Die Hütte in Todtnauberg befindet sich in einer Höhe von ungefähr 1000 Metern. Der nahe gelegene Feldberg ist 1277 Meter hoch. Er ist der höchste aller Berge im Schwarzwald. Im Vergleich zu den Alpen ist das eher bescheiden. Die Erhabenheit eines Matterhorns findet man im Schwarzwald nicht. Nietzsches Wohnung im Engadiner Sils-Maria lässt sich mit Heideggers Hütte nicht vergleichen.
Dennoch ist die Todtnauberger Landschaft besonders. Bereits auf 1000 Metern spürt man das Wetter anders als in der Ebene: Die Sonne ist stärker, wenn sie scheint; der ausbrechende Regen heftiger, wenn es regnet. In der Hütte sich aufzuhalten ist daher verbunden mit einer gewissen Aussetzung an die äußeren Bedingungen. Heidegger hat das oft angedeutet.
Eine der Pflanzen, die um die Hütte herum wachsen, die überhaupt auf den Wiesen des Schwarzwalds zu finden sind, ist die Silberdistel. Disteln sind – allgemein gesagt – dornig. Ich erinnere mich, wie ich als Junge auf den Brachen meiner Kindheit Disteln begegnet bin. Man ging ihnen aus dem Weg, obwohl sie nicht so unangenehm wirkten wie Brennnesseln. Doch mit der Silberdistel haben diese, »meine« Disteln wenig zu tun.
Die Silberdistel ist eine andere Blume. Sie glänzt aus den Wiesen hervor, ohne viel Aufhebens von sich zu machen. Heidegger beschreibt das nüchtern: »Silberdisteln glänzen ohne Aufdringen in die klare Luft des Spätsommerbeginns.«[136] Es muss sich um den Spätsommer von 1939 handeln; der Zweite Weltkrieg hatte begonnen und die staatlichen Maßnahmen gegen Juden wurden immer spürbarer.
»Klare Luft« spät im Sommer – das lässt erwarten. Was? Das ist im Zusammenhang einer so offenen Äußerung nicht zu sagen. Auch dass die Distel eine schlichte Blume bleibt, selbst wenn sie glänzt, scheint ein Hinweis zu sein. Es geht um den Beginn eines Endes. Heidegger war kein Freund des Krieges. – Doch letztlich bleibt nur die Silberdistel.
Später, nach dem Krieg, heißt es einmal: »Silberdistel – die Sonne des Schmerzes.«[137] Das Glänzen der Blume verbindet sich mit ihren Dornen. Die Erfahrung des Glänzens ist niemals bloß angenehm. Das Brennen der Sonne – in der Höhe Todtnaubergs deutlicher zu spüren – ist ihr unmittelbares Beispiel. Doch warum überhaupt nun, mehr als fünf Jahre nach dem Krieg, der Schmerz?
Ein weitere Bemerkung zur Blume lautet: »Die Silberdistel gehorcht jedem Hauch, auch wenn alles Wehen zu ruhen scheint; sie schwebt und schwingt im Selben. Sie ist eine einzige Rückkehr des Entzuges in die Nähe.«[138] Erwartung und Schmerz haben sich gelegt, vielleicht gelöst. Es bleibt das Dornige, um nicht zu sagen Distelige des Entzugs. Ihm zu folgen ist für Heidegger eine Rückkehr in die Nähe zum Sein – Ort des Denkens. Die Silberdistel war von Anfang an nichts anderes als das Denken selbst.