Als ich «Der Tag, an dem mein Bein fortging» schrieb, dachte ich, ein Ausfall der Eigenwahrnehmung sei eine hinreichende Bedingung für «Verlust» und «Entfremdung». Heute glaube ich, dass er zwar für den «Verlust», nicht aber für die «Entfremdung» ausreicht. So «verlieren» Patienten mit Rückenmarksschwindsucht zwar ihre Beine, doch erscheinen diese ihnen nicht als «fremd». Und bei Christina, der «körperlosen Frau», die ich in «Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte» beschrieben habe, konnte ich mehrmals beobachten, dass sie ihre Hand, wenn sie ihr nicht mit den Augen folgte, für die eines anderen hielt; sie betrachtete sie jedoch nie als «fremd». Rosenfield (1991) postuliert, es müsse nicht nur ein Ausfall der Eigenwahrnehmung, sondern auch ein Ausfall von Schmerz- und anderen Empfindungen vorliegen, bevor das betreffende Glied als «fremd» angesehen wird.
Einer meiner Studenten erlitt schwere Erfrierungen und hatte das Gefühl, als wären seine Finger an den Knöcheln amputiert und als hätte er nur eine hässliche, keulenförmige, monströse Faust zurückbehalten. Wenn eine Betäubung lange andauert, besteht eine große Gefahr, dass es zu Verletzungen der ausgeblendeten Körperteile kommt – daher die vielen Verletzungen der Gliedmaßen bei Lepra-Patienten.
«Mit Selbstreferenz», schreibt Rosenfield (1991), «meine ich den Bezug auf ein dynamisches Körperbild … Unser ‹Selbst› wird durch die Art bestimmt, wie wir unseren Körper benutzen, durch die Bewegungen unseres Körpers – Bewegungen, die wir uns im Laufe der Zeit aneignen. Auf dieses dynamische Bild werden Stimuli bezogen (Selbstreferenz), und es steckt den Rahmen ab, innerhalb dessen die Stimuli ‹einen Sinn ergeben› … Jede Erinnerung bezieht sich nicht nur auf die erinnerte Person oder Sache, sondern auch auf den, der sich erinnert.
Könnte ein Hund, ein Affe, ein Menschenaffe an Hysterie leiden oder ein Glied als «fremd» empfinden? Was ist die Voraussetzung für Hysterie oder Entfremdung? Ich habe den Eindruck, dass das bei einem Hund unmöglich ist – auch wenn Freuds Chow-Chow angeblich eine Scheinschwangerschaft entwickelte (wozu Freud ironisch bemerkte, dies könne nur im Haus eines Analytikers passieren). Auch glaube ich, dass es bei einem Affen, einem Nachtaffen, wie Merzenich sie verwendet, nicht möglich ist. Ein Menschenaffe jedoch könnte, so vermute ich, durchaus ein Gefühl der Entfremdung gegenüber einem seiner Glieder haben, und es ist zwar weniger wahrscheinlich, aber doch möglich, dass er auch eine Hysterie entwickeln könnte. Sowohl eine Entfremdung als auch eine Hysterie, so verschieden sie auch sein mögen, setzen nämlich ein höheres Bewusstsein, ein selbstreferenzielles Bewusstsein – ein explizites Gefühl für das «Selbst» – voraus, das bei Menschenaffen, nicht aber bei niederen Tieren vorhanden ist. So können Menschenaffen sich in einem Spiegel erkennen, während andere Affen und Hunde dazu nicht imstande sind.
Diese Patienten leben, so könnte man sagen, in einer halbierten Welt, ohne sich natürlich bewusst zu sein, dass es eine halbe Welt ist, denn für sie ist sie ungeteilt, vollständig und unversehrt. Meist ist es so, dass die Wahrnehmung, die Vorstellung, die Erinnerung der «Linksheit» verschwindet wie bei der Patientin, die ich in meinem Buch «Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte» im Kapitel «Augen rechts!» beschrieben habe. «Bei einem krassen Wahrnehmungsausfall», schreibt M. Marcel Mesulam, «kann es geschehen, dass der Patient sich verhält, als habe eine Hälfte der Welt mit einem Mal aufgehört, auf eine sinnvolle Weise zu existieren … Patienten mit einem Halbseitensyndrom verhalten sich nicht nur so, als geschähe nichts in der linken Hälfte des Raumes, sondern tun auch so, als wäre dort gar nichts von Bedeutung zu erwarten.»
Solche Patienten, nimmt Edelman an, empfinden keine Kluft, keine Teilung des Bewusstseins, sondern entwickeln ein radikal reorganisiertes Bewusstsein, das als vollständig und unversehrt erlebt wird.
Dasselbe gilt, wenn auch auf ganz andere Weise, für die Hysterie. So weiß der Hysteriker, obgleich er über Lähmungen, Anästhesien usw. klagt, nichts vom Ursprung dieser Leiden in Veränderungen von Affekten und Konzepten, in Veränderungen seines Bewusstseins. Wenn ihm diese pathogenen Veränderungen bewusstgemacht werden können, verschwindet die Hysterie. Daher ist sie von der Unbewusstheit abhängig, wenngleich es sich um eine Unbewusstheit handelt, die sich von der eines Menschen, der an Anosognosie leidet, deutlich unterscheidet. Dieser Unterschied war nicht immer so klar, und so wurden Patienten mit Anosognosien oder bizarren Auslöschungen und Fehlzuweisungen bestimmter Körperteile früher (vor Babinski) oft als schizophren oder hysterisch eingestuft.
«Was diesen Verlust so schrecklich gemacht habe, sei die Tatsache gewesen, dass das Bein nicht einfach ‹verlorengegangen› sei, sondern sogar seinen angestammten Platz verloren habe. Das Bein war verschwunden und hatte seinen ‹Platz› mitgenommen. Und da es eben keinen Platz mehr gegeben habe, zu dem es habe zurückkommen können, schien es keine Möglichkeit zu geben, es zurückzubekommen. Konnte vielleicht Erinnerung helfen, wo vorausschauendes Denken versagte? Nein! Das Bein war verschwunden und hatte seine ‹Vergangenheit› mitgenommen! Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, dieses Bein jemals gehabt zu haben. Ich wusste nicht mehr, wie ich je gelaufen und geklettert war. Ich fühlte mich auf unfassbare Weise abgeschnitten von jener Person, die nur fünf Tage zuvor gelaufen, gerannt und geklettert war. Zwischen ihr und mir bestand nur eine ‹formale› Kontinuität. Zwischen damals und jetzt gähnte ein Abgrund, eine unüberbrückbare Kluft, und darin, in diesem Nichts, war mein früheres ‹Ich› verschwunden … In dieser Kluft, in diesem Nichts, jenseits von Raum und Zeit, waren die Wirklichkeit und die Möglichkeiten meines Beins untergetaucht und verschwunden … Es hatte sich ‹in Luft aufgelöst›, es war aus Raum und Zeit verschwunden – es war verschwunden, und mit ihm seine Raum-Zeit.»
Neuropsychologische Syndrome richten sich «von unten nach oben»: Eine neurologische Störung auf einer unteren Ebene fuhrt zu einer psychischen Störung auf einer höheren Ebene. Im Gegensatz dazu ist Hysterie eine «von oben nach unten gerichtete» Störung, wobei die primäre Störung auf der höchsten Ebene – im Bewusstsein höherer Ordnung, das symbolisch und sprachlich organisiert ist – auftritt und eine Störung auf den tiefer liegenden Ebenen nach sich zieht. Im Falle einer «Entfremdung» kommt es zu einer primären Störung der lokalen Repräsentation und des primären Bewusstseins, während im Fall einer Hysterie keine primäre Störung dieser beiden Bereiche vorliegt. (Es könnte hier natürlich zu einer sekundären Störung kommen.) Bei der Hysterie ist das Bewusstsein höherer Ordnung (das auch das Freud’sche «Unbewusste» einschließt) mit spezifischen, starken Affekten befrachtet, wohingegen es im Fall einer Entfremdung lediglich verstört ist.
Wir können, betont Edelman, das primäre Bewusstsein nie direkt erforschen, sondern nur mit Hilfe des Bewusstseins höherer Ordnung. Tiere, denen das Bewusstsein höherer Ordnung fehlt, erleben das primäre Bewusstsein direkt, können sich jedoch nicht mitteilen. Wenn es Fälle gibt, in denen Menschen in der Lage sind, Mitteilungen über das reine, nicht vom Bewusstsein höherer Ordnung entstellte primäre Bewusstsein zu machen, dann nur, so Edelman, bei Patienten, deren Gehirnhälften operativ getrennt worden sind. Solche Patienten können über Wahrnehmungen der linken Körperhälfte oder im linken Teil des Gesichtsfeldes berichten, ohne dass diese Mitteilungen durch das Sprach- und Reflexionsvermögen der linken Gehirnhälfte moduliert werden. (Siehe Fußnote S. 261.)