Ursachen der Entfremdung zwischen Kirche und Arbeiterschaft

Die Tatsache, dass die Kirche in der heutigen industriellen Gesellschaft der Zugang zu einem sehr großen Teil der Bevölkerung nicht offen steht, läßt sich nicht leugnen. Kirche und Arbeiter sind entfremdet. Durch diese kategorische Aussage ist selbstverständlich noch nicht gesagt, dass es nicht Kreise in der Arbeiterschaft gibt und gab, die mit der Kirche stets verbunden waren und sind. Dennoch aber kommen wir um die Tatsache nicht herum, dass dieser große Sektor der Gesellschaft abseits von der Kirche steht.

Ein Rückblick auf die Anfänge des Christentums macht diese Tatsache noch fragwürdiger. Denn waren es nicht gerade die arbeitenden Schichten des Volkes, die in der Urkirche die breite Basis des Christentums ausmachten und in ihm Linderung ihrer Lage, Kraft zum Ertragen und oft auch den Ausweg aus ihrem Schicksal fanden? Und eben diese Schichten, die, wie es die Urzeit der Kirche zeigt, eigentlich primär den Weg zum Christentum finden, eben diese Schichten stehen der Kirche der neuesten Zeit so ferne.

Es hilft dabei auch nicht, auf simplifizierende Weise zu sagen, dass an der Religionsferne des Industriearbeiters die spezielle soziale Not der Neuzeit Schuld sei. Denn wäre dies der Fall, so wäre nicht einzusehen, warum zum Beispiel der durch den Agrarkapitalismus verarmte Bauernstand nicht so sehr von der Kirche abgerückt ist. Wie wir später sehen werden, hat die soziale Not auch eine Bedeutung am Prozess der Entfremdung. Aber sie ist nicht, wie man vielfach hören kann, die alleinige Ursache. Dieses Beispiel sollte uns nur zeigen, dass mit einer Simplifizierung und Dogmatisierung die sehr komplexe Wirklichkeit dieses Entfremdungsprozesses auch nicht annähernd getroffen werden kann. Die Ursachen dieser Entfremdung sind derart vielfältig, dass nur eine sorgfältige Analyse sie aufdecken kann.

Will man also die vielfältigen Gründe dieser Entfremdung auffinden, so muss man auf die Wurzeln und die geschichtlichen Anfänge dieser Entwicklung zurückgreifen. Die geschichtliche Betrachtungsweise ist in diesem Suchen nach den Ursachen der Entfremdung ja von fundamentaler Bedeutung. Denn eine so große Gruppe einer Gesellschaft entfremdet sich nicht von heute auf morgen von der Kirche. Vielmehr vollzieht sich die Entfremdung in verschiedensten Stufen, welche oft so klein sind, dass sie von der lebenden Generation selbst nicht bemerkt werden.

Da es aber im Rahmen dieser Arbeit zu uferlos wäre, die ganze Entwicklung zu analysieren, so wird hier nur auf die erste Zeit des Entfremdungsprozesses besondere Rücksicht genommen werden. In dieser Zeit, welche sich vom Entstehen der Industriearbeiterschaft bis zur Organisation einer christlichen Sozialtätigkeit einerseits und zum Zusammenschluss der Arbeitermassen unter der Fahne von Marx andererseits erstreckt, vollziehen sich nämlich die bedeutendsten Wandlungen im Verhältnis der jungen Industriearbeiterschaft zur Kirche. Denn wie nach Jantke die Geschichte aller sozialen Probleme ­unseres Industriesystems mit der vollen Entfaltung des Fabrikindustria­lismus und dem durch verstärkten Einsatz moderner Verkehrsmittel unaufhaltsam werdenden Wanderungsprozess in die rasch wachsenden städtischen industriellen Produktionszentren beginnt1, so hat auch die Geschichte der Entfremdung der Arbeiterschaft von der Kirche hier ihren Ansatz. Dazu kommt noch, dass gerade diese ersten Schritte besonders bedeutsam waren.

Die Untersuchung der vielfältigen Ursachen dieses Prozesses könnte nun unter verschiedensten Gesichtspunkten aufgebaut werden. Man könnte die Ursachen zum Beispiel in politische, wirtschaftliche und geistesgeschichtlich-weltanschauliche unterteilen. Diese Einteilung wäre durchaus möglich, birgt aber vielleicht in sich die Gefahr, dass sie die Pluralität der Ursachen zu sehr in dieses Schema pressen würde. In dieser Arbeit soll daher eine andere Einteilung vorgezogen werden, welche zunächst die beiden entfremdeten Gruppen betrachtet, inwieweit diese Anlass zur Entfremdung geboten haben. Und da diese beiden Gruppen im Großraum der Umwelt leben, so werden auch von Seiten der Umwelt Entfremdungsursachen zu erwarten sein. Somit haben wir also drei wesentliche Quellen für Entfremdungsursachen: die Umwelt, mit welcher der Anfang gemacht werden soll; die Arbeiterschaft weiter als den einen Pol und die Kirche als Gegenpol.

Es ist auch gleich einzusehen, dass diese drei Quellen nicht streng getrennt werden können. Dies beruht vor allem darauf, dass Probleme, die einen Gesellschaftsteil betreffen, auch leicht im Abschnitt für die Ursachen aus der Umwelt behandelt werden könnten, da ja die Umwelt die Basis für die verschiedenen Gesellschaftsteile darstellt.

Im ersten Abschnitt über die Entfremdungsursachen von Seiten der Umwelt wird vor allem über den Liberalismus gesprochen werden, und zwar über sein geistiges Hinterland, seine wirtschaftliche Ausformung und seine Folgen für die Stellung der Gesellschaft und der Wirtschaft zum Christentum. In diesem Zusammenhang wird auch die Presse der Zeit vor allem von 1848 einer näheren Betrachtung unterzogen werden. In einem zweiten Kapitel werden dann noch weitere Umweltfaktoren behandelt. Es wird dort darum gehen, die Stellung der Juden, des Protestantismus und des Deutschkatholizismus im Prozess der Entfremdung zu beleuchten.

Der zweite Abschnitt wird die Entfremdung von Seiten des Arbeiters untersuchen. Hier werden es primär die Fragen nach der Herkunft des Arbeiters, seiner geistigen Lage, seiner sozialen Situation sein, die in ihrer Stellung zur Entreligiosierung des Arbeiters analysiert werden müssen. In diesem Abschnitt werden wir dann auch den ersten Organisationsversuchen der Arbeiterschaft nachgehen, welche letztlich im Sozialismus als Partei mündeten.

Der dritte Abschnitt schließlich wird das Problem der Entfremdung von Seiten der Kirche beleuchten. Es wird vor allem die Lage der Kirche als Staatskirche, zu der sie durch die josephinische Kirchenpolitik wurde, im Vordergrund stehen. Nach einem kurzen Rückblick auf die Entwicklung und das Wesen werden die Folgen dieses Systems für die kirchliche Tätigkeit behandelt werden. In einem weiteren Kapitel wird es uns um eine kritische Schau der Seelsorge gehen. Dabei muss hier gleich festgestellt werden, dass alles Negative, das zur Sprache kommen wird, nur deshalb gesagt werden wird, damit aus diesen Fehlern gelernt werden könne: denn gerade in diesem Punkt ist die Geschichte sehr lehrreich. Dies gilt dann besonders vom dritten Kapitel, in welchem von der ›Problemblindheit‹ die Rede sein wird.

Die Umwelt als Ursache der Entfremdung

Der Liberalismus

Wesen und Wurzeln

Der Liberalismus ist eine nach Zeit und Ort sich verschieden äußernde geistige Bewegung. Er tritt in den verschiedensten Formen auf und ist auch in den einzelnen Ländern oft sehr andersartig strukturiert.2 Dennoch dürfe man ihn in seinen wesentlichsten Zügen als jene umfassende geistige Bewegung bezeichnen können, die auf der individualistischen Deutung der Natur des Menschen und der Gesellschaft beruht und darin ihre obersten Prinzipien für die Gestaltung des gesamten gesellschaftlichen Lebens sucht.3

Es liegt somit dem Liberalismus der Individualismus als Weltanschauung zugrunde. Das Individuum wird zum Sinn und Träger allen Weltgeschehens, es ist das Atom, um welches das gesellschaftliche Geschehen kreist. Diese Akzentsetzung auf das Individuum brachte in der Zeit, in welcher der Individualismus groß wurde, zunächst manchen bedeutenden Fortschritt. Es wurde durch ihn der großartige Kampf um die Freiheit des Menschen und um die Gleichstellung der gar verschieden eingestuften Menschen ausgelöst. Auch auf wirtschaftlichem Gebiet ist dem Liberalismus mancher Fortschritt zu verdanken, weil dieser die Initiative der Unternehmer stark anspornte und dadurch zur Triebkraft der Entfaltung der Industrie werden konnte.

Dennoch basiert der individualistische Liberalismus, für welchen die unbedingte Freiheitforderung der oberste Grundsatz ist, auf einem nicht tragbaren Freiheitsbegriff. Denn das höchste Ziel ist ihm das autonome Individuum, das sich gänzlich selbst bestimmt und von jeglicher Bindung völlig frei ist. Es ist also der negative Freiheitsbegriff, ein Freisein von etwas, der den Individualismus kennzeichnet.

Die geistesgeschichtlichen Wurzeln4 des individualistischen Liberalismus reichen bis in die Spätscholastik hinab: ihr Nominalismus bildet den ersten Ansatz. Denn nach diesem ist nur das Einzelne wirklich, alles Allgemeine aber, so neben den Allgemeinbegriffen auf gesellschaftlicher Ebene vor allem die Gesellschaft selbst ist unwirklich, ist nur ein Gedanke oder ein Name. Somit ist aber auch schon die Grundthese des Individualismus aufgestellt, weil eben die Natur des Menschen nur individualistisch gedeutet und jeder soziale Wesenszug in der Natur des Menschen abgestritten wird. Da nun aber jegliche ontische Beziehung des Menschen auf einen anderen hin geleugnet wird, so werden folgerichtig auch alle sittlichen Normen und Verpflichtungen anderer gegenüber aufgehoben: Es herrscht eben jedes Individuum in seiner Willensfreiheit über sich selbst, ist in sich autonom.

Diese individualistischen Ansätze des Nominalismus lassen sich im Zeitalter des Rationalismus weiterverfolgen. Der subjektivistische Wahrheitsansatz von Descartes (1596–1650) im Cogito ergo sum, der alle Richtigkeit des Denkens in der denkenden Vernunft begründet, ist im Grunde genommen ebenso individualistisch wie der Ansatz Humes (1711–1776), nach welchem als Erkenntnisquelle nur Empfindung und Vorstellung bestehen bleiben, und auch die Sittlichkeit nur nach dem Gefühl bemessen wird.

Freilich wird im individualistischen Liberalismus gegenüber Hume bald der Rationalismus vorherrschend. Denn die Wurzel des liberalen Freiheitsstrebens ist vor allem der Glaube an das Vermögen der Vernunft, allein aus sich die Welt restlos begreifen und erklären und auf Grund dieser Einsichten das gesamte menschliche Leben regeln und die Welt machen zu können.5

Als klassischer Vertreter des Liberalismus aber aus der Zeit des 17. Jahrhunderts gilt John Locke (1632–1704). Nach seiner Staatstheorie bleibt der Staat stets von den Abstimmungen der Individuen abhängig und hat immer ihrem Nutzen und ihrer Sicherheit zu dienen. Der Staat ist nur mehr der ›Nachtwächter‹ der Individuen, wie ihn die Gegner Lockes nannten.6

Ähnliche Gesellschaftsauffassungen vertraten auch Hobbes (1588–1679) und Rousseau (1712–1778). Auch nach ihnen steht am Anfang das bindungslose Individuum, sei es, dass dieses mit allen ›Wolf spielt‹ und deshalb aus spielerischem Vorteil durch die Spielregel, nämlich den Gesellschaftsvertrag, etwas von seiner Freiheit hergibt, oder sei es, wie Rousseau meint, dass jedes Individuum nur sich selbst gehorcht und selbst der Abschluss eines Gesellschaftsvertrages diese Autonomie nur beweisen kann, weil jeder im Vertrag wieder nur sich selbst gehorcht und sich selbst begrenzt.

Allerdings hat der Individualismus auch noch unreifere Früchte gezeitigt: Denn einige Gesellschaftslehrer sahen die Anarchie als einziges Mittel zur Durchsetzung des Individualismus an. Diese stellten sie als ihr Ziel vor und suchten sie auch auf praktischem Wege zu erreichen (so u.a. Proudhon, Bakunin, Kropotkin).

Eine sehr bedeutende Wurzel des Individualismus aber ist schließlich neben Nominalismus und Rationalismus die mit dem Rationalismus eng verwandte Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts. Denn in ihr rückte die Vernunft, wie sie der Rationalismus entdeckt hatte, in das Rampenlicht des Interesses: Die allmächtige und alles erkennende Vernunft macht es überflüssig, dass eine absolutistische ›Finsterlingsherrschaft‹ besteht und macht es ebenso überflüssig, dass man einer religiösen Autorität Gehorsam leistet. Denn dieser Vernunft ist es unwürdig, von etwas außer ihr bestimmt zu werden; sie ist sich selbst Richtschnur und bestimmt auch das Wollen. Diese Verabsolutierung der menschlichen Vernunft warf aber ihre Schatten noch weiter: denn ist allein schon die Vernunft so erhaben, so gilt Gleiches auch für den ganzen Menschen. Dieser wurde zum letzten Blickpunkt, auf ihm ruhte unbegrenztes Vertrauen, er musste sich selbst genügen. Dass ein solches überragendes Wesen auch keine Offenbarung und keine Gnade oder auch keine gesellschaftliche Autorität braucht, nicht an sie gebunden sein kann, ist selbstverständlich. E. Rosenstock bezeichnete daher dieses aufgeklärte Humanitätsideal als ›die Ketzerei der letzten Jahrhunderte‹.

Fassen wir kurz zusammen, so zeigt sich folgendes Quellgebiet des individualistischen Liberalismus, der seine Wasser noch vielen nachfolgenden Gesellschaftslehren leihen wird (Kapitalismus und auch Sozialismus): die individualistische Freiheitsidee, die schon im Nominalismus sich abzeichnete; der Rationalismus, welcher die Stellung der Vernunft überbewertete, welche schließlich in der Aufklärung auf die Spitze getrieben wurde; die Aufklärung verband dazu diese verabsolutierte Vernunft mit einem diesseitigen Humanitätsideal.

Der Liberalismus als politische Bewegung

Wir haben uns bisher auf höchster theoretischer Ebene bewegt und sind dem Wesen und den Wurzeln des Liberalismus nachgegangen. Doch der Liberalismus ist nicht bloß eine geistige Konstruktion, ein ›Kathedergewäsch‹7 geblieben: als reine Theorie hätte er nie besondere Bedeutung erlangt. Nun aber ist der Liberalismus alles eher als ein welt- und lebensfremdes Denken. Wir sind darauf schon bei der Behandlung des Wesens des Liberalismus gestoßen, wo wir feststellen mussten, dass der Liberalismus je nach Zeit und Ort in verschiedenen Gewändern auftritt.8 Er ist eben nicht als akademischer Begriff geprägt worden, sondern er stand als Kampfruf auf einem entrollten Banner, das dem Streit um die Freiheit vorangetragen wurde.9

Auch in Österreich erlangte der Liberalismus nach einem Stadium der Unwichtigkeit und Unbekanntheit eine wichtige politische Stellung. Er war um 1870 praktisch alleiniger Machtträger im politischen Geschehen. Der Weg bis dahin ist aber für den Liberalismus nicht immer leicht gewesen, sondern er musste manchen schweren Kampf bestehen gegen die alte, fest verwurzelte Ordnung.

Wir haben gesehen, dass es gerade die Gedanken der Aufklärung waren, welche den Vorstoß des Liberalismus vorbereitet hatten.

Die Gedanken nun fanden größte Verbreitung durch das Logenwesen, dessen Werdegang in der Gesellschaft des österreichischen Liberalismus nicht ohne Bedeutung ist und daher kurz gezeichnet werden soll.10 Die Geburtsstunde des Freimaurertums als weltweite Organisa­tion hatte 1719 in England geschlagen, als Theophil Desagulier Großmeister der Großloge von London geworden war. Er war es, welcher die Loge mit dem Freimaurerbrevier versah, welches in zwei Teilen 1723 und 1738 erschien und 1741 auch ins Deutsche übertragen wurde. Weltanschaulich bewegte man sich zunächst auf dem Boden eines dogmenlosen Christentums, um mit den Protestanten eine gemeinsame Basis zu haben. Unter romanischem, besonders französischem Einfluss machte jedoch das Freimaurertum eine radikale Wendung gegen Kirche und Papsttum und strebte als Ziel die Weltdemokratie an.

Für die Entwicklung des Logenwesens in Österreich war die Mitgliedschaft des Herzogs Franz Stephan von Lothringen ausschlaggebend. Durch seine Mitgliedschaft bekamen die Brüder in Österreich viel Auftrieb, da Franz Stephan als Gemahl der Kaiserin Maria Theresia unter anderem die Veröffentlichung der Exkommunikationsbulle des Papstes Clemens II. ›In eminenti‹ vom 28. April 1728 zu verhindern wusste, welche ein tödlicher Schlag für das Logenwesen gewesen wäre. Im Jahre vorher war in Hamburg die vielleicht berühmteste Loge des deutschen Sprachraumes gegründet worden, die mit Friedrich dem Großen, Herder und Wieland, Goethe und Voß, Fichte, Chamisso, Freiligrath, Mozart und Mathias Claudius recht angesehene Mitglieder vereinigte. In Wien wurde die erste Loge am 17. September 1742 errichtet (›Zu den drei Kanonen‹). Von da ab blühte die Vereinigung der Maurer zusehends auf, bis die Jesuiten 1764 ein gesetzliches Verbot erreichen konnten, nachdem eine weitere Bulle (›Providas‹ vom 17. Mai 1751) mit der Androhung der Exkommunikation über die Freimaurer auch nicht seine Adressanten erreicht hatte. Doch hatte dieses gesetzliche Verbot kaum eine weitgehende Wirkung. Es brachte höchstens den Jesuiten noch mehr Unbeliebtheit, an der sie später scheitern sollten. Vielmehr stand das goldene Zeitalter der Logen in Österreich erst bevor und wurde durch die gesetzliche Anerkennung unter Joseph II. eingeleitet. 1784 gab es allein in Wien acht, in Österreich 45 Logen. Die Brüder waren es auch, welche an den ›Kirchlichen Reformen‹ Josephs mitgearbeitet haben. Joseph selbst schien freilich bald von den Freimaurern genug gehabt zu haben, denn das Freimaurerpatent vom 11. Dezember 1785 beschränkte die ›Gaukeley der Freimaurerei‹ auf die Hauptstädte und stellte sie unter Staatskontrolle.

Da das Freimaurertum auch eine rege Pressetätigkeit entfaltet hatte, wurde es zur Quelle des aufgeklärten Gedankengutes, das sich in den oberen Schichten breitzumachen begann und auf diese Weise den Boden des Liberalismus bereitete. Dieses Gedankengut beherrschte manche Gegenden so sehr, dass man z.B. heute noch vom ›Kärntner Freisinn‹ spricht, welcher sich in dieser Zeit ausgebildet hatte.11

Die Überbetonung der Vernunft war auch der Anlass dafür, dass das Freimaurertum schließlich auch in den wissenschaftlichen Sozialismus seinen Eingang fand und in politisch-sozialer Färbung im Proletariat an Boden gewinnen konnte. Mit dieser Parole des ›Wissens als Macht‹ übernahm der Sozialismus auch den Gedanken an die Weltdemokratie.

Wir haben weiter oben gesehen, dass die liberalen Brüder an der Reform des Kaisers Joseph mitgearbeitet hatten. Doch lag hier noch nicht der Liberalismus als politische Bewegung vor. Vielmehr wirkten bloß die liberalen Gedanken der Aufklärung, ohne noch den Ruf nach politischer Freiheit erhoben zu haben. Daran änderte in Österreich äußerlich auch jene Zeit nicht viel, in der die Wellen der französischen Revolution gegen den Absolutismus rollten. Erst als durch die Errichtung der Heiligen Allianz den durch die Freiheitskriege des Jahres 1809 erwachten Völkern durch Metternich ein neuer, harter Kurs auferlegt worden war, begann sich der Liberalismus vom Josephinismus zu scheiden und nahm gegen den Staat Stellung.

Zum ersten Mal brach dann im Jahre 1848 dieser politische Liberalismus mit allen Kräften los und konnte den schon morschen Absolutismus in der alten Metternich’schen Form im ersten Ansturm spielend nehmen. Doch war diesem Aufblühen nur eine kurze Zeit beschieden, denn die Reaktion der ›Schwarzgelben‹12 machte ihm bald wieder ein Ende. Es brauchte wieder Jahre des Kräftesammelns, bis endlich durch den Kampf gegen das Konkordat der letzte Widerstand der Krone und der Regierung gebrochen und der Liberalismus am Gipfel seiner Macht angelangt war.

Der Anlass zum Durchbruch des Liberalismus war die Wende in der österreichischen Kulturpolitik im Jahre 1861. In diesem Jahr hatte man nämlich über die Stellung der akatholischen Konfessionen zu beraten begonnen: aus dieser Debatte aber wurde ein Kampf gegen das stärkste Bollwerk gegen den Liberalismus, nämlich gegen die katholische Kirche.

Doch sollte dem Liberalismus die Macht nicht allzu lang in Händen bleiben. Ein Grund lag in dem, was man oft schon mit dem ›Dilemma des Liberalismus‹ und der Freiheitsidee bezeichnet hat:13 Es ist die ­Tatsache, dass die liberalen Parteien entgegen ihrem Namen den Grundsatz der Toleranz missachteten und in einem ›Rausche des Allein­besitzes der Macht‹14 alle anderen Richtungen und Parteien von der Gleichberechtigung ausschlossen und in sehr illiberaler Weise bekämpften. Vor allem aber stellte sich der Liberalismus gegen den politischen Konservativismus, welcher ihm als eine höchst gefährliche Richtung erschien und welchen er mit allen Mitteln bekämpfen musste. Zu diesen politisch Konservativen zählte damals auch die katholische Kirche, welcher daher in der Presse besondere Aufmerksamkeit erwiesen wurde (dazu später noch mehr). Aber gerade dieser Kampf gegen die katholische Kirche wurde dem Liberalismus zum eigenen Grabe. Denn er erregte in den eigentlichen Volksmassen eine weitgehende Opposition. Besonders die bäuerlichen Kreise und auch die slawischen Provinzen konnte der Liberalismus nie für sich gegen die katholische Kirche gewinnen. Der Prozess gegen den Linzer Bischof Rudigier (1952–1884) war es zum Beispiel, welcher in Oberösterreich eine rege Volksbewegung gegen den Liberalismus entfacht hatte.15 Als erbittertster und gefährlichster Gegner jedoch erstand dem Liberalismus die Sozialdemokratie unter dem Banner von Karl Marx.

Der Sozialismus war es auch, der nach dem Niedergang des Liberalismus dessen geistiges Erbe antrat und in Österreich vor allem während der Ersten Republik sehr stark liberale Kulturpolitik betrieb. Es waren prophetische Worte, die Sebastian Brunner im Jahre 1848 den Liberalen entgegenrief: »Wenn nur ihr Reichen den Glauben an den gerechten Gott lächerlich findet, so werden die Proletarier bald den Glauben an euren gerechten Besitz zum Totlachen finden!«16

Der ökonomische Liberalismus

Besonders scharfe Auswirkungen zeitigte die Idee des Liberalismus im wirtschaftlichen Leben. Denn hier stellte er gegenüber den bisherigen Auffassungen von Gewerbe und Wirtschaft die oberste Maxime des wohlverstandenen Selbstinteresses auf, die besagt, dass das autonome Individuum auch auf wirtschaftlichem Gebiet in keiner Weise in seiner grenzenlosen Freiheit beschränkt werden dürfe. Es verbirgt sich auch dahinter wieder der Glaube an den perfekten Menschen, durch dessen moralische Kraft diese Selbstinteressen aufs Beste harmonieren würden.

Dieses Prinzip birgt in sich jedoch einen nicht unbedeutenden Fehler. Denn es werden in ihm Voraussetzungen gemacht, die in keinem Wirtschaftssystem eintreffen werden: Schon die anfängliche Startgleichheit aller an der Wirtschaft beteiligten ist eine Illusion. Weiter fehlt den meisten der Überblick über das, was im konkreten Fall ihr Selbstinteresse ist. Schließlich zeigt aber die Erfahrung, dass es gerade in der liberalistischen Wirtschaft an jener moralischen Kraft gebricht, welche für ein harmonisches Gedeihen der ›Wirtschaftsatome‹ erforderlich wäre.

Nur langsam konnte dieses Prinzip in der Wirtschaft Fuß fassen17. So glaubte Adam Smith noch an eine lenkende göttliche Allmacht, welche die an sich freien Individuen in den rechten Schranken hält: es sind dies die Schranken der Gerechtigkeit und des gentleman agreement. Riccardo ging schon weiter. Er und mit ihm die Manchesterschule für Nationalökonomie forderten als oberstes wirtschaftliches Prinzip schrankenlose Freiheit. Freier Markt und freier Wettbewerb müssten die ausschließlichen Ordnungsfaktoren der Wirtschaft darstellen. Denn diese reguliere sich selbst und dagegen habe auch der Staat nichts zu unternehmen. Er bleibe gleichsam nur das Spielfeld, auf dem das freie und wahllose, vom Selbstinteresse geleitete Treiben der Wirtschaft abrolle.

So sind die wesentlichsten Freiheitsforderungen des ökonomischen Liberalismus die Erwerbsfreiheit, welche Gewerbefreiheit, Freiheit der Berufswahl und Freizügigkeit umfasst; weiter die Vertragsfreiheit, vor allem die Freiheit beim Abschließen eines Arbeitsvertrages; die Freiheit über das Eigentum in dessen Verwendung, Veräußerung und Verschuldung, und schließlich die Vererbungsfreiheit. Sombart meint zum Wirtschaftssystem des Liberalismus ganz treffend, dass dieser ein System von subjektiven Rechten sei, denen keine Pflichten gegenüberstünden.

Seine verheerenden Folgen zeitigte diese Wirtschaftsauffassung vor allem in der Verbindung mit dem Kapitalismus. Denn der liberale Kapitalismus war es, der das soziale Elend des industriellen Zeitalters heraufbeschworen hatte und so Mitursache der Entfremdung zwischen Kirche und Arbeiterschaft geworden war. Über die soziale Not als Entfremdungsursache soll allerdings erst später im zweiten Abschnitt die Rede sein. Hier sollen nur andere Folgen der liberalistischen Wirtschaftstheorie für das Verhältnis zwischen Kirche und Arbeiterschaft behandelt werden.

Die Entchristlichung der Wirtschaft

Dem liberalistischen Wirtschaftssystem war geschichtlich die Ordnung der Wirtschaft durch die Zünfte vorausgegangen. Diese waren im 12. Jahrhundert entstanden und stellten Gewerbegenossenschaften der Handwerker dar; innerhalb der Stadtgemeinde bildeten sie zugleich eine militärische und politisch-verwaltungsmäßige Gliederung, nahmen fürsorgliche und religiöse Aufgaben wahr und waren einer eigenen Gerichtsbarkeit unterstellt. Oft waren die Zünfte aus religiösen Bruderschaften hervorgegangen. Der Zunftzwang bedeutete eine ganz unliberalistische Monopolisierung der einzelnen Gewerbezweige. Die Zunftverordnungen schrieben die Qualität der Waren, die Ausbildungsweise der Gesellen und Lehrlinge und deren Rechte und Pflichten vor und schützten die Zunftmitglieder vor unlauterem Wettbewerb. Das Zentrum der Zunft war das eigene Zunfthaus oder die sogenannte Gildenhalle.

Seit dem 14. Jahrhundert nahmen die Zünfte regen Anteil am politischen Leben der Städte. Seit der Ausdehnung der Landesherrschaft aber und dem Untergang der Selbstbestimmung der Städte hatten die Zünfte nur mehr gewerbepolizeiliche Funktionen.

Reformversuche vom 17. bis zum 19. Jahrhundert brachten keine neue Blüte.18 Als in Österreich der sich neu bildende Zentralstaat des 18. Jahrhunderts nach der Niederlage im Siebenjährigen Krieg Staatsgelder brauchte, konnte er diese nur von seinen Untertanen bekommen. Dazu musste aber auch auf der anderen Seite die Wirtschaft gefördert werden und dies sollte durch die Ausschaltung aller nicht zentralen Instanzen der Wirtschaft geschehen. So wurde den Zünften durch den Erlass der Gewerbefreiheit im Jahre 1859 der endgültige Todesstoß versetzt. Diese Gewerbefreiheit, die aus dem Streben des Staates nach Zentralisierung auf Grund seiner wirtschaftlichen und finanziellen Nöten geboren wurde – insofern stehen Finanzentwicklung und Staatenbildung im engsten Zusammenhang19 –, wurde freilich gegen Ende des 19. Jahrhunderts im Kampf um eine soziale Neuordnung wieder eingeschränkt. Dies liegt jedoch bereits außer dem Gesichtskreis unserer Untersuchung.

Der wirtschaftliche Liberalismus hatte also nach einem Zwischenspiel des Merkantilismus, welcher diesem Absterben der Zünfte in keiner Weise entgegenarbeitete, die Zünfte verdrängt. Mit den Zünften aber wurde auch die christliche und religiöse Grundidee der Zünfte im wirtschaftlichen Bereich ausgeschaltet. Denn der neue Kurs in der Wirtschaft betonte als obersten Grundsatz die völlige Freiheit, auch die Freiheit und Eigenständigkeit der einzelnen Kultursachgebiete, damit aber endlich Unabhängigkeit der Wirtschaft von irgend welchen moralischen und unwirtschaftlichen Beschränkungen. Religion und Wirtschaft wurden zu eigenständigen Gebieten erklärt und jede Beziehung zueinander wurde ihnen abgesprochen. Diese Entwicklung begann schon im Aufklärungsstaat: in ihm sprach man zwar noch nicht von der Eigenständigkeit einzelner Kulturbereiche; sondern es wurden alle Gebiete in eine derartige Abhängigkeit vom Staate gebracht, dass sie untereinander keinerlei Beziehungen mehr unterhalten konnten. Alles besorgte der Staat. Dieser Staat wurde nun in der liberalistischen Wirtschaftslehre zum ›Nachtwächter‹ degradiert, ohne dass jedoch die Verbindung der bisher auf den Staat ausgerichteten und untereinander nicht in Beziehung stehenden Gebiete wieder aufgerichtet worden wäre.

Dieser Wandel erfasste nicht nur das Wirtschaftsgefüge selbst. Auch der Unternehmer machte in seinem wirtschaftlichen Ethos einen Wandel durch. Michel formuliert diesen Umstand etwa so, dass die vorindustrielle nationale und kirchliche Welt rasch abgebaut worden und an die Stelle der von dieser Welt geformten Persönlichkeit das reduzierte Ich in seiner Willkür, seinem Subjektivismus und seinem materiellen Gewinnstreben getreten sei.20

Die Entchristlichung der liberalen Wirtschaft wird besonders an Hand der Stellung der Sonn- und Feiertage deutlich. Schon im Jahre 1840 musste eine Kurrende der Erzdiözese Wien an alle Seelsorger an die Urgierung des Kirchengebotes der Heiligung der Sonn- und Feiertage erinnern: Nachdem festgestellt worden war, dass die Entheiligung der Sonn- und Feiertage allezeit ein sicheres Zeichen für den Verfall des religiösen Sinnes sei, fährt der Text der Kurrende fort: »… Mit Wehmut hat Seine fürstlichen Gnaden, der Hochwürdigste Herr Fürsterzbischof, erfahren, dass die Entheiligung der Sonn- und Feiertage, ohngeachtet der wiederholten Ermahnungen um sich greifet, indem Kaufläden geöffnet, Sand, Schotter, Ziegel und dergleichen geführet und Arbeiten öffentlich verrichtet werden«. Dann werden die Herren Pfarrer noch gemahnt, »wenn sie dergleichen Übertretungen wahrnehmen, dieselben gemäß der h. Regierungsverordnung vom 15. Februar 1833 der betreffenden Ortsobrigkeit … anzuzeigen«.21

Doch scheint sich durch diese Kurrende das Übel keineswegs gebessert zu haben. Denn in den Dekanatsvisitationsberichten von Klosterneuburg aus dem Jahre 1841 können wir folgendes lesen: »Infolge der sich immer breiter machenden Unordnung alles dessen, was die Religion vorschreibt, was Gottes und seiner Gerechtigkeit ist, unter das irdische Streben und Ringen nach zeitlichen Zwecken, ist, wie schon mit einigen Worten erwähnt wurde, auch die Entheiligung der Sonn- und Feiertage an der Tagesordnung. Schon viele der gewöhnlichen Handwerksleute, dann noch mehr die Wirths- und Kaufleute, am meisten aber die größeren und kleineren Inhaber der Drucker- und Färber­fabriken und Werkstätten setzen sich und damit die Schar der in denselben arbeitenden Gehülfen und Kinder, ohne die mindeste Gewis­sensunruhe, mit schnöder Gleichgültigkeit, über das göttliche und kirchliche Geboth der Rueh von knechtlicher Arbeit und der Heiligung der Sonn- und Feiertage hinaus. Offenbar scheint es, ganz zu schweigen, dass die Religion den Menschen freilich nicht angezwungen werden kann, an der nöthigen, durchgreifenden Energie in der Handhabung der bestehenden polizeilichen Vorschriften von Seiten der Polizei oder der Herrschaftsbeamten, oder von beiden Seiten zugleich zu fehlen. Denn obschon von Zeit zu Zeit, wie schon erwähnt worden, die dießfalls bestehenden polizeilichen Vorschriften erneuert und einige Zeit etwas genauer gehandhabt wurden; so reißt doch, bei bald laxerer Handhabung, die vorige Ungebundenheit wieder ein …«22 Der Bericht des gleichen Dekanats über das Jahr 1845 stellt uns das Verhalten der liberalen Wirtschaftsherren noch deutlicher vor Augen: »Und wollte der Fabriksknabe dem Gottesdienste und dem Christenlehrunterricht an Sonn- und Feiertagen beiwohnen; er kann es nicht; denn da wird in der Regel gearbeitet und er muss mitarbeiten – nicht bloß inner der Mauern der Werkstätten, sondern ziemlich öffentlich, am Wienbache vor den Augen der Welt.« Und weiter unten fährt der Bericht fort: »… die Entheiligung (ist) unter gewissen Classen von Menschen bei­nahe an der Tagesordnung, die Inhaber der Druck-Fabriken und Werkstätten, die Färber, die Kauf- und Wirthsleute, die Kunstweber, sogar die Schotterfuhrleute u.f., besonders in den Fabriken und anderen Orten von der Mariahilfer Linie setzen sich … ohne die mindeste Gewissensunruhe … über die Sonntagsheiligung hinaus …«. Dass dies gerade bei den Fabrikbesitzern der Fall ist, welche vom neuen Wirtschaftsgeist besonders erfasst waren, weit mehr als andere Kreise, lässt sich, abgesehen von der ausdrücklichen Erwähnung solcher Personen, auch an der abschließenden Bemerkung des Berichtes zeigen, wo es heißt: »Doch wäre es allwegs so, dem Untergange wäre der ganze Bezirk gereift. Dem ist aber nicht so …«23

Ein noch negativeres Bild zeichnete der Professor der Theologie an der Universität Wien, Fesl, in der Zeitschrift für die gesamte katholische Theologie im Jahre 1852: »In einem katholischen Land ist es fast unmöglich, jeden Augenblick an religiöse Dinge, durch die äußeren Sinne selbst, nicht erinnert zu werden; allein die betrachtet man wie viele andere Mißbräuche am liebsten als veraltete sinnlose und darum lästige Förmlichkeiten, welchen ausgewichen wird; ohne Unterscheidung der Tage wird die gewohnte Arbeit, das Gewerbe, selbst das amtliche Wirken gedankenlos fortgesetzt. Das Frauenzimmer vertreibt die Zeit am Nähtisch, verschwätzt sie in der Visite; die Männer verbringen sie am Spieltisch, in den Gasthäusern, bei allerlei Belustigungen; Männer und Frauen ergötzen sich auf Spaziergängen, in ländlichen Ausflügen. Der Roman ersetzt das Gebetbuch, die politische Zeitung, die Stadtneuigkeiten geben den Stoff des unterhaltenden Gespräches. Der Markt des geräuschvollen, nach Gewinn und Genuß haschenden Lebens ist die ausschließliche Beschäftigung der Seele und füllt all ihre Bestrebungen, ihre Sehnsucht aus. Die Naturwissenschaften, die Industrie, das Geld, die vielseitige Befriedigung sinnlicher, stets verfeinerter Bedürfnisse haben den ehemaligen Ehrenplatz des Sittlichen, Religiösen und Kirchlichen ganz für sich eingenommen …«24 Dass aber gerade dieser geräuschvolle Markt es ist, dieses Streben nach Gewinn und Reichtum, welches die soziale Not im Gefolge mitführt, darauf verwies Kardinal Gruscha von Wien in seinem ersten Arbeiterhirtenbrief aus dem Jahr 1911 in einem geschichtlichen Rückblick: »Die beklagenswerten Zustände der Arbeiterklasse werden nicht von der katholischen Religion heraufbeschworen, daran sind stolze, unchristliche Lehrmeinungen schuld, welche sich der geoffenbarten Wahrheit gegenüberstellen und sich mit dem bestechenden Namen Humanität bekleidet, Eingang zu verschaffen wußten …«25

Doch nicht nur der wirtschaftliche Liberalismus hat durch seine äußere Blockierung des kirchlichen Lebens die Arbeiter von der Kirche entwöhnt. Vielmehr hat der Liberalismus überhaupt als mächtige geistige Strömung viel zu dieser Entfremdung beigetragen. Deshalb soll kurz die Stellung des Liberalismus zu allem Kirchlichen behandelt werden.

Die antikirchliche Haltung des Liberalismus

Bei der Betrachtung des Wesens des Liberalismus haben wir den Individualismus als den bestimmenden Hauptfaktor hervorgehoben. Der Liberalismus ist aber dadurch noch nicht voll gezeichnet, sondern er muss auch als Weltanschauung gesehen werden, zu der ihn besonders die Logenbrüder gemacht haben. Bevor auf einzelne Punkte des Verhältnisses zwischen Liberalismus und Kirche eingegangen wird, sollen zuvor noch skizzenhaft die Hauptzüge des weltanschaulichen Liberalismus dargestellt werden.

Ganz im Vordergrund steht das Weltbild der Diesseitigkeit.26 Dieses Weltbild gründet auf der aufgeklärten Humanitätsidee der Aufklärung, welche durch die vollkommenen Kräfte des autonomen Menschen eine harmonische Weltordnung zu erreichen meint. Zunächst wurde dabei noch an einem Schöpfergott festgehalten. Der Theismus stand somit durchaus am Beginn der Entwicklung. Je mehr aber die Eigenwirksamkeit der Dinge betont wurde, desto mehr wurde der alles leitende Schöpfergott in den Hintergrund geschoben: die Mitte der Bühne aber betrat der ›natürliche Mensch‹ mit seiner vergotteten Natur. Der deutsche Deismus, welcher an den englischen anknüpfte, war zunächst viel gemäßigter als der radikale französische. Denn dem Kampf, den Voltaire gegen die ›infame Kirche‹ führte, stand im deutschen Sprachraum eher der Toleranzgedanke gegenüber, den besonders Lessing im Nathan (1779) und neben ihm auch die Philosophen Leibnitz und Wolff vertraten. Auch Kant gehört in die Reihe dieser ausgeklärten Deisten (Was ist Aufklärung 1784, Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft 1793). Bald aber setzte sich auch in den deutschen Landen ein schärferer Wind durch und das im Jahre 1913 konfiszierte Buch von A. P. Kayser kann bezeugen, wie weit die Freimaurer – in diesem Falle in Kärnten – den Kampf gegen die kirchlichen Institutionen betrieben.27

Neben dem Deismus hat der Liberalismus als weltanschauliche Forderung die unbedingte Weltlichkeit aufgestellt. Religiöses Leben habe höchstens im privaten Leben des einzelnen Platz, eine öffentliche Sendung aber wird der Kirche abgeschrieben. ›Religion ist Privatsache‹, und auf diesem Grundsatz beruht die liberalistische Toleranz. Aus ihm zehrt aber auch der Kulturkampf gegen das Konkordat von 1855 und die durch dieses Konkordat rechtlich sehr gut gestellte Kirche, welcher die Emigration der Kirche aus den Fragen der Schule und Ehe zur Folge hatte. Das öffentliche Leben galt es nämlich mit allen Mitteln zu neutralisieren.

Über diese Verweltlichung führte 1906 Kardinal Gruscha in einem Hirtenbrief, den der gesamte Episkopat zeichnete, Klage. Er wies zunächst auf den Kampf der Geistlichkeit »gegen die schlimmen Ideen, die in unserer Zeit so zahlreich auftauchen« hin und sprach dann über die Verweltlichung, »die immer mehr alle menschlichen Verhältnisse durchdringt und die Blicke und Sorgen der Menschen ausschließlich auf die Bedingungen dieses irdischen Lebens hinzurichten trachtet. Das Übersinnliche und Übernatürliche sucht man gänzlich zu verdrängen und jede Erinnerung daran auszulöschen. Und damit glaubt man, die menschliche Gesellschaft zu dauernder Befriedigung und glücklichen Zuständen zu führen.«28

Wenn auch dieser Text aus dem Jahre 1906 stammt, so sah doch Gruscha schon 1848 diese Verweltlichung und Entchristlichung. So schrieb er im November 1848 in der Wiener Kirchenzeitung, dass durch die Entchristlichung das Volk in das erste Stadium seines poli­tischen Auflösungsprozesses eintrete. »Gott oder nicht Gott« sei die Losung dieser ungeheuren Geisterschlacht, die zu schlagen man sich anschicke.29

Auch Professor Fesl gab den politischen Pessimisten recht, die hinter dieser Abwendung vom christlichen Ethos die Auflösung der Gesellschaft heraufsteigen sahen: »Nicht verargen kann man es den Kummervollen«, schrieb er im schon erwähnten Aufsatz, »wenn sie beim Anblick dieses täglich sich steigernden Hasses gegen die Priesterschaft, dieser Verachtung der kirchlichen Anstalten, dieser Gleichgültigkeit gegen die religiösen Wahrheiten und Gebote, endlich bei dieser Umkehrung und Verwerfung der sittlichen Obliegenheiten selbst die entmutigende Ahnung hegen, dass unsere Zeit einer völligen Auf­lösung der Gesellschaft entgegeneile, und dass man auch bei den einzelnen günstigen Wendungen dieser Dinge auf keine Dauer, auf keine Festigung unserer Zustände rechnen dürfe.«30

Wir haben bisher die zwei Hauptpunkte der Gegensätzlichkeit zwischen dem weltanschaulichen Liberalismus und der Kirche ins Auge gefasst. Es sind dies der »Abfall« zum Deismus und die völlige Diesseitsorientierung, welche die Verdrängung der Kirche aus dem öffentlichen Leben bedingte. Religion sei und dürfe nicht mehr sein als eine Privatsache. Gerade zu dieser Parole hat übrigens Kardinal Gruscha sehr ­dialektisch gemeint: »Ist, wie eine zerstörende Partei als Losungswort ausgegeben, die ›Religion Privatsache‹, – gut – so wollen wir sie als Privatsache auch gelten lassen, in dem Sinne gelten lassen, dass bei jedem einzelnen, in jeder einzelnen Familie, für jede Mutter und jeden Vater, wie für alle, die an den Kindern Vater- und Mutterstelle vertreten, die Religion die Hauptaufgabe der Erziehung bildet; und gewiss, wenn wir die Religion in diesem Sinne als Privatsache ernst auffassen und üben, wird sie auch öffentliche Sache, Angelegenheit der ganzen Gesellschaft sein und bleiben.«31 Doch gerade das wollte der Liberalismus nicht.

Diesem Ausschluss der Kirche aus der Öffentlichkeit suchte der Liberalismus mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zu erreichen. Vor allem wurde die Tradition der Aufklärung fortgesetzt, die die Kirche als ›Volksverdummungsanstalt‹ brandmarkte und daher für sie im ­Zeitalter der Vernunft keine Existenzberechtigung sah. Dieses Gedankengut hat der wortgewaltige Redakteur der Wiener Kirchenzeitung Sebastian Brunner sehr treffend charakterisiert. Er schrieb im Gründungsjahr dieses Blattes, nämlich im Oktober 1848 zu einer Zeit, als die aufgeklärten Gedanken sich im revolutionierenden Pöbel breitmachten, über die ›Grenzen der sogenannten Aufklärung‹: »Die engsten Grenzen sind: Derjenige, welcher den Namen eines Aufgeklärten verdienen will, darf keinen gewissen Glauben haben, er muss dem Zweifel anheim­gefallen sein, er muss den Hochmut haben, über Gott und Ewigkeit, Himmel und Hölle, Tod und Gericht Witze zu reißen und darüber anzuhören, ohne dagegen eine Einwendung zu machen. Die äußersten Grenzen aber, oder das folgerichtige Ende dieser Aufklärung besteht im fertigen Unglauben, in völliger Verläugnung (sic!) eines persön­lichen Gottes, wie der persönlichen Unsterblichkeit des Menschen. Wer damit nicht einverstanden ist, der wird zur Klasse der Verdummer oder Verdummten gezählt, und ist er ein Geistlicher, sei er Katholik oder ein positivgläubiger Protestant, so wird er der ›Volksverdummung‹ beschuldigt.« Damit hat Brunner die Grenzen angegeben. Nun fährt er mit der Beschreibung des wahren Aufgeklärten in noch schärferer ­Formulierung fort: »Die wahren Aufgeklärten sind nun diejenigen, die gar keinen Glauben haben, die mit ihren Interessen nur die Diesseits, hier auf Erden wurzeln, und die auch in anderen den Glauben an Gott, Jenseits und Erlösung mit der Wurzel auszureißen suchen, und das sind die religiösen Radikalen. Wer von Glaube, Hoffnung und Liebe, von der Erbsünde und vom Gottessohn Jesus Christus, oder von der dreieinigen Wesensentfaltung Gottes redet, der ist ein Dummkopf, Pfaffe oder Pfaffenknecht«.32

Dieser kämpferische Typ, der ›religiöse Radikale‹ war vor allem bei den Freimaurern zu finden, die mit den Logen der romanischen Länder in Verbindung standen. Bei den deutschen Brüdern standen jedoch die Toleranz, das rein rationalistische Denken und die religiöse Gleichgültigkeit im Vordergrund. Der spätere Kardinal Gruscha urteilte 1857 in einer Ansprache folgendermaßen über die Logen: »Die Freimaurerei (ist) eine Propaganda des Glaubensindifferentismus, die unter der heuchlerischen Maske der Humanität Tausende in ihr Netz lockt, die sich aber den Zweck gesetzt hat, die katholische Kirche als die positive Grundlage aller göttlichen und menschlichen Autorität auf Erden zu zerstören, und die Fundamente des sozialen Lebens nach einem klug und consequent durchgeführten Plane zu untergraben«.33 Zu diesem Plane gehörte der Antiklerikalismus, welcher zum Teil auch schon vor der Aufklärung vorhanden war, in ihr aber neue Formen ausbildete; denn nun setzten heftige Angriffe gegen die Institutionen der Kirche und gegen den Klerus ein.

Selbst vor Bühnen und anderen öffentlichen Kommunikationsmitteln machten Hohn und Spott nicht halt.34 Der Liberalismus nun übernahm diese Einstellung und durch ihn auch die Freidenkerbewegung, durch welche wiederum diese Haltung in die Sozialdemokratie Eingang fand.

Wir haben bei der Skizzierung der Geschichte des politischen Liberalismus gesehen, dass sich dieser im Gründungsjahr der Heiligen Allianz vom Josephinismus abzweigte. Denn man sah in dieser Vereinigung des absolutistischen Herrscher nur ein Mittel, die erwachten freiheitlichen Bestrebungen unterdrücken zu können, damit es nicht zu einer Wiederholung der französischen Revolution in anderen Ländern käme. Im Zusammenhang mit der Opposition gegen den absolutistischen Staat erstand jetzt auch eine starke Opposition gegen die mit dem Staat eng verbundene Kirche der josephinischen Ära. In dieser Zeit wurde für die Staatstreuen die Bezeichnung ›Reaktionäre‹ geschaffen, mit welcher man auch später die Kirche treffen wollte.

Zwar proklamierte der Liberalismus die politische Freiheit als obersten Grundsatz. Dennoch »begannen bereits die damaligen Politiker, die Liberalen unseligen Andenkens, die Dummheit der Kirchenhetze statt der Ausbildung freiheitlicher politischer Einrichtungen«.35

Der Liberalismus »war eben einmal auf religiösem Gebiete zum Atheismus gekommen, zur Kirchenverfolgung im weiteren Sinne und zeigte seinen Pferdefuß. Für Gott und Christus einzustehen, erlaubt die schrankenlose Freiheit bekanntlich bis heute nicht« – das sind Worte, die der bedeutende Moralist und Sozialpolitiker Josef Scheicher im Jahre 1884 niederschrieb.36

Dass die durch die Revolution im Jahre 1848 freigewordene, aber durchaus noch nicht vom Staate getrennte Kirche unter diesem Kampfe sehr litt, zeigt eine Bittadresse, welche die im Jahr 1867 zu Wien versammelten Erzbischöfe und Bischöfe an ›Seine k. k. apostolische Majestät‹ richteten: »Allergnädigster Herr! Österreich steht vor Fragen, welche sich nicht vertagen lassen und deren glückliche Lösung von maßgebender Wichtigkeit ist.37 … Dennoch findet sich eine Partei, welche die Zeit des Dranges auserwählt, um die Religion, zu welcher Eure Majestät, Ihr erlauchtes Haus und eine Mehrzahl der Bevölkerung sich bekennt, zum Gegenstand ihrer Angriffe zu machen. Wohl mögen von Jenen (sic), welche in den Vorderreihen stehen, nur wenige die ganze Tragweite ihrer Bestrebungen kennen, doch wenn dieß (sic) ihnen zur Entschuldigung gereicht, so wird doch in der Sache nichts geändert«.38

Trotz dieses kirchlichen Hilferufes erlangten aber die Liberalen ihren entscheidenden Sieg, indem sie das Konkordat zu Fall brachten und so der Kirche einen Schlag versetzen konnten, der so bedeutend war, dass die Bischöfe 1926 noch resigniert feststellten, dass dieses Verdrängt-Werden aus der Öffentlichkeit auch auf sozialem Gebiet schwerwiegende Folgen gezeitigt habe: »Bei dieser wirtschaftlichen Entwicklung39 wurde die Kirche nicht gehört. Sie war damals, als dies alles einsetzte, aus der Öffentlichkeit verdrängt und der Geringschätzung preisgegeben. Die ungläubige Gesellschaft hatte über sie das Todes­urteil gesprochen.«40

Diese Feststellung der Bischöfe betrifft hauptsächlich die Anfänge des Industrialismus. Denn als die Sozialtätigkeit katholischer Männer41 begann, wurde dem Liberalismus auf diesem Gebiet der Einfluss der Kirche unangenehm. Dabei war dies ein Gebiet, welches dem Liberalismus artfremd ist und er deshalb bisher tunlichst gemieden hatte. Er konnte aus Prinzip nichts tun, war ihm doch schrankenlose Freiheit die oberste Norm und musste so die Initiative auf diesem Gebiet anderen Parteien überlassen. Da aber gerade dieses Gebiet über die Macht entscheiden sollte, kam der Liberalismus hier zu Fall. Noch zur Zeit der höchsten Macht sprach ein liberaler Politiker in der Ministerratssitzung vom 20. November 1869 die Befürchtung aus, dass für den Liberalismus von der auf allen anderen Gebieten ausgeschalteten Kirche eben von der sozialen Seite her neue Gefahr drohe. Im Bericht über diese Sitzung heißt es: »Der Vorsitzende Sektionschef Banhans leitete sodann eine Diskussion über die Errichtung von Arbeiterwohnungen, zunächst in Wien, ein. Es sei notwendig, die Unternehmung der Sorge für die Arbeiterwohnungen in verlässliche Hände zu bringen. Gegenwärtig haben sich nur Leute der klerikalen Richtung dieser Sache angenommen, und dieser Umstand sei gefährlich.«42

Zusammenfassend können wir also sagen: der aufgeklärte Libera­lismus sah in der Kirche eine überholte weltanschauliche Fixierung. Daher suchte er sie auszuschalten. Danach strebte er als ökonomischer Liberalismus, weil er, wie Scheicher sagte, »durchaus materiell angelegt, ohne Geistesschwung über er Materie (ist und) im Grunde jede Kirche, jede Confession haßt, weil er sie nicht versteht, nicht verstehen kann«.43 Und er strebt danach als politischer Liberalismus, weil die Kirche der Verwirklichung der liberalistischen Ideen ein Hindernis bedeutete.

Das Pressewesen

Am 14. März 1848 konnten die Wiener von den Mauern der Stadt folgenden Anschlag lesen: «Seine k. k. apostolische Majestät haben die Aufhebung der Censur und die alsbaldige Veröffentlichung eines ­Preßgesetzes allergnädigst zu beschließen geruht. Wien am 14. März, Joh. Talatzko, Frhr. v. Gestielicz, k. k. Nieder-Österr. Regierungs-Präsident«.44 Mit diesem Erlass war dem alteingesessenen und sehr unbeliebten Zensurwesen des Metternich’schen Systems unter Sedlnitzky ein Ende gesetzt worden. Schon unter Kaiser Joseph II. war 1781 eine ›erweiterte Preßfreiheit‹ erreicht worden. Diese Erweiterung hatte eine Springflut von Broschüren zur Folge, die aber von jener des Jahres 1848 noch weit in den Schatten gestellt wurde. Dennoch war 1781 für die Entwicklung des Antiklerikalismus in Österreich nicht ohne Bedeutung geblieben.45 Diese Broschüren beschäftigen sich nämlich in großem Ausmaße mit der josephinischen Kirchenreform, kritisierten die Predigten der Geistlichen und bekämpften den Jesuitenorden. Der Ton war damals schon rüde und witzelnd, jener des Jahres 1848 aber stand ihm – wie wir noch an einigen Beispielen sehen werden – in keiner Weise nach. Besonders die beiden Exjesuiten Michael Denis und Alois Blumauer aus Steyr taten sich besonders hervor.

Diese erweiterte »Preßfreiheit« von 1781 war aber dem reaktionären Metternich’schen System wieder zum Opfer gefallen und erst die Revolution von 1848 konnte sie wieder erzwingen. Weil man aber für diese unbeschränkte Freiheit noch nicht reif war und es zu krasse Auswüchse gab, wurde die in der Märzverfassung des Jahres 1849 verankerte Freiheit der Meinungsäußerung46 schon eine Woche später durch das sogenannte Repressivgesetz wieder eingeschränkt. Endlich führte der Neoabsolutismus am 6. Juli 1851 wieder das System der Verwarnung durch die politische Behörde ein. Der Zeitungsstempel, ohne den keine Zeitung vertrieben werden durfte, war lange Zeit das Zeichen dieser staatlichen Kontrolle über das Zeitungswesen und fiel erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts weg. Das Repressivgesetz wurde allerdings schon zur Zeit des Hochliberalismus am 15. Oktober 1868 wieder beseitigt.

Kehren wir aber wieder zu 1848 zurück. Dieses Jahr ist in der Geschichte des Zeitungswesens einzigartig. Denn in diesem Jahre entstand eine ungeheure Anzahl von Zeitschriften und Broschüren. Aber auch für die Untersuchung der Antikirchlichkeit ist gerade diese Zeitspanne zwischen der Proklamation der »Preßfreiheit« im März 1848 und seiner neuerlichen Einschränkung durch das Repressivgesetz im März 1849 von weittragender Bedeutung. Man bediente sich nämlich in dieser Zeit einer derartigen offenen Sprache, die oft bis zur realistischen Derbheit hinüberreicht und sich kein Blatt vor den Mund nimmt. So können aus den Schriften dieser Zeit bedeutsame Anhaltspunkte für das Verhältnis der liberalen Revolutionäre zur Kirche gewonnen werden. Daher ist die Flugschriftensammlung, die das Erzbischöfliche Ordinariatsarchiv in Wien in einem einzig dastehenden Umfange besitzt – nicht einmal die Österreichische Nationalbibliothek kann eine solche Fülle aufweisen – eine wahre Fundgrube.

Eine kleine Zahl soll uns die neue Lage auf dem Zeitungsmarkt verdeutlichen, wobei von den eigentlichen Flugblättern abgesehen wird: Existierten nämlich im Vormärz 10 Zeitungen, so kamen zu diesen im Revolutionsjahr 109 meist radikale Blätter dazu!47

Unter diesen neuen Blättern befanden sich auch schon 10 Zeitungen, welche die Arbeiterschaft vertraten. Von diesen waren die wichtigsten das ›Österreichische Buchdruckerorgan‹, das ›Wiener Allgemeine Arbeiterblatt‹, welches aber später zur liberalen ›Constitution‹ wurde; es gab ein Blatt, das sich ›Ohnehose‹ betitelte, ein anderes wieder hieß ›An meine Brüder Arbeiter‹. Auch eine ›Arbeiterzeitung‹ war schon erschienen. Die eigentliche Vorgängerin der heutigen AZ aber war die ›Österreichische Typographia‹, die dann zuerst noch ›Journal für Arbeiter‹ hieß und schließlich ab 1893 täglich als ›Arbeiterzeitung‹ erschien.48

Auf katholischer Seite war die Freude an der Journalistik noch nicht sehr groß. Es bedeutete dies sicher für die Beeinflussung der Massen, die auf diese Weise von diesem großen Ausmaß der Publikationen mit dem neuen aufgeklärten Gedankengut informiert wurde. Dieses Manko auf dem Gebiet der Presse wurde erst auf dem 5. Katholikentag im Jahre 1905 in Wien an der Wurzel angefasst, indem der Piusverein zur Förderung der katholischen Presse ins Leben gerufen wurde.49 Sebastian Brunner hatte allerdings 1848 die Wiener Kirchenzeitung gegründet, die sich hauptsächlich den Kampf um die Kirchenfreiheit als Ziel gesteckt hatte. Wie schwer es für Brunner war, sein katholisches Blatt gegen die vielen Feinde aus den gegnerischen, aber auch aus den eigenen Reihen50 zu verteidigen, berichtet er selbst: »Wie es leicht vorauszusehen war, begannen auch gleich Anfangs in der völlig entzügelten Presse, welcher sich das eckelhafteste Gesindel, darunter besonders viele verkommene Judenjungen, bemächtigte, Stürme gegen die katholische Kirche loszubrechen. – Die Früchte, an deren Aufkommen die Männer der Kirche und des Staates durch ihre Indolenz, Kurzsich­tigkeit und auch ihren förmlichen Haß gegen die Pflege der Wissenschaft in der Kirche, Schuld genug waren, sproßten plötzlich aus dem Boden, war ihr Keimen doch schon lange genug vorbereitet … Ich sage es, ohne mich zu rühmen, es gehörte ein Entschluß dazu, gegenüber den Tausenden von radikalen Schreiern eine Kirchenzeitung heraus­zugeben, bei dem man durchaus keine Unterstützung von keiner Seite her gewärtigen durfte. Daß gegen ein Organ, welches die katholischen Inter­essen vertritt, der ganze Literaturtrödelmarkt zu Felde ziehen wird, das konnte man sich auf den Fingern herzählen.«51

Dazu ist jedoch zu bemerken, dass Brunner sich bei der Kritik seiner journalistischen Gegner auch kein Blatt vor den Mund nahm und sich die Judenpresse, welche es in seinen Augen ganz besonders trieb, ­ebenso sehr gerne vornahm. Brunner war nämlich nach dem Urteil Scheichers »ein Typus, der vielleicht gewissen aristokratischen Kreisen wenig gefällig, der aber in der katholischen Kirche, einer Volkskirche, sehr am Platz war. Er schrieb derb, schonungslos, nach oder und unten.«52

Dass er sich dadurch keine Beliebtheit erwarb, liegt auf der Hand, und es wurde gegen ihn in der liberalen Presse, vor allem der ›Constitution‹, in nicht gerade freundlichen Artikeln geschrieben.53

Nach diesen mehr grundsätzlichen Gedanken zum Pressewesen im 19. Jahrhundert sollen nun einige Beispiele der Polemik gegen die ­Kirche zusammengetragen werden, um zu zeigen, in welchen Punkten eine Auseinandersetzung stattfand. Doch soll kein vollständiges Bild, noch weniger ein systematisches Bild geboten werden, denn das würde eine eigene Untersuchung erfordern, sondern es soll hier genügen, die grundsätzliche antikirchliche Einstellung des Liberalismus an Hand seiner Äußerungen in Einzelfragen zu verfolgen.

Der Ton macht die Musik – aber eine Revolution lebt nicht in romantischen Tönen: So wird man eine wohlklingende Sprache in den Revolutionsblättern vergeblich suchen. Zwar schrieb die ›Constitution‹ am Ende jeder Nummer über Zweck und Sprache ihrer Artikel: »Der Zweck dieser Zeitung ist: nicht dem wissenschaftlich gebildeten Publikum über seine Interessen und die täglich reicher auftauchenden Fragen über die in großartiger Entwicklung stehenden Verhältnisse des Vaterlandes einen Leitfaden zu bieten. Rücksichtslose Darstellung der Wahrheit und eine populäre Behandlung der Gegenstände, eine muthige und ehrliche Sprache wird unser Blatt tatsächlich empfehlen.« Wie ehrlich und rücksichtslos die Artikel sind, können wir ja aus dem Artikel in Anm. 54 leicht entnehmen. Auch die objektiven Monographien über die Revolutionspresse sind dieser Ansicht. So urteilt z.B. Eder: »Als jedoch die zwei Wiener Tagblätter, die ›Constitution‹ und der ›Freimüthige‹, einander gleich an Schärfe und Rohheit der Sprache wie an Gemeinheit des Inhalts, die Führung der öffentlichen Meinung an sich rissen, belud sich die Wiener Presse mit schwerer Verantwortung für die kommenden Ereignisse.« Eder spricht in diesem Zusammenhang von einem ›üblen Start des österreichischen Zeitungswesens‹.54

Welches sind nur die Themen, mit denen sich die liberalen Journalisten gegen die Kirche stellten? – Zunächst findet man zahllose all­gemein gehaltene, unbegründete antikirchliche und antiklerikale ­Pauschalurteile. Der ›Freimütige‹ hat seine Einstellung zu diesen Fragen schon vor seinem Erscheinen in der Ankündigung angedeutet, wenn er unter anderen Programmpunkten auf ›Bremsen für Pietisten‹, ›Nadelstiche für Mucker‹, ›Jesuitenspuck‹ und ähnliches anführt.55 Schon deutlicher drückte sich der Redakteur der ›Constitution‹, Löwenstein, in einem Artikel mit der Überschrift ›Pfaffenbube‹ aus und rief dort aus: »Nur mit dem letzten Pfaffen stirbt der letzte Feind der Freiheit!«56

Damit stehen wir aber schon bei einem konkreten Kampfgebiet. Die Verbindung der Kirche mit dem Staat der josephinischen Zeit ließ nämlich die Revolutionäre keinen Unterscheid zwischen kirchlicher und staatlicher Autorität machen. Man wollte von jeder Autorität sich lossagen. Und dazu noch andererseits: Wenn man die Kirche bekämpfte, kämpfte man auch gegen den Staat! Diese Ansicht wird in sehr eigentümlicher Weise im ›Wiener Krakehler‹, einem satirisch-humoristischen Blatt, zum Ausdruck gebracht. Schon der Untertitel des Blattes spiegelt die antikirchliche und antirömische Tendenz wieder: Pius IX. führte die Redaktion; dann folgt: »Nr. 1., Rom am ersten Tag des Heils, denn der erste Tage des Heiles beginnt mit dem Erscheinen des Krakehlers«. Aus der zweiten Seite findet sich dann eine Karikatur mit dem Motto: ›Politisches Ringelspiel‹. Die darunter stehende Zeichnung zeigt um die Krone reitende Minister, Priester und Generäle. Und die Beschriftung lautet: »Wie sich die Minister, Pfaffen und Generäle in Krakehlien im Ringelspiel um die Krone tummeln. Das Ringelspiel wird durch einen Mechanismus in Bewegung gesetzt«, welcher laut Zeichnung Geldsäcke mit horrend hohen Zahlen sein sollen.57

Die Stellung zur kirchlichen Obrigkeit, die ja nur in Verbindung mit der Staatsmacht gesehen wurde, mag ein Ereignis aus der kurzen Zeit der Macht des liberalen revolutionierenden Bürgertums illustrieren. Es handelt sich um die sogenannte ›Katzenmusik‹ vor dem Palais des Wiener Erzbischofs Eduard Milde im April und Mai des Jahres 1848.

Die Katzenmusik hatte sich im lärmliebenden Pöbel rasch eingebürgert. Sie bestand darin, dass man zu sehr unliebsamen Zeiten, meist gegen Mitternacht, vor dem Wohnsitz bzw. dem Palast der auserkorenen Persönlichkeit aufzog, dort einen wüsten Lärm veranstaltete, Fenster einwarf und gegen das Opfer Drohungen und Spottverse losließ. Die Aufmerksamkeit der Randalierenden richtete sich selbstverständlich nicht nur gegen kirchliche Behörden, auch Minister durften nach irgendwelchen, dem Volk unangenehmen Entscheidungen, mit ihr rechnen. Trotzdem wurden besonders gerne Pfarrhöfe und auch das Palais des Erzbischofs bevorzugt. So wissen wir, dass dem Pfarrer des späteren Kardinals Gruscha in Floridsdorf durch einen solchen, meist auch wegen der zerschlagenen Fensterscheiben teuren Spektakel sein Posten verleidet wurde und dieser sich nur durch Flucht dem Pöbel entziehen konnte: Er soll beim Eintreiben der Stolgebühren allzu große Härte gezeigt haben.58 Auch Dr. Brunner wurde eine solche Katzenmusik angekündigt. Am 2. Mai 1848 weiß die ›Constitution‹ ganz stolz über ihre ›Propaganda der Katzenmusik‹ zu berichten: »Dem Herrn Dechanten zu K. wurde vor einigen eine ganze honette Katzenmusik gemacht, weil er verweigerte, für die am 13. März d. J. Gefallenen (in der Fußnote: Man weiß schon nicht mehr, wie man diese Individuen nur benennen soll) eine Seelenmesse zu lesen. Wie weit sind doch die Leute in der Provinz noch zurück. Hier in Wien denkt man nicht gerne an diesen Tag.«59 Selbst auf die Landbevölkerung haben die lärmenden Methoden bereits übergegriffen.

Nun, die Katzenmusik, die dem Erzbischof vorgeführt wurde, wurde durch dessen Haltung den unbeliebten Ligourianern (Redemptoristen) gegenüber ausgelöst. Dabei war die Haltung des Erzbischofs gar nicht wohlwollend, sondern nur gerade noch neutral, weil er ja doch offiziell gegen einen Orden der Kirche nicht Stellung nehmen konnte. Trotzdem wurde er auf folgende Weise in diese Angelegenheit derartig verwickelt, dass er einer Katzenmusik wert befunden wurde. Hören wir den Bericht aus der Abendbeilage der amtlichen Wiener Zeitung vom 3. Mai 1848: »Aus Wien wird berichtet. Eine außerordentliche Beilage zur ›Österreichisch-deutschen Zeitung‹ vom 3. Mai, welche auch außerdem in tausenden von Exemplaren durch Colporteure verbreitet und heute selbst mit Agio verkauft wurde, brachte unter der Überschrift: ›Habt acht! Habt acht! die Ligourianer sind wieder da! Guten Abend!‹ eine Reihe von Aktenstücken, welche den Erzbischof von Wien und mehrere Wiener Bürger ligourianerfreundlicher Umtriebe ernsthaft bezichtigt. Diese Actenstücke, welche – nach den Angaben der Österreichisch-deutschen Zeitung – von dem Herrn Minister der Inneren einer Deputation aus Bürgern und Studenten mitgeteilt worden war, bestehen in einer Reklamation von vier Bürgern und Hausinhabern gegen die Ausweisung der frommen Patres, ferner in einem an den Herrn Minister gerichteten Brief des Wiener Erzbischofs Vinzenz Milde, worin er sich gegen die ›gewaltsame und wirklich grausame Art der Vertreibung‹60 der Redemptoristen beklagt und für selbe, sowie für die ihnen verschwesterten Nonnen eine Unterstützung aus dem confiszierten Klostergut ausspricht, weiter in einem Schreiben des Herrn Minister Pillersdorf an den Regierungspräsidenten Talatzko, womit derselbe zu geeigneter Vorsorge für jene Religionen aufgefordert und ihm das oben erwähnte Gesuch der Wiener Bürger zur Amtshandlung überwiesen wird und endlich in einem der Referate der N.Ö. Landes­regierung, welches obige Ministererlässe unter Anführung der Motive zu den Akten legt.

Wie man ganz natürlich finden wird, brachte diese Veröffentlichung in den Gemüthern der über das Treiben jener Finsterlinge längst empörten Wiener eine ebenso gerechte als ernste Gährung hervor, da man es nicht für möglich gehalten hatte, dass sich jemand mit dem absurden Gedanken der Rückberufung jener Krypto-Jesuiten im Ernste tragen könne, wie man es doch jetzt deutlich gedruckt vor sich sah. Die Gährung brauste nämlich in der Universität mächtig auf.61 Nachdem den ganzen Tag über die Frage debattiert worden war, zogen endlich um ½11 Uhr Nachts Schaaren von Studenten62, welchen sich Bürger und Nationalgarden anschlossen, vor das eb. Palais, um dort ihren Gefühlen in den unharmonischen Tönen eines Monstre-Katzen-Concertes Luft zu machen. Ein kühner Kletterer holte die deutsche Fahne vom Fenster herab, welche zerrissen und der Schaft im Triumph von der Schaar hinweggetragen wurde.« Doch sollte Milde, da die Volkslaune schon genügend genährt war, nicht der einzige sein, dem ein Ständchen dargebracht wurde. Denn der Bericht fährt fort: »Jetzt wandte man sich zum Hotel des Ministers Fiquelmont (wohl wegen der Lon­doner Geschichte, oder wegen der ihm angeschuldigten Abdankung Zaninis), endlich – wie wir hören – gegen mehrere mißliebige Personen in der Leopoldstadt (wahrscheinlich gegen den Pfarrer des Kaplans Gruscha).« Zum Abschluss wird sich aber die Wiener Zeitung noch ihres offiziellen und objektiven Charakters bewusst und fügt hinzu: »Wir können nur mit höchster Entrüstung wahrnehmen, dass solche unbegreifliche retrograde Bewegungen noch immer Statt finden (sic) und die Stimmung des Volkes in einer Weise verbittern, welche die gedeihliche Gestaltung der Dinge wahrlich nicht fördern kann.«

Der Erzbischof, welcher sich im unruhigen Wien ohnedies nicht sehr wohl gefühlt hatte, spürte er doch seine Verbindung mit dem Staat als deutliche Gefahr, verließ daraufhin Wien und zog sich auf sein weit vom Unruheherd liegendes Sommerschloss zurück.

Da bei dieser Katzenmusik aber zugleich staatliche und kirchliche Behörden in Mitleidenschaft gezogen worden waren, fühlte sich der Minister des Inneren Franz Frh. v. Pillersdorf dazu bemüßigt, dieses Treiben wenigstens durch eine Rüge einzuschränken und den Erzbischof, der ja irgendwie auch Garant und Verkörperung seiner eigenen Autorität darstellte, in Schutz zu nehmen. Er erließ daher am 6. April 1848, also noch in der gleichen Nacht, in welchem die Unruhen stattfanden, eine Kundmachung, auf der es hieß: »Die Ruhe eines ehr­würdigen Greises, dessen Leben ebenso reich an Frömmigkeit als an wohltätigen Handlungen ist, welcher erst kürzlich in einer erhabenen Kirchenfeier den Segen des Himmels für die den Wünschen der Bevölkerung gewährten Institutionen angerufen hat, wurde durch verbrecherische Excesse gestört. Wenn auch solche Handlungen dem sittlichen Gefühle der Einwohner Wiens und allen redlich Gesinnten widerstreben, so ist es doch die Pflicht aller, welchen Ordnung und Ruhe am Herzen liegt, solchen Unfugen Widerstand entgegenzusetzen, um die Teilnehmer an demselben der verdienten Strafe zuzuführen.«63 Das hinderte aber die radikale Presse nicht daran, dennoch von einer »Aufopferung der nächtlichen Ruhe« zu sprechen, welche »die Aufhebung der Ligourianer beiderlei Geschlechts und der Jesuiten« erreicht hatte.64 Ist dieses Ereignis auch inhaltlich nicht sehr ergiebig für unser Thema über den Punkt der liberalen Kritik an der Kirche, so wurde dennoch sein Ablauf mit allen Nebenerscheinungen vorgelegt, damit wir uns ein Bild machen können, wie sehr der Kampf der Liberalen mit allen lauten Mitteln in aller Öffentlichkeit geführt wurde und es auf diese Weise möglich wurde, dass auch die mitrevolutionierenden Arbeiterkreise von dieser kämpferischen Haltung angesteckt wurden.

Doch nun zu einigen weiteren Forderungen der Liberalen. Aus der eben berichteten Episode ist zu entnehmen, dass sich die Wut der Aufständischen unter anderem auch gegen die Ligourianer richtete. Mit welchen Worten man gegen diesen Reformorden, der ein heftiger Gegner des josephinischen Staatskirchentums war, ankämpfte, können wir einem Artikel der Wiener Zeitung entnehmen: »Im Laufe des gestrigen Tages wurden die P.vP. Ligourianer genötigt, ihr Kloster an der Fischerstiege zu verlassen. Es wäre zu wünschen gewesen, dass es diese Herren auf solche Demonstrationen nicht ankommen lassen, sondern beizeiten eingesehen hätten, dass mit dem Anfang des Lichtes über Österreich hier ferner keine Stätte zu ihrem verfinsternden Wirken sei. Das Volk verlangt jetzt nach Religion, nicht Aberglauben, Kirche, nicht Pfaf­fentum, Sittigung, nicht Verfinsterung.«65 Worin bestand aber das Wesentliche an der Religion und der Kirche, welche die erleuchtete Gesellschaft der 48erjahre sich ersehnte? Neben der Vertreibung der Jesuiten, die schon als ein Punkt am 13. März im Hof des Ständehauses gefordert worden war66 (es stand dieser Punkt an zweiter Stelle gleich nach der Forderung nach der Abdankung Metternichs und wurde laut Zeitungsoriginalbericht mit polterndem Getümmel begrüßt) – verlangte man die Aufhebung aller Nonnenklöster, der »Schande unseres Jahrhunderts und der Überrest verdummter Barbarei«.67 Das Wort Verdummung war überhaupt sehr beliebt, genauso wie Finsterlinge, Pfaffen und Barbaren. Die Studentenschaft, welche im Fordern schon geübt war, meinte ganz stolz zu dieser Forderung nach der Aufhebung der Stifte und Klöster: »Ihnen (den Studenten) allein werden wir es verdanken, wenn der Reichstag die Stifte und Klöster aufgehoben haben wird«.68 Ja selbst mit der Abschaffung der lateinischen Sprache in den Gymnasien wollte man den Bruch mit dem finsteren Mittelalter und der Kirche beschleunigen.69

Das Ziel, welches die Gegner bei der Forderung nach der Aufhebung der Klöster und Stifte im Auge hatten, war nicht zuletzt die Sanierung des österreichischen Staatshaushaltes. Denn der österreichische Staat steckte tief in Schulden,70 dazu war die wirtschaftliche Lage des Jahres 1848 durch die Revolution noch schlechter geworden. Es gab selbst Stimmen, welche die Bischöfe und Prälaten mit Milde zur ›Einsicht‹ bringen wollten, indem sie unter rosigen Zukunftsmalereien die Geistlichkeit zu vorbildlichen Opfern auf dem Altar des Vaterlandes aufforderten. In einem Flugblatt, das sich als »Offenes Schreiben eines Wieners an die Bischöfe und Prälaten der österreichischen Monarchie« übertitelte, hieß es: »Hochwürdige! … Haben Sie, H. Herrn! noch keine Kunde erhalten von dem unter dem Volk ziemlich laut gewordenen Stimmen, welche in der Aufhebung der Klöster, Einziehung der geistlichen Güter zu Gunsten des Staatsschatzes, und Bestimmung von fixen Bezügen für die Geistlichkeit das einfachste Mittel zur Realisierung dieses Zweckes71 erblicken?«72 Und die Constitution schrieb am 6. Mai 1848: »Eine Bitte großjähriger Kinder an ihre geistlichen Väter! … Erklärt offen und frei Eure Güter als die, in Zeiten des Überflusses aufgehäuften Schatzkammern der Nation! … Es zeichnen Eure auf schleunige Besserung hoffenden Söhne Martin Luther, Exmönch; J.J. Rousseau, wirklicher Proletarier; Ludwig Philipp, Ex-Banquier; im Namen aller alluminierten Menschenklasse von J.S.«73 Aus den Unterschriften lässt sich sehr gut das Gedankengut der Reformation erkennen, auf welches der Schreiber sich stützt. Luthers Name bringt das zum Ausdruck. Dabei ist es weniger das Glaubensgut, welches von der Reformation zum Kampf gegen die Kirche geliehen wird, sondern die Tatsache der Unabhängigkeit von Rom, wonach die Revolutionäre streben. Es ist dies auch die dritte Forderung im schon erwähnten Ministerkatechismus, nämlich »Die Ernennung eines von Rom unabhängigen Kirchen­ministers«.74

Neben dieser Vielfalt von antikirchlichen Forderungen der Liberalen findet sich auch eine Unzahl von Gerüchten, welche die ›Pfaffen‹ unbeliebt machen sollten. So berichtet Gruscha in seinem Revolutions­tagebuch, dass man die Nationalgarde dadurch gegen die Geistlichkeit aufhetzen wollte, indem man das Gerücht in Umlauf brachte, es sei aus einem Leichenhaus auf den Mobilgarde geschossen worden. Die ›Constitution‹ gab sogar selbst zu, dass sie den Clerus ›hasse‹: »… in der ganzen zivilisierter Welt gibt es auch nicht ein einziges Mitglied des Clericerstandes, welches, wenn man es hasst und verachtet und davonjagt, bei aller Frechheit sich laut und öffentlich zu behaupten traut: ich werde aus den gleichen Gründen wie die Apostel, wie Christus gehasst.75 Immer sind es nur die aufrührerischen, herrschsüchtigen, meineidigen, wucherischen, unersättlichen Pfaffen, welche man haßt. Die Bollsäufer, welche ihre reichen Pfründe in Unzucht und Geilheit verprassen, werden gleichfalls angefeindet und gehaßt, desgleichen die Ehebrecher, die Knabenschänder, die Mörder …«.76 Wie weit dieser Artikel auf Tatsachen beruht, kann man sich bei dieser ausführlichen Aufzählung von Verbrechen ja denken! – Selbst die Schlussformel der eb. Kurrenden »gegeben aus meinem Palais« wurde von Gegnern des »finsteren Systems des Absolutismus und Freunden der Gleichheit« in »tiefster Demut« heruntergemacht.77

Ganz besonders gerne aber schrieb man Priestern irgendwelche Vergehen zu, die auf politischen Gebieten liegen. So berichtet die ›Constitution‹ in aller Aufmachung von einem durch einen Priester der Wiener Erzdiözese begangenen Wahlschwindel; selbst die Eröffnungsrede dieser Wahlversammlung will man im Wortlaut gewusst haben.78 Der Erzbischof von Salzburg wiederum wurde in einem Flugblatt ein ›Erz-Slawenfreund‹ genannt, und es wurden ihm folgende Worte in den Mund gelegt: »Ich bin zwar ein Wiener, aber mich gehen die Wiener nichts mehr an«.79

Abschließend sei bemerkt, dass bei dem großen Einfluss der Literatur und der Tagespresse auf Gebildete und Ungebildete80 es gar nicht verwunderlich ist, wenn diese antikirchliche Stimmung auch auf Kreise der mitrevolutionierenden Arbeiterschaft überschlug und dort fortwirkte.

Liberale Ideen und die Arbeiterschaft

Wir sind nun beim Kernpunkt der Behandlung des Liberalismus angelangt und fragen uns, inwieweit das liberale antikirchliche Gedankengut in die Arbeiterkreise Eintritt fand. Zwar wurde schon im Zusammenhang auf manche Punkte hingewiesen, doch ist es sicher von Vorteil, die bisher gereiften Früchte hier zusammenzutragen.

1. Ein wichtiges Eingangstor dieser liberalen Ideen bildete sicher die Zusammenarbeit der Arbeiter mit den revolutionierenden Studenten in den Revolutionstagen des Jahres 1848. Denn gerade in dieser Studentenschaft war der liberale Geist beheimatet.

Freilich unterschieden sich die Beziehungen der Studenten zur Religion von der indifferenten Haltung des späteren Liberalismus. Weil aber die »katholische Kirche, wie sie war, ein veraltetes Instrument und außerdem durch allzu enge Beziehungen zur Regierung kompro­mittiert war«, strebte die Studentenschaft auch hier eine Auflockerung der kirchlichen Autorität, wie sie etwa im Protestantismus oder um Deutschkatholizismus vorgezeichnet war, an.81 Dieses Urteil, wie es eine Festschrift über die Wiener Universität abgab, ist etwas gar milde ausgefallen. Denn tatsächlich war die Stellung gegen die kirchlichen Behörden und Institutionen ziemlich offen, wie wir schon aus der meist von Studenten redigierten liberalen Presse entnehmen konnten.

Von dieser Studentenschaft also nahm die Revolution von 1848 ihren Ausgang. Bald aber schlossen sich auch zahlreiche Arbeiter an, die ja in ihrem Elend nichts zu verlieren hatten als ihre tristen sozialen Umstände. So kam es, dass die Arbeiterschaft von ihren Kampfesgenossen nicht nur die politischen Ziele, sondern auch die Stellung zu Kirche und Religion übernahmen. Daran änderte auch nichts mehr die ablehnende Haltung der Studentenschaft gegenüber dem vierten Stand, welche sich sehr bald zu einer starken Bewegung entwickelt hatte.82 Die Bürgerlichen hatten nämlich damals schon Angst vor dem maßlosen Proletariat bekommen, und zwar mit Recht, denn die Oktoberrevolu­tion des Jahres 1848 ging ja hauptsächlich von Arbeiterkreisen aus.

2. Aber nicht nur die gemeinsamen Kämpfe, sondern auch die Presse, über die das vorige Kapitel ausführlich handelte, wirkte bei der Entfremdung der Arbeiter von der Kirche mit. Vielleicht war gerade das geschriebene Wort der Weg für die liberalen Ideen in die Arbeiterkreise. Denn in einer Zeit, die keine anderen Kommunikationsmittel als den Tratsch auf dem Markt oder auf dem Kirchplatz am Sonntag kannte, also weder Fernsehen noch Radio, die bis dahin auch keine freie Presse besaß, musste das nun auftauchende gedruckte Wort wie ein Evangelium wirken. Es handelt sich um einen ähnlichen Effekt wie bei der Verbreitung des Protestantismus, welche nur durch die in größeren Auflagen gedruckte Bibel so schnell vor sich gehen konnte.

Die Wirkung dieser liberalen Journalistik wurde noch dadurch vergrößert, dass erstens die Arbeiterschaft durch die lange und schwere Arbeit während der Kindheit und durch das Elend, aus welchem in vielen Fällen der Alkoholismus geboren wurde,83 auf sehr tiefem geistigen Niveau stand und zu einem eigenen Urteil nicht fähig war. Zweitens fehlten ihr aber auch noch die Schlagworte, welche ihr später durch die Organisationen vorgesetzt wurden. So kam es, dass die liberale Presse ihren Einfluss unumschränkt ausüben konnte, da es noch dazu an guten katholischen Blättern fehlte.

3. Neben den Studenten und der Presse aber wirkte auch das Beispiel der gelehrten und angesehenen Persönlichkeiten auf das einfache Volk. Über die »indifferenten, liberalen und ungläubigen Städter, welche das Landvolk verderben«, führten schon die Dekanatsvisitationsberichte von Klosterneuburg aus dem Jahre 1845 Klage.84 Und vier Jahre vorher schrieb der gleiche Dechant noch ausführlicher in seinem Bericht: »Eine fernere sittliche Schattenseite erwächst aus dem regen häufigeren Verkehr der Landleute85 mit der Haupt- und Residenzstadt; denn (sie imitieren die Gewohnheiten) vieler über Sommer auf dem Lande wohnender liberal gesinnter oder vielmehr ungläubiger, über alles absprechender Städter, angewöhnt den neuen Bedürfnissen in kostspieligem Essen und Trinken, pretiösen Kleidern, Zeit und Geld raubenden Unterhaltungen, ungebundenen Reden u.f., wodurch die Familien in ihrem Haushalte häufig ruiniert werden, weil das Mehrerworbene schneller wieder verschlungen wird. Auch schickt uns die Hauptstadt für die dahin abgesetzte gute Ware vielfach schlechte zurück: Eingebildete, Vielwisser, Raisoniers, Wortführer und Gesetzesausleger in den Wirthshäusern, politische Klopfflechter, Unzufriedene, Ungläubige, Religionsspötter.«86

Wie sehr solche oft angesehene und gescheite Leute auf das einfache Volk Einfluss hatten, zeigt uns Sebastian Brunner in einem seiner Tagebücher »Woher? Wohin?«. Er schildert dort das Erlebnis eines Totengräbers mit einem Adeligen aus Wien, einem Rat, welcher ja alles besser wissen musste, hatte er doch lange studiert. Ja selbst dessen sichtlich gutes Einvernehmen mit dem Ortspfarrer trug dazu bei, den Totengräber in seiner ›Bekehrung‹ zu festigen. Lassen wir uns diese Episode von Brunner selbst erzählen: »Als ich mich darnach wunderte, wie denn der Todtengräber gegenüber dem Rathe (ein Adliger aus Wien) einen so großen Glauben gezeigt, dass er so geschwind war, den Glauben an die Kirche und Gottes Wort, das in ihr gelehrt wird, alsbald über Bord zu werfen; da zeigte es sich, dass der Meister im Unglauben den Schüler durch nicht mehr als durch seinen hohen Rang einschüchterte: denn, meinte mein Erdenmann, sehen Sie, so ein Rath, der muss doch etwas Rechtes gelernt haben, und außerordentlich hoch studirt sein (sic), sonst wäre er nicht Rath geworden, und ein paar Bänder mit Kreuzen hatte er noch überdies im Knopfloch gehabt. Und besonders hat den Todtengräber der Umstand in seinem Glauben an die Lehren des Rathes befestigt, dass er denselben öfter in Gesellschaft des Pfarrers sah, dass der Pfarrer oft beim Rath speiste, und dass beide oft recht lustig miteinander gewesen sind; und es ihm oft gedünkt habe, obwohl er das nicht gewiß behaupten könne, sie hätten sich sogar über die Leute, die noch etwas glauben, lustig gemacht«.87

4. Schließlich kam für die Arbeiter auch von Seiten ihrer Arbeitgeber ein Anstoß zur Entfremdung. Wir haben hier das Phänomen der Leitbildhaftigkeit vor uns, d.h. die Einstellung des Arbeitgebers zu politischen und auch religiösen Fragen wurde für den Arbeitnehmer vorbildlich. Die Gründe sind wieder die gleichen, die wir schon für die Möglichkeit eines so gewaltigen Einflusses der Revolutionspresse angeführt haben: es ist letztlich die Urteilslosigkeit und geistige Unmündigkeit der Arbeiter.

Dabei können wir zwei Fälle für die Macht des Einflusses des negativen Vorbildes unterscheiden: im einen Fall steht der Arbeiter mit seinem Arbeitgeber auf gutem Fuß, er achtet und schätzt ihn. In diesem Falle ist es einleuchtend, dass eine Einflussnahme leicht möglich wird und wurde, und zwar sowohl im guten als auch im schlechten Sinn. Schwieriger ist eine solche Einflussnahme im anderen Fall zu beweisen, wo nämlich der Arbeiter mit seinem Arbeitgeber nicht in gutem Einvernehmen steht. Aber auch in diesem Fall ist ein Einfluss nicht auszuschließen. Denn wenn der Ausbeuter verhasst ist, so vielfach deshalb, weil er es eben besser hat und der Arbeiter es ebenso gut haben möchte. Und in diesem Streben nach dem ebenso unangenehmen Leben übernimmt der Arbeiter unbewusst alles von seinem Herrn, was er übernehmen kann, so vor allem die Ablehnung der Religion und Kirche, die ihm ohnedies in seiner Not nicht helfen werde, wie ihm von verschiedenen Seiten eingehämmert wird.

Nun war aber der Großteil der Arbeitgeber und Fabrikanten libe­ral,88 war der Kirche nicht gut gesinnt, weil sie ihm durch das Gebot der Sonntagsheiligung die Gewinnsucht beschnitt. Außerdem bekannten sich viele Fabrikanten zum Protestantismus oder waren Juden. Das gleiche gilt für zahlreiche Aufsichtsorgane und Werkmeister. Darüber aber im nächsten Kapitel mehr.

Eine Randbemerkung soll dieses erste Kapitel abschließen: Wenn wir hier von Entfremdungseinflüssen gesprochen haben, die von den Arbeitgebern, der Presse, der Studentenschaft oder auch von hochgestellten Personen, selbst der Lehrerschaft ausgingen, so darf nicht vergessen werden, dass dies keine Pauschalurteile sind. Nicht alle Studenten, nicht alle Arbeitgeber usf. haben auf ihre arbeitenden Mitmenschen einen negativen Einfluss in Bezug auf das Verhältnis zur Kirche ausgeübt. Sondern es gab einige Arbeitgeber, welche ihre Untergebenen der Kirche entfremdeten, es war die Tendenz in der Studentenschaft und Presse, antikirchliche Artikel zu verfassen. Unsere Themenstellung erfordert aber diese Einschränkung auf die Entfremdungsursachen. Dies muss bei allen angeführten Faktoren berücksichtigt werden, will man sich ein realistisches Bild machen!

Andere Umweltfaktoren

Der Protestantismus

Als der Protestantismus sich in Deutschland auszubreiten begann und auch schon in Österreich in weiten Kreisen Fuß gefasst hatte, war es das katholische Kaiserhaus, welches der Kirche das bracchium saeculare lieh und mit aller Macht der Gegenreformation zum Durchbruch verhalf.89 Auf diese Weise hatte der Protestantismus in Österreich für lange Zeit seine Existenzberechtigung verloren. Dieser Zustand begann sich erst mit dem Eindringen des aufgeklärten Gedankengutes zu ändern. Denn mit ihm kam der Gedanke der Toleranz, der den Boden für ein neuerliches Einströmen und die Duldung des Protestantismus bereitete.

Schon mit dem Eindringen der Freimaurerbewegung, über welche wir bereits weiter oben schon gesprochen haben, wurde der Tolerierung der Protestanten der Weg eröffnet. Denn die Freimaurer standen grundsätzlich auf dem Boden eines dogmenlosen Christentums, wie es die Reformation geschaffen hatte. Dazu hatten sie besonders in Deutschland viele Protestanten in ihren Reihen. So konnte es kommen, dass die Logenbrüder durch ihren bedeutenden Einfluss auf höhere Kreise schließlich den aufgeklärten Kaiser Joseph II. bewegen konnten, im Jahre 1871 das Protestanten-Toleranzpatent zu erlassen. Freilich bekam dieses nicht in allen Erblanden Geltung, so vor allem nicht in Tirol, wo es 1837 noch zur Ausweisung von 437 Protestanten kam, welche vom katholischen Glauben abgefallen waren.90 Diese Ausweisung hat der Kirche aber mehr geschadet als genützt, da sie ein neuer Anstoß zur Kritik an den ›Finsterlingen‹ wurde. Gilms ›Jesuitenlieder‹ singen davon in sehr eindrucksvollen und scharfen Tönen.91

Das Protestantenpatent hat aber auch noch eine zweite, nicht geistesgeschichtliche, sondern wirtschaftliche Wurzel. Denn der Kaiser suchte zur Hebung der österreichischen Industrie deutsche Unternehmen nach Österreich zu ziehen. Deutschland und überhaupt Westeuropa war ja den beiden Agrarländern Österreich und Bayern in der Industrialisierung ein beträchtliches Stück voraus. Michel meint im Anschluss an Max Weber92, dass dieser Rückstand unter anderem darin begründet liege, dass die beiden letzteren Staaten durch ihr katholisches Element, welches eher zur Scholle und zum Feudalsystem hinneigt, in ihrer industriellen Entwicklung gehemmt worden seien. Dagegen sei das reformatorische Element vor allem in der kalvinistischen Ausprägung viel wirtschaftsfreundlicher.

Der Kalvinismus sah ja den wirtschaftlichen Profit als persönliche Erwählung durch Gott an93 und so ist dieses Wirtschaftsstreben in kalvinistischen Ländern keineswegs verwunderlich. Ebenso ist es daher auch andererseits verständlich, dass sich die Industrie in Österreich nicht aus eigener Initiative entfaltete, sondern sehr viel Staatinitiative dazu notwendig war.94

Dass nun tatsächlich viele Protestanten nach Österreich kamen, belegt u.a. Benedikt in seinem industriegeschichtlichen Werk ›Die wirtschaftliche Entwicklung in der Franz-Josephs-Zeit‹.95 Danach sind besonders in Niederösterreich eine beträchtliche Anzahl der bedeutendsten Unternehmer Protestanten, z.B. Cornides in St. Veith im ­Tristingtal, Coith in Fahrafeld und Pottenstein, Neufeldt in Tristinghof, vor allem aber die bekannten Unternehmer Schöller und Krupp, die Begründer der Berndorfer Stahlwarenfabrik.

Auch im Raum um Wien und im Wiener Becken (Baden, Neunkirchen) wurden zahlreiche protestantische Unternehmen gegründet.

Welche Wirkung übten nun diese protestantischen Unternehmer auf die ihnen untergebene Arbeiterschaft aus? Um diese Frage richtig beantworten zu können, ist es nützlich, wenn wir uns die Vorfrage stellen, welche Wirkung das Toleranzpatent ganz allgemein auf die Bevölkerung ausübte. Darüber bieten uns die bischöflichen Visitationsberichte an den Kaiser Franz I. einigermaßen Aufschluss.96 Diesen können wir entnehmen, dass in der unmittelbaren Folgezeit nach dem Erlass zunächst zahlreiche Übertritte zu verzeichnen waren, vor allem in Oberösterreich, wo seit dieser Zeit die Katholiken in manchen Gemeinden noch in Minderheit sind (z.B. Wallern, Goisern, Scharten). Diese Austritte aus der Kirche wurden in den Franzosenkriegen vielfach noch gefördert, so neben Oberösterreich auch in Kärnten. Denn die Militärregierung machte keinerlei Schwierigkeiten beim Austritt aus der katholischen Kirche. Als neues Problem taucht daher in den Visitationsberichten die Frage der Mischehen zwischen Katholiken und Protestanten auf. Allgemein aber klagen die Bischöfe, dass in den gemischten Gebieten ein ›Unseliger Indifferentismus« einzureißen beginne.

Kehren wir zur ersten Frage nach dem Einfluss der Arbeitgeber auf ihre Untergebenen zurück. Es ist dabei noch hinzuzufügen, dass sich nicht nur die Unternehmer selbst, sondern auch Aufseher, Werkmeister und Direktoren, kurz also die gesamte führende Schicht des Betriebes zum Protestantismus bekannte. Über solche Betriebe berichten uns die Visitationsberichte des Wiener Erzbischofes, in dessen Amtsbereich sich zahlreiche protestantische Unternehmen befanden. Der Erzbischof klagt, dass bei den Arbeitern aus diesen Betrieben das Fastengebot nicht mehr gehalten werde; dass diese Arbeiter den Kirchenbesuch vernachlässigten und dass sie auch nicht mehr regelmäßig zu den Sakramenten kämen. Diese Missstände würden auch dadurch gefördert, dass Protestanten bei der Aufnahme in den Betrieb bevorzugt würden und daher viele, um Arbeit zu bekommen, der Kirche den Rücken wandten. Andererseits aber seien, so meint der Erzbischof, manche »Fabrikaten auf ihre Konfession gar nicht eifersüchtig«. Nur wenige erzögen ihre Kinder protestantisch, und der Neunkirchner Fabrikdirektor, der auf eigene Kosten einen Superintendenten aus Wien hatte kommen lassen, damit seinen Glaubensgenossen feierlich das Abendmahl gespendet werden konnte, gehöre doch zu den Ausnahmen.97 Wir wissen aber auch, dass die protestantischen Unternehmer doch nicht ganz so untätig waren und so uneifersüchtig auf ihre Konfession, wie es der Wiener Erzbischof auslegte. Es war nämlich vor allem das Gebiet der Schule, welches die Protestanten für sich ausnützen konnten. Sie errichteten z.B. in der Pfarre Schwarzau hinter dem Schneeberg eine eigene Schule für protestantische Holzfäller. Überhaupt war neben Wien, Oberösterreich und Kärnten auch die Steiermark ein für den Protestantismus fruchtbares Land, wovon auch die Tatsache zeugt, dass man eigens Redemptoristen in die Steiermark entsandte, um dieser Übertrittswelle Einhalt zu gebieten.98

Neben den bischöflichen Visitationsberichten handeln auch die Berichte der Dechanten vom Protestantismus. Zunächst weisen sie darauf hin, dass sich auch unter der Arbeiterschaft in den Fabriken viele Protestanten befinden. Ein Wiener Dechant führt als Grund für die zunehmende Gleichgültigkeit gegenüber Religion und Sitte und damit für den starken Anstieg der unehelichen Geburten ausdrücklich »die der Arbeiterklasse angehörigen, der katholischen Kirche aber feindlich gesinnten, nicht selten ganz glaubenslosen Protestanten« an, die in den Gasthäusern und Schenken antikatholische Propaganda machten. Die eigentlichen Bewohner, so meint dieser Dechant, seien durchaus ordentlich, nicht aber die Fabrikarbeiter.99

Wenn wir kurz zusammenfassen, so ergibt sich für die protestan­tischen Betriebe, also für die Betriebe, in welchen der Unternehmer selbst, seine Stellvertreter und die Oberschicht des Werkes oder schließlich ein Großteil der Arbeiterschaft selbst protestantisch waren, folgendes Bild:

1. Es wurde entweder durch antikatholische Propaganda des Unternehmers oder der Arbeitskollegen der Austritt aus der Kirche gefördert.

2. Durch das Nebeneinander verschiedener Konfessionen begann sich in manchen Betrieben ein tolerierender Indifferentismus durchzusetzen.

3. Oder es wirkte schließlich schon bloß das Vorbild des Unternehmers, dessen Religion gleichsam eine leitbildhafte Funktion gewann; dies vor allem dann, wenn der Unternehmer in guten Einvernehmen mit seinen Arbeitern stand und eine sehr starke Persönlichkeit war.

Keine von diesen Möglichkeiten, welche in den einzelnen konkreten Fällen nie so getrennt auftraten, sondern sich gegenseitig ergänzten, konnte für die Stellung der Arbeiterschaft zur katholischen Kirche förderlich sein. Denn meist gewannen jene Arbeiter, welche die katholische Kirche verließen, selten einen echten Anschluss an ihre neue Konfession, sondern sie blieben vielmehr größtenteils bei der Absage an jede Religion im Indifferentismus stecken.

Ergänzend soll noch kurz auf das protestantische Gedankengut innerhalb der Studentenschaft hingewiesen werden. Bei ihr gewann nämlich besonders die Idee der Auflockerung der kirchlichen Autorität Bedeutung. Die Brücke für diese Idee bildete aber der Liberalismus selbst, welcher der Feind jeglicher Autorität war und so Wegbereiter des Protestantismus in die Studentenschaft hinein wurde, ebenso wie einst umgekehrt der Protestantismus das Entstehen des Liberalismus gefördert hatte. Das protestantische Gedankengut spiegelt sich in verschiedenen Flugblättern des Revolutionsjahres wieder. Schon im Zusammenhang mit der antikirchlichen Stellung der liberalen Presse sind wir auf einen Punkt der Forderung die die liberale Presse gestoßen, welcher auch hier seinen Platz hat: es handelt sich um die Forderung nach einem von Rom unabhängigen Kirchenminister, welcher wie ein protestantischer Landesfürst zugleich das Oberhaupt der Kirche sein sollte.100

Andere Flugblätter sind mit Martin Luthers Namen gezeichnet, andere in etwas abgeschwächter Form mit dem Namen Martin Klaus, wobei auch hier der Vorname auf Luther zu verweisen scheint.

Aber nicht nur reformatorische Gedanken waren es, welche die Unabhängigkeit von Rom fordern ließen. Vielmehr tauchte im 19. Jahrhundert jene national-engstirnige Bewegung auf, die der nationen­umfassenden Donaumonarchie zum Verhängnis werden sollte. Der Deutschnationalismus bekam auch auf religiösem Gebiet eine Ausformung, welche gerade um 1848 an die Öffentlichkeit trat und heftig gegen die katholische Kirche agitierte.

Der Deutschkatholizismus

Der Deutschkatholizismus ist eine Sekte, die losgelöst von ihrem politischen Hintergrund, dem Deutschnationalismus, nicht verstanden werden kann. Daher seien über diesen kurz einige Worte vorausgeschickt.

Die Revolution des Jahres 1848 war gegen die sog. ›Schwarzgelben‹, die Verfechter des absolutistischen Metternichschen Systems gerichtet. Diesen stellte sich das liberale Bürgertum unter der Farbdevise ›schwarz-gold-rot‹ entgegen. Diese Devise bedeutete nichts anderes als die Verkörperung des für die Donaumonarchie tödlichen Nationalismus, in diesem Falle in seiner deutsch-nationalen Ausprägung. So malte die Revolutionszeitung ›die Constitution‹, die sich die Einigung der Deutschnationalen zum Ziel gesteckt hatte, mit folgenden Worten das Bild des zerrissenen Europas: »Den Mittelpunkt dieses Gemäldes füllen sechs armselige Millionen aus, die getrennt sind, deren einer: Proletariat und Wühlerthum mit der Devise: Freiheit über alles! und deren anderen Spießbürgerthum und Reaktion ist mit der schwarzgelben Devise: Ruhe um jeden Preis! – und Österreich über alles!!!«101

Somit stand das deutschnationale Bürgertum in einem Zweifrontenkampf: gegen das alte und mit dem Sieg der Reaktion neuaufgerichtete System des Absolutismus und gegen die erwachenden sozialistischen Ideen. Um die Jahrhundertmitte stand allerdings der Kampf gegen die ›Schwarzgelben‹ im Vordergrund. Dieser Kampf richtete sich aber nun gegen alle Vertreter des alten Systems. Selbst der Wiener Erzbischof musste aus diesem Grunde einige Angriffe hinnehmen. Man warf ihm sogar vor, er »hätte die am Stephansturme befindliche deutsche Fahne zerreißen lassen, oder wie andere aussprengen, eine ihm übergebene Fahne weggeworfen«, und er habe weiter die Revolutionäre nicht in den Dom eingelassen, bevor sie nicht 20 bis 50 Gulden für die Öffnung hinterlegt hätten.102

Dieser engstirnige Nationalismus, welcher die nichtdeutschen Gruppen in Österreich, vor allem die Slaven als seine Todfeinde betrachtete (der Erzbischof von Salzburg war als ›Erzslavenfreund‹ sehr in Verruf gekommen), wäre nun schon Grund genug gewesen, auch die Religion zu nationalisieren. War nun auch dieser Nationalismus die primäre Wurzel der ablehnenden Haltung gegen Rom, so hat dennoch noch ein zweiter Faktor Bedeutung erlangt. Österreich musste im Jahre 1848 nicht nur gegen seine eigenen Aufständischen ringen. Auch in Italien war das nationale Bewusstsein erwacht und die italienischen Provinzen nützten die Unruhe in Österreich aus, einen Aufstand anzuzetteln. Durch diese Erhebung entstand aber in Österreich natürlicher Weise eine Abneigung gegen alles, was mit Italien im Zusammenhang stand, also auch gegen den Vatikan, den Papst und die italienischen Priester. Hören wir aus einem Flugblatt, wie sehr die politische Haltung mit der antirömischen und antikirchlichen verbunden war: »Schaudervolles aus Italien!! Die Schändlichkeit und Mordlust der Pfaffen in Italien. Gräßliche Geschichten. – An der italienischen Revolution ist wohl niemand Schuld als nichtswürdige Pfaffen der lombardisch-venetianischen Provinzen und des päpstlichen Kirchenstaates. – Diese Schandflecken der katholischen Kirche haben die Kanzeln entheiligt, indem sie aufwieglerische, morddürstige Reden von denselben zetterten; sie haben die Priesterweihe zu einem Spottliede gemacht, indem sie nicht scheuten, sich an die Spitze der Rebellen zu stellen und gegen die Österreicher mit ins Feld zu ziehen. O Du scheinheiliger Papst, Deiner werden wir gedenken, mit aller Liebe und Ehrfurcht, und voller Dummheit an Deine Ablässe glauben! Wenn Du bloß als Pfaff und Krieger gottlos, treubrüchig und verbrecherisch, die heimtückischen Waffen wider uns ergriffen hättest, möchten wir dich nur verachten, so aber hast du den besten, gütigsten aller Monarchen, unseren Kaiser Ferdinand, schwer beleidigt, und in den Augen der ganzen gläubigen Christenheit als einen unwürdigen, gottlosen Monarchen und Menschen dargestellt, indem Du verboten hast, dass man für ihn Gebete anstimme. – O Du abtrünniger Pfaffe! Man betet doch nach dem Beispiel unseres Welt­erlösers für die ärgsten Feinde, für Heiden und für zum Galgen verurteile Verbrecher! Und Du konntest, von Fanatismus verblendet, vernarrt in den einzig reizenden Gedanken, König von ganz Italien zu werden, solch einen ungeheuren Frevel begehen!

Das Beispiel des unwürdigen Kirchenapostels hat die meisten italienischen Pfaffen zum thätigen Nacheifern angeregt. Kardinäle, Bischöfe, Prälaten und Mönche haben sich mit kirchlichen Ornamenten und zur bitteren Ironie mit Pistolen, Messern und Säbeln behangen, und tragen dem Raubgesindel der italienischen Insurgenten Fahnen und Mon­stranzen vor, und führen sie mit entzündendem Kriegsgeschrei, mit Mißbrauchung der heiligsten Namen, gegen die österreichischen Truppen, in das Feuer und zur Schlachtbank.«103

Aus diesem Stück des Textes – es ist etwa ein Viertel des Flugblattes – können wir deutlich entnehmen, welche Einstellung man zum Papst und den italienischen Priestern hatte, und dies nicht gegen sie als Papst und als Priester, sondern als Angehörige des revolutionierenden Volkes. Der übrige Teil dieser Flugschrift bringt dann zahlreiche Einzelfälle über Vergehen der kirchlichen italienischen Institutionen: die faulen Mönche und Nonnen seien sehr geschäftig geworden und fabrizierten Schießbaumwolle und Vitriolöl. Man benütze die heilige Beichte, um aus den tödlich verwundeten Offizieren unter Androhung der Höllenpein die Operationspläne der Gegner herauszupressen. In St. Ambrogio habe man 19 Soldaten gefangen gehalten, um sie zu pflegen, in kurzer Zeit aber habe man 15 als Leichen herausgetragen; angeblich seien sie mit Arsenik aus der Welt geschafft worden, wie drei ­Über­lebende berichteten, welche sich mit Gewehren, die sie aus dem Refektorium entwendet haben, durchgekämpft hatten. Selbst die österreichischen Geistlichen würden von ihren italienischen Mitbrüdern umgebracht werden und stürben als Märtyrer für ihre Religion und ihr Vaterland.

Auf diesem Boden des Nationalismus und der antirömischen Einstellung war es für den Deutschkatholizismus nicht sehr schwer, in Österreich Fuß zu fassen. Neben diesen politischen Wurzeln ist auf geistigem Gebiet der Rationalismus der Aufklärung anzuführen, welcher den Lehrgehalt des Deutschkatholizismus stark beeinflusste. So konnte Scheicher allgemein über den Deutschkatholizismus urteilen: »Keine andere (ist die Triebfeder) als die Einführung des vollendeten Unglaubens durch pantheistische Floskeln. Vor allem musste der ›Unglaube‹ an einer persönliche Fortdauer nach dem Tode rundweg geleugnet werden, um alle utopischen Hoffnungen der neubekehrten Massen noch hurtig und schnell – im Diesseits concentriert – wenn nöthig mit aufgehobener Faust in Erfüllung zu bringen. Dass diese erbärmliche Phrase des Deutschkatholizismus nichts weiter als ein politischer Hebel gewesen, um den schwankenden Staatenbau Europas aus den Angeln zu heben, beichtet uns offenherzig einer seiner Führer, Dowiat, in jener Erklärung, welche er jüngst in die Berliner Blätter einrücken ließ, und die unlängst auch unsere Blätter wiedergaben.«104

Welches war nun die neue Lehre des Deutschkatholizismus? Zunächst ist ein starker Zug zum Rationalismus zu bemerken. Die Gottheit Christi wurde aus dem Glaubensbekenntnis gestrichen. Es wurde die menschliche Selbsterlösung gelehrt, das päpstliche Lehramt und der Primat wurden verworfen – als einzige Norm blieb die rationalistisch gedeutete Bibel bestehen. Ohrenbeichte, Ablass und Zölibat, Anrufung der Heiligen und Verehrung ihrer Bilder und Reliquien, Wallfahrten und Fasten wurden abgelehnt. Als Sakramente ließ man nur Taufe und Abendmahl bestehen. Anstelle der Messe setzte man eine deutsche Liturgie ohne Kanon.105

Der Gründer dieser Sekte war J. Ronge (1813–1887), ein suspendierter und exkommunizierter schlesischer Priester, welcher die Ausstellung des ›Heiligen Rockes‹ zu Trier im Jahre 1844 zum Anlass genommen hatte, gegen die Kirche in Opposition zu treten und eine eigene Kirche zu gründen. Die Bewegung nahm rasch zu, vor allem, weil auch die politischen Tendenzen günstig waren und liberale und völkische Kreise den Deutschkatholizismus förderten. Auch Ronge selbst unternahm viele Werbereisen. 1847 zählte man 80.000 Mitglieder, und auf dem 2. ›Konzil‹ in Berlin waren 259 Gemeinden vertreten, von denen 88 ihre Geistlichen delegiert hatten.106

In Österreich waren die ersten Erfolge dieser Sekte im Jahre 1846 eingetreten. Es war dies die Zeit, in welcher der Deutschkatholizismus als Freikatholizismus sich nach den USA und anderen Ländern auszustrecken begann. Doch erst das Jahr 1848 schuf das richtige Klima. Denn nun konnte sich der Deutschkatholizismus den revolutionierenden Deutschnationalen als konforme Weltanschauung anbieten. Ronge selbst hielt Werbereden in Wien und in Graz. Über die Entwicklung in Wien gibt uns der Revolutionsbericht Aufschluss, den der spätere Kardinal Gruscha als Kooperator in der Pfarrchronik von Floridsdorf niedergelegt hat. Nach diesem Bericht bestand die Sekte aus »Ungläubigen, Indifferentisten, Vollsäufern, Ehebrechern usw. usw.«107 – »Gänzliche Abschaffung der Hierarchie und wohlfeile Religionspflege, das waren, wohlgespickt mit gangbaren Schimpfworten auf die katholische Kirche, ihrem Klerus und Cultus, die Schlagwörter der Reformatoren, als würdige Schüler des in Deutschland sein Unwesen treibenden Ronge.«108 Am 15. August 1848 hielten die Anhänger dieser Sekte in St. Leopold, der Pfarre Gruschas, im Odeonsaal ihre erste Großversammlung ab. Von der rationalistischen Leugnung der Menschwerdung, der Leugnung aller Wunder, bis zur Kampfeserklärung an die katholische Kirche kam wieder alles deutsch-katholische Gedankengut zur Sprache. Da es der Wiener Erzbischof für rätlich hielt, dagegen zunächst nichts zu unternehmen, wurde er von Pius IX. in einem Breve ausdrücklich aufgefordert, den Kampf aufzunehmen: «Da die Deutschkatholiken … sowohl die katholische Lehre, als auch das Ansehen der heiligen Kirche Christi und des Apostolischen Stuhles und zugleich auch den hl. Cölibat anfeinden, und gefährliche, schon lang von der Kirche verdammte Irrtümer unter’s Volk verbreiten …, so halten wir es für die Pflicht unseres hohen Amtes, inständig Gott anzuflehen, dass er bei so großem Vergehen dieser Stadt Deinen Eifer, Deine Gewissenhaftigkeit und Deine Frömmigkeit … mit aller Ausdauer und Liebe versehe, auf dass Du niemals ermatten mögest.«109

Am 13. August hatte schon zuvor im Wiener Musikvereinssaal ein deutschkatholischer Gottesdienst stattgefunden. Der Leiter der Sekte in Wien war der ehemalige Kaplan Hermann Pauli, der auch die Propagandaschrift »Die Religion des Deutschkatholizismus« herausgab. Er wurde vom ehemaligen Militärgeistlichen Hirschberger unterstützt. Aber schon am 9. November 1848 begann sich das Schicksal des Deutschkatholizismus in Österreich abzuzeichnen. An diesem Tage wurde nämlich Robert Blum, »das Haupt der Demagogie und des Deutschkatholizismus«110 standrechtlich erschossen. Die neuerwachte absolutistische Reaktion unterdrückte nämlich den Deutschkatholizismus und führte sein Ende herbei. Seine Gedanken aber, vor allem die Idee der Loslösung von Rom wirkten noch fort und fanden in der Los-von-Rom-Bewegung eine neue Form.

Es bleibt uns zum Abschluss dieser Behandlung des Deutschkatho­lizismus noch die Frage, in welchem Zusammenhang diese Sekte mit der Entfremdung der Industriearbeiterschaft von der Kirche steht. Zunächst ist, wie bei allen Strömungen im liberalen Bürgertum, die Leitbildhaftigkeit nicht zu übersehen, welche diese Strömungen und Ideen auf die sehr geringem geistigen Niveau stehende Arbeiterschaft ausübten. Und gerade zu dieser antirömischen Bewegung ist zu bemerken, dass sie später als die Los-von-Rom-Bewegung auch wieder unter den Arbeitern viele Anhänger hatte. In sich betrachtet ist der Deutschkatholizismus vielleicht nicht von allzu großer Bedeutung, aber im Zusammenhang mit den anderen religions- bzw. hier kirchenfremden Faktoren gesehen, gewinnt er an Bedeutung und Einfluss. Dass schon in der damaligen Arbeiterschaft Anhänger dieser Sekte vorhanden waren, bestätigt z.B. Brügel in seiner Geschichte der österreichischen Sozialdemokratie. Er berichtet dort über einen kommunistischen Agitator aus Tirol, bei welchem die Schriften Ronges gefunden wurden, als er wegen seiner ›staatsfeindlichen Umtriebe‹ verhaftet wurde. Bei diesem (Konrad Eggbert) fand man u.a. auch einen Brief, in dem er zur Ausstellung des hl. Rockes in Trier meinte (Ronge selbst hatte diese Ausstellung den ›Trierer Mummenschanz‹ genannt): »Das Pfaffenwesen hat sich damit einen Schlag versetzt, wie es nur wenige erlitten hat.«111 Auch der linksgerichtete Abgeordnete zur Frankfurter Nationalversammlung Robert Blum, welcher in Wien standrechtlich erschossen wurde, war nach dem Bericht Gruschas Deutschkatholik,112 auch wenn in den Gerichtsakten über seinen Prozess römisch katholisch als Glaubensbekenntnis vermerkt wurde.113

Die Judenfrage

Zu den Umweltfaktoren, die das Verhältnis zwischen Kirche und Arbeiterschaft mitformen halfen, gehört auch die Judenfrage. Weil dieses Problem sehr im Dunkel liegt und darüber kaum Literatur existiert, will ich in der Darstellung etwas ausgreifen. Wir wollen uns zunächst über die Stellung der Juden im öffentlichen Leben jener Zeit überhaupt klar werden. Dann werden wir uns fragen, welches die Ursachen des damals herrschenden Antisemitismus waren. Um dann näher an unseren Gesichtspunkt heranzukommen, werden kurz einige Worte über das Verhältnis zwischen Kirche und Judentum gesagt werden. Damit haben wir alle notwendigen Voraussetzungen für die Antwort auf die Frage gefunden, ob und inwieweit die Juden für das Verhältnis des Arbeiters zur Kirche von Bedeutung waren, und zwar auch von Bedeutung waren. Es handelt sich nämlich hier nur um einen Faktor zweiten Ranges.

Die politische Stellung des Judentums

Bis zur Aufklärung waren die Juden fast in ganz Europa, so auch in Österreich ohne politische Rechte.114 Wenn man sie, was häufig zutraf, nicht überhaupt des Landes verwies, so hatten sie wenigstens keine bürgerlichen Rechte. Auf keinen Fall aber hatten sie einen guten Ruf. Seit Joseph II. aber finden wir bereits bedeutende Juden am Kaiserhof. Man nannte sie ›Hofjuden‹. Zu ihnen gehören Samuel Oppenheimer, Samson Wertheimer und auch Josef von Sonnenfels. Ihrem Einfluss wird es auch zuzuschreiben sein, dass der aufgeklärte Herrscher am 2. Jänner 1782 ein Toleranzpatent für die Juden erließ. Dieses hatte auch eine wirtschaftliche Zielsetzung, denn der Kaiser wollte zur Förderung der Industrie die reichen Juden heranziehen.115 Dieses Patent wurde in Österreich die Grundlage dafür, dass einerseits tatsächlich die damals noch auf sehr schwachen Beinen stehende Industrie gefestigt wurde, dass aber andererseits seither die Übermacht der Juden auf wirtschaftliche Gebiete groß und mächtig ist.116 Obgleich die Juden durch das Patent nur toleriert wurden, begannen sie dennoch im gesellschaftlichen Leben bald eine bedeutende Rolle zu spielen. Um die Jahrhundertwende waren es die beiden einflussreichen Bankherrn Nathan Adam Frh. v. Arnstein (1748 – 1838) und Bernhard Frh. v. Eskeles (1753–1839), die als Hofjuden eine vorzügliche Stellung besaßen und so wichtige Stützen des freigewordenen Judentums waren. Ihre Bedeutung zeigte sich z.B. auf dem Wiener Kongress, auf welchem die Salons dieser Bankgiganten sehr gut besucht waren. 1815 machte das Judentum in der Person Rothschilds auch den Schritt in den Adelsstand. 1821 gab es in Wien bereits neun jüdische Adelsfamilien. 1829 kam der Baron ­Hermann Todesco aus Freiburg nach Wien, dessen Wohn Max sich der Großindustrie widmete.117

Größte Aktivität aber entwickelten die Juden im Jahre 1848. Unter den 5 Opfern des 13. März befanden sich zwei Juden. Auch im Reichsrat und im Sicherheitsausschuss waren die Juden vertreten. Die beiden Reichsratsvertreter, die Juden Fischhof und Goldmark, haben sich nach den Berichten besonders oft zu Wort gemeldet.118 Am 6. Oktober fielen wiederum drei Juden und Ende Oktober waren von den vier Präsidenten der Aula drei Juden gewesen. Besonderen Anteil hatten auch die Juden bei der Forderung nach Pressefreiheit. Sie waren es dann auch, die sie ganz besonders ausnützten und so ihre Gedanken unter das Volk streuen konnten.

Die Verfassung vom 4. März 1849, die nur von sehr kurzer Dauer war, brachte den Juden die Gleichberechtigung. Der eigentliche Tag der Gleichstellung war aber erst der 21. Februar 1867. In den an diesem Tage veröffentlichten neuen Staatsgesetzen wurden nämlich die alten Judenausnahmegesetze ausgelassen. Der letzte Schritt zur völligen Judenemanzipation wurde 1896 getan; in diesem Jahre wurde nämlich die jüdische Religion in die Liste der gesetzlich anerkannten Religionsbekenntnisse aufgenommen.

Die Juden im Wirtschaftsleben

Im Rahmen unserer Arbeit steht die Frage nach der Stellung und der Rolle der Juden im Wirtschaftsleben am Rande. Weil aber die Antwort darauf einerseits die Erklärung für den politischen Aufstieg, noch mehr jedoch andererseits für das Verständnis des Folgenden von wesentlicher Bedeutung ist, können wir diese Frage nicht umgehen.

Sombart berichtet in seiner Monographie über »Die Juden im Wirtschaftsleben«, nach der ich auch meine Überschrift gewählt habe119, dass die Juden zu Beginn der Neuzeit bereits mit der Wirtschaftsblüte verschiedener Städte in enger Beziehung standen. So bedeuteten Judenvertreibungen, welche in jener Zeit oft in großem Ausmaße erfolgten (wie z.B. die Vertreibung aus Spanien, welche das Einströmen der Juden nach Nordeuropa und besonders in die Neue Welt bedingte), immer zugleich den Anfang des wirtschaftlichen Niederganges jener Gebiete, aus welchen die Juden ausgewiesen wurden.

Vom 16. bis zum 18. Jahrhundert übten die Juden einen starken Einfluss auf das Staatswesen aus. Denn sie waren es, die den Reichtum in den Händen hatten und so die einzig möglichen Geldgeber für die Heere, die damaligen Staatsstützen, waren. Daher finden wir in jener Zeit an allen großen Fürstenhöfen die Hofjuden, die aus der Masse der sonst rechtlosen Juden herausgehoben waren, weil man sie notwendig brauchte. Einige österreichische Hofjuden wurden bereits weiter oben aufgezählt. Als später die Juden dann das Kreditwesen schufen, löste dieses die Hofjuden zwar ab, minderte aber deswegen nicht den Einfluss der Juden, da sich ja das Kreditwesen auch wieder in ihren Händen befand.120

Die tiefstgehende Bedeutung gewannen aber die Juden in der Ausbildung des Kapitalismus. Denn neben der grundsätzlichen Auffassung von der Wirtschaft als Mittel zum Gewinn waren es nach Sombart verschiedene Voraussetzungen, welche die Juden objektiv und subjektiv zum Kapitalismus geeignet machte. Die objektive Eignung sieht ­Sombart zunächst in der räumlichen Verbreitung der Juden über alle Länder begründet: dadurch stand ihnen nämlich ein weitverbreitetes Handelsnetz zur Verfügung, weil sie in allen Ländern verlässliche Stützpunkte hatten. Die Tatsache der Fremdheit und Bindungslosigkeit machte es ihnen wiederum möglich, die Schranken der Traditionen leichter durchbrechen zu können. Weitere Momente sind das »Halbbürgertum« (die politische Rechtlosigkeit, die die Juden auf die Wirtschaft abschob) und besonders der Kapitalreichtum.121 Dieser objektiven Eignung stellt Sombart die subjektive zur Seite. Er zählt da besonders den jüdischen Intellektualismus, den Scharfsinn, die Zielstrebigkeit, die außergewöhnliche Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit auf, die ein kapitalistischer Unternehmer unbedingt mitbringen muss.122

So ist es nicht verwunderlich, dass die Juden auf Grund ihrer individuellen, aber auch politischen Situation stark an der Entstehung der kapitalistischen Wirtschaftsform beteiligt waren. Sombart hat z.B. für Deutschland nachgewiesen, dass unter den Fabrikdirektoren ¹⁄₇ echte, d.h. noch gläubige Juden waren; von den Aufsichtsratsposten waren sogar ¹⁄₄ von den Juden besetzt. Und dies, obwohl die Juden nur etwa ein Hundertstel der Gesamtbevölkerung ausmachten.123

Die Juden besaßen also in hohem Maße den modernen Wirtschaftsgeist, welcher vor allem in der Ausrichtung auf den Welthandel, in der Schaffung des Börsen- und Effektenwesens, der Kommerzialisierung der Wirtschaft überhaupt und schließlich in einer sehr freien Wirtschaftsauffassung bestand. Und das Motiv zur wirtschaftlichen Neuorientierung war das Gewinnstreben, welches die Juden und den jetzt entstehenden Kapitalismus krass von der alten Wirtschaftsmethode unterschied.124

Der Antisemitismus

Warum waren nun aber die Juden trotz dieses größtenteils positiven Einflusses auf die Wirtschaft so unbeliebt?

Einer der Hauptgründe war auf jeden Fall eben dieses spezifisch jüdische Wirtschaftsdenken, das hemmungslose Streben nach Gewinn, welches keine Traditionen und Gewohnheiten respektierte. So verletzten die Juden solche Gepflogenheiten der christlichen Geschäftsleute, ohne sich vielleicht dabei einer besonderen Schuld bewusst zu sein. Die Wirtschaft des christlichen Mittelalters hatte als letztes Ziel die Bedarfsdeckung mit Nahrungsmittel. Daraufhin war schon das gesamte Zunftwesen abgestimmt. Auch war es schwer verpönt, den Nachbarn durch ›Kundenfang‹ die Käufer wegzulocken. In einem alten Kaufmannslexikon heißt es z.B. unter den »Regeln für Kaufleute, die handeln: Wende keinem seine Kunden oder Handelsmann weder münd- noch schriftlich ab; und tue einem anderen auch nicht, was Du wilt (sic!), dass Dir nicht geschehe«.125 Man verurteilte das Streben nach Gewinn überhaupt als unchristlich. Daher heißt es im gleichen Lexikon:

»So Du … eine Ware allein hast, kannst Du wol (sic!) einen ehrlichen Profit suchen; doch also, dass es christlich sey und Dein Gewissen keinen Verlust erleide oder Du an Deiner Seele Schaden nehmest«.126

Auf diesem Hintergrund der christlichen Wirtschaftsauffassung ist es verständlich, dass sich die Juden durch ihr neues gewinnsüchtiges, sich vor allem der Reklame und des Preisunterbietens bedienenden Wirtschaften unbeliebt machten. Solange die Zünfte stark genug waren, konnten sie noch erreichen, dass die Juden des Landes verwiesen wurden. Als aber die Juden besonders an den Höfen ihre Stellung ausgebaut hatten, konnten die Zünfte dies auch nicht mehr durchsetzen. Daher wurden die Juden noch unbeliebter, weil sie die Existenz der nach der alten Wirtschaftsweise arbeitenden Kaufleute bedrohten.

Kröll vertritt in seinem Buch »Sozialpolitik in Österreich« die Ansicht, dass erst »im Krach von 1873127 die Wurzeln jenes wirtschaftlichen und religiösen Antisemitismus liegen, der in den folgenden Jahren die soziale Bewegung in Österreich beeinflussen sollte«128. Das Gesagte mag für die unmittelbar folgende Sozialtätigkeit der christlich-sozialen Größen, wie z.B. Vogelsang und seine Jünger gelten, die im Gegensatz zu den Sozialisten und Liberalen sehr stark antisemitisch eingestellt waren. Doch ist wohl der Börsenkrach nur der äußere Anlass zum Aufleben einer alten Abneigung, deren Wurzeln viel tiefer liegen, nämlich in diesem Existenzkampf der christlichen Geschäftsleute. Denn der Antisemitismus lässt sich schon in den Flugschriften des Jahres 1848 verfolgen und nachweisen. Da aus diesen auch noch andere Motive des Antisemitismus hervorgehen, möchte ich einige Beispiele bringen.

Da die jüdische Presse eine unverhältnismäßig starke Aktivität entwickelt hat, richten sich die Angriffe primär gegen diese.129 So heißt es in einem Flugblatt, das die Überschrift »nur keine Judenemanzipation« trägt: »Das kecke, unbescheidene Vordrängen der Juden, der freche Übermuth ihrer Reichen und Angesehenen, die empörende Unverschämtheit ihrer Literaten und Journalisten, ihr unverkennbares Streben, schmutziger Spekulationen wegen, den öffentlichen Kredit zu erschüttern, die verderblichen Untriebe auf der Börse und im Handel, die durch ihre Machinationen erzeugte Theuerung der nothwendigen Lebensmittel, wodurch besonders unsere ärmeren Classen bedrückt wurden, die gewissenslose Bedrückung, die sie an unseren Handels- und Geschäftsleuten ausübten, – Tatsachen, die wir noch in neuester Zeit erlebten; und nach solchen Erlebnissen können wir unmöglich für die bürgerliche Gleichstellung der Juden stimmen … sie mögen zuerst redlich arbeiten und redlich verdienen lernen.«130

Und ein anderes Flugblatt warnt: »Die Juden werden immer zudringlicher! Hüthet, und aber und abermals hüthet Euch vor der Judenherrschaft!!! … Sie betrieben solange Woll- und Produktenhandel, solange 30–40 Prozente zu gewinnen waren, was sie leicht tun konnten, weil sie mit ihren Geldmitteln das Heft in Händen hatten, sie zogen sich aber dann sogleich zurück, als sie merkten, dass sie sich mit 10 Prozent hätten zufriedenstellen müssen.«131 Ein anderes Flugblatt brachte folgendes Gedicht: »Der deutsche Michel und die Juden132:

Jetzt regiert der Jud die Welt,
denn er hat das meiste Geld!
Besitzt mitunter auch Verstand –
doch List und Trug steckt unter dem Gewand!
133

Ein humoristisches Blatt bot ›Frische Judenkirschen‹ an mit dem Untertitel: »Das Maß ist voll! Das Volk.« Und dann werden die Juden keck, arrogant und wüthende Republikaner genannt.134

Die wirtschaftliche Unterdrückung ist ein weiteres Thema der Polemik gegen die Juden. Es soll ein Beispiel gebracht werden, aus dem wir entnehmen können, dass die Juden viele Fabriken hatten. Es ist dies für uns deshalb interessant, weil wir dadurch eine Verbindungslinie zu unserem Thema bekommen. Die Schrift, die in Auszügen zitiert werden soll, trägt als Überschrift folgende Worte: »Bittschrift der Christensklaven an die Herren Juden um Christenemanzipation«. Man drehte also die Forderung der Juden nach Emanzipation um und suchte zu zeigen, dass es eigentlich die Christen seien, die es aus der wirtschaftlichen Herrschaft der Juden zu befreien galt. »Wer will uns Christen aussaugen, wer will durchaus nichts arbeiten, wer will nur Herr sein, nur Fabriksbesitzer, die Christen nur als Arbeitssklaven benützen? – Die Herren Juden! … Wer übt schon jetzt eine eiserne Herrschaft über die Christen, und wer wird alle Handelsläden, alle Fabriken in kurzer Zeit inne haben, wer wird den Rest des christlichen Industriekapitals in kurzer Zeit in den Händen haben? – Die Herren Juden! – … Auf einen Juden kommen bei uns 57 Christen; wieviele aber kommen auf einen jüdischen Arbeiter christliche Arbeiter? Wieviele auf einen armen Juden arme Christen? Ihr Juden habt bereits das Reich, die Macht (das Geld) und so wollt ihr zum vollständigen Vater-unser-Schluß noch die Herrlichkeit. Amen!«135

Nun noch einige Stellungsnahmen von Zeitgenossen zum jüdischen Pressewesen. In einem Flugblatt möchte ein parteiloser Bürger die Juden auf die Gründe ihrer Unbeliebtheit aufmerksam machen und sagt ihnen daher: »An die Juden Wiens. Wohlmeinende Worte eines Christen. Freunde und Brüder! Mit tiefer Wehmuth erfüllt der Gedanke das Herz jedes Redlichen, dass in unserem segensreichen Vaterlande noch fortwährend ein tiefer Haß gegen euch verwurzelt, und gerade jetzt, wo eine neue ›freisinnige‹ Verfassung das Glück der Völker zu begründen verspricht, dieser Haß täglich neue Nahrung findet! …

Ihr habt Feinde, schreckliche Feinde, die, wenn ihr sie nicht mit Gewalt und kräftig beseitigen wollt, Euch noch gänzlich verderben werden, aber ihr kennt sie nicht, oder – was noch schlimmer wäre – Ihr wollt sie nicht kennen! – Ihr klagt fortwährend nur über die Christen, und erblickt in ihnen Eure bittersten Feinde.«136 Und dann werden die eigentlichen Feinde genannt, nämlich die »nichtswürdigen Scribler«, die sich und das ganze Judentum in Verruf bringen. Sebastian Brunner beschäftigte sich auch als Redakteur der Wiener Kirchenzeitung mit den Juden und meinte: »Die Judenzeitungen rühmen sich, dass die Erhebung von ihnen ausgegangen sei; sie nannten die Lokale, in denen sie die Woche vor dem 13. März conspirierten und nahmen die ganze ›Ehre‹ der Erhebung in gewöhnlich alles ausbeutender Manier für dich in Anspruch. Als die Reaktion in der Folge eintrat, waren sie wieder außerordentlich loyal.«137

Bemerkenswert für den Antisemitismus in akademischen Kreisen ist noch die Tatsache, dass besonders seit 1867 die Universität von Juden stark besetzt wurde.138 Brunner, welcher diesen Vorgang ja selbst mit­erlebte, sieht die ›Verjudung‹ im Zusammenhang mit der ›Dekatholi­sierung‹ der Universität. »Über die totale Dekatholisierung«, so schrieb er, »und die consequent nachfolgende Verjudung der Wiener Universität werden spätere Zeiten Gericht halten.«139 Doch steht außer Zweifel, dass hier Brunner zu negativ und zu schwarz gesehen hat. Denn die Erfolge und Berühmtheit der Wiener Alma mater bauen nicht selten auf klingende jüdische Namen auf.

Judentum und Kirche

Bevor wir uns darüber Rechenschaft geben können, ob dieser unruhige Teil der Gesellschaft auch für die Entfremdung der Industriearbeiterschaft von der Kirche von Bedeutung war, müssen wir zuvor noch kurz die Stellung und das Verhältnis zwischen Kirche und Judentum beleuchten.

Was zunächst die Seite der Juden betrifft, so ist deren Einstellung zur katholischen Kirche im Allgemeinen negativ. Die Juden sahen nämlich in den christlichen Institutionen, primär in den Zünften, die Hauptursache ihrer politischen Bedeutungslosigkeit und die Gegner ihrer Emanzipation. Diese Haltung gegen die Zünfte und die anderen Wirtschaftsinstitutionen wurde dann auf die katholische Kirche und ihre Priester ausgedehnt. Ein inhaltlich ziemlich vielseitiges Flugblatt, das sicher von einem Juden verfasst wurde, bestätigt diese antikirch­liche Haltung. Es heißt dort: »Kaiser, Könige, Fürsten und Bettler, Katholiken und Juden sind alle Menschen und als solche gleich; oder: wie ist es am leichtesten zu bewirken, dass die Schranken der verschiedenen Religionsparteien und der Stände fallen müssen? … O es war eine gute Pfaffen-Spekulation, den Menschen vom Menschen zu trennen, um ihn desto besser zu knechten. Die Zeit der Freiheit ist gekommen, die Schranken fallen, und der Mensch erkennt den Menschen ohne Unterschied des Standes und der Religion als seinen Bruder; lasset doch alle insgesamt brüderlich miteinander leben und sterben … Vielleicht geht dieser Wunsch in Erfüllung, und man lässt noch Juden und Christen ruhig nebeneinander vermodern, aber eines ist die Frage, nämlich, ob wir nicht bald absolute, constitutionelle, schwarzgelbe, demokratische und republikanische Kirchhöfe haben werden! Denn welch ein schauderhafter Gedanke für einen guten Bürger, sich neben einen Menschen zu denken, der im Leben eine rothe Feder am Hut getragen hat! Mart. Klaus.«140

Brunner erklärte sich diese antiklerikale Haltung der Juden vielleicht etwas zu oberflächlich, wenn er in »Woher? Wohin?« meinte: »Seit 1848 ist es immer bei den schreibenden Juden Gebrauch, den Haß, welchen sie durch ihr Treiben hervorgerufen haben, von sich abzulenken und die Christen gegen den Klerus zu verhetzen«.141 Auf jeden Fall ist uns auch dieser Text eine Bestätigung für jüdische Hetze gegen den Klerus und der Wirkung dieser Hetze auf das Volk, denn eine dauernde Aufwiegelung des Volkes durch das damals sehr eindrucksvolle gedruckte Wort konnte auf die Dauer nicht wirkungslos bleiben.

Interessant ist auch noch die Theorie Scheichers, der die antikirchliche Haltung sowohl der Liberalen als auch der Sozialdemokraten auf diese negative Haltung der Juden zurückführte. Er schrieb in seinen ›Kirchenpolitischen Essays‹ folgendes: »Die liberalen Sozialpolitiker, bzw. die Sozialdemokraten hetzen in ihren Versammlungen und Zeitungen gegen die Religion und die katholische Kirche. Dabei ist natürlich nicht zu übersehen, was die Gleichheit des Vorgehens schnell verständlich macht, dass anno 1848 Juden die Führer der liberalen Sozialpolitiker waren, heute Juden die Führer der liberalen Sozialpolitiker und Sozialdemokraten sind. Den Juden ist stets weniger an guten Einrichtungen der Staaten gelegen als an der Freiheit, die christliche Religion zu bekämpfen.«142

Und wie verhielt sich die Kirche gegenüber diesen kämpferischen Stimmen? Sebastian Brunner, der gegen alle Feinde der Kirche vor allem in seiner Kirchenzeitung scharfe Worte fand, verschonte auch die Juden nicht. Anders war die Haltung der maßgeblichen kirchlichen Behörden. Diese machten bei dieser Antipathie gegen die Juden nicht mit, sie nahmen vielmehr oft die jüdische Bevölkerung in Schutz. Dies gilt auch für die Redemptoristen, die sich auf diese Weise noch unbeliebter machten. Im April 1848 ließ z.B. der Erzbischof von Prag folgendes kundmachen: »So denkt ein wahrer Christ und Kirchenfürst! Bitte des Erzbischofs! Böswilligen Aufreizungen ist es gelungen, hier in der Hauptstadt und in einigen anderen Städten des Landes gegen die israelitische Bevölkerung eine feindliche Stimmung zu erregen, die sich durch gefahrendrohende Demonstrationen kundgibt. Wenn diese Wahrnehmung den Freund der öffentlichen Ruhe tief betrübet; so muss sie umso schmerzlicher für den wahren Christen und für den Diener der Kirche seyn; weil er mit Grund besorgen muss, dass diese Erscheinung von vielen nur als Ausfluß des religiösen Fanatismus gedeutet, und deshalb auf Rechnung einer mangelhaften religiösen ­Bildung geschrieben, oder wohl gar der Kirche selbst zur Last gelegt wird.«143

Auch der Wiener Erzbischof musste sich mit der Judenfrage beschäftigen und verteidigte sich gegen den Vorwurf, den ihm die ›jüdischen Glaubensgenossen‹ machten, er habe sich geweigert, eine Petition um die politischen Rechte der Juden zu unterschreiben. Es heißt in der Kundmachung des Wiener Oberhirten, dass er die bei ihm gewesenen, ihm sonst unbekannten Deputierten mit großer Liebe und Höflichkeit empfangen habe. Dann habe er ihnen bedeutet, dass er ihnen in den Fragen der Gewissensfreiheit und der Beirrung ihres Glaubens helfen könne, nicht aber hier, wo es sich um politische Fragen handle.144

Die Juden als Entfremdungsfaktor

Wir haben gesehen, dass der antikirchlichen und antiklerikalen Haltung der Juden eine sehr gemäßigte Einstellung der maßgeblichen kirchlichen Stellen, besonders der Ordinariate, gegenüberstand. Welches war aber nun die Einstellung des Volkes zu diesen Differenzen?

Zunächst kam trotz aller antikirchlichen Stimmung des Revolutionszeitaltes den Juden ihre Kirchenhetze nicht zugute; denn die Juden waren noch weit mehr unbeliebt als die kirchlichen Behörden und der Klerus. Daher können wir in einem Flugblatt des Jahres 1848 lesen: »Ein Wort an die Juden! … Wir stören die Juden nicht in ihrer Religion. Und niemand schimpft über die Rabbiner, während die Juden über unsere Religion und unsere Geistlichen schandvoll schimpfen. Wenn wir etwas über unsere Geistlichen haben, so werden wir es schon selbst ausmachen, wir brauchen das Judengesindel nicht dazu.«145

Da aber die Abneigung gegen die Juden im Volk so groß war, so kam der Kirche ihre gemäßigte Haltung auch nicht zugute, sondern gerade diese schonende Nächstenliebe wurde ihr zum Verhängnis. Man nahm es nämlich den kirchlichen Stellen übel, dass sie, wo ja das Christentum in der Existenz seiner Mitglieder, vor allem der Geschäftsleute gefährdet war, nicht die antisemitische Stimmung offiziell teilten. Auf diesem Hintergrund ist es auch zu verstehen, was ein Flugblatt aus dem Jahre 1848 schrieb: »Bittere Wahrheiten für die Juden und ihre Verteidiger … die Congregation der Ligourianer sowohl, als unser Erzbischof haben sich den Unwillen, unsere vollste Unzufriedenheit zugezogen; wir haben über sie gerichtet für alle Zeiten, und Niemand kann uns hierbei eines Unrechtes beschuldigen.«146

Zusammenfassung

Erstens also verstärkte die Judenfrage als solche schon die herrschende Stimmung im Volke gegen die Kirche. Damit ist auf jeden Fall schon ein negativer Einfluss auch auf die Arbeiterschaft gegeben. In diesem Sinn ist es auch zu verstehen, wenn ich einleitend zu diesem Kapitelchen schrieb, dass die Judenfrage ›auch‹ ihre Bedeutung hatte.

Zweitens aber – und dadurch erfährt die Judenfrage unter der Rücksicht der Arbeiterschaft eine Modifizierung – hatte die Arbeiterschaft mit den Juden engsten Kontakt, denn die Juden besaßen zahlreiche Fabriken und waren so die Arbeitgeber, welche die ›Christensklaven‹ ausbeuteten – oder sie waren auch die einflussreichen Patriarchalherren. Es wäre hier das Gleiche zu sagen, als schon zusammenfassend über den Arbeitgeber und seinen Einfluss auf die Entfremdung gesagt worden ist.

Die Entfremdung vom Arbeiter aus gesehen

Wir haben bisher in der Betrachtung der Umweltfaktoren gleichsam das Medium untersucht, in welchem sich die Entfremdung vollzog. Nun gehen wir dazu über, die Entfremdungsursachen des einen Poles, nämlich der Arbeiterschaft und in der Arbeiterschaft ins Auge zu fassen.

Nach einem kurzen Ausblick auf die Geschichte der österreichischen Industrialisierung werden wir im wesentlichen drei Themenkreise anschneiden: erstens die Entwurzelung des Arbeiters aus seiner alten Umwelt; dann werden wir uns mit der eigentlichen sozialen Frage beschäftigen und uns fragen, inwieweit die katastrophale soziale Lage der Industriearbeiterschaft zur Entfremdung von der Kirche beigetragen hat. Endlich aber werden wir den Organisationsversuchen nachgehen müssen und die Bedeutung der Sozialdemokratie, die ja die meisten Arbeiter vereinigte, auf den Entfremdungsprozess abwägen.

Die Industrialisierung in Österreich

Es soll hier nicht mehr als ein Überblick über die Geschichte der österreichischen Industrialisierung bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts geboten werden.

Es ist eine bekannte Tatsache, dass am Anfang der Industrialisierung die Industrie auf dem Kontinent gegenüber England stets nachhinkte. So war z.B. am Ende des 17. Jahrhunderts die Anzahl der Manufakturen in Österreich nicht einmal so groß wie jene in der holländischen Stadt Leyden. Erst die Aufklärung ließ in Österreich den neuen Wirtschaftsgeist einströmen, sodass ab jetzt mancher Rückstand in der wirtschaft­lichen Entwicklung nachgeholt werden konnte. Gerade in dieser Zeit sind also die Anfänge der österreichischen Industrie zu verlegen.147

Neben der Aufklärung war es auch die Idee des Merkantilismus, welche die neuzeitlichen Staaten zur Industrie trieb und ihr eine weitgehende Förderung angedeihen ließ. Das Ziel des merkantilen Staates war nämlich ein aktiver Außenhandel, welcher durch die geschichtlich bedingte, aber bereits festgefrorene und unbrauchbare Zunftordnung nicht mehr geleistet werden konnte. So stehen also Streben nach Staatseinnahmen, Aufkommen der Industrie und Niedergang der Zünfte eng beieinander. Dazu halfen von der technischen Seite her die Entfaltung des mathematisch-naturwissenschaftlichen Denkens und die Entfesselung der technischen Produktionskräfte, also die Maschine und dann die Dampfkraft bei dieser die Gesellschaft umwälzenden Entwicklung mit.

Das Fundament für die meisten österreichischen Industriezweige wurde schon unter Maria Theresia gelegt,148 nachdem schon Karl VI. durch die Milderung der Zollpolitik und die Herabsetzung verschiedener wirtschaftsfeindlicher Steuern die Anfänge der Industrie begünstigt hatte. Unter Maria Theresia wurden nun durch staatliche Vorschüsse und die sog. ›Fabrikprivilegien‹, weiter durch Herbeirufen ausländischer Fachkräfte zahlreiche Fabriken begründet. Es waren vor allem Textilfabriken, welche, da ja die Spinnmaschine noch nicht erfunden war, meist nach dem Verlagssystem organisiert waren: Dabei hatte der Fabrikant den Rohstoff und den Verkauf zu besorgen, die Arbeiten hingegen wurden an verschiedene, meist Bauernfamilien vergeben und die verfertigten Produkte dann vom Verleger wieder abgeholt. Zur Förderung dieser Unternehmen errichtete Maria Theresia Spinnschulen und ließ Webunterricht erteilen. Dadurch wollte die um das Volkswohl bedachte Kaiserin den Volksreichtum mehren.

Diese erste Stufe der Industrie, die Hausindustrie, macht bald der Manufakturindustrie Platz; bei dieser Industrieart waren die Arbeiter nicht mehr in ihren eigenen Heimen tätig, sondern sie kamen zur Arbeit in die Fabrik. Wenn auch schon in früheren Zeiten vereinzelt solche Betriebe zu finden sind, vor allem in der Textilbranche,149 – so ist doch gerade diese Zeit seit Maria Theresia bis zur Einführung der Maschinen die Zeit der Hochblüte der Manufakturindustrien. Straßenbauten, Kanäle, die Errichtung von Eisenbahnen (z.B. der Pferdeeisenbank Linz-Budweis in den Jahren 1827–1832) waren die Voraussetzungen für diesen Beginn der Industrieentfaltung. Freilich dürfen auch die negativen Seiten der ersten Versuche nicht übersehen werden. Zahlreiche Absatzstockungen und gegenüber der zünftischen Produktion keineswegs bessere, dafür aber teurere Waren ließen viele Unternehmen bald wieder eingehen und der Staat musste viele subventionierte Unternehmen selbst weiterführen, wollte er sein Ziel, eine entfaltete Indu­strie, tatsächlich erreichen. Trotz dieser Nachteile, welche die Indu­strieproduktion anfangs gegenüber der Handarbeit der Zünfte hatte, merkten doch die Zünfte bald, dass ihnen hier eine große Gefahr erwachse. Dies umso mehr, als unter Joseph II. einige Industriezweige vom Zunftzwang befreit wurden, so z.B. die Metall-, Glocken- und Rotgießer, oder auch die Orgel- und Instrumentenfabrikanten, die darüber hinaus Joseph auch in finanzieller Hinsicht stark unterstützte und ihnen aufgelassene Klöster als Fabrikräume überließ.

Weil aber auch unter Joseph II. und später unter Leopold II. noch nicht die Voraussetzungen einer ruhigen Entwicklung vorhanden waren, kam in der Zeit dieser Herrscher die Großindustrie über einige erste Ansätze nicht hinweg. Erst die Ära Franz I. (1804–1835) konnte einen großen Schritt nach vorne machen. Bis es aber soweit war, mussten zahlreiche Hindernisse aus dem Weg geräumt werden. Es war vor allem das Verdienst der in dieser Zeit gegründeten Hofkommerzkommission, diese Hindernisse alle überwunden zu haben. Zunächst musste sie sehr tiefgreifende Bedenken gegen die Errichtung von Großindustrien in der Stadt Wien abweisen und zerstreuen. Die verantwortlichen Polizeistellen waren nämlich von einer großen Angst vor revolutionären Bewegungen beherrscht, wie man sie in der französischen Revolu­tion vorgebildet fand. 1794 schrieb der österreichische Polizeiminister Graf Pergen: »Diese Gattung nahrungsloser und größentheils ungesitteter Menschen sei es, welche jedem Staate die größte Gefahr, besonders bey den jetzigen Zeiten androhe, da durch dieselbe die Jacobiner den Umsturz der französischen Regierung und das allgemeine Unglück Europens bewirkt haben und durch eben diese Staatsumwälzer ähnliche Complote in einigen anderen Staaten durch Dahinsendung vieler Geldsummen schon würklich fast zum Ausbruche gesponnen wurden, und es kaum zu bezweifeln sei, sie dürften was ähnliches auch hierlands, wo nicht schon versucht haben, so dennoch es zu tun die Absicht haben«.150

1804 hegte man den Plan, alle Industrien aus der Stadt Wien zu entfernen, um einer Ansammlung dieser ›bedenklichen Volksklasse‹151 zu verhindern; man wollte alle diese Industrien wenigstens zwei bis vier Meilen vor der Stadt wieder neu errichten. Doch brachte die Hofkommerzkommission dagegen Gründe vor, welche schließlich auch die Oberhand gewannen. Schon 1802 meinte die Hofstelle, dass »durch Fabriken das in den großen Städten nothwendigerweise sich befindliche Gesindel Beschäftigung finde, sodass dieselben die besten, zweckmäßigsten und nützlichsten Versorgungsanstalten ausmachten«152. Auch seien, so meinte die Hofstelle 1806, die Fabriken notwendig, denn ohne sie würde »wahres Elend unter der armen Klasse der Stadtbewohner entstehen, dann erst würde die Volksmenge wirklich fürchterlich zu werden anfangen«153.

1809 hatte dann die liberale Hofkammer gegen die industriefeindlichen Tendenzen endlich den Sieg errungen: es fielen alle Beschränkungen, welche die Industrien aus dem Stadtgebiet entfernen sollten. 1811 wurden diese Beschränkungen schließlich auch für die Vorstädte aufgehoben, für welche man 1809 diese Beschränkungen noch aus »Rücksichten der Polizei und der Ruralökonomie, weil nämlich die Ortsbehörden die Polizei nur als ein sehr unbedeutendes Nebengeschäft betreiben«154, belassen worden waren.

Durch diese Freiheit, welche man den Industrien gewährte, wurden natürlich die Zünfte schwer getroffen, in welchen man weiter nichts mehr als eine ›sehr nützliche Polizeianstalt‹155 sah und sie auch wegen ihrer liberal-feindlichen Haltung ablehnte. Die Tage der Zünfte wurden umso bedrohter, als mit dem Einzug der Maschine die Industrie endgültig den Sieg über das Zunftwesen davongetragen hatte. Es waren um die Jahrhundertwende die Spinnmaschinen, welche in der Textilbranche eine Revolution auslösten, und später die Dampfmaschinen, die 1816 erstmals nach Österreich kamen; 1830 waren in Österreich, vor allem aber im Wiener Raum bereits etwa 30 Maschinen im Betrieb. Besonders begünstigt wurde der Aufschwung der Industrie durch die Kontinentalsperre (1806–14), welche die englische Konkurrenz zum Schweigen brachte.

Umso katastrophaler musste sich dann die Beseitigung dieser Sperre auswirken, welche den durch den Staatsbankrott des Jahres 1811 ausgelösten Niedergang der österreichischen Wirtschaft nur noch beschleunigte. Diese Depression rief auch die Zünfte wieder auf den Plan, ­welche erneut den Kampf gegen die Industrie aufnahmen, indem sie diese als Ursache des wirtschaftlichen Chaos bezeichneten. Doch auch jetzt erreichten diese »unermüdeten kurzsichtigen Behelliger mit ihren unsinnigen Bitten«156 ihr Ziel nicht, da auch diese Wirtschaftskrise wieder abflaute und die Industrie mithilfe der Maschinisierung die zweite Geburt sehr gut überstanden hatte. Es entstanden nun neue Industriezweige, es setzten die Bemühungen um den Arbeiterschutz vor allem für die Arbeiter in den maschinellen Betrieben und für die zahlreichen Frauen und Kinder ein, welcher freilich die Missstände, die durch den mit der Maschine eingezogenen kapitalistischen Geist verursacht worden waren, auch nur mildern konnte.

Diese Entwicklung der Industrie bis 1848 fasst Slokar mit folgenden Worten kurz zusammen: »Im ganzen kann das Bild der Industriepolitik von 1790 bis 1848, trotz aller zeitweiligen, manchmal sich sehr sonderbar gestaltenden Schwankungen und vielfachen Mißgriffen, als kein gerade ungünstiges bezeichnet werden. Nachdem bis 1798 eine durch die politischen Verhältnisse und die technischen Fortschritte notwendig gewordene Neuorientierung gefunden worden war, war im allgemeinen die ganze weitere Zeit hindurch der auf physiokratischen und naturrechtlichen Ideen beruhende Geist des wirtschaftlichen Liberalismus, welcher 1809 die einzige gesetzliche Grundlage der Kommerzialleitung wurde, die Richtschnur der Gewerbepolitik, ohne aber in der 1. Hälfte des Jahrhunderts auch eine bestimmte gesetzliche formelle Sanktion erlangt zu haben. Die zeitweiligen, nicht von der obersten Kommerzialleitung ausgegangenen, von ihr vielmehr abgewehrten Rückschläge können den allgemeinen Charakter der Epoche nicht ändern.«157

Einige Zahlen nach Slokars Darstellung und auch aus anderen Quellen sollen das Bild der Industrie um die Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem in und um Wien abrunden. In der Baumwollindustrie gab es 1841 in ganz Niederösterreich, wozu auch Wien damals gehörte, 56 Fabriken mit 7000 Stühlen, von denen etwa 3–4000 in Wien standen.158 Insgesamt waren etwa 8000 Arbeiter in diesen Fabriken beschäftigt, der Durchschnitt lag also bei etwa 160 Arbeitern pro Fabrik, wobei es allerdings Fabriken gab, die 500 und mehr Arbeiter hatten; so z.B. die Fabrik in Pottendorf, welche mit 1000 Webern die größte Textilfabrik war. Es hatte allerdings schon im 18. Jahrhundert in Schwechat eine Fabrik gegeben, welche 7000 Menschen Arbeit besorgte.159

Neben der Baumwollindustrie, welche ihren Rohstoff einführen musste, war die bodenständige Leinen- und Schafwollindustrie zu dieser Zeit der Jahrhundertmitte schon zu einer beachtlichen Blüte gelangt. Infolge der Erbauung der Nord- und Gloggnitzbahn wurde auch die Maschinenindustrie um 1840 in Wien heimisch und konnte 1841 bereits 44 Fabriken aufweisen. Daneben sind noch die Leder­industrie, die Zucker-, Metall- und Glasindustrie und auch noch die Seidenindustrie zu erwähnen. Ein bekannter Wiener Industriezweig war die Porzellanindustrie, welche das auf der ganzen Welt verkaufte Augartenporzellan herstellte und zahlreiche Arbeiter beschäftigte. Um die Jahrhundertmitte machte dieser Zweig aber gerade ein wirtschaftliches Tief durch. – Um das Jahr 1898 endlich sind in Wien für das Jahr 1850 447 Fabriken vermerkt.

Die Entwicklung der Großindustrie, welche um die Jahrhundertmitte schon mit allen Zweigen vertreten war – selbst die chemische Indu­strie war schon begründet – ging von hier an stets aufwärts. Um 1880 gab es schon 1516 Fabriken in Wien, dazu kommen noch 214 in den Vorstädten. Die Arbeiterschaft machte dabei mit 70.000 Menschen samt 200.000 Angehörigen rund 1/5 der Wiener Bevölkerung aus.

Hand in Hand mit dem Großwerden der Industrie ging auch das Aufblühen Wiens und die Zunahme der Einwohnerzahl. Dieses Anwachsen der Stadt wurde auch durch die zentralistischen Tendenzen gefördert, durch welche Zweigstellen aller Industriezweige in Wien gegründet wurden. Hatte Wien zur Zeit der ersten Volkszählung unter Maria Theresia im Jahre 1754 nur 175.460 Einwohner, um 1800 231.049, selbst 1846 erst 497.980, so betrug die Zahl 1860 bereits 607.512 und war 1875 zusammen mit der Einwohnerzahl der Vororte auf eine Mil­lion angewachsen. 1887 waren es dann bereits 1.258.482 Einwohner, die sich Wiener nannten.160 Die moderne Riesenstadt war das Produkt der eigenen Industrien, der Stadtkern ausgenommen, welcher von den Handwerkern geschaffen worden war.161

Dieser unheimliche Wachstumsprozess ging aber noch weiter: 1910 hatte Wien mir rund 2,3 Millionen mehr Einwohner als heute!

Kurzum: Die österreichische und speziell die Wiener Industrie hatte also ihre Anfänge im 18. Jahrhundert und genoss damals schon weit gehende staatliche Förderung. Ihren großartigen Aufschwung nahm sie aber erst mit dem Eindringen der Maschine in den Zwanzigerjahren des 19. Jahrhunderts. Begleitet wurde dieser Aufschwung vom Anwachsen der Stadt Wien durch die Zunahme der neuen Menschengruppe, der Industriearbeiterschaft, und dies vor allem in den Vororten und Vorstädten162, aber auch durch den Niedergang der Zünfte und der selbständigen kleinen Handwerker und Gewerbetreibenden, welche den Durchbruch der Industrie trotz heftigster Gegenwehr nicht aufhalten konnten.

Die Herkunft der Industriegesellschaft

Will man über das Verhältnis einer Gruppe der Gesellschaft zu einer anderen Aussagen machen, so ist es gut, zu wissen, welches die wesentlichsten Merkmale dieser Gruppe sind. In unserem Falle steht also am Beginn der Untersuchung der Ursachen der Entfremdung von Seiten der Arbeiterschaft die grundlegende Frage: Welche Leute haben die ersten Generationen der Industriearbeiterschaft konstituiert? Und haben wir in den ersten Generationen der Industriearbeiterschaft schon einen Arbeiterstand vor uns? Oder wenn dies nicht der Fall ist: Welches sind die Eigenschaften dieser neuen Großgruppe? Aus der Beantwortung dieser Fragen werden sich bedeutende Folgerungen für das Verhältnis dieser neuen Gesellschaftsgruppe zur Kirche ergeben.

Der Proletarier

Im vorigen Jahrhundert war es üblich, weniger vom Arbeiter als von Proletariern zu sprechen. Der Begriff des Arbeiters war noch für das Gewerbe reserviert. Die Bedeutung des Wortes Proletarier hat nun im Laufe der Geschichte einen Wandel durchgemacht. Schon im Impe­rium Romanum gab es die proletarii. Damals verstand man darunter Leute, die dem Vaterland nur durch die Erweckung von Nachkommenschaft dienten. Das besagt negativ, dass es sich um Menschen handelte, die sich über die generatio prolis hinaus zu keiner höheren Tätigkeit aufschwingen konnten, vor allem aber nicht geistig schaffend waren.

Von größerer und spezifischer Bedeutung aber wurde der Ausdruck Proletarier erst mit dem Entstehen der kapitalistischen Wirtschaftsweise. Ansätze zu dieser Wirtschaftsform gab es bereits im Mittelalter, doch wurden diese meist vom antikapitalistischen mittelalterlichen Wirtschaftsgeist erdrückt. Nur in der Textilbranche hatte diese neue Art einigen Erfolg in der Schaffung des Verlagssystems. Und auch hier entstanden schon Proletarier, jedoch nicht im eigentlichen Sinn des Wortes: denn gesellschaftlich gehörten diese Menschen noch zum Handwerkerstand. Auch waren sie nicht revolutionär, sondern strebten im mittelalterlichen Sozialethos zur alten bürgerlichen Existenzsicherheit zurück.163

Durch diese negative Abgrenzung haben wir schon eine Haupteigenschaft des Industrieproletariats gewonnen: Es ist kein Stand. Dies wird auch dem Hintergrund der agrarwirtschaftlichen Gesamtgesellschaftsstruktur Österreichs verständlicher. Denn in Österreich gab es neben dem Klerus zunächst den Adelsstand, der besonders die feudalen Grundbesitzer erfasste. Daneben kannte man den Bauernstand und endlich den Stand des ehrbaren Handwerks. Wer nicht einem dieser aufgezählten Stände angehörte, war automatisch standlos. Und dies galt nun besonders von der Industriearbeiterschaft, für die eben in der alten Ständeordnung, in der vorindustriellen Gesellschaft kein Platz war. So konnte der bekannte Sozialpolitiker Vogelsang das Industrie­proletariat mit folgenden Worten definieren: »Der vierte, nur arbeitende, aber nicht besitzende Stand: das Proletariat, ist kein Stand.« – und: »Der fälschlich so genannte Arbeiterstand ist gar kein Stand, sondern ein proletarischer Niederschlag aus der Zersetzung aller Stände.«164

In dieser zweiten Definition kommt aber schon ein zweites Wesensmerkmal des Proletariats in den Anfangszeiten des Industriekapitalismus zum Ausdruck, das mit der Standlosigkeit eng zusammenhängt: Das Proletariat ist das Zersetzungsprodukt aller Stände. Da es keinen Arbeiterstand gab, konnte sich diese neuentstehende Gruppe der Gesellschaft eben nur aus den bestehenden Gesellschaftsteilen, den Ständen, rekrutieren. Da aber der Eintritt in das Proletariat einen gesellschaftlichen Abstieg bedeutete, trachtete sich ein jeder so lang als möglich in seinem Stand zu halten. Folglich mussten also nur die schwachen Glieder der Stände diesen Abstieg antreten. Wir haben somit im Industrieproletariat den »Abschaum aller Klassen« (im Sinn von Stand)165 vor uns. Es ist »das erste und radikalste Produkt jener Entwurzelung und Volkszerstörung, die mit der revolutionären indu­striekapitalistischen Erwerbswirtschaft und der modernen Technisierung einsetze«166. Ein Flugblatt aus dem Jahre 1848 beleuchtet diese Tatsache, dass das Hinterland des Proletariats praktisch die gesamte zerfallende Gesellschaftsordnung war. Nach der Feststellung des Verfassers, dass die Zahl der Proletarier in Wien fast mehr als 100.000 Menschen (!) umfasste, lautet der Text weiter:

»Proletarier sind nicht nur Landstreicher und Taugenichtse, sondern auch: Die ganze Klasse der Armen, welche vom Tagelohne leben, die hungern und wimmern, wenn sie einen Tag ohne Verdienst bleiben, und die stöhnen und jammern, wenn sie Arbeit haben, weil sie nicht wissen, ob dies morgen und übermorgen fortdauern wird, die vor dem Alter mehr als vor dem Tode zittern! weil sie da kein anderes Brot haben als mit dem Bettelstocke zu hausieren.

Alle Gewerbsleute, Arbeitgeber und Gesellen, welche bereits schon mit dem Schiebkarren bei den öffentlichen Erdarbeiten verwendet werden, oder welche noch immer im rathlosen Jammer das Elend ihrer Familien anstarren, aber aus falschem Schamgefühl sich noch nicht als Arbeiter bei den Bauten einschreiben ließen.167

Alle Praktikanten, welche 10 bis 15 Jahre mit guter Hoffnung auf eine Anstellung darbten und verkümmerten und jetzt gänzlich hoffnungslos geworden und siech die Kanzleistube verlassen müssen.168

Alle Beamten, welche bei einer nothwendigen Reduzierung der Ämter, ohne Pensionsfähigkeit entlassen wurden.

Alle jungen intelligenten Männer, Studenten und jene, die ihre Studien bereits vollendet haben, die ohne Vermögen sind und nicht die fernste Aussicht auf eine Anstellung haben. Das sind lauter Proletarier, unglückliche und verdienstlose Menschen, welche mit dem Schöpfer hadern, der sie in eine Welt gesetzt hat, von welcher sie keine Hufe Land als ihr Eigentum nennen können.«169

Dieses Abfallprodukt der ins Wanken geratenen mittelalterlichen Gesellschaftsordnung zog nun in die Fabriken, weil es dort wenigstens einen bescheidenen Lohn beziehen konnte. Dieses Lohnverhältnis kennzeichnet nun das Industrieproletariat in positiver Hinsicht. Götz Briefs definiert daher das Proletariat: »Der Proletarier ist der Lohn­arbeiter (oder nicht beamtete Gehaltsbezieher), der in der fortlaufenden Veräußerung seiner Arbeitskraft seine ausschließliche oder für die Lebenshaltung entscheidende Einkommensquelle hat und daher zu dauernder Reproduktion des Lohnverhältnisses gezwungen ist«.170

Bemerkenswert ist vielleicht noch, wie Georg Ratzinger (1844–99) das Proletariat sieht. Für ihn sind nicht so sehr das soziale Elend und die wirtschaftliche Notlage, welche nach allgemeiner Ansicht auch wesentlich zu den Merkmalen des Industrieproletariats dazugehören, ausschlaggebend. Sondern er meinte: »Den Begriff Proletarier konsti­tuiert nicht die wirtschaftliche Not, sondern geistiges Elend171 Wenn diese Definition in seiner ausschließlichen und uneingeschränkten Form auch zu eng ist, so gehört sicher auch die geistige Struktur zu den Merkmalen dieses neuen Gesellschaftsteiles. Darüber wird gleich noch mehr gesagt werden.

Fassen wir die verschiedenen Elemente kurz zusammen, so sind die negativen Aussagen über das Industrieproletariat in den Anfängen des Industrialismus die Standlosigkeit; die Tatsache, dass diese Menschen ein Zersetzungsprodukt der Gesellschaft sind; die wirtschaftliche und geistige Notlage. Positiv aber ist das Lohnarbeitertum charakteristisch. Dass wir praktisch nur ein positives gemeinsames Merkmal für alle Proletarier anführen können, ist ein Hinweis mehr auf die Tatsache, dass die ersten Generationen der Industriearbeiterschaft wesentlich negativ bestimmt sind und noch keine positive Einheit oder gar eine Organisation bildeten.

Im Zusammenhang mit dieser Feststellung ist eine kritische Bemerkung zum Begriff des Proletariats bei Marx anzubringen. Marx sieht das Proletariat im Zusammenhang seiner Klassentheorie, welche den letzten Schritt in der materialistischen Geschichtsauffassung erklären soll. Kurz zusammengefasst besagt diese Theorie: »Die kapitalistische Gesellschaft ist durch eine zunehmende Polarisierung von zwei Klassen gekennzeichnet, der Klasse der Besitzer der Produktionsmittel (Kapitalisten) und der Klasse der Nur-Lohn-Arbeiter (Proletarier). Hand in Hand mit dieser Polarisierung der Gesellschaft geht die Extremisierung der Klassenlage. Das will besagen: die kapitalbesitzende Klasse wird immer reicher und dieser Reichtum sammelt sich in den Händen immer weniger Kapitalisten. Die Arbeiterklasse aber wird immer ärmer und die Armut umfasst immer weitere Kreise. Daraus ergibt sich für die Klassentheorie von Marx die Folgerung, dass die Klassen in ihrer Einheitlichkeit ständig zunehmen, insbesondere die Arbeiterklasse in ihrem proletarischen Dasein. Das Ende der Polarisierung der Gesellschaft, der Extremisierung der Klassenlage und der Einheitlichkeit des Proletariats ist der bekannte revolutionäre Umschlag in die klassenlose Gesellschaft durch die Expropriation der Expropriateure.«172 Marx stellt also das Proletariat als Klasse der Bourgeoisie gegenüber. Diese Auffassung von der Einheitlichkeit, bzw. die Möglichkeit der Vereinigung auf Grund dieser deutlichen Abgrenzung des Proletariats gegenüber der Bourgeoisie kommt auch im Kampfruf des Kommunistischen Manifests, im »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!«173 zum Ausdruck. So sind für den Marx’schen Proletariatsbegriff zwei Merkmale wichtig: erstens die wirtschaftliche Notlage, die sich aus dem ausbeuterischen kapitalistischen Lohnsystem ergibt. Doch hat nicht primär dieses Lohnsystem das Proletariat geschaffen. Sondern dieses Lohnsystem hat nur dazu beigetragen, die proletarischen entwurzelten Massen noch auf ein tieferes Niveau herabzudrücken, und was noch bedeutsamer ist und Marx auch richtig gesehen hat, den Menschen das Gefühl der gemeinsamen Notlage zu geben und sie darin zu einigen. Zweitens aber ist im Marx’schen Begriff vom Proletarier die wesentliche Polarität zur ausbeuterischen Kapitalistenklasse charakteristisch. Aber auch dieser zweite Punkt hat seine Mängel und trifft nicht genau den historischen Sachverhalt: Denn das Proletariat stellte lange noch keine einheitliche Masse dar, der Weg bis dahin war noch lange und mühsam und wurde erst durch die Arbeit und Propaganda des Marxismus erreicht.174

Und doch wird der Marx’sche Begriff verständlich, wenn man bedenkt, dass Marx nicht theoretisieren, sondern die Welt verändern will. Und dies ist ihm auch gelungen, denn sein Begriff wurde zum stolzen Kampfruf der mühsam geeinten Arbeitermassen und behielt seine Bedeutung lange Zeit, so lange, bis der Arbeiter auf Grund einer völlig veränderten und verbesserten wirtschaftlichen und sozialen Lage selbst mehr sein wollte als ein Proletarier. Diese Entwicklung aber ist heute noch im vollen Gange.

Die geistige Situation des Proletariats

Von den Eigenschaften des Proletariats verdient die geistige Situation besondere Beachtung. Denn wir stehen hier vor einer Tatsache, die in ihrem vollen Umfang gesehen fast unabsehbare Folgen zeitigte. Das geistige Niveau der Arbeiterschaft war nämlich in der Zeit, die unserer Untersuchung zugrunde liegt, erschreckend niedrig. Einige Quellen sollen uns dies zeigen.

Die Quellen sind hauptsächlich Urteile über den Arbeiter. So schrieb Marx im Kapital: »Auf die Frage, was ist ein Arbeitstag? Antwortet das Kapital: der Arbeitstag zählt täglich 24 Stunden, nach Abzug der wenigen Ruhestunden, ohne welche die menschliche Arbeitskraft ihren erneuten Dienst absolut versagt. Es versteht sich von selbst, dass der Arbeiter seinen ganzen Lebenstag durch nichts ist, außer Arbeitskraft … Dass daher all seine verfügbare Zeit der Selbstverwertung des Kapitals angehört. Zeit zu menschlicher Bildung, zu geistiger Entwicklung, zur Erfüllung sozialer Funktionen, zu geselligem Verkehr, zu freiem Spiel der geistigen und leiblichen Kräfte, selbst die Feierzeit des Sonntags … – reiner Firlefanz.«175

Nach der Theorie von Marx führt überhaupt die kapitalistische Arbeitsweise zur Entfremdung des Arbeiters von sich selbst, da er »sich in seiner Arbeit nicht bejaht, sondern verneint, nicht wohl, sondern unglücklich fühlt, keine freie physische und geistige Energie entwickelt, sondern seine Physis abkasteit und seinen Geist ruiniert. Der Arbeiter fühlt sich daher erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich. Zuhause ist er, wenn er nicht arbeitet, und wenn er nicht arbeitet, ist er nicht zuhause. Seine Arbeit ist nicht freiwillig, sondern gezwungen, Zwangsarbeit. Sie ist daher nicht die Befriedigung eines Bedürfnisses, sondern sie ist nur ein Mittel, um die Bedürfnisse außer ihr zu befriedigen. Ihre Fremdheit tritt darin rein hervor, dass, sobald kein physischer Zwang existiert, die Arbeit als Pest geflohen wird.«176 Marx sieht die geistige Situation sehr treffend und scharfsinnig und gibt auch zugleich als Ursache dieses Zerfalls die spezifische Arbeitsweise der neuen Wirtschaftsreform an.

Andere weniger theoretische Quellen sollen die grundsätzliche Einsicht von Marx etwas bunter machen. So schrieb die Revolutionszeitung des Jahres 1848, die »Constitution« unter der Überschrift »Schreiben, lesen, rechnen«, dass die Verteidiger der Arbeiterbildung »den Schatten für die Gestalt ergreifen, ein leeres Wort für einen vollen Gedanken und das Mittel für den Zweck halten«. Der Verfasser des Artikels gab seiner Überzeugung über die Ungebildetheit der Arbeiterschaft mit folgenden Worten Ausdruck: »Unsere Arbeiter können schreiben, d.h. sie können die Schriftzüge bald besser, bald schlechter nachzeichnen. Ist aber diese Fertigkeit auch nur der geringste Beitrag zur Bildung? Was nützt denn das Schreiben demjenigen, der nicht einen halben Gedanken hat niederzuschreiben? Die Bildung ist ja nichts Äußerliches, sie besteht einzig und allein in der Summe der aufgenommenen Gedanken, und wenn es auch nicht anzutreffen sein könnte, so ist doch das Gegenteil nicht selten, dass Leute, die ziemlich leserlich schreiben, auf der tiefsten Stufe der Bildung stehen.«177

Gerade diese geistige Stumpfheit war es aber, welche die Arbeiter zu Proletariern im Vollsinn des Wortes machte. Es sei dazu eine Stelle aus dem Tagebuch des Redakteurs der Wiener Kirchenzeitung Sebastian Brunner angeführt. Dieser schrieb: »Die Leute tragen den Stempel des wahren und echten Proletariats an sich, und der ist, außer der leiblichen Armuth, der Mangel an geistigem Besitz, der Mangel an Glaube und Hoffnung auf Gott und seine ausgleichende Gerechtigkeit. Und das ist der Höhepunkt des Jammers! Das macht erst die Armuth zu einem Elende, größer noch, als es einst im Heidenthume war, das steigert die Armuth zur Verzweiflung – das ist das Proletariat178

Aber auch die Arbeiterschaft selbst scheint zum Teil diese Tatsache bald erkannt zu haben. Denn in einer Zeit, wo man ja an allen Orten vom »wunderbaren Licht« der aufgeklärten Vernunft und deren Leistungen sprach, musste der Arbeiter stark von seiner Umwelt abheben. 1949 rief in der »Constitution« die »Stimme des Arbeiters« daher aus: »Schon seit Wochen warte ich179, dass einer von euch, ihr Dichter, Schriftsteller und Gelehrten, sich auch unser, der Arbeiter annehmen und unsere Rechte vertreten möge, damit auch wir an der Freude teilhaben, an dem Lichte, das sich über Deutschland mit seinen heiligen Strahlen ergießt. Aber vergebens! Wir haben mit euch gefühlt, gebetet, mit euch gerungen, mit euch gejubelt; Ihr aber wisst nichts von uns, erkennt uns nicht mit aller Weisheit. Hält etwa der Taumel der Freude euch noch befangen? Seht ihr es wirklich nicht, dass wir in Dumpfheit, in Elend und jämmerlicher Unwissenheit verschmachten? Da wird hin und her gesprochen, vom Volk, für’s Volk, vom deutschen Volke, vom freien deutschen Volke. Wer ist denn das Volk? Sind wir nicht wenigstens der größte Teil desselben? Wir aber verlangen Bildung und möchten sie von euch verlangen! Bildung als einzige Quelle der Freiheit! Strebt danach, dass der Stumpfsinn vermindert werde, dass auch die Geringsten ihrer Würde erkennen, lasst sie es einsehen, dass niemand mehr oder weniger sein kann als ein Mensch; … Kann ein geplagter Mensch, der sich von morgens 5 Uhr bis 7 Uhr abends (ja, es lässt sich behaupten, von 4 bis 8 Uhr) bei schwerer Arbeit abmüht, Sinn für das Wahre, Gute und Schöne haben? Kann er sich um die Interessen des Vaterlandes kümmern? Nein! Deshalb verlangten unsere Nachbarn, die Franzosen, mit Recht Verminderung der Arbeitszeit, damit der edlere Teil des Menschen nicht ganz mit Füßen getreten, damit der Geist bewußt werde. Und auch wir machen die Anforderung! Wie, oder soll der Selbstsucht nicht endlich der Hals gebrochen werden, die auf Kosten anderer nach einem höheren Platze strebt und es verschmäht, Niedere zu sich heraufzuziehen?«180

Dieser Artikel bedient sich jedenfalls einer sehr offenen Sprache und ist daher umso höher einzuschätzen; vor allem zeichnet er die geistige Lage der Arbeiterschaft um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in sehr klaren Zügen. Noch eins aber können wir an Hand dieses Textes gleich feststellen: Wenn man in Arbeiterkreisen erkannt hatte, dass man zu einem Aufsteigen unbedingt Bildung und Wissen brauche, so wurde mit der gleichen Erkenntnis auch klar, dass man sich diese Bildung nicht selbst verschaffen könne, sondern gleichsam als Anleihe von der herrschenden Schicht erhalten müsse. Und darin bestand eben eine große Schwierigkeit. Denn der herrschende dritte Stand hegte gegen das Proletariat eine tiefe Abneigung, hatte Angst vor dessen Übermacht, sodass er sich wohl hütete, dem Proletariat diese Mittel zur Freiheit und zur Macht auszuhändigen und die eigene Position dadurch zu gefährden. Dies aber spürten die »Gutgesinnten Arbeiter« und erhoben ihre Stimme in einem »Verteidigungsworte von den Arbeitern« an ihre Mitbürger im Jahre 1848: »Die schwere, unheilvolle Stunde«, so lautet der Text, »ist an uns vorübergerauscht, eine Stunde, die eine unendliche Kluft zwischen uns und euch hervorrief, die wir uns doch durch die Ereignisse des 26. Mai fest verbunden glaubten. Unser Blut ist geflossen, und Ihr habt es vergossen, vergossen ohne genügende Ver­anlassung, ohne dringende Notwendigkeit. – Mitbürger! Ihr habt das Verhältnis, in dem wir zu euch stehen sollten, vergriffen; Euer kaltes, verachtendes Benehmen gegen uns, die ungebildete Klasse, hat uns ­verletzt; Ihr wollt euch nicht zu euch hinaufziehen, ihr betrachtet uns nicht als Brüder, als gleichberechtigte, bildungsfähige Staatsbürger, sondern als notwendiges Übel, als eine bissige Bestie, die man durch ständiges Vorwerfen von Brocken vom Anfallen zurückhalten müsse.«181

Besinnen wir uns kurz, wie es zu dieser geistigen Notlage kommen konnte. Marx hat die Arbeit als Ursache angeführt. Sie steht auch ohne Zweifel im Vordergrund. Denn sie war zu lange, sodass den Arbeitern keine Freizeit mehr blieb, in der sie sich einen geistigen Ausgleich hätten verschaffen können. Zudem war die Arbeit geistlos, und dies als notwendige Folge der Arbeitsteilung. Der Arbeiter verfertigte nicht mehr ein ganzes Stück, an dessen Herstellung er Freude haben konnte und das seine schöpferischen Kräfte auf den Plan rief; vielmehr stand er nun an der Maschine und tat jahraus jahrein die gleichen geistlosen Handgriffe. Äußere Umstände der Arbeit, wie Kälte oder Hitze, Staub oder schlechte Luft, Dunkelheit und andere gesundheitswidrige Faktoren trugen auch ihren Teil bei.

Daneben dürfen wir auch nicht die Wirkung des gesteigerten Alkoholkonsums vergessen, zu dem sich die Arbeiter treiben ließen, um die schwere Arbeit ertragen und ihre trostlosen und oft aussichtlosen Verhältnisse vergessen zu können.

Verstärkt wurde die Ungebildetheit der Arbeiterschaft noch dadurch, dass auch die Belehrung der Jugend aus den Arbeiterfamilien nicht ihre Früchte tragen konnte. Denn die den Schulstunden vorausgehende schwere Fabrikarbeit machte die Kinder stumpf und aufnahmeunfähig.

Die Hauptquellen des Proletariats

Eines der Hauptmerkmale der neuentstehenden Industriearbeiterschaft ist wie gesagt auch die Tatsache, dass sie der »Abschaum« aller Klassen ist, das Zersetzungsprodukt aller Stände.

Dieser Eigenschaft werden wir nun etwas näher nachgehen und die wichtigsten Quellen für das Industrieproletariat angeben.

Unbrauchbare Menschen

Die geschichtlich erste, aber relativ noch unbedeutende, im Gegensatz zu den anderen Hauptquellen stark zurücktretende Quelle, sind die bis dahin für den Staat unbrauchbaren Leute: Zuchthäusler, ausgediente Armeeangehörige, auch sonstige öffentlich Befürsorgte, vor allem Armen- und Waisenhäusler; schließlich gehören dazu noch die zahlreichen Kinder, welche jetzt in die Fabriken zogen.

Geschichtlich kam dies so: Als gegen Ende des 18. Jahrhunderts die ersten größeren Manufakturen (industrielle Betriebe ohne Kraftmaschine) gegründet wurden, suchten die Fabriksherren für diese bisher ungewohnte und neuartige Tätigkeit Arbeitskräfte. Weil sie diese aber nicht finden konnten, wandten sie sich hilfesuchend an Maria Theresia und später auch an Kaiser Joseph II. um Abhilfe in ihrer Notlage. Diesen kamen aber solche Bitten gerade recht. Denn der aufgeklärte Staat war bestrebt, alle bisher unbeschäftigten und nicht ausgenützten Staatsbürger für den Volksreichtum einzusetzen. Es wurden in diesem Zusammenhang nicht nur die beschaulichen Orden aufgehoben, sondern auch die Juden erhielten die Industrie als Betätigungsfeld zugewiesen und man übergab endlich die Insassen der verschiedenen Fürsorgeinstitute den bittstellenden Fabrikanten.

Auch entsprang dieser Nutzbarmachungsidee die auf die Dauer sehr verderbliche Kinderarbeit. Ja, man konnte nicht genug Lobeshymnen auf die Maschinen singen, die die Kinderarbeit möglich machten, weil sie weniger Geschicklichkeit als die Handarbeit voraussetzte.182 Ein Zeitgenosse Maria Theresias berichtet, dass 1765 der zu Wien errichteten k.u.k. Wollenzeugfabrik »die armen Mägdelein, so die mildthätige Maria Theresia sonst zu Kaiser-Ebersdorf erziehen ließ«, übergeben wurde.183 Auch aus späterer Zeit, in der man die Missstände der Kinderarbeit schon zu erkennen begann, griff man noch lange nicht die Wurzel des Übels selbst an, sondern suchte nur die äußeren Umstände zu verbessern. Oft mussten die meist körperlich zurückgebliebenen und unterentwickelten Kinder schon ab dem 8. Lebensjahr arbeiten.

Die zwei größten Hauptquellen für das Industrieproletariat bildeten aber die beiden zerfallenden Großstände, der Bauernstand und die Zünfte. Da unter den beiden im österreichischen Agrarstaat der ­Bauernstand wiederum an Bedeutung hervorragte,184 so soll er in der Behandlung auch den Vorzug haben.

Der Bauernstand

Die entscheidende innere Entfaltung des österreichischen Agrarstaates fällt in die Zeit vom 11. bis zum 13. Jahrhundert. In dieser Zeit wurde der ländliche Siedlungsraum ungefähr verdoppelt. Von da an war der größte Teil des Bodens bebaut und die Siedlungsbewegung kam zum Stillstand.185 Nicht zum Stillstand kam jedoch der Bevölkerungszuwachs. Allmählich führte daher diese Situation zu einem Überschuss der ländlichen Bevölkerung und die Folge waren zahllose »Bauern ohne Land«186, also Söhne von Bauern, welche keinen eigenen Grund und Boden mehr bekommen konnten, weil eine weitere Teilung des Besitzes nicht mehr sinnvoll gewesen wäre. Da nun mit dem Eindringen der liberalistischen Ideen neben dem Beginn der Industrie auch die Lockerung der gutsherrlichen Bande erfolgte, so stand diesen Bauern, welche von ihrem Stand nicht mehr ernährt werden konnten, kein Hindernis mehr im Weg, in die Fabriken abzuwandern, welche eben ihre Tore zu öffnen begannen.

Auf diese Weise konnte die industrielle Revolution zur Hauptnutznießerin der Verarmung der ländlichen Überschussbevölkerung werden,187 weil sie die Bauern, welche von der Scholle nicht mehr ernährt werden konnten, von ihr löste, sie aber dafür an ihre Ketten schmiedete.188 Wir stehen so vor der geschichtlich bedeutsamen Zufälligkeit, dass der Kapitalismus gerade zu der Zeit entstand, als auch zahlreiche Menschen bereit waren, ihre Heimat zu verlassen und in die Fabriken zu ziehen.

Speziell sei noch auf Böhmen, den bedeutendsten Herd des öster­reichischen und besonders des Wiener Proletariats hingewiesen. Dort war die Lage der Bauernschaft besonders schlecht, weil ein sehr hoher Robot geleistet werden musste.189 Daher kamen oft jährlich bis zu 20.000 notleidende und Arbeitssuchende böhmische Bauern nach Wien. Es ist natürlich, dass unter diesen auch viele gescheiterte und unruhestiftende Leute waren, wie dies folgendes Flugblatt aus dem Jahre 1848 beschrieb: »Schmerzlich muss es jeden Besseren berühren, wenn er bemerkt, dass Ausländer, die in ihrer Heimat nicht genug Kartoffel fanden, um ihren Hunger zu stillen, und halbverhungert nach Österreich kamen, jetzt ( – und nun weicht der Verfasser sicher etwas von der trostlosen Wirklichkeit ab – Anm. d. Verf.), wo sie durch die Güte und Teilnahme unserer guten Wiener auch Bürger von Wien ­wurden, sich so undankbar gegen alle beweisen, wo sie ihr reichliches Einkommen fanden.«190

Die Zünfte

Als die Zünfte von der neuentstehenden Industrie noch nicht sehr gefährdet waren, da diese noch nicht mit der Kraftmaschine ausgerüstet war und vielfach auch qualitativ nicht mit den Erzeugnissen der handarbeitenden Meister mithalten konnte, gab es, ähnlich wie im Bauernstand, dennoch zahllose Handwerker, denen die Zünfte nicht mehr ihren Lebensunterhalt sichern konnten. War nämlich eine Zunft mit genügend Meistern, Gesellen und Lehrbuben versehen, so wurde über sie die »Zunftsperre« verhängt und niemand mehr aufgenommen. Dadurch blieben viele Söhne und Töchter von ehrbaren Meistern, die eigentlich für das Handwerk bestimmt waren, von der Zunft ausgeschlossen und mussten sich daher, wenn sie nicht verhungern wollten, auf dem Arbeitsmarkt anbieten. Damit waren sie aber grundsätzlich für den Weg ins Proletariat bestimmt.

Als dann die Dampfmaschine ihren Einzug in die Industrie feierte, konnten die Zünfte mit ihren Erzeugnissen preismäßig nicht mehr mithalten. Denn waren auch jetzt die Produkte der Fabriken nicht besser als die handgemachten Stücke,191 so waren sie doch viel billiger, weil ihre Herstellung nicht mehr so viel Zeit und Arbeitskraft in Anspruch nahm. Auf diese Weise kam es, dass viele Meister mit ihren Gesellen die Selbständigkeit verloren und den Weg in die Fabrik antreten mussten. Von den »einhergelaufenen, durch Lumperei oder Faulheit zugrunde gegangenen Schneidern, oder abgewirthschafteten Cravaten­machern«192 können wir absehen, weil deren Zahl kaum sehr groß gewesen sein konnte.

Dass auch höhergestellte Kreise, vor allem die niedere Beamtenschaft und auch die Studentenschaft nicht selten Proletarier stellten, haben wir schon weiter oben an Hand eines Zeitgenossenberichtes erfahren. Damit haben wir die wichtigsten Quellen für das Proletariat umrissen und es soll von hier aus noch einmal – da uns die Vielfalt der Quellen noch vor Augen steht – auf die verengte Schau von Marx verweisen, der als einzige Ursache für das Entstehen des Proletariats das kapitalistische Lohnverhältnis ansah.

Der Standortverlust

Wir haben bisher die Tatsache des Zerfalles der beiden Großgruppen der Gesellschaft ins Auge gefasst und gesagt, dass diese zum Hauptquell für das Industrieproletariat geworden waren. Diese Tatsache des Herausfallens einer so großen Menschenmenge aber ist von folgenschwerer Bedeutung geworden: Denn durch eben diese Entwurzelung aus dem Stand, die meistens noch mit dem Auswandern aus der Heimat und dem Verlassen des Wohnortes verbunden war (man kann daher mit Recht von einem Stand-Ort-Verlust sprechen), wurde alles aufgegeben, was mit diesen in Verbindung stand. Da nun aber gerade die Kirche und die Religion mit diesen beiden Ständen sehr stark verbunden waren, so wurde die Entfremdung und die Entwurzelung aus dem Stand und aus der Heimat zur Entfremdung von der Kirche. Dieser Gedankengang soll nun entfaltet und näher begründet werden.

Es ist die ein Phänomen, das sich auch heute, wo die Landflucht noch immer sehr groß ist, gut beobachten lässt. Kommt heute ein Bauernsohn in die Stadt, so behält er anfangs noch seine Gebräuche und Traditionen bei. Um aber nicht unangenehm aufzufallen, beginnt er bald alles abzulegen, was an seine Herkunft erinnern könnte. Dabei besteht zwischen der heutigen Landflucht und dem damaligen Abwandern in die Fabriken noch ein wesentlicher Unterschied: Heute zieht das Landvolk in die Stadt, weil es sich dort ein angenehmes Leben und einen guten Verdienst erhofft. Dabei muss gegen das Bauerntum gar keine innere Abneigung bestehen, sondern es genügt, dass die schöneren Aussichten den jungen Menschen verlocken. Damals hingegen war die Situation eine andere: die Bauern zogen nicht in die Fabrik, weil sie es dort besser haben würden – dies traf in den meisten Fällen auch gar nicht zu –, sondern sie mussten auswandern, weil sie in ihrer Heimat und in ihrem Stand nicht mehr den nötigen Lebensunterhalt finden konnten. Sie waren gleichsam die Ausgestoßenen des Standes. Ganz besonders trat dies bei der Zunftsperre zu Tage. So entstand nicht selten eine Aversion gegen ihre alte Umgebung und ihren alten Stand und es wird so verständlich, dass diese Menschen alles, was sie mit dem verstoßenden Stamm gemeinsam hatten, ablegten. Die neue Umgebung trug das Ihre dazu bei.

Diese mehr ideelle Entwurzelung war im konkreten Falle aber noch mit dem Verlassen der Heimat verbunden. Dadurch wurde die Absage an die Standesideale noch verschärft. C. Jantke umfasst diese folgenschwere Tatsache der Entwurzelung sehr treffend mit folgenden Worten: Die Entwurzelung aus dem heimatlichen Boden ist »jene durch keine politischen Maßnahmen korrigierbare Tatsache, dass jeder Mensch aus der heimatlichen Welt dinglicher, rechtlicher, moralischer und religiöser Bindungen zu einem ihm unbekannten Ziel aufgebrochen war«193.

Damit stehen wir aber schon beim zweiten zu beweisenden Punkt: Feststeht, dass durch das Herausfallen, bzw. das Ausgestoßenwerden aus dem Stand und Heimat alles aufgegeben wurde, was mit diesen in Verbindung stand, und lässt sich weiter jetzt noch zeigen, dass gerade mit diesen gesellschaftlichen Institutionen die Kirche engstens verbunden war, so können wir mit Recht sagen, dass eine Entwurzelung aus Stand und Heimat auch zugleich eine Entwurzelung aus der Kirche bedeutete. Wir stehen also vor der nicht leicht beantwortbaren Frage, welches die religiöse Situation des Volkes, und dann im Besonderen des Bauernstandes und der Zünfte war. Bei dieser Frage besteht nämlich die Gefahr des Idealisierens und des Verallgemeinerns. Das Urteil z.B.: Österreich ist seit der Gegenreformation das katholische Land, oder auch: Die Zünfte als religiöse Institution bürgen für die Religiosität ihrer Mitglieder, sind zu allgemein, um die stets sehr vielfältige und bunte Wirklichkeit auch nur annähernd zu treffen. Eine weitere Schwierigkeit besteht auch darin, dass es nur sehr wenige verlässliche Quellen für diese Frage gibt und diese auch nur die äußeren Erscheinungsformen der Religion, so vor allem Kirchgang und Sittlichkeit registrieren konnten. Eine dafür sehr brauchbare Quelle sind die Visitationsberichte der Bischöfe und Dechanten.194

Bevor nun die religiöse Situation speziell der beiden Großstände untersucht werden soll, ist es vorteilhaft, zunächst allgemein über die religiöse Lage des Volkes zu sprechen. Da in den Visitationsberichten primär von den Schattenseiten die Rede ist, will ich auch damit beginnen.

Die religiöse Lage des Volkes überhaupt

(a) In den Berichten der Bischöfe an den Kaiser Franz I. begegnen uns viele Klagen, welche sich unter den Wörtern Traditionalismus, Mechanismus und Äußerlichkeit zusammenfassen lassen. Der Glaube sei mechanisch, eine Abnahme der Prozessionen sei zu bemerken, überhaupt aber habe das Volk eine »große Liebe zu Nebendingen«195 und lege »großen Werth auf äusserliche, ausserwesentliche Religions­gebräuche«196. Auch neige das Volk zu »Mechanismus und Aber­glauben«197. So nur ist es auch zu verstehen, dass z.B. die Beseitigung unschöner Statuen im Volk oft zu großen Unruhen führte und ein österreichischer Bischof zu besonderer Vorsicht bei der Beseitigung raten musste. Man solle sie »unauffällig« wegschaffen, und vor allem nur jene Statuen, »welche unförmlich gemahlt (sic), oder geschnitzt sind, und den Gegenstand abertheuerlich darstellen«198.

(b) Diese Äußerlichkeit konnte durch die religiöse Unwissenheit nur noch gefördert werden. Der Professor der Theologie an der Wiener Universität Fesl berichtet uns darüber: »Allein eine öffentliche Tatsache ist es, dass hauptsächlich sogar die Kenntnis der religiösen Wahrheit, umso mehr die Überzeugung von deren tiefsten Bedeutung und ihrer Beobachtung und Befolgung unter Hohen und Niedrigen, Gebildeten und Ungebildeten beinahe völlig abhandengekommen ist. Von dieser Wurzel entspringen alle anderen Missstände im kirchlichen Leben.«199 Dieser Zustand war selbst 1910 noch Gegenstand der Klagen des österreichischen Episkopates; in einem Hirtenbrief wird er unter den Missständen und den drohenden Hauptübeln aufgezählt. Es heißt dort, dass besonders die gebildeten Stände in ihrer religiösen Unwissenheit zumeist arg befangen sind; »sie kennen die christkatholische Religion nicht, sie kennen nur das Zerrbild der Religion, das ihnen die Welt bietet«200.

Welches sind aber nun die Ursachen dieser religiösen Unwissenheit?

(1) Zunächst der mangelnde Schulbesuch. Dieser war unter Maria Theresia eingeführt worden. Doch in bäuerlichen Kreisen blieb er lange Zeit noch gering, weil oft Dienstbotenmangel herrschte und besonders zur Erntezeit die Kinder in der Landwirtschaft mithelfen mussten. Vielfach zwang auch die Armut dazu, die Kinder – statt sie zur Schule zu schicken – daheim zu beschäftigen. Nicht selten wurden sie auch in die Gaststätten als »Bierschenkenfiedler« geschickt.201 Die bessergestellten Kreise wiederum besorgten für den Unterricht ihrer Kinder eigene Lehrer, welche aber die Kinder auch meist nicht in der Religion unterrichteten, sondern eher mit gegenteiligen Ideen beeinflussten.

Schließlich aber waren sehr viele Kinder durch die Fabrikarbeit am Besuch der Schule und des Religionsunterrichtes gehindert. Dazu einige Stichproben aus den Dekanatsvisitationsberichten von Klosterneuburg. 1836 schon klagte der Dechant über den »vernachlässigten Schulbesuch und die christliche Erziehung der Kinder«202. 1841 schriebt der gleiche Dechant, dass es kein Wunder sei, wenn »unter den ärmeren Klassen über dem Erwerbe des Tages und über die Genusssucht, der Schulbesuch und die christliche Erziehung der Kinder oft völlig und auf die indolenteste Weise vernachlässigt werden«203. Noch ausführlicher aber schrieb er 1845, wobei er schon auf die Missstände in den Fabriken besonders Rücksicht nimmt: »Es fehlt freilich an der Heranbildung des religiös-sittlichen Sinnes. Allein es wäre hart, die ganze oder auch nur die größte Last des Curratgeistlichkeit aufzubürgen (sic), wie man so gerne zu urteilen pflegt, und bei jedem sich ergebenden Skandale den ersten Stein mit vorschnellem Urtheile, ›es müsse so kommen, da es am Unterricht fehle‹, auf die Geistlichkeit wirft.204 Allein es werden ja doch die Schulen nicht nur zur Normalzeit, sondern auch am Abend geöffnet, und der Geistliche, der ohnehin und oft unter Tags (in den bevölkertsten Pfarreien, wo eben die Entsittlichung am grellsten ist) vollauf zu thun hatte, steht auch noch am Abend die eine oder andere Stunde in der Woche da, um doch den allernöthigsten Unterricht in kürzester Zeit zu erteilen. Doch muss er halt mit dem Propheten klagen: ›Ich rufe, aber es hört niemand; ich breite meine Arme aus, aber man fliegt vor mir.‹ Und wenn ja der unglückliche Knabe, das unglückliche Mädchen da ist, so sind sie am Abend, nach der Tageslast, müde, hungrig, schlaftrunken und des Unterrichtes gar nicht mehr empfänglich. Es wird ferner alle Sonntage und Feiertage mehrere Male gepredigt, wird Sonntagsschule und Christenlehre gehalten. Aber der Drucker spricht seinen Buben frei, ohne sich um ein Sonntagsschul- und Christenlehr-Frequentierungszeugnis zu kümmern. Er darf also auch die Sonntagsschule und die Christenlehre nicht besucht haben und hat sie auch nicht besucht. Man nimmt oft (nahm wenigstens bisher und wollte Gott, die mit h. Regierungsdekrete vom 7. August 1.J. Z.38.013 angeordneten Maaßnahmen (sic) träten baldigst und mit Wirksamkeit ins Leben) Kinder in die Werkstätten, die kaum das 7. Lebensjahr überschritten haben.«205

In diesen letzten Sätzen kommt der neue liberale Geist zum Ausdruck, welcher in der Wirtschaft zu wehen begonnen hatte. Der neue, moderne Unternehmer kümmerte sich eben nur mehr um seinen Gewinn, und diesem stand die Schule höchstens im Wege. Daher wollte er auch gar nicht mehr gegen seine finanziellen Interessen die Kinder auffordern, in die Schule zu gehen. So können wir in einem anderen Visitationsbericht des Jahres 1841 lesen: »Vielmehr lasset … besonders die Sache der Christenlehre noch vieles zu wünschen übrig, und es lastet wie beim Schulbesuch überhaupt, die größere Schuld auf den Eltern und Lehrherrn. Wie wenn z.B. im Bezirke Reindorf, ungeachtet aller bisherigen Eingabe, die Lehrjungen der Drucker, Cornstecher‹ ja sogar der Kaufleute weder Sonntagsschule noch Christenlehre besuchen, so liegt die Schuld offenbar nicht an dem Mangel des Eifers von Seiten der Seelenhirten, als an den Eltern und Lehrherren, welche in ihrer indif­ferentistischen Religionsgesinnung, über die Zurückhaltung ihrer Kinder und Lehrlinge von der allgemeinen Verpflichtung der Beiwohnung der Christenlehren, noch großthun, vorgebend, dass sie, als zu keiner Innung mehr gehörend, sondern eine freie Beschäftigung ausübend, an die den sonstigen Handwerkern geltenden Verordnungen bezüglich ihrer Lehrjungen nicht gebunden seyen.«206

(2) Es gibt aber auch noch andere, mehr äußere Gründe für den mangelhaften Schulbesuch, welcher wiederum die Kenntnis der religiösen Wahrheiten unterband. So wurde z.B. oft der miserable Zustand der Schulgebäude beanstandet. In St. Marienkirchen mussten die Kinder sogar über eine Leiter in die Schulzimmer einsteigen.207 Auch die Achtung vor der Lehrerschaft war nicht immer sehr hoch. Denn durch ihre materielle Notlage war diese meist von der Bevölkerung abhängig, welche sie durch Naturalspenden unterstützen musste. Wollte sich aber ein Lehrer durch nebenberufliche Beschäftigungen seine Lage erleichtern, so kam vielfach der Unterricht, der dann von Gehilfen gegeben wurde, zu kurz. Immer fehlte aber den abhängigen Lehrern die nötige Autorität und Bewegungsfreiheit. Auch war aus diesen Gründen der Lehrernachwuchs gering, wodurch ebenfalls der Unterricht vermindert wurde. Schließlich gab es auch – im Allgemeinen jedoch selten – auch Klagen über Lehrer und Seelsorger, dass diese zu wenig Interesse an den Fabrikskindern hätten. 1839 lautete z.B. eine Diözesankurrende der Erzdiözese Wien: »… Obgleich das f.e. Konsistorium nicht zweifeln will, dass Lehrer, Ortsseelsorger und S.D. Aufseher durch die Liebe zu ihren Amtspflichten und durch das hohen Ortes gezeigte Vertrauen sich von selbst angetrieben fühlen werden, zur zweckmäßigen Bildung der armen Fabrikskinder beyzutragen; so findet sich dasselbe doch veranlasst, sie ausdrücklichst dazu aufzufordern und zu ermahnen; Schullehrer und Katecheten müssen sich desto sorgfältiger bemühen, ihren Unterricht fruchtbar und gedeihlich zu machen, je beschränkter und bemessener die Stunden sind.«208

(3) Schließlich können wir aber noch aus der Art des Religionsunterrichts selbst Gründe für die religiöse Unwissenheit anführen. Zwei Berichte aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts sollen diese Tatsache beleuchten. So heißt es 1847 in einem anonymen Werk: »… auch werden die Kinder wohl zum Auswendiglernen des Katechismus und zum Kirchenbesuch angehalten, ohne jedoch auf ihre religiöse Erziehung die mindeste Rücksicht zu nehmen.«209 Und Sebastian Brunner schrieb im folgenden Jahr: »Um in all diesen Dingen (NB: Brunner berücksichtigt besonders die gebildeten Schichten und meint hier philosophische Probleme, die vor allem die aufgeklärte und materialistische Philosophie an die Studenten heranträgt) begehrten Aufschluss geben zu können, braucht es freilich mehr, als ein Religionshandbuch sich wörtlich vorsagen zu lassen, was man größtentheils in Österreich als Religionsunterricht bezeichnete und was man auch nicht ungern sah, denn von Philosophie sollte keine Rede sein, lieber ließ man den Unglauben ungehindert seine Eroberungen machen.«210

(c) Wir haben bisher den Traditionalismus und die religiöse Unwissenheit des Volkes ins Auge gefasst. Dabei ist festzuhalten, dass am Anfang die religiöse Unwissenheit steht und diese den Mechanismus und die Äußerlichkeit ermöglicht, weil man zum eigentlichen Kern und Sinngehalt nicht mehr vorzudringen weiß. Die Unkenntnis in Glaubensfragen aber ermöglichte noch einen dritten Missstand: den Indifferentismus. Dieser wurde besonders durch die liberalen Ideen gefördert, doch war dies wiederum nur möglich, weil durch die Unwissenheit ein geistiges Vakuum entstanden war, in welches diese Ideen eindringen konnten. Daher klagte 1836 der Klosterneuburger Dechant: »… es erfüllt den Religionsfreund mit Wehmuth, da, wie es scheint, ein immer weiter um sich greifender Religionsindifferentismus … sich in großer Ausdehnung äußert.«211 Auch in den Berichten von 1841 und 1845 ist davon die Rede. Und der Bischof Paulitsch von Gurk urteilte in seinem Visitationsbericht an den Kaiser, dass sich seine Diözesanen »durch Bücher und Umgang mit Städtern jene falsche Aufklärung verschaffen, die so gern mit kaltem Sinn und Gleichgültigkeit, oder gar mit dem Unglauben endet«212. Überhaupt sei die Verfälschung der sittlichen und rechtlichen Pflichten der eigentliche Kern der Tagesfragen, sagte der ­Fürsterzbischof Kard. Othmar Rauscher in der Katholikenvereinsversammlung am 11. März 1861. »Für eine kleine Schar von Schwärmern sind die Schlagworte Vernunft, Freiheit, Liberalismus, Aufklärung, Fortschritt, Wille des Volkes, Recht der Nationalität ungefähr dasselbe, was dem Heiden seine Götzen waren.«213

Erwähnenswert ist auch noch, dass besonders durch die Lehrerschaft viel liberales Geistesgut vermittelt wurde. Die Schulgehilfen unterhielten sich nämlich mit »Flugschriften des Tages aus irgendeiner Lesebibliothek, mit ausländischen Zeitungen und Komödien; diese leidige Belesenheit erzeugt in ihnen den Wahn, dass, da sie über die gemeinen Leute weit erhaben wären, sie auch ganz andere Doktrinen aussprechen müssen«. Dadurch käme aber der wahre Religionsunterricht zu kurz, vielmehr trügen diese Lehrer Äußerungen vor, welche unverfälschte Aussagen der Aufklärung seien: Die Beichte und das Fegefeuer seien erst in den finsteren Zeiten zum Vorschein gekommen, alle Religionen machten selig usw.214 Diese Situation bereitete natürlich den Bischöfen, denen das Schulwesen unterstellt war, große Sorgen. Daher schlug Bischof Zängerle vor, die Lehrer wenigstens ein Jahr lang während ihrer Vorbereitungs-Zeit in einer Ordenskommunität verbringen zu lassen.215

(d) Schließlich aber beunruhigte die Seelsorger damals besonders die materialistische Diesseitsorientierung der Menschen. »In der Handlungs- und Grundsatz- und Gesinnungsweise der Menschen stellt sich häufig der infernale Grundsatz heraus: ›Zeitliches Wohlseyn und irdische Glückseligkeit – der Himmel auf der Welt‹ – seye das letzte Ziel des Menschen, zu dessen Erreichung alle Federn der Industrie, des Handels, Wuchers u.v.m. in Spannung gehalten werden müssen.«216

(e) Eine kurze Bemerkung sei auch über die Sittlichkeit des Volkes angefügt, um das Bild der religiösen Lage des Volkes abzurunden: Darüber geben die Bischöfe, die ja die ›Sittenpolizei‹ des absoluten Zentralstaates seit Joseph II. waren, sehr ausführlich Bericht. Die wesentlich­sten beanstandeten Punkte waren nun folgende: Trunksucht, Zunahme der unehelichen Geburten und schließlich die zahlreichen Tanzveranstaltungen. Als Ursachen für diese Übelstände vermerkten die Bischöfe aufgehobene Feiertage, an denen aber doch nichts gearbeitet würde; den blauen Montag der Dienstboten, die Einrichtung der Badestuben, die Kirchtage und das sog. ›Brändeln‹ der Burschen bei ihren Mädchen; weiter das Militär, die Mode, herumziehende Komödianten, die Straflosigkeit der Väter unehelicher Kinder, den Krieg, ja selbst das Beispiel mancher Seelsorger wurde aufgeführt.217 Auch die Dekanatsvisita­tionsberichte wären in diesem Punkte sehr ergiebig, bringen jedoch keine wesentlich neuen Missstände mehr zu Tage. Aber selbst die politischen Blätter verschweigen nicht die Immoralität des Volkes. So schrieb die ›Constitution‹ im Zusammenhang mit der Errichtung von Volksgenossenschaften: »Würde nicht die Moralität des Volkes, dass man ihnen die Gelegenheit zum Stehlen und die Antastung fremden Eigenthums, welche zuletzt zum Communismus führen könnte, gänzlich benimmt, am besten dadurch gehoben? Würde nicht dem so oft vorkommenden Kindermord, wie der so verderblichen, vernachlässigten Kindererziehung der vielen unehelichen Kinder, die doch wahrlich nichts verschuldet haben, vorgebeugt? Welche Immoralität findet bei sogenannten wilden Ehen statt, wo mancher Kinder von verschiedenen Müttern zeugt, und so umgekehrt, und welche Erziehung erwartet meist diese unehelichen Kinder!«218

(f) So viel sei zu den negativen Seiten der Religiosität und der Sittlichkeit des Volkes gesagt. Um aber das Bild abzurunden, sei auch noch kurz die Lichtseite angedeutet. Denn sicherlich beherrschte weite Kreise ein gesundes Denken. Als z.B. 1848 ein ›Schandgeschöpf‹ meinte, dass durch die Lösung der politischen Fesseln auch alle moralischen Bande gelöst worden seien, musste er dafür ein sehr offenes Wort einstecken. »Es gehört wirklich eine enorme Frechheit dazu, wenn es elende Schmierer wagen, solche, jedes sittliche Gefühl entbehrende, von Gemeinheit und Unzucht strotzende Flugblätter ins Publikum zu verbreiten, vor welchen man vor Abscheu und Ekel nichts Bessere thun kann, als auszuspeien!«219

Auch für echte Gläubigkeit im Volke gibt es Zeugnisse. Der spätere Kardinal Gruscha schrieb z.B. folgende Zeilen über einen Versehgang am 6. Oktober 1848, also in den Revolutionstagen: »Es hat mich ungemein ergriffen und mich von dem noch religiösen Herzensgrunde der Wiener überzeugt, dass an den Barrikaden, an denen ich vorüberging, beim Schalle des Versehglöckleins die Proletarier mitten in ihrer Kampfeswuth auf ihre Knie fielen und mir, ins Gewehr tretend, die Assistenz leisten wollten.«220

Zum Abschluss dieses allgemeinen Blickes auf die Sittlichkeit und Religiosität des Volkes sei noch das Ende des schon mehrmals zitierten Visitationsberichtes vorgelegt. Dort heißt es: »Der Gefertigte ist es aber auch der Gerechtigkeit schuldig, über den Schatten- und die Lichtseiten diese Bezirkes nicht zu übersehen und derselben auch in einigen Zügen zu gedenken. Auch in diesem Bezirke, wie anderwärts, leben noch in allen – höheren und niederen Ständen – die 7000, welche ihre Knie vor den Zeitgötzen der Ungerechtigkeit, Unlauterkeit, Religionsgleichgültigkeit, u.f. nicht beugen; welche nicht mit in die Posaune stoßen wider Gott und seinen Gesalbten und dessen von ihm und seinem Geiste, durch alle Anfeindungen des neuen Heidenthumes und die Trugbilder des Aberwitzes, sicher durchgeführte und truglos bewahrte heilige allgemeine Kirche; welche vielmehr Gott und seine Gerechtigkeit von allem suchen, und mit zarter Gewissenhaftigkeit die Gränzen zwischen Mein und Dein nicht vergessen, mit den Ihrigen im Schweiße ihres Angesichtes sich ihr Brod erwerben, und so ferne von allem Müßiggange einer- und der Schwelgerei andererseits, sich und die Ihrigen vor allen Untugenden, die Müßiggang und Unmäßigkeit zur Folge haben, bewahren; welche die Übungen der heiligen Religion … treuen und frommen Sinnes fortsetzen und damit den heiligen Glauben frühzeitig dem zarten Herzen der Kleinen einimpfen … Dieses scheinen, nebst und mit der Gnade Gottes, doch noch immer die Bürgschaft einer durch gute Erziehung heranwachsenden religiös-sittlichen Nachkommenschaft, welche den Keim der Hoffnung einer vielleicht beßeren Zukunft, so wie sie erbten, also wieder vererben werden. Dekanat Klosterneuburg, am 20.XII.1841.«221

Die religiöse Lage der Zünfte und des Bauernstandes
Die Bauernschaft

Da Österreich bis zu 80 Prozent aus Bauersleuten seine Bewohner nahm, so treffen die oben angeführten religiösen und sittlichen Schattenseiten größtentheils für das Landvolk zu. Ganz besonders gilt dies für die unehelichen Geburten. So machte eine Diözesankurrende des Jahres 1834 es den Gemeindevorstehern zur Pflicht, auf Grund der »nächtlichen Schwärmereyen« für die »Absonderung der Liegestätten der männlichen und weiblichen Hausgenossen zu sorgen«, sowie die Kinder und Dienstboten zur Religions- und Schulpflicht anzuhalten.222

Wir dürfen uns überhaupt nicht eine zu romantische Vorstellung vom ›Dorf um die Kirche‹ machen. Während nämlich der Bauer zur Kirche ging, musste das Gesinde daheim bleiben und die Arbeit verrichten. Dieser Missstand offenbart sich auch daran, dass es in den Kirchen für die Dienstboten keine reservierten Sitze gab!223 Und dennoch ist die Lage der Bauernschaft auf religiösem Gebiet als zufriedenstellend zu bezeichnen. So taten es wenigstens die Bischöfe in ihren Berichten an den Kaiser. Vor allem das böhmische Landvolk, die Slowenen im Lavanttal und die Bauern des Mühlviertels wurden als besonders fromm bezeichnet.224 Bischof Schrattenbach von Brünn schrieb u.a. 1804, »dass … immer die ärmeren Gemeinden die gottesfürchtigsten und die folgsamsten waren und sind«225. Von den Dekanaten Neunkirchen, Kirchberg a.W. und Kirchschlag hieß es, dass dort ein sehr guter Kirchenbesuch festzustellen sei, und dies besonders bei weit entfernt wohnenden Leuten, welche häufig die Roratemesse besuchten und auch der Messe in den Kar- und Ostertagen beiwohnten.226

Gerade das bäuerliche Leben war dazu stark von religiösem Brauchtum durchdrungen. Die Kirche stand im Mittelpunkt der argrarorientierten Gesellschaft der vorindustriellen Zeit und war so mit der Bauernschaft aufs engste verbunden. Die Kirche war es, die die Fluren und die Aussaat segnete und den Erntedank abhielt, die im Leben und in der Arbeit des einzelnen in gleicher Weise präsent war. Auf diesem Hintergrund ist es zu verstehen, dass gerade die Bauernschaft der Rückhalt für die Kirche war, der die josephinischen ›Kirchenreformen‹ und die Angriffe des Liberalismus doch scheitern ließen.

Die Zünfte

Die Zünfte waren oft aus religiösen Bruderschaften entstanden, waren also in ihrem Grund schon religiös orientiert. So hatte jede Zunft ihren Schutzheiligen, an dessen Fest ein gemeinsamer Gottesdienst abgehalten wurde. Darüber hinaus übten die Zünfte über das religiöse und sittliche Verhalten ihrer Mitglieder eine strenge Kontrolle aus. Dies galt vor allem für die Wirtschaftsmoral, wo die Meister auf den christlichen Wirtschaftsgeist verpflichtet wurden. Von hier aus ist der Kampf der Zünfte gegen die Juden und ihren neuen kapitalistischen Wirtschaftsgeist zu verstehen. »Der Corporationssinn«, schrieb Gruscha 1852, »die religiösen und moralischen Traditionen, die Maximen des Zartgefühls und der Rechtschaffenheit, welche die Corporationen des Mittelalters auszeichneten, sind durch die unbeschränkte Konkurrenz, die tägliche Ursache des Hasses und der Eifersucht, durch die Abschwächung und Entfernung der Ideen von Gerechtigkeit und Moral, durch die Maximen der List und der Stärke verdrängt.«227 Diese Stelle bringt die grundsätzliche Einstellung der Zünfte und ihre Religionsbezogenheit gut zum Ausdruck.

Doch bedarf dieses Idealbild einer kleinen Korrektur von der Wirklichkeit her. Denn ebenso wie bei den Bauern die Dienstboten nur als ›Halbchristen‹ behandelt wurden und am Sonntag statt zur Kirche an die Hausarbeit gehen mussten, so traf dieses Los auch viele Gesellen, Lehrlinge und auch sonstiges Hausgesinde der bürgerlichen vorindu­striellen Gesellschaft.228

Zusammenfassung

Wir haben nun die Industriearbeiter aus der Zeit vor der Mitte des vorigen Jahrhunderts unter der Rücksicht ihrer Herkunft kennengelernt und gesehen, dass sie Emigranten aus den zerfallenden Ständen der vorindustriellen Gesellschaft waren. Da nun eine solche Emigration hinter sich die alten Verbindungen abbrechen ließ, Zünfte und Bauernstand andererseits auf das engste mit Religion und Kirche verbunden waren, so kommen wir zu dem Schluß, dass diese entwurzelten Menschen auch ihre Beziehung zur Kirche verloren, war doch nun niemand mehr da, der Ihre Religiosität und Sittlichkeit überwachte, so wie es durch die Zünfte oder das bäuerliche Brauchtum und dessen Verbindungsschaffende Kraft geschah. So konnte es kommen, dass besondere sittliche Missstände in Ortschaften auftraten, »in welchen, wie z.B. in Reindorf, Gaudenzdorf, Neuottakrin u.f.229, alle Gattungen Menschen verschiedener Zunge und Religion, denen es in ihrem Lande zu eng wurde, oder von woher sie der Mangel hinlänglichen Erwerbes forttrieb, um ihr Glück in der Fremde zu suchen, zusammengedrängt leben«. Und dies sei in deren »verschrobenen und abgethanen Begriffen von Religion und deren Ungebundenheit«230 begründet.

Es ist nun so, dass diesem Entfremdungsfaktor weit mehr Bedeutung zukommt, als man bisher annahm. Bisher sah man oft nämlich nur das soziale Elend und meinte, ganz besonders dieses habe die Arbeiter der Kirche entfremdet. Tatsächlich aber liegen die Dinge geschichtlich gesehen etwas anders. Denn primär verlor die Arbeiterschaft ihre Beziehung zur Kirche durch den Auszug aus der mit der Kirche verbundenen Gesellschaft. Dem sozialen Elend kam dabei eine verstärkende und auch konservierende Rolle zu, weil dieses eine Neueinordnung in die Gesellschaft verhinderte. So blieb der Arbeiter noch lange der Ausgestoßene, der Proletarier, der Verachtete.

Diese Situation änderte sich erst grundlegend, als auch die Kirche aus dieser Gesellschaft emigrieren musste und ihren Standort in der Öffentlichkeit verlor, nämlich mit dem Beginn der hochliberalen Ära, die sich kurz 1848 angekündigt hatte, aber erst 1867 zum vollen Durchbruch gekommen war. Darüber aber wird bei der Analyse der Situation der Kirche die Rede sein.