Im Januar 1984 – die Arbeiten am Manuskript dieses Buches, das mich lange beschäftigt hatte, waren gerade abgeschlossen – stürzte ich abermals, diesmal jedoch, ziemlich prosaisch, nicht (wie 1974) in den Bergen Norwegens auf der Flucht vor einem Stier, sondern in einem vereisten Rinnstein in der Bronx. Diesmal zog ich mir eine Ruptur der rechten Quadrizepssehne zu und verrenkte mir darüber hinaus die rechte Schulter. Und diesmal hatte ich nicht auf einem einsamen Berg den Tod vor Augen und musste keine lange Reise über Land und Meer auf mich nehmen, sondern lag innerhalb von zwei Stunden auf dem Operationstisch einer Klinik.
Damals hatte ich darum gebeten, dass die Operation unter Lumbalanästhesie vorgenommen würde; jetzt äußerte ich wieder diesen Wunsch, und diesmal wurde meine Bitte erfüllt. Als die Wirkung der Anästhesie einsetzte, verlor ich jedes Gefühl für meine Beine und die untere Hälfte meines Körpers; ich verlor jedes Gefühl dafür, dass die Beine und Hüften, die ich in einem Spiegel über dem Operationstisch sehen konnte, in irgendeiner Weise meine eigenen waren. Ich «endete», in einem ganz elementaren Sinne, in der Körpermitte, und das, was auf dem Tisch lag, diese sogenannten Beine und Hüften, gehörte nicht mir. Meine untere Körperhälfte war sozusagen als Ganzes «amputiert», war für meine Wahrnehmung, mein Selbstgefühl, nicht existent. Damit will ich nicht sagen, dass mir irgendetwas fehlte. Ganz im Gegenteil: Ich hatte nicht den Eindruck, als fehlte mir etwas, sondern vielmehr das Gefühl einer nahtlosen Ganzheit: dass ich, so wie ich war, ganz war. Es war, als hätte ich nie Beine, Hüften, ein Gesäß, eine untere Körperhälfte gehabt, als wäre ich ohne diese Körperhälfte zur Welt gekommen.
Ich war eher fasziniert als ängstlich – zum einen war dies dieselbe Entfremdung, die ich Jahre zuvor bei meinem anderen Bein erlebt hatte, zum anderen wusste ich ja, dass nach der Lumbalanästhesie alles wieder normal sein würde. Und doch war diese Perspektive seltsam blass und theoretisch, denn in diesem Zustand kann man sich nicht vorstellen, wie es ist, wieder im Besitz der unteren Körperhälfte zu sein, man kann sich nicht erinnern, wie es sich anfühlt, «ganz» zu sein, und der entfremdete Teil des Körpers ergibt überhaupt keinen Sinn. In diesen kaum vorstellbaren Zustand wird man von der Lumbalanästhesie versetzt, einen Zustand, der – so schoss es mir unwillkürlich durch den Kopf – ideal wäre für die Leser von «Der Tag, an dem mein Bein fortging»: Jeder, der dieses Buch in die Hand nimmt, dachte ich, sollte vor der Lektüre eine solche Anästhesie vornehmen lassen – dann würde er genau wissen, wovon ich spreche.
Jahre zuvor, als der Gips um das mir entfremdete linke Bein entfernt wurde, war es mir «vollendet geformt und leblos wie ein gelungenes Wachsmodell in einem Museum für Anatomie» erschienen, und ganz genau so sahen nun meine beiden Beine im Spiegel über dem Operationstisch aus. Ich verfolgte die Operation mit einem gewissen ästhetischen Vergnügen und einem Gefühl völliger innerer Distanz: Was da operiert wurde, war nicht mein Bein, sondern eine Art «Duplikat», das mit mir nichts zu tun hatte.[*]
Diesmal, beim rechten Bein, lag keine starke Quetschung, kein Ödem vor wie damals beim anderen Bein; es deutete auch nichts auf eine ernsthafte Verletzung des Oberschenkelnervs hin. Die Operation war insgesamt unkomplizierter, und zwischen dem ersten Schnitt und dem letzten Stich vergingen nicht mehr als zwei Stunden. Außerdem legte man mir einen Gehgips an und sagte mir, ich solle am nächsten Tag schon aufstehen und gehen. Was für ein Gegensatz zu der ersten Operation, nach der das Bein fünfzehn Tage lang völlig ruhiggestellt worden war – fünfzehn Tage, die ich, an Bett oder Rollstuhl gefesselt, in einer Art Vorhölle zugebracht hatte!
Und tatsächlich konnte ich, mit einer Gehhilfe, am folgenden Tag aufstehen, wobei der Gipsverband das Bein stützte und das Gewicht meines Körpers trug. Ich schaffte nur ein paar kleine Schritte, aber das war genug – genug, um mich davon zu überzeugen, dass die schreckliche Situation, in der ich mich zehn Jahre zuvor befunden hatte, nicht abermals eingetreten war. Ich war schwach, aber ich konnte gehen; das Bein war ein Teil von mir, und nichts deutete auf eine Entfremdung hin. Als ich wieder im Bett lag, fiel es mir leicht, den Quadrizeps anzuspannen und die Beinmuskulatur zu trainieren; es war kein Problem, auf meinem gesunden Bein zu stehen und das operierte Bein aus der Hüfte in diese oder jene Richtung zu schwingen, sodass der Muskeltonus erhalten blieb. Meine Kraft und mein Selbstvertrauen schienen mit jeder Stunde zu wachsen. Die Krankengymnastin ermunterte mich und freute sich über meine Fortschritte. «Sie sind einer von den leichten Fällen», sagte sie. «Bei Ihnen gibt es keine Probleme.»
«Was für Probleme?», fragte ich. «Wie sieht es denn bei den schweren Fällen aus?»
«Ach, Sie können sich gar nicht vorstellen, was es da für Schwierigkeiten gibt», antwortete sie. «Manche Quadrizeps-Patienten sagen, dass sie ihr Bein nicht spüren, dass es nicht mehr zu ihnen gehört, dass sie es nicht bewegen können, dass sie vergessen haben, was sie damit machen sollen. Sie können sich das gar nicht vorstellen», wiederholte sie mit Nachdruck.
«Und ob ich mir das vorstellen kann», sagte ich und erzählte ihr, was mir zehn Jahre zuvor widerfahren war.
Damals, in London, hatte ich auf meinem Krankenblatt gelesen: «Genesung verläuft ohne besondere Vorkommnisse» – und dabei hatte ich in Wirklichkeit kaum vorstellbare Rückschläge überwunden, hatte unvorhersehbare qualitative (und fast existenzielle) Veränderungen erfahren, die, eine nach der anderen, hatten durchlebt werden müssen. Diesmal jedoch geschah nichts dergleichen: Es ging nichts verloren, es war nichts gelähmt oder vergessen, es musste nichts aufs Neue erlernt werden.[*] Diesmal verlief die Genesung tatsächlich ohne besondere Vorkommnisse – es trat keines der Phänomene auf, die die Erste so ungewöhnlich gestaltet hatten. Die Frage war nun: Warum gab es keine Veränderung in der Wahrnehmung und dem inneren Bild meines Beines? Warum gab es keine Erosion, kein Vergessen seiner Identität und seines «Willens»? Was hatte die erste Verletzung zu einem schweren und diese zweite Verletzung zu einem leichten Fall gemacht?[*]
Noch ein weiterer Vorgang beschäftigte mich: Eine andere Störung des Körperbildes, eine unerwartete und auf andere Weise hervorgerufene Störung, die aber die enorme Anpassungsfähigkeit des Körperbildes verdeutlichte. Ich hatte mir nicht nur einen Sehnenriss zugezogen, sondern auch die rechte Schulter verrenkt, und der behandelnde Arzt entschied sich für eine feste Bandage statt eines Gipsverbandes. Da ich jedoch ein ausgeprägter Rechtshänder bin und den starken Drang zu schreiben verspürte (was ich jetzt nur noch linkshändig, in qualvoll langsamem Tempo und einer großen, kindlichen Schrift tun konnte), lockerte ich, in dem wütenden Versuch, mit der Rechten etwas zu Papier zu bringen, die Bandage nach und nach. Der Arzt merkte das und gab Anweisung, den Arm ganz ruhig zu stellen und in Gips zu legen. Nur wenige Stunden darauf hatte ich das überaus seltsame Gefühl, als hätte ich keine Schulter mehr, als hätte ich die Schulter und einen großen Teil meines Armes verloren. Merkwürdigerweise konnte ich mich an meine Schulter und meinen Oberarm gar nicht mehr erinnern – es war, als hätte ich beides nie gehabt, als wäre ich ohne sie geboren. Als ich mich darüber beklagte, ließ der Arzt den Gips entfernen und mir wieder eine Bandage anlegen, ermahnte mich allerdings streng, nur mit der linken Hand zu schreiben. Innerhalb von ein, zwei Stunden war meine Schultern zurückgekehrt»[*]
Es schien, als könnte sich das Körperbild selbst – je nach Mobilität, Beanspruchung und Erfahrung der entsprechenden Körperteile – verändern, an veränderte Gegebenheiten anpassen, und zwar innerhalb von Stunden. Ich hatte den Eindruck, dass es sich dabei nicht um ein festes Bild im Gehirn handelte, wie man angesichts der klassischen Darstellungen des sogenannten somatosensiblen oder motorischen Homunculus annehmen könnte. War es denkbar, dass nach einer Amputation oder Lähmung oder Deafferentierung ein Teil des Körperbildes ausradiert wird und der Rest sich ausdehnt, um den Platz des gelöschten Teils einzunehmen?
Diese und ähnliche Gedanken beschäftigten mich nach der Operation und während der folgenden Tage meines Krankenhausaufenthaltes, und es drängte mich, sie zu formulieren. Da ich die rechte Hand nicht benutzen durfte, schrieb ich mit der linken; die Langsamkeit, mit der ich vorankam, machte mich schier wahnsinnig, und ich versuchte es mit einem Diktiergerät. Ich rief meinen Verleger an und erzählte ihm von meinem Unfall. «Ach, Oliver», sagte er entnervt, «für eine Fußnote würden Sie aber auch wirklich alles tun!»[*]
Doch ich konnte die Angelegenheit nicht als erledigt betrachten, auch wenn ich sie in die hinteren Kammern meines Kopfes verbannte, wo sie weiter rumorte. Seit zehn Jahren beschäftigte mich ein hartnäckiges «Warum?», ein Warum, das in meinem Buch nie ganz beantwortet worden war. Ich wusste noch immer nicht genau, was 1974 eigentlich «passiert» war, und fand keine der Erklärungen, die ich las oder hörte, wirklich befriedigend. Der Oberschenkelnerv war verletzt worden, doch hätte dies allenfalls eine lokale Schwächung und Taubheit nach sich ziehen dürfen, nicht aber einen totalen motorischen und sensorischen «Ausfall», eine Amnesie, eine ideatorische Auslöschung des gesamten Beines. Die ganze Angelegenheit war tief beunruhigend und traumatisch gewesen, und ich sann und grübelte immer wieder darüber nach. Es deutete nichts auf eine Abspaltung, eine Abwehrhysterie hin. Wenn diese Reaktion weder neurologisch im klassischen (anatomischen) Sinne noch psychiatrisch im klassischen (dynamischen) Sinne zu verstehen war – was hatte ihr dann zugrunde gelegen?
In den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts stellte der große Neurologe Charcot seinen Schülern Babinski und Freud eine Aufgabe: Sie sollten die Unterschiede zwischen der organischen (neurogenen) und der hysterischen (psychogenen) Lähmung finden. Freud stellte fest, dass organische Lähmungen (und Anästhesien)Muster aufweisen, die streng an der Neuroanatomie mit ihrer neuronalen Organisation, den Nervenbahnen des Rückenmarks und ihren Zentren im Gehirn, orientiert sind. Im Gegensatz dazu folgen hysterische Lähmungen nicht diesen Mustern – sie sind nicht Ausdruck einer anatomischen Schädigung des Nervensystems, sondern von Konzepten und Gefühlen, die durch psychische Traumata hervorgerufen und dann (zur Abwehr dieser Traumata) abgespalten und verdrängt werden. Die organischen Lähmungserscheinungen sind anatomisch zu verstehen, weisen jedoch keine ihnen innewohnenden psychischen Komponenten auf, während die hysterischen Lähmungserscheinungen psychisch (oder psychodynamisch) zu verstehen sind und keine ihnen zugrunde liegenden anatomischen Komponenten umfassen. Organische Lähmungen, stellte Freud fest, sind physischer, hysterische (und – so die Folgerung – alle anderen) dagegen mentaler Natur.
Somit schien man klare Unterscheidungsmerkmale zu haben, mit denen Neurologen und Psychiater arbeiten konnten. Die Hysterie wurde oft als «die große Imitatorin» bezeichnet, weil hysterische Lähmungen häufig organische Lähmungen nachahmen, und man brauchte eine Charakterisierung und klare Unterscheidungskriterien. Doch Charcots Frage war letztlich dichotomisch und dualistisch: Sie zielte darauf ab, das Physische und das Psychische zu trennen. Leider hatte sie eine weitere und vielleicht unbeabsichtigte Konsequenz, nämlich die Folgerung, alle Lähmungen und Anästhesien, alle Formen der Entfremdung müssten, sofern sie nicht sogleich auf eine anatomische Ursache zurückgeführt werden konnten, notwendigerweise «hysterisch» oder «psychogen» sein. Dies blockierte und lähmte jede weitere Untersuchung, jedes Verständnis anderer Zustände – ich denke da an die von Weir Mitchell beschriebenen «Reflexparalysen» und «negativen Phantome» und das vielleicht weniger dramatische, aber weit häufigere «Schonen» von Gliedern, das man nach Verletzungen beobachten kann und das oftmals weit über die Genesungszeit hinaus aufrechterhalten wird. (Dieses Phänomen tritt nicht nur bei Menschen, sondern – wie W.R., mein Arzt, bemerkte – auch bei Hunden auf.) Es verhinderte eine gründliche Erforschung der Entfremdung, des «Absterbens» und der Anosognosie. Diesen neuropsychischen Störungen des Körperbildes und des «Selbst» gestand die Wissenschaft keinen Platz zu.
Freuds Arbeit – zunächst auf dem Gebiet der Neurologie, dann auf dem der Analyse – konfrontierte ihn nicht mit solchen «Fällen» und Phänomenen; Babinski jedoch hatte sehr wohl mit ihnen zu tun, insbesondere im Ersten Weltkrieg. In seinem 1917 veröffentlichten Buch finden sich zahlreiche Beobachtungen von Lähmungen, Entfremdungen und anderen Syndromen, die nach peripheren Verletzungen auftraten, von Syndromen, die weder als organisch noch als hysterisch eingestuft werden konnten. Sie bildeten, glaubte Babinski, einen «dritten Bereich» und erforderten einen völlig anderen Ansatz. Er war davon überzeugt, dass diese Syndrome physiologischer Natur seien, und bezeichnete sie mit einem Ausdruck, den er auch als Titel seines Buches wählte: Syndrome physiopathique. Wie Weir Mitchell und andere vor ihm postulierte er einen «Schock», eine Reflexhemmung (wahrscheinlich synaptischer Art), die in der unmittelbaren Umgebung von Verletzung und Rückenmark ausgelöst wird; weiterhin jedoch vermutete er auf einer höheren Ebene, im Gehirn, eine Störung, die Ähnlichkeiten mit jener «Anosognosie» aufwiesen, welche er als Erster in seiner Analyse von Verletzungen der rechten Gehirnhälfte beschrieben hatte. Er schrieb dies, bevor Head sein Konzept eines flexiblen «Haltungsschemas» oder «Körperbildes» entwickelt hatte und ohne sich auf die eigenartigen und in deutlichem Widerspruch zur klassischen Lehrmeinung stehenden Beobachtungen zu beziehen, die Sherrington hinsichtlich der täglichen Veränderungen sensorischer und motorischer «Punkte» im Kortex von Versuchstieren machte, Verlagerungen, die eine unerwartete Anpassungsfähigkeit des Gehirns bewiesen. Babinskis, Sherringtons und Heads Beobachtungen widersprachen dem Modell einer starr fixierten zerebralen Lokalisation und Repräsentation, jenem Modell einer ein für alle Mal programmierten zerebralen Maschine, welches das neurophysiologische Denken des 19. Jahrhunderts beherrscht hatte. Damit schienen sich völlig andere, flexiblere, dynamischere Organisationsprinzipien anzudeuten.
Dennoch gelang es weder Babinski, Head oder Sherrington noch – eine Generation später – Lurija oder Leontjew, die tatsächlichen Mechanismen, deren Prinzip sie intuitiv erkannt hatten, zu erfassen. Und auch ich konnte ihnen trotz der Erfahrung, die ich 1974 gemacht hatte, und obwohl ich in den folgenden Jahren über meine Erlebnisse (und die anderer Patienten) intensiv nachdachte, nicht mehr Sinn abgewinnen. Ich sah zwar, dass solche Erfahrungen eine physiologische Ursache haben, erkannte aber auch, dass sie sich nicht in das klassische Modell einfügen lassen. Mir war klar geworden, dass wir eine «Neurologie der Identität» brauchen, eine Neurologie, die in der Lage ist zu erklären, auf welche Weise Körperteile (und der Raum, den sie einnehmen) «besessen» (oder «verloren») werden können, eine neurologische Grundlage für die Kohärenz und die Integration der Wahrnehmung (besonders nachdem diese durch Krankheit oder Verletzung gestört worden ist). Wir brauchen eine Neurologie, die den starren Dualismus von Körper und Geist, das starre physiomechanische Modell von «Algorithmus» und «Schablone» hinter sich lässt, eine Neurologie, die dem Reichtum und der Dichte der Erfahrung, ihrem Gefühl für «Szenerie» und «Musik», ihrer Bindung an die Persönlichkeit, ihrem sich ständig wandelnden Fluss des Erlebens, der Geschichte und des Werdens gerecht zu werden vermag.
Doch ich wusste nicht, wie eine solche Neurologie aussehen sollte, und so begab ich mich gegen Ende des Buches auf einen – wie ich inzwischen erkannt habe – seltsamen Irrweg in die mystischen, kantianischen Tiefen des a priori. Heute bedaure ich das und möchte diesen Irrtum richtigstellen; damals jedoch, in den siebziger Jahren, wurde ich wohl durch die Begrenztheit der physiologischen Kenntnisse und Theorien, in denen Erfahrungen wie meine, ja alle «höheren» Bereiche von Wahrnehmung und Sprache ausgegrenzt waren, in diese Richtung gedrängt. Ich war nicht der Erste, der diesen Irrweg einschlug, und werde sicher auch nicht der Letzte sein.[*]
Die Erfahrung, die ich 1984 mit meinem rechten Bein machte, überzeugte mich davon, dass die Zeit bei der Aufrechterhaltung (oder Auflösung) des Körperbildes eine entscheidende Rolle spielt. Diese «gute» Erfahrung, die sich so deutlich von der im Jahr 1974 unterschied, beruhte zum Teil auf Glück (ich befand mich in der Nähe eines Krankenhauses und konnte ohne Verzögerung operiert werden), zum Teil aber auch auf dem Wissen um die Bedeutung, die eine rasche Intervention in einem solchen Fall hat. 1974 war es gang und gäbe, nach Amputationen oder Verletzungen der Gliedmaßen strenge Bettruhe oder eine Ruhigstellung des betreffenden Körperteils zu verordnen, und lange andauernde Störungen des Körperbildes kamen relativ häufig vor. 1984 hatte sich die Behandlungsmethode radikal verändert: Patienten, denen das Bein amputiert worden war, erhielten gleich nach der Operation eine provisorische Prothese und wurden aufgefordert, damit gewissermaßen vom Operationstisch zu steigen. Und Patienten, die, wie ich, eine Beinverletzung hatten, erhielten einen Gehgips und wurden aufgefordert, damit zu gehen. Man hatte festgestellt, dass auf diese Weise Behinderungen im Bewegungsablauf vermieden oder doch so gering wie möglich gehalten werden können und dass sich so die Schrumpfung und Veränderung des Körperbildes auf ein Mindestmaß reduzieren lässt – ich erlebte, als ich mich innerhalb von Stunden nach dem Anlegen des Gipses «schulterlos» fühlte, am eigenen Leib, wie schnell solche Veränderung einsetzt. Orthopäden wussten inzwischen um diese Bedeutung der Zeit, auch wenn die Gründe dafür noch durch Experimente genauer untersucht werden mussten. Und da das Körperbild anscheinend das erste mentale Konstrukt ist, das sich ausbildet, das erste Selbst-Konstrukt, als Modell für alle anderen Konstrukte dienend, standen im Hintergrund (oder jenseits) dieser Fragen, die das Körperbild betrafen, ganz allgemeine Fragen bezüglich der Konstruktion (und Dekonstruktion und Rekonstruktion) aller Wahrnehmungskategorien und des (räumlich oder sonst wie definierten) «Rahmens», in welchen diese Kategorien eingebettet sind, Fragen, die der Erinnerung, dem Handeln und dem Bewusstsein gelten – mit einem Wort: dem «Geist». Vielfach verzweigte Überlegungen knüpften sich an das Körperbild.
Der technische Fortschritt hat die Beantwortung wenigstens der elementarsten Fragen durch den Einsatz verschiedenster Elektroden ermöglicht. So konnte man die Aktivitäten und Wechselwirkungen Hunderter Neuronen gleichzeitig aufzeichnen und durch Messungen an lebenden, stimulierten und wahrnehmungsfähigen Versuchstieren und Probanden die Lage sensorischer «Karten» und «Felder» der Hirnrinde feststellen. Solche Forschungen wären vor 1980 technisch gar nicht möglich gewesen, und sie revolutionieren unser Verständnis vom (ausgewachsenen) Gehirn und seiner Anpassungsfähigkeit, insbesondere aber unser Verständnis von Störungen des Körperbildes nach Deafferentierung (Ausschaltung der sensiblen Impulse) oder Amputation, und sie zeigen Wege auf, wie solche Störungen beseitigt werden können. Michael Merzenich hat in San Francisco intensiv auf diesem Gebiet geforscht.
Merzenich und seine Kollegen haben sowohl die Auswirkungen von Amputation oder Deafferentierung (durch Fixierung der Hände mit Bandagen beziehungsweise Gipsverbänden oder durch operative Unterbrechung sensibler Nervenfasern) als auch die Auswirkungen von taktiler Stimulation und aktivem Gebrauch der Hände auf das Bild der Hand im sensorischen Rindenfeld untersucht. Sie haben nachgewiesen, dass mit einer Unterbrechung der sensorischen Reize der Hand eine rasche Verkleinerung oder Löschung ihres kortikalen Bildes erfolgt, die mit einer zügigen Reorganisation der verbleibenden Reize einhergeht. Die Experimente zeigen, dass es für keinen Körperteil einen festgelegten, «reservierten» Bereich gibt, also auch keine bestimmte «Hand»-Area. Wenn eine Hand für eine gewisse Zeit deafferentiert oder inaktiviert ist, verliert sie ihren Platz im sensorischen Rindenfeld. Dieser wird innerhalb von Stunden oder Tagen überlagert von der Repräsentation der anderen Körperteile, sodass im Kortex nun eine neue, «handlose» Abbildung des Körpers existiert. Das innere Bild des inaktivierten oder deafferentierten Körperteils verschwindet nahtlos und vollkommen, ohne den geringsten Schatten, die kleinste Spur zu hinterlassen.
Merzenich hat festgestellt, dass es nie eine spontane Wiederherstellung des verschwundenen kortikalen Bildes gibt: Es muss erst eine neue Organisation geschaffen werden, und zwar auf der Grundlage neuer Erfahrungen, neuer Reize und Handlungen. Das Körperbild ist also nicht fixiert, wie die mechanistische Neurologie annimmt, sondern vielmehr dynamisch und formbar – es muss ständig umgeschaltet und aktualisiert werden und ist imstande, sich je nach den wechselnden Erfahrungen radikal neu zu organisieren.[*] Das Körperbild ist nicht a priori im Gehirn festgelegt; es ist ein Prozess, der sich ständig an die Erfahrung anpasst.[*]
Welchen Status, so fragt man sich nun, hat aber eine Hand, ein Bein oder irgendein Körperteil, dessen innere Repräsentation verlorengegangen ist? Wie erlebt der Betroffene diesen Verlust? Wie verhält er sich? Neurologen verwenden in diesem Fall die Begriffe «Ausblendung» und «Auslöschung». Wenn eine Ausblendung eines Körperteils oder die Auslöschung eines Teils des persönlichen «Raums» oder «Feldes» vorliegt (wie sie in der Folge einer solchen Ausblendung unweigerlich auftritt), dann wird dies vom betreffenden Menschen oder Tier einfach nicht bemerkt. Das ausgeblendete Glied wird nicht beachtet, es wird behandelt, als wäre es nicht ein Teil des Körpers und des Selbst. Tierärzten ist dieses Phänomen wohlbekannt, und in einem von Herriots amüsanten Büchern findet sich die Beschreibung einer Kuh, bei der während einer schweren Geburt eine Spinalanästhesie vorgenommen wurde. Sobald das Mittel wirkte, beruhigte sich die Kuh, beachtete ihr nun gelähmtes und betäubtes Hinterteil nicht mehr und fraß seelenruhig etwas Heu, ohne von der Geburt ihres Kalbes Notiz zu nehmen, ja anscheinend ohne es überhaupt zu bemerken. Nach dem Einsetzen der Anästhesie hatte die Kuh ihr Hinterteil nicht mehr beachtet – es war für sie nicht mehr vorhanden. Genau dieselbe Reaktion zeigen Patienten, wenn ein Körperteil aus dem Bewusstsein gelöscht ist – sei es durch einen Ausfall im Gehirn (insbesondere in der rechten Hemisphäre), sei es durch periphere Einwirkungen. Man kann das bei Patienten mit Rückenmarksschwindsucht beobachten, die die Eigenwahrnehmung ihrer Beine verloren haben: Sie bringen ihre Beine in eigenartige, unbequeme Stellungen, sie quetschen sie etwa in einer Ecke ein oder lassen sie von einem Stuhl fallen. Sobald die Beine nicht bewusst visuell überwacht werden, «verschwinden» sie und werden «ausgeblendet» (das heißt nicht mehr beachtet).[*]
Und genau dies war mir passiert, als ich nicht achtgab – ja eigentlich wurde mir erst dadurch bewusst, was geschehen war: Ich war eingeschlafen und hatte im Schlaf mein Gipsbein unabsichtlich so weit beiseitegeschoben, dass es beinahe aus dem Bett gefallen wäre. Erst Schwester Sulus Entsetzen und meine eigene Verblüffung und Verwirrung zeigten mir, dass mein Bein vollkommen aus meinem Bewusstsein gelöscht war, dass es von mir ausgeblendet und als ein losgelöstes «Ding» betrachtet wurde.
Ebenso verhält es sich mit Merzenichs Affen, nachdem die Nervenverbindungen zu ihren Händen durchtrennt oder die Hände mit Gipsverbänden und Bandagen fixiert oder auf andere Weisen «deafferentiert» worden sind. Die Tiere verhalten sich ihnen gegenüber indifferent, scheinen sie gar nicht zu beachten.[*] Sie starren ihre Hände jedoch nicht mit fassungsloser Faszination an, sie scheinen nicht verwirrt oder von einem Gefühl der Anomalie beunruhigt. Verfügen sie vielleicht gar nicht über das Konzept der «Fremdheit»? Ist dieses Gefühl der Verwirrung und Anomalie und Fassungslosigkeit, das Gefühl der Fremdheit, des Verlustes
von Raum und Vergangenheit, somit eine ausschließlich menschliche Reaktion, die auf dem reflektierenden, selbstreferenziellen Wesen des menschlichen Bewusstseins beruht? Merzenichs Versuche zur dynamischen Reorganisierung der kortikalen Repräsentation wurden an Affen vorgenommen – ich aber bin ein Mensch. Hatte es in meinen Erlebnissen ein spezifisch menschliches Element gegeben?
Die Selbstreferenz – ein von Israel Rosenfield in die Neurologie eingeführter Begriff – kann implizit (etwa wenn ein Tier als ein Selbst handelt, dabei jedoch nicht über sich reflektiert) oder explizit sein (wenn ein Konzept des Selbst vorhanden ist). Diese explizite Form der Selbstreferenz ist der wesentliche Kern menschlichen Bewusstseins und bestimmt unsere Erfahrungen.[*] Keines der hier erwähnten Tiere – Mr. W.R.s Hund, Herriots Kuh, Merzenichs Nachtaffen – wäre imstande, auf die Ausblendung hinzuweisen. Man kann nicht einmal ihre Aufmerksamkeit darauf lenken: Sie übergehen die entsprechenden Körperteile einfach.[*] Ähnlich verhält sich ein Mensch mit einem verletzten, ausgeblendeten Glied: Er schont es zunächst, tut es ab, schiebt es beiseite, wie ich es tat. Doch sobald sich seine Aufmerksamkeit darauf richtet, wird alles anders: Der gelöschte Körperteil wird nun sehr wohl wahrgenommen, aber als etwas völlig «Fremdes». Wenn die durch das Phänomen der Ausblendung aufgeworfenen Fragen sich zunächst auch auf die kortikale Repräsentation des Körpers zu beziehen scheinen, so verweisen doch die weit komplexeren Fragen, die eine Entfremdung aufwirft, auf die Struktur des Bewusstseins selbst.
Im Allgemeinen ist die Struktur des Bewusstseins nicht von Neurologen untersucht worden – sie hatten nur zu oft das Gefühl, das Bewusstsein gehe sie nichts an und solle am besten den Psychiatern überlassen bleiben. Diese Haltung war ein Relikt des strengen Dualismus des vorigen Jahrhunderts, dem zufolge alle Phänomene entweder als «körperlich» oder als «geistig» betrachtet wurden. In diesem bis dahin abgeschotteten System siedelte Babinski einen «dritten Bereich» an, in dem organische, objektive neurologische Störungen dennoch zu Bewusstseinsstörungen führen können. Babinski beschäftigte sich zunächst mit bestimmten zerebralen Syndromen, mit Störungen, die (fast immer) die rechte Gehirnhälfte betreffen und einen Ausfall der Wahrnehmung der linken Körperhälfte (und ihres «Raumes») nach sich ziehen: sogenannte «Halbseitensyndrome» oder «halbseitige Wahrnehmungsausfälle». Solche inneren Halbierungen des Körpers und seines Raumes führen zu einem außergewöhnlichen, dramatischen Erscheinungs-Bild.[*] Da sich Patienten mit einem «halbseitigem Wahrnehmungsausfall» dieses Defizits nicht bewusst sind, können sie es, ganz gleich wie intelligent sie sind, nicht beschreiben. Sie sind daher nicht in der Lage mitzuteilen, wie diese Erfahrung sich anfühlt.[*]
Nur im Falle eines intakten menschlichen Gehirns, das mit einer Ausblendung oder Auslöschung peripheren Ursprungs konfrontiert wird, können sich Aufmerksamkeit und Bewusstsein höherer Ordnung ganz auf dieses Phänomen richten. Anosognosie entzieht sich der Selbstbetrachtung, der Einsicht und der Schilderung.[*] Eine Entfremdung hingegen kann, unter Zuhilfenahme des Reflexionsvermögens des Patienten, sehr wohl wahrgenommen und beschrieben werden, und das verleiht dieser Erscheinung etwas Einmaliges und unterscheidet sie von allen anderen in der Neuropsychologie. Es liegt darin eine einzigartige Möglichkeit, sich der Grundstruktur des Bewusstseins anzunähern (denn das Bewusstsein betrachtet sich in diesem Falle selbst und ist imstande, eine besondere Form des Zusammenbruchs eines Teils seiner selbst zu beobachten).
Dies ist, obwohl Babinski sich nie explizit dazu geäußert hat, gewiss einer der Gründe, warum er sich nach der Beschreibung der kortikalen Syndrome von halbseitigem Wahrnehmungsausfall und Anosognosie den peripheren Syndromen zuwandte: dem großen phänomenologischen Reichtum seines «syndrome physiopathique». Und aus demselben Grund waren Leontjew und Saporoshez, die (neben Lurija) die Neuropsychologie begründeten, im Zweiten Weltkrieg so fasziniert von den Schilderungen ihrer Patienten mit «entfremdeten» Händen und schrieben diese «inneren Amputationen» und «Entfremdungen» einer «Dissoziation gnostischer Systeme» zu, einem neuropsychologischen Zusammenbruch auf höchster Ebene. Aber Leontjew und Saporoshez waren noch einer objektiven Neurologie verpflichtet. Sie betrachteten das Gehirn als ein System von Systemen, setzten sich nicht mit der Subjektivität der Beschreibungen ihrer Patienten auseinander und fanden keine Erklärung, welche die Struktur des Bewusstseins einbezog.
Ein Patient, der an einer solchen Entfremdung leidet, ist imstande, sich mit deren zentralem Paradoxon zu beschäftigen: dem Gefühl, dass der entfremdete Körperteil nicht zum Selbst gehört. Er kann eine Erinnerungsstörung feststellen, jene paradoxe «Amnesie», die im Widerspruch zu dem steht, was er weiß. Er ist in der Lage, die Störung des persönlichen, inneren Raums zu bemerken (die auch Agnosie-Patienten zeigen, aber nicht erleben). Er kann einen Zustand radikaler Verwirrung artikulieren, den totalen Zusammenbruch seines inneren Gefühls für Identität, seiner Erinnerung, seines «Raumes». Dies alles gilt jedoch nur in Bezug auf das betreffende Glied – der Rest des Bewusstseins bleibt intakt und vollständig. Genau diese Erfahrung hatte auch ich gemacht.[*]
Solche phänomenologischen Veränderungen können nicht in Bezug auf ein System, sondern nur in Bezug auf das Selbst formuliert werden. Sie erfordern eine «Neurologie der Identität», sie erfordern eine Theorie der Identität, der Erinnerung und des «Raumes», welche diese drei Elemente miteinander verknüpft und zeigt, wie sie, als Aspekte eines einzigen, übergreifenden Prozesses, untrennbar miteinander verbunden sind. Kurz gesagt: Wir brauchen eine biologische Theorie des Bewusstseins – doch stand diese in den siebziger Jahren weder mir noch irgendjemandem sonst zur Verfügung.
Dabei blieb es viele Jahre lang, bis ich auf die Arbeiten von Gerald Edelman und seine Charakterisierung des «primären» und des Bewusstseins «höherer Ordnung» und seiner jeweiligen neuronalen Substrate stieß. Bewusstsein besteht offensichtlich nicht nur aus einem bloßen Registrieren innerer Veränderungen, wie es die sensorische Abbildung (und Kategorisierung) ermöglicht, sondern auch aus dem Vergleich der Gegenwart mit der Vergangenheit, mit dem, an was man sich erinnert. Bewusstsein ist dieser einzigartige Prozess – es entsteht zunächst, so Edelmans Theorie, aus perzeptueller Kategorisierung, aus Erinnerung, aus Lernen und der Unterscheidung zwischen Selbst und Nicht-Selbst. Und im Menschen entwickelt sich aus diesem «primären Bewusstsein», wie Edelman es nennt, ein Bewusstsein höherer Ordnung, das Sprache, Begriffsvermögen und Denken beinhaltet. Nach dieser Definition ist Bewusstsein etwas ganz Persönliches; es ist mit dem lebendigen Körper verbunden, mit der Bestimmung und Postulierung eines persönlichen Raums; und es beruht auf einer Erinnerung, die sich ständig aufs Neue formiert und kategorisiert. Für Edelman gehören Identität, Erinnerung und Raum zusammen; gemeinsam bilden und definieren sie das «primäre Bewusstsein». Genau diese drei jedoch verschwanden, als mein Bein mir fremd wurde. Sie brachen zusammen und verschwanden und hinterließen sozusagen einen Abgrund, ein Loch: ein Loch in Erinnerung/Identität/Raum.
Dieses «Loch» konnte ich nun als ein «Loch» in dem interpretieren, was Edelman «primäres Bewusstsein» nennt. Das Bewusstsein höherer Ordnung mühte sich, dies zu verstehen, und setzte dazu alle Konstrukte und sprachlichen Mittel ein, die ihm zur Verfügung standen. Es blickte in den Abgrund, fand Konzepte und Worte für das, was es da sah (das «Fremde», das «Anomale», das «Ortlose», das «Vergangenheitslose»), und konnte doch nichts daran ändern. Und es vermochte keinen Ersatz dafür bereitzustellen – ich konnte zwar das symbolische und sprachliche Konstrukt «Bein» verwenden, doch war damit für mich keinerlei subjektive Realität verbunden. Das Bewusstsein höherer Ordnung basiert auf dem primären Bewusstsein und kann dieses lediglich übermitteln und reflektieren, was in meinem Fall bedeutete, dass das primäre Bewusstsein mit Hilfe von Metaphern des Nichtseins symbolisiert wurde. «Nichts», erinnert uns Beckett, «ist realer als das Nichts.»
«Neuropsychologische Beobachtungen», betont Edelman (1990, S. 25), «bieten eine einzigartige Gelegenheit, Theorien über das Bewusstsein in Bezug auf modalitätsspezifische Ausfälle und die Auswirkungen von Defekten auf das Erinnerungsvermögen, die Sprache und bestimmte Fähigkeiten zu überprüfen.» Die einfachste dieser «Überprüfungen» ist das Gefühl der «Entfremdung», das uns, im Nichterscheinen, die Struktur des Bewusstseins zeigt. Entfremdung ist ein blinder Fleck im primären Bewusstsein, der vom Bewusstsein höherer Ordnung wahrgenommen wird.
Dass eine lokal begrenzte und obendrein periphere Störung eine massive Störung des Bewusstseins verursachen kann, mag überaus erstaunlich sein. Der Grund fier dieses Erstaunen ist jedoch, dass wir bislang über keine adäquate «von unten nach oben gerichtete» Theorie des Bewusstseins verfügten und seine biologischen Ursprünge in den Wahrnehmungsprozessen und ihren Abbildungen im Organismus nicht verstanden haben. Edelman beweist, dass Veränderungen in den primären rezeptiven Bereichen – Störungen der «lokalen Repräsentation» – hinreichende Auslöser für Veränderungen des Bewusstseins sind; es ist nicht nötig, weitere Auslöser heranzuziehen (wie etwa zusätzliche, ebenfalls vorhandene, «von oben nach unten gerichtete» Neurosen oder Psychosen).[*]
In der Tat kommt es bei der «Entfremdung» zu einer Abspaltung. Leontjew und Saporoshez bezeichnen sie als «Dissoziation gnostischer Systeme», doch in Wirklichkeit handelt es sich um eine Dissoziation des Bewusstseins in das primäre Bewusstsein einerseits, das – wenn auch lokal begrenzt – völlig ausgelöscht wird, und das Bewusstsein höherer Ordnung andererseits, das völlig intakt und sozusagen transparent bleibt, sodass es die Zerstörung auf der unteren Ebene vermitteln kann und muss – auch wenn es dies auf die ihm eigene Weise tut. In diesem Sinne ist «Der Tag, an dem mein Bein fortging nicht bloß die Geschichte eines Beins, sondern ein Bericht über die Wirkungsweise des Bewusstseins höherer Ordnung, ein Bericht, wie er einzig und allein durch die Erfahrung der Entfremdung möglich ist.[*]
Das primäre Bewusstsein ist normalerweise natürlich nicht wahrnehmbar – es ist, wie alles Normale, automatisch und entzieht sich dem Blick. Seine Existenz zeigt sich paradoxerweise in der Tatsache, dass es sich verbirgt. Und erst wenn es offensichtlich zusammenbricht, kann und muss es zum Gegenstand der Betrachtung werden. Das gilt für alle Krankheiten: dass sie durch die negative Form der Störung das, was normalerweise unsichtbar ist, auf erstaunliche (und manchmal schreckliche) Weise sichtbar machen. Darum sprach Hippokrates vor 2500 Jahren von «Pathographien», die die paradoxe Eigenschaft hätten, den Schleier zu lüften und die normalerweise verborgene Struktur von Körper und Geist zu enthüllen.
Und doch sind solche Pathographien – jene der Wechselfälle des Bewusstseins, sofern sie auf neuropsychologischen Bedingungen beruhen – überaus selten, ja von verschwindend geringer Zahl. «Solche Syndrome», schrieb Lurija mir, «sind häufig, werden jedoch sehr selten beschrieben.»
«Bitte veröffentlichen Sie Ihre Beobachtungen», fuhr er fort. «Das wird dazu beitragen, den veterinärmedizinischen Umgang mit peripheren Störungen zu verändern.» Mit Hilfe eines rein «veterinärmedizinischen» Ansatzes ließen sich, davon war er überzeugt, solche Störungen nicht einmal annähernd verstehen, denn Entfremdung kann man nicht messen oder filmen oder beobachten – sie kann nur von dem Betroffenen, einem mit einem Bewusstsein ausgestatteten Menschen, mitgeteilt werden. Die Neurologie ist jedoch tatsächlich weitgehend veterinärmedizinisch orientiert: Sie befasst sich fast ausschließlich mit Dingen, die gemessen und objektiv überprüft werden können, und kaum mit der inneren Erlebniswelt, der inneren Struktur, der Subjektivität des Menschen. Sie rühmt sich, all diese Elemente auszuschließen, eine gänzlich «objektive» Wissenschaft zu sein und sich (wie die Physik) ausschließlich mit dem Öffentlichen, dem Sichtbaren, dem Demonstrierbaren zu befassen. Sie schließt Bewusstsein und mentale Zustände aus, weil diese «subjektiv» und «privat» sind und nicht auf konventionelle Weise verifiziert und bewertet werden können. In der Neurologie sind «persönliche» Begriffe nicht zugelassen: «Bewusstsein» bezeichnet lediglich eine allgemeine Aktivität, die im Falle von Stupor und Koma zersetzt ist. Es gibt keine «Neurologie der Identität».
Und dennoch haben wir schon immer intuitiv erkannt – und dies wird jetzt auch formal untermauert –, dass wir keine Sinnesmaschinen oder unpersönliche Automaten sind, dass alle Erfahrung, alle Wahrnehmung von Anfang an selbstreferenziell ist, dass unser Gedächtnis nicht wie der Speicher eines Computers funktioniert, sondern die Organisation und Kategorisierung persönlicher Erfahrungen darstellt, dass unsere Begriffe von «Raum» und «Zeit» nichts mit dem Raum und der Zeit der Physik zu tun haben, sondern sich auf uns selbst beziehen. Im Gehirn gibt es keine Darstellung des abstrakten «Raums» nur unseren eigenen, individuellen, «persönlichen Raum» (und dies wird ganz deutlich, wenn man an das Phänomen des «halbseitigen Wahrnehmungsausfalls» denkt, der eine Halbierung des persönlichen Modells der Welt ist). Und zuerst und vor allem liegt auf der Hand, dass unser Körper etwas Persönliches ist und dass er die erste Definition von «Ich» und «Selbst» liefert. («Das Ich», schreibt Freud, «ist vor allem ein körperliches.») Aber nichts von alldem hat wirklich Eingang in die Neurologie gefunden. Die Neurologie basiert noch immer auf einem mechanischen Modell – selbst in der Neuropsychologie der «Systeme» von Leontjew und Saporoshez. Das mechanische Modell geht auf Descartes zurück, auf seine Dichotomie von «Körper» und «Seele», auf seine Auffassung, der Körper sei ein Automat, über dem irgendwie ein wissendes, wollendes «Ich» schwebe.
Fachliche und persönliche Erfahrungen – wie auch die in diesem Buch geschilderten – lassen sich mit einem solchen Dualismus jedoch nicht vereinbaren. Sie verdeutlichen den Bankrott des klassischen Modells und die Notwendigkeit einer an der Persönlichkeit orientierten Neurologie. Wir müssen uns bewusst sein, dass unser Gehirn und unsere Nerven von Anfang an uns gehören und dass sie in ihren Wahrnehmungen, Kategorisierungen, Erinnerungen und Modellen, in ihren sich bildenden Begriffs- und Bewusstseinsebenen auch weiterhin uns gehören und durch und durch selbstreferenziell sind.
Die Neurologie muss einen großen Sprung machen: Sie muss das mechanische, «klassische» Modell, an das sie sich so lange geklammert hat, hinter sich lassen und zu einem ganz und gar an der Persönlichkeit orientierten, selbstreferenziellen Modell von Gehirn und Geist kommen. Heute deutet vieles darauf hin, dass eine solche Veränderung eintreten kann. Und wenn das geschieht, schreibt Edelman, dann wird es eine der bedeutendsten Umwälzungen unserer Geschichte sein – nicht weniger revolutionär, als es der Aufstieg der Physik aus dem Galilei’schen Weltbild vor vierhundert Jahren war.