9. Das Verlernen des Fehlverhaltens
Zum 58. Geburtstag von Andreas Abendländer, am 27. November 1990, kamen wie bei jedem Geburtstag alle drei Töchter mit ihren Familien zu Besuch, um mit dem Jubilar und ihrer Mutter zu feiern. Alle drei führten eine glückliche Ehe, Birgit und Cäcilia waren inzwischen auch Mütter, Dora seit einem Jahr verheiratet. Dieser 27. November 1990 war nicht nur der Geburtstag von Herrn Abendländer, sondern auch ein historischer Tag für seinen Kanton. Zwar hatten die Wahlberechtigten des Kantons, das waren die Männer, wenige Monate vorher, am 29. April 1990, gegen das Wahlrecht für Frauen gestimmt. Das Bundesgericht aber zwang an diesem 27. November den Kanton Appenzell Innerrhoden, im Einklang mit dem seit 1971 geltenden Recht in der übrigen Schweiz das Wahlrecht für Frauen einzuführen. Die Frauen des Kantons hatten nach der Abstimmung im April beim Bundesgericht geklagt und gewonnen.
Vieles hatte sich inzwischen verändert im Leben von Herrn Abendländer. „Die Geschichte mit Birgit“, die „bloß eine Ausnahme“, bleiben sollte, blieb es nicht. Cäcilia, seine zweite Tochter, erwies sich als musikalisch außergewöhnlich begabt. Wieder das gleiche Hin- und Hergerissensein des Herrn Abendländer, wie bei der ersten begabten Tochter. Doch letzten Endes ermöglichte er auch Cäcilia, ihre Talente zu entfalten. „Deine Paradoxien gehen weiter, Herr Abendländer!“, grollte der Herr Pfarrer. „Soll er grollen“, dachte Herr Abendländer und schwieg.
Es erübrigt sich fast zu sagen, dass sich einige Jahre später dasselbe mit Dora, der dritten Tochter, wiederholt hatte. Herr Abendländer hatte bei der Gelegenheit bemerkt, dass das Pendel seines Hin- und Hergerissenseins viel stärker und schneller in Richtung Bejahung neigte als bei den beiden anderen Töchtern. Die Bemerkungen des Herr Pfarrers über Paradoxien usw. störten ihn inzwischen kaum noch. Dora studierte Politikwissenschaft, wurde Mitglied einer progressiven Partei und arbeitete darauf hin, sich als Parlamentarierin zu bewerben. Als sie einige Jahre später tatsächlich Mitglied der Bundesversammlung wurde, war Herr Abendländer sehr stolz auf sie – ebenso wie auf seine beiden anderen Töchter. Alle waren sehr erfolgreich im Beruf und noch dazu glückliche Ehefrauen und die beiden älteren schon ausgezeichnete Mütter. Herr Abendländer machte in zunehmender Weise ähnliche Erfahrungen mit anderen Frauen, die berufstätig waren. Die Ärztin, die ihn jetzt behandelte, war genauso gut oder sogar besser als sein alter, nun pensionierter Arzt. Als er in Zürich zu Besuch war, wurde er Zeuge, wie Frauen Taxi-, Bus- und Straßenbahnfahrerinnen waren, wie sie Amtsstuben und Geschäfte leiteten und vieles mehr. Es lief doch alles prima, nichts Schlimmes war passiert. Und wie er in der Zeitung las, führten in manchen Ländern Frauen schon Ministerien und Regierungen. Alle diese Erfahrungen, mit denen er selbst direkt oder indirekt konfrontiert wurde, hatten allmählich dazu geführt, dass seine früheren Ängste in Bezug auf die Rolle von Frauen in der Gesellschaft Stück für Stück abgebaut wurden. Herr Abendländer staunte über sich selbst: Vieles kam ihm gar nicht mehr ungewöhnlich vor und beunruhigte ihn auch nicht mehr. Man könnte auch sagen: Die Berührung, ja Konfrontation, mit seinen Angstquellen hatte einen Abbau seiner Befürchtungen bewirkt. „Merkwürdig, aber toll …“, dachte er und freute sich dabei.
Insofern war dieser 27. November 1990 auch für ihn ein denkwürdiger Tag. Nicht nur wegen seines 58. Geburtstags. Und nicht nur, weil sich seine Frauen über die Einführung des Frauenwahlrechts in der ganzen Schweiz freuten. Herr Abendländer entdeckte nämlich an diesem Tag, dass auch er über diese Entwicklung gar nicht so unglücklich war. So viel hatte sich verändert in den letzten Jahren – in seinem Leben und in der Gesellschaft. Und vieles davon fand er sogar ziemlich gut.
Fehlerhaftes Verhalten ist erlernbar, aber auch verlernbar
Konfrontation kann befreien! Dies gilt in vollem Umfang für Phobien. Die Gynäkophobie macht da keine Ausnahme. Aber passen Konfrontation und Befreiung zusammen? Ja, sie passen sehr gut zusammen. Durch Konfrontation nämlich kann Desensibilisierung gegenüber der Angstquelle erreicht werden. Deren Abwehr und Vermeidung wird dadurch überflüssig. Der Mensch wird von seinen phobischen Ängsten befreit. Malen Sie sich bitte Folgendes aus:
Ein weißes Kind des vorigen Jahrhunderts machte eine bewusst oder unbewusst rassistisch-untermauerte Erfahrung: Seine Mutter beendet jede Forderung nach tugendhaftem Verhalten mit dem bedrohlichen Satz: „Sonst kommt der schwarze Mann …!“ Viele Jahre lang wurde die „Angst vor dem schwarzen Mann“ in das Bewusstsein des weißen Kindes eingehämmert. Und siehe da, eines Tages strandet unser weißer Junge – mittlerweile zum jungen Mann geworden – zusammen mit einem schwarzen Mann auf einer einsamen Insel. Die eingehämmerten Ängste werden auf einmal virulent. Der Jüngling hält, soweit möglich, Abstand vom schwarzen Mann, misstraut ihm und ist ständig in Alarmbereitschaft und Abwehrhaltung. Doch zu seiner Überraschung ist der schwarze Mann ein höflicher, extrem fürsorglicher und hilfsbereiter Gentleman. Der weiße junge Mann wird immer weniger ängstlich, fasst Vertrauen zu dem schwarzen Mann, und letzten Endes verliert er vollständig seine Angst vor ihm. Er begreift, dass die Mahnungen der Mutter aus Vorurteilen und Irrtümern entstanden sind. Die beiden – der Schwarze und der Weiße – werden dicke Freunde, auch außerhalb der einsamen Insel. Und der Weiße korrigiert nebenbei seine übrigen rassistischen Relikte.
Die Konfrontation mit der realen Situation befreit den Weißen von seinen irrealen Ängsten vor dem Schwarzen. Konfrontation mit dem angstauslösenden Reiz führt zur Desensibilisierung dem gegenüber und befreit von der Phobie. Dies gilt in vollem Umfang auch für den Abbau der Gynäkophobie. Dieses Phänomen basiert auf folgendem Prinzip der Verhaltenspsychologie:208 Jedes Verhalten ist prinzipiell durch Lernen erwerbbar, durch Verstärkung konsolidierbar und durch Erfahrungen verlernbar. Jedes Fehlverhalten ist demzufolge prinzipiell korrigierbar. Gynäkophobes Verhalten ist Fehlverhalten. Ergo: Gynäkophobes Verhalten ist verlernbar und korrigierbar.
Es gibt inzwischen robuste Beweise dafür, dass die effektivste Strategie, um eine Phobie abzubauen, die ist, die auf Erfahrungen im direkten Lebensmilieu des Betroffenen basiert. Übertragen auf die Gynäkophobie bedeutet das Folgendes: Die unmittelbaren Erfahrungen des Gleichwertigkeitsverneiners mit Frauen, die Gleichwertigkeit und Souveränität ausstrahlen, die aber keine Bedrohung für ihn selbst wie auch für die Männerwelt insgesamt darstellen, leisten den effektivsten Beitrag zum Abbau seiner Gynäkophobie. In der Praxis bedeutet das: Trifft ein gleichwertigkeitsverneinender Mann im realen Leben auf Frauen, die a) im Berufsleben und im Alltag die gleichen Fähigkeiten zeigen wie Männer, b) deren Verhalten deutlich macht, dass Frauen-Partizipation keine Männer-Entmachtung bedeutet, und macht er dazu die Erfahrung, c) dass die Einführung von neuen, frauenfreundlichen Strukturen kein Chaos und keine Unordnung herbeiführt, dann kann das zu folgender konsequenzenreicher Entwicklung beitragen: Der Gynäkophobiker baut schrittweise seine gleichwertigkeitsverneinenden Vorbehalte ab und akzeptiert zunehmend die Gleichberechtigung der Geschlechter. Und das ist nichts anderes als eine schrittweise Desensibilisierung gegenüber seinen Gynäkophobie-konstituierenden Ängsten.
Die Psychologie, die dahintersteht, beruht auf dem sogenannten „Expositionsverfahren“ der Verhaltenstherapie. Damit ist gemeint, dass ein von einer Phobie Betroffener die Konfrontation mit seiner Angstquelle zulässt. Das kann schrittweise erfolgen oder aber auch ganz direkt und unmittelbar mit dem Reiz, der die höchste Angst auslöst. Voraussetzung für den Phobie-Abbau ist die Bereitschaft des Betroffenen, seine bisherigen Abwehr- und Vermeidungsreaktionen zuerst zu unterdrücken und irgendwann vollständig zu unterlassen. Wenn er dann die Erfahrung macht, dass der früher so furchtbare Angstauslöser irgendwann immer weniger Angst macht und zum Schluss gar keine mehr, dann wird ihm letzten Endes die Irrationalität der eigenen Angst vor Augen geführt.
Auf genau diese Weise erreicht auch der Gynäkophobiker die Befreiung von seinen frauenbezogenen Ängsten. Das ist die Emanzipation des Mannes. Er emanzipiert sich von gynäkophoben Ängsten und Klischees.
Die Emanzipation des Mannes und die Paradigma-Frauen
Zur Emanzipation des Mannes ist der Beitrag der Paradigma-Frauen essenziell. „Paradigma-Frau“? Aber wie können wir sie definieren?
Wir können es zunächst pragmatisch und trocken formulieren und sagen:
Eine Paradigma-Frau ist die Frau, die Gleichwertigkeit ausstrahlt und praktiziert. Die Frau, die festgefahrene Geschlechterdomänen nicht akzeptiert, sondern alle Bereiche öffentlichen und privaten Lebens für sich erstreitet und dadurch zu neuen Denkmustern und gesellschaftlichen Veränderungen beiträgt.
Wir können es aber auch poetisch und trotzdem nicht weniger treffend tun und sagen: Eine Paradigma-Frau ist die Frau, die sich sowohl aus dem Androkratie-Käfig als auch aus dem Käfig des eigenen Geschlechts* befreit hat und über die Dächer der patriarchalen Kleinwelt geflogen ist.
Das griechische Wort „Paradigma“ bedeutet „Beispiel“. Und die Paradigma-Frau ist ein Beispiel, das zur Nachahmung auffordert. Sie verkörpert teilweise das, was die von manchen als Provokantin erlebte Mirna Funk völlig unprovokant deklariert: „Eine Frau, die sich als mächtig und nicht ohnmächtig versteht. Eine Frau, die für das, was sie will, kämpft; die Forderungen stellt und Grenzen setzt“ (S. 26).
In unserem Jahrhundert des Gynäkophobie-Abbaus ist die Paradigma-Frau die wirksamste angstneutralisierende Kraft im antigynäkophoben Desensibilisierungsverfahren. Zweifelsohne gab es immer die Männer, die mit ihren Ideen und Aktivitäten dazu beigetragen haben, den Boden für eine Gleichwertigkeitsmentalität zu ebnen. Dennoch waren es in den vergangenen Zeiten vergleichsweise wenige, ihre Wirkung war begrenzt und kaum umwälzungsträchtig. Sie behandelten das Thema größtenteils akademisch und theoretisch. Somit blieben ihre Ansichten Gefangene der intellektuellen Diskurse, ohne durchgängigen Freigang in die Praxis der real herrschenden sozialen Strukturen. Allerdings halfen solche männlichen Positionierungen, die das Thema Gleichwertigkeit behandelten, den Frauen dabei zu handeln. Etwa nach dem Motto: Der Mann behandelte, die Frau handelte. Das heißt: Manche Männer gingen an das Thema „Geschlechtergleichwertigkeit“ intellektuell-theoretisch heran.
Manche Frauen aber hatten den Mut zu handeln. Die Frauen haben pragmatisch erkannt, dass Gleichberechtigung nicht ein Geschenk ist, sondern ein Gut, das man erkämpfen muss. Und so haben sie begonnen, darum zu kämpfen. Kein Wunder also, dass die Kämpferinnen des 19. und des 20. Jahrhunderts in der öffentlichen Wahrnehmung auch für den Wandel stehen. Die Frauenrechtlerinnen, die Suffragetten*, die Feministinnen dominierten die öffentliche Wahrnehmung im Zusammenhang mit der Gleichberechtigung. Kein Zweifel: Sie alle waren Vorkämpferinnen und Vorposten einer historischen Umwälzung. Ihr politischer Beitrag war wichtig und ist nicht hoch genug zu schätzen. Vor allem haben sie viel zur Erweiterung des Bereiches des Politischen oder Politisierbaren – nicht ausschließlich im Bereich der Frauenrechte, sondern der Menschenrechte insgesamt – getan, was nach Meinung des großen französischen Soziologen Pierre Bourdieu zum allmählichen Untergang der männlichen Herrschaft beitragen kann (S. 198–200).
Aber was wären solche Bemühungen wert ohne das gleichzeitige Wirken der Paradigma-Frauen? Oder wie wirksam wären sie ohne die Präsenz von Paradigma-Frauen, die an anderen Fronten brillieren als an der politisch aktiven Kampffront?
Den Wandel in Sachen Gleichwertigkeit der Geschlechter treiben die Paradigma-Frauen deshalb in entscheidender Weise voran – und zwar sowohl psychologisch als auch pragmatisch: Weil sie durch Auftreten, Verhalten und Wirken die Desensibilisierung der Gynäkophobiker gegenüber ihren Ängsten herbeiführen und neue Evidenzen schaffen. Die überzeugendste Wirkung kam von den Frauen, die sich in bis dahin ausschließliche Männerdomänen gewagt und gezeigt haben, dass sie es mindestens genauso gut können. Solche epochemachenden Frauen waren etwa die ersten Ärztinnen, die ersten Wissenschaftlerinnen, die ersten Professorinnen, die ersten Politikerinnen, die ersten Gewerkschafterinnen, die ersten Pilotinnen, die erste Kapitäninnen, die ersten Busfahrerinnen, die ersten Facharbeiterinnen, die ersten Polizistinnen, die ersten Fernsehmoderatorinnen, die ersten Sportreporterinnen, die ersten …, die ersten …, die ersten … Anfangs wurden sie misstrauisch beäugt, belächelt, beleidigt, bekämpft, Anfeindungen und Angriffe inbegriffen – auch jetzt haben sie es noch nicht immer und nicht überall ganz leicht –, bis sie überzeugend ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen konnten.
Aber sie haben noch mehr gezeigt: Sie machten allen klar, dass Partizipation des einen Geschlechts keine Entmachtung und keinen Ausschluss des anderen bedeuten muss. Und noch mehr: Sie konnten uns allen vorführen, dass die aktive soziale Präsenz einer autonomen, souveränen Frauenwelt eine Bereicherung ist und keineswegs eine chaosbringende Zerstörung der gesellschaftlichen Ordnung bedeutet. Alle diese Frauen, die es gewagt haben, sich in eine Männerdomäne zu begeben, und es geschafft haben, darin zu bestehen, wurden zu Paradigma-Frauen. Sie haben dazu beigetragen, dem Paradigmenwechsel den entscheidenden Schub zu geben. Die Paradigma-Frauen wurden auf diese Weise zu Verhaltenstherapeutinnen der Gynäkophobiker.
Weibliche Erfolgsstrategien und der Kern des „Anders“
Jede erfolgreiche Therapie setzt effiziente Therapiestrategien voraus. Diese setzen auch die erfolgreichen Gynäkophobie-Therapeutinnen ein. Ihre Erfolgsstrategien gründen sich auf der Frau selbst, und zwar auf:
• ihrer Persönlichkeit und ihrem Können,
• ihrem Mut, sich zu beweisen und – wenn nötig – es auch anderen es zu beweisen,
• ihrer Fähigkeit, Evidenzen zu schaffen,
• ihrer Kunst, sich begünstigender Verstärker zu bedienen,
• ihrem Beharrungsvermögen bei der Erweiterung von minimal günstigen Rahmenbedingungen.
Das heißt, poetisch ausgedrückt: Die als Gynäkophobie-Therapeutinnen aktiven Paradigma-Frauen haben die in den oben genannten Erfolgsstrategien enthaltene Páris-Lanze der Gleichwertigkeitsbejahung ergriffen und gegen die Achilles-Ferse* der Gleichwertigkeitsverneinung eingesetzt.209 Lassen Sie uns diese Fundamente der Erfolgsstrategien der Paradigma-Frauen in groben Zügen anschauen:
Ihre Persönlichkeit und ihr Können sind die wichtigsten Voraussetzungen für den Therapieerfolg; eine Conditio sine qua non sogar. Die Paradigma-Frau kann den Anspruch auf Gleichwertigkeit erheben und setzt ihn mittels der überzeugenden Wirkung ihrer Persönlichkeit, ihrer Intelligenz, ihrer Talente, ihrer Fähigkeiten und ihrer Begabungen – ihres Könnens – durch.
Der Mut der Frau, sich zu beweisen und – wenn nötig – es auch anderen zu beweisen. Es ist der Mut der Paradigma-Frau, mutig zu handeln. Das heißt mit Männern zu konkurrieren, sie herauszufordern und zu beweisen, dass sie keine Angst vor der gewähnten männlichen Überlegenheit hat. Aber auch der Männerwelt zu beweisen, dass die keine Angst vor den Frauen zu haben braucht. Damit bedient sie sich der Kraft der Beweise. Beweise haben die Macht, Behauptungen, Dogmata, Glaubensinhalte, Irrlehren und sonstige intersubjektive Wirklichkeiten zu korrigieren und zu entmachten.
Die Fähigkeit der Frau, Evidenzen zu schaffen. Die beschriebenen Verhaltensweisen und der Mut der Paradigma-Frau gestalten neue Realitäten mit Evidenzcharakter. Alles, was sie der Männerwelt als Beweis für ihre Gleichwertigkeit präsentiert, bringt sie mit der nötigen Festigkeit und Überzeugungskraft vor. Die Frau erweist sich als fähig und schafft mit Überzeugungskraft unumstößliche Tatsachen. Evidenzen eben.
Die Kunst der Frau, sich begünstigender Verstärker zu bedienen. Eine Verhaltensänderung braucht Verhaltensverstärker, um konsolidiert zu werden. Als effektivsten antigynäkophoben Verstärker nutzt die Paradigma-Frau ihre eigenen Erfolge und die Fähigkeit, dem Mann zu vermitteln, dass sie für ihn keine Entmachtungsgefahr bedeutet, geschweige denn die Gefahr der „Entmännlichung“.
Das Beharrungsvermögen der Frau bei der Erweiterung von minimal günstigen Rahmenbedingungen. Das war eine der wichtigsten Eigenschaften der Kämpferinnen, der Aktivistinnen und der Paradigma-Frauen, die zum gemeinsamen Erfolg geführt hat. Besonders bei den ersten engen, vor allem staatlichen Rahmenbedingungen, war diese Beharrlichkeit und Konsequenz unabdingbar für den Erfolg.
Das sind die Erfolgsrezepte der Paradigma-Frauen. Damit haben sie die alten frauenverachtenden Meinungen einwandfrei widerlegt. Etwa die der Markus Porcius Catos dieser Welt, die von der Gefährlichkeit der Frauen schäumten;* oder die der Schopenhauers, die davon überzeugt waren, dass „das Weib weder zu großen geistigen noch körperlichen Arbeiten bestimmt ist“ und dass die Frau ein „geistiger Myops“ sei,** bis hin zu den Möbiussen und Vilars dieser Welt, die einen „physiologischen Schwachsinn des Weibes“ respektive eine „sekundäre, irreversibel Dummheit“ bei der Frau fehldiagnostizierten, dabei die Möglichkeit einer Fehldiagnose von vornherein überheblich ausschließend. Toxische Ergüsse, wie „Die Weiber sind und bleiben [ …] die gründlichsten und unheilbarsten Philister“ und dass „ihr Vorherrschen und Tonangeben der Verderb der modernen Gesellschaft ist“, wie Arthur Schopenhauer giftete (§ 369), führten die Paradigma-Frauen als Fantasmen einer grundlos verängstigten Männlichkeit vor. Sie widerlegten auch adlige Geschlechtsgenossinnen, die „Über den moralischen Schwachsinn des Weibes“ Schwachsinniges von sich gaben, wie wir im Abschnitt „Ladies first …“ des 6. Kapitels erfahren haben und im Abschnitt „Alt- und Neo-Gynäkophobiker …“ des 10. Kapitels noch einmal bestätigt finden werden.
Die Paradigma-Frauen beweisen jeden Tag die Unrichtigkeit von Friedrich Nietzsches Sätzen, die er im Abschnitt „Zur Emanzipation der Frauen“ in seinem „Menschliches Allzumenschliches“ schrieb. Mit denen bringt er zum Ausdruck, dass er eine „nicht geringe Gefahr“ wittere, wenn den Frauen „die Politik und einzelne Teile der Wissenschaft anvertraut werden. Denn was wäre seltener als eine Frau, welche wirklich wüsste, was Wissenschaft ist?“ (S. 299). Marie Curie und die unzähligen erfolgreichen Wissenschaftlerinnen, die heute den Wissenschaftsbetrieb in Gang halten und bereichern, lassen den so Fragenden grüßen. Und gerade diese Frauen schafften das, was Nietzsche bloß schemenhaft vermutete: „Vielleicht kann dies alles anders werden“ (ebd.).
Ja, es ist in der Tat anders geworden. Aber was genau ist anders geworden? Wenn jemand diese Frage präzisieren will, wird er vielleicht fragen: Haben die inzwischen zahlreichen Regierungs- und Staatschefinnen wie auch Ministerinnen und Parlamentspräsidentinnen die Politik gerechter und menschlicher gemacht? Haben die Soldatinnen und Generalinnen die Armeen in Friedenskorps verwandelt? Verkörpern die Polizistinnen besser als ihre männlichen Kollegen das Image vom Freund und Helfer? Und die Chefökonominnen? Haben die den Turbokapitalismus sozialverträglicher gemacht und die Investment-Heuschrecken in die Wüste gejagt? Wenn jemand mit solchen Fragen das, „was anders geworden“ ist, zu erfassen versucht, wird er enttäuscht.
Aber das ist gar nicht der Kern des „Anders“. Der Kern des „Anders“ ist ein anderer:
Das „Anders“, das die Frauen bewirkt haben, besteht darin, dass sie alle die widerlegt haben, die den Frauen das Gute nicht zutrauten, umso mehr aber das Böse.
Das „Anders“ besteht darin, dass die Frauen die Selbstverständlichkeit der Gleichwertigkeit der Geschlechter nicht nur bewiesen haben, sondern ihr auch zu breiter Akzeptanz verholfen haben.
Das „Anders“ besteht darin, dass die Frauen eine Delegitimierung männlicher Alleinkompetenz bewirkten – nicht nur auf speziellen Gebieten, sondern auch ganz allgemein.
Das „Anders“ besteht darin, dass sie damit die weibliche Partizipation am gesellschaftlichen Wirken zur Normalität erhoben haben.
Das „Anders“ besteht auch darin, dass die Frauen die beunruhigte Männerwelt dadurch weitgehend beruhigten, dass sie gezeigt haben, dass die hegemoniale Männlichkeit nicht von einer hegemonialen Weiblichkeit abgelöst wird.
Und das „Anders“ besteht schließlich auch in der Kreierung neuer Leitbilder von Weiblichkeit, die nicht mehr aus jahrtausendealten Stereotypen entspringen.
So wird das „Anders“ inzwischen gemeint. Teilweise ähnlich wie die hier verwendeten Formulierungen drückt es die Jenaer Soziologieprofessorin Sylka Scholz in ihrer „Männlichkeitssoziologie“ (S. 132–175 und 256) aus.
Die Dame in Bronze
Das Herbeiführen des „Anders“ nahm viel Zeit in Anspruch. Die Geschichte des Abendlandes belegt das reichlich, wie auch die Geschichte der Dame in Bronze – der Frau, die im Eingangsbereich des Klinikums der Martin-Luther-Universität steht, von dem ich zu Beginn unserer Suche Abschied genommen habe. Nun ist es soweit. Wir dürfen endlich unsere Aufmerksamkeit dieser außergewöhnlichen Frau zuwenden.
Dorothea Christiana Erxleben ist die Frau in Bronze.
Sie hat es über die Maßen verdient, als eine Paradigma-Frau oder gar als Heldin bezeichnet zu werden. Sie war die erste approbierte und promovierte Ärztin Deutschlands, und das vor 270 Jahren. Ihre Biografie zeigt nicht nur das beispielhafte Leben einer Heldin, sondern ist auch ein ungetrübter Spiegel der Gesichter, der Ambivalenzen und der Paradoxien einer widersinnigen androkratischen Gesellschaft.210
Dorothea Christiana Erxleben wurde im Jahr 1715 in Quedlinburg (im heutigen Sachsen-Anhalt, damals Preußen) geboren. Dorothea hatte Glück mit ihren Eltern, insbesondere mit ihrem Vater Dr. Christian Polycarp Leporin, praktizierender Arzt. Der war nicht nur ein sehr belesener, wissenschaftlich interessierter Mensch und Autor von Sachbüchern, sondern auch – und das war entscheidend für die Persönlichkeits- und geistige Entwicklung Dorotheas – frei von der Antimentorenparadoxie, wie wir sie im Abschnitt „Der bewachende Gefangene …“ des 6. Kapitels kennengelernt haben. Im Gegensatz zu vielen anderen Vätern dieser Zeit. Er entschloss sich, Dorothea zusammen mit einem ihrer beiden Brüder, dem zwei Jahre jüngeren Christian Polycarp, in Naturwissenschaften, Sprachen und Medizin zu unterrichten. Dorothea ergriff ihre Chance und bereicherte ihr theoretisches Wissen noch dazu in der reichlich bestückten Bibliothek des Elternhauses. Ihr praktisches Können erwarb sie bei Krankenbesuchen, zu denen sie gemeinsam mit ihrem Bruder den Vater begleiten durfte.
Der Bruder durfte als Mann Medizin studieren. Dorothea durfte das nicht – sie war ja eine Frau. Frauen wurden in Deutschland erst mit dem Umbruch zum 20. Jahrhundert zum Medizinstudium zugelassen.211 Sie durfte nicht einmal das Gymnasium besuchen. Aber beim Unterricht des Vaters zur Vorbereitung ihres Bruders für das Medizinstudium war sie immer zugegen und machte sich das fleißig zu Nutze. Der Vater war offensichtlich sehr angetan von der ungewöhnlichen Auffassungsgabe und Lernfreudigkeit seiner intelligenten Tochter und ging mit ihr Wege, die in der damaligen Zeit alles andere als gewöhnlich und selbstverständlich waren.
Der erste männliche positive Wirkfaktor auf Dorotheas Weg war also der offensichtlich gynäkophobiefreie und für neue Wege offene Vater. Als zweiter positiver Faktor kamen zwei ebenfalls aufgeschlossene Männer hinzu. Der eine war der Rektor des akademischen Gymnasiums in Quedlinburg, Tobias Eckhard, der andere der Prorektor, Heinrich Bernhard Prillwitz. Beide erkannten die Begabungen Dorotheas, und sie fanden Wege, sie zu fördern. Da der reguläre Gymnasiumbesuch einem Mädchen nicht erlaubt war, übertrugen sie ihr für zu Hause die gleichen Aufgaben wie den Schülern – und das natürlich inoffiziell.
Der dritte männliche positive Wirkfaktor auf dem Weg der Dorothea Erxleben war ein aufgeklärter König. Dorothea entschloss sich nämlich zu einem sehr mutigen Schritt, um diesen frauen-ausschließenden Zustand zu beenden, zumindest für sich selbst. Sie richtete 1740 ein Gesuch an Friedrich II., König von Preußen, besser bekannt als Friedrich der Große, mit einer Doppelbitte: Der König möge erstens ihren zum Militär eingezogenen Bruder Christian Polycarp freistellen, damit dieser studieren könne, und zweitens zustimmen, dass sie gemeinsam mit diesem an der Medizinischen Fakultät der Hallenser Universität zur Promotion – diese war gleichzusetzen mit dem heutigen medizinischen Examen und verbunden mit der ärztlichen Approbation – zugelassen werde.
Der aufgeklärte König stimmte zu. Er schrieb am 24.4.1741: „Da dergleichen Exempel bey dem weiblichen Geschlechte insonderheit in Deutschland etwas rar sind und demnach dieser casus demselben zu nicht geringer Ehre gereichen würde“, wolle er „mit dem größten Vergnügen alles Mögliche zum glücklichen Fortgange der erwehlten zwei Candidaten beytragen.“212
Allerdings kam Dorotheas Heirat mit dem Diakon Erxleben dazwischen sowie die Erziehung seiner fünf Kinder, die er aus erster Ehe mitbrachte; dazu die Geburt ihrer vier gemeinsamen Kinder, wie auch die Übernahme der Praxis ihres inzwischen verstorbenen Vaters – eine Übernahme, die später noch zu Problemen führen sollte, wie weiter unten nachzulesen ist. So konnte sie erst viel später ihre Dissertation einreichen, die zur Promotion und ärztlichen Approbation führen sollte. Trotz all ihrer Belastungen in dieser Zeit schrieb Dorothea, damals etwa 23 Jahre alt, eine bedeutende, ja fast revolutionäre Schrift. Diese erschien im Jahre 1742 unter ihrem Mädchennamen Leporin und trug den Titel „Gründliche Untersuchung der Ursachen, die das weibliche Geschlecht vom Studiren abhalten. Darin deren Unerheblichkeit gezeiget, und wie möglich, nöthig und nützlich es sey, daß dieses Geschlecht der Gelahrtheit sich befleisse“. Die zwei letzten Paragrafen (§§ 409, 410) dieser Schrift fassen ihre Schlussfolgerungen zusammen, und sie sind so bemerkenswert, dass erlaubt sei, sie hier wiederzugeben.213
„Nun sind nicht nur die Vorurteile, sondern auch die anderen Ursachen, die das weibliche Geschlecht vom Studieren abhalten, als unerheblich entlarvt. Für diejenigen, die vorsätzlich in der Unwissenheit verharren wollen, gibt es keine Entschuldigung mehr. Offensichtlich ist es nötig und nützlich, dass die Frauen mit höchstem Fleiß nach der echten Gelehrsamkeit streben. Wenn unser Geschlecht nicht eine edle Seele hat, wird es mich nicht länger hören wollen, obwohl ich bisher sehr tapfer zu seinen Gunsten gestritten habe, und Männer sehen es ohnehin lieber, wenn Frauen sich kurzfassen. Darum will ich meine Untersuchung hier beenden, nicht aber, ohne Herrn Junkers* Worte wiederholt zu haben: ,Durch viele berühmte Beispiele ist schon lange bewiesen worden, dass sich Frauen im Staat und in der Erziehung verdient gemacht haben und dass es weder dem Naturgesetz noch der Gewohnheit der Völker widerspricht, dass Frauen sowohl den Staat verwalten als auch durch Gelehrsamkeit glänzen können. Die Argumente, die von einigen Gegnern vorgebracht werden, sind logischerweise nichtig: Weder kann aus dem Unterschied des Geschlechts noch aus prinzipiellen Gründen die Höherwertigkeit der Männer gegenüber den Frauen abgeleitet werden.‘ Seneca sagt: ,Niemandem ist die Tugend verwehrt, sondern sie lässt jeden zu, ohne Ansehen des Standes oder des Geschlechts‘“ (S. 151 f.).
Wie richtig das alles ist! Eine Frau, die zeigt, was sie kann, kann überzeugen. Aber sie kann auch ängstigen. Erfreulicherweise heute weniger als damals. Wie auch immer, Dorothea überzeugte. Doch sie ängstigte auch. Und so kamen die Gynäkophobiker ins Spiel. Es waren Repräsentanten des androkratischen Establishments von der Sorte „Herrschaftsmonopolisten“, wie wir sie im Abschnitt „Negare ergo sum …“ des 4. Kapitels kennengelernt haben. Das heißt, sie waren von Verlustängsten geplagt, sobald Frauen gleichberechtigt partizipieren wollten.
Drei Ärzte aus Quedlinburg wandten sich an den Stiftshauptmann Baron Paul Andreas von Schellersheim, den Vertreter des preußischen Königs, und zeigten Dorothea wegen Verletzung der preußischen Medizinordnung, unbefugter Krankenbehandlung und Pfuscherei an. Sie machten sie sogar zu Unrecht für den Tod einer Patientin verantwortlich. Der wahre Grund für ihren Protest war aber offensichtlich der große Erfolg der von Dorothea übernommenen väterlichen Praxis, der zur ernsthaften Konkurrenz – sowohl hinsichtlich der Reputation als auch ökonomisch – für ihre nicht so erfolgreichen männlichen Kollegen geworden war.
Dorothea hat bald und selbstbewusst schriftlich zu den Vorwürfen Stellung genommen. Sie bot sogar an, sich von den drei anklagenden Ärzten fachlich prüfen zu lassen. Die drei aber lehnten ihr Angebot ab. Möglicherweise hatten sie irgendwelche Vergleichsängste. Vulgo: Sie kniffen.
Ihre ablehnende Antwort ist nicht nur unsachlich, sondern auch ein Paradebeispiel von unbegründetem, klischeehaftem Überlegenheitsgefühl, von arroganter Ignoranz, Angst vor weiblicher Konkurrenz und … und noch mehr. Deshalb ist es angebracht, an dieser Stelle einen Teil davon wiederzugeben, und zwar in der Originalsprache und der damaligen Schreibweise – um auch das befremdlich Kuriose neben dem arrogant Ignoranten original zu bewahren:
„Nur noch eins, und zwar das letztere und einfältigste zu gedencken, So gibt Sie aus einen hocherleuchteten Verstande an, Sie wolte Sich von uns Dreien examiniren laßen, und Sich auf erfordern dazu sistiren, es müßten aber alle 3 ihre Gegener beysammen seyn. Hoho! es wäre ja an einen genung. Aber meine liebe Fr. Diaconußen, in quem finem wäre doch dieses, was käme den da heraus? gewiß, ein leeres Gezäncke und Gewäsche, die liebe Fr. judiciret nach ihren foeminischen Verstande, wann Sie etwan mit geborgten Latein und Frantzösischen könne um sich werffen, so wäre Sie schon dotcormäßig, und das wollte Sie auch gerne hören laßen, wier werden es wohl getroffen haben. Überdem, was für Vortheil, war für Ehre würden wier davon haben?“214
Mit ihrer polemischen Schrift haben die drei tatsächlich erreicht, dass die Behörde im Jahr 1753 Dorothea die Ausübung des ärztlichen Berufes untersagte, es sei denn, so die Behörde, dass sie innerhalb von drei Monaten eine Promotionsarbeit einreiche und sich dem medizinischen Examen unterziehe. Wegen der Geburt ihres vierten Kindes wurde ihr noch einmal ein Aufschub gewährt. Am 6.1.1754 konnte Dorothea schließlich ihre auf Latein verfasste Dissertationsschrift dem Stiftshauptmann überreichen. (Die ein Jahr später erfolgte Übersetzung ins Deutsche trug den Titel „Academische Abhandlung von der gar zu geschwinden und angenehmen, aber deswegen öfters unsichern Heilung der Krankheiten“). Der Stiftshauptmann wiederum reichte die Dissertation an König Friedrich II. weiter. Zwei Monate später kam die Zustimmung des Königs zur Promotion, und Baron von Schellersheim, der Stiftshauptmann, machte sich bei der Medizinischen Fakultät der Universität Halle stark für eine zügige Zulassung. Die dankbare Dorothea widmete diesem engagierten, aufgeschlossenen und offensichtlich gynäkophobiefreien Baron ihre Dissertation. Ein weiterer positiver Mann in ihrem Leben.
Und so kam es dazu, dass Dorothea Erxleben am 6. Mai 1754 an der Hallenser Universität ihr Promotionsexamen absolvierte.
Der letzte Abschnitt von Dorotheas akademischem Epos offenbart einen weiteren, auch von einem Mann verkörperten positiven Wirkfaktor auf ihrem Weg zur Gleichwertigkeit: Dieser Verkörperer war der unvoreingenommene Dekan der Medizinischen Fakultät der Hallenser Universität, Professor Johann Juncker. Fast rührend wirkt sein Artikel in den „Wöchentlichen Hallischen Anzeigen“, in dem er unverhüllt seine Bewunderung für die mehrfache Mutter und erste Promovendin seiner Fakultät – und in Deutschland überhaupt – ausdrückt:
„Sie hat allein zwey ganze Stunden hindurch die an sie gethane Fragen mit einer bewunderungswürdigen Bescheidenheit und Fertigkeit angenommen, gründlich und deutlich darauf geantwortet, und die vorgelegten Zweifel mit der gröster Richtigkeit aufgelöset. Hierbey bediente sie sich eines schönen und zierlichen Lateins, sodass wir glaubten, eine alte Römerin in ihrer Muttersprache reden zu hören. Eben so geschickt und geschwind zeigte sie ihre zusammenhangende und gründliche Erkenntniß in der Lehre von der Gesundheit des Cörpers, in der Wissenschaft von den Krankheiten desselben, und ihrer Heilung; so war ihr auch gleichfalls die Materia medica, und die Art Recepte zu verschreiben, nicht unbekannt.“215
Wäre Dorothea Erxleben ein Mann gewesen, wären ihr Doktorwürde und Approbation gleich nach dem Examen an Ort und Stelle erteilt worden. Sie war aber eine Frau, und niemand wusste, wie man mit diesem Erfolg einer Frau rechtlich umgehen sollte. Wieder musste ein königliches Dekret her. Deshalb bat die Universität Preußens König Friedrich II. erneut um seine Entscheidung, dieses Mal zu der schwierigen Frage, wie man einer Frau die Promotion und Approbationsurkunde verleihen sollte.
Dekan Johann Juncker, der erwähnte gynäkophobiefreie positive Wirkfaktor auf dem Weg der Dorothea Erxleben, machte seinem Ruf alle Ehre: Im entsprechenden Brief an den König schob er auch den Satz ein, dass „diese Frau sich doch dem Manne ebenbürtig erweise“.216
Der König gab die Genehmigung. Und so wurde Dorothea Erxleben am 11. Juni 1754 die erste approbierte und promovierte Ärztin Deutschlands.
Diese Frau erwies sich in der Tat als den Männern ebenbürtig. Und nicht wenigen Männern überlegen, kann man wohl hinzufügen.
Paradigmen, die sich wiederholen
Irgendwie erinnert mich die Geschichte aus Quedlinburg an die Geschichte einer anderen Paradigma-Frau aus Athen, die sich vor etwa 2500 Jahren abgespielt haben soll: Es ist die Legende von der ersten Ärztin der Geschichte. Es ist die Geschichte der Agnodike von Athen.217
Ende des 5./Anfang des 4. vorchristlichen Jahrhunderts lebte dort eine intelligente, begabte, wissbegierige und interessierte junge Frau namens Agnodike. Ihr großes Interesse galt der Medizin. Zu dieser Zeit aber war in Athen der ärztliche Beruf den Männern vorbehalten. Ihre Bemühungen, zur Medizin-Ausbildung zugelassen zu werden, waren erfolglos. Die Gesetze des Staates und die Gesellschaftsnormen verboten es. Kurzerhand entschloss sich Agnodike, sich als Mann zu präsentieren. Sie schnitt ihre Haare kurz, kleidete sich als Mann und benahm sich auch entsprechend.
So konnte sie eine medizinische Ausbildung beginnen und erfolgreich abschließen. Es heißt, dass ihr Lehrer der berühmte Arzt Herophilos gewesen sei. Anschließend praktizierte sie, immer noch als Mann getarnt, genauso erfolgreich in Athen als „Arzt“. Eines Tages hörte sie eine Frau, die wegen eines gynäkologischen Leidens vor Schmerzen entsetzlich schrie. Damals war es den Ärzten, die ja alle Männer waren, verboten, eine Frau gynäkologisch zu untersuchen. Das war, ebenso wie die Behandlung, Aufgabe der Hebammen. Aus Synempathie, Mitleid und Mitgefühl also, aber auch aus Pflichtbewusstsein entschloss sich Agnodike, der leidenden Frau zu helfen. Die Patientin war entsetzt, als sie sah, dass ein Arzt ihr Krankenzimmer betrat und sie gynäkologisch untersuchen wollte. Es war doch verboten, und auch ihr Schamgefühl ließ es nicht zu. Agnodike blieb nichts anderes übrig als sich der Frau zu offenbaren und ihr zu beweisen, dass sie selbst eine Frau war. Sie konnte der Frau helfen, und als diese wieder gesund war, vertraute sie anderen kranken Frauen das Geheimnis an, mit der Bitte, es auf keinen Fall zu verraten. Viele kranke Frauen wandten sich in der Folge mit gynäkologischen Leiden an Agnodike, und die konnte und wollte ihnen ihre Hilfe nicht verweigern.
Wie nicht anders zu erwarten, landete das Geheimnis eines Tages auch in Männerohren. Allerdings war die Information, die sie bekamen, nicht ganz korrekt. Die lautete nämlich: Ein Arzt, es wurde natürlich angenommen, dass der Arzt ein Mann war, was sonst, behandele unerlaubterweise gynäkologische Leiden. Die Ärzte von Athen klagten den angeblichen Kollegen an. Sie behaupteten, dieser Arzt „sei ein Buhlknabe und Verführer der Frauen, und diese würden Unwohlsein bloß vortäuschen“, berichtet uns der römische Autor Hyginus. Agnodike musste sich vor dem Areopag, dem Obersten Gericht Athens, rechtfertigen und offenbarte schließlich, dass sie eine Frau war. Die Anklage wurde dann umgewandelt in: „Gesetzwidriges Studium und Praktizieren des ärztlichen Berufes durch eine Frau.“
Als die Frauen von Athen aber merkten, dass eine Verurteilung ihrer Retterin bevorstand, rebellierten sie dagegen und drohten ihren Männern, sie zu vernachlässigen oder gar zu verlassen, wenn Agnodike verurteilt würde. Unter dem Druck der weiblichen Öffentlichkeit sprach der Areopag Agnodike schließlich frei. Die Stadt änderte daraufhin ihre Gesetze, und ab sofort durften auch Frauen Medizin studieren und den ärztlichen Beruf ausüben.
Schenkt man der Legende Glauben, dann bedeutet das, dass Agnodike mit ihrem Mut antiphobisch auf die Athener Männerwelt gewirkt hat. Wie auch immer, Agnodike und Dorothea waren zwei intelligente, begabte, wissbegierige junge Frauen. Zwei mutige Frauen dazu, die mit einem Abstand von etwa 2300 Jahren – jede auf ihre Art – die Anerkennung ihrer Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung erkämpften und damit Männerwelt-Ängste bekämpften; allerdings diese teils auch verstärkten, wie Dorothea Erxleben es bei ihren Kollegen erleben musste.
Die Geschichte der Frau im medizinischen Berufsleben ist die Geschichte der Frau im Berufsleben überhaupt. Und die Geschichten der ersten Ärztinnen ihrer Zeit, Agnodike und Dorothea, dürfen als Paradebeispiele für die gleichzeitige Doppelwirkung – phobisch und antiphobisch – der Paradigma-Frauen insgesamt betrachtet werden.
Die Biografie der ersten promovierten Ärztin Deutschlands weist verblüffende Ähnlichkeiten mit Biografien anderen bewundernswerter intellektueller Frauen der Aufklärungszeit auf. Im August 1787 promovierte eine andere Dorothea, diesmal im Fach Philosophie, ebenfalls als erste Promovendin ihres Faches – und das weltweit: Es war Dorothea Schlözer in Göttingen:218
Im August 1787 fand unter der Leitung des offensichtlich aufgeschlossenen und frauenfreundlichen Dekans der Göttinger Universität, Professor Michaelis, die mündliche Magisterprüfung der Examenskandidatin Dorothea Schlözer statt. Drei Stunden lang wurde die 17-jährige Dorothea von mehreren Professoren zu diversen Themen befragt; etwa aus den Bereichen der Mineralogie, Geometrie, Chemie, der Geschichte, der Baukunst wie auch zu Horaz. Sie bestand die Prüfung. Doch die folgende Magistervereidigung durfte nicht in der ehrwürdigen traditionellen Form stattfinden, denn Dorothea war kein Mann. Und so unterschrieb der Dekan stellvertretend für Dorothea die Eidesformel auf der Urkunde. Wenige Wochen später fand in der Paulinerkirche die Promotionsfeier statt, in deren Rahmen Dorothea Schlözer zur ersten Doktorin der Philosophie ernannt wurde. Nach Dorothea Erxleben war sie damit die zweite deutsche Frau der Geschichte, die promoviert wurde. Doch bei der Verleihung des Titels war sie selbst nicht anwesend. Denn bei der Zeremonie durften nur die Ehefrauen der Professoren das weibliche Geschlecht repräsentieren. Dorothea musste aus einer angrenzenden Bibliothek durch ein Fenster in die Kirche schauen und aus der Distanz erleben, wie sie in Absentia ihren Doktortitel erhielt.
Frau Dr. Dorothea Schlözer wurde zu einer Berühmtheit, sodass sogar die ausländische Presse über die „gelehrte Exotin“ berichtete. Für manchen Gelehrten in Deutschland, Anhänger des Rousseau’schen Frauenideals, wie wir es in seinem „Émile“ – im Abschnitt „Die Frau ist frei geboren …“ des 7. Kapitels – kennengelernt haben, war dies „ein Graus, eine erbärmliche Farce“. So etwa für den Dichter Friedrich Schiller (S. 259).
Dorothea Schlözer hatte viele Fähigkeiten. Sie war systematisch gefördert worden von ihrem Vater August Ludwig, der Professor für Geschichte und Politik war sowie Interesse an der Pädagogik hatte. So hatte Dorothea schon im Alter von vier Jahren lesen gelernt. Und sie war nicht einmal drei Jahre alt gewesen, als sie mit dem Lernen von Sprachen anfing – am Ende beherrschte sie zehn Sprachen. Was für eine Frau! August Ludwig Schlözer wollte unter anderem beweisen, dass Frauen mit geeigneter Erziehung das Gleiche erreichen können wie Männer. Es ist ihm gelungen – zu dem Preis, dass er die Polemik anderer Gelehrter auf sich zog. Unter anderem, wie schon gesagt, die des großen Idealisten Friedrich Schiller.
Die Biografien der beiden Dorotheas ähneln sich und spiegeln beide musterhaft die frauenbezogenen Ambivalenzen der Männerwelt in der Aufklärungszeit wider. Und sie zeigen eindrucksvoll, dass auch Frauen mit geeigneter Erziehung das Gleiche erreichen konnten wie Männer, im Sinne vom Professor August Ludwig Schlözer – Vater, Förderer und Mentor seiner begabten Tochter
Und wie ging es weiter?
Der schrecklichste der Schrecken ist die Wissenschaftlichkeit der Frauen. Eine rasantschleppende Entwicklung
Es ging rasantschleppend weiter. Frauen mussten nach Dorothea Erxlebens Erfolg noch anderthalb Jahrhunderte warten, um in Deutschland Medizin studieren zu dürfen. Dieser Weg war ihnen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts versperrt. Und so blieb Dorothea Erxleben für lange, lange Zeit die sprichwörtliche einsame Schwalbe, die alleine noch keinen Sommer macht. Der Sommer wird bekanntlich erst wirklich angekündigt, wenn Scharen von Schwalben unsere Lüfte munter beleben. Bezogen auf die Frauen in der Medizin und in sonstigen akademischen Berufen hat dieser Sommer lange auf sich warten lassen.
Die nächsten Approbationen und Promotionen von Ärztinnen in Deutschland erfolgten zwar, wie gerade erwähnt, etwa anderthalb Jahrhundert nach dem Triumph der Ärztin aus Quedlinburg, aber eine richtige Ärztinnen-Schar, die den akademischen Himmel bereicherte, begann sich erst etwa 250 Jahre nach dieser historischen Promotion zu formieren – mit Ende des 20. und Beginn des 21. Jahrhunderts. Es gab viele Hürden für die Frauen, nicht nur auf dem Weg zum Medizinstudium, sondern zum Studium insgesamt. Auch hochangesehene Gelehrte stellten den Frauen dabei diskriminierende und beleidigende Hindernisse in den Weg. Es gibt unzählige Quellen, die das Blockieren belegen. Lassen Sie uns hier einige wenige aus der Zeit der Schwelle zum 20. Jahrhundert verwenden, zufällig ausgewählt. Etwa die, die Rose-Maria Gropp, „FAZ“-Resortleiterin, erwähnt – dabei erfahren wir auch, was „der schrecklichste der Schrecken“ ist, von dem in diesem Zusammenhang die Rede ist (S. 117 f.):
In einem „Gutachten hervorragender Universitätsprofessoren, Frauenlehrer und Schriftsteller über die Befähigung der Frau zum wissenschaftlichen Studium und Berufe“, erstellt drei Jahre vor Beginn des 20. Jahrhunderts, steht: „Der schrecklichste der Schrecken ist die Wissenschaftlichkeit der Weiber.“ Es wird befürchtet, „dass die Durchführung der Emanzipationsgelüste der Frauen dem ,Interesse der Gesamt-Kultur des Menschengeschlechtes‘ zuwiderlaufen, dem ,noch sehr wenig beachteten Satz, dass die Zweigeschlechtlichkeit des Menschenstammes an sich eines der größten, wielleicht (sic!) das bedeutendste der kulturfördernden Elemente ist‘.“ Und „dass sich alle diese hohen Güter unseres Kulturlebens um so besser erhalten, um so reicher gestalten werden, je vollkommener die Männer in ihrer, die Frauen in ihrer Eigenart körperlich und geistig sich ausbilden.“ Und zum Schluss auch das: „,Die gemeinsame Teilnahme beider Geschlechter an Vorlesungen über sexuelle Themata [sei] geradezu eine schamlose Preisbegebung des weiblichen Zartgefühls‘, ,die letztlich eine vernichtende Wirkung auf die Sittlichkeit in der menschlichen Gesellschaft ausüben würde‘.“
Tja, der „schrecklichste der Schrecken ist die Wissenschaftlichkeit der Weiber …“. Und die Erkenntnis, dass die Durchführung der Emanzipationsgelüste der Frauen dem „Interesse der Gesamt-Kultur des Menschengeschlechtes zuwiderlaufen“ würde. So sprachen ex cathedra „hervorragende Experten“ an der Schwelle zum 20. Jahrhundert. Man kam es als einen gewaltigen Fortschritt betrachten, dass die „hervorragenden Experten“ heutzutage bloß skurrile Bewohner der „Mannosphäre“ wären – wie wir sie im nächsten Kapitel kennenlernen werden. Die Befürchtungen und Unterstellungen der gynäkophoben Männerwelt, die heute absurd wirken, galten damals als wissenschaftlich begründet. Und so versperrten sie den Frauen in Deutschland den Weg zum Studium. Trotz des seit etwa Mitte des 18. Jahrhunderts laufenden Kampfes der Frauen um Zulassung zu Abitur und Studium begann der Weg zum Medizinstudium sich erst allmählich und zaghaft, und zwar ab Mitte des 19. Jahrhunderts, zu entsperren. Aber nicht in Deutschland:219
• Zwischen 1850 und 1897: Frauen wurden in Ländern wie USA, Russland, Frankreich, Schweiz, Schweden, England, Finnland, Dänemark, Holland, Griechenland und Österreich zum Medizinstudium zugelassen.
• 1876: Niederlassung der ersten Ärztinnen in Deutschland trotz Verbots der Zulassung zum Medizinstudium. Weil es in ihrer Heimat nicht möglich war, nutzten Frauen aus Deutschland in dieser Zeit die Möglichkeit, Medizin im Ausland zu studieren. Und so kam es dazu, dass die „Fräulein Doctores“ Dr. Emilie Lehmus (1841–1932) und Dr. Franziska Tiburtius (1843–1927) – die beiden studierten und promovierten als erste deutsche Frauen in Zürich – sich im Jahre 1876 in Berlin als erste Ärztinnen niederließen, allerdings ohne die Berechtigung, die Berufsbezeichnung „Arzt“ zu führen.220
• 1898: Einstimmiger Beschluss des deutschen Ärztetages bei seiner Sitzung in Wiesbaden gegen die Zulassung von Frauen zur ärztlichen Praxis, um „körperliche Überforderung und Überbelastung, geistigen und moralischen Zusammenbruch der Frau zu verhindern – aus ,ritterlichen Gründen‘, wie man das nannte“.221
• 1900: Baden erlaubte als erster deutscher Staat den Frauen die volle Immatrikulation im Fach Medizin (Wintersemester 1899/1900). Zwischen 1903 und 1909 folgten weitere deutsche Staaten. Preußen gewährte zwar schon im Jahr 1908 Frauen die volle Immatrikulation, allerdings mit einer Einschränkung der Immatrikulationsrechte, die noch bis 1918 galt: Hochschullehrer durften nämlich Frauen weiterhin auf Antrag von ihren Vorlesungen ausschließen.
• 1901: Als erste Frau in Deutschland legte Ida Democh am 30. März 1901 das medizinische Staatsexamen ab. Bedeutsamer Zufall: Dies geschah ebenfalls an der Universität Halle.
• 1918: Erste Habilitation – in der Regel die Voraussetzung für eine Professur – einer Frau in der Medizin: Dr. med. Adele Hartmann habilitierte sich in München für das Fach Anatomie.
• 1920: Einführung des allgemeinen Habilitationsrechts für Frauen.222
• Zum ersten „weiblichen Medizinprofessor“ allerdings wurde schon im Jahr 1913 Dr. Rachel Hirsch an der Charité in Berlin ernannt – in der Zeit vor dem Habilitationsrecht für Frauen also – „in Rücksicht auf ihre anerkennenswerten wissenschaftlichen Leistungen“.223
• In einer Schwesterdisziplin der Medizin, in der Parasitologie, hatte schon 1910 die Wissenschaftspionierin Maria von Linden als erste Frau in Deutschland an der Universität Bonn den Professorentitel erhalten, ebenfalls ohne Habilitation, weil der preußische Kulturminister ihren Antrag auf Habilitation abgelehnt hatte. Maria von Linden war auch auf anderen Gebieten „die erste Frau“: Mit Hilfe ihres mächtigen Großonkels Josef von Linden erhielt sie durch Sondergenehmigung des württembergischen Königs Willem II. die Zulassung zur Abiturprüfung, und so durfte sie 1892 in Tübingen als erste Studentin dieser Universität das naturwissenschaftliche Studium beginnen. Allerdings war sie nicht voll immatrikuliert, sondern durfte nur als Gasthörerin teilnehmen. Im Jahr 1895 erhielt Maria von Linden als erste Frau in Deutschland den Titel „Scientiae Naturalis Doctor“, berichtet sie uns selbst in ihren „Erinnerungen“.224
• In den Geisteswissenschaften war die Situation keineswegs besser: So gab es in Deutschland erst 1947 mit Liselotte Richter (an der Humboldt-Universität in Berlin) die erste ordentliche Professorin für Philosophie225 – ganze 160 Jahre, nachdem Dorothea Schlözer als erste Frau in der Philosophie promoviert hatte.
Und wie ging es weiter in den nachfolgenden Dekaden bis zu unseren Tagen? So wie wir es schon bezeichnet haben – rasantschleppend. Das ist die zutreffende Bezeichnung. Manches entwickelt sich rasant und schleppend gleichzeitig. Dazu gehört der Abbau der Angst vor der Gleichberechtigung der Frauen. Der Neologismus „rasantschleppend“, wie Psychiater eine solche Wortneuschöpfung bezeichnen (aus den griechischen Worten „Neon“ = „neu“ und „Logos“, in diesem Zusammenhang „das gesprochene Wort“) klingt nach Oxymoron. Wenn Sie jetzt ein Unbehagen spüren, weil in einem kurzen Satz zwei aus dem Griechischen abgeleitete sperrige Begriffe verwendet sind, ist das durchaus verständlich. Aber seien Sie bitte nachsichtig. Absichtlich wurde der Begriff „Neologismus“ und ebenfalls absichtlich der Begriff „Oxymoron“ verwendet. Neologismen können nämlich nicht nur Ausdruck sprachlicher Kreativität sein, sondern auch Hinweise auf Nicht-Normales, auf psychopathologisch Relevantes, also psychisch Krankhaftes. Und die diskriminierenden Einstellungen zu Frauen sind keineswegs normal. Sie sind pathologisch. Ebenfalls mit voller Absicht wird auch die noch sperrigere Bezeichnung „Oxymoron“ an dieser Stelle eingesetzt; sonst wird sie meist in Sprach- und Literaturwissenschaften sowie in der Philosophie angewendet. Es wird damit ein Begriff benannt, der aus zwei gegensätzlichen, einander widersprechenden oder sich gegenseitig ausschließenden Teilbegriffen gebildet wird. „Oxý“ bedeutet nämlich „scharf (sinnig)“ und „morón“ = „dumm“, „alogisch“. Genau in diesem Sinne, als ein „Oxymoron“ („scharfsinnig und gleichzeitig dumm, alogisch“), kann die Situation bezeichnet werden, die wir etwa in der Medizin den Frauenanteil betreffend erleben. Das ist aber nicht ausschließlich ein Phänomen bzw. Problem der Medizin, sondern vielmehr repräsentativ für die Entwicklungen in den meisten Bereichen des sozialen und beruflichen Lebens von Frauen: einerseits eine rasante Zunahme des Frauenanteils, beispielsweise im Studium oder bei der Ärzteschaft, andererseits eine furchtbar schleppende Entwicklung in der Geschlechterproportionalität auf den Führungsebenen – in derselben Zeit, in demselben Land.
Folgende Informationen aus den deutschen Statistiken der Zwanzigerjahre des 21. Jahrhunderts veranschaulichen, warum hier von Oxymoron die Rede ist (hier ohne Sie mit den von Jahr zu Jahr leicht variierenden genauesten Prozentzahlen zu belasten):
• Über zwei Drittel der Medizin-Studierenden sind Studentinnen.
• Über zwei Drittel der ärztlich Approbierten sind weiblich.
• Deutlich über die Hälfte der promovierten Ärzte sind Ärztinnen.
Aber … Ja, aber …
• Etwa zwei Drittel der oberärztlich tätigen Mediziner sind Männer.
• Mehr als zwei Drittel der medizinischen Habilitationen werden an Männer verliehen.
• Über 80 Prozent der Klinikleitenden sind Männer.
• Über 80 Prozent der Lehrstühle in der Medizin sind von Männern besetzt.
Auf dem Weg, den die Paradigma-Frau Dorothea Erxleben im Jahre 1754 an der Universität Halle eröffnete, durften 268 lange Jahre später zwei Frauen gleichzeitig den Gipfel erreichen – im Jahre 2022. An die Spitze des Dekanats der Medizinischen Fakultät, an der Dorothea Erxleben promovierte, wurde in dem Jahr zum zweiten Mal nach 72 Jahren – zum ersten Mal unter freien Bedingungen – eine Dekanin gewählt: Dr. Heike Kielstein*, Universitätsprofessorin für Anatomie.226 Und auf die Cathedra des Rektors der Gesamt-Universität Halle-Wittenberg wurde zum ersten Mal in der über 500-jährigen Geschichte ebenfalls eine Frau gewählt, eine Rektorin: Dr. Claudia Becker, Universitätsprofessorin für Statistik. Beide Professorinnen setzten sich gegen ihren männlichen Konkurrenten durch. Paradigma-Frauen eben!
Nun also: rasant und schleppend gleichzeitig. Rasant, wie der ärztliche Beruf weiblich wurde. Ebenso wie viele andere Bereiche. Schleppend langsam aber, wie die Frauen die ihnen eigentlich zustehenden Positionen an der Spitze der Medizin und in fast allen anderen Fächern einnehmen – geht man von den reinen Proportionen der Geschlechter aus. Die zwei modernen Paradigma-Frauen von Halle sind, zusammen mit anderen Gipfelstürmerinnen im ganzen Abendland, hoffnungsvolle Vorzeichen des Sommers. Doch wie wir alle wissen, ist der Sommer erst wirklich da, wenn Scharen von Schwalben unsere Lüfte munter beleben. Die ganz großen Schwalbenscharen haben sich jedoch noch nicht formiert.
Ebenso rasantschleppend geht auch der Abbau der Ängste der Männerwelt vor den Frauen voran. Doch was schleust denn die schleppende Langsamkeit ins rasante Tempo? Was behindert die fälligen Entwicklungen so sehr? Ist allein die Angst vor den Frauen schuld daran? Vermutlich nicht. Zumindest, was unseren Kulturkreis und unsere neueste Zeit betrifft. Ein sozialpsychologischer Faktor spielt dabei eine wichtige, wenn auch bloß eine zusätzliche Rolle. Er steht außerhalb und über den Gesetzen von bürokratischen Regelungen und politischen Appellen. Er sitzt tief in der Psyche und ist in den sozialen Interaktionen der Menschen fest verankert. Und er benachteiligt die Frauen schwer, manchmal sogar blutig.
Das ist der „Käfig des eigenen Geschlechts“, mit dem wir uns im 11. Kapitel noch näher beschäftigen werden. Der sorgt für eine amtsschimmelfreie Benachteiligung der Frau. Das heißt selbst dann, wenn Gesetze und institutionelle Vorschriften die Gleichstellung längst festgeschrieben haben, gibt es weiter Benachteiligungen von Frauen. Die meisten sind nämlich noch im Käfig des eigenen Geschlechts eingeschlossen.
Der Rahmen, in dem wir eingeschlossen sind
Bevor wir den im Käfig des eigenen Geschlechts Eingeschlossenen im 11. Kapitel unsere Solidarität bekunden, begegnen wir denjenigen, die Solidarität mit gesellschaftlichen Mehrheiten praktizieren. Die sind auch eingeschlossen – doch woanders: in einem Rahmen. Konkreter gesagt: eingeschlossen in einem Referenzrahmen. Wer sind „die“? Wir alle! Und was ist dieser Referenzrahmen? Er ist ein sozialpsychologischer Mechanismus – bzw. ein Prinzip. Sein Einfluss auf unsere Einstellungen und Verhaltensweisen ist enorm. Wie das bewirkt wird, ist einfach und in einem einzigen Satz auszudrücken: Nach dem Referenzrahmen-Mechanismus bzw. -Prinzip verhalten sich Menschen innerhalb eines vorgegebenen Rahmens in der Regel so, wie sie glauben, dass man es von ihnen erwartet.
Der Referenzrahmen wird von einer gesellschaftlichen Institution erstellt (wie etwa Staat, Partei, Kirche, Armee, Gemeinde, Bürgerverein etc.). Wenn es demnach viele Repräsentanten einer bestimmten Auffassung oder Einstellung in einer solchen Institution gibt – und vor allem, wenn sie die Mehrheit stellen –, dann lenken sie auch die Erwartungs- und Haltungsrichtung innerhalb dieser gesellschaftlichen Gruppe oder gar der ganzen Gesellschaft. Sie erstellen einen Referenzrahmen, der andere zu ähnlichen Verhaltensweisen führt oder gar verpflichtet. Man verhält sich dann nach dem Motto: Es wird ja von mir erwartet. Derjenige, der sich entsprechend verhält, wird von der Gruppe, der Gesellschaft akzeptiert. Der das nicht tut, wird diskreditiert. Der Referenzrahmen gibt sozusagen ein Koordinatensystem vor, in dem Menschen ihre Verhaltensweisen innerhalb einer Institution – Staat, Partei, Kirche, Armee, Gemeinde, Bürgerverein etc. – entwickeln. Dieses Koordinatensystem unterliegt der jeweiligen Zusammensetzung und Prägung der erwähnten Institutionen. Das bedeutet: Erstens, dass der Referenzrahmen in die eine oder andere Richtung verschiebbar ist. Und zweitens, dass Menschen ihr Verhalten eben an den Prinzipien orientieren, die der jeweilige Referenzrahmen vorgibt.* Der Referenzrahmen-Mechanismus trägt dazu bei, dass ein weiteres, ein sekundäres, psychologisches Phänomen entsteht: Das Gefühl nämlich, dass man Teil eines Ganzen ist. Es ist ein Zugehörigkeitsgefühl, das in seiner besten Auslegung als Gefühl, Teil von etwas Großem oder gar eines auserlesenen Zukunftsprojektes zu sein, erlebt wird.
Das ist, in groben Zügen, das sozialpsychologische Phänomen des Referenzrahmen-Mechanismus bzw. -Prinzips. Der Historiker Sönke Neitzel und der Sozialpsychologe Harald Welzer haben ihn im folgenden heiklen Zusammenhang beschrieben, als ursächlich verbunden mit bestimmten Verhaltensweisen (S. 47 f. und 390 f.):
Sönke Neitzel und Harald Welzer haben den Versuch unternommen, eine quälende Frage zu beantworten: Wieso konnten Angehörige einer hochentwickelten Kulturnation wie der deutschen während der Nazizeit solche unsagbaren Verbrechen verüben? Wie konnten kultivierte oder gar hochkultivierte, mitunter sogar zutiefst religiöse Menschen so tief sinken, dass sie davon nicht durch ihr Gewissen abgehalten wurden, selbst nicht bei den furchtbarsten Verbrechen gegen Unschuldige?
Zur Beantwortung dieser Fragen haben die beiden Wissenschaftler umfangreiche Abhörprotokolle deutscher Soldaten, die sich in britischer Gefangenschaft befanden, ergänzt durch amerikanische Protokolle, analysiert.
Zwei Besonderheiten haben dabei große Relevanz: a) Die Gefangenen wussten nicht, dass sie abgehört werden, sie wähnten sich also innerhalb einer geschlossenen Gesellschaft, unter sich, unter Schicksalskameraden. b) Sie wussten, dass sie nicht mehr zu ihren Einheiten zurückkehren würden und dass sie damit unabhängig von Vorgesetzten wie auch militärischen Vorschriften waren. Das heißt, sie wussten, dass sie nichts anzugeben brauchten, um später irgendwelche Vorteile zu haben oder Sanktionen zu entgehen. Und trotzdem prahlten viele von ihnen innerhalb dieser geschlossenen Gesellschaft vor ihren Mitgefangenen und Kameraden voller Stolz mit Verbrechen gegen unschuldige Zivilisten, mit Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die sie begangen hatten. Und manche von ihnen prahlten sogar mit Verbrechen, die an den Orten und in der Zeit, die sie angaben, nie stattgefunden hatten, die sie also gar nicht begangen haben konnten.
Doch warum diese stolze Prahlerei? Wo waren die Gewissensbisse? Die Reue? Die Scham? Der zivilisatorische Fußabdruck? Keine Spur davon.
Wie kann man das erklären?
Man kann das erklären mit dem uns gerade bekannt gewordenen Schlüsselbegriff des Referenzrahmen-Mechanismus bzw. des Referenzrahmen-Prinzips. Die beiden vorher genannten Autoren verwendeten ihn als Basis ihrer Erklärungen für das Verhalten der Soldaten (S. 47 f. und 390 f.). Nach diesem Mechanismus hätten auch die Menschen während der Nazizeit sich entsprechend verhalten – nach dem Motto „es wird von mir erwartet“. So die plausible Erklärung der beiden deutschen Wissenschaftler. Kein Wunder, denn je totalitärer, je rigider, je illiberaler, je dogmatischer eine Gesellschaft ist, desto größer der Druck auf ihre Mitglieder, nach den Einstellungen und Werten der jeweiligen Gesellschaft zu handeln.
Im Gegensatz aber zu totalitären Ideologien, autoritären Staatsgebilden und intoleranten Religionen haben liberale Gesellschaften ein sehr viel lockereres Referenzrahmensystem. Sie lassen dem Individuum innerhalb des Referenzrahmens auch Freiräume für eigenständiges und authentisches Handeln. Bei der Gestaltung und Nutzung solcher Freiräume spielen viele Faktoren eine Rolle, stellen Neitzel und Welzer weiter fest. Solche Faktoren seien etwa die persönlichen Dispositionen des Individuums, wie Veranlagungen, Naturell, Neigungen, Intelligenz, Bildung, Wahrnehmungsweisen, Deutungsmuster, gefühlte Verpflichtungen, ethisches Gerüst etc. Die genannten persönlichen Dispositionen können bei individuellen Entscheidungsfindungen eine große Rolle spielen, sofern es der Grad an Liberalität in einer Gesellschaft zulässt. Infolgedessen ist es kein Zufall, dass die Bejahung der Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung der Frau am intensivsten in unangefochten demokratischen, liberalen und toleranten offenen Gesellschaften gedeiht. Und es ist ebenfalls kein Zufall, dass zu den Gleichwertigkeitsbejahern vorwiegend Personen mit demokratischer, liberaler und toleranter Gesinnung gehören.
In diesem Zusammenhang ist es interessant, die Entwicklung der Einstellungen zur Gleichberechtigung von Frauen etwas näher anzuschauen. Wir müssen bloß die Realitäten betrachten. Und sie zeigen uns Folgendes: Befürworter der Gleichwertigkeit waren jahrhundertelang echte Exoten. In den letzten Dekaden begann sich das zu ändern – und es verändert sich immer schneller: Die Bejaher der Gleichwertigkeit vermehren sich ständig. Mittlerweile haben sie begonnen, die öffentliche Meinung weitgehend zu lenken. Es ist das eingetreten, was sogar kämpferische Verteidigerinnen der Frauenrechte, wie etwa die politische Publizistin Susanne Kaiser, einräumen: „Das Patriarchat gerät ethisch, normativ und diskursiv in Bedrängnis. Es herrscht ein gesellschaftlicher Konsensus darüber, dass Gleichberechtigung ein erstrebenswertes Ziel ist, in der Öffentlichkeit ist diese Ansicht tonangebend“ (S. 12).
Was steckt dahinter?
In erster Linie steckt dahinter derselbe Mechanismus, der seit Jahrhunderten frauendiskriminierend wirkte: der Referenzrahmen-Mechanismus. Nun aber wirkt er in zunehmender Weise anders herum – frauenfreundlicher. Das haben die Paradigma-Frauen, die Kämpferinnen für die Frauenrechte und ihre Verbündeten geschafft. Den Referenzrahmen zu verschieben – das haben sie geschafft. Sie konnten eindrucksvoll belegen, dass die alte Weisheit der Anthropologie, dass nämlich „ein relativ egalitäres Geschlechterverhältnis und die starke und aktive Position der Frauen das Erfolgsgeheimnis der Gattung Homo waren“,227 auch in unseren Zeiten Gültigkeit besitzt.
Die Verschiebung des Referenzrahmens zu Gunsten der Gleichwertigkeit der Geschlechter trug dazu bei, dass der gesellschaftliche Stellenwert der Autonomie der Frauen erheblich gestiegen ist. Zur Steigerung der Akzeptanz der Gleichberechtigung der Geschlechter hat sicherlich der Prozess beigetragen, in dem die Frauenpolitik der Gesellschaft sich zunehmend zur Politik der fairen Chancen für Frauen und Männer entwickelte. In Deutschland wurde infolge der Koalitionsvereinbarungen der 17. Legislaturperiode zwischen Union und FDP von 2009 im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) ein Referat für die Gleichstellungspolitik von Jungen und Männern eingerichtet. Die erste Leiterin dieses Referates, Angela Icken, hob den Hintergrund und seine Bedeutung hervor: Es habe sich in diesem Sinne Signifikantes verändert, wodurch der gesellschaftliche Stellenwert der Gleichstellung erheblich gestiegen sei. Heute stehe Gleichstellungspolitik für Frauen und Männer aus Sicht der Bevölkerung ganz selbstverständlich im Zentrum einer modernen Gesellschaftspolitik. Und sie habe als Politik für Geschlechtergerechtigkeit eine elementare Bedeutung für den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft (S. 348).
Es gab also eine diesbezügliche Verschiebung des Referenzrahmens in den letzten Jahrzehnten. Und in diesem Zusammenhang verlor die Gynäkophobie an Einfluss, während Anti-Gynäkophobes an Anziehungskraft und Bestimmtheit gewann. Der Referenzrahmen hat sich zweifelsohne signifikant verschoben. Zu Gunsten der Frauen. Korrekter gesagt: Die Frauen selbst haben – mit Unterstützung von aufgeklärten Männern – den Referenzrahmen in Sachen Gleichberechtigung zu ihren Gunsten signifikant verschoben.
Folgende Anekdote kann die Verschiebung des Referenzrahmens zu Gunsten der Frauen in einer tragikomischen Weise demonstrieren. Zum 80. Geburtstag von Alice Schwarzer gab Henriette Reker, die Oberbürgermeisterin Kölns, zu ihren Ehren einen Empfang im historischen Rathaus der Stadt. Um die Veränderungen in Sachen Gleichberechtigung anschaulich zu machen, berichtete Henriette Reker in ihrer Rede von einer ganz persönlichen Erfahrung: In den ersten vier Monaten ihrer Ehe mit ihrem ersten Mann habe sie ihm verschwiegen, dass sie berufstätig war; ihre Schwiegermutter habe „mitgemacht“.228 Innerhalb eines Erwachsenenlebens hat eine Referenzrahmenverschiebung beim Thema Gleichberechtigung stattgefunden, sodass das beschämt Verschwiegene von gestern zum gelobt Offenen und Öffentlichen von heute geworden ist. Die heimlich berufstätige junge Frau von damals eroberte 2015 als 58-Jährige die Spitzenposition in Köln, der viertgrößten Stadt Deutschlands – zum ersten Mal gelang dies einer Frau in der 2000-jährigen Geschichte dieser historischen Stadt.
Man erlebt solche Verschiebungen auf den verschiedensten Ebenen. Eine bezeichnende Widerspiegelung dieser Veränderungen ist die Verbreitung entsprechender Publikationen. Zu Beginn der Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts erschien eines der merkwürdigsten Bücher, die ich je gelesen habe. Wahrscheinlich wirkte es auf mich so merkwürdig, weil ich es erst einige Jahrzehnte nach seinem Erscheinen gelesen habe. Schon die ersten Zeilen fand ich amüsant. Clever amüsant. Beim weiteren Lesen dachte ich: „Eine tolle Satire, eine humorvoll geschriebene Parodie der existierenden geschlechtsabhängigen Realitäten. Bildstarke Abbildung von verkehrten Tatsachen.“ Und ich wartete … und wartete … Doch er kam nicht. Der erlösende Satz kam nicht. Der wäre gewesen: „April, April … Was ich bisher geschrieben habe, ist bloß eine bissige Satire, die die herrschenden Verhältnisse parodiert.“
Nein, die Botschaft des Buches war vielmehr bitterernst. Ich fasse sie hier mit meinen Worten zusammen: „Nicht die Frauen sind das unterdrückte Geschlecht, sondern die Männer. Die Frauen sind die Unterdrücker und die Ausbeuter der Männer. Und dazu auch noch: Frauen sind irreversibel dumm!“ Inzwischen wissen wir, nicht zuletzt aus den vorangegangenen Kapiteln, dass solche Äußerungen kein Scherz waren. Und wir wissen auch, dass diese völlig ernstgemeinten Botschaften von einer Frau kamen: von der bereits erwähnten Esther Vilar, unter anderem präsentiert in ihrem Buch „Der dressierte Mann“. Das Buch, 1971 erschienen, wurde zum weltweiten Bestseller.229 Wie schon im Abschnitt „Ich bin ein Mann …“ des 1. Kapitels erwähnt, seien die „dressierten Männer“, stark, intelligent, fantasievoll und würden trotzdem von den Frauen ausgebeutet, ausgenutzt und instrumentalisiert, obwohl diese schwach, dumm und fantasielos seien. Die „WAZ“ berichtete, wie auch andere Medien, am 27. August 2012 über die folgenden bizarren Vorkommnisse:
Auf einer viel frequentierten Straße in Bochum gingen am helllichten Tag ein Mann und eine Frau spazieren. Die 33-jährige Frau, bekleidet mit einer knappen Lederhose, führte an einer Hundeleine den 55-jährigen Mann; er war völlig nackt mit Ausnahme des Stachelhalsbandes, das er um den Hals trug. Der von Passanten alarmierten Polizei erklärte die Frau das ungewöhnliche Auftreten damit, dass der Mann „seine Notdurft verrichten“ müsse.
Dies sei eine metaphorische Szene, ein Sinnbild des „dressierten Mannes“, suggeriert Walter Hollstein, der Apologet der Männlichkeit (2012a, S. 245), auch wenn er das Beispiel geschickt in Begleitworte verpackt, indem er so etwas als „eher episodisch“ bezeichnet. Doch warum leitet er dann damit ein Kapitel mit dem Titel „Männerwege – Der undressierte Mann“ ein? Soweit man es von außen beurteilen kann, handelt es sich bei „dem Gassigehen“ am ehesten um eine Form von Sado-Masochismus, eine sexuelle Abweichung also. Die betrifft, das wissen wir sicher, nur eine kleinste Minorität von Männern und Frauen. Und sie ist weit weg von dem, was man als „Normalität“, als „Durchschnitt“, geschweige denn als „Mehrheit“ bezeichnen würde. Und heute wird sich kaum ein Mensch, mit Ausnahme der Mannosphäre-Bewohner und mancher Apologeten der Männlichkeit, so ein Beispiel als Sinnbild des modernen Mannes, der angeblich ein „dressierter Mann“ ist, vorstellen können. Den dressierten Mann, mit oder ohne Hundeleine, gibt es in diesem Sinne als Regel nicht.
Der Referenzrahmen war für Vilars Äußerungen zu der damaligen Zeit sehr günstig. Heute wird dieses Buch wahrscheinlich allenfalls gelesen von Bewohnern der Mannosphäre – die wir im Abschnitt „Die Panik in der Mannosphäre …“ des 10. Kapitels kennenlernen werden – oder von Menschen, die sie sich amüsieren wollen und neugierig sind auf den Schwachsinn von gestern. Erfreulicherweise sind die Bestseller von heute Bücher, die die Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung der Geschlechter untermauern und propagieren und von denen man eine lange Liste präsentieren könnte. Der Referenzrahmen hat sich unverkennbar und befreiend zu Gunsten der Frauen verschoben.
Als Nachwirkung dieser soziopsychologischen Verschiebungen ist etwas Fundamentales festzustellen: Gleichwertigkeitsbejahung ist erblich. Natürlich handelt sich dabei nicht um eine genetische Erblichkeit, sondern um eine metaphorische. Eine Erblichkeit, die erzieherisch bedingt und sozial determiniert ist. Gleichwertigkeitsbejahende Erziehende erziehen gleichwertigkeitsbejahende Kinder. Eine gleichwertigkeitsbejahende Umwelt prägt eine gleichwertigkeitsbejahende Nachwelt. Die soziale Erblichkeit setzt die Gleichwertigkeitsmentalität fort und verstärkt sie. Sie stabilisiert sie.
All das kann erklären, warum seit einigen Jahren immer mehr Männer zu Befürwortern der Gleichberechtigung der Geschlechter werden, wie das BMFSFJ schon 2012 feststellte (S. 9). Die Verschiebung des Referenzrahmens in Richtung Gleichwertigkeit der Geschlechter machte die Gleichberechtigung zu einer neuen gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit. Die ersten Ärztinnen, die ersten Professorinnen, die ersten Regierungschefinnen und die sonstigen ersten „-innen“ wurden Geschichte. Und die „-innen“ von heute sind in den meisten Bereichen sozialen Lebens Normalität.
Sie sind keine Fantasiegebilde mehr.
Ein Diptychon im 21. Jahrhundert
Die gynäkophoben Fantasiegebilde sind zwar aus dem Kopf vieler Männer des 21. Jahrhunderts verschwunden. Der Kopf mancher anderer ist jedoch noch voll davon. Voll von Gebilden, die fabriziert wurden aus Überliefertem, Rückständigem und Illiberalem. Zwei Köpfe, zwei Welten. Wenn man „den Mann des 21. Jahrhunderts“ in Bezug auf seine Einstellung zu Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung der Geschlechter porträtieren will, braucht man ein Diptychon. Ein „doppelt gefaltetes Bild“, um die Bedeutung des griechischen Wortes „Diptychon“ ganz genau wiederzugeben. Das ist in der Regel aufklappbar. Klappt man das Diptychon des abendländischen Mannes des 21. Jahrhunderts auf, dann blickt man auf zwei konträre Bilder. Auf der einen Seite sieht man das Porträt des gynäkophobiefreien und überzeugten gleichwertigkeitsbejahenden Mannes; auf der anderen Seite das des gynäkophoben und überzeugten gleichwertigkeitsverneinenden. Das zum Bild gewordene Psychogramm porträtiert den gynäkophobiefreien Mann des 21. Jahrhunderts etwa wie folgt:
• Der gynäkophobiefreie Mann des 21. Jahrhunderts ist frei von versklavenden Vorurteilen, Glaubensinhalten, Denkkonstruktionen und Verhaltensmustern – frei von Relikten aus längst vergangenen Jahrhunderten.
• Er ist ein selbstbewusster Mann.
• Er braucht keinen Superioritätswahn, um sich selbst Souveränität zu verleihen.
• Er wird von keiner Männlichkeitsproblematik in seiner Beziehung zur Frauenwelt gesteuert.
• Er ist ein emanzipierter Mann, der aus der Dienerschaft der Androkratie ausgebrochen ist.
• Er ist ein Menschenrechtsanhänger. Er hat verstanden, dass, wenn die eine Hälfte der Menschheit, die Frauenwelt, nicht die gleichen Rechte hat wie die andere Hälfte, nämlich die Männerwelt, dies zweifelsohne die massenhafteste Menschenrechtsverletzung ist.
• Er ist weitgehend offen und tolerant. Offen für neue Ideen und Perspektiven. Infolgedessen auch tolerant gegenüber Andersseienden, Andersdenkenden, Andersglaubenden, Andersaussehenden, Anderssprechenden. Er toleriert sie nicht bloß, er akzeptiert sie auch.
• Er ist ein echter Demokrat als Anhänger der Isokratie der Geschlechter. Er hat erkannt, dass Demokratien nichts anderes sind als Androkratien, solange sie Frauen und Männer nicht als gleichwertig erachten und ihnen keine Chancengleichheit bieten.
• Er ist auch ansonsten kein Androkrat.
• Er ist ein Gerechtigkeitsanhänger – er erkennt, dass Diskriminierung insgesamt, d. h. auch die der Frauen, Ausdruck von Ungerechtigkeit ist.
• Er ist vor allem ein respektvoller Mann – er respektiert alles Respektwürdige, insofern auch die Frauen.
• Er gehört zu den entscheidenden Mitgestaltern des aktuell sich etablierenden liberalen Referenzrahmens bezüglich Gleichwertigkeit der Geschlechter im Abendland.
• Er hat die Macht, Macht abzugeben.230
• Und er ist offensichtlich der Mann der Zukunft – vieles spricht dafür.
Das im psychologischen Diptychon gerade genannte Charakteristikum des gynäkophobiefreien Mannes des 21. Jahrhunderts, ausgedrückt mit dem Satz der sozial engagierten Autorin Naomi Ryland „Macht, Macht abzugeben“, ist ein Endresultat von vielen seiner anderen Eigenschaften: seines Selbstbewusstseins, seiner Souveränität, seiner Fähigkeit zur Emanzipation von Vorurteilen, seiner respektvollen und gerechten Grundhaltung, seiner Offenheit und Toleranz.
Die antithetische Seite des psychologischen Diptychons zeigt den gynäkophoben Mann. Er ist das Kontrastbild zum gynäkophobiefreien Mann:
• Der gynäkophobe Mann des 21. Jahrhunderts unterscheidet sich kaum von dem der vorherigen Jahrhunderte.
• Er ist versklavt von Vorurteilen, Glaubensinhalten, Denkkonstruktionen und Verhaltensmustern aus längst vergangenen Zeiten.
• Er ist kein selbstbewusster Mann.
• Er braucht den Superioritätswahn, um sich selbst Souveränität zu verleihen.
• Er wird in seiner Beziehung zur Frauenwelt von einer Männlichkeitsproblematik gesteuert.
• Er ist kein emanzipierter Mann, sondern Diener der Androkratie.
• Er ist kein glühender Menschenrechtsanhänger. Es stört ihn nicht, wenn die eine Hälfte der Menschheit, die Frauenwelt, nicht die gleichen Rechte hat wie die andere Hälfte, die Männerwelt. Er erlebt dies nicht als die massenhafteste Menschenrechtsverletzung.
• Er ist nicht weitgehend offen, stattdessen intolerant. Er ist nicht offen für neue Ideen und Perspektiven, und er ist nicht tolerant gegenüber Andersseienden, Andersdenkenden, Andersglaubenden, Andersaussehenden, Anderssprechenden.
• Er ist kein echter Demokrat. Er erkennt nicht, dass Demokratien nichts anderes sind als Androkratien, solange sie Frauen und Männer nicht als gleichwertig erachten und ihnen keine Chancengleichheit bieten.
• Er ist auch ansonsten ein Androkrat.
• Er ist kein Gerechtigkeitsanhänger – er erkennt nicht, dass Diskriminierung insgesamt, d. h. auch die der Frauen, Ausdruck von Ungerechtigkeit ist.
• Er ist jemand mit Respektdefiziten. Derjenige, der die Frau diskriminiert, respektiert sie nicht.
• Er gehört zu den Störenfrieden, die versuchen, den aktuell sich etablierenden liberalen Referenzrahmen des Abendlandes bezüglich Gleichwertigkeit der Geschlechter zu verhindern.
• Er hat nicht die Macht, Macht abzugeben.
• Und er ist offensichtlich nicht der Mann der Zukunft – vieles spricht dafür.
Das im psychologischen Diptychon genannte Charakteristikum des gynäkophoben Mannes des 21. Jahrhunderts, ausgedrückt mit dem Satz „Er hat nicht die Macht, Macht abzugeben“, ist ebenfalls ein Endresultat von vielen seiner anderen Eigenschaften bzw. von schwach ausgeprägten oder sogar fehlenden Eigenschaften. Eigenschaften wie Selbstbewusstsein, Souveränität, Fähigkeit zur Emanzipation von Vorurteilen, respektvolle und gerechte Grundhaltung, Offenheit und Toleranz fehlen oder sind bei ihm kaum vorhanden.
Den so porträtierten gynäkophoben Mann gibt es leider noch. Trotz aller Verschiebungen und Fortschritte. Warum eigentlich?
Gleichstellungs- und Gleichberechtigungsverordnungen allein reichen nicht
Stellen wir die Frage nach dem Warum zunächst zurück, um zwei zeitaktuelle Zwischenfragen zu beantworten.
Die erste Frage: Obwohl es den gynäkophoben Mann noch gibt, verspricht dennoch der Eintritt in das 21. Jahrhundert einen weitgehenden Austritt aus der Epoche der Gynäkophobie?
Die zweite Frage: Angesichts der Tatsache, dass die Paradigma-Frauen, die Verteidigerinnen der Frauenrechte und die gynäkophobiefreien Männer den aktuellen Referenzrahmen des Abendlandes entscheidend mitgestalten, verspricht der Eintritt in das 21. Jahrhundert auch den Eintritt in eine Epoche der Gynäkophilie?
Die Antwort auf die erste Frage lautet:
Insgesamt gesehen schon … So antwortet der Optimist.
Insgesamt gesehen nicht … So antwortet der Pessimist.
Beide Antworten haben einen gemeinsamen richtigen Kern: Sie bestätigen, dass eine Veränderung Richtung Abbau der Gynäkophobie stattgefunden hat bzw. noch stattfindet. Die unterschiedliche Einschätzung betrifft Quantität und Qualität der Veränderungen. Sie resultiert aus dem unterschiedlichen Wahrnehmungswinkel des Betrachters. Beide Antworten leugnen aber nicht die Existenz von Veränderungen. Durch die vielen „-innen“ – von Kanzlerin und Astronautin bis zu Busfahrerin und Soldatin – fühlt sich der Optimist bestätigt. Durch die vielen Statistiken zum Geschlechterverhältnis in Spitzenpositionen, der subtilen Macht des „Patriarchats der Dinge“ und den „Unsichtbare Frauen“ – um die Formulierung von Rebekka Endler und die von Caroline Criado-Perez zu verwenden – fühlt sich wiederum der Pessimist bestätigt.
Zwischen Optimismus und Pessimismus aber liegt die Realität. Und es ist die Realität der Erfolge der Gynäkophobie-Therapeutinnen, also der Paradigma-Frauen und der Frauenrechtsaktivistinnen. Die Erfolge sind zwar beachtlich, aber dennoch janusköpfig, sie haben zwei Seiten. Einerseits offenbaren sie überaus eminente Errungenschaften, andererseits aber noch auffallenden Vollendungsbedarf. Aber immerhin, es sind Erfolge, die das Potenzial zur Vollendung in sich tragen. Somit können wir die Antwort auf die Frage, ob der Eintritt in das 21. Jahrhundert auch den Austritt aus der Epoche der Gynäkophobie verspricht, so formulieren: Der Eintritt in das 21. Jahrhundert läutete im Abendland den sich noch in Progress befindenden Austritt aus der Epoche der Gynäkophobie ein, der allerdings noch weit entfernt ist von seiner Vollendung.
Was ist denn die Voraussetzung für die Vollendung des Austritts aus der gynäkophoben Epoche? Die Antwort darauf: Gleichstellungs- und Gleichberechtigungsverordnungen allein reichen nicht. Das ist zu wenig. Die Etablierung einer flächendeckenden gynäkophilen Kultur ist das Richtige, das Erstrebenswerte, das zur Vollendung Führende.
Und somit kommen wir zur Beantwortung der zweiten Frage, die wir uns vorher gestellt haben. Wir haben uns gefragt, ob der Eintritt in das 21. Jahrhundert auch den Eintritt in eine Epoche der Gynäkophilie verspricht, angesichts der Tatsache, dass die Paradigma-Frauen, die Verteidigerinnen der Frauenrechte und die gynäkophobiefreien Männer den aktuellen Referenzrahmen des Abendlandes entscheidend mitbestimmen.
Insgesamt gesehen schon … wird der Optimist antworten.
Insgesamt gesehen nicht … wird der Pessimist antworten.
Wer hat recht?
Recht hat derjenige, der Gynäkophilie und gynäkophile Kultur genau versteht.
Gynäkophilie … Was ist das?
Der Versuch, Gynäkophilie richtig zu definieren, könnte – so meine Befürchtung – für manche etwas oberlehrerhaft anmuten. Aber um Vertrautheit mit Begriffen wie Gynäkophilie zu erlangen, kann ein kurzer Blick in ihre Etymologie und ein ganz flüchtiger in ihre Geschichte hilfreich sein. Versuchen wir es in diesem Sinne: „Gynäkophilie“ (manche sagen auch „Philogynie“ oder „Gynophilie“) ist ein missverstandenes und auch missbrauchtes Wort. Das Wort „Philogynie“ wurde schon im Altertum verwendet. Es bekam jedoch im Verlauf den Hauch von Abnormem und Krankhaftem. So schreibt vor mehr als 2000 Jahren Cicero in seinen Tusculanae disputationes (Buch IV, 11 f.) auch Folgendes: „Ebenso entstehen die übrigen Krankheiten, wie etwa die Ruhmsucht und die Weibertollheit, um so zu benennen, was griechisch φιλογυνία [Philogynia] genannt wird.“ Cicero verwendet dafür den Begriff „mulierositas“, was auf Deutsch mit „Weibertollheit“ übersetzt wurde, um den griechischen Begriff „Philogynia“ ins Lateinische zu übertragen. Nebenbei gesagt ist im Altgriechischen „Gynäkomania“ das äquivalente Wort zum deutschen „Weibertollheit“.231 Cicero sagt uns aber weder, was für eine Krankheit die Philogynia sein soll noch warum die „Liebe zu Frauen“ – was „Philogynia“ wörtlich bedeutet – überhaupt eine Krankheit sei. Vielleicht meint er das, was moderne Psychiater und Psychologen „Donjuanismus“, „Gynäkomanie“ oder teilweise auch „Satyrismus“, „Satyromanie“, „Hypersexualismus“ oder gar „Polyamorie“ nennen, wenn die Objekte der Begierde Frauen sind. Vielleicht hat er das gemeint. Manche davon könnten in der Tat zu Ciceros „übrigen Krankheiten“ gehören.
Das Wort Gynäkophilie wurde, wenn mich nicht alles täuscht, von dem Berliner Arzt Magnus Hirschfeld, dem Begründer der Sexuologie, in die deutsche medizinisch-psychologische Nomenklatur eingeführt. Allerdings mit einer ganz anderen Bedeutung als das, was Cicero mit „Philogynia“ meinte, und vor allem ganz anders als wir den Begriff hier in diesem Buch verwenden. Das deutsche Wort „Gynäkophilie“ kommt vom griechischen „Gynäkophilía“. Noch einmal zur Erinnerung: Der erste, völlig unproblematische Teil stammt vom griechischen „Gyné“ („die Frau“), Genitiv „Gynäkós“ („der Frau“), plural „Gynäkae“ („die Frauen, die Frauenwelt“). Der zweite Teil, „Philie“, drückt etwas Wunderschönes aus: in erster Linie „Freundschaft, Liebe und Zuneigung“, und in zweiter Linie, in der Regel in Kombination mit anderen Wörtern, auch „Neigung“. Vorwiegend in dieser zweiten Bedeutung bzw. bei Kombinationen verliert manchmal das schöne Wort „Philie“ seine Schönheit und formt Wortgebilde für problematische oder gar hässliche Verhaltensweisen, wie etwa Pädophilie, Nekrophilie, Zoophilie und manche andere, die man auch als sexuelle Perversionen bezeichnen kann.
Magnus Hirschfeld führte vor mehr als hundert Jahren den Begriff „Gynäkophilie“ in einem sexualisierten Sinne ein. Damit gab er dem Begriff eine Bedeutung, die von Anfang an problematisch war und im Verlauf der Jahre immer problematischer wurde. Dazu missverständlich und auch übersetzungsmäßig falsch. Und so wurde der Begriff von ihm letzten Endes sexualisiert und eingeschränkt. Mit Gynäkophilie wollte Hirschfeld ursprünglich die erotische Neigung zu erwachsenen Frauen ausdrücken, und zwar unabhängig vom Geschlecht des Begehrenden. Allerdings hat er später selbst den Begriff eher in die Richtung der weiblichen Homosexualität verschoben. Während er die Bezeichnungen heterosexuell, homosexuell und bisexuell für beide Geschlechter verwendete, spezifizierte er letztendlich den Begriff Gynäkophilie als Bezeichnung für die homoerotischen Neigungen von Frauen zu erwachsenen Frauen (S. 305). Bei der Verwendung des Begriffes Gynäkophilie im obigen Sinne kannte Hirschfeld entweder die Bedeutung des uralten Wortes „Gynäkophilia“ nicht, oder er ignorierte sie. Damit auseinandergesetzt hat er sich meines Wissens nicht. Ein Blick in die griechisch-deutschen Lexika, die vor der Zeit herausgegeben wurden, als Hirschfeld den Begriff in seinem Sinne verwendete, zeigt auf jeden Fall, dass auch zu seiner Zeit richtige Übersetzungen verfügbar waren. So etwa wird „der Gynäkophile“ („Gynäkophilés) richtigerweise als „der Frauenfreund“ übersetzt, etwa in den schon zitierten Lexika von Johann Gottlob Schneider aus den Jahren 1797 und 1819 (die also lange vor Hirschfeld geschrieben wurden, der von 1868 bis 1935 gelebt hat).
Es ist sehr bedauerlich, dass die schönen Begriffe „gynäkophil“ und „Gynäkophilie“ auf diese Weise sexualisiert und eingeschränkt wurden. Lassen Sie uns also vor ihrer Verwendung die Bedeutung der Begriffe „Gynäkophilie“ und „gynäkophil“ richtigstellen, auf ihre ursprüngliche und wörtliche Bedeutung zurückkommen und sie dabei inhaltsmäßig vervollständigen sowie substanziell konkretisieren. Und zwar in folgendem Sinne:
Gynäkophilie ist die respektvolle Haltung gegenüber Frauen, die positive Einstellungen und Verhaltensweisen in sich trägt und die die vollständige Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung der Frauen nach dem Prinzip der Chancengleichheit bejaht.
Gynäkophilie ist demnach nicht bloß Bejahung von Gleichwertigkeit, Gleichberechtigung und Chancengleichheit von Frau und Mann. Sie ist mehr als das. Sie beinhaltet, als Conditio sine qua non, Bejahung von Gleichwertigkeit, Gleichberechtigung und Chancengleichheit – und dazu auch Respekt vor der Frau. Respekt vor der Frau bedeutet Achtung ihrer Individualität, Bewahrung der Unantastbarkeit ihrer Souveränität, Anerkennung, Freundlichkeit, das Gewähren von Chancengleichheit und Solidarität. Respekt macht alles das zu einer Selbstverständlichkeit.
Gleichberechtigungsbejahung ist vorwiegend eine schlussfolgernde Entscheidung, eine Konklusion; Gynäkophilie dagegen ist eine die Gesamtpersönlichkeit umfassende Haltung, ein Erleben. Die Bejahung von Gleichberechtigung als Konklusion ist vorwiegend eine Schlussfolgerung aus der intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Thema, ein Werk des Kopfes also. Gynäkophilie aber wird von der Gesamtpersönlichkeit geprägt und erlebt. Sie bleibt nicht nur Sache des Intellekts. Sie geht darüber hinaus. Damit wird verständlich, warum gesetzlich verordnete Gleichberechtigung und quotenfundierte Gleichstellung der Geschlechter alleine nicht zur Gynäkophilie führen können. Gynäkophilie beinhaltet deutlich mehr als das. Man kann auch sagen: Gleichstellung ist eine Praxis, Gynäkophilie ist eine Kultur. Eine Kultur, die aus der sichtbar erlebten respektvollen Haltung erwächst und sich in aufrichtiger Anerkennung, realer Chancengleichheit und vollständiger Isokratie der Geschlechter ausdrückt. Somit wird klar: Die Etablierung einer flächendeckenden gynäkophilen Kultur ist die Voraussetzung für die Vollendung der Gynäkophobiefreiheit und die Besiegelung einer echten Gleichwertigkeitsmentalität. Man kann es nicht häufig genug sagen: Gynäkophilie und Respekt sind untrennbar miteinander verbunden. Auch reziprok. Respekt ist der kostbare Stoff, aus dem Gynäkophilie besteht; er ist der Kern der Gynäkophilie und eine Kerneigenschaft des Gynäkophilen. Doch was bedeutet Respekt genau betrachtet?
Respekt ist die Fähigkeit eines Menschen, die Individualität eines anderen Menschen anzuerkennen, verbunden mit der Bereitschaft, ihm die Möglichkeit zuzugestehen, frei und souverän seine Fähigkeiten zu entfalten.
In diesem Sinne hat im Respekt jegliche Tendenz zur Ausbeutung, zur Beherrschung, zur Ausnutzung oder Instrumentalisierung anderer keinen Platz. Dies beinhalten die meisten Respekt-Definitionen der Psychologie oder Philosophie, etwa die des deutsch-amerikanischen Psychoanalytikers Erich Fromm (1975, S. 48 f.). Und mit den Worten des amerikanischen Soziologen Richard Sennett: Wir bekunden gegenseitigen Respekt, indem wir einander als Gleiche behandeln (S. 11). Eine in diesem Sinne respektvolle Kultur ist auch die gynäkophile Kultur. Eine weitere These des erwähnten Soziologen Richard Sennett – übertragen auf unser Thema – macht deutlich, dass eine gynäkophile Kultur mehr ist als nur Befürwortung von Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung der Geschlechter. Seine These lautet: „Mangelnder Respekt mag zwar weniger aggressiv erscheinen als eine direkte Beleidigung, kann aber ebenso verletzend sein. Man wird nicht beleidigt, aber man wird auch nicht beachtet; man wird nicht als ein Mensch angesehen, dessen Anwesenheit etwas zählt. Wenn die Gesellschaft die Mehrzahl der Menschen so behandelt und nur wenigen besondere Beachtung schenkt, macht sie Respekt zu einem knappen Gut, als gäbe es nicht genug von diesem kostbaren Stoff “ (S. 15). Gynäkophile Kultur ist reich an diesem kostbaren Stoff. Und sie macht die Gesamtmenschheit reicher, denn: Gynäkophile Kultur ist anthropophile Kultur.
Das heißt gynäkophile Kultur behandelt den Anthropos, den Menschen, mit Respekt – unabhängig von seinem Geschlecht, seiner Herkunft, seinem Aussehen, seinem Glauben. Respekt besitzt eine grundlegende Bedeutung für unser Erleben sozialer Beziehungen und für unsere Selbsterfahrung im Umgang mit anderen Menschen – auch geschlechtsneutral. Richard Sennett zeichnet drei Wege auf, die dazu beitragen, den Respekt der anderen zu gewinnen (S. 83–85). Erster Weg: die Entwicklung der eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten als Quelle gesellschaftlicher Wertschätzung. Der zweite Weg: sich um sich selbst zu sorgen. Das könne auch heißen, anderen nicht zur Last zu fallen. Menschen, die für sich selbst sorgen könnten, würden Achtung genießen. Der dritte Weg: das Bestreben, den anderen etwas zurückzugeben. Die Paradigma-Frauen sind diesen drei Wegen erfolgreich gefolgt. Frauen haben sich in diesem Sinne Respekt für sich selbst und ihr Geschlecht erarbeitet. Die Gynäkophilie mit ihrer Kerneigenschaft Respekt haben sie sich verdient; sie wurde ihnen nicht geschenkt.
Der Gynäkophile ist nach all dem vorher Gesagten leicht zu porträtieren. Er ist:
• Jemand, der vollen Respekt vor der Frau hat.
• Jemand, der seinen Respekt in einer die vollständige Gleichwertigkeit bejahenden Haltung gegenüber Frauen zeigt und in seiner Bereitschaft, deren Individualität anzuerkennen.
• Jemand, der der Frau uneingeschränkt ermöglicht, ihre Fähigkeiten zu entfalten.
• Jemand, der ihre Souveränität voll akzeptiert und mit der des Mannes gleichstellt.
• Jemand, dem jegliche Tendenz der Ausbeutung, der Beherrschung, der Ausnutzung oder der Instrumentalisierung der Frau wesensfremd und inakzeptabel ist.
Nach diesen Ausführungen zur Gynäkophilie können wir uns der Antwort auf die eingangs gestellte zweite Frage nähern. Auf die Frage nämlich, ob der Eintritt in das 21. Jahrhundert für das Abendland auch den Eintritt in eine Epoche der Gynäkophilie bedeutet. Erinnern Sie sich noch an die Antworten des Optimisten und des Pessimisten?
Der Optimist hat sie mit: „Insgesamt gesehen schon …“ beantwortet.
Der Pessimist mit: „Insgesamt gesehen nicht …“
Aber wie schon gesagt: Zwischen Optimismus und Pessimismus liegt die Realität. Und diese Realität führt uns zu dem, was wir schon konstatiert haben: Eine moderne, aufgeklärte, säkulare Gesellschaft – wie etwa unsere Gesellschaft – ist zwar nicht zwangsläufig eine gynäkophile Gesellschaft. Sie hat uns aber zu dem Gleichberechtigungsgesetz geführt, das wir seit dem 1. Juli 1958 in der Bundesrepublik haben. Das Gesetz, das dem Imperativ in Artikel 3, Abs. 2 des Grundgesetzes – „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ – Gesetzesgestalt gegeben hat. Das hat sicherlich eine Rolle dabei gespielt, dass wir in Sachen Gleichberechtigung tatsächlich vieles erreicht haben – obwohl es bittere Realität ist, dass das Gleichberechtigungsgesetz teilweise noch in manchen dunklen Ecken versteckt wird. Wie auch immer, eine gynäkophile Kultur haben wir bis heute noch nicht flächendeckend zu Stande gebracht. Ein Gesetz schafft bestenfalls günstige Bedingungen für die Entwicklung einer Kultur, aber nicht die Kultur selbst. Die schaffen die Köpfe und Herzen der Menschen. Es ist ein Prozess der Werteänderungen – und der ist noch aktiv.
Der kostbare Stoff des Respektes Frauen gegenüber ist in der abendländischen Männerwelt noch unterschiedlich verteilt. Einige haben viel davon, andere wenig und noch andere kaum etwas bis gar keinen. Letztere sind die Bewohner der „Mannosphäre“ und die Neo-Gynäkophobiker. Machen wir uns auf den Weg, auch sie kennenzulernen.
* Den werden wir im 11. Kapitel im Abschnitt „Im Käfig des eigenen Geschlechts“ kennenlernen.
* Zur Erinnerung: So wurden Anfang des 20. Jahrhunderts die (mehr oder weniger) organisierten Frauenrechtlerinnen in Großbritannien und den vereinigten Staaten bezeichnet. Die Bezeichnung leitet sich ab von „suffrage“ („das Wahlrecht“).
* Achilles, der griechische Superheld des Trojanischen Krieges, konnte nur getötet werden, wenn jemand ihn an der rechten Ferse traf. Seine Mutter, die Meeresgöttin Thetis, hatte ihn direkt nach seiner Geburt in den Götterfluss Styx getaucht, der in der Unterwelt fließt, und ihn so unsterblich gemacht. Sie hielt ihn dabei an der Ferse des rechten Fußes, die dadurch vom Styx-Wasser unberührt, also verwundbar blieb. Der Gott Apollon verriet dem trojanischen Prinzen Páris das Geheimnis während einer Schlacht vor den Toren Trojas und lenkte auch Páris Lanze auf die Ferse von Achilles. So wurde der bis dahin unbesiegbare Achilles besiegt und fiel.
* S. 7. Kapitel, Abschnitt „Halte jede einzelne Frau im Zaum!“
** S. 7. Kapitel, Abschnitt „Die fünffingerbreite Erfahrung …“.
* Es ist wohl hier Professor Johann Juncker gemeint (anders als in der hier verwandten Übertragung steht im Original der Erxleben-Arbeit die richtige Schreibweise), den wir bald treffen werden, und der zwölf Jahre später eine wesentliche Rolle im Leben von Dorothea Erxleben spielen wird.
* Während der sowjetischen Besatzungszeit war von 1948 bis 1950 die Biowissenschaftlerin und Politikerin Paula Hertwig, Mitglied des Volksrates der Sowjetischen Besatzungszone, die erste Dekanin der Medizinischen Fakultät – sie war übrigens auch die erste Professorin an der Universität Halle (1946 Berufung zur außerplanmäßigen Professorin, 1948 zur ordentlichen Professorin).
* Der Referenzrahmen-Mechanismus hat nur eine entfernte Verwandtschaft mit dem, was Psychologen „soziale Erwünschtheit“ nennen. Letztere betrifft vorwiegend die Test-Psychologie bzw. Untersuchungen, die auf Befragungen basieren. Soziale Erwünschtheit bezeichnet das Verhalten von Befragten, die Antworten geben, von denen sie glauben, sie treffen eher auf soziale Zustimmung als ihre wahre Meinung, bei der sie soziale Ablehnung befürchten. Eine Antwort oder ein Verhalten im Sinne der sozialen Erwünschtheit gibt also dabei nicht die wahre Einstellung preis, anders als Einstellungen und Verhalten nach dem Referenzrahmen-Mechanismus. Der Referenzrahmen-Mechanismus bestimmt nämlich in der Tat vorhandene Einstellungen und Verhalten, die Antworten nach der sozialen Erwünschtheit dagegen sind Verdeckung von wahren Einstellungen und Verhaltensweisen. Dass manche Soldaten, von denen Sönke Neitzel und Harald Welzer berichten, mehr angegeben haben als sie tatsächlich getan haben, ist wohl multifaktoriell bedingt, etwa durch Geltungsbedürfnis und Ähnliches, aber nicht bloß durch soziale Erwünschtheit.