„Die Rache ist mein; ich will vergelten.“ So sprach der Herr zu seinen Söhnen und Töchtern, wie Andreas Abendländer es in der Bibel gelesen hat, und zwar im Deuteronomium (5. Moses 32:35). Das war Anlass genug für Paulus – auch das weiß Herr Abendländer aus der Bibel –, die Menschen davor zu warnen, selbst Rache zu nehmen. Rache sei nur Sache Gottes, schrieb Paulus, etwa in seinem Brief an die Römer (12:19) und in dem an die Hebräer (10:30). Dass es eine Hybris, eine gotteslästernde Anmaßung ist, wenn Menschen Rache üben, war damit für Herrn Abendländer klar. Deshalb befremdete ihn ein Artikel in einer populären Zeitschrift, den er gerade las. Darin stand, dass in Ur-Ur-Zeiten die Frauen das Sagen hatten und dass sie die Männer tyrannisierten. Und dass seitdem die Männer die Frauen hassen, gegen sie rebellierten, sie unterwarfen und sie aus Rache bis heute benachteiligen. Aber diese Lektüre hat Herrn Abendländer nicht überzeugt, sondern viele Fragen bei ihm aufgeworfen.
„Rache?“, überlegte Herr Abendländer. „Aber doch nicht im christlichen Abendland! Das verbietet das Alte ebenso wie das Neue Testament. Dass die Frau Untertanin des Mannes sein muss, das ist von Gott so bestimmt. Das steht in der Bibel, und das hat sich auch bewährt. Derjenige, der von Rache des Mannes gegen die Frau spricht, aber auch von der Frau, die keine Untertanin des Mannes sei, hat vom Wort Gottes keine Ahnung. Und übrigens, auch dieses Gerede, dass nämlich der Mann von heute den Rachefeldzug der Männer der grauen Vorzeit gegen die Frauen fortsetzt, verstehe ich nicht. So ist es keinesfalls. Ich selbst hege doch nicht die geringsten Rachegefühle gegenüber Frauen. Warum auch? Ich liebe die Frauen meiner Familie, und ich respektiere alle meine Nachbarinnen. Ebenso wie alle Männer unserer Gemeinde, die ich kenne.“
Herr Abendländer konnte selbst noch nicht ahnen, an welchem Punkt er mit diesen Gedanken richtig lag und an welchem nicht. Jedenfalls war er von der Richtigkeit der Bibel felsenfest überzeugt. Dass er damit zwar keinen Rachefeldzug, aber einen fragwürdigen diskriminierenden Mythos zu Lasten der Frauen akzeptierte, war ihm zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst.
Ist Physik auch auf die Geschlechterbeziehungen anwendbar?
Wie kam es dazu, dass Männer Frauen diskriminieren? Tun sie das, weil sie die Frauen tatsächlich hassen? Nun, Diskriminierung von Frauen war keineswegs immer da. Es hat lange gedauert, meint die anthropologische Forschung, bis es zu der Gesellschaftsordnung kam, die durch die Herrschaft des Mannes und die Diskriminierung der Frau gekennzeichnet war. Es war ein langer Weg, den der Mensch bis dahin gegangen ist. Genauer gesagt, war er vorher lange 2,5 Millionen Jahre unterwegs. Alles begann damals mit dem Ausbruch aus dem Käfig des Affenseins, des Pithekus, womit aus dem Australopithecus ein Homo, ein Mensch, wurde. Unterwegs machte er viele Verwandlungen durch, bis er schließlich vor etwa 200.000 Jahren zu seiner heutigen Art wurde, die er – mit einem bewundernswerten hohen Selbstwertgefühl – „die weise Menschenart“ nennt: „Homo sapiens“. Vor etwa 70.000 Jahren begann dieser Homo sapiens mit dem Aufbau von komplexen Strukturen, die man Kultur nennt. Während all dieser langen Jahre, den a-kulturellen und den kulturellen, gingen der weibliche und der männliche Mensch diesen Weg Seite an Seite, in einem komplementären Zusammenleben. Sie gingen den Weg zusammen. Bis vor kurzem – vermutlich bis vor etwa 10.000 bis 12.000 Jahren. Aber dann hat der weise Mensch es geschafft. Er hat es geschafft, eine konsequenzenreiche Anomalie zu etablieren. Konsequenzenreich, weil sie zu einem der größten Missverständnisse und zu einem der langlebigsten Irrtümer der Menschheitsgeschichte geführt hat: Zum Patriarchat. Alias Androkratie. Zur Hegemonie des Mannes – inklusive Herrschaft des Mannes über die Frau und ihre Diskriminierung.
Als „eine kurze Anomalie, einen Irrweg“ in der Menschheitsgeschichte bezeichnen Carel van Schaik, der niederländische Professor der Anthropologie an der Universität Zürich, und Kai Michel, der deutsche Historiker und wissenschaftliche Publizist, das Patriarchat (2021a, S. 28). Aber dem Patriarchat gelangt es, den Menschen diese Anomalie, diesen Irrweg, d. h. die patriarchale Verirrung, als Normalzustand zu verkaufen (S. 602). Die Dauer dieses Irrweges wird auf ein bis zwei Prozent der Gesamtentwicklungsperiode der Menschheit geschätzt27 – also etwa die vorher erwähnten 10.000 bis 12.000 Jahre. Es war die Zeit, in der der Mensch sesshaft wurde und allmählich begann, Land und Vieh zu besitzen. Man könnte auch sagen, Sesshaftigkeit und Besitz machten die Frau zur Untertanin des Mannes. Diese Zeitspanne der Unterdrückung der Frau ist eine sehr kurze Strecke auf dem langen Evolutionsweg des Menschen – sowohl in seiner biologischen als auch kulturellen Form. Aber ein sehr lang andauernder Schmerz für den weiblichen Menschen.
Allerdings müssen wir mit der Bezeichnung „Anomalie“, wie sie van Schaik und Michel für das Patriarchat verwenden, in diesem Zusammenhang doch etwas vorsichtig sein. Wörtlich bedeutet das griechisch-stämmige Wort „Anomalie“ „unebene Oberfläche“. In der allgemeinen Sprache wird damit die Abweichung vom Normalen gemeint. Das ist gewiss auch in der obigen Verwendung durch die Anthropologie so gemeint. Aber gerade in den biologischen Wissenschaften, etwa Medizin, Anatomie, Embryologie etc., wird als Anomalie in der Regel die Abweichung eines Organs, eines Körpergliedes oder einer Funktion vom Normalen bezeichnet, bei der man eine genetische Ursache annimmt. Und genau wenn das geschieht, wenn nämlich eine genetische Bedingtheit angenommen wird, könnten manche eine Missdeutung der obigen Bezeichnung Anomalie im Zusammenhang mit dem Patriarchat im Sinne des Naturgegebenen kreieren. Doch die Suche nach einem geschlechtsgebundenen Superiorität-Inferioritäts-Gen, das die hässliche Anomalie Patriarchat bzw. Androkratie verursacht, wird vergeblich sein. Es gibt keins. Dazu sind die Erkenntnisse der Wissenschaft weitgehend eindeutig. Patriarchat bzw. Androkratie sind nicht naturgegeben, sondern menschengemacht.
Doch wie kam es dazu? Die Meinungen zur Entstehung und Etablierung eines androkratischen Gesellschaftssystems gehen weit auseinander. Dies ist unter anderem deshalb verständlich, weil seine Wurzeln bis in die Tiefe der Äonen reichen, in denen es noch keine Schrift oder sonstige verlässliche Dokumentation gab. Trotzdem mangelt es nicht an Theorien. Eine der populärsten davon, die letzten Endes den angeblichen Hass des Mannes gegen die Frau erklären soll, besagt Folgendes: Das Patriarchat habe ein Ur-Matriarchat abgelöst. Allerdings so wie in der Physik: Aktion ruft Reaktion hervor. In Anwendung der Aktions-Reaktions-Theorie auf die Beziehungen der Geschlechter wird behauptet (hier im Voraus kurz skizziert, später ausführlicher): Ein prähistorisches Ur-Matriarchat habe existiert. Das Patriarchat sei die Reaktion darauf gewesen.
So, oder so ähnlich, lautet seit Mitte des 19. Jahrhunderts bis zu unseren Tagen die hartnäckigste These der Urmatriarchatstheoretiker. Sie wurde von Johann Jakob Bachofen im Jahr 1861 in die Welt gesetzt und geistert seitdem durch das Schrifttum sowie die Parolen von manchen Matriarchatsgläubigen. Diese These besagt, dass in Ur-Ur-Zeiten, lange vor der Androkratie, lange vor der Herrschaft des Mannes in der Gesellschaft und seiner Dominanz in der Familie also, eine Gynäkokratie herrschte. Mit anderen Worten: Vor dem Patriarchat habe es ein Matriarchat gegeben.*
Die Frauen hatten demnach die totale Macht. Die herrschenden Frauen hätten irgendwann angefangen, die geknechteten Männer zu tyrannisieren. Aber es sei die Zeit gekommen, in der die Geknechteten rebellierten, das Matriarchat stürzten und das Patriarchat installierten. Die Verneinung der Gleichwertigkeit der Geschlechter und die Abwertung der Frau seien demnach die Reaktion der sich aus ihrer Knechtschaft befreienden Männerwelt gegen die sie tyrannisierenden Herrscherinnen gewesen. Und so entstand die Saga von einem – hauptsächlich prähistorisch – aktiven Matriarchat und dem reaktiv nachfolgenden Patriarchat. Es sei also eine Art von Rachereaktion der endlich aus der Tyrannei der Frauenwelt ausgebrochenen Männerwelt gewesen.28 Die Rachereaktion der Männer der Jungsteinzeit, des Neolithikums, dauert demnach bis heute an.
Zuerst sei gesagt, dass mit dem Begriff „Matriarchat“ zwar die Herrschaft der Frauen gemeint ist, dass aber Feministinnen und Antifeministen häufig Unterschiedliches darunter verstehen. Deshalb hat die britische Frauenhistorikerin Margaret Ehrenberg, Autorin des Werkes „Die Frau in der Vorgeschichte“, folgende Formulierung vorgeschlagen, die allgemeine Akzeptanz verdient (S. 72): „Als Matriarchat müsste eine Gesellschaft definiert werden, in der Frauen den Männern nicht nur gleichberechtigt sind, sondern wo sie Kontrolle, Macht und Herrschaft über sie ausüben.“
Auch das Patriarchat wird unterschiedlich definiert, wohl abhängig auch von Intentionen und Einstellungen der Definierenden. Betrachten wir das etwas ausführlicher – es ist ja unser Hauptthema. Griffig und zutreffend, die bisherige Realität widerspiegelnd, scheint die Definition, die uns der Historiker Yuval Noah Harari in seinem Werk „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ liefert (S. 188): „Ein Patriarchat ist eine Gesellschaft, die männliche Eigenschaften mehr schätzt als weibliche. Sie bringt Männern bei, männlich zu denken und zu handeln, und sie bringt Frauen bei, weiblich zu denken und zu handeln. Wer die Grenzen zwischen den Geschlechtern nicht respektiert, wird bestraft. Doch wer sich an die Regeln hält, wird nicht unbedingt belohnt. Menschen, die das Weiblichkeitsideal erfüllen, stehen in der Regel unter Menschen, die das Männlichkeitsideal erfüllen. Die Gesellschaft investiert weniger Ressourcen in ihre Gesundheit und Bildung und spricht ihnen weniger wirtschaftliche Möglichkeiten, weniger politische Macht und weniger Bewegungsfreiheit zu.“ Spätestens seit der landwirtschaftlichen Revolution – vor etwa 10.000 Jahren – hätten menschliche Gesellschaften Männern einen höheren Stellenwert beigemessen als Frauen (S. 188).
Carel van Schaik und Kai Michel definieren das Patriarchat als eine „patriarchale Matrix“ (in Anlehnung an den Filmklassiker „The Matrix“) – die sie „Patrix“ nennen. Die patriarchale Matrix im Sinne der Autoren „reduziert die Diversität der Welt auf eine binäre Grundstruktur, die den Frauen nur ein begrenztes Set an Rollenmodellen erlaubt, ihnen eng umrissene Handlungsfelder eröffnet und den Zugang zu vielen Bereichen verwehrt. Sie ist es, die den Frauen das Gefühl gibt, in einer verkehrten Welt zu leben, denn die Patrix ist die verkehrte Welt. Sie liefert den ideologischen Rahmen, die Legitimation für Unterdrückung, Ausbeutung und Gewalt. Somit führt die verzerrte Wirklichkeit zu verzerrtem menschlichem Verhalten“ (2021a, S. 31). Die Definitionen von Harari und van Schaik und Michel sind substanziell weitgehend ähnlich, aber aus zwei unterschiedlichen Perspektiven. Doch letztlich beschreiben sie das Gleiche: Das Patriarchat, die Androkratie als absolute Herrschaft des Mannes, die sich auch auf die Frau ausdehnt, und zwar in dem Sinne, dass der Mann Kontrolle und Macht über sie ausübt, mit Diskriminierung und Ausbeutung als Konsequenz.
Nun aber, ist es tatsächlich so gewesen, wie die Matriarchatsgläubigen seit dem 19. Jahrhundert bis heute behaupten? Dass nämlich früher (wann?) die Frauen in einer für sie heilen Welt, in der des Matriarchats, lebten? Und dass die Entstehung des Patriarchats eine Reaktion auf die mächtige weibliche Hegemonie war? Wurden tatsächlich die befreiten Sklaven der Gynäkokratinnen zu Androkraten? Und die Sklaven zu Herrschern, die Herrscherinnen zu Sklavinnen? Eine verführerische Theorie, muss man sagen. Und leicht zu verstehen. Sehr leicht. Die Überpräsentation der Mythologie in der Gestaltung der Urmatriarchatstheorie – pas-send gedeutet – macht sie zugänglich und anschaulich. Dass ein Patriarchat bzw. eine Androkratie existierte und noch existiert, ist seit Beginn der schriftlichen Geschichte der Menschheit in Stein gemeißelt bzw. schwarz auf weiß dokumentiert. Aber ist das auch so mit einem Ur-Matriarchat bzw. mit einer Ur-Gynäkokratie? War das wirklich jemals so? Ja, sagen Anhängerinnen und Anhänger der Thesen von der jungsteinzeitlichen Gynäkokratie bzw. vom Matriarchat. Solche alten Ideen sind für sie noch nicht entaktualisiert, obwohl die seriöse Wissenschaft sie als „unhaltbar“ abqualifiziert.29
Wir müssen uns diese Aktions-Reaktions-Theorie etwas näher anschauen. Nicht nur, weil diese Theorie einmal sehr einflussreich war und auch in unseren Tagen noch die eine oder den anderen fasziniert. Sie ist darüber hinaus eine Theorie, die Anlass zu weiteren Theorien wie auch mystischen, mythischen und esoterischen Spekulationen gab und noch gibt.
Ist Rache der Grund für die Verneinung der Gleichwertigkeit der Geschlechter?
Am Anfang solcher Theorien stand der schon erwähnte Johann Jakob Bachofen – ein Schweizer Jurist, Richter am Kriminalgericht, Kommunalpolitiker und für kurze Zeit auch Professor für römisches Recht an der Universität Basel, aber vor allem Privatgelehrter. Im Jahr 1861 publizierte er sein Buch: „Das Mutterrecht: eine Untersuchung über die Gynaikokratie der alten Welt nach ihrer religiösen und rechtlichen Natur.“ Mit „Mutterrecht“ und „Gynaikokratie“ meinte Bachofen das, was der spätere, damals noch nicht eingeführte Begriff „Matriarchat“ umfasst. Der Begriff „Patriarchat“ wurde ebenfalls später in Zusammenhang mit den Geschlechterbeziehungen gebracht.*
Bachofen wurde zu seinen Mutterrechtstheorien vom Mythos der Isis und des Osiris inspiriert, so wie ihn Plutarch, der griechische Gelehrte des 1. nachchristlichen Jahrhunderts, in seinen „Moralia“ erzählt hat (Bd. 1, S. 612 f.). Sich größtenteils auf die griechische Mythologie stützend – und auf die sehr spärlichen historiografischen, leider nicht in allen Punkten zuverlässigen Quellen, etwa Herodots „Historien“ – kreierte Bachofen seine Theorie der prähistorischen Entwicklung der Geschlechterbeziehungen. Sie besagt in groben Zügen Folgendes:
Kern der Geschlechterbeziehungen sei „das bewegende Prinzip des gynaikokratischen Weltalters“ (S. 1). Am Anfang dieses „gynaikokratischen Weltalters“ habe der „Hetärismus“ (vom griechischen „Hetära“, etwa die Kurtisane) gestanden. Es sei „die Zeit der Aphrodite“ – nach der griechischen Göttin des Eros – gewesen, in der die Institution Familie unbekannt gewesen sei. Die Menschen sollen während dieser langen Phase in schrankenloser Promiskuität gelebt haben; Ehe und Eigentum seien ihnen unbekannt gewesen. Die Abstammung habe unter diesen Umständen nur matrilinear, d. h. nur nach der Blutsverwandtschaft der Mutter, verfolgt werden können; der Vater sei ja schwer identifizierbar gewesen. Aus demselben Grund sei für die Kinder die ihnen bekannte Mutter die oberste Autorität gewesen. Auf die „Zeit der Aphrodite“ folgte – so Bachofen weiter – die „Zeit der Demetra“, nach der griechischen Göttin der Landwirtschaft benannt. In dieser Zeit habe sich die Agrikultur entwickelt, und deren Folge sei der Beginn von Familie und Sesshaftigkeit gewesen. Die Macht der Frau sei zu dieser Zeit aber noch deutlicher zum Vorschein gekommen, und damit sei die Gynäkokratie verstärkt und institutionalisiert worden. Dies sei auch eine religiöse Zeit gewesen; die Religiosität der Frau habe ebenfalls als Verstärker der Gynäkokratie gewirkt, denn die Frau sei immer religiöser und frömmer als der Mann. Gegen Übergriffe oder sexuellen Missbrauch von Seiten des Mannes habe sich die Gynäkokratin zu wehren gewusst: Das „Amazonentum“ sei entstanden. Dies sei die wehrhafteste und aggressivste Form der Gynäkokratie gewesen. Das Amazonentum sei mit „blutiger Rache“ und erbarmungsloser Bekämpfung des Mannes verbunden gewesen (S. 42).
Nun aber habe die Entwicklung vom nomadischen Leben zur Sesshaftigkeit und von der Promiskuität zur Monogamie auch eine „Reife der Völker“ bewirkt, deren Resultat die Ablösung des „Mutterrechts“ (der Gynäkokratie also) durch das „Vaterrecht“ (wie Bachofen die Androkratie bzw. das Patriarchat nennt) gewesen. Die Gynäkokratie habe sich so durch ihre blutrünstige Entwicklung selbst ihren Untergang bereitet (S. 232). Der springende Punkt bei der „Reife der Völker“, die zur Ablösung der Gynäkokratie durch die Androkratie geführt haben soll, sei die Überwindung des „Weiblich-Stofflichen“ und die Durchsetzung des „Männlich-Geistigen“ gewesen. Bachofen meinte damit in Anlehnung an den erwähnten Isis-Osiris-Mythos von Plutarch: Weiblich-stofflich sei die weibliche Natur als Gefäß und Stoff der Schöpfung (repräsentiert von der Göttin Isis). Männlich-geistig sei die männliche Natur als Zeugungskraft (repräsentiert durch den Gott Osiris). Die männliche Natur sei somit die Überlegene. Folgerichtig habe die so entwickelte maskuline Superiorität die feminine Inferiorität überragt und letztlich abgelöst. Doch der befreite Mann habe aufgrund seiner Superiorität nach der Errichtung des androkratischen Patriarchats und zur Befestigung seiner Macht nicht mit einer primitiven, blutigen Form von Rache reagiert, das Amazonentum imitierend, sondern auf eine zivilisierte, viel raffiniertere Art: mit Gesetzen. Das naturalistische Recht der Gynäkokratie, „ius naturalis“, sei durch das gehobene Zivilrecht, „ius civile“, der Androkratie abgelöst worden (S. 177 und viele weitere Seiten). Ein gehobenes, ein zivilisiertes Zeitalter sei mit Beginn der Androkratie angebrochen. In der Antike habe das patriarchale zivile Gesetz im römischen Recht seine Vollendung gefunden.
„Der Geist ist männlich“ – das habe Bachofen also entdeckt, wie der Berliner Religionswissenschaftler und Ethnologe Hartmut Zinser süffisant bemerkt (S. 10 f.). Bachofen war mit der Ablösung des angeblich primitiven Matriarchats durch das angeblich gehobene Patriarchat und vor allem mit dessen Etablierung und Fortsetzung bis in die Neuzeit hinein sehr zufrieden. Er wollte keineswegs eine Emanzipation der modernen Frau von der männlichen Überlegenheit. Er hatte auch keine solche Befürchtung. Die maskuline Superiorität, und damit auch das Patriarchat, war effektiv geschützt und beschirmt durch das ius civile.
Erstaunlich, dass die im 19. Jahrhundert mit Bachofen entstandene Theorie vom Ur-Matriarchat und vom reaktiven Patriarchat so viele Anhänger gefunden hat und teils immer noch hat; insbesondere Anhängerinnen aus den Kreisen der Feministinnen bzw. Hyperfeministinnen.* Allerdings sind nicht alle Matriarchatsgläubigen mit Bachofens Zufriedenheit über das androkratische Zivilrecht und die Überlegenheit des Männlich-Geistigen einverstanden. Sie sehen darin vielmehr den Anfang eines Übels – eine Meinung, die nicht nur von manchen Matriarchatsaktivistinnen, wie Heide Göttner-Abendroth, die wir noch mehrmals treffen werden, vertreten wird. Auch der Sozialistenführer August Bebel war dieser Auffassung. Ernest Borneman, der sonst vorwiegend sexualpsychologisch tätige Autor des umfangreichen Werkes „Das Patriarchat“, betrachtet ähnlich wie Bebel „Privateigentum, Klassengesellschaft, Erniedrigung der Frau, Unterdrückung des Kindes“ als die Folgen dieser „neolithischen Revolution“ (S. 10), womit die angebliche Ablösung des Matriarchats durch das Patriarchat gemeint ist. Er sieht durch den Einzug des Patriarchats die „größere Humanität“ des Matriarchats verschwunden (S. 77). Verloren gegangen seien auch gerechte und – trotz des Matriarchats – gleichberechtigte Geschlechterbeziehungen (S. 78). Die Antwort auf die Frage jedoch, wie die Dominanz eines Geschlechts, gleichgültig ob im Matriarchat oder im Patriarchat, mit Gleichberechtigung und Isokratie**, gleichverteilter Partizipation der Geschlechter an Macht und Privilegien also, vereinbar ist, bleibt uns Ernest Borneman schuldig.
Eindeutig hervorzuheben ist allerdings Folgendes: Die Matriarchatstheorie lässt die wissenschaftliche Überprüfbarkeit und faktengestützte Belastbarkeit vermissen. Das ist die Meinung von erstzunehmenden Forscherinnen und Forschern sowie anderen weiblichen und männlichen Intellektuellen, die der Matriarchatstheorie sehr kritisch oder gar kategorisch ablehnend gegenüberstehen. Einigen davon werden wir anschließend begegnen. Wenn aber die Matriarchats-Patriarchats-Theorie die wissenschaftliche Überprüfbarkeit und faktengestützte Belastbarkeit vermissen lässt – und vieles spricht dafür –, dann kann die Frage, ob Rache der Grund für die Verneinung der Gleichwertigkeit der Geschlechter seitens der Männerwelt sei, mit einem eindeutigen „Nein“ beantwortet werden.
Hat die Entstehung des Patriarchats die Zivilisation gebracht?
Ich muss gestehen, dass Bachofens Werk keine leichte Lektüre für mich war. Im Gegenteil. Sie war schwierig, obwohl ich dabei die Hilfe von Werken mancher Expertinnen und Experten als Unterstützung dankbar in Anspruch genommen habe und Bachofens Buch in der Herausgabe von Hans-Jürgen Heinrichs (1997) gelesen habe, der versucht hat, „die originäre labyrinthische Denk-, Sprach- und Formenwelt zu erhalten, sie aber so weit zu reduzieren, dass möglichst nicht nur Spezialisten den Gang über die ersten Seiten hinaus fortsetzen“ (S. VII). Ich brauche also nicht zu verbergen, wie ich mich freute, als ich feststellte, dass sogar Spezialisten ihre Probleme mit dieser Lektüre hatten. Bachofens Werk wird von ihnen als „mystisches“ Buch bezeichnet, halb Dichtung, halb Wissenschaft, schwierig zu lesen und von „sprödem Zugang“, voll von Widersprüchen, Wiederholungen und Abschweifungen, und es gehöre wohl zu jenen Werken, die zwar berühmt sind, aber kaum gelesen werden.30 Oder wie die Darmstädter Professorin und Frauenhistorikerin Elke Hartmann es ausdrückt: „Die Lektüre des Buches ist eine Strapaze“ (2004, S. 8); aber obwohl „es eigentlich unlesbar ist, hat es eine enorme Resonanz erfahren“ (ebd., S. 6). Und in den Worten des Berliners Professors für Rechtsgeschichte Uwe Wesel liest sich das so: „Auch später, als das Buch berühmt geworden war, wird es nur wenige gegeben haben, die, wenn sie darüber sprachen, oder vielleicht sogar, wenn sie darüber schrieben, es auch gelesen hatten“ (S. 18). Auf jeden Fall ist es merkwürdig, dass ein solch fragwürdiges und schwieriges Werk jahrzehntelang einen so großen Einfluss hatte und heute noch manche Feministinnen und Feministen inspiriert.
Einige Matriarchatsanhängerinnen folgen den erwähnten Theorien allerdings mit einem wohldosierten kritisch-skeptischen Enthusiasmus. Ihre Skepsis oder gar Kritik betrifft vor allem die These, dass die Ablösung des Matriarchats durch das Patriarchat ein Fortschritt gewesen sei. Als beispielhaft dafür kann die schon erwähnte Matriarchatsaktivistin Heide Göttner-Abendroth gelten. Einerseits schreibt sie, dass Bachofen „großartige Arbeit geleistet“ habe, andererseits begegnet sie speziellen Aspekten seiner Arbeit (etwa was die Superiorität des Mannes und die männlich-geistigen Anfänge der Zivilisation betrifft) kritisch.31
Nichtsdestotrotz, eines steht fest: Bachofens Buch hat eine lebhafte und kontroverse Diskussion eröffnet.32 Ein Phänomen scheint dabei besonders bemerkenswert: Ganz unterschiedliche politische und weltanschauliche Gruppierungen, von Kommunisten bis zu Nationalsozialisten, von konservativen Neoromantikern bis zu modernen Hyperfeministinnen, konnten sich der Idee vom Matriarchat gewinnbringend bedienen. Somit dient das Matriarchat immer noch als Projektionsfläche für aktuelle Vorstellungen von der Geschlechterordnung.33
Die wichtigste, wenn auch indirekte Unterstützung für Bachofens Theorien lieferte Lewis Henry Morgan, der amerikanische Anthropologe und Mitbegründer der Ethnologie, mit seinem Buch „Ancient Society“ aus dem Jahr 1877, als „Die Urgesellschaft“ ins Deutsche übersetzt. Die Sensation: Bachofens theoretische Konstrukte, die sich aus der fernen Vergangenheit der Menschheit speisten, seien noch in der Gegenwartspraxis anzutreffen. Sie seien noch in zeitgenössischen Gesellschaften, wenn auch in relativ kleinen und abgegrenzten, vorhanden. Morgan führt als Beleg seine eigene Beobachtung an, dass bei den Irokesen-Indianern im Staate New York, in dem er lebte, Matrilinearität herrsche; d. h., der Stammbaum eines Kindes habe die Form einer einfachen Linie, die nur über die Verwandtschaft der Mutter gehe. In solchen matrilinearen Gesellschaften gebe es keine Zentralinstanz, sondern kollektive Führung und Ur-Kommunismus. Allerdings war Morgan wohl nicht der Erste, der über die Matrilinearität der Irokesen berichtete, sondern vor ihm bereits der jesuitische Missionar Lafitau – so stellt es etwa Elke Hartmann fest (2004, S. 5).
Wie auch immer, Morgan verallgemeinerte seine Beobachtungen und beschrieb drei Entwicklungsstufen der menschlichen Urgesellschaft – ebenfalls sehr tief in dunkle prähistorische Zeiten greifend. Die von ihm beschriebenen Entwicklungsstufen beinhalten jeweils mehrere Unterstufen, mit denen wir uns aber nicht aufzuhalten brauchen. Die erste der drei Hauptentwicklungsstufen sei die „Wildheit“ gewesen, gefolgt von der „Barbarei“, die dann von der „Zivilisation“ abgelöst worden sei (S. 8). Während des Zeitalters der Wildheit sollen Promiskuität, Ur-Kommunismus und Matrifokalität geherrscht haben, d. h., die Mutter habe im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Ordnung gestanden. Die Gruppenehe mit Zentrierung auf die Mutter habe die ganze Periode der Wildheit dominiert und bis tief in die Periode der Barbarei existiert, die mit der Erfindung der Töpferkunst angefangen habe (S. 11). Es habe in der Barbarei-Periode gemischte Strukturen im Geschlechterzusammenleben gegeben, z. B. Mann mit vielen Frauen, Frau mit vielen Männern, Geschwisterehen etc. Dann aber sei dieser eher matriarchalen Epoche die patriarchale Zeit gefolgt, die mit der Erfindung des phonetischen Alphabets begonnen habe – der Lautschrift also, mit der Laute wiedergegeben werden (S. 11). Es habe zuerst polygame, dann aber monogame und patrifokale, vaterzentrierte Strukturen also, gegeben. Mit der patriarchalen Ordnung sei auch die Periode der Zivilisation eingeläutet worden (S. 323 f.). Die Zivilisation ist nach Morgan also männlich. Diese Ansicht ist durchaus ein Äquivalent zu Bachofens „männlich-geistigem Weltalter“. Allerdings wurden Ethnologinnen und Ethnologen der späteren Zeit, die weitere matrilineare Gesellschaften entdeckten, nicht müde zu betonen, dass Matrilinearität keineswegs Matrifokalität bedeutet; sie impliziere auch keine Mutterherrschaft. Denn Männer übten demnach auch in matrilinearen Gesellschaften die Macht aus, während die Frauen es trotz Matrilinearität schlecht hatten, sehr schlecht sogar.34
Die frühen Kommunisten aber waren sehr angetan von Bachofens, vor allem von Morgans Theorien. So entstand schon im Jahre 1884 Friedrich Engels Buch „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“. Bezeichnenderweise trägt es den Untertitel „In Anschluss an Lewis H. Morgan’s Forschungen“. Engels kommentiert ausführlich auch Bachofens Ansichten, eher positiv als skeptisch, und die von Morgan weitgehend positiv, dessen Buch er, strukturiert zusammengefasst, breit kommentiert. Friedrich Engels Engagement erklärt möglicherweise, warum die Idee des Urzeit-Matriarchats eine so große Zustimmung in der marxistischen Literatur der sozialistischen Länder fand, bis in die Achtzigerjahre des 20. Jahrhunderts hinein.35 Der Frühsozialist August Bebel, Morgans und Engels Ideen folgend, führte die Ursprünge der Frauenunterdrückung auf die Entstehung des Privateigentums und auf den Ausschluss der Frauen von produktiver Arbeit – und auf ihre ökonomische Abhängigkeit vom Mann – zurück.36
Die heutige seriöse Wissenschaft hält es für wahrscheinlicher, dass es einen gehobenen Stellenwert der Frau, örtlich und zeitlich begrenzt und variierend, gegeben haben könnte, der eine gleiche Partizipation der Geschlechter an der Macht, eine Isokratie also, ermöglichte. Eine solche mutmaßliche Gleichberechtigung mit Beteiligung beider Geschlechter an Macht und Privilegien – in begrenzten Regionen für begrenzte Zeit –, ist demnach weit entfernt von einer allumfassenden Frauenhegemonie. In diesem Sinne schlussfolgern Carel van Schaik und Kai Michel: „Das mitunter verwendete Etikett ,matriarchal‘ im Sinne von Frauenherrschaft ist also fehl am Platz“ (2021a, S. 191). Man kann auch nur schwer Yuval Noah Harari widersprechen, wenn er in seinem Buch „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ feststellt, dass eine Form von Hierarchie im Gegensatz zu anderen durch die Jahrhunderte in allen bekannten Gesellschaften eine zentrale Rolle gespielt hat: die Hierarchie der Geschlechter (S. 180). Und weiter, noch wichtiger: „In jeder Gesellschaft gibt es Männer und Frauen, und in jeder, aber auch jeder Gesellschaft werden Männer gegenüber Frauen bevorzugt“ (S. 181). Wobei dies wohl für die Gesellschaften der letzten 10.000 bis 12.000 Jahre gilt.
Diejenigen, die noch heute an der „Matriarchat-erzeugt-Patriarchat-Theorie“ festhalten, müssen sich einige kritische Fragen gefallen lassen. Etwa: War eine alle Kulturen der Welt umfassende Reaktion der Männerwelt auf ein mutmaßliches unterdrückendes Matriarchat zu dieser ur-archaischen Zeit möglich? Ist eine weitgehend gleichförmige Reaktion einer jungsteinzeitlichen Männerwelt ohne Globalisierungsmöglichkeiten denkbar? Auffällig ist zum Beispiel, bemerkt der gerade zitierte Historiker Yuval Noah Harari, dass schon vor der Ankunft der Europäer auf dem amerikanischen Doppelkontinent – der „Neuen Welt“ – die meisten dortigen Gesellschaften patriarchal organisiert waren, genauso wie in der „Alten Welt“ – Europa, Asien und Afrika –, obwohl die „Neue Welt“ jahrtausendelang keinen Kontakt zum Rest der Welt hatte. Wenn das Patriarchat in der „Alten Welt“ aus einem zufälligen Ereignis resultierte, warum praktizierten dann auch die Azteken und Inkas eine patriarchale Gesellschaftsordnung? (2018, S. 190). Mit anderen Worten: Ist es realistisch anzunehmen, dass fast alle Kulturen des Planeten, auch die die keinen Kontakt miteinander hatten, hochentwickelte ebenso wie einfach strukturierte, unabhängig voneinander und etwa zur gleichen Zeit ein übereinstimmendes, schablonenhaftes Reaktionsmuster – das Patriarchat – gegen ein vermeintliches unterdrückendes Matriarchat entwickelten?
Kritische Fragen. Berechtigte Fragen. So wie auch die Frage, ob es sich letzten Endes bei der Theorie „aktives globales Matriarchat erzeugt reaktives globales Patriarchat“, um eine „neue Mythologie“ handelt, die sich nach ihrem „Sezieren“ durch fundierte Wissenschaft doch als reine Fantasie entpuppt?37 Man kann davon ausgehen, dass seriöse Wissenschaft uns Folgendes unmissverständlich vermittelt: Das Matriarchat ist ein Mythos, der aus Männerfantasien entsprungen ist und „den wir beiseite räumen müssen“, so wie etwa Carel van Schaik und Kai Michel es sagen (2021a, S. 203). Insofern kann die Frage, ob die Zivilisation mit dem Untergang des Matriarchats und dem Aufstieg des Patriarchats begonnen hat, mit einem eindeutigen „Nein“ beantwortet werden.
Die Frauen von fernen Sternen, die Männer Mutanten?
Paradoxerweise haben Matriarchatsspekulationen im 20. Jahrhundert eine neue Blütezeit erlebt – vor allem in Rahmen der Neuen Frauenbewegung der 1960er- und 1970er-Jahre und gefördert vor allem von hyperfeministischen Autorinnen. Die Blüten sind noch nicht völlig verwelkt. Es gibt sogar im 21. Jahrhundert noch enthusiastische Anhängerinnen, trotz vernichtender Kritik von vernunftgeleiteten Vertreterinnen der aktuellen Frauenbewegung. Auf vielen Ansichten von „Matriarchatsforscherinnen“ lastet heute der Vorwurf, Rassismus, Totalitarismus und Elitarismus sehr nahe zu stehen. Und darüber hinaus mystifizierend und mythologisierend zu sein.38
Als „‚Ur-Autorin‘ der neuen Matriarchatsforschung“ – wie sie von Martina Schäfer tituliert wird (S. 14) – gilt die amerikanische Bibliothekarin Elisabeth Gould Davis. Ihr Buch „Am Anfang war die Frau“ wurde von begeisterten Anhängerinnen oft als eine Art Bibel der (damaligen) Neuen Frauenbewegung und des Matriarchatsdiskurses gefeiert. Als Grund dafür postuliert etwa Martina Schäfer, darin sei endlich formuliert, dass Frauen die ersten Menschen waren – vor allen Dingen die besseren.39
Gould Davis Ansichten werden durch zwei Leitgedanken gekennzeichnet. Erstens: Der heutige Mensch sei ein „Wiederholer“ – d. h., dass es jede Entdeckung, die er mache, und jede Erfindung, die er entwickele, schon in einer vergessenen früheren Kultur gegeben habe. So eine Kultur vermutet sie in einer Zeit vor Zehntausenden oder sogar Hunderttausenden von Jahren. Und zweitens: In alten Zeiten, und zwar bis weit in die geschichtliche Ära hinein – die mit der Geschichtsschreibung beginne –, sollen Frauen eine dominierende Rolle gespielt haben. Die Frau sei es, die den Keim der verlorenen Kultur bewahrt und zur zweiten Blüte gebracht habe. „Das Primat der Göttinnen über Götter, der Königinnen über Könige, der großen Matriarchinnen, die den Mann erst gezähmt und dann umerzogen haben“, all das seien Hinweise auf das Bestehen einer einst gynäkokratischen Welt, in der „Friede, Gerechtigkeit, Fortschritt, Gleichheit ihren Part mit geübter Perfektion spielen“ (S. 7–9). Dies sei eine Kultur, die sich über die ganze Erde erstreckt habe (S. 13).
Es habe damals eine intelligente gemeinsame Sprache gegeben, die ihren Ursprung im Nordischen, und zwar im Subarktischen gehabt habe (S. 15). Gould Davis suggeriert weiter, dass diese Kultur von hochintelligenten Wesen mitgebracht worden sei, die vor Zehntausenden von Jahren (bewiesenermaßen, wie sie meint) den nördlichen Polarkreis, die Antarktis, Afrika, Australien und die Inseln Ozeaniens kartografiert haben sollen. Und, schön politisch korrekt in den Mythen von den „primitiven“ Völkern verpackt, findet sich auch das: Die „wunderbaren Fremden“ gehörten einer „blauäugigen, golden- oder rothaarigen Rasse“ an (S. 19). Es ist nicht zu überlesen, dass sie einen „nördlich-subarktischen“ oder gar extraterrestrischen Ursprung der hohen weiblich dominierten Zivilisation suggerieren möchte. Und so entstand, zusätzlich zum Verdacht des rassistischen Gedankengutes, auch der Vorwurf: „Keine andere feministisch-matriarchale Autorin [sei] in Vorgehensweise und Stil so nahe an ,Kosmoautoren‘ à la Erich von Däniken herangekommen wie sie.“40
Der erste irdische Mensch sei die Frau gewesen, so Gould Davis weiter. Der Mann sei ein Mutationsprodukt. „Die ersten Männer waren Mutanten, Missgeburten, hervorgerufen durch einen Genschaden, der vielleicht durch eine Krankheit oder ein Strahlenbombardement von der Sonne verursacht wurde“ (S. 27). Aber die unzufriedenen, eifersüchtigen Männer, die mit ihrer zweitrangigen Stellung in der Gesellschaft nicht mehr zufrieden gewesen seien, „stürzen den königlichen Thron und nehmen die Königin gefangen“. Damit seien auch Demokratie, Frieden und Gerechtigkeit gestürzt worden. Mit dieser „patriarchalen Revolution“ habe der Mann zum ersten Mal triumphiert, und ein dunkles Zeitalter habe begonnen (S. 9).
Die von Martina Schäfer so genannte Ur-Autorin der neuen Matriarchatsforschung verdreht auch die Geschichte. Etwa wenn sie behauptet, „zumindest in der abendländischen Welt ist der Kult von der weiblichen Unterlegenheit ein Ergebnis unserer jüdischenchristlichen Erziehung“ (S. 340). Nein, das stimmt nicht. Das 7. Kapitel dieses Buches wird uns etwas anderes berichten. Man fragt sich auch, wie sie so etwas wie das Folgende schreiben konnte: „Im aufgeklärten Griechenland wurden die Jungen und Mädchen in gleicher Weise erzogen und auf eine gleiche geistige Betätigung im späteren Leben vorbereitet“ (S. 342). Ihre Intention bei solchen Äußerungen ist es, den Kontrast zwischen dem vorchristlichen Griechenland und dem „Würgegriff der Kirche“ in der christlichen Welt, in der die Frauen „von ihren Vätern und Brüdern als geistig minderwertig angesehen wurden“ deutlich zu machen (ebd.). Es gab in der Tat einen Unterschied zwischen dem „aufgeklärten Griechenland“ und dem „Würgegriff der Kirche“. Aber nicht so einen. Warten wir bis zum 7. Kapitel, um dies ebenfalls deutlich zu machen.
Doch eine Frage drängt sich in diesem Zusammenhang: Wieso konnten Feministinnen des fortgeschrittenen 20. Jahrhunderts von so einem zusammenfantasierten Konstrukt begeistert sein? Und es zu ihrer Bibel erklären? Ein Grund könnte die vorher bereits zitierte Erklärung von Martina Schäfer sein, dass nämlich darin endlich formuliert sei, dass Frauen die ersten Menschen waren und vor allem die besseren.
Führte der Untergang der weiblich-göttlichen Welt zum Aufstieg des minderbemittelten Mannes?
Zu den produktivsten Gläubigen der Matriarchatsidee um die Jahrhundertwende und zu Beginn des 21. Jahrhunderts gehört wohl die schon zitierte Heide Göttner-Abendroth, die darüber eine Reihe von Büchern geschrieben und auch eine „Akademie für Matriarchatsforschung“ gegründet hat. Ihre Arbeit erfuhr zuerst eine beachtliche Popularität, die auch in der Nähe ihrer Positionen zur ökologischen bzw. ökofeministischen Bewegung begründet liege, so etwa Martina Schäfer (S. 141 f.). Sie betone immer wieder die angebliche Lebens- und Naturfreundlichkeit in matriarchalen Gesellschaften. Wie eine Art von Glaubensbekenntnis und Kompass für das Matriarchat mutet Göttner-Abendroths Buch „Der Weg zu einer egalitären Gesellschaft“ an, in dem sie eine matriarchale Gesellschaftsordnung nach dem vermeintlichen archaischen Ur-Vorbild als den effektivsten Weg zu einer egalitären Gesellschaft propagiert (S. 6–63). Nicht wenig befremdlich wirkt dabei ihr Entwurf von zukünftigen Gesellschaftsordnungen und -formen, die entschieden weiter gehen als die Vorstellungen der Erfinder des Mutterrechts bzw. der Gynäkokratie. Demnach würden die Menschen in einer zukünftigen matriarchalen Gesellschaft in matrilinearen Clans leben, in denen „freie Liebeswahl“ (S. 20) und „Besuchsehe … auf die Nacht begrenzt“ herrsche. Das heiße, „matriarchalische Männer leben nicht bei ihren Gattinnen oder Geliebten, in deren Clan sind sie nur zu Gast. Ihr Zuhause ist das Clanhaus der Mutter“ (S. 21). Im Matriarchat herrsche außerdem eine „perfekte Basisdemokratie“ (S. 37). Mystisch-esoterisch könnten in den Ohren von vielen manche der religiös-spirituellen Grundsätze des entworfenen zukünftigen Matriarchats klingen, wie zum Beispiel dieser: „Für sie [die matriarchalen Kulturen] gibt es keine transzendente Gottheit außerhalb der Welt, sondern die Welt selbst ist göttlich, und zwar weiblich göttlich“ (S. 47). Eine ausführliche Kritik der Werke und der Aktivitäten der Akademie von Heide Göttner-Abendroth, worauf wir hier aus Überfrachtungsgründen verzichten müssen, kann der interessierte Leser bei der schon zitierten Martina Schäfer finden – nach eigenem Bekunden früher eine Anhängerin, jetzt jedoch eine scharfe Kritikerin der Matriarchatstheorien und noch heute aktiv in der Frauenbewegung (S. 141–181).
Entschieden weiter als Bachofens und Morgans Ansichten, die wir in den vorangegangenen Abschnitten dieses Kapitels kennengelernt haben, gehen auch andere matriarchatsaffine Thesen, wie zum Beispiel die der österreichisch-amerikanischen Autorin Josefine Schreier, gelernte Fotografin. So etwa ihre These: Aufgrund von paläo-anthropologischen Schädelfunden „dürfen wir schließen, dass überlegene, herrschende Frauen einer anderen Rasse angehörten als die Männer, die ihnen untertan waren“ (S. 28). Jahrzehnte später kam endlich von vernunftgeleiteten Repräsentantinnen der Frauenbewegung Kritik an einer solchen „rassisch“ untermauerten Matriarchatsideologie. „Da stand es schwarz auf weiß […], dass alles Übel dieser Welt vom angeblich ,rassisch‘ minderbemittelten Mann ausgeht. Ohne ihn – so die Aussage – wären alle Frauen qua Geburt ,Göttinnen‘“ – schreibt die bereits mehrfach zitierte Autorin Martina Schäfer, eine von Vernunft geleitete Repräsentantin der Frauenbewegung, diese und ähnliche Thesen als abwegig bezeichnend (S. 21). Sie wirft den so schreibenden Autorinnen und Autoren vor, mit ihren Texten zu „verunklaren“ und zu „mystifizieren“ (S. 17). Und sie kritisiert bei den Thesen mancher „Matriarchatsforscherinnen“, wie etwa den zitierten Autorinnen Elisabeth Gould Davis und Josefine Schreier, die inhaltliche und vor allen Dingen strukturelle Ähnlichkeit ihrer Texte mit autoritären und rechtslastigen Texten. Die rühre „abgesehen von der Quellenlage auch von dem Anspruch her, eine politische Weltanschauung prähistorisch absichern zu wollen und somit den eigenen Auffassungen den Anschein der nicht zu hinterfragenden Wahrheit zu geben“ (S. 68 f.). Auch die Annahme einer „weiblich göttlichen“ Welt sprengt nach Ansicht der seriösen Wissenschaft nicht die Grenzen von Mutmaßungen, Deutungen, Glauben, Ideologie und Mythenbildung. Ebenso wenig wie die anderen populären Matriarchatshypothesen zu den Dramen der Steinzeit und Vor-Steinzeit. Mit anderen Worten: Zum Thema wird viel spekuliert, ideologisiert, imaginiert, doch kaum etwas bewiesen.
Und dann sind da auch noch diese prähistorischen Artefakte. Vor allem die aus dem Jungpaläolithikum. Sie werden zum Beleg des Ur-Matriarchats und des reaktiven Patriarchats als angeblich zuverlässige Zeugen herangezogen. So etwa weibliche Statuetten bzw. Figurinen (eigenwillig als Venus- oder Große-Göttin-Statuetten tituliert), die nicht wie stumme, sondern wie vielsagende – und vor allem top-glaubwürdige – Zeuginnen des untergegangenen Matriarchats behandelt werden. Manche Autorinnen und Autoren haben keine Schwierigkeiten damit, sie als Zeugen einer solchen Theorie zu akzeptieren und zu präsentieren.41 An der Spitze eines vermuteten Ur-Zeit-Pantheons stehe eine „Große Göttin“ als unwiderlegbare Zeugin matriarchaler Herrschaft. Rosalind Miles drückt es sogar poetisch aus: „Am Anfang, als die Menschheit aus der Dunkelheit der Vorgeschichte aufbrach, war Gott eine Frau“ (S. 38). Diese Ur-Göttin sei „autonom, von betonter Sexualität und stark“ gewesen, „eine absolute Gottheit, die der menschliche Verstand nur ungenügend zu definieren vermag“, so Shahrukh Husain (S. 6).
Sagenhafte Selbstüberzeugung! Woher dieses unerschütterliche Wissen? Kritische Expertinnen meinen dagegen, dass die Annahme einer Ur-Göttin als „Große Göttin“ vielmehr eine Sache des Glaubens als des Wissens sei. „Ein Phantasma, ein sehr mächtiges Phantasma, das sich erstaunlich hartnäckig gegen alle Formen der Kritik behauptet“, sagt die französische Frauenhistorikerin Nicole Loraux (S. 56). In der hellenischen Religion der Griechen und Römer setzte der Oberste Gott Zeus (lat. Jupiter) sein Götterkabinett paritätisch zusammen – sechs männlichen standen sechs weibliche Gottheiten gegenüber; und was für mächtige und erhabene Göttinnen. Alles ausführlich nachzulesen etwa in Hesiods „Theogonie“ sowie „Werke und Tage“. Dennoch, die Lage der Frauen im Allgemeinen war in Griechenland und Rom trotz der Geschlechtergleichstellung im Götterkabinett und trotz der mächtigen Göttinnen schlecht, sehr schlecht sogar. Dass es so war, ist ein Faktum, historisch felsenfest dokumentiert. Es handelt sich also um Wissen, nicht um Glauben. Die paritätische Besetzung im Himmel symbolisierte erwiesenermaßen im Allgemeinen keine paritätische Partizipation von Mann und Frau auf Erden. Und doch sollen die Steinzeit-Frauenfigurinen nach Meinung der Matriarchatsgläubigen nicht nur paritätische Partizipation, sondern sogar weibliche Hegemonie bezeugen? Von den Frauen-Figurinen auf eine prähistorische Frauenhegemonie zu schließen, sei kaum zu rechtfertigen, sagen Expertinnen und Experten und warnen vor solchen Wagnissen. Es sei so, als ob zukünftige Forschende nur die unzähligen Darstellungen der Jungfrau Maria zur Verfügung hätten, um die Geschlechterbeziehungen in der christlichen Welt zu bewerten. Sie würden sehr beeindruckt sein von der schier endlosen Zahl sowie der Vielfalt von Formen und Arten der Marien-Darstellungen und -Huldigungen. Würden diese postulierten zukünftigen Forschenden nach dem gleichen Prinzip handeln wie die kritisierten unkritischen Matriarchatsanhängerinnen, dann würden sie daraus schließen, dass sie Zeugen eines blühenden Matriarchats während der zweitausendjährigen kirchlich dominierten Zeit im Abendland seien – so eine Diskrepanz zur Realität wäre nicht zu überbieten.42 Die katholische Kirche, das „Fort Knox des Patriarchats “, um einen Ausdruck von Carel van Schaik und Kai Michel zu verwenden (2021a, S. 15), wäre dann ein Paradies weiblicher hegemonialer Herrlichkeit.
Man kann zusammen mit der renommierten feminismusaffinen Frauenhistorikerin Gerda Lerner resümieren: „Bis in die jüngste Zeit beschränken sich die vorgelegten Beweise für diese Position [die Existenz des Ur-Matriarchats] auf eine Kombination aus Archäologie, Mythos, Religion und Funde von zweifelhafter Bedeutung, die durch Spekulationen in einen Zusammenhang gebracht wurden“ (S. 49). Der Theorie vom Ur-Matriarchat erteilt sie eine deutliche Absage.
Auch das Heranziehen von Mythen ist wenig hilfreich. So etwa, wenn sorgsam ausgewählte Mythen eigenwillig als Reflexionen von Reminiszenzen der Menschheit aus ihrer Matriarchatsepoche der grauen Vorzeit gedeutet oder gar als Beweise dafür gehandelt werden. Mythen sind keine Beweise. Mythen liefern uns zwar wertvolle Botschaften aus der Vergangenheit, vor allem moralisch-ethischer Natur, aber keine faktengestützten wissenschaftlichen Beweise. Doch der Ur-Matriarchatsglaube stützt sich größtenteils auf Mythen. Repräsentativ dafür können die Thesen von Josefine Schreier, der uns schon bekannten extremen Anhängerin des Matriarchatsglaubens, sein: „Wenn wir wissen wollen, wie einst unsere Ahnen ihr tierisches Wesen ablegten und zivilisierte Menschen wurden, können wir dies nur aus den Mythen über diese Vergangenheit erfahren. Die Mythen sind das wichtigste Material, aus dem wir die Rückschlüsse über die Urzeit ziehen“ (S. 9).
Nach Lektüre von solchen und ähnlichen Werken hat man wenig Schwierigkeiten, die Feststellung der uns inzwischen gut bekannten früheren Anhängerin und jetzt Kritikerin der Matriarchatstheorie Martina Schäfer zuzustimmen: Matriarchatsgläubige Autorinnen, wie die vorher zitierten, „schreiben uns buchstäblich in die Steinzeit zurück“ (S. 14).
Die Herkunft der Frauen von fernen Sternen und die Entstehung des Mannes aus einer schlechten Mutation, die frühere Existenz von untergegangenen weiblich-göttlichen Welten und verlorenen Paradiesen weiblicher Herrlichkeit werden durch Mythen nicht aus der Dunkelheit der Unbegründbarkeit ins Licht der real-existierenden Wirklichkeit gehoben. Auch die von den Matriarchatsanhängerinnen als Beleg herangezogenen Amazonen-Mythen können das nicht.
Von Russland bis Brasilien und Simbabwe
Die Amazonen-Mythen seien das Gynäkokratie-Paradigma der Ur-Gesellschaften schlechthin, heißt es. Dennoch: Das Wissen über die Amazonen ist nicht wissenschaftlich belastbar genug, um die Annahme einer in prähistorischen und früh-historischen Zeiten weitverbreiteten Gynäkokratie bzw. eines Matriarchats zu stützen. Das meinen die Expertinnen und Experten. In diese Richtung geht etwa der Tenor des Spezialbuches von Manfred Hammes „Die Amazonen“ oder der ausführliche diesbezügliche Beitrag der renommierten amerikanischen Mythenforscherin und Altphilologin Mary Lefkowitz in ihrem Buch „Die Töchter des Zeus“ (S. 17–35).
Sieht man sich die seriöseren Erzählungen an, dann sind die Amazonen als absolute Gynäkokratinnen keineswegs zwingend erkennbar. Es entsteht eher das Bild von Teilnehmerinnen einer gewissen bzw. partiellen Geschlechter-Isokratie, d. h. wie schon vorher erläutert, einer gleichberechtigten Beteiligung von Mann und Frau an Macht und Privilegien, vor allem oder auch ausschließlich, was kriegerische Aktivitäten anbelangt. Schauen wir uns die wichtigsten davon in den Mythen und in den Geschichten in der Geschichte an. Schon seit prähistorischen Zeiten kreierten die Griechen die Amazonen-Mythen.
Die Amazonen waren demnach zwar ein tapferes Frauenheer, unbesiegbar aber waren sie nicht. Griechische Helden wie Herakles, Theseus, Achilleus oder Bellerophon besiegten die martialischen Frauen. Die erste schriftliche Überlieferung über die Amazonen finden wir in Homers Ilias. Dort erwähnt er nur in zwei Versen die Amazonen, die in Phrygien einfielen, als „mit dem Mann gleichwertige“ bzw. „gleichtapfere“ (3. Gesang, V. 189 f.). Und in nur einem weiteren Vers erzählt er von den Amazonen als Invasorinnen in Lykien, die aber von einem einzigen Mann, Bellerophon, besiegt wurden (6. Gesang, V. 186). Brisant dabei: Lykien im Südwesten Kleinasiens, in das die Frauen-Kavallerie der Amazonen einfiel, wird von Herodot als das einzige von Frauen dominierte Land der Welt im Altertum beschrieben. Das würde bedeuten, ein Frauenheer überfiel den angeblich einzigen frauendominierten Staat.
Wie auch immer, vom berühmten Kampf zwischen Achilles und Penthesília, der Königin der Amazonen, erzählt Homer kein Wort. Arktinos von Milet soll in seinem verloren gegangenen Werk „Äthiopis“ im 8. vorchristlichen Jahrhundert als Erster darüber gedichtet haben.43
Aber erst aus nachchristlichen Zeiten (3.–4. Jahrhundert) ist eine dichterische Darstellung der Episode erhalten: Der griechische Dichter Quintus von Smyrna (Quintus Smyrnäos) dichtet über sie ausführlich im ersten Buch seiner „Posthomerika“ (V. 888–981).
Die mythologische Dichtung „Argonautika“ von Apollonios Rhodios, alexandrinischer Dichter des 3. vorchristlichen Jahrhunderts, dichtete den Amazonen eine göttliche Herkunft an. Ihr Vater sei der Kriegsgott Ares (lat. Mars) gewesen und die Mutter die Nymphe Harmonia – Ares eigene Tochter, die er mit der Ehebrecherin Aphrodite gezeugt hatte. Die Amazonen werden von Apollonios als unfreundliche Frauen dargestellt, die keinerlei Recht kannten, die wilde Gewalt und Krieg liebten und die in keiner festen Behausung wohnten (2. Gesang, V. 985–1000).
Außerhalb der reinen Mythologie und mythologischen Poesie war offensichtlich der griechische Historiker Herodot im frühen 5. vorchristlichen Jahrhundert der Erste, der in einer Mischung von Historia, Geografie, Mythologie und Folklorismus über die Amazonen berichtete. Sein Bericht gehört zu den Geschichten in der Geschichte.
Herodot erzählt in seinen „Historien“ (4, 110 f.), dass die Amazonen – nach einer Schlacht mit Griechen, bei der sie in Bedrängnis geraten waren – eher zufällig nach Skythien kamen. Skythen und Amazonen mischten sich, wobei die Initiative von Seiten der skythischen Männer ausging („Jeder [junge Skythe] nahm die zur Frau, mit der er zuerst zusammengekommen war“, 4, 114). Skythen und Amazonen wanderten gemeinsam ost-nordwärts in die heutige Süd-Ukraine und Süd-Russland aus. Herodot erzählt uns unter anderem, wobei er sich hauptsächlich auf die Beziehung von Amazonen und Skythen konzentriert: „Sie reiten zur Jagd mit und ohne Männer, ziehen in den Krieg und tragen die gleiche Kleidung wie die Männer […]. Bei ihrer Verheiratung besteht folgende Sitte: Nicht eher darf eine Jungfrau heiraten, bevor sie nicht einen Feind getötet hat. Manche werden alt und sterben, ohne sich zu vermählen, weil sie das Gesetz nicht erfüllen konnten“ (4, 116 f.).
Spätere Autoren nahmen Herodots Erzählungen auf und schmückten sie mit alten und neuen Sagen aus. So berichtet Hippokrates, der „Vater der Medizin“, der vom späten 5. bis zum frühen 4. vorchristlichen Jahrhundert gelebt hat, im 17. Kapitel seiner Abhandlung, in der er die Wirkung von Land und Umwelt auf die Gesundheit darstellte („Über Lüfte, Gewässer und Örtlichkeiten“), in Bezug auf das skythische Volk der Sauromaten (dazu gehörten die Amazonen nach der Heirat mit den jungen Männern aus diesem Volk): „Die Frauen dieses Volkes reiten, schießen mit dem Bogen und werfen mit dem Speer von den Pferden herab und kämpfen mit den Feinden, solange sie Jungfrauen sind. Sie legen ihre Jungfrauschaft aber nicht ab, bevor sie drei Feinde getötet haben, und heiraten nicht eher, als bis sie die bei ihnen gebräuchlichen Opfer gebracht haben. Die Frau aber, die sich einen Mann gewonnen hat, hört dann auch auf mit Reiten, solange nicht die Notwendigkeit eines allgemeinen Heereszuges sie ruft“ (S. 150 f.).
Zu den „Geschichten in der Geschichte“ gehören auch die Darbietungen des griechischen Schriftstellers Diodoros Sikoullos (Diodoros von Sizilien) aus dem 1. vorchristlichen Jahrhundert. Er erzählt in seiner „Historischen Bibliothek“ eine Menge über die Amazonen, darunter manches Absurde. Nur am Rande sei hier bemerkt, dass es zutreffender gewesen wäre, wenn er seine Bücher „Sammlung von einigen nur fast historischen Ereignissen und vielen Fantasie-Mären“ genannt hätte.
Diodoros von Sizilien erzählt unter anderem auch über die Errichtung eines großen Amazonenreiches in Libyen (so wurde von den Griechen das damals bekannte Afrika genannt), das sogar viel älter gewesen sei als das Amazonenreich in Skythien. Das afrikanische Amazonenreich habe sich bis zu den heutigen kanarischen Inseln ausgedehnt und glorreiche Kriege mit dem mythischen Atlantis, mit Ägypten und mit sämtlichen nordafrikanischen Stämmen geführt (3. Buch, Kapitel 52 f.).
Der Amazonen-Experte Manfred Hammes berichtet amüsant und informativ über Amazonen-Kuriositäten, die sich lange nach Diodoros ereignet haben sollen, so etwa die folgende:
Fast zwei Jahrtausende später glaubten christliche Missionare und Abenteurer, Überbleibsel der nordafrikanischen Amazonen des Diodoros, von denen man glaubte, dass sie irgendwann in Richtung südliches Afrika ausgewandert seien, im heutigen Simbabwe entdeckt zu haben. Und damit nicht genug: Spuren eines davon unabhängigen Amazonenzweiges seien in Peru und Brasilien gesichtet worden, in Amazonien (S. 122–124).
All das kann vermutlich Männer- und Frauenfantasien erregen und auch anregen. Expertinnen und Experten sind sich freilich einig darüber, dass spärliche archäologische Funde (da ein Frauenskelett mit Schwert und Pfeilen, dort das eine oder andere Grab, das eventuell einer Kriegerin gehört haben könnte) zwar als Fantasie- und Spekulationserreger ausreichen, aber nicht als belastbare Beweise für ein historisch real existierendes, gynäkokratisch regiertes Amazonen-Großreich. Das fast unendliche Sammelsurium von sich widersprechenden und kaum glaubwürdigen Legenden kann die faktengestützte Wissenschaft nicht ersetzen, nicht einmal im Bereich der Mythologieforschung. So argumentieren etwa die treffliche Mythenforscherin Mary Lefkowitz (S. 16–35) oder auch Manfred Hammes, um nur zwei von vielen Kritikern der These von einem historisch beweisbaren gynäkokratischen Amazonenreich zu erwähnen. Amazonen als unerschütterliche Zeuginnen eines untergegangenen gynäkokratischen Reiches müssen leider dort bleiben, wo sie auch hingehören: im Reich der Mythen.
Niemand hat ein Recht auf Patriarchat
Auch eine weitere Information aus Herodots „Historien“ wird verwendet, um die Matriarchatstheorie zu bekräftigen. Über eine der vielen Ethnien, die er beschreibt, die Lykier, sagt Herodot:
„Einen Brauch aber pflegten sie für sich, der sich sonst nirgends auf der Welt findet: Sie nennen sich nach ihren Müttern, nicht nach den Vätern. Fragt man einen Lykier nach seiner Herkunft, dann nennt er den Namen seiner Mutter und zählt ihre weiblichen Vorfahren auf. Wenn eine Frau aus dem Bürgerstande Kinder mit einem Sklaven hat, gelten sie als Freigeborene. Wenn aber ein freier Bürger, mag er auch noch so hochstehen, eine fremde Frau oder eine Nebenfrau unterhält, bleiben seine Kinder ohne bürgerliche Ehrenrechte“ (1, 173).
Dies wird von den Anhängern des Ur-Matriarchats als Beleg für ihre Überzeugungen angeführt. Dafür taugt dieser Bericht Herodots jedoch nicht. Es wird dabei nämlich ignoriert, dass er selbst diesen Brauch der Lykier ausdrücklich als kuriose und einzige Ausnahme von der Regel, „die sonst nirgends auf der Welt zu finden ist“, beschreibt. Darüber hinaus berichtet er, dass auch im matrilinearen Lykien Männer freie, angesehene und hochstehende Bürger im Staate sein konnten. Es ist kaum anzunehmen, dass diese Information Herodots über die matrilineare Weitergabe des Namens – von ihm als absolut singulär und kurios bezeichnet –, die dann von späteren Autoren übernommen und wiederholt wurde, ausreicht, um eine den Globus umfassende Gynäkokratie als prodromale Phase der Androkratie zu belegen.
Wie auch immer, seriöse Archäologie und Anthropologie beklagen einen Mangel an Beweisen, die eine prähistorische oder frühhistorische flächendeckende Frauenhegemonie stützen könnten. Auch nicht für eine Frauentyrannei mit weltweiter brutaler Unterdrückung des Mannes im Sinne von Bachofens „Amazonentum“. Dies alles deutet darauf hin, dass das Ur-Matriarchat ein wissenschaftlich nicht begründbarer Mythos bleibt. Trotzdem. Das Unbegründbare begründet die Haltung vieler feministischer bzw. hyperfeministischer Matriarchatsanhängerinnen. Dies wiederum erweckt durchaus scharfe Kritik auch von vernunftgeleiteten Repräsentantinnen der Frauenbewegung. Nicht nur von feministischen Wissenschaftlerinnen, sondern auch von anderen engagierten Akteurinnen der Frauenbewegung. So etwa von Martina Schäfer, Autorin des Buches „Die Wolfsfrau im Schafspelz“. Ihre Kritik ist besonders bemerkenswert, nicht nur weil sie scharfsinnig ist, sondern weil sie selbst in früheren Jahren nach eigenen Bekundungen Anhängerin der Matriarchatstheorie war. Sie kritisiert, dass sich „ein großer Teil der Bilderwelten und Theorien, die mit dem Schlagwort ,Matriarchatsforschung‘ umrissen werden, aus dem völkischen und Herrenmenschen-Gedankengut der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert“ ableite. „Einige Ansätze der Matriarchatsforschung haben Aspekte mit den ideologischen Schriften der Nationalsozialisten selbst gemein“ (S. 18 f.). Sie stellt fest, dass die Matriarchatsforschungstheorien zwar zum Teil auch eine emanzipatorische Frauen-Utopie kolportierten, aber gleichzeitig würden sie den antiemanzipatorischen Ballast aller möglichen Ideologien des 19. und 20. Jahrhunderts in sich tragen. Letzten Endes handele es sich dabei um rückwärts gewandelte Utopien und Sehnsüchte nach einer für die Frauen heilen Welt, allerdings totalitär und autoritär gefärbt (S. 19–23).
Nichtsdestotrotz. Herodots Erzählung über die Frauen des kleinen Lykiens genügt zwar nicht, um eine weltumfassende Ur-Gynäkokratie zu belegen, reicht aber dennoch zusammen mit Berichten der neuzeitlichen Ethnologie aus, um etwas noch Wichtigeres zu zeigen: Die Möglichkeit der Existenz nämlich von nicht-androkratischen bzw. von isokratischen Gesellschaften, die diese Berichte beinhalten.44 Deren Existenz hat eine nicht zu unterschätzende Bedeutung – auch dann, wenn sie nur regional oder epochal begrenzt waren. Dass nämlich solche Gesellschaften existieren können, auch wenn sie nicht weltweit verbreitet waren bzw. sind, zeigt die Möglichkeit sozialen Zusammenlebens ohne Androkratie. Ohne Androkratie bedeutet jedoch nicht automatisch mit Gynäkokratie. Das heißt mit anderen Worten: „Patriarchat ist kein Schicksal.“ Wir machen uns damit die Worte von Carel van Schaik und Kai Michel zu eigen (2021a, S. 184).
Und wir ziehen daraus die Schlüsse: Kein Mensch hat das Recht auf ein Patriarchat. Genauso wie: Kein Mensch hat das Recht auf eine geschlechtsbedingte Hegemonie. Gleichwohl: Kein Mensch muss und darf wegen seines Geschlechts Untertan sein. Anders formuliert: Es gibt keine naturgegebene geschlechtsbedingte Unterwerfung.
Die Tatsache, dass das Patriarchat kein Schicksal ist, führt zu der gravierenden psychologischen Konsequenz: Was nicht Schicksal ist, ist vermeidbar, korrigierbar und umkehrbar. Die Vermeidbarkeit, die Korrigierbarkeit und die Umkehrbarkeit der Annahme einer Ungleichwertigkeit der Geschlechter, die nicht mehr als schicksalhaft betrachtet wird, ist eine spannende Angelegenheit, der wir uns im 9. Kapitel ausführlich zuwenden werden. Dort wird deutlich gemacht, dass androkratische Verhaltensmuster und patriarchales Gehabe nicht angeborene, sondern erlernte Attitüden sind. Und was erlernbar ist, ist auch verlernbar – das sagt uns die Verhaltenspsychologie. Im Voraus kann hier angedeutet werden, dass das „Unlearn Patriarchy“, mit dem die Dringlichkeit des Verlernens von patriarchalen Verhaltensmustern so aufmerksamkeitswirksam von Lisa Jaspers und ihrem Autorenteam ins Bewusstsein der Öffentlichkeit katapultiert wurde,45 verhaltenspsychologisch möglich ist. Und noch dazu im Voraus: So ein Verlernen haben hauptsächlich die Frauen selbst initiiert und gelenkt und lenken es immer noch – und zwar die Paradigma-Frauen und die Kämpferinnen. Sie haben den Beweis erbracht, dass das Patriarchat in der Tat kein unabänderliches Schicksal ist. Damit verlieren die folgenden Sätze von Kübra Gümüşay, einer Autorin des gerade zitierten Werkes, zwar nicht ihren Gehalt: „Wer das Patriarchat verlernen möchte, unternimmt einen Aufbruch ins Ungewisse. Verlässt das Bekannte zugunsten des Unbekannten. Und das Unbekannte, es ist noch nicht. Es wird erst“ (S. 24). Aber es zeigt doch bereits die prinzipielle Verlernbarkeit von patriarchalen, androkratischen Verhaltensweisen.
Mit einem letzten Aspekt der Urmatriarchatstheorie müssen wir uns aber doch noch kurz beschäftigen. Mit dem Aspekt der Rache.
Der Homo ekdiketicus als Patriarch?
Was ist mit „Homo ekdiketicus“ gemeint? Der Begriff „Ekdikese“ kommt aus dem Griechischen und bezeichnet den Versuch von jemandem, außergerichtlich, sozusagen auf eigene Faust, Gerechtigkeit für erlittenes Unrecht – reales oder vermeintliches – zu üben. Rache ist dabei das Hauptmotiv. Zur Erfassung eines solchen Sachverhaltes wurde der Begriff Ekdikese in die forensische Psychiatrie – den Zweig der Psychiatrie, der sich mit der psychischen Problematik von gerichtlich angeklagten Menschen beschäftigt – eingeführt.46
Marschiert also der Mann durch die Jahrtausende der Androkratie als ein „Homo ekdiketicus“? Als ein rachsüchtiger Mann?* Macht ihn seine Rachsucht zum Patriarchen? Zu einem rachsüchtigen Herrscher, der perfiderweise sogar zivile und göttliche Gesetze erdenkt und Gott und Recht instrumentalisiert, um seine Rache zu legitimieren und zu legalisieren? Und zu einem solchen, der seine Rache nicht als anrüchiges ekdiketisches Verhalten, sondern als Gesellschaftsordnung, Gesetzesauslegung oder gar göttlichen Willen camoufliert? Dies alles impliziert schließlich die angebliche Reaktion der Männerwelt – die Errichtung des Patriarchats – als abschließenden Bestandteil der Urmatriarchatstheorie. Zwar sind – wie vorher schon erwähnt – seriöse Autorinnen und Autoren der Auffassung, dass die Annahme einer die Männer diskriminierenden Hegemonie der Frauen, die sogar vor Misandrie und Grausamkeit nicht zurückschreckte und zur Rebellion der Männer und letztendlich zur Androkratie führte, nicht haltbar.47 Dennoch, die These von dem in der Dunkelheit der vorgeschichtlichen Zeit von der Frau diskriminierten Mann, der sich später in den Diskriminierer der Frau verwandelte, lebt weiter. Der Rachegedanke ist darin impliziert. Mit der Bedeutung: Der Androkrator ist ein Homo ekdiketicus.
Genau das suggeriert die These vom Patriarchat als Reaktion auf die Unterdrückung der Männer durch das Matriarchat, wenn sie bis zu Ende gedacht wird. Solche Spekulationen verdanken ihre Popularität nicht nur ihrer Einfachheit, sondern sicherlich auch ihrem Sensationspotenzial und manchen persönlichen Neigungen der Betrachter. Sind das nicht bestaunenswerte Bilder, die daraus kreiert werden können? Das Bild der Frau als Domina und das des Mannes als gedemütigter, devoter Subordinierter in der Steinzeithöhle. Oder die Amazonen hoch zu Ross, brutal und blutig die Männer jagend und bestrafend. Und dann die Erhebung der Sklaven. Spartacus in der Steinzeit und die Befreiung der Unterdrückten. Die gefesselten und geknechteten Männer, die zu entfesselten neolithischen Revolutionären werden. Zu subtil Rächenden – und letzten Endes – zu permanenten Unterdrückern. Die Domina von einst wird gefesselt, gedemütigt, zur Subordination verurteilt. Der Subordinierte von vorgestern steigt zum multipotenten Dominus von heute auf, der weltliche Gesetze erlässt und göttliche erdenkt, um Rache gegen die ihn einst tyrannisierende Domina zu üben und seine Herrschaft zu sichern.
Bestaunenswerte, kraftvolle Bilder, voll der Sensation. Gewiss. Aber auch realistisch?
Studiert man die Thesen derer, die sie als Widerspiegelung tatsächlicher Gegebenheiten betrachten, erkennt man, dass solche Neigungen durch diverse Beigaben zu den ursprünglichen Theorien verstärkt werden. Die Verstärker sind nicht selten in den Mantel des Feminismus und des Hyperfeminismus* gehüllt, begleitet von einer gehörigen Portion Pathos und zielsicherer Intention. Das offene oder unterschwellige Suggerieren einer geringeren Moralität des Mannes oder gar seiner geringeren Wertigkeit und infolgedessen einer höheren der Frau ist bei einem Teil der matriarchatsaffinen Literatur nur schwer zu übersehen. Doch wie die vorher zitierte Frauenhistorikerin Elke Hartmann schlussfolgert: „Die Frage nach der historischen und gegenwärtigen Existenz von Matriarchaten erwies sich als Falle: wer sich darauf einlässt, läuft Gefahr, sich in stereotypen Denkmustern des 19. Jahrhunderts zu verfangen“ (2004, S. 20). Auch eigenwillige Mutmaßungen, dass sich nämlich in den Epen Homers eine unterschwellige Erinnerung an ein altes Matriarchat widerspiegele, bezeichnet sie als unbegründet (2021, S. 25).
Die Frage, ob der androkratische Mann ein Homo ekdiketicus ist, kann gewiss so beantwortet werden: Kaum etwas Ernstzunehmendes spricht dafür, vieles aber dagegen. Und vieles spricht wiederum dafür, dass der Mann andere Motive und Intentionen hatte als hassmotivierte Rache bei dem Ausbau der Androkratie zu seiner Festung, in der er die Frau gefangen hielt – und teilweise noch hält. Aber welche anderen Motive? Folgen wir einem besonderen Weg, um sie zu finden. Den Weg der Conditio humana.
Der Weg der Conditio humana
Weder der genaue Beginn der Herrschaft des Mannes über die Frau noch die sicheren Gründe, die dazu geführt haben, sind bekannt. Außer viel Lärm um das Patriarchat als angebliche Reaktion auf das Ur-Matriarchat herrscht eine relativ ohrenbetäubende Stille bezüglich der Entstehungsbedingungen der androkratischen Gesellschaftsordnung. Oder: Es gibt ein „beredtes Schweigen“ über die möglichen Ursachen der fehlenden Geschlechtergerechtigkeit, das erstaunt – wie Carel van Schaik und Kai Michel es ausdrücken (2021a, S. 9). Die beklagte ohrenbetäubende Stille und das beredte Schweigen entstehen nicht durch einen Mangel an Mutmaßungen zur Installierung von patriarchalen Ordnungen, sondern vielmehr durch deren rasches Verwerfen, um neue entstehen zu lassen, die auch bald wieder verworfen werden. Manche dieser Mutmaßungen werden wir im Abschnitt „Mythen und Verstärker“ des 7. Kapitels kennenlernen.
Kein Wunder. Für die ohrenbetäubende Stille und das beredte Schweigen nennen Anthropologie und Geschichtswissenschaft einen Grund: Den nicht genau bestimmbaren Beginn der männlichen Herrschaft. Sie nehmen zwar sehr stark an, wie wir in vorangegangenen Abschnitten dieses Kapitels erfahren haben, dass sie nicht immer da war. Und dass sie keineswegs gleichzeitig mit der Menschwerdung begann, wie etwa die Bibel behauptet. Allerdings entstand die androkratische Gesellschaftsordnung in einer Zeit, in der es keine Schrift oder sonstige verlässliche Dokumentation gab. Dies wiederum begünstigte die Entstehung der unterschiedlichsten Theorien, mal religiös begründet, wie die biblische, mal säkular zusammengesetzt, wie die Ur-Matriarchatstheorie. Und auch die Entstehung von Mythen.
Alle diesbezüglichen Theorien haben deshalb den Nachteil des Hypothetischen. Sie müssen hypothetisch bleiben, so überzeugend sie auch wirken mögen, weil sich die Erklärungsversuche in schwer überprüfbaren und kaum dokumentierten, viele Jahrtausende zurückliegenden Ur-Zeiten bewegen. Es gibt keine Zeugen und keine zuverlässigen Zeugnisse, die die Gültigkeit der daraus resultierenden Deduktionen, also der Schlussfolgerungen bzw. Ableitungen mit Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, bezeugen können. Es bleibt bei Spekulationen, Hypothesen, Theorien – und Mythenbildung. Der psychologisch-pragmatische Ansatz, den dieses Buch verfolgt und der im Abschnitt „Ich bin ein Mann …“ des 1. Kapitels erläutert wurde, stellt die Frage nach der Entstehung und Etablierung der androkratischen Gesellschaftsordnung dagegen wie folgt: Zu welchem Ergebnis kommen wir denn, wenn wir den umgekehrten Weg zum vorher skizzierten gehen? Wenn wir also von der reichlich mit Zeugen und Zeugnissen versehenen Periode der menschlichen Entwicklung seit Verwendung der Schrift als kulturelles Dokumentationsmittel ausgehen, um von dort zurück zu den Ursprüngen zu gelangen?
Lassen Sie es uns versuchen. Bezeichnen wir für unsere Zwecke in diesem Zusammenhang die Zeit seit der Verwendung der Schrift als kulturelles Dokumentationsmittel als die „Skriptzeit“ und die Zeit vorher als die „Vorskriptzeit“ (dabei auf die lateinischen Wörter „scribere“ = „schreiben“ und „scriptum“ = „die Schrift“ zurückgreifend).
Die Schrift hat eine lange Geschichte mit offensichtlich unterschiedlichen Entstehungsorten.48 Sie diente zuerst als Mittel bei der Erstellung von Waren- und Handelslisten. Uns interessiert jedoch die Zeit, ab der die Schrift als kulturelles Dokumentationsmittel verwendet wurde, und davon nur diejenige Schrift, die einen mittelbaren oder unmittelbaren Einfluss auf die abendländische Kultur hatte – denn unsere Suche nach den nicht an der Spitze angekommenen Frauen beschränkt sich, wie wir uns vorgenommen haben, nur auf das Abendland. Einen solchen Einfluss hatten, wenn auch indirekt, die mesopotamischen Schriften, die vor allem über die hebräisch-biblischen das Abendland beeinflussten. Als Beginn einer mesopotamischen Kulturschrift wird die Mitte des 3. vorchristlichen Jahrtausends angenommen, folgt man den Ausführungen etwa von Harald Haarmann (S. 32). In Europa entwickelte sich das griechische Alphabet – aus dem später sowohl das lateinische als auch das kyrillische entstanden sind – aus verschiedenen Vorläufern. Der Beginn der griechischen als kulturelle Dokumentationsschrift wird etwa auf das 17. vorchristliche Jahrhundert datiert (S. 27). Das heißt also, dass die so definierte Skriptzeit, die uns interessiert, sich von der Keilschrift der Mesopotamier bis zum Internet der Moderne erstreckt und so etwa die letzten 4500 Jahre umfasst. In diesem Sinne erkunden wir den psychologischen Hintergrund der Ablehnung von Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung der Geschlechter beim Homo sapiens der gut beleuchteten Skriptzeit und transferieren unsere Erkenntnisse dann auf unsere Vorfahren vor dieser Zeit.
Dürfen wir das? Machen wir damit nicht den möglichen Fehler, auf den uns Carel van Schaik und Kai Michel aufmerksam machen? Den Fehler nämlich, dass wir Schlussfolgerungen zu übertragen versuchen von „Hochkulturen“, die allesamt patriarchal organisiert waren, auf „Nicht-Hochkulturen“, die die Schrift nicht besaßen (2021a, S. 27)? Dürfen wir psychologische Erkenntnisse über Menschen der Skriptzeit auf psychologisch motivierte Handlungsweisen von Menschen anwenden, die vor 10.000 oder 12.000 Jahren gelebt haben?
Ja, wir dürfen es! Was die psychologisch bedingten Handlungsweisen des vorskriptischen Homo sapiens betrifft, dürfen und können wir es. Die Conditio humana macht es möglich. Die Bedingungen der Conditio humana gelten nämlich gleichermaßen für die Menschen der Skriptzeit und damit für die Menschen des „Heute“, wie auch für die der Vorskriptzeit, die Menschen des „Gestern“.
Mit Conditio humana ist die dem Menschen eigene Grundverfassung gemeint, mit den Bedingungen und Aspekten des Menschseins, die in allen Zeiten und für alle Menschen gültig sind.49
Ein Patriarchat war nie Bestandteil der Conditio humana.50 Unsere Vorfahren haben uns vermutlich erst vor etwa 10.000 bis 12.000 Jahren dieses Kreuz auf die Schultern gelegt. Die Conditio humana ist natürlich viel, viel älter. In ihrem Rahmen agieren und reagieren die Menschen mit ähnlichen psychologischen Mechanismen wie ihre Vorfahren und wie ihre Nachfahren. Mit psychologischen Mustern also, nach denen moderne Menschen heute noch agieren und reagieren. Eventuell mit anders gearteten Ausdrucks- und Erscheinungsformen wie auch nach variierenden Motivkonstellationen, aber der psychologische Kernmechanismus des menschlichen Agierens und Reagierens bleibt als Teil der Conditio humana für den Homo sapiens von heute derselbe wie für den von gestern. Der Zorn, die Wut, die Angst, die Freude, die Affekte insgesamt, das Bedürfnis nach Sicherheit sowie die Grundbereitschaft zu Abwehr und Vermeidung von Gefahren sind im Kern gleich, auch wenn sie vielleicht in anderen Zeiten anders ausgedrückt und gestaltet wurden. Angsterzeugende Zustände, Bedrohungssituationen, Verlustängste oder freudige Ereignisse rufen bei uns im Wesentlichen die gleichen Elementarregungen hervor wie bei unseren Vorfahren. Der moderne Mensch lebt psychologisch auch in der Vergangenheit seiner Spezies. Und unsere Ahnen in uns.
Lassen Sie uns das darauf basierende Vorgehen, das in diesem Buch verwendet wird, kurz skizzieren. Nennen wir es das „Vorgehen der retrospektiven psychologischen Deduktionen“ – Schlussfolgerungen und Ableitungen also, die auf einer retrospektiven psychologischen Beobachtung und Analyse basieren. Das Vorgehen der retrospektiven psychologischen Deduktionen stellt zunächst die Frage nach den erkennbaren Motiven des Mannes der Skriptzeit dafür, die Gleichberechtigung der Frau abzulehnen. Macht, Privilegien, Autorität, Exklusivität, Männlichkeitsnarzissmus, Männlichkeitskompetenz oder hegemoniales Gehabe sind mögliche Motivkonstellationen, die zur Verneinung der Gleichwertigkeit der Geschlechter führen können, und zwar als Abwehrhaltung. War das anders beim Mann der Vorskriptzeit? Die Conditio humana spricht dagegen. Gehen wir also nach der Conditio humana davon aus, dass es Grundmuster menschlichen Fühlens und Verhaltens gibt, die in allen Zeiten gleich bzw. sehr ähnlich waren, dann kann ihr Studium auch die zeugnisarme Zeit der Entstehung der Gleichwertigkeitsverneinung verschiedenartig und verschiedengradig beleuchten.
Der Kompass des psychologischen Pragmatismus*, den wir zu Beginn unserer Suche in die Hand nahmen, und die Erkenntnisse, die uns die Paläo-Wissenschaften liefern,51 versetzen uns darüber hinaus in die Lage, ein psychologisch gestütztes und pragmatisch orientiertes Modell der Entwicklung der Geschlechterbeziehungen sowohl für die Skriptzeit als auch für die Vorskriptzeit zu entwerfen.
Dabei zeigt uns der psychologisch-pragmatische Kompass Folgendes: Der Weg, der zu Gleichwertigkeitsverneinung und Diskriminierung der Frau geführt hat, folgt keiner simplen „Roadmap“. Er ist kompliziert, labyrinthisch und sehr, sehr lang. Und begleitet von zahlreichen psychologischen und sozialen Prozessen. Es sind Prozesse, die Tausende und Abertausende von Jahren gedauert haben, bis sie im tragischen Ergebnis der weltweiten Frauendiskriminierung mündeten. Der Weg erreichte, wie schon gesagt, sein Ziel – die Etablierung der männlichen Hegemonie und Unterwerfung der Frau – offensichtlich erst vor vermutlich etwa 10.000 bis 12.000 Jahren; doch die psychosozialen Prozesse, die dazu führten, haben Äonen gedauert. Und sie sind bis heute noch im Gange. Sie werden am Leben gehalten durch die gleichen Mechanismen wie damals. Sie wurden allerdings in den skriptischen Zeiten verstärkt durch religiöse und säkulare Verhaltensverstärker, die wir im 7. Kapitel kennenlernen werden.
Lassen Sie uns zunächst eine kurze Vorskizzierung des genannten Modells vornehmen: Das Zusammenleben der Geschlechter entwickelte sich schon in grauen Vorzeiten zu einer sozialen Bindung zwischen Frau und Mann. Den Kern dieser Bindung bildete ursprünglich ein – wohl paritätischer – strategischer Überlebensbund, dessen Wandlungen aber durch die Äonen letzten Endes in Androkratie und Frauendiskriminierung mündeten. Dazu hat eine langsame Metamorphose der ursprünglichen Geschlechterbeziehungen geführt, in deren Rahmen sich ihre Strukturen und Ausdrucksformen vollständig änderten. Aus dem initialen Überlebensbund entstanden nämlich im Verlauf der Zeit Asymmetrien zu Gunsten des Mannes mit Benachteiligung der Frau, die auf die Formung eines Männlichkeits- und Weiblichkeitsstereotyps hinausliefen. Die Weiterentwicklung steuerte schließlich auf eine gleichwertigkeitsverneinende Gesellschaftsordnung zu, deren Ausdruck die jahrtausendelang andauernde Androkratie und Frauendiskriminierung ist.
Diese Skizzierung im Voraus gilt es in weiteren Ausführungen zu vervollständigen und zu erklären.
Großes Missverständnis, langlebiger Irrtum und hässliche Anomalie: das Patriarchat
Nicht die Rache des endlich befreiten Mannes an einem ihn vermeintlich tyrannisierenden Ur-Matriarchat stand am Anfang der Androkratie und der Frauendiskriminierung, sondern die Metamorphose der initialen Rollen in den Geschlechterbeziehungen und ihre gravierenden Folgen. Eine verhängnisvolle Metamorphose. Bildhaft gesprochen handelt es sich dabei um eine Kette von Interaktions- und Rollenwandlungen, die wie ein Kontinuum vom initial strategischen, wohl paritätischen, Überlebensbund letztendlich in die Androkratie und Frauendiskriminierung mündete. Die Geschlechterbeziehungen entwickelten sich durch die Rollen-Metamorphose zu einem der größten Missverständnisse und zu einem der langlebigsten Irrtümer der Menschheitsgeschichte: dem geschlechtsabhängigen Superioritäts-Inferioritäts-Irrtum. Dieser androkratische Irrglaube führte zur größten Tragödie des weiblichen Geschlechts – der jahrtausendelang andauernden Diskriminierung der Frau.
Es ist kein Trost, dass der Zeitraum der Unterdrückung der Frau extrem kurz ist, wenn man die Gesamtentwicklung der Menschheit betrachtet – und nur etwa ein bis zwei Prozent der Zeit ausmacht. Und es ist auch kein Trost, dass – wie wir im ersten Abschnitt dieses Kapitels erfahren haben – das Patriarchat eine „Anomalie“ ist, um noch einmal den Begriff von Carel van Schaik und Kai Michel aufzugreifen. Das macht die Frauendiskriminierung keineswegs weniger schmerzhaft. Tröstlich nur, dass das Patriarchat kein Schicksal ist, wie es schon im Abschnitt „Niemand hat ein Recht auf Patriarchat“ dieses Kapitels erörtert wurde.
Erfreulich, dass mithilfe von wissenschaftlichen paläo-anthropologischen Befunden und Thesen die psychologischen Wurzeln der Anomalie ausgegraben werden können.52 Sie liegen in den Frühstufen der sozialen Interaktionen zwischen den Geschlechtern. In den sozialen Interaktionen – nicht in den biologischen Unterschieden, wohlgemerkt. Lassen Sie uns die etwas genauer anschauen.
Die Geschlechter-Interaktionen gestalteten sich anfänglich als eine soziale Bindung zwischen Frau und Mann in der Form eines wohl paritätischen strategischen Überlebensbundes. Resultat bzw. Zweck der sozialen Bindung war das Überleben schlechthin. Ein Überleben des Individuums, das das Überleben der Gattung sicherte und an dem beide Geschlechter sich beteiligten: die Frauen nicht nur durch das Gebären und die Aufzucht der Kinder, durch das Kümmern um die Unterkunft, sondern auch durch eine, wenn auch begrenzte, Teilnahme an der Nahrungsversorgung, etwa durch das Sammeln von Früchten und Nüssen oder auch das gelegentliche Jagen, vor allem von Kleintieren. Der Mann ist aktiv als Hauptversorger, vor allem durch die Jagd, und dazu als Beschützer der Sippe und – nach Entstehung von Familienstrukturen – der Familie. Nun lässt aber gerade diese Art der sozialen Bindung die noch verdeckten Anzeichen einer sich anbahnenden verheerenden Entwicklung erahnen: Die bevorstehende Entstehung der Gleichwertigkeitsverneinung der Geschlechter. Die beschriebene Rollenverteilung trägt den geschlechtsabhängigen Superioritäts-Inferioritäts-Irrtum schon als Embryo in sich, woraus viele Jahrtausende später ein sehr langlebiger Spross geboren wurde.
Um zu entdecken, woraus sich dieser Irrtum entwickeln konnte, lassen Sie uns folgende Frage stellen: Abgesehen von den sichtbaren anatomischen bzw. physiologischen Unterschieden, was war denn damals unbestreitbar am deutlichsten anders zwischen den beiden Geschlechtern? Ganz eindeutig: die geschlechtsspezifische Vulnerabilität. Es war die ungleich größere Verletzlichkeit und Schutzbedürftigkeit der Frau. Und die entstand vorwiegend durch Schwangerschaft, Entbindung, Wochenbett und Stillzeit. Diese geschlechtsspezifische Vulnerabilität der Frau war ein wichtiger Nährboden, der die Entstehung des geschlechtsabhängigen Superioritäts-Inferioritäts-Irrtums begünstigte, wie wir im Nachfolgenden erkennen werden.
Befindet sich das aber nicht im Widerspruch zu der gerade getroffenen Feststellung, dass die Wurzeln des Irrtums in den sozialen Interaktionen zwischen Frau und Mann zu finden sind, aber nicht in den geschlechtsabhängigen biologischen Unterschieden? Ist die geschlechtsspezifische Vulnerabilität der Frau nicht pure Biologie? Schwangerschaft und Entbindung, die in der Regel zur höheren Vulnerabilität führen, sind doch rein biologische Phänomene. Das stimmt natürlich. Aber nicht die Biologie per se ist schuld am geschlechtsbedingten Superioritäts-Inferioritäts-Irrtum. Nicht die Biologie als solche hat zur Etablierung androkratischer Gesellschaftsordnungen geführt, sondern ihre Instrumentalisierung. Der Mann instrumentalisierte unter anderem die biologisch bedingte Vulnerabilität der Frau und kreierte damit Abhängigkeitsinteraktionen zwischen den Geschlechtern. Die Abhängigkeit der Frau vom Mann wurde damit verstärkt und zementiert.
Lassen Sie uns Folgendes konstatieren: Unsere Ur-Ur-Ahnen lebten nicht so lange wie wir, ihre heutigen Ur-Ur-Nachkommen. Unbehandelbare Krankheiten, überall vorhandene Unfallgefahren und allerorts lauernde wilde Tiere verringerten weiter die damals schon kurze Lebenserwartung des Homo. Für die Frauen dieser Zeit kamen dazu noch Komplikationen und Gefahren bei Schwangerschaft, Entbindung und im Wochenbett. Das bedeutete, dass sehr viele von ihnen das Reproduktionsalter nicht lange überlebten. Dies impliziert wiederum, dass die meisten Frauen ab der Pubertät bis zu ihrem Tod entweder Schwangere oder Stillende oder Mütter von mehreren Kindern waren – und manchmal sogar alles gleichzeitig. Sie verbrachten also einen großen Teil ihres kurzen Lebens in einem Zustand der Vulnerabilität. Und damit auch der Abhängigkeit. Eine Frau, wie kräftig, geschickt und durchsetzungsfähig sie auch gewesen sein mochte, war in diesem Zustand leicht verwundbar. Wären unsere Ur-Ur-Mütter auf sich allein gestellt gewesen, wären sie weitgehend schutzlos vielfältigen Gefahren ausgeliefert gewesen und hätten nur eingeschränkten Zugang zu Nahrungsressourcen gehabt, oder auch gar keinen. Das bedeutet, dass sie auf Hilfe angewiesen waren, ebenso wie ihre Kinder. Sie benötigten den Beschützer und Versorger. Engagierte Emanzipationskämpferinnen, wie die amerikanische Anthropologin, Primatologin, Evolutionsbiologin und Soziobiologin Sarah Blaffer Hrdy, vertreten zwar die Auffassung, dass Produktion und Reproduktion einander nicht ausschließen, erkennen aber gleichzeitig auch, dass die Kombination aus Arbeit und Mutterschaft immer Kompromisse erfordert hat – selbst wenn „die Frauen im Pleistozän* ihre Babys bei sich tragen konnten, wenn sie auf Nahrungssuche gingen oder Feuerholz sammelten“.53
Es ist doch für jeden nachvollziehbar, dass eine hochschwangere Frau, eine Frau im Wochenbett oder eine Frau mit einem Säugling auf dem Arm und vielleicht noch mehreren Kleinkindern in ihrer Nähe nur wenig zu ihrer eigenen Nahrungsversorgung und der ihrer Kinder beitragen konnte. Auch konnte sie sich und ihre Kinder in dieser Situation nur wenig schützen. Natürlich konnten ältere Frauen, die das Reproduktionsalter überlebt hatten, ihre jüngeren Geschlechtsgenossinnen, die sich noch in der besonders vulnerablen Lebensperiode befanden, in manchen Angelegenheiten unterstützen und eventuell auch beschützen. Aber gab es viele davon? Genug Frauen, die in dieser Zeit der nicht so langlebigen Menschen ihre eigene Reproduktionsphase ohne schwere Gebrechen überstanden haben und die nicht nur die Funktion des Versorgers, sondern auch des Beschützers übernehmen konnten? Die auch körperlich dazu in der Lage waren? War dafür nicht besser derjenige geeignet, der diese geschlechtsspezifische Vulnerabilität nicht hatte, der stark und muskelbepackt war? Der Mann.*
Tatsächlich bestätigt uns die Anthropologie, dass in der Tat die Frau außer Reproduktion und Kinderversorgung noch anderes zum strategischen Überlebensbund beizutragen hatte. Trotz ihrer Vulnerabilität konnte sie zur Nahrungsversorgung der Familie beitragen, vor allem, aber nicht ausschließlich, durch Sammlertätigkeit. Wahrscheinlich nicht so viel und nicht so ergiebig wie der Großjäger, der Mann, beitragen konnte, aber wertvoll – wertvoll, weil beständiger, wie Carel van Schaik und Kai Michel bemerken (2021a, S. 185). Die Beständigkeit gab Sicherheit und damit auch Wichtigkeit. Das könnte die Bedeutung des Mannes als Versorger etwas reduziert haben. Die vorher erwähnte Sarah Blaffer Hrdy schreibt dazu in „Mütter und Andere“ (S. 27): „Ein Mann kann jeden Tag auf die Jagd gehen und trotzdem wochenlang mit leeren Händen heimkehren. Ein Jäger … kann sich den Misserfolg leisten, weil er davon ausgehen kann, einen Anteil an den von Frauen gesammelten Früchten, Nüssen und Knollen zu erhalten.“ Nicht nur Anzeichen von Wichtigkeit, sondern auch Ansätze von ein klein wenig Autarkie der Frau zeichneten sich damit ab. Eine Autarkie, die entwicklungsfähig war, wie uns die späteren Prozesse, die mit Sesshaftigkeit und Agrikultur verbunden waren, bestätigen. Ja, eine entwicklungsfähige Autarkie, aber mit Sprengstoff beladen. Den werden wir spätestens im Abschnitt „Die Gewöhnung und der Sprengstoff “ dieses Kapitels entdecken können.
Wie auch immer, die frühe soziale Bindung zwischen Frau und Mann fußte auf einer Überlebensstrategie mit Win-win-Resultaten – in ähnlicher Weise wie die Soziobiologin Sarah Blaffer Hrdy das soziale Verhalten als Überlebensstrategie und Grundlage für die Evolution kooperativer Verhaltensweisen in „Mütter und Andere“ (S. 25 f.) darstellt. Darin spiegelte sich ein erfolgreiches Teamwork wider. Außerdem führte es zur Entwicklung von höheren sozialen Kompetenzen und zur Verstärkung des Verständnisses zwischen den sozialen Gruppen, betont Blaffer Hrdy in ihrem eben erwähnten Werk (S. 25 f.).
Doch diese Win-win-Situation verlor irgendwann ihre Unschuld. Sie führte trotz aller Beteiligung zu immer mehr Abhängigkeit der Frau während ihres nicht gerade kurz andauernden vulnerablen Zustandes; Abhängigkeit von ihrem Haupt-Protektor und Haupt-Versorger, dem Mann. Andererseits stellte diese Vulnerabilität und Abhängigkeit der Frau eine Versuchung für den Mann dar, die Unterschiede in der Vulnerabilität und vor allem deren Folgen als naturgegebene Unterschiede in Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung der Geschlechter zu interpretieren – natürlich zu seinen Gunsten. Und er instrumentalisierte sie ganz gezielt, um die von ihm fabulierte Legende von seiner Überlegenheit immer weiter zu spinnen und zu festigen. Schließlich schaffte er es irgendwann, das Fabulierte in ein Faktum zu verwandeln. Die Parität von Frau und Mann mutierte nach einem langen Prozess zur androkratischen Gesellschaftsordnung. Sie hat sich, wie schon erwähnt, innerhalb der letzten ein bis zwei Prozent der Entwicklungszeit der Menschheit etabliert. Daraus kann man schließen, dass die Win-win-Situation und das erfolgreiche Teamwork der Geschlechter die ungleich größte Periode in der Menschheitsgeschichte bestimmten.54
In der geschlechtsspezifischen Vulnerabilität nisteten die Superioritätsfantasmen des Mannes und die Inferioritätsdichtungen gegen die Frau. Beides sind einengende Trennungszäune zwischen den Geschlechtern. Das Lager der Frauen wurde damit eingezäunt. Es wurde für Jahrtausende zum metaphorischen oder auch realen Gefangenenlager. Zum Frauengefängnis. Und zur Brutstätte der massiven Frauenbenachteiligung durch androkratische Gesellschaftsordnungen, die sich daraus entwickelten. Die obigen Prozesse stellten die Basis dar für das vorher angeprangerte große Missverständnis und den langlebigsten Irrtum der Menschheitsgeschichte: den geschlechtsabhängigen Superioritäts-Inferioritäts-Irrtum. Zu dieser Entwicklung trug aber auch ein anderer Irrtum bei. Ein Irrtum, der dem Superioritäts-Inferioritäts-Irrtum vorausgegangen war. Ein Irrtum, der noch bis zu unseren Tagen hoch virulent ist. Genauer gesagt handelt es sich um eine Verwechselung. Eine wohl intentionale Verwechselung. Kultur ist das Über-Ich der Biologie.
Eine intentionale Verwechselung
Es handelt sich um die Verwechselung von Ungleichheit und Ungleichwertigkeit. Man braucht keine seherischen Gaben, um den Haupturheber einer solchen Verwechselung zu identifizieren. Das war der Mann – natürlich. Und der war dazu – und ist es immer noch – der Hauptprofiteur. Die Verwechselung war wohl weitgehend absichtlich, willkürlich und intentional, ihre tatsächlichen Konsequenzen zunächst ungeahnt.
Frauen und Männer sind gleichwertig, obwohl sie nicht gleich sind. Das ist die korrekte Sachlage. Frauen und Männer sind nicht gleichwertig, weil sie nicht gleich sind. So lautet die willkürliche Umdeutung der Sachlage. Frauen und Männer sind nicht gleich, weil die Biologie Ungleichheiten für sinnvoll hält. Wohlgemerkt, das betrifft die genetische, anatomische und physiologische Ungleichheit der Geschlechter. Aber keineswegs ihre Gleichwertigkeit. Die Geschlechter-Ungleichwertigkeit ist eine Erfindung des Menschen, kein Gebot der Natur. Im Gegenteil: Die Erfindung der Ungleichwertigkeit der Geschlechter ist ein Anschlag auf die Natur. Die Natur teilte dem Mann und der Frau unterschiedliche Funktionen zu, die sich aber sehr effektiv ergänzen. Damit wird unter anderem auch der Fortbestand der Spezies gesichert. Die Natur hat keine Bewertung der Unterschiedlichkeit vorgesehen. Die haben die Menschen sich angemaßt. Für die Natur ist die Gleichwertigkeit vorgegeben: ohne Spermien kein Fortbestehen des animalischen Lebens, ohne Eierstöcke auch nicht. (Eigentlich könnte man süffisant lächeln, wenn man die Keimzellen des menschlichen Lebens miteinander vergleicht: das kleine, ja mickrige Spermion des Mannes neben der im Vergleich dazu gigantischen Eizelle der Frau. Was für eine Ungleichheit! Trotzdem gleichwertig. Beide sind gleich wichtig. Beide sind unerlässlich.)
Wir wissen zwar erst in der Neuzeit, dass die sichtbaren Unterschiede zwischen Mann und Frau auch in unterschiedlichen Stoffwechsel- und sonstigen biochemischen, hormonellen und genetisch determinierten physiologischen Prozessen wurzeln. Doch die anatomisch-morphologischen und manche funktionalen Unterschiede zwischen den Geschlechtern, wie etwa Schwangerschaft und Geburt, kannten wir wohl seit den Anfängen unserer evolutionären Entwicklung. Wir hatten zwar keine Ahnung von den genetisch-biochemisch-hormonellen Ursachen für diese Unterschiede, doch die Präsenz von Penis und Hoden beim Mann und deren Absenz bei der Frau und die Tatsache, dass nur sie schwanger werden und gebären konnte, das konnten wir sicherlich schon in der Morgendämmerung unserer Menschwerdung erkennen.
Die intentionale Verwechselung von Gleichheit und Gleichwertigkeit wuchs auf fruchtbaren Boden – auf der im vorigen Abschnitt beschriebenen Vulnerabilität der Frau. Sie war es vorwiegend, die unseren Ur-Ur-Vater zum Haupt-Beschützer und Haupt-Versorger unserer Ur-Ur-Mutter und ihrer Nachkommen machte. Und sie abhängig von ihm. Dadurch entstand auf den Gegebenheiten des biologischen Geschlechts ein psychosozialer Überbau, der die Selbst- und Fremdwahrnehmung, die Rollenaneignung bzw. Rollenzuweisung und die Verhaltensweisen der Geschlechter entscheidend mitbestimmte. Dafür trägt die Biologie nur einen Teil der Verantwortung, Psychologie und Soziologie tragen den anderen. Den größeren. Dass das, was man Geschlecht nennt, nicht etwas nur rein Biologisches ist, kann inzwischen als gesichert gelten, sagt uns die soziopsychologische Forschung. Das psychosoziale Geschlecht ist weitgehend identisch mit dem, was heute von den meisten unter dem Begriff „Gender“ verstanden wird. Von den meisten? Ist das eine Andeutung, dass der Begriff Gender nicht für alle dasselbe bedeutet?
Ja, das ist gemeint. Manche meinen nämlich, dass das biologische Geschlecht tot sei. Es lebe das reine, das biologisch unbefleckte psychosoziale Geschlecht! Und das nicht nur in bestimmten Fällen oder für bestimmte Bevölkerungsgruppen, sondern für jeden Menschen. Doch eine solch extreme Haltung birgt in sich ein nicht zu unterschätzendes Irrtumspotenzial. Genauso wie der frühere Glaube, dass die Geschlechtsidentität eine rein biologische Angelegenheit ist. Natürlich fühlen wir uns einem Geschlecht zugehörig. Und wenn dieses Fühlen nicht im Einklang mit dem biologischen Geschlecht ist, dann soll dieses Gefühl die bestimmende Priorität haben. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass was die ganz große Mehrheit der Menschen betrifft, das gefühlte Geschlecht weitgehend kompatibel mit dem biologischen ist. Und dass die Biologie bei der Gestaltung dieses Fühlens bei der Mehrzahl der Menschen doch ein Wörtchen mitzureden hat. Menschen, bei denen die Diskrepanz zwischen gefühltem und biologischem Geschlecht vorhanden ist, haben Anspruch auf Respekt und Entscheidungsfreiheit bei der Erfüllung ihrer Wünsche zur Geschlechtsidentität.
Gender ist aber weder ein Nachfolger noch ein Ersatz für das Geschlecht. Gender ist die prägende Komplettierung eines bisher nur grob skizzierten Bildes. Biologie, Psychologie und Soziologie prägen gemeinsam das, was man heutzutage Gender nennen soll. Das heißt, die Biologie alleine kann dem Menschen nicht diktieren, wie er zu leben und sich zu verhalten hat. „Wir sind nicht gefangen in der Biologie! Oft ist die Kultur viel einengender“ – so formuliert es der uns inzwischen gut bekannte Anthropologe Carel van Schaik.55 Da das Biologische die Natur repräsentiert, während das Psychologische und Soziologische zu den Architekten der Kultur gehören, trifft in gewisser Hinsicht auch hier der schöne Satz von Yuval Noah Harari zu: „Die Biologie erlaubt, die Kultur verbietet“.56 Carel van Schaik und Kai Michel kommentieren diesen Satz Hararis in ihrem monumentalen Werk „Die Wahrheit über Eva“ (S. 26) zutreffenderweise wie folgt: „Die Biologie stellt die Bandbreite möglicher Verhaltensformen zur Verfügung – und die ist riesig. Welche wir wählen, ist ihr aber egal. Ob wir uns nun vermehren oder nicht, wen wir lieben, wie wir leben – die Evolution ist kein Wesen, das darum ein Aufheben machen würde. Es ist aber die Kultur, die auswählt und bestimmte Dinge verbietet.“
Wir könnten in diesem Zusammenhang den psychologischen Zusatz hinzufügen: „Psychologie und Soziologie sind das Über-Ich der Biologie.“ Und wie folgt erweitern und zugleich komprimieren: „Kultur ist das Über-Ich der Biologie.“*
Bei dem fast ein halbes Jahrhundert alten Satz von Alice Schwarzer, mit dem sie den „kleinen Unterschied und seine großen Folgen“ zu beleuchten versuchte, dem Satz nämlich: „Männlichkeit und Weiblichkeit sind nicht Natur, sondern Kultur“ (S. 228) würden nach dem vorher Dargestellten zwei kleine zusätzliche Wörtchen den großen Unterschied mit ebenfalls großen Folgen machen und das abbilden, was wir heute wissen: „Männlichkeit und Weiblichkeit sind nicht nur Natur, sondern auch Kultur.“ Man könnte sogar ohne große Gefahr danebenzuliegen, hinzufügen „und zwar Kultur in beträchtlicher Weise“. Aber eben nicht nur.
Dies sollte eigentlich eine klare Sache sein, bei der sich sowohl „Naturalisten“ als auch „Psychosoziologisten“ wiederfinden. Könnte man meinen. Aber weit gefehlt. So klar, wie es für viele ist, so unklar ist es für manche andere. Und so wurde das Konstrukt „Gender“ zum Schlachtfeld. „Im Feminismus des 21. Jahrhunderts gibt es keinen Kausalnexus mehr zwischen dem biologischen Geschlecht und der Rolle, die das Individuum in der Gesellschaft einnimmt“, stellt Michaela Karl, eine Historikerin des Feminismus, fest (S. 231). Der Feststellung des nicht vorhandenen „Kausalnexus“, des fehlenden Kausalzusammenhanges also, wird auch von Nicht-Feminismus-Historikerinnen und -Historikern applaudiert.57 In bestimmten Kreisen sei es nicht möglich, die Frage nach den geschlechtsabhängigen biologischen Zusammenhängen auch nur zu stellen, beklagt die Psychologie-Professorin Doris Bischof-Köhler (S. 34). Allerdings kann man es als ein konstruktives Zeichen werten, dass doch jetzt auch feminismusaffine Frauen die Versöhnung von Biologie und Feminismus versuchen, wie etwa Meike Stoverock, die wir in diesem Buch noch treffen werden. Es scheint allerdings, dass nicht der Feminismus insgesamt den angesprochenen Kausalzusammenhang ablehnt, sondern eher der Hyperfeminismus.
Mit Hyperfeminismus wird eine extreme und unkritische Form des Feminismus gemeint, bei der die Frauen idealisiert und die Männer dämonisiert werden. Sie zeichnet sich durch eine Umkehrung der Gleichwertigkeitsverneinung im Sinne einer weiblichen Superiorität und einer männlichen Inferiorität aus, was bis zu der Annahme reicht, dass Frauen einer anderen Rasse angehören als die Männer – wie wir in den Abschnitten „Die Frauen von fernen Sternen …“ und „Der Untergang der weiblich-göttlichen Welt …“ dieses Kapitels erfahren haben. Dabei wird eine geringere Moralität oder gar geringere Wertigkeit des Mannes und infolgedessen eine höhere der Frau suggeriert. Der biologische Aspekt in der Geschlechtergestaltung wird vollständig ignoriert oder gar abgelehnt, der soziale aber als der alles bzw. der einzig entscheidende hervorgehoben. Als eine Form des Hyperfeminismus kann man auch die einordnen, die Martin Schröder, Soziologieprofessor an der Universität des Saarlandes, unter den Begriff des „illiberalen Feminismus“ subsumiert. Es würden dabei die Frauen nicht gefragt, „wann es ihnen gut geht und was sie selbst wollen“, sondern sie würden selbst dann noch „als machtlose Opfer ihrer Lebensumstände“ präsentiert, „wenn sie sich gar nicht so fühlen“ (S. 11). Frauen seien demnach immer und überall die ewigen Opfer, Männer die ewigen Täter.
Ein wichtiger Grund für solche extremen Positionen scheint zu sein, dass beim Hyperfeminismus ein Phänomen auftreten kann, das Barbara Holland-Cunz, Professorin für Politikwissenschaft, in ihrer „Kurzen Geschichte des Feminismus“ beklagt: „Die Angriffe von außen provozieren allerdings nach innen nicht selten Forderungen nach einer kritiklosen Vergemeinschaftung – eine Art feministische Burgmentalität, in der politische und politiktheoretische Debatten zum Schweigen gebracht werden“ (S. 11). Und Michaela Karl, die Feminismus-Historikerin, stellt fest, dass der Begriff Gender zum wichtigsten Schlagwort der dritten Welle der Frauenbewegung – die sich nach den 1990er-Jahren in Bewegung gesetzt habe – mutiert sei. Damit sei ein „Paradigmenwechsel in der Auseinandersetzung mit dem Geschlecht eingeleitet“ worden (S. 232). Sie sagt weiter, dass es „nicht länger um die Betonung der Verschiedenheit der Geschlechter [geht], sondern um die Aufhebung des Geschlechts als Zwangszuschreibung an sich“ (S. 231). Und so postuliert der Transmann Linus Giese in „Unlearn Patriarchy“: „Es gibt kein biologisches Geschlecht, sondern lediglich ein zugewiesenes Geschlecht“ (S. 38). Die Gegenseite wiederum fürchtet sich davor und wehrt sich dagegen. Extremisten aller Couleur kennen bekanntlich keine Kompromisse. Keinen Konsensus. Die können in der Tat keinen Kausalnexus anerkennen.
Ignorieren wir zunächst die Extremisten auf beiden Seiten und fassen wir das bisher Erkannte kurz zusammen: Das psychosoziale Geschlecht entstand bei der Mehrzahl der Menschen auf den Gegebenheiten des biologischen Geschlechts, ohne es zu eliminieren. Ausnahmen aber gibt es, etwa bei Transmenschen. Wir respektieren sie. Aber wir konzentrieren uns in diesem Buch auf ein Thema, das die Mehrzahl der Menschen betrifft. Die den Ausnahmen geschuldete besondere Aufmerksamkeit soll in entsprechenden themenzentrierten Büchern und Abhandlungen ihren Ausdruck finden. Im Sinne des Themas unseres Buches kann man also sagen: „Menschen schleppen eine Menge biologischen Ballast mit sich herum, aber mindestens ebenso viele kulturelle Altlasten. Wir sind nicht gefangen in unserer Biologie (mindestes nicht allzu sehr). Es sind unsere kulturellen Prägungen, die uns das Leben schwermachen“ – um es mit den Worten von Carel van Schaik und Kai Michel etwas poetisch auszudrücken (2021a, S. 26). Die Wurzeln der „Altlasten“ liegen in einer Metamorphose, in der Umwandlung der ursprünglichen Win-win-Situation, die wir im Abschnitt „Großes Missverständnis …“ dieses Kapitels kennengelernt haben. Es handelt es sich um eine Metamorphose, die fast ausschließlich der Androkratie dient. Und die den strategischen, wohl paritätischen Überlebensbund der Geschlechter in einen Superioritäts-Inferioritäts-Irrtum verwandelte. Wir können zwar nicht wissen, wann genau diese Metamorphose stattgefunden hat, aber wir können uns sicher sein: Es war irgendwann in früh-prähistorischen Zeiten. Die späteren Zeiten haben sie übernommen und kultiviert. Und noch etwas wissen wir: Es war zwar eine langsame Metamorphose, aber eine mit dramatischen Konsequenzen.
Der androkratische Glaube an die Superiorität des Mannes und die Inferiorität der Frau – was wir als eines der größten Missverständnisse und einen der langlebigsten Irrtümer der Menschheitsgeschichte bezeichnet haben – führte zur größten Tragödie des weiblichen Geschlechts, der jahrtausendelang andauernden Diskriminierung der Frau.
Spitzfindige Scholastiker könnten Lust verspüren, über Folgendes zu debattieren: Wenn die Verwechselung gewollt war, kann sie Ergebnis eines Missverständnisses und eines Irrtums sein? Gibt es überhaupt gewollte Missverständnisse und intentionale Irrtümer? Machen wir es kurz und pragmatisch, die langen scholastischen Debatten vermeidend: Ja, die gibt es. Ich kann etwas aus den verschiedensten Gründen missverstehen, und nichts hindert mich daran, dieses Missverständnis und den darauf basierenden Irrtum zu kultivieren und für bestimmte Zwecke zu instrumentalisieren. In diesem Sinne kann es auch hier verstanden werden.
Wie auch immer, der berühmte Satz von Simone de Beauvoir, mit dem sie den ersten Teil des zweiten Buches ihres Werkes „Das andere Geschlecht“ eröffnet hat, nämlich „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“ (S. 334), kann als Anerkennung der gestaltenden Wirkungsmacht von psycho-sozialen Faktoren betrachtet werden. Als eine Hommage an die Macht der Rollen, deren Zuteilung zwar tief in der Vorgeschichte geschah, aber deren Entwicklung einem permanent andauernden soziokulturellen Prozess unterliegt. Genau diesen permanenten soziokulturellen Prozess meint auch die französische Frauenhistorikerin Christiane Kla-pisch-Zuber, wenn sie – ebenso wie viele andere – darauf hinweist, dass das, was man gemeinhin „Geschlecht“ nennt, das Ergebnis einer ständigen kulturellen Einwirkung der Gesellschaft auf die vermeintliche Natur sei. Somit definiere, billige oder missbillige und kontrolliere der soziokulturelle Faktor die biologisch bestimmten Geschlechter und weise ihnen genau festgelegte Rollen zu (S. 13).
Man könnte in der Tat die Kultur als Über-Ich der Biologie bezeichnen: Die Biologie erlaubt, die Kultur verbietet.
Die schwangeren Männer, der Homo dominus und die Femina domestica
Was den Mann betrifft, ist er in seiner früh erworbenen Rolle als Beschützer, weitgehender Versorger der Familie und Verteidiger der sozialen Gruppe fest etabliert. In einer frühen Zeitperiode seiner psychologisch-sozialen Entwicklung hätte dem männlichen Homo sapiens das Attribut Homo protector gut gestanden. Das war lange, bevor er sich zu einem Homo dominus, zu einem Herrscher entwickelte – oder gar zu einem Homo tyrannus. Eine eher kuriose und periphere, aber doch interessante Mikroreflexion und Widerspiegelung der protektiven Ur-Rollenzuteilung, aber auch des erfolgreichen Teamworks der Geschlechter findet sich in der folgenden psychologischen und kulturellen Extravaganz:
Psychiater, aber auch Volkskulturen und Geschichte kennen ein seltenes, aber interessantes Phänomen, das bei Männern auftritt. Man nennt es das „Couvade-Syndrom“. Die Bezeichnung „Couvade“ wird vom französischen Wort „couver“ (= „brüten“) abgeleitet. Damit wird das „Syndrom der schwangeren Männer“ bezeichnet. Es beschreibt ein Phänomen, bei dem Ehemänner oder Partner während der Schwangerschaft ihrer Frauen selbst Schwangerschaftssymptome entwickeln, offensichtlich psychisch verursacht, meist aus synempathischen und solidarischen Gründen.* Man könnte denken, das sei bloß eine psychiatrische Kuriosität und noch dazu fremd zu unserem Thema, aber weit gefehlt.
Dieses kuriose Phänomen hat eine sehr lange kulturelle Geschichte und eine große symbolische Bedeutung. Es ist seit uralten Zeiten bekannt und zum ersten Mal in Zusammenhang mit dem Argonautenmythos erwähnt, der älter ist als der Trojanische Krieg, also mehr als 3500 Jahre. Der griechische Dichter Apollonios Rhodios schreibt in seinem Argonauten-Epos vor fast 2300 Jahren unter anderem Folgendes (2. Buch, V. 1008–1014): „Und nach diesen bogen sie dann sogleich um das Kap des Zeus Genetäos* herum und eilten am Tibäranischen Land entlang. Jedes Mal, wenn dort nun die Frauen von ihren Männern Kinder gebären, werfen sich die Männer selbst aufs Bett und umwickeln ihre Häupter und verfallen in Stöhnen. Die Frauen aber versorgen ihre Männer gut mit Essen und bereiten ihnen das Kindbett-Bad.“
Andere antike Autoren, wie der griechische Geograf Strabon in seinen „Geographika“ (3. Buch, 4. Kap., V. 168 f.) berichten über ähnliche Phänomene und Rituale an anderen Orten der damals bekannten Welt. Der Zweck dieses Phänomens wird im Schutz der schwangeren Frauen durch ihre Männer vermutet. In diesem Sinne schützten die Männer nämlich ihre schwangeren Frauen durch Täuschung der bösen Geister, die die Schwangere schädigen wollten, indem sie deren Aufmerksamkeit auf sich selbst lenkten.
Die Rolle des Mannes als Beschützer und Verteidiger der Frau und der Familie und die der Frau als Umsorgende ist damit anschaulich dargestellt: Der Mann schützt die Frau und das ungeborene Kind, indem er die bösen Geister auf sich lenkt; die Frau kümmert sich ihrerseits um den Mann, indem sie ihn mit Essen versorgt und ihm ein Bad bereitet. Ein schöner Ausdruck von Parität und Komplementarität. Von Teamwork eben.
Radikale Hyperfeministinnen sehen das aber anders. So etwa die gelernte Fotografin Josefine Schreier, uns aus dem Abschnitt „Die Frauen von fernen Sternen …“ in diesem Kapitel, unter anderem durch die sonderbare Theorie bekannt geworden, dass der Mann und die ihm überlegene und herrschende Frau unterschiedlichen Rassen angehören. Sie vertritt auch bezüglich des Couvade-Syndroms eine eigenwillige These: Es sei Ausdruck des Versuchs des Mannes, sich mit der Frau zu identifizieren, um an ihrer Superiorität teilzuhaben. Die Männer „hofften und glaubten, durch diese Scheinhandlungen die schöpferische Kraft, Wissen, Macht und soziale Stellung der Frauen zu erwerben und zumindest daran teilzunehmen“ (S. 39). Weder die alten Autoren, die das Phänomen beschrieben und interpretiert haben noch die moderne Psychiatrie würden diese eigenwillige These der psychiatrie- und psychologiefremden Autorin bestätigen.
Wie auch immer, lange blieb die Ur-Rollenetablierung zwischen den Geschlechtern wohl unverändert. Mit dem stereotypisierten strategischen Überlebensbund aber entstanden darüber hinaus die psychologischen Voraussetzungen, die die Befestigung von Männlichkeit und Weiblichkeit als soziokulturelle Konstrukte möglich machten. Man könnte es sich vorstellen als eine an ihren Ursprüngen von den Beteiligten akzeptierte, wohl paritätische Arbeitsteilung. Die spätere Sesshaftigkeit des Menschen und die Entwicklung der Agrikultur, verbunden mit der Domestizierung von Nutztieren, habe die dominante Rolle der Männer verstärkt, so die Frauenhistorikerin Margaret Ehrenberg (S. 199). Die Herrschaft der Männer über die Viehherden und ihr wachsender Anteil an der beständigeren Produktion von Lebensmitteln über die Jagd hinaus trugen demnach zur Verstärkung ihrer Machtposition innerhalb der Familie und der Gruppe bei. Bei der Frau dagegen sei der Anteil an der Nahrungsbeschaffung zurückgegangen; dies habe möglicherweise ihren Status innerhalb der Familie sinken lassen. Und nicht nur das. Die Entstehung von Besitz und Dorf brachte die Verteidigungsnotwendigkeit mit sich, so Carel van Schaik und Kai Michel. Besitz und Dorf mussten vor Angreifern und Rivalen verteidigt werden. Die Krieger waren die, die die Verteidigung leisteten. Und zum Krieger entwickelte sich in der Regel der Mann – Kriegerinnen blieben Ausnahmen.58
Der Mann wurde demnach in seiner Rolle immer mächtiger. Ihm wurden also manche Möglichkeiten eröffnet, sich vom Homo protector zum Homo dominus zu entwickeln und im schlimmsten Fall auch zum Homo tyrannus. Die Frau wurde dagegen durch ihre Vulnerabilität als Gebärerin und Versorgerin der Kinder und auch die neu entstandenen sozialen Gegebenheiten gezwungen, weitgehend eine Femina domestica zu bleiben. Der Haushalt und die Familie waren damit jahrtausendelang ihre zentrale Domäne, die aber in dem uns schon bekannten eingezäunten Frauenlager eingeschlossen war. Der Mann dagegen etablierte sich in seiner Doppelrolle: Versorger und Beschützer der Frau einerseits, ihr Diskriminierer andererseits. Letzten Endes wurden Mann und Frau jahrtausendelang innerhalb solcher soziokulturellen, aus Faktizität, Fantasmen und Fiktionen bestehenden Konstrukte von Männlichkeit und Weiblichkeit sozialisiert.
Die Gewöhnung und der Sprengstoff
Gewöhnung schafft Gewohnheitsrecht. Auch die Gewöhnung an die herrschende Rollenaufteilung führte zum Gewohnheitsrecht. Der Hauptprofiteur dabei war der Mann. Er sorgte eifrig dafür, dass die Sozialisation der Geschlechter nach den tradierten soziokulturellen Konstrukten stattfand, während die Frau dabei immer spärlicher werdende Vorteile hatte. Diese wenigen Vorteile brachten vor allem eine Art Bequemlichkeit und die Befriedigung eines Schutzbedürfnisses mit sich, so etwa die feministisch orientierte Autorin Rosalind Miles (S. 15 und 34 f.). Tiefenpsychologen postulieren sogar ein Überbleibsel der Befriedigung dieses Schutzbedürfnisses auch im Unbewussten der modernen Frau. So sei zu erklären, warum sogar starke Frauen eine Sehnsucht nach dem starken Mann haben sollen. Die aber wiederum verursache bei der modernen Frau einen Konflikt zwischen der bewussten Einstellung, welche die Autonomie favorisiert, und der unbewussten Einstellung, die nach Befriedigung des Schutzbedürfnisses verlangt.59 Gerade in manchen Vorteilen und Bequemlichkeiten sehen Historikerinnen, wie die prominente, des Antifeminismus absolut unverdächtige Gerda Lerner, eine Mitwirkung der Frau an der Entstehung und Aufrechterhaltung des Patriarchats. Damit wird die Rolle der Frau als pures Opfer etwas relativiert. Das Patriarchat sei von Männern und Frauen gemeinsam geschaffen worden, schreibt sie (S. 263). Und: „Das System des Patriarchats kann nur funktionieren, wenn die Frauen bei seiner Aufrechterhaltung mitwirken“ (S. 269). Allerdings bezeichnet sie diese Mitwirkung als eine vernünftige Entscheidung der Frauen, die starke Beschützer für sich und ihre Kinder brauchten (S. 270). Wie auch immer, die Frau bezahlte dafür einen hohen Preis: mit ihrer Autonomielosigkeit. Und noch schlimmer: „Jahrtausendelang haben Frauen an dem Prozess ihrer eigenen Unterordnung mitgewirkt, weil sie psychologisch so zugerichtet worden sind, dass sie die Vorstellung ihrer eigenen Minderwertigkeit internalisiert haben“, sagt die vorher zitierte feministisch orientierte Historikerin Gerda Lerner weiter (S. 271). Die Umstände haben sich im Verlauf der Jahrtausende zwar signifikant geändert. Die stereotypisierten Verhaltensmuster und die Sozialisation der Geschlechter aber viel weniger. Stereotyp kommt vom griechischen „stereós“ = „fest, unelastisch“ und „týpos“, was in diesem Zusammenhang etwa „Prägung“ bedeutet. „Stereotyp“ heißt also „feste, unelastische Prägung“. Stereotype sind demnach per definitionem veränderungsresistent.
Was Gerda Lerner feststellte – die Wiederholung der Aussage sei erlaubt –, dass die Frauen „an dem Prozess ihrer eigenen Unterordnung mitgewirkt [haben], weil sie psychologisch so zugerichtet worden sind, dass sie die Vorstellung ihrer eigenen Minderwertigkeit internalisiert haben“, widerspiegelt eine furchtbare Realität. Es klingt wie eine Bestätigung dieser Feststellung, was die schon zitierte Psychologieprofessorin Doris Bischof-Köhler herausfand: Mädchen schätzen die eigene Kompetenz geringer ein als Jungen, sie schreiben sich Misserfolge selbst zu, fürchten sich vor Erfolg, allerdings noch mehr vor dem Versagen; sie neigen dazu, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen, auch wenn sie Anerkennung erhalten. Das Gegenteil tun aber die Jungen (S. 350). Insofern ist es weniger abwegig als es auf den ersten Blick scheint, was noch im Jahr 2006 in Bezug auf Gleichstellung von Frau und Mann die Schriftstellerin und Literaturkritikerin Thea Dorn vertritt: Sie bezeichnet zwar die derzeitige deutsche geistig-politische „Männer-Elite“ als „Backlasher“*, als mitverantwortlich aber auch die „dumme Frau“. Als solche bezeichnet sie die Frau, „die sich hier bei uns ohne Not dem Patriarchat unterwirft und damit seine Gesetze festigt“ (S. 340 f.). Dass diese Frau „dumm“ ist, darf man anzweifeln; man kann dem sogar heftig widersprechen; vielleicht ist sie nur selbstunsicher oder inaktiv. Und vielleicht lieben es solche Frauen bequemer als die Paradigma-Frauen und die anderen Kämpferinnen, die wir im Abschnitt „Die Emanzipation des Mannes …“ des 9. Kapitels kennenlernen werden. Oder diese Frauen suchen ihre Selbstverwirklichung, ihr Glück, ihre Erfüllung in Konstellationen, die nicht identisch – und insofern auch nicht „gleichstellbar“ – mit denen des Mannes sind. In diesem Falle handelt es sich wohl eher um kluge und nicht um dumme Frauen.
Auch die Macht der Gewohnheit prägt Verhaltensmuster. Sie lässt das Phänomen der „Sekundären Habitualisierung“ entstehen. Sekundäre Habitualisierung nennt man in der psychiatrisch-psychologischen Sprache die Gewöhnung an ein vorteilhaftes Verhalten bzw. eine vorteilhafte Interaktion und als Folge davon deren Fortsetzung, auch wenn die Situation, die es notwendig machte, nicht mehr existiert. Gewöhnt hatten sich die Männer an das Vorteilhafte ihrer „superioren“ Rolle. Habitualisierung bedeutet in diesem Zusammenhang, dass etwas zur festen Gewohnheit wird oder gemacht wird. Und damit zum Bestandteil des Verhaltens eines Menschen. Die Bezeichnung „sekundär“ weist auf etwas Primäres hin, d. h., die feste Gewohnheit wird aus etwas schon vorher Vorhandenem abgeleitet. Die Ursache (das Primäre) geht, die Gewohnheit (das Sekundäre) bleibt, auch in unseren Gesellschaften. Von der Phase der Sesshaftigkeit bis hinein in die Phasen der Agrikultur, der Urbanisierung, der Industrialisierung, der Automobilisierung, der Digitalisierung bis hin in die Zeit des Überschallfluges und der Raumfahrt erweist die Gewohnheit ihre Resistenz. Und so blieb auch die daraus resultierende Situation durch alle diese Phasen so, wie sie einst war. Das Primäre (der paritätisch gestaltete strategische Überlebensbund) ging, die Gewöhnung an seine Wirkungen (für den Mann ungleich vorteilhafter als für die Frau) blieb. Nun aber können solche Gewöhnungen zwar fortbestehen und Privilegien, Vorteile und Bequemlichkeiten mit sich bringen, in den Geschlechterbeziehungen sind sie jedoch mit geschlechterspezifischem Sprengstoff beladen. Die sekundäre Habitualisierung an die Rollenverteilung bedeutete nämlich für den Mann Gewöhnung an Vorteilhaftes, das nach Verteidigung verlangte – und immer noch verlangt. Für die Frau aber ergab sich eine Menge Benachteiligendes und Einschränkendes, was zu der Sehnsucht führt, all das abzuschütteln und endlich Autonomie zu erlangen.
Das ist der Stoff der Geschlechterkonfrontation und der Sprengstoff im Geschlechterkampf. Die Männerwelt begann schon sehr früh, Angst zu bekommen. Angst vor dem Zünden des Sprengstoffes. Der Mann hat frühzeitig erkannt: Die Lunte muss entfernt werden. Die Lunte musste entfernt werden, um die Angst zu neutralisieren – aber nicht durch Gleichberechtigung, sondern durch Unterdrückung und Diskriminierung der vermeintlichen Gefahrenträgerin.
Das alles führt zu dem Schluss, dass das psychologische Motiv des Mannes, die Gleichwertigkeit der Frau zu verneinen, nicht Hass ist, wie die Urmatriarchatstheorie uns suggeriert. Und wie er im gängigen Diskurs als Ursache der „Misogynie“ – damit ist die Gleichwertigkeits- und Gleichberechtigungsverneinung sowie die Diskriminierung der Frau gemeint – ausgemacht wird. Nein, kein Hass. Zumindest kein Hass, wie wir ihn im Abschnitt „Hass eine toxische Emotion …“ des 2. Kapitels kennengelernt haben. Nicht Hass? Aber was ist dann das ursächliche Motiv für Abwertung und Diskriminierung der Frau?
* „Patriarchat“, vom griechischen „patér“ = „der Vater“ und „árches“ = „das Oberhaupt“; ist vom Verb „archeín“ abgeleitet, was „herrschen“ bzw. „der Erste sein, der Führer sein“ bedeutet. Matriarchat kommt vom lateinischen „mater“ bzw. griechischen „meter“ = „die Mutter“ und „archein“, w. o. Das Wort „Androkratie“ kommt vom griechischen „anér“, Genitiv „andrós“ = „der Mann“ bzw. Genitiv von Mann, und „kratia“ = „die Herrschaft“, es bedeutet also „die Herrschaft der Männer“. Das Wort „Gynäkokratie“ kommt ebenfalls aus dem Griechischen und bedeutet „die Herrschaft der Frauen“. Es stammt aus der Antike, vermutlich von Herakleides Pontikos, einem griechischen Historiker des 4. vorchristlichen Jahrhunderts; von ihm hat es Bachofen übernommen. Bachofens Schreibweise ist „Gynaikokratie“. Das Wort Matriarchat war ihm unbekannt; es wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt (s. Uwe Wesel, S. 14 und S. 150 f., oder Stella Georgoudi, S. 499).
* Übrigens finde ich persönlich die Bezeichnung „Gynäkokratie“ (hier die moderne Schreibweise) zutreffender als „Matriarchat“. Gynäkokratie bezeichnet die Macht der Frauen, unabhängig davon, ob sie Mütter sind oder nicht. Die Bezeichnung Matriarchat (vom lateinischen „mater“ bzw. griechischen „meter“ = „die Mutter“) bedeutet dagegen – bzw. müsste sich korrekterweise darauf beschränken – nur die „Macht der Mütter“. Das neuzeitliche Kunstwort „Matriarchat“ ist außerdem im heutigen Sprachgebrauch ein diffuser Begriff, wie die Frauenhistorikerin Elke Hartmann feststellt (2004, S. 3). Genau im selben Sinne ist der Begriff „Androkratie“ zutreffender als „Patriarchat“. Androkratie bezeichnet die Herrschaft der Männer, unabhängig davon, ob sie Väter sind oder nicht. Patriarchat bedeutet dagegen – bzw. müsste korrekterweise bedeuten – nur die „Herrschaft der Väter“. Denn im Patriarchat war und ist es teilweise immer noch nicht nur die Herrschaft der Väter, sondern auch die der Ehemänner, der Brüder und sonstigen männlichen Verwandten, ja teilweise der Söhne, die die Frauen zu ertragen haben. Es handelt sich um die Macht des Mannes insgesamt über die Frau und nicht nur um die der Väter. Androkratie also. Die moderne Soziologie spricht vorzugsweise von „hegemonialer Männlichkeit“. Darunter wird ein dominierendes Männlichkeitsideal verstanden, das historisch wandelbar ist. Neben einer jeweils vorherrschenden („hegemonialen“) existieren auch andere, teils ausgegrenzte und abgewertete („marginalisierte“) Formen von Männlichkeit, die aber alle gemeinsam von der Macht und den Vorzügen des gesellschaftlich dominanten Modells profitieren. Weil „hegemoniale Männlichkeit“ bzw. „männliche Hegemonialität“ ein besonders spezifischer Begriff der soziologischen Forschung ist, wird er in diesem Buch nur an besonderen Stellen verwendet. Stattdessen, Rücksicht nehmend auf sprachliche Gewohnheiten und leichtere Verständlichkeit, werden die Wortpaare Gynäkokratie/Androkratie und Matriarchat/Patriarchat abwechselnd und jeweils gleichbedeutend verwendet.
* Zur Definition des Hyperfeminismus s. im Abschnitt „Kultur ist das Über-Ich der Biologie …“ in diesem Kapitel.
** Isokratie vom griechischen „ísos“ = „die, das, der Gleiche“, und „kratia“ = „Macht“.
* Sprachlich korrekter wäre es, von einem „vir ekdiketicus“ zu sprechen – vom lateinischen „vir“ = „der Mann“, um es auf den Mann zu begrenzen. Mir ist selbstverständlich bewusst, dass das lateinische Wort „homo“ hauptsächlich den Menschen meint, Mann und Frau. Allerdings wird laut lateinischen Lexika das Wort „homo“ auch synonym zu „vir“ verwendet, eben mit der Bedeutung „Mann“. Ich möchte um Verständnis dafür bitten, dass das Wort Homo hier auch in diesem Sinne verwendet wird. Die Absicht dabei ist, zu einem in der anthropologischen Nomenklatur zu bleiben, zum anderen einen fremdsprachlichen Inflationismus möglichst zu begrenzen.
* S. Definition im Abschnitt „Kultur ist das Über-Ich der Biologie …“ in diesem Kapitel.
* Zur Definition s. Abschnitt „Ich bin ein Mann …“ des 1. Kapitels.
* Das Pleistozän (vom griechischen „pleístos“ = „am meisten“ und „kainós“ = „neu“) ist ein Zeitabschnitt in der Erdgeschichte, der vor über 2 Millionen Jahren begann und vor ca. 11.000 Jahren endete (etwa in der Zeit, in der die Androkratie vermutlich ihren Anfang nahm).
* Mir ist bewusst, dass sich so ein Entwurf in gewissem Widerspruch zu den im Matriarchatssog entstandenen Theorien befindet, die besagen, dass nicht die Biologie die Unterschiede in körperlicher Schwäche und Stärke zwischen den Geschlechtern bestimmt, sondern die Herrschaftsverhältnisse: Herrscht der Mann im Patriarchat, sei er auch der körperlich und mental Stärkere und die Frau die Schwächere; und danach habe sich die Arbeitsverteilung gerichtet. Herrsche aber die Frau in einem Matriarchat, dann gelte das Gegenteil – so etwa Matthias und Mathilde Vaerting (S. 411 f.). (An dieser Stelle sei eine kleine Bemerkung erlaubt: Ein Dr. Matthias Vaerting hat nie existiert. Vielmehr kreierte Mathilde Vaerting diesen imaginären Mitautor, manchmal auch als alleinigen Pseudonym-Autor, um zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihre Werke publizieren zu können bzw. dürfen. Oder vielleicht auch um Seriosität in den Augen der maskulinen Wissenschaftsgemeinde zu erwerben, s. etwa Hartmut Rosa et al., S. 93 f.)
* Grob gesagt: Nach tiefenpsychologischem Verständnis verbietet uns unser Über-Ich „inkorrektes“ Verhalten und zwingt uns zu Anpassungen, Korrekturen, Einschränkungen.
* Ich möchte um Verständnis bitten, dass ich im Weiteren nicht das vielen vertraute Wort „Empathie“ bzw. „empathisch“ verwende und stattdessen von „Synempathie“ und „synempathisch“ spreche. Das griechische Wort „Empathie“ ist nicht das richtige Wort, um auszudrücken, was eigentlich gemeint ist, obwohl es heute in vielen Sprachen (außer der griechischen) in diesem Sinne verwendet wird. Das entstand künstlich, da das anglisierte griechische Wort „empathy“ seit 1909 in der englischen Sprache verwendet und später in verschiedenen westlichen Sprachen übernommen wurde, um auszudrücken, was man im Deutschen „Einfühlung“ nennt (d. h., sich in die Gedanken, Gefühle und Erlebnisse einer anderen Person hineinversetzen und Mitgefühl entwickeln). Empathie bedeutet aber in seiner griechischen Ursprungssprache „das Nachtragen“ im eher negativen Sinne. Das ist der Grund, warum in der griechischen Psychiatrie, Psychologie und sonstigen Wissenschaft das Wort „Synempathie“ verwendet wird, um den gemeinten Vorgang auszudrücken. Die Einführung des Wortes Empathie ist wohl auch das Ergebnis der Probleme, die sich aus dem Versuch einer richtigen und exakten Übersetzung eines Wortes von der einen in die andere Sprache ergeben. Laut Online Etymology Dictionary wurde der Begriff „Empathie“ im nichtgriechischen Sprachraum zum ersten Mal 1848 vom deutschen Philosophen Rudolf Hermann Lotze verwendet, und zwar um einen Zustand der intensiven Gefühlsregung zu bezeichnen. Später machte „Empathie“ wie schon erwähnt als englische Übersetzung des deutschen Wortes „Einfühlung“ Karriere, so etwa bei Übersetzungen aus Werken deutscher Philosophen (etwa Rudolf Hermann Lotze oder Theodor Lipps). Offenbar zum ersten Mal wurde es in diesem Sinne so benutzt von Edward B. Titchener im Jahr 1909, der auf die Schwierigkeit der Übersetzung des deutschen Wortes „Einfühlung“ hinwies und gleichzeitig als „wahres Übersetzungsanalogon“ in englischer Sprache das griechischstämmige,aber unrichtig übersetzte Wort „empathy“ wählte. Später wurde die Übersetzung „empathy“ für das deutsche Wort „Einfühlung“ auch bei den Werken von Sigmund Freud verwendet und ist in diesem Sinne mittlerweile fast überall üblich. Aber, wie eingangs gesagt – hier bleiben wir bei „Synempathie“.
* Die griechische Bezeichnung „Zeus Genetäos“ bedeutet „der Gebärende Zeus“ oder auch „Zeus, der Schützer der Gebärenden“.
* Der englische Begriff „Backlash“ (= „Gegenschlag, Rückschlag“.) wird als Bezeichnung für reaktionäre Bestrebungen verwendet, die gegen als fortschrittlich erachtete Entwicklungen gerichtet sind, sowie für die Rückkehr konservativer Wertvorstellungen.