6. Die Edelmänner und die Feigenblätter
Andreas Abendländer hatte viel zu hadern mit dem Hin- und Hergerissensein bezüglich des Medizinstudiums seiner Tochter Birgit. Einerseits wusste er, wie talentiert sie war und dass sie es verdient hatte, ihre Fähigkeiten und ihre Talente weiterzuentwickeln und in ein Studium zu investieren. Andererseits schreckte er wegen der damit verbundenen Abweichung von seinem traditionellen Frauenbild, dass nämlich eine Frau eine gute Mutter und treue Ehefrau zu sein hatte, davor zurück. Das war sein Verständnis, aber auch das seiner Gemeinde und das des Herrn Pfarrer. Dieses Frauenbild war fest verankert in seinem eigenen und im kollektiven Bewusstsein seiner kleinen Welt. Herr Abendländer kämpfte mit sich selbst und mit den seit seiner frühesten Kindheit geprägten Bildern. Und er war sehr erleichtert, als er seinen Kampf mit einem Kompromiss abschließen konnte: Er würde für Birgit, und nur für Birgit, eine Ausnahme machen. Sie hatte es ja so verdient. „Mit so vielen Begabungen von ihrem Schöpfer gesegnet“, dachte er. Sie müsse gefördert werden. Er verwies sich selbst auf die Parabel Jesu, die sogar zwei Evangelisten, Matthäus (25, 14–30) und Lukas (19, 12–27) ausführlich überliefern: Der Herr hat nur den Diener gelobt, der die geliehenen Talente investiert und vermehrt hat. Denjenigen aber, der mit den geliehenen Talenten leichtsinnig umging und sie verlor, wie auch denjenigen, der sie bloß aufbewahrt hatte, ohne sie zu investieren, hat er getadelt und bestraft. Das Himmelreich belohnt nur den, der seine Talente investiert und vermehrt, das war die Botschaft Jesu. Er werde also Birgit unterstützen, in ihre Talente zu investieren. Birgit durfte in Zürich Medizin studieren. „Aber ich werde kein einziges meiner Prinzipien verraten. Nichts, aber gar nichts werde ich an meinem Verständnis der Rolle der Frau in der Gesellschaft ändern“, murmelte er ständig gebetsmühlenartig in sich hinein. Das mit Birgit sei bloß eine Ausnahme. Sie sei schließlich eine Ausnahme-Frau, und es lohne sich wohl, für sie eine Ausnahme von der Regel zu machen.
„Das ist ja paradox!“, sagte ihm empört der Herr Pfarrer, der das Wort Jesu, das die beiden Evangelisten überliefert haben, zu ignorieren schien, als Herr Abendländer ihn darauf hinwies.
„Das ist eine Ausnahme. Bloß eine Ausnahme“, erwiderte etwas kleinlaut der so Gescholtene. „Und es geht nur um das investieren von Talenten, so wie es von uns Jes …“
„Aber doch paradox“, unterbrach ihn barsch der Herr Pfarrer.
Der der Paradoxie beschuldigte Herr Abendländer hätte sicherlich etwas erwidern können, aber er wollte nicht.
Von Mentorenparadoxien und von der Entlaubung der Feigenbäume
„Das ist ja paradox!“ – hatte sich der Herr Pfarrer empört. Aber was meinte er eigentlich damit? Schon in der Frühantike wurde das „Paradoxon“ definiert, zunächst als philosophischer Begriff.* Der Begriff „Paradoxon“ hat sich inzwischen in den verschiedensten wissenschaftlichen Bereichen verbreitet und ist auch Allgemeingut der Bildungssprache geworden, wie uns etwa die Aufzählung von Klaus Schäfer informiert (S. 1051–1059). Als Paradoxon (und infolgedessen als paradox und als Paradoxie) wird das in sich Widersinnige und Widersprüchliche bezeichnet. Etwas, das einen in sich unauflöslichen Widerspruch beinhaltet. Etwas, das gleichzeitig Wahres und Falsches, allgemein anerkannte Grundsätze und entgegenstehende Behauptungen oder widerstreitende Sinngehalte eines Sachverhaltes enthält.67 Ein klassisches Beispiel dafür ist das sokratische „Ich weiß nur eins, dass ich nichts weiß.“ – „Ich weiß eins“ und gleichzeitig „ich weiß nichts“ bilden zusammen eine entgegengesetzte Behauptung, etwas in sich Widersprüchliches. Das tun auch die Paradoxien der Männerwelt in Bezug auf Frauen, die frauenbezogenen Männerweltparadoxien. Das sind in sich widersprüchliche Haltungen von Männern den Frauen gegenüber; etwa Ablehnung der Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung von Frau und Mann im Allgemeinen, aber gleichzeitig Förderung einzelner Frauen, damit sich diese so entfalten können wie ähnlich befähigte Männer.
Solche Paradoxien sind Folgen der Ambivalenzen der Männer den Frauen gegenüber, und sie sorgen in ähnlicher Weise wie diese für Brüche in der frauenfeindlichen Front. Zahlreiche Frauenbiografien können derartige Paradoxien entlarven und offenlegen. Die abendländische Kulturgeschichte ist voll davon. Wählen wir daraus nur drei, wobei aber jede für sich genommen besonders lehrreich ist. Lassen Sie uns sie absichtlich ausschließlich aus einer Zeit wählen, die zu Recht als das Fundament von abendländischem Geist und Kultur gilt – aus der griechischen Antike. Diese leuchtende Periode abendländischer Kultur hat nämlich einen ziemlich großen und ziemlich dunklen Fleck: die Asymmetrie der Geschlechter. Bekanntlich waren damals Männer die Protagonisten der Gestaltung von Kultur und Geschichte, während den Frauen fast ausschließlich anonyme Statistenrollen gestattet waren. Nichtsdestotrotz war der ziemlich große und ziemlich dunkle Fleck der Geschlechterasymmetrie mit manchen Leuchtkörpern gespickt. Es hat offensichtlich gar nicht so wenige davon gegeben. Sonst ist es nicht zu erklären, dass bereits in der Antike mindestens zwei Schriften – von Männern verfasst, die eine von Philochoros, dem Aristoteliker des 4. bis 3. vorchristlichen Jahrhunderts, die andere von Apollonias, dem Stoiker des 1. nachchristlichen Jahrhunderts – ausschließlich von Philosophinnen handelten. Zwischen 60 und 120 Philosophinnen-Biografien seien dort erwähnt worden.68 Um eine davon zu betrachten, wollen wir einen Sprung zurück machen in eine Zeit vor etwa 2600 Jahren, an einen Ort im süditalienischen Kalabrien, genauer gesagt in die damals griechische Stadt Kroton (heute Crotone).
Wir besuchen dort die Schule des genialen Mathematikers und Philosophen Pythagoras, der übrigens auch der Urheber der Wörter Philosoph und Philosophie ist. Unter seinen Schülern, den legendären Pythagoräern, werden wir mindestens 17 Schülerinnen entdecken. Natürlich klingt 17 Frauen zwischen etwa 300 Mitgliedern des Pythagoräischen Bundes wenig, aber es ist in dieser Zeit der Androkratie und der Recht- und Privilegienlosigkeit der Frauen doch bemerkenswert. Eine junge Schülerin, die Mathematikerin und Philosophin Theano, weckte die besondere Aufmerksamkeit von Pythagoras, der rasch ihre außergewöhnlichen Begabungen erkannte. Sie gilt als die erste uns bekannte Philosophin. Pythagoras bezeichnete sie als die beste im Bunde der Pythagoräer. Aufgrund ihrer besonderen Qualifikationen und Leistungen wurde sie von ihm zu seiner Nachfolgerin in der Leitung seiner Schule und in der Ägide des pythagoräischen Geheimbundes bestimmt, d. h. zur Führung von fast 300 Mathematikern und Philosophen mit etwa 95 Prozent Männeranteil. Später wurde sie auch seine Ehefrau.
Theano verbreitete die pythagoräische Philosophie auch im metropolitischen Griechenland bis nach Ägypten und schrieb Bücher, in denen sie die pythagoräische Philosophie darstellte; auch Bücher über Zahlen und Mathematik sowie über sittliches Zusammenleben. Ihre drei Töchter wurden ebenfalls Philosophinnen.69
Ein ziemlich heller Leuchtkörper, diese Theano und ihre Mitstreiterinnen, auf dem großen dunklen Fleck der gesellschaftlich verordneten Geschlechternasymmetrie des Abendlandes.* In diesem Falle ist zwar der Lehrer und spätere Ehemann der primäre Mentor, allerdings zeugen die mittragenden Rollen von Mitschülern, Mitstreitern und später ihren eigenen Schülern von der Anerkennung der Wertigkeit dieser Frau in einer frauenunfreundlichen Zeit.
Machen wir nun vom süditalienischen Kroton einen weiteren Zeitsprung, diesmal nach vorne, und landen wir etwa 200 Jahre nach Theano im beginnenden 4. vorchristlichen Jahrhundert in Nordafrika, in der damals griechischen Stadt Kyrene.
Dort besuchen wir einen bedeutenden Philosophen des Altertums, den Gründer der Kyrenäischen Schule. Es ist Aristippos der Ältere, Freund und Schüler von Sokrates und einer der wichtigsten Vorläufer der epikureischen Philosophie. Aristippos erkannte, dass seine Tochter Arete (der Name bedeutet „die Tugend“ und „die Tüchtigkeit“) eine ganz besonders intelligente und begabte Frau war. Und so beschloss er, ihre Begabungen und Talente zu fördern und sie in Philosophie auszubilden. Nachdem sie eine Grundausbildung bei ihm genossen hatte, entschloss sich Aristippos, seine Tochter zu Platon nach Athen zu schicken, wo sie in der platonischen Akademie studierte. Sie war so erfolgreich, dass es ihr gestattet wurde, selbst Moralphilosophie, Naturlehre und Naturgeschichte zu lehren. Während ihres 35-jährigen Aufenthaltes in Athen und Umgebung, in Attika, hat sie etwa 40 Bücher verfasst und 110 Schüler hervorgebracht. Darunter auch ihren eigenen Sohn, Aristippos den Jüngeren, der später die Schule seines Großvaters übernahm. Arete hat Abhandlungen geschrieben wie etwa „Vom Ackerbau der Alten“, „Von der Kindererziehung“, „Von der Mühseligkeit des Alters“, „Von der Unglückseligkeit der Frauen“, „Von der Eitelkeit der Jugend“ und „Von der sokratischen Republik“. Diese Werke wurden leider nicht gerettet, und wir wissen von ihnen nur indirekt durch die Erwähnung von anderen Philosophen.70
Im Falle von Arete waren die primären Mentoren zuerst der Vater und später Platon, ihr Lehrer, aber wie im Fall von Theano trugen die Mitschüler, die Mitstreiter und die eigenen Schüler, die ihr Respekt zollten, zur Anerkennung dieser außergewöhnlichen Frau in einer frauendiskriminierenden Epoche bei.
Unser letzter Zeitsprung bringt uns schließlich noch einmal weiter nach vorne, in die Zeit etwa 700 Jahre nach Arete. Die Zeiten haben sich radikal geändert. Die olympischen Götter der Griechen und Römer waren dabei, ihr letztes verzweifeltes Gefecht zu schlagen – die neue Religion aus dem Orient hatte gewonnen, und die hart verfolgten Christen von gestern wurden zu erbitterten Verfolgern der Andersgläubigen des damaligen Heute. Wir landen im ägyptischen Alexandria des 5. nachchristlichen Jahrhunderts, damals ebenfalls griechisch.
Zu dieser Zeit lebte dort Theon von Alexandria, einer der hervorragendsten Professoren der berühmtesten Bildungsstätte der damaligen Zeit, des Museions. Es entsprach in etwa unserer Universität, und die weltbekannte Bibliothek von Alexandria war ihm angeschlossen. Der Professor bemerkte, dass seine Tochter Hypatia eine außergewöhnlich intelligente und mit vielen Begabungen gesegnete Frau war. Er beschloss, sie zu fördern und unterrichtete sie zunächst selbst in Mathematik und Philosophie. Danach ermöglichte er ihr ein Studium in der neoplatonischen philosophischen Schule von Alexandria und dann in Athen. Zurückgekehrt nach Alexandria wurde ihr die Leitung der dortigen neoplatonischen philosophischen Schule übertragen – keineswegs eine Selbstverständlichkeit für eine Frau damals. Sie wurde auch Professorin für Philosophie und Mathematik am Museion – ebenfalls keine Selbstverständlichkeit.
Hypatia hatte eine große Zahl von begeisterten Schülern aus den verschiedenen Religionen. Sie verfasste mathematische Bücher und Kommentare zu alten Werken, teilweise war sie auch Mitautorin bei Werken ihres Vaters. Sie spielte verschiedene Musikinstrumente und konstruierte noch dazu neue astronomische Instrumente. Der Gelehrte Sokrates Scholastikos, ihr Zeitgenosse, schreibt über sie: „Sie verfügte über eine so herausragende Bildung, dass sie sämtliche Philosophen ihrer Zeit ausstach. Ihre Lehrtätigkeit brachte sie an die Spitze der platonischen Schule, die sich von Plotin herleitet, und sie unterrichtete jedermann in allen Wissensgebieten, der danach verlangte.“71
Hypatia wurde im Jahr 415 n. Chr. von einem Christenmob ermordet. Kyrill, der Patriarch von Alexandria, der Urheber der Erhebung von Maria zur Mutter Gottes,* hetzte in diesem Jahr eine Meute von Glaubensbrüdern gegen die Juden. Ein furchtbares Pogrom fand statt. Die Häuser der großen jüdischen Gemeinden und die Synagogen wurden niedergebrannt, die geretteten Juden aus der Stadt vertrieben.
Dann hetzte er einen Mob aus Mönchen und anderen Klerikern wie auch weiteren christlichen Gläubigen gegen Hypatia. Die Philosophin war von der neuen Religion nicht überzeugt. Kyrill beschuldigte sie, sie sei für die Spannungen zwischen ihm und dem Statthalter des Kaisers verantwortlich: Sie habe den verhext, sie sei zweifelsohne eine Hexe. Im Anschluss an eine glühende Brandpredigt Kyrills stürmte der Mob aus Mönchen, anderen Klerikern und christlichen Gläubigen die neoplatonische Akademie von Alexandria, die letzte der Antike, deren Leiterin Hypatia war. Sokrates Scholastikos, der vorher zitierte Chronist dieser Zeit, berichtet: „Die Männer rissen sie aus der Sänfte und schleiften sie gemeinsam zu der Kirche, die unter dem Namen Kaisarion bekannt ist. Dort zogen sie ihre Kleider aus und zerfleischten ihren Leib mit Scherben. Glied um Glied rissen sie die Frau in Stücke, trugen danach alles auf dem sogenannten Kikaron zusammen und verbrannten es.“72
Mit Hypatias grausamem Tod endete die fast 700-jährige Mathematiker- und Philosophenschule von Alexandria, die zu den berühmtesten der Welt gehört hatte. Mit ihr endete auch die beachtliche Reihe von prominenten antiken Philosophinnen, die fast 1000 Jahre vorher mit Theano ihr Anfang gefunden hatte.73
Sowohl die römisch-katholische als auch die orthodoxe Kirche erklärten übrigens Kyrill zum Heiligen und bestimmten den 26. Juni bzw. 8. Juli als seinen Gedenktag.
Auch bei Hypatia waren Männer ihre Mentoren, Bewunderer und Nutznießer ihrer Begabungen. Aber Männer waren auch ihre Zerstörer und Vernichter. Und noch etwas Epochales zeigt sich in diesem Teil der abendländischen Geschichte: Mit dem Einzug des christlichen Glaubens verlässt die Diskriminierung der Frau den säkularen Bereich und wird fortan religiös getragen, wie wir im 7. Kapitel ausführlich erfahren werden.
„Geschichten … bilden die Grundpfeiler menschlicher Gesellschaften“, stellt der Welthistoriker Yuval Noah Harari in seinem Buch „Homo Deus“ (S. 279) fest. So auch die Geschichten aller drei erwähnten Paradigma-Frauen.* Deshalb lassen Sie uns das Umfeld, in dem sie sich entfalten konnten, näher betrachten. Wir können dabei Folgendes feststellen: Bei allen drei hier beispielhaft erwähnten Frauen spielten Männer für ihre Entwicklung eine entscheidende Rolle. Männer, die die Intelligenz und die Begabungen dieser Frauen erkannten, anerkannten, sie würdigten und bewunderten und die entschlossen waren, sie zu fördern. Aber es waren dazu auch noch die Männer, die bereit waren, solche Frauen als ihre Lehrenden, ihre Führerinnen und sogar als ihre Vorbilder zu akzeptieren, sie zu respektieren und ihnen zu folgen.
Das ist jedoch nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite zeigt den Frauen-Mentor, wenn er die Gleichwertigkeit der Frauen mit dem Mann als Ganzes verneint. Paradox, aber wahr: Ein Frauenförderer kann gleichzeitig ein Gleichwertigkeitsverneiner sei. Alle erwähnten Männer, die die Ausnahme-Frauen förderten, waren gleichzeitig prominente Mitglieder und Repräsentanten oder gar Mitgestalter einer Männergesellschaft, die den Frauen im Allgemeinen keine politischen Rechte, kaum Bildungsansprüche und fast keine gesellschaftliche Autonomie zubilligte. Sie waren Mitgestalter einer Männergesellschaft, die das Primat, die Superiorität und die Herrschaft des Mannes propagierte und das Patriarchat praktizierte – so wie es Yuval Noah Harari und auch Carel van Schaik und Kai Michel im Abschnitt „Ist Physik …“ des 3. Kapitels definierten. Solche Frauenmentoren förderten als Gesellschaftsrepräsentanten und -mitgestalter zwar einzelne Frauen individuell, aber sie benachteiligten Frauen kollektiv.
Das ist in der Tat eine Paradoxie. Es ist eine frauenbezogene Mentorenparadoxie, eine Paradoxie der Männerwelt also, bei der ein und derselbe Mann einerseits Förderer von einzelnen besonderen Frauen ist, andererseits aber die Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung von Mann und Frau im Allgemeinen verneint.
Natürlich dürfen wir denken, dass die Wirkung solcher Mentoren eine durchaus gute ist. Doch das ist nur bedingt richtig. Die frauenbezogene Mentorenparadoxie kann sich nämlich auch kontraproduktiv auf die Entwicklung einer Bejahung von allgemeingültiger Gleichberechtigung auswirken. Sie kann eine Alibifunktion für die Gleichwertigkeitsverneinung übernehmen und sie dadurch weiter legitimieren, und zwar in folgender Weise: Der Mentor, der die einzelne intelligente, begabte und fähige Frau fördert, aber Teil des allgemeinen Systems der Gleichberechtigungsverneinung ist, kann sich dem Vorwurf der Frauendiskriminierung mit Argumenten entgegenstellen, wie etwa: „Ich bin doch kein Frauendiskriminierer. Seht her, welche Unterstützung ich manch einer Frau gewähre. Sie wäre nicht das geworden, was sie ist, ohne meine engagierte Förderung. Das ist alles andere als Diskriminierung. Aber diese einzelne Frau ist ja eine Ausnahme. Wären alle Frauen wie sie, würde ich sicherlich auch alle unterstützen.“ Was für ein Feigenblatt für die Nacktheit der ablehnenden Haltung zur allgemeinen Gleichwertigkeit von Frau und Mann!
So wird vom einzelnen Mann Entlastung und Rechtfertigung für seine frauendiskriminierende Allgemeinhaltung konstruiert. Aber auch die Männerwelt als Ganzes hat ihre Alibis, ihre Feigenblätter: „Unsere Gesellschaftsordnung ist doch nicht frauendiskriminierend. Seht her, welche Unterstützung bei uns manch einer Frau gewährt wird. Sie wäre nicht das geworden, was sie ist, wenn unsere Gesellschaft frauendiskriminierend wäre. Wären alle Frauen wie sie, würden wir sicherlich auch alle als gleichwertig mit dem Mann akzeptieren.“ Und somit verewigt sich das System der allgemeinen gesellschaftlichen Diskriminierung der Frau – bedeckt durch die Feigenblätter des Mentorierens und der Förderung der einzelnen Frau. Die fast 3000 Jahren andauernde Entlaubung der abendländischen Feigenbäume, um Schutzblätter für die nackten Frauendiskriminierer daraus zu machen, ist wohl noch nicht ganz abgeschlossen. Es geht weiter, bis zum letzten Feigenblatt. Der edle Mentor wird als Feigenblattbeschaffer noch gebraucht. Wie aber passen solche konträren Haltungen der Männerwelt zusammen? Förderer der einzelnen Frau zu sein und die Frauenwelt als Ganzes zu diskriminieren? Im Prinzip gar nicht. Aber es wird passend gemacht – durch die vorher erwähnten Alibis und manche anderen psychologischen Mechanismen, die wir anschließend kennenlernen werden.
Lassen Sie uns aber zunächst den Antipoden des Mentors kennenlernen: den Antimentor. Das griechische Wort „Antipode“ bedeutet „Gegenfuß“, „Antifuß“ bzw. „der Fuß gegenüber“. Beide „Antifüße“ – Mentor und Antimentor – haben viele exklusive Besonderheiten, die sie voneinander unterscheiden. Aber beide tragen dieselbe Schuhgröße. Allerdings hat der Frauen-Antimentor eine exklusive Besonderheit: Er ist Gefängniswächter und Gefangener in einem. Ein bewachender Gefangener.
Der bewachende Gefangene und die Antimentorenparadoxie
Der Frauen-Antimentor mentoriert aus Prinzip keine Frau. Ein Frauen-Antimentor kann Frauen lieben, bewundern, anerkennen. Er fördert sie jedoch nicht, weil „es sich nicht gehört“. Damit rechtfertigt er sein Verhalten vor sich selbst und anderen. Genau diese Art von Frauen-Antimentor ist an dieser Stelle gemeint: Der zwar die begabte und fähige Frau anerkennt, sie bewundert oder gar in sie verliebt ist, der sich aber weigert, sie zu fördern. Und zwar deshalb, weil er generell Frauen nicht als gleichberechtigt mit dem Mann erachtet und dadurch auch nicht als förderungswürdig. Das scheint paradox. Ist es auch. Genauso paradox, aber wahr wie bei dem Frauen-Mentor, der zwar einzelne Frauen mentoriert, aber ihre Gleichberechtigung mit dem Mann im Allgemeinen verneint. Und damit erlangt die Paradoxie des liebenden und anerkennenden Frauen-Antimentors eine grundlegende Gemeinsamkeit mit der des Mentors, der die einzelne Frau fördert, der aber die allgemeine Gleichberechtigung von Frau und Mann verneint: Die Widersinnigkeit und Widersprüchlichkeit ihrer Haltung Frauen gegenüber ist die grundlegende Gemeinsamkeit der beiden gegensätzlich handelnden Akteure Frauen-Mentor und Frauen-Antimentor.
Das ist die erwähnte selbe Schuhgröße, die die beiden Antipoden haben. Dies gilt es vielleicht näher zu erklären – mit einem Sprung in europäische Realitäten, die erfreulicherweise seit einigen Dekaden begonnen haben, nur noch Geschichte zu sein. Schauen wir in diesem Zusammenhang auf das Gegenbild zur mentorierten Frau. Ersetzen wir dabei die mögliche konkrete Frauen-Biografie, die wegen der Anonymität nicht überlieferbar ist, mit realitätsnaher Vorstellung. Besuchen wir dafür eine zufällig ausgewählte europäische Familie – die von der griechischen Antike bis etwa Mitte des 20. Jahrhunderts unserer Zeit hätte existieren können –, in der eine begabte Tochter lebt. Stellen wir uns folgende Szene aus dem Leben der unbekannt bleibenden begabten jungen Frau vor, als sie gerade dabei ist, die Kindheit zu verlassen und in das Erwachsenenalter überzutreten:
Alexandra, die kleine Tochter einer europäischen Familie der genannten Zeitspanne, ist gesegnet mit Intelligenz, Begabungen, Fähigkeiten, Talenten. Die Eltern, besonders der Vater, sind voll der Bewunderung für die Tochter und sehr stolz auf sie. Aus dem kleinen Mädchen wird irgendwann eine junge Frau, die ihre Intelligenz, Begabungen, Fähigkeiten, Talente zur Geltung bringen und einsetzen will. Sie möchte Bildung, Karriere und Autonomie für sich in Anspruch nehmen. Die Eltern, vor allem der Vater, reagieren entsetzt darauf. Der bis dahin stolze Vater, der allein darüber zu entscheiden hat, was mit der Tochter geschieht, reagiert auf den Wunsch der von ihm geliebten und bewunderten Tochter mit einem kategorischen „Nein! Kommt nicht in Frage. Auf gar keinen Fall!“ Das kategorische Verbot gründet sich auf einem kategorischen Imperativ, der wie folgt lautet: „Du bist zwar begabt, du bist sehr intelligent, aber … Du bist bloß eine Frau. Denk daran. Du bist kein Mann, dem so etwas zusteht, anders als einer Frau.“ Und der verbietende Vater fügt gefühlvoll hinzu: „Du weißt doch, dass ich dich über alles liebe und bewundere. Aber das, das geht gar nicht. Das gehört sich nicht. Auf keinen Fall! Du bist schließlich eine Frau.“
Du bist schließlich eine Frau. Damit ist eine schwer zu überwindende gesellschaftliche Barriere aufgestellt. Der liebende Vater verwandelt sich in einen verbietenden Antimentor. Und somit werden väterliche Liebe, Bewunderung und Anerkennung für die eigene Tochter in das Gefängnis der gesellschaftlichen Vorschriften, Traditionen, Vorurteile, Ignoranz oder auch der Religion eingeschlossen. Aber auch der Liebende und Anerkennende wird dadurch zu einem Insassen desselben Gefängnisses. Er wird ebenfalls Gefangener der gesellschaftlichen Vorschriften und Traditionen, gefesselt an Vorurteile und Ignoranz oder auch an religiöse Prämissen. Er wird Insasse desselben Gefängnisses, in dem die Intelligenz, die Begabungen, die Fähigkeiten, die Talente der jungen Frau, über die er bestimmen darf, lebenslänglich eingeschlossen sind. Und wo sie verwelken werden. Der liebende und anerkennende Vater wird zum Gefängniswärter und Gefängnisinsassen zugleich: als frauendiskriminierender Mann zum Urteilsvollstrecker – präziser ausgedrückt, zum Vorurteilsvollstrecker – und Gefängniswärter für die eigene Tochter. Die Tochter, die er liebt und bewundert.
Was für eine Paradoxie! Es ist eine frauenbezogene Antimentorenparadoxie, eine Männerweltparadoxie also, bei der der Mann, der die befähigte Frau liebt, schätzt und bewundert, ihr die Förderung verweigert aus Gründen der allgemeinen Verneinung der Gleichberechtigung von Frau und Mann. Die Antimentorenparadoxie ähnelt aber frappierend ihrer Antipodin, der Mentorenparadoxie. Beide erreichen dasselbe: die Festschreibung und Fortsetzung der Frauendiskriminierung. Das Feigenblatt, das psychologische Alibi des Antimentors nach außen und innen, ist schnell definiert. Nach außen etwa wird es wie folgt präsentiert: „Ich hasse die Frauen keineswegs. Ich liebe manche einzelne Frau, ich bewundere sie, ich schenke ihr meine Anerkennung. Aber …“ Ja, das „Aber“ ist für die Beruhigung des Inneren gedacht: „… aber Förderung, Karriere machen, Autonomie erlangen? Das gehört sich nicht. Religion, Staat und Gesellschaftsordnung verlangen es schließlich anders.“ Und so werden sowohl bei den gleichberechtigungsablehnenden Mentoren wie auch bei den Antimentoren psychologische Entlastung und rationale Rechtfertigung konstruiert. Der Feigenbaum darf weiter entlaubt werden.
So ähnlich macht das auch die Ritterlichkeit.
Ladies first …, aber unten bleiben. Die Paradoxie der Ritterlichkeit
Ritterlichkeit kann pharisäerhaft sein. Sie kann Frauen himmlisch psalmodieren, ihnen aber gleichzeitig den Keuschheitsgürtel aufzwingen. Falls Sie Liebhaber von Belletristik sind, wundern Sie sich vermutlich nicht nur über den Kontrast von himmlischen Psalmodien und Keuschheitsgürtel, sondern auch über folgendes Phänomen: Europäische Lyrik und sonstige Belletristik, Theater und die gesamte schöne Literatur von der Antike bis, sagen wir mal, Mitte des 20. Jahrhunderts unserer Zeit, sind Zeugen einer anderen Paradoxie der Männer den Frauen gegenüber. Man kann sie als frauenbezogene Ritterlichkeitsparadoxie bezeichnen – das ist die Verehrung der Frauen durch Männer, die als Mitglieder einer androkratischen Gesellschaft gleichzeitig den Frauen Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung rigoros verweigern. Die genannte Frauenverehrung wird von Galanterie und sonstiger Ritterlichkeit, die sich in vielfältigen Verhaltensmustern ausdrückt, begleitet. Die erwähnte Literatur, fast ausschließlich von Männern geschrieben, präsentiert uns Frauengestalten, die zweifelsohne auch für Männer Lichtgestalten sind. Frauen, die sogar asketische Männer in religiöser Ekstase hoch verehren können. Oder Frauen, für die Männer in tiefer Gefühlsaufwühlung höchste Hymnodien komponieren und troubadourisch ausdrücken. Um deren Gunst sie buhlen. Wegen denen sie todunglücklich werden, wenn die sie nicht haben können. Für die sie ihren Schmerz in langen Balladen ausdrücken. Für die sie Suizid begehen. Oder für die sie bereit sind zu kämpfen und ihr Leben zu riskieren. Aber die Gleichberechtigung von Frau und Mann verneinen diese „ritterlichen“ Männer kategorisch.
Im realen Leben von heute ist die hohe Zeit der Ritterlichkeit zwar vorbei, doch Reste bzw. Abwandlungen davon leben weiter. Sie wurden von Teilen der Männerwelt internalisiert, ritualisiert und zu Verhaltensweisen institutionalisiert. Die alte bombastische und troubadourische Ritterlichkeit wurde von einer diskreten, aber nichtsdestoweniger galanten, kultiviert anmutenden Nachfolgerin abgelöst. Nennen wir sie die „Ladies first-Höflichkeit“. Dennoch, sowohl die alte als auch die neue Ritterlichkeit sind keineswegs Widerspiegelungen der Bejahung von Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung. Ritterlichkeit kann vielmehr die Verneinung der Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung maskieren und verdecken. Es überrascht also nicht so sehr, dass Sozialpsychologen seit langem in der Ritterlichkeit den Wolf im Schafspelz entlarvt haben.74 Sozialpsychologen vertreten nämlich seit Jahren die Auffassung, dass Ritterlichkeit eine indirekte Form der Verneinung von Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung ist.75 Die Weigerung etwa, den Frauen Studium und Beruf zugänglich zu machen, wie es sie noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab, wurde beispielsweise nicht offen mit einem gewähnten „physiologischen Schwachsinn des Weibes“ begründet, wie Paul Julius Möbius ihn propagierte und den Esther Vilar – gnädigerweise – zur „sekundären, irreversiblen Dummheit“ der Frau deklarierte.* Auch nicht nur mit einem „moralischen Schwachsinn des Weibes“, den ebenfalls eine Frau, Kathinka von Rosen, ihr Vorbild Möbius imitierend, der Frau attestierte.** Nein, stattdessen wurde scheinheilig mit der ritterlichen Sorge um die körperliche Überforderung und Überlastung sowie der Gefahr des geistigen und moralischen Zusammenbruchs der Frau argumentiert. So begründete zum Beispiel noch zwei Jahre vor Beginn des 20. Jahrhunderts der Deutsche Ärztetag in Wiesbaden seinen einstimmigen Beschluss gegen die Zulassung von Frauen zur ärztlichen Praxis. Ein solcher Beschluss wird sozialpsychologisch als verdeckte gleichwertigkeits- und gleichberechtigungsverneinende Argumentation bewertet.76
In diesem Sinne sind „Mentoren-“ und „Antimentorenparadoxien“ wie auch „Ritterlichkeitsparadoxien“ Erscheinungsformen ein und desselben Phänomens: der frauenbezogenen Männerweltparadoxie. Sie koexistiert mit den auf Frauen bezogenen Männerweltambivalenzen. Die Ambivalenz des Gleichwertigkeitsverneiners Frauen gegenüber drängt ihn, in einem paradoxen Kosmos zu leben. Allerdings ist der paradoxe Kosmos der Männlichkeit keineswegs homogen. Er ist deshalb nicht homogen, weil er von paradoxiefreien Zonen durchlöchert ist. Sie kommen aus zwei entgegengesetzten Lagern: zum einen aus dem der totalen Gleichwertigkeitsbejaher, zum anderen aus dem der totalen Gleichwertigkeitsverneiner. Der, der die Geschlechtergleichwertigkeit total bejaht, erkennt generell die Gleichwertigkeit – und infolgedessen die Gleichberechtigung– von Frauen und Männern an. Seine Haltung gegenüber Frauen ist dadurch weder widersinnig noch widersprüchlich – sie ist also nicht paradox. Der totale Gleichwertigkeitsverneiner dagegen diskriminiert, Gleichberechtigung verweigernd, alle Frauen ohne Ausnahme. Deshalb gibt es bei ihm auch keinen Raum für konträre, widersinnige und widersprüchliche, Haltungen Frauen gegenüber. Kein Raum für frauenbezogene Paradoxien also.
Frauenbezogene Mentoren-, Antimentoren- oder Ritterlichkeitsparadoxien werden, wie schon erwähnt, entschärft durch Alibis. Alibis, die von schlauen Baumeisterinnen erschaffen werden.
Verdrängung und Rationalisierung – Prämissen der besten Ordnung
Die Baumeisterinnen der Paradoxie-Alibis kommen aus dem Psychischen. Von ihnen sind zwei die aktivsten: die Verdrängung und die Rationalisierung. Beide sind psychologische Abwehr- und Anpassungsstrategien.
Verdrängung ist der psychische Mechanismus, der innerseelische oder zwischenmenschliche Konflikte entschärft, indem er belastende oder bedrohliche Sachverhalte oder Vorstellungen als solche in unserem Bewusstsein nicht zulässt. Das heißt, dass wir diese Konflikte nicht bewusst als solche wahrnehmen. Damit werden wir von den negativen Folgen der Belastung oder der Bedrohung verschont. In Bezug auf die Paradoxie sorgt die Verdrängung dafür, dass sie in unserem Bewusstsein nicht als etwas Widersinniges und Widersprüchliches registriert wird. Damit schonen wir uns vor einer Konfrontation mit dieser Tatsache. Alles wird kohärent und stimmig gemacht. Alles sei in bester Ordnung. Man lebt bequem, wenn man verdrängt.
Die Rationalisierung ist die zweite Hauptbaumeisterin der Alibis für die Paradoxie. Rationalisierung ist der psychische Abwehrmechanismus, durch den belastende Sachverhalte oder Vorstellungen nachträglich auf eine rationale Basis gestellt, erklärt und entschärft werden. Haltungen und Handlungen werden durch rational anmutende Argumente, die in der Regel außerhalb der eigenen Verantwortlichkeit liegen, begründet. Allerdings bedeutet Rationalisierung nicht zwangsläufig faktengestütztes rationales Denken, sondern sie ist eher Imitation von Rationalität. Im Falle der Paradoxie liefert sie rational anmutende Erklärungen und Argumente, mit deren Hilfe die Paradoxie zur Nicht-Paradoxie wird und dadurch als solche aus dem Erleben verbannt werden kann. Damit machen es sich die Betroffene bequem, etwa nach dem Motto: „Und wo ist das Problem? Ich schätze, liebe und verehre meine Mutter und meine Lebensgefährtin wie auch meine Tochter, die ich nach Kräften fördere. Sie ist ja ein begabtes und außergewöhnlich talentiertes Mädchen. Aber gegen eine allgemeine Gleichwertigkeit von Frau und Mann sprechen wissenschaftliche bzw. biologiebedingte, sozialpolitische und religiöse Gründe, ebenso wie die Schutzbedürftigkeit der Frau einerseits und die Schutzpflicht des Mannes andererseits. Gleichwertigkeit mit dem Mann ist dann kontra die Natur, die Gesellschaftsordnung, die Religion …“ Die Rationalisierung vertreibt die Problematik. Und so scheinen die Probleme gelöst. Und sie schüttelt auch die Verantwortlichkeitslast von den Schultern der Verantwortlichen. Alles ist wieder in bester Ordnung. Man lebt nicht nur bequem, sondern auch problemfrei, wenn man Probleme wegrationalisiert. Verdrängung und Rationalisierung ermöglichen eine komfortable und konfrontationsfreie Symbiose mit den Paradoxien, indem sie das Erkennen von deren Widersinnigkeit nicht zulassen.
Würden die Paradoxien als Paradoxien erlebt, würden sie möglicherweise aufgelöst. Auch die frauenbezogenen Männerweltparadoxien würden verschwinden. Das heißt sie würden aufgelöst, so wie jede andere Paradoxie aufgelöst wird, wenn die Bedingungen bzw. die Annahmen, die zu ihrer Entstehung geführt haben, sich verändert haben. Oder wenn die Paradoxie als Paradoxie erkannt und problematisiert wird, so wie es Klaus Schäfer feststellt (S. 1056 f.). Das heißt auch: Das Erkennen der Paradoxie bringt die Chance einer Systemänderung bzw. einer Systemkorrektur mit sich; und sogar die Möglichkeit, das bis dahin Herrschende ad absurdum zu führen (S. 1058). In unserem Fall bedeutet dies, dass falls irgendwann die Alibi-Hauptbaumeisterinnen bei ihrer Arbeit versagen oder die Arbeit verweigern, dass dann die Paradoxien der Männerwelt Frauen gegenüber zum einen bewusst wahrgenommen und zum anderen als solche entlarvt werden können. Warum das so ist, werden wir im 9. Kapitel genauer beleuchten.
Trotz Ambivalenz, trotz Paradoxien wurde die Diskriminierung der Frau seit Äonen zementiert. Warum? Weil Mythen und Verhaltensverstärker den nötigen Zement liefern, um den Status quo zu betonieren. Schauen wir sie uns an.
* Die Bezeichnung stammt von den griechischen Wörtern „pará“ = „neben, daneben, wider, gegen, entgegen“ und „dóxa“ = „die Meinung, der Sinn“.
* Sehr bedauerlich finde ich, dass trotz all dem ein angebliches Pythagoras-Zitat, dessen pythagoräische Herkunft mutmaßlich von niemanden und nie zuverlässig verifiziert werden konnte, verwendet wird, um ihn in eine gynäkophobe Ecke zu drängen. Da keine Schriften von Pythagoras selbst überliefert sind, wucherte der Markt von angeblichen Pythagoras-Zitaten und auch von fantasiegetragener Legendenbildung zu seinem Leben, vor allem in der nachchristlichen Zeit. Die wohl erste ausführlichere Abhandlung über Pythagoras, die sich bis in unsere Zeit gerettet hat, die von Iamblichos von Chalkis, entstand etwa 800 (!) Jahre nach Pythagoras Tod, im 4. nachchristlichen Jahrhundert. Solche Hinweise und Berichte sind voller Widersprüche und von Legenden und Fantasie-Geschichten durchsetzt. Sehr bedauerlich finde ich weiterhin, dass auch Simone de Beauvoir ohne Angabe von Quellen ein solches angebliches Zitat von Pythagoras als Motto ihres legendären Buches „Das andere Geschlecht“ von 1949 verwendet. Dieses angebliche Zitat steht außerdem in völligem Kontrast zu anderen (ebenfalls angeblichen) Pythagoras-Zitaten, die buchstäblich als gynäkophil bezeichnet werden können; etwa wenn er die „Philia“ zwischen Mann und Frau („die Liebe, die Freundschaft, die Zuneigung“) zum Bestandteil der höchsten Harmonie erklärt. Der berüchtigte – angebliche – Pythagoras-Spruch, den de Beauvoir zitiert, lautet: „Es gibt ein gutes Prinzip, das die Ordnung, das Licht und den Mann geschaffen hat, und ein böses Prinzip, das das Chaos, die Finsternis und die Frau geschaffen hat“ (Simone de Beauvoir, 1949, S. 8). Dabei bestätigen uns Philosophie-Forscher, dass bei den Vorsokratikern „am günstigsten … noch die Pythagoras-Gemeinde den Frauen gesonnen“ war (s. Bernhard Taureck, S. 67).
* S. 7. Kapitel, Abschnitt „Der lange Weg der Entfernung“.
* Was eine Paradigma-Frau ist, s. 9. Kapitel, Abschnitt „Die Emanzipation des Mannes …“.
* S. 7. Kapitel, Abschnitt „Der physiologischen Schwachsinn des Weibes“.
** S. auch 10. Kapitel, Abschnitt „Alt- und Neo-Gynäkophobiker …“.