Was wird aus des Menschen Macht und Größe, wenn er dahinschwindet und sich verzehrt, bis er nur noch eine Handvoll Staub ist? … Ein Krankenbett ist ein Grab … Dort liegt der Kopf auf gleicher Höhe mit den Füßen – eine jämmerliche und (obgleich allen gemeinsame) unmenschliche Lage! … Ich vermag nicht, mich von meinem Lager zu erheben, bevor der Arzt mich dazu in Stand setzt, ja ich vermag nicht einmal zu sagen, dass ich in der Lage bin, mich zu erheben, bevor er es mir nicht sagt. Ich tue nichts, ich weiß nichts aus eigener Kraft.
JOHN DONNE
«So wurde ich gerettet – und das ist das Ende der Geschichte.» In meiner Vorstellung war das, was ich durchgemacht hatte, «der letzte Tag meines Lebens» gewesen, mit all den damit verbundenen starken Gefühlen und Gedanken, und nun fand ich mich – zu meiner ungläubigen Überraschung und Freude – ganz eindeutig auf der Erde wieder, mit einem blöden kaputten Bein als Dreingabe. Von diesem Punkt an bis …– nun ja, das werden Sie erfahren! – gab es gewissermaßen keine «Geschichte» oder irgendeine bestimmte «Stimmung» mehr, die den Tagen, die nun folgten, Spannung und Zusammenhang verlieh. Daher ist es für mich schwierig, über sie zu schreiben oder mich auch nur deutlich an sie zu erinnern. Das war mir schon auf dem Berg aufgefallen, von dem Augenblick an, in dem ich die Gewissheit, den Trost, die Überzeugung hatte, dass ich nun in Sicherheit war: Eine plötzliche Auflösung oder vielleicht eine Erschöpfung der Gefühle hatte mich überkommen, die sich grundlegend von der Tragödie, Komödie und Poesie meiner Situation auf dem Berg unterschied – denn tiefempfundene und leidenschaftliche Gefühle waren nicht mehr erforderlich und passten nicht mehr zu meiner veränderten und sozusagen prosaischen Lage. Ich war zurückgekehrt in die Banalität, die Alltäglichkeit und, jawohl, die Kleinlichkeit der Welt.
Und dennoch kann ich meine Geschichte nicht hier enden lassen, denn nun folgte eine weitere Geschichte oder vielleicht ein weiterer Akt im selben merkwürdigen, komplexen Drama, der für mich damals überaus überraschend und unerwartet kam und mein Verständnis oder Begriffsvermögen überstieg. Eine Zeitlang glaubte ich, es handele sich um zwei verschiedene Geschichten, und begriff erst nach und nach, dass sie im Grunde zusammenhingen. Aber was meine damaligen Gefühle während der nächsten vier Tage betrifft, so waren sie irgendwie dumpf – auch wenn in dieser Zeit eine schwere und unbedingt erforderliche Operation, jene Operation, die die beiden Geschichten miteinander verband, vorgenommen wurde –, und ich kann mich nur an bestimmte Höhe- und Tiefpunkte erinnern, die aus der allgemeinen Schalheit jener Zeit herausragten.
Ich wurde zum Arzt des Ortes gebracht – auch er ein rotgesichtiger Sohn des Landes, dessen Praxis sich über hundert Quadratmeilen zerklüfteten Berg- und Fjordlandes erstreckte –, der eine rasche und gründliche, keineswegs oberflächliche Untersuchung vornahm.
«Ihr Quadrizeps ist abgerissen», sagte er. «Ich weiß nicht, was Ihnen sonst noch fehlt. Ich lasse Sie in ein Krankenhaus bringen.»
Er rief einen Krankenwagen und benachrichtigte das nächste Krankenhaus, das sich im etwa hundert Kilometer entfernten Odda befand.
Kurz nachdem ich in der kleinen Station in Odda aufgenommen worden war – es handelte sich um ein Dorfspital, in dem es nur etwa ein Dutzend Betten und die einfachen Apparaturen für die Behandlung der hier häufiger auftretenden Krankheiten gab –, kam die Schwester herein, eine hübsche Frau, wenn auch ihre Bewegungen etwas undefinierbar Starres und Ungraziöses hatten.
Ich fragte sie nach ihrem Namen.
«Schwester Solveig», antwortete sie steif.
«Solveig?», rief ich. «Das erinnert mich an ‹Peer Gynt›!»
«Schwester Solveig, bitte – mein Name ist unwichtig. Und nun seien Sie bitte so gut und drehen sich um. Ich muss das Fieber rektal messen.»
«Schwester Solveig», antwortete ich, «könnten Sie es nicht auch im Mund messen? Ich habe ziemliche Schmerzen, und mein verdammtes Knie wird mir große Schwierigkeiten machen, wenn ich versuche, mich umzudrehen.»
«Das kann ich nicht ändern», antwortete sie kalt. «Ich habe meine Anweisungen, und die muss ich befolgen. Bei uns ist es Vorschrift, dass nach der Aufnahme die Temperatur gemessen wird – und zwar rektal.»
Ich überlegte, ob ich streiten, betteln oder protestieren sollte, aber ihr Gesichtsausdruck verriet, dass das sinnlos sein würde. Entmutigt drehte ich mich auf den Bauch, und mein linkes Bein, das durch nichts gehalten wurde, fiel aus dem Bett und knickte unter schrecklichen Schmerzen am Knie nach vorn ab.
Schwester Solveig führte das Thermometer ein, verschwand und blieb (ich sah auf die Uhr) mehr als zwanzig Minuten verschwunden. Sie reagierte nicht, als ich nach ihr läutete, und kam erst wieder, als ich Lärm schlug.
«Sie sollten sich schämen!», sagte sie, als sie mit vor Wut hochrotem Gesicht eintrat.
Der Patient neben mir, ein junger Mann, der recht gut Englisch konnte und infolge einer schweren Asbestose sehr kurzatmig war, flüsterte: «Die da ist ein richtiger Drachen. Aber die anderen sind nett.»
Nachdem meine Temperatur gemessen worden war, wurde ich auf einer fahrbaren Trage zum Röntgenraum gebracht.
Alles verlief problemlos, bis die Röntgenassistentin mein Bein unbedacht am Knöchel anhob. Das Knie knickte nach hinten weg und verrenkte sich sogleich, und ich stieß unwillkürlich einen lauten Schmerzensschrei aus. Als sie sah, was geschehen war, stützte sie das Knie sofort mit ihrer Hand und legte das Bein sehr sanft und vorsichtig wieder auf den Tisch.
«Es tut mir sehr leid», sagte sie. «Das wusste ich überhaupt nicht.»
«Das macht nichts», sagte ich. «Es ist ja nichts passiert. Sie wollten mir nicht wehtun. Schwester Solveig macht so was absichtlich.»
Ich lag auf der Trage und wartete, während die Ärztin sich meine Röntgenbilder ansah. Sie war eine praktische Ärztin aus Odda, eine nette, mütterliche Frau, die in dieser Nacht den Notdienst im Krankenhaus versah. Es liege keine Fraktur der langen Knochen vor, sagte sie, und das Knie könne man weder genauer untersuchen noch röntgen. Sie habe eine solche Verletzung noch nie gesehen, glaube aber, dass es sich wahrscheinlich um einen gerissenen Quadrizeps handele, doch könne dies nur durch eine Operation festgestellt werden. Es sei ein recht tiefer Eingriff, sagte sie – «aber unkompliziert», fügte sie sofort mit einem Lächeln hinzu, als sie mein unverhohlen ängstliches Gesicht sah. Es könne sein, dass ich bis zu drei Monaten im Bett würde bleiben müssen. «Wahrscheinlich nicht einmal so lange, aber Sie sollten sich darauf einstellen.» Es werde am besten sein, den Eingriff in London vornehmen zu lassen, sagte sie. Das Rote Kreuz werde mich nach Bergen bringen – eine landschaftlich reizvolle Strecke, wenn man dazu in Stimmung sei –, und von Bergen nach London gebe es eine gute Flugverbindung …
Ich rief meinen Bruder an, der Arzt in London war. Seine Stimme klang besorgt, aber ich beruhigte ihn schnell. Er sagte mir, er werde alles arrangieren, und ich solle mir keine Sorgen machen.
Aber Sorgen macht man sich eben doch, und als ich zwischen dem kurzatmigen, hustenden jungen Mann und einem bemitleidenswerten Greis, der im Sterben lag und an einer Tropfinfusion hing, wieder in meinem Krankenhausbett in Odda lag – dorthin war ich, nachdem die Ärztin mich untersucht hatte, zurückgebracht worden –, fühlte ich mich vor Angst ganz elend. Ich versuchte zu schlafen – man hatte mir ein Beruhigungsmittel gegeben –, aber es fiel mir schwer, nicht an mein Bein zu denken, zumal mir jede noch so kleine Bewegung des Knies unvermittelte, starke Schmerzen bereitete. Ich musste fast reglos liegen, was meinem Schlaf nicht gerade förderlich war.
Sobald ich einnickte, mich entspannte und dabei unwillkürlich kleine Bewegungen machte, rissen mich plötzliche, heftige Schmerzen am Knie wieder hoch. Die nette, mütterliche Ärztin wurde herbeigeholt und riet, einen provisorischen Gipsverband anzulegen, um das Knie ruhigzustellen.
Als ich mit meinem Gips wieder im Bett lag, schlief ich sofort ein – offenbar ohne auch nur meine Brille abzunehmen, denn ich hatte sie immer noch auf der Nase, als ich um sechs Uhr durch einen Traum geweckt wurde, in dem mein ganzes Bein zusammengepresst wurde, als sei es in einen Schraubstock eingespannt. Ich stellte fest, dass es tatsächlich zusammengepresst wurde, wenn auch nicht von einem Schraubstock. Es war sehr stark angeschwollen – das, was ich davon sehen konnte, erinnerte mich an einen Kürbis – und wurde offensichtlich vom Gips eingeschnürt. Der Fuß war sehr geschwollen und fühlte sich infolge eines Ödems kühl an.
Der Gipsverband wurde der Länge nach aufgeschnitten, und mit dem Nachlassen des Drucks und des Schmerzes fiel ich sogleich wieder in Schlaf und schlief tief und fest, bis eine so überaus erstaunliche Erscheinung den Raum betrat, dass ich mir die Augen rieb und noch zu träumen glaubte. Ein junger Mann, der aus irgendeinem Grund absurderweise einen weißen Kittel trug, kam sehr gewandt und graziös hereingetanzt, hüpfte im Zimmer umher und blieb schließlich vor mir stehen, wobei er, wie ein Balletttänzer, seine Beine abwechselnd beugte und streckte, so weit es nur ging. Plötzlich sprang er zu meiner Verblüffung auf meinen Nachttisch und sah mich mit einem neckischen Elfenlächeln an. Darauf sprang er wieder hinunter, nahm meine Hände und drückte sie, ohne ein Wort zu sagen, an die Vorderseite seiner Oberschenkel. An beiden Beinen fühlte ich eine saubere Narbe.
«Fühlen Sie, ja?», fragte er. «Ich auch. Beide Beine. Beim Skifahren … Sehen Sie!» Und wieder vollführte er einen Sprung wie Nijinski.
Von allen Ärzten, die ich bis dahin kennengelernt hatte oder die ich später kennenlernen sollte, ist mir das Bild dieses jungen norwegischen Chirurgen am deutlichsten und angenehmsten in Erinnerung geblieben, weil er in seiner Person Gesundheit, Beherztheit, Humor und ein höchst wunderbares, aktives Einfühlungsvermögen in die Patienten vereinte. Er gebrauchte nicht die Wörter, die in Fachbüchern stehen. Er sagte eigentlich kaum etwas – er agierte. Er sprang und tanzte und zeigte mir seine Narben und führte mir gleichzeitig vor, wie vollständig er genesen war. Nach seiner Visite fühlte ich mich unendlich viel besser.
Die Fahrt nach Bergen – sechs Stunden im Krankenwagen durchs Gebirge – war mehr als schön. Sie war wie eine Auferweckung von den Toten. Im Krankenwagen, hoch oben auf meiner Trage, genoss ich den Anblick einer Welt, die ich um ein Haar hätte verlassen müssen. Nie war sie mir so schön, so neu erschienen.
Das Flugzeug in Bergen zu besteigen war ein nervenaufreibendes Unternehmen. Die Trage ließ sich nicht unterbringen, und so wurde ich die Gangway hinaufgetragen und quer über zwei Sitze in der ersten Klasse gelegt. Zum ersten Mal war ich mürrisch und gereizt. Mich überkam eine Art ängstlich-verärgerter Rastlosigkeit, die zu beherrschen mir Schwierigkeiten bereitete.
Der Flugkapitän, ein großer, vierschrötiger Mann mit dem Aussehen eines alten Piraten, war freundlich und einfühlsam.
«Es hat keinen Sinn, sich aufzuregen, mein Sohn», sagte er und legte mir seine riesige Hand auf die Schulter. «Wenn man Patient ist, ist es das wichtigste, Geduld zu lernen!»
Als ich mit dem Krankenwagen vom Londoner Flughafen in das große Krankenhaus gebracht wurde, wo ich am nächsten Tag operiert werden sollte, begannen meine gute Laune und meine innere Stabilität sich aufzulösen und wichen einer schrecklichen Angst. Ich kann nicht sagen, dass es eine Todesangst war, obwohl diese zweifellos auch darin mitschwang. Es war eher die Angst vor etwas Dunklem, Namenlosem, Verborgenem – ein unheimliches und drohendes albtraumhaftes Gefühl, wie ich es auf dem Berg nicht erlebt hatte. Dort war ich im Großen und Ganzen mit dem konfrontiert worden, was die Realität bereithielt, während es jetzt zu Verzerrungen kam, die von mir Besitz ergriffen. Ich sah es, ich spürte es und fühlte mich unfähig, dagegen anzukämpfen. Es wollte nicht weichen, und das Einzige, was ich tun konnte, war, mich nicht beirren zu lassen und mich an die beruhigenden Floskeln und die Wahrheiten des gesunden Menschenverstandes, die ich mir unablässig vorbetete, zu klammern. Diese Fahrt im Krankenwagen war alles in allem nicht so übel, und hinter der Angst (die ich, als ihr Urheber, nicht bezwingen konnte) spürte ich, dass ein Delirium meinen Geist verwirrte – ein Delirium, wie ich es als Kind nur zu gut gekannt hatte, wenn ich Fieber oder einen meiner Migräneanfälle hatte. Mein Bruder, der bei mir saß, bemerkte etwas davon und sagte: «Nur ruhig, Ollie, es wird schon nicht so schlimm werden. Du siehst wirklich totenblass aus, ganz klamm und krank. Ich glaube, du hast Fieber, und du siehst aus, als hättest du eine Vergiftung und einen Schock. Versuch dich auszuruhen. Mach dir keine Sorgen. Es wird nichts Schlimmes passieren.»
Ja, ich hatte tatsächlich Fieber. Mir war heiß, und gleichzeitig fror ich. Zwanghafte Ängste suchten mich heim. Meine Wahrnehmungen waren trügerisch. Die Dinge schienen sich zu verändern – sie schienen ihre Realität zu verlieren.
Das Krankenhaus, ein nüchterner viktorianischer Bau, sah einen Augenblick lang aus wie der Tower von London. Die fahrbare Trage, auf der ich hineingefahren wurde, erinnerte mich an einen Schinderkarren, und der winzige Raum mit verbauter Aussicht, in den man mich brachte (man hatte das im letzten Augenblick improvisiert, da alle Stationen und Unterstationen voll belegt waren), weckte in mir Assoziationen an die berüchtigte Folterkammer «Little Ease» im Tower.
Später gewann ich mein winziges, höhlenartiges Zimmer sehr lieb, und da es so abgekapselt war, nannte ich es «Die Monade». Aber an diesem schrecklichen, unheilvollen Abend des 25., als ich mich im Griff eines Fieberanfalls und neurotischer Phantasien befand und vor heimlicher Angst zitterte, kam es mir vor, als sei alles verkehrt, und es gab nichts, was ich daran ändern konnte.
«Die Exekution findet morgen statt», sagte der Mann in der Aufnahme.
Ich wusste, dass er gesagt haben musste: «Die Operation findet morgen statt», aber das Gefühl, dass mir eine Hinrichtung bevorstand, überdeckte seine Worte. Und wenn mein Zimmer «Little Ease» war, dann war es gleichzeitig auch die Todeszelle. Mit halluzinatorischer Klarheit sah ich vor meinem geistigen Auge jenen berühmten Stich, der Fagin [*] in seiner Zelle zeigt. Mein Galgenhumor gab mir Trost und half mir, mich zu entspannen und die anderen absonderlichen Begleitumstände meiner Aufnahme über mich ergehen zu lassen. (Erst oben auf der Station wurde mir wieder Menschlichkeit zuteil.) Und zu diesen grotesken Phantasien kam der tatsächliche Ablauf der Aufnahme, jene systematische Entpersönlichung, die mit dem Prozess des Patientwerdens verbunden ist. Man gibt seine Kleider ab und erhält ein unpersönlich weißes Nachthemd. Man bekommt ein Armband mit einer Registriernummer. Man ist den Vorschriften und Regeln einer Institution unterworfen. Man kann nicht mehr über sich selbst verfügen, man hat keine Rechte mehr, man wird der Welt entzogen. Die Prozedur entspricht genau der, die ein neuer Gefangener durchmacht, und ruft demütigende Erinnerungen an den ersten Schultag wach. Von nun an ist man keine Person mehr, sondern eine Nummer. Man versteht wohl, dass dies zum eigenen Schutz geschieht, aber diese Erfahrung ist dennoch furchtbar. Und während der endlos sich hinschleppenden Aufnahmeformalitäten wurde ich gepackt, überwältigt von dieser elementaren Furcht vor der Erniedrigung, bis zu dem ersten, herrlichen Augenblick, als man mir als Person und nicht bloß als einem «Neuzugang» oder einem Ding begegnete und mir – plötzlich und wunderbar – Menschlichkeit widerfuhr.
Unversehens platzte eine gutgelaunte, nette Oberschwester mit einem Lancashire-Akzent in meine Todeszelle, ein Mensch, eine mitfühlende und humorvolle Frau. Sie war, wie sie sich ausdrückte, «ganz weg», als sie meinen Rucksack öffnete und fünfzig Bücher, aber nicht ein einziges Kleidungsstück auspackte.
«Also wirklich, Doktor Sacks, Sie sind schon ein komischer Vogel!», sagte sie und brach in fröhliches Gelächter aus.
Da musste auch ich lachen. Und mit diesem gesunden Gelächter löste sich die Spannung, und die Teufel verschwanden.
Sobald ich untergebracht war, kamen der Medizinalassistent und der Oberarzt der chirurgischen Abteilung zur Visite. Es gab einige Unklarheiten in der «Vorgeschichte», denn sie wollten die «entscheidenden Fakten» erfahren, und ich wollte ihnen alles erzählen – die ganze Geschichte. Außerdem war ich mir nicht ganz sicher, was unter diesen Umständen «entscheidend» oder nebensächlich war.
Sie untersuchten mich, soweit der Gips es zuließ. Es sehe so aus, als handele es sich lediglich um einen Abriss der Quadrizepssehne, sagten sie, aber eine umfassende Untersuchung sei nur unter Vollnarkose möglich.
«Warum eine Vollnarkose?», fragte ich. «Könnte man nicht eine Lumbalanästhesie vornehmen?»
Dann würde ich nämlich sehen können, was los war. Nein, sagten sie, in solchen Fällen mache man immer eine Vollnarkose, und außerdem (hierbei lächelten sie) würden die Chirurgen wohl kaum damit einverstanden sein, dass ich während der Operation Fragen stellte!
Ich wäre gern näher darauf eingegangen, aber etwas in ihrem Ton und Verhalten hielt mich davon ab. Ich fühlte mich, genau wie bei Schwester Solveig in Odda, seltsam hilflos und dachte: «Ist das mit ‹Patientsein› gemeint? Na gut, ich bin jetzt seit fünfzehn Jahren Arzt. Nun werde ich also erfahren, was es heißt, ein Patient zu sein.»
Sobald ich darüber nachdachte, sah ich ein, dass ich mich übertrieben aufgeregt hatte. Ihre Worte hatten nicht stur oder zurechtweisend klingen sollen. Die beiden machten einen ganz freundlichen Eindruck, wenn auch auf eine unpersönliche Art. Zweifellos waren sie nicht befugt, in dieser Angelegenheit eine Entscheidung zu treffen; es würde das Beste sein, am nächsten Morgen den zuständigen Chirurgen zu fragen. Sie hatten gesagt, meine Operation sei für neun Uhr dreißig angesetzt, und der Chirurg – ein Mr. Swan[*] – werde mich vorher zu einer kurzen Besprechung aufsuchen.
Ich dachte: «Verflixt, der Gedanke, dass ich unter Vollnarkose gesetzt werden und Bewusstsein und Kontrolle verlieren soll, gefällt mir gar nicht.» Außerdem, und das war noch wichtiger, war mein ganzes Leben auf Bewusstheit und Beobachtung ausgerichtet gewesen – sollte mir ausgerechnet jetzt die Chance zum Beobachten versagt werden?
Ich rief meine Familie und Freunde an, erzählte ihnen, was vorgefallen war und was nun geschehen würde, und sagte ihnen, es sei mein Wille, dass sie, sollte ich infolge unglücklicher Umstände während der Operation sterben, meine Notizbücher und andere unveröffentlichte Aufzeichnungen bearbeiten und nach Gutdünken veröffentlichen sollten.
Nach diesen Telefongesprächen meinte ich, ich sollte dieser Angelegenheit lieber einen formelleren Anstrich geben, und so schrieb ich alles in juristisch klingenden Formulierungen nieder, datierte das Schriftstück und bat zwei Schwestern, meine Unterschrift zu bezeugen. Mit dem Gefühl, alles «geregelt» zu haben – oder vielmehr alles, was zu regeln in meiner Macht stand –, hatte ich keine Schwierigkeiten einzuschlafen; ich schlief tief und fest bis kurz nach fünf Uhr morgens, als ich mit ausgetrockneter Zunge und einem üblen Geschmack im Mund, einem Pochen im Knie und mit Fiebergefühl erwachte. Ich bat um etwas Wasser, aber man sagte mir, ich dürfe am Tag der Operation nichts zu mir nehmen.
Ungeduldig wartete ich auf Swan. Sechs Uhr, sieben Uhr, acht Uhr … Ob er am Ende gar nicht mehr komme, fragte ich die Schwester, eine furchterregend aussehende, in strenges Dunkelblau gekleidete Frau (die fröhliche Oberschwester vom Vorabend hatte eine gestreifte Tracht getragen).
«Mr. Swan kommt, wann er es für richtig hält», antwortete sie pikiert.
Um acht Uhr dreißig kam eine Schwester, um mir, wie vor Operationen üblich, ein Beruhigungsmittel zu geben. Ich sagte ihr, ich müsse wegen der Lumbalanästhesie mit dem Chirurgen sprechen. Kein Problem, erwiderte sie – die Vorbereitungen für die Operation seien bei Lumbalanästhesie dieselben wie bei einer Vollnarkose.
Ich wollte sagen, dass ich fürchtete, von dem Beruhigungsmittel benebelt zu werden und dann nicht in der Lage zu sein, klar zu denken, wenn Mr. Swan gekommen sei. Sie meinte, ich solle mir keine Sorgen machen, denn er werde jeden Augenblick hier sein. Ich ließ die Sache auf sich beruhen – und mir die Spritze geben.
Sehr bald hatte ich einen trockenen Mund, Lichterscheinungen vor den Augen – ich sah Sterne und Blitze – und fiel in einen irgendwie träumerisch-albernen Gemütszustand. Ich klingelte nach der Schwester. Es war acht Uhr fünfundvierzig – seit der Injektion hatte ich die Uhr nicht aus den Augen gelassen –, und ich wollte wissen, was man mir gegeben hatte. Das Übliche, war die Antwort: Phenergan und Hyoszin, wie man es zur Herbeiführung eines «Dämmerschlafs» verwende. Ich stöhnte innerlich auf. Das bedeutete, dass ich nicht auf Draht, meiner Willenskraft beraubt sein würde.
Mr. Swan erschien um acht Uhr dreiundfünfzig und fand mich auf meine Armbanduhr starrend vor. Er schien mir zunächst ein sehr schüchterner Mann zu sein, aber dieser Eindruck wurde sogleich durch seine kräftige, entschlossene Stimme ausgelöscht.
«Nun», sagte er laut, «wie fühlen wir uns heute?»
«Gefasst», antwortete ich mit schwerer Zunge.
«Kein Grund zur Sorge», fuhr er energisch fort. «Sie haben sich eine Sehne gerissen. Wir werden sie wieder annähen. Die Verbindung wiederherstellen. Das ist alles. Keine Sache!»
«Aber …», sagte ich langsam – aber da war er schon wieder aus dem Zimmer.
Mit großer Mühe, denn ich war infolge des Beruhigungsmittels träge und hatte das Gefühl zu versinken, läutete ich und fragte nach der Schwester.
«Was gibt es?», sagte sie. «Warum haben Sie mich gerufen?»
«Wegen Mr. Swan», sagte ich und bemühte mich um eine deutliche Aussprache. «Er war zu kurz bei mir. Kaum war er hier, war er auch schon wieder weg. Er schien es furchtbar eilig zu haben.»
«Na, da soll mich doch …», fuhr sie mich an: «Er ist ein sehr beschäftigter Mann. Sie können froh sein, dass er überhaupt gekommen ist.»
Eine letzte Erinnerung, bevor ich weg war …: Der Anästhesist hatte mir gesagt, ich solle laut zählen, während er mir eine Injektion Pentothal i.v. verabreichte. Eigenartig ungerührt sah ich zu, wie er in die Vene einstach, etwas Blut aufzog, um sich zu vergewissern, und das Betäubungsmittel langsam injizierte. Ich bemerkte nichts – keine wie auch immer geartete Reaktion. Als ich bei neun angelangt war, ließ mich irgendetwas auf die Uhr sehen. Ich wollte den letzten Augenblick, bevor ich das Bewusstsein verlor, festhalten und mich vielleicht, durch Konzentration, daran festklammern. Sobald mein Blick auf die Uhr fiel, sah ich, dass etwas nicht stimmte.
«Der Sekundenzeiger», sagte ich mit benebelter Klarheit. «Ist er wirklich stehengeblieben oder kommt es mir nur so vor?»
Der Anästhesist sah drauf und sagte: «Ja, er ist stehengeblieben. Hakt wohl irgendwo fest.»
Und damit verlor ich das Bewusstsein, denn an alles Weitere kann ich mich nicht mehr erinnern.
Meine nächste Erinnerung, oder vielmehr meine erste Erinnerung an das Erwachen, verdient eigentlich nicht das Wort «nächste». Ich lag im Bett und hatte den Eindruck, dass jemand mich schüttelte oder meinen Namen rief. Ich schlug die Augen auf und sah den Medizinalassistenten, der sich über mich beugte.
«Wie geht es Ihnen?», fragte er.
«Wie es mir geht?», antwortete ich mit einer Stimme, die so heiser und so wütend war, dass ich sie kaum als meine eigene erkannte. «Ich werde Ihnen sagen, wie es mir geht! Es geht mir beschissen! Was zum Teufel ist hier eigentlich los? Vor ein paar Minuten war mein Knie noch ganz in Ordnung, und jetzt tut es weh – und zwar höllisch!»
«Das war nicht vor ein paar Minuten, Dr. Sacks», sagte er. «Das war vor sieben Stunden. Sie sind operiert worden, das wissen Sie doch.»
«Ach du lieber Himmel!», sagte ich fassungslos. Ich hatte gar nicht daran gedacht, dass die Operation bereits stattgefunden haben könnte. Es fehlte mir jegliches Gefühl einer zeitlichen Abfolge, einer Zwischenzeit – das Gefühl, dass Zeit verstrichen oder irgendetwas «geschehen» war.
«Ach so, ja», sagte ich ernüchtert. «Wie ist es gelaufen?»
«Gut», sagte er verbindlich: «Ohne alle Komplikationen.»
«Und das Knie?», fuhr ich fort. «Ist es genau untersucht worden?»
Er zögerte, oder jedenfalls erschien es mir so. «Machen Sie sich keine Sorgen», sagte er dann. «Das Knie müsste in Ordnung sein. Wir haben es nicht eingehend untersucht. Wir waren der Meinung, da ist alles okay.»
Ich fand weder das, was er sagte, noch wie er es sagte wirklich beruhigend, und bevor es wieder Nacht um mich wurde, war mein letzter Gedanke, dass sie eine ganz tiefgreifende Verletzung des Knies übersehen hatten und dass ich mich vielleicht in nicht ganz vertrauenswürdigen Händen befand.
Abgesehen von dem kurzen Gespräch mit dem Medizinalassistenten, das mir genau im Gedächtnis geblieben ist und das ich praktisch wortwörtlich wiedergegeben habe, habe ich fast keine zusammenhängende Erinnerung an die achtundvierzig Stunden nach der Operation. Ich war sehr fiebrig, befand mich in einem Schockzustand, kämpfte mit den Nachwirkungen des Betäubungsmittels und hatte starke Schmerzen im Knie. Alle drei Stunden bekam ich Morphium. Ich fiel in Delirien, an die ich mich nicht erinnern kann. Mir war entsetzlich übel, und ich hatte großen Durst, durfte aber nur hin und wieder einen Schluck Wasser trinken. Da ich kein Wasser lassen konnte, musste ein Katheter gelegt werden. Diese beiden Tage waren ausgeblendete Tage.
Ich war also erst am Mittwochabend, zwei Tage nach der Operation, wieder bei klarem Verstand – und diese beiden Tage, jedenfalls soweit es ein zusammenhängendes, folgerichtiges Bewusstsein betrifft, fehlten mir fast gänzlich. Als Fieber und Delirium abgeklungen waren, der Schmerz so weit nachgelassen hatte, dass keine Morphiuminjektionen mehr erforderlich waren, und der Katheter – ja, der Katheter, dieses entsetzliche Gerät – entfernt werden und ich wieder die Freuden des unbehinderten Pinkelns genießen konnte, erholte ich mich recht schnell. Ich fühlte mich in Geist und Körper wunderbar erneuert, was im Fall eines Mannes, der sich einer ziemlich tiefgreifenden Operation unterziehen musste, infolge der Zerstörung von Gewebe einen Schock erlitten und obendrein Fieber und Delirium zu erdulden hatte, etwas seltsam klingen mag. Dennoch war es so. Regeneriert, mit neuer Kraft, kommt man, wie man so sagt, wieder in Schwung. Man ist beinahe ein neuer Mensch.
Eine erfrischende, milde Brise wehte durch das Fenster – eine milde Abendbrise, die den Gesang, mit dem die Vögel den Tag beschlossen, aus dem Hof hereintrug. Ich atmete tief und genießerisch ein und murmelte ein Dankgebet für diese rasche und – jawohl – herrliche Genesung. Nachdem ich Gott gedankt hatte, dankte ich dem Chirurgen und den Krankenhausmitarbeitern dafür, dass sie mich wieder zusammengeflickt hatten, und auch all den guten Menschen in Norwegen, die mich gerettet hatten. Ich dachte daran, dass ich sechsundneunzig Stunden zuvor in der Abenddämmerung auf einem kalten Berg in Norwegen, in einem Land der Finsternis und unter dem Schatten des Todes herumgekrochen war. Gott sei gedankt, dass ich nun wieder im Land der Lebenden war!
Genießerisch reckte ich mich und stieß dabei an den Gipsverband. Plötzlich fiel mir wieder ein, dass ich ja einen Gips trug und dass sich in diesem Gips mein Bein befand! Tja, da war es also, jedenfalls ein kleines Stück davon: Ein schmaler Wulst über dem oberen Rand des Verbandes und mein rosiger und lebendiger, wenn auch etwas geschwollener Fuß am unteren Ende. Es war wunderbar zu wissen, dass die Verbindung wiederhergestellt, Muskel und Sehne wieder miteinander verbunden waren und alles in schönster Ordnung war. Es hatte sich alles zum Guten gewendet, und ich würde wieder ganz gesund werden. Das würde natürlich eine Weile dauern, kein Zweifel. Ich musste mich auf etwa einen Monat im Krankenhaus und dann noch ein paar Monate der Rekonvaleszenz einstellen. Unter dem Gips würde es zu einem gewissen Muskelschwund kommen – ich hatte oft gesehen, wie schnell die Kraft des Quadrizeps infolge von Bettruhe und mangelnder Bewegung nachlässt –, und ich konnte nicht damit rechnen, dass ich mein Bein gleich wieder mit ganzer Kraft würde gebrauchen können … All dies wusste und akzeptierte ich – ich akzeptierte es mit Freuden. Es war ein geringer Preis für meine Errettung vom Tod oder verheerender, unheilbarer Verkrüppelung. Das Entscheidende jedoch war dies: dass ich, wie durch ein Wunder, meinen Unfall überlebt hatte, dass meine Verletzung durch einen ausgezeichneten Chirurgen behandelt worden war, dass bei einer sorgfältigen, im Verlauf einer Operation vorgenommenen Untersuchung lediglich der Riss einer Sehne festgestellt worden war, dass meine Genesung keine Probleme bereiten würde und dass keine «Komplikationen» irgendwelcher Art aufgetreten oder zu erwarten waren.
Es würde ein gutes Gefühl sein, den Quadrizeps wieder anzuspannen und meine Kraft und Körperbeherrschung, die ich beim Riss der Sehne auf so besorgniserregende Weise verloren hatte, zu fühlen. Jetzt, da die Verbindung wiederhergestellt war, würde ich den Muskel wieder gebrauchen können und ihn so schnell wie möglich wieder aufbauen. Seit der Zeit, da ich meinen Körper mit Gewichtheben trainiert hatte, wusste ich ja sehr gut, wie man Muskelstärke und Körperkraft gewinnt. Ich würde alle in Erstaunen versetzen und ihnen zeigen, wozu ich fähig war!
Aus Vorfreude lächelnd spannte ich den Quadrizeps an – und unerklärlicherweise geschah nichts, gar nichts. Jedenfalls spürte ich nichts – aber ich hatte ja auch nicht hingesehen. Vielleicht hatte es nur eine kleine Kontraktion gegeben. Ich versuchte es noch einmal, diesmal mit großem Krafteinsatz, und beobachtete den Teil des Quadrizeps, der über dem Rand des Gipsverbandes zu sehen war. Wieder nichts, keinerlei wahrnehmbare Bewegung, nicht die kleinste Spur einer Kontraktion. Der Muskel blieb reglos und entspannt und gehorchte meinem Willen nicht. Zitternd tastete ich mit meiner Hand danach. Er war enorm geschrumpft, denn ich konnte jetzt meine ganze Faust mühelos zwischen mein Bein und den Gips schieben (der ja nach der Operation vermutlich eng angelegen hatte).
Mit einem gewissen Muskelschwund aufgrund mangelnder Bewegung musste ich natürlich rechnen. Was ich nicht erwartet hatte und was ich außerordentlich seltsam und beunruhigend fand, war die Feststellung, dass der Muskel vollkommen schlaff – ganz schrecklich und unnatürlich schlaff – war, und zwar in einer Weise, die niemals durch mangelnden Gebrauch allein hervorgerufen sein konnte. Tatsächlich fühlte er sich kaum wie ein Muskel an, sondern eher wie ein weiches, lebloses Gelee oder ein Käse. Er hatte nichts von der Spannkraft, dem Tonus eines normalen Muskels, und er war nicht einfach «schlapp» – er war völlig atonisch.
Einen Augenblick lang packte mich absolutes Entsetzen, und ich erschauerte; gleich darauf aber unterdrückte ich dieses Gefühl und wandte meine Aufmerksamkeit angenehmeren Dingen zu. Das war sehr einfach. Zweifellos würde sich herausstellen, dass ich einen absurden Fehler gemacht hatte – wie jemand, der seinen Schlüssel umgekehrt in das Schloss gesteckt hat –, und ich würde am nächsten Morgen sehen, dass alles in Ordnung war.
Mein Vater und alte Freunde würden bald kommen, denn ich hatte die Schwestern gebeten, sie wissen zu lassen, dass ich wieder bei Bewusstsein und in der Lage war, Besuch zu empfangen. Und was diesen Unsinn mit dem Bein betraf – nun, es war eben nicht mehr als das: Unsinn. Am nächsten Morgen würde eine Krankengymnastin kommen, und gemeinsam würden wir schon herausfinden, was hinter dieser dummen Sache steckte.
Ich verbrachte einen wunderbaren Abend – eigentlich war es so etwas wie eine Feier. Es war herrlich, meine alten Freunde um mich zu haben, meine Freunde, von denen ich «geträumt» hatte, als ich auf jenem Berg geglaubt hatte zu sterben. (Ich erzählte ihnen die ganze Geschichte, aber das erzählte ich ihnen nicht.) Es war ein herrlicher, fröhlicher, geselliger Abend, und zur Belustigung und zur moralischen Entrüstung der Nachtschwester leerten wir eine Magnum-Flasche Champagner. Aber auch meine Freunde waren sehr erleichtert, denn ich hatte es Sonntagabend abgelehnt, sie zu empfangen, sondern sie angerufen und sie, zu ihrer großen Beunruhigung, gebeten, meine Testamentsvollstrecker zu sein, sollte mir irgendetwas «passieren». Nun, es war nichts passiert, und ich schäumte über vor Lebendigkeit. Ich war am Leben, und sie waren am Leben. Wir alle waren lebendig, wir waren Zeitgenossen, Gefährten auf der Reise durch das Leben. An jenem Abend des 28., inmitten meiner lächelnden und lachenden (und manchmal weinenden) Freunde, spürte ich, wie noch nie zuvor, was fröhliche Geselligkeit bedeutet: nicht bloß am Leben zu sein, sondern sein Leben auch zu teilen und gemeinsam mit anderen am Leben zu sein. Meine Einsamkeit auf dem Berg hatte ich in gewissem Sinne fast als trauriger als den Tod empfunden.
Es war ein so schöner, so fröhlicher Abend, dass wir den Aufbruch hinauszögerten.
«Was meinst du, wie lange du noch in diesem Laden bleiben musst?»
«Keine Minute länger als nötig – nur so lange, bis ich aus eigener Kraft auf die Straße gehen kann. In ein paar Wochen müsste ich schon wieder herumlaufen können.»
Als sie aufbrachen, war ich erfüllt von Glück und dem Gefühl der Verbundenheit und fiel ein paar Minuten später in Schlaf.
Aber tief in meinem Innersten war keineswegs alles in Ordnung. Einen Augenblick lang hatte ich, was mein Bein betraf, tatsächlich Zweifel gehabt, aber ich hatte mich bemüht – mit Erfolg, wie ich meinte –, sie als «Albernheiten», als eine Art von «Fehler» abzutun, und die ganze Angelegenheit warf an diesem geselligen Abend gewiss keinen Schatten auf mein Gemüt. Ich hatte die Sache tatsächlich «vergessen», ganz und gar vergessen, aber tief in meinem Inneren bestand das Wissen darum weiter fort.
In der Nacht jedoch, als ich in diese Tiefen hinabtauchte (oder diese Tiefen aufbrachen und in mir aufstiegen), hatte ich einen ganz besonders schrecklichen Albtraum, der umso angsteinflößender war, als er sehr real zu sein und ganz und gar nichts Traumhaftes an sich zu haben schien. Ich war wieder auf dem Berg und mühte mich hilflos ab, mein Bein zu bewegen und aufzustehen. Aber – und dies wenigstens war eine traumhafte Verzerrung – es gab eine eigenartige Verwechslung von Vergangenheit und Gegenwart. Gerade erst war ich gestürzt, und doch war das Bein bereits vernäht: Ich konnte die aus winzigen, ordentlichen Stichen bestehende Naht sehen. «Ausgezeichnet!», dachte ich. «Die Verbindung ist wiederhergestellt. Sie sind mit einem Hubschrauber gekommen und haben mich an Ort und Stelle wieder zusammengeflickt! Alles ist wieder vernäht, jetzt kann’s weitergehen!» Aber aus irgendeinem Grund bewegte sich das Bein kein bisschen, obwohl es doch so schön und ordentlich vernäht war. Als ich versuchte, mich auf das Bein zu stützen und aufzustehen, regte sich nichts, nicht einmal eine einzige Muskelfaser. Ich streckte meine Hand aus und betastete den Muskel. Er fühlte sich weich und breiig an, leblos, ohne Tonus. «Um Gottes willen!», sagte ich im Traum. «Irgendetwas stimmt nicht, irgendetwas ist ganz schrecklich schiefgelaufen. Irgendwie ist der Muskel denerviert. Es liegt nicht nur an der Sehne – die Nervenverbindung ist unterbrochen!» Ich strengte mich an, sosehr ich nur konnte, aber es hatte keinen Zweck. Das Bein lag schlaff und reglos da, als sei es tot.
Als ich schweißgebadet und voller Angst erwachte, versuchte ich tatsächlich, den kraftlosen Muskel anzuspannen (wie ich es vielleicht auch in meinem Traum getan hatte). Aber es war sinnlos, es regte sich nichts, genau wie in meinem Traum. «Es liegt am Champagner», sagte ich mir. «Du phantasierst, du bist erregt. Oder vielleicht bist du auch gar nicht wach, sondern in einem anderen Traum. Schlaf wieder ein, einen tiefen, erholsamen Schlaf, und morgen früh wirst du feststellen, dass alles in Ordnung ist.»
Ich schlief ein, aber wieder betrat ich das Reich der Träume. Ich befand mich an einem mit riesigen, dichtbelaubten Bäumen bestandenen Flussufer. Sonnenflecken tanzten auf der leicht gekräuselten Wasseroberfläche. Es herrschte eine wunderbare, fast greifbare, tiefe Stille, die mich wie ein Umhang einhüllte. Ich hatte Fernglas und Kamera dabei, denn ich wollte einen außergewöhnlichen neuen Fisch beobachten – ein wundersames Wesen, so hieß es, obwohl nur wenige Menschen es je gesehen hatten. Ich hatte gehört, dass man es als «Chimäre» bezeichnete. Geduldig wartete ich eine Weile bei seinem Versteck, aber schließlich begann ich zu pfeifen und in die Hände zu klatschen und warf einen Stein in das Wasser, um zu sehen, ob ich das träge Ungeheuer aufscheuchen konnte.
Plötzlich, ganz plötzlich, bemerkte ich eine Bewegung im Wasser, eine Regung, die aus unvorstellbaren Tiefen zu kommen schien. Es sah aus, als werde das Wasser in der Mitte des Flusses eingesaugt, sodass ein riesiges Loch, ein Hohlraum, ein gewaltiger Strudel entstand. Der Mythos besagte, dass die Chimäre einen ganzen Fluss mit einem Schluck verschlingen konnte, und in diesem Augenblick verwandelte sich meine Verwunderung in blanken Schrecken, denn ich begriff, dass der Mythos buchstäblich der Wahrheit entsprach. Aus dem gigantischen leeren Raum, den sie selbst geschaffen hatte, erhob sich die Chimäre. In ihrer majestätischen Pracht stieg sie aus den Tiefen auf, ganz milchweiß und runzlig, wie Moby Dick, nur dass sie – es war unglaublich! – Hörner und das Gesicht eines riesigen Wiederkäuers hatte.
Wütend richtete sie nun aus großen, vorstehenden Augen ihren Blick auf mich. Sie glichen den Augen eines Stieres, nur dass dieser Stier einen ganzen Fluss austrinken konnte und einen mächtigen, schuppigen Schwanz so groß wie eine Zeder besaß.
Als dieses Wesen sich umdrehte, mir sein gigantisches Gesicht zuwandte und seine riesigen Augen auf mich richtete, erfasste mich wilde Panik, und ich versuchte verzweifelt, mich rückwärts in Sicherheit zu bringen und das Flussufer hinaufzuklettern. Aber ich vermochte nicht zu springen. Die Bewegung kam ganz falsch heraus, und anstatt rückwärts zu schnellen, warf ich mich mit aller Kraft nach vorn, geradewegs unter das, was ich jetzt als die Hufe des Fisches erkannte …
Die Heftigkeit meiner plötzlichen Bewegung riss mich aus dem Schlaf, und ich merkte, dass ich meine Kniesehnen ruckartig bis zum Äußersten angespannt hatte. Mein rechter Fuß hatte gegen mein Hinterteil getreten, während meine linke Ferse gegen den Rand des Gipses drückte. Es war ein schöner, sonniger Morgen, so viel konnte ich erkennen, denn das Licht, ganz zu schweigen von Windgeräuschen und Gerüchen, strömte in mein Zimmer (nur die Sicht, und damit auch visuelle Muster und Details, war durch das Gerüst, das sich knapp einen halben Meter vor meinem Fenster erhob, versperrt). Es war ein schöner Donnerstagmorgen, und ich konnte das Klappern des Essenwagens auf dem Flur hören und gebutterten Toast riechen! Plötzlich fühlte ich mich wieder wunderbar – es war der Morgen des Lebens: Ich atmete die frische Luft tief ein und vergaß meine schlechten Träume.
«Tee oder Kaffee, Herr Dr. Sacks?», fragte die kleine javanische Krankenschwester. (Ich hatte sie, an jenem schrecklichen Morgen vor der Operation, schon einmal kurz gesehen und sie gleich gemocht.)
«Tee», antwortete ich. «Eine ganze Kanne! Und Porridge und pochierte Eier und Buttertoast mit Orangenmarmelade!» Sie sah mich verwundert aus großen, mandelförmigen, freundlichen Augen an. «Also, heute geht es Ihnen aber wirklich besser!», sagte sie. «Gestern und vorgestern wollten Sie nur Wasser trinken. Es freut mich sehr für Sie, dass es Ihnen jetzt wieder gutgeht.»
Ja, so war es. Es ging mir gut, ich war froh, ich merkte, dass meine Lebenskraft zurückkehrte, und verspürte das Verlangen, mich zu bewegen. Ich war immer ein aktiver Mensch gewesen – Aktivität war für mich lebenswichtig. Ich genoss alle Art von Bewegung, die schnellen Bewegungen, zu denen der Körper fähig ist. Die Vorstellung, untätig im Bett zu liegen, war mir verhasst. Mein Blick fiel auf einen Haltegriff, eine Art Trapez, das über meinem Bett hing. Ich streckte meine Hände aus, packte den Griff und machte zwanzig Klimmzüge. Was für eine wunderbare Bewegung, was für wunderbare Muskeln – ihr Funktionieren erfüllte mich mit Freude. Ich ruhte mich aus, begann eine neue Serie von Klimmzügen – diesmal waren es dreißig –, und dann ließ ich mich zurücksinken und genoss das angenehme Gefühl, das mich durchströmte.
Ja, ich war noch immer gut in Form, trotz Verletzung, Operation und der damit verbundenen Zerstörung von Gewebe. Fünfzig Klimmzüge – das war ganz schön gut, wenn man in Betracht zog, dass ich mich vor erst fünfzehn Stunden in einem Schockzustand befunden und im Delirium gelegen hatte. Ich schöpfte daraus nicht nur Freude, sondern auch Selbstvertrauen – Vertrauen in meinen guten Körper, seine Stärke, seine Spannkraft, seinen Genesungswillen.
Man hatte mir gesagt, dass die Krankengymnastin nach dem Frühstück kommen würde. Alle bestätigten mir, sie sei absolut erstklassig. Wir würden also bald mir der Arbeit anfangen: Wir würden den Tonus wieder in mein Bein zurückkehren lassen, es wieder seeklar machen und auch den Rest des Körpers einbeziehen. Wenn ich an «seeklar machen» dachte, fühlte ich mich irgendwie tatsächlich wie ein Schiff, ein lebendiges Schiff, ein Schiff, das Leben transportierte. Ich hatte das Gefühl, als sei mein Körper das Schiff, das mich durch mein Leben trug. Alle Körperteile gehörten dazu – sie waren die soliden Planken, die flinken Matrosen, die, angeleitet und koordiniert von mir, dem Kapitän, harmonisch zusammenarbeiteten.
Kurz nach neun trat die Krankengymnastin ein, eine athletische Frau mit einem Lancashire-Akzent. Sie wurde von einer Assistentin oder Studentin, einer jungen Koreanerin mit zurückhaltend niedergeschlagenen Augen, begleitet.
«Dr. Sacks?», brüllte sie mit einer Stimme, die man über ein ganzes Spielfeld hinweg hätte hören können.
«Madam!», sagte ich leise und neigte den Kopf.
«Freut mich, Sie kennenzulernen», sagte sie etwas weniger laut und gab mir die Hand.
«Es freut mich, Sie kennenzulernen», antwortete ich etwas weniger leise und schüttelte ihre Hand.
«Wie geht’s dem ollen Bein? Wie fühlt es sich an? Tut wahrscheinlich teuflisch weh, was?»
«Nein – nur hin und wieder ein kurzes Stechen. Aber es kommt mir irgendwie komisch vor. Es will nicht so recht.»
«Mmmh!», brummte sie und überlegte einen Augenblick.
«Na ja, dann wollen wir es uns mal ansehen und uns an die Arbeit machen.»
Sie schlug die Decke zurück, sodass das Bein freilag, und als sie das tat, sah ich, dass sie plötzlich ein überraschtes Gesicht machte. Diese Überraschung wich jedoch sogleich einem ernsten, nüchternen Ausdruck professionellen Interesses. Sie machte mit einem Mal einen weniger polterigen und mehr gedämpften und methodischen Eindruck. Sie holte ein Bandmaß hervor und maß den Oberschenkelumfang des operierten und dann, zum Vergleich, den des gesunden Beins. Es schien, als könne sie das Ergebnis nicht glauben, denn sie wiederholte die Messung und warf der Koreanerin einen Blick zu.
«Tja, Dr. Sacks», sagte sie schließlich, «das ist ein ganz beachtlicher Schwund – Ihr Oberschenkelumfang hat um achtzehn Zentimeter abgenommen.»
«Das klingt nach viel», sagte ich. «Aber ich nehme an, dass der Muskelschwund bei mangelnder Bewegung recht schnell fortschreitet.»
Der Ausdruck «mangelnde Bewegung» schien sie zu beruhigen. «Ja, mangelnde Bewegung», murmelte sie mehr zu sich selbst als zu mir. «Ich bin sicher, dass das durch mangelnde Bewegung zu erklären ist.»
Wieder legte sie ihre Hand auf mein Bein und tastete den Muskel ab, und wieder glaubte ich zu sehen, dass sie ein erstauntes und beunruhigtes Gesicht machte und sich sogar eine Spur von unwillkürlichem Abscheu darauf abzeichnete, wie man ihn empfindet, wenn man etwas berührt, das unerwartet weich und schwammig ist. Als ich diesen Ausdruck bemerkte – der abermals sofort gelöscht und durch eine nichtssagende, professionelle Miene ersetzt wurde –, ergriffen all meine unterdrückten Ängste wieder mit neuer Kraft Besitz von mir.
«Nun ja», sagte sie mit ihrer überlauten Sportplatz-Stimme. «Nun ja», trompetete sie, «das reicht jetzt wohl erst einmal – dieses Abtasten, Messen, Reden und alles. Jetzt wollen wir mal was tun.»
«Und was?», fragte ich schüchtern.
«Spannen Sie Ihren Muskel an – was haben Sie denn gedacht? Ich möchte, dass Sie den Quadrizeps in diesem Bein anspannen – wie Sie das machen sollen, brauche ich Ihnen ja wohl nicht zu sagen. Nur den Muskel anspannen. Also jetzt anspannen – da, wo ich meine Hand habe. Na los, Sie geben sich ja gar keine Mühe. Jetzt mal mit diesem hier.»
Sofort spannte ich kräftig den Oberschenkelmuskel meines rechten Beines an. Aber als ich dasselbe beim linken versuchte, war nicht die Spur einer Anspannung oder Versteifung festzustellen. Ich versuchte es wieder und wieder, aber ohne Erfolg.
«Sieht nicht so aus, als ob ich das besonders gut könnte», sagte ich kleinlaut.
«Lassen Sie sich nicht entmutigen», röhrte sie. «Es gibt ja noch jede Menge andere Möglichkeiten. Viele Leute haben mit dieser Art von Muskelspannung – mit isometrischer Kontraktion – Schwierigkeiten. Man muss an eine Bewegung denken, nicht an einen Muskel. Schließlich spannt man normalerweise nicht einen Muskel an, sondern man bewegt sich. Hier, unter dem Gips, ist Ihre Kniescheibe.» Sie klopfte mit ihren kräftigen Fingern auf den Gips, der ein seltsam kalkiges, anorganisches Geräusch von sich gab. «Also, ziehen Sie sie jetzt zu sich. Ziehen Sie Ihre Kniescheibe hoch – jetzt, wo sie wieder angenäht ist, wird Ihnen das keine Schwierigkeiten bereiten.»
Ich zog. Nichts geschah. Ich zog noch einmal und noch einmal. Ich zog, bis ich vor Anstrengung ächzte und stöhnte. Es tat sich nichts – nicht das leiseste Zucken oder Zittern. Der Muskel blieb schlaff wie ein leerer Luftballon.
Die Heilgymnastin fing an, ein nervöses und frustriertes Gesicht zu machen, und sagte streng mit ihrer Trainerinnen-Stimme: «Sie geben sich nicht genug Mühe, Mann! Sie versuchen es gar nicht richtig!»
«Tut mir leid», sagte ich erschöpft und wischte mir den Schweiß von der Stirn: «Ich hatte den Eindruck, dass ich mich ganz schön angestrengt habe.»
«Na ja», knurrte sie, «es hat ausgesehen wie harte Arbeit, und trotzdem hat sich nichts getan! Aber keine Sorge, wir haben ja noch andere Methoden. Die Kniescheibe hochziehen, ist ja irgendwie auch isometrisch – und für Sie vielleicht schwieriger, weil Sie Ihre Kniescheibe ja nicht sehen können.» Diesmal klopfte sie mit ihren Knöcheln auf den weißen Gips, als wolle sie um Einlass bitten.
«Es wäre doch eine gute Sache, wenn es durchsichtige Gipsverbände gäbe», schlug ich vor.
Sie nickte energisch. «Und noch besser wäre es, wenn man überhaupt keinen Gips verwenden würde. Das sind nur große, sperrige Dinger, die alle möglichen Probleme machen. Es wäre viel besser, wenn man Gelenke mit Spangen ruhigstellen würde – aber erzählen Sie das mal einem Orthopäden. Die haben doch keine Ahnung von Physiotherapie!» Plötzlich hielt sie verlegen inne. «Das habe ich nicht so gemeint», sagte sie, und ihre Stimme klang gar nicht mehr wie die einer Trainerin. «Es ist mir bloß so rausgerutscht. Aber …» Sie zögerte und fuhr, als sie in meinem Gesicht Verständnis und Ermunterung fand, dann fort: «Ich will nichts gegen Orthopäden sagen – sie leisten großartige Arbeit –, aber sie scheinen nie an Bewegung und Haltung zu denken, daran, wie man etwas tut, sobald die körperlichen Mängel behoben sind.»
Ich dachte an Swans Blitzbesuch kurz vor der Operation und seine Bemerkung: «Wir werden sie wieder annähen. Die Verbindung wiederherstellen. Das ist alles.» Ich merkte, dass mir diese fähige Krankengymnastin gefiel.
«Miss Preston», sagte ich nach einem Blick auf ihr Namensschildchen (bisher hatte ich sie in Gedanken immer nur «die Krankengymnastin» genannt). «Was Sie sagen, finde ich wirklich sehr vernünftig, und ich wollte, dass mehr Ärzte so dächten wie Sie. Die meisten haben ihren Kopf in Gips.» Diesmal war ich es, der auf die weiße Röhre klopfte, um meine Worte zu unterstreichen: «Aber kommen wir zurück zu mir: Was soll ich jetzt machen?»
«Entschuldigen Sie», sagte sie. «Ich habe mich hinreißen lassen … Machen wir noch einen Versuch. Sobald der Muskel sich einmal bewegt hat, ist alles andere ein Klacks. Eine kleine Kontraktion, das ist alles, was nötig ist. Das Wichtigste ist das erste kleine Zucken – damit fängt alles an. Ich werde Ihnen was verraten …» Ihre Stimme wurde freundlich und mitfühlend. «Eigentlich sollte ich heute nur isometrische Übungen mit Ihnen machen, aber es ist sehr wichtig, dass Sie ein Erfolgserlebnis haben. Ich weiß, wie enttäuschend es ist, etwas immer wieder zu versuchen, ohne dass etwas dabei herauskommt. Es ist sehr schlecht, am Ende mit diesem jämmerlichen Gefühl des Versagens dazustehen. Wir werden es mal mit aktiver Kontraktion versuchen – mit etwas, das Sie sehen können. Die wollen zwar nicht, dass Sie Ihr Bein anheben, aber ich werde das ganze Gewicht tragen. Ich werde Ihr Bein schön sanft anheben, und Sie brauchen mir nur etwas zu helfen … Wir müssen Sie vorher ein bisschen aufsetzen.» Sie nickte der jungen koreanischen Studentin zu, die mir daraufhin die Kissen so zurechtschob, dass ich bequem sitzen konnte. «Ja, jetzt müsste der Hüftbeugemuskel gut arbeiten können. Fertig?»
Ich nickte, dachte: «Ja, diese Frau versteht mich, und wenn irgendjemand es schaffen kann, mich wieder auf die Beine zu bringen, dann sie», und machte mich bereit, eine gewaltige Anstrengung zu unternehmen.
«Sie brauchen sich nicht so anzuspannen», sagte Miss Preston lachend. «Sie wollen ja keinen Rekord im Gewichtheben aufstellen. Sie sollen jetzt nur mit meiner Hilfe Ihr Bein heben … Hoch, hoch … Helfen Sie mir … Noch ein kleines bisschen mehr … Ja, da tut sich ja schon etwas …»
Aber es tat sich nichts, gar nichts, und das konnte ich an Miss Prestons Gesicht ebenso gut erkennen wie an meinem Bein. Es war ein totes Gewicht in ihren Händen, ohne jeden Tonus, ohne Bewegung, ohne ein eigenes Leben – wie Gelee oder Pudding, den man in Gips verpackt hatte. Meine eigene Besorgnis und Enttäuschung war deutlich und unverstellt in Miss Prestons Gesicht geschrieben. Es hatte seine Fassade professioneller Indifferenz abgelegt und war nun offen und lebendig, freimütig und aufrichtig.
«Es tut mir wirklich leid», sagte sie (und ich wusste, dass das stimmte). «Vielleicht haben Sie es diesmal einfach nicht richtig hingekriegt. Versuchen wir es noch einmal.»
Wir machten einen Versuch nach dem anderen. Und mit jedem Versagen, mit jeder Niederlage erschien mir die ganze Sache immer sinnloser. Es kam mir so vor, als würden meine Aussichten auf Erfolg kleiner und kleiner, und das Gefühl, dass ich machtlos und meine Bemühungen nichtig waren, wurde immer überwältigender.
«Ich weiß, wie sehr Sie sich anstrengen», sagte sie. «Und trotzdem ist es so, als würden Sie sich überhaupt nicht anstrengen. Sie bemühen sich so sehr, aber irgendwie schaffen Sie es trotz aller Anstrengung nicht, irgendetwas in Gang zu setzen.»
Das war genau der Eindruck, den auch ich hatte. Ich hatte das Gefühl, dass meine Anstrengungen sinnlos und sozusagen ziellos verpufften. Ich hatte das Gefühl, dass meine Mühen keinen rechten Anhalts- oder Bezugspunkt fanden. Ich hatte das Gefühl, dass mein Wille es gar nicht richtig «versuchte», dass er nicht wirklich «wollte» – weil alles «Wollen» darauf ausgerichtet ist, etwas zu wollen, und genau dieses Etwas war es, was fehlte. Am Anfang der Übungsstunde hatte Miss Preston gesagt: «Spannen Sie den Quadrizeps an. Wie man das macht, brauche ich Ihnen ja wohl nicht zu sagen.» Aber ebendieses «Wie», das Konzept, das dahinterstand, war es, das fehlte. Ich konnte mir nicht mehr vorstellen, wie ich den Quadrizeps anspannen sollte. Ich konnte mir nicht mehr vorstellen, wie ich die Kniescheibe zu mir herziehen oder die Hüfte beugen sollte. Ich hatte daher das Gefühl, dass irgendetwas mit meinem Vorstellungsvermögen geschehen war – wenn auch nur im Hinblick auf diesen einen Muskel. Da ich das Gefühl hatte, etwas «vergessen» zu haben – etwas ganz Offensichtliches, etwas absurd Offensichtliches, nur dass es mir irgendwie entfallen war –, versuchte ich es mit dem rechten Bein. Keinerlei Schwierigkeiten. Ich brauchte es nicht einmal zu «versuchen» oder mir «vorzustellen». Es erforderte keine Willensanstrengung, keinen gedanklichen Aufwand. Das Bein führte alle Bewegungen natürlich und ohne Mühe aus. Ich probierte auch – das war Miss Prestons letzter Vorschlag (sie nannte das «Fazilitation») –, beide Beine gleichzeitig zu heben, in der Hoffnung, es werde vielleicht ein «Überströmen», einen «Transfer» vom gesunden zum kranken Bein geben. Aber davon konnte leider keine Rede sein. Keine Spur von «Fazilitation»!
Nach vierzig Minuten waren sowohl Miss Preston als auch ich erschöpft und entmutigt, und so hörten wir auf und ließen den Quadrizeps in Ruhe. Wir waren beide erleichtert, als sie sich den anderen Muskeln des Beins zuwandte und mich Fuß und Zehen beugen und strecken und andere Hüftbewegungen ausführen ließ: Abduktion, Adduktion, Extension usw. All diese Muskeln arbeiteten spontan, unverzüglich und fehlerlos, im Gegensatz zum Quadrizeps, der überhaupt nicht arbeitete.
Nach der Stunde mit Miss Preston war ich nachdenklich und fühlte mich trostlos. Die Seltsamkeit dieser ganzen Angelegenheit und die böse Vorahnung, die ich gehabt hatte – am Vortag war es mir zwar gelungen, sie zu «vergessen», aber in meinen Träumen hatte sie mich wieder eingeholt –, traf mich nun mit voller Kraft und ließ sich nicht mehr leugnen. Das Wort «träge», das sie benutzt hatte, erschien mir albern: Es war eine Art Schlagwort ohne Inhalt, ohne klare Bedeutung. Irgendetwas stimmte nicht, irgendetwas war ganz und gar nicht in Ordnung, etwas, für das es nach meiner ganzen Erfahrung keinen Präzedenzfall gab. Der Muskel war gelähmt – warum bezeichnete sie ihn dann als «träge»? Der Muskel hatte keinen Tonus mehr; es war, als sei der Fluss der ein- und ausströmenden Impulse, die normalerweise automatisch den Muskeltonus aufrechterhalten, ganz und gar unterbrochen worden. Der neuronale Verkehr war sozusagen gestoppt worden, und die Straßen der Stadt lagen ausgestorben und verlassen da. Das Leben – das neuronale Leben – war zeitweilig zum Erliegen gekommen, sofern «zum Erliegen kommen» nicht ein zu optimistischer Ausdruck war. Im Schlaf, besonders im Tiefschlaf, entspannen sich die Muskeln, und der neuronale Fluss nimmt ab, hört jedoch nie ganz auf. Die Muskeltätigkeit wird Tag und Nacht in Gang gehalten von einem ständigen lebendigen Pulsieren und Zirkulieren winziger Impulse, die jederzeit zu voller Aktivität ausgeweitet werden können.
Nicht einmal im Koma wird die Muskeltätigkeit ganz eingestellt. Sie wird vielmehr in einem ganz langsamen Takt, im Leerlauf gewissermaßen, aufrechterhalten. Wie das Herz hören die Muskeln während des ganzen Lebens nicht auf zu arbeiten. Mein Quadrizeps jedoch hatte, soweit ich das beurteilen konnte, aufgehört zu arbeiten. Er war vollständig gelähmt und ohne Tonus. Er «schlief» nicht bloß, sondern war wie tot, und da er «tot» war, konnte er nicht «geweckt» werden, sondern musste – welches Wort war hier das richtige? – vom Tode auferweckt werden, um wieder ins Leben zurückzukehren. Wachen und Schlafen – lebendig und tot.
Es war die Leblosigkeit des Muskels, die mich so enervierte. Und Leblosigkeit war etwas Absolutes, das nicht mit Müdigkeit oder Krankheit zu vergleichen war. Dies hatte ich am Vorabend gespürt und verdrängt: das Gefühl, die böse Vorahnung, dass der Muskel tot war. Diesen Eindruck vermittelte mir vor allem seine Stille – eine vollkommene und absolute Stille, die Stille des Todes. Wenn ich den Muskel rief, kam keine Antwort. Mein Ruf wurde nicht gehört, der Muskel war taub. Aber war das alles? Würde das ausreichen, um mir den Eindruck von «Stille» zu geben? Wenn man ruft, hört man seine Stimme – selbst wenn der Ruf nicht beachtet wird oder auf taube Ohren stößt. Vielleicht – und dieser Gedanke ließ mich erschauern, denn damit schien ich in einen völlig anderen Bereich vorzustoßen, einen Bereich mit unendlich ernsteren, ja unheimlichen Möglichkeiten – bedeutete diese «Stille», von der ich sprach, dieses Gefühl, dass «nichts geschah», dass ich in Wirklichkeit gar nicht gerufen hatte (oder dass ich, sollte ich doch gerufen haben, meine eigene Stimme nicht hören konnte)? Dieser Gedanke oder etwas Derartiges – ein Ansatz, eine Vorahnung – war gewiss schon während der Stunde mit Miss Preston irgendwo in meinem Kopf gewesen. Diese bizarren «Versuche», die gar keine wirklichen Versuche waren, dieses «Wollen», das gar kein wirkliches Wollen war, dieses «Vorstellen», das gar kein wirkliches Vorstellen war, diese «Erinnerung», die gar keine wirkliche Erinnerung war …
Was geschah mit mir? Ich war nicht in der Lage, zu versuchen, zu wollen, mir etwas vorzustellen, mich zu erinnern. Ich konnte mir nicht vorstellen oder mich erinnern, wie gewisse Bewegungen auszuführen waren, und meine «Bemühungen» in dieser Richtung waren nichts weiter als ein lächerlicher Selbstbetrug, denn ich hatte die Fähigkeit verloren, einen Teil meiner selbst zu «rufen», über einen Teil meiner selbst zu gebieten … Während ich immer düsterer nachgrübelte, hatte ich nun mehr und mehr den Eindruck, dass diese ganze Angelegenheit weit seltsamer war und in weit tiefere Tiefen reichte, als mein Begriffsvermögen zu fassen imstande war. Ich hatte das Gefühl, dass sich unter mir Abgründe auftaten …
Dass der Muskel gelähmt, dass er «taub» war, dass das lebenswichtige, schwingende Fließen der Impulse, sein «Herzschlag», aufgehört hatte, dass er, mit einem Wort, «tot» war – all dies, so beunruhigend es, für sich betrachtet, auch war, verblasste im Vergleich zu dem, was nun mit entsetzlicher Klarheit in mein Gesichtsfeld rückte, zur Bedeutungslosigkeit. Denn all diese Dinge, so schrecklich sie auch sein mochten, waren durch und durch lokale und periphere Phänomene und berührten als solche mein Wesen – mich – nicht mehr als der Verlust einiger Blätter oder eines Zweiges den innersten Kern des Lebens, den Fluss der Säfte, die Wurzeln eines Baumes berührt. Jetzt jedoch wurde auf beängstigende, ja gespenstische Weise deutlich, dass, was immer auch geschehen war, nicht bloß lokale, periphere, oberflächliche Auswirkungen – jene schreckliche Stille, jenes Vergessen, meine Unfähigkeit zu rufen oder mich zu erinnern –, sondern radikale, zentrale, fundamentale Folgen gehabt hätte. Was zunächst lediglich wie ein lokaler, peripherer Schaden oder Zusammenbruch ausgesehen hatte, erschien jetzt in einem anderen und sehr erschreckenden Licht: Es war ein Zusammenbruch meines Gedächtnisses, meines Vorstellungsvermögens, meines Willens – nicht bloß eine Funktionsstörung meines Muskels, sondern eine Funktionsstörung meiner selbst. Das Bild eines lebendigen Schiffes – die soliden Planken, die erfahrenen Matrosen, der steuernde Kapitän, ich selbst –, das ich mir von mir selbst gemacht und das mir am Morgen so lebhaft vor Augen gestanden hatte, nahm jetzt horrorartige Züge an. Nicht genug damit, dass einige der soliden Planken morsch und verrottet, dass die erfahrenen Matrosen taub, ungehorsam oder abwesend waren – ich selbst, der Kapitän, war nicht mehr Kapitän. Ich, der Kapitän, hatte offenbar einen Hirnschaden und litt an schweren Ausfällen, an verheerenden Beeinträchtigungen meines Erinnerungs- und Denkvermögens. Ganz plötzlich und wie durch eine glückliche Fügung des Himmels fiel ich in einen ohnmachtsartigen Schlaf.
Unvermittelt wurde ich zu meiner Verwirrung aus meinem Tiefschlaf geweckt, und zwar von der kleinen, sonst so ruhigen javanischen Schwester, die in mein Zimmer stürzte und mich wachrüttelte. Sie hatte, bevor sie mir das Mittagessen brachte, einen Blick durch das Fenster in der Tür geworfen, und bei dem Anblick, der sich ihr geboten hatte, hatte sie das Tablett fallen lassen und war ins Zimmer gestürzt.
«Dr. Sacks, Dr. Sacks», rief sie mit schriller Stimme. «Sehen Sie doch, wo Ihr Bein ist – es wird gleich aus dem Bett fallen!»
«Unsinn!», sagte ich verschlafen. Ich war noch gar nicht richtig wach. «Mein Bein ist doch hier, vor mir, wo es hingehört!»
«Nein, ist es nicht!», sagte sie. «Es fällt gleich aus dem Bett. Sie müssen es im Schlaf bewegt haben. Sehen Sie doch!»
«Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen!», sagte ich lächelnd und machte mir nicht die Mühe hinzusehen.
«Das ist kein Witz, Dr. Sacks! Setzen Sie sich doch auf und sehen Sie selbst.
Ich dachte noch immer, sie wolle mich veralbern – Krankenschwestern sind berühmt für ihre Streiche –, und richtete mich auf. Ich hatte flach auf dem Rücken gelegen. Ich sah auf meine Beine – und traute meinen Augen nicht: Mein linkes Bein war weg! Es war unglaublich, unmöglich, aber das Bein war weg!
Wo war es? Ich entdeckte die Gipsröhre weit zu meiner Linken, wo sie in einem seltsamen Winkel zu meinem Körper und, wie es die Schwester gesagt hatte, mehr als halb aus dem Bett hing. Ich musste das Gipsbein im Schlaf und ohne es zu merken mit meinem gesunden Bein dorthin geschoben haben. Plötzlich überkam mich ein Gefühl tiefer Verwirrung. Ich hatte gespürt, dass das Bein vor mir lag – oder hatte zumindest angenommen, dass es dort war (es war ja vorher dort gewesen, und ich hatte keine gegenteiligen Informationen erhalten) –, aber jetzt konnte ich sehen, dass dies nicht der Fall war, sondern dass es um fast 90 Grad verschoben und gedreht worden war. Mit einem Mal hatte ich ein Gefühl der Ungereimtheit, der völligen Unvereinbarkeit von dem, was ich zu fühlen glaubte, und dem, was ich tatsächlich sah, von dem, was ich «mir vorgestellt» hatte, und dem, was sich jetzt als Tatsache herausstellte. Einen verwirrenden, schwindelerregenden Augenblick lang fühlte ich mich von meinen Sinnen hinters Licht geführt. Eine solche Täuschung hatte ich noch nie erlebt.
«Schwester», sagte ich und merkte, dass meine Stimme zitterte, «würden Sie so nett sein und mein Bein wieder ins Bett legen? So flach auf dem Rücken kann ich es nicht so gut bewegen.»
«Aber natürlich, Dr. Sacks. Gerade noch zur rechten Zeit. Es wäre fast aus dem Bett gefallen, und Sie liegen nur da und reden.»
Ich wartete darauf, dass sie das Bein wieder ins Bett schob, aber zu meiner Überraschung tat sie nichts. Sie beugte sich nur über das Bett, richtete sich wieder auf und ging zur Tür.
«Schwester Sulu!», rief ich, und jetzt war sie es, die überrascht war. «Was machen Sie? Ich warte noch immer darauf, dass Sie bitte mein Bein wieder ins Bett legen.»
Sie drehte sich um, und ihre mandelförmigen Augen waren groß vor Verwunderung.
«Jetzt machen Sie aber Witze, Dr. Sacks! Ich habe Ihr Bein doch wieder ins Bett gelegt.»
Diesmal fehlten mir die Worte. Ich packte den Haltegriff und zog mich hoch. Tatsächlich, das war kein Witz – sie hatte das Bein wieder ins Bett gelegt! Sie hatte es wieder ins Bett gelegt, aber ich hatte es nicht gemerkt. Was zum Teufel war eigentlich los?
«Bitte, Schwester Sulu», sagte ich ganz sachlich und kleinlaut, «entschuldigen Sie, dass ich mich so aufgeregt habe. Darf ich Sie um einen Gefallen bitten? Jetzt, da ich sitze und zusehen kann, würden Sie wohl so nett sein und das Gipsbein am Knöchel fassen und schwenken – es nur ein bisschen in alle Richtungen herumbewegen?»
Während sie das tat, sah ich ihr genau zu. Sie hob das Bein hoch, senkte es wieder auf das Bett und bewegte es nach rechts und links. Ich konnte diese Bewegungen sehen, aber überhaupt nicht spüren. Aufmerksam beobachtete ich sie, während sie das Bein bewegte.
«Und jetzt bitte ein paar richtig ausladende Bewegungen, Schwester Sulu.»
Tapfer, denn das Gipsbein war schwer, massig, unhandlich und kraftlos, hob sie es an, bis es in rechtem Winkel zu meinem Körper stand und ließ es dann, wieder im rechten Winkel, zur Seite kippen. All diese Bewegungen konnte ich sehen, aber nicht spüren.
«Nur noch ein letzter kurzer Test, Schwester Sulu, wenn es Ihnen nichts ausmacht.» Meine Stimme (ich bemerkte es wie aus weiter Entfernung) hatte einen ruhigen, sachlichen, «wissenschaftlichen» Klang bekommen, der den grässlichen Schrecken, den klaffenden Abgrund, mit dem ich konfrontiert war, verdecken sollte.
Ich schloss die Augen und bat sie, das Bein nochmals zu bewegen – zunächst kleine Bewegungen und dann, wenn ich nichts sagte, große Bewegungen, wie zuvor. Nun, wir würden sehen! Wenn man den Arm eines Mannes bewegt, während er zusieht, wird er es vielleicht schwierig finden, sein Gefühl von seinen visuellen Eindrücken zu unterscheiden. Beide sind so natürlich miteinander verbunden, dass man nicht daran gewöhnt ist, sie zu trennen. Wenn man ihn jedoch bittet, die Augen zu schließen, hat er keinerlei Schwierigkeiten, auch die winzigsten passiven Bewegungen anzugeben, beispielsweise die Veränderung der Lage eines Fingers um den Bruchteil eines Millimeters. Und in der Tat ist es dieser «Muskelsinn» (wie er früher, bevor Sir Charles Scott Sherrington ihn untersucht und in «Proprio[re]zeption» umgetauft hat, genannt wurde), der von den Impulsen der Muskeln, Gelenke und Sehnen abhängig ist und gewöhnlich übersehen wird, weil er im Allgemeinen unbewusst ist – es ist dieser lebensnotwendige «sechste Sinn», durch den der Körper sich selbst erkennt und mit vollkommener, automatischer, augenblicklicher Präzision die Positionen und Bewegungen aller beweglichen Körperteile, ihr Verhältnis zueinander und ihre Ausrichtung im Raum erfasst. Früher gab es noch ein anderes altes Wort, das noch heute häufig gebraucht wird, nämlich Kinästhesie oder Bewegungssinn (Tiefensensibilität), aber «Propriozeption» scheint mir, auch wenn es weniger wohlklingend ist, ein insgesamt besseres Wort zu sein, weil damit auf ein Gefühl für das «Richtige» (engl.: proper) angespielt wird – etwas, durch das der Körper in die Lage versetzt wird, sich selbst zu erkennen und in «Besitz» (engl.: property) zu nehmen. Man kann sagen, dass man seinen Körper – zumindest die Glieder und die beweglichen Teile – infolge eines konstanten Informationsflusses, der während des ganzen Lebens unablässig von den Muskeln, Gelenken und Sehnen zum Gehirn strömt, «besitzt» oder «innehat». Man besitzt sich selbst, man ist man selbst, weil sich der Körper durch diesen sechsten Sinn immer und jederzeit erkennt und bestätigt. Ich fragte mich, wie viel von jenem seit Descartes in der Philosophie vorherrschenden absurden Leib-Seele-Dualismus durch ein richtiges Verständnis der Propriozeption hätte vermieden werden können. Vielleicht schwebte diese Einsicht dem genialen Leibniz vor, als er von den «perceptiones minutiae» (winzigen Wahrnehmungen) sprach, die zwischen Körper und Seele vermitteln, obwohl …
«Dr. Sacks!» Schwester Sulus Stimme schreckte mich hoch. «Ich dachte, Sie wären eingeschlafen oder so. Mir tun die Arme weh, und Sie haben keinen Laut von sich gegeben. Sie haben mich ganz schön anstrengende Übungen mit diesem riesigen, schweren Gipsbein machen lassen. Ich habe das Bein so weit wie möglich in alle Richtungen bewegt. Jetzt erzählen Sie mir bloß nicht, dass Sie das nicht gespürt haben!»
«Ich habe überhaupt nichts gespürt, Schwester Sulu», sagte ich ernst. «Eigentlich habe ich die ganze Zeit darauf gewartet, dass Sie anfangen!»
Schwester Sulu, die mir so großherzig geholfen hatte, wandte sich zum Gehen und schüttelte verständnislos und verwirrt den Kopf. «Heute Morgen noch war er so nett, so normal, so gesund», dachte sie wohl hinter ihrer glatten javanischen Stirn, «und jetzt benimmt er sich so komisch!» Sie hätte sich noch mehr Sorgen um mich gemacht, wenn sie durch das Fenster in der Tür beobachtet hätte, was ich nun tat; und weit beunruhigter wäre sie gewesen, wenn sie eine Vorstellung davon gehabt hätte, was ich dachte, was ich erfuhr, was ich empfand: «Komisch» wäre für sie ein viel zu schwaches Wort gewesen. Und in der Tat hätte sie in ihrer oder in meiner oder in irgendeiner Sprache kein Wort gefunden, das Unvorstellbare meiner Erfahrungen zu umschreiben.
Sobald sie die Tür hinter sich geschlossen hatte – ich hatte ihr zu verstehen gegeben, dass mir der Appetit auf das Mittagessen vergangen war –, wandte ich mich mit wacher, erschreckter, ja fast wilder Aufmerksamkeit meinem Bein zu. Und in diesem Augenblick kannte ich es nicht mehr. In diesem Augenblick, bei dieser allerersten Begegnung, kannte ich mein Bein nicht. Es war mir ganz und gar fremd, es gehörte nicht mir, es war mir nicht vertraut. Ohne den Hauch eines Erkennens sah ich es an. Wie wir alle kannte auch ich diese seltsamen, plötzlichen Momente des Nicht-Erkennens, jamais vu; sie sind unheimlich, gehen aber schnell vorüber, und dann sind wir wieder in unserer bekannten, vertrauten Welt. Aber dies hier ging nicht vorüber – es gewann an Tiefe und wurde immer stärker und befremdlicher.
Je länger ich diese Gipshülle betrachtete, desto fremder und unverständlicher erschien sie mir. Ich konnte dieses Ding nicht mehr als «mein», als Teil von mir begreifen. Es schien in keiner Beziehung zu mir zu stehen. Es war absolut nicht ich, und doch – es schien unmöglich – war es an mir befestigt, und es bestand – dies schien mir sogar noch unmöglicher – ein Zusammenhang zwischen mir und diesem Ding.
Es muss an diesem Gips liegen, sagte ich mir. Ein derart großes Objekt würde jeden irritieren, wenn es auch eigenartig war, dass es mich erst jetzt so aus der Fassung brachte. Immerhin hatte man mir ja schon am Samstag in Odda einen Gips angelegt. Warum sollte ich ihn jetzt, am darauffolgenden Donnerstag, so seltsam finden – ein groteskes «Ding», das in keinerlei Beziehung zu mir stand? Als man mir den Gips in Odda angelegt hatte, war er mir nicht so erschienen. Ich konnte mich ganz deutlich daran erinnern, dass ich den Gips nicht nur als schützend und tröstlich, sondern auch irgendwie als nett, freundlich und warm empfunden hatte, als ein schönes, gemütliches Heim, das mein armes Bein beherbergen würde, bis es ihm wieder besserging. Aber jetzt sah diese weiße Röhre keineswegs «nett» oder «freundlich» oder «warm» aus. Ich konnte mir auch gar nicht vorstellen, dass sie mir irgendwann in der Vergangenheit so vorgekommen war. Andererseits erschien sie mir aber auch nicht «gemein», «unfreundlich» oder «feindselig» – sie schien gar nichts zu sein, sie hatte überhaupt keine Eigenschaften.
Insbesondere kam mir die Gipshülle nicht mehr wie ein «Heim» vor. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie irgendetwas, geschweige denn einen Teil von mir «beherbergte». Ich hatte das Gefühl, dass sie entweder durch und durch massiv oder aber leer war – jedenfalls enthielt sie gar nichts. Ich betrachtete den schmalen Streifen schlaffen Fleisches über dem Rand der Gipsröhre und schob dann eine Hand hinein. Sie war so weit, dass meine beiden Hände Platz hatten. Das Gefühl war unvorstellbar erschreckend und unheimlich. Als ich am Tag zuvor meine Hand unter den Gipsverband geschoben und den Quadrizeps abgetastet hatte, hatte ich ihn «schrecklich» gefunden – schlaff und schwammig, wie eine Art von weichem, leblosem Gelee oder Käse. Aber dieser Schrecken war nichts im Vergleich zu dem gewesen, den ich jetzt empfand. Am Tag zuvor hatte ich wenigstens etwas berührt – etwas Unerwartetes, Unnatürliches vielleicht, etwas, das nichts Lebendiges an sich zu haben schien, aber immerhin etwas –, während ich heute, so unmöglich das schien, gar nichts berührte. Das Fleisch unter meinen Fingern fühlte sich nicht mehr wie Fleisch an. Es schien nicht mehr greifbar zu sein, nicht mehr aus Materie zu bestehen. Es hatte keine Ähnlichkeit mehr mit irgendetwas. Je länger ich es betrachtete und befühlte, desto weniger war es «da» und desto mehr war es nichts – und nirgends. Es war leblos, unwirklich, es war kein Teil von mir – es gehörte nicht zu meinem Körper oder irgendetwas anderem. Es gehörte nirgendwohin. Es hatte keinen Platz auf der Welt.
Das, was nicht Körper ist, gehört nicht zur Welt, … und da die Welt alles ist, ist das, was nicht Körper ist, nichts – und nirgendwo.
THOMAS HOBBES
So viel stand fest: Ich hatte etwas verloren. Ich schien «mein Bein» verloren zu haben, und das war absurd, denn es war ja dort, im Gips, gut aufgehoben und geborgen – ein «Faktum». Wie konnte irgendein Zweifel daran bestehen? Und doch gab es Zweifel. In ebendieser Frage, ob ich noch ein Bein «hatte» oder «besaß», hegte ich tiefe Zweifel und war bis in die Grundfesten meines Seins erschüttert.
Als ich anfangs meine Augen geschlossen hatte, hatte ich keinerlei Gefühl dafür gehabt, wo mein Bein lag – kein Gefühl dafür, dass es «hier» und nicht «dort» war, kein Gefühl dafür, ob es irgendwo war, einfach überhaupt kein Gefühl. Und was kann man für etwas empfinden, was kann man von etwas postulieren, das «nicht da» ist? In der Tat schien es, als sei diese tiefgreifende Störung der Propriozeption, die nur durch Zufall entdeckt und deutlich geworden, dann aber von Schwester Sulu und mir selbst sorgfältig untersucht worden war, als sei diese besondere Wendung der Dinge der letzte Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Ernste Probleme und Fragen, die hauptsächlich den verletzten und operierten Muskel, seine weitgehende Verkümmerung, seine Atonie, seine offenbare Lähmung betrafen, waren bereits aufgetaucht, ebenso wie, kurz bevor ich einschlief, Fragen einer «höheren» Kategorie. Sie kreisten um den offenbaren Zusammenbruch des «praktischen Wissens» und des «Vorstellungsvermögens», jenen Zusammenbruch, der bewirkte, dass ich mir nicht mehr «vorstellen», mich nicht mehr «daran erinnern» konnte, wie Bewegungen mit diesem Muskel auszuführen waren. Bereits an diesem Punkt war etwas Seltsames im Gange gewesen. Aber unmittelbar darauf folgte der totale, absolute, «existenzielle» Zusammenbruch, dem die Entdeckung des Zusammenbruchs von Empfindung und Gefühl voranzugehen schien, denn erst damit bekam das Bein plötzlich etwas Unheimliches – oder, um es genauer, wenn auch weniger bildhaft auszudrücken: Es verlor alle charakteristischen Eigenheiten und wurde zu einem fremden, unbegreiflichen Ding, das ich berühren und betrachten konnte, ohne ein Gefühl des Wiedererkennens, ein Gefühl der Verbindung zu diesem Ding zu haben. Erst da sah ich es an und dachte: «Ich kenne dich nicht, du gehörst nicht zu mir», und weiter: «Ich kenne dieses ‹Ding› nicht, es gehört zu nichts.» Ich hatte mein Bein verloren. Wieder und wieder kehrte ich zu diesen fünf Wörtern zurück – Wörter, die für mich eine grundlegende Wahrheit ausdrückten, ganz gleich, wie absurd sie für jemand anderen klingen mochten. In gewisser Hinsicht hatte ich also mein Bein verloren. Es war weg, es war verschwunden, es war am Ansatz abgeschnitten worden. Ich war jetzt ein Amputierter, aber kein gewöhnlicher Amputierter. Denn objektiv, nach außen hin, war das Bein ja noch da; es war innerlich, subjektiv verschwunden. Ich war daher sozusagen ein «inwendig» Amputierter. Neurologisch, neuropsychologisch war das die ins Auge springende Tatsache. Ich hatte das innere Bild, die innere Vorstellung von meinem Bein verloren. Es war eine Störung, eine Löschung der Vorstellung vom Bein im Gehirn erfolgt – eine Löschung dieses Teils des «Körper-Bildes», wie die Neurologie es nennt. Es fehlte ein Teil der «inneren Fotografie» meiner selbst. Ich konnte mich ebenso gut einiger Begriffe der Psychoanalyse bedienen, die eine mehr als bloß zufällige Analogie mit denen der Neurologie aufwiesen: Ich konnte sagen, dass ich das Bein als ein «inneres Objekt», als eine symbolische und affektive «Imago» verloren hatte. In der Tat schien es, als müsste ich mich beider Terminologien bedienen, denn mein innerer Verlust war sowohl «fotografisch» als auch «existenziell», das heißt, es lag einerseits ein schwerer Wahrnehmungsausfall vor, der bewirkte, dass ich mein Bein nicht mehr fühlte, während es sich andererseits um einen «sympathischen» Ausfall handelte, der zur Folge hatte, dass ich für mein Bein fast nichts mehr empfand. Beides war in den Begriffen, deren ich mich bediente, enthalten – ich hatte das Gefühl, dass meine persönliche, lebendige, geliebte Realität durch eine leblose, anorganische, feindliche Auflösung der Realität ersetzt worden war.
Was konnte eine derart tiefgreifende, derart verheerende Veränderung, einen so totalen Zusammenbruch sowohl der Empfindung des Beines als auch des Gefühls für das Bein hervorgerufen haben, einen so totalen Zusammenbruch des neuronalen Bildes – und der Imago? Ein längst vergessenes Ereignis aus der Zeit, da ich noch Student und «Famulus» in der neurologischen Abteilung gewesen war, fiel mir wieder ein. Eine ziemlich aufgeregte Krankenschwester hatte mich angerufen und mir folgende merkwürdige Geschichte erzählt: Ein neuer Patient – ein junger Mann – sei morgens aufgenommen worden. Er habe einen sehr netten Eindruck gemacht und sich den ganzen Tag über völlig normal verhalten – bis er vor einigen Minuten aus einem Nickerchen erwacht sei. Seitdem sei er erregt und benehme sich sonderbar, als sei er ein anderer Mensch. Er habe es irgendwie fertiggebracht, aus dem Bett zu fallen, sitze jetzt laut brüllend auf dem Boden und weigere sich beharrlich, sich wieder hinzulegen. Ob ich nicht bitte vorbeikommen und nach ihm sehen könne?
Als ich kam, lag der Patient auf dem Boden neben seinem Bett und starrte eines seiner Beine an. In seinem Gesicht spiegelte sich eine Mischung aus Wut, Sorge, Verwunderung und Heiterkeit – wobei Verwunderung mit einer Spur von Bestürzung überwog. Ich fragte ihn, ob er sich nicht wieder ins Bett legen wolle und ob er dabei Hilfe brauche, aber erschien verärgert über diese Vorschläge und schüttelte den Kopf. Also hockte ich mich neben ihn auf den Boden und bat ihn, mir seine Geschichte zu erzählen. Er war am Morgen für einige Tests in die Klinik gekommen. Er hatte über keine Beschwerden geklagt, aber die Neurologen hatten den Eindruck gewonnen, er habe ein «träges» linkes Bein – genau so hatten sie sich ausgedrückt –, und ihm nahegelegt, gleich zu bleiben. Den ganzen Tag über war es ihm gutgegangen, und gegen Abend war er eingeschlafen. Auch beim Aufwachen war noch alles in Ordnung gewesen – bis er sich bewegt hatte. Denn im Bett hatte er, wie er sich ausdrückte, «irgendein Bein» gefunden – ein abgetrenntes menschliches Bein. Ein entsetzlicher Fund! Er war zunächst starr vor Überraschung und Ekel – so etwas Unglaubliches war ihm selbst in seinen wildesten Träumen noch nie begegnet! Vorsichtig hatte er das Bein angefasst. Es schien vollkommen geformt zu sein, hatte sich aber «sonderbar» und kalt angefühlt. In diesem Augenblick war ihm eine Idee gekommen: Das Ganze war nur ein Witz! Ein ziemlich schlechter und geschmackloser, aber sehr origineller Witz! Es war Silvesterabend, und überall wurde gefeiert. Das halbe Pflegepersonal war beschwipst, Scherze und Knallkörper flogen hin und her – wie beim Karneval ging es zu. Offenbar hatte sich eine Schwester mit einem makabren Sinn für Humor in den Seziersaal geschlichen, ein Bein gestohlen und es ihm, während er fest schlief, ins Bett gelegt. Er war sehr erleichtert gewesen über diese Erklärung, aber da er gefunden hatte, dass dieser Witz zu weit ging, hatte er das verdammte Ding aus dem Bett geworfen. Doch – und in diesem Augenblick gab er den Plauderton, in dem er bisher erzählt hatte, auf, begann zu zittern und wurde aschfahl – als er es aus dem Bett geworfen hatte, war er irgendwie hinterhergefallen, und jetzt war das Bein an ihm festgewachsen.
«Sehen Sie es sich an!», rief er mit vor Ekel verzerrtem Gesicht. «Haben Sie jemals so ein widerwärtiges Ding gesehen? Ich dachte immer, ein Toter wäre tot, und damit basta. Aber das hier ist unheimlich! Und irgendwie – es ist gespenstisch – kriege ich es nicht ab!» Er packte das Bein mit beiden Händen, versuchte mit ungewöhnlicher Kraft, es sich abzureißen, und schlug, als ihm dies nicht gelang, wütend darauf ein.
«Langsam!», sagte ich. «Immer mit der Ruhe! Beruhigen Sie sich! Ich würde das Bein nicht so schlagen.»
«Und warum nicht?», fragte er herausfordernd.
«Weil es Ihr Bein ist», antwortete ich. «Erkennen Sie Ihr eigenes Bein nicht?»
Er sah mich ungläubig und entsetzt an, doch hinter dem Ausdruck der Verblüffung trat rasch eine Art schalkhaften Misstrauens hervor. «Ach so!», sagte er. «Sie wollen mich an der Nase herumführen! Sie stecken mit dieser Schwester unter einer Decke – aber Sie sollten Ihre Patienten nicht so auf den Arm nehmen!»
«Ich nehme niemanden auf den Arm», erwiderte ich. «Das ist Ihr Bein.»
Er sah meinem Gesicht an, dass ich es vollkommen ernst meinte. Blankes Entsetzen trat in seine Augen. «Das soll mein Bein sein? Meinen Sie nicht auch, dass man sein eigenes Bein kennen sollte?»
«Selbstverständlich», antwortete ich. «Man sollte tatsächlich sein eigenes Bein kennen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man es nicht kennt. Vielleicht sind Sie derjenige, der uns hier die ganze Zeit auf den Arm nimmt.»
«Nein, ich schwöre, bei allem, was mir heilig ist … Man sollte wirklich seinen eigenen Körper kennen und wissen, was zu einem gehört und was nicht – aber dieses Bein, dieses Ding –» wieder überlief ihn ein Schauer des Ekels – «fühlt sich nicht richtig, nicht wirklich an. Und es sieht auch nicht so aus, als ob es zu mir gehört.»
«Wie sieht es denn aus?», fragte ich ihn. Ich war inzwischen genauso verwundert wie er.
«Wie sieht es denn aus?», wiederholte er meine Frage langsam. «Ich werde es Ihnen sagen: Es sieht absolut grauenhaft aus, mit nichts zu vergleichen, was ich je gesehen habe. Wie kann so etwas zu mir gehören? Ich weiß nicht einmal, wohin so ein Ding gehören sollte …» Seine Stimme erstarb.
«Hören Sie», sagte ich, «ich glaube, es geht Ihnen nicht gut. Das Beste ist, Sie legen sich wieder ins Bett. Aber eine letzte Frage möchte ich Ihnen noch stellen: Wenn dies, dieses Ding, nicht Ihr linkes Bein ist» (er hatte es in seiner Erzählung als «Fälschung» bezeichnet und sich darüber gewundert, dass sich jemand solche Mühe gegeben habe, ein «Faksimile herzustellen»), «wo ist dann Ihr echtes linkes Bein?»
Wieder wurde er blass – so blass, dass ich dachte, er würde in Ohnmacht fallen. «Ich weiß es nicht», sagte er. «Ich habe keine Ahnung. Es ist verschwunden. Es hat sich in Luft aufgelöst. Ich kann es nirgends finden …»
Dieser ganze Zwischenfall hatte mich tief beunruhigt – so tief, dachte ich jetzt, dass ich ihn über fünfzehn Jahre lang vergessen hatte, und obwohl ich mich als Neurologen bezeichnete, hatte ich diesen Mann vollkommen aus meinem Gedächtnis und meinem Bewusstsein verbannt, bis – bis ich mich selbst ganz offenbar in seiner Lage wiederfand, am eigenen Leibe dasselbe (daran konnte kaum ein Zweifel bestehen) erfuhr, was er durchgemacht hatte, und, wie er, erschreckt und in den Grundfesten meines Wesens erschüttert war. Es war offensichtlich, dass meine Symptome in gewisser Weise mit denen des jungen Mannes identisch waren und dass sie alle zusammengenommen ein identisches «Syndrom» bildeten.
Ein solches Syndrom wurde zuerst im vergangenen Jahrhundert von dem deutschen Neurologen Gabriel Anton beschrieben und gelegentlich als «Anton-Syndrom» bezeichnet, obgleich er nur einige wenige Merkmale herausgriff. Eine umfassendere Darstellung nahm der große französische Neurologe Joseph Babinski vor, der für die eigentümliche Unfähigkeit zur Erkenntnis, die diese Patienten charakterisiert, die Bezeichnung «Anosognosie» prägte. Babinski hat die bizarren, beinah komischen Krankheitsbilder einiger Fälle eindrucksvoll beschrieben: Patienten, bei denen sich ein Schlaganfall dadurch ankündigte, dass sie unfähig waren, eine Seite ihres Körpers zu erkennen, und die das Gefühl hatten, es handle sich um den Körper eines anderen oder um ein «Modell», oder die glaubten, man spiele ihnen einen Streich, sodass es vorkommen konnte, dass sie sich im Zug ihrem Nachbarn zuwandten und, indem sie auf ihre eigene Hand deuteten, sagten: «Entschuldigen Sie, Monsieur – würden Sie bitte Ihre Hand von meinem Knie nehmen!», oder dass sie die Schwester, die das Frühstück abräumte, baten: «Ach, bitte, wo Sie gerade dabei sind, nehmen Sie doch auch gleich diesen Arm mit!» Mir fielen auch eigentümliche Fälle wieder ein, die mir selbst begegnet waren, zum Beispiel der Patient im Mount-Carmel-Hospital, der seinen längst verstorbenen Bruder bei sich im Bett «entdeckte». «Er hängt immer noch an mir!», sagte er empört. «So eine Frechheit! Hier ist sein Arm!», rief er und hob mit der rechten Hand seinen linken Arm hoch. Des Weiteren wies Babinski darauf hin, dass man viele dieser Patienten für verrückt gehalten hatte. In der Tat hatte man ihnen eine besondere Kategorie der Geistesgestörtheit auf den Leib geschneidert: «Somatophrenia phantastica», um Emil Kraepelins Ausdruck zu gebrauchen. Aber diese «Geistesgestörtheit» war in ihren Erscheinungsformen außerordentlich spezifisch und konstant und trat nicht nur, und zwar oft unvermittelt, bei geistig ausgeglichenen Leuten auf, die bis dahin keinerlei Anzeichen einer Geisteskrankheit hatten erkennen lassen, sondern ging typischerweise auch mit Funktionsstörungen des Gehirns einher, insbesondere mit Störungen der hinteren Partien der rechten Gehirnhälfte, die die allgemeine Wahrnehmung oder «gnosis» der linken Körperhälfte steuert. Der Wiener Nervenarzt Otto Pötzl hat diesen Beschreibungen weitere hinzugefügt und die Art dieser Störungen mit somatischen Wahnvorstellungen verglichen und ihnen gegenübergestellt, und es ist möglich, dass er sie auch mit Freud erörtert hat. Für Freud, der schon in jungen Jahren ein hervorragender Neurologe war (tatsächlich war er es, der im Jahre 1891 den Begriff «Agnosie» schuf und der sich bis an sein Lebensende mit der Neurologie beschäftigte, wären diese Beschreibungen des Pötzl-Syndroms (optisch-kinästhetische Allästhesie) von außerordentlich großem Interesse gewesen, wie übrigens auch für seine Tochter Anna, die bereits durch ihre frühen Studien zur Persönlichkeitspsychologie Berühmtheit erlangt hatte. Was die Freuds, Vater wie Tochter, fasziniert hätte, war die Tatsache, dass hier ein spezifisches pathophysiologisches, mit einer Verletzung der hinteren rechten Gehirnhälfte einhergehendes Syndrom vorlag, welches spezifische und eigentümliche Veränderungen der Körperidentität hervorrufen konnte. Dadurch war es möglich, dass ein Patient eines seiner Gliedmaßen als fremd empfand beziehungsweise nicht in der Lage war, es mit sich selbst in Verbindung zu bringen oder seinem eigenen Körper zuzuordnen, und es (vermittels Rationalisierung und Abwehr), wenn auch nur zeitweilig, als das einer anderen Person ansah. Pötzl fand auch heraus, dass es – dies wird ja durch die grotesken (und oft komischen) Aspekte der Krankengeschichte offenbar – zu eigentümlichen und charakteristischen Affektveränderungen kam, etwa wenn Patienten, wie bereits erwähnt, eine ihrer Gliedmaßen von sich schoben und die Schwester baten, sie möge doch so freundlich sein, es zusammen mit dem Frühstückstablett zu entfernen. Diese Patienten, deren Reaktionen und Affekte in allen anderen Bereichen vollkommen normal waren, legten gegenüber ihren betroffenen Gliedmaßen eine außergewöhnliche Gleichgültigkeit an den Tag. Dies war, wie Babinski bemerkt, einer der Gründe, warum man bei vielen von ihnen Hysterie, Schizophrenie oder eine andere «dissoziative» Störung diagnostiziert hatte. Und in der Tat lag bei ihnen ja ein außerordentlich bemerkenswerter «Zerfall» vor – eine Dissoziation, die nicht nur neuronaler, sondern auch emotionaler und «existenzieller» Natur war. Dies war jedoch nicht die Folge einer «Verdrängung» eines Gedankens und Gefühls, sondern das Resultat einer neuronalen Unterbrechung.
Als sehr junger Mann schrieb Freud, auf Charcots Anregung, eine klassische Abhandlung über den Unterschied zwischen organisch und hysterisch bedingten Lähmungen, und er wäre überaus fasziniert gewesen, wenn er gegen Ende seines Lebens – das Pötzl-Syndromwurde 1937 beschrieben – erfahren hätte, dass zumindest einige Grundzüge dieses Syndroms, die man leicht auf «Hysterie» hätte zurückführen können – die charakteristische Dissoziation und die ungerührte oder witzelnde Gleichgültigkeit –, in diesem Fall eindeutig auf organische Faktoren zurückzuführen waren, oder genauer gesagt: wie ein Mensch und seine Ich-Struktur – also das, was die Grenze zwischen «Ich» und «Nicht-Ich» absteckt – angesichts einer tiefgreifenden Körperagnosie reagierte. Hatte Freud, der ja auf Physiologie und Biologie aufbaute, nicht immer gesagt: «Das Ich ist vor allem ein körperliches»?
Und was nun? Hatte ich das Pötzl-Syndrom? Jedenfalls ließ sich mein Fall nicht von diesem Syndrom unterscheiden. Man hätte mich als Demonstrationsobjekt für dieses seltene und eigentümliche «neuroexistenzielle» Leiden hernehmen können, und einen Augenblick lang stellte ich mir vor, wie ich, Professor Doktor Anton-Babinski-Pötzl-Sacks, einen faszinierenden Fall dieses Syndroms vorführte – mich selbst! Aber dann wurde mir, wie auf dem Berg, plötzlich bewusst, dass es sich bei diesem «faszinierenden Fall» tatsächlich um mich selbst handelte – nicht bloß um einen «Fall», den Dr. Anton-Babinski-Pötzl-Sacks vorführen und über den er eine Arbeit publizieren konnte, sondern um einen sehr verängstigten Patienten, dessen Bein nicht nur verletzt und operiert worden, sondern in doppelter Hinsicht verkrüppelt, ja nutzlos war, denn es gehörte nicht mehr zum «inneren Bild» meiner selbst – es war durch ein unerklärliches Leiden aus meinem Körper-Bild und auch aus meinem Ich ausgelöscht worden.
Bei meinem bedauernswerten Patienten, zu dem ich an jenem denkwürdigen Silvesterabend gerufen worden war, hatte eine eilig vorgenommene Gehirnoperation ergeben, dass er einen großen Gefäßtumor über dem rechten Scheitellappen hatte. Während er schlief, hatte dieser Tumor begonnen zu bluten, sodass das «Beinzentrum» – jener Teil des Gehirns, in dem die Lage und das Vorhandensein des Beins abgebildet wird – beim Erwachen praktisch gelöscht war. Infolgedessen war es ihm unmöglich, sein Bein normal, als «etwas Vorhandenes», als «Teil seiner selbst» zu empfinden, sodass es ihm, als er es entdeckte, wie ein fremdartiger Gegenstand erschien, den man ihm ins Bett gelegt hatte – wie «das Bein eines anderen», «das Bein eines Toten» und schließlich wie ein irgendwie unheimliches, unkörperliches, «gefälschtes» Bein …
Und wie stand es um meinen Fall? Es war klar, dass auch ich am Pötzl-Syndrom litt und das linke Bein gelöscht war – und dass auch bei mir, wie bei meinem Patienten, ein massiver Befund im rechten Parietallappen vorliegen musste. «Physiologie, Anatomie, Ätiologie» hatte man uns beigebracht, und in diesen Bahnen bewegte sich mein Denken gewandt und zügig hin und her. Die Physiologie war die einer rechtshemisphärischen Dysfunktion; demgemäß handelte es sich anatomisch um eine umfangreiche «Funktionsstörung» in diesem Bereich. Und die Ätiologie, die Ursache dafür? Es konnte nicht einen Augenblick lang Zweifel geben: Während der Narkose hatte sich entweder ein Gefäßpfropf gelöst, oder mein Blutdruck war stark abgesunken, sodass ich einen zerebralen Infarkt, einen schweren «Schlag» in meiner hinteren rechten Gehirnhälfte erlitten hatte. «Komplikationen während der Narkose», würde in den Unterlagen stehen …
Dass es dazu kommen musste – dass ich auf dem Berg, wie durch ein Wunder, dem Tod oder einer schrecklichen Verkrüppelung entronnen und unter großen Mühen in eine der besten orthopädischen Abteilungen der Welt gebracht worden war, nur um das Opfer eines postoperativen Schlaganfalls zu werden! Wie in einem einzigen, alles umfassenden Schaubild, das winzige und sehr demütigende Details enthielt, lag das jämmerliche Halbleben, das mich nach einem so schweren Schlaganfall erwartete, vor mir: Ich würde an einen Rollstuhl gefesselt und auf erniedrigende Weise von anderen abhängig sein, mit einem Bein, das nutzlos und gleichzeitig so «fremd» war, so inwendig amputiert, dass es am besten und einfachsten sein würde, es dann auch tatsächlich zu amputieren, weil mich dieser Schritt wenigstens davon erlösen würde, ein völlig nutzloses, funktionsloses, ja tatsächlich totes Glied mit mir herumzuschleppen. Man würde es getrost entfernen können, so wie man ein abgestorbenes Bein entfernte, denn es war ja praktisch wirklich abgestorben – es war neuronal, funktional und existenziell tot.
In diese Vision versunken, lag ich unendlich lange in einer Art kalter, fatalistischer Verzweiflung da, stöhnte, erwog Selbstmord und wackelte mit den Zehen. Mit den Zehen! Das hatte ich vergessen: Meine Zehen waren in Ordnung! Sie wackelten munter und rosig, als wollten sie sich über den absurden Gang meiner Gedanken lustig machen! Ich mochte wohl ein Hypochonder sein, aber mit den Grundzügen der Neuroanatomie war ich vertraut. Ein Schlaganfall, der so schwer war, dass er das ganze Bein auslöschte, hätte gewiss auch den Fuß gelähmt. Bei diesem Gedanken brach ich in lautes, herzhaftes Gelächter aus. Mein Gehirn war in Ordnung – ich hatte keinen Schlaganfall erlitten. Ich wusste zwar nicht, was ich hatte, aber ein Schlaganfall war es nicht.
Ich läutete, und Schwester Sulu erschien. Die Besorgnis war ihrem jungen, sanften Gesicht deutlich anzusehen.
«Was gibt es, Dr. Sacks? Alles in Ordnung?»
«Klar», sagte ich. «Mir geht’s hervorragend. Es ist mir noch nie bessergegangen! Mein Appetit ist wieder da. Wäre es wohl möglich, dass Sie mir ein belegtes Brot oder so etwas bringen?»
«Du lieber Himmel!», sagte sie. «Sie sind ja wie ausgewechselt! Vorhin, als ich ging, haben Sie einfach schrecklich ausgesehen – blass und zittrig und mit einem ganz entsetzten Gesicht. Und jetzt scheint es Ihnen wieder gutzugehen! Wie beim Frühstück.»
«Na ja, ich habe ein bisschen nachgedacht. Mir sind einfach die Gäule durchgegangen … Wenn ein belegtes Brot zu viel Umstände macht, wäre ich auch mit einer Tasse Tee und einem Keks zufrieden.»
«Aber Sie können Ihr ganzes Mittagessen haben, Dr. Sacks. Es wird ja immer noch ausgeteilt.»
«Wirklich? Wie lange ist es denn her, dass Sie und ich mein Bein getestet haben?»
Sie sah auf ihre Uhr: «Keine zehn Minuten», sagte sie. «Kam Ihnen die Zeit länger vor?»
Keine zehn Minuten! Ich traute meinen Ohren kaum. Diese zehn Minuten, so kam es mir vor, waren mit den Erfahrungen eines ganzen Lebens angefüllt gewesen. Ich war durch ein ganzes Universum von Gedanken gereist. Ich war so weit gereist – und hier wurde noch das Mittagessen ausgegeben!
Schwester Sulu brachte mir mein Tablett. Ich stellte fest, dass ich einen regelrechten Heißhunger hatte, was mir, nach den physischen und metaphysischen Strapazen des Morgens, ganz natürlich schien: Ich war hungrig und sinnenfroh und sehnte mich nach dem, was das Leben an Schönem zu bieten hatte.
Beim Essen ging ich in Gedanken noch einmal die Worte des jungen Mannes mit dem Gehirntumor durch, der sein linkes Bein «verloren» hatte. Glücklicherweise war der Tumor gutartig gewesen, und ein sofortiger chirurgischer Eingriff hatte die einwandfreie Funktion des Gehirns wiederhergestellt. Einige Wochen später, als er sich von seiner Operation erholte, suchte ich ihn auf, um zu erfahren, wie es ihm ging und ob er, was jene Silvesternacht betraf, noch irgendwelche Erinnerungen oder Gefühle hatte.
Diese Erfahrung, sagte er mir, sei die unheimlichste und beängstigendste seines Lebens gewesen, etwas, das er nicht für möglich gehalten hätte, wenn er es nicht selbst erlebt hätte. Es sei – und er wiederholte dieses Wort – «verrückt» und ohne jeden erkennbaren Sinn gewesen. Dass er vollkommen übergeschnappt sein könnte, war eine seiner größten Ängste gewesen. Dies sei noch dadurch verstärkt worden, dass man ihm, wenn er versucht habe, mit den Schwestern und Pflegern darüber zu sprechen, ständig gesagt habe, es sei «nichts», und er solle nicht so «albern» sein. Er sei sehr froh und dankbar gewesen, dass wenigstens ich ihm zugehört hätte, weil ich, auch wenn ich nur Student war und «keine Ahnung hatte», wenigstens versucht hätte, ihn zu verstehen. Er sagte, er sei irgendwie froh gewesen, als die Neurochirurgen (die ich hinzugezogen hatte) ihm versichert hätten, es handele sich hier um etwas «Wirkliches» und nicht um etwas «bloß Eingebildetes» – obwohl ihm natürlich der Gedanke, dass er einen Hirntumor hatte, der operiert werden musste, gewaltige Angst gemacht habe. Und obgleich man ihm den Mechanismus der «Auslöschung» erläutert und ihn auf die Wahrscheinlichkeit hingewiesen habe, dass das Bein «zurückkehren» würde, sobald die Ursache des Drucks auf den Scheitellappen beseitigt war, habe er das alles nicht glauben können. Es sei, versuchte er mir verständlich zu machen, kein gewöhnlicher Verlust gewesen – etwa wie wenn man irgendetwas verloren habe. Was diesen Verlust so schrecklich gemacht habe, sei die Tatsache gewesen, dass das Bein nicht einfach «verlorengegangen» sei, sondern sogar seinen angestammten Platz verloren habe. Und da es eben keinen Platz mehr gegeben habe, zu dem es habe zurückkehren können, habe er sich auch einfach nicht vorstellen können, dass es tatsächlich zurückkehren würde. Unter diesen Umständen habe ihn nichts wirklich beruhigen können, und als man ihm gesagt habe, sein Bein werde «zurückkehren», habe er nur genickt und gelächelt.
Ja, das entsprach ganz genau meiner Situation. Das Bein war verschwunden und hatte seinen «Platz» mitgenommen. Infolgedessen schien es keine Möglichkeit zu geben, es zurückzubekommen – ganz gleich, welches Leiden diesen Zustand hervorgerufen hatte. Konnte vielleicht Erinnerung helfen, wo vorausschauendes Denken versagte? Nein! Das Bein war verschwunden und hatte seine «Vergangenheit» mitgenommen! Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, dieses Bein jemals gehabt zu haben. Ich wusste nicht mehr, wie ich je gelaufen und geklettert war. Ich fühlte mich auf unfassbare Weise abgeschnitten von jener Person, die nur fünf Tage zuvor gelaufen, gerannt und geklettert war. Zwischen ihr und mir bestand nur eine «formale» Kontinuität. Zwischen damals und jetzt gähnte ein Abgrund, eine unüberbrückbare Kluft, und darin, in diesem Nichts, war mein früheres «Ich» verschwunden – jenes «Ich», das ohne nachzudenken stehen, rennen und gehen konnte, das sich ganz und gar und ohne nachzudenken seines Körpers gewiss war, das sich nicht vorstellen konnte, wie daran etwa Zweifel auftauchen könnten … In dieser Kluft, in diesem Nichts, jenseits von Raum und Zeit, waren die Wirklichkeit und die Möglichkeiten meines Beins untergetaucht und verschwunden. Früher war mir der Ausdruck «sich in Luft auflösen» oft absurd und dabei gleichzeitig auf mysteriöse Weise treffend vorgekommen. Und nun hatte sich, wie um meinen Unglauben zu strafen, mein Bein «in Luft aufgelöst»; wie der junge Patient mit dem blutenden Hirntumor konnte ich mir nicht vorstellen, dass es in eine «normale» oder körperliche Existenz zurückkehren würde, denn es war ja aus Raum und Zeit verschwunden – es war verschwunden, und mit ihm seine Raum-Zeit. Wenn es in der Kluft, im Nichts verschwunden war, sich «in Luft aufgelöst» hatte, würde es aus dieser Kluft, dem Nichts, der «Luft» zurückkehren: Jenes unheimliche, niederschmetternde Mysterium des Verschwindens konnte nur durch ein gleichwertiges Mysterium des Zurückkehrens oder Werdens rückgängig gemacht werden. Mein Bein war aus der Existenz verschwunden (was immer «Existenz» auch bedeuten mochte), und auf die gleiche Weise würde es auch wieder in die Existenz zurückkehren müssen. Diese Gedanken um Auflösung und Wiedererschaffung machten mich ganz schwindlig. Das Wasser wurde immer tiefer und tiefer; ich wagte nicht, zu viel über diese Angelegenheit nachzudenken, weil ich fürchtete, die Wellen könnten über mir zusammenschlagen.
Wie um diese metaphysischen Nebelschwaden aufzulösen, tauchte vor meinem geistigen Auge plötzlich die stämmige und polternde Gestalt Dr. Johnsons auf. Mein Unbewusstes hatte dieses Bild heraufbeschworen, damit es mich aus einem berkeleyanischen[*] Albtraum weckte. Ich sah ihn mit ungewöhnlicher Klarheit vor mir und empfand sofort tiefe Zuneigung zu ihm und seinem gut entwickelten gesunden Menschenverstand. Als ich ihn nach seiner Meinung über «die Berkeleyanische Doktrin» – das angebliche Nichtvorhandensein materieller Objekte – gefragt hatte, hatte seine Antwort darin bestanden, dass er mit den Worten «Pah! So widerlege ich sie!» einem Stein einen kräftigen Tritt versetzt hatte. Diese Erwiderung war mir immer einfach perfekt erschienen – theoretisch, praktisch, dramatisch, komisch: Dies war das Offensichtliche, das Einzige, was man tun konnte – aber dazu brauchte es eben ein Genie wie Samuel Johnson. Die Antwort auf solche Fragen wird durch Taten gegeben.
Ich sah deutlich vor mir, wie Johnson nach dem Stein trat – das Bild war so lebensvoll, so komisch, dass ich immer wieder lachen musste. Aber wie konnte ich Johnsons «Test» bei mir selbst anwenden? Ich sehnte mich danach, einem Stein einen kräftigen Tritt zu versetzen und dadurch die Wirklichkeit des tretenden Beines und des Steines zu beweisen. Aber wie konnte ich mit meinem unvorstellbaren, «körperlosen» Bein treten? Ich konnte den Stein nicht berühren. Der Johnson’sche «Test» würde also nach hinten losgehen, und mein Versagen, die «Unanwendbarkeit» des Tests würde nur das Nichtvorhandensein meines Beines bestätigen und es tiefer im berkeleyanischen Strudel versinken lassen. Das Bild meines kräftigen, mannhaften Helden verblasste. Selbst der gute Sam Johnson wäre in meiner Situation außerstande gewesen, jene Doktrin zu widerlegen.
Auf meiner Bühne nahm nun Wittgenstein Johnsons Platz ein – ich stellte mir vor, dass diese beiden scheinbar so verschiedenen Männer wahrscheinlich recht gut miteinander ausgekommen wären (ich erfinde ständig imaginäre Begegnungen und Dialoge). Ich hörte, von Wittgenstein gesprochen, die ersten Worte seines letzten Werks «Über Gewissheit»: «Wenn du weißt, dass hier ein Bein ist, so geben wir dir alles Übrige zu … Wohl aber lässt sich fragen, ob man dies sinnvoll bezweifeln kann.» (Erst später merkte ich, dass meine Erinnerung oder meine Phantasie das Wort «Hand» durch «Bein» ersetzt hatte.) «Gewissheit» war für Wittgenstein in der Gewissheit des Körpers begründet. Die Gewissheit des Körpers jedoch gründet sich auf Taten. Die Antwort auf Wittgensteins Frage, ob man sich seiner Hand gewiss sein könne, bestand darin, diese Hand zu heben oder jemandem mit ihr ins Gesicht zu schlagen – so wie Samuel Johnsons Antwort darin bestanden hatte, nach einem Stein zu treten.
Johnson und Wittgenstein stimmten vollkommen überein: Man existierte und konnte das beweisen, weil man handelte, weil man einen Stein heben oder nach ihm treten konnte. Unvermittelt kam mir der Gedanke: Ein Mann mit einem Phantom – einem Phantombein – kann nicht nach einem Stein treten.
Ich fühlte mich plötzlich einsam und verlassen, und vielleicht zum ersten Mal, seit ich in das Krankenhaus eingeliefert worden war, empfand ich die tiefe Einsamkeit des Patienten, eine Art von Einsamkeit, wie ich sie auf dem Berg nicht gespürt hatte. Nun sehnte ich mich verzweifelt nach Kommunikation und einer beruhigenden Stimme, ganz wie jener junge Patient, der, wenn auch nur unter Mühen und mit einem Gefühl der Peinlichkeit, einem anderen Menschen mitgeteilt hatte, was ihm widerfahren war. Ich aber musste vor allem mit meinem Arzt und Chirurgen reden: Ich musste ihm erzählen, was mir widerfahren war, damit er sagen konnte: «Ja, natürlich, ich verstehe.»
Ich schlief ein und wurde erst wieder durch die Ankunft meiner liebsten Lieblingstante geweckt. Ich hatte halb gehofft, dass sie kommen würde, aber nicht so recht daran geglaubt, denn schließlich war es ihr Geburtstag. Unverzagt war sie mit ihren zweiundachtzig Jahren nach einem ausgedehnten Frühstück mit Freunden – und weitere, sagte sie, würden zum Abendessen kommen – quer durch London gefahren, um ihren Geburtstagstee mit mir zu trinken, da ich ja nicht aufstehen konnte, um sie, wie sonst an diesem Tag, zu besuchen. Beim Frühstück war mir plötzlich eingefallen, dass heute ihr Geburtstag war, und ich hatte Schwester Sulu, als sie mir das Frühstück brachte, gebeten, ein Buch als Geburtstagsgeschenk zu besorgen. Nach einigem Zögern hatte ich mich für «Die unverheiratete Tante in Dichtung und Wirklichkeit» entschieden. Ich überreichte es ihr mit einigen Befürchtungen und sagte, ich hätte es noch nicht gelesen, und es sei vielleicht schlecht (obwohl es hieß, das Buch sei hervorragend), und vielleicht gefalle ihr die Kategorie «unverheiratete Tante» nicht.
«Aber nein, das gefällt mir sehr!», rief sie aus und nahm das Buch. «Ich genieße es, eine unverheiratete Tante zu sein. Ich wüsste nicht, was ich lieber wäre. Und ganz besonders genieße ich es, eine unverheiratete Tante mit achtundsiebzig Nichten und Neffen, zweihundertdreißig Großnichten und -neffen und all den Kindern – meinen Kindern – zu sein, die ich sechzig Jahre lang unterrichtet habe! Solange dieses Buch uns nicht als altjüngferlich und einsam darstellt!»
«Wenn es das tut», sagte ich, «werde ich es an den Autor zurückschicken!»
Sie kramte in ihrer Tasche und zog ein Päckchen hervor. «Und hier habe ich ein Buch zu deinem Geburtstag. An deinem Geburtstag warst du ja nicht hier, sondern irgendwo oben in der Arktis. Ich weiß, dass du Joseph Conrad magst. Hast du das hier schon gelesen?»
Ich packte das Päckchen aus und sah, dass es sich um «Der Wanderer» handelte. «Nein, habe ich nicht», sagte ich, «aber der Titel gefällt mir.»
«Ja», sagte sie. «Er passt zu dir. Du bist immer ein Wanderer gewesen. Es gibt Wanderer, und es gibt Siedler, aber du bist eindeutig ein Wanderer. Du scheinst immer ein seltsames Abenteuer nach dem anderen zu erleben. Ich frage mich, ob du dein Ziel je erreichen wirst.»
Während wir gemütlich und in aller Ruhe Tee tranken – meine gute Tante hatte die sonst so schroffe Schwester irgendwie überredet, uns Kresse-Sandwiches und eine riesige Kanne Tee zu bringen – und sie mich mit liebevollen und offenen Blicken anschaute, erzählte ich ihr von einigen meiner Entdeckungen, die ich an diesem Tag gemacht hatte.
Aufmerksam und ohne mich zu unterbrechen, hörte sie mir zu. «Mein lieber Bol», sagte sie, als ich geendet hatte, «du bist schon in sehr tiefen Wassern gesegelt, aber das hier sind die tiefsten.» Ein Schatten schien über ihr Gesicht zu fallen. «Sehr tiefe Wasser», murmelte sie halb zu sich selbst. «Sehr tief und seltsam und dunkel. Ich frage mich …» Aber ich erfuhr nie, was sie sich in diesem Augenblick gefragt hatte, denn sie tauchte wieder aus ihren Gedanken auf, unterbrach sich, sah mich gerade an und sagte: «Ich verstehe das kein bisschen, aber ich glaube, dass man es verstehen kann und dass du es nach einigem Hin-und-her-Wandern schließlich verstehen wirst. Du wirst sehr scharfsinnig und stark und mutig sein müssen. Und du wirst auch demütig sein und deinen Kopf beugen und anerkennen müssen, dass es viele Dinge gibt, die unser Verständnis übersteigen. Du darfst nicht überheblich sein, aber du darfst dich auch nicht entmutigen lassen. Und du darfst von deinem Arzt nicht zu viel erwarten. Ich bin sicher, dass er ein guter Mann ist, ein erstklassiger Chirurg, aber das hier geht über sein Fachgebiet weit hinaus. Du darfst nicht wütend werden, wenn er nicht alles versteht. Du darfst nicht das Unmögliche von ihm erwarten. Du musst damit rechnen, dass er an seine Grenzen stößt, und diese Grenzen musst du respektieren. Er wird alle möglichen Grenzen haben – das geht uns allen so. Professionelle Grenzen, geistige Grenzen und vor allem emotionale Grenzen …» In Erinnerungen oder Gedanken versunken, hielt sie inne. «Chirurgen sind in einer seltsamen Lage», fuhr sie schließlich fort. «Sie haben es mit besonderen Konflikten zu tun. Deine Mutter …» Sie zögerte und betrachtete prüfend mein Gesicht. «Deine Mutter war mit Leib und Seele Chirurgin und außerdem ein sehr sanfter, einfühlsamer Mensch, und manchmal war es schwer für sie, ihre menschlichen Gefühle und ihren Beruf miteinander in Einklang zu bringen. Ihre Patienten bedeuteten ihr sehr viel, aber als Chirurgin war sie gezwungen, in ihnen nichts weiter als ein chirurgisches oder anatomisches Problem zu sehen. Als sie noch jung war, wirkte sie manchmal fast grausam, aber das kam daher, dass ihre Gefühle so intensiv waren: Sie wäre von ihnen überwältigt worden, wenn sie nicht rigoros einen Abstand eingehalten hätte. Erst später fand sie ein Gleichgewicht – dieses unerlässliche Gleichgewicht von Technischem und Persönlichem. Sei nicht zu hart, Bol!», ermahnte sie mich. «Du darfst auf Mr. Swan nicht reagieren. Nenn ihn nicht ‹den Chirurgen›. Das hört sich nicht so an, als ob ein Mensch gemeint wäre! Vergiss nicht, dass er ein Mensch ist – genau wie du. Und wahrscheinlich nur zu menschlich und noch schüchterner als du. Der ganze Ärger fängt immer an, wenn die Leute vergessen, dass sie Menschen sind.»
Gute, weise, schlichte Worte! Wenn ich sie nur beherzigt hätte! Wenn ich nur jene seltene Güte und Großherzigkeit besessen hätte, die meine gute Tante auszeichneten, jene innere Heiterkeit und Sicherheit, die es ihr ermöglichten, allem mit einem liebenswürdigen und ausgeglichenen Humor zu begegnen, ohne je etwas zu übertreiben, zu verzerren oder mit Geringschätzung abzutun.
Bei einer zweiten Kanne Tee – meine Tante trank ebenso viel Tee wie Dr. Johnson! – wurde unsere Unterhaltung lockerer, leichter und entspannter, und der düstere Schatten, diese schreckliche Ernsthaftigkeit, die ich zuvor gespürt hatte, kam gegen diese heitere Atmosphäre nicht an und schien sich in unserer Fröhlichkeit aufzulösen und zu verschwinden.
Als sie sich bereit machte, wieder zu gehen, erzählte meine Tante mir ganz unvermittelt und in rascher Folge drei erstaunlich obszöne Witze, die sie jedoch mit züchtiger Sorgfalt und schicklich gewählten Worten zum Besten gab.
Ich brach in derartiges Gelächter aus, dass ich Angst hatte, meine Operationsnarbe könnte aufbrechen, und während ich lachte, stand meine Tante auf und ging.
Ja, ja! Alles würde verstanden, berichtigt, in Ordnung gebracht werden. Alles war gut, und alles würde gut werden! Es hatte eine kleinere Komplikation gegeben, die auf die Operation oder die Verletzung oder beides zurückgeführt werden konnte. Die Zusammenhänge waren mir zwar nicht ganz klar, aber das würde mir Swan am nächsten Morgen auseinandersetzen. Ich hatte gehört, er sei ein guter Mann; er besaß jahrelange Erfahrung auf dem Gebiet der Orthopädie; er musste so etwas schon Hunderte Mal gesehen haben; ich konnte mit einer einfachen, beruhigenden Diagnose und Prognose rechnen. Er würde sagen … Nun, ich wusste nicht genau, was er sagen würde, aber auf jeden Fall würde er das Richtige sagen, und alles würde wieder gut werden. Ja! Ich konnte mein Schicksal bedenkenlos in seine Hände legen – daran hätte ich schon eher denken sollen, anstatt mich mit einsamer, zermürbender Anspannung und Gedankenarbeit zu verausgaben. Ich hatte mir selbst helfen wollen, und dabei hatte ich mich ganz unnötigerweise übermäßig beunruhigt.
Was für ein Mann würde Swan wohl sein? Ich wusste, dass er ein guter Chirurg war, aber es war nicht der Chirurg, sondern die Person, mit der ich in Beziehung stehen würde, oder vielmehr der Mensch, in dem, wie ich hoffte, der Chirurg und die Person zu einem einzigen Wesen verschmolzen waren. Meine Begegnung mit dem jungen Chirurgen in Odda war auf ihre Art perfekt gewesen. Damals, in jenem Moment, war er genau der richtige Mann gewesen, aber nun war meine Situation komplexer und undurchsichtiger, und auf Mr. Swans Schultern würde eine schwerere Bürde lasten. Er konnte nicht ins Zimmer springen, tanzen, lächeln und wieder verschwinden; er hatte eine schwere Verantwortung zu tragen, denn er würde sich vielleicht wochen- und monatelang um mich kümmern müssen. Ich durfte nicht zu viel von ihm erwarten oder ihm mit der Heftigkeit meiner Sorgen zu viel aufladen. Wenn er ein einfühlsamer Mann war, würde er diese Sorgen sogleich erkennen und mit der ruhigen Stimme profunden Fachwissens zerstreuen. Was mir, eben weil ich zu sehr in meiner Rolle als Patient gefangen war und nicht aus ihr heraustreten konnte, als geradezu übermächtig erschien, was sich als unüberwindliche Schwierigkeit vor mir auftürmte, konnte er mit einem einzigen Schnitt seines Skalpells der inneren Distanz, des Verständnisses und der Autorität aus dem Weg räumen. Er brauchte gar nichts zu erklären, er brauchte nur etwas zu tun. Ich erwartete keine versicherungsstatistische Erklärung wie: «Dieses Syndrom tritt in sechzig Prozent aller Fälle auf. Es ist verschiedentlich auf X, Y und Z zurückgeführt worden. Die Genesungsrate wird verschiedentlich auf soundso viel geschätzt, wobei dieses und jenes und andere Imponderabilien eine Rolle spielen.» Ich erwartete lediglich die Stimme, die Schlichtheit, die innere Gewissheit, mit der die Autorität spricht: «Ja, ich verstehe. Das kommt vor. Machen Sie sich keine Sorgen! Tun Sie Folgendes …! Glauben Sir mir! Sie werden bald wieder gesund sein.» Oder jedenfalls so etwas in der Art – Aussagen, die geradlinig und klar waren und in denen Ausflüchte und Unehrlichkeiten nicht einmal andeutungsweise vorkamen.
Wenn er mich aber so nicht beruhigen konnte, ohne unaufrichtig zu sein, dann erwartete ich ein klares Eingeständnis dieser Tatsache. Ich würde seine Integrität und Autorität ebenso respektieren,wenn er sagen sollte: «Das ist wirklich eine verflixte Sache – ich weiß nicht, was Ihnen fehlt. Aber wir werden unser Bestes tun, um es herauszufinden.» Und sollte er Angst, nackte Angst, zeigen, so würde ich auch das respektieren. Ich würde alles respektieren, was er sagte, solange es aufrichtig war und Achtung vor mir, vor meiner Würde als Mensch, zeigte. Wenn er aufrichtig war und Courage hatte, würde ich fast alles ertragen können.
Durch die Gedanken an Swans Visite, an sein Verständnis, seine beruhigenden Worte, fand ich schließlich eine tiefe Ruhe. Hinter mir lag der bizarrste und beunruhigendste Tag meines Lebens – er war auf seine Weise bizarrer und beunruhigender gewesen als der Tag auf dem Berg. Dort nämlich waren meine Ängste, obwohl sie mich aufs äußerste bedrängten, natürlich und wirklich gewesen – ich konnte und musste mich mit Gedanken an meinen Tod auseinandersetzen. Jetzt aber hatte ich es mit etwas zu tun, das unnatürlich und unwirklich war. Diese ganze Sache war schrecklich verwirrend … Aber Swan würde das verstehen, er war diesem Phänomen gewiss schon öfter begegnet: Ich konnte mich darauf verlassen, dass er das Richtige sagen würde. Wie oft schon hatte ich selbst als Arzt meinen Patienten ihre Befürchtungen auf geheimnisvolle Weise genommen – nicht durch mein Wissen, mein Können oder meinen Sachverstand, sondern einfach indem ich ihnen zuhörte. Mich selbst konnte ich nicht beruhigen, ich konnte nicht mein eigener Arzt sein, ein anderer aber wohl. Morgen würde Swan …
So endete der Tag mit tiefem, vertrauensvollem Schlaf. Ich schlief ruhig und traumlos – wenigstens in der ersten Nachthälfte. Aber dann überfiel mich eine Reihe überaus grotesker und unheimlicher Träume, wie ich sie noch nie zuvor gehabt hatte, weder bei Angstzuständen noch im Fieber oder im Delirium – niemals … Das währte Stunden, und immer hilfloser war ich ihnen ausgeliefert. Entsetzt schreckte ich kurz hoch, nur um in dem Augenblick, in dem ich wieder einschlief, aufs Neue von ihnen bedrängt zu werden. In gewissem Sinn erschienen sie mir kaum wie Träume: Sie besaßen eine Monotonie, eine Beständigkeit, die ganz und gar nichts Traumhaftes an sich hatte – es war mehr wie die ständige Wiederholung einer unwandelbaren physiologischen Gegebenheit. Ich träumte nämlich nur von meinem Bein,meinem Nicht-Bein. Immer wieder träumte ich, dass der Gipsverband massiv war, dass ich ein Bein aus Kalk oder Gips oder Marmor hatte, ein anorganisches Bein. Ich saß auf einem Stuhl, vielleicht bei einem Essen, oder auf einer Parkbank und genoss die Sonne – diese Teile des Traums waren einfach oder prosaisch; aber bei allem, was ich tat – nie stand oder ging ich –, war anstelle meines Beines jener weiße, steinartige Zylinder, so starr und unbeweglich wie das Bein einer Statue. Manchmal bestand es nicht aus Gips oder Marmor, sondern aus einem bröckeligen und losen Material wie Sand oder Zement, und mit diesen Träumen kam eine weitere Angst: dass es nichts, keine innere Struktur oder Kohäsion gab, die diese körnige Masse zusammenhielt, sondern lediglich eine Oberfläche, nur ein Bild ohne Substanz. Mehrere Male träumte ich, das Gipsbein sei vollkommen hohl – obwohl dies nicht ganz das richtige Wort ist: Es war nicht so sehr hohl als vielmehr absolut leer, eine Hülle aus Gips, eine bloße Schale, die ein Nichts, eine Leere umschloss. Manchmal war es ein Bein aus Nebel, der dennoch seine unbewegliche, starre Form behielt, und manchmal – das war am schlimmsten – bestand es aus Dunkelheit oder Schatten … oder es war ein Bein, das, auch wenn das unmöglich war, aus nichts bestand. An meinen Träumen in jener Nacht veränderte sich nichts. Oder vielmehr: Es gab Veränderungen, aber sie waren lediglich zufällig und oberflächlicher Natur und betrafen Nebensächlichkeiten in Szenerie und Atmosphäre. Im Mittelpunkt eines jeden von ihnen stand dieses unbewegliche, körperlose, leere Etwas. Keiner der Träume schien eine «Geschichte» zu erzählen. Sie waren starr und statisch wie Gemälde oder Schaubilder, die sozusagen einzig und allein zur Hervorhebung ihres abstoßend langweiligen Mittelpunktes dienten, dieses Phantoms, dieses Nichts, über das sich nichts sagen ließ.
Zwischendurch erwachte ich kurz – ich muss in dieser Nacht Dutzende Mal geträumt haben –, trank einen Schluck Wasser und knipste das Licht an, und dort, vor mir, unverändert durch mein Erwachen, lag die kalkweiße, leere Wirklichkeit, oder vielmehr Unwirklichkeit, aus meinen Träumen. In einem dieser Wachzustände – durch das Fenster drangen die ersten Vorzeichen des Morgengrauens – begriff ich plötzlich, dass es neurologische Träume waren, die wohl zwanghafte freudianische Anteile enthielten, jedoch um einen unveränderlichen organischen Inhalt kreisten. Und nun wurde mir auch plötzlich bewusst, dass ich selbst zwar noch nie solche Träume gehabt hatte, dass mir aber ebensolche Träume manchmal von Patienten geschildert worden waren: von Patienten mit Schlaganfällen, mit beidseitigen Lähmungen, mit schweren Neuropathien – Phantomträume von Amputierten –, von Patienten mit verschiedenen Verletzungen und pathologischen Befunden, die aber allesamt mit schweren Störungen des Körper-Bildes einhergingen. Die Träume, die diese Patienten – wie auch ich – jede Nacht hatten, rührten von dieser Störung des Körper-Schemas und den Pseudobildern, den Phantomen her, die diese Störungen heraufbeschworen. Es schien mir nun, dass meine eigenen Träume ebendies bestätigten: dass ein Teil meines Körper-Bildes, meines Körper-Ichs, eines kalten Todes gestorben war. Diese Schlussfolgerung erfüllte mich mit großer Unruhe und großer Erleichterung, und gleich darauf fiel ich wieder in tiefen, traumlosen Schlaf, in dem mich aber gegen Morgen ein überaus seltsamer Albtraum überfiel, wenn dieser auch zunächst nicht mehr zu sein schien als ein «gewöhnlicher» Albtraum. Es herrschte Krieg – warum und gegen wen er geführt wurde, war nie ganz klar. Was jedoch klar war oder wovon zumindest jedermann sprach, war die Angst, dass der Feind die schrecklichste aller Waffen, eine sogenannte Derealisierungs-Bombe, besaß. Sie könne, so flüsterte man sich zu, ein Loch in die Realität sprengen. Gewöhnliche Waffen zerstörten nur Materie in einem bestimmten Umkreis, diese jedoch zerstörte Gedanken und den Raum, den sie einnahmen. Keiner von uns wusste, was wir davon halten oder womit wir rechnen sollten, da die Wirkung so unvorstellbar war.
Wie viele andere in meinem Traum verspürte ich das Bedürfnis, im Freien zu sein, und so stand ich mit meiner Familie zu Hause in unserem Garten. Die Sonne schien, und alles machte einen ganz normalen Eindruck – abgesehen von der unheimlichen Stille, die ringsum herrschte. Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass etwas geschehen war, dass etwas im Gange war, hatte aber keine Ahnung, was das sein könnte. Ich merkte, dass unser Birnbaum fehlte. Er stand etwas links von dem Punkt, auf den ich meine Augen gerichtet hatte, und von einem Augenblick auf den anderen gab es keinen Birnbaum mehr. Der Birnbaum war verschwunden!
Ich wandte nicht den Kopf, um dieses Verschwinden näher zu untersuchen. Ja, aus irgendeinem Grund kam mir nicht einmal der Gedanke, dorthin zu sehen. Der Birnbaum war verschwunden, aber dasselbe galt für die Stelle, wo er gestanden hatte. Es war nicht einfach so, dass an dieser Stelle kein Baum mehr stand – vielmehr war die Stelle einfach nicht mehr da. Nicht mehr? Konnte ich denn sicher sein, dass es sie je gegeben hatte? Vielleicht war gar nichts verschwunden. Vielleicht hatte dort nie ein Birnbaum gestanden. Vielleicht spielte mir mein Gedächtnis oder meine Phantasie einen Streich. Ich fragte meine Mutter, aber sie war, aus demselben Grund, ebenso verwirrt wie ich: Sie konnte den Baum nicht mehr sehen, zweifelte aber auch daran, dass er je da gewesen war. War das die Wirkung der Derealisierungs-Bombe, oder erzeugten unsere Ängste absurde Phantasien?
Und jetzt fehlte ein Stück der Gartenmauer, einschließlich des Tors, das auf die Exeter Road führte. Aber fehlte es tatsächlich? Vielleicht hatte es dort nie eine Gartenmauer gegeben. Vielleicht hatte es das Tor, das auf die Exeter Road führte, und auch die Exeter Road selbst nie gegeben. Hatte es links vielleicht nie etwas gegeben? Meine Mutter, die ein paar Schritte gegangen war, sodass sie jetzt genau vor mir stand, schien auf ganz außergewöhnliche Weise halbiert zu sein. Sie hörte in der Mitte auf – sie besaß keine linke Hälfte. Aber … aber … konnte ich denn sicher sein, dass sie eine linke Hälfte besaß? War nicht schon allein der Ausdruck «eine linke Hälfte» irgendwie bedeutungslos? Mit einem Mal überkamen mich eine schreckliche Angst und Übelkeit. Ich hatte das Gefühl, mich übergeben zu müssen … Plötzlich ging die Tür auf, und Schwester Sulu trat ein. Sie machte ein sehr besorgtes Gesicht.
«Entschuldigen Sie, dass ich so hereinplatze», sagte sie, «aber ich habe durch das Türfenster gesehen, und Sie waren kalkweiß, als hätten Sie einen Schock. Und nach Atem haben Sie gerungen. Ich dachte, Sie würden sich gleich übergeben. Ist alles in Ordnung?»
Ich nickte benommen und starrte sie an.
«Warum sehen Sie mich so an?»
«Oh … ja … nichts», sagte ich. «Ich habe gerade schlecht geträumt.» Ich wollte Schwester Sulu, die ich ja schon genug erschreckt hatte, nicht erzählen, dass auch sie halbiert war und eine Hälfte fehlte. Und in diesen ersten Sekunden meines Erwachens – oder schlief ich noch halb? – hatte ich das seltsame Gefühl, dass sie so, wie sie war, vielleicht ganz war. Ich erinnere mich, dass sie gestern gesagt hatte, sie sei «nur halb ausgebildet», und einen Augenblick lang verband ich das mit ihrer Erscheinung. Und dann wurde mir plötzlich zu meiner überaus großen und wunderbaren Erleichterung klar, dass ich einen meiner Migräneanfälle hatte. Mein linkes Gesichtsfeld war vollkommen verschwunden, und damit, wie gelegentlich auch schon früher, ebenso das Bewusstsein, dass es links irgendetwas gab (oder gegeben hatte oder geben konnte). Mein Migräne-Skotom hatte während des Schlafs eingesetzt, die physiologische Realität der «Derealisierungs-Bombe» erzeugt und somit das seltsame Verschwinden des Birnbaums, der Gartenmauer und, der linken Hälfte meiner Mutter bewirkt. Und beim Erwachen war mein Traum für mich Wirklichkeit geworden, oder vielmehr: Was im Traum wirklich und nicht bloß inszeniert, konstruiert und symbolisch gewesen war, behielt jetzt, da ich wach war, seine Wirklichkeit.
«Sie sehen aber wirklich sehr blass und elend aus», beharrte Schwester Sulu. Obwohl sie nur ein halbes Gesicht hatte, sprach sie ganz normal.
«Ja, sicher. Ich bin mit einer Migräne aufgewacht, und jetzt habe ich eine meiner Auren.» Ich kicherte. Die Halbseitenblindheit, die Hemianopie, kam mir jetzt, da ich wusste, worauf sie zurückzuführen war und dass sie bald wieder verschwunden sein würde, ziemlich komisch vor. «Aber es wird mir bald wieder ganz gutgehen. Könnten Sie mir wohl in ein paar Minuten, wenn sich mein Magen und meine Augen –» ich kicherte wieder – «beruhigt haben, eine schöne Tasse Tee und etwas Toast bringen?»
Beruhigt wandte Schwester Sulu sich zum Gehen und nahm dabei wieder ihre normale, ungeteilte Gestalt an.
Das Wissen, das rein intellektuelle Wissen, dass ich eine Sehfeldstörung und darüber hinaus auf derselben Seite einen halbseitigen Bewusstseinsausfall hatte, änderte nichts an der Wahrnehmungslücke oder vielmehr der Bewusstseinslücke, dem Gefühl, dass es nichts weitergab als das, was ich sah, und dass es darum sinnlos war, die sogenannte linke Seite des Raums zu betrachten oder nach ihr zu suchen. Mit einer gewaltigen Willensanstrengung, wie ein Mann, der sich in einem Albtraum zwingt, sich Zentimeter für Zentimeter voranzukämpfen, wandte ich den Kopf nach links, und da, dem Himmel sei Dank!, kamen der Rest meines Bettes, das Fenster mit den halb zugezogenen Vorhängen, die blasse Lithographie (sie zeigte Lord Lister * [*] der augenscheinlich dabei war, einen Patienten zu erwürgen), die linke Wand des Zimmers und – ahh! wie schön, dass ich ihn noch hatte – mein linker Arm, der ausgestreckt auf dem Kissen lag, zum Vorschein. Absurderweise war ich erleichtert, alles noch an seinem Platz zu finden, wandte den Kopf wieder, sodass ich geradeaus sah, und amüsierte mich über das abermalige allmähliche Verschwinden der linken Hälfte meines Sehfelds, der linken Hälfte des Raums, der linken Hälfte der Welt, des Konzepts der «Linksheit».
Ja! Jetzt – jetzt, da ich erkannt hatte, was los war, und sicher sein konnte, dass dieser Zustand nur vorübergehend sein würde – konnte ich diese ganze Sache amüsant und lehrreich finden, aber in meinem Traum und in den ersten Augenblicken des Erwachens, bevor ich wusste, was geschehen war, hatte ich das alles als überaus beängstigend empfunden. Und auch als Kind, so erinnerte ich mich, hatten mir diese Anfälle eine unvorstellbare Angst eingejagt. In jenen Jahren kindlicher Verwundbarkeit entwickelte ich ein ausgeprägtes Gespür für zweierlei: erstens die leiseste Veränderung oder Störung meiner Wahrnehmungen, und zweitens die Gefahren, die lauerten, wenn ich eine solche Veränderung gegenüber den falschen Leuten «zugab», denn dann war es möglich, dass sie als «eingebildet» oder «verrückt» hingestellt wurden.
Noch während meine Halbseitenblindheit andauerte, gingen mir diese Gedanken in rascher Folge durch den Kopf, gefolgt von einem durchdringenden Gefühl der Analogie und der Erkenntnis: «Ja, das ist genau das, was auch mit meinem Bein passiert ist! Wie konnte ich nur so dumm sein? Ich habe ein Skotom für das Bein! Das, was mit der Hälfte meines Sehfelds passiert ist, ist im Grunde ganz ähnlich wie das, was mit meinem Bein passiert ist. Ich habe das ‹Feld› für mein Bein verloren, genau so, wie ich einen Teil meines Sehfelds verloren habe.»
Als dieser Gedanke immer deutlicher in mein Bewusstsein drang, empfand ich eine enorme Erleichterung. Alle möglichen Fragen und Ungewissheiten – einschließlich der ziemlich entscheidenden Frage, ob es mir je wieder bessergehen würde – blieben zwar bestehen, aber immerhin hatte ich jetzt eine Stütze, eine Erkenntnis, an die ich mich halten konnte.
Und jetzt – ja … in der blinden, skotomisierten Hälfte meines Gesichtsfeldes tat sich etwas. Während ich so überlegte, erschien ein überaus zartes Filigranmuster, zarter und durchscheinender als das feinste Spinnengewebe, und es bewegte sich mit einer Art von leisem, zitterndem, bebendem Wabern. Es wurde deutlicher, leuchtender, ein Gewebe von exquisiter geometrischer Schönheit, das, wie ich jetzt sah, ganz und gar aus Sechsecken bestand und wie hauchfeine Spitze das ganze linke Gesichtsfeld bedeckte. Die fehlende Hälfte des Raumes wurde jetzt sichtbar, blieb aber weiterhin von jenem Gewebe überzogen, sodass das zarte Gitterwerk ihm eine Struktur zu geben schien – ein Mosaik aus sechseckigen Teilen, die ohne den kleinsten Zwischenraum aneinandergefügt waren. Ich hatte kein Gefühl für den Raum, seine Festigkeit oder Ausdehnung, kein Gefühl für Objekte, es sei denn als geometrisch angeordnete Facetten, kein Gefühl für Räumlichkeit, kein Gefühl für Bewegung oder Zeit.
In diesem Augenblick, als ich dieses raumlose, bewegungslose Mosaikbild (das ich auch früher schon gelegentlich gesehen hatte) mit einer Art distanzierten, unpersönlichen, mathematischen Interesses genoss, trat Schwester Sulu mit Toast und einer Tasse Tee ein. «Sie sehen viel besser aus», sagte sie. «Eben waren Sie noch halb tot, und im nächsten Augenblick sind Sie schon wieder munter und fidel. Sie sind der wechselhafteste Patient, den ich je hatte.»
Ich dankte ihr für den Tee, den sie zu meiner Rechten auf den Nachttisch gestellt hatte, und fragte sie ganz spontan, ob sie eine Minute Zeit habe.
«Was haben Sie denn diesmal vor?», fragte sie lächelnd. Anscheinend dachte sie an meine bizarren Versuche vom Vortag.
«Gar nichts Besonderes», antwortete ich. «Sie sollen auch gar nichts tun. Wenn Sie nur so nett sein würden, sich da drüben hinzustellen, neben dem Fenster vielleicht, oder bei diesem grauslichen Bild von Lord Lister.»
Sie ging zum anderen Ende des Zimmers und wurde dabei ganz plötzlich ebenfalls in ein Mosaikbild verwandelt. Dabei gab es, genau in der Mitte, einen verblüffenden Moment, als ihre eine Hälfte ein Mosaik und die andere wirklich war. Bewegungslos stand sie am Fenster, von hinten beleuchtet durch das Morgenlicht, das in den Raum fiel – und in diesem Augenblick erinnerte mich ihre halb silhouettierte, halb beleuchtete, aus geometrischen Flächen bestehende Gestalt vor dem Fenster an eine Madonna auf einem mittelalterlichen Glasbild. Plötzlich bekam ich Angst. Sie war anorganisch, ein Teil des Mosaiks geworden! Wie sollte ich in dieser kristallinen Welt Bewegung, Leben wahrnehmen?
Ich bat sie, sich das Bild anzusehen, zu reden, zu gestikulieren, Gesichter zu schneiden – irgendetwas, solange sie sich nur bewegte. Und nun bemerkte ich mit einer Mischung aus Entzücken und Sorge, dass die Zeit ebenso gebrochen war wie der Raum, denn ich sah ihre Bewegungen nicht als Kontinuum, sondern als eine Folge von «Momentaufnahmen», als eine Folge verschiedener Konstellationen und Haltungen, die ohne eine verbindende Bewegung aneinandergereiht waren, sodass der Eindruck eines Films aus den Kintopp-Tagen entstand, der flackert, weil er zu langsam läuft. Sie schien in diesem seltsam mosaikartigen, filmartigen Zustand, der in hohem Maße zersplittert, unzusammenhängend, atomisiert war, erstarrt zu sein. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie aus diesem gebrochenen Mosaik je eine Welt werden sollte, die Kontinuität und Zusammenhang besaß. Ich konnte es mir nicht vorstellen – aber mit einem Mal geschah es! Von einem Augenblick auf den anderen war das Mosaik, das Flackern verschwunden – und da stand Schwester Sulu, nicht mehr in räumliche und zeitliche Einzelbestandteile zerlegt, sondern wirklich und dreidimensional, warm und leibhaftig, lebendig schön und wieder eins mit dem Fluss des Lebens und des Handelns. In der kristallinen Welt hatte es Schönheit gegeben, mathematische Schönheit, aber keine Schönheit des Handelns, keine Anmut.
«Das war’s», sagte ich voller Freude. «Ich glaube, Sie haben mir geholfen, die Aura zu vertreiben! Und meine Übelkeit ist wie weggeblasen. Jetzt würde ich gerne einen von diesen Räucherfischen essen, die ich vorhin gerochen habe.»
Ich aß ein großes, beinah üppiges Frühstück, sehr zur Verwunderung von Schwester Sulu, die mich vor nicht einmal einer Stunde noch kalkweiß und würgend hatte daliegen sehen. Aber nach solchen Anfällen «erwacht der Patient als neuer Mensch» (wie der große Dr. Liveing[*] schrieb), und tatsächlich fühlte ich mich nach meiner Nacht der Schrecken und der Migräne wie ein neuer Mensch – zum Leben erweckt und wie neugeboren. Aber was diese Wiedergeburt noch erfreulicher machte, war das Gefühl, dass ich durch einen Analogieschluss zu einem gewissen Verständnis meines «Beines» gelangt war. Dieses Verständnis hatte keine Auswirkungen auf die physiologische Realität, aber es nahm ihr das Unbegreifliche, das Unsagbare – ich konnte mit Swan darüber reden. Er würde, da war ich mir sicher, äußerst fasziniert sein und mich seinerseits in den beiden Punkten, auf die es jetzt ankam, beruhigen können: Wodurch war es zu meinem Skotom gekommen, und wie lange würde es anhalten? Es gab noch andere Fragen, die ich ihm stellen wollte, sofern genug Zeit dafür war: Wie oft war er in seiner Praxis solchen Skotomen begegnet, und waren sie in der medizinischen Literatur ausführlich beschrieben worden? Ja, ich würde nicht nur die Beruhigung erfahren, die ich so dringend brauchte, sondern auch Gelegenheit zu einem überaus interessanten Gespräch mit meinem Kollegen haben, das uns beiden Erkenntnisse über das faszinierende Grenzgebiet zwischen Orthopädie und Neurologie bringen würde.
Diese Aussicht machte mich so aufgeregt, dass ich bei meinem reichhaltigen Frühstück gar nicht recht bei der Sache war und nur mein Unterbewusstsein die köstlichen knusprigen Räucherheringe zu würdigen wusste.
Als es schließlich an der Zeit war, kam die Stationsschwester herein.
«Nun sehen Sie sich diese Unordnung an, Dr. Sacks!», tadelte sie mich gutmütig. «Überall Bücher und Briefe und Papier – und ich glaube, da sind sogar Tintenflecke auf dem Laken!»
«Das war mein Füller», erklärte ich entschuldigend. «Manchmal kleckst er.»
«Nach dem Frühstück muss alles aufgeräumt und tadellos in Ordnung gebracht werden. Heute ist Chefvisite» (aus dem Mund der Oberschwester klang das Wort so, als sei es mit Großbuchstaben geschrieben), «und Mr. Swan wird um Punkt neun da sein!» Lächelnd und kopfschüttelnd trabte sie wieder hinaus.
«Sie ist im Grunde ein guter Mensch», dachte ich in meiner Räucherhering-Euphorie. «Ein bisschen streng, ein bisschen feldwebelhaft, aber so muss eine Stationsschwester eben sein. Hinter dieser rauen Stimme, diesem furchteinflößenden Äußeren verbirgt sich ein gutherziger Mensch …»
Bevor ich meine dritte Tasse getrunken hatte, wurde meine Teekanne weggenommen, und Schwester Sulu brachte mir eine Schüssel und flüsterte: «Schnell! Rasieren Sie sich!»
Ich rasierte mir den unordentlichen Bartwuchs von sechs Tagen ab – war meine Bergwanderung wirklich erst sechs Tage her? – und stutzte meinen Bart. Ich putzte mir die Zähne und gurgelte.
Schwester Sulu half mir auf den Stuhl, bezog das Bett frisch und brachte das Zimmer in Ordnung. Dann half sie mir wieder ins Bett und sagte: «Die Stationsschwester hat es am liebsten, wenn die Patienten, mit ein paar Kissen im Rücken, genau in der Mitte sitzen. Versuchen Sie, in der Mitte zu bleiben. Lehnen Sie sich nicht nach einer Seite!»
Ich versprach, mich an ihre Anweisungen zu halten, und bat sie, die Tür offen zu lassen, denn ich hatte gehört, wie die ganze Station aufgeräumt und tipptopp in Ordnung gebracht wurde, und diese Geräusche waren so außerordentlich, dass ich sie deutlicher hören wollte. Die Stationsschwester bellte ihre Anweisungen gutmütig, aber mit einer Lautstärke wie auf einem Kasernenhof. Die Schwestern und Hilfskräfte eilten hin und her, alle Unordnung, alle herumliegenden Abfälle wurden in Windeseile beseitigt. Es herrschte die halb ernsthafte, halb komische Atmosphäre einer militärischen Inspektion: geputzte Stiefel, geweißte Wickelgamaschen, Brust raus, Bauch rein, alles blitzblank und wie aus dem Ei gepellt.
Die Geschäftigkeit, das Rufen und Gelächter wären gewaltig. Es tat mir leid, dass ich das alles nur hören und nicht sehen konnte. Unter der Kommandostimme und den strengen Blicken der Stationsschwester verwandelte sich das Tohuwabohu in Ordnung. Mir kam die Station jetzt weniger wie ein Kasernenhof vor, sondern mehr wie ein Schiff, das für irgendetwas bereitgemacht und hergerichtet wurde.
Plötzlich hörten das Klappern und das geschäftige Treiben auf, und Stille trat an ihre Stelle. Ich hörte nur ein Flüstern, ein Murmeln, von dem ich nichts verstehen konnte.
Und nun trat Swan ein, gefolgt von der Oberschwester, die ein Tablett mit seinen medizinischen und zeremoniellen Instrumenten trug, sowie dem Oberarzt und seinen Assistenzärzten in langen weißen Kitteln. Den Schluss des Zuges bildeten die Studenten, die kurze Kittel trugen und ungewöhnlich schüchtern wirkten. Gemessen und feierlich wie in einer Prozession betraten der Chefarzt und sein Gefolge mein Zimmer. Swan würdigte mich keines Blickes und begrüßte mich auch nicht, sondern nahm die Fiebertabelle, die am Fuß meines Bettes hing, und studierte sie.
«Nun, Oberschwester», sagte er, «und wie geht es dem Patienten jetzt?»
«Kein Fieber mehr, Sir», antwortete sie. «Am Mittwoch haben wir den Katheter entfernt. Er kann normal essen. Keine Schwellung des Fußes.»
«Das klingt ja gut», sagte Mr. Swan und wandte sich dann mir oder vielmehr dem Gips, der vor mir lag, zu. Er klopfte energisch mit den Knöcheln darauf.
«Nun, Herr Sacks», sagte er, «wie geht es Ihrem Bein heute?»
«Chirurgisch betrachtet scheint es ihm ganz gut zu gehen, Sir», antwortete ich.
«Wie meinen Sie das: ‹chirurgisch betrachtet›?», fragte er.
«Na ja …» Ich sah die Oberschwester an, aber ihr Gesicht blieb unbewegt. «Ich habe nicht viel Schmerzen und – äh – der Fuß ist nicht geschwollen.»
«Ausgezeichnet», sagte er, offensichtlich erleichtert. «Also keine Probleme, nehme ich an.»
«Eigentlich nur eins.» Swan sah mich streng an, und ich begann zu stottern. «Ich … ich … kann nämlich den Quadrizeps nicht anspannen … und, äh … der Muskel scheint keinen Tonus mehr zu haben. Und … und … ich habe Schwierigkeiten, die Lage des Beins zu bestimmen.»
Es kam mir so vor, als mache Swan einen Augenblick lang ein besorgtes Gesicht, aber dieser Eindruck war so vorübergehend, so flüchtig, dass ich mir nicht sicher war.
«Unsinn», sagte er schroff und entschlossen. «Es ist gar nichts. Überhaupt nichts. Es besteht kein Grund zur Sorge. Überhaupt kein Grund!»
«Aber …»
Wie ein Polizist, der den Verkehr anhält, hob er die Hand. «Sie irren sich vollkommen», sagte er mit Entschiedenheit. «Ihrem Bein fehlt überhaupt nichts. Das verstehen Sie doch, oder?»
Brüsk und, wie mir schien, gereizt wandte er sich zum Gehen. Die Assistenzärzte wichen ehrerbietig zur Seite.
Ich versuchte, in den Gesichtern der anderen Ärzte zu lesen, aber sie waren verschlossen und verrieten mir nichts. Im Nu hatte die ganze Prozession mein Zimmer wieder verlassen.
Ich war wie vor den Kopf geschlagen. All die qualvollen, quälenden Ungewissheiten und Ängste, all die seelischen Foltern, die ich, seit ich mir über meinen Zustand im Klaren war, zu ertragen gehabt hatte, all die Hoffnungen und Erwartungen, die ich an diese Visite geknüpft hatte – und jetzt das! Ich dachte: Was für ein Arzt, was für ein Mensch ist das? Er hat mich nicht einmal angehört. Er hat keine Anteilnahme gezeigt. Er hört seinen Patienten nicht zu – sie sind ihm völlig gleichgültig. Ein solcher Mensch hört seinen Patienten nicht zu und lernt nichts von ihnen. Sie sind für ihn unwesentlich, er verachtet sie, für ihn sind sie ein Nichts. Und dann dachte ich: Ich bin schrecklich unfair. Ich hatte ihn unabsichtlich provoziert, als ich «chirurgisch betrachtet» gesagt hatte. Außerdem waren wir beide wegen des formellen, offiziellen Rahmens, den die Chefvisite bildete, etwas in Verlegenheit. In gewisser Hinsicht waren wir beide gezwungen, eine Rolle zu spielen: er die des allwissenden Spezialisten, ich die des unwissenden Patienten. Und dies wurde noch dadurch verstärkt und verschlimmert, dass ich ihm nicht nur gleichgestellt war und von anderen als ihm gleichrangig angesehen wurde, sondern mich auch teilweise so verhielt, sodass keiner von uns wusste, wo er eigentlich genau stand. Darüber hinaus war ich mir sicher, dass er nicht wirklich gefühllos war – auf seinem Gesicht hatten sich Gefühle abgezeichnet, starke Gefühle, die er hatte unterdrücken müssen, genau wie Miss Preston, als sie festgestellt hatte, dass die Nervenverbindung unterbrochen war. Wie anders hätte diese Begegnung verlaufen können, wenn wir uns als Individuen gegenübergetreten wären – was jedoch im starren Rahmen der Chefvisite unmöglich war. Vielleicht würde alles anders sein, wenn sich im Anschluss an die Visite Gelegenheit zu einem ruhigen Gespräch mit dem Oberarzt bot, zu einem Gespräch von Mann zu Mann.
Die Stationsschwester versprach mir, ihn zu bitten, er möge noch einmal bei mir hereinschauen. Aber dieser Besuch des Oberarztes erwies sich leider als eher ärgerlich, denn er war unwirsch, und es ging ihm offensichtlich auf die Nerven, dass ich ihn um dieses besondere Gespräch ersucht hatte.
«Also, Herr Sacks», schnaubte er, «was haben Sie denn nun noch? Sie haben doch gehört, dass alles in Ordnung ist. Haben Sie an der Operation oder der nachoperativen Behandlung etwas auszusetzen?»
«Ganz und gar nicht», antwortete ich. «Beides scheint mir musterhaft.»
«Also, bitte, was haben Sie denn eigentlich?»
«Das Bein fühlt sich nicht richtig an.»
«Das ist eine sehr vage und subjektive Aussage. Mit so etwas können wir uns nicht befassen. Wir Orthopäden sind im Grunde eigentlich Handwerker. Man stellt uns vor eine Aufgabe, und wir erledigen sie. Das ist alles.»
«Das ist genau der Eindruck, den ich habe», erwiderte ich. «Wenn das Bein aus Holz wäre, würde es ausreichen, es wieder zurechtzuzimmern. Und genauso fühlt das Bein sich auch an: hölzern, so als ob es nicht aus Fleisch und Blut wäre – leblos, nicht zu mir gehörig.»
«Herr Sacks, Sie sind ein einmaliger Fall», sagte der Oberarzt. «So etwas habe ich noch nie von einem Patienten gehört.»
«Es kann nicht sein, dass ich ein einmaliger Fall bin», sagte ich, erfüllt von Wut und aufsteigender Panik. «Mein Fall muss doch beschrieben sein wie alle anderen auch! Vielleicht …» (hier ging mein Zorn mit mir durch) «vielleicht hören Sie Ihren Patienten nicht zu, vielleicht sind Sie an den Erfahrungen, die sie machen, nicht interessiert.»
«Ja, da haben Sie recht – mit ‹Erfahrungen› dieser Art kann ich mich nicht aufhalten. Ich bin ein Mann der Praxis, ich habe Arbeit zu erledigen.»
«Dann lassen wir also Erfahrungen beiseite und stellen fest, dass das Bein nicht funktioniert.»
«Das ist nicht meine Sache.»
«Wessen Sache ist es denn dann? Um es genau zu sagen: Es liegt eine physiologische Störung vor. Was halten Sie davon, einen Neurologen hinzuzuziehen und Nervenübertragungstests, ein Elektromyogramm und so weiter vorzunehmen?»
Er wandte sich zur Tür und gab mir keine Antwort.*[*]