7. Verstärker des Irrtums

„Meine Grundeinstellung wird nicht angetastet, dass nämlich die Herrschaft des Mannes und die Verteilung der Rollen zwischen Mann und Frau zum einen gottgewollt ist, und, zum anderen, dass sie seit Jahrtausenden Ordnung garantiert.“

Vieles bestärkte Herrn Abendländer in solchen und ähnlichen Ansichten. Zum Beispiel das, was in der Bibel steht: Dass Gott bestimmt hat, dass die Frau dem Mann untertan sein soll. Und auch das, was die Prediger predigen. Dadurch hat er erfahren, wie Paulus die Unterordnung der Frau in der Gemeinde verlangte, wie Kirchenväter und Päpste dringend vor den Gefahren warnten, die von der Frau für den Mann ausgehen, und nicht zuletzt vor den Bestrafungen, die im Himmel drohten, wenn man die gottgewollte Ordnung nicht einhielt. Natürlich war Maria, die Mutter Gottes, auch eine Frau. Aber eine übermenschliche, sagte man, die kaum etwas mit den irdischen Frauen gemein hatte. Im Gegenteil: Maria demonstriere, wie erbärmlich die irdische Frau sei. Ähnliches verträten auch Wissenschaft und Philosophie, sagte man, um so eine Haltung zusätzlich zu untermauern. Sowohl religiöse als auch selbsternannte weltliche Experten malten die Gefahren aus, die der Menschheit drohen, wenn es eines Tages anders würde. „Na also, alle vertreten doch die Auffassung, dass es keine Gleichwertigkeit der Geschlechter gibt. Das heißt auch keine Gleichberechtigung. Die müssen es ja schließlich wissen“, dachte Herr Abendländer.

All das bestärkte ihn in seiner bisherigen Haltung. Allerdings änderte sich im Verlauf der Zeit ganz langsam etwas bei ihm. Die Dämonisierung und Einstufung der Frau als minderwertig, gleichgültig aus welcher Ecke sie kam, gefiel ihm immer weniger. Seine Anna und die drei Töchter und ebenso seine liebe Mutter – was taten die denn eigentlich, um sie in der Kategorie dämonisch einzuordnen? Und minderwertig? Wieso denn das? Diese und ähnliche Fragen wurden für ihn immer drängender.

Und die leisen Zweifel in ihm wurden noch lauter, als seine Töchter sich immer intensiver bemühten, ihm klarzumachen, dass die moderne Wissenschaft und Philosophie in zunehmender Weise Argumente aufbrächten, die gegen die althergebrachten Einstellungen sprechen würden. „Die Gleichwertigkeit von Frau und Mann zu bezweifeln, ist nicht mehr nur ein Irrtum, sondern auch eine Torheit. Angst vor der Gleichberechtigung zu haben, ist Unfug!“, war ihre einhellige Meinung. Und Herr Abendländer hörte immer aufmerksamer zu. Er ging auch nicht mehr auf die Barrikaden, wenn das Wort „Angst“ fiel.

Mythen und Verstärker

Wir haben schon festgestellt, dass die Androkratie nicht frei von Ambivalenzen und Paradoxien ist. Und am Ende des vorigen Kapitels haben wir uns gefragt, wie es möglich ist, dass trotzdem die Diskriminierung der Frau über Äonen zementiert wurde. Im Voraus haben wir die Antwort gegeben, dass Mythen und Verhaltensverstärker dafür in Aktion sind. Es gibt mehrere davon. Und es gibt auch mehrere Theorien, die die Verstärkung der jahrtausendealten Dominanz des Mannes über die Frau zu erklären versuchen. Eine Selektion der gängigsten davon sei an dieser Stelle erwähnt.

Manche Autorinnen und Autoren vermuteten beispielsweise, der Mann verdanke seine Hegemonie seiner Muskelkraft und seiner allgemeinen Körperkraft; andere mutmaßten, dass dahinter sein höherer Testosteronspiegel und das damit verbundene größere Aggressionspotenzial stünden. Manche fabulierten von patriarchalen Genen. Andere wiederum behaupteten, Männer hätten in ihrer sozialen Evolution im Vergleich zu Frauen eine überlegene Sozialkompetenz und größere Kooperationsbereitschaft entwickelt. Und dann gibt es auch noch die Selektionstheorie, wonach die Männer miteinander konkurrieren mussten, um ihre Gene weiterzugeben. Die Stärkeren hätten sich dabei durchsetzen können. Auf diese Weise seien die Gene der ehrgeizigsten, aggressivsten und konkurrenzfähigsten Männer an die nächste Generation weitergegeben worden. Bei Frauen habe es diese Art des Miteinanderkämpfens nicht gegeben. Im Gegenteil, Frauen bräuchten einen beständigen Protektor und Versorger. Die fügsamsten und fürsorglichsten Frauen hätten bessere Chancen, einen solchen Mann für sich zu gewinnen. Und auch sie hätten ihre Gene – die der Fügsamkeit – von Generation zu Generation weitergegeben. Die Genetik bestimme also sowohl Herrschaft als auch Fügsamkeit. Vergessen wir nicht die maskuline neolithische Revolution und die Rache des Mannes gegen die unterdrückenden Matriarchinnen, die uns ausführlich im 3. Kapitel beschäftigt haben. Die einfachste aller Erklärungen scheint die angeblich gottgewollte Unterwerfung der Frau dem Mann gegenüber zu sein. Wir werden sie bald im Komplex „Religionsprojizierte Gynäkophobie-Verstärker“ in diesem Kapitel ausführlich kennenlernen. Neuerdings wird auch die Theorie präsentiert, dass der Mann zum Patriarchen wurde, nachdem es ihm zu Beginn der Sesshaftigkeit gelungen sei, das „Urprinzip der Partnerwahl, bei dem die Entscheidung, welches Männchen Sex hat, von den Weibchen abhängt“ – die sogenannte Female Choice – zu unterdrücken. Damit ist gemeint, dass es dem Mann gelungen sei, die Hoheit über die Partnerwahl an sich zu reißen. Mit der Konsequenz, dass er nicht mehr seine Kraft, seine Einfallsfähigkeit und seine Zeit habe einsetzen müssen, um die zahlreichen Rivalen auszuschalten und die Gunst des weiblichen Homo zu erobern. Er habe dadurch nicht nur die sexuelle Initiative an sich gerissen, sondern auch Ressourcen freigesetzt, die es ihm ermöglichten, die Zivilisation zu entwickeln – eine androzentrische Zivilisation.77 Wie es auch sein mag, alle diese Annahmen enden mit dem gleichen Refrain: „Der Mann dominiert, die Frau fügt sich.“

All das kommt aus dem Reich des Hypothetischen. Nichtsdestotrotz haben alle diese Konstrukte den Anspruch, den Schlüssel zu liefern, der das Tor öffnet zur ultimativen Erkenntnis über die Gründe der Etablierung einer sozialen Ordnung, die Männlichkeitsdominanz und Weiblichkeitsunterwerfung fördert und legitimiert. Allerdings waren alle diese Hypothesen nie unumstritten, und sie gaben nie die Antwort auf die Frage, wie der männliche Homo sapiens sich tatsächlich durchsetzte, und wie er es erreichte, über den weiblichen Homo sapiens, die Frau, zu herrschen und seine Herrschaft jahrtausendelang zu zementieren.78 Man wundert sich darüber, wie das Patriarchat sich „über Jahrhunderte, Jahrtausende über alle Reiche und Kulturen, Kriege und Revolutionen hinweg an der Macht halten konnte. Und wie kann das Patriarchat noch moderne demokratische Gesellschaften im Griff haben, obwohl dort zumindest offiziell die Gleichberechtigung fast völlig realisiert wurde.“79

Die Annahme eines phobischen Ursprungs des Patriarchats kann sehr hilfreich sein bei der Beantwortung der obigen Fragen. Die Antwort, die aus der Annahme des phobischen Ursprungs resultiert, lautet: Zum einem durch das autoproduktive Potenzial seiner Angst. Zum anderen durch die Erschaffung von Mythen, an die er glaubte und die er zur Verstärkung seiner Strategien instrumentalisierte.

Angst ist autoproduktiv. Das bedeutet, Angst produziert weitere Angst. Die Angst unseres Ur-Ur-Großvaters, dass seine innerhalb der Familie prestigeträchtige und vorteilsbringende Stellung als Versorger und Protektor infrage gestellt wird, produzierte die Angst vor Privilegienverlust. Die wiederum die Angst vor dem Machtverlust. Die wiederum die Angst vor der Unterwerfung unter den Willen der Frau. Die wiederum die Angst vor der Gynäkokratie. Die wiederum … Die wiederum … Die wiederum … Und alle diese Ängste bauten eine Festung auf, die sich, wie wir wissen, „über alle Reiche und Kulturen, Kriege und Revolutionen hinweg an der Macht halten konnte“ und die „moderne demokratische Gesellschaften im Griff “ hat. Eine Festung, die Gegenoffensiven trotzte, Umwälzungen überstand und Eruptionen überlebte. Als Trutzburg Gynäkophobie.

Und neben der Angst agieren auch die Mythen. Die Gesellschaften brauchen nämlich Mythen für ihren Zusammenhalt.80 Die Mythen, die die androkratische Gesellschaften nutzen, um androkratisch zu bleiben, sind religiös oder säkular kreiert. Bis heute noch dienen sie nicht nur der vermeintlichen Kausalitätserklärung, sondern auch als potente Verhaltensverstärker des patriarchalen Gehabes. Sie verleihen dem geschlechtsabhängigen Ungleichwertigkeits-Irrtum Stärke und damit auch Langlebigkeit.

„Verhaltensverstärker“ sind Faktoren, die die Stärke, Aufrechterhaltung, Festigkeit, Dauer oder Frequenz menschlichen Verhaltens fördern, so die Definition der Verhaltenspsychologie.81 Der Homo phobicus bediente sich zur Etablierung, Stabilisierung und Aufrechterhaltung der von ihm erschaffenen androkratischen Abwehrstrukturen effektiver Verhaltensverstärker. Herkunftsmäßig können sie säkulargetragene, religionsprojizierte oder heterogenverwandelbare Verstärker sein. Lassen Sie uns alle drei aus der Nähe betrachten. Unabhängig von ihrer Herkunft haben sie eine denkwürdige Begleiterin: Ihre langlebige Wirksamkeit, obwohl sie allesamt auf gar keiner oder bloß schwacher Beweisbarkeit gegründet sind.

Säkulargetragene Gynäkophobie-Verstärker

Erstaunlich. In der Regel war es früher so, zumindest bei den meisten Völkern, wie bald im Abschnitt „Das Mitbringsel aus dem Orient …“ dieses Kapitels der Welthistoriker Yuval Noah Harari belegen wird, dass Menschen die Welt zuerst mit Religion zu erklären versuchten. Die Annahme von profanen Zusammenhängen war eher die Ausnahme. In Bezug auf die Gleichwertigkeitsverneinung der Geschlechter war das aber, was das Abendland betrifft, anders. Die Gynäkophobie war dort, nämlich während einer großen Periode der historischen Zeiten, okzidentalisch-säkular, bevor sie orientalisch-religiös wurde. Gehen wir aber der Reihe nach.

Wie die uns schon bekannte österreichisch-amerikanische Historikerin Gerda Lerner herausstellte, war die früheste Form des voll entwickelten Patriarchats der archaische Staat mit seiner Keimzelle, der patriarchalisch strukturierten Familie (S. 261). Rollenaufteilungen, sekundäre Habitualisierungen und frühe Organisation des archaischen Staates transferierten ihr Potenzial von der vorskriptischen in die skriptische Periode hinein und setzten es fort. Natürlich sind sowohl die Konstrukte von Männlichkeit als auch die von Weiblichkeit trotz jeglicher Stereotypie der Wandlungswirkung der Zeit unterworfen. Sie haben sich seit ihrer Konstituierung in den prähistorischen Zeiten weiterentwickelt. Doch der Kern ihrer ursprünglichen, aus archaischen Zeiten stammenden Konstruktion erwies sich als bemerkenswert veränderungsresistent. Eine Resistenz, die von Männern in zivile Gesetze und göttliche Gebote gegossen wurde. Dies betrifft nicht nur das Abendland, sondern den Gesamtglobus – überall dort, wo staatliche Keimstrukturen entstanden.

Die Behauptung, die sogenannte Misogynie (damit ist die Gleichwertigkeitsverneinung gemeint) sei eine jüdisch-griechische Erfindung, ist obsolet. Die obigen Ausführungen machen es deutlich: Der Erfinder der Gynäkophobie alias Misogynie war weder ein Jude noch ein Grieche. Gynäkophobie gab es schon lange, bevor es Juden und Griechen gab. Nicht zustimmungsfähig sind also Behauptungen wie: „Wenn der Frauenhass einen Ursprung hat, dann irgendwann im 8. Jahrhundert v. Chr. irgendwo im östlichen Mittelmeer. Um diese Zeit verbreiteten sich in Griechenland und Judäa Schöpfungsgeschichten von mythologischer Kraft, die für die Entstehung des „Frauenhasses“ verantwortlich gemacht werden müssten. Dies behauptet etwa der nordirische Journalist Jack Holland in seinem Buch „Misogynie“ (S. 29), der dem amerikanischen und britischen Publikum allerdings vor allem als Experte für die Nordirlandpolitik der Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts bekannt war. Geburtsorte der Misogynie – womit, das sei noch einmal betont, die Verneinung von Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung der Frau mit dem Mann gemeint ist – wären demnach Judäa und Griechenland. Ihre angeblichen Erfinder: Der Jude Moses mit seiner Tora – obwohl die moderne Bibelforschung dazu neigt, ihm die Autorenschaft der Tora abzuerkennen – und der Grieche Hesiod mit den Mythen seiner „Theogonie“ und seinen „Werken und Tagen“.*82 Doch die Gleichwertigkeitsverneinung hat schon lange Zeit vor Moses (bzw. der tatsächlichen jüdischen Autoren der Tora) und Hesiod begonnen. Und ihr Geburtsort war nicht ein kleines Land, wie Judäa oder Griechenland, sondern der Planet Erde.

Schon die ersten kulturellen Dokumentationen des Abendlandes bestätigen die Feststellung, die wir vorher gemacht haben: Die Gynäkophobie im Abendland war okzidentalisch-säkular, bevor sie orientalisch-religiös wurde. Die Olympischen Götter waren nicht gynäkophob, die Zivilgesellschaft jedoch schon. Die Erbschaft, die uns unsere alten Griechen und Römer hinterlassen haben, erklärt nicht nur vieles zur Gynäkophobie von gestern, sondern sie trägt auch wesentlich zum Verständnis der Gynäkophobie von heute bei. Deshalb lohnt es sich, einen Blick darauf zu werfen und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen. Blicken wir zuerst auf Altbekanntes: Die Frauen spielten bei der Gestaltung der leuchtenden klassischen Kultur – wenn überhaupt – immer nur als Ausnahme und im Hintergrund eine Rolle. In der Regel gar keine. „Die Spuren, welche die Frauen der Antike hinterlassen haben, erscheinen oft unscheinbar“, konstatiert Elke Hartmann, die Professorin für Alte Geschichte (2021, S. 7). Die uns bekannten Ausnahmen von hervorragenden Frauen sind sporadische und individuelle, häufig herkunftsbedingte Erscheinungen. Sie sind Ausnahmen eben. Und fast alle gehörten einer Minorität an, der Oberschicht, der damaligen Aristokratie. Einige davon haben wir im Abschnitt „Von Mentorenparadoxien …“ des 6. Kapitels kennengelernt, anderen werden wir im nächsten Abschnitt noch begegnen. Zahlreiche Beiträge und Bücher erweisen Philosophinnen, Literatinnen, Autorinnen von wissenschaftlichen Abhandlungen und Ratgebern, Malerinnen sowie Königinnen und Heeresführerinnen etc. ihre Referenz.83 Die Namensliste dieser Frauen ist beeindruckend lang und gleichzeitig beeindruckend mickrig. Denn sie umfasst eine über tausendjährige Kulturperiode, zuerst als rein griechische und später als griechisch-römische. Sie darf uns keinesfalls darüber hinwegtäuschen, dass solche Ausnahmefrauen tatsächlich nur eine verhältnismäßig kleine Ausnahme von der Regel darstellten.

Die Realität also ist, dass während dieser über tausendjährigen Kulturperiode des Abendlandes die Frauen – generell gesprochen und abgesehen von individuellen und regionalen Ausnahmen, auf die wir später zurückkommen werden –, keine wesentliche Rolle im öffentlichen Leben spielen durften. Obwohl sie manche Freiheiten hatten, etwa den Besuch von Theateraufführungen, von kultischen und religiösen Festen oder Mysterien, war ihre Teilhabe am öffentlichen Leben begrenzt.84 Zugang zur Bildung war für Frauen in der Regel Privatangelegenheit, wobei die Frauen der Oberschicht in der griechischen Welt jederzeit und überall Gelegenheit zur Bildung hatten, wie es Mary Lefkowitz feststellt (S. 33). Aber die Oberschicht stellte eine Minorität dar. Man kann also, um es kurz zu fassen, zu dem Schluss kommen, dass trotz manch biografischer Ausnahme und lokaler Besonderheit die Frauen in der griechischen Welt ebenso wie alle ihre Geschlechtsgenossinnen in der übrigen Welt von damals unterprivilegiert und benachteiligt waren.

Die Diskriminierung der Frau in der griechischen Welt der Antike geschah nicht wegen Zeus’ göttlichem Willen, sondern wegen der diskriminierenden Willkür des irdischen Mannes. Das ist der große Unterschied zu den monotheistischen gleichwertigkeitsverneinenden Gesellschaften. Die Benachteiligung der Frau wurde in keiner der Perioden der griechischen, später auch der römischen Zeit als ein zentrales Gebot der Religion deklariert. Im Gegenteil. Im religiösen Leben spielten in der griechischen Welt Frauen als Priesterinnen und Prophetinnen eine wichtige Rolle.85 Pythia, die Prophetin des Orakels von Delphi, ist eines der vielen Beispiele dafür.

Das oberste göttliche Kabinett auf dem Olymp war paritätisch besetzt: sechs Männer, sechs Frauen. Diese göttlichen Frauen verkörperten Mächtiges, sogar „typisch Männliches“, wie etwa Kriegskunst oder Jagd etc. Eine von ihnen, Hera, repräsentierte die Macht, eine andere, Athena, die Weisheit und die Kriegskunst, wieder eine andere, Demetra, die Herrschaft über Ernährungsressourcen und Agrarproduktivität, und Artemis war für die Jagd und die Herrschaft über die Tierwelt zuständig. Und natürlich Aphrodite, die den Eros vertrat – den „in der Schlacht immer unbesiegbaren … Und dem entrinnen kann sogar kein unsterblicher Gott“, wie Sophokles ihn in seiner „Antigone“ besingt (V. 781 f.). Göttinnen repräsentierten noch dazu manches weitere Große und Mächtige. Aber auch, wie etwa Hestia, die häusliche, eheliche und familiäre Harmonie, die Homer als höchstes Gut des Menschen preist (etwa in seiner Odyssee, 6. Gesang, V. 180–185). Alle weiblichen Gottheiten des Olymps waren den männlichen Göttern ebenbürtig und gleichwertig und ihnen gleichberechtigt. Nur Zeus, dem Obersten Gott, nicht; das galt aber genauso für die männlichen Götter. Zeus stand über allen anderen Göttern. Auch in der breiten Götterwelt unterhalb der zwölf Olympier wimmelte es von weiblichen Gottheiten, guten und bösen, die ihren männlichen Kollegen, auch guten und bösen, gleichberechtigt waren und gleich mächtig. Die Musen, Göttinnen des Schönen und des Gehobenen, die Moiren, Herrscherinnen über das Schicksal aller Menschen, und die Nymphen, die die Natur belebten, waren allesamt weiblich. Ein deutlicher Kontrast zu den andromorphen Mächten des Monotheismus. Dort ist nicht nur Gott als Mann gestaltet, sondern auch sämtliche Begleitmächte: die Cherubim und Seraphim, alle Erzengel und Engel. Der Andromorphismus* im Himmel sollte den Androzentrismus auf der Erde legitimieren.

Dass Zeus die Frauen nicht zum sündigen Geschlecht erklärt und mit ewigen Strafen belegt hat, wie der jüdische Gott es tat, hängt mit der Auffassung der Griechen über Moral, Gesetz und Ethik zusammen. Alle drei waren im griechischen Leben menschliche, bürgerliche Angelegenheiten, aber keine göttlichen, keine religiösen. Das Amoralische, das Unethische, das Ungesetzliche war ein Verstoß gegen eine Norm, aber keine Schuld gegenüber göttlicher Macht, wie etwa Andreas Mehl betont (S. 21–41). Es gab im antiken Griechenland keine „Bibel der Olympier“, die als Quelle von Konstrukten wie das der „Erbsünde“ oder Ähnlichem dienen konnte. Die Griechen kannten ja Begriffe wie den der „Sünde“ oder der „Schuld gegenüber Gott“ überhaupt nicht, anders als Juden und Christen sie kannten und kennen, um nochmals Andreas Mehl zu zitieren. Freiheit bedeutete für die antiken Griechen Freiheit des Individuums, aber nicht Freiheit von der Sünde, die erst durch einen göttlichen Erlöser, der sich für die Menschheit aufopfert, zu erreichen ist, so wie es das Christentum propagiert, stellt der Göttinger Altphilologe Max Pohlenz klar (S. 169 f.).

Die hellenische Religion erklärte also die Frauen nicht zum sündigen Geschlecht. Es gab auch keine Strafe Gottes, wonach die Frau zur ewigen Untertanin des Mannes verurteilt und der Mann zu ihrem ewigen Herrscher erklärt wurde – so wie der Gott der Bibel es tut. Aber trotzdem. Die Benachteiligung der Frau, abgesehen von sporadischen, individuellen oder lokal begrenzten Ausnahmen, etwa Kreta oder Sparta, war ein fester Bestandteil unseres so leuchtenden abendländischen klassisch-antiken Ursprungs. Bei der Bewertung des Antike-Paradigmas – auch in Bezug auf die Frauenbenachteiligung – sollte uns aber nicht der Fehler unterlaufen, von „den Griechen“ zu sprechen, so als ob es sich während der tausendjährigen Zeitperiode um eine monolithische Entität gehandelt hätte. Als ob sie während dieser sehr langen Zeit keine Veränderung, keine Entwicklung, keine Ausbreitung und keine Vertiefung durchgemacht hätten. Und noch darüber hinaus, als ob sie in allen Ecken der griechischen Welt eine homogene Gruppe gewesen wären. „Die Griechen“ in diesem Sinne gab es nicht. Es gab sie über Jahrtausende nie als Staat oder Nation, sondern nur als das, was man Volk nennt, um die Differenzierung von Andrea Marcolongo, der italienischen Spezialistin fürs Altgriechische, zu verwenden (S. 217). Es gab also die bunte griechische Welt, zusammengesetzt aus vielen kleineren Welten, topografisch, chronologisch und kulturell variierend, wie wohl auch bei manchen anderen Kulturvölkern. So hatten die Frauen von Sparta einen ganz anderen Status als die Frauen von Athen, und die einen anderen als die Frauen von Kreta. Pauschal von einer uniformen „Misogynie in der Antike“ zu sprechen, wie viele es tun, ist also nicht gerechtfertigt – abgesehen davon, dass die Bezeichnung Misogynie sowieso falsch wäre, wie wir inzwischen wissen.

Von Odysseus bis Konstantin – säkulare Männerweltambivalenzen

Wenn man Lehren aus dieser europäischen Vergangenheit ziehen will, ist die bessere Betrachtungsweise die, die nach Epochen, Lokalitäten oder Schwerpunkten vorgeht. In diesem Sinne bezeichnet der Konstanzer Althistoriker Wolfgang Schuller die Beziehung zwischen Mann und Frau in der sogenannten „homerischen Zeit“ (etwa 9.–7. vorchristliches Jahrhundert) als ein Verhältnis der Innigkeit, der gegenseitigen Achtung und des Einverständnisses. Diese Merkmale seien auch dann noch erkennbar, wenn diese einen patriarchalen Einschlag bekämen durch die Verpflichtung und den Willen des Mannes, die Frau zu schützen (S. 17). Manche Beispiele dafür gibt uns etwa die Odyssee. Schon im 1. Gesang liefert Odysseus selbst uns so ein Beispiel: Er geht so weit, dass er sogar die Unsterblichkeit ablehnt, die ihm die attraktive und unsterbliche Kalypso anbietet, wenn er bei ihr bliebe. Er lehnt sie ab zu Gunsten einer sterblichen Frau, seiner Ehefrau Penelope. Und er nimmt all die Gefahren und Qualen der Rückkehr zu ihr auf sich. Eine Odyssee, unter anderem auch für seine Frau. Ich meine, dass die Wünsche, die Odysseus seiner jungen Retterin Nausikaa entbietet, zu Recht als eine der schönsten Schilderungen von gegenseitiger männlicher und weiblicher Akzeptanz und Einverständnis gelten:

„Mögen die Götter erfüllen dir alle Wünsche des Herzens,

Einen Mann und ein Haus, und euch mit seliger Eintracht

Segnen, denn nichts ist besser und wünschenswerter auf Erden,

Als wenn Mann und Frau, in herzlicher Liebe vereinigt,

Ruhig ihr Haus verwalten, den Feinden ein neidischer Ärger,

Aber Freude den Freunden. Sie spüren es selber am meisten.“ (6. Gesang, V. 180–185)

Allerdings beginnt mit dem Anfang dieser ersten Epoche der skriptischen abendländischen Kultur, der homerischen Zeit, auch die Geschichte der Ambivalenz ihrer Männerwelt den Frauen gegenüber. Das von Wolfgang Schuller vorher Gepriesene – Innigkeit, Achtung, Einverständnis – ist nämlich nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist, dass Männer dieser Epoche Frauen als ihren Besitz betrachteten, sie versklavten, verkauften, verschenkten und ihnen kaum Rechte zubilligten. Die schriftlichen Hauptquellen, die das Abendland für diese Zeit hat, die homerischen Epen, lassen keinen Zweifel daran: Auch die Initialzeit der skriptischen abendländischen Kultur war eine Zeit der Androkratie, ebenso wie die ihr nachfolgenden Zeiten. Es war nämlich nicht nur die Zeit des Patriarchats, bei dem nur das Familienoberhaupt, der „Ökogeniárches“*, wie er auf Griechisch heißt, die Macht hatte. Es war die Zeit einer generellen Androkratie. Das bedeutet, dass der Mann selbst dann über die Frau bestimmen konnte, wenn er nur ihr jugendlicher Sohn war. Schon im ersten Gesang der Odyssee gibt uns Homer ein klassisches Beispiel dafür:86

Alles in allem legen die Frauengestalten Homers durchaus ein gewisses Selbstbewusstsein an den Tag, was sich im Wesentlichen auf ihre Abstammung und auch auf den Status ihres Ehegatten, aber auch auf ihre Tugend gründet. Unstrittig sei auch, dass den Frauen der homerischen Helden eine enorme Bedeutung beigemessen werde, schlussfolgert Elke Hartmann (2021, S. 25).

Über die der homerischen Zeit nachfolgenden Epoche, das „Archaikum“ (vom 7. bis zur Wende 6./5. Jahrhundert v. Chr.) lässt sich summarisch Folgendes sagen: Es war, was Frauen betrifft, eine Epoche der Gegensätze und Ambivalenzen. Einerseits war es die Zeit, in der im öffentlichen Leben vermehrt Priesterinnen tätig waren, die ein hohes Ansehen genossen. Es war auch die Zeit, in der Dichterinnen wie Sappho, Korinna und viele andere Lyrikerinnen die öffentliche Bühne betraten.87 Es wird berichtet, dass die Lehrerin des großen Dichters Pindar eine Frau gewesen sein soll, und zwar die Dichterin Myrtis, die auch die Lehrerin von Korinna gewesen sei. Übrigens soll Korinna als Lyrikerin so gut gewesen sein, dass sie der Legende nach im Wettstreit mit dem großen Pindar aufgetreten ist. Nach anderen Quellen haben die beiden Frauen, Myrtis und Korinna, Pindar in die Lyrik eingeführt.88 Es war im Übrigen auch die Zeit, in der manche weibliche Intellektuelle, einige davon haben wir bereits im Abschnitt „Von Mentorenparadoxien …“ des 6. Kapitels kennengelernt, hohen Respekt in der Öffentlichkeit genossen. So etwa Theano, die erste Philosophin und erste Leiterin einer Philosophieschule, sowie andere namentlich bekannte Schülerinnen von Pythagoras.89

Aber das „Archaikum“ war auch die Zeit, in der frauendiskriminierende Texte Hochkonjunktur hatten und in der nur Frauen der Oberschicht Zugang zu Bildung und ein angenehmes Leben hatten, während die überwiegende Zahl der Frauen schwere Benachteiligungen hinnehmen musste. Es war die Zeit, in der die Männerwelt noch mehr Macht und Befugnisse erlangte.90 Verehrung und Missachtung der Frau lagen dicht beieinander. Die Lyrik dieser Zeit kann als Spiegel der damaligen Ambivalenzen und Kontraste dienen.91 So dichtete Semonides aus Samos im 6. vorchristlichen Jahrhundert, die Götter hätten die Frau in zehn unterschiedlichen Weisen erschaffen; deshalb seien einige Frauen gut und tadellos, die meisten aber untüchtig oder gar böse (S. 80–83). Der ebenfalls im 6. vorchristlichen Jahrhundert wirkende ionische Dichter Phokylides verfasste Ähnliches (S. 91). Doch ein weiteres Gedicht, das auch ihm zugeschrieben wird, aber offensichtlich späteren Datums ist, beinhaltet Aufforderungen an die Männer, den Frauen Respekt zu bezeugen, wie etwa: „Niemals verkupple dein Weib“, „Niemals erhebe die Hände gegen die schwangere Gattin“, „Vergewaltige nie eine Frau“, „Liebe dein Weib!“ (S. 440–448). Die Aufforderung an die Männer, den Frauen Respekt zu bezeugen, klingt fast gynäkophil.92 Schön wäre es.

Die danach folgende Epoche, die klassische Periode, setzte das fort, was im Archaikum zu beobachten war, und brachte es zu seinem Höhepunkt, wenn auch in modifizierter, verfeinerter und bunterer Form. Das war die Benachteiligung der Frau im Allgemeinen, während in den gleichen Zeiten Frauen Schülerinnen von Platon, von Epikur, von kyrenäischen und von kynischen Philosophen waren und teils sogar zu Leiterinnen von Philosophenschulen aufstiegen.93 Es waren auch die Zeiten, in denen manche Frauen öffentlich auftreten und mit ihrer Intellektualität und ihrem Lebensstil provozieren konnten, wie etwa die Philosophin Hipparchia: Durch ihre Beharrlichkeit hat sie ihre aristokratischen Eltern praktisch dazu gezwungen, ihr den Anschluss an die Kyniker zu ermöglichen. Später folgte sie dem kynischen Philosophen Krates, verbrachte mit ihm gemeinsam ein Leben in Wanderschaft und gewollter Armut. Das Paar provozierte die Gesellschaft zusätzlich durch unangepasstes Verhalten, etwa öffentlich den Beischlaf ausübend, wie der antike Autor Diogenes Laertios uns berichtet (6. Buch, S. 326 f.).

Allerdings begann sich in der Zeit des Hellenismus, die mit Alexander dem Großen begann und vom 4. vorchristlichen Jahrhundert bis etwa kurz vor der Zeitenwende dauerte, die Lage der Frauen zum Besseren zu verändern. Dies belegt unter anderen auch der renommierte Althistoriker Angelos Chaniotis, Professor in Oxford, Princeton und Heidelberg, in seinem Werk „Die Öffnung der Welt“: Die Situation der griechischen Frauen besserte sich ab Alexander dem Großen in der gesamten hellenistischen Welt. So bekamen sie Eigentums-, Vertrags- und Vererbungsrechte und durften eine größere Rolle im sozialen Leben spielen. Dies dauerte die Gesamtdauer des Hellenismus. Allerdings blieben auch dann all das ausschließlich Privilegien von aristokratischen und reichen freien Frauen (S. 382–388).

Besonders paradox war die Lage der Frauen in der Athener Demokratie, die mit Kunst, Philosophie, Politik und Wissenschaft das abendländische Denken bis heute prägt: „War nämlich die Demokratie eine Staatsform, in der, ohne jede Verherrlichung gesagt, ein in der gesamten Geschichte niemals wiedererreichtes Ausmaß an freier politischer Mitwirkung des Volkes erreicht worden war, so scheint umgekehrt die Lage der athenischen Frau besonders gedrückt gewesen zu sein“, schreibt Wolfgang Schuller (S. 44). Griechenland war jedoch nicht nur Athen. Frauen in Sparta zum Beispiel durften in eigener Regie Land und Vermögen besitzen, sie übten einen nicht unbedeutenden Einfluss in der Politik aus, nahmen aktiv an sportlichen Ereignissen teil, halbnackt oder gar nackt wie die Männer. Allerdings zu dem Preis, dass sie die Ideale der Männergesellschaft vollkommen zu ihren eigenen gemacht hatten, wenn auch offenbar aus freiem Willen; sie zogen sogar ihr Selbstwertgefühl daraus.94 Die Frauen von Sparta begleitete der Ruf, dass sie ihren Männer Befehle erteilten. So berichtet Plutarch Folgendes: Als Gorgo, die Königstochter von Sparta, von einer Frau aus Attika gefragt wurde „Warum seid Ihr Spartanerinnen die einzigen Frauen, die die Männer befehlen?, antwortete sie: „Weil wir die einzigen sind, die Männer in die Welt setzen.“95

Einen vergleichbaren Status hatten Frauen auch in der damaligen kretischen Metropole Gortyn (Gortyna).96 Die Stadt ließ im 5. vorchristlichen Jahrhundert die berühmten „Gortynischen Gesetze“ in Stein meißeln, die unter anderem auch den Frauen Schutz und Rechte gaben.97 Auf einem etwa 3500 Jahre alten Fresko aus dem kretischen Knossos sieht man sehr leicht bekleidete Athleten beim Stiersprung. Zwei der drei Athleten sind Athletinnen – ebenso leicht bekleidet wie der Mann. Andere Darstellungen aus derselben Zeit zeigen Prozessionen, an denen Frauen und Männer gemeinsam teilnehmen.

Es mag richtig sein, dass „die Griechen den Frauen zumindest eine Fähigkeit des Verstehens zuschrieben, die wir in der anderen großen mythologischen Tradition, die uns beeinflusst hat, nicht durchgängig finden – nämlich in der des Alten und Neuen Testaments“, wie Mary Lefkowitz konstatiert (S. 9 f.). Aber Fakt ist auch, dass all dies der Frau im öffentlichen Leben nicht sonderlich half – abgesehen von den erwähnten regionalen und zeitenabhängigen Ausnahmen. Plutarch ist ein gutes Beispiel dafür. Er vertritt in seinem Buch „Die Tugenden der Frauen“ (S. 427 f.) die Auffassung, dass sie sich im Großen und Ganzen von Männern bezüglich Tugenden und Tüchtigkeit nicht unterscheiden; Frauen könnten sogar viel tüchtiger und tugendhafter sein als Männer. Weitere seiner Schriften lassen allerdings kaum erkennen, ob er eigentlich ein Gynäkophiler oder ein Gynäkophobiker ist. So vermischt er, etwa in seinem Buch „Ehevorschriften“, Gynäkophiles mit Gynäkophobem (S. 174 f.). Plutarch war somit ein Kind seiner Zeit.

Auch Folgendes mag richtig sein: „Der Ruf ,Freiheit und Gleichheit hat nicht erst auf den Straßen von Paris die Geister aufgerüttelt, sondern schon im perikleischen Athen. Auf griechischem Boden ist zuerst ausgesprochen worden, dass der Mensch zu Freiheit geboren sei“, wie Max Pohlenz im Vorwort seines Buches „Griechische Freiheit“ deklariert. Dies galt aber ausschließlich für Männer. Und zwar nur für „freie Männer“.

Alles in allem kann gesagt werden: Von der homerischen Zeit bis zur konstantinischen Wende im 4. Jahrhundert – und der damit verbundenen Etablierung des Christentums – herrschte im Einflussbereich der griechischen Kultur eine säkular motivierte Verneinung von Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung, aber auch eine Ambivalenz, voll der Paradoxien, der Männerwelt den Frauen gegenüber. Diese intellektuelle und praxisbezogene säkular motivierte Verneinung von Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung und die frauenbezogene Ambivalenz der griechischen Männerwelt führten zu rätselhaft anmutenden Paradoxien. Mythologie, Philosophie, Naturwissenschaft, Politologie und Literatur pflastern den Weg, der uns zu diesen Feststellungen führt. Eine spannende Wegstrecke, auf der es sich zu flanieren lohnt.

Mythologie – die unsichere Kantonistin

Manche ziehen ihre Schlussfolgerungen bezüglich Gleichwertigkeit der Geschlechter aus der Mythologie. Ist sie aber eine zuverlässige Quelle? Behilflich bei der Beantwortung der Frage könnte folgende Vorstellung sein:

Sie erzählen Ihrem Kind, Ihrer Enkelin, Ihrem kleinen Bruder jeden Abend eine andere Gutenachtgeschichte. Eine Freundin beobachtet Sie dabei. Sie würde vermutlich in Ihrer Märchenerzählung Unterschiedliches erkennen können: Manchmal würde sie Ihren Versuch erkennen, dem Kleinen die Welt zu erklären. Manchmal aber Ihre Bemühung, eine moralische Botschaft darin zu verpacken oder eine Benimm-Regel schmackhaft zu machen. Oder einfach Ihre Bereitschaft, das Kind zu unterhalten und zu amüsieren, ohne belehrende Absichten. Und manchmal würde Ihre Freundin etwas erkennen, was sie erkennen will oder was ihren Neigungen entspricht, ohne dass das notwendigerweise etwas mit dem zu tun haben muss, was Sie mit der Erzählung beabsichtigt haben.

Mit den Mythen ist es nicht anders. Nur komplizierter. Der Mythos alleine reicht nämlich für wissenschaftliche Korrelationen nicht. Dazu benötigt man auch die Interpretation. Ein weiteres Problem ist, dass uns Mythen zu ein und demselben Thema in variierenden, nicht selten auch divergierenden Versionen erreicht haben. Sie wurden möglicherweise in unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten unterschiedlich erzählt und so auch unterschiedlich dokumentiert und überliefert. Mythen bieten multiple Interpretationsmöglichkeiten. Somit können sie unterschiedlich ausgelegt werden, denn Interpretationen sind abhängig etwa von der jeweiligen geistigen Periode, in der sie stattfinden, abhängig von dem Interpreten mit seinen Intentionen und Präferenzen, abhängig vom Empfänger der Interpretation mit seinen Neigungen und abhängig vom Kontext sowohl des Mythos selbst als auch seiner jeweiligen Interpretation. Dies gilt genauso bezüglich der Gleichwertigkeit der Geschlechter. Infolgedessen kann beispielsweise aus ein und demselben Mythos sowohl Gynäkophobie als auch Gynäkophilie abgeleitet werden. Dabei ist gar nicht gesagt, dass die Mythenschöpfer und Mythengestalter des Altertums mit unseren heutigen Interpretationen, welche sie auch sein mögen, etwas anfangen könnten. In vielen Fällen ist es ziemlich sicher, dass sie uns fassungslos und ratlos anschauen und fragen würden, was wir mit unseren Auslegungen meinen. Sophokles zum Beispiel hätte viele bohrende und unangenehme Fragen an Sigmund Freud in Bezug auf den „Ödipus-Komplex“. Anklagend und empört würde er ihn höchstwahrscheinlich fragen: „Was hast du aus meinem König Ödipus gemacht? Hast du mich überhaupt verstanden? Was du sagst, habe ich nie gesagt, was du meinst, habe ich nie gemeint.“ – So dachte zumindest ich, als ich versuchte, die Frage zu beantworten „Warum Ödipus keinen Ödipus-Komplex hatte …“ (S. 11 f.).

Damit zeigt sich ein weiteres Problem, das auch in Sachen Gynäkophobie mit der Auslegung der Mythen verbunden ist: Die meisten bzw. fast alle bekannten Mythen wurden uns von Dichtern, Dramaturgen, Historiografen, Mythografen und sonstigen Literaten wie auch Philosophen in einer für ihre Zwecke überarbeiteten und erarbeiteten Form überliefert. Das heißt, sie beinhalten zu dem Kern- oder Ur-Mythos noch dazu die Interpretation des Bearbeiters. Was wir heute also interpretieren, ist in der Regel eine Interpretation von Interpretationen; darauf machen uns viele Gelehrte aufmerksam. Auch die in den Mythen reichlich vorhandenen Ambivalenzen und Paradoxien in Bezug auf Frauen erlauben und ermöglichen gynäkophob als auch gynäkophil orientierte Interpretationen ihres Inhaltes. Das ist ein Grund, warum Matriarchatstheorien, die sich vorwiegend auf Mytheninterpretationen stützen, bei Expertinnen und Experten ein skeptisches Echo hervorrufen.

Eine repräsentativere Meinung zu den Geschlechterbeziehungen in der Antike kann zuverlässiger gewonnen werden durch die Analyse der Ansichten und Fakten, die uns Philosophen und Wissenschaftler sowie die großen Dramaturgen und Autoren dieser langen historischen Periode hinterlassen haben. Und zwar der gesamten historisch-kulturellen Zeitspanne von Homer (7.–8. vorchristliches Jahrhundert) bis Hypatia (5. nachchristliches Jahrhundert) und nicht nur eines Abschnitts davon, etwa der Klassik. Dieses Vorgehen kann uns eine zuverlässigere Widerspiegelung der damaligen sozialen und kulturellen Zustände, inklusive der Geschlechterbeziehungen, geben.

Philosophie und Wissenschaft mit Geburtsfehler

Philosophie und Wissenschaft des Abendlandes sind mit einem Geburtsfehler versehen. Sie waren von Anfang an Gynäkophobie-Verstärker. Die Philosophen von damals – darunter sind auch die Wissenschaftler subsumiert, zum Beispiel die Verfasser von medizinisch-biologischen Abhandlungen, etwa die hippokratischen und posthippokratischen Ärzte – sind Zeugen und Mitverursacher dieses Geburtsfehlers.98 Alles in allem kann gesagt werden, dass die meisten griechischen Philosophen und Wissenschaftler, generell gesprochen, einerseits von der frauenbezogenen Männerweltambivalenz ihrer Zeit geprägt waren, dass sie aber andererseits diese mitprägten und verstärkten. So sei es nicht verwunderlich, dass die expliziten Äußerungen zu der Verschiedenartigkeit der Geschlechter zwischen der Vorstellung, dass jeder Mensch eine Mischung von weiblichen und männlichen Anteilen aufweise, und der Annahme radikaler Differenz oszillieren – so Elke Hartmann (2021, S. 10).

Sogar Denker, die das Prinzip der Gleichheit aller Menschen vertreten, wie etwa der Vorsokratiker Antiphon von Athen (480– 411 v. Chr.), lassen in ihren Ansichten bezüglich Frauen viele Ungereimtheiten erkennen.99 Antiphon vertritt im 5. vorchristlichen Jahrhundert antirassistische und antinationalistische Ansichten.100 Er verwendet dafür Formulierungen wie „Wir sind alle in allen Beziehungen gleich geartet.“101 Demselben Antiphon verdanken wir aber auch eine ausführliche Beurteilung der Beziehungen zwischen Mann und Frau,102 die die Gleichartigkeit in Frage stellt. Zuerst schätzt er die Ehe außerordentlich negativ ein. Die Frau sei etwas „Angenehmes“ und „Süßes“, aber auch etwas „Schmerzliches“.103 Darüber hinaus befremdet es, dass Antiphon die Frau als „Besitz“ bezeichnet und dass er einen Unterschied zwischen dem „Menschen“ und dem „Weib“ macht, so als ob die Frau nicht zur Gattung Mensch gehöre. Die Frau begegne demnach dem Mann nicht als selbstständiges Wesen, und der Mann zeige sich unfähig, die Frau als Gegenüber zu erleben – so Bernhard Taureck (S. 70). Nur ein paar Zeilen weiter aber bezeichnet Antiphon die Frau als den zweiten Leib des Mannes, um den der Mann sich sowohl auf materieller als auch auf geistiger Ebene genauso zu kümmern habe wie um den ersten, den eigenen Leib. Und in dieser Eigenschaft werde die Frau dann Ursache von Sorgen und Kummer für den Mann. Der Mann als Protektor und Versorger der Frau, aber auch als ihr Lastenträger – die typische, Frauen betreffende Ambivalenz und Paradoxie, die man bei anderen griechischen Philosophen findet.

Die großen Debatten unserer Zeit zwischen intellektuellen Feministen und Antifeministen, unabhängig von ihrer Geschlechtszugehörigkeit, in Bezug auf die Einstellungen der antiken Philosophen konzentrieren sich hauptsächlich auf die Werke der beiden Hauptfiguren der abendländischen Philosophie, Platon und Aristoteles.

Platon ist die erste der philosophischen Autoritäten, von dem eine umfassende Beschäftigung mit den Geschlechterbeziehungen erhalten ist. Im „Symposion“ lässt er Sokrates die Theorie des Eros mit den Ansichten einer „sehr weisen“ Frau, Diotima von Mantinea, erläutern (201d). Wie aktuell Platons Ansichten sind, zeigt der noch anhaltende Streit der Forschung, ob seine Vorstellungen als „feministisch“ zu bezeichnen sind oder nicht, so etwa wie die Marburger Professorin für antike Philosophie Sabine Föllinger (S. 14 und 56 f.) oder die italienische Historikerin und Philosophin Giulia Sissa (S. 67 f.) ihn darstellen. Wir finden bei Platon vielfältige Reflexionen zur Geschlechterbeziehung, nicht nur bei der in diesem Zusammenhang viel zitierten „Politeia“, sondern auch bei anderen Dialogen, welche Anlass zu Debatten geben. Von den meisten, unter anderem von den beiden eben zitierten Autorinnen, wird angenommen, dass er eine Gleichwertigkeit der Geschlechter propagiert. Deshalb werde Platon von manchen als „Feminist“ bezeichnet. Andere aber sind etwas skeptischer und werfen ihm vor, dass er bei seinen diesbezüglichen Reflexionen die faktische Realität in den Geschlechterbeziehungen ausblende. Die Frau habe von einem solchen Vorgehen keinen Gewinn. Und so könne Platon kein „Feminist“ gewesen sein.

Dazu hier kurz folgende Anmerkung: Feminismus bedeutet – in seinem besten Sinne – eine Ideologie und gesellschaftliche Bewegung, die die Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung der Frau in allen Lebensbereichen propagiert. In Anbetracht der Tatsache, dass es in der Antike so eine Ideologie oder gesellschaftliche Bewegung nicht gab, ist auch die Bezeichnung „Feminist“ ebenso wie „Antifeminist“ nur als relativ zu betrachten, zumal ja auch der Feminismus-Begriff stetigem Wandel unterliegt. Derzeit wandert er bekanntlich zwischen breit gefächerter Diversität und enger radikaler Rigorosität – oder den Ausdruck der Journalistin Melanie Amann verwendend „zwischen Champagnerfeminismus und Radikalfeminismus“.104

Wie auch immer, Platon sah die Möglichkeit, durch Erziehung eine Veränderung in den festgefahrenen Geschlechterrollen zu erreichen. Eine Idee übrigens, die im modernen Diskurs eine nicht geringe Akzeptanz findet. Er betrachtete die Begabungen nicht als geschlechtsabhängig, sondern als persönlichkeitsgebunden, etwa in seiner „Politeia“ (453e,f). Mit einer Reihe von Beispielen belegt er, dass manche Frauen für etwas begabt seien, etwa Medizin oder Musik, andere aber nicht. Genauso sei das aber auch bei den Männern der Fall. Die Begabungen seien also verschieden, und zwar nicht dem Geschlecht geschuldet, sondern vielmehr der Konstitution und Persönlichkeit des jeweiligen Menschen. In diesem Sinne seien politische Funktionen auch für Frauen denkbar und möglich, so Platon weiter (Politeia, 455e–457a).

Könnten die für die damalige Zeit revolutionär anmutenden Ansätze Platons durch seine These, dass Frauen so erzogen werden sollten, dass sie alles können, was auch Männer können, relativiert werden? Meinte Platon damit etwa, dass das Mann-Ideal etwas sei, was auch die Frauen anstreben sollten? Oder meinte er vielmehr, dass Frauen alles lernen und mit einer geeigneten Ausbildung alles tun können, was man eigentlich Männern zuschreibt? So wie dies in der Moderne vertreten (und inzwischen praktiziert) wird, dass nämlich nicht nur Männer, sondern auch Frauen beispielsweise zu Ingenieurinnen, Soldatinnen und Astronautinnen ausgebildet werden können? Wie auch immer, Platons Ideen signalisieren eine Relativierung bzw. sogar Sprengung bestimmter in seiner Zeit vorgeschriebener Geschlechterrollen – selbst dann, wenn er das Männlich-Geltende als das Erstrebenswerte betrachtet hätte.105 Und auch dann, wenn er trotz der Bejahung einer prinzipiellen Gleichwertigkeit die Ansicht vertritt, dass die Frauen die schwächere Natur haben und dass deshalb die Aufteilung der Pflichten zwischen Frau und Mann entsprechend angepasst werden müsse.

Platon macht übrigens auch deutlich, dass Gleichwertigkeit nicht Gleichheit sein muss, sondern dass vielmehr Frauen und Männer gleichwertig, obwohl verschieden sind. Ein ziemlich moderner Gedanke eigentlich, den er mit seinen „Kugelmenschen“ vertritt. Im „Symposion“ lässt Platon Aristophanes die Parabel von den „Kugelmenschen“ erzählen (189c–192b):

Ursprünglich gab es die eingeschlechtlichen Menschen, die wie eine Kugel aussahen und vier Beine, vier Arme, zwei Gesichter, aber nur einen Kopf hatten. Es war eine in gleichwertiger Weise vollzogene Verschmelzung von Mann und Frau, deshalb hießen sie auch „Mannfrau“ (Er verwendet den Begriff „Andrógynon“.*). Durch die Verschmelzung von gleichwertigem Männlich/Weiblichen waren diese Ur-Menschen extrem stark, sodass sie auch für die Götter zur Bedrohung geworden waren. Um die Gefahr zu bannen, trennte Zeus das Männliche vom Weiblichen und schaffte so die Geschlechterteilung – und damit auch die Abschwächung beider Geschlechter. Allerdings haben die beiden gleichwertigen Hälften der Ur-Menschen eine starke Sehnsucht, wieder zusammenzukommen, was auch erotisches Verlangen und Zuneigung erklärt.

Ergänzung, nicht Gegensätzlichkeit bestimmt demnach die Dynamik der Geschlechterbeziehungen. Soweit, kurzgefasst, die Wiedergabe von Platons Ansichten zu diesem Thema.

Sein Schüler Aristoteles war dann derjenige, der noch mehr, und zwar mehr als jeder andere antike Philosoph vielfältige Analysen der Geschlechterbeziehungen lieferte, sowohl durch seine rein philosophisch-politischen, wie auch durch seine wissenschaftlich-biologischen Arbeiten.106 In den philosophisch-politischen Arbeiten erkennt Aristoteles zwar an, dass Frauen zur Tugend und zum Verstand fähig seien, billigt aber der Frau keine Gleichberechtigung zu, was die öffentlichen Angelegenheiten betrifft. So steht er damit in gewisser Hinsicht im Gegensatz zu den Ansichten seines Lehrers Platon, wie sie gerade oben summarisch dargestellt wurden. In seinen biologischen Arbeiten vertritt Aristoteles die Auffassung, dass eine deutliche naturbedingte Asymmetrie zwischen Mann und Frau zu Gunsten des Mannes bestehe. Die beginne schon bei der Reproduktion: Der Mann erzeuge, die Frau gebäre. Das führe dazu, dass der Mann durch seine Superiorität über die Frau herrsche. Allerdings relativiert Aristoteles diese Herrschaftsbeziehung durch den Aspekt der Komplementarität, deren Hintergrund die Freundschaft und Liebe, die „Philia“, und gegenseitige Solidarität seien.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Aristoteles Frauen in staatlichen Funktionen ablehnt, ihnen aber indirekt politische Bedeutung beimisst durch die Anerkennung des „Oikos“ (wörtlich „das Haus“, am zutreffendsten in diesem Zusammenhang mit „Haushalts- und Familienführung“ übersetzbar) als primäres Element des Staates, das er der Zuständigkeit der Frau unterstellt. Gerade deshalb fordert er auch Bildung für Frauen, die dem Staatswohl und dem individuell geglückten Leben dienen solle – so etwa Sabine Föllinger (S. 223 f.). Dergleichen signalisiert die frauenbezogene Ambivalenz von Aristoteles, ebenso wie das Folgende: Er plädiert in seiner „Politika“ für Zugang zur Bildung auch für Frauen, ja gar deren Notwendigkeit, „weil Frauen die Hälfte der freien Bürger ausmachen“ (1260b, 18 f.). Um dann wenige Zeilen weiter die Spartaner scharf, ja fast mit Empörung zu kritisieren, weil bei ihnen die Frauen seiner Ansicht nach viel zu viele Freiheiten genössen (1269b, 30 f.). Alles in allem gehen die aristotelische Philosophie und Wissenschaft von einer biologisch bedingten Superiorität des Mannes der Frau gegenüber aus. Frei von frauenbezogenen Ambivalenzen und Paradoxien der Männerwelt ist das allerdings keineswegs – sehr gut erkennbar etwa in der hervorragenden diesbezüglichen Analyse von Sabine Föllinger. Aristoteles repräsentiert auch in dieser Hinsicht die griechische Intellektualität insgesamt, insbesondere die Philosophie und Wissenschaft. Folgt man ihm, lautet das diesbezügliche Fazit: Die Asymmetrie der Geschlechter zu Gunsten des Mannes ist weder gottgewollt noch gottverordnet. Die Superiorität des Mannes ist naturgewollt und naturdiktiert.

Allerdings haben andere philosophische Richtungen, etwa die stoische, auch Ansätze einer grundsätzlichen Gleichwertigkeit der Geschlechter formuliert.107 Aber schon jetzt dürfen wir festhalten: Die klassische geistige griechische Attitüde bestand darin, die Welt mit Intellektualität zu erklären: Philosophie, Wissenschaft und Logik. Und sie kam größtenteils zu dem Ergebnis, dass von Natur aus keine Gleichwertigkeit der Frau bestehe. Das großartige Erbe, das uns die griechische Antike hinterlassen hat, beinhaltet auch diesen großen Irrtum. Die spätere Verschmelzung von Wissen und Glauben, wie sie auch im Christentum lange gültig war, hatte noch schlimmere Folgen als ihre puren Formen, konstatieren Carel van Schaik und Kai Michel (2021a, S. 480).

Bühne frei für Männerwelt-Ambivalenzen und -Paradoxien

Literaten bringen in anderer Weise als Philosophen und Wissenschaftler ihre frauenbezogenen Ambivalenzen zum Ausdruck. Sie kommen nämlich meistens in Begleitung von Männerwelt-Paradoxien, mal mehr, mal weniger stark. Am deutlichsten erleben wir es bei den Dramaturgen; in erster Linie bei den Tragikern, aber in einer anderen, besonderen Weise auch bei den Komödienschreibern. In den griechischen Tragödien – alle von Männern geschrieben – werden großartige Frauen dargestellt, echte Lichtgestalten. Frauen wie Antigone, Andromache, Hekabe, Iphigenia, Alkestis oder Polyxene, um nur einige wenige zu erwähnen, bereichern durch ihre Großartigkeit und ihre moralische Überlegenheit bis heute die Wertewelt des Abendlandes.108 Diese weibliche Großartigkeit stellt einen der wichtigsten Bausteine des vom großen Altphilologen Albin Lesky gepriesenen „gewaltigen geistigen Reichtums“ der griechischen Tragödie dar.109 Und meist sind Frauen die Protagonistinnen dieses gewaltigen geistigen Reichtums. Selbst dort, wo sie eine negative Gestalt verkörpert, etwa in Euripides „Medea“, werden die Nöte der Frau, die zum Bösen geführt haben, eindringlich dargestellt. Die männlichen Dramaturgen und Schauspieler „ließen sie doch die weiblichen Gestalten ihre Nöte so detailliert beschreiben, als hätten sie verständnisvoll den klagenden Frauen in ihrer eigenen Familie zugehört […]. Daher war das Publikum in dieser ganzen Zeit angehalten, über die Sitten und Handlungen nachzudenken, die das Leben der Frauen betrafen (oder belasteten)“, so die Altphilologin Mary Lefkowitz (S. 47). Die Frau in der griechischen Tragödie ist zu allem Guten und zu allem Schlechten fähig. Sie kann alles – meint der französische Philosoph André Glucksmann (S. 223).

Wahrscheinlich ist nirgendwo anders die frauenbezogene Ambivalenz des antiken Paradigmas deutlicher als in Sophokles „Antigone“: Die Lichtgestalt ist eine Frau – Antigone; der Finsterling ein Mann – Kreon. Antigone strahlt durch Tugend, Konsequenz, Tatkraft, Erhabenheit.110 Kreon, der solche Eigenschaften bei Frauen als undenkbar erachtet, brilliert dagegen mit auf Gynäkophobie hinweisenden narzisstischen Männlichkeitsallüren, wie: „Mich lenkt mein Leben lang kein Weib!“ (V. 525). Sein Ziel ist:

„Zu schützen, was der Ordnung dienen will,

und einem Weibe niemals Untertan zu sein.

Denn besser, muss es sein, erliegen einem Mann,

als dass man uns gefügig Weiber nennen darf “ (V. 676–681).

Der Gynäkophobiker Kreon unterliegt am Ende. Er erkennt schließlich selbst die Sinnlosigkeit seiner „mannhaften“ Haltung.

Auch die Komödienschreiber hatten Interessantes zu den Fähigkeiten der Frauen zu erzählen. Wegen ihrer Besonderheit geben wir ihnen allerdings eine besondere Bühne im 8. Kapitel. Auch außerhalb der großen Literatur gibt es viele Zeugen der ambivalenten Haltung der antiken Männerwelt gegenüber Frauen. So etwa sind die unzähligen Epigramme, vor allem auf Grabsteinen, rührende Zeugen einer glühenden Liebe und großer Wertschätzung von trauernden Ehemännern für ihre verstorbenen Frauen; Ehemänner, die Teil eines androkratischen, die Frauen benachteiligenden Systems waren. Dennoch. Im antiken Paradigma haben es weder die Literaten noch die liebenden Ehemänner und trauenden Witwer geschafft – wahrscheinlich auch nicht gewollt – das Pendel da zu fixieren, wo die Gynäkophobie aufhört und die Gynäkophilie anfängt. Genauso wenig geschafft und ebenso wenig gewollt wie die Mythografen, Philosophen, Wissenschaftler und Politiker dieser Zeit.

Roms Januskopf – und wie er auf die Frauen blickt

Die Einstellung der Römer zur Geschlechtergleichwertigkeit und Gleichberechtigung war größtenteils ähnlich wie die der Griechen. Aber es gilt diesbezüglich für die Römer ebenso wie für die Griechen: Pauschal von der „römischen Frau“, die die gesamte römische Geschichte repräsentiert, zu sprechen, birgt in sich die Gefahr der Undifferenziertheit, wie der Oxford-Historiker Dacre Balsdon in seinem Buch „Die Frau in der römischen Antike“ eindrucksvoll demonstriert.

Im Allgemeinen kann jedoch gesagt werden, dass nach Übernahme der Religion und großer Teile der Kultur der Griechen die Verneinung der Gleichberechtigung der Geschlechter seitens der Römer zwar ebenfalls nicht als gottgewollt und gottverordnet angesehen wurde, sondern als manngewollt und mannverordnet, aber dazu legalisiert durch ein kompliziertes und vielfältiges Zivilrecht, wie etwa der französische Professor für Rechtsgeschichte Yan Thomas berichtet (S. 105–171). Es handelt sich um jenes Zivilrecht, das der Urheber der Urmatriarchatstheorie, Johann Jakob Bachofen, als hohe Entwicklung der „männlich-geistigen“ Zivilisation, d. h. der Androkratie bzw. des Patriarchats, pries, wie wir vor allem schon im 3. Kapitel erfahren haben. Allerdings war die römische ebenso wie die griechische Männerwelt voll der frauenbezogenen Ambivalenzen und Paradoxien.

Das kann exemplarisch an zwei konträren Frauengestalten demonstriert werden. Die eine ist Lucretia, die andere – ihr Gegenentwurf – Sempronia. Titus Livius, der Historiker des letzten vorchristlichen und des ersten nachchristlichen Jahrhunderts, erzählt im 34. Buch seiner „Römischen Geschichte“ den Fall der Paradigma-Frau Lucretia:

Lucretia ist eine hochanständige Ehefrau der frührömischen Zeit. Aber sie wird Opfer der Obrigkeit. Ihr Ehemann, Collatinus, pflegt nämlich überschwänglich die Schönheit sowie die Tugenden seiner Frau zu preisen – auch vor dem römischen König Tarquinius Superbus. Das erweist sich als großer Fehler, weil dadurch die Begierde des Königs geweckt wird. Der König bedrängt schließlich Lucretia und erpresst sie, um sie gefügig zu machen. Um ihre Familie vor Unheil zu schützen, soll sie sich seinen sexuellen Wünschen fügen. Sie tut das zwar, aber wenig später ersticht sie sich mit einem Dolch. Doch vorher erzählt sie ihrem Mann und ihrer Familie die Wahrheit. Als die bekannt wird, kommt es im Volk zu einem Aufruhr, der schließlich zum Umsturz führt. Rom wird zur Republik. Und Lucretia zur Ikone weiblicher Tugendideale.

Die Altphilologin und Frauenhistorikerin Barbara Kowalewski kommt zu dem Ergebnis, dass es verschiedene Gründe für die Römer gab, diese Frau zu glorifizieren. Sie repräsentiere nicht nur die tugendhafte Frau, sondern auch die vorbildliche Hausfrau („matrona“) und personifiziere die „pudicitia“, die Schamhaftigkeit und die Sittlichkeit (S. 111). Die Besonderheit der Lucretia-Episode liegt darin begründet, dass die weibliche Tugend als das höchste Gut und Grundgerüst des Gemeinwesens geschildert wird, meint Elke Hartmann. „Wo die Tugend der Frauen nicht gewährleistet ist, kann […] auch das Gemeinwesen nicht gedeihen“ (2021, S. 122). Dies sei ein antikes Denkmuster. Römische Matronen sollten sich bemühen, einige „Tugenden“ zu zeigen, wie Schönheit, Gattenliebe, Fruchtbarkeit, Anmut, Häuslichkeit und Fleiß (S. 147).

Als Gegenentwurf zu Lucretia – und insofern auch zu den tugendhaften Matronen – dient Sempronia, Mutter von Decimus Brutus, einem der Cäsar-Mörder.* Sallust porträtiert sie in seinem Buch „Die Verschwörung des Catilina“ (Cat 25 f.). Dort beschreibt er die misslungene Verschwörung des Lucius Catilina gegen die römische Republik und präsentiert Charakterbilder ihrer Protagonisten. Er malt ein zwar gemischtes, aber vorwiegend negatives Porträt von Sempronia – als eines weiblichen Pendants zum frevelhaften und ruchlosen Catilina. Sallust beschreibt Catilina als eine finstere, verbrecherische Gestalt (Cat 5 f.), umgeben von einer Bande von allerlei Schandtätern und Verbrechern (Cat 14). So etwas Ähnliches sei auch Sempronia. Allerdings entwirft Sallust ein ambivalentes Charakterbild von ihr (Cat 24, 25):

Sempronia war demnach eine emanzipierte und zugleich verderbte Frau. Sie habe eine Vielzahl von Verbrechen begangen, die denen der Männer nicht unähnlich gewesen seien. Sie habe zur Gruppe jener zwielichtigen Frauen gehört, unter denen sich viele ältere ehemalige Prostituierte befunden haben sollen, die noch dazu hoch verschuldet gewesen seien. An anderer Stelle (Cat 25) beschreibt Sallust Sempronia als eine Frau mit einer widersprüchlichen Persönlichkeit und Vita: von privilegierter Abstammung, schön, gut verheiratet, in der griechischen und lateinischen Literatur bewandert; sie habe Kithara* und die Zither gespielt, Verse schmieden können. Sie sei frech gewesen, habe aber auch viel Witz und viel Anmut gehabt und manches andere. Sie „besaß vieles noch, was Mittel des Wohllebens sind“. Aber sie „tanzte besser als es für eine anständige Frau nötig ist“ und „ihr war alles wertvoller als ihr Ansehen und ihre Keuschheit; ob sie ihr Geld oder ihren guten Ruf weniger schonte, hätte man nicht leicht entscheiden können. Ihre Sinnlichkeit war so entzündet, dass sie häufiger selber Männer aufsuchte als aufgesucht wurde. Sie hatte vordem zu vielen Malen ihr Wort gebrochen, Schulden abgeschworen, von Mord gewusst“ (Cat 25).

Lucretia und Sempronia liefern uns in ihrer Gegensätzlichkeit Widerspiegelungen der janusköpfigen moralischen Einstellungen der römischen Gesellschaft gegenüber Frauen. Gegensätze, die ihre Konkretisierung und Legalisierung im römischen Recht fanden.

Todesstrafe für die Weintrinkerin, Straffreiheit für ihren Mörder

Das römische Recht war ein effektives Machtinstrument. Es regelte unter anderem auch die Stellung der Frau in Familie und Gesellschaft. Und es war ausgeprägt gynäkophob. Die Diskriminierung der Frau war in allen seinen Fächern eklatant, berichtet uns etwa der schon zitierte Yan Thomas (S. 105–171). Einerseits wurden die römischen Frauen in Bezug auf sich selbst und die Regelung ihrer eigenen Angelegenheiten nicht für grundsätzlich handlungsunfähig gehalten, andererseits jedoch waren sie von unumstößlichen Verboten betroffen. Und sie wurden von den „Bürgerdiensten“, auch „Männerdienste“ genannt, die sowohl das öffentliche als auch das Privatrecht betrafen, ferngehalten.111

Wie hart das römische Recht mit Frauen umgehen konnte, illustriert uns Valerius Maximus, der römische Schriftsteller der ersten Hälfte des 1. nachchristlichen Jahrhunderts in seinem Werk „Denkwürdige Beispiele“. Er liefert uns ein düsteres Bild bezogen auf die Rechte der Frauen in der frühen römischen Geschichte. So etwa, dass das Weintrinken bei Frauen zur Todesstrafe führen konnte. Er berichtet weiter, wie schwer es römische Frauen bei gesetzwidrigem Verhalten insgesamt hatten. Etwa Ehebruch: Der Ehemann durfte sicher sein, dass er freigesprochen würde, wenn er seine ehebrecherische Frau tötete. Auch seine Verwandten genossen Straffreiheit, wenn sie den Mord für ihn erledigten. Das galt sogar für – in unseren Augen – geringfügige „Verbrechen“ von Frauen, etwa für das schon angesprochene Weintrinken, wie das Beispiel des Egnatius Metellus belegt (S. 413):

Egnatius Metellus habe also ein nachahmungswürdiges Exempel statuiert. Das Weintrinken eröffne das Herz der Frau für die Laster, deshalb dürfe sie dafür erschlagen werden. Anders natürlich als der trinkende Mann.

Valerius Maximus berichtet in seinem eben zitierten Werk auch über andere heute kurios anmutende Beispiele, wie und aus welchen Gründen im alten Rom Männer ihre Frauen bestrafen durften. So wie es das folgende Beispiel illustriert:

„Sulpicius Gallus stieß seine Frau von sich, weil er erfahren hatte, dass sie mit entblößtem Gesicht auf die Straße gegangen war.“ Nicht uninteressant ist die Begründung für die Entscheidung des Herrn Sulpicius, seine Frau zu verstoßen, die uns Valerius Maximus liefert: Das Gesetz schreibe vor, dass die Schönheit der Ehefrau nur dem Ehemann vorbehalten sei. Das Putzen und Schmücken der Frau sei nur für den Ehemann gedacht. Sonst handele es sich um ein Laster, das eben die Scheidung rechtfertige. Ergo: Frauen durften nicht ohne Kopfbedeckung auf die Straße gehen, weil sonst auch andere Männer ihre Schönheit hätten bewundern können (S. 413).

Assoziationen mit den Vorschriften aus dem „Putz der Frauen“ und sonstigen „Laster-Theorien“ des lateinischen Kirchenvaters Tertullian, die wir noch kennenlernen werden,113 liegen nahe. Hier Kultur, Gesetz und Politik ohne Religion, dort Religion und metaphysische Erklärungen mit demselben Ergebnis. Das Verbrechen von Frau Sulpicius darf Assoziationen wecken zu manchen religiös-dominierten Staaten unserer Gegenwart. Die gehen sogar viel weiter, wie der durch die Staatsmacht verursachte Tod von Jina Amini im Iran in grauenvoller Weise noch im Jahr 2022 belegt. Die 23-Jährige hätte ihr Kopftuch „nicht richtig getragen“. Sie wurde deshalb von der Sittenpolizei des Mullah-Regimes verhaftet. Zwei Stunden später fiel sie mit einer Gehirnblutung ins Koma. Sie starb in staatlichem Gewahrsam. Gut, dass in unserem Kulturkreis Taten wie die des Herrn Sulpicius nur ein ironisches Lächeln erzeugen können. Gut auch, dass kaum jemand mehr im aufgeklärten Abendland dem alten Tertullian folgt.

Valerius Maximus berichtet auch Ambivalentes von „Frauenzimmern, welche selbst als Anwälte aufgetreten sind“. Mit deutlichem Unbehagen, ja Empörung, aber gleichzeitig auch unterschwelliger Bewunderung und Anerkennung spricht er von Frauen, die sich erfolgreich vor Gericht verteidigt haben: „Man pflegte sie […] das männliche Frauenzimmer zu nennen.“ Er schreibt weiter: „Auch die Frauenzimmer darf ich nicht vergessen, welche weder ihre natürliche Bestimmung noch die ihrem Geschlechte eigene Schamhaftigkeit dazu bringen konnte, vor öffentlichen Versammlungen und Gerichte zu schweigen“ (S. 529). Nebenbei gesagt: Das Wort „Frauenzimmer“ der obigen Übersetzung von 1780 signalisiert eine sprachliche Ambivalenz dieser Zeit Frauen gegenüber – sowohl der Hofstaat einer Königin wie auch einzelnen Frauen wurden so bezeichnet – mal hochachtungsvoll, mal verachtend.

Wie auch immer, zum Abschluss der gynäkophoben Beispiele aus Valerius Maximus Schriften soll eine vielsagende Episode dargestellt werden. Ihre Rahmenbedingungen können einiges über die Stellung der Frau in der römischen Gesellschaft und über ihr Leben erzählen – und auch darüber, wie römisches Recht Frauen der damaligen Zeit behandelte. Es geht um einen Aufstand der Frauen in Rom, der an den literarischen Aufstand der „Ekklesiasousen“ oder der Frauen um Lysistrate in Athen erinnert, den wir im Abschnitt „Frauen an die Macht …“ des 8. Kapitels kennenlernen werden. Mit einem Unterschied: In Athen war es Theater, in Rom Realität. Valerius Maximus erzählt uns die Geschichte wie folgt:

Das römische Triumvirat hatte während des 2. Punischen Krieges [218 bis 201 v. Chr.] allen verheirateten Frauen im Rahmen der sogenannten oppischen Gesetze eine harte Abgabe auferlegt, die vor allem Schmuck und den Konsum von Luxusgütern betraf,114 mehr dazu im nächsten Abschnitt. Kein Mann hatte es gewagt, dagegen zu protestieren; auch nicht als die Notwendigkeit, die anfänglich Anlass für dieses Gesetz war, nicht mehr existierte. Nur Hortensia, Tochter eines mächtigen Politikers, hatte den Mut, die betroffenen Frauen zusammenzutrommeln und mit ihnen vor dem Triumvirat zu erscheinen und zu protestieren. Die Protestiererinnen schafften es mit „Standhaftigkeit“ und „Beredsamkeit“, die ihnen auferlegte Abgabe um den größten Teil zu verringern (S. 530).

Sicherlich war es eine mutige und bewundernswerte, allerdings kurzlebige Frauenaktion. Historikerinnen und Historiker warnen davor, daraus eine „Frauenbewegung“ zu machen – wie etwa die des 20. Jahrhunderts der neuen Zeit. Die damalige Aktion nach dem Motto: „Ich will mein Geld zurück“* hatte ein ganz umschriebenes und irgendwie auf eigene Interessen konzentriertes Ziel: die Befreiung von einer hohen Geldabgabe, die die Frauen belastete, die offensichtlich ungerecht war und die ihren ursprünglichen Sinn verloren hatte. Mit Durchsetzung von allgemeinen politischen und gesellschaftlichen Rechten hatte der Protest nichts zu tun, er war punktuell und temporär. Wie es auch sein mag, Frauen, die deutlich in ihrem eigenen Interesse sprachen und handelten, wurden im Allgemeinen im alten Rom als selbstsüchtig, lasterhaft und habgierig kritisiert, wie etwa Mary Lefkowitz hervorhebt (S. 111).

Halte jede einzelne Frau im Zaum!

Hortensias mutige Aktion hatte eine Vor- und eine Nachgeschichte. Die Vorgeschichte hat mit einem berühmt-berüchtigten Gesetz zu tun, die Nachgeschichte mit einem berühmt-berüchtigten Konsul. Beide versuchten, die römischen Frauen noch drastischer als bis dahin zu unterdrücken. Das Gesetz ist das oppische, der Konsul Markus Porcius Cato. Hier eine kurze Vorstellung der beiden Frauendiskriminierer – des Gesetzes und des Konsuls –, so wie sie uns Titus Livius im 34. Buch seiner „Römischen Geschichte“ überliefert hat:115

Das oppische Gesetz war im 2. Punischen Krieg, in dem die Römer zwischen 218 und 201 v. Chr. von Hannibal bedrängt wurden, vom Bürgertribun Caius Oppius eingebracht worden. Das Gesetz schränkte die Rechte und Freiheiten von Frauen enorm ein. Es entstand als kuriose Folge der Niederlage, die die Römer durch Hannibal im Jahr 216 vor Chr. in der Schlacht von Cannae erlitten hatten. Weil dort viele Männer gestorben waren, hatten die Frauen das Sagen in ihren Familien übernommen. Eine der Folgen dieser „intrafamiliären Machtübernahme“ durch die Frauen war, dass viele von ihnen, vor allem Frauen aus Adel und Ritterstand, ihr Vermögen durch das Tragen luxuriöser Kleidung und Schmuck zur Schau stellten. Das fand Caius Oppius angesichts der Niederlage nicht angebracht und versuchte, es mit Hilfe des Gesetzes zu unterbinden, um angeblich tugendhafte Sitten, wie Bescheidenheit etc., bei den Frauen einzufordern. Nach diesem Gesetz mussten die Frauen einen Teil ihrer Habe dem Staat übergeben. Und so nebenbei – oder auch nicht so nebenbei – kassierte der Staat durch die Frauenabgaben gutes Geld. Zu Lasten der Frauen, versteht sich. Dagegen rebellierten irgendwann die Frauen um Hortensia, wie bereits berichtet. Nach Ende des Krieges und nach den Protesten der Frauen hatten zwei Volkstribune im Jahr 195 v. Chr. den Antrag auf Aufhebung des Gesetzes gestellt. Dies entfachte eine lange Auseinandersetzung, da die Aufhebung viele Befürworter, aber auch viele Gegner hatte. Einer der schärfsten Gegner der Aufhebung war der schon erwähnte erzkonservative gynäkophobe Konsul Markus Porcius Cato. Der hielt im Kapitol eine Rede, die als Musterbeispiel von Gynäkophobie gelten kann. An dieser Stelle nur ein paar bezeichnende Sätze daraus: „… nun wird unsere Freiheit, die zu Hause durch die weibliche Zügellosigkeit besiegt wurde, auch hier auf dem Forum vernichtet und mit Füßen getreten, und weil wir jede einzelne [Frau] nicht im Zaum gehalten haben, fürchten wir uns jetzt vor allen. In der Tat glaubte ich, dass es eine Sage und eine erfundene Geschichte ist, dass das ganze Geschlecht der Männer auf irgendeiner Insel durch eine Verschwörung von einem weiblichen Stamm ausgerottet wurde.* […] dieser weibliche Schrecken […] ich weiß nicht, ob er für euch, Tribunen oder für die Konsuln schlimmer sei […], wenn wir, wie einst wegen der Absonderung der Plebs, so nun wegen der Absonderung der Frauen Gesetze annehmen müssen.“116

Titus Livius liefert uns im Buch 34.2 seiner „Römischen Geschichte“ auch die empörten Fragen des Markus Porcius Cato an die Frauen:

„Was ist das für Sitte, auf die Gassen herauszulaufen, die Straßen zu besetzen, und fremde Männer anzusprechen? Konntet ihr nicht um das Nämliche jede ihren Mann zu Hause bitten?“

Und auch seine Mahnung an die verantwortlichen Amtsträger:

Wenn die Frauen es endlich schaffen, den Männern gleichgestellt zu werden, „glaubt ihr, daß ihr euch dann noch ihrer werdet erwehren können? Den Augenblick, so wie sie anfangen, euch gleich zu sein, werden sie eure Obern sein“ (ebd., Buch 34.3).

Ohne es zu wissen und zu wollen, hat Markus Porcius Cato den Kern der Gynäkophobie getroffen – die Angst vor dem Potenzial der Frauen und vor ihrer Konkurrenz: „Weil wir jede einzelne [Frau] nicht im Zaum gehalten haben, fürchten wir uns vor allen.“ Gleichberechtigung war für ihn der Einstieg in die Gynäkokratie. Man (Mann) hatte Angst vor den Frauen. Die Römische Androkratie gab ihre Angst vor der Macht und der Konkurrenz der Frauen offen zu. Jedenfalls konnten in der griechischen wie auch in der römischen Antike einige Frauen manche Freiheiten und Privilegien genießen, hochgebildet und einflussreich sein. Aber wie auch dort mit einer entscheidenden Einschränkung: Diese Frauen stammten aus der Oberschicht, oder sie hatten solche Möglichkeiten nur in Verbindung mit einem Mann.

Die große Mehrzahl der römischen Frauen hatte jedoch wenig zu lachen, wie fast alle ihre Zeitgenossinnen überall auf der Welt. Als Resümee des schon erwähnten großen Werkes „Die Frau in der römischen Antike“ des Oxforders Althistorikers Dacre Balsdon können wir Folgendes konstatieren. Im Verlauf der römischen Geschichte ist eine Art von wachsender Emanzipierung der Frau zu beobachten, allerdings beschränkt vor allem auf das Eherecht (S. 13, 48 f., 199–201). Die Frau übte ihre Macht innerhalb der Familie aus: Die verheiratete Römerin war die Herrin des Hauses, die mater familias (S. 48). Allerdings blieb sie in der Abhängigkeit und unter der Kontrolle des Mannes, zuerst des Vaters, dann des Ehemannes (S. 199). Der Tätigkeitsbereich der Frauen lag im Haus, der der Männer ausschließlich in der Außenwelt (S. 312). Juristische Rechte hatten die römischen Frauen kaum. Sie durften nicht einmal zum gesetzlichen Vormund ihrer eigenen Kinder bestimmt werden (S. 312).

Eine Gleichberechtigung der Geschlechter wurde im antiken Rom nie erreicht. Um es noch einmal festzustellen: Die Benachteiligung der römischen Frauen war bis zur konstantinischen Wende im 4. nachchristlichen Jahrhundert ebenso wie bei den griechischen Frauen nicht gottgewollt und gottverordnet – wie es ab da die jüdisch-christliche Gesellschaftsordnung proklamierte –, sondern manngewollt und mannverordnet. Das änderte sich, als die Männer aus dem Orient den andromorphisierten Gott des Monotheismus ins gynäkophobe Spiel brachten. Die Folgen davon sind immer noch zu spüren.

Religionsprojizierte Gynäkophobie-Verstärker

Die Misogynie des Monotheismus – ein Missverständnis

Der Gott des abrahamitischen Monotheismus mischt sich in die zwischenmenschlichen Beziehungen ein. Mit besonderer Akribie regelt er auch die Geschlechterbeziehungen. Zu Ungunsten der Frau. Das ist die lange Tradition der abrahamitischen monotheistischen Religionen – Judentum, Christentum, Islam.* Sie sind fleißige Produzenten von Verstärkern der Gynäkophobie, ebenso wie die Säkularität, wenn auch mit unterschiedlichen Begründungen. Aber ist es noch zeitgemäß, die Religion im Abendland als einen Gynäkophobie-Verstärker zu betrachten?

Nicht doch! Alles Vergangenheit. Das suggerieren uns die Zahlen – zumindest was Deutschland und manche anderen europäischen Länder betrifft.117 Etwa die des Allensbacher Meinungsforschungsinstitutes von 2021. Unter der Leitung des Kommunikationswissenschaftlers Thomas Petersen wurde im genannten Jahr eine repräsentative Studie zur Religiosität der deutschen Bevölkerung durchgeführt. Die Studie zeigte, dass nur weniger als die Hälfte der Bevölkerung über 16 Jahre an Gott glaubt. Interessant ist darüber hinaus die Tatsache, dass nicht alle Mitglieder der Kirchen an Gott glauben, anders als man das erwartet hätte (etwa 1/3 der Protestanten und etwa 1/4 der Katholiken glauben nicht an Gott). Über die Hälfte der Protestanten und über 1/3 der Katholiken glauben nicht, dass Jesus der Sohn Gottes ist; und deutlich mehr als 2/3 der Protestanten und fast die Hälfte der Katholiken glauben nicht an die Dreifaltigkeit Gottes. Diese Befunde veranlassten Thomas Petersen, den Leiter der Studie, in einem Artikel in der FAZ kurz vor Weihnachten 2021 die Frage zu stellen: „Ist 2021 das letzte Weihnachten mit einer christlichen Bevölkerungsmehrheit?“118 Die Antwort darauf wurde bereits etwa vier Monate später, im April 2022, gegeben: Zum ersten Mal seit Jahrhunderten gehörte die Mehrheit der deutschen Bevölkerung keiner der beiden großen Kirchen an.119 Man konstatierte daraufhin einen „Siegeszug der Gottlosen“ und erklärte auch Deutschland zum „Land der Gottlosen“ – dem Beispiel Niederlande, Schweden und Tschechien folgend –, dabei Ostdeutschland mit mehr als 75 Prozent Konfessionsloser an der Spitze. Sogar ein „Zentralrat der Konfessionsfreien“ wurde gegründet, in Anlehnung an den Zentralrat der Juden oder der Muslime.120 Detlef Pollack, „Deutschlands renommiertester Religionssoziologe“ ist davon überzeugt, dass die Zunahme der Religionslosigkeit unumkehrbar und der säkulare Siegeszug nicht mehr aufzuhalten ist.121

Also nochmals die Frage: Ist es noch zeitgemäß, die Religion im Abendland als einen Gynäkophobie-Verstärker zu betrachten? Ja! Das ist es, sehr wohl! Obwohl solche Befunde wie die obigen uns tatsächlich dazu verleiten könnten anzunehmen, dass Religion und Kirche nur noch für eine Minderheit der Menschen eine relevante Rolle spielen. Das aber wäre ein Irrtum. Denn Religion ist auch Kultur und Tradition. Eine breit prägende Kultur und eine tief verwurzelte Tradition. Als solche wirkt Religion immer noch auf das Leben der Menschen – wenn auch nicht einmal annähernd so richtungsgebend und dominant wie in früheren Epochen. Wir müssen uns also auch mit der Religion als Gynäkophobie-Verstärker noch beschäftigen. Schließlich hat Religion im Abendland immerhin jahrtausendelang die Gynäkophobie gestützt und verstärkt.

Allerdings muss ein Missverständnis, was Religion und Frauendiskriminierung betrifft, aus dem Weg geräumt werden. Kritiker von Religion und Kirchen behaupten, dass alle drei abrahamitischen Monotheismus-Religionen – Judentum, Christentum und Islam – misogyn seien. Dies ist eine Fehlbeurteilung. Die Wahrheit sieht nämlich anders aus: Keine, aber wirklich keine, der drei abrahamitisch-monotheistischen Religionen ist misogyn. Sie sind nicht misogyn, weil sie nicht den Hass (den Misos) gegen die Frau (die Gyné), in sich tragen. Sie tragen in sich nicht eine gegen die Frau gerichtete starke negative Emotion, die begleitet wird von ebenfalls starken negativen Denk- und Verhaltensweisen, die auch destruktiv und gewaltaffin sein kann. Also keinen Hass, wie wir ihn im Abschnitt „Misogynie …? Was ist das?“ des 2. Kapitels kennengelernt haben. Die abrahamitisch-monotheistischen Religionen sind zwar keine frauenhassenden Religionen – und haben deshalb das Adjektiv misogyn nicht verdient. Aber ihre Wurzeln, ihre Geschichte und ihre Lehre zwingen dennoch zu der Feststellung: Alle drei abrahamitisch-monotheistischen Religionen sind frauenbenachteiligend. Sie sprechen der Frau die Gleichwertigkeit, die Gleichwürdigkeit und die Gleichberechtigung mit dem Mann ab. Auch wenn sie keinen Hass gegen Frauen in sich tragen. Letzten Endes meinen auch diejenigen, die die monotheistischen Religionen der Misogynie bezichtigen, nichts anderes als die Verneinung von Gleichwertigkeit, Gleichwürdigkeit und Gleichberechtigung sowie die damit verbundene Diskriminierung der Frau. Allerdings hat keine der abrahamitisch-monotheistischen Religionen die Verneinung der Gleichwertigkeit der Geschlechter erfunden. Die ist viel älter. Doch sie haben sie übernommen, instrumentalisiert, kultiviert, legitimiert, institutionalisiert, sakralisiert, mit Gottes Willen versehen und dadurch verstärkt. Die monotheistischen Religionen waren immer – und sind es teilweise noch – hochpotente Verstärker der Verneinung der Gleichwertigkeit. Was aber machte sie zu hochpotenten Gynäkophobieverstärkern und damit auch Verstärkern der Gleichwertigkeitsverneinung?

Der Andromorphismus Gottes – eine androkratische Projektion

Das vorchristliche Abendland war gynäkophob. Das nachchristliche ebenfalls. Aber anders. Während die gynäkophobe Gleichwertigkeitsverneinung der alten Griechen und Römer religionsneutral war, war die des christlichen Abendlandes vorwiegend religiös getragen. Der Monotheismus prägte 2000 Jahre lang die abendländische Gynäkophobie weitgehend und verstärkte sie erheblich. Er übernahm auch Frauendiskriminierungstendenzen, die in der Gesetzgebung älterer orientalischer polytheistischer Kulturen schon vorhanden waren, spitzte sie zu und führte sie zu einem Höhepunkt. Und er schwächte noch dazu deren nicht-frauenfeindliche Elemente ab. Dies geschah beispielsweise mit dem Codex Hammurapi, der in Babylonien seit dem 18. vorchristlichen Jahrhundert galt und der den Juden gut bekannt war. Der Codex gab der Rechtsstellung der Frau relativ breiten Raum. Er beinhaltete auch frauenfreundliche Regelungen, obwohl er keineswegs frei von schwerwiegenden frauendiskriminierenden Aspekten war, wie uns unter anderem die Hamburgerin Irene Strenge, Juristin und Rechtshistorikerin, berichtet. Die Frauen hätten demnach eine starke Stellung gehabt; sie nahmen etwa am Rechtsleben gleichberechtigt mit den Männern teil. Die frauenfreundlicheren Aspekte zeigen sich auch darin, dass der Codex vor allem vielfältige finanzielle Regeln für die Frau bereithielt, um sie in allen Lebenslagen abzusichern. Allerdings konnten der Bräutigam bzw. sein Vater anlässlich der Eheschließung über das Schicksal der künftigen Ehefrau so weitreichende Abmachungen treffen, dass die Frau mit dem Tode zu rechnen hatte, falls sie sich später aus der Ehe lösen wollte. Prinzipiell könne gesagt werden, dass Frauen grundsätzlich nicht anders bestraft worden seien als Männer, so Irene Strenge weiter. Das habe auch für Ehebruch gegolten, bei dem die ehebrechende Frau ebenso wie der Ehebrecher mit dem Tode bestraft oder vom betrogenen Ehemann „begnadigt“ werden konnte. Wenn auch spätere mesopotamische Codices die Stellung der Frau weiter verschlechterten (S. 91), so ist doch diese partielle Gleichbehandlung von Frau und Mann bemerkenswert, weil der Codex sonst eine Ungleichwertigkeit der Untertanen voraussetzte („Freigeborene“, „Gemeine“ und „Sklaven“) und das Gesetz sich danach orientierte. In diesem Sinne zog es härtere Strafen nach sich, wenn man einen „Freigeborenen“ schädigte, als wenn ein Angehöriger einer der beiden niedrigeren Klassen betroffen war. Das allerdings galt in gleicher Weise für Frauen wie für Männer.122

Doch der Monotheismus ist nicht per se für die Frauendiskriminierung verantwortlich. Nicht der Glaube an den Einzigen und Alleinigen – den Monos – ist für die religionsgetragene Gleichwertigkeitsverneinung der Geschlechter entscheidend. Hauptverantwortlich ist vielmehr die dem Gott von den Menschen verliehene Wesensgestalt. Und das ist in allen drei monotheistischen Religionen die Gestaltung eines andromorphen Gottes – d. h. eines Gottes mit männlicher Wesensgestalt, die ihm die Männer zugeschrieben haben.* Der Gott des Monotheismus wird ausschließlich als Mann imaginiert. Auch in der jüdischen und moslemischen Auslegung des Monotheismus, bei denen keine bildliche Darstellung Gottes erlaubt ist, lässt man ihn wie einen Mann sprechen, er wird als Mann angesprochen, er hat einen männlichen Habitus und männliche Attitüden. Er ordnet und regiert die Welt entsprechend: wie ein männlicher Despot. So eine Wesensgestaltung Gottes ist nichts anderes als eine männliche Projektion. Eine intentionale dazu, die die irdische hegemoniale Männlichkeit legitimiert und verstärkt. Dass die Wesensgestaltung Gottes eine menschliche Projektion ist, wissen wir seit langem, seit mindestens 2500 Jahren. So wie der griechische Philosoph Protagoras es im 5. vorchristlichen Jahrhundert formulierte: „Von den Göttern weiß ich nichts, weder dass es solche gibt noch dass es keine gibt. Denn viele Hindernisse versperren uns diese Erkenntnis.“123 Diese Tatsache erlaubt Gestaltungsfreiheit und Gestaltungseinschränkung der Projizierenden sowie Gestaltungsvariationen der Gottheit. Oder wie Xenophanes, ein griechischer Philosoph aus dem 6. vorchristlichen Jahrhundert, es ausdrückt: „Aber die Menschen glauben, die Götter … hätten Gestalt und Tracht und Sprache gleich ihnen. Schwarz und stumpfnasig stellt sich der Äthiopier die Götter vor; aber blauäugig und blond malt sich der Thraker die seinen. Hätten die Rinder und Rosse und Löwen Hände wie Menschen, könnten sie malen wie diese und Werke der Kunst sich erschaffen, alsdann malten die Rosse gleich Rossen, gleich Rindern die Rinder auch die Bilder der Götter, und je nach dem eigenen Aussehen würden die leibliche Form sie ihrer Götter gestalten.“124 Und genauso ist das auch mit dem Monotheismus. In den androkratischen Zeiten, in denen die monotheistischen Religionen entstanden sind, wurde Gott als allmächtiger Mann gestaltet. Seine Eigenschaften und sein Wille – unzweifelhaft männlich.

Für den Anthropomorphismus* Gottes, d. h. für die menschliche Wesensgestaltung Gottes, kann folgende plausible Rechtfertigung gelten. Durch das „Eingesperrtsein in die Enge unserer Vorstellungen und unserer Sprache“ und aus einer Zeit stammend, „als der Mensch die Götter nach seinem Bild schuf “, musste der Mensch sich seine Götter als Menschen vorstellen, deshalb der Anthropomorphismus, so etwa der Religionswissenschaftler Heinrich Mertens (S. 60). Der Anthropomorphismus Gottes entstand aus Begrenztheit, der Andromorphismus aus Eigennützigkeit. Während der Anthropomorphismus Gottes nämlich aus der Begrenztheit der menschlichen Vorstellungskraft entsprang, ist sein Andromorphismus die Versinnbildlichung der männlichen hegemonialen Ansprüche der Zeit seiner Entstehung. Der neuentstandene Monotheismus in Judäa musste sich gegen andere Religionen behaupten: „Der Kampf des männlichen Jahwe-Kultes gegen die weiblichen Gottheiten und ihre Religionen musste sich auch gegen deren Prinzip wenden, das Weibliche überhaupt, und die Frau aus dem öffentlichen Leben verdrängen … sie wurde nun unrein, unterdrückt und verachtet“, konstatiert der brillante Kirchenhistoriker Karlheinz Deschner in seinem Werk „Das Kreuz mit der Kirche“ (S. 53). Die maskuline Gestaltung Gottes im Monotheismus nützte der Vormachtstellung des Mannes, die schon lange vor Entstehung des Monotheismus begonnen hatte, legitimierte und sakralisierte sie.

Die Einführung des Monotheismus ist eine relativ junge Angelegenheit innerhalb der langen sozio-kulturellen Evolution der Menschheit. Die erste bekannte monotheistische Religion erschien im Jahre 1350 v. Chr. auf der Bühne der Geschichte, und zwar in Ägypten durch den Pharao Echnaton. Sie war allerdings sehr kurzlebig und starb gemeinsam mit ihrem Stifter. Beständiger war der iranische Monotheismus des Ahura Mazda, theologisch untermauert im 7. vorchristlichen Jahrhundert durch den weisen Zoroaster bzw. Zarathustra, der auch für die Entstehung des abrahamitischen Monotheismus-Modell gestanden haben soll.125 Der abrahamitische Monotheismus begann nach viel Hin und Her etwa im 7. vorchristlichen Jahrhundert, sich in Israel auf breiterer Basis zu etablieren, vor allem nach den Reformen des Königs Josias, der seinen Untertanen den Monotheismus verordnete. Er instrumentalisierte die Religion zur Durchsetzung von politischstrategischen Zwecken.126 Die so konstruierte Religion blieb nach der Definition des Historikers Yuval Noah Harari (2018, S. 263) jedoch ein „regionaler Monotheismus“. Der Gott der Juden kümmerte sich nur um die Juden und hatte kein Interesse an anderen Völkern. Und die Juden hatten kein Interesse daran, ihren Gott zum Gott aller Menschen zu machen. Sie missionierten nicht. Erst die Christen haben damit begonnen. Paulus, der erste Missionar, war nämlich der Ansicht, dass der Erlöser alle Menschen erlöst und nicht nur die Juden.127 Wie auch immer, sowohl in den Zeiten des regionalen als auch in den Zeiten des expandierenden Monotheismus herrschte uneingeschränkte Androkratie. Der Monotheismus im Dienst der Herrschenden musste Gott andromorph gestalten. Anders also als im Polytheismus, in dem es offensichtlich genug Platz sowohl für männliche als auch weibliche Projektionen gab. Der Gynäkomorphismus von Gottheiten war da genauso selbstverständlich wie ihr Andromorphismus, und so entstand ein geschlechtergemischtes Pantheon. Während der Polytheismus durch die Plethora der Götter die Freiheit hatte, sich Gottheiten sowohl als Frau wie auch als Mann vorzustellen, und seine androkratischen Ansprüche nur auf den Obersten Gott zu projizieren brauchte – etwa auf den Uranos, den Kronos, den Zeus – fehlte beim Monotheismus diese Freiheit. Die monotheistische Androkratie bewerkstelligte ihre hegemonialen Ambitionen durch die Erschaffung eines männlichen Allmächtigen und Allherrschenden, eines Pantokrator. Die despotische Projektion spiegelt das Bestreben der Männerwelt wider, ihre Machtansprüche durch den Ewigen zu verewigen.

Der Andromorphismus Gottes in den monotheistischen Religionen ist Folge des Androzentrismus der männlich dominierten Gesellschaft, d. h., er ist Folge derjenigen Sichtweise, die das Männliche als Zentrum, als Maßstab, Norm und Orientierungspunkt betrachtet. Die androzentrischen Projektionen und Bestrebungen des Monotheismus beschränken sich nicht nur auf den Gott, sondern betreffen auch alle Erzengel und Engel und andere Begleitmächte. Wie auf Erden herrscht auch im Himmel eine totale Androkratie. Während es in der hellenischen Religion der Griechen und Römer vor Nymphen und Musen und sonstigen weiblichen Gestalten nur so wimmelt, sind im Monotheismus alle andromorphisiert. Und als solche gezielt zum Zwecke des Androzentrismus und der Androkratie instrumentalisiert. Die maskuline Wesensgestaltung Gottes und der himmlischen Mächte wurde für sakrosankt erklärt und somit unantastbar. Insofern sei die androkratische Gesellschaftsordnung auf Erden das Ebenbild der himmlischen Herrlichkeit – und somit auch sakrosankt und unantastbar. Kein Wunder also, dass feministische Theologinnen den Andromorphismus Gottes und infolgedessen den Androzentrismus monotheistischer Religionen kritisieren – nach dem Motto „Solange Gott ein Mann ist, ist das Männliche Gott“ – so etwa die Meinung von Silvia Schroer oder der Gruppe um Luise Schottroff, um einige wenige zu nennen. Als bis jetzt weitgehend gescheitert dürfen wohl feministisch-theologische Versuche bezeichnet werden, die den Gott des Alten und Neuen Testamentes nicht ausschließlich männlich darzustellen versuchen, sondern männlich/weiblich, und ihn mit einem gleichzeitigen Er/Sie benennen. Der Andromorphismus Gottes im Monotheismus ist zementiert. Und er ist gynäkophob.

Manch einer könnte sich wundern, dass auch das Christentum in den gynäkophoben Wettbewerb der monotheistischen Religionen eintrat und somit die Umwandlung der säkularen Androkratie des Abendlandes zu einer religiösen bewirkte. Vor allem deshalb könnte man sich wundern, weil es keinen Anhaltspunkt dafür gibt, dass der Stifter des Christentums, Jesus von Nazareth, ein Gynäkophobiker war. Der Grund: Die Gynäkophobie der Religion, die vom selbst weitgehend gynäkophobiefreien Jesus gestiftet wurde, ist nicht sein Werk, sondern einem Mitbringsel seiner Missionare aus dem Orient geschuldet.

Das Mitbringsel aus dem Orient, das Tabu des Heiligen und die Macht der Schrift

Das Mitbringsel aus dem Orient war der jüdische Tanach – das Alte Testament. Seinen Kern stellt die Tora dar. Tora bedeutet „das Gesetz“. Ein eisernes Gesetz. Es erlaubt keine Abweichungen. Die Heilige Schrift, in ihrer Vollendung als Altes und Neues Testament zusammen, ist die mächtigste Schrift in der Geschichte des Abendlandes. Ihre Macht wird unter anderem belegt durch die Tatsache, dass über eine Milliarden Menschen sie noch heute als Heilige Schrift verehren, mit einer Gesamtauflage von geschätzten fünf Milliarden Exemplaren fest abonniert auf Platz eins der „ewigen Welt-Bestsellerliste“. 1000 Jahre wurde an der Bibel geschrieben, und fast 2000 Jahre bestimmte sie die Geschichte eines großen Teils der Weltbevölkerung.128 Und sie wird auch von erstzunehmenden Agnostikern mit großem Respekt behandelt – wie etwa von Carel van Schaik und Kai Michel, die daraus „Das Tagebuch der Menschheit“ und eine Chronik der Evolution gemacht haben. Aber …

Aber die mächtigste Schrift in der Geschichte nicht nur des christlichen Abendlandes, sondern der ganzen christlichen Welt, ist in ihrem Einflussbereich gleichzeitig das mächtigste und am meisten missbrauchte Instrument zur Diskriminierung der Frau während der letzten 2000 Jahre. „Mächtigst“ ist die Heilige Schrift aus zwei Gründen. Erstens, weil sie heilig ist. Sie wurde von ihren Verfassern zum Wort Gottes verklärt und als authentisch apostrophiert – und damit gegen jegliche Skepsis immun gemacht. Verstöße gegen sie waren mit Strafe belegt. Über lange Zeiten sogar mit Androhung der Todesstrafe. Was darin steht, ist tabu – unantastbar, unanfechtbar, unbezweifelbar, unwiderlegbar. Dies wird erreicht durch die Berufung auf Gott als Gesetzgeber – eine Strategie übrigens, die lange vor dem Niederschreiben der Bibel von Mächtigen angewendet wurde und seitdem angewendet wird. So der berühmte, uns schon bekannte Hammurapi-Codex, der ungefähr 1000 Jahre älter ist als das Alte Testament und sich auch aufott berief. Hammurapi, der von 1793 bis 1750 v. Chr. Babylonien regierte, lobt sich zwar selbst als einen mächtigen und gerechten Gesetzgeber, sagt allerdings gleichzeitig, dass er diese Gesetze im Auftrag der Götter – und deshalb für die Ewigkeit – erlassen habe. Besonderes Gewicht legt Hammurapi auf seine hervorragenden Beziehungen zur Götterwelt, insbesondere zu den wichtigsten Göttern Anu, Enlil und Marduk – die hinter seinem gesetzgeberischen Werk stünden.129 Zweck des göttlichen Auftrages sei, „das Recht im Lande zur Geltung zu bringen, den Schlechten und Bösen zu vernichten, damit der Starke dem Schwachen nicht schade“.130 Und in der Tat, das von den Göttern in Auftrag gegebene babylonische Gesetz überlebte nicht nur den Gesetzgeber, sondern auch das Reich, für das es erschaffen wurde.131

Aber es gibt noch einen zweiten Grund, warum die Heilige Schrift so mächtig ist: Die Heilige Schrift ist so mächtig, nicht nur weil sie heilig ist, sondern auch weil sie eine Schrift ist. Die Macht des Heiligen Wortes des Allmächtigen ist evident. Dafür wird weder ein Beleg gefordert noch eine Erläuterung geliefert. Zusätzlich hat die Schrift per se eine Macht, die nicht auf Anhieb erkennbar ist. Es ist die Macht, die durch die Erleichterung der Entstehung potenter fiktionaler Instanzen entstehe, meint Yuval Noah Harari in seinem „Homo Deus“. Die Schrift mache es den Menschen leichter, an die Existenz solch fiktionaler Phänomene zu glauben. Die Menschheitsgeschichte sei eine glaubwürdige Zeugin dafür (S. 256–272). Die Schrift entpuppte sich demnach als wirkungsvolle Methode, die Realität umzumodeln. Ihren Gipfelpunkt erreichte ihre Macht, als sie sich in den Dienst der Religion stellte. Die Heiligen Schriften der verschiedenen Religionen nahmen für sich in Anspruch, die Wirklichkeit in ihrer Gesamtheit zu beschreiben. Generationen von Gelehrten gewöhnten sich daran, alle Antworten auf sämtliche Fragen in der Bibel, im Koran beziehungsweise in den Heiligen Schriften des Hinduismus, den Veden, zu suchen (S. 266). Es sei eine Ironie, so der jüdische Gelehrte Harari weiter, dass man die Bibel als Quelle der Wahrheit betrachte, obwohl sie so viele Erfindungen, Mythen und Irrtümer enthalte (S. 272).

Die Macht der Heiligen Schrift triumphierte im „clash of civilizations“, der vor 2000 Jahren auf europäischem Boden entbrannte. Es war der Kampf um die Verbreitung des Christentums. Dessen Heilige Schrift siegte bekanntlich. Harari illustriert diesen Sieg mit folgender Darstellung, hier leicht modifiziert und zusammengefasst:

Wie auch immer, der Sieg der Heiligen Schrift in Europa prägte 2000 Jahre lang auch das Schicksal der Frauen. Dieser Sieg führte zur Sakralisierung der Gleichwertigkeitsverneinung und zur Annahme einer gottgewollten Diskriminierung der Frau. Obwohl die überwiegende Mehrheit der Menschen in Europa bis zur Neuzeit nicht lesen und schreiben konnte, bestimmte die Heilige Schrift ihr Leben, besonders das der Frauen. Die Heilige Schrift ließ keinen Zweifel an der Richtigkeit der Bestimmungen – schließlich stand es ja so geschrieben: Die Verneinung der Gleichwertigkeit und die Diskriminierung der Frau sind gottgewollt und gottverordnet.

„Bitterer als der Tod ist die Frau“

Bitterer als der Tod ist die Frau? Nein, nichts liegt uns ferner als so etwas Aberwitziges zu sagen, geschweige denn es zu glauben. Das aber sagt die Bibel (Koh. 7, 26), wie wir schon zu Beginn dieses Buches anlässlich der Zweifel von Andreas Abendländer erfahren haben. Und somit wurde die aberwitzige Formulierung zum Titelgeber dieses Buches.

Doch bevor wir darüber sprechen, was der bittere Tod und die Frau miteinander zu tun haben, schauen wir uns den Vergleich zwischen der Geburt eines Knaben und der eines Mädchens an. Die Ungleichwertigkeit der Frau beginnt demnach mit ihrer Geburt: „Und der Herr sprach zu Mose: sprich zu den Israeliten und sage zu ihnen: eine Frau, die schwanger wird und ein männliches Kind gebiert – dann wird sie sieben Tage lang unrein sein … und 33 Tage soll sie in ihrem unreinen Blut sitzen bleiben … Wenn Sie allerdings ein weibliches Kind gebiert, dann wird sie zweimal sieben Tage unrein sein … und 66 Tage soll sie in ihrem unreinen Blut sitzen bleiben“ (Lev. 12, 1–5). Schon mit ihrer Geburt wird die Frau diskriminiert. Eine Diskriminierung, die mit ihrer Geburt anfangen und erst mit ihrem Tod enden soll. Und sie begann mit den ersten Seiten der Heiligen Schrift, als Gott verkündete: „Dein Mann wird über dich herrschen“ – so steht es in der Genesis (3, 16). Und damit nahm auch die angeblich gottbefohlene Beherrschung der Frau durch den Mann ihren Anfang. Ihre Dämonisierung ebenfalls, wie wir ab dem Abschnitt „Eine Frau namens Adam …“ dieses Kapitels erfahren werden. Aber sie endete nicht mit dem Ende der Schöpfungsgeschichte. Strafe auf Strafe folgt der biblischen Ur-Strafe, Diskriminierung auf Diskriminierung folgt der Ur-Diskriminierung – mit der Geburt der Menschheit und mit der Geburt jedes einzelnen Mädchens. Die folgende kleine Anthologie demonstriert es deutlich genug.

Den Geist weiblicher Diskriminierung finden wir an mehreren Stellen des Alten Testaments. Der Mann darf demnach die Frau vergewaltigen, versklaven, verstoßen und bei Verlust der Jungfräulichkeit vor der Ehe oder bei Ehebruch sogar steinigen. Das seien gottgewollte – sprich bibelgewollte – Bestrafungen. Manchmal ist die Herrschaft des Mannes über die Frau nicht nur durch Härte, sondern auch durch Absurdität geprägt, wie zum Beispiel im folgenden Gebot: Wenn bei einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen Männern eine Frau versucht, „ihren Mann aus der Hand dessen, der ihn schlägt, zu retten, streckt die Hand aus und ergreift seine [des Angreifers] Hoden, sollst du ihre Hand abhauen“ (Dtn. 25, 11 f.).

Die Verfasser der Bibel mögen selbstbewusste Frauen offensichtlich nicht besonders. Sie lassen Gott sie dafür bestrafen. Genug Beispiele werden in diesem Zusammenhang in der Bibel dargestellt (etwa in Jes. 3, 16–26 oder in Ez. 23, 1–49). Bibel-Exegeten sehen in vielen solchen Fällen nur Metaphorik, also keine konkreten Anweisungen, sondern nur welche in übertragenem und symbolischem Sinne. Aber sahen die Metaphorik darin und nicht das Konkrete auch die Israeliten des 7. oder 6. oder 5. vorchristlichen Jahrhunderts? Oder die jüdischen und christlichen Gläubigen des Mittelalters? Hatten sie eine Ahnung von theologischer Exegese?

Das griechische Wort „Exegese“ bedeutet Deutung. Deutungen sind frei. Jeder kann deuten, wie es für richtig hält, wie es ihm passt. Er kann eine Metaphorik in jedem Konkreten finden und Konkretes in jeder Metaphorik. Metaphorik sehen die Exegeten auch in Darstellungen des Verhaltens der herrschenden Männerwelt gegenüber Frauen, denen „Hurerei“ und Ehebruch angelastet wird. Doch auch wenn die Metaphoriker Recht hätten, spiegeln Vokabular und Paradigma Einstellungen und Haltungen wider. Und denken der einfache gläubige Israelit des 7., 6. oder 5. vorchristlichen Jahrhunderts und der analphabete Christ des Mittelalters dabei tatsächlich an Metaphorik, Allegorie oder Parabel? Wie auch immer, es ist schwer zu glauben, dass die folgende Handlungsanweisung an die Bräutigame nur symbolisch und metaphorisch gemeint ist: „Wenn sich kein Jungfräulichkeitsbeleg finden lässt, dann sollen sie das Mädchen zur Tür ihres Vaters hinausbringen und die Männer ihrer Stadt sollen sie mit Steinen steinigen, sodass sie stirbt“ (Dtn. 22, 20 f.).

Die Frau wird im Alten Testament nicht selten instrumentalisiert und missbraucht. Abraham, der Ur-Patriarch des Monotheismus, gibt uns mehrfach Beispiele dafür:

Abraham zog aus der ägyptischen Erfahrung keine Lehre. Im Gegenteil, er wiederholte genau das Gleiche, als er sich während seines Nomadentums in Gerar, einem Ort vermutlich östlich von Gaza, niederließ:

Wieder lässt er verbreiten, dass Sara seine Schwester sei. Der König von Gerar, Abimelech, findet Gefallen an der Schönheit Saras und nimmt sie zur Frau. Gott aber erscheint ihm im Traum, klärt ihn auf und droht ihm mit harten Strafen, wenn er Sara weiter behält. Abimelech bittet um Vergebung, er sei durch Abrahams Lügen getäuscht worden und unschuldig in die Affäre geraten, er sei doch ein gerechter Mensch. Er gibt Abraham seine Frau zurück und zur Wiederherstellung von Saras Ehre 1000 Doppeldrachmen, Schafe und Kälber sowie Sklaven und Sklavinnen. Und im Gegensatz zum ägyptischen Pharao erlaubt er Abraham und seiner Gefolgschaft sogar, sich in seinem Land niederzulassen – wo immer es Abraham gefällt (Gen. 20, 1–18).

Seien wir aber gerecht mit Abraham. Er hatte in den beiden erwähnten Fällen zwischen zwei Gütern abzuwägen, er befand sich in einem Dilemma. Er musste sich entscheiden zwischen der nicht auszuschließenden eigenen Ermordung einerseits und der Instrumentalisierung wie auch einem möglichen Leidensweg seiner Frau andererseits. Er entschied sich dafür, die Bedrohung für sein eigenes Leben abzuwehren, was verständlich ist. Dafür aber machte er den Leidensweg seiner Frau frei. Natürlich hat er dabei eine Handlungspriorisierung vorgenommen, die man moralisch so oder so beurteilen kann. Aber Fakt bleibt, dass er die Instrumentalisierung und das Leiden seiner Frau billigend in Kauf nahm. Und das Resultat davon war letzten Endes, dass er als reicher Mann dahin zurückkehrte, woher er gekommen war. Der Hungerflüchtling wurde durch das Leiden seiner jungen Frau zu einem reichen Mann. Reue zeigt er nicht, im Gegenteil, er wiederholt an anderem Ort genau das Gleiche. Sein eigener Vorteil hatte wieder die Priorität, das Leiden der Frau nahm er wieder einmal billigend in Kauf.

Und wie ist das Verhalten des Vaters der abrahamitischen monotheistischen Religionen gegenüber Hagar, der Mutter seines erstgeborenen Sohnes Ismael, des Stammvaters der Araber, zu beurteilen? Entscheiden wir nach der folgenden zusammenfassenden Darstellung (Gen. 16 und 21):

Sara, Abrahams Frau, wird sehr alt, bleibt aber kinderlos. Sie macht sich Sorgen, dass mit Abrahams Tod auch das Ende der Familienlinie käme. So gibt sie ihrem Mann ihre blutjunge ägyptische Sklavin Hagar zur Frau. Hagar wird schwanger und Sara eifersüchtig. Sie fühlt sich entwürdigt und degradiert, obwohl die Initiative zur Zweitfrau für ihren Mann von ihr ausging, Sie tyrannisiert die Schwangere und beklagt sich bei ihrem Mann. Abraham sagt zu ihr: „Sie ist doch deine Sklavin in deinen Händen. Verfahre mit ihr, wie es dir gefällig ist.“ Daraufhin misshandelt Sara die Schwangere so unmenschlich, dass diese das Haus Abrahams verlässt und in der Wüste herumirrt. Doch Gott schickt ihr einen Engel, der sie ermutigt zurückzukehren. Gott habe noch vieles mit ihr vor. Hagar tut das und gebiert dem alten Abraham, damals 86 Jahre alt, einen Sohn, Ismael. Dieser wird später, wie schon erwähnt, der Stammvater der Araber, und genau das war das vorangekündigte Vorhaben Gottes mit Hagar. Jahre später beschließt Gott, die uralte Sara, sie war über 90 und Abraham 100 Jahre alt, doch noch schwanger werden zu lassen. Sie bringt Isaak zur Welt, einen der späteren jüdischen Patriarchen.

Die beiden Knaben, der erstgeborene Ismael und der spätgeborene Isaak, verstehen sich offensichtlich gut, was aber Sara überhaupt nicht glücklich macht. Ihre Hauptsorge betrifft die Erbschaft, die traditionsgemäß an den Erstgeborenen geht. Deswegen verlangt sie von ihrem Mann, Hagar und deren Sohn Ismael zu verstoßen und aus dem Haus zu jagen. Abraham folgt diesem Verlangen und schickt Mutter und Sohn in die Wüste. Er hat ja jetzt einen Sohn von seiner Erstfrau, und damit ist die Familienlinie gerettet. Hagar und Ismael braucht er nicht mehr.

Am besten lasse ich so ein Verhalten unkommentiert und überlasse es jedem Einzelnen von uns, es zu beurteilen.

Abrahams Neffe Lot gibt uns ein weiteres Beispiel von Frauenverachtung, sogar dann, wenn es sich um die eigenen Töchter handelt:

Auch Lot hatte – um ihm das gleiche Entlastungsargument zuzugestehen wie Abraham – zwischen zwei Gütern zu entscheiden, und auch er befand sich in einem Dilemma: einerseits der Pflicht des Gastgebers zum Schutz des Gastes, andererseits der Pflicht des Vaters zum Schutz der Töchter. Er entschied sich dafür, den Schutz seiner zwei – männlichen – Gäste höher zu stellen als die Pflicht des Vaters den Töchtern gegenüber. Mit allem Respekt vor der schwierigen dilemmatischen Situation des Entscheidenden, die Benachteiligten, besser gesagt die Opfer, seiner Entscheidung wären die Frauen gewesen. Seine eigenen Töchter. Nichtsdestotrotz, die christlichen Kirchen erklärten Lot zum Heiligen und widmeten ihm einen Gedenktag (die katholische Kirche den 5. Februar, die orthodoxe den 8. Oktober). Bis heute noch findet sich am Ufer des Toten Meeres eine uralte Kirche zu Ehren dieses gottesfürchtigen Mannes.

Diese kleinste Anthologie reicht wahrscheinlich, um die extreme Benachteiligung der Frau durch das Alte Testament anschaulich zu machen. Und sie reicht auch, um manche daraus resultierenden Synagogen-Gebete nachzuvollziehen, wie etwa: „Ich danke Dir, Gott, dass du mich nicht als Ungläubigen … als Knecht … als Frau geschaffen hast.“132 Wie konform dieses Gebet mit den biblischen Inhalten ist, zeigen viele Stellen des Alten Testaments, etwa die beiden folgenden. Zuerst, wie zu Beginn dieses Abschnittes avisiert, verkündet der Ekklesiastes (der Prediger) seine Entdeckung: „Ich habe gefunden, dass bitterer als der Tod die Frau ist.“ Und dann erklärt er uns sofort, warum das so ist: „Denn: Sie ist ein Ring von Belagerungstürmen, und ihr Herz ist ein Fangnetz, Fesseln sind ihre Arme. Wem Gott wohlwill, der kann sich vor ihr retten, wessen Leben verfehlt ist, wird von ihr eingefangen“ (Koh. 7, 26).* Dass die Frau die Quelle des Bösen ist, steht auch im „Buch Jesus Sirach“: „Denn gleich wie aus den Kleidern Motten kommen, also kommt von Weibern viel Böses.“**

Die wenigen hier zitierten Stellen sowie einige in den kommenden Abschnitten reichen wohl aus, um Folgendes zu belegen: Das Alte Testament wird als einer der wichtigsten Verstärker religiös getragener Gynäkophobie missbraucht. Es entfaltet die geballte, vorher erwähnte Macht von Heiligkeit und Schrift. Allerdings ist die Haltung des Alten Testaments Frauen gegenüber eine Paradoxie an sich. Denn im Alten Testament finden sich auch Sprüche von hoher Weisheit und Gütigkeit, Passagen von unvergleichbarer Poesie und Harmonie, manchmal auch Frauen betreffend. Es finden sich Stellen darin, in denen eine hohe Verehrung für manche Frauen überschwänglich ausgedrückt wird.

Alttestamentarische Paradoxien: Weibliche Lichtgestalten

Weibliche Lichtgestalten und heroische Frauen werden also auch in der gleichwertigkeitsverneinenden Bibel hochverehrt und hochgepriesen. Ein Beispiel moralisch-charakterologischer Überlegenheit einer Frau gegenüber Männern – mächtigen, angesehenen Männern wohl bemerkt – präsentiert uns die Bibel am deutlichsten bei der dramatischen Konfrontation zwischen Susanna und den Ältesten:

Die Szene spielt sich in Babylon während der Gefangenschaft der Israeliten ab. Offensichtlich hatten die Juden dort eine Art von Autonomie. Sie hatten eine eigene Rechtsprechung, die Ältesten fungierten als Richter, und einige Juden brachten es sogar zu Reichtum.133 Ein solcher reicher Jude war Joakim, der Ehemann der schönen und tugendhaften Susanna. Der besaß ein prächtiges Haus mit einem großen Park. Zwei der Ältesten waren häufig Gäste in Joakims Haus. Und sie begehrten beide seine schöne junge Frau Susanna.

An einem heißen Tag will Susanna ein kühles Bad in der Parkanlage ihres Anwesens nehmen. Deshalb lässt sie die Tore des Parks schließen; sie will sicher sein, dass sie von niemandem beobachtet wird. Doch die beiden Ältesten haben sich nach einem minutiös abgesprochenen Plan vorher im Park versteckt und versuchen, Susanna zur Unzucht zu nötigen. Sie aber setzt sich zur Wehr, selbst dann noch, als sie ihr androhen, sie vor der Synagoge des Ehebruchs mit einem unbekannten jungen Mann zu bezichtigen. Und die Strafe für Ehebruch sei bekanntlich der Tod durch Steinigung, fügen sie hinzu. Die Todesstrafe wäre Susanna sicher, so die beiden Ältesten, denn sie seien auch die Richter, die über das Urteil zu entscheiden hätten. Susanna lehnt trotzdem ab: „Eng ist es mir von allen Seiten; denn, wenn ich dieses tue, ist es für mich Tod, und wenn ich es nicht tue, werde ich euren Händen nicht entkommen. Es ist für mich vorzuziehen, ohne es getan zu haben, in eure Hände zu fallen, als zu sündigen vor dem Herrn“ (Dan. 13, 22–24). Die beiden Männer legen tatsächlich falsches Zeugnis über Susanna ab, und die ganze Synagoge glaubt den beiden – sie sind schließlich Älteste und Richter des Volkes. Susanna wird erwartungsgemäß zum Tod durch Steinigung verurteilt. Doch unterwegs zum Hinrichtungsort erscheint ein junger Mann; Daniel, inspiriert und geschickt von Gott.Dieser entlarvt die beiden bösartigen Ältesten als Lügner und rettet die tugendhafte Susanna (Dan. 13, 1–64).

Judith ist eine weitere Heroin der Bibel. Sie wird im Alten Testament in besonderer Weise als Retterin des Volkes Israel hochgepriesen.

Hintergrund dafür soll ein Angriff des assyrischen Feindes gegen das jüdische Volk gewesen sein. Historisch ist dieser Hintergrund nicht korrekt, und die agierenden Personen haben wohl in unterschiedlichen und in anderen Epochen gelebt als der, die im alttestamentarischen Buch „Judith“ genannt ist. Die Inkorrektheit der biblischen Geschichte wird von Theologie und Bibelwissenschaft „als Verdichtung von vielen Jahrhunderten geschichtlicher Erfahrung des jüdischen Volkes in einer spannenden Lehrerzählung“ deklariert.134 Wie auch immer, nach der Bibel ging Judith in das Lager der Assyrer, verführte mit ihren erotischen Reizen deren Anführer Holophernes und enthauptete ihn. Nach dem Verlust ihres Anführers traten die Feinde den Rückzug an, und die Israeliten wurden dadurch gerettet (Jdt. 8–16). Judith stieg auf zu einem der am meisten leuchtenden weiblichen Sterne am Himmel des androzentrischen und gleichwertigkeitsverneinenden Alten Testaments.

Ähnliche Paradoxien stellen etwa die Geschichten von Debbora (bzw. Deborah) oder von Ester dar. Debbora rettete die Israeliten vor der Vernichtung durch Feinde (Ri. 4, 1–24). Und Ester, die jüdische Frau des persischen Königs Artaxerxes, rettete die Juden Persiens vor dem Pogrom und der Vernichtung. Unter Einsatz ihres Lebens überzeugte sie den König, ihren Ehemann (der bis zu dieser Zeit nicht wusste, dass Ester Jüdin ist), das geplante Pogrom gegen die Juden kurzfristig abzublasen (Est. 1–10). Judith und Debbora und Ester wurden zu Heroinnen der Bibel. Zu Retterinnen der Israeliten. Leider nicht zu Retterinnen der Frauen. Die Männer der Bibel bedankten sich bei ihren Retterinnen überschwänglich, sie hielten dennoch deren Geschlechtsgenossinnen weiter in den Ketten der Gleichwertigkeitsverneinung und der androkratischen Herrschaft gefangen. Paradoxien, die nicht zu übertreffen sind.

Aber dann kam Jesus von Nazareth.

Der weitgehend gynäkophobiefreie Jesus

Jesus und die Frauen. Eine Geschichte für sich. Eine gute, eine frauenfreundlichere Geschichte als die sonstigen in der nicht besonders frauenfreundlichen Heiligen Schrift. Was würden Sie über einen Mann denken, der Frauen wie folgt behandelt?

Als so jemanden könnte man weitestgehend Jesus von Nazareth bezeichnen – natürlich begrenzt durch den Rahmen seiner Zeit. Jesus war in diesem Sinne aller Wahrscheinlichkeit nach gynäkophobiefrei. Er praktizierte einen anderen, teilweise neuen Umgang mit Frauen im Vergleich zu dem, was im damaligen Judentum üblich war, obwohl er damit Aufsehen und Anstoß erregte – so stellt es auch der katholische Theologieprofessor Josef Blank in seiner Abhandlung „Frauen in den Jesusüberlieferungen“ fest. Umso erstaunlicher ist dann die Tatsache, dass die Religion, die er gestiftet hat, gynäkophob wurde und es teilweise heute noch ist. Auch das ist eine Paradoxie. Kontraste zwischen dem Stifter und der gestifteten Religion, was den Umgang mit Frauen betrifft, machen die immerwährende Aktualität der Frage nach den Gründen der religionsgetragenen Gynäkophobie im Abendland deutlich. Auch in unseren modernen Zeiten lohnt es sich, dieser Widersprüchlichkeit auf den Grund zu gehen.

Die weitgehend gynäkophobiefreie Einstellung Jesu wird bezeugt durch seinen Umgang mit Frauen, wie er in den Evangelien mehrfach, manchmal sehr eindrucksvoll, dokumentiert ist. Bei seinen Wanderungen durch Judäa wurde er von einer Frauenschar begleitet, berichten uns die Evangelisten, so etwa Lukas (8, 1–3). Nebenbei gesagt, ich hoffe, dass Papst Benedikt XVI. nicht so verstanden wird, als ob er meinte, dass sich die gynäkophobiefreie Einstellung Jesu bloß in der Darstellung dieses einen einzelnen Evangeliums widerspiegelt. In seinem dreibändigen Werk „Jesus von Nazareth“ bescheinigt der Papst dem Evangelisten Lukas, „in besonderer Weise für die Bedeutung der Frauen offen“ zu sein und „Verständnis“ zu zeigen (Bd. I, S. 218). Denn auch die anderen drei kanonisierten Evangelisten liefern genug Argumente, um eine gynäkophobiefreie Einstellung Jesu zu belegen. So wird von allen vier berichtet, dass zahlreiche Frauen Jesus während seines Todeskampfes beistanden. Zwei der vier berichten sogar, dass nur Frauen seine letzte solidarische und trauernde Begleitung waren, während Männer durch Abwesenheit glänzten. Versteckt gehalten hätten sich die Männer, aus Angst. Oder manch ein tapferer Mann habe aus Furcht sogar sein Idol wiederholt geleugnet – Petrus ist hier gemeint. Doch die Frauen taten das nicht.

Offensichtlich kamen die Begleiterinnen Jesu aus breiten sozialen Schichten. Maria Magdalena, die Sündige, dürfte der unteren Unterschicht zugeordnet werden, während Johanna, die Frau des Verwalters von König Herodes, wohl der Oberschicht angehörte. Der bekannte jüdische Gelehrte Schalom Ben-Chorin schreibt in seinem Buch „Bruder Jesus“, die Beziehung Jesu zu Frauen kommentierend: „Wir dürfen nicht das asketische Ideal christlicher Anachoreten und Mönche mit dem Leitbild eines Rabi aus der Zeit Jesu identifizieren. Jesus selbst war kein Asket“ (S. 121). Dass Jesus kein Asket war, wird vielerorts in den Evangelien bestätigt. Seine Gegner gingen sogar so weit, ihn als „Fresser und Säufer“ und „Freund der Sünder“ zu beschimpfen, wie uns die Evangelisten Matthäus (11, 19) und Lukas (7, 34) berichten. Man (Mann) mied sie, die sündigen und stigmatisierten Frauen. Aber nicht Jesus. Es werden Szenen von Begegnungen mit ihnen überliefert, die ergreifend und wunderbar anmuten. Etwa die Begegnung mit der Sünderin von Bethanien, wie Lukas sie beschreibt (7, 36-48) – hier in kurzer Zusammenfassung.

Jesus ging in das Haus eines Pharisäers, der ihn zum Essen eingeladen hatte. Eine Sünderin, die in der Stadt lebte, kam mit einem Alabastergefäß voll wohlriechenden Öles und trat von hinten an ihn heran. Dabei weinte sie, und ihre Tränen fielen auf seine Füße. Sie trocknete seine Füße mit ihrem Haar, küsste sie und salbte sie mit dem Öl. Der Pharisäer rügte Jesus, dass er sich von einer solchen Frau, einer Sünderin, berühren ließ. Jesus aber antwortete „… ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig. Und er sprach zu ihr: dir sind deine Sünden vergeben.“

Was für eine Szene! Kein Wunder, dass sie viele Maler und Ikonografen zu wunderbaren Darstellungen inspiriert hat. Ergreifend ist auch die Rettung der Ehebrecherin, die die Schriftgelehrten und die Pharisäer steinigen lassen wollten, wie Johannes es beschreibt (8, 3–11):

„Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Moses hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du? Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand. Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Gehe und sündige von jetzt an nicht mehr!“

Auch ein starkes Bild. Jesus kontrastiert die Härte der Schrift und der Schriftgelehrten mit der Milde der Vergebung – wie ein liebender und gütiger Vater. Jesus bringt seine Botschaften genauso zur Frau wie zum Mann – er behandelt sie als gleichwertig. Paradigmatisch steht dafür die Episode mit der Samariterin am Jakobsbrunnen, bei der sich ein langer und vertiefter Dialog zwischen den beiden entwickelt, was das Befremden seiner Begleiter hervorruft. Hier die Geschichte, wie sie Johannes überliefert hat (Joh. 4, 4–42):

Jesus flüchtete mit seiner Gefolgschaft vor dem Zorn der Pharisäer und verließ Judäa, um in Galiläa Zuflucht zu finden. Dabei musste die Gruppe durch Samarien reisen. Die Samariter waren jedoch nicht gut auf Juden zu sprechen – und umgekehrt. Am Jakobsbrunnen vor den Toren der Stadt Sychar angekommen – die Stadt existiert heute nicht mehr, vermutlich lag sie etwas östlich von Nablus –, machte die Gruppe eine Pause. Jesus saß erschöpft am Brunnen, während seine Begleiter in die Stadt gingen, um Lebensmittel zu kaufen. Eine Samariterin kam während der Abwesenheit der Jünger zum Brunnen, um Wasser zu holen. Jesus bat sie um einen Schluck Wasser, den sie ihm zuerst mit Hinweis auf die Feindschaft zwischen Samaritern und Juden verweigerte. Jesus begann einen theologischen Dialog mit ihr, nicht anders als er das mit den jüdischen Männern sonst auch tat. Er gab ihr dazu Zeichen, dass er ihre Vergangenheit gut kenne, obwohl sie sich zu ersten Mal trafen – sie war eine Frau mit einer nicht unproblematischen Vergangenheit und einem zwielichtigen Ruf –, und er predigte ihr die Zukunft. Seine Jünger zeigten sich verwundert, ja sogar empört, als sie aus der Stadt zurückkamen und Jesus ins Gespräch vertieft mit dieser Frau vorfanden. Sie tadelten ihn sogar dafür. Nicht wegen des Umgangs mit einer Frau, die so einen Ruf hatte, den kannten sie ja gar nicht, sondern wegen der Tatsache, dass Jesus überhaupt mit einer Frau ein Gespräch führte. Doch Jesus blieb unbeirrt bei seiner Haltung, gewann die Frau als Anhängerin und durch sie viele andere Bewohner der Stadt, die ihm schließlich anboten, bei ihnen zu bleiben. Er konnte sich mit seiner Gefolgschaft zwei ganze Tage in dieser „Feindesstadt“ aufhalten – dank seiner Bereitschaft, eine problematische, sündige Feindesfrau als Gesprächspartnerin zu akzeptieren und mit ihr vertieft theologische Fragen zu diskutieren – so wie er es auch mit Männern machte.

In Kontrast zu manchen seiner Nachfolger, angefangen bei Paulus, gibt sich Jesus auch als Anhänger der Ehe zu erkennen. Ist es ein Zufall, dass er seine Wundertätigkeiten auf einem Hochzeitfest beginnt? Auf der Hochzeit zu Kanaa nämlich, bei der er Wasser in Wein verwandelt haben soll, nachdem dem Gastgeber der Wein ausgegangen war. Damit rettet er das Hochzeitfest und somit auch das Ansehen von Braut und Bräutigam und deren Familien (Joh. 2, 1–11). Wir können wohl davon ausgehen, dass der Jesus, wie ihn die vier Evangelisten darstellen, weitgehend gynäkophobiefrei war – auch wenn sich im Thomas-Evangelium, das zu den Apokryphen gehört, eine merkwürdige Passage findet (Spruch 114), die das in Frage stellen könnte:

Als Petrus von Jesus verlangte, Maria wegzuschicken – ungeachtet der Frage, ob der Verfasser des Thomas-Evangelium an dieser Stelle mit Maria die Mutter von Jesus oder eine andere Maria meinte –, weil eine Frau des Lebens nicht würdig sei, habe Jesus erwidert: „Seht, ich werde sie anleiten, um sie männlich zu machen, damit sie zu einem lebendigen Geist wird, der euch Männern gleicht. Denn jede Frau, die sich männlich macht, wird eintreten in das Königreich im Himmel.“

Auch wenn damit gemeint sein sollte, dass die Männer die Pflicht hätten, die Frauen „männlich“ zu erziehen, damit sie genauso erhaben werden kann wie sie, bleibt so eine Einstellung doch frauendiskriminierend. Es impliziert nämlich zum einem, dass Frauen prinzipiell nicht so würdig wie Männer sind, und zum anderen, dass Frauen, die nicht männlich werden können, aus dem Himmelreich ausgeschlossen sind. Es ist jedoch nicht so abwegig anzunehmen, dass diese merkwürdigen Sätze die gleichwertigkeitsverneinende Haltung der christlichen Männer des 2. bis 4. Jahrhunderts widerspiegeln, in dem vermutlich das Thomas-Evangelium geschrieben wurde. Und nicht Worte, die als authentisch Jesus zugeschrieben werden können.

Wie auch immer, alles in allem könnte die Schlussfolgerung gezogen werden: Es gibt viele Hinweise, dass Jesus kein Gynäkophobiker war. Die Einstellung Jesu zu Frauen gipfelte symbolträchtig in der Erzählung von seinem Tod und seiner Auferstehung. In Maria Magdalena und anderen Begleiterinnen des Nazareners könnte man nämlich Symbolgestalten für die Rolle von Frauen am traurigen Ende der Lebensgeschichte Jesu und am triumphalen Beginn der Weltreligion Christi erkennen. Die Lebensgeschichte Jesu endet in grausamer Weise auf dem römischen Schandpfahl. Mitleidende Frauen begleiten ihn dabei. Der Triumphzug Christi beginnt unmittelbar nach dem Martyrium mit dem Glauben an seine Auferstehung. Die Erstzeugen und die Erstverkünder dieses triumphalen Glaubens waren ebenfalls Frauen. Das demütigende Ende Jesu und der siegreiche Zug Christi wurden von Frauen flankiert. In der Stunde der Agonie waren nur Frauen bei ihm, sagen uns zwei der Evangelisten, nämlich Markus (15, 40–41) und Matthäus (27, 55–56). Johannes fügt einen Mann hinzu (19, 25), und Lukas schließlich berichtet, ohne konkret zu werden, von Frauen und Männern (23, 49).

Eine Frau war auch die Erstzeugin des Triumphzuges Christi, der die kosmogonischen Umwälzungen, die die Welt veränderten, darunter auch das Abendland, einleitete: Maria Magdalena (Joh. 20, 17 f.). Dieses außergewöhnliche Privileg verlieh Maria Magdalena, wenn auch nur für kurze Zeit, eine einmalige Würde: Sie wurde nicht nur zur „Erstzeugin der Auferstehung“, sondern auch zur „Apostolin der Apostel“, wie Hans Küng in seinem Buch „Die Frau im Christentum“ es ausdrückt (S. 27). Nach Lukas wurden sogar noch weitere Frauen außer Maria Magdalena Erstzeuginnen und Erstempfängerinnen der Frohen Botschaft (24, 1–10). Halten wir also fest: Das Privileg der Offenbarung hatten als Erste Frauen. Und nur Frauen. Männer, die späteren Apostel, erfuhren die Frohe Botschaft von Frauen. Die Frauen wurden somit in der Tat „Apostolinnen der Apostel“.

Alles in allem gehören diese Frauen zum „Grundstock der Kirche“, stellt der schon vorher zitierte katholische Theologe Josef Blank fest. Aber … Ja, aber wie hoch ist der Stellenwert von Maria Magdalena und den anderen „Apostolinnen der Apostel“ in der Kirche Christi? Man muss sagen: im Vergleich zu dem von Petrus, der immerhin ein dreifacher Leugner Jesu war und der an dessen Auferstehung zuerst nicht glaubte, sehr niedrig. Minimal. Auf der kirchlichen Ehrentribüne wurde den Apostolinnen ein Platz ganz hinten zugewiesen, sodass sie fast unsichtbar für das Kirchenvolk sind. Mit einer einzigen Ausnahme: Maria, die Mutter Jesu. Das allerdings auch erst ein paar Jahrhunderte nach ihrem Tod bzw. nach ihrer Himmelfahrt, je nach Glaubensrichtung. Wir werden später darauf zurückkommen. Historisch belegt ist jedenfalls, dass dieser „Grundstock der Kirche“ kurz nach dem Tode Jesu, seines Architekten, klerikal ignoriert wurde. Man darf heute davon ausgehen, dass eine historische Führungsrolle für Jesus Jüngerinnen nicht belegbar ist, auch nicht für Maria Magdalena, welche die wohl bedeutendste Frauengestalt im unmittelbaren Kreis um Jesus gewesen sein dürfte – so etwa Hans Küng in seinem Buch „Das Christentum“ (S. 110) oder auch Simone de Beauvoir in „Das andere Geschlecht“ (S. 126). Historisch belegbar ist dagegen, dass die vom weitgehend gynäkophobiefreien Jesus gestiftete Religion schon wenige Jahre nach seinem Tod zu einer gynäkophoben Institution mutierte.

Paulus machte damit den Anfang.

Missverständnisse um einen ambivalenten Gynäkophobiker

Paulus steht im Verdacht, einer der Hauptarchitekten der religionsgetragenen Frauendiskriminierung im Abendland gewesen zu sein. Nicht alle Anschuldigungen stimmen, aber auch nicht alle sind aus der Luft gegriffen. Paulus war der prominenteste christliche Missionar, der das „Mitbringsel aus dem Orient“, den jüdischen „Tanach“, in die abendländische Kultur brachte. Damit brachte er in die Kultur des Abendlandes etwas hinein, was bis dahin dort abwegig war: Die Gleichwertigkeitsverneinung der Frau als gottgewollt und gottverordnet. So wie sie in der jüdischen Religion begründet ist. Das war nur konsequent. Paulus war nämlich tief im jüdischen Tanach verwurzelt und ein eingefleischter jüdischer Theologe; so bezeichnet ihn unter anderem auch der beeindruckende Bibelforscher Schalom Ben-Chorin, Paulus jüdischer Biograf und Exeget, in seinem Buch „Paulus“ wiederholt.

Manche behaupten, Paulus sei ein Antifeminist gewesen, oder gar ein Misogyn. Die, die ihm Antifeminismus vorwerfen, sagen: Paulus wollte aus Treue zu den religiösen jüdischen Gesetzen nicht, dass die Frau gleichberechtigt mit dem Mann ist – so etwa der gerade zitierte Gelehrte Sharon Ben-Chorin. Wie schon im Abschnitt dieses Kapitels „Philosophie und Wissenschaft …“ dargestellt, gab es bis zum 19. Jahrhundert noch keinen Feminismus in unserem heutigen Sinne. Also darf man Paulus nur im übertragenen Sinne mit dem Etikett „Antifeminist“ versehen, aber nicht in der Bedeutung, wie man Antifeminismus heute versteht.

Stimmt aber der Vorwurf der Misogynie?

Die, die ihm Misogynie, Frauenhass also, vorwerfen, verdächtigen ihn nicht nur, ein gewöhnlicher Frauenhasser, ein beliebiger Misogyn gewesen zu sein, sondern derjenige, der „der misogynen Front eine ihre schlagkräftigsten Waffen“ geliefert habe, so etwa Jack Holland (S. 111). Es gibt aber keinen Beweis dafür, dass Paulus ein Frauenhasser war. Man kann ihm nicht beweiskräftig vorwerfen, dass er gegen Frauen eine heftige negative, destruktive, gewaltaffine Emotion, begleitet von ähnlichen Denk- und Verhaltensweisen, hegte – was Hass bedeutet, wie wir aus dem Abschnitt „Hass, eine toxische Emotion …“ des 2. Kapitels wissen. Weder in der „Apostelgeschichte“ von Lukas, die vorwiegend über die Taten des Paulus berichtet, noch in seinen diversen Briefen finden sich Anzeichen, die für Frauenhass, für Misogynie, sprechen könnten. Gewiss, manche Paulus-Forscher verdächtigen ihn, Träger einer allgemein gerichteten Hassbereitschaft gewesen zu sein, sodass sie sich fragen: „War wirklich die Liebe das treibende Motiv im Leben des Paulus, die Agape [Anm.: griechisch für Liebe], von der er so herrlich gesungen hat, oder der Hass, der aus vielen Sätzen seiner Briefe spricht?“ So etwa Schalom Ben-Chorin (S. 195). Dennoch ist bei ihm wohl kein spezifischer Frauenhass im obigen Sinne zu diagnostizieren.

Paulus war bei weitem kein Misogyn. Aber er war ein ambivalenter Gynäkophobiker. Nicht der Hass auf die Frauen, sondern die Angst vor den Frauen spricht „aus vielen Sätzen seiner Briefe“. Paulus war nämlich regelrecht von der Befürchtung besessen, dass durch die Frauen eine Gefahr für die Verteidigungslinie gegen die Sünde entstehen könnte. Frauen seien doch, so suggerieren seine Briefe mehrfach, die Trägerinnen und Verbreiterinnen der Sünde, insbesondere solcher sexueller Natur. Dem müsse vorgebeugt werden. Die Verursacherinnen der Sünde müssten unter Kontrolle gehalten werden, um ungefährlich, aber auch selbst ungefährdet zu sein. Die Kontrolle über die Frau diente demnach der Vermeidung und der Abwehr von zwei Gefahren gleichzeitig: der Gefahr, dass der Mann durch sie sündigt, und der Gefahr, dass die Frau selbst zur Sünderin wird, indem sie den Mann zur Sünde verführt – so wie ihre Ur-Ahnin Eva. Das war die Angst des Paulus.

Paulus hasste Eva nicht, wie manche behaupten.135 Er hatte vielmehr Angst vor ihr. Eva wurde von Paulus aus der Versenkung geholt, zu der das Alte Testament sie verurteilt hatte, ins Licht des Abendlandes gebracht und zu seiner Hauptfeindin erklärt. Damit machte er sie auch zur Hauptfeindin des christlichen Mannes. Eva (und Adam) verschwanden praktisch, nachdem sie die ersten Seiten der Genesis verlassen hatten, aus den weiteren Büchern und Kapiteln des Alten Testaments. Bis Paulus kam. Es war seine Angst vor ihr, die ihn veranlasste, Eva in seiner Lehre wieder auferstehen zu lassen. Er brauchte eine Personifizierung der Sünde, und noch konkreter: der Quelle der Sünde, um sie plastischer zu machen und effektiver austrocknen zu lassen. Eva als „Sündenverursacherin“ war dafür ideal, deshalb ließ er sie wieder auftauchen. Paulus gab ihr damit eine besondere negative Bedeutung, und zwar intensiv und obsessiv, die von seinen Anhängern, etwa Tertullian – den wir bald auch kennenlernen werden – weiter verschärft und zugespitzt wurde. Seine Angst vor Eva als die Inkarnation der sündenbringenden Frau hat Paulus in die kirchliche Lehre implantiert, und Eva musste dort 2000 Jahre lang als Schreckgestalt den Zwecken der religiös getragenen Gynäkophobie und der klerikal-androkratischen Gesellschaftsordnung dienen. In diesem Sinne bezeichnen Carel van Schaik und Kai Michel die Geschichte von Adam und Eva, sich dabei eine Metapher von Stephen Greenblatt zu eigen machend, als „radioaktiv“. Eva habe das Christentum verstrahlt und damit die westliche Kultur bis ins Mark kontaminiert. Keine Geschichte sei jemals toxischer für Frauen gewesen. Das Unheimliche dabei sei, dass diese Geschichte fortwirke, selbst in Zeiten, in denen kaum mehr jemand an sie glaube (2021a, S. 35 f.).

Das ist primär das Werk Paulus. Die Bedingungen für die Sünde müssten vermieden, die Gefahr durch die Sündenbringerin abgewehrt werden, das ist eine Prämisse für Paulus. Dafür greift der treue Tanach-Theologe auf die Mittel zurück, die das Alte Testament zur Verfügung stellt: Ablehnung der Gleichwertigkeit der Frau mit dem Mann; sie solle unter der Kontrolle des Mannes bleiben und seine Untertanin sein, so wie der alttestamentarische Gott es befohlen habe. Das war Paulus Abwehr gegen die Angst vor der Sünde und der Sündenbringerin. Aber die Angst vor den Frauen ist keineswegs mit Hass auf die Frauen gleichzusetzen, es ist keine Misogynie. Es ist Angst vor der Frau. Angst vor der Macht der Frau über den Mann – Angst vor der Macht der Frau als Sündenverursacherin und Sündenbringerin.

Das ist die Gynäkophobie des Paulus. Und sie ist ambivalent. Die uns schon bekannte frauenbezogene Ambivalenz mit ihrem Oszillieren zwischen polaren Gegensätzen, die häufig den Gynäkophobiker begleitet, ist auch bei Paulus deutlich erkennbar. Es ist bei ihm ein Oszillieren zwischen durchdringender Gynäkophobie und schemenhaft angedeuteter Gynäkophilie. Mit Letzterem ist wie bei jedem Gynäkophilen auch bei Paulus Respekt und Anerkennung für Frauen gemeint. Allerdings beschränken sich die gynäkophilen Anzeichen bei ihm in der Regel auf nur wenige konkrete Frauen, die er auch namentlich benennt, und fokussiert auf begrenzte konkrete Bereiche ihres Frauseins. Das Ambivalenz-Pendel neigte sich bei Paulus unverkennbar und nachhaltig in Richtung Gynäkophobie-Pol.

Paulus frauenbezogene Ambivalenz zeigt sich in fast all seinen Briefen. Sie geht so weit, dass sogar manchmal der Eindruck entstehen könnte, dass er ein überzeugter Anhänger der Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung der Frauen gewesen sei. Etwa, wenn er Frauen der jungen christlichen Gemeinschaft überschwänglich lobt – wie im Römerbrief (16, 1–16). Als Paulus zum ersten Mal in Kontinentaleuropa das Christentum verkündete, und zwar in der nordgriechischen Stadt Philippi (das erste Land in Europa überhaupt, wo er das tat, war bekanntlich Zypern, aber in Kontinentaleuropa eben Philippi), bestand sein erstes Publikum aus Frauen und nur aus Frauen. Und der erste Christ in Kontinentaleuropa war eine Christin. Paulus predigte nämlich in Philippi am Ufer des Flusses Angitis zuerst zu Frauen. Die reiche Purpurhändlerin Lydia, eine Griechin nicht-jüdischen Glaubens, die sich unter den Zuhörerinnen befand, wurde als Erste getauft. Paulus und seine Gefolgschaft durften in ihrem Haus wohnen, solange sie sich in Philippi aufhielten (Apg. 16, 11–15). In den paulinischen Gemeinden waren Frauen in den unterschiedlichsten Funktionen aktiv, wofür ihnen Paulus überschwängliche Anerkennung und hohes Lob zollte. Theologen, die sonst kritisch zu Paulus gynäkophober Haltung stehen, wie etwa Hans Küng in „Die Frau im Christentum“ (S. 23–26), und sogar Vertreterinnen einer konsequenten „feministischen Theologie“, wie etwa die amerikanische Theologieprofessorin Elisabeth Schüssler Fiorenza, heben immer wieder diese frauenfreundliche Seite von Paulus hervor.

Muss man nicht den Eindruck von einem Gleichwertigkeitsbejaher gewinnen, wenn man zum Beispiel Folgendes in Paulus Brief an die Galater (3, 27 f.) liest? „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus.“ Ist das nicht eindeutig? Mann und Frau sind demnach „einer“. Ja, aber es wäre noch eindeutiger, wenn nicht genau vor dieser Passage ein anderer Satz stünde (Gal. 3, 26): „… denn ihr seid alle durch den Glauben Söhne Gottes in Christus Jesus. Warum Söhne und nicht Söhne und Töchter oder einfach Kinder? Im griechischen Original steht in der Tat „Söhne“ und nicht „Kinder“, wie in manchen deutschen Übersetzungen. Haben wir es etwa bei Paulus mit einer Freud’sche Fehlleistung zu tun, wobei das falsche Wort (Söhne statt Kinder) seine wahre Einstellung (die Priorisierung des Männlichen) verrät? Wie auch immer, es gibt weitere Aussagen von Paulus, die verdächtig nach Gleichwertigkeit klingen; etwa die, die er zu den Korinthern macht (1 Kor. 11, 11 f.): „Doch im Herrn gibt es weder die Frau ohne den Mann noch den Mann ohne die Frau. Denn wie die Frau vom Mann stammt, so kommt der Mann durch die Frau zur Welt; alles aber stammt von Gott. Klingt das nicht wie eine Art von Gleichberechtigungsbekenntnis? Ja, tatsächlich könnte es das sein. Aber nur, wenn Paulus diesem Satz nicht manche anderen Sätze vorund nachgestellt hätte. Sätze wie: „Ihr sollt aber wissen, dass Christus das Haupt des Mannes ist, der Mann das Haupt der Frau und Gott das Haupt Christi.“ Und weiter: „Der Mann ist Abbild und Abglanz Gottes; die Frau aber ist des Mannes Abglanz. Denn der Mann stammt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann. Der Mann wurde auch nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau für den MannDeswegen soll die Frau mit Rücksicht auf die Engel das Zeichen ihrer Vollmacht auf dem Kopf tragen“ (1 Kor. 11, 3 und 11, 7–10). Mit dem letzten Satz meint Paulus die Kopftuchpflicht der Frau „wenn sie betet oder prophetisch redet“ (1 Kor. 11, 5).

Aber warum sollen die Frauen ihren Kopf „mit Rücksicht auf die Engel“ bedecken? Da kommt noch einmal der „jüdische Theologe“ des Ben-Chorin voll zum Einsatz: Paulus nimmt offenbar bei dieser merkwürdigen Formulierung Bezug auf eine Darstellung in der Genesis und im Buch Enoch, von den Gelehrten „Descensus angelorum“ (das Herabsteigen der Engel) genannt: In der Zeit vor der Sintflut, „als die Söhne Gottes sahen“ – dies sollen die Engel gewesen sein –, „dass die Töchter der Menschen schön sind, nahmen sie sich Frauen von allen, die sie sich auswählten“. So steht es in der Genesis (6, 1–4). Und so vermischten sich die Engel mit den Menschen. Dies aber sollte nicht wieder passieren, so Ben-Chorin in seinem Werk „Paulus“. Die Lust der Engel, die von oben auf das Haar der Frauen blickten, solle nicht erregt werden; deshalb die Bedeckung des weiblichen Kopfes. Ausführlicher berichtet uns darüber das Buch Enoch (7, 1–13). Es scheint auf jeden Fall merkwürdig, dass so etwas in der Theologie von Paulus und manchen späteren Kirchenvätern, wie etwa Tertullian, Platz fand, weil der jüdische Kanon Enoch ausschließt. Lassen wir die Erzählung für sich sprechen:

Gott aber bestrafte die gefallenen Engel. Doch das ist eine andere Geschichte, die nicht hierhergehört.

Auf diese schwerwiegende Beschuldigung, die Frauen seien für den Fall der Engel verantwortlich, nimm Paulus also Bezug. Aus Fürsorgepflicht führte er die Kopftuchpflicht ein. Zum Schutz der Engel, aber auch zum Schutz der Frauen. Und er meint: „Eine Frau … entehrt ihr Haupt, wenn sie betet oder prophetisch redet und dabei ihr Haupt nicht verhüllt“ (1 Kor. 11, 4–6). Auch Redeverbot in der Gemeindeversammlung sowie Unterordnung und Abhängigkeit vom überlegenen Mann verordnet Paulus den Frauen an anderen Stellen seiner Briefe, wie etwa im 1. Brief an die Korinther (14, 34–36), wo auch er zu dem Schluss kommt: „Die Frauen sollen in der Gemeindeversammlung schweigen … Wollen sie aber was lernen, so sollen sie daheim ihre Männer fragen. Es steht der Frau schlecht an, in der Gemeinde zu reden.“ Im griechischen Original benutzt Paulus für das, was in deutschen Bibelübersetzungen mit „es steht schlecht an“ übersetzt wurde, das griechische Wort „aischrón“, was „schändlich“, unsittlich, unanständig, unverschämt“ bedeutet.

Nachdem er den Frauen die Anweisung gibt, in „anständigen, bescheidenen und zurückhaltenden Kleidern zu beten“, und ihnen dabei verbietet, „Haarpracht, Gold, Perlen oder kostbare Kleider“ zu tragen (1 Tim. 2, 9), erlässt Paulus noch ein weiteres Verbot: „Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen. Dass eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, dass sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten“ (1 Tim. 2, 10–12). Und er liefert die Begründung dafür: „Denn Adam wurde zuerst erschaffen, Eva danach“ (1 Tim. 2, 13). Es klingt – milde gesagt – befremdlich, wenn ein Theologe wie der Franziskaner Gerhard Dautzenberg die Auffassung vertritt, dass Paulus’ Wirken „die Ausbildung einer Gemeindeordnung ermöglichte, welche patriarchalischen Vorstellungen von der Unterordnung der Frauen und von ihrem Ausschluss von der aktiven Teilnahme am Gemeindeleben widersprach“ (S. 221).

Zum Schutz vor der Sünde und der Sündenbringerin gibt Paulus den Männern eine radikale Empfehlung: „Es ist gut für den Mann, keine Frau zu berühren“ (1 Kor. 7, 1). Auch die ungewöhnliche Belobigung der Jungfräulichkeit in den „Paulusakten“ passt dazu (Act. Paul §5): „Selig sind die Leiber der Jungfrauen, denn sie werden Gott wohlgefallen, und sie werden den Lohn ihrer Keuschheit nicht verlieren.“ Gott würden jungfräuliche Leiber wohlgefallen! Keuschheit lohnt sich! In Sätzen wie diesen gipfelt eine sexualitätsfeindliche Gynäkophobie. Wie auch immer, es ist insofern nur konsequent, wenn Paulus an ledige und verwitwete Männer appelliert, so zu bleiben, wie er selbst es ist: frauenlos und sexualitätsabstinent. Heirat ist für ihn nur „wegen der Gefahr der Unzucht“ empfehlenswert und notwendig, und zwar nur für diejenigen, die „nicht enthaltsam leben können“. Die Ehe sei dann Schutz gegen die Begierde, erklärt er an verschiedenen Stellen des 1. Briefes an die Korinther (7, 1 und 8 und 2 und 9).

Allerdings müssen wir Paulus Aufforderung zur Ehelosigkeit und sexuellen Abstinenz mit Verständnis entgegentreten. Er hatte ein Alibi: Er war ein Irrender. Er hat sich geirrt, wie die meisten Christen seiner Zeit. Eine solche Haltung muss nämlich eschatologisch verstanden werden. „Eschatologie“ nennen die Theologen die „Lehre von den letzten bzw. äußersten Dingen“ (vom griechischen „éschaton“, was „das Letzte“ bzw. „das Äußerste“ bedeutet). In diesem Sinne glaubten die ersten Christen, und sie berufen sich dabei auf Jesus selbst, an die baldige Ablösung der Menschheit der Gegenwart durch das Reich Gottes der Ewigkeit. Dies sollte noch zu ihren Lebzeiten geschehen. Ergo: Es gebe keinen Grund, sich zu vermehren, weil Sexualität nur dem Zweck der Vermehrung diene. Nicht der Hedonie – das war eine Sünde. In diesem Sinne ist die Haltung Paulus, der ein überzeugter Eschatologe war, nur konsequent. Trotz der späteren, durch die Faktizität herbeigebrachten Korrektur dieses Irrglaubens überlebte in der Kirchenlehre die paulinische Sexualitätsfeindlichkeit. Die in Paulus Nachfolge auftretenden ehelosen Kirchenväter und zölibatären Kleriker schrieben sie sich weiter auf ihre Fahnen.

Es ist evident, dass die frauen- und sexualitätsbezogene Lehre von Paulus auf die Theologie des jüdischen Tanach, nicht jedoch auf die des Nazareners zurückzuführen ist. Der uns inzwischen gut bekannte jüdische Denker Schalom Ben-Chorin bekräftigt diese Auffassung in seinem Buch über Paulus. Er vertritt nämlich die These, dass obwohl die griechische Sprache Paulus’ Muttersprache war, „wurzelt er in der judäischen und nicht in der griechischen Gedankenwelt“ (S. 14). Und: „In seiner Argumentation, in seiner Theologie, und insbesondere auch in seiner Christologie, seiner Lehre vom Messias, ist er jüdischer Theologe geblieben“ (S. 11). Und noch weiter: Paulus habe in seinen Predigten und Episteln immer wieder auf die Bibel Israels hingewiesen, und so müssten die Leute zur „Bibel Israels“ greifen. Ihre griechische Version, die Septuaginta „wurde durch die Glaubenspropaganda des Paulus zum Bestseller der antiken Welt“ (S. 176). Diese Auffassung von Ben-Chorin ist kompatibel mit dem, was uns ein anderer Israeli, der Welthistoriker Yuval Noah Harari im Abschnitt „Das Mitbringsel aus dem Orient …“ dieses Kapitels vermittelte: Als die beiden Welten, die griechische und die jüdische, aufeinanderprallten, errang die Bibel einen K.o.-Sieg. Die Griechen übernahmen die jüdische Sicht auf die Geschichte und nicht umgekehrt. Der „Bestseller aus dem Orient“ – das Alte Testament – siegte also dank Paulus auf der ganzen Linie. Und dieser Bestseller ist das Buch der gynäkophoben Tanach-Autoren. Aber nicht das des weitgehend gynäkophobiefreien Jesu von Nazareth. Er hat ja gar keins geschrieben.

Wie auch immer: Mit Paulus verließ die Gynäkophobie im Abendland ihren angestammten Platz innerhalb der Säkularität. Sie wurde sakralisiert.

Die kontaminierende Gottesmörderin und misslungene Männin

Die Geschichte von Eva habe das Christentum verstrahlt und damit die westliche Kultur bis ins Mark kontaminiert. Und keine Geschichte sei jemals toxischer für Frauen gewesen, haben Carel van Schaik und Kai Michel wie schon erwähnt festgestellt (2021a, S. 35 f.). Und wir haben dazu gesagt: Das ist primär das Werk des Paulus. Aber Paulus hatte Nachfolger, die dieses Werk vertieften und vollendeten. Und so entstand ein Drama für die christliche Frauenwelt. Dieses Drama bestand darin, dass die weitgehend gynäkophobiefreie Lehre Jesu bald nach seinem Tod von Paulus gynäkophobielastiger Lehre überschattet wurde. Kirchenväter machten seine Predigten zum kirchlichen Kanon. Das Resultat: Die Kirche etablierte sich als der mächtigste Gynäkophobie-Verstärker im Abendland. Oder wie Carel van Schaik und Kai Michel es ausdrücken (2021a, S. 601): „Die Kirche formierte sich als mächtigste und dauerhafteste Männerorganisation der Weltgeschichte.“ Diese mächtigste Männerorganisation der Weltgeschichte verschärfte und erweiterte jahrhundertelang die schon vorkirchlich auch im Abendland vorhandene, nicht geringe Benachteiligung der Frau. Die mit Paulus begonnene Sakralisierung der Gynäkophobie fand ihre Vollendung durch die Kleriker. Und damit hat man, um es mit den Worten des Theologieprofessors Hans Küng auszudrücken, die kirchlich gewünschte Unterordnung der Frau als göttliche Offenbarung und heilige Tradition wie selbstverständlich legitimiert.136

Allerdings entwickelte die Kirche nicht nur eine sakralisierte Gynäkophobie, sondern auch eine 2000 Jahre lang andauernde Ambivalenz gegenüber Frauen. Letztere kommt in der Benachteiligung und Unterwerfung der Frauen zum Ausdruck, bei gleichzeitiger Idealisierung von einzelnen Frauengestalten oder gar der Unterwerfung der Welt unter die Gnade einer Frau, einer Himmelskönigin. Als Symbolfiguren der Ambivalenz der Kirche gegenüber der Weiblichkeit kann man zwei Frauen der Bibel hervorheben: neben Eva auch Maria. Eva, die biblische Ur-Frau, als tiefstes und dunkelstes, tod- und versklavungsbringendes Konfliktkonstrukt, wird zum negativsten Extrem der kirchlichen frauenbezogenen Ambivalenz. Maria, die Mutter Jesu dagegen, wird die Lichtgestalt der Lichtgestalten, das höchste und hellste, lebens- und befreiungsbringende Projektionsobjekt und damit das positivste Extrem. Eva diente der etwa 3000-jährigen Versklavung der Frau – zuerst der jüdischen, dann auch der christlichen. Nicht nur als Projektionsfläche, sondern auch als Rechtfertigung. Und Maria, die Lichtgestalt der Lichtgestalten, hat ihre Geschlechtsgenossinnen von der Sklaverei der Androkratie nicht befreit.

Einer der wichtigsten postpaulinischen Architekten der Sakralisierung der Frauenbenachteiligung war Tertullian, der erste lateinische Kirchenschriftsteller und einflussreicher Kirchenvater des 2. und 3. Jahrhunderts. Er bezieht sich eindeutig auf Paulus. Zwei Begriffe aus der paulinischen Theologie spielen diesbezüglich eine wesentliche Rolle für ihn. Der eine betrifft die angebliche Beziehung zwischen gefallenen Engeln und Frauen, die wir schon im vorigen Abschnitt kennengelernt haben. Der andere bezieht sich auf die von Paulus in seinem 2. Brief an die Korinther (6, 16) eingeführte Bezeichnung für den menschlichen Körper als „Tempel Gottes“. Beides behandelt Tertullian ausführlich in seinem Werk „Über den weiblichen Putz“. Zur Beziehung zwischen gefallenen Engeln und Frauen bricht er eine Lanze für Enoch (der und Moses bzw. die Autoren der Tora waren die Erfinder der wollüstigen und deshalb gefallenen Engel, wie wir schon wissen). Er schreibt darüber vieles; zusätzlich zu dem, was uns im vorigen Abschnitt begegnet ist, auch Folgendes (Buch I, 2):* „… jene Engel, welche vom Himmel zu den Töchtern der Menschen herabsanken, so dass auch diese Schmach noch das Weib traf … [Sie, die gefallenen Engel,] haben im eigentlichen Sinne und gleichsam ganz speziell noch den Weibern die Mittel der weiblichen Prunksucht verschafft, die leuchtenden Steinchen, womit die Halsbänder in so verschiedener Weise geschmückt, die goldenen Spangen, womit die Arme beschwert, die Zusammensetzung der Schminke, womit die Wangen gefärbt und endlich auch noch das schwarze Pulver, womit die Grenzlinien über den Augen gezogen werden.“

Mit solchen Mitteln und Methoden, die sie von den gefallenen Engeln gelernt haben, könnten nach Tertullian die zeitgenössischen Frauen die Männer verführen, in ähnlicher Weise wie ihre Vorgängerinnen die Engel Gottes verführten. Mit dem Schminken und Schmücken ihres Körpers würden die Frauen Gott beleidigen. Gott habe nämlich mit dem menschlichen Körper einen vollkommenen Tempel geschaffen. Doch das Schminken und das Schmücken würde eine Infragestellung der Vollkommenheit dieses Gotteswerkes bedeuten. Frauen würden sich nur mit Hilfe des Teufels schminken und schmücken und somit Gott aus ihrem Körper und ihrer Seele vertreiben (so Tertullian, eigentlich in seinem ganzen Werk „Weiblicher Putz“, aber besonders deutlich im Buch II, 5). Jede Frau sei von Gott verdammt. Das macht der einflussreiche Kirchenvater schon im Eingangsabschnitt (Buch I, 1) mit drastischen Formulierungen über die Frauen klar: „In Schmerzen und Ängsten musst du gebären, oh Weib, zum Manne musst du dich halten, und er ist dein Herr. Und du wolltest nicht wissen, dass du eine Eva bist? Noch lebt die Strafsentenz Gottes über dein Geschlecht in dieser Welt fort; dann muss also auch deine Schuld noch fortleben. Du bist es, die dem Teufel Eingang verschafft hat, du hast das Siegel jenes Baumes gebrochen, du hast zuerst das göttliche Gesetz im Stich gelassen, du bist es auch, die denjenigen betört hat, dem der Teufel nicht zu nahen vermochte. So leicht hast du den Mann, das Ebenbild Gottes, zu Boden geworfen. Wegen deiner Schuld, d. h. um des Todes Willen, musste auch der Sohn Gottes sterben, und da kommt es dir noch in den Sinn, über deinen Rock von Fellen Schmucksachen anzulegen!? … Das alles ist nichts als ein Ballast für das verurteilte und geistig tote Weib und dient ihr gleichsam als Leichenpomp.“ Tertullian ist im lateinisch beeinflussten Christentum heute noch sehr präsent. Sogar die evangelische Kirche hat ihm einen Ehrenplatz in ihrem Namenskalender gegeben und ihm den 26. April gewidmet.

Allerdings schlossen manche anderen christlichen Gelehrten dieser Zeit trotz ihrer generell frauendiskriminierenden Haltung, die sie auf Genesis und Paulus zurückführten, doch eine Gleichwertigkeit der Frau mit dem Mann nicht grundsätzlich aus. So etwa der griechisch-christliche Philosoph Klemens von Alexandria (ca. 150–215 n. Chr.), der griechisches philosophisches Denken mit der christlichen Lehre zu versöhnen versuchte. Generell war er keineswegs frei von patriarchalen Einstellungen, Diskriminierendes für die Frau eingeschlossen. Er schreibt aber in seinen „Stromata“ (IV 59–60,1): „Dass also im Hinblick auf das Menschensein die Frau keine andere Natur hat als der Mann, das ist offensichtlich. Vielmehr haben sie die gleiche Natur, deshalb auch die gleiche Tugend.“137 Wie auch immer, solche Äußerungen blieben doch vereinzelte Stimmen. Der klerikale Chor stimmte von Anfang an ein ganz anderes Lied an. Die meisten christlichen Gelehrten waren in ihrer feindlichen Haltung gegenüber Sexualität radikal, ebenso wie in ihrer Überzeugung, dass Sünde und Verführung durch die Frau in die Welt komme. So zum Beispiel Origenes, der alexandrinische christliche Gelehrte (185–253 n. Chr.), der eine religiöse und sittliche Minderwertigkeit der Frau propagierte. „Lernen sollen die Frauen aus den Beispielen der Patriarchen*, lernen sollen die Frauen, ihren Männern zu folgen.138 Origenes habe sich selbst kastriert, um mit dem Evangelisten Matthäus konform zu gehen, heißt es. Matthäus schreibt (19, 12): „… manche haben sich selbst dazu (eheunfähig) gemachtum des Himmelreiches willen.“ Sexualität und somit auch die Frau sind demnach Hindernisse auf dem Weg zum Himmelreich.

Tertullian und Origenes standen am Beginn einer langen Reihe von Kirchenleuten, die jahrhundertelang Ähnliches vertraten, sich dabei meist auf Paulus und das Alte Testament berufend. Fast 1000 Jahre nach Tertullian, im Jahre 1140, systematisierte beispielsweise der Kirchenjurist Gratian aus Bologna das kirchliche Recht im Decretum, das in der katholischen Kirche großen Einfluss haben sollte.139 Die Kontrolle des Mannes über die Frau rechtfertigt er darin wie folgt: „Frauen sollen sich ihren Männern unterwerfen … Das Abbild Gottes findet sich im Mann. Frauen stammen vom Mann ab, der Gottes Kompetenzen hat, als wäre er dessen Vikar. […] Deshalb stammt die Frau nicht von Gott ab. […] Adam wurde von Eva verführt, nicht sie von ihm. Es ist richtig, dass er, den die Frau getäuscht hat, diese unter seiner Kontrolle hat, so dass er nicht ein zweites Mal einen Fehler durch den Leichtsinn der Frau begeht.“140 Man kann darin leicht die 1000 Jahre alten Thesen Tertullians erkennen sowie die fast wörtlichen Zitate aus Paulus Briefen, etwa an Timotheus.

Auffallend ist eine weitere Ähnlichkeit der Haltung der Kirchenlehrer zu Frauen mit der von Paulus: die Ambivalenz. Neben vernichtenden Urteilen gegen die Frauen findet man auch Thesen, die auf eine Gleichwertigkeit der Geschlechter hindeuten; freilich nicht auf diese Welt und keineswegs auf kirchliche Dinge bezogen, immerhin aber im Jenseits und gegenüber Gott. So etwa bei Augustinus im 4. Jahrhundert oder bei Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert. Letzterer aber lehrte auch: Der Mann sei „Prinzip und Ziel der Frau“, die Frau sei „ein Zufall, [ein] mangelhafter, misslungener Mann“.141 Somit bestätigte er die alte These: Die Frau als mangelhafte, misslungene Männin kann nicht gleichwertig und gleichberechtigt mit dem Mann sein – dem makellosen und gelungenen Ebenbild Gottes. Mit Augustinus hat sich in der christlichen Moralphilosophie die Verteidigung des höchsten Gutes des Mannes endgültig etabliert. Und das ist: Seine Abstammung direkt von Gott und ein Ebenbild Gottes zu sein – im Gegensatz zur Frau. Augustinus führte auch die Lehre von der „Erbsünde“ ein. Diese wurde einige Jahrhunderte später durch die Lehre von der „unbefleckten Empfängnis“ ergänzt und verstärkt. Aber darüber sprechen wir später.

Heilige Schriften sind nicht die Domäne der festen Beweise, sondern des beweisfremden Glaubens. Glauben und Glaube sind nicht die Domäne des Faktischen, sondern des Intersubjektiven. Das heißt, subjektive Vorstellungen, die sich der objektiven Beweisbarkeit entziehen, werden im Glauben von mehreren Menschen geteilt und so als Wahrheiten akzeptiert, obwohl es keinen Beweis für sie gibt. Religiöser Glaube ist eine solche Domäne intersubjektiver Wahrheiten. In diesem Sinne wird auch geglaubt, dass die Herrschaft des Mannes über die Frau gottgewollt und gottverordnet sei. Das wird nicht durch Fakten belegt, nicht hinterfragt, es wird nicht nach Beweisen gesucht. Die intersubjektiven Wahrheiten werden als die Wahrheit geglaubt. Die Herrscher der Heiligen Schriften gestalteten und instrumentalisierten die religiöse Intersubjektivität. Und sie verordneten auf diese Weise nicht nur die alten Glaubensinhalte, etwa dass Gott angeblich will, dass die Frau dem Manne untertan sei, sondern sie erfanden auch neue Inhalte und setzten sie durch, obwohl sie in der Bibel nicht einmal ansatzweise erwähnt sind.

Wie auch immer, mit den später ausführlich zu besprechenden Dogmata von der „Erbsünde“ und der „unbefleckten Empfängnis“ setzten die Kirchenväter zwei weitere frauenbenachteiligende Prozesse in Gang, wie wir anschließend sehen werden. Der erste ist die Dämonisierung der Frau. Der zweite die Entfeminisierung der Femina.

Eine Frau namens Adam – Dämonisierungsdrama, erster Akt

Die Existenz von Dämonen wurde zwar nie bewiesen, sie sind dennoch die gefährlichste, die böseste, ja die genuinste Bedrohung in der kollektiven intersubjektiven Wirklichkeit der Menschheit. Infolgedessen sind sie auch die Meister der Angsterzeugung. Kein Wunder also, dass die Androkratien die befürchtete Gefahr, die Frau, dämonisieren. Das erzeugt intensive Angst, und das wiederum intensive Abwehr – schon beginnend mit der ersten Frau des biblischen Schöpfungsmythos. Das war Eva, wie wir alle wissen. Eva? Wie wir wissen? Aber wissen wir das wirklich so genau? Sind wir uns sicher, dass tatsächlich Eva die erste Frau der biblischen Schöpfung war? Wir wären gewiss sicher und wahrscheinlich wüssten wir es genauer, wenn sich die Bibel zu diesem Punkt nicht so unsicher und ungenau äußern würde. Manche fühlen sich dadurch verwirrt. So etwa durch zwei dicht aufeinanderfolgende Stellen der Genesis.

Gott habe zuerst alle Tiere erschaffen und erst dann auch den Menschen. „Und Gott sprach: Wir wollen den Menschen machen nach unserem Bild und nach Ähnlichkeit […]. Und Gott machte den Menschen. Nach dem Bild Gottes machte er ihn, männlich und weiblich machte er sie. Und Gott segnete sie …“ (Gen. 1, 26–28).

Also machte Gott „den Menschen“ „männlich und weiblich“ und beide „nach dem Bild Gottes“. Mann und Frau wurden demnach gleichzeitig erschaffen. Nicht erst der Mann und später die Frau, und vor allem nicht die Frau sozusagen als Nebenprodukt des männlichen Körpers. Und beide hat er „nach dem Bild Gottes“ erschaffen. Nicht nur den Mann. Eindeutig ist an dieser Stelle der Genesis der Plural verwendet, „männlich und weiblich machte er sie“. Aus der ersten Version der Schöpfung des Menschen ist also zu schlussfolgern: Frau und Mann sind gleichwertig. Das ist deutlich anders als das, was Paulus, Tertullian und das Gros der Kirchenväter vertreten – denken Sie an die vorherigen Abschnitte. Aber dann, im unmittelbar darauffolgenden Kapitel der Genesis, wird noch einmal von der Erschaffung des Menschen berichtet – doch nun in einer anderen Version:

Nach dieser Version also entstand der Mann vor den Tieren, die Frau aber erst nach den Tieren. Als Beistand für den Mann. Der Mann wird aus Erde geformt und dazu auch die Tiere. Die Frau aber aus den Knochen und dem Fleisch des Mannes. Ohne Mann keine Frau – so interpretierte und predigte es unter anderem auch Paulus, etwa in seinem 1. Brief an die Korinther, so wie wir ihn im Abschnitt „Missverständnisse …“ dieses Kapitels mitgelesen haben. Die konträren Konsequenzen daraus für Mann und Frau sind leicht zu erahnen.

Wozu die Doppelversion der Menschenschöpfung? Verwirrend, nicht wahr? Nicht wenig verwirrend sind auch der Name Adam und die Pluralform, in der Gott spricht. Adam bedeutet „der Mensch“. Bibelforscher berichten uns, dass in den biblischen Texten der Name Adam 539-mal als Sammelbegriff für „Mensch“ und nur weniger als ein Dutzend Mal als Eigenname verwendet wird, so etwa der französische Publizist Jacques Duquesne in seinem Buch „Der Gott Jesu“ (S. 128). Und so können wir auch verstehen, warum in dem Abschnitt der Bibel, der von der Entstehung der Menschen erzählt (Gen., 5,1–2), Folgendes steht: „Dies ist das Buch der Entstehung der Menschen. An dem Tag, an dem Gott Adam machte, machte er ihn nach dem Bild Gottes; männlich und weiblich machte er sie und er segnete sie. Und er gab ihnen den Namen Adam an dem Tag, an dem er sie machte.“ Wieder in Pluralform und wieder „männlich und weiblich machte er sie […] und er gab ihnen den Namen Adam“. Gott gab „ihnen“ den Namen Adam, und zwar „an dem Tag, an dem er sie machte“. So steht es in der Bibel, in Bezug auf Adam, den Menschen. Nicht nur in Bezug auf Adam, den Mann. Die Gleichwertigkeit von Frau und Mann kann also als alttestamentarisch verbrieft gelten – zumindest an dieser Stelle.

Tatsache ist aber auch, dass sich die Tanach-Theologen und ihre Nachfolger, wie etwa Paulus, für die Version der Ungleichwertigkeit und für den Singular entschieden haben. Für die Version also der Abstammung des Mannes von Gott, der Frau vom Mann, und zwar in der Rolle der „Gehilfin“, der „Hilfe“, des „Beistandes“ – je nach Übersetzung des biblischen Originals ins Deutsche. Die Version der theogenen Abstammung des Mannes und der androgenen Abstammung der Frau – der Mann von Gott, die Frau vom Mann – setzte sich durch. Und damit auch die Version, dass die Frau bloß als Gehilfin des Mannes erschaffen sei und nicht als autonome selbstbewusste Persönlichkeit, als ein Adam also, genauso wie der Mann. Somit verschwand die vorher vernommene Botschaft – Frau und Mann sind gleichwertig. Stattdessen hat sich die Überzeugung durchgesetzt: Frau und Mann sind nicht gleichwertig. Dies vermittelt uns die Genesis. Aber genauso, wie sie uns einige Zeilen vorher das Gegenteil angedeutet hat. Und sie vermittelt uns auch das, was Paulus uns suggeriert, etwa in seinem 1. Brief an die Korinther (11, 7–10): Die Frau wurde für den Mann geschaffen.

Doch was geschah mit der ersten Version der biblischen Schöpfungsgeschichte des Menschen, die von der Gleichwertigkeit von Frau und Mann? Konkreter gefragt: Was ist aus dieser ersten, gleichwertigen Frau geworden?

Die Entstehung der Nachtdämonin – Dämonisierungsdrama, zweiter Akt

Die erste Frau der Schöpfung, die gleichwertige und gleichberechtigte, ist einfach verschwunden. Aus der Bibel verschwunden. Die Frau aber, die als „Gehilfin“ des Mannes erschaffen wurde, ist quicklebendig, mittlerweile ist sie einige tausend Jahre alt und noch überall anzutreffen: in Religion und Kultur, in der Mythenwelt und in der Namensgebung – unzählige Frauen tragen ihren Namen: Eva. Die Diskrepanz zwischen den beiden biblischen Schöpfungsversionen ist jedoch nicht verschwunden. Aber wurde jemals versucht, diesen Widerspruch aufzuklären? Ja, es wurde versucht. Die Bibel selbst schweigt freilich darüber, aus welchen Gründen auch immer. Aber jüdische Mystiker und Kabbalisten – das sind die Anhänger der Kabbala, der jüdischen mystisch-gnostischen und esoterischtheologischen Richtung – fanden eine kreative, wenn auch nicht authentische Erklärung: Sie übernahmen und adaptierten einfach einen mesopotamischen Mythos. Und sie berichten uns Folgendes:

Und so wurde die biblische Diskrepanz von den jüdischen Mystikern erklärt. Und die erste Frau der Schöpfung, die gleichwertige und selbstbewusste, zur Nachtdämonin. An der Lilith-Legende scheiden sich aber bis heute die Geister. Die einen beurteilen Lilith als provokativ, unabhängig, emanzipiert, geheimnisvoll, verführerisch, geistesbegabt, hochfliegend. Sie sei eine „große matriarchale Göttin143 gewesen. Die anderen sehen in ihr nur die böse Nachtdämonin. Schon die Thesen zur Etymologie des mesopotamischen Namens zeigen Spaltung: Die einen leiten den Namen von gemeinsamen Wortwurzeln mit Lotus ab – dem Symbol weiblicher Macht, spiritueller Reinheit und orientalischer Gottheiten. Die anderen bringen ihn in Verbindung mit Wörtern, die Sturm, Wind, Nachtdämon, Nachtgespenst, Dunkelheit bedeuten.144 Auf jeden Fall haben wir es auch beim Lilith-Mythos mit einer Dämonisierung der Frau zu tun, jedoch anders als bei Eva. Interessanterweise wird die Frau, die die Männer der Mystik der alten Zeit zur Nachtdämonin erklärt haben, von den Souveränitätsfrauen der neuen Zeit verehrt. Wie anders ist es sonst zu erklären, dass heutzutage Hymnologien über Lilith geschrieben werden, dass Psychiater einen Lilith-Komplex beschreiben und dass manche Frauenberatungsstellen (z. B. „Frauen beraten Frauen“) seit Beginn der Neunzigerjahre des 20. Jahrhunderts den Namen „Lilith“* tragen?145

Unterwerfung der Adam, Herrschaft des Adam – Dämonisierungsdrama, dritter Akt

Ob Lilith oder Eva, die Dämonisierung der Frau begann also schon mit ihrer Schöpfung. Übrigens, den Namen „Eva“ bekam die Frau vom Mann, nicht von Gott (Gen. 3,20). Noch einmal zur Erinnerung: Gott nannte die beiden, Mann und Frau, mit ein und demselben Namen: Adam – was, wie wir schon wissen, „der Mensch“ bedeutet. Und das ist von Bedeutung. Der Schöpfer des Menschen hat also auch seine weibliche Schöpfung Adam genannt. Doch die Menschen nennen die Frau mit dem Namen, den ihr der Mann gegeben hat. Das ist der Name Eva, die hellenisierte Form ihres hebräischen Namens „Chavvah“, der „das Leben“, „die Lebensspenderin bzw. „die Mutter der Lebendigen“ bedeutet. Deshalb wird übrigens in der Septuaginta der Name „Eva“ abwechseln mit „Zoë“ verwendet, (griechisch für „das Leben“, Gen. 3,20).

Wie auch immer, ihr schöner Name schützt Eva – die Zoë, das Leben, die Mutter der Lebendigen – nicht vor der Dämonisierung. Es beginnt mit dem Vorwurf, dass sie die erste Sünderin im Paradies gewesen sei und die Sünde in die Welt gebracht habe. Sie habe unsere Vertreibung aus dem Paradies zu verantworten und uns damit zum Leben in einer elenden Welt verurteilt, voll des Schmerzes, des Schweißes und der Tränen. Und obendrein sei Eva diejenige, die „den Mann, das Ebenbild Gottes, zu Boden geworfen“ habe. Und wegen ihrer Schuld „musste auch der Sohn Gottes sterben“, hat Kirchenvater Tertullian uns schon in im Abschnitt „Die kontaminierende Gottesmörderin …“ in diesem Kapitel bestätigt. Schwerwiegende Anschuldigungen. All dies wird von dem bekannten Gottesurteil abgeleitet, so wie es uns im 2. und 3. Kapitel der Genesis erzählt wird. Ich weiß, all das ist uns seit langem bekannt; zur Erinnerung aber hier noch einmal kurz zusammengefasst:

Das war der biblische Beginn der – angeblich – gottverordneten Androkratie. Der Beginn der Herrschaft des Mannes über die Frau mit dem Segen Gottes. Und der Beginn des religionsverursachten Leidensweges der Frau durch die Millennien. So sagt es freilich keineswegs die Paläoanthropologie, sondern die Bibel. Und der gehorchen Millionen und Abermillionen von Menschen – seit Jahrtausenden.

Wie es auch sein mag, nicht nur der weibliche, sondern auch der männliche Adam wird von Gott bestraft. Seine Begründung: „Weil du auf die Stimme deiner Frau gehört hast“ (Gen. 3, 17). Die Strafe für den Mann (neben manchen anderen) heißt bekanntlich: „Im Schweiße deines Angesichts wirst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zur Erde, aus der du genommen wurdest; denn Erde bist du und zur Erde wirst du zurückkehren“ (Gen. 3, 19). Aber der Mann bleibt trotzdem der Herrscher über die Frau. So verliert der Mensch das Paradies und nebenbei die Unsterblichkeit. Ihr werdet „des Todes sterben“ (Gen. 2, 17) war ja auch Teil der Strafe. Und schuld daran soll die Frau sein. Einige Zeit nach der Verbannung aus dem Paradies verschwinden Adam und Eva weitgehend aus dem Alten Testament. Mit einer winzigen Ausnahme: in dem umstrittenen alttestamentarischen „Buch Sirach“ aus dem 2. oder 1. vorchristlichen Jahrhundert. Dort tauchen beide sehr kurz auf. Adam als Person, Eva als Andeutung. „Über jedem Lebewesen in der Schöpfung steht Adam“ bzw. abhängig von der jeweiligen Übersetzung etwa „doch alle Menschen übertrifft an Ruhm Adam“ (Sir. 49, 16).

Während Adam in einem lobenden Abschnitt des Buches auftaucht, wird Eva in einer Passage des Buches erwähnt, in der die Boshaftigkeit des weiblichen Geschlechts und das Unheil, das durch die verschiedenen Verhaltensweisen der Frauen in die Welt gebracht wurde, beschrieben ist – so die Bochumer Theologieprofessorin Beate Ego (S. 29 f.). Nicht einmal mit ihrem Namen, sondern nur als Andeutung: „Die erste Sünde kam von einer Frau, und alle müssen wir um ihretwillen sterben“, bzw., je nach Übersetzung, „Von einer Frau (kommt der) Anfang der Sünde und durch sie sterben wir alle“ (Sir. 25, 24). Kein anderer schert sich mehr im Alten Testament um Eva. Doch wir erleben ihre Auferstehung im Christentum mit obsessiver Wucht. Nicht etwa durch Jesus, sondern durch Paulus und die Kirchenväter, wie wir schon aus dem Abschnitt „Missverständnisse um einen ambivalenten …“ dieses Kapitels wissen.

Nun, hat denn die Kirche tatsächlich die Dämonisierung der Frau initiiert und instrumentalisiert, wie das bis jetzt Dargestellte vermuten lässt? Die Kirche hat Gegenargumente, die solche Anschuldigungen entkräften sollen. Sie präsentiert uns dafür eine Frau, die uns überwiegend mit ihrem hellenisierten Namen Maria und viel seltener mit ihrem eigentlichen jüdischen Namen Mirjam begegnet. Diese Frau ist für die Kirche die höchstverehrte Königin des Himmels. Und nicht nur das: Die Kirche hat zahlreiche Ordensfrauen heilig oder selig gesprochen und ihnen mit Gotteshäusern, Gedenktagen, Reliquien und Ikonen zahlreiche Ehrendenkmäler gesetzt. Maria ist unangefochten die Krönung: Die Kirche machte sie zur Mutter Gottes und lässt sie „mit Leib und Seele“ im Himmel thronen. Eine höhere Ehre für einen Menschen kann es wohl nicht geben.

Sind all das denn nicht schlagende Argumente gegen den Vorwurf, die Kirche sei gynäkophob und frauendiskriminierend?

Leider nicht.

Der lange Weg der Entfernung

Das Beispiel Maria als Ikone einer Frauenverehrung birgt leider mehrere Tücken in sich. Und es ist auch ein eindeutiges Beispiel dafür, wie die Verehrung der Einen mit der Diskriminierung von Vielen einhergehen kann. Die Verehrung Marias befindet sich auf einem Kontinuum, das mit Marginalität beginnt und in Apotheose endet. „Die berühmteste Frau der Geschichte der Menschheit trat aus dem Dunkel, dem Unbekannten hervor.“ So beginnt der französische Autor Jacques Duquesne sein Buch „Maria, die Mutter Jesu“. In der Tat, die Bibel selbst sagt kein Wort darüber, woher diese wichtigste Frau des Christentums kam und wer sie war. Fast alles, was über Marias Herkunft, ihre Familien- und Lebensgeschichte verbreitet ist, kommt nicht aus der Heiligen Schrift, sondern aus den Apokryphen – den von der Kirche verbotenen, verbannten und verdammten Evangelien. Insbesondere im vermutlich am Ende des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts in griechischer Sprache verfassten „Protevangelium des Jakobus“* wird ausführlich über Maria berichtet.146 Allerdings ist sich das Expertentum sicher, dass die sogenannten Protevangelien nicht die geringste historische oder biografische Bedeutung haben, so etwa der Marien-Forscher Schalom Ben-Chorin in seinem Buch „Mutter Mirjam“ (S. 18). Offensichtlich war es die Absicht des Autors bzw. der Autoren des Jakobus-Protevangeliums, mit dieser Schrift ein Problem aus der Welt zu schaffen, welches die kanonischen Evangelien verursacht hatten. Letztere berichten nämlich, dass Maria außer Jesus noch Mutter von vier weiteren Söhnen, namentlich genannt, und einer unbekannten Anzahl von Töchtern war (Mk. 3, 31 f., Mt. 7, 3–5 und 13, 55 f., Joh. 2, 12). Spätere Frühchristen befürchteten wohl, dass das nicht konform mit der jungfräulichen Empfängnis und Geburt Jesu wäre. Die Evangelisten machen sich nicht die Mühe, uns zu erklären, woher die Brüder und Schwestern von Jesus stammten – für sie war es offensichtlich nicht relevant. Und so durfte das Jakobus-Apokryphon, vermutlich etwa 200 Jahre nach Jesu Geburt geschrieben, behaupten, dass sie Kinder Josefs aus einer vorherigen Ehe gewesen seien. Insofern klingt der Satz des Papstes Benedikt XVI. in seinem Buch „Jesus von Nazareth“, mit dem er die letzten Worte Jesu an seine Mutter kommentiert, als ob er sich auf ein Apokryphon, aber nicht auf die von der Kirche anerkannten Evangelien stützt: „Er ist der einzige Sohn seiner Mutter, die nach seinem Tode allein in der Welt stehen würde“ (Bd. II, S. 244).

Wie auch immer, es bleibt der Eindruck, dass die Stellung Marias in den Evangelien mehr oder weniger marginal ist. Eine Ausnahme gibt es doch. Die liefert uns das Lukas-Evangelium, und sie springt ins Auge. Es handelt sich um den lyrischen Dialog zwischen zwei Schwangeren: der zwischen Elisabeth, die mit dem späteren Johannes dem Täufer schwanger war, und der mit Jesus schwangeren Maria. Dieser Dialog gipfelte in dem berühmten Magnifikat (Lk. 1,39–55). Fast jeder Vers des Magnifikats ist jedoch ein Zitat, original oder abgewandelt, aus den unterschiedlichsten Quellen des Tanach.147 Allerdings, so meinen Bibelexperten und -expertinnen, sei es schwer vorstellbar, dass das einfache Mädchen aus einem galiläischen Dorf, vermutlich Analphabetin wie fast alle Frauen der judäischen Provinz, eine Tanach-Expertin gewesen sei. Folgerichtig sei das Magnifikat wohl von Tanach-kundigen Christen irgendwann in das Evangelium eingefügt worden.148

Einigkeit gibt es darüber, dass die kanonischen Evangelien ein sehr bescheidenes Bild von Maria vermitteln. Im 5. Jahrhundert änderte sich dann der Stellenwert Marias: Sie wurde zur „Theotókos“ erklärt, zur „Gottesgebärin“, wie das griechische Wort „Theotókos“ zu übersetzen ist. Damit beginnt auch ihre unaufhaltsame Apotheose. Dies geschah während des Konzils von Ephesos, im Jahr 431. Offensichtlich stört es nicht, dass die Mehrheit dafür im Konzil mit fragwürdigen Methoden zustande gekommen sein soll. Marias neuer Status liegt völlig fern vom Inhalt der Bibel, wie der kritische Theologe Hans Küng in seinem Buch „Die Frau im Christentum“ bemerkt (S. 69). Die „Magd des Herrn“ wurde zur „Gebärerin Gottes“ bzw. zur „Mutter Gottes“ befördert, etwas, was „das ganze christliche Volk mit jubelnder Freude aufgenommen hat …“, frohlockt noch anderthalb Jahrtausende danach, im Jahre 1981 am Jubiläumstag des Konzils, der begeisterte Marien-Verehrer Papst Johannes Paul II.149

Doch das stimmt nicht ganz. Richtig ist vielmehr, dass Marias neuer Status die christliche Welt blutig spaltete: Urheber der Theotókos-Apotheose war Kyrill – Patriarch, Kirchenvater, Kirchenlehrer und späterer Heiliger, von dessen mörderischer Rolle bei den furchtbaren Pogromen gegen Juden und der Massakrierung der Philosophin Hypatia wir im Abschnitt „Von Mentorenparadoxien …“ des 6. Kapitels erfahren haben. Vor dem Ephesos-Konzil und den nachfolgenden Konzilen von Chalkedon und Konstantinopel, die den Theotókos-Beschluss bestätigten, fanden heftige, manchmal blutige Auseinandersetzungen um die Frage statt, welchen Status Maria eigentlich habe: Christotókos (Gebärerin Christi) oder Theotókos (Gebärerin Gottes)? Die Christotókos-Fraktion, angeführt von Nestorios, Patriarch von Konstantinopel, vertrat die Auffassung, dass Maria als Mensch keinen Gott gebären konnte, sondern nur den menschlichen Teil Christi. Nach dem Sieg aber der Kyrill-Anhänger wurde Nestorios, der Anführer der Christotókos-Fraktion, entthront und exkommuniziert; seine Anhänger wurden blutig verfolgt.150 Damit trat Maria als Gebärerin Gottes zwar aus der Marginalität heraus, die ihr die Evangelien zugewiesen hatten; sie wurde von den Kirchenmännern aber so hochgehoben, dass sie von ihren Geschlechtsgenossinnen Lichtjahre weit entfernt war. Und sich im Verlauf der Jahrhunderte weiter entfernte. Etwa durch das Dogma von der „Erbsünde“.

Als Erbsünde versteht die katholische Kirche die von Generation zu Generation an jedes menschliche Wesen übertragene Ur-Sünde, begangen von Eva und durch sie auch von Adam. In einer abgewandelten Form behält auch die evangelische Kirche das Prinzip der Erbsünde bei; auch sie erkennt deren Ursprung „in der Urgeschichte vom Sündenfall“ – so lehrt uns etwa der „Evangelische Erwachsenenkatechismus“ (S. 271).

Der eigentliche Urheber der Idee der Erbsünde war Augustinus, der sich wiederum auf Paulus berief. Nach Augustinus geschieht die Übertragung der Erbsünde mit dem Geschlechtsakt, d. h., jeder Mensch ist sofort mit seiner Empfängnis ein Sünder.151 Damit wagten Augustinus und die Kirche etwas zu behaupten, was Jesus so nie gesagt hat. Jesus hat niemals von Erbsünde gesprochen; das bringt mit einer gewissen Verwunderung stellvertretend für viele von uns etwa Jacques Duquesne in „Der Gott Jesu“ zum Ausdruck (S. 129 f.). Aber Augustinus ließ sich diesbezüglich nicht von Jesus, sondern von Paulus inspirieren. Eine wohl falsche Inspiration, die durch eine falsche Übersetzung entstanden sein soll – so wie die Jungfräulichkeit der Mutter Jesu aus einer falschen Übersetzung abgeleitet ist. Die Übersetzer des Tanach ins Griechische haben nämlich das hebräische Wort für „junge Frau“ mit „Parthénos“ übersetzt, was „Jungfrau“, aber nicht „junge Frau“ bedeutet, versichern uns die des Althebräischen mächtigen Gelehrten; darunter auch Sharon Ben-Chorin in „Bruder Jesus“ (S. 35) und in „Mutter Mirjam“ (S. 15). Offensichtlich übersetzte auch Augustinus zwei winzige griechische Wörter falsch ins Lateinische, und zwar aus dem entscheidenden Satz von Paulus (Röm. 5, 12), so Hans Küng in seinem Buch „Die Frau im Christentum“ (S. 45 f.). Es war die Formulierung „eph’ ó“, die im Kontext „weil“ bedeutet. In deutschen Übersetzungen des Neuen Testaments wird Paulus Satz gewöhnlich wie folgt übersetzt: „Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod, und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten.“ Augustinus aber übersetzte die genannten griechischen Worte „eph’ ó“ mit „in ihm“ und bezog das auf Adam. So schlussfolgerte er, es gebe nicht nur eine Ur-Sünde Adams, sondern eine von diesem weitergegebene „Erb-Sünde“. Sie sei „der Grund, warum jeder Mensch, schon der Säugling, an Leib und Seele vergiftet“ sei. Damit verbindet Augustinus „diese Übertragung der ‚Erb-Sünde‘ mit dem Geschlechtsakt“ (S. 46). Dieses Konstrukt der Erbsünde sei das Ergebnis der ganz persönlichen Erfahrungen mit der Macht der Sexualität, die Augustinus gemacht habe, stellt Hans Küng an anderer Stelle fest („Das Christentum“, S. 348). Augustinus habe die Sexualität ausführlich genossen, bevor er sie verdammte.

Interessanterweise kennt die orthodoxe Kirche, die ihre Lehre nur auf das griechische Original stützt, keine Erbsünde, sondern eine „Sünde der Ur-Ahnen“ (propatorikón amártema).152 Wie auch immer, die Erbsünde bescherte der katholischen Christenheit ein großes Problem: Wäre denn dann die Erbsünde nicht auch auf Marias Sohn übertragen worden? Sie war ja ein Mensch, er aber ein Gott. Wie wäre es dann mit der erblichen Übertragung der Sünde? Wäre die kompatibel mit dem göttlichen Wesen Jesu? Um aus diesem Dilemma herauszukommen, half eine neue Lehre aus dem 14. Jahrhundert, nämlich die des berühmt-berüchtigten schottischen Franziskaners Johannes Duns Scotus. Er fügte Ansichten, die schon früher in der katholischen Kirche kursierten, in einem theologischen Konzept zusammen – dem von „Marias unbefleckter Empfängnis“. Es bedeutet in kurzen Worten: Maria war frei von der Erbsünde durch eine „Voraus-Erlösung“. Das heißt, dass Gott Maria bereits im Voraus vom Schicksal der gesamten Menschheit ausgenommen und von der Erbsünde erlöst hat, bevor der Gottessohn von ihr geboren wurde und als Erlöser in die Welt kam.153

Die Ansichten aus Schottland wurden vom Konzil von Trient (1545–1563) gebilligt. Im Jahr 1854 erhob Papst Pius IX. die unbefleckte Empfängnis Marias zum kirchlichen Dogma. Übrigens war dieser Pius IX. derjenige, der den Katholiken auch das Primat und die Unfehlbarkeit des Papstes aufoktroyierte.154 Die Unfehlbarkeit des Papstes in Sachen „unbefleckte Empfängnis“ fand vier Jahre später, im Jahr 1858, ihre Bestätigung von höchster und authentischster Stelle: von Maria selbst. Als sie nämlich in Lourdes der 14-jährigen Bernadette Soubirous erschienen sein soll, habe sie sich ihr mit den Worten vorgestellt „Ich bin die unbefleckte Empfängnis“. Was für eine Bestätigung für die Richtigkeit des neuen Dogmas und die Unfehlbarkeit des Papstes. Und was für ein Logik- und Sprachunsinn: Die unbefleckte Empfängnis ist schließlich keine Person. Für die, die daran glauben, ist sie ein Status, ein Zustand, eine Vorstellung, ein Glaube. Aber keine „Ich bin die“ kann man mit Verwunderung anmerken, so wie es neben vielen anderen auch Jacques Duquesne in „Maria“ tut (S. 182).

Übrigens hat Papst Johannes Paul II. den Urheber der Lehre von der unbefleckten Empfängnis, Johannes Duns Scotus, im Jahre 1992 seliggesprochen. Derselbe Papst erklärte am 9. Juli 1996 Folgendes: „Die Bezeichnung Marias als ,heilig, immer jungfräulich, unbefleckt‘ lenkt die Aufmerksamkeit auf die Verbindung zwischen Heiligkeit und Jungfräulichkeit.“155 Wie schwierig, wenn nicht unmöglich es demnach für Nicht-Jungfrauen ist, den Status der Heiligkeit zu erreichen, kann man leicht nachvollziehen. Dieser Papst war konsequent. Er folgte auch diesbezüglich einfach dem Ur-Missionar Paulus. Erinnern Sie sich, was der uns im Abschnitt „Missverständnisse um einen ambivalenten Gynäkophobiker“ in diesem Kapitel hinterlassen hat? Die Leiber der Jungfrauen würden Gott wohlgefallen, soll Paulus gesagt haben. Der Papst sagte 2000 Jahre später letzten Endes nichts anderes. Die Kombination von Jungfräulichkeit mit unbefleckter Empfängnis verschaffte Maria den vorläufig höchstmöglichen Sonderstatus auf Erden, den keine andere Frau aus Fleisch und Blut je erreichen kann. Dies bleibt nur einem hypermenschlichen, entfeminisierten Wesen vorbehalten, das nicht mehr Geschlechtsgenossin der Frauen dieser Welt ist. Und so vergrößerte sich die Distanz zwischen den real existierenden Frauen im Männlichkeitsreich und ihrer ehemaligen Geschlechtsgenossin im Himmelreich. Und die Frauen auf Erden tragen weiter Gottes Urteil und Evas Strafe: als Befleckte dem ebenfalls befleckten Manne unterworfen zu sein. Trotz Maria.

Eine atemberaubende Vollendung der Erhebung Marias folgte noch: Der erwähnte vorläufig höchstmögliche Sonderstatus Marias wurde mit dem endgültig allerhöchsten ergänzt. Dies geschah sogar im fortgeschrittenen fortschrittlichen 20. Jahrhundert. Papst Pius XII. verkündete nämlich am 1. November 1950 auf dem Höhepunkt des damals ausgerufenen „Marianischen Zeitalters“: „Maria wurde mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen.“156 Marias leibliche Aufnahme in den Himmel war das neue Dogma. Damit gilt für Maria nicht das, was für alle Menschen seit Anbeginn der Menschwerdung gilt: die Conditio humana. Maria wurde damit von der Kirche nicht nur entfeminisiert, sondern vollständig enthumanisiert. Wie wir aus dem Abschnitt „Der Weg der Conditio humana“ des 3. Kapitels wissen, bezeichnet der Begriff die dem Menschen eigene Grundverfassung und die Bedingungen und Aspekte des Menschseins, die für alle Menschen und für alle Zeiten gelten.157 Für Maria würden sie aber nicht gelten. Dadurch war die Trennung zwischen ihr und den irdischen Frauen endgültig und unüberbrückbar vollzogen.

Die Kirche verehrt doch auch viele Frauen als Heilige, Selige, Mystikerinnen. Keine Frauendiskriminierung also? Leider ist in einer miniaturisierten Form die Marien-Prozedur mit den daraus resultierenden Folgen auch bei der Verehrung von Mystikerinnen sowie heilig und selig gesprochenen Frauen zu beobachten. Eine der mittelbaren Folgen davon ist die Diskriminierung der Frauen, die nicht dazugehören, und das ist die ganz große Mehrheit. Der psychologische Mechanismus, der dazu führt, ist dem vorher beschriebenen Marien-Effekt sehr ähnlich. Alle diese Ausnahme-Kirchenfrauen erfahren nämlich eine Erhebung über die gewöhnlichen Frauen, eine Abgrenzung von den Nicht-Heiligen, Nicht-Seligen, Nicht-Mystikerinnen – von den gewöhnlichen Evas. Es ist eine Erhebung und Abgrenzung, die das Schicksal fast aller ihrer Geschlechtsgenossinnen nicht leichter macht. Die christlichen Frauen müssen im Diesseits weiter unter Evas Fluch leiden und auf das Jenseits hoffen. Was Claudia Opitz, Frauenhistorikerin an der Universität Hamburg, für die Zeit zwischen dem 5. und 15. Jahrhundert konstatiert, gilt wohl weitgehend auch für die Zeit danach, bis lange nach der Aufklärungszeit: Die Strafe für Frauen bei Verletzung der von klerikalen Männern erdachten und formulierten Verhaltensmuster folgt auf dem Fuße, schreibt sie, „spätestens aber im Jenseits“, obgleich „durchaus die Überzeugung vorherrschte, dass sich im Jenseits die Ungleichwertigkeit von Männern und Frauen auflösen würde und die weiblichen Seelen ganz ebenso zum himmlischen Vater aufsteigen könnten wie die männlichen“ (S. 526). Es war vor allem diese Überzeugung, die die Frauen der Christenheit auf Erlösung im Jenseits als Mittel der Befreiung aus ihrer geschlechtsgebundenen Unterwerfung auf der Erde hoffen ließ (ebd.). Solange aber durfte im Diesseits gelten: Je höher die Verehrung Marias und der anderen weiblichen Heiligen und Seligen ist, desto leichter die Diskriminierung all der anderen Frauen, die nicht heilig und nicht selig sind. Wie auch immer, weder Maria noch die heiligen und seligen Frauen halfen ihren Geschlechtsgenossinnen im Diesseits. Auch nicht, als diese verteufelt wurden. Sie retteten sie nicht einmal vor dem Scheiterhaufen.

Der Gipfel der Frauen-Verteufelung war das Verbrennen der Verteufelten

Verbrennungen und sonstige Hinrichtungen Abertausender von Frauen fanden gleichzeitig mit der Verehrung von einigen wenigen heiligen Frauen und der himmlischen Vergötterung Marias statt. Der Hinweis auf die Verbrennung gilt – leicht erkennbar – der Hexenverfolgung zwischen dem 15. und dem Ende des 17. Jahrhunderts, vor allem in Zentral- und Nordeuropa. Deren Hauptopfer waren Frauen. Spitzenreiter bei der Hexenverfolgung war gemessen an seiner Einwohnerzahl Schottland. Dort sollen fünfmal mehr Menschen wegen Hexerei hingerichtet worden sein als anderswo in Europa. Fast ausschließlich Frauen. Man sagte ihnen nach, dass sie mit dem Teufel getanzt oder sich in Eulen und andere Tiere verwandelt hätten, und manches andere Unglaubliche. Dies ermöglichte fast zwei Jahrhunderte lang (von 1563 bis 1736) ein „Hexereigesetz“. Erst Jahrhunderte später, im Jahr 2022, entschuldigte sich die schottische Regierung für das „Unrecht kolossalen Ausmaßes“. Die damalige Regierungschefin Nicola Sturgeon sagte dazu: „Zu einer Zeit, als Frauen nicht mal im Gerichtssaal als Zeuginnen sprechen durften, wurden sie beschuldigt und getötet, weil sie arm, anders, verletzlich und oftmals einfach nur Frauen waren.“158 Ja, einfach nur, weil sie Frauen waren.

Sicherlich, die Gründe, die zu diesen unsagbaren und fortwährenden Verbrechen der katholischen, aber auch der evangelischen Christenheit geführt haben, waren vielfältig. Und sie lagen nicht nur bei der Kirche. Aber Kirchenhierarchie und Kirchenvolk haben eine wesentliche Rolle dabei gespielt, wie etwa der kritische katholische Theologieprofessor Hans Küng darlegt.159 Die Hexenverbrennungen stellen den blutigsten und feurigsten Irrsinn gegen Menschen dar, der zwar nicht ausschließlich, aber vorwiegend durch eine religiöse Gynäkophobie motiviert war. Es wird von Hexenwahn gesprochen. Aber nicht die Frauen, die „Hexen“, litten an Wahn. Die Kirche und die ihr verbundene Obrigkeit waren diejenigen, die den Wahn hatten. Es war eine bis zum Wahn gesteigerte Phobie – die höchstmögliche Steigerung der kirchlichen und weltlichen Angst vor den Frauen. Gewiss waren nicht nur Frauen Opfer dieses Wahnsinns, aber sie waren die meisten – etwa 80 bis 90 Prozent.160

Der größte Teil der Christenheit seit dem 15. Jahrhundert bis praktisch zur Aufklärung „glaubte an eine teuflische Verschwörung, eine neue Sekte und hochgefährlich häretische Bewegung von Hexen, von bösartigen, triebhaften, naturmächtigen, teuflischen Frauen“, so Hans Küng (S. 697). Der Tübinger Exeget Herbert Haag stellt fest: Die Kirche mit ihrer Teufelslehre lieferte die theologische Begründung für die Eliminierung der vermeintlichen Hexen. Ohne die Lehre der Kirche hätte ein derartiger Vernichtungsapparat nicht in Bewegung gesetzt werden können.161 Die Verantwortung dafür, so Küng weiter, trifft Theologen und Bettelorden, Papst und Kurie, Kaiser und staatliche Macht und schließlich auch das Kirchenvolk. Aber die Rolle des Klerus sei zentral gewesen. Scholastische Theologen schufen den theoretischen Rahmen dafür, und zwei Dominikaner-Theologen, die Inquisitoren für „Oberdeutschland und Rheinlande“, Jakob Sprenger und Heinrich Institoris, gaben durch die Publikation ihres Werkes „Malleus maleficarum“ („Hexenhammer“) den entscheidenden Schub zur Überwindung von Hemmungen gegenüber Hexenglauben und Hexenprozessen. Mit verheerenden Folgen. Die „Hexenbulle“ von Papst Innozenz VIII. vom 5. Dezember 1484 segnete das Werk, das zu einem Bestseller wurde. Johann W. R. Schmidt, der das konsequenzenreiche Elaborat ins Deutsche übersetzt und herausgegeben hat, bemerkt allerdings im Vorwort, dass die Autoren selbst kaum Neues hinzugefügt hätten. Sie hätten lediglich die Meinungen der Kirchenväter und sonstiger theologischer Literatur zusammengebracht.162 Insofern widerspiegelt dieses verhängnisvolle Werk, der Hexenhammer“, zum einen eine fundamentale theologische Haltung, zum anderen die breite Akzeptanz der Hexenverfolgung, dokumentiert durch päpstliche Segnung und wiederholte Auflagen. Für Theologen, Juristen und Ärzte sowie für geistliche wie weltliche Gerichte der damaligen Zeit avancierte es zum Standardwerk.163

Was hatten eigentlich diese Frauen verbrochen, sodass sie die unsagbare Folter und den Feuertod verdienten? Das erklärt uns der Jesuitenpater Martin Del Rio, der genauestens Bescheid wusste – so als ob er ein Augenzeuge gewesen wäre. Ein Jahr vor Beginn des aufklärenden 17. Jahrhunderts begann der Kirchenmann mit der Veröffentlichung seines gewaltigen Werkes, so der schottische Geschichtsprofessor Peter George Maxwell-Stuart, mit dem er uns über die Hexen aufklärt. Er berichtet dabei über das Wesen der Hexen und darüber, wie sie zu ihrem Treffen, dem Sabbat, gelangten, und was sie dort taten. Nach den Worten Del Rios:164

Die Hexen flogen „auf einem Stock von nicht festgelegter Form, der zuvor mit einer Salbe aus dem Körperfett toter Kinder eingerieben wurde, oder sie ritten auf dem Rücken eines Tieres wie etwa einer Ziege. Hatten sie wieder festen Boden unter den Füßen, dann wurden sie eines bösen Geistes ansichtig, der in ihrer Mitte thronte und dem sie erst mit der Einnahme verschiedener widernatürlicher Körperhaltungen und sodann mit einem Kuss auf den Anus huldigten. Als nächstes äfften sie höhnisch die heilige Messe und weitere katholische Zeremonien nach, und dann setzten sie sich zu einem Mahl nieder, wobei jede von ihnen maskiert oder mit einem Schleier bedeckt und in Begleitung eines bösen Geistes war. Nach Beendigung des Mahles wird die ganze Gesellschaft tanzen und sich perversen Formen des geschlechtlichen Verkehrs hingeben, gefolgt von Berichten jedes oder jeder einzelnen über die jeweiligen lasterhaften und gemeinen Taten seit dem letzten Sabbat, die eine erbarmungslose körperliche Züchtigung nach sich ziehen konnten, wenn der den Vorsitz führende Geist den Eindruck haben sollte, sie seien nicht niederträchtig genug. Zum Schluss wurden ihnen magische Pulver ausgehändigt, die ihre künftigen bösen Taten unterstützen sollten, und dann machten sie sich auf den Heimweg, entweder zu Fuß oder in der gleichen unnatürlichen Art und Weise, in der sie gekommen waren.

Der Psychiater wird sagen: Dieser Jesuitenpater und alle, die ihm und seinesgleichen glaubten oder Ähnliches verfassten, haben ihren geheimen Perversionsfantasien in einer Hexenprojektion freien Lauf gelassen. Wie es auch sein mag, das Christentum bescherte dem Abendland zusätzlich zu seinem Mitbringsel aus dem Orient – dem Alten Testament – etwas Neues: die Frau als Hexe. Die Spielart von Hexen, die das katholische und protestantische Europa hervorbrachte und die zu den organisierten grausamen Verfolgungen führte, war nämlich in der Welt der Griechen und Römer völlig unbekannt. Die Frauen als Hexen, die Folter und Verbrennung verdienen, sind Produktionen des Christentums.165

Hans Küng sieht eine Vielfalt von Faktoren, die zu diesem frauenvernichtenden Wahnsinn geführt haben. Unter anderem eine allgemeine Frauenfeindlichkeit, patriarchalische Ängste – in erster Linie der kirchlichen Hierarchie –, Disziplinierung von Denken und Verhalten der Untertanen, aber auch die sexuell fixierte Fantasie zölibatärer kirchlicher Inquisitoren. Die zeigten sich demnach besonders interessiert an den angeblichen Perversionen, Obszönitäten und Orgien (gar mit Dämonen) jener in der Wollust angeblich unersättlichen Frauen. Und somit verteufelten sie die Hexen als dunkles weibliches Prinzip – ein absoluter Gegensatz zu Maria (S. 700 f.). Hans Küng stellt auch fest, dass der Dämonen- und Hexenglaube Katholiken und Protestanten weithin gemeinsam war. „Wird die katholische Seite durch die lange Tradition der Ketzer- und Hexenverfolgung belastet, so die evangelische Seite durch das Fehlen eines Aufbegehrens gegen diesen unmenschlichen und unchristlichen Wahn“ (S. 701). Liest man allerdings das außerordentlich gut fundierte und exzellent recherchierte Buch der Oxford-Professorin Lyndal Roper, dann wirkt diese Beurteilung des katholischen Theologen über seine protestantischen Glaubensbrüder sehr mild. Die Protestanten haben nach den Recherchen Ropers nämlich ebenfalls und mit großem Eifer unter Nutzung unbeschreiblicher Foltermethoden unglaubliche Geständnisse für unglaubliche Taten von Frauen erpresst, auch von Frauen aus gehobenen Kreisen. Diese „Geständnisse“ der Hexen waren durch keinerlei Fakten unterlegt, führten aber unweigerlich zur Verbrennung – so beispielsweise in der Stadt Nördlingen (S. 103 f.). Die Autorin führt die Hexenverfolgung der Protestanten übrigens auf deren Auffassung vom Wirken des Teufels in der Welt zurück (S. 108). Erst im Zuge der erwachenden Aufklärung wurde dieser ganze klerikal induzierte Wahn effektiv bekämpft, etwa durch den Jesuiten Friedrich von Spee und den protestantischen Hallenser Juristen und Philosophen Christian Thomasius.166

Wie auch immer, am Ende unserer Darstellung – nicht nur des Irrsinns mit der Verbrennung der verteufelten Frauen, sondern der ganzen religionsgetragenen Frauendiskriminierung –, drängt sich eine Frage auf: Woraus haben all diese Kirchenmänner so etwas absolut Falsches und unbeschreiblich Grausames abgeleitet? Sicherlich weder aus dem Leben noch aus der Lehre des Stifters ihrer Religion, des nicht-gynäkophoben Jesus von Nazareth. Der hätte sich so etwas Schreckliches sicherlich nicht einmal vorstellen können. Aber woraus denn dann? Psychiaterinnen und Psychologen würden dazu sagen: Quellen dieses Irrsinns waren die dunklen Abgründe der gynäkophoben Seelen von Kirchenmännern.

Das Schwächeln der heiligen Verstärker

Nun, am Ende unserer Betrachtungen zum Gynäkophobie-Verstärker „Religion“ bzw. „Kirche“ angekommen, müssen wir feststellen: Er schwächelt. Er schwächelt erheblich. Er siecht so vor sich hin. Zumindest was die europäische abendländische Kultur betrifft. Dass die Bibel nicht das Wort Gottes sein kann und dass kein Mann namens Moses ein fünfbändiges Buch, den „Pentateuch“, im Auftrag Gottes geschrieben hat, sickerte in Europa schon im 17. Jahrhundert durch. Die Gelehrten lieferten die Belege dafür. Thomas Hobbes in England, Baruch Spinoza in Holland, Henning Witter in Deutschland, Jean Astruc in Frankreich und viele andere erbrachten die dafür nötigen wissenschaftlichen Beweise.167 Um es hier mit den Worten von Carel van Schaik und Kai Michel auszudrücken: „Die Bibel hat zahllose Autoren, Gott war aller Wahrscheinlichkeit nach nicht darunter.“168

Der einstige kraftvollste Gynäkophobie-Verstärker im christlichen Europa, die Kirchen und die Religion, schwächelt sich, nolens volens, heutzutage gesund. Er schwächelt, ist aber nicht verschwunden. Religion bleibt im Abendland weiter ein Gynäkophobie-Verstärker. Doch vorwiegend eingeschlossen in Enklaven, die immer kleiner und löchriger zu werden scheinen. Und die sind belagert. Belagert von Armeen gleichwertigkeitsausstrahlender Frauen und gynäkophobiefreier Männern.

Die Gynäkophobie-Enklaven befinden sich vorwiegend, aber nicht ausschließlich, auf dem Territorium der katholischen, der orthodoxen und mancher evangelikaler Kirchen. Und es darf keinesfalls übersehen werden, dass noch die Päpste unserer Tage bezüglich Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung der Frauen ein Vokabular verwenden, wie es Jahrhunderte vorher Tertullian oder Augustinus oder Thomas von Aquin taten. So ist die Rede davon, dass „der Mann Vorgesetzter des Weibes sei, und die Frauen sollten sich dem Mann unterwerfen „in keuschem und treuem Gehorsam ihren Männern, nicht zur Befriedigung der Wollust, sondern zur Fortpflanzung des Menschengeschlechtes“. Das und Ähnliches kritisiert etwa der in diesem Buch mehrfach zitierte katholische Theologe Hans Küng in „Die Frau im Christentum“ (S. 107–109). Er bemängelt auch, dass noch die Zeit des Pontifikats von Johannes Paul II. (1978–2005) für die Frauenemanzipation in der Kirche eine Zeit der Stagnation gewesen sei, wenn nicht des Rückschritts (S. 109). Wobei, das muss hinzugefügt werden, auch bei dessen Nachfolgern bis zum heutigen Tage kaum spürbare positive Veränderungen für die Frau zu erkennen sind.

Mit der Wahl einer Frau in ein Bischofsamt gab die evangelische Kirche im ausgehenden 20. Jahrhundert ein deutliches Signal, das auf den schrittweisen Ausbruch aus der gynäkophoben Enklave deutet: Am 4. April 1992 wurde Maria Jepsen in Hamburg zur weltweit ersten Bischöfin einer evangelisch-lutherischen Kirche gewählt. Eine Kirche wagte es, sich auf höchster Ebene dem zu widersetzen, was Paulus befiehlt: „Die Frauen sollen in der Gemeindeversammlung schweigen“ (1 Kor. 14, 34). Zu Beginn des 21. Jahrhunderts, am 27. Oktober 2009, wurde mit Bischöfin Margot Käßmann zum ersten Mal eine Frau Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Am 9. November 2021 schließlich wurde mit überwältigender Mehrheit wieder eine Frau zur Ratsvorsitzenden der EKD gewählt – Annette Kurschus. Der Rat der EKD ist jetzt paritätisch besetzt – sieben Frauen, sieben Männer plus Präses der Kirche: eine Frau. Dass die Frauen in der Gemeindeversammlung nun endlich das ihnen verordnete Schweigen brechen konnten, ist letzten Endes die Teilkorrektur einer 2000 Jahre existierenden kirchlichen Frauendiskriminierung. Damit endet zwar die Gynäkophobie nicht, und damit beginnt keinesfalls eine Ära der Gynäkophilie in Teilen der abendländischen Kirchen. Und es betrifft auch nicht die großen Kirchen, wie die katholische oder die orthodoxe. Aber es zeigt, dass die säkularen Umwälzungen auch die kirchlichen Trutzburgen erreichen. Und so erkennen wir, dass die noch existierenden gynäkophoben Bastionen inzwischen vorwiegend innere Strukturen sowie interne Gesetze und Regeln der Kirchen betreffen. Innerhalb der Kirchenmauern herrscht Unruhe, ähnlich wie bei den Menschen außerhalb. Das übrig gebliebene Kirchenvolk emanzipiert sich.

Natürlich gibt es immer noch kirchliche Ermahnungen, die auf Richtlinien mit gynäkophobem Inhalt basieren, etwa die Sexualität betreffend sowie Verhütung, Ehescheidung oder Abtreibung. Aber diese wirken auf die breite europäische Öffentlichkeit, weibliche wie auch männliche, wie Echos aus einer fernen Vergangenheit. Daran ändert auch nichts, dass konservative Instanzen eine Restauration versuchen. So etwa als superkonservative Richter am Obersten Gericht der USA, die letzten von ihnen gezielt eingesetzt von Donald Trump, dem Liebling der evangelikalen Christen, am 24. Juni 2022 das liberale Abtreibungsgesetz kippten. Zeuge des neuen Geistes ist die deswegen entstandene große Empörung bei der Bevölkerung, beim amtierenden Präsidenten, beim Repräsentantenhaus der USA; und die Fassungslosigkeit der europäischen Gesellschaften. Doch das Aufbegehren der Restauration kann trotz partieller und vorwiegend lokaler Erfolge kaum jemanden täuschen: Die einst so wirkungsmächtigen gleichwertigkeitsfeindlichen Direktiven der Kirche degenerieren weitgehend zu wirkungslosen wispernden Stimmen in der Wüste. Kaum eine junge Frau, geschweige denn ein junger Mann, folgt der Kirche in Bezug auf deren Vorgaben zu vorehelichen (und auch reglementierten ehelichen) sexuellen Beziehungen, zu Verhütung oder Scheidung. Und Abtreibungen lassen auch gläubige Christinnen vornehmen, wenn es durch eine soziale oder medizinische Notwendigkeit gesetzlich legitimiert ist; manchmal selbst dann, wenn das Gesetz es nicht erlaubt. Und das alles – auch das ist ein offenes Geheimnis – sogar in streng katholischen Ländern.

Die entscheidende Rolle für die Abschwächung des Gynäkophobie-Verstärkers „Religion/Kirche“ in Europa spielten ab dem 19. Jahrhundert externe Faktoren. Etwa die atemberaubenden wissenschaftlichen Entdeckungen und die neuen sozialpolitischen Gesellschaftsentwürfe – aber vor allem die Frauen selbst, wie wir im 9. Kapitel erfahren werden. Die intersubjektiven Wirklichkeiten des religiösen Glaubens können dem Druck von objektiven Wirklichkeiten, wie sie die neuen Zeiten mit sich brachten, nicht mehr standhalten. Aber auch bemerkenswert: Im 21. Jahrhundert emanzipieren sich nicht nur die Frauen. Mehr Emanzipation wagt auch das männliche Kirchenvolk.

Dennoch, die Benachteiligung der Frau setzt sich leider auch nach dem Schwächeln ihrer religiösen Unterstützer fort. Allerdings gestaltet sich das Spektrum der gynäkophoben Ängste deutlich heterogen. Religiöse Motive mischten sich in variierender Intensität mit säkularen Attributen und wechseln sich in unserer pluralistischen Gesellschaftsordnung mit ihnen ab. Moderne abendländische Gesellschaften sind in der Regel polyethnisch und multikulturell geprägt. Zu ihrem Wesen gehört auch, dass religiös begründete Einstellungen und Verhaltensweisen mit säkularen koexistieren, sie verwandeln sich in sie, und umgekehrt. Die noch heute aktiven Gynäkophobie-Verstärker sind also heterogen-verwandelbar geworden.

Heterogen-verwandelbare Gynäkophobie-Verstärker

„Der Gegenstand eurer Beschwerde übersteigt euren Verstand“ … Ladies!

Die kirchlich gestützte Androkratie hatte auch das Monopol über das Wissen. Doch irgendwann begann sie die Alleinherrschaft über Denken und Wissen zu verlieren. Und noch schlimmer für sie: auf der Spielwiese erschienen die Gegenspieler der gynäkophoben Gottesmänner, die mit der Zeit immer stärker wurden. Irgendwann dominierten schließlich die Gegenspieler. Und noch wichtiger – und ganz neu in der abendländischen Geschichte –, es waren Gegenspielerinnen mit von der Partie. Die gynäkophobe Argumentation musste sich anpassen, um nicht von ihnen überrollt zu werden. Sie verließ größtenteils, aber nicht vollständig, die religiösen Gefilde und kehrte wieder zurück zu ihren säkularen Strategien – wie das antike Vorbild. Säkulare Gynäkophobie-Verstärker mischten sich mit religiösen, sie bildeten damit Mischformen oder verwandelten sich von der einen zur anderen Form, wie schon gesagt. Es entstand damit das schon erwähnte heterogene Konglomerat von Gynäkophobie-Verstärkern. Dieser Prozess begann schon in den Aufklärungszeiten, aber an Fahrt gewann er erst in der Meta-Aufklärung.

Der nicht so häufig verwendete Begriff Meta-Aufklärung hat im Schrifttum eine doppelte Bedeutung: Zum einen wird damit eine Nachbearbeitung von Themen und die spätere Auseinandersetzung mit ihnen bezeichnet, die in der Zeit der Aufklärung entstanden waren, zum anderen aber die Zeitperiode nach der Aufklärungszeit (das griechische „metá“ bedeutet nämlich „nach“). Unseren Zwecken dient der Begriff der Meta-Aufklärung in seiner doppelten Bedeutung: sowohl als Auseinandersetzung mit Themen und Wirkungen der Aufklärung wie auch als Zeitperiode. Diese umfasst die Zeit, die der Aufklärung – die gewöhnlich auf etwa Mitte des 17. bis Ende des 18. Jahrhunderts datiert wird – nachfolgte. Der genaue Beginn der Meta-Aufklärungszeit variiert. Für unsere Zwecke werden wir einen Beginn ab etwa Anfang des 19. Jahrhunderts annehmen. Zweckmäßig werden wir diese Periode bis etwa Ende der 1960er-Jahre ausdehnen und damit auch begrenzen. Nach dieser Zeitgrenze beginnt erkennbar eine andere Periode mit einer bemerkenswerten Dynamik, was die Neuordnung der Geschlechterbeziehungen betrifft. Es begann die Zeit des umfassenden, für alle sichtbaren und von immer größeren Gesellschaftsschichten getragenen Gynäkophobie-Abbaus im Abendland. Dessen dynamischer und progredienter Prozess hat vor allem im 21. Jahrhundert an Fahrt aufgenommen. Diese Zeit nach der Meta-Aufklärung, etwa zwischen dem Beginn der 1970er-Jahre und der Gegenwart, werden wir als das „Heute“ bezeichnen.

Die ersten, zuerst noch etwas wackeligen Zeichen, die andeuteten, dass die Alleinherrschaft der Doktrin der angeblich gottverordneten Unterwerfung der Frau mächtige Konkurrenz bekam, begannen, wie gesagt, in der Aufklärungszeit. Bis zu dieser Zeit hatten aber alle Epochen europäischer Geschichte ihr Möglichstes getan, um die Verneinung der Geschlechtergleichwertigkeit zu zementieren. Zwar mit verschiedenen Methoden und Argumenten, aber mit demselben Ziel: der Fortsetzung und Verteidigung der Androkratie. Um es übersichtlicher zu machen, werden wir uns mit manchen Epochen nicht näher beschäftigen – etwa mit dem Mittelalter. Die Stellung der Frau in Europa zu dieser Zeit war bekanntlich weitgehend von Kirche und Religion bestimmt, wie etwa die ausführlichen Beiträge belegen im monumentalen Werk „Geschichte der Frauen“, herausgegeben von Georges Duby, hochdekoriertes Mitglied der Académie française (und anderer internationaler Akademien), und Michelle Perrot, der ebenfalls hochdekorierten Pariser Professorin mit innovativem sozialem Engagement.169 Selbstverständlich gab es auch im Mittelalter eine Galerie von beeindruckenden Frauen als Herrscherinnen, Mystikerinnen oder auch Literatinnen, die nicht ignoriert werden dürfen. Aber sie gehörten zu einer verschwindend kleinen Minorität, die dazu von den herrschenden männlichen Eliten als Alibi instrumentalisiert wurde. Um die französische Frauenhistorikerin Christiane Klapisch-Zuber zu zitieren: Viele haben „meist verdächtige Lobgesänge auf außergewöhnliche Frauen angestimmt, um all die anderen, die nicht Geschichte gemacht haben, desto besser mit Verachtung strafen zu können“ (S. 12). Unser Blick auf die mittelalterliche Gesellschaft und das damalige Alltagsleben der Frauen ist mehrfach eingeschränkt, so die deutsche Frauenhistorikerin Claudia Opitz, „denn es ist häufig nur das auf uns gekommen, was einer gelehrten, aber auch machtbeflissenen und dogmatischen Männerkultur – angesiedelt in Kirchen und Klöstern – wichtig genug erschien, um aufbewahrt und weitergegeben zu werden“ (S. 525). Die Quellenlage kann also nicht problematischer und einseitiger sein.

Auch während Epochen wie Renaissance oder Reformation ist eine spürbare positive Veränderung zu Gunsten der Frau nicht wirklich erkennbar – trotz seismologischer Vorläuferphänomene von späteren Erdbeben in Sachen Gleichberechtigung der Geschlechter. Selbst der Aufklärungszeit und der Französischen Revolution ist es nicht gelungen, eine sozial wirksame Isokratie-Bewegung in Gang zu setzen. Es war wohl auch nicht richtig gewollt und wurde nicht einmal ernsthaft versucht. Allerdings ließen die großen Umwälzungen dieser Zeit die Vorbedingungen für die späteren Entwicklungen an der Geschlechterfront entstehen, wie es etwa in dem schon vorher erwähnten Großwerk zur „Geschichte der Frauen“ gut dokumentiert ist.170

Dennoch, in der Zeit, in der die Lichter der Aufklärung Europa zu beleuchten begannen, waren die Flammen der Heiligen Inquisition auf den europäischen Scheiterhaufen noch nicht gelöscht. Und die neue Säkularität war noch lange keine Verbündete der Frau. Sie wiederholte das säkulare antike Paradigma – und das war gynäkophob. Die anti-gynäkophobe Rolle der Aufklärung war nur mittelbar und spät wirksam. Sie hat kaum etwas unmittelbar zu Gunsten der Frau aufgeklärt; dies tat die späte Meta-Aufklärung. Bis dahin blieb die Frau Untertanin des Mannes. Eine Episode in der Zeit der Morgendämmerung der Aufklärung, die uns die Princeton-Professorin Natalie Zemon Davis präsentiert (S. 203), ist bezeichnend:

In England begann zu dieser Zeit eine Gruppe von Frauen, die sogenannten „Petitionärinnen“, „zwei bis drei tausend zumeist niedrigeren Standes“, dem Parlament Petitionen zu politischen Fragen vorzulegen. Die Antwort, die sie im Jahr 1649 vom (Männer-)Parlament bekamen, lautete: „Der Gegenstand eurer Beschwerde übersteigt euren Verstand. Die Kammer gab euren Ehemännern Antwort; sie wünscht deshalb, ihr möget nach Hause gehen, euch um eure eigenen Angelegenheiten kümmern und euren Haushalt versorgen.

Vermutlich denken heute die meisten von uns, dass so etwas die Haltung einer arroganten Männerwelt war, deren Ignoranz mit nichts zu überbieten ist. Mag so sein, aber sie war mehrheitsfähig. Die Haltung der Männerwelt blieb arrogant, ignorant und majorisierend während der ganzen Aufklärung und auch während einer großen Strecke der Meta-Aufklärung.

Die Frau ist frei geboren – und wird enthauptet

Androkraten denken schablonenhaft. Das ist überall gleich. Nicht nur die englischen Männer dachten, dass Politik den Frauen-Verstand übersteigt. So oder so ähnlich war zu Beginn der Aufklärungszeit die Majoritätsmeinung der Männerwelt des Abendlandes. Und wie war die am Ende dieser Zeit, nach der Französischen Revolution von 1789? Eigentlich nicht anders als zu Beginn. Doch die Frauen dachten anders als die Männer. Sowohl zu Beginn als auch am Ende dieser umwälzungsreichen Zeit. Und die hatte es in sich. Auf dem Höhepunkt der Aufklärung gab es Forderungen nach einer umfassenden Verwirklichung von Freiheit und Gleichheit und nach einem vernunftbestimmten Leben für alle Menschen. Das war auch der Geist der „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ der Französischen Revolution. Aber die Französische Revolution war in Sachen Frauenrechte enttäuschend. In der Praxis verstanden die Revolutionäre von 1789 Menschenrechte als Männerrechte. Frauen waren auch danach von fast allen Bürgerrechten ausgeschlossen. Trotz manch positiver Anstöße.171 Offensichtlich war die „Fraternité“, die Brüderlichkeit also, wörtlich gemeint – ohne die Schwestern der Brüder. Das Dreigestirn Liberté, Egalité, Fraternité – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – leuchtete, mehr oder weniger exklusiv, für die Männerwelt. Frauen, die gleiche Rechte verlangten, wurden hart bestraft. So etwa die Philosophin, Schriftstellerin und Revolutionärin Olympe de Gouges.

Trotz allem fanden während der gesamten Aufklärungszeit lebhafte Auseinandersetzungen zu Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung der Frauen statt. Die frauenbezogenen Ambivalenzen vieler Männer dieser Zeit spiegeln sich im damaligen politischen Diskurs sowie in der Literatur, im Theater, in Philosophie, Medizin und sonstiger Wissenschaft wider. Die Frau ist dabei Gegenstand leidenschaftlicher Auseinandersetzungen, in denen man nach ihrer geheimnisvollen „Natur“ sucht, so etwa die renommierte französische Sozialhistorikerin Arlette Farge und die uns schon bekannte Princeton-Professorin Natalie Zemon Davis (S. 16).

In der Tat standen nicht wenige Aufklärer der Frage der Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung der Geschlechter ambivalent gegenüber. Viele versuchten, ihre Ablehnung der gleichen Rechte intellektuell zu begründen, so die zwingende Schlussfolgerung, die Frauenhistorikerinnen ziehen.174 Sogar eines der Flaggschiffe der Aufklärung, die von d‘Alembert und Diderot herausgegebene „Enzyklopädie“, definiert die Frau als Besitz ihres Mannes.175 Die Ambivalenz der Aufklärer gegenüber der Frauenwelt wird deutlich, wenn in einem Artikel der „Enzyklopädie“ (Stichwort „Die Frau“) behauptet wird, dass die Frau sich dem Mann unterordnen müsse, dass aber dennoch die Unterordnung der Frau unter die Gewalt des Ehemannes „nicht ohne Gegenrede ist“.176 Die Unterwerfung der Frau sei demnach zwar nur ein Resultat der bürgerlichen Konventionen, die vom männlichen Geschlecht aufgestellt worden seien, ohne je die Frauen nach ihrer Meinung zu fragen. Aber die Frau akzeptiere mit der Heirat die Konvention und damit auch die Unterwerfung. Die Befürchtung der Männer der Aufklärungszeit, dass die gleichberechtigte Partizipation der Frau gleichzusetzen wäre mit der Herrschaft der Frauen, war weit verbreitet.177 Das meinte etwa auch der Philosoph und Früh-Aufklärer Charles de Montesquieu, dessen Werk „Meine Gedanken“ voll von frauendiskriminierenden Aphorismen ist, etwa: „Die Frauen sind doch ein lächerliches Geschlecht“ (S. 383). Oder „Die Frauen sind falsch“ (S. 79). Durch die Einmischung der Frauen in öffentliche Angelegenheiten („am Hoffe“) seien „Großzügigkeit, Gutmütigkeit, Arglosigkeit, Seelenadel vertrieben worden“ (S. 204). Aber derselbe Früh-Aufklärer verrät uns seine frauenbezogene Ambivalenz, wenn er gleichzeitig verständnisvoll und solidarisierend schreibt: „Die Frauen sind Beleidigungen ausgesetzt, gegen die sie sich nicht schützen können“ (S. 223).

Auch der große Jean-Jacques Rousseau marschierte zusammen mit anderen Aufklärern in die Anti-Isokratie-Richtung. Die fünf Bücher seines philosophisch-pädagogischen Romans „Émile“ stellen eine überdeutliche Marschroute dar – insbesondere das fünfte Buch mit dem Untertitel „Sophie oder die Frau“. Demnach hat die Erziehung von Mädchen nur eine Zielrichtung: dass sie später als Frau den Mann glücklich machen können. Der Mann sei tätig und stark, die Frau empfangend und schwach. Dies sei der Unterschied zwischen den beiden Geschlechtern, so Rousseau weiter. Bei dem Mann müsse Wille und Kraft herrschen, bei der Frau zarte Nachgiebigkeit (S. 701). Daraus folgert er: „Die Bestimmung der Frau ist, dem Mann zu gefallen und sich ihm zu unterwerfen.“

Und was meinte dazu der mit seinem Artikel von 1784 zum Aufklärer der Aufklärung gewordene Immanuel Kant? Seine Meinungen finden wir am deutlichsten in seiner 1798 herausgegebenen „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“ (S. 255– 264). Demnach gebe es große Unterschiede zwischen Mann und Frau – zu Gunsten des Mannes. „Die Weiblichkeiten heißen Schwächen …“ (S. 256). Die Frau sei schwach, intrigant, intolerant, Hauskrieg führend, grundlos und gegen jeden eifersüchtig etc. etc., so Kant. Soll wohl heißen: Die Frau sei in vielerlei Hinsicht das Gegenteil des Mannes. Und mit ihrem Verstand sei es auch so eine Sache: „Was die gelehrten Frauen betrifft: so brauchen sie ihre Bücher etwa so wie ihre Uhr, nämlich sie zu tragen, damit gesehen werde, dass sie eine haben …“ (S. 261). Soll wohl heißen: auch wenn die Frau sie nicht lesen kann … Kant beantwortet die von ihm gestellte Frage, wer „den oberen Befehl im Hause“ haben soll, der Mann oder die Frau, selbst – zwar scheinbar salomonisch, tatsächlich aber frauendiskriminierend: „Die Frau soll herrschen und der Mann regieren; denn die Neigung herrscht und der Verstand regiert“ (S. 263 f.).

Kleingeistiges Denken von großen Denkern. Davon gibt es eine Menge. Darüber werden wir auch in den kommenden Abschnitten staunen.

Das wilde Tier Gebärmutter

Es gibt in der Tat große Denker, die nicht immer groß denken. Doch es gibt auch die anderen, die groß denken. So etwa den französischen Aufklärer Jean de Condorcet, der 1790 mit seiner Schrift „Über die Zulassung der Frauen zum Bürgerrecht“ von der Revolution verlangte, die Gleichberechtigung der Frauen zu ermöglichen. Sein Argument: „Es dürfte schwierig sein, zu beweisen, dass Frauen unfähig sind, die Bürgerrechte auszuüben“ (S. 108). Ein anderer französischer Aufklärer, Claude-Adrien Helvétius, vertrat in seinem 1758 zuerst anonym erschienenen Buch „Über den Geist“ (im Deutschen als „Diskurs über den Geist des Menschen“ schon 1760 mit dem vollen Namen des Autors erschienen) die These von der Gleichwertigkeit nicht nur der Geschlechter, sondern von allen Menschen. Eigenschaften und Verhaltensmuster seien viel mehr erlernt und anerzogen als genetisch bedingt. Helvétius Buch wurde 1759 von Papst Clemens XIII. verboten und schließlich, zuerst auf Geheiß des Parlaments von Paris, später auf Anweisung der theologischen Fakultät der Sorbonne, feierlich verbrannt.178

Auch in Deutschland gab es gleichwertigkeitsbejahende Philosophen – etwa den Königsberger Gelehrten Theodor Gottlieb von Hippel. Mit seinen Schriften „Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber“ aus dem Jahr 1792 oder „Über die Ehe“ von 1795 setzte er sich für die Rechte der Frauen wie auch der Juden ein – und stieß auf heftige Polemik anderer namhafter Gelehrter.179 Allerdings konnten solche und ähnliche frauenfreundliche Ansichten in der Zeit der Aufklärung die Gynäkophobie-Mauer nicht durchbrechen. Auch die Gynäkophobie-Verstärker konnten sie nicht in nennenswerter Weise entpotenzieren.180

Die damalige Wissenschaft, in erster Linie die medizinische, lieferte ebenfalls ganz nach ihrem antiken Vorbild Argumente für gynäkophobe Ambivalenzen, Paradoxien und intellektuelle Begründungsversuche. Darin setzten sich die antiken Vorstellungen über die körperliche und mentale Konstitution der Frau als die eines unvollendeten Mannes fort, wie etwa die französische Geisteswissenschaftlerin Évelyne Berriot-Salvadore darstellt (S. 367–407). Und dann folgte „der Mythos der Frau als Gebärmutter“ (S. 378). Durch diesen Mythos entstand ein anderer Mythos, der die Medizin, die Psychologie und die Psychoanalyse bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts beschäftigte – und Frauen diskriminierte: Der Hysterie-Mythos.

Unter der Bezeichnung „Hysterie“ wurde ein buntes Bild der unterschiedlichsten psychologischen Störungen subsumiert, von Lähmungen und Sprachlosigkeit bis zu Verhaltensstörungen und Charakterauffälligkeiten. Der Begriff Hysterie kommt vom griechischen „Hystéra“, was „Gebärmutter“ bedeutet. Damit ist alles klar: Männer haben keine Hystéra, sie können also auch keine Hysterie haben. Die gleichen Symptome und die gleichen Auffälligkeiten bekamen beim Mann in der Regel eine andere Bezeichnung, wenn sie überhaupt als Störung betrachtet wurden. Hystéra und Hysterie waren den Frauen vorbehalten. Die Gebärmutter, dieses geheimnisvolle Organ, habe nicht nur die Funktion, das ungeborene Kind zu herbergen, sondern bestimme auch die körperliche und psychische Konstitution der Frau. Die Frau sei ihren Geschlechtsorganen unterworfen, glaubte man, die Hysterie sei ein Ausdruck davon. Es wurden antike Vorstellungen zum Eigenleben der Gebärmutter unkritisch übernommen, so etwa: „Der Uterus ähnelt stark einem Tier. Er bewegt sich zu verschiedenen Körperteilen, manchmal aufwärts in die Kehle, dann seitwärts, was Beklemmung der Lungen, des Herzens, des Zwerchfells, der Leber und der Eingeweide hervorruft“, wie der britische Schriftsteller Ronald Pearsall anschaulich darstellt (S. 108). Erst Ende des 20., Anfang des 21. Jahrhunderts haben Medizin und Psychologie begonnen, den Begriff der Hysterie aufzugeben – zumindest offiziell. In der Alltagssprache lebt die Bezeichnung dennoch munter weiter. Übrigens wurde die vermeintlich durch die Gebärmutter verursachte Hysterie im 19. Jahrhundert selbst zur Gebärmutter der Psychoanalyse; die damaligen Hysterie-Ansichten gaben nämlich entscheidende Impulse zur Geburt der Psychoanalyse – gut nachzuvollziehen im Standardwerk „Die Entdeckung des Unbewussten“ des schweizerisch-kanadischen Psychiaters und Psychoanalyse-Historikers Henry F. Ellenberger.

Zur Diskriminierung des weiblichen Geschlechts wurde also ein weibliches Geschlechtsorgan missbraucht – über Jahrhunderte hinweg. Ein anderes weibliches Geschlechtsorgan aber wurde zum Vorreiter der Gleichwertigkeit: der Eierstock. Dies nahm seinen Anfang, als im Jahr 1672 der niederländische Arzt und Anatom Régnier de Graaf dessen Funktion beschrieb. Bis dahin galt die antike Auffassung, der Mann erzeugt, die Frau gebiert. Die Frau sei bloß der passive Boden zum Gedeihen des vom Manne erzeugten Kindes. Mit der Entdeckung der Rolle der Eierstöcke wurde der Frau eine Rolle als Miterzeugerin zugestanden und damit auch eine erhebliche Aufwertung. Allerdings nicht ohne erbitterten Widerstand. Traditionalisten sahen in den neuen Erkenntnissen eine Erschütterung der männlichen Vorherrschaft, eine Bedrohung der Würde des Menschen, sodass sie vor so einer „irreführenden“ Theorie warnten.181

Trotz manch positiver Entwicklungen durfte die dezidierte Verneinung der Gleichwertigkeit der Geschlechter weiterleben. Die damit verbundenen Paradoxien zeigten sich unter anderem auch im Umgang mit besonderen Frauen. Etwa in der Gewohnheit vieler gynäkophober Aufklärer, die berühmten literarisch-philosophischen Salons dieser Zeit zu besuchen – alle von besonderen Frauen geführt. Die Gleichwertigkeitsverneinung behielt die Oberhand, auch wenn Literatur, Philosophie, Theater und sonstige Künste keineswegs frauenfrei waren. Manche Frauen gestalteten mit, und zwar wie in der Antike nicht selten von Männern gefördert. Oder – ebenfalls wie in der Antike – machten männliche Intellektuelle und Künstler Frauen zu ihrem Thema.182

Die Haltung vieler Aufklärer und Revolutionäre war also eine Paradoxie, ein Widerspruch in sich. Aber letzten Endes hatten Aufklärung und Französische Revolution, was die Gleichberechtigung der europäischen Frauen betrifft, als praktische Konsequenz nur die Konsequenzlosigkeit. Die Gynäkophobie-Verstärker setzten ihre Wirkung auch in der folgenden Meta-Aufklärungszeit fort, die hinsichtlich der Frauenrechte größtenteils noch turbulenter und schmerzhafter war als die Zeit der Aufklärung. Vor allem die „Sklavinnen der Sklaven“,* die Frauen des Proletariats, bekamen es zu spüren.183 Allerdings begann bereits in der Aufklärungs- und Meta-Aufklärungszeit eine neue Perspektive zu keimen, die schließlich im „Heute“ ihre Wirkung entfalten konnte. Die Perspektive nämlich, dass die völlige Gleichberechtigung der Frau irgendwann Wirklichkeit wird.

Chloroform und Königin Victoria kontra göttliche Strafe

Ansonsten aber blieb die Rolle der Frau im Großen und Ganzen bis tief in das 20. Jahrhundert weitgehend unverändert. Und das war die Rolle der treusorgenden Ehefrau und Mutter, mit der Erwartung an sie, möglichst passiv und unselbstständig zu sein.184 Dennoch begannen in der Meta-Aufklärungszeit Prozesse, die dazu beitrugen, die Gynäkophobie-Verstärker schrittweise abzuschwächen. Zum einen waren es wissenschaftliche Entdeckungen wie auch Konfrontationen zum Thema Frauenrechte zwischen Intellektuellen, zum anderen aber die industrielle Revolution und die beginnende Rebellion der Frauenrechtlerinnen. Allerdings entsprangen aus den neuen Bedingungen auch neue Gynäkophobie-Verstärker, etwa aus wissenschaftlichen Überlegungen, aus einer neuen Wirtschaftsordnung, aus der organisierten Arbeiterschaft, dem Proletariat etc.

Hinter den Kulissen der dramatischen Veränderungen spielte die Wissenschaft eine wesentliche Rolle. Vor allem die Medizin brachte, zunächst zaghaft und vorsichtig, Erleichterungen für Frauen. Sie wurde deshalb zum Zankapfel zwischen den Kontrahenten, wie die französische Frauenhistorikerin Yvonne Knibiehler ausführlich darstellt (S. 373–415). Interessanterweise war einer der ersten Gynäkophobie-Verstärker, der aufgrund der neuen wissenschaftlichen Entwicklungen den Rückzug antrat, auch einer der ersten gewesen, der in der christlichen Welt seine frauenfeindliche Wirkung entfaltet hatte. Nämlich der Teil der biblischen Strafe, wodurch die Frau zum schmerzvollen Gebären verurteilt wurde. Dass diese göttliche Strafe in der Zeit der Meta-Aufklärung zumindest teilweise verschwand, ist einer wissenschaftlichen Entdeckung zu verdanken, genauer gesagt dem Chloroform. Und auch der Königin Victoria von Großbritannien. Diese Geschichte liefert uns ein kleines Beispiel für das Kräftemessen zwischen Kirche und Wissenschaft, denn die Kirche lief Sturm gegen die neue Entwicklung. Und verlor.

James Young Simpson, ein Professor für Gynäkologie, erprobte an sich und zwei Freunden die anästhetische Wirkung des vom deutschen Chemieprofessor Justus von Liebig, dem US-Amerikaner Samuel Guthrie und dem Franzosen Eugène Soubeiran im Jahr 1831 entdeckten Chloroforms. Im Jahre 1846 setzte er in Edinburgh zum ersten Mal in der Geschichte der Medizin eine Chloroform-Narkose bei einer werdenden Mutter ein, die unter unerträglichen Geburtsschmerzen litt. Die Entbindung lief danach reibungslos und für die Mutter schmerzfrei. Große Sensation und große Begeisterung bei den Frauen. Scharfe Polemik und Ablehnung von Seiten des Klerus und der streng Gläubigen. Gott habe schließlich die Frau verurteilt, ihre Kinder unter Schmerzen zur Welt zu bringen – so stehe es in der Bibel. Und der Mensch dürfe nicht wagen, ein göttliches Urteil aufzuheben. Das sei Hybris und Blasphemie zugleich. Sogar der „Lancet“, eines der angesehensten medizinischen Journale, war anfänglich skeptisch, ob so etwas zulässig sei. Doch, es ist zulässig, meinte mehrheitlich die Gesellschaft. Und vor allem meinten das die Frauen. Der Gynäkologe Simpson wurde weltbekannt; es kamen werdende Mütter zu ihm, um schmerzfrei zu entbinden, nicht nur aus Großbritannien und Europa, sondern auch aus Indien, Amerika und sogar Australien. Der Durchbruch kam schließlich mit der Unterstützung und Anerkennung vom höchsten Gipfel des viktorianischen Britanniens: Simpson wurde zum königlichen Geburtshelfer für Königin Victoria ernannt, die sich im Jahre 1853 bei der Geburt ihres achten Kindes, das war Prinz Leopold, erfolgreich mit Chloroform betäuben ließ – und schmerzfrei ihr Kind zur Welt brachte. Die Dankbarkeit der Königin war so groß, dass sie den Arzt in den Adelsstand erhob. Der Klerus verstummte, die Skeptiker auch, die Wissenschaft triumphierte, und die Frauen entgingen seit dieser Zeit einem Teil der biblischen Strafe Gottes.185

Die Chloroform-Episode signalisiert einen Sieg des Verstandes, der Vernunft und der Menschlichkeit. Weitere wissenschaftliche Entwicklungen beschleunigten die Schwächung der klerikal-traditionalistischen Dominanz. Betrachten wir noch zwei weitere beispielhafte Entwicklungen, die dazu nicht unwesentlich beitrugen. Die erste kommt aus der Biologie, die zweite aus der Archäologie.

Die Galapagosinseln, die Keilschrift von Ninive und eine andere Eva

Der Mann stammt nicht von Gott und die Frau nicht vom Manne ab. Beide sind Weiterentwicklungen ihrer Schwestern und Brüder, der Affen – und die wiederum Weiterentwicklungen von tiefer gelegenen Ästen des phylogenetischen Baumes. Das verkündete eine neue Genesis, die das Ergebnis jahrelanger Forschungen in der Tierwelt war; zuerst in isolierten Landschaften der Tropen und der südlichen Hemisphäre, ganz besonders der Galapagosinseln. Diese Botschaft ist Teil der später vervollständigten Evolutionstheorie. Die Evolution entzündete eine Revolution, die die Sichtweise der Menschen radikal erweiterte und neue Denkweisen einführte. Die neue Botschaft von der Menschwerdung verbinden wir hauptsächlich mit dem Namen Charles Darwin, obwohl er nicht der Einzige war, der evolutionär dachte. Wie es auch sein mag, im Jahr 1859 veröffentlichte er sein Buch „The origins of species by natural selection“, in dem er seine damals revolutionäre Theorie zur Evolution darstellte. Und dann, im Jahr 1871, publizierte er sein Werk „Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl“, wie die deutsche Übersetzung von J. Victor Carus aus dem Jahr 1883 heißt. Seine Befunde lassen bloß eine Schlussfolgerung zu: Frau und Mann sind gleichentwickelte Produkte der Evolution!

Na ja … So müsste eigentlich die Schlussfolgerung lauten. Aber Darwin selbst und andere Evolutionisten, wie der Sozialphilosoph Herbert Spencer – der Erfinder des „Überleben des Tüchtigsten“ –, zogen zuerst nicht ganz genau diese Schlussfolgerung.186 Bei Darwin gibt es auch Sätze, die auf eine geistige Überlegenheit des Mannes hinweisen und „an die sich wenige Evolutionsbiologen gern erinnern und die nur wenige Feministinnen vergessen können“ – so die amerikanische Anthropologin, Primatologin, Evolutionsbiologin und Soziobiologin Sarah Blaffer Hrdy in ihrem Werk „Mutter Natur“ (S. 39). Das sei offensichtlich ein Grund, warum der Feminismus zuerst ein Befremden gegenüber der Evolutionslehre und Gebieten wie etwa der Soziobiologie verspürte (S. 17). Auf längere Sicht aber wurde die Frau durch die Erkenntnis der gemeinsamen Abstammung in gewisser Hinsicht zur Hauptprofiteurin der neuen Ansichten. Dies hat sicherlich dazu beigetragen, dass inzwischen die Ablehnung der Evolutionslehre und der Biologie von Seiten des Feminismus abgenommen hat.187 Die Frau wird nicht mehr als Nebenprodukt und Gehilfin des Mannes angesehen. Sie wurde auch freigesprochen von Tertullians Vorwurf, dass sie „den Mann, das Ebenbild Gottes, zu Boden geworfen“ habe.* Solche Fantasmen gynäkophober Männer begannen im Licht neuer Erkenntnisse zu verschwinden. Die Befreiungsperspektive der Frau aus der androkratischen Dominanz wurde dadurch größer und immer größer.

Und es kam noch einiges an wissenschaftlichen Erkenntnissen hinzu, das die Zweifel an der Gültigkeit von biblischen Strafen und Anordnungen mehrte. Und letztendlich wurde von der Wissenschaft die Authentizität der Bibel selbst infrage gestellt. Damit ist die schon an anderer Stelle erwähnte Ansicht der Religionswissenschaft gemeint, dass die Bibel, vor allem ihr alttestamentarischer Teil, nicht nur jüdisches, sondern auch mesopotamisches (chaldäisch-assyrisch-babylonisches) und ägyptisches Gedankengut transferiere. Das Alte Testament, insbesondere der Pentateuch (die fünf Bücher Moses), bestehe demnach zwar aus dem Erzählgut des Volkes Israel, das es aber „zum Teil auch aus Mythen und Sagen anderer Völker entlehnt hat“, wie es der Bibelforscher Heinrich Mertens schon vor vielen Jahren formulierte (S. 108 und 474 f.)188 und das heute zum Allgemeinwissen gehört. Um die prägende Formulierung von Carel van Schaik und Kai Michel zu wiederholen: Gott gehört aller Wahrscheinlichkeit nach nicht zu den Autoren der Bibel.* Mit anderen Worten, die Bibel ist nicht das Wort des Gottes Israels, gesprochen von ihm direkt oder durch seine Propheten zu einem Volk, das er unter Tausenden anderer Völker selbst auserwählt hat. Sie ist vielmehr ein Konglomerat von Mythen, Sagen und Glaubensinhalten vieler Völker. Die Israeliten sind bloß eines davon. Die Archäo-Orientalistik, die Religionswissenschaft und andere neuentstandene wissenschaftliche Disziplinen lieferten starke Argumente dafür.

Die These von der Bibel-Authentizität erlitt schweren Schaden, als an einem Herbstmorgen des Jahres 1872 der Archäologe George Smith im Londoner British Museum auf Scherben von assyrischen Schrifttafeln, die in Ninive in Mesopotamien gefunden worden waren, die Keilschrift entzifferte. Die Tafeln enthüllten Sensationelles.189 Sensationell, weil das Abendland bis zu dieser Zeit das, was die Schrifttafeln zu erzählen hatten, ausschließlich als Inhalt der biblischen Genesis kannten, die als authentisch galt. Aber die entzifferten Keilschrifttafeln fügten sich zu einer „Chaldäischen Genesis“ zusammen, wie George Smith sie nannte. So auch der Titel des Buches, mit dem er seine wissenschaftlichen Ergebnisse dem breiten Publikum präsentierte. Der springende Punkt: Die chaldäische Genesis – die auf den Tafeln niedergeschriebene – war bereits mehrere Jahrhunderte vor der judäischen verfasst worden. Besonders gravierend war die Ähnlichkeit der 11. Tafel der mesopotamischen Genesis mit dem 9. Abschnitt der judäischen Genesis. Beide erzählen von einer gewaltigen Sintflut. Das ist für sich genommen wenig sensationell, denn die Mythologien fast aller alten Kulturen berichten von irgendeiner Sintflut. Die Ähnlichkeiten der Noah-Saga mit der mesopotamischen Überlieferung der chaldäischen Genesis sind aber besonders auffällig. Die 11. Keilschrifttafel erzählt fast dasselbe wie das 9. Kapitel der Genesis der Bibel, natürlich im eigenen poetischen Stil, mit eigenen Göttern und eigenen Gegebenheiten.

Die Keilschrifttafel erzählt nicht nur von einer riesigen Flut, sondern auch von einem gerechten und frommen Mann, der von Gott vor der Katastrophe gewarnt wurde und von ihm die Anweisung bekam, ein Schiff zu bauen, um sich zu retten. Und er sollte seine Familie und Hausgenossen, sein ganzes Hab und Gut und allerlei Pflanzensamen, das Wild und alles Getier des Feldes auf dieses Schiff bringen. Sie erzählt auch, dass das rettende Schiff auf dem Gipfel eines Berges landete, und weiter, dass der von Gott Auserwählte eine Taube aufsteigen ließ, um zu erkunden, wie der Stand der Gewässer war. Und auch, dass die Taube zurückkehrte und Zeichen über den Stand der Dinge gab.

Der Archäologe George Smith erkannte die Brisanz der Funde – dass nämlich Bibelinhalte als unauthentisch entlarvt werden könnten – und befürchtete die Polemik der Kirche. Er präsentierte seine Erkenntnisse trotzdem der Öffentlichkeit. Die Sensation war perfekt, das Interesse riesengroß. Die Tageszeitung „Daily Telegraph“ finanzierte ihm eine lange Forschungsexpedition nach Mesopotamien, um möglicherweise weitere Tafeln zu entziffern – was ihm auch gelang. Das Expertentum ist spätestens seitdem fest davon überzeugt, dass die biblische Sintflut-Geschichte wie auch andere biblische Inhalte nicht authentisch sind. Und so begann das Infragestellen der Originalität der Bibel insgesamt. Der Effekt war, dass das bibelfeste Publikum in seinem bis dahin felsenfesten Glauben an die biblische Autorität und in seiner Bereitschaft, sie als Wort Gottes anzunehmen, zu wanken begann. Nachfolgende Forschungen konnten bestätigen, dass eine Fülle von biblischen Inhalten schon in viel älteren orientalischen Texten zu finden ist – kenntnisreich und akribisch etwa von dem protestantischen Alttestamentarier Hugo Gressmann schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts in seinem Werk „Altorientalische Texte zum Alten Testament“ dargestellt. Nicht einmal Sprüche und Texte, die als ur-biblisch internalisiert waren und noch sind, bestanden die Authentizitätsprüfung. So etwa das berühmte „Auge um Auge und Zahn um Zahn“. Das fand sich nämlich schon in dem etwa 1000 Jahre älteren babylonischen Hammurapi-Codex.*190 Auch vieles andere, was als typisch biblisch galt, enthüllte sich als Originaleigentum älterer orientalischer Kulturen.191

Die ins Wanken geratene Authentizität der Bibel brachte unter anderem auch die Authentizität der Bestrafung der Frau durch Gott – Untertanin des Mannes zu sein – ins Wanken. Heute ist es keine Überraschung mehr, wenn die Wissenschaft auch weitere Teile und Erzählungen der Bibel als in älteren orientalischen Kulturen verwurzelt entlarvt. So ist es auch keine Sensation mehr, wenn Bibelwissenschaftler zu dem Schluss kommen, dass auch der Mythos von Adam und Eva nicht original biblisch ist. Die großen Bewunderer der Bibel, Carel van Schaik und Kai Michel, die sie anders lesen als fromme Gläubige, kommen dadurch zu seit langem nicht mehr überraschenden Ergebnissen.192 Nicht nur zu dem im Abschnitt „Das Schwächeln der heiligen Verstärker“ in diesem Kapitel mitgeteilten Ergebnis, dass Gott aller Wahrscheinlichkeit nach nicht unter den zahllosen Autoren der Bibel ist, sondern auch, dass die Geschichte von Adam und Eva ein „Plagiat“, wie sie es nennen, ist. Sie sei sogar Plagiat einer heidnischen Erzählung, in der „Eva“ nicht die geringste Schuld an einer Ur-Sünde oder an einem verlorenen Paradies zugewiesen werde (2021a, S. 36). Die Ursprünge fänden sich in der Hochkultur des untergegangenen Volkes der Ugarit. Dies entdeckten französische Archäologen und niederländische Bibelwissenschaftler.193

Die Archäologen entdeckten im Jahre 1928 die Ruinen von Ugarit, der Hauptstadt des gleichnamigen Reiches, die als Weltstadt des Altertums galt. Ugarit ging um 1180 v. Chr. unter, aller Wahrscheinlichkeit nach erstürmt von mysteriösen Seevölkern. Den wichtigsten Fund machten die Ausgräber im Jahr 1929: ein Archiv mit Tausenden von kleinen Schrifttexten, die bis ins 15. vorchristliche Jahrhundert zurückreichten. Die niederländischen Bibelwissenschaftler Marjo Korpel und Johannes de Moor konnten verschiedene Tafeln zusammenbringen und dadurch zusammenhängende Texte erstellen. Darunter den Vorläufer-Mythos von Adam und Eva. Der viel jüngere jüdische Mythos ist zwar dem viel älteren Mythos der Ugarit sehr ähnlich, beide vermitteln aber unterschiedliche Botschaften. Die Frau ist nach dem Ugarit-Original keineswegs minderwertig, sie ist weder die Sündenbringerin noch die Untertanin des Mannes, wie die Bibel sie deklariert – so die Analyse von Carel van Schaik und Kai Michel (2021a, S. 41–61). Gott hat demnach die Frau nicht bestraft, Untertanin des Mannes zu sein. Gott hat auch sonst keine Strafe gegen die Frau verhängt. Das taten die Plagiatoren.

Die Tierwelt der Südinseln, die Keilschrift der Mesopotamier und das Tafelarchiv der Ugarit reihen sich ein in eine Zahl ähnlicher Erkenntnisse, die neue revolutionäre Denkweisen entzündeten. Alle zusammen brachten die von Religion und Tradition getragenen Gynäkophobie-Verstärker ins Wanken – oder gar zum Einsturz. Und somit eröffneten sich neue Perspektiven für die Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung der Geschlechter.

Der physiologische Schwachsinn des Weibes oder Der Schwachsinn als Bestseller

Eröffnung von neuen Perspektiven durch die Wissenschaft? Ja, das wohl. Perspektive bedeutet allerdings noch nicht vollendete Realität, sondern lediglich Option. Es gibt viele Widerstände und Widersprüche zu überwinden, auch in der Wissenschaft, bis eine Option Realität wird. Die Gegner der Gleichwertigkeit der Geschlechter bedienten sich immer wieder Interpretationen, die für sie günstig waren, legten angebliche Beweise vor und vollführten einen intellektuellen Seiltanz. Defizitäres und falsches Wissen führten zu defizitären und falschen Schlussfolgerungen.

Eines der schillerndsten Beispiele aus der Meta-Aufklärungszeit findet man in einem Bestseller, der für defizitäre bzw. falsche wissenschaftlich-medizinische Ansichten der damaligen Zeit als repräsentativ gelten kann. Es handelt sich um das Buch „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes“, das im Jahr 1900 in der renommierten „Sammlung zwangloser Abhandlungen aus dem Gebiete der Nerven- und Geisteskrankheiten“ erschien. Innerhalb kürzester Zeit erfuhr dieser Bestseller mehrere Auflagen und wurde in andere Sprachen übersetzt; er wird bis in unsere Tage immer noch nachgedruckt. Das Thema fand eine so positive wie auch negative Resonanz, dass das recht dünne Bändchen von 1900 sich bis zu seiner 8. Auflage, die schon im Jahr 1908 erschien, im Umfang verdoppelt hatte. (Bemerkenswert, acht Auflagen in acht Jahren!) Es hatte sich aber nicht verdoppelt, weil der Haupttext doppelt so lang geworden war, sondern weil der Autor im Anhang eine Auswahl von zustimmenden und ablehnenden Reaktionen aufgenommen hatte. Paul Julius Möbius aus Leipzig, der Autor, war ein habilitierter Arzt, promovierter Philosoph und Theologe. Seine Thesen stützte er auf manche zeitgenössischen wissenschaftlichen Publikationen aus dem In- und Ausland, auf deren Wiedergabe wir hier verzichten müssen, die aber mehr oder weniger falsche Haltungen und defizitäres Wissensniveau des endenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts widerspiegeln.

Zentrale These im Buch ist: Die Frau (Möbius spricht aus ideologischen Gründen von „das Weib“ und begründet das ausführlich)* sei „physiologisch schwachsinnig“, d. h. von Natur und von Geburt aus. Der weibliche Schwachsinn sei „normalphysiologisch“. Dies bedeute, dass die Natur, „ganz normal“, die Frau als Schwachsinnige hervorgebracht habe. Die Frau habe nicht die intellektuellen Kapazitäten des Mannes, weil die Natur für sie eine andere Rolle als die des Mannes vorgesehen habe. Entsprechend ihrem physiologischen Schwachsinn müsse auch ihre soziale Rolle sein, naturgemäß auf Muttersein und Haushaltsführung beschränkt.

Zur Illustration eine kleine Auswahl seiner Argumente: „Der Beweis der geistigen Inferiorität der Frau ist sehr gut geführt“ (S. 4). „Körperlich […] ist das Weib ein Mittelding zwischen Kind und Mann, und geistig ist sie es, wenigstens in vielen Hinsichten, auch“ (S. 4). „Es ist nachgewiesen, daß für das geistige Leben außerordentlich wichtige Gehirnteile, die Windungen des Stirn- und des Schläfen-Lappens, beim Weibe schlechter entwickelt sind als beim Manne, und dass dieser Unterschied schon bei der Geburt besteht“ (S. 5). „Der Instinkt nun macht das Weib tierähnlich […]. Mit dieser Tierähnlichkeit hängen sehr viele weibliche Eigentümlichkeiten zusammen. Zunächst der Mangel eignen Urteils […]. Wie die Tiere seit undenklichen Zeiten immer dasselbe tun, so würde auch das menschliche Geschlecht, wenn es nur Weiber gäbe, in seinem Urzustande geblieben sein. Aller Fortschritt geht vom Manne aus“ (S. 8). „Wäre das Weib nicht körperlich und geistig schwach, wäre es nicht in der Regel durch die Umstände unschädlich gemacht, so wäre es höchst gefährlich“ (S. 9). „Sehen wir uns genötigt, das normale Weib für schwachsinnig im Vergleiche mit dem Manne zu erklären, so ist damit doch nichts zum Nachtteile des Weibes gesagt. Ihre Vorzüge liegen eben anderswo als die Vorzüge des Mannes, und die ,Differenzierung‘ der Geschlechter erscheint uns als eine zweckmäßige Einrichtung der Natur, bei der Mann und Weib nicht schlecht fahren“ (S. 18).

Wäre all das ebenso wie manch anderer von Möbius’ Ergüssen die Privatmeinung eines Einzelnen geblieben und hätte das Buch keinen Erfolg gehabt, könnte man es getrost ignorieren. Aber das Buch hatte offensichtlich nicht nur eine große Resonanz, sondern löste auch ein wissenschaftliches und gesellschaftspolitisches Erdbeben aus. Beweise dafür sind die wiederholten Auflagen des Buches und die zahlreichen kontroversen Kommentare, sowohl in der wissenschaftlichen wie auch in der allgemeinen deutschsprachigen und ausländischen Presse, die teilweise in den Anhang des Buches aufgenommen wurden (S. 81–170).

Etwa 70 Jahre später bescheinigte eine Frau ihren Geschlechtsgenossinnen ebenfalls Schwachsinn. Das war die uns schon bekannte deutsch-argentinische Bestsellerautorin Esther Vilar – eine Vielberufswechslerin, die – wenn auch nur für kurze Zeit – einmal Assistenzärztin war. Der Schwachsinn der Frau sei aber nicht „physiologisch“, sondern erworben: „Die Frauen benützen ihre geistigen Anlagen nicht, sie ruinieren mutwillig ihren Denkapparat und gelangen nach einigen wenigen Jahren sporadischen Gehirntrainings in ein Stadium sekundärer, irreversibler Dummheit.“194 Allerdings: „Ihre Dummheit macht die Frau göttlich.“ Natürlich nur in den Augen des ihr Unterworfenen, des Mannes.195

Die intelligente Frau amüsiert sich, ebenso wie der intelligente Mann, bis heute über den Schwachsinn – primären oder sekundären – mancher Männer und mancher Frauen.

Die fünffingerbreite Erfahrung der großen Geister

Nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Vertreter anderer intellektueller Bereiche der Meta-Aufklärungszeit verfielen bezüglich Geschlechtergleichwertigkeit in Widersprüchlichkeiten. Dennoch war die Vermehrung der philosophischen Gleichwertigkeitsbejahung in der Neuzeit leichter als in vorherigen Zeiten. Dies ist aus verschiedenen Gründen erklärlich, so etwa geschichtlichen, politischen und sozialen, meint die Philosophiehistorikerin Geneviève Fraisse (S. 64–95). Sie belegt dies mit der Aussage: „Trotz aller Rigidität des Frauenbildes ist der Zerfall der alten Geschlechterordnung im 19. Jahrhundert real, und dies spüren auch die Philosophen“ (S. 64). Allerdings war die Vermehrung der Gleichwertigkeitsbejahung dennoch kein allzu leichter Prozess, denn es gab massive Gegenwehr. Dafür steht uns eine Reihe gynäkophober Philosophen dieser Zeit als Exempel zur Auswahl. Etwa Arthur Schopenhauer mit seiner Abhandlung „Ueber die Weiber“, die Teil seines im Jahre 1851 erschienenen Werkes „Parerga und Paralipomena“ ist (Kapitel XXVII, S. 526–535). Es gibt meines Erachtens folgende wichtige Gründe, die dafürsprechen, dieses Werk Schopenhauers als zentrales Paradigma zu betrachten:

1. Es hatte offensichtlich Einfluss auf wissenschaftliche Einstellungen, wie die des vorher zitierten Paul Julius Möbius und seiner Gleichgesinnten. Manche Formulierungen, die sich in „Der physiologische Schwachsinn des Weibes“ von Möbius finden, sind fast wörtliche Wiederholungen von Schopenhauers Ansichten.

2. Schopenhauer spricht von „wir und die Weiber“ und suggeriert damit nicht nur zwei gegeneinanderstehende Fronten, sondern auch, dass nur „wir“, die Männer, das Lesepublikum eines solchen (gehobenen) Buches sein können. Den Frauen, den „Weibern“, traut er offensichtlich nicht die intellektuellen Kapazitäten zu, um so etwas zu lesen und zu verstehen.

3. Er nimmt expressis verbis Stellung zu Frauenrechten: Frauen dürften die gleiche Rechte wie Männer haben, aber nur dann, wenn ihnen auch eine männliche Vernunft verliehen würde – ergo, nach seinen Ansichten, nie.

4. Er scheut sich nicht zu suggerieren, dass der Mann der „eigentliche Mensch“ sei. Auch nicht davor, weibliches Verhalten mit äffischanimalischem zu vergleichen. Und nicht einmal davor, die Frau als eine „Art Mittelstufe“ zwischen Kind und Mann einzuordnen.

Eine kleine Auswahl von Schopenhauers Ansichten zeigt, wie auch große Geister kleingeistig denken können: „Schon der Anblick der weiblichen Gestalt lehrt, daß das Weib weder zu großen geistigen noch körperlichen Arbeiten bestimmt ist“ (§ 363). „Weiber […] sind selbst kindisch, läppisch und kurzsichtig, mit Einem Worte, Zeit Lebens große Kinder: eine Art Mittelstufe, zwischen dem Kinde und dem Manne, als welcher der eigentliche Mensch ist“ (§ 364). Die Frau ist für ihn „ein geistiger Myops“, in dem sie nur das Naheliegende sehe, ohne die Fähigkeit, das Perspektivische zu erfassen (§ 366). Die Frau erreiche, was sie erreichen wolle, nicht durch ihre Stärke, sondern mit List, „daher ihre instinktartige Verschlagenheit und ihr unvertilgbarer Hang zum Lügen“ (§ 366). Unästhetisch sei die Frau auch: „Mit mehr Fug, als das schöne, könnte man das weibliche Geschlecht das unästhetische nennen.“ In diesem Sinne seien „die Weiber“ unempfänglich für Musik, Poesie, bildende Künste, sie zeigten stattdessen „bloße Aefferei, zum Behuf ihrer Gefallsucht“ (§ 369). Schopenhauer befürchtet, dass die westliche – im Gegensatz zur orientalischen – Männerwelt „mit unserer altfranzösischen Galanterie und abgeschmackten Weiberveneration“*, – die er als die höchste Blüte christlich-germanischer Dummheit betrachtet – dazu beiträgt, „sie [die ,Weibe] so arrogant und rücksichtslos zu machen, daß man bisweilen an die heiligen Affen in Benares erinnert wird, welche, im Bewußtseyn ihrer Heiligkeit und Unverletzlichkeit, sich Alles und Jedes erlaubt halten“ (§ 369). Gleiche Rechte von Mann und Frau seien gegen Natur und Vernunft: „… als die Gesetze den Weibern gleiche Rechte mit den Männern einräumten, hätten sie ihnen auch eine männliche Vernunft verleihen sollen“ (§ 370). Er findet die Stellung, die die Frau in Hindostan hat, indem sie „unter der Aufsicht des Vaters, oder des Gatten, oder des Bruders, oder des Sohnes steht“, vernünftig, mit Ausnahme „daß Witwen sich mit der Leiche des Gatten verbrennen“; das freilich sei empörend (§ 371). Und zum guten Schluss kommt Schopenhauer zu dem Ergebnis, dass die Frau ihrer Natur nach zum Gehorchen bestimmt sei; das erkenne man daran, dass sie sich immer „irgend einem Mannen anschließt, von dem sie sich lenken und beherrschen läßt; weil sie eines Herrn bedarf. Ist sie jung, so ist es ein Liebhaber; ist sie alt, ein Beichtvater“ (§ 371).

Viel zitiert, bis zu unseren Tagen, sind auch verschiedene frauenfeindliche Schlagworte Friedrich Nietzsches, des anderen großen Denkers. Der Abschnitt „Von alten und jungen Weiblein“ seines Werkes „Also sprach Zarathustra“ oder das „Siebente Hauptstück. Unsere Tugenden“ aus „Jenseits von Gut und Böse“ sind zwar ergiebige Quellen seiner Frauenfeindlichkeit, aber nicht die einzigen. Seine schlagwortförmigen Aphorismen machen Nietzsche leicht zitierbar, populär und berüchtigt. An dieser Stelle eine kleine Anthologie seiner Aussprüche: „Das Weib hat so viel Grund zur Scham; im Weibe ist so viel Pedantisches, Oberflächliches, Schulmeisterliches, Kleinlich-Anmaßliches, Kleinlich-Zügeloses und -Unbescheidenes versteckt […], das im Grunde bisher durch die Furcht vor dem Manne am besten zurückgedrängt und gebändigt wurde“ (aus „Jenseits von Gut und Böse“, S. 920). Oder: „Nichts ist von Anbeginn an dem Weibe fremder, widriger, feindlicher als Wahrheit, – seine große Kunst ist die Lüge“ (ebd., S. 921). Und auch das: „Ein Mann, der Tiefe hat [ …] muß das Weib als Besitz, als verschließbares Eigentum, als etwas zu Dienstbarkeit Vorbestimmtes“ betrachten (ebd., S. 923).

Nietzsche, der Gott für tot erklärte, hatte keine Hemmungen, in seiner frauenfeindlichen Haltung auf das Neue Testament, konkret auf Paulus, Bezug zu nehmen: Es sei männliche Fürsorge und Schutz für die Frau, wenn die Kirche deklariere: „Das Weib schweige in der kirchlichen Gemeinde“ (im Originaltext Nietzsches: „mulier taceat in ecclesia“; ebd. S. 921). Er fügte noch den angeblich napoleonischen Spruch hinzu: „Das Weib schweige in politischen Angelegenheiten“ (im Originaltext Nietzsches: „mulier taceat in politicis“; ebd., S. 921). Und er rät auch den Frauen, nicht über Frauen zu sprechen: „Ein rechter Weiberfreund ist, der den Frauen heute zuruft: Das Weib schweige über das Weib“ (im Originaltext Nietzsches: „mulier taceat de muliere“; ebd., S. 921). In seinem „Also sprach Zarathustra“ kommen Sätze vor (S. 637–639), die sogar heute noch, wörtlich oder abgewandelt, das eine oder andere Mal zu hören sind. Fast alttestamentarisch klingen Sätze wie: „Das Glück des Mannes heißt: ich will. Das Glück des Weibes heißt: er will. Und zum Schluss kommt der viel zitierte Spruch, den Nietzsche – fast hinterlistig anmutend – ein „altes Weiblein“ aussprechen ließ: „Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!“ Die Peitsche? Er meint wohl nicht etwa die Peitsche, die Lou Andreas-Salomé über ihm und seinem Freund Paul Rée geschwungen hat und die auf der bekannten Fotografie von 1882 verewigt ist? Oder unbewusst doch? Nietzsche nimmt die Peitsche aus den Händen der Frau, von Lou, und legt sie in die Hände des Mannes – seine Hände. Sadomasochistische Fantasien im Anmarsch? Ach, spekulieren wir nicht weiter. Fantasien, vor allem sexuelle, sind verschlossene Privatsache.

Wie auch immer, man muss wohl Hedwig Dohm, der großen Nietzsche-Verehrerin und Ikone des deutschen Frühfeminismus, zustimmen, wenn sie, mit ihrer eigenen Nietzsche-Paradoxie kämpfend, seufzt: „Ach ich weiß es ja: ,Auch große Geister haben nur ihre fünffingerbreite Erfahrung.* Gleich daneben hört ihr Nachdenken auf und es beginnt ihr unendlicher leerer Raum und ihre Dummheit“ (S. 26).

Ein Spielzeug ist das Weib. Der Kranz von Frauenrechtlerinnen auch?

Friedrich Nietzsche ist dennoch nicht frei von frauenbezogenen Ambivalenzen und Paradoxien, wie viele andere gleichwertigkeitsverneinende Intellektuelle dieser Epoche. So wertete er zwar die Frauen in seinen Schriften ab, andererseits aber respektierte und schätzte er sie. Pikant ist das, was mit Fug und Recht die „Nietzsche-Paradoxie“ genannt werden kann: Einerseits formuliert Nietzsche „Bitter ist auch noch das süßeste Weib“ und „ein Spielzeug ist das Weib“ und begrüßt die Direktive, die den Frauen das Sprechen verbietet. Andererseits diskutierte derselbe Nietzsche viele Jahre lang seine Philosophie ohne Vorbehalte mit Frauen. Manche davon waren sogar Frauenrechtlerinnen. „Ja er war geradezu von einem ,Kranz von Frauenrechtlerinnen umgeben“, so die Philosophinnen-Biografin Marit Rullmann.196 Viele davon reisten extra zu ihm. Die ersten Nietzsche-Biografien stammen von zwei Frauen; von seiner Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche und von Meta von Salis-Marschlins, die zu dem „Kranz von Frauenrechtlerinnen“ um Nietzsche gehörte.

Die Beziehung zu Lou Andreas-Salomé, der Frau mit der Peitsche, stellt eine besondere Facette der „Nietzsche-Paradoxie“ dar. Diese durch intensiven geistigen Austausch geprägte Beziehung wurde allerdings zerstört, als Lou den Heiratsantrag von Nietzsche ablehnte. In der Folge kam es zu bösen Kommentaren Nietzsches gegen die früher von ihm Verehrte, wie unter anderem die Berliner „feministische Psychotherapeutin“ Irmgard Hülsemann in ihrer großen „Lou“-Biografie (insbesondere ab S. 164 f.) und natürlich Lou Andreas-Salomé selbst (an verschiedenen Stellen ihres „Lebensblick“) berichten.

Übrigens, der „Kranz von Frauenrechtlerinnen“, die den gynäkophoben Nietzsche verehrten, signalisierte eine andere Art der Ambivalenz: die androzentrierte Ambivalenz, d. h. die männerbezogene Ambivalenz mancher Frauen. Die präsentiert sich mit zwei Ausdrucksformen: Die eine ist bei Frauen zu erkennen, die ambivalent zur Männerdominanz stehen; die andere bei Frauen, die Männer mit eindeutiger Verneinung jeglicher Gleichwertigkeit verehren, die selbst aber die Gleichwertigkeit der Frauen ausdrücklich bejahen und Gleichberechtigung fordern.

Der „Kranz von Frauenrechtlerinnen“ um Nietzsche stellt ein eindrucksvolles Beispiel für die zweite Form der androzentrierten Ambivalenz dar. Die 1897 von der schon erwähnten Meta von Salis-Marschlins unter dem Titel „Philosoph und Edelmensch“ veröffentlichte Nietzsche-Biografie zeigt manche interessante Facette sowohl dieser Form der androzentrierten Ambivalenz als auch der Nietzsche-Paradoxie dieser Frau: Meta von Salis-Marschlins (1855–1929) war nicht irgendeine Bewunderin Nietzsches. Sie war eine der bekanntesten Frauenrechtlerinnen ihrer Zeit und eine Kämpferin für das Frauenstimmrecht in der Schweiz. Sie war die erste Historikerin der Schweiz, nachdem sie als erste Schweizerin an der Universität Zürich Geschichte, Philosophie und Kunstgeschichte studiert hatte. Und sie wurde die erste Frau mit Doktortitel des Kantons Graubünden. Noch dazu lebte sie lange Jahre in einer lesbischen Beziehung. Allerdings vertrat sie außer in der Sache der Frauenrechte in allen übrigen sozialpolitischen Fragen erzkonservative, antidemokratische, aristokratische Ansichten und, in späteren Zeiten, auch deutsch-nationale und rassistische Ideen. So beschreibt etwa die Nietzsche-Expertin Andrea Bollinger diese widersprüchliche Nietzsche-Verehrerin. Bei von Salis-Marschlins ist eine verblüffende Ambivalenz spürbar und eine nicht auflösbare Nietzsche- und sonstige intellektuelle wie auch praktische Paradoxie, und zwar in der Forderung: gleiche Rechte für alle, aber nur in Fragen der Gleichberechtigung der Geschlechter. Andererseits postuliert sie, nur die Aristokratie – im Sinne Nietzsches – solle herrschen: „Der άριστος [aristos] d. i. der Beste, Tapferste, Edelste – der Einzelne. Der soll herrschen und nicht der δήμος [demos]: die Vielen“, schreibt sie (S. 110). Und weiter: Diejenigen, die gegen Nietzsches Aristokratismus seien, hätten ihn entweder nicht verstanden, oder sie seien Feinde des Besten.

Besonders verblüffend ist, wie auch eine andere beeindruckende Frau diese Form der androzentrierten Ambivalenz zum Ausdruck bringt. Sie gehörte zwar nicht zum „Kranz von Frauenrechtlerinnen“ um Nietzsche herum, aber ihre Nietzsche-Ambivalenz, ja der Kampf zwischen hoher Bewunderung für den Meister und Missbilligung seines Antifeminismus, ist in ihren Äußerungen mit Händen zu greifen. Bei dieser anderen beeindruckenden Frau handelt es sich um Hedwig Dohm, die schon erwähnte Ikone des deutschen Frühfeminismus (1831–1919). In ihrem 1902 geschriebenen Buch „Die Antifeministen“ widmet sie Nietzsche ein ganzes Kapitel. Es ist der zum Buchkapitel gewordene Schmerz der Autorin, weil „er, der so geistlos über die Frauen redet, seine Geistlosigkeit mit so viel Geist begründet“ (S. 19). Eine solche Ablehnung von Nietzsches frauenfeindlichen Ansichten, die gleichzeitig so voller Bewunderung ist, wurde wahrscheinlich von niemand anderem in so einem beindruckenden Kontrast geschrieben wie von dieser Pionierin des Feminismus. Sie ist von einer hohen, schmerzvollen Ambivalenz getragen: „O Nietzsche, Du hoher, priesterlicher Geist, tiefere Geheimnisse Wisser und doch der einfachsten Wahrheiten Nichtwisser! Mit Gott und Göttern kannst Du reden, mit den Gestirnen, mit dem Meer, mit Geistern und Gespenstern. Nur mit und über Frauen kannst Du nicht reden“ (S. 25). Und klingt das Folgende nicht wie eine wunderbare Liebeserklärung dieser Feministin an den Antifeministen? „Er ruft so oft ,Wehe. Ich möchte auch einmal, – nein: dreimal möchte ich Wehe rufen über Friedrich Nietzsche: ein purpurrotes Wehe, weil es mit Herzblut getränkt ist, denn ich liebe ihn, den erschütternden Dichter, den Künstler, der alle Künste in das bewegliche Material der Sprache hineinzubannen verstand […]. Friedrich Nietzsche! Du mein größter Dichter des Jahrhunderts, warum schriebst Du über die Frauen so ganz jenseits von Gut? Ein tiefes, tiefes Herzeleid für mich. Es macht mich noch einsamer, noch älter, noch abseitiger. Ach ich weiß es ja: Auch große Geister …“ Und dann kommt ihr Seufzen, das wir am Ende des vorigen Abschnitts gehört haben, das mit der fünffingerbreiten Erfahrung also, mit dem unendlich leeren Raum und der Dummheit der großen Geister (S. 26).

Offensichtlich kann auch der Feminismus nicht von Ambivalenzen und Paradoxien freigesprochen werden. Es wäre ja auch paradox, wenn es so wäre.

Das falsche Prinzip

Es gab allerdings auch die anderen Denker in der Meta-Aufklärungszeit. Die, die für die vollständige Gleichberechtigung der Frau plädierten. Am Ende dieser Epoche wurden sie immer mehr und mehr. Manche von ihnen waren Romantiker, andere Pragmatiker mit ganz konkreten Vorschlägen und Plänen. Allerdings hat-ten beide Gruppen, vor allem zu Beginn, mit starkem Gegenwind zu kämpfen – wie etwa das Beispiel des romantischen Gelehrten Friedrich Schlegel (1772–1829) zeigt. Er propagierte – etwa in seinen Schriften „Über die Diotima“, „Über die weiblichen Charaktere in den griechischen Dichtern“, in seinem Brief „Über die Philosophie. An Dorothea“ wie auch in seinem Roman „Lucinde“ – die weibliche Emanzipation, sowohl was den Geist als auch was den Körper der Frau betrifft. Es ging ihm dabei um das Recht einer befreiten Sinnlichkeit und um die Wertschätzung der intellektuellen Fähigkeiten der Frauen, so die Schlegel-Expertin Birgit Rehme-Iffert in ihrer ausführlichen Analyse (S. 111 f.). Friedrich Schlegel widersprach damit anderen zeitgenössischen Philosophen. Etwa Johann Gottlieb Fichte, der Thesen vertrat wie: „Die sinnliche Aufgabe der Frau ist den Mann zu befriedigen“ (ebd., S. 115). Schlegels Roman „Lucinde“ präsentiert in der Namensgeberin die Gleichberechtigte auch im Bereich von Sinnlichkeit und Sehnsucht, „die zärtlichste Geliebte, die beste Gesellschaft […] und auch die vollkommene Freundin“ (S. 8); sogar „die Priesterin der Nacht“ (S. 74). Der Roman löste einen Skandal aus, sodass der allseits anerkannte Gelehrte Friedrich Schleiermacher seinen Freund Schlegel verteidigen musste.197

„Die rechtliche Unterordnung des einen Geschlechts unter das andere ist das falsche Prinzip!“ Das propagierte der englische Philosoph John Stuart Mill (1806–1873), ein gleichwertigkeitsbejahender Pragmatiker, in seinem Werk „Die Unterwerfung der Frauen“.*198 Und darüber hinaus sei die Unterordnung der Frauen „eines der wesentlichen Hindernisse bei der Vervollkommnung der Menschheit; und dass an die Stelle dieses Prinzips ein Prinzip vollkommener Gleichheit treten sollte, das auf der einen Seite keine Macht und keine Vorrechte und auf der anderen Seite keine Rechtlosigkeit zulässt“ (S. 9).

Zusammen mit seiner Frau Harriet Taylor Mill kämpfte John Stuart Mill auch in der praktischen Politik für die Durchsetzung der Gleichberechtigung. Als Parlamentarier (er gehörte der Fraktion der Liberalen Partei an) erlangte er 1866 einen Achtungserfolg im britischen Unterhaus: Sein Antrag auf Einführung des Wahlrechts für Frauen wurde zwar abgelehnt, allerdings stimmte immerhin ein Drittel der anwesenden (männlichen) Parlamentarier dafür. Unglaublich für diese androkratische Zeit. Dennoch wurde das allgemeine Wahlrecht für Frauen im Alter über 21 Jahre in Großbritannien erst im Jahre 1928 eingeführt, also mehr als 60 Jahre nach Mills Antrag. Andere von ihm geforderte Gleichberechtigungsreformen sind noch immer nicht aus der Spalte „Unerledigtes“ der Aufgabenliste des Abendlandes gestrichen. Zum Beispiel hat sich die Hoffnung von John Stuart und Harriet Taylor Mill bis heute nicht vollständig erfüllt, dass die rechtliche Gleichstellung von Männern und Frauen gleichzeitig zu einer vollständigen sozialen und ökonomischen Gleichstellung führen würde. Denn: „Traditionen erweisen sich häufig als wirkmächtiger, als sich liberale Reformer ausmalen. Das beste Beispiel dafür ist Mill selbst, der sich erhoffte, dass die bloße Rechtsgleichheit der Geschlechter ausreichen würde, die tradierten Vorurteile über die Natur der Frauen erodieren zu lassen und so der Vorherrschaft der Männer ein Ende zu bereiten – ganz ohne affirmative action* und Quotenregelungen“, so Hills deutscher Herausgeber Dieter Birnbacher (S. 214). Nein, so leicht war es bekanntlich tatsächlich nicht. Das Überlieferte liefert eben weiter. Darunter auch Rückständiges.

Sklavin des Sklaven und Ausrotterin der Menschheit in einem

Der Frau wurde im Rahmen der neuentstandenen wirtschaftlichen und beruflichen Gesellschaftsordnung mit Beginn der Industrialisierung eine neue Rolle zugewiesen. Die der „Sklavin des Sklaven“.199 Mit „Sklave“ der Industrialisierungszeit ist der von mächtigen Männern (das waren wenige) ausgebeutete machtlose Industriearbeiter (die machten die große Mehrheit aus) gemeint. Mit „Sklavin“ die Frau dieses Sklaven. Allerdings begannen sich in dieser Zeit auch ungeahnte Perspektiven für die Frau zu eröffnen. Perspektiven, die langfristig einen Wandel der gesellschaftlichen Einstellungen zum Diskurs über Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung, wie auch die Umsetzung der neuen Vorstellungen in die Praxis in Gang setzten, wie Frauenhistorikerinnen belegen.200 Die Frau blieb jedoch zunächst weiter in erster Linie treusorgende Ehefrau und Mutter und ansonsten möglichst passiv und unselbstständig, um eine Formulierung von Marit Rullmann zu übernehmen (Bd. I, S. 196).201 Dennoch war die Epoche der Meta-Aufklärung eine Zeit voller entscheidender Entwicklungen mit dem Potenzial, die Gynäkophobie-Verstärker weiter zu entpotenzieren.

Wesentlich war, dass Frauen in dieser Zeit in zwei neuen, vorher kaum vorhandenen Rollen die öffentliche Bühne betraten: die der Arbeiterin und die der Kämpferin. In beiden Rollen hatten die Frauen eine Spätwirkung, mit relativ langer Wirklatenz. Sie ergänzten jedoch damit von Beginn an die Wirkung der Paradigma-Frauen, einige davon haben wir schon kennengelernt, im 9. Kapitel werden wir mehr davon bewundern dürfen. Die Arbeiterin und die Kämpferin wurden selbst zum Paradigma. Bis das allerdings erreicht wurde, gestaltete sich auch diese Epoche für die Frauen als eine schwierige, ja teilweise düstere gynäkophobe Periode. Dennoch war es nicht ausschließlich eine Zeit der Unterdrückung und Ausbeutung, etwa für Arbeiterinnen, sondern auch der Chancen, wie es neben anderen auch die amerikanische Princeton-Professorin Joan W. Scott belegt (S. 451–479).

Die Meta-Aufklärungszeit war auch die Zeit der Kämpferinnen. Die Zeit in der der Feminismus richtig begann.202 Feministische Aktivitäten und Schriften hatte es zwar schon vor dem 19. Jahrhundert gegeben; doch der Feminismus kam erst nach 1830 wirkungsvoll zum Zuge, wie etwa Geneviève Fraisse, französische Feminismus-Expertin, und Michelle Perrot, Pariser Professorin für vergleichende Geschichte, in ihrer Einleitung von „Geschichte der Frauen. 19. Jahrhundert“ betonen (S. 13). Strukturelle Veränderungen begannen, z. B. im Bildungs- und Lohnbereich, und das kollektive Auftreten von Frauen auf der sozialpolitischen Bühne wurde wirkungsvoller.

Die „Revolution in den Köpfen“ – vor allem in denen der Männerwelt – hat ebenfalls in dieser Zeit richtig begonnen, worauf die beide gerade zitierte Frauenhistorikerinnen hinweisen (S. 11 f.). Dazu beigetragen haben, und das entscheidend, außer den klassischen Paradigma-Frauen auch Frauen in den schon erwähnten neuen Rollen: die in bezahlten Tätigkeiten arbeitenden und die um ihre Rechte kämpfenden. Jede auf ihre Art. Das Zusammenwirken der arbeitenden, der kämpfenden und der Paradigma-Frauen in der Meta-Aufklärungszeit setzte den Prozess des Abbaus der Gynäkophobie richtig in Gang. Das erforderte vor allem für die Gynäkophobiker eine lange Zeit der Desensibilisierung – die noch immer andauert. Und eine lange Phase der Abschwächung bis hin zur teils vollständigen Inaktivierung von Gynäkophobie-Verstärkern – ein Prozess, der ebenfalls noch nicht abgeschlossen ist.

Zunehmend gewann in dem Zusammenhang die Wirtschaft mit ihren sozialen und politischen Begleitern an Bedeutung. Es ist Allgemeinwissen, dass der männliche Arbeiter der frühen Industrialisierung quasi ein Sklave des Kapitalismus war. Und so kam es zum viel zitierten Satz von James Connolly, irischer Arbeiterführer des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, mit dem er die Frau zur „Sklavin dieses Sklaven“ erklärte. Aus einer historischen Perspektive scheint die Feststellung der schon zitierten Frauenhistorikerinnen Geneviève Fraisse und Michelle Perrot differenzierter und viel näher an der Wirklichkeit der damals stattfindenden Umwälzungen als Connollys plakativer und intentionaler Leitspruch. Sie schreiben (S. 12): „Arbeitsplätze für Frauen waren sowohl Orte höchster Ausbeutung als auch der Emanzipation.“

Die Frau am Arbeitsplatz trug zwar irgendwann wesentlich zum schrittweisen Abbau der Gynäkophobie und somit zum Beginn der Gleichberechtigung bei, zunächst aber verkörperte sie in dieser Rolle ein Problem. Ein Problem, das sowohl die Bedeutung des Frauseins als solches betraf wie auch die Vereinbarkeit von Frausein und Lohnarbeit – moralisch und pragmatisch; so etwa beschreibt es die Frauenhistorikerin Joan W. Scott (S. 451). Die ausgelöste Kontroverse konzentrierte sich überwiegend auf den angenommenen Gegensatz zwischen Heim und Arbeit, Mutterrolle und Lohnarbeit, Weiblichkeit und Arbeitsproduktivität. Nicht selten gipfelte die Argumentation in absurden Extremen. Wie etwa die des französischen Politikers Jules Simon (1860), der behauptete, „eine Frau, die Arbeiterin wird, ist keine Frau mehr“ (ebd., S. 452). In den Auseinandersetzungen wurde wieder einmal die Natur instrumentalisiert; dieses Mal von den Industrielenkern – alle männlich –, mit dem Endergebnis größerer Ausbeutung der Frau. Körperliche Konstitution sowie geschlechtsgebundene Aspekte wie Mutterschaft, Stillzeit und Kindererziehung wurden massiv als Waffen im Kampf um die Gleichberechtigung von Frau und Mann eingesetzt. Frauen wurden dadurch nicht nur bestimmte Arbeiten, in der Regel zweitrangige und schlechter bezahlte, zugewiesen – als „frauentypische“ Arbeiten tituliert –, sondern sie bekamen selbst für gleiche Tätigkeiten deutlich weniger Geld als die Männer. Und noch dazu: Frauen wurden von den Industriellen perfiderweise im Lohnkampf ausgenutzt, mit dem Ziel, auch die Löhne der Männer weiter zu drücken. Das war brandgefährlich – für die Frau. Die frustrierten Männer sahen nämlich dadurch in den arbeitenden Frauen eine bedrohliche Billiglohnkonkurrenz und eine existenzielle Gefahr für sich selbst. Sie griffen zu Abwehrmaßnahmen, um das zu verhindern. So etwa verweigerten sie Frauen die Aufnahme in die Gewerkschaften – es sei denn, die bekamen den gleichen Lohn für die gleiche Arbeit wie die Männer – was ja gerade nicht der Fall war.203 Die entstandene Konkurrenz schürte bei der Männerwelt neue gynäkophobe Ängste und entfachte alte neu.

Und so wurde die mit dem Mann konkurrierende Arbeiterin zu einem neuen Gynäkophobie-Verstärker der Meta-Aufklärung. Die uralte Konkurrenzphobie der Männerwelt bekam damit eine neue Dimension. Der Kampf wurde an einem für die Frau gefährlichen Ort ausgetragen. Es war der Ort, an dem der Mann jahrtausendelang die unangefochtene Herrschaft innehatte. Der Ort der bezahlten Arbeit. Dieser Herrschaftsanspruch war jetzt durch die weibliche Konkurrenz akut bedroht. Abwehr und Verteidigung bekamen für den Mann existenzielle Bedeutung. Die Konkurrenz, der Feind, in Sichtweite. Real und bedrohlich nahe. Für die Frau wurde dadurch der Arbeitsort zum Gefährdungsort. Die lautstarken Propagierer von Partizipations- und Verlustängsten schienen plötzlich doch recht zu haben. Der proletarische Antifeminismus war entstanden. Ein sehr, sehr potenter Gynäkophobie-Verstärker.

Wahr ist allerdings auch, dass der Staat begann, Gesetze zum Schutz der arbeitenden Frauen zu erlassen – was natürlich erfreulich war. Doch es gab dabei einen Haken: Die Gesetze gingen, praktisch bis Mitte des 20. Jahrhunderts, von einer geschlechtsspezifischen Vulnerabilität, von physiologischer Inferiorität und moralischer Verpflichtung der Frau zur Mutterschaft aus – „im Namen des evidenten und höheren Interesses der menschlichen Rasse“, um noch einmal Joan W. Scott zu zitieren (S. 473). Die Frau, die nicht die moralische Verpflichtung zur Mutterschaft einhielt, war demnach eine Gefahr für das Fortbestehen der Menschheit, ja eine potenzielle „Ausrotterin der Menschheit“, wie der uns schon aus dem Abschnitt „Die Skeptiker“ des 4. Kapitels bekannte Amerikaner Victor Robinson im Jahre 1919 spottete. Dass die Frau auch als Ausrotterin von Kultur und der Sittlichkeit gefürchtet wurde, wenn sie in Studium und Beruf dem Mann gleichgestellt würde, werden wir noch im Abschnitt „Lady Ragnell wusste es …“ des 10. Kapitels erfahren.

Die Arbeitsplatzkonkurrenz zwischen Frau und Mann betrat also als neuer Gynäkophobie-Verstärker die Bühne der Gleichwertigkeitsverneinung. Gesetze zum Schutz der Frauen am Arbeitsplatz schützten sie kaum. Manchmal bewirkten sie das Gegenteil, folgt man den Frauenhistorikerinnen dieser Zeit. Nichtsdestotrotz, die revolutionären Umwälzungen der Meta-Aufklärungszeit waren nicht mehr aufzuhalten.

Ich bin eine Frau … aus der Zeit vor der Erstürmung der Gynäkophobie-Bastille

„Ich bin eine Frau.

Wo ich geboren, werde ich sterben. Nie wird mir

unbeschwertes Reisen wie auf

Flügeln den Horizont weiten.

Nie werde ich von der Welt wissen

die jenseits meiner Hauswand vorübereilt […].

Ich bin eine Frau.

Bleiben muss ich in meinem Gehege […].

Nie wird mich die Geschichte aufleben lassen.

Kein Wort spricht für mich.

Ich bin eine Frau.“

So dichtete die französische Literatin Clémence Robert, das Schicksal der Frau beklagend, noch in der Meta-Aufklärung (1839).204 Doch zu dieser Zeit brodelte es bereits unter dem sozialen, kulturellen und politischen Boden der abendländischen Gesellschaften. Es waren Nachwirkungen von Aufklärung und Revolution, die die Dynamik für die Erstürmung einer anderen Bastille entfalteten: der Bastille der Gynäkophobie-Verstärker. Es war allerdings eine in Zeitlupe ablaufende Erstürmung, die vorwiegend aus zwei Stoßrichtungen kam: Zum einen von Frauen, die die ihnen zugestandenen Freiräume klug, beharrlich und erfolgreich nutzten. Zum anderen durch ihre langsam, aber unaufhaltsam wachsende kämpferische Entschlossenheit, dieses Mal nicht zurückzuweichen. Damit verbunden erfolgte eine „Unterwanderung“ von Männerdomänen und der Eintritt in bis dahin „verbotene Zonen“ der privilegierten Männerwelt, die die Frauen dann auch nicht mehr aufgaben – um es in Anlehnung etwa an Michelle Perrot (S. 505 f.) auszudrücken.

Die Erstürmer des realen Gefängnisses der Bastille erstürmten zwar auch viele Bereiche des politischen und sozialen Lebens, taten jedoch wenig zum Abbau der Gynäkophobie-Bastille – wie wir schon erfahren haben. Im Gegenteil. Der revolutionäre Elan wurde, was die Geschlechterbeziehungen betraf, von ihnen vielmehr domestiziert und in „Sphären“ eingezäunt. Nach der Sphären-Theorie gibt es nämlich eine geschlechtsspezifische Aufteilung von sozialen Rollen und Betätigungsfeldern, die sich zu einer harmonischen Komplementarität zusammenfügen, so die vorher zitierte Frauenhistorikerin Michelle Perrot. Die Frauen jedoch verstanden es, sich der ihnen zugewiesenen spärlichen Räume zu bemächtigen, diese stufenweise zu erweitern und dadurch ihre Kompetenzen in immer weiteren und größeren „Sphären“ unter Beweis zu stellen. Es war ein langwieriger Prozess, der bis fast zum letzten Drittel des 20. Jahrhunderts auf seine durchschlagende Wirkung warten musste. Schließlich aber wurden damit entscheidende Gynäkophobie-Verstärker entpotenziert. Argumente wie „Frauen können es nicht“ oder „Frauen haben keine Begabung dafür“ oder „Frauen müssen eingeschränkt werden, um geschützt zu sein“ wurden dadurch ad absurdum geführt. Auch die Befürchtungen einer gynäkokratischen Bedrohung oder gar eines entfesselten Amazonentums, von dem Bachofen im Abschnitt „Ist Rache der Grund …?“ des 3. Kapitels fabuliert hat, wurden als gynäkophobe Fantasmen entlarvt. Entlarvt ja, vollständig beseitigt aber nicht. Noch nicht.

Der androkratische Widerstand war vehement und lang. Und dies in allen Bereichen beruflichen, sozialen, wissenschaftlichen und politischen Lebens. Zum Beispiel in Bezug auf die Arbeiterinnen. Erinnern wir uns noch einmal an den Spruch des französischen Politikers Jules Simon (1860) „eine Frau, die Arbeiterin wird, ist keine Frau mehr“. Das war damals eine mehrheitsfähige Einstellung. Und erinnern wir uns auch an die Weigerung der Gewerkschaften, Frauen aufzunehmen. Das war die Abwehr- und Vermeidungsstrategie. In Deutschland wollten die Anhänger von Ferdinand Lassalle, des ersten Vorsitzenden des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, zwar Heimarbeit von Frauen akzeptieren, nicht aber deren Fabrikarbeit. Der proletarische Antifeminismus versuchte, die Frauen weiterhin auf die häusliche Sphäre zu beschränken. Als bezeichnendes Beispiel für proletarischen Antifeminismus wird die „Affäre Couriau“ erwähnt:

Nicht nur in der Arbeiter- und Handwerkerwelt blies den Frauen immer noch ein starker Wind ins Gesicht, sondern auch in sogenannten gehobenen beruflichen Bereichen, etwa den akademischen, wie wir in späteren Abschnitten ausführlicher erfahren werden. Die Akademia Platons hatte in der Antike Frauen in ihren Kreisen, während die Akademia der abendländischen Meta-Aufklärungszeit Frauen aus ihren Kreisen ausschloss. Und sie mit Abschreckungsabsichten schikanierte, so wie es das Beispiel von Emilie Kempin-Spyri zeigt.

Keine frauenfreundlichen Signale an der Schwelle des 20. Jahrhunderts. Weder von der Arbeitergewerkschaft noch von der Akademia. Dennoch. All das signalisierte nicht nur Widerstand sowie Abwehr- und Vermeidungsstrategien der gynäkophoben Männerwelt, sondern auch, dass etwas Epochales an Fahrt aufgenommen hatte. Wir können nämlich zusammen mit Geneviève Fraisse und Michelle Perrot konstatieren, dass „die Moderne sich für die Frauen als eine Chance erwies; denn die für das 19. Jahrhundert charakteristischen wirtschaftlichen und politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen waren in ihren Auswirkungen für die Frauen letztlich von Vorteil“ (S. 12). Frauen konnten und können durch die genannten Veränderungen endlich doch den Horizont ihrer Welt ausweiten. Eine Post-mortem-Genugtuung für alle Clémence Roberts, deren Sehnsüchte im „Heute“, in der Zeit also nach der Meta-Aufklärung, etwa zwischen dem Beginn der 1970er-Jahre und der Gegenwart,* endlich erfüllt werden können. Der Grund: Das „Heute“ ist die Zeit der Einleitung des finalen Abbaus der Gynäkophobie. Der Beendigung der Gleichwertigkeitsverneinung. Der Befestigung der Gleichberechtigung.

Plakativ gesprochen: Es ist die Zeit der zuerst schwächelnden, dann vor sich hinsiechenden und dann der sterbenden und teilweise bereits abgestorbenen Gynäkophobie-Verstärker. Die Zeit, in der Gleichwertigkeitsverneinung immer größere Teile der Männerwelt als Anhänger verloren hat; die Zeit, in der die vollständige Gleichberechtigung der Geschlechter so nahe bevorsteht wie nie vorher in der Geschichte des Abendlandes. Mehr als 200 Jahre nach Erstürmung der steinernen Bastille ist die Erstürmung der mentalen Gynäkophobie-Bastille voll im Gange. Eine späte Genugtuung für Olympe de Gouges, die, wie wir aus dem Abschnitt „Die Frau ist frei geboren …“, wissen, in der Morgendämmerung der Französischen Revolution die Rechte der „Frau und Bürgerin“ deklarierte: „Die Frau ist frei geboren und bleibt dem Manne gleich in allen Rechten.“ Dafür wurde sie, wie wir gehört haben, von den Revolutionären enthauptet. Die Zeiten haben sich gewaltig geändert – trotz noch verbleibender Baustellen.

Kein leichter Prozess und kein ebener Weg, die zum „Heute“ geführt haben – auch nicht nach der weitgehenden Resäkularisierung des Abendlandes. Man braucht nur einen Blick auf die aufgeklärten demokratischen abendländischen Gesellschaften der Neuzeit zu werfen, um die Schwierigkeit dieses unebenen Weges und die Kompliziertheit der Prozesse zu erkennen. Aber auch die Wiederholung von manchen Mustern, wie sie in der ersten europäischen Aufklärung – der in der Antike – zu erkennen waren. Nehmen wir als Beispiel die Mitwirkung von Frauen in der Politik. Bei den Griechen und Römern war sie marginal oder gar nicht vorhanden. So etwas aber missfällt uns, den heutigen Bürgern des 21. Jahrhunderts. Die Athener Demokratie war eine hervorragende Erfindung, aber … Aber wie war sie denn zu den Frauen? Ach, überhaupt nicht hervorragend. Nicht wahr? Empören wir uns also artig und pflichtgemäß. Doch wie war es denn in unseren fortschrittlichen Demokratien der Neuzeit?

Betrachten wir als erstes Beispiel die Mutter des modernen Parlamentarismus, Großbritannien. Der Parlamentarismus existiert dort seit 1707, aber ein Mitspracherecht für Frauen war jahrhundertlang unerwünscht. Erst mehr als 200 Jahre später, seit 1928, bekam das volle Wahlrecht für Frauen seinen Platz im politischen Leben des Königsreichs. Den Frauen wurde zwar bereits zehn Jahre früher ein eingeschränktes Wahlrecht zugestanden, aber solange sie unter 30 waren, galten sie als politisch unmündig und waren nicht wahlberechtigt. Die demokratische, Menschenrechte garantierende Verfassung der USA gilt seit 1788. Die Menschenrechte, die sie garantierte, galten prinzipiell nur für weiße Männer. Anderthalb Jahrhunderte lang ignorierte sie nicht nur die nicht-weißen Bewohner des Landes, sondern auch alle Frauen, ob weiß oder „women of colour“. Das Frauenwahlrecht wurde erst 1920 auf nationaler Ebene eingeführt.

In Frankreich leuchtet seit 1789 das Dreigestirn Liberté, Egalité, Fraternité – aber die volle Frauenwahlberechtigung gilt erst seit 1945.

Die erste direkte Demokratie auf europäischem Boden nach der griechischen, die der Schweiz, existiert zwar seit dem Mittelalter, aber bis fast zum Ende des 20. Jahrhunderts war sie streng androkratisch und gynäkophob, man könnte sogar sagen panisch-gynäkophob. Noch im Jahr 1959 lehnten die wahlberechtigten Schweizer, also die Männer, das Wahlrecht für Frauen mehrheitlich ab. Im selben Jahr wagte es der Kanton Waadt, das Frauenwahlrecht einzuführen, im Bund geschah das erst 1971. Der Kanton von Andreas Abendländer, das ist Appenzell Innerrhoden, wie wir wissen, ist zwar seit 1513 dem Schweizer Bund angehörig, gestand aber erst am Ende des 20. Jahrhunderts, im Jahr 1990, als letzter schweizerischer Kanton den Frauen das Wahlrecht zu. Und das nicht einmal freiwillig, sondern gezwungen durch das Bundesgericht. Jede Kultur, alte und neuzeitliche, religionsgetragene oder säkular geprägte, kann Gynäkophobie erzeugen und verstärken.

Das „Heute“ hat aber nicht nur eine Vergangenheit und eine Gegenwart, sondern auch eine Zukunft. Die werden wir im 11. Kapitel erkunden.

* Hesiod verfasste seine Gedichte mit dem Zweck, seinen Bruder Perses, mit dem er wegen Erbschaftsauseinandersetzungen in einen Rechtsstreit verstrickt war, zu motivieren, den Erbschaftsstreit zu beenden.

* Vom griechischen „anér“ = „der Mann“, Genitiv „andrós“, und „morphé“ = „Antlitz, Gestalt“.

* Von griechisch „Oikogéneia“ = „Familie“ und „árches“ = „das Oberhaupt“.

* Interessanterweise heißt noch bis heute in der griechischen Sprache das Ehepaar so; diese Formulierung ist begleitet von einem Unterton von Harmonie.

* Nicht zu verwechseln mit dem berühmt gewordenen anderen Cäsar-Mörder, Marcus Iunius Brutus. Letzterer war derjenige, zu dem der sterbende Cäsar in griechischer Sprache das berühmte „und du (mein) Kind Brutus“ gesagt haben soll (auch überliefert als „auch du, mein Sohn Brutus“ oder schlicht und einfach als „auch du, Brutus“).

* Die Kithara ist ein Saiteninstrument der griechischen Antike, ähnlich der Lyra. Vom griechischen Wort „Kithara“ leiten sich die deutschen Namen für die Gitarre (die bis heute in der griechischen Sprache Kithara heißt).

* Anspielung auf die Forderung der damaligen britischen Premierministerin Margaret Thatcher an die EU zur Rückzahlung von angeblich überproportionalen Beiträgen an Großbritannien: „I want my money back!“

* Cato meint offensichtlich den Mythos von den Frauen der griechischen Insel Lemnos, wonach diese die Männer der Insel erschlagen haben, weil sie von einer Expedition fremde Frauen als Konkubinen mitgebracht hatten, wie Apollonios Rhodios in seinem Epos „Argonautika“ erzählt.

* Bekanntlich heißen sie abrahamitisch, weil alle drei auf den gemeinsamen Ur-Patriarchen Abraham zurückgehen. Und monotheistisch, weil sie nur einen Gott, den Monos, anerkennen.

* Andromorph, vom griechischen „anér“ = „der Mann“, Genitiv „andrós“, und „morphé“ = „Antlitz, Gestalt“.

* Vom griechischen „ánthropos“ = „der Mensch“ und „morphé“ = „Antlitz, Gestalt“.

* Die Wiedergabe des Zitates folgt der Einheitsübersetzung von 1980. Es gibt Übersetzungsvariationen zu dieser Stelle, was nicht ungewöhnlich bei Bibelübersetzungen ist.

** Der Satz steht in einem hebräischen Manuskript, das im 20. Jahrhundert entdeckt wurde und vom bekannten griechischen Text in bestimmten Punkten abweicht. Er wurde vom Philosophen Bertrand Russell übersetzt, in seiner „Philosophie des Abendlandes“ (S. 328).

* Tertullian verteidigt sein Festhalten an Enochs Erzählung zur Verführung der Engel durch die Frauen, obwohl das Buch Enoch nicht in den jüdischen Kanon aufgenommen wurde. Enoch sei ein Urgroßvater Noahs gewesen und habe sein Buch vor der Sintflut geschrieben (Anm.: also lange vor der Entwicklung der Schrift!). Als einziges Buch sei es aus den Fluten gerettet worden. Dies sei ein starkes Zeichen Gottes dafür, dass das, was darinstehe, wahr sei. Die Nicht-Aufnahme in den jüdischen Kanon sei eine Verschwörung der Juden gewesen. Darin stehe nämlich etwas über das Kommen von Christus, des Herrn. Gerade das wollten lt. Tertullian die Juden auf jeden Fall verhindern, und deshalb verbannten sie dieses Buch (ebd. Buch I, 3). In der Tat wirft die Verbannung Enochs aus dem jüdischen Kanon einige Fragen auf, auch deshalb, weil er ein Liebling Gottes gewesen sein soll. Er wurde mit 365 Lebensjahren gesegnet, und als eine der wenigen Gestalten der Bibel wurde er von Gott selbst entrückt (Gen. 5, 18–24).

* Mit Patriarch meinte Origenes beispielsweise Abraham in dessen Beziehung zu seiner Frau Sara.

* Zu den Lilith-Beratungsstellen ist Folgendes zu sagen: In verschiedenen Städten Deutschlands gibt es „Lilith-Vereine“, die unter dem Motto „Frauen be raten Frauen“ das Ziel haben, „Frauen in ihrer Selbstachtung und Selbstfürsorge zu stärken und sie auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben zu begleiten“ (so etwa die „Frauenberatungsstelle Lilith e. V. Paderborn“ auf ihrer Webseite). Frauen, die in Bedrängnis geraten sind, psychische, physische oder sexualisierte Gewalt erfahren, Drogensüchtige, Migrantinnen mit Integrationsproblemen etc. werden dort beraten, und es wird ihnen geholfen.

* Der griechische Name „Protevangelium“ bedeutet wörtlich „Erstes Evangelium“, aber es wird als „Vorevangelium“ verstanden. Ursprünglich hieß es „Offenbarung des Jakobus“.

* Bis heute wird in verschiedenen Variationen die Formulierung „Sklavin dieses Sklaven“ von James Connolly, irischer Arbeiterführer des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, in diversen gewerkschaftlichen, sozialistischen und kommunistischen Abhandlungen verwendet.

* S. Abschnitt „Die kontaminierte Gottesmörderin …“ des 7. Kapitels.

* S. Abschnitt „Das Schwächeln der heiligen Verstärker“ in diesem Kapitel.

* Dort steht: „Hat ein Mann das Auge eines Freigeborenen ausgestochen, so wird man sein Auge ausstechen“ (196. Gesetz). „Hat ein Mann den Knochen eines Freigeborenen gebrochen, so wird man seinen Knochen brechen“ (197. Gesetz).

* Möbius wehrt sich dagegen, die Bezeichnung „Frau“ zu verwenden. Er schreibt dazu: „Es ist ganz ungehörig, zur Geschlechtsbezeichnung den Ausdruck ‚Frau‘ zu verwenden. Frau ist die ehrende Anrede und bedeutet Herrin, Domina, Dame, aber nach unserem Sprachgebrauch darf nur die Verheiratete als Frau bezeichnet werden. Wenn man von einer Frauenfrage, Frauenversorgung usw. spricht, so meint man vorwiegend die Angelegenheiten der Weiber, die nicht Frau sind, denn die Frauen brauchen nicht versorgt zu werden usw., sondern die Ledigen und Witwen; man drückt sich also falsch aus. Dem Manne steht das Weib gegenüber, und der Plural heißt nicht die Frauen, sondern die Weiber. Wenn die Weiber sich ihres Namens schämen sollten, so ist das schlimm genug, aber kein Grund, die Sprache zu vergewaltigen (S. 1).“

* Ob es Absicht war, dass Schopenhauer das Wort „Veneration“ gewählt hat, das vorwiegend für die Verehrung von Heiligen verwendet wird?

* Die von Hedwig Dohm verwendete Formulierung („fünffingerbreite Erfahrung“) bezieht sich auf ein Zitat aus Friedrich Nietzsches „Morgenröte“, Aphorismus 564.

* Obwohl das genannte Buch zuerst John Stuart Mill als alleinigen Autor aufweist und obwohl es in der „Ich-Form“ geschrieben ist, wurde in späteren Ausgaben seine Frau Harriet Taylor Mill als Koautorin aufgenommen, ungeachtet der Tatsache, dass sie bereits über zehn Jahre vor der Erstveröffentlichung (1869) gestorben war. Den Grund dafür nennt ihr Mann in seiner Autobiografie, dass nämlich das Werk entstanden sei nach intensiven Diskussionen zwischen ihm und seiner Frau und dass ihr Anteil an der Entstehung des Buches nicht zu unterschätzen sei. Auch seine Stieftochter Helen Taylor habe dabei mitgewirkt, so sein deutscher Herausgeber Dieter Birnbacher (S. 191 f.). Die Veröffentlichung des Buches wurde nach Angaben des Autors deshalb verzögert, weil er weitere Fortschritte der Frauenbewegung abwarten wollte, um der Schrift eine möglichst weitreichende Wirksamkeit zu sichern.

* Mit „Affirmative Action“ bzw. „Positive Action“, werden politische Maßnahmen bezeichnet, getroffen vom amerikanischen Präsidenten John F Kennedy im Jahre 1961, die den Zweck hatten, die Diskriminierung von bestimmten sozialen Gruppen, darunter auch der Frauen, zu bekämpfen.

* S. 7. Kapitel, Abschnitt „Der Gegenstand eurer Beschwerde …“.