Andreas Abendländer besuchte seine Tochter Birgit in Zürich. Sie stand kurz davor, ihr Medizinstudium abzuschließen – übrigens mit ausgezeichneten Noten, als Beste des Semesters. Herr Abendländer war sehr stolz auf die Erfolge von Birgit. „Was diese junge Frau, meine Tochter, alles kann! Was für Fähigkeiten sie hat! Und was für eine Persönlichkeit!“ Sein Herz lief über vor Liebe und Stolz. Inzwischen hatte Birgit einen festen Freund, mit dem sie sehr glücklich war und mit dem sie Heiratspläne schmiedete. Am ersten Abend luden die beiden Herrn Abendländer zu einer Theatervorstellung ein. Es wurde Lessings „Der Misogyn“ gespielt.* Herr Abendländer amüsierte sich köstlich und lachte herzlich über Herrn Wumshäter, diesen frauenhassenden Familienvater und dreifachen Witwer, der dabei war, seinem geliebten Sohn Valer, der sich in eine Frau verliebt hatte, die Heirat zu verbieten. Und es damit begründete, dass Frauen das Schlimmste seien, was es auf Erden gebe; sie seien das größte Unglück des Mannes.
Herr Abendländer amüsierte sich sehr über die komischen Wirrnisse, fragte sich aber insgeheim, ob seine Tochter ihm damit etwas sagen wollte. „Ach was! Was hatte dieses Tohuwabohu mit ihm zu tun. Oder ob er selbst doch vielleicht seine Haltung zur Gleichberechtigung der Geschlechter noch weiter korrigieren sollte? Hmm … Darüber musste er nachdenken. Er war doch kein Herr Wumshäter! Oder vielleicht doch ein bisschen?“
Die versteckten Waffen der entlarvenden Satire
Die Angst vor Frauen kann auch Lachen produzieren. Das Lachen entsteht, wenn die Absurdität dieser Angst entlarvt wird. Es gibt manche Wege, um eine solche absurde Angst zu entlarven und zu karikieren. Dadurch wird die damit verbundene Problematik, die eine Gesellschaft zwar beschäftigt, die sie aber nicht offen eingesteht, sichtbar. Satire und Komödie gehören seit dem Altertum zu den Entlarvern. Doch Vorsicht! Dass der Geängstigte selbst über seine Ängste leicht lachen kann, bedeutet keineswegs, dass er sie auch leicht ablegen kann.
Wir haben im Abschnitt „Großes Missverständnis …“ des 3. Kapitels die Gleichsetzung der Ungleichheit der Geschlechter mit deren Ungleichwertigkeit als eines der größten Missverständnisse und einen der langlebigsten Irrtümer der Menschheitsgeschichte bezeichnet. Ein Missverständnis und ein Irrtum, die zur größten Tragödie der Frauen geführt haben. Tragödien aber können Komödien beflügeln. Entlarvende Komödien. Insbesondere Tragödien mit tragikomischem Hintergrund taugen hervorragend dazu. Die Diskriminierung der Frau hat einen solchen tragikomischen Hintergrund, so befremdlich das auch im ersten Augenblick klingen mag. Die tragische Komponente liegt in der Unterdrückung der Frau, die komische in der Begründung der Unterdrückung.
Tragödie als Anstoß für Komödie? Klingt paradox, ist es aber nicht. Satire und Komödie haben nämlich beide die Freiheit, bittere Wahrheiten als süßes Amüsement zu präsentieren. Sie haben beide die Freiheit, staatlich-religiös Verbotenes als für das Volk Erheiterndes zu maskieren und psychologisch Verdecktes durch unzensierten Scherz aufzudecken. Auch die entlarvende Komödie zur Tragödie der Frauendiskriminierung offenbart manche grundlegenden Fragen. Etwa die folgende:
Wie unerschütterlich ist das, was die Prediger der Gleichwertigkeitsverneinung uns predigen?
„Unerschütterlich? … Dass wir nicht lachen!“ … rufen uns Satire und Komödie zu. Keineswegs unerschütterlich, lassen sie uns erahnen. Gleichwertigkeitsverneinung ist doch nichts anderes als eine chamäleontische, psychologisch erklärbare Camouflage von überbetriebenen irrationalen Ängsten vor dem Potenzial der Frau, vor ihren Fähigkeiten, ihren Eigenschaften und ihrer Konkurrenz. Satire und Komödie können bei der Demaskierung der dahinterstehenden Ängste eine subtile Hilfsrolle spielen. Wie? Durch ihre Möglichkeit, komplexe und brisante sozialpolitische Themen verpackt in spannende Handlungen zu präsentieren und sie dem Gelächter preiszugeben. Lachen ist nicht strafbar – und es hat es in sich: „Vom Lachen zum Verlachen ist nur ein kleiner Schritt“, wie der deutsche Altphilologe Otto Weinreich in seiner Einleitung zu Aristophanes’ Komödien trefflich bemerkt (S. XI). Satirische Komödie war immer und ist noch eine der sichersten Methoden, Missstände aller Art bloßzustellen und dabei Gelächter auszulösen statt Verfolgung und Sanktionierung. Darüber hinaus gilt für die satirische Komödie vollständig die Feststellung Platons: „Ohne die Kenntnis des Lächerlichen ist es nicht möglich, das Ernste wirklich zu verstehen“ (ebd., S. X).
All das waren offensichtlich Gründe für die Geburt und die fast grenzenlose Beliebtheit der Komödie in der Antike. Griechen und Römer haben übrigens Mutter und Vater der Komödie identifiziert: Die Mutter sei das Lachen, der Vater das Göttliche. Götter in der hellenischen Religion lachten ebenso gerne wie die Menschen – häufig lachten sie sogar gemeinsam. Somit sei das Lachen in der satirischen Komödie göttlich legitimiert, schlussfolgert der vorher zitierte Gelehrte Otto Weinreich (ebd., S. VIII). Nehmen wir aus den genannten Gründen also die klassische Komödie als Beispiel für unsere Zwecke – die Entlarvung nämlich der Unglaubwürdigkeit des Glaubens an die Ungleichwertigkeit der Geschlechter. An dieser Stelle werden nur drei Komödien aus dem Altertum als dafür paradigmatisch zusammengefasst. Alle drei sind Werke des Großmeisters dieses literarischen Genres, Aristophanes. Nicht umsonst haben ihn alte Gelehrte, unter anderem auch Platon, ebenso wie neuere, etwa die Deutschen Friedrich Hebbel, Friedrich Schlegel und Johann Wolfgang von Goethe, in göttliche Sphären erhoben (ebd., S. VII).
Es gibt drei Gründe für die Auswahl dieser drei Komödien. Erstens: Weil sie 2500 Jahre alt sind. Dies führt uns vor Augen, wie alt der Umgang mit dem Thema Gleichwertigkeit ist. Zweitens: Sie beschäftigen sich mit der säkularen Sicht von Gleichwertigkeit und sind somit gut nachvollziehbar für den modernen Europäer, aber weniger angreifbar, als wenn sie sich mit religionsgetragener, glaubensmotivierter Gleichwertigkeitsverneinung beschäftigten. Und drittens: Sie sprechen Themen an, die das ganze Abendland und seine ganze Geschichte betreffen und dazu auch ihre Aktualität in der Gegenwart nicht verloren haben. Ihre Aktualität beispielsweise bezüglich der Wirkung der Frau in der Politik – in einer sozial orientierten Innenpolitik und einer friedensstiftenden Außenpolitik. Einer „feministischen Außenpolitik“ – und das lange, lange vor Annalena Baerbock.*
Schauen wir uns die drei „feministischen“ Komödien an, alle drei mit klar ersichtlicher Zeitunabhängigkeit. Die erste heißt „Thesmophoriazousen“, was als „Die Frauen am Thesmophorenfest“ übersetzt wird. Die Thesmophória waren Feste zu Ehren von Demetra, Göttin der Fruchtbarkeit der Erde und im übertragenen Sinne auch der Frauen; deshalb durften dabei nur Frauen anwesend sein. Männern war die Teilnahme ebenso wie die bloße Beobachtung strengstens verboten. Dieses Theaterstück hat nur indirekt mit Politik zu tun, aber viel mit Frauenrechten, mit weiblicher Tüchtigkeit und Wertigkeit. Die zweite Komödie ist „Die Frauen in der Volksversammlung“ („Ekklesiasousen“) und die dritte „Lysistrate“ – die eine aus der Innen-, die andere aus der Außenpolitik abgeleitet.
Die singenden Feministinnen des 5.vorchristlichen Jahrhunderts
In der Realität der Antike gab es keine feministische Bewegung. In der Komödie schon. Und bei den „Frauen am Thesmophorenfest“ ganz besonders. Daraus nehmen wir zu unseren Zwecken als Beispiel nur ein Chorlied. Das alleine enthüllt die ganze Botschaft des Theaterstücks. Der Chor – im Stück das weibliche Volk repräsentierend – singt, an die Männer gerichtet, unter anderem Folgendes:
„Zwar schimpfen jetzt alle auf das Frauengeschlecht und setzen es schmählich herunter:
Wir seien, so lügt man, der Fluch der Welt und der Urquell alles Verderbens!
Wir gebären nur Hass, Zank, Kummer und Not und Empörung und Krieg! – Nun wohlan denn!
Wenn ein Fluch wir sind, warum freit ihr uns denn, warum, wenn wir wirklich ein Fluch sind?
Was verbietet ihr uns auf die Straße zu gehen, ja, nur aus dem Fenster zu gucken?
Was bemüht ihr euch denn so mit ängstlichem Fleiß, zu hüten den Fluch und zu halten?
Und geht nun ein Weibchen mal irgendwohin, und ihr findet sie nicht in der Stube,
Dann tobt ihr wie rasend, anstatt euch zu freuen und den Göttern zu opfern, dass endlich
Ihr entschwunden ihn seht aus dem Hause, den Fluch, und ihr nimmer ihn trefft in der Stube;
Und schläft man einmal in der Freundin Haus, wo man müd sich getanzt und gejubelt,
Da laufen sie denn um die Betten herum und suchen den Fluch zu erwischen.
Kaum gucken wir einmal zum Fenster hinaus, will jeder den Fluch sich betrachten,
Und zieht man unverschämt sich ein bisschen zurück, da gaffen sie nur noch verrückter,
Ob der Fluch nicht noch einmal am Fenster erscheint! Und was sehen wir aus allem?
Viel besser sind wir als ihr! Und wir können sogleich es auch unter die Nase beweisen!
Die Frage denn wäre, wer schlechter ist? Wir behaupten: ihr seid es! Und ihr sagt:
Wir seien’s! Wohlan! Wir betrachten uns denn und stellen uns gegeneinander
Und setzen dem Namen von jeglichem Mann eines Weibes Namen entgegen.
[…]
Und so rühmen wir denn uns mit Fug und Recht viel besser zu sein als die Männer!
Nie erfrecht sich ein Weib, aus dem Säckel des Staats schockweis die Talenten* zu stehlen
Und zu fahren dann stolz durch die Stadt! Kommt’s hoch, so schafft sie ein Körbchen mit Weizen
Vor dem Manne beiseit, und das bringt sie gewiss noch desselbigen Tages ihm wieder!
[…].
Jedermänniglich weiß, dass ihr schlechter als wir
Das Familiengut zu verwalten versteht!“
Usw. usw. … (V. 785–845).
Wie erstaunlich! Die Waffen der Frauenaktivistinnen von damals, die sie gegen die männliche Dominanz und Arroganz richteten, zeigen eine verblüffende Ähnlichkeit nicht nur mit denen der Feministinnen, sondern auch, in gewisser Hinsicht, mit denen der Hyperfeminismus-Aktivistinnen in Zeiten des „Heute“. Etwa in Bezug auf die Verlachung des Mannes, die Zuweisung der Rolle als Sündenbock an ihn und seine Dämonisierung.
Frauen an die Macht. Eine Inspiration für Marx und Engels
Aristophanes wusste es schon damals: Den Staatsfinanzen geht es so schlecht, weil Männer sie verwalten. Wir Männer, so meinte er, können nicht so gut mit Geld umgehen wie Frauen; die können es auf jeden Fall besser. Und darüber hinaus sind wir korrupter als sie. Aber wenn Frauen in der Finanzverwaltung wie auch in anderen Bereichen gleich oder sogar besser sind als wir Männer, warum dann nicht auch in der Politik? Doch, auch das könnten sie genauso gut oder sogar besser als wir, die Männer. Das schlussfolgert Aristophanes und lässt es uns seine „Ekklesiasousen“, das sind die „Frauen in der Volksversammlung“, vor Augen führen.
Kurz zusammengefasst geschieht Folgendes: Die Teilnahme an der „Ekklesía tou Démou“, an der Volksversammlung, die alle wichtigen Entscheidungen des Staates traf, war nur den freien Männern gestattet – obwohl es „Versammlung des Volkes“ hieß. Die eine Hälfte des freien Volkes, die Frauen, wurden jedoch nicht als Demos, als Volk, betrachtet und deshalb auch von den Angelegenheiten des Staates, der Polis, von der Politik also, und von allen politischen Ämtern ausgeschlossen.
Die Männer und ihre notorische Unbeholfenheit seien die Gründe, warum die Staatsfinanzen und andere staatliche Angelegenheiten in desolatem Zustand seien – meinten auch die Frauen in Aristophanes’ Stück. Egoismus, Neigung zu Korruption, Trägheit und Fantasielosigkeit seien typische männliche Eigenschaften und führten zu Problemen für den Staat. Ratschläge, meist ungebetene, die Frauen ihren beratungsresistenten Männern innerhalb der eigenen vier Wände gegeben hätten, hätten bisher kaum etwas gebracht. Und so beschlossen die Frauen von Athen, das zu ändern.
Mit List, Witz und Verstand gingen sie zu Werke. Unter der Führung von Praxagora, der Ehefrau eines führenden Mitglieds der Volksversammlung, bereiteten sie den Umsturz vor. Der Name Praxagora ist übrigens ein vielsagender Name. Er bedeutet „Die auf der Agora Handelnde“ oder, wie Otto Weinreich den Namen übersetzt, „Die in der Volksversammlung tüchtig Tätige“ (S. CXXII). „Agora“ ist ja nicht nur „der Marktplatz“, was es bis heute noch bedeutet, sondern in der alten Polis war die Agora auch der Ort, wo sich das politische und kulturelle Leben abspielte.
Praxagora ruft also die Frauen zu einer konspirativen Generalprobe des Umsturzes zusammen und verkündet ein Grundsatzprogramm: Alle Macht im Staat werde von Frauen übernommen. Es sollen gezielt politische Prioritäten gesetzt werden: die Finanzen wieder in Ordnung bringen, Egoismus, Selbstbereicherung und Korruption bekämpfen und die Gleichheit aller Bürger einführen – Betonung auf alle Bürger, und damit sind natürlich auch die Frauen gemeint.
Dann, nach einer Probe, marschieren sie in der Tat los: Sie tragen die Kleider ihrer Männer, verstecken ihre Gesichter hinter künstlichen Bärten und schaffen sich so unerkannt Zugang zur Volksversammlung. Der Staatsstreich gelingt. Die Frauen, die bisher ihren Männern gegenüber mehr oder weniger gehorsam waren, übernehmen die Macht und diktieren den Männern ihr Programm. Sie legten Männerkleider und künstliche Bärte ab und präsentieren sich selbstbewusst in ihren Frauengewändern und mit ihren Frauengesichtern.
Praxagoras erste Regierungserklärung hat es in sich. Da sie das Kommunistische Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels definitiv nicht gelesen hat – es erschien erst 2243 Jahre später – kann man davon ausgehen, dass sie nicht davon inspiriert war. Ob es aber umgekehrt gewesen sein könnte? Wer weiß. Die beiden revolutionären Philosophen waren schließlich humanistisch gebildet. Dr. Karl Marx ließ sogar nicht selten die griechischen Texte in manchen seiner Werke, etwa in seiner Dissertation, unübersetzt im Originalgriechisch; er setzte wohl voraus, dass seine gebildete Leserschaft es verstehen würde. Die Proletarier auch? Na ja …, das ist ein anderes Thema. Wie auch immer, ob also womöglich die Ähnlichkeiten zwischen dem Manifest von Marx und Engels mit der Regierungserklärung der revolutionären Feministinnen von Athen nicht rein zufällig sind? Überzeugen Sie sich selbst durch einen Blick auf Praxagoras revolutionäre Deklaration:
„Höret!
Alles wird künftig Gemeingut sein, und allen wird alles gehören,
Sich ernähren wird einer wie alle fortan, nicht Reiche mehr gibt es noch Arme,
Nicht besitzen wird der viel Jucharte* Lands und jener kein Plätzchen zum Grabe;
Nicht Sklaven in Menge wird halten der eine, und der andere nicht einen Bedienten,
Nein, allen und jeden gemeinsam sei gleichmäßig in allem das Leben!
[…]
Nun seht, zuvörderst erkläre ich die Äcker
Für Gemeingut aller, auch Silber und Gold und was alles der einzelne sein nennt!“ (V. 582–592).
Diese Forderungen der Revolutionärinnen des 5. vorchristlichen Jahrhunderts könnten eins zu eins Bestandteil der radikalen kommunistischen Utopie des 19. und 20. Jahrhunderts unserer Zeit sein. In einem Punkt aber gibt es definitiv keine Gemeinsamkeit zwischen den revolutionären Feministinnen des Altertums und den revolutionären Philosophen der Neuzeit; dazu wird man vergeblich etwas im Kommunistischen Manifest suchen.
Es hat mit der sexuellen Selbstbestimmung zu tun. Die feministischen Rebellinnen von Athen proklamierten die sexuelle Selbstbestimmung der Frau – und ihre sexuelle Herrschaft über den Mann. Nach Praxagoras Regierungserklärung wollten die Frauen auch Vorreiter einer sexuellen Revolution sein: Sie wollten nicht mehr unter der sexuellen Despotie der Männer stehen, sondern sie wollten Sex mit jedem haben dürfen, wenn sie es selbst so bestimmten. Es könnte sein, dass die Philosophie der freien Liebe der Hippies der 1960er-Jahre ein wenig ihre Wurzeln darin hat. Aber nur ein wenig, denn die athenischen Sexualrevolutionärinnen hatten ein etwas übertriebenes Gerechtigkeitsgefühl. Nach ihrem Erlass hatten nämlich die älteren und hässlicheren Frauen als Erste Zugriff auf die schönen jungen Männer, die jüngeren und schöneren dagegen als Letzte – falls noch etwas von deren Manneskraft übrig geblieben war. Somit würden auch die älteren und hässlicheren Frauen von den Männern nicht ignoriert und vernachlässigt. Es wäre gerecht, erklärten sie. Eine Situation, die selbst für unsere heutigen aufgeklärten Verhältnisse utopisch und unvorstellbar scheint – trotz unserer Sympathie und Unterstützung für die antiken Feministinnen.
Es gibt noch eine wichtige Gemeinsamkeit der Athener Frauenproklamation mit der kommunistischen Utopie: das Scheitern. Das Scheitern an der Realität. Die Eliminierung der Unterschiede zwischen Arm und Reich, die Einführung der gleichberechtigten Gütergemeinschaft aller Bürger und die sexuelle Befreiung der Frau scheiterten am menschlichen Egoismus, an der Praxisferne und an der Rivalität zwischen den verschiedenen Untergruppen innerhalb der Frauenbewegung, etwa Alt gegen Jung. Doch die Gemüter wurden gehörig durchgeschüttelt, die Gedanken angeregt und die Hintergrundängste der Männerwelt entlarvt.
Diese sozial-politische, emanzipatorisch-feministische Satire des 5. vorchristlichen Jahrhunderts wie auch die gegen die Frauen-Inferiorität kämpfende vorher dargestellte Komödie „Frauen am Thesmophorenfest“ sind nicht ohne Bedeutung für die Psychologie der Gleichwertigkeitsverneinung. Auch deshalb nicht, weil sie die in der Gesellschaft vorhandenen Ansichten und Konflikte satirisch und komödiantisch widerspiegeln – wie es auch vom vorher zitierten Aristophanes-Kenner Otto Weinreich zu Recht hervorgehoben wird (S. CXXIV).
Und die „feministische Außenpolitik“? Eine Erfindung der deutschen Grünen des 21. Jahrhunderts? „Ach wo!“, würde Aristophanes sagen.
Frauenpower: Make love, not war! Und Frieden schaffen ohne Waffen
Männer zetteln Kriege an, Frauen stiften Frieden. So könnte man Aristophanes Haltung zusammenfassen. Aber damit übertreibt er doch. Ja, auch wenn er weder Margaret Thatcher noch Indira Gandhi kennen konnte. Gehen wir davon aus, dass er bewusst pointiert, um uns die verborgene Frauenpower deutlich zu machen. Er singt dabei nicht nur das Hohelied der Frauenpower, sondern auch, wie kreativ, originell und witzig Frauen sein können. Und das zeigt er uns in seiner „Lysistrate“.
Der erste pazifistische und friedenstiftende zivile Ungehorsam der Kriegsgeschichte geschah demnach im 20. Jahr eines fürchterlichen, fast 30-jährigen Krieges – nicht desjenigen, der uns unter diesem Namen bekannt geworden ist, sondern des griechischen, des sogenannten Peloponnesischen Krieges am Ende des 5. vorchristlichen Jahrhunderts. Damals bekämpften sich Athener und Spartaner mit ihren jeweiligen Verbündeten bis aufs Messer, Ziel war die Vorherrschaft in Griechenland. Nebenbei gesagt haben beide Mächte die Hegemonie, die sie anstrebten, dadurch am Ende verspielt. Die erlangte der lachende Dritte – die neue griechische Supermacht Makedonien. Hätten die Kriegsparteien auf die Friedensaktivistinnen gehört, dann wäre die Geschichte anders verlaufen. Wie auch immer, Frauen waren – folgt man Aristophanes – die Initiatoren des ersten pazifistischen, sexy-witzigen zivilen Ungehorsams der Geschichte. Die Führung der Bewegung hatte eine couragierte athenische Friedensaktivistin namens Lysistrate übernommen. Auch ihr Name war Programm. Lysistrate bedeutet „Die Armeen Auflösende“.
Lysistrate beruft am Fuße der Akropolis eine Frauenversammlung ein, an der Frauen sowohl aus den alliierten als auch den feindlichen Lagern teilnehmen. Alle Frauen bekunden ihre Bereitschaft, alles zu tun, auch persönliche Opfer zu bringen, egal wie schwer sie sein mögen, um den furchtbaren Krieg zu beenden.
Lysistrate präsentiert der Frauenversammlung ihren Plan und das Mittel, um den Frieden zu erzwingen: Den Männern wird der Sex verweigert. Das aber haben die versammelten Frauen nicht erwartet. Sie protestieren. Sie sind bereit, alles zu tun für den Frieden, aber bitte, bitte nicht das. Besser Krieg als das. Sex-Abstinenz? Nein danke! Fast sind sie dabei, die Versammlung zu verlassen und Lysistrates Friedensinitiative scheitern zu lassen. Erst in letzter Minute gelingt es der resoluten Friedensaktivistin, die Frauen davon zu überzeugen, dass Sex in Friedenszeiten reizvoller ist als in Kriegszeiten. Sex statt Krieg also.
Die Philosophie „Make love, not war!“ ist damit geboren.
Lysistrate lässt die inzwischen für den Frieden hoch motivierten Frauen einen Eid an Aphrodite, die Göttin der Liebe und der Erotik, schwören, wonach sie allen Annäherungsversuchen der Männer widerstehen werden.
Danach verschanzen sich die eingeschworenen Pazifistinnen aus allen Lagern, alliierten und feindlichen, zusammen auf der Akropolis von Athen, wo auch die Schatzkammer mit dem notwendigen Geld zur Finanzierung des Krieges liegt, und warten auf die Reaktion ihrer Männer. Die kommt prompt. Zuerst reagieren die alten Männer, die für die Finanzierung des Krieges und die politischen Angelegenheiten zuständig sind. Das gesamte Altmännervolk belagert die Akropolis und versucht, die Tore in Brand zu setzen, um den ungehorsamen Weibern eine Lektion zu erteilen, aber auch um an das Geld zu kommen, das für die Fortführung des Krieges benötigt wird. Ältere Frauen aber kommen den jungen belagerten Friedensaktivistinnen zu Hilfe. Und so scheitert der Angriff der alten Männer.
Dann kommen die jüngeren Männer und verlangen von den Frauen, ihren Sex-Streik zu beenden. Lysistrate hat dabei eine doppelte Aufgabe zu bewältigen. Erstens: Sie muss die unruhigen, ungeduldigen, angespannten Männer, die ihr Leiden wegen der erzwungenen sexuellen Abstinenz kaum verbergen können, dazu bewegen, endlich Friedensverhandlungen zu beginnen. Und zweitens muss sie dafür sorgen, dass die ebenfalls sexliebenden Frauen bei ihrem Plan bleiben. Schwierig.
Wie kann Lysistrate unter diesen Umständen die abgesandten athenischen und spartanischen Politiker zu Friedensverhandlungen bewegen? Indem sie deren sexuelle Not noch größer macht. Dazu heizt sie den Sexhunger der Männer weiter an: Bei ihrem Auftritt vor den Abgesandten der Männer wird Lysistrate von Diallagé, der Göttin der Versöhnung, begleitet, die in Gestalt einer jungen, schönen – und nackten – Frau erscheint. Athener und Spartaner müssen eine flammende Friedensrede von Lysistrate über sich ergehen lassen, während ihre gierigen Blicke und kaum verhüllten Sehnsüchte auf deren junger, schöner, nackter Begleiterin, der Versöhnung, liegen. Und Lysistrate propagiert noch dazu die Gleichwertigkeit der Frau und ihre korrigierende Macht:
„Höret nun mein Wort*
‚Ich bin ein Weib, doch wohnt in mir auch Geist!‘207
Von Haus aus nicht verkürzt an Mutterwitz,
Hab’ ich vom Vater und von ältern Männern
Manch weises Wort gehört und viel gelernt.
Drum nehm’ ich jetzt euch vor und schelt’ euch aus,
Wie ihr’s verdient!“ (V. 1122–1128).
Lysistrates Plan geht auf. Athener und Spartaner bekunden unter dem Diktat ihrer angestauten Triebe ihre Bereitschaft zu Friedensverhandlungen.
Die Spannung zwischen Pazifisten und Bellizisten, zwischen Frauen und Männern also, löst sich auf. Und Lysistrate, hocherfreut über den Erfolg ihrer gewagten Aktion, lädt die Delegierten, angeführt von der jungen, schönen, nackten Diallagé (wie wir wissen, ist sie die Göttin der Versöhnung in Gestalt der nackten Verführung) zu einem großen Festschmaus auf die Akropolis ein. Die sich noch vor kurzem unversöhnlich gegenüberstehenden Kriegsparteien – Athener und Spartaner, Männer und Frauen – feiern und betrinken sich gemeinsam. Und so erlösen sie das Land und sich selbst von den unerträglichen Spannungen.
Ich fühle mich leider verpflichtet, Ihnen mitzuteilen, dass Lysistrate und ihre mitstreikenden Frauen nur einen temporären Erfolg hatten – und dass auch nur im Komödien-Universum. Der Krieg ging in der Realität noch etwa sieben Jahre weiter und endete mit der totalen Niederlage der Athener. Wie auch immer, Aristophanes lässt Lysistrate und ihre couragierten Mitstreikenden zeigen, was Frauenpower möglich machen könnte.
Alle drei gynäkophilen Komödien von Aristophanes, die wir hier kurz gestreift haben, tragen das volle Potenzial der Satire in sich. Es ist das Potenzial, das komplexe sozialpolitisch brisante Themen zu spannenden Handlungen macht und zum Lachen animiert. Es wirkt fast wie psychologische Kriegsführung ohne sichtbare Kriegsopfer. Aber es verrät auch, dass eine herrschende Gesellschaftsordnung nicht unbedingt auf A-priori-Wahrheiten basiert. Und dass die gynäkophoben intersubjektiven Wahrheiten und die Mythen, die die androkratischen Gesellschaften brauchen, um androkratisch zu bleiben – wir haben in verschiedenen Abschnitten des 7. Kapitels davon gehört – alles andere als unerschütterlich sind. Sie können verlacht werden. Und dadurch entlarvt. Am Anfang dieses Kapitels wurde Platons Aphorismus zitiert, wonach es ohne die Kenntnis des Lächerlichen nicht möglich ist, das Ernste wirklich zu verstehen. Die Satire zeigt, dass zwar das Bewusstsein vom Unsinn der Gleichwertigkeitsverneinung immer da war – mal mehr, mal weniger. Aber auch, dass die Abwehr- und Vermeidungsstrategien der Männerwelt Änderungen in der gesellschaftlichen Realität verhinderten. Und die Satire zeigt weiter, dass die gynäkophobe Männerwelt doch wohl immer schon wusste, es aber nicht zugeben wollte, was ein Mann, Euripides, proklamierte und eine Frau, Melanippe, den Männern entgegenschleudern ließ. Das, was Aristophanes Lysistrate wiederholen lässt:
„Ich bin ein Weib, doch wohnt in mir auch Geist!“
* Lessings „Der Misogyn“ haben wir schon im Abschnitt „Das falsche Geschlecht …“ des 2. Kapitels kennengelernt.
* Die grüne Außenministerin Annalena Baerbock erklärte bei ihrem Amtsantritt eine „feministische Außenpolitik“ zu einem der Ziele ihrer Politik.
* Altgriechische Gewichts- und Münzeinheit (= Tálanton).
* Flächenmaß in der Landwirtschaft, in der Regel etwa ein Morgen.
* Hier zitiert Lysistrate aus Euripides Tragödie „Melanippe die Weise“, die leider nur fragmentarisch gerettet ist. So einen Satz spricht dort eine selbstbewusste und weise Frau, die Melanippe.