Nachwort (1991)

Damals hatte ich darum gebeten, dass die Operation unter Lumbalanästhesie vorgenommen würde; jetzt äußerte ich wieder diesen Wunsch, und diesmal wurde meine Bitte erfüllt. Als die Wirkung der Anästhesie einsetzte, verlor ich jedes Gefühl für meine Beine und die untere Hälfte meines Körpers; ich verlor jedes Gefühl dafür, dass die Beine und Hüften, die ich in einem Spiegel über dem Operationstisch sehen konnte, in irgendeiner Weise meine eigenen waren. Ich «endete», in einem ganz elementaren Sinne, in der Körpermitte, und das, was auf dem Tisch lag, diese sogenannten Beine und Hüften, gehörte nicht mir. Meine untere Körperhälfte war sozusagen als Ganzes «amputiert», war für meine Wahrnehmung, mein Selbstgefühl, nicht existent. Damit will ich nicht sagen, dass mir irgendetwas fehlte. Ganz im Gegenteil: Ich hatte nicht den Eindruck, als fehlte mir etwas, sondern vielmehr das Gefühl einer nahtlosen Ganzheit: dass ich, so wie ich war, ganz war. Es war, als hätte ich nie Beine, Hüften, ein

Ich war eher fasziniert als ängstlich – zum einen war dies dieselbe Entfremdung, die ich Jahre zuvor bei meinem anderen Bein erlebt hatte, zum anderen wusste ich ja, dass nach der Lumbalanästhesie alles wieder normal sein würde. Und doch war diese Perspektive seltsam blass und theoretisch, denn in diesem Zustand kann man sich nicht vorstellen, wie es ist, wieder im Besitz der unteren Körperhälfte zu sein, man kann sich nicht erinnern, wie es sich anfühlt, «ganz» zu sein, und der entfremdete Teil des Körpers ergibt überhaupt keinen Sinn. In diesen kaum vorstellbaren Zustand wird man von der Lumbalanästhesie versetzt, einen Zustand, der – so schoss es mir unwillkürlich durch den Kopf – ideal wäre für die Leser von «Der Tag, an dem mein Bein fortging»: Jeder, der dieses Buch in die Hand nimmt, dachte ich, sollte vor der Lektüre eine solche Anästhesie vornehmen lassen – dann würde er genau wissen, wovon ich spreche.

Jahre zuvor, als der Gips um das mir entfremdete linke Bein entfernt wurde, war es mir «vollendet geformt und leblos wie ein gelungenes Wachsmodell in einem Museum für Anatomie» erschienen, und ganz genau so sahen nun meine beiden Beine im Spiegel über dem Operationstisch aus. Ich verfolgte die Operation mit einem gewissen ästhetischen Vergnügen und einem Gefühl völliger innerer Distanz: Was da operiert wurde, war nicht mein Bein, sondern eine Art «Duplikat», das mit mir nichts zu tun hatte.[*]

Und tatsächlich konnte ich, mit einer Gehhilfe, am folgenden Tag aufstehen, wobei der Gipsverband das Bein stützte und das Gewicht meines Körpers trug. Ich schaffte nur ein paar kleine Schritte, aber das war genug – genug, um mich davon zu überzeugen, dass die schreckliche Situation, in der ich mich zehn Jahre zuvor befunden hatte, nicht abermals eingetreten war. Ich war schwach, aber ich konnte gehen; das Bein war ein Teil von mir, und nichts deutete auf eine Entfremdung hin. Als ich wieder im Bett lag, fiel es mir leicht, den Quadrizeps anzuspannen und die Beinmuskulatur zu trainieren; es war kein Problem, auf meinem gesunden Bein zu stehen und das operierte Bein aus der Hüfte in diese oder jene Richtung zu schwingen, sodass der Muskeltonus erhalten blieb. Meine Kraft und mein Selbstvertrauen schienen mit jeder Stunde zu wachsen. Die Krankengymnastin ermunterte mich und freute sich über meine Fortschritte. «Sie sind einer von den leichten Fällen», sagte sie. «Bei Ihnen gibt es keine Probleme.»

«Was für Probleme?», fragte ich. «Wie sieht es denn bei den schweren Fällen aus?»

«Und ob ich mir das vorstellen kann», sagte ich und erzählte ihr, was mir zehn Jahre zuvor widerfahren war.

Damals, in London, hatte ich auf meinem Krankenblatt gelesen: «Genesung verläuft ohne besondere Vorkommnisse» – und dabei hatte ich in Wirklichkeit kaum vorstellbare Rückschläge überwunden, hatte unvorhersehbare qualitative (und fast existenzielle) Veränderungen erfahren, die, eine nach der anderen, hatten durchlebt werden müssen. Diesmal jedoch geschah nichts dergleichen: Es ging nichts verloren, es war nichts gelähmt oder vergessen, es musste nichts aufs Neue erlernt werden.[*] Diesmal verlief die Genesung tatsächlich ohne besondere Vorkommnisse – es trat keines der Phänomene auf, die die Erste so ungewöhnlich

Noch ein weiterer Vorgang beschäftigte mich: Eine andere Störung des Körperbildes, eine unerwartete und auf andere Weise hervorgerufene Störung, die aber die enorme Anpassungsfähigkeit des Körperbildes verdeutlichte. Ich hatte mir nicht nur einen Sehnenriss zugezogen, sondern auch die rechte Schulter verrenkt, und der behandelnde Arzt entschied sich für eine feste Bandage statt eines Gipsverbandes. Da ich jedoch ein ausgeprägter Rechtshänder bin und den starken Drang zu schreiben verspürte (was ich jetzt nur noch linkshändig, in qualvoll langsamem Tempo und einer großen, kindlichen Schrift tun konnte), lockerte ich, in dem wütenden Versuch, mit der Rechten etwas zu Papier zu bringen, die Bandage nach und nach. Der Arzt merkte das und gab Anweisung, den Arm ganz ruhig zu stellen und in Gips zu legen. Nur wenige Stunden darauf hatte ich das überaus seltsame Gefühl, als hätte ich keine Schulter mehr, als hätte ich die Schulter und einen großen Teil meines Armes verloren. Merkwürdigerweise konnte

Es schien, als könnte sich das Körperbild selbst – je nach Mobilität, Beanspruchung und Erfahrung der entsprechenden Körperteile – verändern, an veränderte Gegebenheiten anpassen, und zwar innerhalb von Stunden. Ich hatte den Eindruck, dass es sich dabei nicht um ein festes Bild im Gehirn handelte, wie man angesichts der klassischen Darstellungen des sogenannten somatosensiblen oder motorischen Homunculus annehmen könnte. War es denkbar, dass nach einer Amputation oder Lähmung oder Deafferentierung ein Teil des Körperbildes ausradiert wird und der Rest sich ausdehnt, um den Platz des gelöschten Teils einzunehmen?

Diese und ähnliche Gedanken beschäftigten mich nach der Operation und während der folgenden Tage meines Krankenhausaufenthaltes, und es drängte mich, sie zu formulieren. Da ich die rechte Hand nicht benutzen durfte, schrieb ich mit der linken; die Langsamkeit, mit der ich vorankam, machte mich schier wahnsinnig, und ich versuchte es mit einem Diktiergerät. Ich rief

Doch ich konnte die Angelegenheit nicht als erledigt betrachten, auch wenn ich sie in die hinteren Kammern meines Kopfes verbannte, wo sie weiter rumorte. Seit zehn Jahren beschäftigte mich ein hartnäckiges «Warum?», ein Warum, das in meinem Buch nie ganz beantwortet worden war. Ich wusste noch immer nicht genau, was 1974 eigentlich «passiert» war, und fand keine der Erklärungen, die ich las oder hörte, wirklich befriedigend. Der Oberschenkelnerv war verletzt worden, doch hätte dies allenfalls eine lokale Schwächung und Taubheit nach sich ziehen dürfen, nicht aber einen totalen motorischen und sensorischen «Ausfall», eine Amnesie, eine ideatorische Auslöschung des

In den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts stellte der große Neurologe Charcot seinen Schülern Babinski und Freud eine Aufgabe: Sie sollten die Unterschiede zwischen der organischen (neurogenen) und der hysterischen (psychogenen) Lähmung finden. Freud stellte fest, dass organische Lähmungen (und Anästhesien)Muster aufweisen, die streng an der Neuroanatomie mit ihrer neuronalen Organisation, den Nervenbahnen des Rückenmarks und ihren Zentren im Gehirn, orientiert sind. Im Gegensatz dazu folgen hysterische Lähmungen nicht diesen Mustern – sie sind nicht Ausdruck einer anatomischen Schädigung des Nervensystems, sondern von Konzepten und Gefühlen, die durch psychische Traumata hervorgerufen und dann (zur Abwehr dieser Traumata) abgespalten und verdrängt werden. Die organischen Lähmungserscheinungen sind anatomisch zu verstehen, weisen jedoch keine ihnen innewohnenden psychischen Komponenten auf, während die hysterischen Lähmungserscheinungen psychisch (oder psychodynamisch) zu verstehen sind und keine ihnen zugrunde liegenden anatomischen Komponenten umfassen. Organische Lähmungen, stellte Freud fest, sind physischer, hysterische (und – so die Folgerung – alle anderen) dagegen mentaler Natur.

Somit schien man klare Unterscheidungsmerkmale zu haben, mit denen Neurologen und Psychiater arbeiten konnten. Die Hysterie wurde oft als «die große Imitatorin» bezeichnet, weil hysterische Lähmungen häufig organische Lähmungen nachahmen, und man brauchte eine Charakterisierung und klare

Freuds Arbeit – zunächst auf dem Gebiet der Neurologie, dann auf dem der Analyse – konfrontierte ihn nicht mit solchen «Fällen» und Phänomenen; Babinski jedoch hatte sehr wohl mit ihnen zu tun, insbesondere im Ersten Weltkrieg. In seinem 1917 veröffentlichten Buch finden sich zahlreiche Beobachtungen von Lähmungen, Entfremdungen und anderen Syndromen, die nach peripheren Verletzungen auftraten, von Syndromen, die weder als organisch noch als hysterisch eingestuft werden konnten. Sie bildeten, glaubte Babinski, einen «dritten Bereich» und erforderten einen völlig anderen Ansatz. Er war davon überzeugt, dass diese Syndrome physiologischer Natur seien, und bezeichnete sie mit einem Ausdruck, den er auch als Titel seines Buches wählte: Syndrome physiopathique. Wie Weir Mitchell und andere vor ihm

Dennoch gelang es weder Babinski, Head oder Sherrington noch – eine Generation später – Lurija oder Leontjew, die tatsächlichen Mechanismen, deren Prinzip sie intuitiv erkannt hatten, zu erfassen. Und auch ich konnte ihnen trotz der Erfahrung, die ich 1974 gemacht hatte, und obwohl ich in den folgenden Jahren über meine Erlebnisse (und die anderer Patienten) intensiv nachdachte, nicht mehr Sinn abgewinnen. Ich sah zwar, dass solche Erfahrungen eine physiologische Ursache haben, erkannte aber auch, dass sie sich nicht in das klassische Modell einfügen lassen. Mir war klar geworden, dass wir eine «Neurologie der Identität» brauchen, eine Neurologie, die in der Lage ist zu erklären, auf welche Weise Körperteile (und der Raum, den sie einnehmen) «besessen» (oder

Doch ich wusste nicht, wie eine solche Neurologie aussehen sollte, und so begab ich mich gegen Ende des Buches auf einen – wie ich inzwischen erkannt habe – seltsamen Irrweg in die mystischen, kantianischen Tiefen des a priori. Heute bedaure ich das und möchte diesen Irrtum richtigstellen; damals jedoch, in den siebziger Jahren, wurde ich wohl durch die Begrenztheit der physiologischen Kenntnisse und Theorien, in denen Erfahrungen wie meine, ja alle «höheren» Bereiche von Wahrnehmung und Sprache ausgegrenzt waren, in diese Richtung gedrängt. Ich war nicht der Erste, der diesen Irrweg einschlug, und werde sicher auch nicht der Letzte sein.[*]

Die Erfahrung, die ich 1984 mit meinem rechten Bein machte, überzeugte mich davon, dass die Zeit bei der Aufrechterhaltung (oder Auflösung) des Körperbildes eine entscheidende Rolle spielt. Diese «gute» Erfahrung, die sich so deutlich von der im Jahr 1974 unterschied, beruhte zum Teil auf Glück (ich befand mich in

Merzenich und seine Kollegen haben sowohl die Auswirkungen von Amputation oder Deafferentierung (durch Fixierung der Hände mit Bandagen beziehungsweise Gipsverbänden oder durch operative Unterbrechung sensibler Nervenfasern) als auch die Auswirkungen von taktiler Stimulation und aktivem Gebrauch der Hände auf das Bild der Hand im sensorischen Rindenfeld untersucht. Sie haben nachgewiesen, dass mit einer Unterbrechung der sensorischen Reize der Hand eine rasche Verkleinerung oder Löschung ihres kortikalen Bildes erfolgt, die mit einer zügigen Reorganisation der verbleibenden Reize einhergeht. Die Experimente zeigen, dass es für keinen Körperteil einen festgelegten, «reservierten» Bereich gibt, also auch keine bestimmte «Hand»-Area. Wenn eine Hand für eine gewisse Zeit deafferentiert oder inaktiviert ist, verliert sie ihren Platz im sensorischen Rindenfeld. Dieser wird innerhalb von Stunden oder Tagen überlagert von der Repräsentation der anderen Körperteile, sodass im Kortex nun eine neue, «handlose» Abbildung des Körpers existiert. Das innere Bild des

Merzenich hat festgestellt, dass es nie eine spontane Wiederherstellung des verschwundenen kortikalen Bildes gibt: Es muss erst eine neue Organisation geschaffen werden, und zwar auf der Grundlage neuer Erfahrungen, neuer Reize und Handlungen. Das Körperbild ist also nicht fixiert, wie die mechanistische Neurologie annimmt, sondern vielmehr dynamisch und formbar – es muss ständig umgeschaltet und aktualisiert werden und ist imstande, sich je nach den wechselnden Erfahrungen radikal neu zu organisieren.[*] Das Körperbild ist nicht a priori im Gehirn festgelegt; es ist ein Prozess, der sich ständig an die Erfahrung anpasst.[*]

Welchen Status, so fragt man sich nun, hat aber eine Hand, ein

Ebenso verhält es sich mit Merzenichs Affen, nachdem die Nervenverbindungen zu ihren Händen durchtrennt oder die Hände mit Gipsverbänden und Bandagen fixiert oder auf andere Weisen «deafferentiert» worden sind. Die Tiere verhalten sich ihnen gegenüber indifferent, scheinen sie gar nicht zu beachten.[*] Sie starren ihre Hände jedoch nicht mit fassungsloser Faszination an, sie scheinen nicht verwirrt oder von einem Gefühl der Anomalie beunruhigt. Verfügen sie vielleicht gar nicht über das Konzept der «Fremdheit»? Ist dieses Gefühl der Verwirrung und Anomalie und Fassungslosigkeit, das Gefühl der Fremdheit, des Verlustes

Die Selbstreferenz – ein von Israel Rosenfield in die Neurologie eingeführter Begriff – kann implizit (etwa wenn ein Tier als ein Selbst handelt, dabei jedoch nicht über sich reflektiert) oder explizit sein (wenn ein Konzept des Selbst vorhanden ist). Diese explizite Form der Selbstreferenz ist der wesentliche Kern menschlichen Bewusstseins und bestimmt unsere Erfahrungen.[*] Keines der hier erwähnten Tiere – Mr. W.R.s Hund, Herriots Kuh, Merzenichs Nachtaffen – wäre imstande, auf die Ausblendung hinzuweisen. Man kann nicht einmal ihre Aufmerksamkeit darauf lenken: Sie übergehen die entsprechenden Körperteile einfach.[*] Ähnlich verhält sich ein Mensch mit einem verletzten,

Im Allgemeinen ist die Struktur des Bewusstseins nicht von Neurologen untersucht worden – sie hatten nur zu oft das Gefühl, das Bewusstsein gehe sie nichts an und solle am besten den Psychiatern überlassen bleiben. Diese Haltung war ein Relikt des strengen Dualismus des vorigen Jahrhunderts, dem zufolge alle Phänomene entweder als «körperlich» oder als «geistig» betrachtet wurden. In diesem bis dahin abgeschotteten System siedelte Babinski einen «dritten Bereich» an, in dem organische, objektive neurologische Störungen dennoch zu Bewusstseinsstörungen führen können. Babinski beschäftigte sich zunächst mit bestimmten zerebralen Syndromen, mit Störungen, die (fast immer) die rechte Gehirnhälfte betreffen und einen Ausfall der Wahrnehmung der linken Körperhälfte (und ihres «Raumes») nach sich ziehen: sogenannte «Halbseitensyndrome» oder «halbseitige Wahrnehmungsausfälle». Solche inneren Halbierungen des Körpers und seines Raumes führen zu einem außergewöhnlichen,

Nur im Falle eines intakten menschlichen Gehirns, das mit einer Ausblendung oder Auslöschung peripheren Ursprungs konfrontiert wird, können sich Aufmerksamkeit und Bewusstsein höherer Ordnung ganz auf dieses Phänomen richten. Anosognosie entzieht sich der Selbstbetrachtung, der Einsicht und der Schilderung.[*] Eine Entfremdung hingegen kann, unter Zuhilfenahme

Dies ist, obwohl Babinski sich nie explizit dazu geäußert hat, gewiss einer der Gründe, warum er sich nach der Beschreibung der kortikalen Syndrome von halbseitigem Wahrnehmungsausfall und Anosognosie den peripheren Syndromen zuwandte: dem großen phänomenologischen Reichtum seines «syndrome physiopathique». Und aus demselben Grund waren Leontjew und Saporoshez, die (neben Lurija) die Neuropsychologie begründeten, im Zweiten Weltkrieg so fasziniert von den Schilderungen ihrer Patienten mit «entfremdeten» Händen und schrieben diese «inneren Amputationen» und «Entfremdungen» einer «Dissoziation gnostischer Systeme» zu, einem neuropsychologischen Zusammenbruch auf höchster Ebene. Aber Leontjew und Saporoshez waren noch einer objektiven Neurologie verpflichtet. Sie betrachteten das Gehirn als ein System von Systemen, setzten sich nicht mit der Subjektivität der Beschreibungen ihrer Patienten auseinander und fanden keine Erklärung, welche die Struktur des Bewusstseins einbezog.

Ein Patient, der an einer solchen Entfremdung leidet, ist imstande, sich mit deren zentralem Paradoxon zu beschäftigen: dem Gefühl, dass der entfremdete Körperteil nicht zum Selbst gehört. Er kann eine Erinnerungsstörung feststellen, jene paradoxe «Amnesie», die im Widerspruch zu dem steht, was er weiß. Er ist in der Lage, die Störung des persönlichen, inneren Raums zu bemerken (die auch Agnosie-Patienten zeigen, aber nicht erleben).

Solche phänomenologischen Veränderungen können nicht in Bezug auf ein System, sondern nur in Bezug auf das Selbst formuliert werden. Sie erfordern eine «Neurologie der Identität», sie erfordern eine Theorie der Identität, der Erinnerung und des «Raumes», welche diese drei Elemente miteinander verknüpft und zeigt, wie sie, als Aspekte eines einzigen, übergreifenden Prozesses, untrennbar miteinander verbunden sind. Kurz gesagt: Wir brauchen eine biologische Theorie des Bewusstseins – doch stand diese in den siebziger Jahren weder mir noch irgendjemandem sonst zur Verfügung.

Dabei blieb es viele Jahre lang, bis ich auf die Arbeiten von Gerald Edelman und seine Charakterisierung des «primären» und

Dieses «Loch» konnte ich nun als ein «Loch» in dem interpretieren, was Edelman «primäres Bewusstsein» nennt. Das Bewusstsein höherer Ordnung mühte sich, dies zu verstehen, und setzte dazu alle Konstrukte und sprachlichen Mittel ein, die ihm zur Verfügung standen. Es blickte in den Abgrund, fand Konzepte und Worte für das, was es da sah (das «Fremde», das «Anomale», das «Ortlose», das «Vergangenheitslose»), und konnte doch nichts daran ändern. Und es vermochte keinen Ersatz dafür bereitzustellen – ich konnte zwar das symbolische und sprachliche Konstrukt «Bein» verwenden, doch war damit für mich keinerlei subjektive

«Neuropsychologische Beobachtungen», betont Edelman (1990, S. 25), «bieten eine einzigartige Gelegenheit, Theorien über das Bewusstsein in Bezug auf modalitätsspezifische Ausfälle und die Auswirkungen von Defekten auf das Erinnerungsvermögen, die Sprache und bestimmte Fähigkeiten zu überprüfen.» Die einfachste dieser «Überprüfungen» ist das Gefühl der «Entfremdung», das uns, im Nichterscheinen, die Struktur des Bewusstseins zeigt. Entfremdung ist ein blinder Fleck im primären Bewusstsein, der vom Bewusstsein höherer Ordnung wahrgenommen wird.

Dass eine lokal begrenzte und obendrein periphere Störung eine massive Störung des Bewusstseins verursachen kann, mag überaus erstaunlich sein. Der Grund fier dieses Erstaunen ist jedoch, dass wir bislang über keine adäquate «von unten nach oben gerichtete» Theorie des Bewusstseins verfügten und seine biologischen Ursprünge in den Wahrnehmungsprozessen und ihren Abbildungen im Organismus nicht verstanden haben. Edelman beweist, dass Veränderungen in den primären rezeptiven Bereichen – Störungen der «lokalen Repräsentation» – hinreichende Auslöser für Veränderungen des Bewusstseins sind; es ist nicht nötig, weitere Auslöser heranzuziehen (wie etwa zusätzliche, ebenfalls vorhandene, «von oben nach unten gerichtete» Neurosen oder Psychosen).[*]

Das primäre Bewusstsein ist normalerweise natürlich nicht wahrnehmbar – es ist, wie alles Normale, automatisch und entzieht sich dem Blick. Seine Existenz zeigt sich paradoxerweise in der Tatsache, dass es sich verbirgt. Und erst wenn es offensichtlich

Und doch sind solche Pathographien – jene der Wechselfälle des Bewusstseins, sofern sie auf neuropsychologischen Bedingungen beruhen – überaus selten, ja von verschwindend geringer Zahl. «Solche Syndrome», schrieb Lurija mir, «sind häufig, werden jedoch sehr selten beschrieben.»

«Bitte veröffentlichen Sie Ihre Beobachtungen», fuhr er fort. «Das wird dazu beitragen, den veterinärmedizinischen Umgang mit peripheren Störungen zu verändern.» Mit Hilfe eines rein «veterinärmedizinischen» Ansatzes ließen sich, davon war er überzeugt, solche Störungen nicht einmal annähernd verstehen, denn Entfremdung kann man nicht messen oder filmen oder beobachten – sie kann nur von dem Betroffenen, einem mit einem Bewusstsein ausgestatteten Menschen, mitgeteilt werden. Die Neurologie ist jedoch tatsächlich weitgehend veterinärmedizinisch orientiert: Sie befasst sich fast ausschließlich mit Dingen, die gemessen und objektiv überprüft werden können, und kaum mit der inneren Erlebniswelt, der inneren Struktur, der Subjektivität des Menschen. Sie rühmt sich, all diese Elemente auszuschließen, eine gänzlich «objektive» Wissenschaft zu sein und sich (wie die Physik) ausschließlich mit dem Öffentlichen, dem Sichtbaren, dem Demonstrierbaren zu befassen. Sie schließt Bewusstsein und mentale Zustände aus, weil diese «subjektiv» und «privat» sind und nicht auf konventionelle Weise verifiziert und bewertet werden können. In der Neurologie sind «persönliche» Begriffe nicht

Und dennoch haben wir schon immer intuitiv erkannt – und dies wird jetzt auch formal untermauert –, dass wir keine Sinnesmaschinen oder unpersönliche Automaten sind, dass alle Erfahrung, alle Wahrnehmung von Anfang an selbstreferenziell ist, dass unser Gedächtnis nicht wie der Speicher eines Computers funktioniert, sondern die Organisation und Kategorisierung persönlicher Erfahrungen darstellt, dass unsere Begriffe von «Raum» und «Zeit» nichts mit dem Raum und der Zeit der Physik zu tun haben, sondern sich auf uns selbst beziehen. Im Gehirn gibt es keine Darstellung des abstrakten «Raums» nur unseren eigenen, individuellen, «persönlichen Raum» (und dies wird ganz deutlich, wenn man an das Phänomen des «halbseitigen Wahrnehmungsausfalls» denkt, der eine Halbierung des persönlichen Modells der Welt ist). Und zuerst und vor allem liegt auf der Hand, dass unser Körper etwas Persönliches ist und dass er die erste Definition von «Ich» und «Selbst» liefert. («Das Ich», schreibt Freud, «ist vor allem ein körperliches.») Aber nichts von alldem hat wirklich Eingang in die Neurologie gefunden. Die Neurologie basiert noch immer auf einem mechanischen Modell – selbst in der Neuropsychologie der «Systeme» von Leontjew und Saporoshez. Das mechanische Modell geht auf Descartes zurück, auf seine Dichotomie von «Körper» und «Seele», auf seine Auffassung, der Körper sei ein Automat, über dem irgendwie ein wissendes, wollendes «Ich» schwebe.

Fachliche und persönliche Erfahrungen – wie auch die in diesem Buch geschilderten – lassen sich mit einem solchen Dualismus jedoch nicht vereinbaren. Sie verdeutlichen den Bankrott des klassischen Modells und die Notwendigkeit einer an der Persönlichkeit orientierten Neurologie. Wir müssen uns bewusst sein,

Die Neurologie muss einen großen Sprung machen: Sie muss das mechanische, «klassische» Modell, an das sie sich so lange geklammert hat, hinter sich lassen und zu einem ganz und gar an der Persönlichkeit orientierten, selbstreferenziellen Modell von Gehirn und Geist kommen. Heute deutet vieles darauf hin, dass eine solche Veränderung eintreten kann. Und wenn das geschieht, schreibt Edelman, dann wird es eine der bedeutendsten Umwälzungen unserer Geschichte sein – nicht weniger revolutionär, als es der Aufstieg der Physik aus dem Galilei’schen Weltbild vor vierhundert Jahren