5. Der hin- und herbewegte Mann

Die Jahre vergingen, und im Leben von Andreas Abendländer blieb vieles gleich – so wie es immer gewesen war. Manches änderte sich jedoch beträchtlich. Diese Veränderungen bemerkte Herr Abendländer auch durch seine drei Töchter. Zuerst durch Birgit, seine Älteste. Sie war die beste Schülerin ihrer Klasse, mit ausgezeichneten Noten. Wie der stolze Vater dieses Mädchen bewunderte! Ihre außergewöhnliche Auffassungsgabe und die hohe Effizienz, mit der sie in hervorragender Weise die Anforderungen des Gymnasiums bewältigte. Und wie breit war das Spektrum der Interessen seiner Birgit. Alle Achtung! Er bedauerte sehr, dass sie nicht die gleichen Möglichkeiten haben würde, die ein Mann mit ähnlichen Fähigkeiten hatte.

Trotz dieser Bewunderung hatte Herr Abendländer aber auch seine Probleme mit Birgit. Kaum waren die kontroversen Diskussionen zum Frauenwahlrecht abgeflacht, begannen neue, die zunächst wie eine reine Familienangelegenheit erschienen. Birgit hatte nämlich den Wunsch geäußert, unbedingt in einer großen Stadt, etwa Zürich, Medizin zu studieren. Eines der besten Abiture des Kantons, das sie voraussichtlich erreichen würde, sei doch die beste Empfehlung für ein Medizinstudium, meinte sie. Ihre Mutter und die beiden Schwestern unterstützten mit Begeisterung Birgits Absichten. Herr Abendländer aber war hin- und hergerissen. Einerseits erkannte er uneingeschränkt die intellektuellen Fähigkeiten und sozialen Kompetenzen seiner Tochter an. Als Birgit vor einigen Jahren den Wunsch geäußert hatte, das Gymnasium zu besuchen, war das für Herrn Abendländer gar kein Problem gewesen. „Eine höhere Bildung ist heutzutage auch für eine Ehefrau und Mutter eine prima Sache“, hatte er gedacht. Aber ein Medizinstudium? Nicht dass er Zweifel daran hatte, dass sie das konnte. Nein, seine Sorgen gingen in eine andere Richtung. Was käme danach? Wäre denn die Berufstätigkeit als Ärztin mit der bekannten Vielfachbelastung der Ärzte, etwa mit Notfällen, Nacht- und Wochenenddiensten, mit einem glücklichen Leben als Ehefrau und Mutter vereinbar? Natürlich wäre er stolz, eine Akademikerin, eine Ärztin, in der Familie zu haben. Doch was würde man in der Gemeinde dazu sagen? Die herrschende Meinung hatte er oft gehört: „Frauen gehören ins Haus, sie sollen Kinder kriegen und erziehen, den Haushalt führen und dem Mann eine glückliche Ehe bereiten. Alles andere ist Männersache.“ Natürlich wusste er, dass die Talente seiner Tochter förderungswürdig waren, war sich andererseits aber darüber im Klaren, dass so viel Selbstständigkeit einer Frau mit so viel Betätigung außerhalb der Familie in Kontrast stehen würde zu seinen Überzeugungen, zu der Haltung der anderen Männer in der Gemeinde und nicht zuletzt zur Tradition. Die Diskussionen am Abendbrottisch der Familie spiegelten dieses Hin und Her wider, das Herrn Abendländer auch innerlich bewegte. Er befand sich offensichtlich in einem Dilemma.

Die gesunde Normalität des Hin- und Hergerissenseins

Andreas Abendländer ist in dieser besonderen Situation nicht zu beneiden. Aber ist seine Situation wirklich so besonders? Dilemma-Situationen und das Hin- und Hergerissensein gehören zum Menschsein. Konträre Zustände des Empfindens, des Denkens, des Wollens, die zum ebenfalls konträren Handeln führen können, tauchen immer wieder im Leben jedes Menschen auf. Man darf postulieren, dass sie mit dem denkenden, fühlenden, wollenden und handelnden Homo sapiens entstanden sind. Schon die ersten Schriften des Abendlandes dokumentieren dieses menschliche Phänomen.

Diesem uralten Phänomen und den verschiedenen Bezeichnungen in abendländischen Sprachen gab jedoch erst vor vergleichsweise kurzer Zeit jemand einen wissenschaftlichen Namen. Nämlich den lateinogenen Namen „Ambivalenz“ (von „ambo“ = „beide“ und „valere“ = „gelten“; man könnte es mit „konträre Wertigkeit“ übersetzen). Abgesehen von manchen zeitnahen Andeutungen seines Namensgebers geschah das öffentlich am ersten Adventssonntag des Jahres 1910, das war der 27. November, während der „Ordentlichen Winterversammlung des Vereins der schweizerischen Irrenärzte“ in der Schweizer Hauptstadt Bern. Der, der die Ambivalenz aus der Taufe hob, war nicht irgendjemand, sondern einer der berühmtesten Protagonisten der Psychiatriegeschichte weltweit: Professor Eugen Bleuler aus Zürich. Er war unter anderem der Beschreiber einer Erkrankung, die bis heute den Namen trägt, den er ihr zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegeben hat: Schizophrenie. Und gerade bei seinen Schizophrenie-Forschungen stieß er auf das bis zu diesem Zeitpunkt namenlose Phänomen, die Ambivalenz. Die nähere Beschäftigung damit veranlasste Eugen Bleuler, den alten lateinischen Namen der Erkrankung, die er erforschte, nämlich „Dementia praecox“, was im 19. Jahrhundert mit „vorzeitige Verblödung“ übersetzt wurde, über den Haufen zu werfen und ihr den neuen Namen zu geben: Schizophrenie. Die aus dem Griechischen stammende Bezeichnung wurde damals mit „Spaltungsirresein“ übersetzt. Eugen Bleuler konzipierte diese „Spaltungskrankheit“ aufgrund eines ihrer Kernmerkmale: der Ambivalenz, der konträren Wertigkeit. Ambivalenz ist eine Zerrissenheit, ein Hin- und Hergerissensein, zwischen zwei konträren Polen im Denken, Fühlen und Wollen – oder alles zusammen –, und letzten Endes auch im Handeln. Ambivalenz ist also ein „Oszillieren zwischen polaren Gegensätzen“, wie genau 100 Jahre nach Eugen Bleuler sein Landsmann Kurt Lüscher, ein psychiatrisch-psychotherapeutisch interessierter Soziologe, die Ambivalenz definierte (2010, S. 144). Ein Hin- und Herschaukeln also, was das lateinische Mutterwort „oscillare“ ganz konkret bedeutet. Damit bekommen Erlebnisobjekte eine gleichzeitige konträre Wertigkeit: gut und böse, wertvoll und wertlos, liebenswert und hassenswert, bewundernswert und verachtenswert etc. Gleichzeitig und mit gleicher Wertigkeit.

Eugen Bleuler, der die Ambivalenz zu den Kernsymptomen der Krankheit Schizophrenie zählte, vertrat aber auch Folgendes, was heute als Selbstverständlichkeit gilt: Die Ambivalenz ist über das Krankhafte hinaus ein ganz normales Phänomen. Sie ist bei allen Menschen aktiv. Dies erläuterte Bleuler ausführlich in einer Festrede, die er vier Jahre später, am 27. April 1914, anlässlich der Einweihung von Neubauten der Universität von Zürich hielt. Wir können konstatieren, sagte Bleuler, dass sowohl bei Kranken als auch bei Gesunden „solche ambivalenten Komplexe unsere Psyche ganz besonders beeinflussen“ (S. 96).

Ein Teilnehmer der Winterversammlung der schweizerischen Irrenärzte am Tag der Taufe der Ambivalenz war der Psychiater Carl Gustav Jung, ein Mitarbeiter und Habilitand von Eugen Bleuler, bevor er zur allseits bekannten tiefenpsychologischen Ikone wurde. Obwohl es ein Jahr vorher zu einem Zerwürfnis zwischen den beiden Koryphäen der Psychiatrie gekommen war, zeigte sich C. G. Jung offensichtlich begeistert von dem neuen Begriff und stellte auch klar, dass es sich bei der Ambivalenz „nicht um ein Nacheinander, sondern um ein Ineinander, ein zugleich Gegebenes“, handele. Dies wollen wir festhalten: Die erlebte konträre Wertigkeit tritt nicht als ein Nacheinander, sondern als ein gleichzeitiges Ineinander auf. Genau das spielt in den Geschlechterbeziehungen eine wichtige Rolle, und zwar: Die Ambivalenz ermöglicht dem Verneiner der Geschlechtergleichwertigkeit einen Fluchtweg. Der führt zwar leider nicht von der Hölle ins Paradies, könnte aber dennoch in etwas erträglichere Gefilde münden.

Ein Fluchtweg aus der Sklavenhölle

Die Möglichkeit der Flucht zum einigermaßen Erträglichen entsteht, weil die Verneinung der Geschlechtergleichwertigkeit reichlich mit Ambivalenzen bestückt ist. In diesem Zusammenhang sei auch erwähnt, dass der Namensgeber der Ambivalenz, Eugen Bleuler, im schon erwähnten Vortrag von 1914 ihr Vorhandensein in den Beziehungen zwischen Mann und Frau als „das Wichtigste“ betrachtete. Darüber hinaus macht er uns darauf aufmerksam, dass die Ambivalenz im normalpsychologischen Bereich wichtige psychische Funktionen erfüllt und dass sie ein bedeutender psychischer Regulierungsmechanismus sei: Sie kontrastiere zwar Angenehmes und Unangenehmes, verbinde aber beides zu einer mehr oder weniger einheitlichen Wertung (S. 99). Ambivalenz ist also normal und regulativ. Und darüber hinaus: „Das Erleben von Ambivalenzen ist eine Grunderfahrung menschlichen Lebens“, wie Kurt Lüscher (2009, S. 17) feststellt. Er nennt deshalb den Menschen in seinem gleichlautenden Beitrag von 2010 einen „homo ambivalens“. Das Menschenbild des „homo ambivalens“ besagt demnach, dass Menschen Ambivalenzen erfahren, erkennen oder verdrängen können und auf unterschiedliche Weise damit umzugehen vermögen (S. 145). Das könne störend und belastend sein, aber auch Offenheit, Kreativität und Freiheit ermöglichen (S. 139). Man sehe eben die Welt nicht monolithisch. Die Ambivalenz biete darüber hinaus die Möglichkeit und die Notwendigkeit einer dynamischen und kritischen Selbstreflexion (S. 145).

Dieser wertvolle Regulierungsmechanismus hält das menschliche Zusammenleben aufrecht. Das betrifft auch eine auf Frauen zentrierte Ambivalenz der Männerwelt – die frauenbezogene Männerweltambivalenz. Sie ist in androkratischen Gesellschaften ein wertvoller Regulierungsmechanismus, der das Zusammenleben der Geschlechter erträglicher machen kann. Eine rigide Gleichwertigkeitsverneinung ohne jegliche Ambivalenz würde nämlich die ohnehin bedrückende und unterdrückende Androkratie zu einer totalen Sklavenhölle machen – mit den Männern als erbarmungslosen Sklavenhaltern und den Frauen als total Versklavten. Die Ambivalenz bietet Fluchtwege aus der totalen Sklavenhölle. Stellen Sie sich die Vertreter einer androkratischen Gesellschaft vor, die nicht nur allen Frauen die Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung absprechen, sondern auch nicht in der Lage sind, Liebes-, Solidaritäts-, Dankbarkeits- oder Anerkennungsgefühle gegenüber ihren Müttern, Ehefrauen oder Töchtern zu entwickeln, sie wertzuschätzen. Das wäre die Androkratie ohne Ambivalenz. Das wäre die totale Sklavenhölle. Aber das Schaukeln des Mannes auf dem Ambivalenz-Pendel verschafft der Frau ein wenig belebende Luft. Die Ambivalenz der Männerwelt Frauen gegenüber erzeugt eine Mischung aus freundlichen und unfreundlichen Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Es gestaltet die Front der Geschlechter nicht nur feindlich, sondern gleichzeitig, wenn auch nur teilweise, freundlich. So entsteht die uns schon bekannte feindfreundliche Front. Es darf vermutet werden, dass dies der Fall ist, seitdem es ein Zusammenleben der Geschlechter gibt. Auf jedem Fall ständig dokumentiert finden wir es, seit Geschichte aufgeschrieben wird.66

Die in der Ambivalenz enthaltenen Aspekte der Spaltung, der Zerrissenheit und des Oszillierens zwischen polaren Gegensätzen prägen also teilweise die Einstellung der Männerwelt zu den Frauen, und zwar in der ganzen Geschichte des Abendlandes. Mal mehr, mal weniger, jedoch ohne bis zum Ende des 20. Jahrhunderts die Androkratie ernsthaft zu erschüttern. Ausdruck der Ambivalenz des abendländischen Mannes der Frau gegenüber ist in einer ihrer extremen Formen ein konträres Frauenbild. Einerseits bietet dieselbe Männerwelt mit der Vergötterung der Frau als Göttin, als Muse, als ätherische Nymphe, als angebetete Heilige, als Himmelskönigin ein idealisiertes Frauenbild. Andererseits kreiert sie mit ihrer Verteufelung der Frau als das Böse, das zum Verderben führende, zur Sünde verführende und noch dazu als das dumme, unehrliche, intrigante Geschlecht ein total entwertendes Frauenbild. Die verschiedensten Abstufungen und Variationen liegen zwischen den beiden Extremen.

Die frauenbezogene Männerweltambivalenz kann gewisse Erleichterungen für die unterdrückte Frau herbeiführen: etwa durch den die Gleichwertigkeit von Frauen allgemein verneinenden Ehemann, der aber seine eigene Frau innig liebt und sie schätzt, sich liebevoll um sie kümmert. Wie auch durch den bewundernden Vater, der trotz seiner generellen Gleichwertigkeitsverneinung der talentierten Tochter eine gute Bildung verschafft. Oder durch den anerkennenden Lehrer, der trotz seiner allgemeinen Gleichwertigkeitsverneinung die begabte Schülerin fördert. Solche Ambivalenzen geben wiederum Anlass zur Entstehung von besonders widersinnigen und widersprüchlichen Einstellungen und Haltungen der Männerwelt den Frauen gegenüber – sie führen zu frauenbezogenen Paradoxien. Machen wir uns bereit, über solche auf Frauen bezogenen Paradoxien der Männerwelt zu staunen. Die haben übrigens auch etwas Gutes in sich – genauso wie die frauenbezogenen Ambivalenzen.