Eine der vielen ärgernden Äußerungen Heideggers lautet: »Das Sichverständlichmachen ist der Selbstmord der Philosophie.«[318] Wie könnte man sich in Zeiten, in denen die Aufklärung boomt, so unverblümt zur Unverständlichkeit bekennen? Ist dieses Bekenntnis nicht in sich das Eingeständnis der Unfähigkeit – zur Klarheit? Ist nicht Heideggers Schreiben ein Beweis dieser Unfähigkeit?
Viele weitere Aussagen, dass die Philosophie unverständlich bleiben müsse, bestätigen die scheinbar empörende Behauptung. Dabei muss der Gedanke erst entwickelt werden. Gewiss, Heidegger verfolgt eine esoterische Strategie: Die Öffentlichkeit erschwert eine entsprechende Rezeption philosophischer Texte. Ihre mithin ökonomischen Kriterien sind nicht auf Studium (langwierige Anstrengung) hin orientiert, sondern auf Konsum (kurzfristigen Verzehr). Doch Heideggers esoterische Initiative schreitet den Gedanken, dass das Philosophieren sich ein Unverstandenes bewahren muss, nicht aus. Er bleibt elliptisch eingerollt.
Die formalen Grundlagen der Philosophie sind bei Aristoteles beinahe allesamt schon vorhanden. Kants Worte aus der Vorrede zur zweiten Auflage der »Kritik der reinen Vernunft« sind berühmt. Die Logik habe »seit dem Aristoteles keinen Schritt rückwärts tun dürfen«.[319] Es sei »merkwürdig«, »daß sie auch bis jetzt keinen Schritt vorwärts hat tun können, und also allem Ansehen nach geschlossen und vollendet zu sein scheint«. Hegel hat das am Beginn seiner »Wissenschaft der Logik« aufgenommen und konstatiert, dass sie, wenn Kant recht habe, »um so mehr einer totalen Umarbeitung bedürfe«.[320] Der »Geist« könne nicht zweitausend Jahre auf ein und derselben Position stehen geblieben sein.
Die alles überragende Bedeutung der Aristotelischen Logik muss betont werden. Wer heute logisch konsistent denkt, die formalen Denk-Bestimmungen realisiert, denkt im Bereich des »Organons«, so der Titel von Aristoteles’ gesammelten Schriften zur Logik; ob er es weiß oder nicht. Doch auf der materialen Ebene des Philosophierens ist etwas anderes geschehen. Das europäische Denken ist von ontologischen oder metaphysischen Voraussetzungen, wie Platon und Aristoteles sie formulieren, ausgegangen, um sie in einer reichen Entfaltung bis ins 19. oder 20. Jahrhundert hinein auszuarbeiten – und zu erschöpfen.
Noch heute knüpfen Philosophen immer wieder an Platon und Aristoteles an. Doch die Authentizität und Originalität metaphysischer Philosophie ist dahin. Was heute im Anschluss an die beiden Giganten gedacht wird, ist längst epigonal; ein Denken, das sich selbst überlebt hat, das auf der Ebene einer antiken Logik Ideen wiederholt, die nur noch Akademiker akklamieren, indem sie subtile Kenntnis der Philosophiegeschichte voraussetzen. Doch auch sie zitieren lieber Platon selbst als einen seiner Philologen.
Mit anderen Worten: Philosophie ist spätestens seit dem letzten Jahrhundert verstandene Philosophie. Ungeheuer saturiert durch das Wissen sämtlicher Denkpositionen von Platon bis Heidegger samt der sogenannten Vorsokratiker und Nachheideggerianer fällt den Philosophen und Philosophinnen eigentlich nur noch ein, das Denken auf Gegenstände wie die künstliche Intelligenz, die Pflanzen oder das Kochen zu erweitern. Hier scheinen sie noch etwas sagen zu können, was nicht schon längst gesagt wurde. Doch im Grunde geht es nicht um solche prothesenmäßigen Erweiterungen. Vielmehr wird deutlich, dass die Philosophie sich auf der Basis ihrer grundlegenden Kriterien vollendet hat.
Sie hat sich also selbst verständlich gemacht und so – selber umgebracht. Anders gesagt: Eine lebendige Philosophie braucht das Unverständliche, um auf neue Fragen zu stoßen. An ihnen kann sie sich in jeder Hinsicht wieder beleben. Denn jede neue und andere Frage fordert – wie bei Augustinus, Ockham, bei Descartes, Kant, Nietzsche oder Heidegger – eine andere Methode, einen anderen Stil und so auch eine andere Performanz des Denkens. Sie entstehen, wenn Unverstandenes und – mehr noch – Unverständliches erscheint.
Heideggers »Frage nach dem Sinn von Sein«[321] war kein Unverstandenes, sondern eigentlich Unverständliches. Sie hat sein Denken, sein immer wieder neues und anderes Ansetzen, diese ganze sechzigjährige Denk-Bewegtheit, ermöglicht. Genau, die Frage ist nicht zu beantworten, das wusste Heidegger von Anfang an. Und doch forderte sie ihn heraus, mit einer schier unendlichen Menge von Manuskripten dem Unverständlichen näher zu kommen.
Die Warnung, dass das »Sichverständlichmachen« zum »Selbstmord« der Philosophie führen könne, kann Heidegger also eigentlich gar nicht zu sich selbst gesagt haben. Für ihn bestand diese Gefahr nicht. Die »Frage nach dem Sinn von Sein« ist nicht nur unverständlich, weil sie womöglich anders, klarer formuliert, verständlich gemacht werden könnte. Sie ist im Kern unverstehbar. Heideggers Seins-Denken wird niemals erklärt werden können, wenn erklären heißt, einen Gegenstand in Klarheit darzustellen. Immer wird sich »etwas« – und zwar die Hauptsache – der Erklärung entziehen.
Der letzte Schritt dieses Gedankens betrifft Heideggers Denkvorgang selbst. Wer behauptet, das Denken sei im Kern unverständlich, der kann nicht von sich selber sagen, im Unterschied zu allen anderen verstehe er, was er denkt. Daher hat Heidegger einmal etwas verklausuliert, aber im Letzten deutlich betont, dass auch er selber sein Denken nicht verstehe. Bewusst übertreibend meint er sogar, dass sein Denken »erst recht«[322] für sich selbst unverstanden bleiben müsse; verständlich, denn die völlige Selbsttransparenz eines kreativen Aktes bedeutet meistens seinen Tod. (Damit nähert übrigens Heidegger seine Tätigkeit der modernen bildenden Kunst an. Moderne Bildhauer oder Maler kennen den Vorgang, dass sich das Werk erst im freien, unerkannten Schaffensprozess bildet. Man weiß am Anfang nicht, was am Ende erscheinen wird.)[323]
Wer Heideggers Sehnsucht nach dem Unverständlichen Irrationalismus vorwirft, vergisst, dass das volle Licht der Vernunft jede solche Frage zum Verschwinden bringt. Was bleibt, sind mehr oder weniger originelle Kombinationen von an sich bekannten Gedanken. Der gute Philosoph heute wird zum virtuosen Eklektiker. Er mischt die schon bekannten Karten neu. Die Philosophie aber braucht das Unerwartete der Verwandlung. Wer etwas von ihr verstanden hat, kennt das Unverständliche.