Ins Land, da es stockfinster ist und da keine Ordnung ist, und wenn’s hell wird, so ist es wie Finsternis.
BUCH HIOB 10,22
Das Skotom und seine Auswirkungen hatte ich bereits kennengelernt: furchteinflößende, leere Bilder eines Nichts, die, besonders nachts, aufstiegen und mich überwältigten. Das wohltuende Verständnis und die Unterstützung meines Arztes würden – so hatte ich angenommen und gehofft – ein Bollwerk dagegen bilden. Er würde mich beruhigen, mir helfen, mir in der Finsternis zeigen, wo mein Fuß einen Halt finden konnte.
Stattdessen aber tat er das Gegenteil. Indem er nichts sagte, indem er tat, als sei nichts, nahm er mir den Halt, den menschlichen Halt, den ich so dringend brauchte. Jetzt hatte ich in zweifacher Hinsicht keinen Boden mehr unter den Füßen; mir fehlte in zweifacher Hinsicht ein Halt, und so fiel ich ins Nichts, in die Vorhölle.
Das Wort «Hölle» ist vermutlich mit dem Wort «Höhle» verwandt – und tatsächlich ist die Höhle, in die ein Skotom einen einschließt, eine Art Hölle: ein existenzieller oder metaphysischer Zustand, gewiss, aber ein Zustand mit einer überdeutlichen organischen Basis und Determinante. Im selben Maß, wie das organische Fundament der «Wirklichkeit» beseitigt ist, fühlt man sich in einer Höhle eingeschlossen – oder auch in einer Höllenhöhle, sofern man sich gestattet, diesen Zustand bewusst zu erleben (was viele Patienten verständlicherweise und zu ihrem eigenen Schutz nicht tun). Ein Skotom ist eine Höhle, ein Loch in der Wirklichkeit, ein Loch in der Zeit ebenso wie ein Loch im Raum, und ist daher nicht vorstellbar als etwas, das eine begrenzte Dauer oder ein Ende hat. Sowie es etwas von einem «Gedächtnisloch», einer Amnesie, hat, so ist es auch von einem Gefühl der Zeitlosigkeit, der Endlosigkeit begleitet. Die Zeitlosigkeit, diese Eigenschaft der Vorhölle, ist eine Begleiterscheinung eines Skotoms.
Dies wäre erträglich oder erträglicher, wenn man es anderen mitteilen und es so – wie zum Beispiel Kummer – zum Gegenstand von Verständnis und Sympathie machen könnte. Aber das wurde mir verwehrt, als der Chirurg «nichts» sagte, und so wurde ich in den fernsten Winkel der Hölle verbannt: die Hölle der Unmöglichkeit der Kommunikation.
«Das ist die geheime Lust und Sicherheit der Höllen», sagt in Thomas Manns «Doktor Faustus» der Teufel, «dass sie nicht denunzierbar, dass sie vor der Sprache geborgen ist, dass sie eben nur ist, aber nicht in die Zeitung kommen, nicht publik werden, durch kein Wort zur kritisierenden Kenntnis gebracht werden kann, wofür eben die Wörter … ‹Lautlosigkeit›, ‹Vergessenheit›, ‹Rettungslosigkeit›, die schwachen Symbole sind … dort hört alles auf … Richtig ist, dass es in der Schalldichtigkeit recht laut, maßlos und bei weitem das Ohr überfüllend laut sein wird … sodass keiner sein eigenes Singen vernehmen wird …»
Ein Gefühl äußerster Hoffnungslosigkeit überkam mich.
Ich spürte, wie ich unterging. Der Abgrund verschlang mich. Obwohl das griechische Wort skotos «Dunkelheit» oder «Finsternis» bedeutet – und dies sind die üblichen Symbole für Schrecken und Tod –, machte mir sensorisch und seelisch die Stille mehr zu schaffen. Zu dieser Zeit las ich immer wieder in «Doktor Faustus», besonders die Passagen über die Hölle und die Musik. Einerseits war da der Satz: «Keiner wird sein eigenes Singen vernehmen», andererseits herrschte Lärm, das infernalische Getöse der Hölle. Dies fand seinen Ausdruck in dem engen Raum, der Zelle, in der ich lag, in der Tatsache, dass ich keine Musik hören durfte und dem Druck des Lärms ausgesetzt war. Hungrig, durstig, verzweifelt sehnte ich mich nach Musik, aber mit meinem miserablen kleinen Radio konnte ich so gut wie nichts empfangen, denn die Mauern und das Baugerüst schirmten die Radiowellen fast vollständig ab. Und andererseits dröhnten den ganzen Tag Presslufthämmer, denn auf dem Gerüst, nur ein paar Meter von meinem Ohr entfernt, wurde gearbeitet. Äußerlich also herrschte Geräuschlosigkeit und Lärm, innerlich gleichzeitig eine tödliche innere Stille – die Stille der Zeitlosigkeit, der Reglosigkeit, des Skotoms, vereint mit der Stille der Nichtkommunikation und des Tabus. Die Unmöglichkeit der Kommunikation, die «Isolationshaft» erzeugte ein überwältigendes Gefühl der Exkommunikation. Äußerlich blieb ich freundlich und zugänglich, aber innerlich nährte ich eine geheime Verzweiflung.
«Und wenn du lange in einen Abgrund blickst», schrieb Nietzsche, «blickt der Abgrund auch in dich hinein.»[*]
Der Abgrund ist ein Riss, ein bodenloser Spalt in der Realität. Wenn man ihn bemerkt, kann er sich unter einem auftun. Man muss sich entweder von ihm abwenden oder aber sich ihm mannhaft und beherzt stellen. Ich bin, ganz gleich was geschieht, ein hartnäckiger Mensch. Wenn etwas meine Aufmerksamkeit erregt hat, kann ich sie nicht mehr abwenden. Dies mag eine große Stärke oder eine große Schwäche sein. Es macht mich zu einem Entdecker. Es macht mich zu einem Besessenen. In diesem Fall machte es mich zu einem Erforscher des Abgrunds …
Ich hatte mich immer gern als Naturwissenschaftler oder Forscher gesehen. Viele seltsame neuropsychologische Länder hatte ich erforscht: die entlegensten arktischen und tropischen Regionen neurologischer Störungen. Jetzt aber beschloss ich – oder war ich gezwungen? – ein nichtkartographiertes, ein unkartographierbares Land zu erforschen. Das Land, das vor mir lag, war ein Nichtland, ein Nirgendwo.
In der Vorhölle des Nirgendwos waren alle Kräfte der Erkenntnis, des intellektuellen Denkens und der Phantasie, auf die ich bislang bei der Erforschung verschiedener neuropsychologischer Länder hatte zurückgreifen können, völlig nutz- und bedeutungslos. Ich war nicht mehr auf der Karte, nicht mehr in der Welt des Erkennbaren. Ich war aus Raum und Zeit gefallen. Nichts konnte jemals mehr geschehen. Intelligenz, Vernunft, Sinn bedeuteten nichts. Erinnerung, Phantasie, Hoffnung bedeuteten nichts. Ich hatte alles verloren, was mir zuvor Halt gegeben hatte. Wohl oder übel war ich eingetaucht in eine finstere Nacht der Seele.
Dies ging zunächst mit sehr großer Angst einher, denn ich musste all die Fähigkeiten, über die ich sonst verfügte, vor allem aber den Sinn und die Vorliebe für Aktivität aufgeben. Ich musste – und das erschien mir schrecklich – den Sinn und das Gefühl für Passivität zulassen. Anfangs empfand ich das als erniedrigend, als Demütigung meines Selbst – des aktiven, männlichen, ordnenden Selbst, das ich mit meiner wissenschaftlichen Tätigkeit, meiner Selbstachtung, meinem Geist gleichgesetzt hatte. Aber dann stellte sich eine mysteriöse Veränderung ein: Ich fing an, diesen Verzicht auf Aktivität zuzulassen und willkommen zu heißen. Diese Veränderung begann ich am dritten Tag in der Vorhölle wahrzunehmen.
Der verirrten, verwirrten Seele, die sich durch die Finsternis der langen Nacht tastete, konnten weder Karten noch der kartographierende Geist von Nutzen sein, ebenso wenig wie das Naturell des Kartographen – «ein starker, männlicher Verstand …, Wagemut …, Wachsamkeit und Lebhaftigkeit» (wie ein Zeitgenosse Kapitän Cook beschrieb). Diese aktiven Eigenschaften mochten vielleicht später von Wert sein, aber zu diesem Zeitpunkt gab es für sie kein Betätigungsfeld. Mein Zustand in dieser dunklen Nacht war ja bestimmt durch Passivität, eine umfassende, absolute und fundamentale Passivität, in der Tätigkeit – jede Tätigkeit – sinnlos und ablenkend sein musste. In dieser Zeit lautete die Losung: «Sei geduldig – halt aus … Warte ab und rühr dich nicht … Tu nichts, denk nicht nach!» Welch eine schwierige, welch eine paradoxe Lektion!
Halt still und warte ohne Hoffnung,
denn Hoffnung wäre hoffen auf das Falsche; warte ohne Liebe, denn Liebe wäre Liebe für das Falsche …
Warte ohne Gedanken, denn du bist zum Denken nicht bereit …
T.S. ELIOT
Ich musste stillhalten und in der Finsternis abwarten, um sie als heilig, als Finsternis Gottes, und nicht einfach als Blindheit und Beraubtheit zu begreifen (obwohl sie ja tatsächlich völlige Blindheit und Beraubtheit mit sich brachte). Ich musste mich darein fügen, ja sogar froh sein, dass mein Verstand durcheinandergebracht war und meine geistigen Kräfte und Fähigkeiten keinen Ansatzpunkt zum Handeln hatten und nicht zur Veränderung meines Zustandes eingesetzt werden konnten. Ich hatte das alles nicht absichtlich herbeigeführt, aber es war über mich gekommen, und darum sollte ich es akzeptieren – ich sollte diese seltsame Passivität und Verfinsterung, dieses eigenartige Skotom der Sinne und des Verstandes hinnehmen, und zwar nicht mit Zorn oder schrecklicher Angst, sondern mit Dankbarkeit und Freude.
Dies also war die Veränderung, die am dritten Tag in meiner Vorhölle begann und mich aus einem Gefühl des Abscheus und der Verzweiflung, einem Gefühl, in einer entsetzlichen, unaussprechlichen Hölle gefangen zu sein, zu einem Gefühl einer tiefgreifenden, unerklärlichen Veränderung – die Nacht war nicht mehr abscheulich und finster, sondern von einem heimlichen, das Begriffsvermögen übersteigenden Licht erleuchtet – und damit in eine eigenartige, paradoxe Freude führte:
Ich konnt’ in Heimlichkeit,
vermummt, auf schmaler Treppe sicher gehen,
gedeckt von Dunkelheit
–o glückliches Geschehen! –
und ließ mein Haus schon tief in Ruhe stehen.
Sollt’ niemand meiner achten
in dieser Segensnacht; auch wollte ich
mir selbst kein Ding betrachten;
nichts andres führte mich,
als nur mein Licht im Herzen innerlich.
Dies hat mich hingeleitet,
viel sich’rer als das volle Licht am Tage,
wo Er sich mir bereitet …
JOHANNES VOM KREUZ (JUAN DE LA CRUZ), 1542–1591, «EMPOR DEN KARMELBERG»
Im Stolz auf meinen Verstand, im hellen Mittagslicht der Vernunft hatte ich gedacht, dass alles Erstrebenswerte im Leben durch Vernunft und Willenskraft erreicht werden könne, durch jenen «starken, männlichen Verstand …, Wagemut …, Wachsamkeit und Lebhaftigkeit», jene Eigenschaften, die meine Unternehmungen bis dahin gekennzeichnet hatten. Vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich nun – gezwungenermaßen – etwas ganz anderes kennengelernt: Ich war durch mein Patientsein gezwungen, vollkommene Passivität zu erfahren und mir bewusst zu werden, dass dies zu diesem Zeitpunkt die einzig richtige Einstellung war …
Im Umgang mit meiner Umwelt musste ich versuchen, aktiv und erwachsen zu sein und jede das notwendige Minimum übersteigende Abhängigkeit von anderen zu vermeiden; in spiritueller Hinsicht jedoch – dies betraf nicht meinen Umgang mit anderen Menschen, sondern mein Inneres – musste ich all meine Fähigkeiten und Ansprüche, all meinen männlichen Wagemut, meine Lebhaftigkeit, aufgeben und in dieser langen Nacht wie ein Kind, geduldig und passiv, ausharren, denn dies war zu diesem Zeitpunkt die einzig angemessene seelische Einstellung. Ich musste warten, musste stillhalten – bis «Er sich mir bereitet …»
Selbst der Pilot des Flugzeuges, ein rauer, aber herzlicher Mann mit Wagemut, Entschlossenheit und einem starken, männlichen Verstand, hatte ja gesagt: «Als Patient ist das Erste, was man lernen muss, Geduld zu haben»; und am Anfang meines Krankenhausaufenthaltes hatte einer der Ärzte der chirurgischen Station (leider nicht der, der für mich zuständig war), als er gesehen hatte, wie ängstlich, gereizt, ungeduldig und entnervt ich war, mit sanfter Stimme gesagt: «Nehmen Sie’s nicht so schwer! So etwas durchzustehen ist eigentlich wie eine Pilgerfahrt.»
Meine Vorhölle – die zehn Tage dauerte, in denen Zeit nicht existierte – begann also als Qual, verwandelte sich dann aber in Geduld, begann als Hölle, wurde dann aber zur dunklen Nacht des Fegefeuers, demütigte mich entsetzlich, nahm mir alle Hoffnung, um sie mir dann süß und sanft und in veränderter Form tausendfach zurückzugeben.
In dieser Vorhölle, als ich in die Verzweiflung und wieder zurück pilgerte – es war eine Pilgerfahrt der Seele, denn in medizinischer Hinsicht war mein Befinden unverändert und jede Entwicklung durch das reglose Weiterbestehen meines Skotoms und ein nicht unfreundliches Übereinkommen zwischen meinen Ärzten und mir, auf «tieferliegende Dinge» nicht einzugehen, gehemmt –, in dieser Vorhölle, in dieser dunklen Nacht, konnte ich nicht auf die Wissenschaft hoffen. Konfrontiert mit einer Realität, vor der der Verstand versagte, suchte ich Zuflucht bei Kunst und Religion. Diese beiden, und nur sie, konnten die Nacht durchdringen, zu mir sprechen, konnten dieser Sache einen Sinn geben und sie durchschaubar und erträglich machen: «Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehn» (Nietzsche). Die Wissenschaft und der Verstand konnten nicht von «Nichts», von «Hölle», «Vorhölle» oder spiritueller «Nacht» sprechen. In ihnen gab es keinen Platz für «Abwesenheit, Dunkelheit, Tod». Dennoch war dies zu dieser Zeit die überwältigende Realität für mich. Ich beschäftigte mich mit der Bibel – besonders mit den Psalmen, weil diese fortwährend von diesen Dingen und einer wunderbaren Rückkehr zu Licht und Leben sprachen. Ich wandte mich ihnen zu, weil sie einerseits Beschreibungen, «Krankengeschichten» waren, aber auch, weil ich hoffte und sie eine Art Gebet oder Anrufung waren. Und ich wandte mich den Mystikern und auch den metaphysischen Dichtern zu, denn sie boten ebenfalls sowohl Formulierungen als auch Hoffnung, und zwar auf poetische, ästhetische, metaphorische, symbolische Weise und ohne die platte, klare Bindung, die die «Religion» forderte.
So studiert mich denn, ihr, die ihr Liebende sein wollt in der nächsten Welt, das heißt: im nächsten Frühling denn ich bin alles Tote,
das die Liebe mit einer neuen Alchemie erfüllt hat.
Denn seine Kunst hat dies hervorgebracht:
das Wesen des Nichts,
der stumpfen Entbehrungen und der kargen Leere,
er vernichtete mich, und ich bin auferstanden
von Mangel, Dunkelheit, Tod – Dinge, die es nicht gibt.
JOHN DONNE (1572 – 1631)
Donnes Mittwinter-Ode, geschrieben in einem Mittwinter des Lebens, erzählte mir von der Not und von der Hoffnung der todkranken Seele. Ich sprach sie mir oft leise vor, besonders die letzten Worte: «Ich bin auferstanden von Mangel, Dunkelheit, Tod – Dinge, die es nicht gibt.» Oder ich sagte manchmal nur: «Ich werde auferstehen.» Ich wiederholte diese Worte wie eine Art von Litanei oder Monolog. Ich nahm sie und drückte sie fester und fester an mich, denn sie schienen auf eine geheime, undenkbare Hoffnung hinzudeuten, wo ich keinen Grund für Hoffnung sehen konnte.
Aber schließlich legte ich die Mystiker und Metaphysiker beiseite, und es blieb nur die Bibel, der unmögliche Glaube:
Denn du lässest mich erfahren viele und große
Angst und machst mich wieder lebendig und
holst mich wieder aus der Tiefe der Erde herauf.
PSALM 71,20
Heimlich, halb skeptisch, zögernd, sehnend, rief ich dieses unvorstellbare «Du» an.