Die Wahrheit der Dinge ist letzten Endes ihre lebendige Fülle, und eines Tages werden, von einer höheren Warte, als sie je ein Mensch [einer früheren] Generation hat erklimmen können, unsere Nachkommen, bereichert durch die Ergebnisse all unserer analytischen Untersuchungen, jene überlegenere und einfachere Sicht der Natur erlangen können.
WILLIAM JAMES
Die Gedankenarbeit war vorbei, und während der glücklichen Genesungswochen ruhte sich der Forscher aus. Es ging mir mit jedem Tag besser. Ich war aktiv. Ich freute mich an der Welt und war in einer Situation, die nicht mehr problematisch war.
Aber das Gefühl des Problematischen – des Problems, der vielen Probleme, denen ich gegenüberstand – war lediglich zeitweilig in den Hintergrund getreten und bekam wieder Konturenschärfe, als ich Lurijas Brief erhielt. Wo der behandelnde Arzt zu mir gesagt hatte: «Sie sind ein einmaliger Fall! So etwas habe ich noch nie von einem Patienten gehört», schrieb Lurija: «Ihr Brief fasst zusammen, was ich in den vergangenen fünfzig Jahren immer wieder in fragmentarischer Form gehört habe …» Warum, so fragte er, wurden solche Erfahrungen so selten artikuliert, und was mochte die Ursache einer solchen Erfahrung sein? «Der Körper ist eine Einheit von Handlungen, und wenn ein Teil des Körpers von der Handlung abgespalten ist, so entwickelt er sich zu etwas ‹Fremdem› und wird nicht mehr als Teil des Körpers empfunden.» Dieses Phänomen, schrieb er, sei im Zusammenhang mit Hirnverletzungen gut belegt, besonders bei solchen, die den sensorischen Lappen (oder Scheitellappen) in der rechten Gehirnhälfte in Mitleidenschaft gezogen hätten. Als Beispiel führte er das Pötzl-Syndrom an, bei dem, als Folge eines Gehirnschlags oder eines Tumors, die linke Hälfte des Körpers oder ein Teil von ihr ignoriert oder als fremd und unwirklich empfunden wird. Tatsächlich war dies auch mein erster Gedanke gewesen: dass ich während der Narkose einen Gehirnschlag erlitten haben musste. Aber solche Syndrome waren kaum je als Folge einer peripheren Störung oder Verletzung beschrieben worden.
Trotzdem, so argumentierte Lurija, könne man sehr wohl auf einer peripheren Basis mit diesen negativen Phänomenen – Entfremdung, Derealisierung, Gleichgültigkeit, Unaufmerksamkeit – rechnen, weil «der Organismus ein einheitliches System» ist und daher ein Zusammenbruch des Systems erfolgen könne, ganz gleich, ob die ursprüngliche Störung zentraler oder peripherer Natur sei. Es könne jedoch sein, dass Ärzte – Chirurgen, Neurologen – entsprechenden Klagen ihrer Patienten abweisend gegenüberstünden, und möglicherweise sei es für solche Patienten schwer, ihre Gefühle mitzuteilen: Vielleicht sage der Patient nichts, vielleicht höre der Arzt nicht zu. Darum sei unter Umständen ein besonderer Patient vonnöten – etwa ein Patient, der selbst Arzt und Neuropsychologe sei –, um das Wesen dieser Erfahrungsstörung umfassend aufzuzeigen.
Lurijas Brief war, wie auch die vielen anderen Briefe, die er mir später schrieb, eine entscheidende Ermutigung und Unterstützung und bekräftigte mich in meinem im Krankenhaus gefassten Entschluss, mich an die Erforschung dieses ganzen Problemkomplexes zu machen. Im Krankenhaus war ich ein verwirrter und verängstigter Patient gewesen, der sich mühte, mit einer persönlichen Notlage zurechtzukommen. Jetzt aber konnte ich als Arzt und Forscher an die Sache herangehen. Als Neurologe war ich an vielen Krankenhäusern tätig und behandelte auf den neurologischen Stationen viele hundert Patienten, die unter den verschiedensten Störungen und Krankheiten litten. Ich würde äußerst genaue Untersuchungen dieser Patienten vornehmen – klinische Untersuchungen, die auf Gesprächen und einer Prüfung des körperlichen Zustands beruhten, und physiologische Untersuchungen, die sich auf eine Reihe von elektrophysiologischen Techniken gründeten: Überprüfungen der elektrischen Potenziale in zerstörten (oder anderweitig inaktivierten) Nerven und Muskeln und der sogenannten evozierten Potenziale in Rückenmark und Gehirn, insbesondere in der Körperfühlsphäre (Lobus parietalis), der «Endstation» im Gehirn, wo die neuronale Aktivität organisiert wird, um das objektive «Körper-Bild» zu schaffen.
Wären meine Verletzung und die darauf folgenden Erfahrungen nicht gewesen, so hätte ich eine solche Arbeit vermutlich nicht begonnen. Vorher waren meine Interessen in ganz andere Richtungen gegangen: Ich hatte mich mit Migräne, der Parkinson’schen Krankheit, postenzephalitischen Syndromen und mit dem Tourette-Syndrom befasst. Für Störungen des Körper-Bildes hätte ich mich wahrscheinlich nicht interessiert, wenn ich eine solche, äußerst tiefgreifende Störung nicht am eigenen Leib erfahren hätte. Nachdem dies aber geschehen war – und auch ich vollkommen missverstanden worden war –, war ich leidenschaftlich bestrebt, die Wahrheit herauszufinden, mit Hilfe klinischer und physiologischer Studien festzustellen, was tatsächlich geschieht, und, wenn möglich, zu einem grundlegenden Verständnis der Vorgänge zu kommen. Denn war dies nicht, um es mit Lurijas Worten zu sagen, «ein ganz neues Gebiet»?
Und wenn meine eigene Erfahrung mir ein Ansporn war, so stellte sie auch eine ganz besondere Qualifikation für diese Aufgabe dar. Denn im Gegensatz zu dem Arzt, der mich behandelt hatte, und den Vertretern des Standes der «Veterinärmediziner» (wie Lurija sie nannte) im Allgemeinen, konnte ich mich nun den Erfahrungen meiner Patienten ganz öffnen, sie mit Hilfe meiner Phantasie nachvollziehen und mich in diesen Regionen der Angst offen und zugänglich zeigen. Ich würde meinen Patienten zuhören wie noch nie zuvor. Während sie durch ein Land reisten, das ich nur zu gut kannte, würde ich ihren gestammelten, halbartikulierten Berichten lauschen.
Damals wusste ich noch nicht, ob es auf diesem Gebiet irgendwelche Vorläufer gab, und es dauerte noch Jahre, bis ich auf sie stieß. Ich beschrieb diese seltsame Situation in einem Artikel, der in «London Review of Books» (Nr. 11, 1982) erschien:
Erst drei Jahre nach meinem Unfall entdeckte ich Beschreibungen von Phänomenen, die den meinen ähnelten. Dann aber fand ich in rascher Folge gleich drei solcher Schilderungen: Weir Mitchells Arbeit, die auf seinen Erfahrungen im amerikanischen Bürgerkrieg basierte, Babinskis Bericht, ein ganzes Buch, das er während des Ersten Weltkriegs schrieb, und A.N. Leontjews und A.V. Zaporozžecs Studie, die sich auf ihre Erfahrungen mit zweihundert Soldaten im Zweiten Weltkrieg gründete … Obwohl alle diese Autoren überaus hervorragende Wissenschaftler und ihre Publikationen von größter Bedeutung waren, habe ich nie jemanden kennengelernt, der von diesen Arbeiten gehört, geschweige denn sie gelesen hat – und diese sonderbare Vergesslichkeit hat auch die Autoren selbst erfasst. Weir Mitchell «vergaß» seine «negativen Phantome», Babinski «vergaß» sein «syndrome physiopathique»[*] und Lurija «vergaß» Leontjews Werk, obwohl sein eigenes Werk den Anstoß dazu gegeben hatte und ihm gewidmet war.
Weir Mitchells Arbeit ist von besonderem Interesse. Als junger Neurologe arbeitete er im amerikanischen Bürgerkrieg mit Amputierten und veröffentlichte einen «klinischen Roman» mit dem Titel «The Case of George Dedlow». Dieses Buch war eine imaginäre und wunderbar phantasievolle Krankengeschichte eines Arztes, dem man sämtliche Gliedmaßen amputiert hatte. Der fiktive Arzt-Patient George Dedlow schreibt:
Zu meinem Schrecken stellte ich fest, dass ich meiner selbst, meiner Existenz, zuweilen weniger bewusst war als früher. Dieses Gefühl war so ungewohnt, dass es mich mit großer Bestürzung erfüllte … Da ich nur zu gut wusste, wie absurd der Eindruck sein würde, den ich machte, sprach ich nicht darüber, sondern gab mir noch größere Mühe, meine Gefühle zu analysieren … Ich kann es nur als ein Nachlassen des selbstsüchtigen Gefühls der Individualität beschreiben.
Dedlow fährt dann fort, indem er diese Gefühle, jene tiefgreifenden und spezifischen Ausfälle dessen, was wir inzwischen Körper-Bild und Körper-Ich nennen, dem «ewigen Schweigen … der großen Nervenknoten, die den Gliedmaßen zugeordnet sind», zuschreibt. Es ist interessant, dass Weir Mitchell dieses Buch als «klinische Fiktion» veröffentlichte, bevor er mit seiner berühmten medizinischen Beschreibung von Phantomen begann. Vielleicht hatte er den Eindruck, dass die Öffentlichkeit, dass phantasievolle Leser bereit waren, über Dinge nachzudenken, die seine Kollegen als Hirngespinste abtun würden.
Im Lauf der Jahre arbeitete ich mit etwa vierhundert Patienten. Wo immer es möglich war, machte ich als Ergänzung zum Gespräch und zur Untersuchung Videoaufnahmen und nahm elektrophysiologische Messungen vor. Ein typischer Fall war der einer alten Frau mit einem gelähmten, schlaffen linken Bein. Zunächst dachte ich, dies sei die Folge eines Schlaganfalls, aber dann stellte sich heraus, dass sie eine komplizierte Hüftfraktur gehabt hatte, die nicht nur eine Operation, sondern auch eine lange Ruhigstellung in einem Gipsverband erforderlich gemacht hatte. Obwohl diese Operation drei Jahre zurücklag, spürte sie das Bein nicht und konnte es nicht gebrauchen. Es lag keine anatomische Verletzung des Nervs vor, und die Übertragungsgeschwindigkeit der Nerven war normal, aber die Muskeln waren ganz und gar atonisch und zeigten eine vollkommene «elektrische Stille» – ein Fehlen jeder funktionalen oder Haltungs-Innervation. Sie selbst hatte das Gefühl, das Bein sei «fort». Dementsprechend wurden bei Messungen des evozierten Potenzials der sensorischen Hirnrinde keine Werte festgestellt, was auf ein Fehlen objektiver neuronaler Informationen aus dem Bein hindeutete – ein objektiver Riss im Körper-Bild. (Obwohl sie nicht imstande war, gezielte Bewegungen zu machen, waren zuweilen spontane oder unwillkürliche Bewegungen aufgetreten, wie beispielsweise ein Wippen des Fußes im Takt der Musik. Dies legte eine Musiktherapie nahe – die gängige Physiotherapie hatte keine Besserung herbeigeführt. Unter Einsatz von Gehhilfen – etwa eines Delta-Rades – konnten wir ihr nach und nach das Tanzen ermöglichen, und schließlich gelang uns eine praktisch vollkommene Wiederherstellung des Beines, obwohl es drei Jahre lang wie tot gewesen war.)
Ich untersuchte fast fünfzig Patienten mit schweren peripheren Neuropathien – gravierenden sensorischen (und manchmal motorischen) Behinderungen von Händen und Füßen, die gewöhnlich durch Diabetes hervorgerufen waren. Alle diese Patienten hatten das Gefühl, dass ihre Hände und Füße fehlten oder fremde Objekte seien, die an Arm- und Beinstümpfen festgemacht waren. Auch hier zeigten Untersuchungen des evozierten Potenzials eine schwere Behinderung oder ein Fehlen von perzeptueller Information und Repräsentation in den entsprechenden Bereichen der sensorischen Hirnrinde und einen objektiv nachweisbaren Verlust des Hand- und Fuß-Bildes.
Zweihundert Patienten litten an Verletzungen, Erkrankungen oder einer Unempfindlichkeit des Rückenmarks. Wenn man diese Patienten aufforderte, frei zu sprechen – was gewöhnlich bei neurologischen Untersuchungen nicht oft geschieht –, gaben sie bizarre Beschreibungen ihres Zustandes. Einige, die einen Halswirbel gebrochen hatten – wie ein Patient, der von Henry Head («Studies in Neurology», S. 529, siehe unten) beschrieben worden ist –, hatten das Gefühl, «nur aus Kopf und Schultern» zu bestehen. Solche katastrophalen Verluste des Körper-Bildes ließen sich durch Untersuchungen des evozierten Potenzials leicht bestätigen.
Ich untersuchte zahlreiche Patienten, denen ein oder mehrere Glieder amputiert worden waren und die positive Phantome, negative Phantome oder beides schilderten. Auch hier fanden die manchmal bizarren und erschreckenden Störungen oder Defekte des Körper-Bildes ihre objektive Entsprechung in Störungen des empfangenden und abbildenden Hirnrinden-Bereichs.
Diese jahrelangen zahlreichen Beobachtungen und Forschungen führten zu einer klaren Antwort auf die erste meiner Fragen: Sind schwere Störungen des Körper-Bildes und des Körper-Ichs eine Folge peripherer Verletzungen, Erkrankungen oder Störungen? Die Antwort lautete eindeutig «Ja». Solche Störungen waren, wie Lurija vermutet hatte, in der Tat recht verbreitet – verbreitet und tatsächlich fast unvermeidlich, vielleicht auch allgemein, sofern eine hinreichende Unterbrechung des peripheren Empfindungs- oder Handlungsvermögens vorlag.
Des Weiteren deuteten sie auf eine Antwort auf die andere Hälfte der Frage hin: Wenn solche Störungen tatsächlich so verbreitet sind, warum werden sie dann nicht häufiger beschrieben? Ich gestattete meinen Patienten, frei und ohne Einschränkung durch irgendeinen neurologischen Fragenkatalog zu sprechen, und erhielt immer wieder Beschreibungen von einer emotionalen und existenziellen Intensität, wie sie in der neurologischen Literatur nie oder nur selten zu finden ist. Jeder Patient mit einer schweren Störung des Körper-Bildes litt unter einer ebenso schweren Störung des Körper-Ichs. Es wurde immer deutlicher, dass ein solcher Patient in den betroffenen Gliedmaßen einer tiefgreifenden, mit dem Gefühl der Auflösung oder Zerstörung oder Auslöschung des Seins verbundenen Erfahrung unterworfen ist. Dies geht einher mit einer elementaren Derealisation und Entfremdung sowie gleichermaßen elementaren Gefühlen von Angst und Entsetzen. Wenn sie das Glück haben zu genesen, wird dies von einem ebenso elementaren Gefühl der «Re-realisation» und Freude gefolgt. Eine jede solche Erfahrung ist, um den mittelalterlichen Ausdruck zu gebrauchen, ein experimentum suitatis (ein Beweis der Selbstheit) – eine elementare Veränderung der Identität oder «Selbstheit» auf einer ganz klar umrissenen, organischen, neurologischen Grundlage. Wie gut war die Neurologie, eine empirische Wissenschaft, darauf eingerichtet, solchen radikalen Veränderungen der Realität oder Identität Rechnung zu tragen? In welchem Umfang konnte sie solche Erfahrungen zulassen?
Die klassische Neurologie basiert auf dem Konzept der Funktion – der sensorischen Funktion, der motorischen Funktion, der intellektuellen Funktion usw. Ihr berühmtester Vertreter in England war Sir Henry Head (1861 – 1940). Sein beständiges Interesse galt unter anderem dem Wesen der Empfindung, und auf diesem Gebiet war er ein kühner Pionier. Einige seiner frühesten Beobachtungen beruhten auf Selbstexperimenten. Er beschrieb sehr detailliert die Auswirkungen der Durchtrennung eines sensorischen Nervs in seinem Arm. Seine Studien der Empfindungen gipfelten im Konzept eines Schemas oder Körper-Bildes im Gehirn, durch das der Körper seine eigenen Bewegungen «kennt» und kontrolliert. Seine im Verlauf von etwa zwanzig Jahren gesammelten Erkenntnisse fasste er in seinem bedeutenden Werk «Studies in Neurology» (1920) zusammen. Aber lassen Sie uns sehen, wie Head eine tiefgreifende sensorische Störung beschreibt:
Der Patient war gänzlich außerstande anzugeben, in welche Lage seine unteren Gliedmaßen gebracht worden waren. Knöchel, Knie und Hüfte konnten weiträumig bewegt werden, ohne dass er es bemerkte. Wenn seine Augen geschlossen waren, konnten sie von der ausgestreckten Position in jede Richtung bewegt und im Knie um vierzig Grad angewinkelt werden, während er noch immer glaubte, sie lägen ausgestreckt vor ihm im Bett. Erlaubte man ihm dann, die Augen zu öffnen, so legte sein überraschter Gesichtsausdruck ein beredtes Zeugnis von der Größe seines Irrtums ab.
Das ist eine wunderschöne Beschreibung. Mir ruft sie genau das ins Gedächtnis zurück, was geschah, als ich Schwester Sulu bat, mein Bein zu bewegen. Diese Beschreibung ist absolut richtig – aber ist sie genug?
Ich hatte selbst eine Patientin mit genau derselben Pathologie: Metastasen eines bösartigen Tumors hatten, verbunden mit dem Zusammenbruch einiger Wirbel, mehrere Spinalnerven angegriffen. Ihre Erfahrungen jedoch waren weit seltsamer, überraschender und erschreckender. «Mein Oberschenkel ist verschwunden!», sagte sie. «Einfach so.» Die Begriffe, die Head gebraucht, die Begriffe der klassischen Neurologie, eignen sich sehr gut, um einen tiefgreifenden Verlust von Funktion zu beschreiben, aber ein «Verschwinden» wie dieses können sie nicht fassen, denn es geht hier nicht bloß um den Verlust einer Funktion. Es mag sich um etwas handeln, das eine Folge eines Funktionsverlustes ist, aber an sich ist es weit mehr.
Solange Head sich darauf beschränkt, die Funktion zu testen und sich dieser Begriffe zu bedienen, entzieht sich etwas Lebenswichtiges, etwas Außergewöhnliches seinen Beschreibungen. Das ändert sich, sobald er seine neurologische Ausdrucksweise für einen Augenblick vergisst und einfach die genauen Worte seiner Patienten wiedergibt. Bei solchen Gelegenheiten (es sind nur wenige) kommt etwas unendlich viel Verblüffenderes zum Vorschein. So lesen wir von einem Patienten, der sich beklagte, dass sich «sein rechtes Bein genau so anfühlte, als sei es aus Kork» (S. 412), oder von Leutnant W., dem nach einem Flugzeugabsturz bewusst wurde, dass er sich das Rückgrat verletzt hatte, weil er «das Gefühl hatte, nur noch Kopf und Schultern zu haben» (S. 529). Man kann nicht behaupten, Head habe kein persönliches Interesse an seinen Patienten gehabt. Mein Vater, der vor fünfundsechzig Jahren bei ihm famuliert hat, erzählte mir, er sei «voller Neugier und Mitgefühl» und von den seltsamen Erfahrungen, die seine Patienten ihm erzählten, fasziniert gewesen. Aber als Neurologe lässt er diese Erfahrungen aus und erwähnt sie nur sehr selten und unabsichtlich. Sie erhalten nie eine zentrale Betonung oder Bedeutung. Und das scheint auch für die klassische Neurologie im Allgemeinen zu gelten: In ihrem Bestreben, eine exakte Wissenschaft von der Funktion zu sein, muss sie alle Erkenntnisse, die über das Reich der Funktion hinausgehen, ausschließen. Nur wenn sie sich sozusagen vergisst, kann sie solche Erkenntnisse zulassen, und die Erfahrungen der Patienten wahrheitsgetreu und unverzerrt wiedergeben; sobald sie aber wieder auf ihre empirische Strenge zurückgreift, lässt sie diese Erfahrungen nicht durchkommen.
Paradoxerweise war die Neurologie nur in ihren vorwissenschaftlichen Anfängen, bevor sie von ihren eigenen Konzepten zu sehr eingeengt wurde, empfänglich für die ganze Einzigartigkeit solcher Erfahrungen. So war Weir Mitchell im amerikanischen Bürgerkrieg in den sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts offen für das geistige Konzept von Phantomgliedern und die existenziellen Auflösungserscheinungen, die «George Dedlow» so eindringlich beschrieben hat. Weir Mitchell berichtet von Hunderten von Patienten, die diese Symptome zeigten. Um die Jahrhundertwende sind solche Beschreibungen jedoch äußerst selten geworden. Für irgendetwas Existenzielles war in der Neurologie kein Platz mehr.
Obwohl die klassische Neurologie ihren Sinn hatte und immer noch hat und zum Studium der «niederen» Funktionen unerlässlich war, wurde doch nach und nach deutlich, dass ein neuer Ansatz, eine neue Wissenschaft, erforderlich war. Während des Zweiten Weltkrieges wurde aus dieser Notwendigkeit eine Krise. In der Sowjetunion wuchs die neue Wissenschaft der Neuropsychologie, deren Entstehung sich in den dreißiger Jahren bereits hatte ahnen lassen, aus den Kinderschuhen heraus. Ihre Entwicklung verdankt sie maßgeblich den Lurijas (R.A. und A.R., Vater und Sohn), Aleksej N. Leontjew, H.A. Bernstein und anderen. Für Patienten mit Nervenverletzungen konnte im Ersten Weltkrieg nur wenig getan werden. Man verschrieb ihnen Physiotherapie, in der Hoffnung, dass die Zeit und die Natur Linderung schaffen würden. Im Zweiten Weltkrieg schuf der Bedarf an einer rationalen «Neuro-Therapie» die Neuropsychologie und brachte Konzepte hervor, die über den Begriff der Funktion hinausgingen. Patienten, die eine Hirnverletzung oder eine anderweitige Nervenverletzung erlitten hatten, betrachtete man als Menschen, die beim Handeln auf eigentümliche Schwierigkeiten stießen. Die Neuropsychologie strebte danach, eine Wissenschaft vom Tun zu sein, und ihr zentrales Konzept war nicht «Funktion», sondern «funktionales System» und «Leistung».
Die klassische Neurologie war im Wesentlichen statisch: Ihr Modell war ein Modell von festgelegten Zentren und Funktionen. Die Neuropsychologie dagegen ist im Wesentlichen dynamisch: Für sie gibt es zahllose Systeme, die ständig interagieren und zusammenwirken. «Der Organismus ist ein einheitliches System», schrieb Lurija, und das ist auch das Credo der Neuropsychologie. Es ergibt sich das Bild einer großartigen, sich selbst steuernden, dynamischen Maschine, und Bernstein, ihr hervorragendster Theoretiker, war, fünfzehn Jahre vor Norbert Wiener, der eigentliche Begründer der Kybernetik.
Diese großartige Maschine enthält «Programme», «Engramme», «innere Bilder», «Schemata» – Verfahrensweisen, Prozeduren, die analysierbar und, in einem gewissen Umfang, manipulierbar sind. Wo die klassische Neurologie recht hilflos lediglich eine «reduzierte Funktion» sieht, reagiert die Neuropsychologie konstruktiver, identifiziert das betroffene System oder die betroffene Interaktion von Systemen und versucht, eine Rehabilitation herbeizuführen, indem sie ein neues System oder eine neue systematische Zusammenarbeit zwischen Systemen entwickelt, was durch die «Freiheit» oder Plastizität des Nervensystems ermöglicht wird. Die theoretischen und praktischen Kräfte, die dadurch frei werden, sind gewaltig. Und doch ist man sich dessen, so unglaublich das klingt, im Westen kaum bewusst.
Ein geradezu revolutionäres Buch, das ich kurz erwähnt habe, ist «The Rehabilitation Of the Hand» von Leontjew und Zaporozžec. Ich habe noch nie einen Kollegen kennengelernt, der es gelesen hat, obwohl es 1948 in einer englischen Übersetzung erschienen ist. In ihm wird ein Syndrom beschrieben, das dem meinigen entsprach und bei zweihundert Soldaten mit verletzten und operativ wiederhergestellten Händen auftrat. Trotz einer (jedenfalls im Sinn der klassischen Neurologie) anatomischen und neuronalen Unversehrtheit litten alle diese Männer große seelische Qualen und waren nicht imstande, ihre Hände zu gebrauchen. Die wiederhergestellten Hände waren nutzlos und fühlten sich für ihre Besitzer «fremd» an, wie Objekte oder «nachgemachte Hände», die an den Handgelenken befestigt waren. Leontjew und Zaporozžec sprechen in diesem Zusammenhang von einer «inneren Amputation», die auf eine «Dissoziation der gnostischen Systeme» zurückzuführen ist, welche normalerweise das Vorhandensein der Hände bestätigen und sie steuern. Dieser Zusammenbruch wiederum war eine Folge der Ruhigstellung der Hände durch Verletzung und Operation. Ziel der Therapie ist es daher, eine Reintegration der «abgespalteten» gnostischen Systeme zu erreichen. Und wie soll das geschehen? Durch den Gebrauch der Hände. Dies kann jedoch nicht direkt oder nach Plan ins Werk gesetzt werden. (Wenn das möglich wäre, könnte es gar nicht erst zu dieser Dissoziation kommen.) Anweisungen, die Hände zu bewegen, sind «sinnlos» und führen zu keinem Ergebnis. Man ist gezwungen, eine Art «Trick» anzuwenden, beispielsweise indem man den Patienten eine komplexe Tätigkeit ausüben lässt, bei der er – unabsichtlich – die Hand einsetzt. Der entfremdete Körperteil wird sozusagen überlistet, in Aktion zu treten, indem er dazu gebracht wird, an einem komplexen Handlungsablauf mitzuwirken. Sobald das der Fall ist – und dies geschieht typischerweise ganz plötzlich –, verschwindet das Gefühl der «Unwirklichkeit» und «Entfremdung», und die Hand wird unvermittelt als etwas Wirkliches und Lebendiges und nicht mehr als ein «Anhängsel», sondern als Teil des Selbst empfunden.
All dies kommt dem, was ich selbst erlebt habe, was ich bei meinen Patienten beobachte und was ich versuche zu bewirken, sehr nahe. Der Beweis für die grundlegende Richtigkeit solcher neuropsychologischer Vorgehensweisen ist die Tatsache, dass sie so gute Erfolge zeitigen. Und doch muss man sich fragen, ob die Konzepte ausreichend sind oder ob die Verfahrensweisen nicht deshalb funktionieren, weil sie die Konzepte transzendieren.
So wie Head sich gelegentlich vergisst und ohne Kommentar die Erfahrungen einiger Patienten wiedergibt und schreibt, dass ihre Beine sich anfühlten, als seien sie aus Kork, oder dass sie das Gefühl hätten, sie bestünden nur aus Kopf und Schultern, so sind auch die eindringlichsten Passagen in Leontjews und Zaporozžecs Buch Transkriptionen tatsächlicher Erfahrungen, in denen von Händen die Rede ist, die sich «fremd», «tot», «unwirklich» und «aufgesetzt» anfühlen. Die Analysen, die Formulierungen sind weit weniger überzeugend. Das Buch hat etwas eigentümlich Doppeltes, Gebrochenes: Die Formulierungen sind mechanisch, analytisch, kybernetisch und ganz in die Begrifflichkeit von «Systemen» eingebettet, während die Erfahrungen und Handlungen der Patienten in der Begrifflichkeit eines Ichs, eines Selbst beschrieben werden. Wenn eine Hand sich «fremd» anfühlt, so fühlt sie sich für dich fremd an; wenn etwas getan wird, dann bist du derjenige, der es tut. Das «Du» oder das «Ich» aber, das überall implizit enthalten ist, wird formal und explizit verleugnet oder nicht zugelassen. Dies ist der Grund für den sonderbaren doppelten Denkansatz des Buches und den eigentümlichen doppelten Denkansatz der Neuropsychologie im Allgemeinen.
«Der Organismus ist ein einheitliches System» – aber was bedeutet ein System für ein wirkliches, lebendiges Selbst? Die Neuropsychologie spricht von «inneren Bildern», «Schemata», «Programmen» usw.; Patienten aber sprechen von «erfahren», «fühlen», «wollen» und «tun». Die Neuropsychologie ist dynamisch und dennoch immer noch schematisch, während ein lebendes Wesen vor allen Dingen ein Selbst hat – und frei ist. Das soll nicht heißen, dass keine Systeme beteiligt sind, sondern nur darauf hinweisen, dass Systeme in ein Selbst eingebettet sind und von diesem transzendiert werden.
Es ist das Ziel der Neuropsychologie wie auch der klassischen Neurologie, vollkommen objektiv zu sein, und eben darauf basieren auch ihre großen Erfolge und ihre Fortschritte. Aber ein lebendes Wesen und insbesondere ein Mensch ist vor allem aktiv – ein Subjekt, nicht ein Objekt. Ebendieses Subjekt, das lebendige «Ich», ist es, das ausgeschlossen wird. Die Neuropsychologie ist eine bewundernswerte Wissenschaft, aber sie schließt die Psyche, die Erfahrung, das aktive, lebendige «Ich» aus. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass Lurija sich dessen sehr stark bewusst war. Dies geht aus seinem ganzen Werk, besonders aber aus seinem Spätwerk hervor. Er schrieb mir einmal, er spüre den Drang, zwei Arten von Büchern zu schreiben: «systematische» Bücher (wie «Die höheren kortikalen Funktionen des Menschen und ihre Störungen bei örtlichen Hirnschädigungen») und solche, die er gern als neurologische Biographien oder Romane bezeichnete und die sich auf das leidende, handelnde «Ich» konzentrieren («The Man with a Shattered World», «The Mind of a Mnemonist»). Seine früheren Arbeiten sind ganz und gar objektiv, aber in späteren Jahren stellte er das Subjekt immer mehr in den Mittelpunkt, ohne Abstriche an Objektivität oder Genauigkeit zu machen. Und er hätte den Eindruck, dass dies absolut unabdingbar war, dass man sich ganz und gar in die tatsächliche Erfahrung des Patienten einfühlen und über den rein «veterinärmedizinischen» Ansatz hinausgehen müsse.
Wir haben gesehen, dass Erfahrungen wie die meinen häufig, ja sogar allgemein sind, wenn die Wahrnehmungsstörung oder das «afferente Feld», wie Leontjew es nennt, ein kritisches Maß erreicht hat. Des Weiteren haben wir gesehen, dass der objektive und empirische Charakter der Neurologie jede Berücksichtigung des Subjekts, des «Ichs», ausschließt. Wenn dieser Widerspruch, diese Sackgasse, vermieden werden soll, muss etwas sehr Grundlegendes geschehen. Außerdem ist die Zeit reif für diesen nächsten Schritt. Die klassische Neurologie hat sich durchgesetzt – und zwar schon in den zwanziger Jahren – und wird immer von dauerhafter Bedeutung sein. Die Neuropsychologie hat sich durchgesetzt – und zwar in den fünfziger Jahren – und wird immer von dauerhafter Bedeutung sein. Was wir jetzt und in Zukunft brauchen, ist eine Neurologie des Selbst, der Identität.
Es gibt zahllose Hinweise darauf, dass die Zeit dafür nun gekommen ist. In der zerebralen Neurologie ist es, besonders in den vergangenen fünfzehn Jahren, zu einer Krise gekommen. Lurijas Werk «Die höheren kortikalen Funktionen», das 1960 erschien, behandelt umfassend die funktionalen Systeme der linken Gehirnhälfte, geht aber auf die rechte Gehirnhälfte kaum ein. Die Methode der höheren kortikalen Funktionen lässt sich auf die rechte Gehirnhälfte nicht anwenden. Auf tausend Arbeiten über die linke Gehirnhälfte kommt nur eine über die rechte, und dabei treten Störungen und Erkrankungen gleichermaßen in beiden Hälften auf. Die Syndrome der rechten Gehirnhälfte aber sind, wie das Pötzl-Syndrom, außerordentlich seltsam und nehmen charakteristischerweise die Form einer Identitätsveränderung an. Solche Veränderungen sind nicht analysierbar als Störungen einer Funktion oder eines Systems – sie müssen als eine Störung des Selbst betrachtet werden. Diese Begrenzung, dieses Bedürfnis wird uns immer mehr bewusst.
Diese Krise der achtziger Jahre erinnert in eigentümlicher Weise an eine andere Krise, die vor zweihundert Jahren eintrat. Damals erreichte der philosophische Empirismus, das Vorbild für unsere empirische Wissenschaft, mit Hume seinen Höhepunkt, denn er war es, der ihn bis an seine Grenzen trieb und ihn und sich selbst zu einem fundamentalen Widerspruch zwang.
So kann ich wagen … zu behaupten, dass [wir] nichts sind als ein Bündel oder ein Zusammen verschiedener Perzeptionen, die einander mit unbegreiflicher Schnelligkeit folgen und beständig in Fluss und Bewegung sind.
Folgerichtig war Hume gezwungen zu schließen, dass «persönliche Identität» eine Fiktion ist. Seine Schlussfolgerung stand jedoch im Widerspruch zu all seinen tiefsten Gefühlen. Er bezeichnete sie als «Chimära», und sie trieb ihn zu «philosophischer Verzweiflung».
Diese Verzweiflung, dieses Dilemma, löste sich 1781, als Kant seine «Kritik der reinen Vernunft» veröffentlichte. Und auch meine eigene Verzweiflung, mein eigenes Dilemma, löste sich, als ich «Die Kritik der reinen Vernunft» las. Ich hatte eine Erfahrung mit meinem «Selbst» gemacht, die ich nicht leugnen konnte, aber die Neuropsychologie ließ kein Selbst zu. In dieser Krise nahm ich meine Zuflucht zu Kant. Hier fand ich etwas, was die Analyse mir nicht geben konnte: das Konzept synthetischer Anschauungen a priori, das Erfahrungen zuließ, organisierte und ihnen einen Sinn gab. Es war dies das apriorische intuitive Erfassen von Raum und Zeit, das die Erfahrung strukturieren und ein Erfahren von Ich oder Selbst untermauern konnte. Diese Formulierungen lieferten mir, so glaube ich jedenfalls, die Grundlage dessen, was ich eine «klinische Ontologie» oder «existenzielle Neurologie» nannte – einer Neurologie des Selbst, das in Auflösung und Erschaffung begriffen ist.
Der für mich entscheidende Absatz in der «Kritik der reinen Vernunft» (1, 2, § 6) lautet:
Die Zeit ist nichts anderes, als die Form des inneren Sinnes, d.i. des Anschauens unserer selbst und unseres inneren Zustandes. Denn die Zeit kann keine Bestimmung äußerer Erscheinungen sein; sie gehört weder zu einer Gestalt, oder Lage usw., dagegen bestimmt sie das Verhältnis der Vorstellungen in unserem inneren Zustande … Die Zeit ist die formale Bedingung a priori aller Erscheinungen überhaupt …, und zwar die unmittelbare Bedingung der inneren (unserer Seelen) und eben dadurch mittelbar auch der äußeren Erscheinungen.
Nach Kant verbindet die normale Erfahrung äußere Erscheinung und innere Verfassungen, verbindet äußere und innere Anschauungen, verbindet Raum und Zeit. Wasmich aber aufgrund meiner eigenen Erfahrung und Beobachtungen besonders beschäftigte, war die Möglichkeit einer extrem fehlerhaften Erfahrung, der innere Verfassungen, äußere Erscheinungen oder beides fehlten. Eben die extreme Unterminierung der Erfahrung bildete, so schien mir, den Kern meiner eigenen Erfahrung und der gestörten Erfahrungen, von denen all meine Patienten berichtet hatten. Solche Erfahrungen oder elementaren Zusammenbrüche der Erfahrung waren ohne Kants Formulierungen nicht zu begreifen.
In kantianischen Begriffen war ein Skotom eine grundlegende neuroontologische Auslöschung (oder «Akantia»). Körperlich, physiologisch lag ein Fehlen von Nervenimpuls, Bild und Bereich vor; metaphysisch oder ontologisch jedoch handelte es sich um ein Fehlen der Vernunft und ihrer Konstrukte Raum und Zeit. Das «Flattern» – wie das Delirium aus unzusammenhängenden Bein-Bildern, das ich erlebt hatte, oder die filmartig «detemporalisierte» Zusammenhangslosigkeit einer Migräneaura – schien eine Art von Zwischenstadium in der Schaffung oder Zerstörung der Realität zu sein und als solches aus unzusammenhängenden äußeren Erscheinungen zu bestehen, die aller inneren Bedeutung oder zeitlichen Zusammenhänge beraubt waren. Musik dagegen war, obwohl sie nichts mit äußeren Erscheinungen zu tun hatte, der Inbegriff innerer Bedeutung, inneren Seins, der Seele.
Und hier, in der Musik – dem nahtlosen Fluss innerer Zustände, einer ununterteilbaren, sich gegenseitig durchdringenden, «Bergson’schen» inneren Zeit –, wurde das mysteriöse Wesen des Tuns erhellt. Paradoxerweise konnte man sagen, dass sich ein Fortschreiten nicht auf «Vorgehensweisen» und ein Tun nicht auf eine Abfolge oder Serie von «Operationen» reduzieren ließ. Fortschreiten oder Tun war im Grunde ein Strom, ein zusammenhängender Strom, ein Kunst-Strom, den man mit einer Melodie vergleichen musste. Ohne diesen lebendigen Strom, diese kinetische Melodie und Äußerung, ohne das Sein, das aus sich selbst hervorströmte und sich äußerte, konnte es überhaupt kein Tun, kein Gehen, geben. Das war die «Antwort» auf solvitur ambulando.
Das fundamentale und lebendige Wesen des Handelns und Tuns, ja selbst der einfachsten, «animalischsten» Bewegungen, fand seine Entsprechung und Bestätigung in dem, was eintrat, wenn das Handeln unmöglich geworden war: in der grundlegenden Auslöschung, dem Nichts, der «Leblosigkeit» des Skotoms. Gleichwohl schien beides – Sein und Nichts – eigentümlich, ja geradezu aberwitzig schwer zu fassen zu sein, jedenfalls in einem geradlinigen «medizinischen» Gespräch. Daher die seltsame Sprachlosigkeit bei den Ärzten und mir, als ich diese Angelegenheit zur Sprache brachte: «Das ist nicht unsere Sache.» – «Wessen Sache ist es denn dann?» Ja, wessen Sache war es – und was für eine Sache war das überhaupt, dieses Handeln, dieses Sein, dieses Nichts? Man musste das von innen heraus, am eigenen Leibe erfahren – diesen umfassenden Zusammenbruch des Handelns, diesen umfassenden Zusammenbruch der Erfahrung, diesen umfassenden Zusammenbruch ihrer «Kategorien», dieses elementare Empfinden von Raum und Zeit –, um zu erkennen, um was für eine Sache es sich handelte. Es war ganz einfach etwas «Kantianisches».
Die umfassende Auslöschung und Zerstörung, die das Skotom mit sich brachte, die umfassende Wiedererschaffung von Raum und Zeit, die die Genesung begleitete, das radikale, transzendentale Wesen beider konnte nur mit Hilfe einer kantianischen Formulierung begriffen werden. Mit der klassischen Neurologie oder Neuropsychologie ließ es sich nicht fassen, denn diese waren vorkantianische, empirische Wissenschaften. Die Wissenschaft, die man brauchte, wenn man die ganze Bandbreite der Erfahrungen, die Patienten machen können, jemals erforschen wollte, musste eine transzendentale, «kantianische» Wissenschaft sein.
Dies war der Punkt, an dem ich angekommen war und mit dem ich mein letztes Buch «Awakenings» in seiner letzten Bearbeitung (1983) abschloss. Und obwohl der erörterte Bereich und die behandelten Phänomene so verschieden sind, bildet dieser Gedanke den Abschluss auch dieses Buches.
Und doch ist all das, was irgendwie so paradox und so schwer verständlich scheint, die einfachste und offensichtlichste Sache der Welt. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um die Entdeckung, die Wiederentdeckung des tatsächlichen Standorts, der tatsächlichen Grundlage der Erfahrung. Kant schreibt: «… Das synthetische a priori hat die eigentümliche Eigenschaft, dass es eben die Erfahrung ermöglicht, die seinem eigenen Nachweis zugrunde liegt, und in dieser Erfahrung muss es selbst immer vorausgesetzt werden.» In diesem Sinne also hatte die Entdeckung von Kant und einer «kantianischen» Wissenschaft für mich etwas von Nostalgie, von Erinnerung, von Rückkehr zu etwas, das man irgendwie immer gespürt und gewusst hatte. So fand der Geist schließlich seinen Frieden und seine Heimat.
Und so komme ich mir vor wie jemand, der eine sehr weite Reise getan und zu einem Ende gebracht hat. Als ich am letzten Tag meiner Genesung auf dem Parliament Hill stand, hatte ich das vage Gefühl, als biete sich mir eine seltsame Aussicht. Mein Blick richtete sich vorwärts in die unvorstellbare Zukunft und schien gleichzeitig bis zu meinen frühesten Gedanken und Gefühlen zurückzureichen. So bin ich sowohl vorwärts als auch rückwärts gereist – aber das scheint in der Natur des Denkens zu liegen: dass es wieder zu seinem eigenen Ausgangspunkt, der zeitlosen Heimat des Geistes, zurückführt.
«Und das Ende unseres Forschens
Ist, an den Ausgangspunkt zu kommen
Und zum ersten Mal den Ort zu erkennen.
T.S. ELIOT