4. Der verschreckte Gott

Die inzwischen gewachsene Familie Abendländer versammelte sich am 7. Februar 1971 wie jeden Tag zum Abendessen um den Esstisch. Zu Birgit, jetzt 16 Jahre alt, waren Cäcilia, zwölf Jahre, und Dora, zehn Jahre, hinzugekommen. Nach dem Tischgebet (an dem sich die Mädchen offensichtlich eher widerwillig und gelangweilt beteiligten) und dem Lob für Mutter Annas Kochkünste (an dem sich die Mädchen herzlich beteiligten) begann eine lebhafte Diskussion zwischen den Familienmitgliedern. Das Thema hochaktuell: Heute, am 7. Februar 1971, hatte in der Schweiz eine Volksabstimmung stattgefunden, wobei das abstimmende Volk wie immer nur die Männer waren. Es ging dabei wieder um die Frage, ob den Frauen das Wahlrecht auf Bundesebene zugestanden werden sollte. Herr Abendländer vertrat die gleichen Thesen wie bei der Abstimmung zwölf Jahre zuvor, bei der das Frauenwahlrecht abgelehnt worden war. Er war dagegen. „Wieso sollte sich an der gottgewollten und seit Jahrhunderten bewährten Ordnung etwas ändern? Die Frauen sollten unbedingt von solchen schweren Aufgaben, wie sie etwa mit der Politik verbunden sind, verschont bleiben. Sie würden damit überfordert, und sie würden auch ihre Hauptaufgaben, Mutterschaft und Ehefrausein, die sie so glücklich machten, vernachlässigen. Sie würden damit bestimmt unglücklich.“ Das waren seine Argumente.

Die Frauen am Tisch vertraten lebhaft eine ganz andere Meinung, wobei die 16-jährige Birgit die Wortführerin war. Sie sagten: „Die Frauen sind gleichwertig mit dem Mann, und was der Mann kann, kann auch die Frau. Von Vernachlässigung der Mutter- und Ehefraupflichten könne keine Rede sein. Vom Unglücklichwerden sowieso nicht. Männer sollten keine Angst vor den Frauen haben. Männer sollten ihre Angst, dass die Frauen ihnen etwas wegnehmen könnten, endlich ablegen. Frauen wollten doch bloß gleichberechtigt teilhaben. Und Frauen könnten sehr wohl das tun, was Männer könnten – das zeigten inzwischen Frauen überall auf der Welt, wenn sie die Chance dazu hätten. Eine Veränderung der Gesellschaftsordnung sei längst überfällig und werde weder Chaos noch Unsicherheit verursachen, sondern vielmehr eine Bereicherung des öffentlichen Lebens. Die Männer sollten endlich keine Angst mehr vor den Frauen haben.“ So argumentierten die Frauen.

„Angst der Männer vor den Frauen? Was soll dieses Gerede?“, erwiderte Herr Abendländer. „Wer hat denn hier Angst vor den Frauen? Hoffentlich erzählt ihr so etwas nicht auch anderswo, meine Liebsten. Ihr werdet ja ausgelacht. Männer sollen Angst vor den Frauen haben …? Na so was! Das ist doch lächerlich.“

Die Befürworter des Frauen-Wahlrechtes gewannen diesmal. Und so führte endlich auch die Schweiz das Frauenwahlrecht ein – aber nicht der Kanton Appenzell Innerrhoden, in dem die Abendländers wohnten.

Die Stimmung innerhalb der Familie war nach Bekanntmachung der ersten Prognosen eindeutig gemischt. Bei den Frauen einerseits große Freude, dass den Frauen in der Schweiz endlich das Wahlrecht zugestanden wurde; andererseits aber Traurigkeit, dass dies nicht die Zustimmung des eigenen Kantons fand. Bei Herrn Abendländer genau das Gegenteil: Erleichterung, dass der eigene Kanton nicht zugestimmt hatte, Enttäuschung über die Zustimmung der restlichen Schweiz.

Trotz seiner Haltung nannte niemand, weder bei diesem Tischgespräch noch sonst, Andreas Abendländer einen Frauenhasser. Hätte jemand so etwas gesagt, wäre er sehr wütend geworden. Seine Frauen hätten sogar seine Wut verstanden. Er liebte seine Frau und seine Töchter sehr, wie auch seine alte Mutter; er pflegte freundschaftliche Beziehungen zu seinen Nachbarinnen, die ihn ausnahmslos liebenswürdig fanden. Ganz gewiss: Er hasste keine Frau! Den Vorwurf, ein Frauenhasser zu sein, hätte er als Attacke auf seine Integrität empfunden. Gut, dass niemand ihm je so etwas Absurdes vorgeworfen hatte! Sonst …

Doch dass jetzt seine Töchter seine Haltung als Angst bezeichneten! „Ich und Angst? Und vor allem Angst vor den Frauen …?“ Dachte er. „Lächerlich! Nicht wahr? Die Männer, die gegen das Frauenwahlrecht gestimmt hatten, hatten das wegen ihrer Überzeugung getan, doch nicht aus Angst vor den Frauen. Ist doch wahr!“

„Und doch haben die Männer Angst vor den Frauen! Vor der Gleichberechtigung der Frau haben die Angst“, rief Birgit ihrer Mutter Anna zu.

Der Homo phobicus betritt die Bühne der Weltgeschichte

Wenn also nicht Hass das ursächliche Motiv für Ablehnung und Diskriminierung der Frau ist, was ist es dann? Aus psychologischer Sicht kann man die folgende These formulieren: Nicht Hass, sondern phobische Angst ist der Hauptschöpfer des Feindbildes Frau.60 Das ist das, was auch die Frauen der Familie Abendländer mit der Behauptung, die Männer hätten Angst vor den Frauen und deren Gleichberechtigung, zum Ausdruck brachten. Aber was meinten sie damit, und was ist Angst überhaupt? Das soll Anlass genug für uns sein, Bekanntschaft mit der Angst zu machen.

Angst ist ein Gefühl unangenehmer Beunruhigung und angespannter Erwartung eines bedrohlichen Ereignisses. So lautet eine verständliche und den Zwecken dieses Buches entsprechende Definition.61 Angst zeigt sich auf einem breiten Spektrum, von Sorge bis zur Panik, mit zahlreichen Zwischenstufen und Ausdrucksformen. Man bringt zweifelsohne Eulen nach Athen, wenn man an dieser Stelle erwähnt, dass die Angst zur menschlichen Rüstung gehört, mit der uns die Evolution bewaffnet hat. Angstlos bedeutet schutzlos. Die Angst vor der Schlange schützt mich vor dem Schlangenbiss; die Angst vor dem Abgrund rettet mich vor dem Absturz. Das ist die eine Seite der Angst, die begründete und schützende. Aber es gibt noch die andere Angst, die unbegründete und einschränkende. Sie tritt als Angststörung in Erscheinung. Ein Ausdruck davon ist die Phobie.

Psychiater und Psychologen definieren die Phobie wie folgt: Phobie ist eine übertriebene oder gar unbegründete und irrationale Angst vor etwas Bestimmten, worauf sie sich fokussiert. Sie beherrscht den gegen die vermeintliche Gefahr sensibilisierten Menschen und veranlasst ihn zur Vermeidung und Abwehr der Angstquelle.62 Psychiater und Psychologen kennen und behandeln die verschiedensten Arten von so definierten Phobien, etwa die Agoraphobie (Angst vor großen, weiten Plätzen und Versammlungssorten), die Arachnophobie (Angst vor Spinnen), die Akrophobie (Angst vor Höhe) und viele andere. Menschen mit einer solchen Phobie haben Angst vor einer bestimmten Angstquelle und eine Aversion dagegen. Sie reagieren darauf mit Fluchtbereitschaft und körperlichen Symptomen, wie etwa Gesichtsblässe, Herzklopfen, Schweißausbrüchen, Zittern und beschleunigter Atmung. Sie versuchen, jeden Kontakt mit der Angstquelle zu vermeiden. Dies ist die psychobiologische Form der Angst, die die klinische Phobie ausmacht. Das ist aber nur ein Verständnis von Phobien, das psychiatrisch-psychologische.

Es gibt auch ein weiteres. Die allgemeine Sprache nennt auch solche Zustände und Einstellungen Phobie, die keineswegs körperliche Symptome verursachen. Und auch von Fluchtbereitschaft kann dabei kaum die Rede sein, sondern vielmehr von Aggressionsbereitschaft. Einige Beispiele dafür: Homophobie wird die unbegründete oder gar irrationale Angst vor Homosexualität genannt, die meist auch mit einer Aversion gegen Homosexuelle einhergeht. Xenophobie ist die unbegründete oder gar irrationale Angst vor Fremden, oftmals verbunden mit einer Abneigung gegen diese. Islamophobie ist die unbegründete oder gar irrationale Angst vor dem Islam, nicht selten auch mit Ressentiments einhergehend, ohne Differenzierung zwischen gewaltbereiten Islamisten und friedfertigen Moslems. All dies sind Zustände, die nicht unbedingt von körperlichen Angstsymptomen begleitet werden. Angst ist in diesem Sinne nicht nur ein psycho-biologisches Phänomen, sondern auch ein psycho-soziologisches. Insofern gibt es auch ein weiteres Verständnis von Phobie als das psychiatrisch-psychologische: das soziale Verständnis.

Im Sinne des sozialen Verständnisses und in Anlehnung an die obigen Beispiele wird im Kontext dieses Buches die „Angst vor den Frauen“ als „Gynäkophobie“ bezeichnet. Wir werden sie im nächsten Kapitel beleuchten. Zuerst schauen wir uns an, zu was die Angst vor der Zündung des Sprengstoffes, von dem wir im Abschnitt „Die Gewöhnung und der Sprengstoff “ im vorigen Kapitel gehört haben, geführt hat. Zum Folgenden: Der Mann entwickelte im letzten Abschnitt der Entwicklung der Menschheit, der, wie wir wissen, nur winzige 1 bis 2 Prozent seiner Gesamtentwicklung ausmacht, Angst vor der Frau. Genauer gesagt: Angst vor dem Potenzial, das in ihren Befreiungsbestrebungen, in ihrem Begehren nach Autonomie, in ihrer Sehnsucht nach Gerechtigkeit und in ihrer Empörungspotenz steckt. Es handele sich dabei um Verhaltensweisen, die als Grundausstattung des Menschen immer da waren, so Carel van Schaik und Kai Michel in „Die Wahrheit über Eva “ (S. 33). Und sie fügen hinzu: „Frauen haben auch in Zeiten der schlimmsten Unterdrückung ihr Schicksal nie demütig ertragen, sondern immer gespürt: ,Das ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit!‘“ Wir möchten noch hinzufügen: Das sind nicht die einzigen Ängste der Androkratie vor der Frau. Es gibt noch mehr, etwa Angst vor ihren Fähigkeiten, ihren Begabungen, ihren Qualitäten. Man kann es auch so zusammenfassen: Die Androkratie hat Angst vor der Konkurrenz der Frau. So wie jeder Monopolist Angst vor aufkeimender Konkurrenz hat. Konkurrenz kann zwar Angst bei Rivalen verursachen, aber auch neue Chancen, neue Möglichkeiten, neue Perspektiven für die Gesamtheit eröffnen. Die gynäkophobe Männerwelt erkannte im Potenzial der Frau nur Gefahren für sich selbst, aber nicht die darin steckenden neuen Chancen, neuen Möglichkeiten, neuen Perspektiven für alle.

Und ab diesen prähistorischen Zeiten ging in der Männerwelt ein Gespenst um; das Gespenst der Verlustangst. Ein Gespenst in Frauengestalt. Die Männerwelt versuchte, das Gespenst zu verbannen. Als effektivster Bannfluch erwiesen sich die Gleichwertigkeitsverneinung und deren Folgen. Dieser Bannfluch war das Ergebnis der phobisch motivierten Abwehr- und Vermeidungsstrategie des Mannes. Die Angst – der Phobos, die Phobie – bestimmte die Haltung des verängstigten Mannes. So wie es bei jeder anderen Phobie der Fall ist. Männlichkeit ist in ihrem Kern seitdem eine verängstigte Männlichkeit. Der Homo phobicus betrat damit die Bühne der Menschheitsgeschichte. Jede menschliche Gesellschaft, aber wirklich jede, hat seitdem ihren Homo phobicus.

Der Homo phobicus ist männlich und ängstlich, aber auch kämpferisch. Er versucht, die vermeintliche Gefahr abzuwehren und zu vermeiden – zunächst durch Erfindung einer vermeintlichen Superiorität des Mannes und Inferiorität der Frau und dann durch das Festkrallen an diesem Mythengebilde. Die Abwehr- und Vermeidungsstrategien des Homo phobicus gegen die multiplen Verlustängste wurden lange, lange Zeit nach ihrer Entstehung in Gesetze, Regeln und Verordnungen gegossen, zivile und religiöse. Aber die durch zivile und religiöse Gesetze geregelte Abwehr- und Vermeidungsstrategie entstand nicht aus einer erhabenen Superiorität des Mannes gegenüber dem barbarischen „Amazonentum“ der Frauen, wie es die Erfinder des Ur-Matriarchats behaupten. Weder der Genius der „männlich-geistigen Epoche“ Bachofens noch die Erhabenheit der „männlichen Zivilisation“ Morgans haben solche Gesetze diktiert, sondern die Angst. Die die Androkratie befestigenden Gesetze wurden von den phobisch motivierten Abwehr- und Vermeidungsstrategien des Homo phobicus diktiert. Nicht als Rache an den Frauen, sondern aus Angst vor den Frauen. Angst vor der nach Autonomie und Isokratie strebenden Frau – vor der Konkurrentin. Die frauenbezogenen Ängste der Männerwelt wurden zum Kern der entstandenen androkratischen Gesellschaftsorganisation.

Der Homo phobicus ist ein Gynäkophobiker.

Die Gynäkophobie

Mit den schon gemachten Vorbemerkungen können wir jetzt die Gynäkophobie wie folgt definieren und gleichzeitig spezifizieren:

Gynäkophobie ist die psycho-sozial motivierte, übertriebene, unbegründete oder gar irrationale Angst vor dem Potenzial der Frau.

Ein Potenzial, das zum einem in ihren Befreiungsbestrebungen, in ihrem Begehren nach Autonomie, in ihrer Sehnsucht nach Gerechtigkeit und in ihrer Empörungspotenz steckt. Zum anderen findet es seinen Ausdruck in den Fähigkeiten der Frauen, in ihren Begabungen, in ihren Qualitäten. Es ist die Angst des Mannes vor diesem Potenzial. Die führt zur Vermeidung der befürchteten Gefahr bzw. zur Abwehr dagegen durch die Männerwelt. Vermeidung und Abwehr bestehen in der Ablehnung der Gleichwertigkeit und der Gleichberechtigung der Frau mit dem Mann.

Angst und Abwehr stellen, wie bei jeder Phobie, auch bei der Gynäkophobie ihren Kern dar. Gynäkophobie ist also keine explizite psychobiologische Angst vor der Frau als solcher, sondern die Angst vor ihrer tatsächlichen, vermuteten, gefürchteten oder gewähnten Macht – worunter auch, wie gerade genannt, Fähigkeiten, Begabungen, Zielstrebigkeit und sonstige Qualitäten zu subsumieren sind – und vor ihrer Konkurrenz.

Vier Hauptcharakteristika der Gynäkophobie sind hier hervorzuheben:

1. Sie ist vorwiegend, wenn auch nicht ausschließlich, in der Männerwelt verbreitet.

2. Sie tritt bewusst oder unbewusst, manifest oder verdrängt auf, selten zugegeben, und in der Regel als eine Form von Angst geleugnet.

3. Sie bedient sich einer Anti-Femina-Haltung als Abwehr- und Vermeidungsstrategie, deren Kern der Glaube an die Superiorität des Mannes und die Inferiorität der Frau ist.

4. Sie ist eine Angst vor den Folgen der Anerkennung der Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung der Frau.

Damit identifizieren wir die Angst vor dem Potenzial der Frauen als eine unbegründete bzw. irrationale, sozial motivierte Form der Angst. D. h. als eine nach dem vorher erwähnten sozialen Verständnis definierte Phobie vor der Frau – eine Gynäkophobie. Das soziale und nicht das psychiatrisch-psychologische Verständnis ist dabei von ausschlaggebender Bedeutung.

Machen wir es uns aber nicht zu leicht, wenn wir ein so komplexes, ein so altes und ein so globales Phänomen wie die Verneinung von Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung auf eine einzige Ursache zurückführen? Nein, wir machen es uns weder leicht noch führen wir es auf einen einzigen Faktor zurück. Sozial definierte Phobien, wie beispielsweise die genannte Homophobie oder Xenophobie, sind nämlich auch komplexe, alte und globale Phänomene. Ihre Entstehung ist immer multifaktoriell. So auch bei der Gynäkophobie. Das soll im kommenden erläutert werden.

Wir müssen allerdings vorher noch einen kleinen Umweg machen. Und zwar einen trockenen, aber doch notwendigen und hilfreichen lexikalischen Exkurs zur kurzen etymologischen Erläuterung des Begriffes „Gynäkophobie“. Der erste Teil des Wortes ist das uns schon bekannte griechische „Gyné“ („die Frau“). Seine Deklination ist wichtig für die deutsche Wortbildung, vor allem der Genitiv „Gynäkós“ („der Frau“). Der Plural heißt „Gynäkae“ und bedeutet „die Frauen“ und „die Frauenwelt“. Das findet sich auch zum Beispiel im Wort „Gynäkologie“ wieder. Der zweite Teil, das Wort „Phobie“, kommt vom griechischen „Phóbos“, was „Furcht, Angst“ bedeutet. Manchmal wird für die Angst vor den Frauen auch die Bezeichnung „Gynophobie“ verwendet, was dasselbe bedeutet wie Gynäkophobie. Da der Begriff „Gynäkophobie“ genauer ist als die auch immer wieder einmal umgangssprachlich verwendete Bezeichnung „Frauenangst“, wird er in diesem Buch bevorzugt. Ich denke, es erübrigt sich zu sagen, dass mit Frauenangst nicht die Angst der Frauen gemeint ist, sondern die Angst vor den Frauen, genauso wie Spinnenangst nicht die Angst der Spinnen ist, sondern die Angst vor den Spinnen. Also meint Gynäkophobie nicht die Angst der Frauen, sondern Angst vor den Frauen – und alles das, was dies impliziert.

Doch stimmt das überhaupt, dass der größte Teil der Männerwelt Angst vor der Frauenwelt hat, vor ihrer Macht oder vor allem sonstigen Weiblichen? Was für eine absurde Idee! – würden manche meinen. Lächerlich! Die Männerwelt hat doch keine Angst, weder vor den Frauen noch vor ihrer Macht noch vor ihrer Konkurrenz oder vor sonst irgendetwas Weiblichem. So dachte Herr Abendländer, und mit ihm würde der größte Teil der Männerwelt so denken. „Sei doch ein Mann und kein Weib!“ So wurde es seit ihrer Kindheit Jungen und Männern gesagt, wenn sie vor irgendetwas Angst zeigten – oder sogar verachtend gebrüllt. Und jetzt das. Die Männer hätten Angst vor den Frauen. Unerhört!

Nun, die bewusste oder unbewusste Angst des Mannes vor dem Potenzial der Frauen, vor ihren Fähigkeiten und vor der weiblichen Konkurrenz, ist keineswegs eine absurde Unterstellung. So wie die Beteuerung der großen Mehrheit der Männer nicht falsch ist, dass sie die Frauen nicht hassen, sondern lieben. Beides ist, generell gesehen, wahr. Im Gegenteil, es ist absurd und falsch, wenn allen, die Angst vor dem Potenzial der Frauen haben, auch Hass auf die Frauen unterstellt wird. Insofern ist es richtig, wenn verlangt wird, „den Hass von der Angst am stärksten zu scheiden“– so der deutschsprachige Philosoph Aurel Kolnai (S. 104). Angst und Hass können zwar koexistieren, aber der Hass ist trotzdem nicht automatisch aus der Angst abgeleitet. Ich kann jemanden fürchten und gleichzeitig lieben, und ich kann jemanden hassen, den ich nicht fürchte, sagt zutreffend derselbe Philosoph. Die Angst vor den Frauen und der Hass auf Frauen bekämpfen beide die Frau, jedoch in unterschiedlicher Weise. Die psychologischen Motive, die dahinterstehen, sind nicht deckungsgleich. Das werden wir im Folgenden erkennen.

Bis dahin können wir schon im Voraus sagen, dass die Empörung von Andreas Abendländer bei der Vorstellung, dass jemand ihm den Vorwurf mache, er hasse die Frauen, nachvollziehbar ist. Die Gleichsetzung von Frauenhassern mit Verneinern der Gleichberechtigung verletzte ihn und machte ihn wütend. Und recht hatte er. Bei unserer bevorstehenden Suche nach den nicht deckungsgleichen psychologischen Motiven von Frauenhass und Frauenangst müssen wir uns als Erstes die Frage stellen: Was genau ist denn mit der Angst vor der Macht, vor der Konkurrenz und vor der Gleichberechtigung der Frauen, mit Gynäkophobie also, gemeint? Gehen wir der Frage Schritt für Schritt nach.

Der Phobiker auf dem Thron

Einigen wir uns zunächst darauf, Menschen mit Phobien der Einfachheit halber „Phobiker“ zu nennen – ohne Etikettierungs-, geschweige denn Diskriminierungsabsichten, sondern nur aus Gründen des einfacheren Kommunizierens. Dann schreiten wir zur Hauptaufgabe, der näheren Erkundung der Phobie, insbesondere, wie angekündigt, der Gynäkophobie und ihres Kerns: der Verneinung von Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung der Frau mit dem Mann.

„Phobie“ wurde zwar als Wort relativ spät im deutschen Vokabular geläufig, das Phänomen jedoch, das man damit beschreibt, ist seit uralten Zeiten bekannt. Der Begriff Phobie wurde wohl im Jahr 1872 in der Psychiatrie eingeführt, und zwar von Carl Friedrich Westphal, Ordinarius für Psychiatrie und Neurologie an der Charité in Berlin. Allerdings verwendete er es in Kombination mit „Agora“ als „Agoraphobie“ (vom griechischen Wort „Agora“ = „der Marktplatz“). Die erste Phobie jedoch, die in der abendländischen Kultur erwähnt und ausführlich beschrieben wurde, begann gleich mit deren Beginn. Es war die Phobie eines Mannes. Eines göttlichen Mannes, genauer gesagt. Seine Angst war eine Verlustangst – die Angst vor dem Machtverlust, und zwar Machtverlust durch Konkurrenz. Somit war der erste Phobiker des Abendlandes männlich. Er litt an einer Machtverlust- und Konkurrenzangst. Mann, göttlich oder nicht göttlich, und phobische Angst vor Machtverlust und Konkurrenz wurden seitdem ein unheilvolles Paar. Sie gingen jahrtausendelang Seite an Seite durch die Geschichte. Das tun sie noch, allerdings trotten sie im Abendland des 21. Jahrhunderts inzwischen vor sich hin. Der stramme Gleichschritt der beiden scheint größtenteils der Vergangenheit anzugehören.

Wie auch immer. Hesiod erzählt uns die Geschichte des ersten Mannes mit Machtverlust- und Konkurrenzphobie, über seine Leiden und die der Opfer seiner Phobie. Es ist die Geschichte von Kronos, dem Gott, der später von den Lateinern zum Saturn pseudonymisiert wurde. Kurz zusammengefasst lief sie folgendermaßen ab:63

Der Anführer einer jüngeren Göttergeneration, das war der erwähnte Kronos, entmachtete und entmannte seinen omnipotenten, aber alten Übervater Uranos, den Himmel, und bestieg dessen Thron als neuer Oberster Gott. Allerdings wurde er in zunehmender Weise ängstlich. Wie die meisten machtbesessenen Autokraten und dominanzsüchtigen Alphatiere hatte auch Kronos riesige Angst vor Machtverlust und Konkurrenten, insbesonders vor der Konkurrenz seiner Kinder, männlichen wie weiblichen. Bei ihm machte sich zunehmend die Angst breit, dass er seine Macht und seine Privilegien an sie verlieren könnte; ja, dass sie mit ihm das Gleiche tun könnten, was er seinem Vater angetan hatte.

Schließlich entwickelte er eine regelrechte Entmachtungs- und Konkurrenzphobie. Um die angebliche Gefahr vor der befürchteten Konkurrenz zu vermeiden und potenzielle Rivalen abzuwehren, zeigte er sich zum einem nach außen mächtig und unerschrocken, zum anderen aber verwendete er eine abscheuliche Methode, um die tief in ihm sitzende Angst abzuwehren: Er verschlang jedes seiner Kinder, sobald es geboren war. Diese selbstverordnete antiphobische Strategie brachte aber nicht den von Kronos erwünschten Erfolg. Eines seiner Kinder, nämlich Zeus, wurde durch eine List seiner Mutter vor dem Verschlingen gerettet.

Als Erwachsener entmachtete Zeus tatsächlich seinen Vater, den Machtverlust- und Konkurrenzphobiker – und wurde selbst der nächste. Der nächste Oberste Gott und der nächste Machtverlust- und Konkurrenzphobiker. Zeus erfuhr nämlich, dass seine Frau Metis (sie war die Vorgängerin von Hera) ihm einen Sohn gebären würde, der mächtiger werde als er selbst es je gewesen sei. Um der befürchteten Konkurrenz und Entmachtung zu entgehen, entwickelte er eine neue, sehr erfolgreiche antiphobische Therapie gegen seine Machtverlustangst: Er verleibte sich seine schwangere Frau ein.

Nicht nur der erste, sondern auch der zweite Machtverlust- und Konkurrenzphobiker der abendländischen Kultur war also ein Mann. Solche Entmachtungsphobien scheinen sich zu übertragen. Und so schleppen wohl auch die menschlichen Männer die Ur-Phobie der göttlichen Väter mit sich und geben sie von Generation zu Generation weiter. Die Männerwelt hat einen angsterregenden Konkurrenten ausgemacht – konkreter gesagt eine Konkurrentin: die Frauenwelt. Der Mann entwickelte eine massive Konkurrenzangst vor den Frauen. In den kommenden Abschnitten werden wir die Gründe, die zu ihrer Entstehung, Etablierung und Verfestigung geführt haben, beobachten können. An dieser Stelle sei nur gesagt, sie ist eine katastrophisierende Konkurrenzangst mit gleichwirkenden Begleitern: Verlust-, Unterwerfungs-, Entmachtungs- und Entmännlichungsängste – was Letzteres auch immer bedeuten mag.

Und all die genannten Ängste sind Bestandteile der Gynäkophobie. Die typischen Reaktionen auf die phobischen Ängste sind Vermeidung und Abwehr. Ich versuche, den Auslöser meiner Angst zu vermeiden; und wenn das nicht möglich ist, dann wehre ich mich dagegen. Wie schon vorher erwähnt, bilden Vermeidung und Abwehr zusammen mit der Angst die Trias, die den Kern jeder Phobie ausmacht.

Die Vermeidungs- und Abwehrstrategie der Gynäkophobiker besteht in der Verneinung der Gleichwertigkeit und infolgedessen auch der Gleichberechtigung der befürchteten Konkurrenz – der Frauen.

Und so wurde auch die Mär von der Inferiorität der Frau und der Superiorität des Mannes fabriziert. Eine Mär, die in religiösen Glaubensbekenntnissen gipfelte, wie etwa „Dein Mann wird über dich herrschen“* sowie in pseudowissenschaftlichen Abhandlungen, wie beispielsweise „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes“**, darauf kommen wir später noch zurück. Die Machtverlust- und Konkurrenzphobie der Götter wird uns nicht weiter interessieren, aber umso mehr die der Menschenmänner. Wie das Ganze in der Menschenwelt begonnen hat, haben wir in vorangegangenen Abschnitten schon erkundet.

Also doch. Birgit Abendländer hatte recht mit ihrer Feststellung an dem für sie und alle Frauen ihres Kantons wichtigen 7. Februar 1971; dem Tag, an dem die Männerwelt ihres Kantons Appenzell Innerrhoden das Wahlrecht für Frauen ablehnte, während es in der übrigen Schweiz eingeführt wurde. Es war der Abend, an dem sie rief: „Und doch haben die Männer Angst vor den Frauen! Vor der Gleichberechtigung der Frau haben die Angst.“ Sie hatte es richtig erkannt: Der Gleichwertigkeitsverneiner ist ein Gynäkophobiker.

Lassen Sie uns Folgendes konstatieren, um richtig zu verstehen, was Birgit Abendländer damit meinte – dabei einiges aus den vorherigen Abschnitten zusammenfassend, teils sich leicht wiederholend, aber auch das Kommende andeutend: Wo es Frauenhass gibt, gibt es auch Gleichwertigkeitsverneinung. Aber wo es Gleichwertigkeitsverneinung gibt, gibt es nicht zwangsläufig auch Frauenhass; das ist vielmehr nur in vergleichsweise seltenen individuellen Fällen so. Was aber im überindividuellen Bereich – die Gesamtheit oder die große Mehrheit der Männerwelt betreffend – und als panepochales – in allen Epochen, allzeit also – vorhandenes Phänomen permanent präsent ist, ist die Verneinung der Gleichwertigkeit der Geschlechter. Die Frau sei demnach minderwertig, ganz im Sinne der vorher erwähnten Definition von dem, was landläufig als Misogynie bezeichnet wird und was die Annahme der „ontologischen Inferiorität“* der Frau und Superiorität des Mannes voraussetzt. Diese Überzeugung, die die Gleichwertigkeitsverneiner haben, entsteht nicht aus der destruktiven und gewaltaffinen Emotion Hass, aus dem Mísos gegen die Frau, gegen die Gyné, d. h. also nicht durch Misogynie. Vielmehr durch phobische Angst vor dem Potenzial der Frauen, vor ihren Fähigkeiten, ihren Begabungen, vor ihrer Konkurrenz. Aus Gynäkophobie.

Gynäkophobie gab es nicht immer. Es gibt sie erst seit einigen Jahrtausenden, wie wir spätestens seit dem ersten Abschnitt des 3. Kapitels wissen. Aber sie hat verheerende Folgen: Gynäkophobie ist nämlich der Urknall der Androkratie.** Gynäkophobie leitete die patriarchalen Strukturen mit all ihren Eigenschaften und Erscheinungen ein. Die Angst vor dem Potenzial der Frauen trieb die Männerwelt zur Vermeidung und Abwehr. Dies wiederum konkretisierte sich als Verneinung der Gleichwertigkeit der Frau und gipfelte im Bau der Festung „hegemoniale Männlichkeit – untertänige Weiblichkeit“.

Lassen Sie uns deren Stützen und Konsolidierer näher betrachten. Das sind die Gleichwertigkeits- und Gleichberechtigungsverneiner. Gehen wir einmal davon aus, dass annährend die eine Hälfte der Menschheit, die Männerwelt, seit prähistorischen Zeiten der anderen Hälfte der Menschheit, der Frauenwelt, mit einem gleichwertigkeitsverneinenden, einem gynäkophoben Habitus entgegentritt. Wie sieht denn der in der Praxis genau aus?

Negare ergo sum. Die Identität des Negierers

Gynäkophobiker betrachten sich selbst nie als Gynäkophobiker. Sie negieren zwar die Gleichwertigkeit der Frau mit dem Mann. Aber sie geben in der Regel nicht offen zu, dass dahinter die Angst vor der Frau, vor ihrer Macht oder vor ihrer Konkurrenz steht. Nicht selten camouflieren Gynäkophobiker ihre Angst vor der Frau mit auf den ersten Blick völlig unverdächtigen Allegorien. Ein gutes Beispiel dafür gibt der uns schon bekannte Autor Yuval Noah Harari in seinem Buch „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“. Die Angst vor der Frau wird nach seiner Auffassung sogar als Angst vor künstlicher Intelligenz (KI) präsentiert. Harari nimmt als Beispiel den Film „Ex Machina“ aus dem Jahr 2015.

„So scheint [der Film] von einem KI-Experten zu handeln, der sich in einen weiblichen Roboter verliebt, von diesem allerdings düpiert und manipuliert wird. In Wirklichkeit jedoch handelt sich nicht um einen Film über die menschliche Angst vor intelligenten Robotern. Es ist ein Film über die männliche Angst vor intelligenten Frauen und insbesondere über die Angst, weibliche Befreiung könnte zu weiblicher Herrschaft führen. Wann immer Sie einen Film über eine künstliche Intelligenz sehen, in dem die künstliche Intelligenz weiblich und der Wissenschaftler männlich ist, handelt es sich mit einiger Wahrscheinlichkeit um einen Film über Feminismus und nicht über Kybernetik. Denn warum um Himmels willen sollte eine künstliche Intelligenz eine sexuelle oder genderspezifische Identität haben? Sex ist ein Markenzeichen organischer vielzelliger Wesen. Was sollte er für ein nichtorganisches kybernetisches Wesen bedeuten?“ (S. 326)

Wie schon im ersten Abschnitt („Der Homo phobicus …“) dieses Kapitels gesagt, kann die gynäkophobe Angst bewusst, aber auch unbewusst auftreten. Und sie kann verschiedene Entstehungshintergründe haben, deshalb auch verschiedene Ausdrucksformen. Die können sich in den folgenden Hauptgruppen von Gleichwertigkeitsverneinern bündeln:

a. den Herrschaftsmonopolisten

b. den Skeptikern

c. den Traditionalisten

d. den Hybriden

Darüber hinaus gibt es noch Gleichwertigkeitsverneiner, die nur schwer oder überhaupt nicht einer dieser vier Hauptkategorien zugeordnet werden können und die nur eine marginale Rolle im gleichwertigkeitsverneinenden Spektrum spielen. Man könnte sie als „die Marginalen“ bezeichnen und ebenfalls in vier Gruppen unterteilen: 1. die Ignoranten, Desinteressierten und Indolenten, 2. die Opportunisten, 3. die Frauentraumatisierten und 4. die Defizitären.

Die Herrschaftsmonopolisten

Die Herrschaftsmonopolisten wähnen sich dazu bestimmt, Herren der Macht, der Exklusivität, der Privilegien, aber auch der Kompetenz und der Verantwortung zu sein. Sie haben die Angst, sie zu verlieren. Die Angst, dass jegliche Teilhabe der Frauen sie schwächt und gefährdet. Die Größe des Herrschaftsbereiches der Herrschaftsmonopolisten, den sie meinen verteidigen zu müssen, und die Breite ihrer Herrschaftsbefugnisse, die sie nicht teilen wollen, spielen bei der Entstehung ihrer Verlustängste keine Rolle. Ob sie die Alpha-Position im Staat oder bloß in der Familie innehaben, ist von sekundärer Bedeutung. Hauptsache: die Herren herrschen. Zur psychologischen Motivdynamik, die dahintersteht, gehören der Drang zur Macht und das Machtbedürfnis ebenso wie der zur Alpha-Rolle strebende Narzissmus. Es kann auch Privilegiensucht oder ganz einfach Partizipationsunfähigkeit sein – die Unfähigkeit, andere teilhaben zu lassen. Die Motivdynamik ist gleichzeitig die Angstdynamik.

Als Abklatsch dieser Kategorie können die Möchtegern-Herrschaftsmonopolisten bezeichnet werden. Die Möchtegern-Herrschaftsmonopolisten sehnen sich danach, zu den Herren der Macht zu gehören. Und so betrachten sie andere, darunter das weibliche Geschlecht, als mögliche Konkurrenz. Die Psychologie der Möchtegern-Herrschaftsmonopolisten unter den Gleichwertigkeitsverneinern ist die der Kompensation von Schwächen und Defiziten. Diese Dynamik ist ähnlich oder gar identisch mit der bei Rassisten, Nationalisten, Islamisten wie auch sonstigen Religionsfanatikern etc. Ihren Superioritätsirrglauben schöpfen sie alle aus der Zugehörigkeit zu einer Gruppe, definiert durch Hautfarbe, Nationalität, Religion oder eben Geschlecht. Und indem sie sich allen anderen Gruppen gegenüber als überlegen deklarieren. Dies erklärt auch die Affinität von Möchtegern-Herrschaftsmonopolisten wie anderen Anhängern der Männersuperiorität zu all diesen Strömungen. Eine mögliche Verwandtschaft mancher von ihnen mit den Defizitären, die wir bald treffen werden, ist dadurch nachvollziehbar. Ihre eigenen – bewussten oder unbewussten – Unterlegenheitsgefühle kompensieren sie durch das Zerrbild der Inferiorität anderer und der gewähnten eigenen Superiorität. Obwohl sie praktisch kaum einen nennenswerten Herrschaftsbereich haben, zelebrieren sie demonstrativ ihre Überlegenheit, wenn Personen von ihnen abhängig sind, wie etwa Ehefrauen oder Partnerinnen. In diesem Sinne verhalten sich Möchtegern-Herrschaftsmonopolisten wie Herrschaftsmonopolisten, allerdings mit eingebildetem oder bestenfalls kleinstem Herrschaftsbereich. Ein amüsantes, satirisches, aber zutreffendes Porträt dieser Gattung lieferte uns zu Beginn des 20. Jahrhunderts Rudolf Presber in seiner Satire „Der Untermensch“. Einige wenige Passagen davon möchte ich Ihnen nicht vorenthalten:

„Sie haben ihr ganz kleines, engumzirkeltes Gebiet, auf dem sie Übermenschen sind […]. Auf allen anderen Gebieten sind sie arme Narren, die sich drucken und ducken und im Leben nicht mucken.

Da ist zum Exempel der ‚häusliche Übermensch‘. Er ist irgendwo ein kleiner Angestellter, der nichts zu sagen und nichts zu bedeuten hat. Er kann sich von seinem knappen Gehalt nur alle drei Jahre einen neuen Paletot kaufen. Er wechselt dann ab: drei Jahre trägt er einen Sommerpaletot und friert darin in den Weihnachtstagen, wie ein Schneider; die drei folgenden Jahre trägt er einen Winterpaletot und schwitzt im Frühjahr darin […].

Auf dem Bureau hat er neben seinem Haufen Arbeit nur eine Pflicht: den Mund zu halten. Er hat zwei direkte Vorgesetzte, die häufig wechseln. Aber es trifft sich immer so, dass der eine davon ein aufgeblasener Esel ist, der den armen, schlechtgenährten Kerl, der um sein karges Brot zittert, siebenmal am Tag anschreit, ihm dreimal mit Entlassung droht und ihm alle unangenehmen Arbeiten zuschustert.

Im Wirtshaus, das er an Sonn- und Feiertagen besucht, um in ein paar fettigen, illustrierten Journalen zu blättern, behandeln ihn die Kellner wegwerfend und argwöhnisch, wie einen Zechpreller, weil er nur fünf Pfennig Trinkgeld gibt und in einer zweistündigen Sitzung nur einen Schnitt konsumiert.

Aber – zu Hause!

Ja, zu Hause! Da ist er eben der Übermensch.

Er hat eine schmächtige, kleine Frau, glatt und reizlos […]. Das schöne Käthchen von Heilbronn* ist nicht so demütig vor seinem hohen Herrn gewesen, wie diese gedrückte, sommersprossige kleine Frau vor ihrem Eheherrn, der doch außerhalb seiner vier Wände ein armer Teufel ist, den kein Mensch ernst nimmt.

Zu Hause aber hat er Macht und Größe. Ja, er hat sogar eine ‚Vergangenheit‘.

Er deutet das nur an; er redet nie in klaren Worten darüber. Aber ‚die Weiber‘ haben in seinem Leben eine große Rolle gespielt; das erfährt sie oft. Er wäre beinahe an ihnen zugrunde gegangen. Gottlob, nur beinahe! Da fand er den Retter Nietzsche. ,Wenn du zum Weibe gehst, vergiss die Peitsche nicht!‘ las er. Er las es und stammelte nach. Das rettete ihn. Die kleine Frau denkt zitternd, was aus dem Herrlichen geworden wäre, wenn er Nietzsche und die Peitsche nicht gefunden hätte.

Nicht, dass er sie selbst schlägt – o nein. Die Peitsche ist nicht so wörtlich zu nehmen; er gibt das zu. Er straft mit den Augen. Seine Blicke peitschen; und seine zornigen Worte, aus denen die tiefe Verachtung der niedrigen weiblichen Psyche spricht, geißeln …

Seine ganze Philosophie baut sich auf diesem einzigen,krampfhaft vom Gedächtnis umklammerten Satze auf. Über Gott und Welt, über Zeit und Ewigkeit denkt er nicht weiter nach. Er hat nur den einen Stolz: ein Mann zu sein, und als Mann ein Übermensch, der mit der Peitsche zum Weibe geht.

… Einmal hat er mit seiner Frau einen Sonntagsspaziergang auf der Chaussee gemacht. Er redet gerade davon, dass der echte Mann nur zweierlei liebt: Gefahr und Spiel. Das Weib aber ist das gefährlichste Spielzeug. Er weiß nicht recht, stammt der hübsche Gedanke von Zarathustra oder schon von ihm selbst. Der Mann soll zum Kriege erzogen werden, und das Weib zur Erholung des Kriegers. Alles andere ist Torheit.

Da will‘s der Teufel, dass just sein Vorgesetzter mit Familie daherkommt. Der Übermensch wird ganz blaß; er hört im Geiste den Vorgesetzten morgen schon poltern: ‚Ja, spazieren laufen auf der Chaussee, das können Sie; aber hier was leisten …!‘

Und er reißt seinen alten, abgegriffenen Hut vom Kopf, und in tiefster Devotion mit feierlichem Bückling lässt er den Gestrengen vorbei.

Der dankt kaum.

Die Kinder hinter ihm lächeln über den grotesken Mann, der die kleine, schmächtige Frau fast in den Graben wirft beim Gruß.“ (S. 3–7)

Ach, der arme Klein-Herrschaftsmonopolist bzw. Möchtegern-Herrschaftsmonopolist. Er tut uns fast leid.

Die Skeptiker

Die Skeptiker bezweifeln, dass Frauen die Stärken, die Begabungen und die Fähigkeiten von Männern besitzen, um das zu können, was Männer können und um sich als gleichwertig zu qualifizieren. Die Zweifel daran geben Anlass zur Entstehung der Angst, dass die Frauen den Karren an die Wand fahren könnten, wenn sie am Steuer sitzen. Und dann wäre alles zerstört und verloren. Es handelt sich also auch in dieser Kategorie letzten Endes um eine Verlustangst. Dass die Sorgen und Ängste mancher Skeptiker auch absurde Dimensionen erreichen können, illustriert sehr anschaulich ein spöttischer Text vom Ende des zweiten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts. Der Text wurde im Jahr 1919 verfasst von einem Mann namens Victor Robinson, Mitglied der „American Voluntary Parenthood League“ (Amerikanische Liga für freiwillige Elternschaft), der offensichtlich ein Gleichwertigkeitsbejaher war:

„Als Frauen zum ersten Mal den Zugang zum Privileg der höheren Bildung forderten, hatten die Männer folgenden Einwand: Eine Frau, die Botanik studiert und dabei von den Geschlechtsorganen der Pflanzen erfährt, ist nicht mehr ein passender Umgang für die respektablen Geschlechtsgenossinnen. Als sie an die Pforten der Medizin klopfte, erklärten die Männer: Eine Frau, die in der Lage ist, eine Vorlesung in Anatomie zu besuchen, ist der Ehre der Verehelichung nicht wert. Als sie um Chloroform bat, um die Qualen der Geburt zu lindern, wurde sie rasch von den Männern unterrichtet: Frauen, die ohne Schmerzen gebären, werden ihre Kinder nicht lieben können. Als die verheiratete Frau das Recht auf Eigentum forderte, schworen die Männer: Ein so radikaler Schritt wird den Einfluss der Frau völlig vernichten, die Fundamente der Familieneinheit zum Einsturz bringen und das wahre Glück des Ehelebens zerstören. Und die Männer versicherten uns, dass sie gegen Veränderungen waren, weil sie die Frauen mehr als die Gerechtigkeit liebten. Während der langen Jahre, als Frauen um volle Bürgerrechte kämpften, versammelten sich traurige Männer in Spielhöllen und Bars und bemitleideten einander, weil die Frau doch dabei war, Heim und Familienleben zu zerstören. Heutzutage verlangt die Frau die Kontrolle über den eigenen Körper, und manche Männer antworten: Wenn die Frauen lernen, die Schwangerschaft zu vermeiden, werden sie die Mutterschaft abschaffen. Scheinbar gibt es immer einige Männer, die von der Angst verfolgt werden, dass Frauen die Ausrottung der Menschheit planen. Zu versuchen, mit solchen Männern vernünftig zu argumentieren, ist töricht.“64

In der Tat, mit „solchen Männern“ der übertriebenen, irrealen und absurden Skepsis vernünftig argumentieren zu wollen, könnte töricht sein. Aber, wenn Sie meinen, dass „solche Männer“ „Männer von gestern“ sind, dann haben Sie sich geirrt. Überzeugen Sie sich selbst bei einem Bericht aus dem Land des Rechtspopulisten Victor Orban: Der ungarische Rechnungshof fürchtet, Männer könnten im Bildungsbereich gegenüber Frauen ins Hintertreffen geraten – und warnt vor Konsequenzen für die Zukunft des Landes. Der hohe Anteil an Akademikerinnen könne letztlich auch zu demografischen Problemen führen, heißt es in dem Bericht weiter. Die Argumentation der Rechnungsprüfer geht so: Gebildete Frauen könnten es schwer haben, einen ähnlich gebildeten Ehepartner zu finden. Es sinke die Heiratswahrscheinlichkeit und damit auch die Chance auf Kinder.65 Diese Befürchtungen wurden im Ungarn des Jahres 2022 von offiziellen Quellen geäußert.

Eine andere merkwürdige Art von Skepsis äußerte Erich Fromm, ein prominenter Psychoanalytiker, noch in den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts. Er äußert seine Skepsis gegenüber der Gleichstellung der Frau als Sorge um die dadurch angeblich gefährdete erotische Liebe. In „Die Kunst des Liebens“ beteuert er zwar, dass er nicht „gegen die Gleichwertigkeit von Mann und Frau“ sei, dennoch „muss man mit einiger Skepsis auch gewisse Errungenschaften betrachten, die gewöhnlich als Zeichen unseres Fortschritts gepriesen werden, wie zum Beispiel die Gleichstellung der Frau“. Grund für seine Skepsis sei die Gefahr des Verschwindens der Unterschiede zwischen Frau und Mann. Damit würde auch die Polarität der Geschlechter verschwinden und mit ihr die erotische Liebe, die auf dieser Polarität beruhe (S. 33). Die Gleichstellung der Geschlechter steht also in Verdacht, nicht nur Ausrotterin der Menschheit, sondern auch Totengräberin der erotischen Liebe zu sein.

Skeptiker, deren Skepsis nicht mit der Last der Absurdität belastet ist, sind möglicherweise leichter durch die Macht der Beweise zu bekehren als andere Gleichwertigkeitsverneiner.

Die Traditionalisten

Die Traditionalisten misstrauen Veränderungen, auch im Geschlechterverhältnis. Denn das Bewährte bewahrt – etwa vor Chaos, Unsicherheit, Unordnung. Sie haben die Angst, dass alles verloren ist, wenn das angeblich Bewährte verloren geht. Die spezifischen Angstbauelemente der Traditionalisten stammen, wie die Bezeichnung schon sagt, aus einer konservativen Grundhaltung, aus Traditionsergebenheit. Ihre Angst fokussiert sich auf den möglichen Verlust der althergebrachten Ordnung. Die sei eine Sicherheit gebende, Wohlbefinden spendende, Orientierung garantierende und Identität stiftende Quelle. Als solche hochgeschätzt. Die Ängste der Traditionalisten sind Teil ihrer umfassenderen konservativ motivierten Unordnungsphobie. Der Verlust des Status quo wäre für sie der Verlust der Weltvertrautheit. Das würde für sie im Endeffekt auch den Verlust der eigenen Identität bedeuten. Somit sind die Ängste der Traditionalisten letzten Endes auch Verlustängste. Aus dieser Grundhaltung resultiert ihre vergleichsweise größere Bereitschaft, Dogmata und Doktrinen zu akzeptieren. Kein Wunder also, dass in dieser Kategorie auch religionsanimierte Gleichwertigkeitsverneiner ihre gynäkophobe Heimat finden. Und dass sogar manche Frauen darin Zuflucht suchen – um den Preis, dass sie die angebliche Inferiorität ihres eigenen Geschlechts akzeptieren oder gar propagieren.

Die Hybriden

Die Ängste der Hybriden stellen eine Mischung aus Ängsten der Herrschaftsmonopolisten, der Skeptiker und der Traditionalisten dar. Ihre spezifische Angstbauelemente stammen aus allen Bereichen des Spektrums der Gleichwertigkeitsverneiner. Die Grenzen zwischen den drei Grundkategorien sind nämlich elastisch und unscharf, und es kann somit zu Überlappungen kommen.

Die Marginalen

Und nun noch die Gruppe der Marginalen, der wir die Ignoranten, die Desinteressierten und Indolenten, die Opportunisten, die Frauentraumatisierten und die Defizitären zurechnen – jede für sich eine eher kleine, vergleichsweise unbedeutende Gruppe.

Die Ignoranten gibt es, wie fast überall im sozialen Leben, auch bezüglich der Gleichwertigkeit der Geschlechter. Es ist wohl möglich, dass Unwissen das kritische Hinterfragen von Vorgefundenem oder Angebotenem behindert und dass das Herrschende deshalb nicht infrage gestellt wird. Möglich ist aber auch, dass Fakten aus Bequemlichkeit bewusst ignoriert werden – etwa nach dem Motto: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.“ Solange Gleichwertigkeitsverneiner die öffentliche Meinung prägen, werden auch die Ignoranten dadurch geprägt, denn sie haben keine eigene Meinung zum Thema. So können sie leicht von anderen Gruppen als Stoßmasse zur Durchsetzung der eigenen Ziele benutzt werden.

Die Desinteressierten sind enge Verwandte der Ignoranten. Sie haben vorwiegend oder ausschließlich Interesse an ihrem Privatleben, aber kaum oder gar nicht an dem, was in der Gesellschaft vor sich geht.* Ignoranten und Desinteressierte bilden passive Gruppen, die keine Gestaltungsdynamik oder Initiative entfalten, auch nicht bezüglich der Geschlechterbeziehungen. Sie halten sich aus dem öffentlichen Diskurs heraus, und wenn sie der jeweiligen Mehrheit folgen, dann tun sie das aus Ignoranz und Desinteresse. Solange die Mehrheit die Geschlechtergleichwertigkeit verneint, verneinen sie sie auch. Weil sie sich nicht für ihre Umwelt und ihre Mitmenschen interessieren, ignorieren wir im Weiteren die Ignoranten und zeigen auch kein Interesse an den Desinteressierten.

Die Opportunisten sind aktiv, im Gegensatz zu den passiv bleibenden Ignoranten und Desinteressierten. Sie folgen jeweils der Spur, die am direktesten zur Befriedigung ihrer eigenen Interessen führt. Sie werden zwar von den Gleichwertigkeitsverneinern der Hauptkategorien ebenfalls als Stoßmasse zur Durchsetzung der eigenen Ziele benutzt, tun das aber auch umgekehrt. Die die Gleichwertigkeit verneinenden Opportunisten nutzen die Gunst der jeweiligen Mehrheit zu ihrem Vorteil aus. Sie sind kein Teil davon, sie reiten bloß darauf. Sie können ohne Probleme jederzeit zu Gleichwertigkeitsbejahern mutieren. Wenn sie es für opportun halten.

Die Gynäkophobie der Frauentraumatisierten gründet sich auf traumatischen Erlebnissen, die sie mit Frauen gemacht haben. Als Reaktion darauf sprechen sie allen Frauen die Gleichwertigkeit mit den Männern ab. Sie versuchen, ihr Trauma nicht nur durch Abwertung der konkreten, ihrer Meinung nach „schuldigen“ Frauen zu bewältigen, sondern sie generalisieren und übertragen ihre Ablehnung auf das gesamte weibliche Geschlecht. Gleichwertigkeitsverneinung funktioniert in solchen Fällen als Traumabewältigung. Aber: Der frauentraumatisierte Gleichwertigkeitsverneiner kann eine tickende Zeitbombe sein. Die Angst kann sich nämlich bei ihm mit Hass mischen, und so kann er sich zum Frauenhasser, zum Misogyn entwickeln.

Die Gynäkophobie der Defizitären wird abgeleitet von ihrer Überzeugung, dass sie zwar stark und fähig sind, weil sie Männer sind, aber dies werde nicht entsprechend anerkannt und honoriert. Daran seien die Frauen, ganz besonders die Feministinnen Schuld – nicht selten im Verbund mit Ausländern, Juden, Linken, Homosexuellen und anderen „suspekten Gruppen“. Die Defizitären können auch frauentraumatisiert sein, allerdings reicht ihre Problemzone viel weiter. Über die Frauen hinaus schließen sie im Wirrwarr ihrer kompensatorischen Allüren fast immer auch die Andersseienden, Andersdenkenden, Andersaussehenden ein. Sie sind „Loser“, Verlierer und Verlorener, die ihre Schwächlichkeit mit Überlegenheitsfantasien zu tilgen versuchen. Als eines der vielen Beispiele für Defizitäre und Frauentraumatisierte können die sogenannten Incels gelten, deren unangenehme Bekanntschaft wir im Abschnitt „Hassende Opfernarren …“ im 2. Kapitel gemacht haben. Der Defizitäre kann ebenfalls eine tickende Zeitbombe sein, gefährlicher sogar als der Frauentraumatisierte, wegen seines breiteren Hass-Spektrums.

Genau wie der Frauentraumatisierte braucht auch der Defizitäre dringend Therapie, bevor er im schlimmsten Fall zum Frauenmörder oder gar zum Massenmörder wird. So etwa wie die Defizitären von Oslo und Utøya, Anders Behring Breivik, und von Halle, Stephan Balliet, denen wir, wie schon angekündigt, im 10. Kapitel noch kurz begegnen werden. Vorbeugende Therapie kann bei beiden Typen möglicherweise Leben retten. Nicht nur Frauenleben. Vorausgesetzt natürlich, dass so jemand sich darauf einlassen wird. Eher unwahrscheinlich.

Nachdem wir also kein weiteres Interesse an Desinteressierten, Ignoranten und Opportunisten haben und Frauentraumatisierte wie auch Defizitäre zur Therapie geschickt haben, ist es evident, dass die in den kommenden Abschnitten auftretenden Gleichwertigkeitsverneiner nur aus den vier Hauptkategorien kommen: den Herrschaftsmonopolisten, den Skeptikern, den Traditionalisten und den Hybriden. Die Hauptakteure der androkratischen Gesellschaftsordnung finden wir in mindestens einer davon. Aber jede dieser Kategorien birgt noch dazu zwei wichtige psychologische Phänomene in sich: Ambivalenz und Paradoxie. Erfreulicherweise, muss dazu gesagt werden. Lassen Sie uns diese beiden Phänomene betrachten, um zu erkennen, warum erfreulich ist, dass die Androkratie nicht frei von Ambivalenz und Paradoxie ist.

* S. Abschnitt „Bitterer als der Tod ist die Frau“ des 7. Kapitels.

** S. Abschnitt „Der physiologische Schwachsinn des Weibes …“ des 7. Kapitels.

* Die wir im 2. Kapitel im Abschnitt „Misogynie …? Was ist das?“ kennengelernt haben.

** Wie wir aus den Fußnoten der Abschnitte „Ist Physik …“ und „Ist Rache …“ des 3. Kapitels wissen, bezeichnet Androkratie die Herrschaft der Männer, unabhängig davon, ob sie Väter sind oder nicht. In diesem Buch werden die Bezeichnungen Androkratie und Patriarchat sowie daraus abgeleitete Bezeichnungen gleichbedeutend verwendet.

* Anspielung auf die Figur des gleichnamigen Theaterstücks von Heinrich v. Kleist.

* Nichts liegt mir ferner als Menschen zu diskriminieren, auch wenn sie zu den Ignoranten und Desinteressierten oder Opportunisten gehören. Aber die folgende sprachliche Erläuterung hat doch eine Beziehung zur Gruppe, die wir gerade behandeln. Sie könnte für die Leser eines Buches zur Gleichwertigkeit der Geschlechter, die weder zu den Ignoranten noch zu den Desinteressierten gehören und hoffentlich auch nicht zu den Opportunisten, interessant sein. Sie zeigt nämlich die kulturelle Geringschätzung der Gesellschaft für Menschen, die ausschließlich Interesse an ihrem Privatleben haben, aber keinerlei Interesse an Angelegenheiten der Allgemeinheit. Die Griechen machten einen Unterschied zwischen „ánthropos politikós“ („der politische Mensch“) und „ánthropos idiótes“ („der Privatmensch“). Ersterer war der Mensch, der Interesse an den Belangen der Allgemeinheit, der Stadt, des Staates – der Polis eben – hatte. Der „Idiótes“, der Privatmensch, war derjenige, den nur seine eigenen Angelegenheiten interessierten, der nur „idiotische“ Interessen zeigte, aber von den Angelegenheiten der Allgemeinheit kaum etwas oder gar nichts verstand: Er hatte einen begrenzten Verstand dafür. Davon wurde auch unser deutsches Wort „Idiot“ abgeleitet.