Man spricht heute von Autismus-Spektrum-Störungen, um zu verdeutlichen, dass vermutlich sowohl das Asperger-Syndrom als auch der frühkindliche Autismus und der atypische Autismus gekennzeichnet sind durch verschiedene Schweregrade gemeinsamer Beeinträchtigungen. Ebenfalls allen gemeinsam ist die genetische Beeinflussung.
An einem Ende des Spektrums ist der frühkindliche Autismus mit meist schwerer Mehrfachbehinderung angesiedelt, am anderen Ende finden sich das Asperger-Syndrom und der High-Functioning-Autismus mit fließendem Übergang zur »Normalität«. Dazwischen bestehen so viele Facetten wie autistische Menschen selbst. Bei allen Betroffenen gibt es Unterschiede bezüglich Ressourcen und Problemen.
Die speziellen Schwierigkeiten autistischer Menschen sind oft auf den ersten Blick nicht richtig einzuschätzen und erscheinen vielfach als Provokation. Zum besseren Verständnis der Symptomatik sollen daher zunächst einige charakteristische Auffälligkeiten autistischer Menschen aus dem Bereich der Neuropsychologie beschrieben werden.
In den letzten Jahren haben vor allem die »Theory of Mind«, die exekutiven Funktionen und die Theorie der schwachen zentralen Kohärenz zum besseren Verständnis von gestörten Denkprozessen bei Menschen mit Autismus und damit zur Erklärung ihrer speziellen Auffälligkeiten beigetragen.
Sie sollen nun nachfolgend beschrieben und durch Beispiele verdeutlicht werden.
Unter dem Begriff »Theory of Mind« versteht man sämtliche Denkprozesse, die es ermöglichen, fremdes und eigenes Verhalten ebenso wie die eigenen Gedanken, Gefühle, Wünsche, Absichten und Vorstellungen und diejenigen anderer Menschen zu erkennen, zu verstehen, vorherzusagen und in die eigenen Planungen einzubeziehen. Gemeint sind also Fähigkeiten, die notwendig sind, um erfolgreich an sozialen Interaktionen teilzunehmen.
Man geht bei Menschen mit Autismus von einer mangelhaft entwickelten Theory of Mind aus, das erklärt u. a. ihre Schwierigkeiten, subtilere soziale Vorgänge, Stimmungen, Anekdoten, Witze und Sarkasmen zu verstehen. Oft können sie die Konsequenzen ihrer Handlungen und ihres Verhaltens nicht verstehen und nicht vorhersehen.
Es fällt ihnen beispielsweise schwer (Schirmer 2006, 127–128),
Auch das mangelhafte Verständnis für Metaphern und Ironie kann auf das Theory-of-Mind-Defizit zurückgeführt werden. Es kann möglich sein, im Lauf der Zeit auf diesem Gebiet manches zu verbessern, beispielsweise können mithilfe des Internets viele Sprichwörter und Redewendungen auswendig gelernt werden, auch wenn das intuitive Verständnis dafür fehlt. Ganz ausschalten lassen sich die Schwierigkeiten in der Regel aber nicht. Manchmal ist es für mich bei zweideutigen Äußerungen immer noch schwer zu entscheiden, was nun genau gemeint ist, ob es sich um eine Redewendung handelt oder nicht. So erklärte meine psychologische Kollegin in der Klinik, sie könnte »in die Luft gehen«. Ich dachte, sie wollte mit mir über ihre Urlaubspläne sprechen, und fragte sie, wohin sie gern fliegen würde. Dass sie sich über einen Patienten ärgerte, war mir entgangen.
Autistische Menschen sind oft nicht in der Lage, ihre Ängste oder andere Gefühlsqualitäten adäquat zu verbalisieren. Ambivalente, uneindeutige Gefühle zu erleben und auszuhalten, fällt ihnen sehr schwer. Im Rahmen einer längerfristigen Therapie können Verbesserungen erreicht werden, aber auch hier bleibt in der Regel das Handicap bestehen. Ich selbst mache seit fünfzehn Jahren eine ambulante Psychotherapie, in der ich vieles gelernt habe. Aber auch heute noch kann ich manche Gefühlsqualitäten kaum und andere nur dann wahrnehmen, wenn sie ganz eindeutig sind. Problematisch sind für mich vor allem Empfindungen wie Ärger und Wut. Und noch viel schwerer und mühsamer ist es für mich, auf die Gefühle anderer Menschen adäquat zu reagieren.
Mehrere Studien zeigten mittels funktioneller Bildgebung, dass Personen mit Autismus signifikant weniger Aktivierung in einem spezifischen Bereich des Gehirns aufweisen als andere Menschen, während sie Aufgaben zum mentalen Zustand einer anderen Person lösen sollen. Man geht seither von einer frühen Fehlentwicklung dieses Hirnareals, das an der Verarbeitung emotionaler Prozesse beteiligt ist, bei Menschen mit Autismus aus.
Nach Ansicht von Wissenschaftlern sind Wahrnehmung und Denken bei nicht autistischen Menschen durch eine zentrale Kohärenz geprägt; das bedeutet, dass sie Reize stets in ihrem Bezugssystem zu anderen Reizen und Informationen sehen. Menschen, Objekte und Situationen werden dadurch kontextgebunden wahrgenommen. Bei autistischen Menschen aber ist die zentrale Kohärenz in der Regel nur schwach ausgeprägt. Sie beachten also weniger die Beziehungen und Zusammenhänge von Gegenständen, sondern richten ihre Wahrnehmung auf einzelne und isolierte Details. Beispielsweise kann es vorkommen, dass sie einen unbekannten Text zwar schnell lesen und perfekt auf Fehler prüfen können, aber erhebliche Probleme haben, den Inhalt zu begreifen.
Durch die Schwierigkeiten der Betroffenen, sich einen Überblick über ein komplexes Ganzes zu verschaffen, lassen sich auch das Ablehnen von Variationen und der Wunsch nach Gleichförmigkeit erklären. Die meisten Menschen mit Autismus haben große Probleme mit Veränderungen aller Art. Da es ihnen an flexiblem Denken mangelt, fällt es ihnen sehr schwer, sich alternative Problemlösestrategien zu überlegen und aus ihren Fehlern zu lernen.
Die schwache zentrale Kohärenz könnte man aber auch als einen eigenen Stil der Informationsverarbeitung bezeichnen, der auch Vorteile hat gegenüber der Informationsverarbeitung anderer Menschen. Erst durch ihre Konzentration auf Details sind wohl die außergewöhnlichen Leistungen mancher Autisten möglich, denn aufgrund ihrer speziellen Wahrnehmung nehmen sie manchmal auch solche Einzelheiten wahr, die anderen Menschen gar nicht auffallen. Beispiele dafür beschreibt Simone Pinke in ihrem Text (siehe → S. 106). Sie durfte die Erfahrung machen, dass ihre Detailwahrnehmung sowohl beim Einkaufen als auch bei Wohnungsbesichtigungen eine große Hilfe darstellte. Auch bei einigen anderen Aufgaben wie dem Auswendiglernen von Fakten kann die schwache zentrale Kohärenz hilfreich sein, bei der Interpretation von sozialen und anderen Situationen stellt sie jedoch ein schweres Handicap dar, denn dafür ist eine ganzheitliche, kontextgebundene Wahrnehmung notwendig. So besteht für kohärenzschwache Menschen »ein Bericht oder ein Text nicht aus zusammenhängenden Gedanken, sondern aus einer Ansammlung von Einzelinformationen (…). Das Gleiche gilt für Geschichten« (Schuster 2007, 174). Viele Betroffene können daher Geschichten nicht verstehen. Sie erkennen oft weder einen sinnvollen Handlungsablauf, noch beherrschen sie das sogenannte »Zwischenden-Zeilen-Lesen«. Es gelingt ihnen nicht, zwischen wichtigen und weniger relevanten Informationen zu unterscheiden. Nach einem Gespräch werden sie sich möglicherweise zunächst an das Muster des Teppichs erinnern und nicht in erster Linie an die anwesenden Personen. Diese Schwierigkeiten machen sich in der Schule häufig u. a. im Fach Deutsch oder in den Fremdsprachen bemerkbar.
Aufgrund ihrer schwachen zentralen Kohärenz nehmen autistische Menschen außerdem ähnliche Situationen oft sehr unterschiedlich wahr, denn erst eine ganzheitliche Wahrnehmung führt dazu, dass Situationen als ähnlich oder gleich eingeschätzt werden können. Daher bleibt erlerntes Verhalten oft auf die spezifische Situation, in der es gelernt wurde, begrenzt. Es ist also notwendig, Verhaltensänderungen in möglichst vielen verschiedenen Situationen und Kontexten zu üben.
Mit der Bezeichnung »exekutive Funktionen« beschreibt man Vorgänge, die mit Planungsprozessen, vorausschauendem Denken und zielgerichtetem problemorientierten Handeln verbunden sind und das zielgerechte Handeln sowie das konstruktive Lösen von Alltagsproblemen erst ermöglichen. Exekutive Funktionen umfassen neben der Handlungsplanung eine Reihe von weiteren Aufgaben. Dazu gehören die Impulskontrolle, die Kontrolle über Aufmerksamkeit und motorische Funktionen, der Widerstand gegen Störungen, die Unterdrückung drängender, aber den Handlungsablauf störender Reaktionen, planvolle, zielgerichtete Aktionen sowie Flexibilität in Denken und Handeln.
Menschen mit Autismus wird oft mit viel Unverständnis begegnet. Mithilfe der neuropsychologischen Theorien kann es gelingen, autistische Störungen besser zu verstehen, die spezifischen Eigenheiten der betroffenen Menschen nicht als bewusste Provokation zu empfinden und gemeinsam nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen: »Wenn Bizarres einen Sinn erhält, ändert sich der Blick, und Interpretationen wie Schüchternheit, Provokationen oder sogar Dummheit verschwinden« (Amsler 2007, 12).
Menschen mit Autismus geben sich in der Regel durchaus Mühe, die Erwartungen anderer zu erfüllen, es wird jedoch deutlich, dass sie dabei immer wieder an ihre Grenzen stoßen. Schwierigkeiten bestehen in vielen Bereichen:
Das Asperger-Syndrom als die vermeintlich »leichtere« Form einer autistischen Störung bleibt oft bis ins Kindergarten- oder sogar Schulalter hinein unerkannt, da erst im regelmäßigen Kontakt mit Gleichaltrigen die Schwierigkeiten der betroffenen Menschen deutlicher werden. Manchmal erfolgt die Diagnosestellung auch erst im Erwachsenenalter. Der Erstbeschreiber (und später auch Namensgeber) dieser Störung war Hans Asperger (1944). Er selbst verwendete für die von ihm erkannten Auffälligkeiten die Bezeichnung autistische Psychopathie, die aber heute kaum mehr geläufig ist und keine Verwendung mehr findet.
Was anfangs nur bruchstückhaft und ohne jeden sinnvollen Zusammenhang erscheint, entwickelt sich im Laufe der Zeit nicht selten zum Gesamtkunstwerk des Lebens.
Menschen mit Asperger-Syndrom weisen in der Regel keine Verzögerung der kognitiven Entwicklung und keinen Sprachentwicklungsrückstand auf. Die Kommunikation indes bleibt auffällig, besonders dann, wenn es um die wechselseitige Konversation geht. Die Sprache ist oft pedantisch; manche autistische Menschen weisen eine ungewöhnliche Sprachmelodie auf, die die Tonlage, die Betonung und den Rhythmus der Sprache beeinflusst. Manchmal liegt eine besonders hohe intellektuelle Begabung vor, die es dem Betroffenen einerseits oft ermöglicht, Techniken zu ermitteln, um die bestehenden Schwierigkeiten so gut wie möglich zu kompensieren. Auf der anderen Seite aber kommt es dadurch häufig auch zu reaktiven Depressionen, da viele Menschen mit Asperger-Syndrom in der Lage sind, ihre Schwierigkeiten sehr gut zu analysieren und dabei durchaus auch realistisch zu erkennen, dass trotz aller Mühe manches im Leben, das für ihre Umgebung selbstverständlich erscheint, für sie wohl nicht erreichbar sein wird, auch wenn sie es sich noch so sehr wünschen.
Die Auswirkungen des Asperger-Syndroms können insgesamt »auf vielfältige Weise die Beziehungen zur Umwelt, die Teilnahme am Leben in der Gemeinschaft und die Fähigkeit zur Eingliederung in die Gesellschaft behindern, da sowohl kognitive als auch sprachliche, motorische, emotionale und interaktionale Fertigkeiten betroffen sind« (Kumbier 2005). Das Asperger-Syndrom ist also keinesfalls unbedeutend oder auch nur weniger belastend für die betroffenen Menschen als andere Formen des autistischen Spektrums. Im Gegenteil, viele von ihnen leiden vielleicht sogar mehr, weil von ihnen aufgrund der Intelligenz auch eine Anpassung an soziale Normen verlangt wird, die sie aber nicht in allen Fällen leisten können. Es ist also wichtig, auch bei Menschen mit Asperger-Syndrom den Unterstützungsbedarf zu erkennen und ihnen adäquate Hilfe zu bieten, um ihnen in allen Lebensbereichen ein möglichst befriedigendes Leben entsprechend der eigenen Wünsche, Vorstellungen und Voraussetzungen zu ermöglichen.