Kein Wunder! Denn etwa zwei Drittel des vorwiegend ärztlichen wissenschaftlichen Personals unserer Klinik waren weiblich. Wie immer betrachtete ich auch an diesem Morgen mit einer Art väterlichen Stolzes die Leistungen meiner intelligenten, selbstbewussten, tüchtigen und kompetenten jungen Mitarbeiterinnen, die meisten mit Doktortitel, die anderen noch an einer Dissertation arbeitend. Und ich schätzte sehr, wie sie ihre klinischen und akademischen Aufgaben kompetent bewältigten.
„Souveränität in Frauengestalt!“ …
… stellte ich wieder einmal fest; mit einem leichten Lächeln der Zufriedenheit im Gesicht.
„Was für eine gewaltige Entwicklung …“, dachte ich mir dabei nicht zum ersten Mal, „… wenn man bedenkt, dass in Deutschland erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts Frauen die ärztliche Approbation bekommen dürfen!“
In der Tat, souverän und kompetent! Kein Wunder, sie können es mindestens so gut wie die Männer. „Aber mindestens!“, rief uns schon vor 2000 Jahren der alte Plutarch zu, der griechische Philosoph und Schriftsteller des 1. nachchristlichen Jahrhunderts, und zwar aus seinem Buch „Die Tugenden der Frauen“ (S. 427 f.).
10:00 Uhr morgens am selben Tag: Ich hielt meine Vorlesung für fortgeschrittene Semester der Medizin und der Psychologie. Im Hörsaal das mir schon seit langem vertraute Bild: Etwa zwei Drittel der anwesenden Studierenden waren Studentinnen. Die große Mehrheit von ihnen interessierte, lebhaft diskutierende und – nicht ungewöhnlich – beim Examen hohe Leistungen erbringende Studentinnen!
„Was für eine gewaltige Entwicklung“, dachte ich wieder einmal, „… wenn man bedenkt, dass erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts die ersten deutschen Länder begonnen haben, Frauen die Immatrikulation an den Medizinischen Fakultäten ihrer Universitäten zu erlauben, wenn auch das wiederum mit Einschränkungen!“
In der Tat, interessiert und leistungsfähig! Kein Wunder, sie können es mindestens so gut wie die Männer. „Aber mindestens!“, teilte der Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Halle, Professor Johann Juncker, vor fast 300 Jahren dem Alten Fritz – Friedrich dem Großen – anlässlich der erstmaligen Promotion einer Frau mit. Dazu später mehr im Abschnitt „Die Dame in Bronze“ des 9. Kapitels.
16:00 Uhr desselben Tages. Ich nahm an der etwa monatlich stattfindenden Versammlung der Lehrstuhlinhaber und habilitierten Leiter von Kliniken und Instituten der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg teil, der sogenannten „Klinikdirektorenkonferenz“, die regelmäßig etwas entfernt von unserem Klinikkomplex im Hauptgebäude des Universitätsklinikums stattfindet. Und wieder das mir seit langem vertraute Bild: Zu mehr als drei Viertel bestand das versammelte Direktorium aus Direktoren … Ja, aus Männern! Nomen est omen: Das Gremium heißt „Klinikdirektorenkonferenz“. Männerdominanz in Reinkultur!
Aus meiner Tätigkeit an vier verschiedenen deutschen Universitäten, drei davon in leitender Position, ist mir dieses Bild der männlichen Dominanz in den Führungspositionen der Universität sehr vertraut. Und es ist immer noch repräsentativ für ganz Deutschland, und nicht nur für die Medizin, sagen uns die Statistiken.
„Keine gewaltige Entwicklung“, dachte ich wieder einmal, „… wenn man bedenkt, dass in Deutschland das generelle Habilitationsrecht für Frauen seit dem Jahr 1920 (traurig, aber wahr: erst seitdem) besteht! Wie auch immer, das ist wahrlich keine gewaltige Entwicklung auf der Direktoriumsebene, vor allem, wenn man bedenkt, dass mittlerweile Ärztinnen die Mehrheit der Ärzteschaft ausmachen!“
Natürlich, im 21. Jahrhundert durften einige Frauen in der obersten, in der Chefetage einziehen, „dennoch kann von Parität, geschweige denn Proportionalität keine Rede sein“, sagen weiter auch die neuesten Statistiken.
Ich bin ein Mann. Und ich kann die Stiere beruhigen
Also, ich stand wieder vor der Tatsache, dass in der Klinikdirektorenkonferenz wie immer etwa 3/4 Männer saßen, die die Vorgesetzten von etwa 2/3 Akademikerinnen und von nur etwa 1/3 männlichen Akademikern waren. Ja, ich weiß, wir Männer sind die geschlechtsabhängige Personifizierung dieser Asymmetrie. Sind wir aber auch ihr alleiniger Grund? „Fluch nicht auf die Männer, du bist selbst einer“, rief mir dazu Max Frisch aus seinem „Andorra“ zu.*
Ja, ich bin selbst einer. Dass ich ein Mann bin, ist allerdings kein Grund, mich zu schämen. Doch es ist Grund genug, mich introspektiv mit solchen Fragen, wie den oben von mir aufgeworfenen, auseinanderzusetzen. Ich bin selbst einer von denen, die in Zeiten der Männer-Domination, wie die Statistiken und die Realitäten des 20. Jahrhunderts sie widerspiegeln, aufgewachsen ist, studiert und Karriere gemacht hat und an der männerdominierten Spitze sehr gerne Platz nahm. Kein Grund zu moralisieren also. Aber Anlass, differenziert nachzudenken. Dass Mitarbeiterinnen mir irgendwann lobend das Prädikat „gynäkophil“ verliehen haben – in der besten Bedeutung des Wortes, wie es im Abschnitt „Gynäkophilie … was ist das?“ des 9. Kapitels erläutert wird –, ein Attribut, mit dem ich seit langem kokettiere, entlastet mich keineswegs von der kollektiven Last, die wegen der frauenbenachteiligenden Asymmetrie auf den Schultern der Männerwelt liegt.
Aber ich weiß inzwischen auch das: Fragen zur Asymmetrie der Geschlechterproportionen zu stellen, ist so, als ob man dem Stier das rote Tuch zeigt. Die Stiere in der Arena der Geschlechterasymmetrie sind die empörten Anhänger von diversen „Befreiungsbewegungen für Männer“. Das habe ich mittlerweile gelernt. Und ich habe auch Meinungen gelesen wie: „Der Verweis auf die hohe Zahl der männlichen Vorstandsvorsitzenden und männlichen Aufsichtsratsvorsitzenden und männlichen Parteivorsitzenden – an dieser Stelle von weiblichen wie männlichen Feministen quasi rituell vorgebracht – ist reines Blendwerk.“1 Solche „Alpha-Männer“ würden demnach 98 Prozent der berufstätigen Männer nicht repräsentieren. Ich kenne viele solcher Thesen, auch mit stärker munitionierter Polemik, worauf ich später zurückkommen werde.
Ich hoffe, dass ich die Stiere beruhigen kann. Ich habe zwar mit wohlwollendem Interesse den Historikern und Soziologinnen zugehört, die die Auffassung vertreten, dass Feminismus die größte Revolution unserer Tage sei, aber ich bin dennoch kein Feminist … Na ja …, korrekter formuliert: Ich bin dann kein Feminist, wenn mit Feminismus die Bevorzugung der Frauen um jeden Preis gemeint ist, wobei die Männer an die Wand gedrückt werden. Ein Feminismus der Verdammung, der Verunglimpfung und des Lächerlichmachens von Männern ist für mich nicht nur inakzeptabel, sondern auch unqualifiziert. Solange unter dem Dach des Feminismus auch solche Strömungen Platz finden und solange Feminismus nicht nur und ausschließlich Gleichwertigkeit, Gleichberechtigung und gegenseitigen Respekt der Geschlechter anstrebt, werde ich nicht dazugehören. Solange es also nicht der Feminismus ist, den die französische Feminismus-Vorkämpferin Benoîte Groult mit den Worten propagiert, mit denen sie ihr Werk „Ödipus, Schwester“ schließt. Ihr Feminismus „ist nicht hasserfüllt, er ist kaum wütend, […]. Es ist ein Schrei des Lebens. Er ähnelt dem Schrei eines Neugeborenen, bei dem man nicht umhin kann, jedesmal wieder neu zu hoffen“ (S. 203).
Nach dieser Klärung entgehe ich hoffentlich den Schmähungen einiger Männerbewegungsaktivisten, wie etwa: „Der Feminist ist der erlaubte Mann. … Aus Solidarität und Überidentifikation hat er die eigene Ratio außer Betrieb gesetzt … Der Feminist ist aber keineswegs bösartig, es ist nur faul.“2 Und als ein „Opfer der Selbstinstrumentalisierung für Frauen“3, wie Gerhard Amendt konstatiert, werde ich hoffentlich nicht bezeichnet. Und ganz gewiss werde ich Esther Vilar, „die erste Männerrechtlerin der literarischen Szene“ und den „Karl Marx der Männer“* enttäuschen: Ich gehöre nicht zu den „dressierten Männern“, die stark, intelligent, fantasievoll seien und trotzdem von den Frauen ausgebeutet, ausgenutzt und instrumentalisiert würden, obwohl diese schwach, dumm und fantasielos seien.4 Ich denke, dass ich mit einigem Selbstbewusstsein sagen kann: Ich bin kein erlaubter, kein dressierter und kein fauler Mann, der seine Ratio außer Betrieb gesetzt hat. Und ein unkritischer Feminist keineswegs. Aber was bin ich dann?
Ich hoffe, dass meine Mitarbeiterinnen mit dem mir verliehenen Prädikat „gynäkophil“ recht hatten und dass ich es angemessen vertrete. Ja, ich bin ein Gynäkophiler, und ich bekenne mich offen dazu. Korrekter gesagt: Ich habe mich im Laufe meines Lebens zu einem Gynäkophilen entwickelt, so wie wir ihn im Abschnitt „Gynäkophilie … Was ist das?“ des 9. Kapitels definieren und kennenlernen werden. Das habe ich nicht von zu Hause mitgebracht. Im Gegenteil. Ich komme aus einer nicht-unpatriarchalen Umgebung, die sicherlich meine Entwicklung begleitet und zeitweise geprägt hat. Zumindest einen Teil davon. Meine Gynäkophilie musste ich mir erst erarbeiten, sie wurde mir nicht geschenkt. Aber ehrlich gesagt, manchmal habe ich das Gefühl, dass diese tot geglaubte Vergangenheit in mir aus ihrem Grab herauszukommen versucht – auch während meiner langen Recherchen für dieses Buch. Falls Sie ihre Zappeligkeit bemerken, möchte ich Sie um wohlwollendes Verständnis und Entschuldigung bitten.
Wie auch immer, ich hatte den „Muth, mich des eigenen Verstandes zu bedienen“ – nach dem bekannten Schlachtruf der Aufklärung, formuliert von Immanuel Kant in seinem berühmten Zeitschriftenbeitrag „Was ist Aufklärung?“ von 1784. Obwohl er selbst, das sei hier in Parenthese gesagt, in Sachen Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung der Frau nicht den Mut hatte, sich des eigenen Verstandes zu bedienen – wie wir im Abschnitt „Die Frau ist frei geboren …“ des 7. Kapitels sehen werden. Was mich betrifft, so habe ich genau das Gegenteil von dem getan, was der vorher zitierte Männerbewegungsaktivist von den Feministen behauptet: Ich habe meine eigene Ratio nicht außer Betrieb gesetzt, sondern ich habe sie aufgefordert, präziser zu arbeiten. Meine Gynäkophilie ist also eine der Früchte der Aufklärung. Meiner Aufklärung. Und ich fühle mich dadurch nicht im Mindesten entmännlicht.
Jedenfalls führten mir die drei beschriebenen Proportionalitätsvariationen, die ich an einem einzigen Tag am Ende meines fast 40-jährigen Berufslebens an deutschen Universitäten bewusst wahrnahm, abermals die alltägliche Realität vor Augen: Es gibt immer noch keine repräsentative und gerechte Geschlechterproportion von der Basis bis zur Spitze der gesellschaftlichen Pyramide. Das ist nicht nur in der Medizin so, sondern fast überall. Warum nicht?
Zahlreiche Antworten wurden darauf gegeben. Das Mosaik aber, was sie zusammengesetzt ergeben, ist aus meiner Sicht noch unvollendet. Es hat viele Lücken. Ich stellte mir deshalb die Frage: „Kann eine psychologisch-pragmatische Betrachtung der damit verbundenen soziokulturellen Gegebenheiten die Lücken schließen?“ Und ich kam zu dem Schluss: „Ja, sie kann.“ Ich verfolgte diese Spur. Die Spur des psychologischen Pragmatismus. Mit psychologischem Pragmatismus ist die praxisorientierte Erfassung der psychologischen Mechanismen gemeint, die Verhaltensweisen, Attitüden, Haltungen und Motive von Menschen in konkreten Handlungskonstellationen bestimmen.
Allerdings musste ich noch ein paar Schritte weiter machen, um diese Spur aufzunehmen. Die ersten davon machte ich an jenem Abend. Und sie führten mich zu einem Duo: zu einer Heldin und zu einer Front.
Die Frau in Bronze und die Feindfreundlichkeit der Front
Die Begegnung mit der Heldin und mit der Front kam folgendermaßen zustande: Als die Klinikdirektorenkonferenz am Abend zu Ende ging und ich dabei war, das Hauptgebäude des Universitätsklinikums zu verlassen, führten mich meine Schritte im Eingangsbereich an der Bronzebüste einer Frau vorbei. Für viele ist diese Frau ein Vorbild und eine Heldin. Ich muss gestehen, auch ich gehöre zu ihren Verehrern. So hielt ich an diesem Abend bei ihr kurz an, um eine Art stillen Abschieds zu nehmen. Es war voraussichtlich das letzte Mal, dass ich mich in diesem Gebäude aufhalten würde; somit auch die letzte Gelegenheit dafür. Das hat vermutlich dazu beigetragen, dass ich die obigen Fragen, die mich schon früher beschäftigt haben, noch einmal intensiver Revue passieren ließ. Die darauf schon vorher gegebenen Antworten ebenfalls. Antworten, die mal mehr, mal weniger befriedigend oder überzeugend klangen.
Und die Front? Die hat auch mit der Frau in Bronze zu tun. Diese Frau hat nämlich eine faszinierende Geschichte zu erzählen, die sich an einer feindfreundlichen Front abspielte. An der Front der allgemeinen feindfreundlichen Geschlechterbeziehungen. Auch diese Front hat eine lange, sehr lange Historie und viele Geschichten zu erzählen, die wir uns anhören werden. Spannende und hochinteressante Geschichten.
Krieg und Frieden zwischen den Geschlechtern begannen nicht erst mit dem Feminismus des 20. Jahrhunderts. Sie begannen mit dem Beginn des Zusammenlebens der Geschlechter. Feindlichkeit und Freundlichkeit an dieser Front prägen die älteste, noch virulent existierende und sich weiterentwickelnde soziale Menschheitsangelegenheit: die Geschlechterbeziehung. Es ist eine Beziehung, die auch mit der langen Geschichte einer mit Paradoxien bestückten Ambivalenz verbunden ist, über die uns das 5. und 6. Kapitel informieren werden.
Sie merken es schon. Wir sind mitten in der angedeuteten Menschheitsangelegenheit. Und was für eine. Manche behaupten, sie sei die größte aller Menschheitsangelegenheiten überhaupt. Man sagt, dass nichts, „weder Rasse noch soziale Klasse ein Menschenleben so sehr bestimmt wie das Geschlecht“.5
An besagtem Abend habe ich die Entscheidung getroffen, dieses Buch zu schreiben. Am Ende meiner langen Suche nach den Gründen des Nicht-Angekommenseins der Frauen an der Spitze, obwohl sie eindeutig dort zu finden sein müssten, und nach unzähligen Recherchen bin ich soweit. Ich kann Ihnen jetzt dieses Buch vorlegen, in der Hoffnung, dass es einen kleinen Beitrag dazu leisten kann, dass sich weiter und beständig etwas ändert. Mit dem Ergebnis, dass mehr Frauen dort ankommen, wo sie es verdient haben, als das jetzt der Fall ist. An der Spitze. Und mehr als das: Dort wo die Geschlechtszugehörigkeit kein Diskriminierungspotenzial mehr besitzt. Und sogar noch mehr als das: dort anzukommen, wo der Respekt regiert.
So begann also an diesem Abend meine Suche nach den nicht an der Spitze angekommenen Frauen. Ja, ich weiß: So eine Suche wird nur dann erfolgreich, wenn sie nicht Sache eines Einzelnen bleibt, sondern die Angelegenheit von allen – oder zumindest von vielen. Und ich weiß auch, dass der Erfolg der Suche abhängig ist von der genauen Betrachtung der Umstände, die zum Nicht-Ankommen beigetragen haben; aber auch von exakten Kenntnissen über den vermuteten Fundort der Nicht-Angekommenen. Dazu gehört, dass geschichtliche, kulturelle, religiöse, wissenschaftliche und sozial-politische Umstände erkundet und aktuelle soziokulturelle Strukturen in Augenschein genommen werden.
Bei dieser Suche, die keine Sache eines Einzelnen sein soll, möchte ich Sie gerne mitnehmen. So wird „meine“ Suche zu „unserer“. Und außerdem: Ich vermeide damit nach Möglichkeit, in der „Ich-Form“ zu sprechen, die irgendwie narzisstisch klingt. Die „Wir-Form“ dagegen kling bescheidener, solidarisch. Ja, sie bekundet auch auf die eine oder andere Weise eine gemeinsame Sache. Gemeinsames Abenteuer ebenfalls. Nehmen wir dabei zur Orientierung den psychologisch-pragmatischen Kompass in die Hand; der ist unerlässlich. Unsere Suche wird sich, wie schon vorher angedeutet, zu einer Reise entwickeln durch die anthropologischen, kulturellen, historischen, religionsgeschichtlichen, sozialen, politischen und natürlich psychologischen Gegebenheiten, die ihre Finger beim Nicht-an-der-Spitze-Ankommen der Frauen im Spiel haben könnten. Sie markieren nämlich Topografien von möglichen Fundorten. Kein Suchender kommt ans Ziel seiner Suche, ohne sich mit solchen Fundort-Topografien auseinanderzusetzen. Dies werden wir konsequent tun. Der psychologisch-pragmatische Kompass … Ja, der ist wichtig, sehr wichtig sogar. Doch er wurde bisher im Diskurs über die Geschlechtergleichwertigkeit nicht sonderlich häufig benutzt – weder von ihren glühenden Befürwortern noch von den toxisch dagegen Polemisierenden. Auch nicht von den Dazwischenstehenden.
Unsere Suche nach den nicht an der Spitze angekommenen Frauen soll sich allerdings nur auf den abendländischen Kulturkreis beschränken, damit wir uns nicht verlieren in den Labyrinthen der Kulturenvielfältigkeit und unserem Unvermögen, mit allen vertraut zu sein und sie zu verstehen. Alles andere wäre eine Anmaßung, da wir nur ein paar davon kennen, und die auch bloß schemenhaft. Ausgewiesenes Expertentum der abendländischen Kultur besitzen wir sicherlich auch nicht, aber einiges darüber haben wir doch gelernt, es verstanden und erlebt; und wir erleben es immer noch jeden Tag mit.
Die Frau in Bronze im Eingangsbereich des Klinikums der Martin-Luther-Universität, von der ich an diesem Abend Abschied nahm, hat, wie schon angedeutet, eine faszinierende Geschichte zu erzählen. Der werden wir uns später, dann aber aufmerksam und mit großem Interesse, zuwenden. Genauso werden wir uns die Geschichte der feinfreundlichen Front und die Geschichten von Paradoxien und Ambivalenzen anhören. Aufmerksam und mit großem Interesse deshalb, weil „Geschichten die Grundpfeiler menschlicher Gesellschaften bilden“, wie es der Welthistoriker Yuval Noah Harari in seinem Buch „Homo Deus“ feststellt (S. 279).
Wir beginnen mit der Erkundung der feindfreundlichen Front. Dafür sind allerdings manche klärenden Vor-Erkundungen erforderlich, um an die Front und zu den Protagonisten der sich dort abspielenden Dramen zu gelangen, die in den kommenden Kapiteln auf uns warten.
* Dieser biblische Spruch findet sich in „Ekklesiastes“ (Koh. 7, 26), und er wird uns im gleichnamigen Abschnitt des 7. Kapitels beschäftigen. Darüber hinaus wurde er – wegen seiner schlagenden Absurdität, wie ich gestehen muss – zum Titelgeber dieses Buches.
* Der Originalsatz, den ich mir geringfügig zu modifizieren erlaubt habe, heißt „Fluch nicht auf die Andorraner, du bist selbst einer“.
* Als „erste Männerrechtlerin der literarischen Szene“ sei sie von der Kultursendung „Titel, Thesen, Temperamente“ des deutschen Fernsehens tituliert worden, als „Karl Marx der Männer“ vom Kölner Stadtanzeiger – so die Angaben im Vorspann ihres Buches „Der dressierte Mann“.