Die Dankbarkeit strömt fortwährend aus, als ob eben das Unerwartetste geschehn sei, die Dankbarkeit eines Genesenden, – denn die Genesung war dieses Unerwartetste. «Fröhliche Wissenschaft»: das bedeutet die Saturnalien eines Geistes …, der jetzt mit einem Male von der Hoffnung angefallen wird, von der Hoffnung auf Gesundheit, von der Trunkenheit der Genesung … nach langer Entbehrung und Ohnmacht, das Frohlocken der wiederkehrenden Kraft, des neu erwachten Glaubens an ein Morgen und Übermorgen, des plötzlichen Gefühls und Vorgefühls von Zukunft, von nahen Abenteuern, von wieder offnen Meeren, von wieder erlaubten, wieder geglaubten Zielen.
FRIEDRICH NIETZSCHE, «DIE FRÖHLICHE WISSENSCHAFT», VORREDE ZUR ZWEITEN AUSGABE
Freiheit! Jetzt plötzlich konnte ich wieder gehen, war ich frei. Jetzt plötzlich war ich ganz, war ich gesund. Wenigstens konnte ich spüren, wie sich Ganzheit, Gesundheit anfühlte, wo zuvor doch beides unvorstellbar, jenseits des Denkens und Hoffens gewesen war. Jetzt plötzlich, beim Gehen, erfuhr ich wieder eine körperliche oder animalische Freiheit – vielleicht die Vorstufe für jede andere Freiheit. Jetzt plötzlich eröffneten sich Ausblicke, wo ich, obwohl mir das kaum bewusst gewesen war, zuvor nichts gesehen hatte. Als sei ich gelähmt, hatte ich praktisch bewegungslos achtzehn Tage lang in meinem Zimmer gelegen oder gesessen, achtzehn Tage, angefüllt mit intensivem Nachdenken, aber ohne Handeln oder Gehen. Ich hatte nicht die Freiheit, die körperliche Freiheit besessen, zu gehen oder etwas zu tun. Jetzt aber konnte ich, wie durch ein Wunder, stehen, und einfach durch das Stehen, dadurch, dass ich stehen konnte, hatte meine «Position» in jeder Hinsicht eine einschneidende Veränderung erfahren.
In den ersten Augenblicken des Gehens und Stehens – oder vielmehr: in dem Augenblick, der unmittelbar darauf folgte – stellte ich fest, dass ich mich vollkommen verwandelt fühlte: Ich lag nicht mehr darnieder, war nicht mehr passiv und abhängig wie ein Patient, sondern hielt mich aufrecht und war aktiv und in der Lage, mich einer neuen Welt zu stellen – einer wirklichen Welt, einer Welt, die jetzt möglich war, anstelle der trügerischen Halbwelt der Beschränkung und des Daseins als Patient, in der ich gewesen war. Ich konnte aufstehen, ausschreiten, aus und ein gehen – aus der Beschränkung und dem Dasein als Patient in eine wirkliche Welt, ein wirkliches Selbst, deren Existenz ich unglaublicherweise, verhängnisvollerweise, halb vergessen hatte. Ja, während ich in Beschränkung, Untätigkeit, Unbeweglichkeit, in den Tiefen des Skotoms und der Verzweiflung, in der Finsternis einer unendlichen Nacht geschmort hatte, hatte ich vergessen, konnte ich mir nicht mehr vorstellen, wie sich das Tageslicht anfühlte.
Als ich wieder in meinem Zimmer auf dem Bett saß, umarmte ich das gerettete Bein, oder vielmehr den Gipsverband, denn selbst er schien jetzt, durchdrungen von der Lebendigkeit des Beines, zu leben. «Du liebes altes Ding, du Wonneding», hörte ich mich sagen. «Du bist zurückgekehrt, du bist wirklich, du bist jetzt wieder ein Teil von mir.» Seine Wirklichkeit, seine Gegenwart, die Liebe, die es in mir weckte – das alles war eins. Ich betrachtete es mit einer Art von Seligkeit und erfüllt von einem Gefühl intensiver Körperlichkeit, die jedoch strahlend und fast übernatürlich war – nicht mehr ein unheimlicher, gespenstisch-geisterhafter Teig, sondern «das heilige und herrliche Fleisch», das wiederhergestellt war. In mir brannten nicht nur Verwunderung, Dankbarkeit, Freude, sondern auch Liebe, Verehrung, Lob. «Gott sei Dank», rief ich, und «Gott sei gepriesen» – Ausrufe, Worte, die plötzlich einen Sinn hatten.
Mindestens vierzehn Tage lang hatte ich immer wieder versucht, das Bein ins Leben und in die Realität zurückzudenken – äußerst sinnlose Anstrengungen und ebenso eitel wie anstrengend. Und nun, ohne dass ich daran gedacht oder es versucht hätte, war das Bein wieder vorhanden – wunderbar, unwiderlegbar, herrlich vorhanden. In seiner überwältigenden und unmittelbaren Vorhandenheit schien es zu strahlen, und diese Vorhandenheit, die kein Denken erreichen konnte, war mir nun gegeben worden. (Das Bein war nicht passiv, sondern aktiv vorhanden – seine Vorhandenheit, seine Präsenz war eins mit dem Möglichen: Es war jetzt ein Ding mit Kraft, verkörperter Kraft, das ich bewegen konnte, wie ich wollte.)
Dreihundert Stunden lang hatte ich in meinem Zimmer reglos im Bett gelegen und nachgedacht. Man «hält inne, um nachzudenken», man ist gebannt von einem Gedanken, und so war ich, der ich in meinem Körper und in meine Sinne gebannt und gezwungen war innezuhalten, am Handeln gehindert und zum Nachdenken gezwungen. Jetzt war die Zeit des Denkens vorüber, und die Zeit zu handeln war gekommen; jetzt – und in den nächsten Wochen – würde mein Flug geschwind, intuitiv und vom Denken unbeschwert sein. Ich würde in meinen Körper, mein Sein, in die Welt und in das besondere Abenteuer der Genesung und der Wiedergeburt zurückkehren; ich würde wieder lebendig werden und das Leben erleben wie nie zuvor.
In den folgenden Tagen klappte es mit dem Gehen viel besser. Mit jedem Tag fielen mir die Schritte leichter, waren sie flüssiger und musikalischer, obwohl ich, wenn ich ermüdete, wieder ins «Delirium» – aufflackernde Bilder ohne inneren Sinn oder Bewegung – zurückfiel. Aber mit jedem Gang, mit jedem Tag stellte ich fest, dass ich kräftiger wurde und weiter gehen konnte, bevor das Delirium einsetzte. Zum letzten Mal überfiel es mich etwa einen Monat nach der Operation, nachdem ich einen mehrere Meilen langen Spaziergang auf dem ausgedehnten Gelände des Rehabilitationszentrums in Kenwood gemacht hatte. Seitdem ist es nie mehr aufgetreten.
Mit jedem Tag, mit jedem Erfolg wurde ich mutiger – übermütig – und musste davon abgehalten werden, «es zu übertreiben» und das Bein so zu belasten, dass es, wenn es auch nicht ins Delirium verfiel, anschwoll und überanstrengt wurde. Die Rückkehr von Kraft und Gesundheit – die Genesung – war berauschend, und ich täuschte mich fortwährend darin, was ich tun konnte oder sollte; und doch vollzog sie sich nicht geradlinig, sondern erfolgte in Schritten, ohne dass es zwischen einem Stadium, zwischen einem Schritt und dem nächsten eine spontane Entwicklung gegeben hätte. Wenn ich einen Blick auf mein Krankenblatt erhaschen konnte und dort «Genesung verläuft ohne besondere Vorkommnisse» las, dachte ich: «Die sind verrückt. Eine Genesung besteht aus Vorkommnissen aus einer Reihe von wunderbaren, unvorhersehbaren Vorkommnissen. Die Genesung besteht aus Vorkommnissen oder vielmehr aus einem Kommen: dem Kommen neuer und unvorstellbarer Kräfte. Dieses Kommen, diese Vorkommnisse sind Geburten oder Wiedergeburten.»
Meine Genesung war kein geradliniger Prozess, sondern bestand aus einer Reihe radikaler Schritte, von denen jeder von der vorherigen Stufe aus betrachtet unvorstellbar und unmöglich schien. Überdies war es nicht einmal möglich zu hoffen. Man konnte auf eine Steigerung des Bestehenden hoffen, aber nicht einmal ansatzweise auf den unvorstellbaren nächsten Schritt (denn Hoffnung setzt ja ein gewisses Maß an Vorstellung voraus). So hatte jeder Schritt etwas Wunderbares – und wäre ohne das Drängen anderer vielleicht nie erfolgt.
Mit jedem Schritt, mit jedem Fortschreiten erweiterte sich der Horizont, und man trat aus einer beschränkten Welt hinaus – einer Welt, deren Beschränktheit man sich nicht bewusst gewesen war. Dies war, so stellte ich fest, in jedem Bereich, sowohl im Physiologischen als auch im Existenziellen, der Fall. Ein Beispiel ist mir besonders gut im Gedächtnis geblieben: Drei Tage, nachdem ich zum ersten Mal wieder gehen konnte, wurde ich, nach zwanzig Tagen in meiner winzigen Zelle, in ein neues, größeres Zimmer verlegt. Ich machte mich gerade genüsslich mit meiner neuen Umgebung vertraut, als mir plötzlich etwas höchst Sonderbares auffiel. Alle Gegenstände, die in meiner Nähe standen, hatten ihre gewohnte Festigkeit, Räumlichkeit und Tiefe, aber alles, was weiter entfernt war, schien vollkommen flach zu sein. Jenseits der offenen Tür war die Tür des gegenüberliegenden Krankenzimmers, dahinter saß ein Patient in einem Rollstuhl, hinter ihm, auf der Fensterbank, stand eine Blumenvase, und dahinter, auf der anderen Seite der Straße, waren die Giebelfenster des Hauses gegenüber zu sehen. All dies befand sich innerhalb einer Entfernung von etwa sechzig Metern, war aber platt wie ein Pfannkuchen und schien in der Luft zu hängen wie ein Foto – gestochen scharf, mit hervorragender Farbwiedergabe, aber vollkommen flach. Ich besitze ein sehr gutes Gefühl für räumliche Tiefe, und plötzlich begriff ich, dass mit diesem Raumgefühl und meinem räumlichen Sehvermögen etwas geschehen war und dass es ganz unvermittelt ein paar Meter vor mir aussetzte. In visueller Hinsicht war ich also noch immer in einem durchsichtigen Kasten eingeschlossen, der etwa drei mal zweieinhalb mal zwei Meter groß war und damit dieselben Ausmaße besaß wie die «Zelle», in der ich zwanzig Tage lang gelegen hatte. Was meine Wahrnehmung betraf, so befand ich mich, trotz der Verlegung, noch immer in diesem winzigen Zimmer, in einem stark eingeschränkten visuellen Raum, innerhalb dessen mein räumliches Sehvermögen perfekt funktionierte, während es jenseits seiner Grenzen völlig versagte. Es war eine bizarre Erfahrung, die mich faszinierte, ohne mir Angst zu machen, denn sie war, im Gegensatz zu meinem Bein, nicht mit schrecklichen seelischen Erschütterungen und Ängsten besetzt. Ich konnte die parallaktischen Verschiebungen, die normalerweise als «Tiefe» wahrgenommen werden, studieren, ja sogar messen, aber dieses Betrachten, dieses Wissen, konnte nicht das Gefühl räumlicher Tiefe herstellen. Die Tiefe, das räumliche Sehvermögen stellte sich in Sprüngen wieder ein, die wie das ruckartige Auseinanderziehen einer visuellen Ziehharmonika wirkten und auf einen Zeitraum von etwa zwei Stunden verteilt waren. Und nicht einmal dann war es ganz wiederhergestellt, denn als ich mich im Bett umdrehte und aus dem Fenster sah – welch ein Genuss! Zwanzig Tage lang hatte ich ohne einen Blick aus dem Fenster, ohne Aussicht auskommen müssen –, konnte ich, wie durch das falsche Ende eines Fernrohrs, den winzigen Garten des Krankenhauses sehen, der wie ein Schmuckstück dalag, aber absolut flächig wirkte. Die Winkel waren alle falsch, und er sah verzerrt aus, als sei er trapezförmig, obwohl der doch ganz offensichtlich quadratisch war. Und nun musste ich ihn, der weiter entfernt war als der Punkt, auf den ich mich zuvor konzentriert hatte, betrachten, bis seine Entfernung und Tiefe und Erscheinung mit einem Mal wieder stimmten.
Diese visuellen Erfahrungen, die, wie mir schien, eine gewisse Analogie zu meinen Erlebnissen mit meinem Bein aufwiesen, verwunderten und faszinierten mich. Es hatte den Anschein, dass das räumliche Sehvermögen teilweise, nämlich exakt im Ausmaß meiner visuellen Beschränkung, verschwunden war – genau wie das Bein infolge totaler sensorischer und motorischer Beschränkung total verschwunden war. Ich konnte mich von den Veränderungen der visuellen Wahrnehmung faszinieren lassen und musste keine Angst haben. Und dennoch schien trotz diesem und anderer Unterschiede eine seltsame Analogie vorzuliegen: In beiden Fällen hatte es Beschränkung und fehlenden Gebrauch gegeben – mit spektakulären, bizarren (und, im Fall des Beines, ganz furchtbaren) Auswirkungen. Der Ausfall des räumlichen Sehvermögens hatte nichts Furchtbares; gleichwohl war dies eine drastische und einschneidende Veränderung. Ich hatte nie gewusst, dass das räumliche Sehvermögen tatsächlich eingeschränkt werden konnte. Ich fragte mich, welchen Veränderungen Häftlinge in kleinen Zellen ausgesetzt waren, und ich kaufte sofort ein Stereoskop und stiftete es der Station, damit zukünftige Patienten, deren Erfahrungswelt auf einen kleinen Raum beschränkt war, vor dem «Häftlings-Syndrom», der Folge einer Einengung des visuellen Raumes, bewahrt werden würden.
Raum, Weite, Ausdehnung. Freiheit – eine sich ständig erweiternde Physiologie und Welt, ein sich ständig erweiternder persönlicher (und sozialer) Raum. Dies, so wurde mir mit äußerster Klarheit bewusst, dies war das Wesen der Gesundung, der Genesung, nicht nur in dem spezifischen Bereich, der mein Bein und meine Bewegungsfreiheit betraf, oder auf dem Spezialgebiet des Tiefensehens und der visuellen Wahrnehmung, sondern in dem ganzen allgemeinen Bereich des Wiedererwachens zum Leben, des Hinaustretens aus Selbstversunkenheit, Krankheit, Beschränkung und dem Dasein als Patient in die räumliche Weite der Gesundheit, des ganzen Seins, der wirklichen Welt – die ich, was ich ziemlich erschreckend fand, in dem kurzen Zeitraum meines dreiwöchigen Patientendaseins weitgehend vergessen hatte.
Die Tatsache, dass ich keinen Schrecken empfand, machte einen großen Teil dieses Schreckens aus. Mir war nicht bewusst, ich fühlte nicht, wie eingeschrumpft ich war, wie unmerklich ich mich an den beschränkten Raum meines Krankenbettes und meines Krankenzimmers angepasst hatte – ich war nicht nur buchstäblich, in physiologischer Hinsicht, sondern auch in meinem Gefühl und Vorstellungsvermögen eingeschrumpft. Ich war ein Pygmäe, ein Häftling, ein Insasse – ein Patient – geworden, ohne es auch nur im mindesten zu merken. Wir benutzen das Schlagwort von der «Institutionalisation», ohne auch nur die leiseste, auf persönliche Erfahrung gegründete Ahnung zu haben, welche Faktoren dabei eine Rolle spielen – wie heimtückisch und allumgreifend die Schrumpfung in allen Bereichen (nicht zuletzt im moralischen Bereich) fortschreitet und wie rasch ein jeder, auch man selbst, ihr zum Opfer fallen kann.
Oft hatte ich mit meinen Patienten gesprochen, die vor ihrem «Erwachen» jahrzehntelang in Heimen untergebracht gewesen waren, und sie gefragt, ob sie sich nicht schrecklich eingeengt gefühlt und sich nach der großen Welt dort draußen gesehnt hatten. Und immer war ich ungläubig und verwundert gewesen, wenn sie ruhig geantwortet hatten: «Nein.» Ich konnte sie nicht allesamt als pathologische Fälle abtun – und doch schien diese Fügsamkeit allgemein zu sein und hemmte und verhinderte ihre Rückkehr in die räumliche Weite und die Fülle des Lebens, selbst wenn diese durch die Verabreichung von L-Dopa körperlich möglich geworden war. Jetzt sah ich, dass eine solche Regression niemandem erspart blieb. Sie musste bei jeder Ruhigstellung, jeder Krankheit oder Beschränkung der Bewegungsfreiheit eintreten. Es handelte sich um eine unvermeidliche, natürliche Schrumpfung der Existenz, die erträglich und gleichzeitig nicht zu behandeln war, weil sie sich dem Zugriff – dem direkten Zugriff – des Bewusstseins entzog. Wie sollte man erkennen, dass man geschrumpft war, wenn der Bezugsrahmen ebenfalls geschrumpft war? Man musste an die große Welt, die man «vergessen» hatte, erinnert werden – und dann, nur dann, konnte man sich wieder ausdehnen und geheilt werden.
An diesem erfreulichen Samstag – dem Tag, an dem ich aus meiner fensterlosen, winzigen Einzelzelle in ein großes Zimmer auf der orthopädischen Station verlegt wurde, dem Tag, an dem mir der visuelle Raum, das Raumempfinden zurückgegeben wurde, einem Tag, an dem ich eine halbe Meile ging, was mir ein hervorragendes Gefühl für motorische Kraft und Räumlichkeit vermittelte – an diesem erfreulichen Samstag (nur drei Wochen nach meinen Sturz – und dies waren die längsten und kürzesten, erfülltesten und leersten drei Wochen meines Lebens gewesen) erlebte ich auch eine moralische Befreiung.
Für mich – und vielleicht verhält es sich notwendig bei allen Patienten so, denn es handelt sich hier um eine der Begleiterscheinungen im Dasein eines Patienten (allerdings um eine Begleiterscheinung, der man, so ist zu hoffen, positiv und nicht negativ entgegentreten kann) – hatte es zwei Leiden, zwei Beschwerden gegeben, die miteinander in Verbindung standen und doch deutlich zu unterscheiden waren. Das eine war das körperliche (und «körperlich-existenzielle») Unvermögen – die organisch begründete Auflösung des Seins und des Raumes. Das andere war «moralischer» Natur – dies ist nicht ganz der richtige Ausdruck – und stand in Zusammenhang mit dem verminderten, rechtlosen Status eines Patienten und besonders mit dem Konflikt mit «ihnen» und mit der Unterwerfung unter «sie» (damit waren der Arzt, das ganze System, die Institution gemeint). Dieser Konflikt besaß einen hasserfüllten, ja sogar paranoiden Unterton, wodurch zu den schweren, aber neutralen körperlichen Beschwerden ein weit weniger erträgliches, weil nicht zu milderndes moralisches Leiden hinzukam. Ich war nicht nur körperlich, sondern auch moralisch niedergestreckt gewesen. Ich war nicht in der Lage gewesen, mich zu erheben und mich gegenüber «ihnen», insbesondere gegenüber dem Arzt, moralisch zu behaupten. Und obwohl ich irgendwo die ganze Zeit wusste, dass er, wie ich, ein anständiger Mann war und dass alle es gut meinten und ihr Bestes taten, konnte ich das albtraumhafte Gefühl, das auf mir gelastet hatte, nicht abschütteln. Zweifellos war es in gewissem Maße seit meiner Aufnahme da gewesen, war aber stärker und spezifischer geworden, als die Kommunikation zusammenbrach und der Arzt mit der Autorität seines Standes sagte, es sei «nichts», und damit meinen (höchst elementaren) Wahrnehmungen widersprach, sie infrage stellte und anzweifelte – Wahrnehmungen, auf die sich mein höchst elementares Ichgefühl, das Gefühl meiner Ganzheit, gründete. Solange ich mich körperlich hilflos, unbeweglich, eingeschränkt fühlte, hatte ich auch das Gefühl, moralisch hilflos, gelähmt, geschrumpft und eingeschränkt zu sein – ja, ich fühlte mich nicht nur geschrumpft, sondern auch in die Rolle und die innere Haltung eines Verzweifelten gezwängt.
Am Samstag also suchte ich den Arzt auf. Bis dahin hatte ich passiv seine Besuche erwartet, die stets im unerfreulichen Rahmen der «Visite» stattfanden. Dabei hatte er vor dem versammelten Team der Ärzte, Pfleger und Schwestern die Rolle des allwissenden Facharztes und ich die Rolle des alles erduldenden Patienten zu spielen. Ich suchte also den Arzt auf, und wir hatten «ein gutes Gespräch» – ein kluges, menschliches Gespräch, das die Spannung zwischen uns beseitigte.
Ein solches Gespräch war jetzt möglich, weil ich weniger auf ihn angewiesen war. Ich fühlte mich nicht mehr auf so entscheidende (und verhasste) Weise abhängig. Ein Gespräch war möglich, weil meine Welt sich wieder vergrößert hatte und er, das System, die Institution dadurch auf eine normale, vernünftige Größe schrumpfen konnten. Offenbar war das auch für ihn eine Erleichterung, denn niemand möchte einen gereizten, verdrießlichen Patienten haben, und er hatte auch keine Lust, in meinen Träumen das Ungeheuer zu sein. So schlossen wir mit Anstand und Würde und einer Spur von amüsierter, aber reservierter Herzlichkeit Frieden.
Nun konnte ich mich – sowohl moralisch als auch körperlich – auf den langen Weg, den Heimweg machen, der noch vor mir lag. Nun waren sowohl die moralische als auch die körperliche Dunkelheit, der Schatten, das Skotom, gewichen. Nun lag der Weg in das Land des Lebens und des Lichts vor mir. Nun würde ich auf diesem schönen Weg unbehindert und ohne Konflikte oder Blockaden schneller und schneller in das erfüllte, frische Leben hineinlaufen, das ich vergessen oder nie gekannt hatte. Jener wunderbare Gang am Mittwoch hatte meine Seele beflügelt, und nun, am Samstag, befand ich mich auf einem Höhenflug: Ich erlebte eine Freude, die sechs Wochen andauern und sich vertiefen sollte, die die Welt umformte und umgestaltete und alles in ein neues Wunder und Fest verwandelte.
Ein besonderer Genuss war der Garten unter meinem Fenster. Bis dahin hatte es für mich keine wirkliche Außenwelt gegeben, kein Tageslicht, keine aufgehende oder untergehende Sonne, kein Gras, keine Bäume, kein Gefühl für Raum oder Leben. Wie ein Verschmachtender sah ich durstig und sehnsuchtsvoll auf das grüne Viereck und wurde mir erst jetzt bewusst, wie sehr ich in meiner sterilen, fensterlosen, künstlichen Schachtel vom Leben abgeschnitten gewesen war. Ein Bild war kein Ersatz. Ich musste die Wirklichkeit sehen, und da mir dies, wenigstens in den Stunden, in denen ich noch im Bett liegen musste, körperlich große Schwierigkeiten bereitet, betrachtete ich ihre Reflexion in meinem Rasierspiegel, den ich hochhielt. Und dort im Spiegel sah ich winzige, aber wirklich existierende Gestalten, die im Garten saßen oder spazieren gingen – mein erster Blick auf die reale Welt da draußen, die Welt der Menschen. Ich nahm sie visuell, in Form von winzigen Spiegelbildern, in mich auf, und meine größte Sehnsucht war, hinunter in diesen Garten zu gehen. (Ich kam aber gar nicht auf den Gedanken, dass dies tatsächlich jemals möglich sein würde: Es schien noch immer irgendwie unerreichbar oder verboten zu sein.) Jeder Schritt, jeder Fortschritt, bedurfte einer Art «Erlaubnis». Dieses Gefühl, zum Schweigen gebracht und eingesperrt zu sein, war außerordentlich intensiv, und dies umso mehr, als es größtenteils unbewusst war. Überdies war oft ich selbst derjenige, der mir freies Reden und Handeln untersagte und mich behinderte – das war jener Teil von mir, der mit der Stimme der verinnerlichten Institution sprach. Und nun, da ich zum ersten Mal Kontakt mit anderen Patienten hatte, erkannte ich bei ihnen, was ich bei mir selbst übersah, und begriff, dass etwas oder jemand gebraucht wurde, um die Barriere des Verbots oder der Gehemmtheit niederzureißen – entweder jemand, der «Erlaubnis gab», oder aber die plötzliche Erkenntnis, dass keine «Erlaubnis» nötig war. Auch dies war ein Grund dafür, dass die Genesung nur schrittweise vorankam. Die Leiter in die Freiheit musste sozusagen Sprosse für Sprosse erklommen werden, und hierfür gab es zwei Voraussetzungen: das nötige Maß an körperlicher Genesung und die nötige Kühnheit, Erlaubnis oder moralische Freiheit.
«Genesung ohne besondere Vorkommnisse». Was für ein Unsinn! Jede Genesung war (wie der gute Arzt gesagt hatte) eine «Pilgerfahrt», eine Reise, auf der man sich, wenn überhaupt, von Stufe zu Stufe, von einem Stadium zum nächsten bewegte. Jede Stufe, jedes Stadium stellte eine völlig neue Situation dar, die einen neuen Anfang, eine neue Geburt erforderte. Man musste immer wieder von neuem anfangen, aufs Neue geboren werden. Die Genesung war eine Übung, bei der es um nichts Geringeres als um eine Geburt ging, denn wie der sterbende Mensch schrittweise krank wird und stirbt, so erfährt der wiedergeborene Mensch schrittweise Gesundung und Belebung. Es sind radikale, existenzielle Schritte, die absolut und neu sind – unerwartet, unvorhersehbar, unberechenbar und überraschend. Eine Genesung ohne besondere Vorkommnisse? Sie besteht ausschließlich aus besonderen Vorkommnissen!
Nach diesem Samstag folgten die Ereignisse schneller aufeinander, oder besser: Sie rollten in schwungvollen Wellen dahin. Ich hörte auf, ein genaues Tagebuch zu führen, und hörte, getragen von diesem Schwung, dieser Flut der Genesung, auch in gewissem Umfang auf, «zu beobachten» und aufzuzeichnen. Ebenso wichtig aber war, dass ich nicht mehr allein, sondern einer von vielen war, einer Station, einer Gemeinschaft von Patienten. Ich war nicht mehr allein auf der Welt, wie es vielleicht jeder Patient in der äußersten Einsamkeit seiner Krankheit empfindet. Ich war nicht mehr auf meine eigene, leere Welt beschränkt, sondern fand mich in einer Welt wieder, die von anderen bevölkert war – wirklich existierenden anderen, jedenfalls was ihr Verhältnis untereinander und zu mir betraf. Sie spielten nicht bloß die Rolle des «Guten» oder «Bösen», wie die, die sich um mich gekümmert hatten, es getan hatten. Erst jetzt gelang es mir, die schrecklichen Worte des Arztes – «Sie sind ein einmaliger Fall!» – aus meinen Gedanken zu verbannen. Jetzt, da ich frei mit meinen Mitpatienten sprechen konnte – eine Freiheit, die eben durch die Gemeinschaft ermöglicht wurde, durch die Tatsache, dass sie, wir, Brüder und durch keinerlei Statusunterschiede gezwungen waren, etwas zu verbergen oder zu verzerren – jetzt, da ich zum ersten Mal freien Umgang mit anderen haben konnte, erfuhr ich, dass mein Erlebnis, mein «Fall», ganz und gar nicht einmalig war. Fast jeder Patient, der an einem Glied verletzt oder operiert worden war und dessen Glied durch einen Gipsverband zu Untätigkeit und Unsichtbarkeit verurteilt worden war, hatte zumindest eine gewisse Entfremdung festgestellt. Ich hörte von Händen und Füßen, die sich «komisch», «falsch», «seltsam», «unwirklich», «unheimlich», «losgelöst» und «abgeschnitten» anfühlten, und immer wieder die Wendung: «mit nichts zu vergleichen». Ich verbrachte sechs Tage in diesem Krankenzimmer und unterhielt mich ausgiebig und ungehindert mit allen Patienten dort. Offensichtlich hatten viele dieselbe Erfahrung wie ich gemacht, und offenbar war es keinem von ihnen gelungen, seinen Zustand dem Arzt begreiflich zu machen. Manche hatten es versucht und waren, wie ich, abgeblitzt; die meisten hatten zurückhaltend geschwiegen; aber keiner hatte es geschafft, sich mitzuteilen. Manche waren entsetzt gewesen, andere hatten ein bisschen Angst gehabt; einige wenige, die ein unerschütterliches, stoisches Temperament besaßen, gaben sich gleichgültig und sagten: «Aber nein, ich hab mir keine Sorgen gemacht. Das war bloß so eine Begleiterscheinung.» Wenn mein Fall tatsächlich so «einmalig» sein sollte, so war er es nicht in Hinblick auf diese Erfahrung oder die Art der Erfahrung, sondern nur in Hinblick auf die Betrachtungen und Gedanken, die ich unablässig in diese Richtung gelenkt hatte – in dem Sinn, dass «die Vernunft in Mitleidenschaft gezogen worden» und dies für mich von fundamentaler Bedeutung war.
Sobald ich mich dessen vergewissert hatte, kam der Forscher in mir zur Ruhe, und ich konnte in eine normalere soziale Beziehung zu den anderen treten. Dennoch waren wir alle an diesem Punkt noch immer in gewissem Maße allein und isoliert, und zwar durch die krankheitsbedingte, grundlegende Einsamkeit und Abgeschiedenheit und die Isolation, die durch die starre hierarchische Struktur der Institution erzwungen wurde.
In gewissem – aber notwendigerweise begrenztem – Maße waren die sechs Tage, die ich in diesem Krankenzimmer verbrachte, von Geselligkeit bestimmt. Erst später, im Rehabilitationszentrum, veränderte sich die «Atmosphäre», und Isolation und «Institutionalisation» fielen wie ein schlechter Traum von mir ab und machten Platz für eine herrliche, gemütlich-heimelige Atmosphäre, die von einem oft intensiven Gefühl von Kameradschaft und Freundschaft und einem im Grunde gemeinschaftlichen und geselligen Leben erfüllt war. Wir lebten zusammen und wurden gemeinsam wieder gesund – dies war das unerlässliche Mit-teilen, das «kon» von Rekonvaleszenz.
Am Tag vor meiner Überweisung nach Kenwood, dem Rehabilitationszentrum in Hampstead, wurde ich, in einem Krankenhauspyjama im Rollstuhl sitzend, hinunter in den kleinen Garten gebracht, den ich so sehnsüchtig betrachtet hatte. Es war ein großer Genuss, wieder draußen an der frischen Luft zu sein, denn ich hatte fast einen ganzen Monat ausschließlich in geschlossenen Räumen verbracht. Es war ein reiner, intensiver Genuss, ja ein Segen, die Sonne auf meinem Gesicht und den Wind in den Haaren zu spüren, Vögel zu hören und lebendige Pflanzen zu sehen, zu berühren und zu liebkosen. Nach der schrecklichen Isolation und Entfremdung, die ich erfahren hatte, wurde nun ein Teil der wichtigen Verbindung zur Natur wiederhergestellt. Als ich in den Garten gebracht wurde, erwachte ein Teil von mir, der, vielleicht ohne mein Wissen, ausgehungert worden und gestorben war, zu neuem Leben. Plötzlich empfand ich, was ich schon so oft zuvor ganz intensiv empfunden hatte, ohne auf den Gedanken zu kommen, es auf meinen eigenen Krankenhausaufenthalt zu beziehen: dass wir luftige Krankenhäuser brauchen, mit Gärten, auf dem Land, inmitten von Wäldern – wie einige der «Little Sisters»-Krankenhäuser im Bundesstaat New York, in denen ich arbeite; ein Krankenhaus sollte wie ein Zuhause sein und nicht wie eine Festung oder «Institution». Ein Krankenhaus sollte wie eine Heimat sein – vielleicht wie ein Dorf.
Aber wenn ich auch die segensreiche Wirkung der Sonne genoss, musste ich doch feststellen, dass ich im Garten von denjenigen, die keine Patienten waren, gemieden wurde – von den Studenten, Schwestern und Besuchern, die dorthin kamen. Ich wurde links liegengelassen, wir, wir Patienten in unseren weißen Nachthemden, wurden links liegengelassen und offensichtlich, wenn auch unbewusst, gemieden wie Aussätzige. Mehr als alles andere vermittelte mir dies ein deutliches Gefühl dafür, welchen sozialen Status Patienten haben, wie ausgestoßen, wie abgesondert sie sind: Unsere weißen Gewänder erregten Mitleid und Abscheu, und ich hatte das Gefühl, dass zwischen den Gesunden und uns eine tiefe Kluft gähnte, die durch Höflichkeit und Förmlichkeit nur noch vertieft wurde. Mir wurde bewusst, dass ich früher, als ich noch gesund gewesen war, ganz unbewusst und ohne es auch nur einen Augenblick lang zu merken, vor Kranken zurückgezuckt war. Jetzt aber, da ich selbst krank und an meiner Aufmachung als Patient zu erkennen war, empfand ich mit aller Deutlichkeit, wie man vor mir zurückzuckte, wie die Gesunden, diejenigen, die keine Patienten waren, auf Abstand hielten. Wäre ich bei der Aufnahme nicht so verängstigt und mit mir selbst beschäftigt gewesen, so hätte ich vielleicht klarer erkannt, was «Aufnahme» eigentlich bedeutete – die Krankenhauskleidung, das Namensschildchen, die Beseitigung der Individualität, die Reduzierung auf einen Status und eine Identität, die lediglich generisch definiert sind; seltsamerweise aber brauchte es diese Szene im Garten, um mir schematisch und fast komisch vor Augen zu führen, wie abgesondert wir waren und dass die Kluft überbrückt oder übersprungen werden musste, bevor man wieder ganz und gar zur Welt der Menschen gehörte.
Die Kluft, den Abgrund zwischen Krankheit und Gesundheit zu überbrücken – dafür war das Rehabilitationszentrum da. Wir waren Invaliden, Un-werte geworden. Wir hatten uns zu lange der Krankheit anheimgegeben. Wir hatten sie nicht nur in uns aufgenommen, sondern waren selbst krank geworden – wir hatten die Einstellung, die Haltung von Insassen und Invaliden angenommen. Was wir brauchten, war eine doppelte Genesung: eine körperliche Genesung und eine spirituelle Bewegung zur Gesundheit hin. Es reichte nicht aus, körperlich gesund zu sein, wenn wir noch die Angst und die Sorge der Krankheit spürten. Wir waren, jeder auf seine Art, von der Krankheit ausgehöhlt und hatten die unbekümmerte Leichtigkeit, die Freiheit, die die Gesunden besaßen, verloren. Wir konnten nicht gleich in die Welt entlassen werden. Wir brauchten, sowohl existenziell als auch medizinisch, ein Übergangsstadium, einen Ort, wo wir ein beschränktes Dasein fristen konnten – beschränkt und beschützt, ohne dass allzu große Ansprüche an uns gestellt wurden –, ein beschränktes, aber beständig erweitertes Dasein, bis wir in der Lage waren, wieder in die große Welt hinauszutreten. Das Krankenhaus war wohl kaum die Welt, so wie man ein Leben mit einer akuten Verletzung oder Krankheit kaum als Leben bezeichnen konnte. Jetzt aber ging es uns besser, und wir brauchten die Welt und das Leben, konnten jedoch noch nicht all seinen Ansprüchen gerecht werden und wären von ihnen und der geschäftigen, herzlosen, gleichgültigen Monumentalität der Welt vernichtet worden; wir brauchten einen Ort der Ruhe, einen Hafen, eine Zuflucht, wo wir nach und nach unser Selbstvertrauen und unsere Gesundheit wiedererlangen konnten, wobei das Selbstvertrauen nicht weniger wichtig war als die Gesundheit. Wir brauchten ein friedliches Zwischenspiel, einen Ort der Ruhe, so etwas wie ein College, wo wir geistig und körperlich wieder zu Kräften kommen konnten.
An diesem letzten Tag im Krankenhaus ging mir auch auf, dass nicht nur Rekonvaleszenz, sondern auch besondere Orte, an denen sie stattfinden kann, ebenso gesellschaftliche wie individuelle Notwendigkeiten sind. So wie wir, die noch Kranken, uns nicht der Welt stellen konnten, so war die Welt auch nicht bereit, sich uns, deren Gesichter und Kleidung mit dem Stempel der Krankheit und des Leidens versehen waren, zu stellen. Wir erregten Angst und Schrecken – das sah ich ganz deutlich – und durften, zum Besten der Welt wie auch zu unserem eigenen Besten, nicht hinaus. Wir trugen die Stigmata von Patienten, wir besaßen das unerträgliche Wissen um Leiden und Tod, das unerträgliche Wissen um Passivität, Verzweiflung und Abhängigkeit – und an solche Dinge möchte die Welt nicht gern erinnert werden. Erving Goffman hat eindrucksvoll über «totale Institutionen» – Heilanstalten, Gefängnisse – für die ganz und gar Abgesonderten geschrieben, jene im Grunde schrecklichen, aber vielleicht notwendigen Einrichtungen, die dazu dienen, die Kranken, die Verurteilten, die Stigmatisierten von der Öffentlichkeit fernzuhalten. Rehabilitationszentren aber waren, wie Colleges oder Klöster, anders und ihrem Wesen nach wohltätig und angenehm. Es handelte sich bei ihnen um Institutionen, in denen (wenn dies kein Widerspruch in sich ist) Geduld und Verständnis vorherrschten und man sich der Stärkung und Wiederherstellung geschwächter Körper und Seelen widmete. Hier standen der Einzelne und die Sorge um ihn im Mittelpunkt. Ein solches Rehabilitationszentrum war in der Tat ein Hafen, ein Heim, ein Asyl im besten und wahrsten, tiefsten Sinn des Wortes, unendlich weit entfernt von den Schrecken jener «Asyle» und Anstalten, wie Goffman sie geschildert hat. Und doch …
Und doch musste es hier Widersprüche geben, denn obwohl man als Kranker in einem Krankenhaus auf den Status eines kleinen Kindes reduziert wurde, war dies keine böswillige Degradierung, sondern ein biologisches und spirituelles Bedürfnis des beschädigten Menschen. Man musste zurückgehen, man musste regredieren, denn man war vielleicht tatsächlich so hilflos wie ein Kind, ob man es nun wollte und damit einverstanden war oder nicht. Im Krankenhaus wurde man wieder zu einem Kind, das Eltern hat (Eltern, die gut oder schlecht sein mochten), und das mochte als «Infantilisierung» und Erniedrigung oder aber als angenehme und dringend benötigte Labsal empfunden werden. Jetzt kam die nächste Stufe: Wir mussten erwachsen werden. Wenn man im Krankenhaus zu einem Kind gemacht worden war, so würde man in einem Rehabilitationszentrum anders behandelt werden – schroffer, weniger zart und eher wie ein Heranwachsender.
Auf der bewussten Ebene wollte ich das Krankenhaus natürlich hinter mich bringen, es verlassen und anfangen, erwachsen zu werden; und doch hätte mich mein unbewusstes Selbst an meinem letzten Abend im Krankenhaus fast zu einem Unfall verleitet, der, wenn es wirklich dazu gekommen wäre, meinen Krankenhausaufenthalt verlängert hätte. Ich hatte in den letzten acht Tagen eine Menge Selbstvertrauen und Kraft gewonnen und war imstande, mit Hilfe meiner Stützen eine Viertelmeile in einem Stück zu gehen und mich mit Schwung und voller Übermut fortzubewegen und im Gleichgewicht zu halten. Es schien nicht mehr als Ausgelassenheit und Selbstüberschätzung hinter meinem Impuls zu stehen, in meiner letzten Nacht im Krankenhaus auf das Dach zu klettern, auch wenn das Treppensteigen eine Fertigkeit war, die ich erst kürzlich wieder erlernt hatte – und bei diesem Ausflug musste ich nicht nur Treppen, sondern auch eine Leiter hinaufsteigen und durch eine Falltür klettern. Was für ein erregendes Abenteuer, auf das Dach zu steigen und zu sehen, wie die Lichter von London die Nacht erhellten! Ein erregendes und – mit Stützen, einem Gipsverband und einem halb gefühllosen Bein – absolut verrücktes und möglicherweise tödliches Abenteuer. Glücklicherweise wurde ich nach kurzer Zeit entdeckt, heruntergeholt und für meine unbedachte, provozierende Handlungsweise scharf getadelt. Erst da kam mir die Bedeutung meiner Tat zu Bewusstsein, und ich merkte, dass ich es eigentlich auf einen Unfall angelegt hatte, weil ich schreckliche Angst hatte, das Krankenhaus zu verlassen. Ich würde diese rein private neurotische Aktion gar nicht erwähnen, wenn ich nicht festgestellt hätte, dass solche Handlungen unter den Patienten recht verbreitet waren. Wir alle «brannten darauf›, entlassen zu werden und den nächsten Schritt zu tun. Und doch bedeutete dies, dass wir der Fürsorge, die wir empfingen, dem Status eines verhätschelten Kindes, an den wir uns gewöhnt hatten, entsagen mussten. Auf der bewussten Ebene wollten wir entwöhnt werden, aber unbewusst fürchteten wir diesen Prozess und versuchten ihn aufzuhalten, um uns unsere umsorgte Sonderstellung zu bewahren.
Aber Eskapade oder nicht – am nächsten Morgen wurde ich mit einem halben Dutzend anderer Patienten, von denen sich, wie ich hörte, jeder Einzelne noch in letzter Minute eine solche Eskapade geleistet hatte, entlassen. Und, bei Gott, ich war der Einzige, der über einen gesunden Körper verfügte. Alle anderen hatten Katheter, waren bleich oder kurzatmig oder sahen ganz einfach krank aus. Es war ein jämmerlicher Haufen von Männern, die mühsam den Bus bestiegen oder hineingehoben wurden. Und wie ein Schiff voller Aussätziger, ein Geisterschiff, ein Totenschiff, schien unser Bus auf einen verhängnisvollen, unbekannten und abgelegenen Kurs nach Hampstead zu kreuzen. Ich merkte, dass mir, wie uns allen, glaube ich, das grelle Licht und die Geschäftigkeit der Welt dort draußen, die Hektik und das Wüten des Verkehrs, die riesige Menge der Menschen und der Lärm Angst machten. Schon allein die Komplexheit und das geschäftige Treiben der Welt waren beängstigend. Entsetzt wandten wir uns von den Fenstern ab und waren dankbar, dass uns dies noch nicht zugemutet wurde. Einige von uns hatten sich über «das Rehabilitationszentrum» lustig gemacht («Eine blödsinnige Idee, dieses blöde Zentrum. Ich will raus hier»), aber das wollte keiner mehr, nachdem er einen Blick auf die Welt dort draußen geworfen hatte. Es war eine ungeheure Erleichterung, eine Befreiung, nicht mehr «drinnen» zu sein, aber uns wurde klar, dass nicht ein Einziger imstande war, den Schritt nach «draußen» zu tun. Der Sinn, die Notwendigkeit einer Zwischenstation wurde deutlich, und das «blöde» Zentrum verwandelte sich in unseren Augen in etwas Gutes, Nötiges und Wünschenswertes. Wir waren sehr erleichtert, als wir die geschäftige Innenstadt hinter uns ließen und uns den ruhigeren Hügeln von Hampstead näherten. Für einen Augenblick empfanden wir Angst und dann Verzauberung, als wir das mächtige Tor, das sich quietschend öffnete und sich hinter uns wieder schloss, erreicht hatten, weiterfuhren und an dem großen Herrenhaus ausstiegen, einem riesigen, alten, verschachtelten und von Efeu überwucherten Gebäude, das von einem so grünen und weitläufigen Park umgeben war, dass der Anblick und die Atmosphäre der Großstadt sogleich vergessen waren. Dankbar und auf unsicheren Beinen stolperten wir aus dem Bus. Wir wurden von einer mütterlichen Schwester mit freundlichem Gesicht begrüßt und, da sie unsere Erschöpfung bemerkte, in unsere Zimmer gebracht. Ermattet und erleichtert fielen wir sofort in Schlaf.
Als ich erwachte, breitete sich vor meinem Blick eine geradezu verzauberte Szenerie: Ein tiefstehender Vollmond, ein Herbstmond, überflutete die Landschaft mit Licht und beschien die niedrigen bewaldeten Hügel rings um mich her. Mir wurde plötzlich bewusst, dass genau eine ganze Mondphase seit jenem Abend vor meinem Sturz vergangen war, an dem ich unter eben so einem Vollmond über den Hardangerfjord gerudert war, jenem verzauberten, geheimnisvollen und doch unheilschwangeren Abend, an dem über das stille Wasser des Fjords Musik an mein Ohr gedrungen war. War das ein Traum, eine Illusion gewesen? Nein, die Musik war Wirklichkeit, eine verzauberte Wirklichkeit gewesen und von einer Kirche, die nah am Wasser stand, gekommen. Ich war ganz berückt gewesen, hatte, als ich mein Boot festmachte, kaum gewagt zu atmen, aus Angst, ich könnte den Zauber brechen, und war an den mondbeschienenen Gräbern vorbei leise über den Friedhof auf das erleuchtete Gotteshaus zugegangen, das von den Klängen von Mozarts Großer Messe in c-Moll erfüllt war.
War seitdem tatsächlich ein Monat, ein ganzer Monat, vergangen? Während ich ungeduldig und hadernd im Krankenhaus gelegen hatte, hatten die Gestirne mit majestätischer Gleichgültigkeit und unbeeindruckt von meiner ichsüchtigen Verzweiflung ihre Bahn gezogen. Die ganze Szenerie war von einer großartigen Ruhe, einem himmlischen Frieden durchdrungen. Das Hadern und die Ungeduld schienen wie ein Gift aus meinem Körper zu weichen. Ich spürte, dass ich mit der großen Ruhe, die mich umgab, eins war. Als ich an jenem Abend erwachte, empfand ich den Frieden wie einen Segen – einen Sabbat-Segen, der sich vom Himmel auf mich herabgesenkt hatte.
Ein leichter Septembernebel dämpfte das Licht, verwischte alle Umrisse, hüllte uns ein und beschützte uns. Auch dies empfand ich als Gnade und Segen – es passte zu der friedlichen Übergangszeit, die vor mir lag: «Danke, danke, danke, Nebel.»
Langsam und bedächtig (die Heftigkeit war von mir abgefallen) schob ich mich aus dem Bett und nahm meine Stützen. Es war spät. Ich hatte das Abendessen verschlafen, die anderen Patienten lagen schon im Bett. Bedächtig und langsam stieg ich die große Treppe hinunter – wie passend war dieses alte Herrenhaus für den Abschnitt, in dem ich mich jetzt befand. Unten war alles still, angenehm still – es war die Stille des Friedens, der Ruhe, des Sabbats. Ich schloss die Augen und murmelte ein Preis- und Dankgebet.
Was lag schon daran, ob es wirklich ein Wesen gab, zu dem man beten konnte? Worauf es ankam, war das Gefühl des Preises und Dankes, das Empfinden eines demütigen und dankbaren Herzens.
In der Zeit zwischen diesem und dem letzten Vollmond, im Verlauf einer einzigen Mondphase, war ich dem Tode nahegekommen und im letzten Augenblick gerettet worden. Mein verletzter Körper war wieder zusammengeflickt worden, ich hatte mein Bein (eine Ewigkeit lang?) in einer Vorhölle des Nichtfühlens «verloren» und hatte es, wie durch ein Wunder, wiederbekommen, als eine Besserung meines Zustandes unmöglich schien. Die Grundfesten meiner inneren Welt waren erschüttert, nein, völlig zerstört worden. Ich hatte die «Beleidigung der Vernunft» und die Demütigung des Geistes erlebt. Mit dem Zerreißen meines Körpergewebes, meiner Wahrnehmungen, der natürlichen Einheit von Körper und Seele, Körper und Geist, war ich in einen Abgrund gefallen. Und ich war von Mächten, die meinen Verstand und mein Begriffsvermögen überstiegen, aus diesem Abgrund geborgen, wiedergeboren und ermutigt worden. Ich war erschüttert worden und zusammengebrochen – und doch war ich auf geheimnisvolle Weise gerettet worden. Und jetzt war ich in diesen freundlichen Hafen, dieses alte Herrenhaus in Hampstead, gekommen, wo Kerzenlicht menschliche Ausstrahlung verbreitete und über den Hügeln ringsum eine gewaltige mondbeschienene Stille lag. Ich öffnete die Tür – welch eine Freiheit, denn im Krankenhaus durfte man nicht kommen und gehen, wie es einem beliebte –, stand eine Minute lang in der lauen Luft, genoss ihre Lieblichkeit und den süßen Duft der Bäume und sah in der Entfernung den Lichterglanz von London, dieser Königin der Städte, meiner Mutter.
Aus irgendeinem Grunde war es mir im Krankenhaus schwergefallen zu weinen. Ich war oft unglücklich gewesen, aber es hatte sich immer um Seelenqualen gehandelt, die ich innerlich verhärtet und ohne eine Träne ausgehalten hatte. Jetzt plötzlich schoss mir das Wasser aus den Augen. Ich weinte – aus Freude? aus Dankbarkeit? –, ohne zu wissen warum.
Erst beim Frühstück lernte ich die anderen Patienten kennen. Wir alle waren Patienten, Genesende, die man hier für eine gewisse Zeitspanne zusammengebracht hätte. Als Neuling, der auf den unteren Leitersprossen rangierte, wurde mir ein Tisch in der Ecke zugewiesen. Ich war das Objekt der Neugier, der Anteilnahme und vielleicht auch einer gewissen Verachtung der Veteranen. Wie am ersten Tag in der Schule oder in der Armee, spürte man sofort, dass dies eine Gruppe – mit der dazugehörigen Hierarchie – war, aber darunter herrschte eine warme, kameradschaftliche Atmosphäre.
Sofort wurde ich mit einem Problem konfrontiert: Ich konnte meine Stützen nicht an den Tisch mitnehmen, aber wie sollte ich zum Tisch kommen, wenn ich sie irgendwo abstellte?
«Keine Sorge», sagte mein Nachbar, als er meine Verwirrung und Verlegenheit bemerkte. «Setzen Sie sich. Ich werde Ihre Stützen in die Ecke stellen. Wir müssen uns hier gegenseitig helfen.»
Ich dankte ihm. Er war ein kleiner, grauhaariger Mann, ein Diabetiker, dem man kürzlich ein Bein amputiert hatte und der, wie er sagte, von heftigen Phantomgefühlen geplagt wurde. Wir stellten uns einander in quasimedizinischem Jargon mit unseren Symptomen und Problemen vor und kamen erst später auf persönlichere Dinge zu sprechen.
«Was ist mit Ihnen? Was ist Ihnen passiert?», sagte er und warf einen Blick auf den Gipsverband.
Ich erzählte es ihm.
«Ist das nicht verrückt?» Er wandte sich an die anderen. «Der Doktor hier hat ein Bein, aber kein Gefühl im Bein – und ich habe das Gefühl, aber kein Bein dazu! Wissen Sie …» (er wandte sich wieder mir zu), «gemeinsam hätten wir ein gesundes Bein. Ich könnte das Gefühl beisteuern und Sie das Bein.»
Wir lachten. Alle lachten. Das Eis war gebrochen, und mir ging auf, dass dieser Mann, der über keinerlei Fachwissen verfügte, sofort zum Kern des Problems vorgestoßen war – zum Kern der Probleme, sowohl seines als auch meines Problems: des komischen und grundlegenden Gegensatzes zwischen positiven und negativen Phantomen. Tatsächlich ging er noch weiter:
«Dieses verdammte Phantom», sagte er. «So ein blödes Ding. Wer braucht so was schon? Gibt es denn keine Möglichkeit, das zu vermeiden? Herrgott, ja», rief er, «Sie sind die Lösung. Bevor sie es abgeschnitten haben, hätten sie mir bloß eine Narkose verpassen, die Nerven durchtrennen und das Bein in einen Gips packen müssen. Dann hätte ich das Gefühl dafür verloren, so wie Sie. Und dann, wenn das Gefühl verschwunden gewesen wäre, dann hätte man es abschneiden können! Man muss erst das Gefühl, die Vorstellung von dem Ding loswerden – dann kann man das Ding selbst loswerden!»
Ich bewunderte seinen klaren Gedankengang. Die Idee erschien mir gut, ja glänzend. Mir kam der Gedanke, ich könnte sie «medizinisch formulieren» und unter seinem Namen an die Fachzeitschrift «Lancet» schicken: «Einfache Prophylaxe gegen die Entstehung von Phantomen.
So wie bei ihm war es auch bei den anderen. Sie alle waren viel klüger als die Ärzte, die sie behandelten! Ärzte, jedenfalls solche in Krankenhäusern, in denen akute Fälle behandelt werden, gehen oft davon aus, dass ihre Patienten dumm sind. Aber niemand war «dumm», niemand ist dumm, mit Ausnahme der Dummköpfe, die diese Leute für dumm halten. Wenn man in einem Krankenhaus für chronische Fälle jahrelang mit denselben Patienten arbeitet, bekommt man eine größere Achtung für sie – für ihre elementare menschliche Weisheit und die besondere «Weisheit des Herzens». Bei diesem ersten Frühstück mit meinen «Brüdern» – die nicht medizinisch ausgebildete Kollegen, sondern meine Mitpatienten, Mitmenschen waren – und während meines ganzen Aufenthaltes in dem Rehabilitationszentrum erkannte ich jedoch, dass man selbst ein Patient sein und ein Patient unter Patienten sein muss, dass man sowohl die Einsamkeit als auch das Gemeinschaftsgefühl im Dasein eines Patienten kennenlernen muss, um eine wirkliche Vorstellung davon zu bekommen, was es bedeutet, «ein Patient zu sein», und zu verstehen, welche ungeheure Komplexität und Tiefe die Empfindungen besitzen, in welche Stimmungen die Seele bei jeder Gefühlslage – Qual, Wut, Mut, oder welche Gefühle auch immer beteiligt sind – gerät und welche Gedanken auch in den einfachsten, praktisch orientierten Gemütern entstehen, denn die Erfahrung, die man als Patient macht, zwingt einen zum Nachdenken.
Die Kommunikation im Rehabilitationszentrum kam sofort zustande und reichte tief. Es gab eine Durchlässigkeit, eine Auflösung der normalen Barrieren zwischen uns. Wir kannten nicht nur die Fakten (das Bein vom Doktor, Mrs. P.s Eierstöcke usw.), wir kannten, wir spürten, wir errieten auch die Gefühle des anderen. Wir teilten diese normalerweise verborgenen und privaten Gefühle – Gefühle, die man oft sogar vor sich selbst verbirgt –, und die Tiefe der Anteilnahme und Kameradschaft, die dies bewirkte, das Geben und Teilen so kostbarer Dinge wie Humor und Mut, schien mir höchst bemerkenswert, war mit nichts, was ich kannte, zu vergleichen und überstieg alle meine Vorstellungen. Wir alle hatten Krankheit und Angst durchgemacht, und einige von uns waren durch das Tal gegangen, über dem der Schatten des Todes liegt. Wir hatten die Einsamkeit kennengelernt, die einen überkommt, wenn man krank ist und in einer Anstalt untergebracht wird, jene Einsamkeit, «der nicht einmal die Hölle etwas anhaben kann». Wir alle waren in tiefste Tiefen und undurchdringliche Finsternisse hinabgestiegen, und jetzt befanden wir uns wieder an der Oberfläche und waren wie Pilger, die denselben Weg gingen, einen Weg jedoch, den bis hierher jeder allein hatte zurücklegen müssen. Das Stück, das vor uns lag, versprach anders zu werden. Von nun an würden wir die Reise gemeinsam fortsetzen.
Wir waren durch Zufall zusammengetroffen. Wahrscheinlich würden wir einander nie wiedersehen. Aber diese Verbindung war, solange sie bestand, elementar und tief und beruhte auf einem unausgesprochenen, gemeinsamen Mitgefühl und Verständnis. Die Gewissheit, das intuitive Wissen um das, was wir gemeinsam hatten, die Gewissheit in den Tiefen und Grundlagen unserer Beziehungen war wie ein Geheimnis, das wir alle kannten und das nicht ausgesprochen zu werden brauchte. Tatsächlich waren unsere Unterhaltungen die meiste Zeit vergnügt. Wir machten Witze, wir neckten uns, wir spielten Billard und Banjo, wir unterhielten uns über das Weltgeschehen, die neuesten Fußballergebnisse und die Flirts und Begünstigungen innerhalb des Personals. Oberflächlich gesehen war alles fröhlich und leicht. Ein Außenstehender, der unsere Gespräche belauscht hätte, hätte uns für einen frivolen Verein gehalten. Aber unsere Leichtigkeit überdeckte unergründliche Tiefen, die stillschweigend da waren und in unseren Worten und in den leichtesten, unbeschwertesten Streichen und Späßen mitschwangen. Wenn wir frivol waren, so war unsere Frivolität der Übermut der Wiedergeborenen und derer, die tiefste Finsternis kennengelernt haben. Ein Außenstehender aber hätte nichts von alledem bemerkt. Er hätte nur die Oberfläche gesehen, nicht aber das, was sich darunter verbarg. Er wäre gar nicht darauf gekommen, dass unsere Späße überhaupt irgendwelche Tiefen verbargen und enthüllten.
Nach dem Frühstück ging ich hinaus – es war ein besonders schöner Septembermorgen –, setzte mich auf eine steinerne Bank, von der aus ich einen weiten Blick in alle Richtungen hatte, stopfte meine Pfeife und zündete sie an. Das war eine neue oder wenigstens fast schon vergessene Erfahrung. Vierzehn Jahre lang hatte ich nie die Muße gehabt, mir eine Pfeife anzuzünden, oder wenigstens schien es mir so. Jetzt empfand ich plötzlich ein gewaltiges Gefühl der Muße, eine Entspannung, eine Freiheit, die ich fast vergessen hatte, die mir aber, nun, da sie zurückgekehrt war, kostbarer erschien als alles andere. Es war ein intensives Gefühl von Stille, Frieden, Freude, eine reine Lust am «Jetzt», eine Befreiung von Trieben oder Verlangen. Ich war mir intensiv eines jeden herbstverfärbten Blattes auf dem Boden bewusst; ich war mir intensiv des Paradieses rings um mich her bewusst, hinter dem die breite Anhöhe des Hampstead Heath und die Kirchtürme von Hampstead und Highgate, die die Silhouette der Stadt überragten, zu sehen waren. Die Welt war reglos, erstarrt – alles war in einer Intensität puren Seins konzentriert. Vollkommener Friede und Harmonie lagen über dem Land. Der Friede hatte etwas von Lobpreis und Dank, eine Art stummer, heiliger Intensität, aber diese Stille war auch Gesang und Dank. Ich spürte, wie das Gras, die Bäume, der Park auf dem Heath rings um mich her, die ganze Erde, alle Wesen die Schöpfung priesen. Ich spürte, dass die ganze Welt eine einzige gewaltige Hymne und meine eigene friedvolle Seele ein Teil von ihr war.
Alles um mich her war mir unendlich vertraut. Schließlich war ich ja in der Nähe des Hampstead Heath aufgewachsen und hatte als Junge auf ihm gespielt. Er war für mich immer ein magisches Reich, ein geliebtes und vertrautes Zuhause gewesen. Jetzt aber, an diesem Morgen, der mir erschien wie der erste Morgen der Schöpfung, fühlte ich mich wie Adam, der voller Verwunderung eine neue Welt betrachtet. Ich hatte nicht gewusst oder hatte vergessen, dass in jedem Augenblick eine solche Schönheit, eine solche Vollkommenheit enthalten sein konnte. Ich war mir keiner «Momente» oder einer Abfolge von Momenten bewusst, sondern empfand nur die Vollkommenheit und Schönheit eines zeitlosen, stehenden «Jetzt» – eines nunc stans.
Ein magisches Reich der Zeitlosigkeit war in die Zeit eingefügt worden, eine Intensität des Jetzt, der Gegenwart, die sonst von Vergangenheit und Zukunft verschlungen wird. Plötzlich stellte ich fest, dass ich auf sonderbare Weise vom lästigen Druck der Vergangenheit und der Zukunft verschont war und die unermessliche Gabe eines unmittelbaren, vollständigen Jetzt genoss. Müßig – nein, nicht müßig, denn in Muße gibt es weder Müßigkeit noch Hast – sah ich zu, wie sich der Rauch aus meiner Pfeife in die unbewegte Luft emporkräuselte. Müßig hörte ich zu jeder vollen Stunde die Glockenschläge, die aus allen Richtungen an mein Ohr drangen: Hampstead rief und läutete Highgate zu, Highgate antwortete Hampstead; sie riefen einander zu, und alle zusammen riefen in die Welt hinaus.
So saß ich da und ließ meine Gedanken schweifen, mein Geist war aktiv, aber voller Frieden. Und des Weiteren bemerkte ich, dass ich nicht «einmalig» war und dass noch andere Patienten ohne Eile, ohne Sorgen und in Ruhe in diesem Paradies saßen oder spazieren gingen. Wir alle, so nahm ich an – und das bestätigte sich während des angenehmen und zeitlosen Monats meines Aufenthaltes dort –, genossen einen außergewöhnlichen Sabbat der Seele. Eine sonderbare Gelassenheit, die an ein Kloster oder an ein College erinnerte, hielt uns in ihrem sanften Griff. Unabhängig von unseren Lebensumständen war es für uns alle eine eigenartige Zwischenstation, die mit nichts, was wir kannten, zu vergleichen war. Wir waren aus dem puren Leid, den Stürmen und Ängsten der Krankheit, der verzehrenden Ungewissheit, ob wir je wieder gesund werden würden, aufgetaucht, aber noch war unsere Mitwirkung an der täglichen Routine des Lebens oder dessen, was man in dieser unerlösten Welt mit ihren endlosen Verpflichtungen, Kümmernissen und Erwartungen Leben nennt, nicht eingefordert worden. Man gewährte uns ein magisches Zwischenspiel zwischen dem Kranksein und der Rückkehr in die Welt, zwischen einem Dasein als Patient und einem Dasein als Familienvater und Brötchenverdiener, zwischen «drinnen» und «draußen», zwischen Vergangenheit und Zukunft. Die Stimmung, die an diesem Samstagmorgen herrschte, blieb erhalten; auch eine Woche, einen Monat später war sie nicht verblasst.
In einem anderen September, in einem anderen Jahr lese ich heute, nachdem ich nach einer Zeit der Sorgen endlich Frieden gefunden habe, was Hannah Arendt [*] über «Die Lücke zwischen Vergangenheit und Zukunft: das nunc stans» geschrieben hat. Diese Lektüre ist mit dem Erinnern verwoben: Für eine Weile schweifen meine Gedanken zurück, und ich schreibe, und dann mache ich eine Pause und lese Hannah Arendt. Sie spricht von einer «zeitfreien Region, einer ewigen Gegenwart in vollkommener Ruhe, jenseits aller menschlichen Uhren und Kalender … einer Ruhe des Jetzt in der von der Zeit bedrängten, umhergeschleuderten Existenz des Menschen … Dieses kleine, zeitlose Gebiet mitten im Herzen der Zeit», und davon, dass dies die eigentliche Heimat, die einzige Heimat von Geist, Seele und Kunst ist, der einzige Punkt, an dem Vergangenheit und Zukunft zusammengeführt und das Muster und die Bedeutung des Ganzen klar werden. Eben diese Zeitlosigkeit wurde mir gewährt – es war das besondere Geschenk von Kenwood.
Leider habe ich Oxford in meiner Studentenzeit als etwas Selbstverständliches betrachtet und die Vergünstigungen, die Zeitlosigkeit dieser Institution nicht zu würdigen oder zu nutzen vermocht, aber nun war ich mir der Vergünstigung, die ich erfuhr – dieses besondere Zwischenspiel, das mir in der Zeit der Rekonvaleszenz gewährt wurde –, sehr bewusst. Ich fühlte das ganz deutlich. Jedem im Zentrum ging es so. Für viele, denen Arbeit oder Familie im Genick saßen und die sich ständig sorgten und ängstigten, war es die erste wirkliche Zeit der Muße, der erste Urlaub, den sie je gehabt hatten, das erste Mal, dass sie Zeit fanden zu denken oder zu fühlen. Während dieser Zeit dachten wir alle, jeder auf seine Art, gründlich nach und wurden durch diese Erfahrung, so nehme ich an, grundlegend und manchmal für immer verändert.
Im Krankenhaus hatten wir unser Gefühl für die Welt verloren. Erst im Rehabilitationszentrum begegneten wir wieder der Welt – wenn auch einer entfernten, abgemilderten, verkleinerten Welt. Meinen ersten Morgen hatte ich damit verbracht, in der Sonne zu liegen und kurze Entdeckungsreisen in den Park zu unternehmen; damals konnte ich mit Stützen ein paar Minuten lang gehen. Am Nachmittag schaffte ich es bis zum Tor des Geländes. Dabei hatte ich eine Steigung zu überwinden, und das erschöpfte mich vollkommen. Keuchend und zitternd ließ ich mich beim Tor nieder. Meine Schwäche und Unfähigkeit wurden mir mit überwältigender Deutlichkeit vor Augen geführt. Auf den Bolzplätzen von Highgate auf der anderen Seite der Straße sah ich eine Schulmannschaft beim Rugbytraining, ein Anblick, der mir sonst immer gefallen hatte. Ich war erstaunt und erschreckt über den Hass, der mich überkam. Ich hasste ihre Gesundheit, ihre starken jungen Körper. Ich hasste ihre sorglose Ausgelassenheit und Freiheit – ihre Freiheit von den Beschränkungen, die ich so übermächtig in mir selbst spürte. Mit bösartigem Neid sah ich ihnen zu, mit der gemeinen Verbitterung, der giftigen Bosheit des Invaliden. Dann wandte ich mich ab: Ich konnte sie nicht länger ertragen. Und auch meine eigenen Gefühle, meine Hässlichkeit, die mir vor Augen geführt wurde, konnte ich nicht mehr ertragen.
Irgendwie beruhigte ich mich, indem ich mir sagte: «Das bin ich nicht – das ist nicht mein wirkliches Ich. Das alles redet mir nur die Krankheit ein. Das ist ein häufig geschildertes Phänomen: die hasserfüllte Bosheit der Kranken.»
Und ich fügte hinzu: «Kann sein, dass du es fühlst, aber du darfst es auf keinen Fall zeigen.»
Sehr erschüttert und erschreckt humpelte ich wieder zu meiner Bank. Der Tag war noch immer sonnig, aber moralisch verhangen.
Am nächsten Tag hatte ich ein ähnliches Erlebnis, als ich einen Spaziergang durch den Park machte und an ein kleines Gehege mit Kaninchen kam. Zu meiner Überraschung überfiel mich wieder wilder Hass: «Wie können sie es wagen herumzutollen, wenn ich behindert bin?» Genauso erging es mir, als ich eine wunderschöne Katze sah, die ich eben wegen ihrer Schönheit und Eleganz hasste.
Ich war entsetzt über diese Reaktionen, diese gehässige, bittere Abkehr vom Leben, diese plötzlichen Ausbrüche von Verbitterung nach meinen begeisterten lyrischen Höhenflügen. Aber sie waren lehrreich, und es war wichtig, sich ihnen zu stellen, wichtig auch, sie zu beichten, damit andere sie verstanden. Und hier waren meine Mitpatienten eine wunderbare Hilfe, denn als ich ihnen schamrot und stotternd meine Gefühle gestand, sagten sie: «Keine Sorge, das war bei uns genauso. Da muss jeder durch – aber es wird bald vergehen.»
Ich hoffte, dass sie recht hatten. Sicher konnte ich mir nicht sein. Das Einzige, dessen ich mir zu dieser Zeit sicher sein konnte, war mein Hass. Freundlich lächelte ich den Alten und Hinfälligen zu; tatsächlich konnte ich niemand anderes ertragen. Beim Anblick von Kranken und Leidenden ging mir das Herz über, aber es verschloss sich sofort, sobald mir Gesundheit vorgeführt wurde.
Am Montag aber, als das Krankengymnastikprogramm begann und die Therapeutin mich beruhigte, mich sehr ermutigte und mir das Gefühl gab, dass ich vielleicht doch auf eine praktisch vollständige Wiederherstellung hoffen durfte, entdeckte ich, dass mein Hass verschwunden war. Ich streichelte die Katze, fütterte die Kaninchen und brachte mit viel Vergnügen eine Stunde damit zu, den jungen Rugbyspielern zuzusehen. Hier fand also eine grundlegende Hinwendung zum Leben statt.
Selbst Jahre später fällt es mir noch schwer, über all dies zu schreiben. Es ist leicht, sich an die guten Dinge im Leben zu erinnern, die Zeiten, wenn das Herz jubelt und sich weitet, wenn alles in Liebe und Güte gebettet ist; es ist leicht, sich an die Schönheit des Lebens zu erinnern – wie edel, wie großzügig man war, wie viel Mut man angesichts von Hindernissen bewiesen hat. Es ist schwerer, sich zu erinnern, wie hasserfüllt man gewesen ist.
Ich hatte gelogen, als ich sagte: «Das bin ich nicht – das ist nicht mein wirkliches Ich. Das redet mir nur die Krankheit ein.» Denn die Krankheit hat keine Stimme, und der da sprach, war tatsächlich ich, ein boshaftes Ich. Wie kann ich behaupten, meine Güte, meine erhabenen Gefühle stellten mein «wirkliches Ich» dar, während meine Boshaftigkeit und Erbitterung lediglich «Krankheit», nicht aber ich, seien?
Bereitwillig nehmen wir an anderen wahr, was wir an uns selbst nicht sehen wollen oder nicht zu sehen wagen. Die Patienten, mit denen ich arbeite, sind chronisch Kranke. Bei ihnen besteht wenig oder keine Hoffnung auf eine Genesung, und das wissen sie. Einige von ihnen besitzen beachtlichen Humor und Tapferkeit, eine unverdorbene, liebevolle und bejahende Einstellung zum Leben. Andere aber sind verbittert, bösartig und hasserfüllt – sie sind mörderisch und dämonisch in ihrem Hass und ihrer Boshaftigkeit. Es ist nicht die Krankheit, sondern die Person, die sich hier zeigt, ihr Zusammenbruch oder ihre Verderbtheit als Folge der Grausamkeit des Lebens. Wenn wir jung, schön, talentiert, stark sind, wenn wir Ruhm, Vermögen, Gunst, Erfüllung erlangen, ist es leicht, nett zu sein und der Welt mit Wärme zu begegnen. Aber wenn wir in Ungnade fallen, entstellt werden, behindert oder verletzt sind, wenn wir Gesundheit und Kraft, Vermögen und Gunst verlieren, wenn wir uns krank und elend fühlen und keine rechte Hoffnung auf Genesung haben – dann wird unsere Veranlagung, unsere moralische Charakterstärke bis an die Grenzen ihrer Belastungsfähigkeit auf die Probe gestellt.
Obwohl ich nur leicht auf die Probe gestellt wurde, war meine Reaktion hässlich. Aber das ging bald vorbei. Ich musste nicht mit einer dauernden Behinderung leben – mit einem Gefühl, von nun an ständig mit Behinderung und Unglück fertig werden zu müssen. An meinem Tisch saß noch ein anderer Patient, der nach jahrelangen, zunehmenden Herzbeschwerden gerade am offenen Herzen operiert worden war. Die meiste Zeit hatte er Schmerzen, und er sah verhärmt und alt aus und hatte einen gemeinen, stinktierartigen Blick. Er gab sich große Mühe, die Erbitterung zu verbergen, die sein Elend noch vergrößerte und für die er sich schämte, aber auch wenn er sich eher auf die Zunge biss, als etwas zu sagen, verrieten ihn doch seine Augen. Und auch meine Gefühle für ihn, die nicht die freundlichsten waren, müssen mir anzumerken gewesen sein, denn eines Tages brach es aus ihm heraus: «Bei Ihnen ist alles in Ordnung. Ihnen geht es immer besser. Sie werden bald gesund sein. Sie werden tun können, was Sie wollen. Aber was sehen Sie, wenn Sie mich mit den Augen eines Arztes betrachten? Ich habe ein schwaches Herz, miserable Gefäße, und der Bypass funktioniert nicht. Klar, irgendwann kann ich raus, aber ich werde wieder hierher zurückkommen. Ich bin schon fünfmal hier gewesen. Mittlerweile kennen die mich hier. Die Leute sehen mir nicht gern ins Gesicht. Sie sehen, dass ich zum Tode verurteilt bin und dass ich es schwer nehme. Sie sehen meine blauen Lippen und auch meine Verbitterung – so wie Sie es sehen und dann so tun, als hätten Sie nichts bemerkt. Nicht nett, kein schöner Anblick, nicht würdig, nicht schön. Aber sagen Sie mir, mein Freund, was zum Teufel ich tun soll, um das zu ändern!»
Wie ein College bot das Rehabilitationszentrum Struktur und Freiheit – und beides in einem vielleicht ungewöhnlichen Maß. Es gab feste Essenszeiten und im Speiseraum gedeckte Tische für die Patienten, es gab feste Zeiten für Physiotherapie und andere Aktivitäten, feste Zeiten für ärztliche Untersuchungen und, wenigstens zu Beginn meines Aufenthaltes, feste Zeiten für alle anderen Besuche. Anfangs war es überhaupt nicht und später nur mit Einschränkungen erlaubt auszugehen. Man musste eine Genehmigung einholen und zur festgesetzten Zeit zurück sein. Und doch gab es, im Gegensatz zu diesen fast klösterlichen Einschränkungen, die Zeitlosigkeit, die Freiheit, den Idealismus eines Klosters. Ein einziger Gedanke, ein einziges Gefühl vereinte uns: Wir befanden uns auf einer langen Pilgerfahrt, die uns schließlich nach Hause und zurück in die Gesundheit führen würde, und dieser Gedanke hatte etwas Andächtiges und gleichzeitig etwas Praktisches. Dies war die einigende Kraft und der Mittelpunkt in unserem Leben, und vielleicht war dieses Konzept gar nicht so weit von dem eines Klosters oder eines College im besten Sinne entfernt. Wir hatten die Krankheit kennengelernt, wie man Verirrung oder das Böse kennenlernt, und suchten nun Gesundheit, das wiederhergestellte Gleichgewicht des Seins, wie man Güte und Wahrheit sucht.
Der Tagesablauf und die gesetzten Grenzen waren wichtig. Ohne sie wären wir vielleicht in Planlosigkeit und Chaos abgetrieben, hätten unsere Fähigkeiten falsch eingeschätzt, regressiv und untätig dagelegen oder uns weit über unsere Grenzen hinaus angetrieben. Noch besaß keiner von uns die Widerstandskraft, die mit der Gesundheit einhergeht. Wir waren noch schwach und gefährdet und brauchten Pflege und eine Struktur. Wir waren noch nicht in der Lage, uns körperlich der Freiheit der Gesundheit, ihres unreflektierten Überschwanges, ihrer Ausgelassenheit und Fülle zu erfreuen. Daher mussten unser Leben, unsere täglichen Aktivitäten begrenzt werden, und eine Annäherung an die Normalität durfte nur nach und nach erfolgen.
Ich brach immer wieder aus und übertrieb ständig. So unternahm ich, verführt von den weiträumigen Rasenflächen, die sich bergab neigten, und der Leichtigkeit des schwungvollen Abstiegs, einen ausgedehnten Spaziergang im Park – nur um am Fuß des Hügels, wo der Bach floss, festzustellen, dass ich völlig erschöpft war; und auf dem mühsamen Rückweg merkte ich, dass Kraft und Tonus im linken Bein dahinschmolzen, und bekam zu allem Oberfluss einen schweren Bluterguss im Knie, der mich für vierundzwanzig Stunden ans Bett fesselte. Immer wieder schien alles so täuschend leicht zu sein, aber auch ganz einfache Dinge waren mit immensen Anstrengungen und Schwierigkeiten verbunden. Es war nicht leicht, ins Bett zu gehen oder aufzustehen oder sich auf die Toilette oder einen Stuhl zu setzen. Die Stützen mussten immer zur Hand sein, ebenso wie die einen Meter lange Greifzange, mit der ich weiter entfernte Gegenstände erreichen konnte. Ich hatte Schwierigkeiten, mir morgens meinen linken Strumpf anzuziehen, und musste mich eines Kunstgriffs bedienen, bei dem ich den Strumpf auswarf, wieder einholte und dabei über den Fuß zog – das Ganze war wie eine Übung im Fliegenfischen.
Wir waren hier, um zu genesen. Wir mussten wieder gesund werden. Aber das ist kein automatischer und einfacher Prozess, auch wenn das Erkranken von selbst geschehen kann. Es ist vielleicht bedeutsam, dass wir im Englischen das Pendant zu «sickening», nämlich «healthening», nicht kennen, kein entsprechendes Wort oder Konzept für diesen Prozess des Gesundens haben. Statt dessen verwenden wir das Wort «healing» («heilen»), das «making whole» («ganz machen») bedeutet, und dieses Wort beinhaltet keinen Prozess, sondern eine Handlung – viele Handlungen.
Natürlich gibt es eine automatische Genesung, zum Beispiel wenn Gewebe in Mitleidenschaft gezogen ist. Für den Chirurgen war dies auch die einzige Bedeutung von «Genesung». Gewebe war verletzt und wieder zusammengefügt worden; seine Arbeit war damit erledigt, denn das Verheilen von Gewebe erfolgt automatisch. Strenggenommen, aus der Sicht des Chirurgen, des «Knochenklempners», hatte er recht, auch wenn er mit einer gewissen Griesgrämigkeit «postoperative Physiotherapie» verschrieben hatte, als handle es sich bei dieser ganzen Sache um etwas rein Medizinisches oder Mechanisches …
Nun hatte und hat dies aber einen mechanischen Aspekt. Muskeln müssen gebraucht werden, sonst verlieren sie Kraft und Tonus. Übung ist nötig und gut für die Muskeln – nötig, und doch nicht genug. Denn Gehen, Stehen, ganz zu schweigen von komplexeren motorischen Fertigkeiten und Aktivitäten, erfordert nicht nur Muskelarbeit (auch wenn, wie in meinem Fall, die hauptsächliche Verletzung Muskeln betrifft). Eine Rehabilitation schließt Aktion, Handlungen, ein. Eine Rehabilitation muss auf das Wesen der Handlungen abzielen und darauf ausgerichtet sein, wie man sie wieder verfügbar macht, wenn sie sich aufgelöst haben und «verlorengegangen» oder «vergessen worden» sind. Ohne das wäre ich, wie Hippokrates sagt, tatsächlich bettlägerig geblieben.
Aber dazu war ich nicht durch eine Willensanstrengung oder aus eigener Kraft imstande. Der Anstoß, der Impuls musste von außen kommen. Ich musste es tun, ich musste das Neue Handeln entstehen lassen, aber andere mussten mir dabei Geburtshilfe leisten und sagen: «Tu es!» Sie waren diejenigen, die mir die Erlaubnis dazu gaben, die es mir verschrieben, sie waren die Geburtshelfer des Handelns – und natürlich waren sie auch diejenigen, die mich unterstützten und ermutigten. Und das Hindernis war nicht bloß eine Neurose oder meine Passivität. Jeder Patient, ganz gleich wie energisch oder willensstark er ist, trifft, wenn er seinen ersten Schritt machen und etwas Neues tun (oder wieder tun) soll, auf genau dieselben Schwierigkeiten. Er kann es sich nicht vorstellen – «das Vorstellungsvermögen ist eingeschränkt» –, und verständnisvolle Außenstehende müssen ihm den Anstoß zum Handeln geben. Sie vermitteln sozusagen zwischen Passivität und Handeln.
Dies war die entscheidende Tat, der Höhepunkt der Genesung. Aber es wer nicht der Abschluss, sondern nur der Anfang, und wenn ich danach noch weitere sechs Wochen im Rehabilitationszentrum verbringen musste, so darum, weil andere, ähnliche Schritte erforderlich waren und die Wiederherstellung höherer Funktionen nicht reibungslos und automatisch erfolgt. So gesehen ist Rehabilitation eine Rekapitulation, eine zweite Kindheit, denn wie die Kindheit ist sie mit maßgeblichen Lernakten, unvermittelten Aufstiegen von einer Ebene zur nächsten verbunden, wobei die nächsthöhere Ebene immer unvorstellbar bleibt. Die Physiologie, oder jedenfalls die Physiologie der höheren Funktionen, ist abhängig von und eingebettet in Erfahrungen und Handlungen, und wenn Erfahrungen und Handlungen nicht möglich gemacht werden – dies ist im Grunde die Rolle des Lehrers oder Therapeuten –, wird das Nervensystem, die Organisation, weder heilen noch zur vollen Entwicklung gelangen.
Deshalb konnte ich im Rehabilitationszentrum, obwohl ich täglich stärker wurde und dieselben Dinge mit immer größerer Kraft und Leichtigkeit tun konnte, nichts anderes oder Neues tun. Dazu war immer das Eingreifen eines anderen nötig. Das wurde mir sehr eindrucksvoll vor Augen geführt, als es für mich an der Zeit war, «aufzusteigen» und nur noch eine einzige Stütze und dann, später, lediglich einen Gehstock zu gebrauchen.
Es gab einen besonders guten und verständnisvollen jungen Chirurgen, der dreimal pro Woche ins Rehabilitationszentrum kam, ein Mann, der sich auf sein Gegenüber einstellen konnte und mit dem eine Kommunikation möglich war. Einmal fragte ich ihn, woher das komme (ihm konnte ich eine solche Frage stellen, während ich meinen Arzt im Krankenhaus nichts, oder fast nichts, hatte fragen können).
«Ganz einfach», antwortete er. «Vielleicht haben Sie die Antwort schon erraten. Ich habe das alles selber durchgemacht. Ich hatte mal, ein gebrochenes Bein … Ich weiß, wie das ist.»
Als also Mr. Amundsen sagte, es sei an der Zeit, den nächsten Schritt zu tun und eine Stütze aufzugeben, sprach er mit Autorität – jener einzigen echten Autorität, die auf Erfahrung und Verständnis beruht. Ich glaubte ihm. Ich glaubte an ihn. Aber was er vorschlug war – unmöglich.
«Das ist unmöglich», stammelte ich. «Das kann ich mir nicht einmal vorstellen.»
«Sie brauchen es sich auch nicht ‹vorzustellen›, Sie brauchen es nur zu tun.»
Ich raffte mich auf und versuchte es, zitternd vor Anspannung – und sofort strauchelte ich und fiel der Länge nach hin. Ich versuchte es nochmal und fiel wieder hin.
«Keine Sorge», sagte er. «Es kommt einfach, Sie werden sehen.» Es «kam» später an diesem Tag, aber in einem Traum.
Etwa zu dieser Zeit bekam ich einen Anruf von einem Freund. Er sagte, in der Westminster Abbey werde ein Gottesdienst zum Todestag von W.H. Auden abgehalten werden, und fragte mich, ob ich kommen könne. Ich liebte und verehrte Auden und wäre gern hingegangen. Überdies fühlte ich mich verpflichtet, ihm diese letzte Ehre zu erweisen. Ich befand mich in einem schmerzhaften Konflikt, aber die Angst gewann die Oberhand:
«Es tut mir schrecklich leid», sagte ich. «Natürlich würde ich gern kommen, wenn es möglich wäre. Aber im Augenblick ist das, fürchte ich, vollkommen unvorstellbar. Ich wollte, ich könnte kommen, aber daran darf ich nicht einmal denken.» Tja, genau das waren meine Worte.
Am nächsten Morgen kam die Krankengymnastin zu mir – sie hatte auf meinem Tisch die Druckfahnen eines Artikels gesehen, den ich über Auden geschrieben hatte – und bemerkte: «Es soll ein sehr bewegender Gottesdienst gewesen sein. Erzählen Sie mal – Sie sind ja doch dabei gewesen.»
Ich war wie vom Donner gerührt. Meine Begriffswelt schien zu schwanken. «Aber», stammelte ich, «das konnte ich doch nicht.
«Warum nicht?», wollte sie wissen.
«Man hat mich gebeten, und ich wollte auch, aber es war unvorstellbar, ich durfte nicht einmal daran denken.»
«Unvorstellbar!», rief sie. «Sie durften nicht einmal daran denken? Natürlich hätten Sie gehen können. Sie hätten gehen sollen. Was zum Teufel hat Sie davon abgehalten? Warum sollten Sie nicht hinausgehen?»
Mein Gott, sie hatte recht! Wer oder was hielt mich ab? Was für einen Unsinn hatte ich von mir gegeben, als ich gesagt hatte, ich dürfe nicht einmal daran denken? In dem Augenblick, in dem sie sich dazu äußerte und sagte «Warum nicht?», verschwand eine große Barriere – obwohl ich diese gar nicht als Barriere empfunden, sondern lediglich gedacht hatte, daran sei gar nicht zu denken. War ich «geschwächt» oder war «das Vorstellungsvermögen geschwächt»?
Was immer der Grund war – ihre Worte befreiten mich, und ich sagte: «Verdammt, dann gehe ich jetzt sofort aus!»
«Gut», antwortete sie. «Das ist auch höchste Zeit.»
Rasch und ohne nachzudenken ging ich zum Tor hinaus und den Hügel nach Highgate hinauf. Wie herrlich! Die reine Ekstase! Mein erster Spaziergang nach draußen. Bis zu diesem Spaziergang, bis zu diesem Moment war an Ausgehen «nicht zu denken» gewesen – ich hatte mich wie ein Insasse und Invalide gefühlt und konnte mir etwas anderes nicht vorstellen. Ich war völlig außerstande gewesen, diesen entscheidenden Schritt zu tun. Um nach draußen, in die weite Welt hinauszugehen, hatte ich ihr «Warum nicht?» gebraucht.
Auf dem Highgate Hill fand ich ein kleines Restaurant und ging kühn und ohne zu zögern hinein, um einen Tee zu trinken.
«Sie haben’s geschafft», sagte die Kellnerin. «Endlich haben Sie’s bis hierhin geschafft.»
«Kennen Sie mich?», fragte ich erstaunt.
«Nicht persönlich», sagte sie. «Aber ich weiß, wie das ist. Ihr sitzt da im Rehabilitationszentrum, bis ihr kurz vor dem Explodieren seid – und dann explodiert ihr tatsächlich, und die Explosion trägt euch den steilen Hügel von Highgate hinauf und genau in dieses Lokal, wo ihr dann die erste Mahlzeit draußen zu euch nehmt.»
«Ja», sagte ich, «stimmt genau.»
Und dann bestellte ich mir nicht nur ein Kännchen Tee, sondern, zur Feier meiner Befreiung, ein regelrechtes Festmahl.
«Das tun alle!», erklärte die Kellnerin.
«Sie alle», «ihr alle». Was kümmerte es mich? Eigentlich freute es mich, dass ich offenbar genau dasselbe getan hatte wie viele andere vor mir. Es gab mir das Gefühl, weniger abgesondert, entfremdet oder «einmalig» zu sein: Es stieß mich in eine eingefahrene Spur, und damit war ich unter anderen Menschen, ein Teil der Welt.
Ich bestellte fast alles, was auf der Karte stand, von Krabbentoast bis zu Rumkugeln und Baisers, und alles war herrlich, das reinste Liebesmahl (orale Musik). Es war nicht nur herrlich, sondern heilig – ich empfand das Mahl als ein Sakrament, mein erstes Teilhaben an der Welt. Mehr als sechs Wochen hatte ich der Welt nun schon entsagen müssen. Ich verspürte einen Hunger auf die Welt und genoss das Essen wie ein Festmahl. Mit jedem heiligen Bissen – und ich aß langsam, wenn auch eine gewaltige Menge, erfüllt von Dank und Ehrfurcht – hatte ich das Gefühl, dass ich an diesem heiligen Fest, der Welt, teilnahm. Die Substanz, die Sinnlichkeit, war auch etwas Spirituelles. Das Essen und die Getränke waren gesegnet – ein heiliges Fest.
Von diesem Augenblick an war ich nicht mehr zu bremsen. Ich ging ständig aus, ich verliebte mich in die Welt, ich mietete mir Taxis mit derselben Extravaganz wie der Potentat eines fremden Landes, der London besucht. Und in gewisser Weise fühlte ich mich auch so. Ich war wie ein Mann, ein König, der lange im Exil gelebt hat und nun nach Hause kommt und dem von der Welt, in die er zurückkehrt, ein herrliches, überschwängliches Willkommen bereitet wird. Ich wollte liebe, vertraute Gebäude umarmen, ich wollte Passanten auf der Straße umarmen, sie in die Arme schließen und verschlingen wie mein erstes Mahl in jenem Restaurant, denn auch sie gehörten zu diesem wundervollen Fest. Ich muss viel gelächelt und gelacht oder auf andere Weise Fröhlichkeit und Liebe ausgestrahlt haben, denn von beidem wurde mir umgekehrt eine Menge zuteil, besonders in den Wirtschaften rund um Hampstead – herrlichen, fröhlichen, belebten Wirtschaften mit Gärten und Markisen, die hell in der Sonne leuchteten, und den freundlichsten und sympathischsten Menschen der Welt. Meine Stützen (denn ich benutzte Taxis und brauchte zum Ein- und Aussteigen beide) und mein Gipsverband dienten mir als unbegrenzt gültiger Pass. Wohin ich auch ging, wurde ich willkommen geheißen und stand im Mittelpunkt des Interesses. Und ich, der ich so zurückhaltend und schüchtern gewesen war, genoss das. Ich sang, warf Darts, lachte und erzählte gewagte Geschichten.
Überall und in mir selbst entdeckte ich eine Rabelais’sche Lebenslust – eine raue, aber festliche und ganz und gar keusche Lebenslust. Gleichzeitig aber suchte ich auch die verschwiegenen Nebenstraßen des Lebens, die stillen Lichtungen, die mondbeschienenen Wege, um zu meditieren. In jeder Lebenslage wollte ich Dank sagen – in Zeiten des Tatendrangs und in Zeiten der Ruhe, mit anderen oder allein, in Gesellschaft von Freunden und in Gesellschaft von Fremden, im Denken und im Handeln. Diese Zeit war außerordentlich intensiv, aber für mich hatte sie etwas Gesundes, nichts Manisches oder Krankes. Ich hatte das Gefühl, dass dies die Art und Weise war, wie man die Welt betrachten sollte, und dass sie in Wirklichkeit so war, nur dass man zu abgestumpft und vernagelt war, um es wahrzunehmen. Ich fühlte mich so fröhlich und unschuldig wie ein neugeborenes Kind.
Und wenn dies «die Wahrheit» war, wenn dies so war, wie es sein sollte, wie konnte man die Welt dann langweilig finden? Ich fragte mich, ob das, was man normalerweise «normal» nennt, nicht selbst eine Art Langeweile, ein Absterben von Geist und Gefühl war, wenn nicht sogar ein Verschließen dieser Türen. Was mich betraf, so befand ich mich jetzt, da ich befreit, erlöst und aus der finsteren Nacht und dem Abgrund aufgestiegen war, in einem Rausch von Licht und Liebe und Gesundheit.
Ich spürte, dass in meinem Leben eine tiefe Krise stattgefunden hatte und dass ich von jetzt an ganz und gar und für immer verändert sein würde. Ich würde weniger, nein, ich würde nichts als selbstverständlich hinnehmen. Ich würde das Leben und alles Sein als das kostbarste Geschenk betrachten, als etwas, das verletzlich und gefährdet war und das einem unendlich teuer sein musste.
Am Montag, dem 7. Oktober, sechs Wochen nach meiner Operation, wurde ich zu einer letzten Untersuchung noch einmal ins Krankenhaus gebracht. Wenn alles in Ordnung war, würde der Gips entfernt, endgültig entfernt werden. Ich hatte keine Angst, denn ich wusste, dass alles in Ordnung war, und ich wollte mich von dem Arzt, den ich einst verflucht hatte, sowie von seinem Team in einer freundschaftlichen Atmosphäre verabschieden.
Glücklicherweise trat das auch ein und stellte kein Problem dar. Mr. Swan fand einen vor Dankbarkeit strahlenden Patienten vor, der nichts als Freundlichkeit und Reue über seinen einstigen Zorn zeigte. Ihm blieb nichts anderes übrig, als seinerseits mit Freundlichkeit darauf zu reagieren, wenn auch seine Reaktion etwas Zurückhaltendes und Schüchternes hatte. Er lächelte, aber nicht breit, er schüttelte mir die Hand, aber nicht mit Wärme, er war freundlich, aber nicht herzlich. Ich wunderte mich, dass er in meinen Augen je eine solche Abscheulichkeit besessen hatte, denn er war nicht wirklich abscheulich, ebenso wenig, wie er liebenswert war. Er war nur ein anständiger, stiller, fachlich kompetenter und reservierter Mann, ein bewundernswerter Techniker (das hatte ich zu keinem Zeitpunkt bezweifelt), dem aber angesichts starker Emotionen unbehaglich zumute war und der emotionale Ansprüche nicht befriedigen konnte – zumindest wenn sie so extrem waren wie die, die ich in meiner Seelenqual gestellt hatte. Aber jetzt waren diese Qualen überstanden und meine Befürchtungen zerstreut, jetzt ging es mir besser, und ich stellte keine Ansprüche, und das gefiel ihm sehr und erlaubte ihm ein schwaches Lächeln. So wie er sich für mich verändert hatte, so hatte ich mich zweifellos auch in seinen Augen verändert. Ich stellte mir vor, wie er sich später mit seinem Team unterhielt: «Kein schlechter Bursche, dieser Sacks – ein bisschen gefühlsbetont natürlich. Hier im Krankenhaus war er zwar ziemlich lästig, aber vielleicht war es auch eine schwierige Zeit für ihn. Möchte selbst nicht in so einer Situation sein. Aber jetzt geht es ihm wieder bestens, oder? Das Bein sieht doch großartig aus. Ende gut, alles gut.» Und damit würde er mich vergessen.
Ja, tatsächlich: Ohne den Gips sah mein Bein großartig aus – auch wenn es noch immer dünner (und etwas kühler) als das andere Bein war, war es wieder gut mit Muskeln versehen, und die Operationsnarbe war sauber und ordentlich, und auch sie sah irgendwie gut aus, besonders wenn ich sie als Andenken an eine in heroischem Kampf davongetragene Wunde betrachtete. Von der Entfremdung, die mich vier Wochen zuvor so erschreckt hatte, war nichts mehr geblieben. Das Bein war ganz offenbar lebendig, wirklich, aus Fleisch und Blut, und gehörte ohne jeden Zweifel mir. Nur im Kniebereich hatte ich ein leicht verschwommenes oder merkwürdiges Gefühl. Ich war daher etwas überrascht, dass sich die Haut überall dort, wo der Gips gewesen war, taub, absolut taub, wie örtlich betäubt anfühlte. Es war keine tiefgehende Taubheit – die Propriozeption schien normal (dies ging mit dem normalen, nicht entfremdeten Gefühl des Beins einher) –, sondern eine starke, oberflächliche Taubheit.
Während ich im Krankenwagen nach Kenwood zurückgefahren wurde, rieb und knetete ich das Bein, und dadurch kam, da ich die Haut und ihre Rezeptoren stimulierte, von Minute zu Minute mehr Gefühl in das Bein, und nach einer Stunde, am Ende der Fahrt, war es fast ganz zurückgekehrt. Ob diese Taubheit daher rührte, dass der Gipsverband normale sensorische Empfindungen verhindert hatte, oder ob sie eine Folge des ständigen Drucks war, konnte ich nicht sagen. Ich erfuhr, dass andere Patienten eine ähnliche oberflächliche, vorübergehende und anscheinend nicht besonders gravierende Taubheit an sich festgestellt hatten. Der Verlust des sensorischen Tiefengefühls jedoch, der Propriozeption, war eine ganz andere, geradezu tödliche Sache …
Ich sage «fast», weil meine Bemühungen in einem Bereich an der Außenseite des Oberschenkels und Knies nichts bewirkten. Hier stellte sich keinerlei sensorisches Empfinden ein. An dieser Stelle waren die zur Haut führenden Verästelungen des Schenkelnervs bei der Operation durchtrennt worden.
Nun war ich vom Gips befreit, aber ein letztes Problem blieb noch: Ich musste das Knie, das vollkommen starr schien und überdies durch die gewaltige Menge von Narbengewebe wie versteinert war, beweglich machen. Zu diesem Zweck musste ich mein Bein täglich eine halbe Stunde mit Gewalt beugen und strecken und so versuchen, das harte Narbengewebe aufzulockern und nachgiebig zu machen.
Da alles gut verlief, wurde mir am Freitag erlaubt, eine Nacht zu Hause zu verbringen. Die ganze Familie war versammelt, um mich willkommen zu heißen – es war der Vorabend des Sabbats. Am nächsten Morgen ging ich mit meinem Vater und meinen Brüdern zur Synagoge, wo wir alle aufgerufen wurden, aus der Schrift vorzulesen. Und dies war ein unbeschreibliches Erlebnis, denn jenseits meiner Familie fühlte ich mich in der Gemeinde und jenseits der Gemeinde in der Schönheit alter Traditionen und jenseits davon in der höchsten, ewigen Freude des Gesetzes geborgen. Die Stelle, die verlesen wurde, stammte vom Anfang des Buches Genesis und passte zu einem Mann, der sich wie neugeboren fühlte; kurz zuvor nämlich, an Simchat Thora – dem Fest der Gesetzesfreude –, war der jährliche Turnus der Gesetzeslesung abgeschlossen und von neuem begonnen worden. Man hatte den Schofar geblasen und dann laut gerufen: «Nun ist die Welt aufs Neue erschaffen.»
Der Gottesdienst, die Zeremonien, die biblischen Geschichten hatten jetzt einen Sinn, wie sie ihn zuvor nie wirklich gehabt hatten. Der vergangene Monat war von einem pantheistischen Gefühl durchdrungen gewesen, einem Gefühl, dass die Welt Gottes Geschenk war, für das man ihm danken musste. Jetzt entdeckte ich in den religiösen Zeremonien und Geschichten eine echte Parabel auf meine eigene Situation und Erfahrung: die Erfahrung von Heimsuchung und Erlösung, von Finsternis und Licht, von Tod und Wiedergeburt – die Erfahrung der «Pilgerfahrt», die das Schicksal oder meine Verletzung mir aufgezwungen hatte. Zum ersten Mal in meinem Leben hatten die Symbole und Geschichten aus der Schrift für mich eine Bedeutung. Ich hatte das Gefühl, dass meine eigene Geschichte die Form einer solchen universellen existenziellen Erfahrung hatte, der Reise einer Seele in die Unterwelt und wieder zurück, die Form eines spirituellen Dramas – auf einer neurologischen Grundlage.
In gewisser Weise war meine Erfahrung religiöser Art gewesen: Als ich mein Bein «verloren» hatte, war es in meinen Augen eindeutig verbannt, von Gott verlassen gewesen, und als es mir wieder zurückgegeben wurde, empfand ich das als etwas Transzendentales. Gewiss war das auch eine fesselnde wissenschaftliche und kognitive Erfahrung gewesen, aber sie hatte die Grenzen von Wissenschaft und kognitivem Denken transzendiert. Es erschien mir wahrscheinlich, dass dies eine dauerhafte Verwandlung bewirken und mich für die Philosophie und Religion öffnen würde, ohne auch nur im mindesten etwas an meiner Leidenschaft für die Wissenschaft, an meiner wissenschaftlichen Exaktheit zu ändern. Ich sah, ich sah voraus, dass beides in mir in Einklang kommen würde.
Zwölf Tage später wurde ich als vorbildlich Genesener, dem man es zutraute, in der Welt zurechtzukommen, aus Kenwood entlassen. Ich hatte meinen Aufenthalt dort genossen und echte Freundschaft mit anderen geschlossen, und mein Abschied war wehmütig und durchdrungen von der ursprünglichen und eigentlichen Bedeutung des Wortes «Lebewohl». Wir waren gemeinsam einen kurzen, aber wichtigen Teil unseres Lebensweges gegangen, wir hatten unsere Gefühle mit seltener Vertrautheit und Offenheit mit-geteilt, und nun trennten wir uns, gingen unserer Wege und wünschten einander eine gute Reise auf der Straße des Lebens.
In Kenwood hatte ich großes Glück und tiefen Frieden erfahren, aber der Aufenthalt dort war ein Zwischenspiel in meinem Leben gewesen und musste darum ein Ende haben. Ich war noch immer nicht ganz wiederhergestellt und wollte ein anderes Urteil einholen – das Urteil eines erfahrenen Orthopäden, der mich unbefangen untersuchen und mir einen Rat für die Zukunft geben würde.
Ich rief Mr. W.R. in seiner Praxis in der Harley Street an. Er sagte, ich solle am nächsten Tag kommen.
Ich erschien voller Hoffnung, aber ohne besondere Erwartungen. Er war ein freundlicher Mann mit einer gesunden Gesichtsfarbe, in dessen Gegenwart ich mich sogleich ganz unbefangen fühlte, und der mir aufmerksam zuhörte und nur gelegentlich eine gezielte Frage stellte. Er vermittelte mir den Eindruck, dass er nicht weniger an mir, an mir als Person, als an meinem Problem interessiert war, und er schien unbeschränkt Zeit zu haben, obwohl er, wie ich wusste, einer der gefragtesten Spezialisten in ganz England war. Er hörte mir mit vollendeter Konzentration und Liebenswürdigkeit zu und nahm dann rasch, aber mit der Autorität des Fachmanns, eine genaue Untersuchung vor.
Das ist ein Meister, sagte ich zu mir. Ich werde auf ihn hören, so wie er mich angehört hat.
«Eine bemerkenswerte Erfahrung, Dr. Sacks», sagte er schließlich. «Haben Sie schon daran gedacht, ein Buch darüber zu schreiben?»
Ich war verwirrt und geschmeichelt und sagte: Ja, dieser Gedanke sei mir schon gekommen.
«Diese Entfremdung», fuhr er fort, «ist ein weitverbreitetes Phänomen. Ich habe bei meinen Patienten oft damit zu tun, und darum warne ich sie auch im Voraus.»
Er ist tatsächlich ein Meister, dachte ich. Hätten die Dinge einen anderen Verlauf genommen, wenn er mich operiert hätte?
«In Ihrem Fall war die Entfremdung wegen des massiven Ausfalls der Propriozeption natürlich schlimmer. Am Knie kann ich diesen Ausfall noch immer demonstrieren, wenn er auch nicht mehr symptomatisch ist. Sie werden aber Symptome entwickeln, wenn Sie das Bein zu sehr anstrengen. Sie werden sich mindestens ein Jahr lang schonen müssen.
Und jetzt zu Ihrem Gang und Ihrem Knie: Sie gehen, als trügen Sie noch immer einen Gips. Sie halten das Bein steif, als hätten Sie kein Knie. Trotzdem können Sie das Bein bereits um fünfzehn Grad beugen – das ist zwar nicht viel, aber es reicht. Zum normalen Gehen reicht es – Sie müssen nur Gebrauch davon machen.»
Ich nickte.
«Warum gehen Sie, als hätten Sie kein Knie? Zum Teil aus Gewohnheit, denn so sind Sie mit dem Gips gegangen, zum Teil aber wohl auch, weil Sie Ihr Knie ‹vergessen› haben und sich nicht vorstellen können, wie es ist, das Knie zu gebrauchen.»
«Ich weiß», sagte ich: «So fühlt es sich für mich auch an. Aber anscheinend kann ich es nicht bewusst einsetzen. Immer wenn ich das versuche, fühlt es sich komisch an. Ich gehe nicht – ich stolpere.»
Er dachte einen Augenblick nach. «Wonach ist Ihnen zumute?», fragte er dann. «Welche Tätigkeit ist für Sie am natürlichsten? Was ist Ihre liebste sportliche Aktivität?»
«Schwimmen», antwortete ich, ohne zu zögern.
«Gut», sagte er. «Ich habe eine Idee.» Auf seinem Gesicht lag die Andeutung eines irgendwie lausbubenhaften Lächelns. «Ich glaube, es wäre am besten, wenn Sie schwimmen gehen. Bitte entschuldigen Sie mich einen Augenblick. Ich muss telefonieren.»
Eine Minute später war er wieder da. Das Lächeln war jetzt breiter.
«In fünf Minuten wird ein Taxi hier sein», sagte er. «Der Fahrer wird Sie zu einem Schwimmbad bringen. Kommen Sie morgen zur selben Zeit wieder.»
Das Taxi kam und setzte mich am Schwimmbad an der Seymour Hall ab. Ich lieh mir eine Badehose und ein Handtuch und trat zitternd an den Beckenrand. Der junge Bademeister, der neben dem Sprungbrett saß, sah mich spöttisch an und sagte: «Na, stimmt was nicht?»
«Man hat mir gesagt, ich solle schwimmen gehen», sagte ich. «Das hat mir der Arzt geraten, aber ich bin behindert. Ich bin operiert worden, und jetzt habe ich ein bisschen Angst.»
Langsam und träge stand der Bademeister auf, kam mit einem verschmitzten Gesicht auf mich zu und sagte plötzlich: «Los, um die Wette!» Gleichzeitig nahm er mir mit der Rechten den Gehstock weg und stieß mich mit der Linken ins Wasser.
Bevor ich begriff, was passiert war, fand ich mich wutentbrannt im Wasser wieder, und dann reagierte ich auf diese Unverschämtheit, diese Frechheit. Ich bin ein guter Schwimmer, ein «Naturtalent». Seit meiner Kindheit bin ich ein guter Schwimmer gewesen, seit frühester Kindheit sogar, denn mein Vater, ein Schwimm-Champion, warf uns mit sechs Monaten ins Wasser, in einem Alter also, in dem das Schwimmen instinktiv beherrscht wird und nicht gelernt zu werden braucht. Ich fühlte mich von dem Bademeister herausgefordert. Bei Gott, ich würde es ihm zeigen! Provozierend hielt er sich ein kleines Stück vor mir, aber ich schwamm in schnellem Kraul vier ganze Bahnen und hörte auch dann nur auf, weil er «Genug!», rief.
Ich stieg aus dem Becken – und stellte fest, dass ich normal ging. Das Knie arbeitete jetzt, es war vollständig «zurückgekehrt».
Als ich Mr. W.R. am nächsten Tag aufsuchte, brach er in lautes Lachen aus und sagte: «Großartig!»
Er fragte mich nach Einzelheiten. Ich erzählte ihm alles, und er lachte noch mehr.
«Toller Bursche!», sagte er. «Er macht das genau richtig.» Da begriff ich, dass die ganze Szene, der ganze Ablauf, auf sein Betreiben, auf seine Anregung zurückging und dass er dem Bademeister genau gesagt hatte, was er tun sollte. Auch ich brach in Lachen aus.
«Eine verrückte Sache», sagte er. «Es scheint immer zu funktionieren. Was man braucht, ist Spontaneität. Man muss mit List zum Handeln gebracht werden. Und wissen Sie was?» Er beugte sich vor. «Bei Hunden ist es dasselbe!
«Bei Hunden?», wiederholte ich und zwinkerte begriffsstutzig.
«Ja, bei Hunden», wiederholte er. «Bei meinem zum Beispiel. Ich habe einen Yorkshire-Terrier, eine süße Hündin. Sie hatte sich ein Bein gebrochen. Ich habe es gerichtet, und der Bruch ist wunderbar verheilt, aber trotzdem ging sie nur auf drei Beinen. Sie hörte nicht auf, das gebrochene Bein zu schonen, und hatte vergessen, es zu gebrauchen. So ging das zwei Monate lang. Sie wollte einfach nicht normal gehen. Also fuhr ich mit ihr nach Bognor[*], nahm dieses liebe, dumme Tier auf den Arm und watete ins Meer hinaus. Ich ging so weit hinaus, wie ich konnte, und dann ließ ich sie los, sodass sie zurückschwimmen musste. Sie schwamm mit einem kräftigen, gleichmäßigen Paddeln und trabte anschließend auf allen vier Beinen über den Strand. In beiden Fällen dieselbe Therapie: Spontaneität, etwas Unerwartetes, das irgendwie einen natürlichen Bewegungsablauf auslöst.»
Diese Geschichte und besonders Mr. W.R. gefielen mir außerordentlich. Ich war ganz zufrieden, mit einem Hund verglichen zu werden – das schien mir weit besser, denn als «einmaliger Fall» bezeichnet zu werden. Außerdem schwang darin etwas von der elementaren Natur der tierischen Seele und dem animalischen Wesen der Bewegung, von Spontaneität, Musikalität und Lebendigkeit mit.
Spontaneität! Das war es! Aber wie sollte man Spontaneität planen? Das war fast ein Widerspruch in sich. Es war geradezu lächerlich klar, dass der Kern von Mr. W.R.s Theorie und Praxis der Therapie die Spontaneität, das Spielerische war: das Aufspüren einer Tätigkeit, die natürlich und bedeutungsvoll und der Ausdruck eines Willens war, der sich an sich selbst erfreute – «condelectare sibi», um es mit den Worten des Scholastikers Duns Scotus zu sagen. «Was macht Ihnen Spaß?», hatte er gesagt. «Was bereitet Ihnen Genuss?» Mr. W.R.s Therapie war im Grunde «Scotianisch», und er hatte sich intuitiv den Standpunkt zu eigen gemacht, dass alle Funktion in ein Handeln eingebettet und somit der Schlüssel zu jeder Therapie das Handeln ist, sei es nun spielerisch, ernsthaft, impulsiv, spontan, musikalisch, theatralisch – solange es nur ein Handeln ist.
Am nächsten Tag ging ich in Kilburn ins Schwimmbad – in das mein Vater mich vor vierzig Jahren geworfen hatte – und gab mich einem scotianischen Schwimmvergnügen hin, das ich so genoss, dass ich gar nicht mehr aufhören wollte, denn bei einer Tätigkeit, die Spaß macht, empfindet man, im Gegensatz zu einer mühseligen Tätigkeit, keinen Druck und keine Erschöpfung, sondern nur Freude und inneren Frieden. Als ich schließlich, nicht ausgepumpt, sondern erfrischt, aus dem Becken stieg, sah ich den Bus, den ich nehmen musste, um die Ecke biegen. Ich reagierte, ohne nachzudenken, rannte ihm nach, holte ihn ein, sprang auf und lief die Treppe zum Oberdeck hinauf. Und damit war die scotistische These abermals und in zweifacher Hinsicht bestätigt: Ich hatte nicht gewusst, dass ich rennen oder springen konnte, und wenn ich es bewusst versucht hätte, wäre ich zu Schaden gekommen. Tatsächlich hatte ich noch am selben Morgen traurig zu mir selbst gesagt: «Du kannst zwar gehen, alter Junge, aber du wirst nie wieder rennen oder springen können.»
Lebenslustig ging ich am Freitagabend zum Ballsaal in Cricklewood. Ich sah den tanzenden Paaren mit Freude zu und spürte, wie groß der Gegensatz zu meiner Griesgrämigkeit fünf Wochen zuvor war, als ich mich voll Hass von den jungen Rugbyspielern in Highgate abgewandt hatte. Ich verspürte den Wunsch, den Impuls, ebenfalls zu tanzen, aber ich hätte es nicht gewagt – ich, ein Mann in mittleren Jahren, dem man gerade den Gips abgenommen hatte –, wenn mich nicht einige der Tänzer am Arm gepackt und in ihrer Ausgelassenheit gezwungen hätten, es ihnen gleichzutun. Ich brauchte nicht nachzudenken. Ich hatte keine Entscheidung zu treffen, denn bevor ich wusste, wie mir geschah, war ich in einer fröhlichen Bewegung, in einem natürlichen Willen – ut natura – gefangen.
Am nächsten Morgen schlief ich aus und wachte erst auf, als mein Bruder eintrat und sagte: «Hier ist ein Brief aus Moskau, von deinem Freund Professor Lurija.»
Zitternd vor Aufregung, nahm ich den Brief entgegen. Sieben Wochen war es her, dass ich an Lurija geschrieben hatte, weil ich das Gefühl hatte, dass er, und nur er, verstehen würde, was ich zu Papier brachte. Als Wochen vergingen, ohne dass eine Antwort kam, hatte ich mir Sorgen gemacht, denn bisher hatte er jeden meiner Briefe sofort beantwortet. (Die Verzögerung hatte jedoch nichts zu bedeuten – er hatte nur eine Weile in seiner Datscha gelebt.) Wie würde seine Antwort lauten? Gewiss würde er schreiben, was er empfand. Er war zur Verstellung ebenso wenig fähig wie zur Grobheit. Würde er also zart andeuten, dass ich hysterisch, verrückt gewesen war? Voller Angst vor meinen eigenen Gedanken riss ich den Umschlag auf.
Ja, ja, lieber Gott, er glaubte mir! Er glaube, was ich ihm geschrieben hatte – und fand es «höchst bedeutsam»! Er fand meine Beobachtungen überraschend, aber letztlich schlüssig. Sie standen im Einklang mit der Einheit, die man angesichts der funktionalen Einheit des Organismus erwarten durfte. Er hatte das Gefühl, dass ich tatsächlich «ein neues Gebiet entdeckte» und dass es wichtig war, meine Erfahrungen zu beschreiben.
Ach, was für ein Brief! Es war der schönste, verständnisvollste, hochherzigste Brief der Welt! Ein wohlwollender und zutiefst ermutigender Brief, ein Brief, der meine sehnlichsten Wünsche erfüllte; aber eben weil diese auf die Realität, auf Wissenschaft, Philosophie und Wahrheitsliebe gegründet waren, kamen Wunsch und Realität zur Deckung.
Trunken vor Glück, machte ich einen Spaziergang zum Heath. In meiner Kindheit war der Hampstead Heath mein Spielplatz und mein Traumland gewesen, mein liebster Schauplatz für meine kindlichen Phantasien und Spiele. Als Heranwachsender und als junger Mann hatte ich mich abermals in ihn verliebt. Hier konnte ich, etwas gesetzter nun, mit einem Gefühl von Zeitlosigkeit den ganzen Tag lang mit meinen Freunden umhergehen und diskutieren. Und noch wichtiger war vielleicht, dass der Hampstead Heath später, als sich die kindlichen Phantasien in die wissenschaftlichen Träume und Theorien des jungen Mannes verwandelt hatten, den Hintergrund für lange, meditative Spaziergänge bildete.
Ich ging zum Parliament Hill, einer der höchsten Erhebungen, von der aus man einen guten Blick in alle Richtungen hat. Ich dachte an all das, was in den vergangenen neun Wochen geschehen war, an dieses gewaltige Abenteuer, das sich jetzt dem Ende zuneigte. Ich hatte Höhen und Tiefen geschaut, wie man sie gewöhnlich nicht zu sehen bekommt. Ich hatte dort verweilt und die äußersten Grenzen der Erfahrung erforscht. Jetzt würde ich sozusagen wieder auf die Erde hinabsteigen und ein normaleres, gewöhnlicheres Leben ohne die wilden Extreme und Offenbarungen der vergangenen Wochen führen. Ich empfand das als Verlust. Mein Abenteuer ging zu Ende. Ich wusste aber, dass etwas Bedeutsames geschehen war, das seine Spuren hinterlassen und mich von jetzt an entscheidend verändern würde. Ein ganzes Leben, ein ganzes Universum war in diese Wochen gepresst worden. Diese Dichtheit der Erfahrung ist den meisten Menschen weder gegeben, noch wird sie von ihnen gewünscht, aber mich, dem sie widerfahren war, würde sie umformen und leiten.
«Dass Ihnen das zugestoßen ist, tut mir leid», schrieb Lurija, «aber wenn so etwas passiert, kann man es nur verstehen und nutzen. Vielleicht war es Ihr Schicksal, diese Erfahrung zu machen; bestimmt aber ist es nun Ihre Pflicht, sie zu verstehen und zu erforschen … Tatsächlich erschließen und entdecken Sie ein neues Gebiet.»