Fußnoten

Thom[son] William Gunn, geboren 1929 in England, lebt in Kalifornien; Lyriker. (Anm. d. Übers.)

Zahme Xenien II, 1,613: Wie das Gestirn, / Ohne Hast, / Aber ohne Rast, / Drehe sich jeder / Um die eigene Last. (Anm. d. Übers.)

Gestalt aus Charles Dickens’ Roman «Oliver Twist»: ein Berufsverbrecher, der wegen Beteiligung an einem Mord zum Tode verurteilt wird. (Anm. d. Übers.)

Aus historischen Gründen legt in der englischsprachigen Welt ein Chirurg Wert darauf, nicht mit «Doctor», sondern mit «Mister» tituliert zu werden. (Anm. d. Übers.)

Der irische Philosoph George Berkeley (1685 – 1753) lehrte, dass alle Dinge nur im Geist existieren, dass Sein und Bewusstsein gleich seien (subjektiver Idealismus). (Anm. d. Übers.)

Joseph, I. Baron Lister (1827–1912) führte die Antisepsis in die Chirurgie ein. (Anm. d. Übers.)

E. Liveing, britischer Migräneforscher, Autor des Buches «On Megrim, Sick-Headache, and Some Allied Disorders: A Contribution to the Pathology of Nerve-Storms». London: Churchill 1873. (Anm. d. Übers.)

Nervenübertragungstests, Elektromyogrammen usw. wurde ich erst vier Jahre später unterzogen. Dabei stellte sich heraus, dass noch immer eine recht starke Denervierung des Quadrizeps und eine erhebliche Beeinträchtigung der Reizleitung im Schenkelnerv, der den Quadrizeps versorgt, vorlagen. Zur Zeit meiner «Entfremdung», meines Skotoms, müssen diese Beeinträchtigungen sehr stark oder sogar absolut gewesen sein.

(Jenseits von Gut und Böse», Nr. 146. (Anm. d. Übers.)

Vom Leben des Geistes, Bd. 1: Das Denken. München (Piper) 1979, Kapitel 20. (Anm. d. Übers.)

Bognor Regis, engl. Seebad am Kanal. (Anm. d. Übers.)

Babinski spricht in diesem Zusammenhang von einem «dritten Bereich», der weder hysterisch noch «organisch» im klassischen (neuroanatomischen) Sinn ist, sondern auf Schockeinwirkung und einer sich verstärkenden Hemmung spinaler und peripherer Mechanismen beruht und eine tiefgehende, posttraumatische physiologische Störung darstellt. Meine eigene «Physiopathie» gehörte offenbar in diesen «dritten Bereich».

Ich fragte mich, wie Frauen eine Entbindung unter Lumbalanästhesie erleben mochten – ob dieses Gefühl der Entfremdung sich auch auf die Babys bezog, die unter diesen Umständen zur Welt gebracht wurden, und ob die Frauen ihr Kind nicht als eigenes, sondern als aus einem fremden Körper hervorgegangenes Nicht-Fleisch-und-Blut empfanden –, und ich begriff, welche Weisheit darin lag, bei einer Entbindung keine alle Empfindung auslöschende Lumbalanästhesie, sondern die mildere Epiduralanästhesie einzusetzen, bei der die Schmerzempfindung lediglich gedämpft wird.

Kürzlich bekam ich einen Brief von einer Kollegin, in dem sie mir die «völlig unerwarteten» Auswirkungen eines einfachen Knöchelbruchs beschrieb. Sie hatt eeine Genesung ohne Komplikationen erwartet und angenommen, sie würde, sobald die körperlichen Voraussetzungen dafür gegeben waren, all die komplexen Bewegungen wieder wie zuvor ausführen können. Zu ihrer Überraschung war dies jedoch nicht der Fall: Als der Gips nach mehreren Wochen entfernt wurde, stellte sie fest, dass sie nicht mehr imstande war, die bis dahin «automatischen» Bewegungen des Beins auszuführen, und dass sie diese von neuem lernen musste. Sie hatte den Eindruck, die «Vorstellung» dieser Bewegungen sei verschwunden gewesen, und sie müsste ihr Gehirn «reprogrammieren». Dies ist in der Tat die Gefahr, die in einer Immobilität oder einer orthopädischen Ruhigstellung lauert: Komplexe Bewegungen, die nicht ausgeführt, nicht innerlich «geübt» werden – und Bewegungen, die physisch unmöglich sind, können nicht in der Vorstellung ausgeführt werden –, sind innerhalb weniger Wochen «vergessen» und damit dann auch neurologisch oder neuropsychologisch unmöglich.

1974 hatte Lurija mich gefragt, ob ich der Tatsache, dass bei mir das linke Bein betroffen sei, eine Bedeutung beimesse und ob ähnliche Syndrome auch nach einer Operation des rechten Beines auftreten könnten. Damals wusste ich darauf keine Antwort, aber seine Frage fiel mir wieder ein, als ich mich unversehens in der Situation eines «Vergleichsfalls» wiederfand. Seine Frage bezog sich auf die Tatsache, dass die zentralen Syndrome der Aufmerksamkeitsstörung, der Allästhesie und der Entfremdung (Pötzl’sches Syndrom usw.) gewöhnlich die linke Körperhälfte in Mitleidenschaft ziehen und bei Funktionsstörungen der «nichtdominanten» rechten Gehirnhälfte auftreten, deren Bewusstsein, im Vergleich zur «dominanten» Hemisphäre, auf einer niedrigeren Ebene steht. Würde eine höhere Bewusstseinsebene, so fragte er sich, das Auftreten eines solchen Syndroms in der anderen Körperhälfte verhindern? (Siehe Fußnote S. 280.)

Beim Zahnarzt habe ich, wie wohl viele, gelegentlich erlebt, wie der Kiefer plötzlich «verschwindet», wenn das Betäubungsmittel zu wirken beginnt. Es ist ein Gefühl, als wäre man auf bizarre Weise entstellt, ein Wesen ohne Unterkiefer, und ich greife dann zum Spiegel, um mich meiner selbst zu versichern. Das Bild, das ich dort erblicke, ist beruhigend und beunruhigend zugleich: Ich sehe wohl meinen Unterkiefer, doch er wirkt genauso unwirklich, genauso nicht zu mir gehörig, wie er sich anfühlt. (Dies geschieht besonders dann, wenn eine beidseitige Betäubung vorgenommen wird, und darum ziehen die meisten Zahnärzte es vor, jeweils nur eine Seite des Kiefers zu behandeln.)

Ende 1983 schickte ich dem British Medical Journal einen Beitrag für die Rubrik «Klinische Kuriosa». Er gefiel ihnen, wurde jedoch mit der Begründung abgelehnt, er sei viel zu lang. In der Zeit, in der ich meine rechte Hand nicht gebrauchen durfte, bot ich der Zeitschrift für dieselbe Rubrik einen zweiten Beitrag an, der diesmal nur fünfzig Wörter umfasste. Der Redakteur war erstaunt über die Kürze des Artikels und nahm ihn sofort an, doch wollte er wissen, wie es kam, dass ein zu so weitschweifigen Ausführungen neigender Autor wie ich sich derart bezähmt hatte. Als ich ihm von meinem Unfall erzählte und erklärte, ich könne im Augenblick nur mit der linken Hand schreiben, sagte er: «Ihre Verletzung tut mir leid, aber für Ihren Stil ist sie ein Segen.»

In diesem ersten Beitrag für «Klinische Kuriosa» – und auch in den anderen, die ich damals unter großen Mühen schrieb – ging es vor allem um Phantome (sie sind in meinem Buch «Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte» abgedruckt). Eine weitere Geschichte, die ich diktierte, schildert den Fall einer Patientin, die nach einer sensorischen Neuropathie einen katastrophalen Verlust der Propriozeption – der Eigenwahrnehmung des Körpers – erlebte. In einer anderen Geschichte beschrieb ich den Fall einer Frau, die, als Folge eines Schlaganfalls, den Begriff’ «links», bezogen auf ihren Körper und ihre Umwelt, vollkommen verloren hatte. Diese beiden Fälle wurden später (in den Kapiteln «Die körperlose Frau» und «Augen rechts!») in mein Buch «Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte» aufgenommen.

«Wie kommt es, dass ihr Neurologen letztlich immer Zuflucht bei der Mystik sucht?», fragte mich die Psychoanalytikerin Carol Feldman einmal – eine Frage, die tief in die Regionen der Erkenntnistheorie und der Psyche vorstößt. Siehe meinen Aufsatz «Neurology and the Soul», New York Review of Books, 11. November 1990; deutsch «Neurologie und Seele», Lettre international 12 (1991).

«Die kortikalen Repräsentationen von Körperteilen sind bei Erwachsenen (gebrauchsabhängig)», schreibt Merzenich; sie bleiben «lebenslang dynamisch organisiert».

Wenn das stimmt – so könnte man nun fragen –, was ist dann mit den «Phantomen», diesen eigenartigen, fierten, noch Jahre nach der Amputation von Gliedmaßen vorhandenen, sozusagen fossilen Bildern, die mit der Realität nichts zu tun haben? Es ist wahrscheinlich, dass Phantome zumindest zu einem erheblichen Teil durch eine ständige, pathologische periphere (und vielleicht auch zentralere) Reizung aufrechterhalten werden. Dies wird besonders dann deutlich, wenn sich am Nervenstumpf ein Amputationsneurom gebildet hat; Neurome erzeugen oft qualvolle Phantomschmerzen. Wenn die periphere Reizung unterbrochen wird, verschwinden die Phantome. Dies konnte ich bei einem Patienten beobachten, dessen Phantomfinger mit dem Verlust des Gefühls für alle Finger der Hand im Zuge einer diabetischen Neuropathie verschwand. Umgekehrt führt die Stimulierung eines peripheren Nervs oft zur Stimulierung des Phantoms. Dieses Mittel kann bei Amputierten eingesetzt werden, die dann mit Hilfe des Phantombildes ihre Prothese besser handhaben können. Phantome können auch durch Stimulation der entsprechenden Rückenmarkwurzeln aktiviert beziehungsweise durch deren Anästhesierung beseitigt werden. (Diese und andere Phänomene werden in «Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte» im Kapitel «Phantome» diskutiert.)