I. Der Berg

Diese Welt in ihrem bodenlosen Schweigen hatte nichts Wirtliches, sie empfing den Besucher auf eigene Rechnung und Gefahr, sie nahm ihn nicht eigentlich an und auf, sie duldete sein Eindringen, seine Gegenwart auf eine nicht geheure, für nichts gutstehende Weise, und Gefühle des still bedrohlich Elementaren, des nicht einmal Feindseligen, vielmehr des Gleichgültig-Tödlichen waren es, die von ihr ausgingen.

THOMAS MANN, «DER ZAUBERBERG»

Bald hatte ich mein Tempo gefunden – einen federnden, schwungvollen Schritt, der mich rasch voranbrachte. Ich war vor Morgengrauen aufgebrochen und befand mich um halb acht in etwa sechshundert Meter Höhe. Der Frühnebel riss bereits auf. Nun betrat ich einen dunklen Nadelwald, in dem ich langsamer vorankam, zum Teil wegen der knorrigen Wurzeln auf dem Pfad, zum Teil aber auch, weil ich von der Welt der niedrigen Pflanzen, die hier im Schutz der Bäume wuchsen, fasziniert war und immer wieder stehen blieb, um einen jungen Farn, ein Moos, eine Flechte zu betrachten. Dennoch hatte ich kurz nach neun den

VORSICHT – STIER!

stand dort auf Norwegisch, und für diejenigen, die den Sinn dieser Worte vielleicht nicht verstanden, war daneben ein eher komisches Bild von einem Mann aufgemalt, der durch die Luft gewirbelt wurde.

Ich blieb stehen, studierte das Bild und kratzte mich am Kopf. Ein Stier? Hier oben? Was sollte ein Stier hier oben verloren haben? Auf den Wiesen und bei den Bauernhöfen weiter unten hatte ich nicht einmal Schafe gesehen. Vielleicht handelte es sich nur um einen Witz, den sich die Dorfbewohner oder ein früherer Wanderer mit einem seltsamen Sinn für Humor ausgedacht hatten. Oder vielleicht gab es hier tatsächlich einen Stier, den man den Sommer über auf diese riesige Alm getrieben hatte und der das spärliche Gras und die kümmerlichen Büsche abweidete. Doch genug der Spekulationen! Auf zum Gipfel! Wieder veränderte sich das Terrain. Es war jetzt sehr steinig, und hier und da lagen riesige Felsblöcke; es gab jedoch auch eine dünne Schicht Erde, die stellenweise matschig war, weil es in der Nacht zuvor geregnet hatte, auf der aber reichlich Gras und einige schmächtige Büsche wuchsen – Futter genug für ein Tier, das den ganzen Berg als Weide hatte. Der Pfad wurde viel steiler und war ziemlich gut markiert, wenn auch, so hatte ich den Eindruck, nur wenig benutzt. Ich befand mich ja schließlich auch in einem nicht gerade dicht besiedelten Teil der Welt. Ich hatte keinen anderen Touristen gesehen, und die Dorfbewohner waren, so dachte ich, zu sehr

Die tatsächliche Realität brach jedoch nicht in einem solchen Augenblick über mich herein und wurde nicht einmal ansatzweise durch Einbildung oder Zweifel verfälscht. Ich hatte gerade den

Ich bewahrte einen Augenblick lang die Fassung oder das, was ich dafür ausgab, machte ganz «natürlich» mitten im Gehen einen Schwenk um 180 Grad, als kehrte ich am Ende eines Spaziergangs um, und machte mich behände und trittsicher an den Abstieg. Aber dann – wie schrecklich! – verlor ich plötzlich die Nerven, die Angst überwältigte mich, und ich rannte um mein nacktes Leben – ich rannte blindlings und wie verrückt den steilen, schlammigen, rutschigen Pfad hinunter, der hier und da im Nebel verborgen war. Blinde, wilde Panik! Es gibt auf der Welt nichts Schlimmeres als das, nichts Schlimmeres – und nichts Gefährlicheres. Ich weiß nicht genau, was geschah. Bei meiner überstürzten Flucht den schlüpfrigen Pfad hinunter muss ich falsch

Ich hatte dieses Phänomen schon bei anderen beobachtet – bei Patienten, die plötzlich einen Schlag oder eine Verletzung erlitten hatten, und jetzt erlebte ich es an mir selbst. Mein erster Gedanke war, dass es einen Unfall gegeben hatte und dass jemand, den ich kannte, ernstlich verletzt worden war. Später dämmerte mir, dass ich selbst das Opfer war; dieser Gedanke war jedoch von dem Gefühl begleitet, dieser Fall sei nicht wirklich ernst. Um das zu beweisen, stand ich auf, oder vielmehr: Ich versuchte aufzustehen, brach aber dabei wieder zusammen, denn das linke Bein war völlig kraftlos und schlaff und gab unter mir nach wie eine weichgekochte Nudel. Es hielt überhaupt keine Belastung aus, sondern knickte unter mir ein, knickte am Knie nach hinten und ließ mich vor Schmerz aufschreien. Was mich dabei so furchtbar erschreckte, war jedoch weit weniger der Schmerz als vielmehr diese schlaffe, schwache Nachgiebigkeit des Knies, meine Unfähigkeit, etwas dagegen zu tun oder ihrer Herr zu werden – und die offenbare

«Also gut, Herr Doktor», sagte ich zu mir selbst, «würden Sie so gut sein und das Bein untersuchen?»

Wie ein Chirurg, der einen Fall untersucht, nahm ich sehr professionell und distanziert und ganz und gar nicht behutsam das Bein und untersuchte es: Ich tastete es ab und bewegte es hin und her. Dabei murmelte ich, wie in einer Lehrveranstaltung, meinen Befund laut vor mich hin:

«Keine Bewegung am Knie- oder am Hüftgelenk, meine Herren … Wie Sie sehen, ist der ganze Musculus quadriceps femoris von der Kniescheibe abgerissen. Trotzdem hat er nicht retrahiert – er ist ohne jeden Tonus, was auf eine Verletzung des Nervs hindeutet. Die Patella ist ihrer stärksten Befestigung beraubt und kann – hier! – wie ein Kugellager gedreht werden. Da sie nicht mehr gehalten wird, ist sie leicht zu verschieben. Was das Knie selbst betrifft» – hier demonstrierte ich jeden Punkt meines Befundes –, «ist eine abnorme Motilität, eine eindeutig pathologische Beweglichkeit festzustellen. Es kann ohne jeden Widerstand gebeugt –» ich führte mit den Händen die Ferse an mein Hinterteil – «und, mit klar erkennbarer Dislokation, nach vorn überstreckt werden» – beide Bewegungen ließen mich, während ich sie demonstrierte, aufschreien. «Ja, meine Herren», fasste ich meinen Befund abschließend zusammen, «ein faszinierender Fall! Ein vollständiger Riss der Quadrizepssehne. Muskel paralysiert und atonisch – vermutlich aufgrund einer Verletzung des Nervs. Instabiles Kniegelenk – erscheint rückwärtig dislozierbar. Wahrscheinlich Riss der Kreuzbänder. Über eine Knochenverletzung lässt sich im Augenblick keine eindeutige Aussage machen – es könnte jedoch sehr gut eine Fraktur vorliegen, vielleicht sogar mehrere. Erhebliche Schwellung, wahrscheinlich Gewebe- und

Mit einem zufriedenen Lächeln wandte ich mich, als erwartete ich Beifall, meinem unsichtbaren Publikum zu. Und dann fielen plötzlich die «professionelle Haltung» und die Berufsfassade in sich zusammen, und ich begriff, dass es sich bei diesem «faszinierenden Fall» um mich handelte – um mich selbst, der ich schrecklich behindert war und infolgedessen mit einiger Wahrscheinlichkeit würde sterben müssen. Das Bein war absolut nicht zu gebrauchen, weit weniger nutzlos, als wenn es nur gebrochen gewesen wäre. Ich war mutterseelenallein, dicht unterhalb eines Berggipfels, in einer einsamen und nur spärlich besiedelten Gegend. Niemand wusste, wo ich war. Das machte mir mehr Angst als alles andere. Ich konnte hier, wo ich lag, sterben, und niemand würde es erfahren.

Noch nie zuvor hatte ich mich so einsam und verlassen, so verloren, so weitab von aller Hilfe gefühlt. Bis dahin war mir noch gar nicht aufgefallen, wie schrecklich und gefährlich einsam ich war. Ich hatte mich nicht «einsam» gefühlt, als ich den Berg bestieg (das tue ich nie, wenn ich etwas genieße). Ich hatte mich nicht einsam gefühlt, als ich meine Verletzung untersuchte (ich begriff nun, welch ein Trost meine imaginäre «Lehrveranstaltung» gewesen war). Aber nun überfiel mich ganz unvermittelt das schreckliche Gefühl der Einsamkeit. Mir fiel ein, dass mir vor einigen Tagen jemand etwas über einen «Dummkopf von einem Engländer» erzählt hatte, der vor zwei Jahren allein auf ebendiesen Berg gestiegen war und den man eine Woche später mit gebrochenen Beinen erfroren aufgefunden hatte. In diesen Breiten und dieser Höhe sinkt die Temperatur auch im August nachts tief unter null Grad. Bis zum Einbruch der Dunkelheit musste ich gefunden werden, sonst würde ich sterben. Ich musste, wenn es irgend möglich war, nach unten, ins Tal, denn dort bestand wenigstens eine Chance, entdeckt zu werden. Nun, da ich es recht

Plötzlich war ich sehr ruhig und gelassen. Zuallererst musste ich mich um mein Bein kümmern. Während jede Bewegung des Knies heftige Schmerzen hervorrief und buchstäblich einen physiologischen Schock auslöste, hatte ich festgestellt, dass es mir relativ gutging, wenn das Bein flach auf dem Boden lag. Aber da kein Knochen, keine «innere Struktur» es mehr hielt, war es vor unwillkürlichen, passiven Bewegungen des Knies, wie sie durch Bodenunebenheiten hervorgerufen wurden, nicht geschützt. Also war offenbar eine äußere Struktur, eine Schiene, erforderlich.

Hier kam mir eine meiner Eigenarten zu Hilfe. Mehr als alles andere war es meine Gewohnheit, die mich, wohin ich auch ging, einen Regenschirm mitnehmen ließ, und so hatte ich ganz selbstverständlich, oder vielleicht auch automatisch, meinen robusten, treuen Regenschirm mitgenommen, als ich bei schlechtem Wetter zu dieser Wanderung aufbrach (auch wenn mein Ziel ein kilometerhoher Berg war). Außerdem hatte er sich beim Aufstieg, wo ich ihn als Spazierstock gebrauchte, als nützlich erwiesen. Jetzt aber hatte er – als Beinschiene – seine große Stunde: Ohne eine solche Schiene hätte ich mich kaum bewegen können. Ich brach den Griff ab und zerriss meinen Anorak. Die Länge des Schirms war gerade richtig – der schwere Schaft war fast ebenso lang wie mein Bein –, und ich band ihn mit breiten Stoffresten von meinem Anorak fest, und zwar so, dass jede unwillkürliche Bewegung des Knies unmöglich, die Blutzirkulation aber nicht unterbrochen war. Seit ich mich verletzt hatte, waren etwa zwanzig Minuten, vielleicht auch weniger, verstrichen. Konnte dies alles in so kurzer Zeit passiert sein? Ich blickte auf meine Uhr, um zu sehen, ob sie

Während ich bisher nur meiner Verletzung Beachtung geschenkt hatte, stellte ich nun fest, dass meine Gedanken sich dankbar meinem Glück im Unglück zuwandten. So war weder eine Arterie noch ein anderes größeres Blutgefäß innerlich verletzt, denn die Schwellung rund um das Knie war klein, und das Bein fühlte sich nicht sehr kühl an und hatte sich nicht verfärbt. Zwar war der Quadrizeps offenbar gelähmt, aber ich nahm keine weitere neurologische Untersuchung vor. Bei meinem Sturz hatte ich mir keinen Bruch am Schädel- oder am Rückgrat zugezogen. Und Gott sei Dank besaß ich nicht nur drei brauchbare Glieder, sondern auch genug Energie und Kraft, um einen guten Kampf zu liefern. Und bei Gott – das würde ich! Dies würde der Kampf um mein Leben sein – der Kampf ums Leben, der ein Kampf für das Leben ist.

Ich konnte mich nicht beeilen – ich konnte nur hoffen. All meine Hoffnungen jedoch wären zunichtegemacht, wenn ich nicht vor Einbruch der Dunkelheit gefunden würde. Wieder sah ich auf die Uhr, wie ich auch in den folgenden Stunden immer wieder ängstliche Blicke darauf werfen würde. In diesen Breiten würde die Abenddämmerung lange dauern und gegen sechs Uhr

Während ich mein Bein schiente und mich beschäftigte, hatte ich wieder «vergessen», dass der Tod auf mich lauerte. Und wieder war es der Prediger Salomo, der mich daran erinnerte. «Aber», rief meine innere Stimme, «mein Lebenswille ist stark. Ich will leben – und wenn ich Glück habe, werde ich das auch.

Diese Bilder, diese Worte, diese leidenschaftslosen Gefühle schossen mir nicht, wie es immer heißt, «blitzartig» durch den Kopf. Sie ließen sich so viel Zeit – mindestens einige Minuten –, wie sie in der Realität, nicht aber in einem Traum, in Anspruch genommen hätten; es waren Meditationen, die es durchaus nicht eilig hatten – aber ebenso wenig lenkten sie mich in irgendeiner Weise von dem ab, was ich zu tun hatte. Kein (imaginärer) Beobachter hätte mich «grübeln» oder innehalten sehen. Er wäre im Gegenteil beeindruckt gewesen, wie energisch und fachmännisch ich aussah und zu Werk ging, wie zügig und zielstrebig ich mein Bein schiente, alles noch einmal rasch überprüfte und mich an den Abstieg machte.

So brach ich also auf, wobei ich mich auf eine Art und Weise fortbewegte, die mir völlig neu war – grob gesagt auf drei Beinen, unter Zuhilfenahme meines Hinterteils. Das soll heißen, ich rutschte auf meinem Hinterteil zu Tal, zog oder ruderte mit den Armen und benutzte mein unverletztes Bein als Steuer und,

Beinamputierten braucht man nicht beizubringen, wie man mit Stützen geht: Diese Fertigkeit erlangen sie «ohne nachzudenken» und «ganz natürlich», als hätten sie sie insgeheim schon ihr ganzes Leben lang eingeübt. Der Organismus und das Nervensystem haben ein riesiges Repertoire von «Trickbewegungen» und «Entlastungsmechanismen» aller Art – ganz und gar automatische Kunstgriffe, die «in Reserve» gehalten werden. Wir hätten keine Ahnung von den Fertigkeiten, die wir in potentia besitzen, wenn wir nicht vorgeführt bekämen, wie sie uns in Zeiten der Not zu Hilfe kommen.

So geschah es auch in meinem Fall. Es war eine einigermaßen zügige Art der Fortbewegung, jedenfalls solange der Pfad stetig, ohne große Unebenheiten und nicht zu steil bergab führte. Sobald er jedoch holprig wurde, stieß sich das Bein an Hindernissen aller Art – es schien eigenartig unfähig zu sein, diese zu vermeiden –, und ich verfluchte es mehrmals laut, weil es so «dumm» oder «unvernünftig» war. Tatsächlich stellte ich fest, dass ich, wann immer das Gelände schwierig wurde, auf dieses nicht nur kraftlose, sondern auch dumme Bein achten musste. Am meisten Angst machten mir jene Abschnitte des Weges, die zu schlüpfrig oder zu steil waren, denn es war schwierig, nicht praktisch unkontrolliert hinunterzurutschen und mit einem Ruck oder einem Stoß zum Stehen zu kommen, der das Knie schmerzhaft abknicken ließ und die Grenzen meiner improvisierten Beinschiene aufzeigte.

Gegen halb zwei – seit zwei Stunden befand ich mich auf dem Rückweg – erreichte ich den angeschwollenen Bach mit den

«Mach nicht schlapp, du Idiot! Mach bloß nicht schlapp! Wenn du jetzt aufgibst, bring ich dich um – darauf kannst du dich verlassen!»

Als ich schließlich, zitternd vor Kälte, Schmerz und Schock, das andere Ufer erreicht hatte, brach ich halb zusammen. Ich fühlte mich fertig, erschöpft, am Ende meiner Kräfte, und lag ein paar Minuten lang benommen und reglos da. Dann verwandelte sich meine Erschöpfung irgendwie in eine Art von Müdigkeit, eine außerordentlich angenehme, herrliche Mattigkeit.

«Wie schön es hier ist», dachte ich. «Warum nicht ein wenig rasten – vielleicht ein bisschen schlafen?»

Die Deutlichkeit, mit der diese leise, einschmeichelnde innere Stimme zu mir sprach, rüttelte mich auf, ernüchterte und beunruhigte mich. Es war kein «schöner Ort» zum Rasten und Schlafen. Das war ein tödlicher Vorschlag, und er erfüllte mich mit

«Nein», sagte ich entschlossen zu mir selbst. «So spricht der Tod – und das ist seine süßeste, tödlichste Sirenenstimme. Hör nicht auf ihn! Du darfst nicht einen Augenblick auf ihn hören! Du musst weiter, ob du willst oder nicht. Du kannst dich hier nicht ausruhen – du kannst dich nirgends ausruhen. Du musst ein Tempo finden, das du durchhalten kannst, und das musst du beibehalten.»

Diese gute Stimme, diese «Lebensstimme», verlieh mir Stärke und Entschlossenheit. Ich hörte auf zu zittern und zu zagen und setzte mich wieder in Bewegung, und von nun an verließ mich der Mut nicht mehr.

Melodie, Rhythmus und Musik (also das, was Kant die «belebende Kunst» genannt hat) kamen mir jetzt zu Hilfe. Vor der Überquerung des Baches hatte ich mich mit Muskelkraft vorwärts bewegt, mit der rein körperlichen Kraft meiner sehr starken Arme. Jetzt war es sozusagen die Kraft der Musik, die mich weitertrieb. Ich hatte mir das nicht ausgedacht – es ergab sich von selbst. Ich fand einen Rhythmus, der einer Art Marsch- oder Ruderlied unterlegt war. Manchmal war das das Lied der Wolgaschiffer, manchmal ein monotoner Gesang, den ich mir selbst ausdachte und dessen Text nur aus den Worten «Ohne Hast, ohne Rast! Ohne Hast, ohne Rast!», bestand, wobei ich mich bei jedem «Hast» und «Rast» kräftig ein Stück weiterzog. Nie waren Goethes Worte [*] sinnvoller angewendet worden! Ich brauchte mir nun keine Sorgen mehr zu machen, ob ich mich zu schnell oder zu langsam vorwärts bewegte. Ich gab mich der Musik, dem Rhythmus hin, und damit war gesichert, dass ich das richtige

Durch diese «Musik» hatte ich irgendwie weniger das Gefühl, einen harten, verbissenen Kampf zu führen. Ich verspürte sogar eine gewisse primitive Ausgelassenheit, die Pawlow als «muskuläre Fröhlichkeit» bezeichnet hat. Und wie um mein Herz noch mehr zu erfreuen, trat nun auch die Sonne hinter den Wolken hervor, durchwärmte mich und hatte mich bald mit ihren Strahlen getrocknet. Durch all dies und vielleicht noch anderes hatte meine innere Verfassung einen höchst angenehmen Umschwung erfahren.

Erst als ich mein Lied eine ganze Weile lang in einem volltönenden, lauten Bass hatte erklingen lassen, merkte ich plötzlich, dass ich den Stier vergessen hatte. Genauer gesagt: Ich hatte meine Angst vergessen – zum Teil, weil ich erkannt hatte, dass sie nicht mehr gerechtfertigt war, zum Teil aber auch, weil ich sah, dass sie von Anfang an absurd gewesen war. In mir war kein Platz mehr für diese oder irgendeine andere Angst, denn ich war randvoll mit Musik. Auch wenn es sich hierbei nicht um eine (hörbare) Musik im landläufigen Sinne handelte, war es doch eine Musik, die mein Muskelorchester spielte – «die lautlose Musik des Körpers», um Harveys wunderschöne Formulierung zu gebrauchen. Mit diesem Dahinfließen, diesem Wohlklang meiner Bewegungen, wurde ich selbst zu Musik: «weil du selbst die Musik bist,

Als Kind hatte ich eine Geige besessen, die bei einem Sturz zerbrach. Jetzt empfand ich für mein Bein dieselben Gefühle wie damals für diese arme, zerbrochene Geige. Meine Freude und die Aufrichtung meiner Seele, die belebende Wirkung der Musik, die ich in mir spürte, vermischte sich mit einem neuen, deutlichen und äußerst schmerzlichen Gefühl des Verlustes angesichts dieses zerbrochenen Instrumentes, das einmal mein Bein gewesen war. Wann wird es wiederhergestellt sein?, dachte ich. Wann wird es wieder seine eigene Melodie spielen können? Wann wird es wieder seinen Anteil zur freudigen Musik des Körpers beitragen können? Wann, ja wann nur?

Gegen zwei Uhr hatten sich die Wolken so weit aufgelöst, dass ich einen herrlichen Blick auf den Fjord und das winzige Dorf hatte, von wo ich vor neun Stunden aufgebrochen war. Ich konnte die alte Kirche sehen, in der ich am Abend zuvor Mozarts Große Messe in c-Moll gehört hatte. Ich konnte fast – nein, ich konnte tatsächlich die einzelnen Menschen auf der Straße erkennen. War die Luft etwa ungewöhnlich, unheimlich klar? Oder war meine Wahrnehmung von so ungewöhnlicher Klarheit? Mir fiel ein Traum ein, den Leibniz schildert: Er befand sich hoch in der Luft und hatte einen weiten Blick über die Welt. Landstriche, Städte, Seen, Felder, Dörfer, Weiler waren unter ihm ausgebreitet. Wenn er eine einzelne Person – einen pflügenden Bauern, eine alte Frau, die Wäsche wusch – sehen wollte, hatte er nur seinen Blick darauf zu richten und sich zu konzentrieren: «Ich brauchte kein Fernglas, sondern lediglich Aufmerksamkeit.» So war es auch

Eine Stunde verstrich, und noch eine, und noch eine. Am strahlend blauen, wolkenlosen Himmel verströmte die blassgoldene Sonne ein reines, arktisches Licht. Es war ein Nachmittag von eigentümlicher Schönheit, bei der Erde und Luft zusammenwirkten und alles leuchtend, ruhig, von Heiterkeit erfüllt war. Während die blauen und goldenen Stunden verstrichen, setzte ich meinen Weg stetig fort. Der Pfad war jetzt so glatt, so frei von Hindernissen, dass meine Gedanken ungehindert von den Erfordernissen der Gegenwart schweifen konnten. Wieder veränderte sich meine Stimmung, obwohl mir das erst später auffiel. Lang vergessene, ausnahmslos schöne Erinnerungen stellten sich

Es war jedoch kein bloßes Aufblitzen von Gesichtern und Stimmen. Ich erlebte ganze Szenen noch einmal, ganze Gespräche wurden wiederholt, und das ohne die kleinste Kürzung. Die frühesten Erinnerungen waren die an unseren Garten, unseren großen, alten Garten in London, wie er vor dem Krieg ausgesehen hatte. Ich weinte vor Freude, als ich ihn sah: Das war unser Garten – der liebe, alte, gusseiserne Gartenzaun war unbeschädigt, der Rasen weit und glatt, denn er war gerade gemäht und gewalzt worden (die riesige alte Walze stand in einem Winkel); da war die orangegestreifte Hängematte mit Kissen, die größer waren als ich selbst, in der ich stundenlang schaukelte und sang; und dort – welch eine Freude erfüllte mein Herz! – waren die riesigen Sonnenblumen, deren große Blüten mich unendlich faszinierten und mir mit fünf Jahren schon eine Ahnung vom pythagoreischen Geheimnis der Welt vermittelten. (Denn damals, im Sommer des Jahres 1938, entdeckte ich, dass die Anzahl der spiralförmig angeordneten Blütenstände immer das Mehrfache einer Primzahl war, und diese Vision der Ordnung und der Schönheit der Welt war der Vorläufer eines jeden Staunens, einer jeden Freude, die ich in späteren Jahren über die Erkenntnisse der Wissenschaft empfand.) All diese Gedanken und Bilder, die ohne mein Zutun auftauchten und durch meinen Kopf strömten, waren von einem Gefühl des Glücks und der Dankbarkeit begleitet. Erst später fragte ich mich:

Gegen sechs Uhr bemerkte ich recht unvermittelt, dass die Schatten länger geworden waren und die Sonne nicht mehr hoch am Himmel stand. Ein Teil von mir hatte, wie Josua, geglaubt, er könne die Sonne am Himmel anhalten und den goldenen und azurblauen Nachmittag bis in alle Ewigkeit verlängern. Nun erkannte ich plötzlich, dass es Abend wurde und dass die Sonne in etwa einer Stunde untergehen würde.

Bald darauf kam ich an einen langen Quergrat, von dem man einen ungehinderten Blick auf das Dorf und den Fjord hatte. Diesen Grat hatte ich gegen zehn Uhr morgens erreicht; er lag etwa in der Mitte zwischen dem Gattertor und der Stelle, wo ich gestürzt war. Für die Strecke, die ich beim Aufstieg in etwas mehr als einer Stunde zurückgelegt hatte, hatte ich also, durch meine Verletzung behindert, fast sieben Stunden gebraucht. Ich erkannte, wie krass, wie optimistisch ich mich verrechnet hatte, als ich mein «Rudern» mit langen, ausgreifenden Schritten verglichen hatte, während ich doch, wie mir jetzt klar wurde, sechsmal langsamer gewesen war. Wie hatte ich mir nur einbilden können, dass die eine Fortbewegungsweise halb so schnell wie die andere war und dass ich die Strecke, für die ich beim Aufstieg aus dem relativ warmen und besiedelten tiefer gelegenen Farmland ungefähr vier Stunden gebraucht hatte, in knapp der doppelten Zeit zurücklegen und in der Abenddämmerung oder bei Einbruch der Dunkelheit die Gegend erreichen könnte, in der die höchsten Bergbauernhöfe lagen? Wie in eine warme Decke hatte ich mich während der langen Stunden meines Abstiegs – immer wieder unterbrochen von erregten, aber nicht gerade behaglichen Gedanken – in eine schöne, heimelige Vision des Bauernhauses gekuschelt, das mich erwartete: Es leuchtete sanft wie eine holländische

Ich konnte nun sehen, was am Morgen, als ich auf dem Weg zum Gipfel gewesen war, unter Nebelschwaden verborgen gewesen war: wie weit, wie unerreichbar weit entfernt das Dorf noch immer war. Und obwohl alle Hoffnung sich eben erst aufgelöst hatte und verschwunden war, tröstete mich dennoch der Anblick des Dorfes und besonders der der Kirche, die von den Strahlen der untergehenden Sonne in ein goldenes oder vielmehr leuchtend rotes Licht getaucht wurde. Ich sah Gemeindemitglieder gemächlich zum Abendgottesdienst gehen und war seltsamerweise überzeugt, dass dieser Gottesdienst für mich abgehalten wurde. Wieder fiel mir mit überwältigender Klarheit ein, dass ich noch am Abend zuvor in ebendieser Kirche gesessen und die Messe in c-Moll gehört hatte, und diese Erinnerung war so stark, dass ich die Musik tatsächlich hören konnte – und zwar so deutlich, dass ich mich einen langen Augenblick lang fragte, ob dort unten wieder diese Messe gesungen und der Klang wunderbarerweise oder durch einen Streich, den der Wind mir spielte, heraufgetragen wurde. Während ich tiefbewegt zuhörte und mir Tränen über die Wangen liefen, merkte ich plötzlich, dass das, was ich hörte, gar nicht die Messe war – es war nicht die Messe, sondern das Requiem. Unbewusst hatte mein Geist das eine durch das andere ersetzt. Oder war es vielleicht so – wieder hatte ich das Gefühl, das Opfer einer akustischen Täuschung zu sein –, dass sie dort unten tatsächlich das Requiem für mich sangen?

Die Stille war unheimlich geworden. Rings um mich her konnte ich nichts mehr hören. Ich konnte mich selbst nicht mehr hören. Alles schien in Stille eingebettet zu sein. Es gab eigenartige Augenblicke, in denen ich dachte, ich sei tot, in denen die ungeheure Ruhe zur Ruhe des Todes wurde. Die Dinge hatten aufgehört, sich zu ereignen. Es geschah nichts. Dies musste der Anfang vom Ende sein.

Plötzlich und für mich ganz unfassbar hörte ich einen Ruf, einen langgezogenen, jodelnden Ruf, der ganz aus der Nähe zu kommen schien. Ich drehte mich um und sah einen Mann und einen Jungen etwas oberhalb von mir und keine zehn Meter vom Weg entfernt auf einem Felsen stehen. Ihre Silhouetten hoben sich gegen den dunkler werdenden Abendhimmel ab. Ich hatte meine Retter nicht einmal gesehen, bevor sie mich entdeckt hatten. Ich glaube, ich hatte in diesen letzten dunklen Minuten auf den Weg vor mir oder vielleicht auch blicklos ins Leere gestarrt – meine Augen hatten aufgehört, wachsam umherzuschauen und die Umgebung ständig abzusuchen, wie sie es den ganzen Tag über unablässig getan hatten. Ich glaube wirklich, dass ich mir meiner Umgebung fast ganz und gar nicht mehr bewusst war, weil ich von einem gewissen Punkt an alle Gedanken an Überleben und Rettung aufgegeben hatte, sodass die Hilfe, als sie schließlich da war, aus dem Nichts kam wie ein Wunder, eine Gnade Gottes – und noch dazu im allerletzten Moment. Ein paar Minuten später wäre es zu dunkel gewesen, um noch etwas sehen zu können. Der

Die beiden lachten über mein Bild von dem Stier. Sie waren voller Humor, und als sie lachten, lachte auch ich – und mit dem Lachen zerbarst plötzlich die tragische Spannung, und ich fühlte mich wieder schwungvoll und sozusagen komisch lebendig. Ich hatte gedacht, ich hätte dort oben die ganze Palette der Gefühle durchlebt, aber nun fiel mir auf, dass ich nicht ein einziges Mal gelacht hatte. Jetzt konnte ich damit nicht aufhören – ich lachte das Lachen der Erleichterung und das Lachen der Liebe, jenes volle, mächtige Lachen, das aus den Tiefen der Seele aufsteigt. Die Stille, diese so tödliche Stille, die sich während der letzten Minuten wie ein Bann über mich gelegt hatte, war durchbrochen.

Die beiden Männer, Vater und Sohn, waren Rentierjäger, die in der Nähe ihr Lager aufgeschlagen hatten. Sie hatten ein Geräusch, eine Bewegung im Dickicht gehört und waren, die Gewehre schussbereit, vorsichtig herbeigeschlichen. Sie hatten gedacht, sie könnten Beute machen, und als sie über den Felsen lugten, sahen sie, dass ihre Beute niemand anderes war als ich.

Der ältere der beiden gab mir etwas Aquavit aus einer Taschenflasche – die brennende Flüssigkeit war tatsächlich ein «Wasser des Lebens». «Keine Sorge», sagte er, «ich werde hinunter ins Dorf gehen. Innerhalb von zwei Stunden bin ich wieder da. Mein Sohn wird bei Ihnen bleiben. Sie sind jetzt in Sicherheit – und der Stier wird nicht hierherkommen!»

Vom Augenblick meiner Rettung an sind meine Erinnerungen weniger lebhaft, weniger von Emotionen besetzt. Mein Schicksal

Nicht einmal zwei Stunden später traf eine Gruppe stämmiger Dorfbewohner mit einer Trage ein, auf die sie mich, unter erheblichen Schwierigkeiten, legten. Das schlaff herabhängende Bein, das lange stumm und unbeachtet dagelegen hatte, machte heftige Einwände, aber sie trugen mich behutsam und im Gleichschritt den steilen Bergpfad hinunter. An dem Gatter mit dem Schild, dessen Warnung ich nicht beachtet hatte, wurde ich auf eine Art Bergtraktor geladen. Während er langsam und holpernd bergab fuhr – zunächst durch den Wald, dann an Obstgärten und Feldern vorbei –, sangen die Männer leise vor sich hin und ließen die Flasche mit dem Aquavit kreisen. Einer gab mir eine Pfeife zu rauchen. Gott sei Dank, ich war wieder in der guten Welt der Menschen!