Strategie in Scherben

Band 4

 

~ Gay-Romance-Novel ~

 

 

von

Nathan Jaeger


Impressum

Text:

Nathan Jaeger

Pommernstraße 25, 46395 Bocholt

Umschlaggestaltung

Nathan Jaeger

Umschlagfotos:
Glasbruch-Scherben © WestPic – Fotolia.com
Wiese © cmfotoworks – Fotolia.com

Lektorat:

www.wort-waechter.net
 

© 2013 Nathan Jaeger

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Vervielfä ltigung und Veröffentlichung sind nicht gestattet.


 

 

 

Für DarkFighter, Rockartist und Piccolo II – Ihr wisst schon, wieso.

 


Samstag, 3. August

Jetzt nur nicht durchdrehen

Dunkel

Hi nterher!

Sonntag, 4. August

Überrumpelt

Zukunftsmusik

Das Cottage

Dexter ’s Breed

Montag, 5. August

Shopping

Dienstag, 6. August

Sightseeing

Eislauf und Hitzeschock

Mittwoch, 7. August

Abreise

Überfahrt

Donnerstag, 8. August

Nach Hause?

Papierkram

Lebensbeichte

Freitag, 9. August

Alltagsversuche

Die Kripo dein Freund und Helfer

Newsflash

Samstag, 10. August

Blitzlichtgewitter

Merit

Clubbing light

Sonntag, 11. August

Sonnentag

Summerfeeling

Montag, 12. August

Plä ne

Mitarbeiterversammlung

Ines und die Pferde

Dienstag, 13. August

Bauherren und Pferdenarren

hrchen at home

Mittwoch, 14. August

Bienenstock

Leeloo

Donnerstag, 15. August

Familientreffen, die Erste

Feuerried auf Tour

Neugier, dein Name ist  …

Ritter oder Schurke?

Freitag, 16. August

Belohnungen

Ausgesprochenes Finale

Bonuskapitel  Samstag, 17. August

Partyalarm, die Erste

Partyalarm, die Zweite


Samstag, 3. August


Jetzt nur nicht durchdrehen

 

C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\kimtest.jpg

„Kim! Scheiße, Kim, komm zu dir!“

Irgendjemand spricht mit mir, ich habe Mü he, ihn zu verstehen. Meine Augen öffnen sich und ich sehe mich um. Seltsame Perspektive. Ich liege in meiner Küche am Boden. Wieso?

Timeon“, bringe ich hervor. „Was …?“

Du bist anscheinend umgekippt. Was ist passiert?“

Ein hysterisches Lachen will sich durch meinen engen Hals zwä ngen, denn ich weiß es wieder – was passiert ist.

Maik!“ Ich richte mich, von Timeon unterstützt, wieder auf.

Was ist mit Maik? … Wo ist der überhaupt?“

Das wü sste ich auch gern. Sehr gern sogar. Mit zittrigen Knien stehe ich ganz auf und sehe noch einmal durch das Fenster meiner Küche auf den leeren Parkplatz. „Weg.“

Wie, weg?“

Einfach weg. Ich muss ihn finden.“ Plötzlich bin ich absolut klar. Die gesammelten, widerlichen Visionen sind noch da, aber ich dränge sie zurück und versuche noch einmal, Maik am Handy zu erwischen.

Keine Antwort, es klingelt noch immer durch. Allein daran klammert sich meine Hoffnung. Die winzig kleine Hoffnung, dass er nur eine Runde fahren muss, wie Jeremy es gestern getan hat. Einfach mal raus, weg von allem.

Aber ein Teil von mir weiß , dass es nicht so ist.

Ist die Polizei noch hier?“, frage ich und Timeon nickt.

Sind noch mit der Spurensicherung dran. Gut, dass Tom sie gleich gerufen hat, ich wäre nicht so schnell auf die Idee gekommen …“

Ich auch nicht. „ Hm, dann werden sie hoffentlich bald herausfinden, wer geschossen hat“, zische ich und merke, wie wütend ich darüber bin.

Unser gesamtes Gelä nde ist absolutes Sperrgebiet für Jäger und Wanderer. Es hätte nicht passieren dürfen.

Ein Schnauben entrinnt mir ob dieses Gedankens. Wen interessiert das noch? Es ist passiert.

Ausgerechnet eines der ruhigsten Pferde auf allen Weiden ist schwer verletzt, vielleicht dem Tode geweiht. Ich will darüber nicht nachdenken!

Mit abgehackten Bewegungen wende ich mich um und suche Maiks Laptop. Mir ist eingefallen, dass er sein Smartphone mit sämtlichen Telefonnummern und Kontakten online verwaltet. Ich muss …

Wieder nehme ich mein Handy ans Ohr und wähle Maik Senior an.

Maik?! Hier ist Kim! Es ist …! Ich brauche eine Information!“, bringe ich hervor und lausche angestrengt.

Kim! Was ist passiert? Ist etwas mit Maik?!“

Ja, er … Mir wäre lieber zu sagen, dass es ihm gut geht, aber … er ist abgehauen. Es gab einen Unfall. Möhrchen ist …“ Ich breche mit einem erbärmlichen Kieksen ab.

Abgehauen?!“

Ich nicke und schlucke, anstatt zu sprechen. Es dauert, bis mir klarwird, dass Maik Christensen das unmöglich sehen kann. „Ich hab Angst, dass er sich was antut.“

Okay, Kim, ganz ruhig. Maiks Handy hat GPRS, du kannst ihn orten.“

Ich stutze. Die ü berwachen ihren Sohn? Egal! Momentan ist das wirklich egal, solange ich ihn finde!

Wie?“, frage ich nur und stakse durchs Haus und suche meinen Laptop.

Maik s zweiter Vater erklärt mir, auf welcher Internetseite ich das Smartphone orten kann, das hoffentlich bald verraten wird, wo sich mein Freund aufhält. Minuten später habe ich eine Landkarte vor Augen, darauf einen kleinen, blinkenden Punkt.

Seltsam, er mus s quasi geflogen sein, um innerhalb dieser wenigen Stunden bis dahin gekommen zu sein! Gute 200 Kilometer von hier entfernt ist er also. Wie soll ich ihn bloß einholen?

Zuerst schicke ich eine SMS.

> Maik, wo bist du? Ich mache mir Sorgen um dich! Bitte gib mir Bescheid, sobald du kannst! ILD Kim

Ziemlich unbefriedigend, der Text, aber was soll ich anderes schreiben? Falls er doch nur eine kleine Pause und etwas Abstand braucht, ist es vielleicht ganz schlau, ihm nicht gleich mit ‚ Bitte komm zu mir zurück‘ zu kommen …

Was soll ich denn machen, wenn er sich auf meine Nachricht nicht meldet?“, jammere ich und Maik Christensen brummt vor sich hin.

Erzähl mir erst einmal, was genau passiert ist, okay?“

Ich leiste seiner Bitte Folge, berichte von den Schü ssen, dem Unfall, Möhrchens Verletzungen, auch davon, dass ich Maik quasi weggejagt habe, damit er sie nicht so sehen muss.

Er denkt sicher, dass sie schon eingeschläfert ist. Vergiss nicht, er ist Tierarzt. Ganz sicher hat er gesehen, was ihr fehlte, und vermutet nun das Schlimmste“, überlegt Christensen laut.

Ja, aber es steht doch noch gar nicht fest, ob er damit nicht sogar recht hat!“, maule ich ihn an.

Kim, denkst du denn, dass er nicht zurückkommt?“

Wenn ich mir ansehe, wo sein Handy gerade ist: nein! Er ist abgehauen und ich kann ihn so gut verstehen!“ Mittlerweile kämpfe ich tatsächlich schon wieder mit den Tränen. Aber die kann ich mir einfach nicht leisten!

Hier geht es drunter und drü ber, die Polizei ist noch auf dem Gelände, überall vor den Fenstern sehe ich Wachleute und Mitarbeiter in hellem Aufruhr.

Das Klingeln eines anderen Handys lenkt mich ab. Ich sehe, dass Timeon noch anwesend ist, und nun sein Mobiltelefon ans Ohr hebt. „ Ja? … Okay, ich bin gleich da.“

Er legt auf und sieht mich mit zusa mmengepressten Lippen an, dann nickt er. „Ich hole Jeremy ab und bringe ihn wieder her. Ich kann ja hier gerade sowieso nichts tun …“ Er klingt ein wenig wehmütig und hilflos. Exakt so, wie ich mich fühle.

Ist in Ordnung, danke.“

Ich sehe ihm nach, wie er hinausgeht, und konzentriere mich wieder auf mein Telefonat. „Maik, ich muss mich jetzt um ein paar Dinge kümmern. Die Polizisten wollen sicher gleich noch mit mir reden. Ich melde mich, sobald ich etwas weiß, und du sagst Bescheid, wenn du von ihm hörst, ja?“

Mache ich, Kim. Bis dann.“

Ich beende das Gespräch und überlege, ob ich mich von Christensens Ruhe anstecken lassen kann und darf. Er weiß, in welchem seelischen Chaos mein Freund gerade steckt. Demnach ist ihm klar, was in Maik vor sich gehen dürfte.

Trotzdem kann ich es nicht. Ruhig werden. Lä cherlich, allein die Vorstellung!

Ich sehe noch einmal auf die Anzeige der Ortung und aktualisiere sie. Maiks Handy bewegt sich weiter in Richtung Norden. Wo kann er denn hinfahren?

Ich seufze tief und verfl uche die Tatsache, dass ich mich heute wirklich noch mit den Ordnungshütern, der Spurensicherung und meinen Wachleuten herumschlagen muss. Viel lieber würde ich mich ins Auto setzen und hinter Maik her fahren.

Auf dem Hof wimmelt es mittlerweile von Mensch en in blauen Uniformen, als ich aus dem Haus trete. Ein Mann in Zivil kommt auf mich zu, nachdem Lukas auf mich gedeutet hat.

Sie sind Kim Andreesen? Der Gestütsleiter?“, erkundigt er sich mit ernster Miene. Er sieht nett aus. Mitte dreißig vielleicht, trägt einen kurzgeschnittenen Bart um den Mund herum, seine blauen Augen wirken müde, was durch leichte Augenringe noch unterstrichen wird.

Ich nicke ergeben. „ Ja, guten Abend.“

Mein Name ist Friedrich Wilmers, Kriminalpolizei.“

Können Sie mir schon etwas sagen?“

Wir haben in den Feldern jenseits der Wiesen Spuren gefunden, Fußabdrücke von verschiedenen Personen, aber wir können dazu noch nichts weiter sagen. Patronenhülsen lagen dort auch, weshalb wir davon ausgehen müssen, dass es sich um Jäger oder Wilderer mit Schrotgewehren handelt.“

Ich seufze tief und spü re, wie absolute Ruhe in mich einkehrt. Jäger. Wilderer. Hier!

Scheiße!“, entfährt es mir trotzdem und ich ernte die Andeutung eines Lächelns von meinem Gegenüber.

Wird das Pferd überleben?“, fragt er dann und ich ziehe die Schultern hoch.

Keine Ahnung. Sie ist mit Abstand das wertvollste Pferd hier. Die Versicherung wird sich freuen, dass ausgerechnet eines der Gastpferde verunglückt ist.“

Sie gehört nicht dem Gestüt? Celebrity … Darling heißt sie?“ Er liest den Namen von einem Notizblock in seiner Hand ab.

Ja, Eigentümer ist Maik Dexter. Sie ist nur für den Sommer hier.“ Ich will gar nicht darüber nachdenken, was für üble Erinnerungen Maik sein Leben lang mit sich herumschleppen wird, sobald er an das Feuerried denkt.

Es sind auch noch andere Pferde verletzt, können Sie mir sagen, ob es möglicherweise ein Anschlag gewesen sein könnte?“

Ich starre ihn perplex an. „ Ein Anschlag?!“

Nun ja, wir müssen alle Möglichkeiten in Betracht ziehen. Sie wissen wohl selbst am besten, welchen Wert die hier lebenden Pferde haben und wie verrückt manche Neider sind …“

So ganz abwegig ist das nicht, deshalb lasse ich g edanklich alle möglichen Leute an meinem inneren Auge vorbeiziehen, bis ich schließlich den Kopf schüttle. „Nein, ich wüsste nicht, dass Ludwig van Keppelen Feinde hätte, die sich an ihm rächen können wollten.“

Wo Sie ihn gerade erwähnen: Niemand hier scheint zu wissen, wie wir ihn erreichen können. Haben Sie ihn schon informiert?“

Nein. Alle Belange des Gestüts betreffen meine Verantwortung. Was auch immer hier passiert, ich allein muss dafür geradestehen.“

Ich verstehe.“ Wilmers nickt. „Wenn Ihnen noch etwas einfällt, informieren Sie mich?“ Er hält mir eine Visitenkarte hin, die ich entgegennehme, ohne einen Blick darauf zu werfen.

Ja, mache ich. Ich … Entschuldigen Sie, aber ich muss mich jetzt endlich um ein paar Dinge kümmern und mir ansehen, was für einen Schaden diese Jäger angerichtet haben.“

Er nickt und kehrt zu seinen Leuten zurü ck, während ich mich in den Turnierstall begebe. Ich will das alles nicht. Nicht jetzt, nicht sonst wann.

Scheiß e, Mann!

Am liebsten wü rde ich Maik umarmen und einfach bei ihm sein! Aber dazu muss ich hier erst klar Schiff machen und dann nach ihm suchen.

Zum Kotze n alles!

Tom und Lukas stehen mit Pascal vor Catos Box und sehen hinein.

„Hallo Leute, wie sieht es aus?“, frage ich und hoffe, dass ich nicht so müde klinge, wie ich mich fühle.

Die mitleidigen Blicke, die mich treffen, verkü nden mir allerdings sofort, dass meine Hoffnung trügt.

Hey Boss. Es geht. Schrammen und kleinere Schnitte, zwei haben sich die Fesseln verstaucht, ansonsten kriegen wir das hin.“ Lukas lächelt schief.

Wo ist Maik?“, will Pascal wissen, und ich kann ein kurzes Zusammenzucken nicht verhindern.

Weg.“ Mehr sage ich nicht, aber allein diese drei Buchstaben scheinen schon genug auszudrücken.

Wie weg? Wohin?“

Meine Schultern heben sich ohne mein Zutun.

Dann … Hör mal, wir kriegen das hier hin. Das Feuerried wird nicht in sich zusammenbrechen, wenn du mal weg bist.“ Tom tritt auf mich zu.

Ehrlich? Ich meine, ihr wärt nicht sauer, wenn ich …“, beginne ich und schüttle selbst schon den Kopf. „Das geht nicht. Die Versicherung wird meine Unterschriften brauchen und … Ach, Scheiße, alles!“

Hey, beruhig dich. Die können auch zwei Tage auf deine Unterschrift warten. Maik braucht dich dringender als wir“, erklärt mir Lukas und die anderen nicken.

Ich werde warten, bis Jeremy und Timeon zurückkommen. Der Kleine holt ihn grad ab“, lenke ich ein und ernte wohlwollendes Gemurmel.

Meinst du, sie kriegen Möhrchen durch?“, fragt Pascal leise.

Keine Ahnung.“ Ich seufze. „Vielleicht weiß Jeremy gleich schon mehr …“

Als Timeons Sportflitzer wenig spä ter auf den Hof rollt, sind die meisten Polizeiwagen schon weg. Ich gehe sofort zu Jeremy, dem es nicht einmal gelingt, die Beifahrertür zu schließen, bevor ich ihn anspreche.

Wie geht es ihr? Schafft sie es?!“

Ganz ruhig, Kim. Noch können sie nichts sagen. Ich wäre noch geblieben, aber sie meinten, dass ich Möhrchen nur nervös machen würde. Wo ist Maik?“ Jeremy sieht sich suchend um und sein Blick bleibt an mir kleben, als meine Schultern herabsinken.

Hat Timeon dir das nicht erzählt? Er ist abgehauen …“ Ich sehe Timeon an, der nun neben uns tritt.

Ich dachte, das sagst du ihm lieber selbst“, entschuldigt der sich nun.

Schon okay. Also … Maik ist mit der California auf und davon, Richtung Norden. Ich vermute, er will nach Hause“, erkläre ich.

Nach Hause?“, wiederholt Jeremy. „Er ist Zuhause, wo du bist, Kim!“

Klar doch! Ich schnaube verä chtlich. „Rede keinen Scheiß, Jers. Ich denke, er wird nach Lancashire fahren. Helen ist noch in Deutschland, der wird er dort also nicht über den Weg laufen …“

Hm, möglich, das stimmt. Und verrätst du mir, was du dann noch hier machst?“

Was ich …? Jeremy, ich habe hier ein verfluchtes Gestüt zu leiten, falls dir das entfallen sein sollte! Ich kann nicht einfach hier weg, nachdem das alles passiert ist! Sieh dich doch mal um! Es wimmelt von Polizeibeamten!“

Genau. Und der Mann, den du über alles liebst, ist vollkommen fertig mit den Nerven von hier geflohen. Na los, pack ein paar Sachen und schieb ab!“, verlangt er. Muss er mich denn so deutlich mit der Nase darauf stoßen, dass mein armes Löwenherz gerade völlig von der Welt verlassen durch die Gegend fährt?!

Danke auch!“, maule ich.

Du weißt genau, wie er es gemeint hat“, mischt sich Timeon nun mit ruhigem Ton ein.

Ich nicke. „ Ja, ich weiß … Aber ich … Was, wenn er mich gar nicht sehen will? Wenn er einfach genug davon hat, seine Zeit mit dem Typen zu verbringen, in dessen Verantwortung die Sicherheit seines über alles geliebten Pferdes fällt?“

Denkst du wirklich, dass er dir einen Vorwurf machen könnte?“, hakt Jeremy nach und mustert mich zweifelnd.

Nein, wü rde er nicht – hoffe ich.

Ist okay, ich packe und verschwinde. In spätestens zwei Tagen melde ich mich.“


Dunkel

 

C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\maiktest.jpg

Mir ist kalt. Wie lange bin ich schon unterwegs? Stunden? Jahre? Ich habe keinen blassen Schimmer .

Vielleicht ist das auch egal?

Die Landschaft rauscht an mir vorbei. Dunkel, fast schwarz. Es muss spät sein – oder früh, wie man es sehen will.

Ich fahre auf den Rastplatz und schalte meine Süß e ab. Vom Sitz schwingen, Helm abnehmen …

Tief durchatmen.

Wieso habe ich angehalten? Ach, richtig, ich muss mal.

E ine Notdurft ist mit Sicherheit das Einzige, was mich dazu bringen kann, meinen Weg zu unterbrechen. Meine Flucht.

Immer noch schwirren mir die ä ngstlichen, schmerzerfüllten Schreie von Möhrchen durch den Kopf. Immer noch sehe ich Kims vor Schreck und Sorge geweiteten Augen, höre, wie er mich bittet, Doktor Becker zu rufen.

Nein  … er hat mich nicht angesehen. Meine Erinnerung gaukelt mir das nur vor. Vielleicht, weil ich so verdammt genau weiß, wie seine Augen ausgesehen haben müssen.

Wozu sollte ich Doktor Becker noch mal rufen? Ach ja, damit sie sich um Möhrchen kümmern kann. Damit sie ihr das Leid nehmen kann.

Aber ich bin selbst Tierarzt! Wieso durfte ich  …?

Ich seufze tief, lege den Helm auf die Sitzbank und mache ein paar Probeschritte auf den nassen R asen des Parkplatzes.

Am Zaun erledige ich, was ich zu erledigen habe, richte meine Kleidung und kehre zur California z urück. Mein Blick irrt unstet durch die Nacht.

Kim  …

Ich bin nicht zu ihm zurü ckgegangen. Vielleicht hätte ich das gemusst?

Ein Satz trom melt immer wieder durch meinen Kopf. Mit Gewalt, schmerzhaft, hintergründig. Er ist nie im vollen Bewusstsein, nie klar und verständlich, aber er ist da. Ich glaube, Kim hat ihn gesagt, aber da ich ihn nicht richtig wahrnehmen kann, weiß ich es nicht mit Bestimmtheit.

hrchens Schreie sind einfach zu laut.

Ich schlucke hart. Ja, ich weiß , ich bin Tierarzt, ich bin dazu ausgebildet, Tieren zu helfen, vollkommen unabhängig davon, wie ich selbst emotional an sie gebunden sein mag.

Ich konnte es nicht. Konnte nicht losgehen, alles zusammensuchen und sie von ihrem Leid erlösen.

Kim hat das gewusst, kein Zweifel. Er weiß , wie es in mir aussieht, und er weiß, wie er mich vor Schaden bewahren kann. Immer.

Mein Herz zieht sich zu einem kleinen, eiskalten Ball zusamm en und scheint seinen Dienst hier und jetzt einfach einstellen zu wollen.

Hm. Ist okay.

Habe nichts dagegen. Seufzend lehne ich mich mit dem Hintern an die Sitzbank. Leder knirscht auf Leder.

Ich glaube, wenn mich noch irgendetwas interessieren wü rde, müsste ich mich jetzt dazu beglückwünschen, wenigstens die komplette Schutzkleidung angezogen zu haben, bevor ich kopflos vom Feuerried geflohen bin.

Muss ich zurü ckfahren? Wo bin ich überhaupt?

Ich sehe auf mein Smartphone und reibe mir genervt die Nasenwurze l. Mehrere Anrufe in Abwesenheit, von Kim, von Maik … sogar von Jeremy. Ich drücke die Anzeige weg und sehe, dass auch ein paar SMS angekommen sind.

> Maik, wo bist du? Ich mache mir Sorgen um dich! Bitte gib mir Bescheid, sobald du kannst! ILD Kim

> Maik? Wo bist du? Ich habe Angst um dich! K

> Bitte, Maik. Nur ein kleines Lebenszeichen! K

Die vierte ist beinahe leer. Es stehen nur drei Buchstaben darin:

> ILD .

Ich liebe dich  …

Ganz einfach. Die Worte, die mir Trost und Sicherheit geben kö nnen, wenn sie aus seinem Mund kommen. Von seinem Handy. Wie auch immer. Von ihm eben.

Kim  …

Er macht sich Sorgen, fragt sich, wo ich bin, wann ich zurü ckkomme und wieso ich weg musste.

Nein, falsch, er weiß genau, wieso ich abgehauen bin. Weiß, dass ich es nicht ausgehalten habe. Die Schreie, diese hilflosen, leidenden Schreie.

Sie ist bestimmt schon seit Stunden erlö st. Friedlich und ohne Schmerzen eingeschlafen …

Mein Mö hrchen. Mein viel zu groß geratener Schoßhund.

Ein schmerzerfü lltes Lächeln verzieht mein Gesicht. Ganz sicher mache ich eine furchterregende Grimasse.

Spielt keine Rolle, mich sieht ja hier keiner. Nicht einmal ein LKW steht auf dem Parkstreifen. Ich bin vollkommen allein.

Soll ich ihn anrufen?

Nein, er wird von Mö hrchen sprechen, wird mich bitten, zurückzukommen, aber das kann ich nicht!

Ich schicke auch keine SMS. Meine Finger sind viel zu unkoordiniert. Zittern wie blöde …

Jedes Mal wenn ich an das Feuerried denke, werden Mö hrchens Schreie lauter, wilder, schrecklicher.

Ich schließ e die Augen ganz fest, bis die Tränen darin nicht mehr so brennen.

Ich kann jetzt nicht weinen. Geht einfach nicht. I rgendein Damm in mir verhindert das. Vielleicht ist das gut so.

Wenn ich jetzt anfinge, wü rde ich vermutlich nie wieder aufhören können.

Ich atme noch ein paa rmal tief durch, dann setze ich den Helm auf und schwinge mich wieder auf mein Bike.

Wohin ich will, weiß ich nicht. Dennoch kommt es mir beinahe normal vor, als ich in den frühen Morgenstunden in Rotterdam ankomme. Rotterdam-Hull ist eine Fährlinie, die mich über den Kanal bringen wird. Ich hoffe, ich schaffe es noch hinauf, bevor sie ablegt. Mithilfe meines Smartphones finde ich den Anleger und gehe zum Informationsschalter der Fährgesellschaft.

~*~

Ich würde gern aus der Lederkluft herauskommen. Aber da ich keinerlei Gepäck bei mir habe, ist das nicht so einfach. Im Supermarkt der Fähre bekomme ich immerhin den nötigen Hygienekram und T-Shirts. Ich kaufe zwei. Mir ist egal, was für Aufdrucke darauf sind, Hauptsache ich kann mich zur Nacht umziehen und morgen nach dem Duschen etwas Frisches anziehen.

Das Abendessen an Bord interessiert mich ebenso wenig wie das Frü hstück. Ich bleibe fast die ganze Fahrt an Deck, lege mich erst in meiner Kabine hin, als die Kälte mich bis auf die Knochen durchdrungen hat.

~* ~

Nun fahre ich mit meiner California durch Yorkshire bis nach Lancashire und dort geradewegs zum Gestü t meines Großvaters.

Was ich hier will, ist mir gar nicht bewusst. So weit ich weiß, ist meine Mutter nicht hier, sondern noch in Deutschland.

Ich will s ie nicht sehen. Mit jedem Gedanken an sie oder Justin wächst ein rotglühender Feuerball in meiner Brust. Zorn, schrecklicher Zorn ist das.

Aber ich will nicht zornig sein. Auch wenn mich diese Hitze davon abhä lt, müde und hungrig, durchgefroren und am Ende aller Kräfte vom Bike zu fallen, mich in einem Straßengraben zusammenzurollen und zu Tode zu weinen.

Geht bestimmt. Massiver Verlust von Elektrolyten.

Mein verdrehtes Gehirn spinnt sich einen Scheiß zusammen, das ist ja nicht zu fassen!

Ich versuche, mich zusammenzureißen, aber es ist nicht leicht.

Das vertraute Einfahrtstor zu Dexter ’s Breed weckt keine positiven Assoziationen und ich entscheide mich spontan, daran vorbei zu fahren.

Es gibt nur einen Ort auf dieser Insel, an dem ich jetzt sein will.


Sonntag, 4. August


Hinterher!

 

C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\kimtest.jpg

Nervö s reibe ich mir zum vermutlich tausendsten Mal über Stirn und Augen. Immer wieder fallen mir meine Haare ins Gesicht. Kein Wunder, an Dinge wie Haarpflege oder gar Styling denke ich derzeit nicht.

Ich bin auf einer dieser dämlichen Fähren irgendwo mitten im Ärmelkanal. Hoek van Holland nach Harwich – ich freue mich schon wahnsinnig auf die lange Autofahrt nordwärts. Wohlgemerkt, auf der ‚falschen‘ Straßenseite und das mit einem Linkslenkerwagen.

Egal, alles egal. Ich werde halt gut aufpassen müssen. Immerhin wäre es ratsam, an einem Stück bei Maik aufzutauchen. Ich kann nur hoffen, dass er wirklich dort ist.

Von Jeremy weiß ich, dass Maik vor zwei Jahren ein kleines, ziemlich baufälliges Cottage in der Nähe des Dexter-Gestüts geerbt hat. Von irgendeinem alten Schäfer, den Jeremy und Maik in ihrer Kindheit oft besucht haben.

Den genauen Weg dorthin hat Maiks bester Freund mir auch verraten , und da wir die letzte Ortung von Maiks Handy tatsächlich mitten auf dem Ärmelkanal gesehen haben, bleibt kaum noch ein anderer Schluss.

Maik muss nach England gefahren sein. Ich tigere immer wieder ü ber das metallene Deck der Fähre, kann und will mich nicht drinnen vergnügen und schon gar nicht in meine Kabine gehen.

Ich hasse das Meer, als o … ich hasse es, auf Booten und Schiffen zu sein. Kurz gesagt: Ich bin sehr seekrank.

Dementsprechend kä mpfe ich nicht nur mit meiner Sorge um Maik, sondern ganz nebenbei auch noch mit kontinuierlichem Brechreiz.

Irgendwann wird es zu kalt, zu nass und v iel zu windig, um an Deck zu bleiben. Deshalb verziehe ich mich doch in meine Kabine und hoffe, dass ich schnell einschlafen kann.

~*~

Das Frühstück auf der Fähre lasse ich ausfallen, obwohl ich eigentlich ziemlichen Hunger habe. Mein Magen rebelliert noch immer und ich fürchte, ich werde den anderen Reisenden den Appetit gründlich verderben, wenn ich zwischen gebackenen Bohnen und Frühstücksspeck aufs Büffet kotze …

Dabei liebe ich englisches Frü hstück! Ist eine der besten britischen Mahlzeiten.

Ich nehme mir vor, etwas zu essen, sobald ich wieder festen Boden unter den Füßen habe.

Das geht dann sogar schneller als erwartet. Um neun Uhr bin ich unterwegs auf britische n Straßen, freue mich sehr darüber, dass mein Navi auch aktuelle Karten des Inselstaates besitzt, und komme nach einem schnellen Frühstück – Sandwich mit Kochschinken und ein widerlicher Kaffee – ganz gut voran.

Ich sollte laut Routenplaner in knappen drei Stunden am Ziel sein. In dem baufä lligen Haus selbst kann Maik nicht sein, dort kann laut Jeremy derzeit niemand leben, also dürfte mein Freund sich auf dem Hof seiner Großeltern aufhalten.

Gegen halb zwö lf erreiche ich das Dexter-Gestüt und fahre, nach einem kurzen Rundumblick über den großen, mit Kopfsteinpflaster belegten Hof, zum Wohnhaus, um davor zu parken.

Ein wenig flattern meine Nerven, sogar meine Hä nde zittern, als ich auf den Klingelknopf drücke und von Bein zu Bein hüpfe, um die Wartezeit zu überbrücken.

Es regnet, mir ist kalt und ich vermisse Maik , wie ich niemals irgendjemanden vermisst habe. Schon schräg, dass ich jetzt, wo ich doch fast wieder bei ihm bin, ihn in wenigen Augenblicken in die Arme schließen kann, so nervös werde. Richtig hibbelig!

Eine grauhaarige Frau, die ganz sicher Helens Mutter ist, ö ffnet mir die Tür und mustert mich in einer Mischung aus Misstrauen und Neugier.

Ja?“

Guten Tag, ich bin Kim Andreesen. Ich suche Maik. Ist er hier?“ Super, sogar meine Stimme zittert – und das ganz sicher nicht, weil wir Englisch sprechen.

Er ist nicht hier“, kanzelt sie mich ab.

Wo kann ich ihn finden?“

Sie atmet tief durch und presst die Lippen aufeina nder, bevor sie sich in dem kleinen Flur umwendet und mir winkt, ihr zu folgen.

Das erstaunt mich nun doch. Ich habe eher erwartet, dass sie mir die Tü r vor der Nase zuknallt. Anscheinend muss ich an meiner Körpersprachenwahrnehmung arbeiten.

rpersprachenwahrnehmung? Meine Fresse, ich muss ganz schön durch den Wind sein, wenn ich solche Wörter erfinden kann …

Ich schließ e nach dem Eintreten die Tür und tapse hinter ihr her in einen warmen, gemütlichen Raum, der sich als große Wohnküche entpuppt.

Setz dich. Wieso denkst du, dass Maik hier ist?“

Die Frage ü berrascht mich ein wenig, aber andererseits … woher soll sie wissen …?

Er ist abgehauen und Jeremy meint, dass er nur hier sein kann – also hier oder in seinem Cottage.“

Sie stellt mir einen Becher Tee vor die Nase und scheint zu ü berlegen. „Dann habe ich mich gestern Abend doch nicht verguckt … Ich habe Licht gesehen hinter den Hügeln.“

Ich springe wieder auf. „ Dann ist er wirklich dort? Bitte, ich muss zu ihm, so schnell es geht!“

Sie mustert mich und legt ihre Hand auf meine Schulter, damit ich mich wieder hinsetze. „ Trink deinen Tee und verrate mir, was du von meinem Enkel willst.“

Was ich …? Alles? Nichts? Die restlichen Jahrzehnte seines Lebens? Keine Ahnung!“

Mein wirres Gestammel reizt sie zu einem warmen Lä cheln.

Du bist verliebt.“

Ich nicke. Gut beobachtet!

„Wieso ist er abgehauen?“

Ich denke kurz an Mö hrchen, deshalb fällt mir auch auf, dass ich noch gar nicht bei Jeremy angefragt habe, wie es ihr geht … ob es ihr überhaupt noch irgendwie gehen kann …

Ich seufze leise. „ Ich muss zu ihm, bitte, es ist sehr dringend!“

Hm, du kannst hier über die Hügel gehen. Du kannst es nicht verfehlen, aber ich weiß wirklich nicht, ob er dort ist.“

Danke!“ Diesmal lässt sie mich gehen, folgt mir noch bis zur Tür und deutet am Haus vorbei über ein paar wirklich grüne, wirklich nasse Hügel. Ich marschiere los.

Es dauert vielleicht zehn Minuten, in denen ich mich mehrmals fast aufs Ge sicht lege. Die hellblauen Jeans sind jedenfalls matschig-braun an den Knien, als ich vor einem kleinen, ehemals sicher sehr hübschen, reetgedeckten Cottage ankomme.

Ich horche in die Stille und gehe einmal darum herum. Da ist Licht!

Ohne nach ihm zu rufen, gehe ich zur nächstgelegenen Tür. Als sie sich öffnen lässt, trete ich ein.

Ich muss mich durch einen großen, dunkel daliegenden Gebäudeteil tasten, bevor ich das Zimmer erreiche, in welchem sich Maik hoffentlich aufhält.

Die Tü r geht in meine Richtung auf und ich bleibe einige Augenblicke im Durchgang stehen, um in den Raum zu blicken.

Da ist Maik!

„Maik!“ Mit zwei oder drei Schritten bin ich bei ihm und ziehe ihn fest an mich. Mir ist scheißegal, dass er gerade eine Putzkelle und ein Glätteisen in den Händen hält. Genauso egal, wie die Tatsache ist, dass ich ihn mit meinem Ansturm umwerfe.


Sonntag, 4. August


Überrumpelt

 

C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\maiktest.jpg

Ich höre meinen Namen und eine gefühlte halbe Sekunde später wirft mich jemand um. Einfach so.

Ungebremst lande ich auf dem Rü cken, alle Luft verlässt mit einem erstickten Keuchen meine Lungen und ich muss ein paarmal blinzeln, um zu kapieren, dass das Kims weiche, pechschwarze Haare sind, die mich am Kinn kitzeln.

Noch immer halte ich mein Werkzeug in den Hä nden, doch die eben noch volle Kelle leert sich mit einem Ruck – auf Kims Rücken, glaube ich. Kann es nicht sehen. Reflexartig habe ich meine Arme um seinen schlanken Leib geschlungen und hebe verdattert den Kopf.

Mein Schä del brummt ein wenig, was dem harten Aufprall geschuldet sein dürfte.

„… kannst doch nicht einfach weglaufen!“, höre ich nun ein dumpfes Nuscheln irgendwo an meinem Hals. „Du hast mir Angst gemacht!“

Hm, mö glich, aber …?

Ich rolle mich auf die Seite und schiebe ihn ein wenig von mir, um ihn anzusehen.

Was zur Hölle tut er denn hier?!

Ich bin doch nicht abgehauen von allem, damit er mich keine zwei Tage spä ter an einem Ort findet, an dem ich einfach nur allein sein will!

Er blickt mich an. Ä ngstlich, unsicher. Seine grauen Augen schwimmen ein wenig. Er wird doch jetzt nicht weinen?

Sofort zieht sich alles in mir zusammen. Nein, ich will nicht, dass er weint, egal aus welchen Grü nden.

Aber reden will ich auch nicht.

„Sag doch was, Maik! Ich …“ Kim bricht ab und nagt an seiner Unterlippe. Er richtet sich ein Stück auf und atmet zwanghaft tief durch. Ein hartes Schlucken bewegt seinen Adamsapfel.

Kein Wort will ü ber meine Lippen. Ich kann irgendwie nicht begreifen, dass er hier ist, obwohl mein angeschlagener Kopf und mein leicht schmerzender Rücken seine Anwesenheit ebenso bestätigen wie der Stoff seines Mantels unter meinen Fingern.

Maik?“ Seine Stimme wackelt und er hebt eine zitternde Hand in Richtung meines Gesichts. Ich weiche zurück und stehe auf. Zu viel Nähe.

Zu viele Erinnerungen und zu viele stumme Vorwü rfe in seinem Gesicht.

Ich hebe Kelle und Glä tteisen auf, hole mir neuen Rauputz aus der Wanne und wende mich zur Wand. Ich muss das hier fertig kriegen. Es ist idiotische, stumme Arbeit. Ich brauche an nichts zu denken, außer daran, dass ich das Muster gleichmäßig setzen muss. Das hilft, alles andere zu vergessen.

Maik, ich … Wieso sagst du denn nichts?“ Er steht jetzt dicht hinter mir, ich kann seinen Atem an meinem Hals spüren und schließe tief durchatmend die Augen. Sehnsucht überfällt mich mit glühend heißem Ansturm.

Weil ich nicht kann , würde ich jetzt gern sagen, aber meine Stimmbänder versagen ihren Dienst. Ich wende den Kopf zu ihm und der Satz, der unterschwellig und nicht greifbar die ganze Zeit in meinem Kopf war, schiebt sich mit einem Schlag in mein Bewusstsein:

Ohne dich will ich nicht mehr atmen .

Das hat er gesagt. Ist noch gar nicht lange her und doch erscheint es mir, als wä re seitdem mindestens ein Jahrzehnt vergangen.

Ich sehe ihn einfach an und spü re meinen Herzschlag im Hals, versinke in seinen Augen und schweige weiter.

Soll …“, murmelt er und blinzelt hastig, „… ich wieder gehen?“

Oh Gott, das meint er doch nicht ernst, oder?

Mit lautem Scheppern fällt mein Werkzeug herab und ich drehe mich ganz zu ihm um. Mein Kopf schüttelt sich. Na immerhin, das geht wenigstens noch.

Meine Hä nde gleiten um seine Mitte und ich ziehe ihn an mich. Das hier ist Kim. Mein Kim!

Der Mann, ohne den ich gar nicht sein will! Aber wieso ist er hier? Diese Frage bleibt, wenn auch unausg esprochen. Er muss doch schrecklich viel zu tun haben auf dem Feuerried.

Feuerried. Ich zucke zusammen, unvermittelt.

Möhrchen.

Ein hilfloses Wimmern dringt aus meiner Kehle und ich lege meinen Kopf auf seiner Schulter ab. Zö gerlich, so als würde er die aktive Berührung fürchten, legt er seine Arme um mich und drückt mich dann ganz sacht an sich.

Ich bin ja hier …“, murmelt er und ich bin ihm dankbar für jede Silbe aus seinem Mund, die die Stille, die lähmende Leere in mir mit einem leisen Echo erfüllt. „Ich bin hier und ich lass dich nie mehr allein.“

Mich allein lassen? Hat er das denn jemals? Ich bin wieder und wieder von ihm fortgerannt, habe ihn ve rletzt und beschimpft, beleidigt und sogar geschlagen!

Noch ein Wimmern, dann, endlich, kommen die Tr änen, die seit meinem letzten Blick auf Möhrchen in mir brennen.

Ich weiß nicht, wie lange ich einfach in seinem Arm lehne und heule, es spielt auch gar keine Rolle, denn Kim ist da und hält mich fest. Gibt mir, egal was ich ihm auch angetan habe, immer wieder die Kraft, die ich brauche, die ich spüren muss, um nicht an meinen Gefühlen zu ersticken.

Ich liebe dich“, bringe ich irgendwann hervor, während er über meinen Hinterkopf streichelt und einfach da ist.

Das kann nur Kim. Ich wü rde es auch niemand anderem erlauben, davon mal abgesehen, aber ich glaube, das hier, diese stille Nähe, kann nur er mir geben. Kim ist der Fallschirm, das Rettungsboot, der Anker und … alles.

~*~

„Was machst du da eigentlich?“ Ich liege auf dem schmalen Bett, auf dem ich die letzten Stunden eng umschlungen mit Kim verbracht habe. Es steht im einzigen Schlafzimmer des Cottages im ersten Stock. Dies ist der einzige Raum, in welchem ich die alten Möbel des Schäfers stehen gelassen habe. In weiser Voraussicht, damit ich während der großen Renovierung einen Schlafplatz habe.

Kim hockt nicht weit von mir entfernt vor dem kleinen gusseisernen Ofen und flucht verhalten vor sich hin.

Als ich ihn anspreche, fährt er zu mir herum. „Oh, du bist aufgewacht?“

Süß e Frage. Er sieht und hört es doch schließlich. Trotzdem nicke ich. „Ja. Wie lange war ich weg?“

Er zuckt mit den Schultern. „ Nicht lange, vielleicht eine halbe Stunde. Wie geht es dir jetzt?“

Darü ber muss ich bei dem Anblick, der sich mir bietet, nicht lange nachdenken, trotzdem zögere ich ganz kurz. „Okay soweit. Auch wenn es mir gutgehen sollte, wenn du bei mir bist …“

Kims Lä cheln wirkt traurig. Er kommt auf Knien zum Bett und beugt sich über mich, um mich zu küssen. „Ich würde diese Lüge verabscheuen, Maik. Ich weiß, dass es dir nicht super geht.“ Seine Finger streichen sacht über meine Schläfe und ich schließe genießend die Augen.

Ich will dieser Berü hrung nachspüren, an nichts denken, als an seine Nähe und die beinahe greifbare Liebe, die er mir schenkt.

Du wolltest wissen, was ich da gemacht habe … na ja, ich bin offensichtlich reichlich untalentiert, wenn es um das Anfeuern eines Ofens geht …“

Gott sei Dank!“, befinde ich und ernte einen verwirrten Blick. „Na, wenn du das auch noch könntest, würde ich langsam neidisch …“

Er beiß t kichernd in meine Nase und schlägt mir spielerisch auf die Brust. „Hoch mit dir. Mach das Ding an, bevor ich erfriere!“

Ich erhebe mich und zeige ihm, was er tun muss, um das alte Teil in Gang zu bekommen, ohne dabei zu ersticken.

Sobald der Ofen richtig bollert, setze ich mich zu ihm auf die Bettkante und ziehe ihn in meinen Arm.

Danke, dass du mich gefunden hast.“

Er lehnt seinen Kopf an meinen. „ Jeremy und Timeon, die übrigens plötzlich ein Superteam sind, haben mich losgejagt, kaum dass … wieder Ruhe eingekehrt war.“

Er weiß , wie sehr ich unter dem leide, was passiert ist. Nur deshalb nennt er keine Namen und keine Einzelheiten. Ich klammere mich nur zu gern an das Informationsbröckchen, das er mir zugespielt hat. „Jers und Timeon?“

Ich ziehe meine Augenbrauen hoch, als Kim nickt. „ Ja, Timeon ist erstaunlich handzahm gewesen.“

Hm, klingt cool“, sage ich. Die ganze Zeit schon überlege ich, ob ich nach Möhrchen oder den anderen Pferden fragen soll. Letztlich … im Fall meiner wunderbaren besten Freundin weiß ich ja Bescheid. Noch mehr Gewissheit ist da nicht gefragt. Aber die anderen …

Sag mal, haben die anderen es besser überstanden?“

Kims Augen mustern mich lange schweigend, dann nickt er. „ Ein paar Blessuren, aber nichts Schlimmes. Lukas und Co. haben mir versichert, dass sie es hinbekommen.“

Er greift nach meiner Hand und spielt mit den Fingern herum, dreht die Handflä che nach oben und hebt sie an seinen Mund, um einen Kuss daraufzusetzen.

Leise und warm rieselt diese Geste durch meinen Kö rper. Entspannt mich ein wenig und gibt mir gleichzeitig Kraft. Wofür? Das weiß ich nicht, es spielt auch keine Rolle.

Wichtig ist jetzt nur Kim. Niemand sonst. Ich lä chle ihn an. „Hat Jers dir gesagt, wo du mich finden könntest?“

Auch. Wusstest du, dass Maik Christensen dein Smartphone orten kann?“

I ch nicke. „Ich wusste, dass es geortet werden kann, ja. Und seitdem klar ist, dass er … mein zweiter Vater ist, ist wohl auch klar, dass nicht nur Helen und Justin es können …“

Wieso haben sie diese Möglichkeit? Du musst es ihnen doch erlaubt haben.“

Ja, habe ich auch. Der Vorschlag kam von Jers. Wegen Sean, weißt du? Am Anfang hatte Jers keine Ahnung, wo Sean wohnte und wo er … na ja, wo ich halt immer hingegangen bin. Er konnte mir nicht folgen, weil er ja ständig auf Turnieren unterwegs war. Und da wollte er dann, dass ich immer gefunden werden kann …“

Manchmal, in Momenten wie diesem, wird mir klar, wie viele schwarze Kapitel in meiner Vergangenheit lauern. Zeitgleich taucht jedes Mal die Frage auf, wie lange sie mich verfolgen werden und auch, ob sie das beeinflussen, was ich mit Kim habe.

Es macht mir Angst. Ich schaudere und sofort zieht er mich dichter an sich. „ Ist dir kalt?“

Nein, ich … habe nur Angst“, gebe ich zu. Seltsam, oder? Aber wenn ich vor einem Menschen laut und offen zugeben kann, dass mich etwas halbtot gruselt, dann vor Kim.

Vor wem auch sonst?

„Ich passe auf dich auf. Aber du musst mir versprechen, dass du mir, wenn du noch einmal wegrennen musst, wenigstens ein kleines Lebenszeichen zukommen lassen wirst, ja?“

Ich nicke erneut. „ Ich bin nicht vor dir weggerannt, Koalabärchen“, erkläre ich mit zärtlichem Ton. Ich will, dass er hört, wie wichtig er mir ist.

Das weiß ich, sonst wäre ich dir nicht gefolgt, mein Löwenherz.“ Er küsst mich federleicht und streicht danach mit seinem Daumen über meine Lippen. „Müssen wir den Rauputz morgen aus der Wanne bohren?“

Hm-hm, könnte sein …“ Er hat recht. Das Zeug wird steinhart werden und ganz sicher nicht freiwillig aus der rechteckigen Kunststoffwanne kommen.

Na, dann los, du musst mir zeigen, was ich tun soll. Dieses Haus verdient ein kleines Facelifting!“

Er steht auf und zieht mich an der Hand hoch.

„Du willst jetzt weitermachen?“, frage ich ungläubig und ernte ein perlendes Lachen.

Ja! Ich finde dein Haus schön, weißt du? Übrigens … mein Wagen steht noch bei deinen Großeltern auf dem Hof … Deine Oma hat mich über die Hügel hergeschickt …“

Du warst auf dem Gestüt?!“

Ja, sicher! Ich musste doch dort nachfragen, ob du aufgetaucht bist. Seitdem ich auf der Fähre Mühe hatte, nicht die armen Fische mit meiner Galle zu füttern, konnte ich dich nicht mehr orten.“

Du bist nicht seefest?“

Leider nein. Das nächste Mal, wenn ich aufs Festland zurück muss, nehme ich den Autozug.“

Ich halte ihn fest und ziehe ihn an mich. „ Du hast das auf dich genommen, nur um nach mir zu suchen?“

Für dich würde ich noch ganz andere Sachen auf mich nehmen, Maik. Und jetzt beweg dich, ich will nicht, dass du in einer halben Ruine wohnen musst!“

Hm, da sagt er was  …

Du musst irgendwann zurück, nicht wahr?“ Scheiße, ich will nicht so resigniert und ernüchtert klingen. Zu schön ist es, in seiner Gegenwart wieder etwas freier atmen, sogar kichern und lachen zu können.

Nur für Formalitäten.“ Er sieht sich um. „Und dann sollte ich mir wohl eine Bleibe in der Nähe suchen …“

In der Nähe?“

Klar!“ Er lächelt. „Also, wenn das für dich okay ist, meine ich.“

Ist es nicht.“ Ich sehe ihn ernst an. „Ich will nicht, dass du in der Nähe wohnst.“

 


Zukunftsmusik

C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\kimtest.jpg

 

Ich höre, was er sagt, und der Boden unter meinen Füßen löst sich auf.

B uchstäblich, denn ich mache einen hastigen Schritt rückwärts und erst der Tritt ins Nichts ruft mir in Erinnerung, dass ich am oberen Ende der schmalen Treppe stehe. Nun ja, stand.

r ein paar Sekundenbruchteile fühle ich mich schwerelos, dann habe ich wieder Boden unter den Füßen und blinzle erschrocken und erleichtert zugleich in Maiks Gesicht.

Er hat mich festgehalten und wieder auf dem Tre ppenabsatz abgestellt. Seine Arme umschlingen mich dennoch und er presst mich auch nach wie vor an seine Brust.

Was …?“, bringe ich hervor und merke dabei, wie atemlos ich bin vor Schreck.

Er sieht mich noch genauso ernst an wie eben, als er mir gesagt hat, dass ich mich gar nicht erst in der Gegend auf die Suche nach einer Bleibe machen soll. Ich gebe zu, das trifft mich hart, auch beim drüber Nachdenken.

Du willst mich nicht …?“

Musst du das wirklich fragen, Koalabärchen?“ Jetzt lächelt er.

Ehrlich , das verwirrt mich!

Anscheinend ja.“

Kim, denkst du wirklich, ich will getrennte Wohnungen? Ich würde mir wünschen, dass du, sobald du das für dich als möglich ansiehst, mit mir hier einziehst …“

Mein Mund klappt sinnlos auf und wieder zu, ich schlucke hart und blinzle noch ein paarmal hö chst wirkungslos, während Maik mich immer unsicherer ansieht.

Das … ist dein Ernst?“

Er nickt. „ Mein voller Ernst, ja.“

Unvermittelt bricht in meiner Brust wieder die ve rtraute Wärme aus, die nur Maik wecken kann und ich lehne mich an ihn, um ihn zu küssen. „Du willst hier mit mir zusammenwohnen?“

Ja.“

Wahnsinn!

Das schafft eben nur Maik. Jetzt sogar schon mit einem einzigen Wort!

Holen wir meinen Wagen und machen dann hier weiter? Du schuldest mir noch eine Führung durch dein wunderschönes Cottage.“

Er kü sst mich lange und macht keinerlei Anstalten, damit in nächster Zeit aufzuhören. Mich stört es nicht, besonders dann nicht, als er den Rückweg ins Schlafzimmer antritt und wir uns auf dem schmalen Bett wiederfinden.

~*~

Gähnend gehen wir in den frühen Morgenstunden Hand in Hand über die natürlich vom Dauerregen weiter aufgeweichten Hügel zum Gestüt.

Wir nehmen meinen Wagen mit und Maik lotst mich ü ber zum Teil etwas abenteuerliche Wege zurück zum Cottage. Gut, dass ich meinen Geländewagen und nicht den Sportflitzer für meine Suche genommen habe.

Der Rauputz ist natürlich eingetrocknet und Maik erklärt mir mit einem spitzbübischen Grinsen, dass wir die Sache eigentlich vergessen können. An der Wand ist das Zeug bereits so trocken, dass man später mit großer Wahrscheinlichkeit Ansätze sehen wird.

Trotzdem versuchen wir unser Glück.

Ich gebe zu, ich bin zu Anfang ziemlich ungeschickt darin, das Zeug auch nur halbwegs vernünftig an die Wand zu kriegen, aber Maik hilft mir und erklärt mir alles so geduldig und ruhig, dass ich es schließlich doch hinbekomme.

Hm“, mache ich, als wir nach einer guten Stunde den Putz auf die lange Wand des zukünftigen Wohnzimmers gebracht haben. „Also, wenn’s später scheiße aussieht, kaufe ich eine extragroße Schrankwand, okay?“

Ich blicke zweifelnd zwischen meinem Werk und Maik hin und her und ernte ein Lach en, bevor er mich umarmt und fest an seine Brust zieht.

Ich mache höchstens einen Rahmen um die ganze Wand und ein kleines Gedenktäfelchen daneben, auf dem steht: Verputzt von Kim Andreesen, dem besten Mann der Welt. Für perfekt befunden von Maik Dexter, der seinem Kim auf ewig verfallen ist.

Seine weiche Stimme – besonders das, was er mit ihr sagt – verschlägt mir glatt die Sprache und ich drehe mich in seiner Umarmung zu ihm um. Ein Kuss, noch einer, ich werfe die Kellen in die mittlerweile leere Putzwanne und umschlinge Maiks Hals.

Hast du auch solchen Hunger?“, frage ich, als mein Magen zu knurren beginnt.

Er nickt. „ Hunger und Appetit. Komm, ich schulde dir ja noch eine Hausführung, dabei kommen wir immerhin an der provisorischen Küche vorbei.“

Er l öst unsere Umarmung und deutet durch die Tür zu dem leeren Raum, in dem ich vor einigen Stunden zuerst gelandet bin.

Ich habe mir überlegt, dass dieser Raum hier eine prima Wohnküche abgeben wird, was meinst du?“ Er deutet um sich und ich nicke.

Klar, das wäre fast wie bei mir. Man kommt zur Hintertür rein und steht gleich in der gemütlichen Küche. So mag ich das!“

Da ist der Anschluss für den Ofen, ich denke, ich hätte gern einen Kaminofen hier in der Ecke, mit Sitzbank und vielen hellen Kacheln.“

Er ge ht zur nächsten Tür, die in einen kleineren Raum führt. „Das hier könnte Abstellkammer und Hauswirtschaftsraum werden. Wie du siehst, stehen jetzt nur der Kühlschrank und ein Tisch darin.“

Ich strecke den Kopf an ihm vorbei in den Raum. Er ist schmal aber nicht wirklich klein. Neben dem Kühlschrank stehen außer dem Tisch noch zwei Stühle, ein Gasherd und eine Anrichte mit hohem Aufbau. Außerdem hängt ein großes, emailliertes Metallwaschbecken an der Wand, in welchem sich derzeit ein paar Tassen und zwei Teller sowie einige Besteckteile tummeln.

Hast du hier heißes Wasser?“, erkundige ich mich und betrete das Zimmer.

Wenn der Ofen den ganzen Tag geheizt hat, ja. Im Keller ist ein uralter Wasserspeicher, der über einen Wärmetauscher der vorsintflutlichen Art erhitzt wird.“

Ah, verstehe. Und? Was hast du anzubieten in Sachen Futter?“

Maik geht zum Kü hlschrank und beginnt aufzuzählen.

Hm, klingt danach, als würde die Küche kalt bleiben. Mir reichen Brote.“

Gut, dann decke ich den Tisch und du könntest so lieb sein und Teewasser ansetzen. Leider mit dem Wasserkessel, der da überm Herd hängt …“

Ich nicke und befü lle den Kessel, bevor ich ihn auf den Herd setze und die Gasflamme entzünde. Es ist alles sehr behelfsmäßig hier. Auch in diesen Räumen liegen keine Böden mehr, genau wie im Wohnzimmer.

Okay, während das Wasser heiß wird, könntest du mir den Rest zeigen, oder?“

Klar, komm!“ Er streckt mir die Hand hin und wir gehen durch das Wohnzimmer in einen weiteren Raum, dessen Tür neben der Treppe nach oben liegt. „Das soll das Arbeitszimmer werden, also du weißt schon, Büro und so. Als ich eben ‚Keller‘ sagte, war das etwas übertrieben, denn hineingehen kann man nicht. Es ist einfach eine Grube hier unter dieser Falltür.“

Stimmt, hier liegen noch Bodendielen un d mittendrin ist die von ihm genannte Tür eingelassen. „Besonders viel Stauraum werden wir also nicht haben?“

Er schü ttelt den Kopf. „Das Grundstück, das zum Cottage gehört, ist recht groß, der Schäfer hat hier eine Menge Land genutzt. Ich habe vor meinem Ferienjob bei dir schon einen Architekten kontaktiert für einen Anbau, der allein schon wegen der Praxis nötig wird.“

Klingt vernü nftig. Irgendwo muss er ja schließlich auch arbeiten können. Selbst wenn er die meiste Zeit unterwegs sein wird, um die umliegenden Höfe und Gestüte anzufahren. Mindestens seine Ausrüstung muss er vernünftig lagern und nutzen können.

Und das Bad?“, frage ich, weil ich es so langsam, aber sicher auch mal nutzen müsste.

Maik lacht leise. „ Es gibt ein Außenhäuschen und im ersten Stock direkt neben dem Schlafzimmer noch ein Bad. Es wird natürlich auch noch umgebaut … Weißt du, eigentlich hatte ich vor, auf dem Gestüt zu wohnen, bis die Handwerker hier alles fertig haben, aber seitdem ich meiner Mutter weder im Dunklen noch im Hellen begegnen will …“

Denkst du denn, sie ist auf dem Gestüt?“, frage ich leise, bevor ich aus dem Büroraum ins Wohnzimmer und dort die Treppe hinauf gehe.

Hm-hm, da wird sie zumindest wieder auftauchen, wenn Jers’ Turnier vorbei ist.“

Na ja, Jers hat noch genug Turniere vor sich, ganz sicher wird sie doch die meiste Zeit dort sein. Sorry, aber ich muss wirklich! Bis gleich.“

Das Badezimmer ist klein, hat viel Dachschrä ge und benötigt tatsächlich einen Ausbau, daran geht schlicht kein Weg vorbei. Die Wanne steht nämlich so blöd unter dem abgeschrägten Dach, dass weder Maik noch ich aufrecht in der Wanne stehend duschen könnten. Ich benutze die Toilette und kehre danach zurück ins Erdgeschoss.

hrend ich über die Stiege ins Wohnzimmer gehe, dann weiter zur zukünftigen Küche in den momentanen Essraum, überlege ich, was ich hier eigentlich machen soll, wenn auf dem Feuerried alles geklärt ist und ich hierher gezogen bin.

Immerhin habe ich einen Beruf, den ich hier nicht so einfach ausü ben könnte. Diese Gedanken beschäftigen mich sehr, auch wenn mir durchaus bewusst ist, dass ich für Maik vermutlich auch einfach den Bürokram machen könnte und würde, solange ich dafür bei ihm sein kann und ihn nicht allein lassen muss.

Er hat einfach zu viel Scheiß erlebt in den vergangenen Wochen.

Aber  … wo soll ich hier mit meinen drei Pferden bleiben?

Kein gutes Thema. Das zeigt mir auch Maiks besorgter Gesichtsausdruck, als ich mit gerunzelter Stirn am Tisch Platz nehme.

„Was hast du?“

Ich atme tief durch und schü ttle den Kopf, bevor ich mich dazu bringen kann, meine Stirn zu glätten und ein Lächeln aufzusetzen. „Ich hab überlegt, ob du eine Bürokraft brauchen kannst, wenn du deine Praxis eröffnest.“

Er setzt sich mir gegenü ber hin, nachdem er uns Tee eingeschenkt hat. Sein Gesichtsausdruck lässt sich nur mit ‚betroffen‘ beschreiben.

Tut … mir leid! Es muss ziemlich hart für dich sein, ein solches Supergestüt mit all der Verantwortung und dem vielen Geld hinter dir zu lassen …“

Rede gefälligst nicht so einen Unsinn“, fahre ich ihn an und mildere meinen Ton. „Ich werde dich nicht allein lassen, Löwenherz. Du bist nämlich jedes Opfer wert, verstehst du?“

Er lä chelt unsicher und ich hoffe inständig, dass er mir glaubt und vertraut. Ich meine das schließlich wirklich so! Natürlich wird mir der Stress zu Anfang fehlen, aber vielleicht tut es mir ganz gut, nicht mehr für so viele Menschen und Tiere den Kopf hinhalten zu müssen?

Hm, darüber reden wir noch mal in Ruhe, ja? Vielleicht kannst du auch bei einem der Gestüte hier in der Gegend arbeiten.“

Ich lasse das unkommentiert und sehe zu, dass ich meinen knurrenden Magen endlich beruhige.

Nach dem Essen räumen wir alles weg, nehmen jeder noch eine Tasse Tee mit nach oben und legen uns hin.

Dicht an Maik gekuschelt schlafe ich wenig spä ter ein.


Das Cottage

C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\maiktest.jpg

 

Es ist kalt, zumindest an meinen Schultern, die aus der Decke hervorgucken. Ein Zittern durchlä uft mich und ich kuschele mich tiefer ein, bis ich begreife, dass ich nicht allein bin.

Natü rlich! Kim ist hier. Mein Kim.

Er hat mich gesu cht und will mich nicht allein lassen. Mit einer heißen Welle fließt diese Erkenntnis durch meine Brust und ich schiebe meine Arme um seinen Körper. Er ist warm im Schlaf, eine Art menschlicher Ofen. Wieso ist mir das in den vielen Nächten, die wir zusammen verbracht haben, nicht aufgefallen?

Vielleicht, weil es da im Raum an sich schon warm genug war?

Der Sommer neigt sich hier bereits dem Ende zu, auch wenn das Klima der Insel milder ist, nicht diese Wahnsinns-Temperaturunterschiede bringt wie das europäische Festland. Tief durchatmend schiebe ich meine Nase in sein weiches Haar und schließe genießend die Augen.

Er brummt leise und drängt sich dichter in meine Umarmung. Soll ich einfach liegenbleiben oder mich schon mal um das ‚Frühstück‘ – und vor allem die Öfen! – kümmern?

Ohne wird das Duschen heute sehr kalt. Hm, vie lleicht sollte ich auch mit Kim zu meinen Großeltern gehen? Er war schon dort und meine Granny schien nicht abgeneigt von ihm zu sein, wenn man bedenkt, dass sie ihm den kürzesten Weg zu mir verraten hat. Die Strecke über die Straßen und ausgefahrenen Wege hätte er niemals so schnell gefunden, weil der Hauptzugang zum Cottage mit einem großen Tor verschlossen ist.

Ich seufze und wappne mich gegen die Kälte außerhalb der Bettdecke, dann schiebe ich meine Beine hinaus und richte mich auf. Die Decke noch einmal um Kims schmale Gestalt feststecken, dann schnell etwas mehr anziehen – ha, ha, ich trage keinen Faden am Leib – und den Ofen anfeuern.

Als ich aus dem Badezimmer zurü ckkomme, verbreitet der Ofen bereits ein wenig Wärme und ich nicke zufrieden vor mich hin. Wo liegt mein Handy?

Ah, da. Ich schnappe es mir, sehe noch einmal zum schlafenden Kim und gehe nach unten. Wä hrend ich Wasser für Kaffee aufsetze, wähle ich bereits meine Großmutter an.

Dexter?“

Guten Morgen, Granny!“, sage ich fröhlich und höre, wie sie erleichtert durchatmet.

Dann hat dein Freund dich gefunden?“, fragt sie. „Guten Morgen? Es ist Mittag, Schatz!“

Ich lache auf. „ Ja, hat er. Kim würde mich im Erdkern noch wiederfinden, wenn ich versuche, wegzulaufen …“ Ein tiefes Durchatmen. „Granny, ist Mom da?“

Nein. Und sie sollte sich auch vorläufig nicht hertrauen!“ Resolut wie eh und je. Der heimliche Chef des Dexter-Gestüts ist und bleibt anscheinend meine liebe, manchmal etwas brüske Grandma.

Dann weißt du schon, was passiert ist?“

Sie zö gert, doch schließlich bekomme ich eine Antwort. „Maik hat hier angerufen. Vor einer guten Woche schon. Er machte sich Sorgen und sagte, dass einiges schiefgelaufen sei.“

Hm-hm, so kann man es ausdrücken“, murre ich.

Also? Da die Luft rein ist, könntest du nun deinen Freund schnappen und bei uns in einem anständigen Gästezimmer wohnen. Siehst du das wie ich?“

Ja, Granny, das tue ich. Ich mache jetzt noch Frühstück und danach kommen wir zu euch.“

Ich freue mich. Und ziemlich neugierig bin ich auch!“ Sie lacht leise und verabschiedet sich.

Ich lege auf und sehe aus dem kleinen Fenster der Behelfskü che über die sich sanft wellenden Hügel der Landschaft. Sattgrün und klitschnass, so liebe ich meine nordenglische Heimat.

Es ist nicht so, als brä uchte ich Regen, dauernd an den Schuhen klebenden Matsch und einen zur ständigen Ausgehbekleidung gehörenden Regenmantel, aber ich erinnere mich an eine wirklich schöne Kindheit mit zahlreichen wunderbar matschig-nasskalten Septembern.

Dass es jetzt, Mitte August schon so auss ieht, passt wohl zu meiner allgemeinen Stimmung …

Ich will nicht nachdenken. Weder ü ber Möhrchen noch über meine sogenannten Eltern. Es tut zu weh, verwirrt mich zu sehr und vor allem nimmt es mir den freien Blick auf das, was vor mir liegt. Alles, was für mich noch zählt, ist Kim.

Wenn er beschließ t, in Timbuktu als Regenwurmzüchter zu arbeiten, werde ich mitgehen und dafür sorgen, dass er die gesündesten Regenwürmer der ganzen Welt produziert. So einfach ist das!

Dieses Haus habe ich schon als Kind geliebt. Wenn ich daran denke, wie oft Jeremy und ich den alten Schä fer, der irgendwie schon vor zwanzig Jahren alt gewesen ist, besucht haben … Timothy McDougall war sein Name und er hatte immer ein Glas Milch und ein paar Kekse für uns. Trotzdem hätte ich nie gedacht, dass er mir das Haus mit all dem Land überlassen würde.

Ich hö re Kims Schritte über mir, anscheinend geht er gerade ins Bad. Ich hoffe, ihm ist nicht allzu kalt. Das Kaffeewasser braucht noch ein bisschen, deshalb gehe ich ins Wohnzimmer und sehe mir unser Machwerk an.

Hm, perfekt, gleichmäß ig oder auch nur brauchbar sind keine Worte, die ich für die von uns verputzte Wand verwenden kann, ohne zu lügen, aber irgendwie ist mir das egal. Wer braucht schon eine perfekte Wand, wenn er einen perfekten Mann haben kann?

Gott, wie sehr ich ihn liebe, wie sehr ich mir wü nsche, für immer mit ihm zusammen zu sein!

Ich kann wirklich nur hoffen und verdammt hart an mir arbeiten, damit ich i hn nie wieder von mir stoße. Das verdient er nämlich nicht. Kim hat schon genug Scheiß erlebt und jetzt, tja, jetzt ist es an der Zeit, dass ein paar Dinge so laufen, wie es für ihn am besten ist.

Ich rä ume das Werkzeug zusammen, stelle es in eine Ecke und zücke erneut mein Handy, um die Handwerksfirma anzurufen.

Als Kims Schritte auf der Treppe lauter werden, habe ich alles Notwendige besprochen und drehe mich mit einem Lä cheln zu ihm um. Er steht direkt hinter mir.

Guten Morgen.“

Guten Morgen, Kim.“

Mann, die Wand sieht noch viel schlimmer aus, als ich dachte“, murrt er und ich ziehe ihn lachend an mich.

Die bleibt! Ohne Schrank davor, wohlgemerkt. Ich hab eben den Handwerkern gesagt, dass sie die Wand nicht anrühren dürfen.“

Lass mich raten, du hast das Gedenktäfelchen auch schon bestellt?“ Seine dunkle Augenbraue rutscht misstrauisch in seine Stirn und reizt mich erneut zu einem Auflachen.

Du bist so süß, wenn du merkst, dass du ausnahmsweise mal etwas nicht kannst, Kim. Genau dafür liebe ich dich! Für deinen Perfektionismus, deine Tierliebe, dein großes Herz und für die wunderschöne Seele, die du niemandem zeigen willst …“ Ich schlucke hart und merke, dass ich während meiner Rede immer leiser und ernster geworden bin.

Er blinzelt und streckt sich z u einem Kuss. „Du sollst doch nicht immer mit deinem Spiegelbild reden“, murmelt er gegen meine Lippen und ich beiße scherzhaft in seine Nase.

Eine ausgiebige Umarmung und ein paar sanfte Kü sse später beginnt der Kessel auf dem Herd, das Haus mit seinem schrillen Pfeifen zum Einsturz bringen zu wollen.

Das Kaffeewasser“, erkläre ich und rolle mit den Augen. Auch mir fehlt hier derzeit ein gewisses Maß an alltäglichem Luxus. Zum Beispiel eine normale Kaffeemaschine, nicht gleich so ein Vollautomat, wie es ihn bei Kim gibt. Wir trennen uns lachend und gehen in die Küche.

Ich berichte von meinen Telefonaten und bin beruhigt, dass Kim nichts dagegen hat, den Rest der Zeit bis zum Abschluss des Umbaus in einem Gä stezimmer des Gestüts zu bleiben.

Was denkst du, wie lange wird das dauern?“, erkundigt Kim sich, als ich von den anstehenden Umbauten erzähle.

Ich hebe die Schultern. „ Der Typ sagte, wenn alle Materialien rechtzeitig geliefert werden, ist der Innenausbau des Hauses eine Sache von vier bis sechs Wochen. Je nachdem, wie viele Kabel und Leitungen neu verlegt werden sollen.“

Das ist lang …“, sagt er und sieht in seinen Kaffeebecher.

Du meinst, weil du nicht einfach so für einen bis anderthalb Monate vom Feuerried weg kannst.“

Er nickt, ohne mich anzusehen. „Ich will hier bei dir bleiben, ohne Frage, aber solange es keinen Nachfolger gibt …“

Ich trete neben ihn und lege meine Hä nde auf seine Schultern. „Kim, das ist vollkommen in Ordnung. Niemand bindet dich hier an. Ich …“ Ich schlucke hart. „Also, wenn du nicht allein gehen willst, begleite ich dich auch.“

Sein Kopf schnellt zu mir hoch. „ Das würdest du tun?!“

Nicken, es ist ganz einfach. Fü r Kim kann ich alles. „Ja.“

Sein Handy klingelt und unterbricht diesen ruhigen, so tiefgehenden Moment. Wir seufzen be ide auf, was mich zu einem Grinsen reizt.

Es tut einfach gut, dass er viele Dinge genauso sieht wie ich!

Er holt sein Smartphone heraus und steht auf. „Ich muss da rangehen. Ist wichtig.“

Er verschwindet aus dem Raum und sogar aus dem Haus, wie ich begreif e, als ich ihn wenig später über den Hof marschieren sehe, immer auf und ab. Ich beobachte ihn eher unabsichtlich dabei, aber sein Mienenspiel gefällt mir nicht.

Zuerst lä chelt er und legt in einer erleichterten Geste den Kopf in den Nacken, dann meckert er offensichtlich in das Gerät, dass ich ein Auflachen nicht unterdrücken kann. Kim ist echt bissig, wenn man ihm am Telefon blöd kommt. Es geht ganz sicher um das Gestüt. Hoffentlich können wir noch ein paar Tage hier bleiben, bevor wir zurück müssen.

Ich bin immer noch ein wenig perplex, quasi von mir selbst überfahren, dass ich gesagt habe, ich würde ihn begleiten. Es macht mir nämlich auch Angst, so bald wieder auf das Feuerried zu gehen.

Ein paar Minuten spä ter kommt er wieder herein und das Lächeln, das er auf seinen Lippen trägt, wirkt sehr echt. Er ist fröhlich.

Na? Gute Nachrichten?“, erkundige ich mich.

Er nickt. „ Besser als ich jemals erhofft hätte!“, verkündet er. „Ich konnte tatsächlich ein paar Tage für uns herausschinden. Es reicht, wenn ich am Donnerstag wieder zurückkomme. Da warten etliche Unterlagen auf mich, auch wenn der Bürokram größtenteils erledigt wird. Anscheinend lässt sich wirklich einiges ohne meine Anwesenheit regeln.“

Hast du eigentlich nie Urlaub gemacht?“

Doch, sicher! Aber dann war Lu halt auf dem Feuerried … Ich überlege ernsthaft, wie das alles werden soll. Hm … was wohl in dieser Post vom Notar stehen mag?“

Das frage ich mich auch, immerhin wird er kaum in Abwesenheit einen neuen Gestü tsleiter gefunden haben, dem er seine Tiere und vor allem die Mitarbeiter anvertrauen würde. So, wie Kim es mir erklärt hat, ist es hauptsächlich Ludwigs Führungsstil gewesen, den Kim sich abgeguckt hat. Sehe ich also von einigen wirklich widerlichen Verfehlungen ab, scheint Ludwig van Keppelen kein so schlechter Arbeitgeber zu sein.

Ob er dir darin auch sagt, was es mit den gefälschten Pferdeverkäufen auf sich hat?“

Kim mustert mich und ich folge ihm wieder in die Kü che. „Keine Ahnung. Jedenfalls sollten diese schwarzen Belege noch verschwinden, bevor ein neuer Gestütsleiter auftaucht, denkst du nicht auch?“

Ich nicke. „ Ganz sicher sogar. Bist du dir eigentlich wirklich sicher, dass du ihn nicht doch noch anzeigen willst, Koalabärchen?“

Ja. Es bringt doch nichts, Maiky. Oder denkst du, dass ihn noch irgendwas schlimmer bestrafen kann?“

Mir wü rde ja durchaus was einfallen, mein Körper spannt sich allein beim Gedanken daran schon an, aber dass ich auch die Hände zu harten Fäusten geballt habe, merke ich erst, als Kim sie ergreift und sacht öffnet, um nacheinander die Handinnenflächen zu küssen.

Beruhige dich. Es gibt wirklich Wichtigeres als das. Zum Beispiel die Überlegung, mit welcher Argumentation ich dich davon überzeugen kann, die Wand neu machen zu lassen.“

Er reizt mich zum Lachen und ic h beuge mich zu ihm, um ihn zu küssen, bevor ich mich von ihm löse und wieder hinsetze.

Also? Gibt’s irgendwas, was ich über deine Großeltern wissen müsste?“

Ich erklä re ihm das Nötigste, denn im Grunde gibt es nicht viel dazu zu sagen. Meine Großeltern sind umgänglich und mein Grandpa wird vermutlich ziemlich begeistert sein, zu erfahren, dass ein so junger Mann eines der erfolgreichsten Renngestüte Deutschlands leitet.

~*~

Das Zimmer, welches meine Granny uns zugewiesen hat – übrigens, ohne darüber zu diskutieren, dass anständige junge Männer und so … – ist wirklich schön und ich habe bisher noch nie darin genächtigt.

Mein Groß vater lässt es sich natürlich nicht nehmen, Kim gleich eine extraausführliche Führung über das gesamte Gestüt zu spendieren. Ich gehe vorsorglich mit, auch wenn ich zurzeit eigentlich keine Lust auf Pferde habe.

Ich meine, natü rlich mag, nein, liebe!, ich Pferde nach wie vor, aber … Es fällt mir schwer, dabei nicht ständig an Möhrchen zu denken.

Als ich neben Kim in den ersten, groß en Stall gehe, und der herbe Geruch der Tiere mir in die Nase steigt, fühle ich mich erstaunlich wohl. Ich atme tief durch und entspanne mich, so dass Kim es bemerkt und mich trotz des Monologs meines Großvaters lächelnd ansieht und meine Hand kurz drückt.

Er versucht wirklich, mir alles leichter zu machen, das rechne ich ihm sehr hoch an. Ich wü sste auch gar nicht, wie ich all das ohne ihn überstehen sollte.


Dexter ’s Breed

 

C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\kimtest.jpg

Maik hält sich gut, er lässt meine Hand während des gesamten Rundgangs nicht mehr los, was ich eindeutig richtig finde. Zumal sein Großvater nichts dagegen zu haben scheint.

Maik hat mir erzählt, dass es auf dem Feuerried anders zugeht.“

Ich nicke. „ Ein wenig. Aber das dürfte sich bald ändern.“

Kim hat gekündigt und will mit mir zusammen sein, egal wo“, wirft Maik mit einem breiten Lächeln ein und ich freue mich sehr über dieses Statement.

Ich verstehe. Dann ist das Cottage aber ein wenig klein, denkt ihr nicht?“

Ich hebe die Schultern, Platz ist schließ lich in der kleinsten Hütte …

Fang nicht wieder davon an, bitte! Ich weiß, dass wir hier auf dem Hof wohnen könnten, aber das will ich einfach nicht.“

Ich blinzle. So ein Angebot besteht und stattdessen baut er sich lieber das Cottage aus? Mein fragender Blick entgeht ihm nicht und e r drückt meine Hand.

Grandpa findet, dass ich als echter Dexter gefälligst auch hier zu leben habe.“ Maik kichert, als William ihm einen strengen Blick zuwirft.

Offensichtlich ü bertreibt Maik schamlos, und ich beginne zu lachen. „Spinner!“

Immer gern!“, quittiert er und zieht mich weiter. „Willst du ihm noch die Heuböden zeigen oder können wir jetzt endlich reingehen und einen Kaffee trinken?“

William lacht nickend. „ Gehen wir rein. Deine Granny wird mit dem Apfelstrudel sicher fertig sein.“

Maiks Gesicht beginnt zu leuchten, wie ich es bisher selten gesehen habe. „Apfelstrudel?! Komm, Kim! Der weltbeste Kuchen wartet auf uns!“

Ich lasse mich von ihm durch die lange Gasse des dritten Stallgebäudes ziehen und genieße seine plötzliche Ausgelassenheit sehr. Vielleicht verschwinden die dunklen Ringe unter seinen Augen demnächst auch wieder? Ich wünsche mir das so sehr!

Wir gehen auf Sockenfüß en durch den warmen Flur in die Wohnküche, in der es nicht nur sehr gemütlich ist, sondern auch nach warmen Äpfeln und Gebäck riecht. Kaffee und Tee duften in zwei Kannen auf dem bereits eingedeckten Tisch und Maiks Granny steckt gerade kopfüber in einem großen Ofen.

Granny, soll ich dich schubsen?“ Maiks Laune grenzt langsam an Frechheit, ich atme erschrocken ein und sehe erstaunt, wie sie sich aufrichtet und lacht.

Du bist ein maßlos frecher Kerl, Maiky. Setz dich an den Tisch, sonst kriegst du keinen Strudel!"

Das Kaffeetrinken, zu dem natü rlich auch William erscheint, ist entspannt und locker. Beide Großeltern sind sehr wütend auf Justin und Helen. Wieso sie den ‚großen‘ Maik so ausklammern, ist mir nicht ganz klar, aber ich will jetzt auch nicht nachfragen.

~*~

Abends liegen wir erstaunlich früh im Bett und erst jetzt wird mir klar, dass wir zwar recht lange geschlafen haben, aber die Anspannung der vergangenen Tage uns sehr in Atem gehalten haben muss.

Mit jeder Minute in Maiks Nä he lässt meine innerliche Verkrampfung jedoch nach und ihm scheint es ähnlich zu gehen. Jedenfalls ist es nicht einmal 22 Uhr, als wir uns von den Dexters verabschieden und hinlegen.

Dicht an einandergekuschelt liegen wir in der Dunkelheit und halten uns gegenseitig fest. Irgendwie ist für Worte gerade gar kein Platz, deshalb küssen wir uns, ohne die Körperlichkeit intensiver werden zu lassen.

I ch habe das Gefühl, dass Nähe einfach wichtiger ist als Sex.

Morgen zeige ich dir ein bisschen was von meiner Heimat, okay?“ Seine flüsternde Stimme erschreckt mich regelrecht, so entspannt liege ich in seinen Armen.

Trotzdem muss ich sofort breit lä cheln und nicke vor mich hin. „Ja, das wäre toll.“

Dann machen wir das. Je nach Wetterlage werden wir mal schauen, was sehenswert wird.“

Das wird sicher toll ! Zeit mit Maik in seiner Heimat. Das Leuchten in seinen Augen kann ich mir bildlich vorstellen und dränge mich dichter an ihn.

Ich freu mich und hätte nichts dagegen, wenn wir ganz nebenbei noch kurz in ein oder zwei Geschäfte gehen könnten … Ich meine, wo ich schon mal im Mutterland des Reitsports bin, sollte ich …“

Mein Wortschwall bricht ab, weil Maik s Lippen mich kurzfristig knebeln, bevor er zu lachen beginnt und einen Wimpernschlag später über mir ist.

Schlagartig wird mein Bedü rfnis nach Nähe deutlich sexueller und ich bewege mich lasziv unter ihm, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden.

Du solltest“, murmelt Maik gegen meine leicht geöffneten Lippen, „die Shopping-Überlegungen verschieben und dich lieber darum kümmern, dass vorher mein Unwille zu langen Einkaufsorgien besänftigt wird.“

Oh? Und wie schaffe ich das am besten?“, frage ich mit deutlich belegter Stimme und lasse meine Hände auf seinen Hintern gleiten, um fest zuzupacken.


Montag, 5. August


Shopping

 

C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\maiktest.jpg

Wer hä tte gedacht, dass mein süßer Kim so ein Einkaufsfreak sein kann, wenn man ihn in ein paar nordenglische Shopping-Malls führt?

Ich fü r meinen Teil bin bereits zu oft hier gewesen, um das noch begeisternd zu finden. Kim dagegen hat so leuchtende Augen, dass ich mir langsam, aber sicher Sorgen mache.

Mein Kichern fä llt ihn natürlich auf, als wir zwischen beschnittenen Sträuchern in großen Pflanzkübeln über den marmornen Boulevard schlendern und er sich verzückt den Hals verrenkt, um nur ja keine Auslage in einem der vielen hochglanzpolierten Schaufenster um uns herum zu verpassen.

Was?“, fragt er und bleibt stehen.

Nichts“, erwidere ich grinsend und ernte einen Knuff in die Rippen, der mich theatralisch aufkeuchen lässt. „Man könnte nur meinen, dass es in Deutschland weder Einkaufszentren noch Geschäfte irgendeiner Form gibt.“

Hey, ich komme selten vom Gestüt weg, wie du sehr wohl weißt!“, verteidigt er sich und ich ziehe ihn trotz der zahlreichen Tüten, mit denen im Übrigen eher ich behangen bin, in eine Umarmung.

Dankenswerterweise kü sst er mich auch sofort und ich erlaube ihm nur zu gern, meinen Mund mit seiner Zunge zu erobern. Trotzdem lösen wir diese innige Umarmung recht schnell wieder. Nicht zuletzt, weil uns beiden eben nicht vollkommen egal ist, was unsere Umgebung mitbekommt.

Ich muss jetzt nur noch zu HMV und in die Boutique da hinten …“, verkündet Kim in versöhnlichem Ton.

Schon okay, Koalabärchen. Das sind nämlich endlich, endlich die zwei Geschäfte, in die ich hier sehr gern gehe.“ Eine Tatsache. Ich war noch nie in dieser Einkaufsmeile, ohne mindestens eine CD bei His Masters Voice gekauft, und einen Abstecher zu Cleve ’n Cal’s , dem Herrenbekleidungsgeschäft daneben gemacht zu haben.

Er strahlt mich an und zieht mich nur Augenblicke spä ter in die zweistöckigen Geschäftsräume des Musikladens. Die meisten kaufen heutzutage wohl eher online, was sie an Musik haben wollen, aber ich liebe es, durch die Regale zu schlendern, mal hier, mal da reinzuhören, und am Ende doch immer wieder eine nette Entdeckung für meine Sammlung zu machen.

Davon abgesehen kenne ich zwei der Verkä ufer mittlerweile ganz gut und bekomme von ihnen immer gute Tipps.

Ich hab alles“, verkündet Kim und wedelt mit einer kleinen Plastiktüte, auf der der weltbekannte Hund vor dem Grammophon aufgedruckt ist.

Das ist schön, ich auch. Dann lass uns jetzt bei Cal vorbeigehen, okay?“

Er runzelt die S tirn und wir gehen auf die Boutique zu. „Aber da steht Cleve und Cal?“

Ich nicke. „ Ja, stimmt. Die zwei haben den Laden vor zwanzig Jahren hier etabliert. Aber Cleve ist letztes Jahr gestorben.“

Kims Augen werden groß und er erstarrt mitten im Schritt. „Woran?“

Ein Autounfall. Ging damals durch die Presse hier, weil eine Zeitlang vermutet wurde, es habe sich um einen Anschlag gehandelt.“

Nur widerwillig erinnere ich mich an das Theater vom letzten Jahr. Ich war noch Student hier in Manchester.

„Du willst nicht darüber reden“, stellt Kim treffsicher fest und ich nicke dankbar, als sich seine Hand um meinen Unterarm schließt. „Ist okay, Maik. Komm, lass uns schauen, ob Cal etwas Cooles für die nächste Party hat.“

Ich atme tief durch und folge ihm in die Bouti que.

Zwei Stunden, vier Tees und ein paar Cookies spä ter verlassen wir mit weiteren Taschen den Laden und ich habe Mühe, mir Kim nicht immer und immer wieder in diesen superknappen Tops vorzustellen, die er sich neben einer dunkelgrünen Wildleder- und einer schwarzen Glattlederhose ausgesucht hat. Ehrlich, ich bin nun wirklich kein Modemuffel, aber solche Klamotten habe ich mir bei Cal bisher nie auch nur angesehen. Ich muss zugeben, an meinem Liebsten sehen sie … perfekt aus.

Kim quasselt in einer Tour auf mich ein, kaum dass wir das Geschäft verlassen haben. Er ist nicht zu Unrecht so aufgeregt – Cal hatte Besuch, welcher auch die vielen Tees und Cookies erklärt.

Ich habe das geträumt, oder?“, erkundigt er sich aufgeregt und blinzelt immer wieder. „Dieser Graham hat keine Fotosession mit mir gemacht und er hat auch nicht gesagt, dass ich jederzeit als Model arbeiten könnte, oder?“

Ich ziehe ihn lachend an mich, allein schon, damit er aufhö rt, wie ein Flummi neben mir auf und ab zu hüpfen wie nichts Gutes.

Doch, doch, Graham fand dich so sexy, dass ich wirklich eifersüchtig hätte werden können.“

Hm“, macht Kim und sieht mich an. „Dir wäre es lieber, wenn ich ihm schreibe, dass er meine Bilder nicht benutzen darf, nicht wahr?“

Natü rlich, während der stundenlangen Anproben hat der Fotograf etliche Bilder von Kim gemacht und ich durfte mir jedes einzelne davon ansehen. Mir war selbstverständlich auch vorher schon klar, wie unglaublich gut mein Freund aussieht, aber ihn so absichtlich in Szene gesetzt zu sehen, ist eindeutig ein Erlebnis der besonderen Art gewesen. Ich freue mich sehr auf die Email, die Graham uns versprochen hat.

Nein, Kim, alles gut.“

~*~

Tief durchatmend sinke ich in den Fahrersitz meines Rovers, mit dem wir heute vom Gestüt meines Großvaters aus losgefahren sind, und überlege nach einem Blick auf die Uhr, dass es schon zu spät ist, um noch ein wenig Kultur anzuhängen. Zumindest, wenn wir etwas anderes tun wollen, als das Nachtleben abzuchecken.

Nach Hause?“, frage ich mit einem Seitenblick nach links. Ich bin, was das angeht, wirklich froh, dass ich endlich mal wieder in einem Rechtslenkerwagen sitzen kann.

Ich hab Hunger, wollen wir irgendwo noch was essen vorher?“

Gute Idee! Hast du bestimmte Wünsche?“

Na ja … Ich bin in England, quasi die Mutter von Fish and Chips, oder?“

Ich lache auf. „ Hier in England kriegst du auch das beste Curry, du hättest also durchaus eine gewisse Auswahl.“

Das ist mir zu scharf heute. Ich glaub, Fish and Chips wären genau das Richtige für mich. Kannst du damit auch leben?“ Er sieht mich forschend an, bis ich erneut auflache.

Klar!“ Ich starte den Wagen und bringe uns zu einem Pub, in welchem es meiner Meinung nach den besten Backfisch von ganz Manchester gibt.

Wir betreten das urige, in dunklen Holztö nen gehaltene Lokal und suchen uns einen Tisch an einem der Fenster mit gelblichen Scheiben.

Kim bestellt bei der Bedienung mit der leicht fettigen Schü rze und ich staune nicht mehr, als er noch ein paar Scherze mit dem Kellner macht. Kims Englisch ist tatsächlich deutlich besser, als ich jemals erwartet hätte.

Woher kannst du das eigentlich?“

Was?“, fragt er erstaunt – und auf Englisch, was mich zu einem Schmunzeln reizt.

Du sprichst sehr gut Englisch, aber du hast nie erzählt, dass du mal hier warst.“

Er denk t kurz mit geschürzten Lippen über meine Erklärung nach und lächelt schließlich. „Ich muss hin und wieder mit englischen Rennbahnen telefonieren. Also mit den Mitarbeitern dort.“

Ich verstehe.“

~*~

Nach dem Essen fahren wir zurück zum Gestüt, die Dreiviertelstunde auf der Autobahn verbringen wir mit einem Planungsgespräch für den morgigen Dienstag. Der letzte Tag, bevor wir auf die Fähre und zurück zum Feuerried müssen, damit wir am Donnerstag auch wirklich dort ankommen.

Auf den Brief oder diese Unterlage n vom Rechtsanwalt des Feuerrieds sind wir wohl beide viel zu gespannt.

Dennoch bin ich froh, noch eine kurze Atempause zu haben, bevor wir dorthin zurü ckfahren.

Ich bin mir noch immer nicht sicher, ob es mir gefallen wird, auf das Feuerried zu gehen, aber für und mit Kim schaffe ich das, ganz sicher! Es ist also weniger Zwang als mein freier Wille, ihn zu begleiten.


Dienstag, 6. August


Sightseeing

 

C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\kimtest.jpg

Liverpool und das Albertdock haben mir ungemein gut gefallen. Dort wird für das Frühstücksfernsehen auf einer schwimmenden Miniatur der britischen Inseln sogar das Wetter von dem Meteorologen Fred vorhergesagt, der immer sehr alberne Strickpullis trägt, wie Maik mir kichernd berichtet.

N atürlich fand ich auch das Beatles-Museum cool. Ist zwar nicht ganz mein Musikgeschmack, aber ich erkenne die vier Pilzköpfe schon als Meilenstein der Musikgeschichte an, weshalb es für mich ziemlich interessant ist, mal durch ihre Geschichte zu wandeln. Erstaunlich finde ich ja, dass dies das einzige, ausschließlich den Beatles vorbehaltene Museum in ganz England ist.

Nun aber sind wir auf dem Weg nach Blackpool. Dort auf dem Pier und im umliegenden Hafengebiet an der Irischen See gibt es einen Freizeitpark, in dem wir uns mit Sicherheit gut amü sieren werden – den Blackpool Pleasure Beach .

Maik hält auf einem der zahlreichen Parkplätze, die das Gelände des Parks wie ein Gürtel umgeben und kommt nach dem Aussteigen sofort zu mir, um meine Hand zu ergreifen. Das ist eine Art liebgewonnenes Ritual, glaube ich fast. In jedem Fall zeigt es mir jedoch, wie dringend Maik diesen Kontakt braucht und sucht.

Ich genieß e es. Mit diesem Mann an der Hand irgendwo entlangzugehen, ist ja nun wirklich keine Strafe!

Ich hatte keine Ahnung, dass es hier überhaupt einen Freizeitpark gibt“, erkläre ich, während wir auf ein Kassenhäuschen am Eingang zugehen.

Ich war ewig nicht hier, aber es gibt eine ganz Menge Achterbahnen und ich hoffe, dass wir die zusammen erobern werden!“, erwidert Maik und drückt meine Hand, bevor er uns zwei Wristbands für den Park kauft.

Mit diesen, so hat er mir auf der Fahrt hierher schon erklä rt, können wir jedes Karussell des Parks so oft benutzen, wie wir wollen. Ursprünglich ist der Pleasure Beach nämlich ohne Eintritt angelegt und man kann ihn auch weiterhin so betreten, muss dann aber an jedem Karussell einzeln bezahlen. Das ist sicher praktisch für Leute, die nur mit ganz bestimmten Bahnen fahren wollen oder jeweils nur einmal.

Ich gehe davon aus, dass Maik und ich die eine oder andere Achterbahn, die ich zwischen den ersten Häusern bereits sehen kann, öfter nutzen werden.

Kannst du eigentlich Schlittschuh laufen?“, fragt er mich gerade, als wir an einem langgezogenen, hohen Bau vorbei zur ersten Achterbahn gehen, um uns in die vormittägliche und noch nicht besonders lange Schlange der Wartenden einzureihen.

Ich sehe ihn groß an. „Nicht so … wirklich.“

Maiks spitzbü bisches Grinsen lässt die Peinlichkeit über diesen Umstand schnell verfliegen und er drückt mich fest an sich. „Soll ich’s dir beibringen?“

Mein Blick sucht verständnislos nach seinem. „Wie jetzt? Hier?“

Er nickt zu dem langen Gebä ude, welches wir eben noch passiert haben. „Das ist eine Eishalle. Sie haben reguläre Laufzeiten, mit Musik und ohne, wenn nicht grad die wirklich guten Eisshows laufen. Ich war mit Jers ein paarmal hier, aber das ist ’ne Weile her.“

Ich schü rze die Lippen. „Klingt recht cool – im wahrsten Sinne. Aber du wirst nicht viel Freude daran haben, wenn du mich die ganze Zeit festhalten musst …“

Kein Problem, das ist doch quasi die perfekte Ausrede, um auf Tuchfühlung zu gehen.“ Er lacht so ausgelassen, dass ich ihn ein paar Sekunden lang fasziniert mustere. Wahnsinn, wie locker er jetzt wieder wird. Ob das Galgenhumor ist? Oder vielleicht eine Art hysterische Anwandlung, weil wir morgen nach York fahren, um von dort aus zurück auf den Kontinent und weiter zum Feuerried zu gelangen?

Maik, wenn du nicht mitwillst, verstehe ich das vollkommen.“ Sein Griff wird unerwartet hart und ich schnappe erschrocken nach Luft.

Niemals lasse ich dich da allein hingehen!“, stellt er harsch klar und lockert seine Umarmung wieder.

Ein Lä cheln vereinnahmt mein Gesicht und ich strecke mich, um ihn zu küssen. „Dann bist du nicht aus lauter Panik so mega-gutgelaunt?“

Nein, ich bin es, weil ich das hier alles mit dir tun kann.“ Diese Eröffnung, die er mit einer weitschweifenden Geste durch den Park untermalt, lässt mein Herz aufgeregt hüpfen.

~*~

Nach der gefühlt hundertsten Achterbahnfahrt und einem Spaziergang zum äußeren Ende des gigantischen, hölzernen Piers beginnt eine der öffentlichen Eislaufzeiten und wir betreten das Gebäude über die schwarzen Gummimatten, die den Eingangsbereich dominieren.

Es ist nach dem Sonnenschein drauß en recht düster hier, aber meine Augen gewöhnen sich schnell an die neuen Lichtverhältnisse, während wir durch die Gänge des Gebäudes gehen, unsere Schlittschuhe ausleihen und danach das Eisstadion betreten. Auf den Tribünen sitzen schon etliche andere Leute, die in Gruppen oder Familien dabei sind, mehr oder minder lautstark dafür zu sorgen, dass alle ihre Schlittschuhe anziehen, jeder seine Jacke richtig schließt und Ähnliches.

Grinsend setzen auch wir uns auf eine der Bä nke und legen das für mich tatsächlich sehr ungewöhnliche Gehwerkzeug an.

Gut, dass die Dinger schon die Schnallenverschlüsse haben, die man von Inlinern kennt“, bemerkt Maik und lässt die jeweils drei Vorrichtungen an seinen Schuhen einschnappen. Ich kämpfe noch ein wenig mit dem System, aber wozu habe ich den besten Mann der Welt bei mir?

Bevor ich herummaulen oder i hn bitten muss, hockt er sich vor mich und erklärt mir, wie ich die Hartschalen der Schlittschuhe schließen kann. Es sind übrigens, wie er mir erklärt, trotzdem Eiskunstlaufschuhe. Erkennbar auch für mich als Laien an den Zacken vorn und dem langen Dorn hinten an den Kufen.

Also, nach seiner Erklä rung erkenne ich es, weil ich mir, ehrlich gesagt, vorher nie Gedanken darüber gemacht habe, dass Eishockey-Schuhe anders aussehen könnten.

Kaum sind meine Schlittschuhe geschlossen und meine Hosenbeine darü bergezogen, ergreift Maik meine Hände und richtet sich aus der Hocke wieder auf, um mich mit in den Stand zu ziehen.

Ich blinzle einmal mehr erstaunt darü ber, welche Geschmeidigkeit er hinter seiner breiten, muskulösen Statur verbirgt, und lasse mich, nicht ganz freiwillig, aber durchaus willig, an seine Brust sinken, als mir die Wackeligkeit meines Schuhwerks richtig bewusst wird.

Auf dem Eis wird’s leichter“, verspricht er mir lächelnd und umfasst von unten meine Unterarme, damit ich meine Hände auf seine legen und mich festhalten kann.

Es sind nicht allzu viele Schritte, die ich auf den al lgegenwärtigen, schwarzen Gummimatten zurücklegen muss, bis wir die Tür in der Bande erreichen und ich Maik auf das Eis folge.

Eine verrü ckte Mischung von Unsicherheit und Geborgenheit ergreift Besitz von mir, als Maik mich die ersten Schritte über das Eis zieht und mir mit ruhiger Stimme erklärt, was ich zu tun habe, wenn ich meinen Hintern der spiegelglatten Oberfläche fernhalten will.

Er gleicht durch den festen Griff jede m einer Zappeleien aus und hält mich so sicher, dass ich ihn dankbar anlächle.


Eislauf und Hitzeschock

 

C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\maiktest.jpg

rme breitet sich einmal mehr in meiner Brust aus, während ich Kim ansehe und auf ihn aufpasse. Natürlich will ich nicht, dass er sich langlegt und sich womöglich noch blaue Flecken holt.

Kim, hör auf, nach unten zu sehen. Sieh mich an!“, fordere ich sanft und erwidere sein unsicheres Lächeln, das breiter und strahlender wird.

Ich versuch’s“, verspricht er und nickt, was ihn sofort wieder wackeln lässt.

Okay, du weißt grundsätzlich, wie die Bewegungen aussehen müssen, dann schieb mich jetzt mal über das Eis, okay?“

Er sieht mich perplex an, doch nach einem sichtbaren Schlucken und einem weiteren Nicken spannen sich seine Muskeln fü r mich fühlbar an. Seine Finger umfassen meine Unterarme fester und er atmet tief durch.

Der Druck seines Griffes verstä rkt sich noch ein wenig und nach zwei oder drei halbherzigen Versuchen, sich auf den Kufen in Bewegung zu setzen, schafft Kim es tatsächlich, mich über die Eisfläche zu schieben.

Ich halte meine Füß e zusammen und achte auf unsere Umgebung, damit wir niemanden über den Haufen fahren. Kim konzentriert sich noch zu sehr auf die Koordination seiner Beine.

Er presst die Lippen so fest aufeinander, dass sie jede Farbe verlieren, und seine Bewegungen werden kräftiger und sicherer, bis ich ihn bremsen muss.

Stopp“, sage ich leise und grinse ihn an.

Was? Wieso?“ Er klingt enttäuscht, sieht sich um, begreift mit einem schelmischen Grinsen, dass meine Kehrseite langsam gegen die Bande prallt und wir mit einem kleinen Ruck abgebremst werden.

Weil die Eisfläche zu Ende ist“, befinde ich schmunzelnd und ziehe ihn in eine Umarmung, bevor ich über seine Schulter nicke. „Da hinten sind wir gestartet, du hast uns ziemlich schnell bis hier befördert. Jetzt zurück?“

Kim grinst breit und nickt, lä sst seine Hände an meinen Armen hinabgleiten, bis ich seine Unterarme ebenso wieder umfassen kann wie er meine. Ich drehe uns und schon geht es weiter. Diesmal sogar sofort recht zügig, und Kim sieht auch nicht mehr so oft nach unten auf seine Schlittschuhe.

Die Fahrt wird schneller und ich beschließ e, die Kurve der kurzen Seite diesmal durch ein wenig Lenken meinerseits durchzufahren. Ich strecke die Arme durch, so dass der Abstand zwischen uns vergrößert wird und ich gefahrlos meine Füße für den weiten Bogen übereinanderkreuzen kann, den wir gemeinsam beschreiben.

Kim starrt mi ch fasziniert an und hört auf, mich anzuschieben, deshalb übernehme ich nun und ziehe ihn hinter mir her.

Geh in den Bewegungen mit, rechtes Bein … linkes Bein“, kommandiere ich in freundlichem Ton und er nickt, bevor er sich daran macht, seine Schritte an meine anzupassen.

Als wir nach einer knappen Stunde das Eis verlassen mü ssen, weil es gereinigt und geglättet wird, beschließen wir, die Schlittschuhe wieder gegen unsere eigenen zu tauschen und noch ein paar Runden Achterbahn zu fahren. Anschließend essen wir in einem indischen Restaurant auf dem Parkgelände noch ein wahnsinnig scharfes und leckeres Curry, über dessen Schärfegrad wir genau so lange Witze machen, bis wir mit tränenden Augen vor unseren Tellern sitzen.

Nein, eigentlich lachen wir danach erst recht und das Abendessen wird zu einem ausgesprochen gelungenen Abschluss des Tages.

~*~

Ich bin müde“, murrt Kim neben mir im Beifahrersitz, während ich über die Landstraßen zurück zum Gestüt fahre.

Ich sehe ihn an und lä chle so liebevoll, wie ich kann. Er ist, das kann ich einfach nicht anders sagen, der Grund, aus dem ich morgens aufstehen und weitermachen kann.

Nichts habe ich vergessen, von dem, was in den let zten sechs Wochen passiert ist. Absolut nichts. Und doch schaffen es weder die Trauer über die Vergangenheit meiner Eltern noch der Terror, den Kim und ich hinter uns haben, mich länger als ein paar Augenblicke in Atem zu halten.

Immer genau so lange, bis ich Kim ansehe oder eine Berü hrung von ihm spüre.

Wir sind fast da. Du kannst in zwanzig Minuten im Bett liegen, Koalabärchen.“

Er lacht leise auf und lehnt den Kopf an die Nacke nstütze. Ich sehe es aus dem Augenwinkel. Deutlich spüre ich seine Hand auf meinem Oberschenkel und genieße mit einem tiefen Atemzug seine Nähe und die Symbolik, die hinter seiner Geste steckt.

Aber nicht ohne dich“, stellt er klar und unterdrückt ein Gähnen.

Nein, ich gehe mit. Granny weiß ja Bescheid, dass sie nicht auf uns warten sollen.“

Deine Großeltern sind wirklich cool. Ich glaube, ich möchte, sobald wieder etwas Ruhe eingekehrt ist, mal mit dir zu meinen fahren. Du sollst … ich meine, ich würde dich gern meiner Familie vorstellen …“ Seine Worte lassen mich erneut breit lächeln, denn darin liegt so viel Wärme und die deutliche Bitte, ihm diesen Wunsch zu erfüllen.

Ja, wieso nicht? Ich würde sie gern kennenlernen.“

Das freut mich! Ich war nicht sicher, weil … Eltern und so ja gerade nicht dein liebstes Thema sind.“ Er klingt zögernd, einmal mehr scheint er noch während seiner Rede zu überlegen, ob er bestimmte Sachen überhaupt zur Sprache bringen darf.

Hey, es ist okay“, sage ich beschwichtigend. „Ich kann und will nicht alles totschweigen.“

Aber das bedeutet ja nicht, dass ich dich ständig so drauf stoßen muss.“

Keine Sorge, Kim. Ich bin schon erwachsen …“

Er lacht leise und ich kann seine Erleichterung fö rmlich spüren.

Wenig spä ter fahre ich durch das Tor zu Dexter’s Breed und wir gelangen über die Wohnküche nach oben in den Schlafbereich des großen Hauses.

Zu unserem Gä stezimmer gehört ein eigenes Bad, in welchem wir gemeinsam verschwinden.

Es ist kurz nach 23 Uhr und wir sind beide hund emüde. Ich frage mich, ob wir diesen Tagesrhythmus wohl noch lange haben werden. Vor allem, ob wir ihn brauchen werden. Das wird sich ja in knapp zwei Tagen zeigen.

Ich spü le meinen Mund aus und sehe Kim durch den Spiegel an. Er steht neben mir, trägt nur noch Pants und schrubbt auf seinen Zahnreihen herum, bis er meinen Blick bemerkt.

Waf ift?“, fragt er, die Zahnbürste verhaltend.

Ich kichere ü ber seine Aussprache. „Du würdest gern weiterhin Gestütsleiter bleiben, nicht wahr?“

Er nickt, spü lt seinen Mund ebenfalls aus und wendet sich zu mir um. „Ja, würde ich gern, aber ich bin realistisch genug, um zu wissen, dass ich in meinem Alter kaum einen solchen Posten bekommen werde.“

Kim greift nach meinem bloß en Oberarm und drückt ihn sanft. „Das Feuerried war für dich deine Möglichkeit …“, murmele ich und sehe auf seine Hand. „Es tut mir so leid, dass du das alles nun verloren hast.“

Kims Lachen lä sst mich aufsehen und auch seine zweite Hand greift nach mir. „Maik, ich mag ja meine alten Pläne verloren haben, aber ich habe dafür so viel mehr bekommen, als ich jemals erwartet hätte! Dich!“

Das erfü llt mich mit einer solchen Wärme, dass ich ihn an mich ziehe und einfach fest drücke. „Das ist schön, Kim. Trotzdem tut es mir sehr leid. Du bist so ein toller Chef.“

Wieder kichert er leise un d ich spüre den Luftzug seines Atems an meinem Hals, bevor er seine Lippen daraufsetzt, mich mit einem kleinen Knurren herumdreht und aus dem Bad schiebt.

Ich will dich, nur dich. Und dabei lege ich nur äußerst selten Wert darauf, den Chef raushängen zu lassen.“

Als meine Unterschenkel an den Bettrahmen stoß en, lasse ich mich mit ihm in den Armen nach hinten fallen und das protestierende Knarzen des alten Holzbettrahmens lässt uns kurz innehalten und lauschen.

Scheiß drauf!“, murmele ich auf seinen fragenden Blick hin. Wir haben erst einmal miteinander geschlafen, seitdem er mich gefunden hat … und das wird sich jetzt ändern!

Okay“, erwidert er gedehnt und erobert meinen Mund mit einem heißen, langen und sehr tiefen Kuss.

Diesem einen Mann werde ich mich immer ohne Gegenfragen und Widerstand ergeben. Einfach, weil er mein Mann ist. Der Eine, der zu mir gehört.

Und genau das zeige ich ihm jetzt sehr gern.

Meine Hände gleiten über seine warme Haut und ich bringe ihn mit einer schnellen Bewegung unter mich, ohne auch nur den Kuss zu unterbrechen. Kim seufzt ungehemmt in meinen Mund und ich spüre, wie allein dieser gehauchte Ton mit allen Empfindungen, die dahinterstehen, meine Lust weiter anfacht. Ein tiefes Grollen dringt aus meiner Kehle und ich spüre, wie Kims Hände sich besitzergreifend unter den Bund meiner Pants schieben und meinen Hintern umfassen. Schlanke, kräftige Finger, die sich in mein Fleisch krallen und mich dichter an ihn drängen. Ich reibe mich an ihm und weiß genau, er wird mich heute nehmen. Auf seine unnachahmliche Kim-Art.

Ich schaudere vor lauter Vorfreude und genieß e jede Sekunde, jede seiner Berührungen, jeden Kuss und unsere kleinen Laute, mit denen wir uns zwischen dem Geflüster zeigen, wie nah wir uns sind.

Kim windet sich unter mir un d schiebt meine Pants herab.

Zieh sie aus“, verlangt er atemlos und beeilt sich, kaum dass ich mich aufgerichtet habe, seine eigene loszuwerden. „Ich will dich!“

Das braucht er nicht mehr zu sagen, doch jagen mir diese wenigen Worte wie ein glü hend heißer Speer durch das Rückgrat hinauf und hinab und setzen mich, sofern ich es nicht längst bin, endgültig in Brand.

Kims Hä nde sind wieder an meiner Haut, bevor ich mich richtig neben ihn gelegt habe. Er richtet sich weiter auf und bedeckt nach meinem Gesicht auch meinen Hals und meine Brust mit ungezählten Küssen. Ich seufze und gebe mich seinen Liebkosungen hin. Nichts anderes kann und will ich jetzt tun.

Meine Finger gleiten fahrig in sein weiches Haar und als seine Lippen meine Eichel umschließ en, kann ich ein Aufbäumen meines Beckens nicht mehr verhindern.

Kim zuckt nicht einmal, stattdessen nimmt er mich tief in sich auf und lä sst mich spüren, wie sehr er mich will. Seine Hände gleiten um mich, legen sich wieder mit krallenden Fingern an meinen Hintern und ich fürchte, im nächsten Augenblick in Flammen aufzugehen. Keine Chance, das hier irgendwie aktiv mitzugestalten. Mir bleibt nichts anderes, als lustvoll zu Stöhnen und mich endgültig und willig allem hinzugeben, was er mir anbietet.

Ich bekomme nicht ei nmal mit, dass Kim das Gleitgel vom Nachttisch holt, erst als seine Finger es mit zärtlich-fordernden Bewegungen an meinem Eingang verteilen, wird mir klar, dass ich der Lust geschuldete geistige Aussetzer zu haben scheine.

Kim!“, bringe ich mühsam und schwer atmend hervor, als der erste Finger in mich eindringt und sich in mir bewegt.

Sein Mund umschließ t noch immer – oder wieder? – meinen tropfenden Schwanz und er dehnt mich gleichzeitig auf eine so entspannende Art, dass ich mich mehr an Kim festhalte, als ihm ähnliche Zärtlichkeiten zuteilwerden zu lassen.

Eine gefü hlte Ewigkeit später lässt Kim von meiner Erektion ab und gleitet zwischen meine Beine, während er mich ganz auf den Rücken dreht und meine Knie anwinkelt. Noch einmal beugt er sich über meinen Schwanz und umfasst ihn mit der Linken, während die Finger seiner Rechten mit neuem Gleitgel meinen Eingang erobern.

Zitternd und schaudernd liege ich da, werfe den Kopf hin und her und kann weder klar denken noch irge ndetwas tun.

Kim richtet sich ein wenig auf, drückt meine Knie weiter nach oben an meinen Leib und nur Augenblicke später werden seine Finger von seiner Erektion abgelöst.

Mit einem langen, sehr langsamen und vermutlich genau dadurch so intensiven Stoß gleitet er in mich und beugt sich zu mir, um mich zu küssen.

Ich liebe dich“, raunt er gegen meine Lippen und ich schaffe es nur, ein kehliges Knurren hören zu lassen. Meine Zunge und mein Mund gehören schon wieder ihm.

Erobert. Vereinnahmt.

Von ihm in Besitz genommen.

Niemand sonst darf d as. Mich besitzen.

Seine Stöß e werden intensiver, kraftvoller und wilder. Ich liebe das. Diese fordernde Art, mich zu nehmen. Jede seiner Bewegungen bringt mich rasant näher an einen Höhepunkt, wie nur Kim ihn mir schenken kann.

Ihm ergeht es nicht anders, wie die deutlich spürbare Vibration seines Schwanzes in meinem Inneren mir nur zu deutlich zeigt.

Sein schneller Atem, seine fahriger werdenden B ewegungen, die Hitze seiner Küsse, all das reißt mich mit ihm fort und ich schreie laut auf, als sich mein Samen in mehreren Spritzern zwischen uns ergießt und ich mich an ihn klammere, als hinge mein Leben davon ab.

Aber vielleicht tut es das?

Ganz sicher sogar, denn als er Sekunden nach mir kommt, umklammere ich ihn nur noch fester, will möglichst viele Berührungspunkte mit ihm.

Schwer atmend bleibt er auf mir liegen, um schlingt mich ebenso und seine Küsse haben nichts an Atemlosigkeit und Leidenschaft eingebüßt.

Es dauert lange Zeit, in der ich sein Herz gegen meines hä mmern höre, bis wir uns weit genug beruhigt haben, und sich unsere Atmung normalisiert.

Ich liebe dich auch“, bringe ich vollkommen zeitverzögert hervor und presse Kims schlanken Leib noch fester an mich.


Mittwoch , 7. August


Abreise

 

C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\kimtest.jpg

Der Mittwochmorgen beginnt so schö n, wie der Dienstagabend geendet hat. Ich bin bei Maik und nichts würde ich mir lieber wünschen. Lächelnd sehe ich ihn an, drehe mich in seiner Umarmung weiter um, bis ich ihn küssen und selbst umschlingen kann.

Verschlingen wü rde ich ihn viel lieber, aber dazu bleibt heute leider keine Zeit. Es ist schon nach neun Uhr und wir müssen am frühen Abend in Hull auf der Fähre einchecken.

Ich wä re wirklich lieber mit dem Autozug gefahren, aber die Zeit, die wir gebraucht hätten, um von Nordengland aus nach Dover und von Calais zum Feuerried zu gelangen, ist einfach zu lang.

Die Tickets für die Überfahrt liegen bereits in meinem Rover, weil wir sie am Montag schon gebucht haben. Auch wenn der gestrige Tag mich hat vergessen lassen, dass es außer Maik, Eislaufen und Achterbahnfahren noch andere Dinge gibt, wichtige Dinge, die Entscheidungen und endgültige Trennungen von vermeintlichen Zukunftsplänen bedeuten, wird mir nun mit einiger Bestürzung wieder bewusst, dass kein Weg an der morgigen Rückkehr zum Feuerried vorbei führt.

Ich muss dorthi n, habe noch so endlos viel zu regeln, muss mich um diesen Brief kümmern und – viel wichtiger! – um Möhrchen.

Bisher habe ich ihm nicht gesagt, dass sie noch lebt. Zwar haben Timeon und Jeremy mich abwechselnd darü ber informiert, sobald es Neues von der Tierklinik gab, aber noch immer ist nicht klar, ob die wunderschöne Stute überleben wird oder nicht.

Und solange das nicht geklä rt ist, solange Maik sich nicht selbst ein Bild machen kann, werde ich ihm auch ganz sicher kein Sterbenswörtchen dazu mitteilen.

Wir müssen aufstehen“, nuschelt er gegen meine Lippen und ich kann das bedauernde Seufzen nicht unterdrücken. Mit einem Nicken und einem weiteren Kuss bestätige ich seine Worte, danach schlage ich die Bettdecke zurück und schiebe, von ihm wegrollend, die Beine vom Bett.

Eine gemeinsame Dusche spä ter haben wir das Nötigste gepackt und das Auto beladen, nun noch frühstücken und dann geht es los nach Hull – mit Zwischenstopp in York.

Dort gibt es, neben einer sehr schö nen Innenstadt, in welcher wir einen kleinen Lunch zu uns nehmen, auch ein Dungeon.

Ich habe keine Ahnung, was genau das bedeutet, bis Maik es mir zeigt und ich mich in einem sehr dü steren Gebäude wiederfinde, welches darauf ausgelegt ist, den Besuchern mit gruseligen geschichtlichen Szenarien eine Gänsehaut zu verpassen.

Wie ich schnell herausfinde, arbeiten im York Du ngeon etliche Schauspieler, die zum Beispiel als Pestarzt mit dieser verrückt langen Nasenmaske live vorführen, wie jemandem ein Finger amputiert werden soll.

Natü rlich wird nur angedeutet, aber die zuvor auf so hochtrabend veraltetem Englisch vorgetragene Erläuterung zum ‚Patienten‘ schafft es durchaus, meinen Magen in eine unheilvolle Eigenrotation zu versetzen.

Wir schlendern Hand in Hand weiter durch die schummerigen Rä ume, die düsteren Flure und schlecht ausgeleuchteten Szenen, bis wir einen Saal erreichen, der mit seinen gewölbten Decken eher an ein echtes Verlies erinnert. Maik ist rechts von mir und liegt noch einen halben Schritt zurück, als ich um die Ecke in den Raum gehe und aus dem Augenwinkel eine gigantische Axt heruntersausen sehe. Ich erstarre, weil der Kopf des Delinquenten in einen blutig aussehenden Korb vor dem Richtblock fällt, und kann einen erschrockenen Schrei nicht mehr zurückhalten, als mir etwas Lauwarmes ins Gesicht spritzt.

Maik zieht mich sofort an sich und beobachtet, wie ich hektisch an meinem Kinn und meiner Wange heru mwische.

Nur Wasser, Kim“, beruhigt er mich und ich bin ihm unendlich dankbar dafür, dass er mich nicht auslacht.

Natü rlich habe auch ich mittlerweile erkannt, dass die kurze Szene, die hinter einer aus groben Steinen gebauten Mauer mit darin eingelassenem, schmiedeeisernem Zaunfeld nichts weiter als eine Puppenanimation ist.

Ein Bewegungsmelder muss mein Betreten des Raumes registriert u nd den Mechanismus des Köpfens nebst ‚Blutspritzerei‘ ausgelöst haben.

Tief durchatmend setzen wir den Weg fort und kleine Hinweisschilder erklä ren, dass wir uns hier, an weiteren Zaunfeldern vorbei, durch eine Ausstellung des Todes bewegen.

Hinrichtungen , Siegesrituale, die an getöteten Feinden nach erfolgreicher Schlacht ausgeführt werden, Foltermethoden der schlimmsten Art. Die meisten Dinge finde ich einfach morbide und damit an einem Ort wie diesem vollkommen normal. Man erkennt, dass es sich um animierte Puppen handelt, wenn sich etwas bewegt oder Stimmen ertönen, aber womit ich einfach nicht gerechnet habe – und was ich auch nur sehr schwer ertrage – sind die Gerüche.

Es riecht nach Fä ulnis, Tod, Verwesung und Blut. Muffig, stickig – ich kann es gar nicht in konkrete Worte fassen, weiß einfach nur, dass diese Mischung für meine Nase einfach widerlich ist.

Nach einem weiteren Gang werden wir gebeten, in den Guy Fawkes Raum zu gehen, weil dort gleich die nä chste Vorführung beginnen soll. Das machen wir natürlich und setzen uns, nachdem ich den Boden gründlich auf Wasserspritzer und damit neue Spezialeffekte überprüft habe, auf eine der lehnenlosen Bänke. Die anderen Plätze sind zum Großteil schon besetzt und es dauert keine fünf Minuten, bis wir mehr über Guy Fawkes und seinen Versuch, die Houses of Parliament in die Luft zu jagen, erfahren.

Klar, fü r Maik ist das ganz sicher nicht neu und auch ich habe im Englischunterricht irgendwann mal etwas darüber gehört, aber das ist doch schon einige Jahre her und mein damaliger Lehrer hat das Ganze nicht halb so lebendig geschildert, wie es mir hier vorgeführt wird. Logisch.

Vorbei an den Dioramen epischer Schlachten, die auf britischem Boden stattgefunden haben, erreichen wir einen groß en Raum, der aussieht wie ein Marktplatz vor hunderten von Jahren. Dichtgedrängte Häuser säumen einen kleinen Platz, auf dem ein Galgen steht.

Hier sehe ich die Pfü tze sofort auf dem Kopfsteinpflaster und ziehe Maik mit mir in den hinteren Bereich des Raumes.

Nur Augenblicke spä ter schließt sich die Eingangstür und das Schauspiel beginnt. In alter Kleidung und unterstützt von Puppen, die auf Balkonen erscheinen, düstere Reden und gefüllte Wassereimer schwingen, erleben wir den Höhepunkt des York Dungeons: Eine ‚echte‘ Hinrichtung am Galgen.

Die Schauspieler geben wirklich ihr Bestes und ich grinse Maik immer wieder an, wä hrend er meine Hand drückt.

Das war wirklich saucool!“, wiederhole ich zum vermutlich hundertsten Mal, seitdem wir das Gebäude wieder verlassen haben, und Hand in Hand zurück zum Parkplatz spazieren. Wir müssen weiter.

In zwei Stunden legt die Fä hre ab und dann wollen wir mitsamt meinem Wagen an Bord sein.

Na ja  … wollen?

Wir mü ssen ja. Denn mit dem Flugzeug hätten wir meinen Rover schlecht mitnehmen können und für den Autozug wären wir auf englischem Boden zu lange unterwegs gewesen. So werden wir die Nacht in einer halbwegs gemütlichen Kabine der Fähre verbringen, vorher lecker zu Abend essen und morgens beim Einlaufen noch gemütlich frühstücken.

Alles erscheint m ir plötzlich möglich, als ich kurz nach dem Einchecken mit Maik an einer Reling auf dem Aussichtsdeck der Fähre stehe.

Der Wind ist eisig und hart, weshalb ich mich nur zu gern an ihn lehne und seine Nä he genieße.


Ü berfahrt

C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\maiktest.jpg

 

Kim in den Armen zu halten, ist immer wieder wie ein Geschenk. Besonders jetzt, hier auf dem dunkelgrün angestrichenen Deck der Fähre. Seine vertrauensvolle Haltung, die Tatsache, dass er fast in mich hineinkriecht, weil er erstens seekrank und zweitens ziemlich durchgefroren ist, vermittelt mir ein Gefühl von Stärke.

Er hä lt mich für befähigt, auf ihn aufzupassen und ihn zu beschützen. Ein tolles Gefühl!

Ich lehne meinen Kopf an seinen und murmele: „ Keine Sorge, ich bin bei dir, wie du bei mir bist.“

Kim hebt den Kopf und lä chelt mich unsicher an. Seine Unterlippe zuckt leicht. Er hat wirklich Angst.

Alles wird gut“, setze ich hinzu und küsse ihn sanft. Seine grauen Augen wirken so umwölkt, so trüb. Dagegen muss ich etwas tun.

Schon okay, ich frage mich nur grad, wie ich die erste Fahrt überstanden habe, ohne dass ich mich an dich klammern konnte …“

Ja, das frage ich mich allmä hlich auch. Ich ziehe ihn noch dichter an mich und küsse ihn erneut. „Es zeigt mir, wie wichtig ich dir bin und was du auf dich genommen hast, um herzukommen.“

Vielleicht der größ te bisherige Liebesbeweis von allen? Ich weiß es nicht, aber es spielt auch überhaupt keine Rolle.

In den kommenden Stunden bis zum Morgen und dem Anlegen in Rotterdam werde ich jedenfalls alles d aransetzen, ihm Nähe und Geborgenheit zu vermitteln.

Immerhin ist Kim mein Ein und Alles!

„Wollen wir zum Essen gehen?“, erkundige ich mich eine Weile später, weil er zum wiederholten Male ob der Kälte des Windes und unserer Bewegungslosigkeit schaudert.

Kim hebt den Kopf von meiner Schulter un d sieht mich nickend an. „Ja, ist wohl besser.“

Ich ergreife seine Hand und wir kehren in die warme, wenn auch stickige Luft der Innenrä ume zurück. Unsere dicken Jacken bringen wir in die Kabine, danach geht’s zum grünen Deck, auf welchem sich der Speisesaal befindet.

Das Dinner an Bord besteht aus einem warmen Bü ffet, bei dem sogar Kim sich reichlich bedient.

Wir essen Shrimps, Kartoffelgratin, Hä hnchenbrust und einen Obstsalat zum Nachtisch.

Wie geht es dir jetzt?“, erkundige ich mich, als er sich mit einem Seufzen gegen die Rückenlehne seines Stuhls sinken lässt.

Vollgefressen und gut!“, verkündet er und ich habe tatsächlich den Eindruck, dass es ihm besser geht. Er ist nicht mehr so aschfahl und seine Augen sind wieder klarer.

Meine Antwort ist ein br eites Lächeln. „Das freut mich. Was wollen wir noch anstellen heute? Disco? Ein Drink in der Lounge bei Klaviermusik?“

Skeptisch sieht er mich an. „ Klaviermusik? Ich meine, ich hab ja nichts gegen gepflegte Unterhaltung, aber … Habe ich hier nicht auch etwas von einem Bordkino gelesen?“

Ja, stimmt, aber meistens sind die Filme nicht so besonders. Wollen wir mal nachsehen?“ Ich erhebe mich und Kim folgt mir zum Ausgang des Restaurants.

Ich ergreife seine Hand und gemeinsam setzen wir unseren Weg ü ber die leicht schwankenden Gänge fort. Ich sehe, dass Kim mehrfach heftig schluckt und ziehe ihn an mich. Meine Hand gleitet an seine Wange und weiter in sein Haar.

Alles gut, Kim. Das ist wirklich ruhiger Seegang. Es kann dir nichts passieren, okay?“

Er nickt ab gehackt und schluckt erneut sichtbar. „Die Luft ist hier so stickig, irgendwie … ich ertrage das nicht gut“, wispert er und ich nicke verstehend.

Ist in Ordnung … Dann sollten wir sehen, dass wir uns dick anziehen und an Deck bleiben, bis wir schlafen wollen. Oder eben in die Disco gehen. Da merkt man das Schwanken am wenigsten und durch Musik und Tanzen wird man prima abgelenkt.“

Er denkt schweigend ü ber meine Vorschläge nach und hebt den Blick zu mir. „Ich glaube, lieber erstmal an Deck, wenn es dann besser wird und ich nicht mehr das Gefühl habe, die Fische mit meinem wirklich geilen Abendessen füttern zu wollen …“ Er lächelt schief und reizt mich mit seinem Anflug von Selbstironie tatsächlich zu einem verhaltenen Auflachen. Fest drücke ich ihn an mich und gehe anschließend mit ihm zu unserer Kabine.

Kim legt sich zunä chst in seine Koje und ruht sich eine Weile aus, während ich mich im Informationsmaterial, welches auf dem Tisch unserer Kabine bereitliegt, schlaumache, was wir heute noch tun können. Der Film, der bereits in zehn Minuten beginnen wird, interessiert weder Kim noch mich, so dass das Thema endgültig erledigt ist.

Dass es abends und nachts an Deck eines ü ber den Ärmelkanal fahrenden Schiffes nicht besonders warm ist, wissen wir beide, deshalb ziehen wir uns wirklich dick und warm an, bevor wir unsere Jacken schnappen und uns erneut auf das Deck begeben. Hier gibt es weiß lackierte Metallbänke mit sehr hohen Rückenlehnen. Am Heck der Fähre setzen wir uns auf eine davon und ich ziehe Kim dicht an mich.

Genau genommen ziehe ich ihn, ohne noch lange darü ber nachzudenken, auf meinen Schoß.

Die Sonne ist bereits untergegangen und irgendwann wird uns das Bordpersonal bitten, in die Innenrä ume zurückzukehren, aber so lange werde ich Kim die Ruhe und frische Luft gönnen, die er offensichtlich so dringend braucht.

Ihn zu halten, zu spü ren, wie er sich an mich klammert und sich in meinen Armen, meiner Nähe beruhigt und runterkommt, tut mir gut. Es beruhigt auch mich.

Ich bin so froh, dass du nach mir gesucht hast, Kim“, murmele ich an sein Ohr und ernte einen strahlenden Blick im Halbdunkel des mäßig beleuchteten Decks. Seine Arme, die er um meinen Nacken geschlungen hat, verstärken die Berührung noch ein wenig und er neigt den Kopf zu mir, um mich zu küssen.

Nur zu gern ergebe ich mich seiner Zunge und lasse meine mit ihr tanzen. Kim schmeckt einfach toll. Warm und weich umfä ngt mich sein Mund, als ich in ihn eindringe und ich trinke jeden Atemzug, jedes Seufzen von ihm nur zu gern.

Einmal mehr frage ich m ich, was ich ohne ihn täte. Dass ich das Cottage zu renovieren begonnen habe, erscheint mir jetzt wie eine Übersprungshandlung. Aber eine, die mir gezeigt hat, dass ich mir ein Leben ohne Kim einfach nicht mehr vorstellen kann oder will.

Ohne Mö hrchen, das wird schlimm genug, aber ohne Kim?

Undenkbar!

Selbst wenn ich mir ins Gedächtnis rufe, dass ich ihn erst seit sechseinhalb Wochen kenne, ist er zu einem Fixpunkt in meinem Leben geworden. Ich drehe mich um ihn, ganz von selbst.

Wobei ich zugeben muss, d ass er sich offensichtlich genauso um mich dreht. Wie sonst sollte ich mir erklären, dass er sich aller Seekrankheit und Angst vor Schiffsreisen zum Trotz auf den Weg zu mir gemacht hat?

Nein, Kim ist jetzt und hier. Kim wird hoffentlich auch immer sein. B ei mir, mit mir.

Ich presse ihn ein wenig fester an mich und genieß e die windumtoste Nähe, die uns kaum erlaubt, miteinander zu sprechen.

~*~

Die Kojen sind auch in unserer nicht gerade kleinen Kabine nicht besonders breit. Trotzdem schlafen wir gemeinsam in einer.

Einmal mehr liegt mein Koalabä rchen auf meinem Rücken und hält sich an mir fest, während er in mich eindringt und die ultimative Nähe herstellt, die ich ganz sicher mit niemand anderem erleben will.

Zufrieden brummend schlafen wir irgendwann ei n und der Wecker reißt uns viel zu früh zurück ins Wachsein.

Murrend und gä hnend rollt Kim sich von mir und ich ziehe ihn dicht an mich.


Donnerstag , 8. August


Nach Hause?

 

C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\kimtest.jpg

Maiks nackte Haut ist genauso warm wie meine und ich genieß e es, mich in seinen Arm zu rollen, nachdem er mir in dieser Nacht einmal mehr erlaubt hat, in ihm einzuschlafen.

Ich glaube, es gibt nur sehr wenige Dinge, die ve rgleichbar gut sein können. Lächelnd schmiege ich mich an seine Brust und recke das Kinn, um ihn zu küssen.

Guten Morgen, Löwenherz!“

Guten Morgen, Koalabärchen“, erwidert er und küsst meine Nasenspitze. Seltsam, wenn er das tut, habe ich nie den Eindruck, dass er mich dadurch weniger ernst nimmt, oder so. Es ist einfach Ausdruck seiner Liebe und ich mag es sehr, wenn er sie mir auf diese zärtliche Art zeigt.

Wohliges Brummen dringt aus meiner Kehle. „ Können wir noch ein wenig liegenbleiben?“

Ich fürchte, wir müssen uns eher ein wenig beeilen.“

Hm“, mache ich. Immerhin brauchen wir nicht in einen der Sammelwaschräume rennen, um zu duschen. Wir haben ein eigenes, winziges Badezimmer in unserer Kabine. „Dann gehen wir wenigstens zusammen duschen, ja?“

Klingt nach einem Plan!“ Er lacht und dreht sich auf den Rücken, ohne seine Umarmung aufzulösen, weshalb ich nun auf ihm liege und deutlich spüre, dass wir hier und jetzt oder gleich unter der Dusche durchaus noch ein wenig Spaß haben könnten.

Entsprechend reibe ich mich leicht an ihm, bis er sich knurrend aufbä umt und ich rittlings auf seinen Beinen hocke.

Du bist genauso verdorben, wie du schön bist, Kim. Komm, lass uns aufstehen. Wir haben noch eine ziemlich lange Fahrt vor uns und wir sollten fit sein, für was-auch-immer uns da erwartet.“

Ich nicke und verziehe gleichzeitig den Mund. Er hat ja recht, aber Sex wä re jetzt eine willkommene Ablenkung von diesem ‚was-auch-immer‘ – finde ich.

Trotzdem erhebe ich mich und trolle mich in das kleine Bad, um zuerst einmal die Toilette zu benutzen.

Mein Kulturbeutel hängt noch von gestern Abend an einem Haken neben dem Waschbecken und ich schnappe mir Zahnbürste und Zahnpasta, bevor Maik hereinkommt.

Gewohnheitsmäß ig gehe ich mit meiner Zahnbürste hinter der Wange hinaus, damit auch er in Ruhe zur Toilette gehen kann, und kehre erst zu ihm zurück, als er die Tür des Bads öffnet und mich angrinst.

Auch eine Form von perfektem Zusammenspiel, wie ich finde. Ein klitzekleines bisschen Privatsphä re haben wir schließlich alle gern.

Ich spü le meinen Mund aus und trete unter die Dusche, wohin er mir nur kurze Zeit später folgt.

Etwas a nderes, als uns schnell abzuduschen, schaffen wir in der beengten Duschecke des Bades jedoch nicht. Anschließend sehen wir zu, schnell in unsere Klamotten zu kommen, damit die lustvollen Gedanken nicht wieder die Oberhand gewinnen.

Das Anziehen versuchen wir erst gar nicht im Badezimmer, ich habe meine frische Wäsche ja nicht einmal mit hineingenommen.

Nachdem wir angezogen sind, werfen wir unser Zeug zurü ck in die Reisetasche und lassen alles auf der unteren Koje liegen, um zum Frühstück zu gehen.

Ich mus s zugeben, das Frühstücksbuffet ist beinahe noch reichhaltiger als das zum Dinner gestern Abend.

Neben dem ganzen Kram, den man als ‚ kontinentales Frühstück‘ bezeichnet, also Brot, Wurst, Käse und Marmeladen, findet sich hier auch ein echt britisches Frühstück, welches ich in den vergangenen Tagen wirklich sehr zu schätzen gelernt habe.

hrei und Bacon kenne ich ja schon länger, aber dazu noch gebackene Pilze, gebratene Würstchen, Baked beans und Sandwichtoast zu bekommen, ist neu für mich.

Kurzum, ich l iebe es!

Maik kichert, als er den gefü llten Teller sieht, mit dem ich zurück an unseren Tisch komme. Bei uns sitzt ein älteres Pärchen. Nicht immer hat man hier das Glück, einen Tisch für sich allein zu haben, wenn man zu zweit reist.

Unwichtig! Maik sitzt neben mir und ich tausche einen langen Blick mit ihm, bevor ich mich über mein Frühstück hermache.

Meine gestrige Ü belkeit ist noch nicht wieder zurückgekehrt und das gedenke ich auszunutzen, um wenigstens mit vollem Magen von Bord zu gehen.

Wir genieß en das Frühstück mit einem netten Tischgespräch, welches das Pärchen miteinbezieht, während die Fähre mit gewaltigem Brummen und hin und wieder extremen Vibrationen anlegt.

Ich begleite Maik zurü ck zu unserer Kabine, danach geht es mit Tasche und Jacken bewaffnet weiter in den Bauch der Fähre. Wir müssen schließlich meinen Wagen von Bord bringen.

~*~

Die Fahrt zum Feuerried dauert fast fünf Stunden, in denen wir nicht konstant durchfahren, sondern hin und wieder eine Pause einlegen, um gemütlich einen Kaffee zu trinken und mittags etwas zu essen. Beim Fahren wechseln wir uns ab, die letzte Etappe bleibt dabei bei mir, was ich angesichts von Maiks sichtbar wachsender Nervosität für sehr sinnvoll halte.

Er versucht, sich nichts anmerken zu lassen, aber immer wie der streichen seine offenbar feuchten Handflächen über seine Jeans. Zwischendurch lege ich meine Rechte auf seine Linke, um sie kurz zu drücken. Jedes Mal lächelt er mich ertappt und dankbar zugleich an.

Tut mir leid, ich will tapferer sein, aber …“, murmelt er und ich presse kurz die Lippen aufeinander.

Tust du mir einen Gefallen?“

Welchen?“

Versuch nicht, meinetwegen stark zu sein, ja? Wenn du irgendwas nicht packst, dann will ich für dich da sein dürfen, ohne dass du eine Maske aufsetzt und mich außen vor lässt.“

Er nickt schwach. „ Ich … versuch’s, okay?“

Nicken, geht ganz leicht. Ich lä chle ihn an und drücke noch einmal seine Hand. „Wir kriegen alles hin.“

Das werden wir tatsä chlich, davon bin ich überzeugt. Ich habe vorhin noch mit Jeremy telefoniert, als Maik an einer Raststätte zu den Waschräumen entschwunden ist.

Er hat mich ü ber den Zustand von Möhrchen informiert und ich habe mit ihm ausgemacht, dass ich später am heutigen Tag mit meinem Mann zur Klinik fahren kann. Er soll und muss sich nun selbst ein Bild von ihr machen. Ich freue mich noch nicht auf das Gespräch, in welchem ich ihm erkläre, dass ich ihm jegliche Neuigkeiten über seine Stute seit Tagen vorenthalten habe.

Um 14 Uhr halte ich kurz am unteren Tor des Gestü ts und sehe, dass die Sicherheitsrichtlinien genauestens befolgt werden.

Der Wachmann Franz Beckers, der zu meinem Wagen kommt, erkennt mich natü rlich sofort und gibt seinem Kollegen im Haus neben dem Tor einen Wink, das riesige Metallgitter auffahren zu lassen. Ich lasse das Seitenfenster herab und lächle Franz an.

Tag, Franz. Irgendwelche besonderen Vorkommnisse?“, frage ich.

Nein, nicht seit den Schüssen. Die Bullen haben jeden von uns befragt, aber ob sie dadurch mehr wissen?“

Wir werden sehen. Ich wünsche euch noch eine schöne Schicht!“ Ich fahre wieder an, weil das Tor mittlerweile weit genug zurückgefahren ist, und hebe die Hand zum Gruß, bevor ich Maik ansehe und wir das letzte Stück unserer Reise antreten.

Er wirkt relativ gefasst und ich hoffe, dass das so bleibt.

Während ich einparke, bricht Maik das Schweigen. „Ich komme mir grad echt blöd vor, weil ich ausgerechnet nach diesem Zwischenfall so Hals über Kopf geflohen bin.“

Ich starre ihn groß an und schnalle mich ab, um mich zu ihm zu wenden. „Maik, du hattest wohl jeden Grund dazu, erst mal weg zu wollen! Mach dir keine Gedanken darüber, ja? Komm, lass uns Jers suchen, der hat hier in meiner Abwesenheit alles gemanagt.“

Er nickt und schnallt sich ebenfalls ab, um danach sofort nach dem Ö ffner der Tür zu greifen. Ich folge seinem Beispiel und sehe, kaum dass ich auf dem Hof stehe, wie sich Jeremy auf Lemonboy nähert.

Der Blondschopf lä sst sich vom Rücken meines Pferdes gleiten und landet nicht neben mir, sondern neben Maik, um ihn ohne Umschweife fest an sich zu ziehen.

Ich spü re dem Gefühl in mir nach und stelle überrascht fest, dass keine Eifersucht, sondern lediglich eine große Wärme in meiner Brust erwacht. Ich weiß einfach, zu wem Maik gehört und auch, wie wichtig Jeremy für ihn ist und immer bleiben wird.

Maik leh nt sich gegen seinen besten Freund und drückt ihn an sich. Schweigend stehen sie einen Augenblick lang da und ich schnappe mir Lemonboys Zügel, bevor der Gute seine Chance auf eine Extrarunde ohne Aufsicht über das Gelände nutzen kann.

Jeremy dreht sich la chend zu mir und begrüßt mich ebenfalls mit einer Umarmung. „Gut, dass ihr wieder hier seid“, murmelt er und nimmt mir Lemonboy wieder ab. Lauter sagt er: „Alle Papiere liegen in deiner Wohnung. Angie hat mir den Umschlag extra gebracht, damit er nicht in deinem Büro vor sich hin gammelt.“

Ich nicke und ergreife Maiks Hand, bevor wir uns auf den Weg machen. „ Ich denke, den Kram sollte ich als Erstes hinter mich bringen …“

Das dazugehö rige Seufzen kann ich nicht ganz unterdrücken, denn nach wie vor ist mir nicht klar, was genau der Anwalt des Gestüts mir in Lus Auftrag mitzuteilen hat.

Maiks Haltung strafft sich sichtlich und er drü ckt meine Hand sacht. „Was immer es ist, ich bin bei dir“, sagt er und lächelt mich aufmunternd an.

Jeremy mustert uns. „ Das habe ich vermisst, diese Verliebtheit fehlte hier wirklich!“

Mein Blick geht zu ihm. Er selbst ist doch auch ve rliebt, das weiß ich nur zu genau. Trotzdem schaffen es die Gedanken an ihn und Timeon nicht, mich von dem abzulenken, was in meiner Wohnung auf mich wartet. Ich zwinge mich zu festeren Schritten und betrete die Küche nur wenig später, Maik noch immer nah bei mir.

Auf dem Tisch liegt ein groß er, versiegelter Umschlag, den ich mit zittrigen Fingern in den Händen drehe. Maik steht neben mir und seine Hand liegt auf meiner Schulter.

Setz dich, ich mache Kaffee, dann kannst du alles in Ruhe lesen.“

Ich sehe ihn kurz an und nicke, dann sinke ich auf meinen Stuhl am Tisch und ö ffne das Siegel.

Ein Blick in das Kuvert zeigt mir einen Stapel Unte rlagen in unterschiedlichen Mappen, das Bändchen eines weiteren Siegels entfaltet sich in mein Blickfeld und als ich alles ein wenig in meine Richtung kippe, rutscht mir ein Din A5 großer Briefumschlag entgegen, der vor mir auf der Tischplatte landet.

Persönlich – Kim Andreesen‘ steht in Lus Handschrift darauf, und ich lege alles andere beiseite.

Das Gerä usch der Kaffeemaschine lässt mich zusammenzucken und ich sehe wieder zu Maik, der mit den Tassen in den Händen auf mich zukommt.

Was ist das?“, fragt er, setzt sich und schiebt mir die Tasse hin.

Ein Brief von Lu“, murmele ich tonlos und muss mich räuspern. Will ich den wirklich lesen?

Das war aber nicht alles, oder?“ Maik hebt das Kuvert an und linst hinein. „Willst du vielleicht lieber erst diesen Kram durchsehen?“

Ich atme tief durch und hole d ie verschiedenen Aktenhefter aus dem großen Umschlag.

Das Dokument mit dem Siegelbä ndchen liegt auf einer schwarzen Mappe, die ich aus dem Haufen hervorziehe, bevor ich den Rest auf das nun leere Kuvert lege.


Papierkram

C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\maiktest.jpg

 

Die Urkunde in Kims Hä nden, die auf der schwarzen Mappe liegt, sieht einigermaßen amtlich aus.

Notariell beglaubigt scheint sie in jedem Fall, das Siegel hat ja sogar ein kleines Stoff-Fä hnchen erhalten.

Ich drehe den Kopf etwas, um wenigstens den Titel l esen zu können, doch Kim bemerkt meine Bewegung und lehnt sich mitsamt Schriftstück weiter zu mir. Schulter an Schulter sitzen wir auf dem Esstisch aufgestützt da und sehen auf das gelbliche Papier.

Schenkungsurkunde‘ steht darauf und nachfolgend wird zuerst Ludwig, dann Kim genannt.

Das verschenkte Gut ist tatsä chlich eines. Das gesamte Feuerried!

Kims Hand zittert und er lä sst Hefter und Urkunde auf den Tisch gleiten. Das leise Geräusch, mit dem beides landet, weckt mich aus meiner ungläubigen Starre.

Das gesamte Feuerried“, murmele ich, doch Kim schüttelt den Kopf, sieht mich an und tippt danach mit dem Finger auf den vierten Paragraphen.

Ich beuge mich vor und lese:

§ 4              Der Beschenkte erhält hiermit das Recht, nach eigenem Ermessen zu entscheiden, ob diese Schenkung an ihn allein oder hälftig an ihn und seinen Lebenspartner Maik Dexter gehen wird.

Weitere Erlä uterungen gibt es zu diesem Punkt zunächst nicht, doch Kim öffnet die schwarze Kartonmappe und legt die darin befindlichen Papiere auf die Urkunde.

Hier sind alle Details geregelt. Auch, was wir im Falle, dass Kim sich das Feuerried mit mir teilen will, zu tun haben.

Ich bemerke erst, als Kim mich sacht anstößt, dass ich meinen Kopf langsam, aber kontinuierlich schüttle.

Hey, hör auf damit!“, sagt er und lächelt mich an. „Wenn du dir vorstellen kannst, das alles hier mit mir zu teilen, bis die Welt untergeht oder wir uns überlegen, dass wir woanders leben wollen, halte ich Lus Idee für perfekt!“

Das … kannst du nicht machen!“, entfährt es mir, als ich endlich meine Sprache wiederfinde. „Was, wenn wir uns in … keine Ahnung! … in drei Jahren nicht mehr leiden können?“

Diese Angst habe ich tatsä chlich, immerhin weiß ich, wie schwierig es für mich selbst oft genug ist, mit mir auszukommen. Wie könnte ich da verlangen, dass Kim es auf Dauer schafft?

Kim lacht und schiebt meinen Oberkö rper zurück, um Augenblicke später auf meinem Schoß zu sitzen und mich fest anzusehen. „Ohne dich will ich gar nichts haben, Maik. Und ich bin mir sehr, sehr sicher, dass wir es bis in alle Ewigkeit zusammen aushalten werden.“

Er spricht leise, ganz sanft und mit einem Timbre in der Stimme, das mir leichte Schauer ü ber die Haut jagt. Ein langer, tiefer Blick in seine grauen Augen versichert mir, dass er meint, was er sagt, und bevor ich es richtig kapiere, schlingen sich meine Arme um ihn und ich lächle ihn an.

Mit dir halte ich es auch aus, aber mit mir?“, witzele ich und ernte einen Knuff in die Rippen.

Blödmann!“, nuschelt er gegen meine Lippen, bevor er mich küsst.

Meine Gedanken sind weit weg, leider, wie ich zugeben muss. So sehr ich diesem Kuss, dieser Nähe mit all meinen Sinnen nachspüre, so sehr mich die Tragweite unserer Emotionen auch vereinnahmt, die Gedanken drehen sich um ein ominöses, in tiefster Dunkelheit liegendes Was-wäre-wenn.

Was wä re denn, wenn ich es hier nicht aushalte? An einem Ort, an dem vor nicht einmal einer Woche mein über alles geliebtes Pferd sterben musste?

Blö dsinn! Oder doch nicht?

Ich meine, immerhin ist dies hier auch der Ort, an welchem ich Kim, meinen über alles geliebten Kim, getroffen habe! Wiegt das nicht einfach alles auf?

Keine Ahnung, aber es ist alles so verrü ckt und durcheinander – besonders in meinem Kopf.

Mein Herz weiß dagegen sehr genau, was es will, was ich brauche.

Wen.

„Ich bleibe auch, wenn das Feuerried dir allein gehört, Kim“, murmele ich, den Kuss unterbrechend und sehe in seine strahlend grauen Augen.

Keine Chance, Löwenherz. Ganz oder gar nicht!“, stellt er ernst klar und ich atme tief durch. „Falls du es nicht gemerkt hast, die Entscheidung, ob wir den ganzen Laden hier gemeinsam übernehmen oder nur ich allein, hat Lu mir überlassen.“

Ich seufze ergeben. Da hat er ja vollkommen recht! Aber irgendwie habe ich mir doch eingebildet, ein g ewisses Mitspracherecht zu bekommen …

Davon abgesehen …“, setzt er fort und grinst breit, „… würde die Hälfte sowieso dir gehören, wenn wir vernünftig genug sind, irgendwann zu heiraten.“

Heiraten. Ja, das wä re aus verschiedenen Gründen sicherlich auch vernünftig, aber …

Du willst heiraten, weil es vernünftig ist?“, hake ich nach und muss mir das aufsteigende Glücksgefühl, welches sich in Lachen äußern will, regelrecht verbeißen.

Meine Mundwinkel zucken dennoch und Kim schü ttelt kichernd den Kopf. „Wann genau hab ich dir erlaubt, blöd zu sein?“, will er wissen und lacht ebenso los wie ich.

Es hat etwas Befreiendes an sich, dieses laute, so wohltuende Gerä usch. Ich drücke ihn fester an mich.

Du hast mir grad einen möglichen Antrag versaut, Koalabärchen, da wunderst du dich doch hoffentlich nicht darüber, dass ich vor lauter Glücklichsein ein wenig albern werde?“

Ich liebe dich“, sagt er und sieht mir in die Augen. „Mehr als alles andere. Und ohne dich will ich mir eine Zukunft nicht mal zusammendenken müssen.“

So ernst, so ernsthaft, das i st mein Kim. Der erwachsene, wohlüberlegte und weise Kim.

Ich liebe dich auch“, bringe ich an dem sich kaum wegschlucken lassenden Kloß in meinem Hals vorbei heraus, bevor ich ihn zu einem weiteren Kuss an mich ziehe.

Ich glaube, ich hatte diese Diskussio n über Lus Schenkung schon verloren, ehe sie begonnen hat. Kim entscheidet und Kim hat entschieden.

Ich kann mich fü gen oder gehen. Und was würde ich wohl weniger gern tun, als jetzt zu gehen?

~*~

Wir trinken noch einen Kaffee und sehen die übrigen Papiere und Unterlagen in Ruhe durch, in denen es um die beweglichen Güter aus Ludwigs ehemaligem Besitz geht, erst danach fällt Kims Blick wieder auf den Umschlag mit dem an ihn adressierten Brief.

Zumindest vermute ich, dass es ein Brief sein muss. Vielleicht e ine Entschuldigung oder eine Erklärung für alles?

Erneut nimmt Kim ihn nachdenklich in die Hä nde und dreht ihn hin und her, während ich die restlichen Akten zurück in das große Kuvert schiebe.

Du solltest ihn lesen, Kim“, sage ich, um einen möglichst ruhigen Ton bemüht. Mir ist durchaus bewusst, dass darin nicht unbedingt schöne Dinge stehen, aber umso wichtiger ist es, denke ich, das erste Lesen hinter sich zu bringen.

Kims Blick hastet zu mir und wieder auf den U mschlag, während er die Lippen fest zusammenpresst.

Er hat sichtliche Probleme, sich zu entscheiden, doch mit einem Blick auf seine Armbanduhr runzelt er die Stirn und lä sst den Umschlag nachdrücklich auf die Tischplatte fallen. Nein, er wirft ihn eher ab.

Kim atmet tief durch und sieht mich fest an. „Ich muss dir noch etwas erzählen.“

Sein so verflucht ernster Ton lä sst mich zusammenzucken. Das klingt echt schwerwiegend und mein Kopf hat sofort mehrere Horrorszenarien parat, wenn es darum geht, was Kim mir nun sagen könnte.

Ja?“, krächze ich und meine Mundwinkel zucken recht sparsam, als er meine Linke ergreift und mit beiden Händen fest drückt. Ich sehe kurz auf unsere auf dem Tisch liegenden Hände und lege meine Rechte noch dazu, um seine zu drücken.

Ich glaube, ich muss mich im Vorfeld schon für alles entschuldigen, was ich dir jetzt erzähle, aber irgendwie habe ich auch den Eindruck, dass das schlicht nichts ändern wird“, setzt er nach einem tiefen Seufzen fort.

Mach’s nicht so spannend, Kim! Was ist los?“ Mein Ton ist erbärmlich. Pure Angst liegt in jedem Wort.

Es ist nichts Schlimmes. Also … was ich dir jetzt erzählen muss, ist etwas, was dir hoffentlich sehr gut gefallen wird. Aber … es könnte sein, dass du mir böse bist, weil ich es jetzt erst sage.“ Noch einmal seufzt er tief. Offensichtlich gefällt es ihm gar nicht, dass ich sauer reagieren könnte.

Vielleicht auch deshalb sage ich: „ Sag es einfach, ja? Ich habe keine Ahnung, wie ich reagieren soll, wenn ich nicht weiß, worauf!“

Noch einmal drü ckt er meine Hand und lächelt ganz leicht. „Scheiße, es ist im Grunde so was Schönes, aber …!“

Er bricht resigniert ab und erhebt sich ruckartig. Das Schaben seines Stuhls am Boden ist so laut, dass ich erneut zusammenzucke und ihn perplex ansehe, bevor auch ich mich erhebe.

„Komm, wir müssen noch mal weg. Du und ich haben einen sehr dringenden Termin.“

Ich verstehe nur noch Bahnhof, aber ich kann gar nicht anders, als er sich umwendet und zur Garderobe geht. Ich folge ihm, ziehe Jacke und Schuhe an, um nur Minuten spä ter wieder neben ihm in seinem Rover zu sitzen.

Ich denke kurz an unsere erste Fahrt mit diesem Wagen. Zum Einkaufen. An meinem zweiten Tag hier auf dem Feuerried. Die latente Anspannung von d amals nimmt mich gefangen und diesmal hat es nichts mit unterschwelliger Anziehung zu tun.

Dama ls, echt verrückt, das ist sechs Wochen her und nicht sechs Jahre!

Ich schü ttle über mich selbst den Kopf und schnalle mich an, während er den Motor startet und losfährt.

Wohin fahren wir?“

Jemanden besuchen.“

Aha?“ Spontan denke ich an meinen zweiten Vater, aber darum würde er nicht so ein Theater machen?

Maik, du vertraust mir und meinem Urteil doch, oder?“

Ich nicke, ohne zu zö gern. „Natürlich!“

Okay, dann …“ Kim lässt sich nicht auf ein ausführliches oder langes Gespräch ein, während er mich durch die Landschaft kutschiert. „Also, ich … Echt jetzt, ich hab wahnsinnige Angst, dass du mir böse bist, aber ich konnte es einfach nicht tun, verstehst du?“

Nein, ich verstehe gar nichts, ü berhaupt null und nichts! Was ist denn bloß los?

Was konntest du nicht tun?“

Wir sind da, komm!“, sagt er, anstatt meine Frage zu beantworten. Erst jetzt wird mir klar, dass wir das Ziel unseres Ausflugs erreicht zu haben scheinen.

Kim parkt auf einem groß en, gepflasterten Hof vor einem efeubewachsenen Haus ein und ich sehe mich um, kaum dass ich aus dem Wagen geklettert bin.

Meine Knie sind weich und ich habe keine Ahnung, wo wir hier sind.

„Was ist das hier?“

Er kommt zu mir und ergreift meine Hand. „ Eine Klinik.“

Mehr sagt er nicht, bevor er mich mit sich zieht und an e iner Tür klingelt.

Der mittelalte Mann, der kurz darauf ö ffnet, trägt eine schwarze Cordhose, ein Karohemd und eine olivgrüne Weste.

Herr Andreesen! Schön, dass Sie da sind. Herr Tinnard hat mich bereits angerufen.“ Der Mann mit dem breiten, freundlichen Gesicht wendet sich zu mir. „Sie müssen Herr Dexter sein. Kommen Sie! Wir sind wirklich sehr zufrieden!“

Womit?, will ich fragen, aber Kim zieht mich hinter dem Mann her in einen langen Flur, durch weitere Gä nge und ein paar Türen, bis ich den Geruch von Pferden wahrnehme, über dem aber so viele andere Gerüche liegen, dass ich irritiert stehenbleibe.

Klar, eine Klinik. Eine Pferdeklinik.

„Sie steht hier in der zweiten Box.“ Ich höre, wie der Mann es sagt, kapiere aber erst, als ich die dunkle Mähne sehe und das leise Brummen höre, mit dem sie mich begrüßt, dass das Möhrchen sein muss.

Meine Knie wollen nicht mehr, gar nichts will mehr. Einzig Kims Hand und ein schnell um meine Taille gelegter Arm bewahren mich davor, zu Boden zu g ehen.

Verrü ckt! Ich bin doch sonst nicht so …?

Mit wenigen weiteren Schritten erreichen wir die Box, von der der Mann gesprochen hat. Er ö ffnet sie gerade und ich stolpere an ihm vorbei hinein.

hrchen!

Möhrchen!“, murmele ich, kaum dass ich sie richtig sehe, in ihre Augen blicken und sie berühren kann.

Meine Hand zittert und Kim ist wieder neben mir. Er berü hrt mich nicht, steht nur da. Mein Blick geht zu ihm. Unsicherheit liegt in seiner ganzen Haltung, besonders aber in seinen Augen.

Er schafft es kaum, meinem Blick standzuhalte n. „Du hast sie nicht aufgegeben“, murmele ich und streichle Möhrchens Hals und Nasenrücken.

Ich konnte nicht“, wispert er, dass ich ihn kaum verstehe. Als Möhrchen den Kopf ruckartig gegen meine Brust schiebt, stoße ich Kim bei meinem Ausfallschritt an und schaffe es gerade noch, ihn festzuhalten.

Da ist er, der Mann, der offensichtlich nicht nur eine Seereise fü r mich in Kauf nimmt, sondern auch dafür sorgt, dass mein Lieblingspferd, meine beste Freundin weiterleben kann.

Ich drü cke ihn fest an mich und halte ihn einfach dort. Kann ich etwas sagen?

Ich bin so gerü hrt, dass zunächst nur ein ersticktes Krächzen aus meiner Kehle dringt, und ich mich räuspern muss. „Danke!“, schaffe ich schließlich herauszubringen, und erst als Kims Finger sacht über mein Gesicht streichen, begreife ich, dass ich heule.

Erleichterung, Freude, Ü berraschung, mir fehlen die Worte, um auch nur annähernd zu beschreiben, was in mir vorgeht.

hrchen lebt!

Kim ist bei mir, was soll jetzt noch schiefgehen?

„Ich hatte Angst, dass du mir böse bist, weil ich es dir nicht schon eher gesagt habe. Aber ihr Zustand ist erst seit gestern so gut, dass wir ganz sicher sind. Sie wird überleben und wieder über Koppeln und Weiden rennen können.“

Ich nicke und schniefe leise, als er mich von sich sc hiebt.

Wenn Sie sich die Krankenakte ansehen wollen, kommen Sie nachher zu mir ins Büro“, sagt der Mann und ich fahre zu ihm herum.

Ja, danke. Das würde ich sehr gern. Ich muss doch sehen, wie Sie und Ihr Team dieses Wunder vollbracht haben!“

Ich bin au sgelassen, geradezu überschwänglich! Ein wahnsinnig gutes Gefühl!

Wir haben getan, was möglich war.“

Ich nicke und strahle den Mann an. Mir wird bewusst, dass ich nicht mal seinen Namen kenne. Aber spielt das jetzt eine Rolle?

Möhrchen stupst mich noch einmal an und ich wende mich zu ihr.

Die zahlreichen Sturzwunden sind bereits dabei, a bzuheilen, soweit ich sie sehen kann. Denn natürlich steht meine beste Freundin in einer speziellen Aufhängung.

Sie darf das gebrochene Bein nicht belasten, was ihr ganz si cher nicht gefällt.

Ich streichle sie wieder und diesmal traut sich auch Kim nä her.

Ich liebe dich“, sage ich zu ihm und ziehe ihn mit dem freien Arm wieder an mich.

Ich genieß e, dass er seinen schlanken Körper sofort an mich schmiegt und mich umfängt. Mein Kim, mein Möhrchen.

Ich bin gerade das, was ich vor ein paar Tagen nie wieder zu werden gehofft hä tte: glücklich!


Lebensbeichte

C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\kimtest.jpg

 

Es ist bereits dunkel, als wir den Hof der Klinik ve rlassen und Maik wirkt sehr zufrieden mit dem, was er durch ein Fachgespräch und eine sehr gründliche Untersuchung von Möhrchen herausgefunden hat.

Es gibt zwar noch keine endgü ltige Diagnose; was das angeht, sind sich Doktor Liegand und Maik einig, aber immerhin wird Möhrchen leben. Sogar schmerzfrei und inklusive Weidegang.

Ob sie jemals wieder die Belastung durch einen Reiter aushalten kann, steht leider noch auf einem ganz anderen Blatt. Von Turnieren mal ganz zu schweigen.

„Wenn alles gutgeht, willst du dann ein Fohlen von ihr?“, erkundige ich mich, weil ich spontan darüber nachgedacht habe, wie ein Fohlen von Mirabeau und Möhrchen wohl aussehen könnte.

Maiks Blick gleitet zu mir und er kichert. „ Wenn sie wieder richtig fit ist, können wir über deine Familienplanung noch mal nachdenken, okay?“

Ich lache auf. „ Familienplanung?“

Anstatt zu antworten, lehnt er sich wieder in den Sitz und legt seinen Kopf an die Nackenstü tze.

Du bist mir wirklich nicht böse, dass ich sie retten wollte?“, hake ich nach einer Pause nach und setze unsere Fahrt fort, nachdem wir den üblichen Check am Tor des Feuerrieds hinter uns gebracht haben.

Was?!“, fragt er so laut, dass ich zusammenzucke und mein Blick zu ihm huscht, bevor ich wieder durch die Windschutzscheibe starre, um uns sicher zum Parkplatz zu bringen.

Na ja …“, setze ich erneut an.

Schon gut! Ich hab das verstanden. Ich weiß nur nicht, wieso du so eine bescheuerte Frage stellen kannst, Kim!“, murrt er, mich unterbrechend.

Meine Antwort muss warten, bis ich den Wagen a bgestellt habe. Danach wende ich mich zu ihm und meide doch seinen ziemlich düsteren Blick nach dem ersten Sekundenbruchteil. „Ich … na ja, du bist Tierarzt und du bist davon ausgegangen, dass sie eingeschläfert werden muss … Das dachten auch zwei andere Tierärzte und ich hab mich einfach durchgesetzt …“

Meine Hä nde wirbeln fahrig durch die Luft zwischen uns und ich komme mir unendlich blöd vor, bis er sie ergreift und fest drückt.

Kim, ist dir nicht klar, was für ein Geschenk du mir mit deinem Dickkopf gemacht hast? Ich meine, ach, ich weiß auch nicht! Ich bin wirklich davon ausgegangen, sie nie wieder zu sehen und dann steht sie da plötzlich in dieser Box vor mir!“

Dann … ist alles okay?“, frage ich vorsichtig, weil ich seinen Ton oder wahlweise seine Worte noch nicht so ganz einordnen kann.

Ja, natürlich ist es das!“ Maik drückt meine Hände noch einmal, dann zieht er mich, soweit es die Gurte zulassen, an sich und küsst mich.

Erst eine ganze Weile spä ter lösen wir uns voneinander und gehen in meine Wohnung.

Auf dem Kü chentisch liegt immer noch, wie ich mit einem tiefen Durchatmen sofort bemerke, der Briefumschlag mit Lus Handschrift. Es kommt mir vor, als würde er von innen heraus leuchten, damit ich ihn ja nicht übersehe.

Noch immer bin ich nicht sicher, ob ich wirklich wissen will, was darin steht.

Maik durchschaut mich einmal mehr, wie mir klarwird, als sich seine Hand auf meine Schulter legt und er sanft zudrückt. „Du solltest ihn lesen, Kim.“

Ich wende den Kopf leicht und nicke. Er hat ja recht!

Mit einem tiefen Seufzen trete ich näher an den Tisch. Maiks Hand fällt von mir ab und aus dem Augenwinkel sehe ich, dass er zur Kaffeemaschine geht.

Ich lasse mich auf meinen Stuhl sinken und ziehe den Umschlag unwillig ü ber die Tischplatte zu mir.

Ich will das nicht lesen“, murre ich und drehe trotzdem das Kuvert in der Hand, um es zu öffnen.

Hartes Schlucken, dann nehme ich die darin befin dlichen Blätter, die ebenfalls handbeschrieben sind, heraus und entfalte sie vor mir auf dem Tisch.

Mehrfach streiche ich d as Papier glatt. Aber irgendwann kann ich es nicht mehr hinauszögern.

Das wird mir bewusst, als Maiks Schatten auf mich fä llt und er mir eine große Tasse Cappuccino hinschiebt.

Ich bin hier, Kim.“ Er setzt sich und nippt von seinem Becher. „Das da ist nur ein Brief. Nur Worte, die können dich nicht beißen.“

I ch schnaube leise und sehe ihn an. „Ach nein? Wenn ich daran denke, wie oft simple Worte einem schlimmere Wunden zufügen können, kann ich das nicht unterschreiben.“

Maik lacht leise und ergreift meine Hand. „ Alles gut, Kim. Ich bin alles andere als begeistert davon, dass er dir überhaupt noch geschrieben hat. Aber denkst du angesichts der Überschreibung des Feuerrieds, dass hier drin was anderes steht, als eine ellenlange Bitte um Verzeihung?“

Ich blicke ihm in die Augen und ü berlege, ob er damit recht hat. „Was, wenn Lu hier drin erklärt, was damals passiert ist? Was, wenn sein Brief dir wesentlich näher geht als mir?“

Maiks Miene erstarrt kurzfristig und ich drehe meine Hand in seiner, um sie zu drü cken. Er zittert.

Entschuldige, aber diese Möglichkeit sehe ich ebenso, vor allem, wenn ich mir angucke, wie viel er geschrieben hat …“

Mein Lö wenherz schluckt sichtbar und nickt. „Ja, stimmt. Das kann auch sein.“

Na gut, ich lese …“ Murrend hebe ich die Zettel an und blicke noch einmal zu Maik. Will er direkt mitlesen? Doch er sieht in seine Tasse und nippt immer wieder daran, während er sich, offenbar tief in Gedanken, den großen Umschlag mit den Papieren für das Feuerried heranzieht.

Kim,

Ich weiß gar nicht genau, wie ich anfangen soll, aber mir ist mit furchtbarer Klarheit bewusst, dass ich Dir diesen Brief schreiben muss.

Vielleicht sollte ich damit beginnen, Dich ehrlich und aufrichtig um Verzeihung zu bitten fü r alles, was nach dem Ende unseres Deals gewesen ist. Nein, eigentlich schon für das, was in den Wochen davor lag.

Ich habe bemerkt, dass Du Dich verä ndert hast, konnte es mir aber nicht schlüssig erklären.

In einer Art schleichendem Prozess wirkte der bis dahin von Dir gespielte Schmerz bei unseren Treffen immer echter, realer. All die Jahre hast Du eine Maske getragen, wann immer ich Dich … Na, Du weißt schon.

Ich habe niemals Probleme damit gehabt, umschreibende Worte dafü r zu finden und zu nennen, aber jetzt und hier bringe ich es nicht fertig. Nicht, nachdem ich Dir so viel angetan habe.

Ich lasse die Blätter mit einem Ruck sinken und ziehe Maiks Blick auf mich. Fragend mustert er mein Gesicht, als könne er darin sehen, was ich soeben gelesen habe.

Er … hat gemerkt, dass die Negation verlorengegangen ist“, bringe ich stockend hervor und schlucke hart. Maiks Hand lässt die Mappe los, in der er geblättert haben muss, und sie ergreift meine, drückt mich sacht.

Er ist ein Scheusal mit Herz? Willst du das damit sagen?“ Maik klingt so hart, so kalt! Erschrocken sehe ich in seine Augen. Das Grün wirkt dunkel, müde – und dabei wütend. Verrückt!

Meine Schultern zucken ohne mein Zutun. „ Keine Ahnung, aber er kennt mich eben schon sehr lange …“ Nein, es ist keine gute Idee, Maik jetzt mit der Nase darauf zu stoßen, dass Lu mich jahrelang gevögelt hat.

Allein bei dem Gedanken schüttelt sich mein Leib bereits und Maiks Stuhl wird geräuschvoll nach hinten geschubst. Mein Löwenherz ist augenblicklich bei mir, zieht mich von meinem Stuhl hoch, umfasst mich und setzt sich mit mir auf seinem Schoß wieder hin.

Lies weiter, aber ich werde dich festhalten. Keine Widerrede. Ich weiß auch, dass du erwachsen bist und das allein schaffen kannst, aber du musst es einfach nicht. Ich bin bei dir“, murmelt er dicht an meinem Hals und ich umschlinge ihn, wodurch die Papiere in meiner Linken knistern, bis ich sie wieder mit beiden Händen halte und meine Augen widerwillig die zuletzt gelesene Zeile suchen.

Keine Sorge, ich lese nicht mit, okay? Ich bin einfach nur ganz nah bei dir.“ Maiks ruhige, tiefe Stimme vermittelt mir ebenso Sicherheit wie seine um meinen Oberkörper geschlungenen Arme.

Ja, er hä lt mich. Und ich bin mir sicher, dass er mich nicht wieder loslassen wird.

Du kannst ruhig mitlesen, Maik.“ Sofort drehe ich mich in seinen Armen, bis meine Beine über seinen linken Oberschenkel hinabhängen und ich meine linke Schulter an seine lehnen kann.

Na gut, aber beschwer dich nicht, wenn deine Rippen knacken, weil ich dich immer fester an mich drücke, okay?“ Nun lächelt er, als ich ihn ansehe und ich beuge mich ein wenig zu ihm, um ihm einen Kuss zu geben.

Wie dem auch sei, es tut mir unendlich leid, nicht alle meine Sinne beieinandergehabt zu haben, einfach nicht nachgedacht zu haben, an dem Tag, an dem Justin plö tzlich wieder vor mir stand.

Ich bin mir nicht sicher, ob Du Ma ik diesen Brief zeigen wirst, aber ich denke, das, was ich nun erzählen muss, um zu erklären, wie es dazu kommen konnte, dass ich so außer mir war, wird auch für ihn einige Neuigkeiten bereithalten.

Ich war 16 Jahre alt, als meine Eltern bei einem Unfall u ms Leben kamen. Von einem Tag auf den anderen war ich nicht mehr der kleine Pferdenarr, der am liebsten sogar bei seinem Pferd in der Box übernachtet hätte, sondern eine Vollwaise mit einem gigantischen Gestüt und ohne jeden Plan.

Nun ja, ich war allein, o hne allein zu sein. Ich weiß nicht, wie ich das besser ausdrücken soll.

Kann ich umdrehen?“, erkundige ich mich bei Maik und mache es, als er nickt. Wir sind beide neugierig. Auch wenn das hier bislang nichts Neues für uns ist.

Natü rlich waren viele der Angestellten meine Freunde, ich verbrachte ja jede freie Minute mit ihnen. Damals waren es weniger als heute und den Turnierstall gab es, wie Du weißt, noch gar nicht.

Einen der Jockeys mochte ich besonders. Er war ein paar Jahre ä lter als ich, aber neben seiner unglaublich freundlichen Art und seinem Können in Bezug auf unsere Pferde, war er vor allem ein junger Mann, in den ich verliebt war.

Er war naturgemäß sehr schlank, sehnig, hatte schwarzes Haar und graue Augen, in denen ein so schönes Funkeln lag, dass ich wahnsinnig fasziniert von ihm war.

Die Ä ußerlichkeiten sprachen mich an, natürlich. Und Dir ist auch die Parallele zu Deinem Aussehen nicht entgangen, aber das war eben nur … das Außen.

Justin Fallner war viel mehr als das. Er hat mich aufgefa ngen, als ich im freien Fall auf dem Weg nach ganz unten war. Ich war überfordert, mit den einfachsten Dingen.

Aber er hat mich unterstützt, mich getröstet, war einfach da. Auch nach Dienstschluss. Er half mir bei allem, was mich diesen riesigen Verlust von Familie und Jugend überleben ließ.

Um das Gestü t musste ich mich nicht sofort kümmern, aber der eingesetzte Treuhänder und der Verwalter, der die Leitung übernahm, bis ich alt genug war, verlangte natürlich, dass ich das Testament meiner Eltern erfüllte. Was beinhaltete, dass ich meine Schule abschloss und danach die fundierte Ausbildung erhielt, die mein Vater für mich geplant hatte.

Kannst weiterblättern“, murmelt Maik und wirkt hochkonzentriert und gespannt. Bin ich ja auch, aber ich frage mich sofort, wie er sich jetzt fühlen muss. Immerhin geht es um seinen Vater, der für Maik noch nicht so wahnsinnig lange als mindestens bisexuell einzustufen ist.

Alles okay mit dir?“, frage ich und lasse die Zettel sinken, bevor ich das erste Blatt auf dem Tisch ablege.

Ja, alles gut.“

Okay, dann weiter.“

Mit jedem Tag in Justins Gegenwart, kamen wir uns nä her. Ich werde nie vergessen, wie sehr ich ihn wollte und liebte. Damals war das ein Traum, ein unerfüllbarer Wunsch. Freie Liebe hin oder her, die konservative Umgebung auf dem Feuerried und die gesellschaftlichen Verpflichtungen sowie der Ruf des Rennstalls sahen einfach nicht vor, dass der einzige Erbe es mit Männern treibt.

Es dauerte eine Weile, bis Just und ich uns gegenseitig g estanden, wie wir füreinander fühlten und wir waren egoistisch genug, unsere Liebe auch ausleben zu wollen.

Ich hebe den Blick zu Maik. Im Grunde immer dann, wenn er seine ‚ Drohung‘ wahrmacht, und mich noch fester an seine Brust presst als sowieso schon.

Dieser Abschnitt ü ber seinen Vater ist zwar keine Überraschung, aber es aus der Sicht eines der beiden Protagonisten zu lesen, ist schon noch mal eine Spur krasser. Vor allem wohl, weil zumindest ich den jähzornigen, arroganten Justin gänzlich anders erlebt habe, als Lu es hier beschreibt.

Wir taten es heimlich. Justin bezog ein Zimmer im Gutshaus und wir schliefen nur selten getrennt. Nur damit keine falschen Vorstellungen geweckt werden: In den ersten Monaten hatten wir genau einmal Sex.

Just besaß den untrüglichen Instinkt dafür, dass ich neben all der Trauer und den Umstellungen in meinem Leben überhaupt keinen Kopf dafür hatte, mich hinzugeben. Er war sehr einfühlsam und niemals frustriert oder bitter. Er wusste, dass seine Anwesenheit, seine Nähe mir deutlich wichtiger waren, mir mehr bedeuteten und vor allem, dass sie mir besser halfen als ekstatische Gier und Lustbefriedigung.

Ich war eine wahnsinnige Heulsuse damals. Auch wenn er mir niemals gezeigt hat, dass es ihn nervt oder stö rt, irgendwann kam ich über den ersten Schock hinweg und war sogar dazu bereit, das Feuerried stundenweise zu verlassen.

Bis dahin hatte ich das nicht gekonnt und Justin war bei mir, so oft es ging. Natü rlich musste er ständig zu Rennbahnen in der ganzen Welt, aber irgendwie hat er es geschafft, im ersten halben Jahr nach dem Tod meiner Familie dafür zu sorgen, dass er im Zweifelsfall innerhalb von Stunden wieder bei mir sein konnte.

Jeder auf dem Gestü t wusste, dass ich Justin zu meinem absoluten Bezugspunkt im Leben gemacht hatte, deshalb erlaubte der Leiter des Rennstalls auch, dass andere Jockeys die weiter entfernten Rennen bestritten.

Niemand wollte mir Bö ses. Ich war ein ziemlich lieber Junge, auch wenn man das aus heutiger Sicht wohl nur noch mit einem bitteren Schnauben quittieren kann und will. Selbst ich mache das.

Ich war  … naiv, ängstlich, verliebt, verbittert … das volle Programm. Und Justin war der Einzige, der richtig an mich herankam.

Theodora, die damals noch Kü chenhilfe war, erwischte uns irgendwann in einem leichtsinnigen Augenblick bei einem Kuss im Flur zur Küche. Sie versprach, zu schweigen und im Laufe der Zeit wurde sie für mich zu einer Freundin, die mir Mut machte und mir besonders dann half, wenn Justin unterwegs war.

Ab da, wo ich das Feuerried wieder verlassen konnte, b egleitete ich Justin zu allen Rennen.

Verrückt! Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet der herrschsüchtige, megadominante Lu mal so ein Schisser und anscheinend auch ein Bottom war?“, murmele ich und lasse die verbliebenen drei Zettel in meinen Händen auf meine Schenkel sinken.

Maik rä uspert sich und ich sehe, wie er blinzelnd seine Augen klärt. Sofort schlingt sich mein Arm um seinen Hals und ich ziehe ihn zu einem Kuss an mich. Dass ihn dieser erneute Ausflug in die Vergangenheit so mitnimmt, habe ich nicht erwartet. „Scht, nicht weinen, Löwenherz.“

Er schluckt sichtbar, nachdem er den Kuss erwidert hat, und seine Hä nde streichen über meine Seite, bevor er mich wieder fester an sich drückt. „Nein, schon gut. Ich … ich meine, ich hasse Lu für das, was er dir angetan hat, aber … was mein Vater ihm angetan haben muss, indem er wegging, zu Maik und Helen … das ist … ich weiß nicht, ob ich das überstanden hätte.“

Ich nicke. „ Ja, das Wissen, dass Lu nun mehrfach diese riesigen Verluste verkraften musste, macht es schwer, kein Mitgefühl für ihn zu entwickeln …“, überlege ich laut.

Maik schnaubt. „ Offenbar konnte mein Herr Vater das auch mal. Er hat nur damit aufgehört …“

Ich schweige eine Weile, in der Maik seinen schnell eren, wütenden Atem wieder beruhigt. Erst danach sage ich: „Du wirfst deinem Vater das vor.“

Ja, natürlich tue ich das!“, fährt er mich an. „Wenn er diesen Scheiß nicht mit Ludwig fabriziert hätte, wäre dir nie etwas passiert!“

Stimmt. Und weder du noch ich wären jemals auf dem Feuerried gelandet. Wir hätten uns nicht getroffen und verliebt.“ Ich seufze tief. „Ich hätte zwar auf wirklich vieles gern verzichtet, aber niemals auf dich!“

Blinzelnd sieht er mich an, dann klä rt sich sein Blick und die Wut weicht. „Da hast du recht … Ich auch nicht. Koste es, was es wolle. Ohne dich … Nein, unvorstellbar!“

Ich lä chle ihn an und drücke ihm einen Kuss auf die Stirn. „Wollen wir weiterlesen, damit wir es hinter uns haben? Wir sind erst bei der Hälfte, glaube ich …“ Die Zettel wieder aufnehmend, drehe ich sie kurz und halte sie danach so, dass wir beide weiterlesen können.

Maik nickt und ich beginne wieder mit dem Lesen.

Dort lernte ich schnell, wie man Pferdewetten abschließt, wenn man noch gar nicht alt genug dafür ist, wie man aus einer kleinen Summe große Beträge machen kann und im Laufe der Jahre bekam ich Kontakt zu Menschen, von denen wir, Justin und ich, uns besser ferngehalten hätten …

Wettbetrü ge, heiße Deals, gedopte Pferde, zu leichte Jockeys, Schummeleien und Tricks wurden zu Justins und meinem neuen Hobby. Wir waren nun seit mehr als vier Jahren ein Paar und ich hatte durch den kaufmännischen Teil meiner Ausbildung genug gelernt, um zu wissen, was ich tat und wie ich es verschleiern musste. Natürlich war ich ab meinem achtzehnten Geburtstag der offizielle Besitzer des Feuerrieds und beinahe niemandem Rechenschaft schuldig.

Beinahe, weil der Treuhä nder noch bis zu meinem 21. Geburtstag teilweise Befugnisse hatte, und ich die vom Büro erstellten Quartalsberichte über die finanzielle Situation des Feuerrieds mitzuteilen hatte.

Einfacher wurde es, als ich tatsä chlich und vollständig der Chef wurde.

Justin und ich feierten meine echte Volljä hrigkeit mit einem gemeinsamen Essen bei Kerzenschein, das Theodora uns bereitet hatte.

Sie war wirklich toll, immer schon.

Aber ich schweife ab … Entschuldige bitte.

Es ging jahrelang so weiter, Justin und ich schafften es, ganz gezielt und mit geringstmö glichem Einsatz, enorm viel Geld anzuhäufen, das zum Teil über schwarze Konten in das flüssige Vermögen des Feuerrieds lief, zum Teil aber auch versteckt im Ausland gelagert wurde.

Ich erwä hne das deshalb so deutlich, weil Du möglichst bald dafür sorgen müssen wirst, dass die einzigen auf dem Gelände befindlichen Unterlagen, die damit in Verbindung stehen, verschwinden. Sie liegen in der zweiten Schublade von unten auf der linken Seite meines Schreibtisches im Büro. Es sind Durchschriften, die vermeintliche Verkäufe von Rennpferden dokumentieren.

Ich sehe wieder zu Maik, der leise zu lachen beginnt. Die Durchschriften sind uns schl ießlich genau bekannt und ich erinnere mich noch gut an unsere Suche nach den Namen der dort aufgeführten Pferde in den Büchern des Gestüts.

Hatten wir also doch recht!“, feixt Maik und ich falle nickend in sein Lachen ein.

Hast du auch grad die Szene vor Augen, als Lu uns in der Bibliothek erwischt hat?“

Maik drü ckt mich an sich, wodurch ich ein wenig durchgeschüttelt werde. „Ja, allerdings!“, sagt er und küsst mich auf den Mundwinkel.

Wir sind eben zwei Meisterdetektive!“, trumpfe ich in einem Anfall von Albernheit auf und erwidere Maiks Kuss mit einem extra-albernen Schmatzgeräusch.

Na los, Sherlock Andreesen, lesen wir weiter!“ Maik kichert und nickt auf den vorletzten Zettel, auf dessen erster Seite wir gerade mittig angelangt sind.

Da weder das Feu erried noch Du damit zu tun haben sollten und es keine finanziellen Verbindungen gibt, möchte ich Dich bitten, den ganzen Stapel zu Deiner eigenen Sicherheit in ein Kuvert zu packen und versiegelt an meinen Anwalt zu schicken. Er wird sie verwahren und Du kannst ganz beruhigt sein.

Ich habe nicht vor, irgendwelche Tricks zu versuchen. Keine Sorge.

Ich möchte im Gegenteil, dass Du das Feuerried vollkommen unbelastet, nun ja, im Rahmen der aktuellen Ereignisse unbelastet, übernehmen und bewirtschaften kannst.

Ich sehe stirnrunzelnd vom Papier auf und begegne Maiks Blick. Seine Lippen sind so fest zusammeng epresst, dass sie einen blutleeren Strich bilden.

Aktuelle Ereignisse?“, murmele ich. „Ob er von den Schüssen weiß?“

Mein Liebling rü hrt sich nicht, zeigt abgesehen von dem fest verschlossenen Mund und dem starren Blick, keinerlei Reaktion. Nun ja, stimmt nicht ganz, meine Rippen spüren seine Umarmung wie einen überdimensionierten Schraubstock!

Au!“, zische ich und hebe meine Hand an seine Wange. „Nicht ganz so fest, bitte, ja?“

Er erwacht mit einem Blinzeln aus seiner Starre, l ockert seinen Griff sofort, sieht mich schuldbewusst an und zwingt sich sichtlich zu einem verrutschten Lächeln. „Tut mir leid! Ich habe das Gleiche gedacht wie du und da war sofort wieder diese Starre wegen Möhrchen …“

Das verstehe ich doch, Löwenherz“, erwidere ich leise und lächle ihn an. „Alles gut.“

Nichts ist gut“, murrt er. „Und dann diese Tricks! Spielt er da auf die Sache mit dem Rufmord an Justin an?“

Ich ziehe die Schulte rn hoch. „Möglich. Wir sollten zu Ende lesen, dann wissen wir es.“

Okay.“

Die Polizei hat mich ü ber meinen Anwalt ausfindig gemacht und ich wurde zu den Schüssen befragt. Man hat mir auch gesagt, dass Maiks Stute am schwersten verletzt wurde. Ich hoffe, sie kommt ohne Folgeschäden durch. Niemand konnte mir sagen, was genau ihr fehlt.

Ich hatte leider auch keine sachdienlichen Hinweise, wie es dieser Kommissar nannte. Vor Jahren, bevor Du zum Feuerried gekommen bist, gab es einmal einen Zwischenfall ä hnlicher Art. Danach habe ich den Wachdienst verstärken lassen. Aber damals hat niemand herausfinden können, wer die Schützen waren oder was ihr Motiv war. Ich wünsche Dir, dass diesmal wenigstens die Täter geschnappt werden.

Eine andere Sache muss ich noch erk lären. Sie hat mit Justin zu tun und mit dem Ende unserer langjährigen Beziehung.

Die Tatsache, dass Du optisch betrachtet die zwei hervo rstechendsten Merkmale von Justin besitzt, ist kein Zufall, das dürftest Du wohl seit ein paar Wochen wissen. Ich denke, das ist auch der Grund, wieso Du mir damals aufgefallen bist und wieso ich von Dir nicht loskommen konnte. Nun bin ich es, denke ich. Endlich.

Geplant war das, wie Du weiß t, schon eine Weile. Das Geld, welches auf den Durchschlägen steht, ist tatsächlich am Gestüt vorbei auf ein Konto im Ausland geflossen und ich wollte damit an meinem Geburtstag verschwinden. Mich woanders niederlassen, nie wieder etwas mit Pferden oder gar dem Feuerried zu tun haben, mit welchem ich letztendlich mehr negative als positive Erinnerungen verbinde.

Eine dieser negativen Erinnerungen, der Grund fü r beinahe alles, was ich nach meinem 25. Geburtstag getan habe, war und ist die Trennung von Justin.

Es hat mich vollkommen ü berfahren damals.

Ich hatte geschä ftlich viel zu tun, wir konnten schon seit geraumer Zeit nicht mehr ständig gemeinsam überall hinfahren. Meine Termine überschnitten sich mit Justins, er war am anderen Ende der Welt und ich auf dem Feuerried oder andersherum.

Bei einem Rennen muss er Helen und Maik kennengeler nt haben. Wobei ich immer davon ausgegangen bin, dass es ihm allein um Maik gegangen war. In meinen Augen war mein Partner nun mal ebenso schwul wie ich.

Eines Tages kam er zu mir, sagte, es sei aus . Er schob mir quasi zeitgleich seine Kündigung zu und ließ mich ohne irgendeine nennenswerte Erklärung stehen.

Ich stand wie gelä hmt am Fenster meines Büros, als er in seinen bereits gepackten Wagen stieg und davonfuhr.

Heute denke ich, dass es genau dieses Verhalten von ihm war, welches mich so ausflippen ließ.

Ich suchte, nachdem ich den ersten Schock halbwegs verdaut hatte, nach den damaligen Dokumentationen unserer Rennbetrüge und abgesprochenen Wetten und versuchte in den folgenden Wochen herauszufinden, wohin Justin abgetaucht war.

Durch einen dummen Zufal l traf ich ihn auf einer Rennbahn irgendwo in Süddeutschland – mit Maik. Ich glaube, auch Helen war irgendwo dort, aber da ich sie nicht als potentielle Gefahr wahrgenommen habe, erinnere ich mich nicht mehr so genau. Umso klarer habe ich das zum Teil schon sehr deutliche Geturtel von Maik und Justin beobachten können. Die verstohlenen Berührungen, die heißen Blicke, das verliebte Lächeln.

Ich habe es gehasst und Rache geschworen. Wie Du weiß t, habe ich diese auch umgesetzt. Justin verlor seinen guten Ruf, Maik sein Gestüt.

Ziel erreicht. Dachte ich.

Als dann im Frühjahr die Bewerbung von Justins Sohn Maik auf meinem Tisch landete, und mir der Name Fallner dabei wie eine Faust ins Gesicht schlug, habe ich beschlossen, mir diesen jungen Mann mal genauer anzusehen.

Alles danach ist Geschichte, die Dir bekannt ist – vermutlich deutlich besser als mir selbst.

Bis auf das, was an diesem Tag meiner schrecklichen En tgleisung passiert ist.

Als Justin plö tzlich in meinem Büro vor mir stand, hatte ich wohl eine Art Flashback. Den ersten von zweien an diesem Tag.

Er stand vor mir mit versteinerter Miene, ich bat ihn, sich zu setzen, und wir redeten. Verrü ckt war das!

Wir haben geredet, als wä re niemals etwas vorgefallen. Nicht mein Rufmord an ihm, nicht sein Verrat an mir und meiner Liebe.

Nun ja, das klingt jetzt harmloser, als es war.

Wir haben auch gestritten, uns angebrüllt. Aber ich war ein härterer Gegner als damals, auch wenn mich seine Anwesenheit auf den Feuerried vollkommen entgeisterte.

Und ich habe endlich di e Erklärungen bekommen, auf die ich fast 25 Jahre lang gewartet habe.

Was soll ich sagen? Das Meiste hatte ich mir inzwischen durch die Existenz von Deinem Maik bereits zusammeng ereimt oder in Erfahrung gebracht, aber es aus seinem Mund zu hören, die Begründung für seinen Weggang, die Aufgabe all unserer gemeinsamen Träume, hat mich innerlich aus der Bahn geworfen.

Abends, nachdem ich die Aufnahmen aus Deinem Heimkino gesehen hatte, verfiel ich mehr und mehr in eine Art Trauer. Ich kann es nicht genauer erk lären.

Ich rief Dich an und als Du vor mir in meinem Wohnzimmer standst, sah ich nur Justin. Der zweite Flashback, wenn man so will.

Das soll nichts beschönigen oder rechtfertigen. Nur erklären. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schrecklich es ist, ohne eine Erklärung verletzt zu werden.

Das will ich nicht tun. Deshalb sage ich es Dir, wie ich es wahrgenommen habe.

Nichts wird wiedergutmachen, was an jenem Abend geschehen ist. Dessen bin ich mir bewusst. Aber ich möchte, dass Du verstehst, wen ich an diesem Abend vor mir hatte. Wen ich brutal behandeln und erniedrigen wollte.

Das warst nicht Du, Kim. Aber Du musstest das ertragen.

Meine Scham ist grenzenlos, auch wenn das nichts für Dich ändert.

Ich hoffe, ich habe Dich nicht allzu schwer verletzt. Ich hoffe, Du kannst weiterhin oder irgendwann wieder vertrauensvoll mit Maik erleben, wie Sex wirklich sein sollte. Das wünsche ich Dir von Herzen.

Vermutlich habe ich jetzt schon mehr geschrieben , als Du überhaupt wissen wolltest.

Bitte ü bersende auch Maik meine Grüße, ich wünsche Euch beiden, wo auch immer Euer Weg Euch letztendlich hinführen wird, nur das Allerbeste.

Falls Ihr einmal Hilfe brauchen solltet, Kontakte, irgende twas, meldet Euch beim Anwalt des Feuerrieds, er wird alles an mich weiterleiten. Ich habe mich in dieser für Dich so schrecklichen Nacht noch selbst in eine Nervenklinik eingewiesen und mache hier eine stationäre Intensivtherapie, um alles endlich zu verarbeiten.

Noch sehe ich keinen wirklichen Erfolg, aber das kann und wird hoffentlich noch kommen.

Alles Gute

Ludwig van Keppelen

Ich atme tief und schnell ein, sehr langsam wieder aus, lege den letzten Zettel beiseite auf den Tisch und drehe mich, mit nun endlich zwei freien Armen, ganz zu Maik, um ihn fest zu umschlingen und mich an ihn zu p ressen.

Er quittiert mein Handeln mit einem leisen , wohligen Brummen, welches mir einen warmen Schauder über den Rücken laufen lässt.

Ich liebe dich“, hauche ich gegen seine Lippen und streiche mit meinen sacht darüber. Kein richtiger Kuss, mehr eine Streicheleinheit zwischen zwei Lippenpaaren.

Erneut brummt Maik und seine Augen mustern mich forschend. Ich wundere mich erst durch diese Skepsis in seinem Blick darü ber, dass ich auch den letzten Teil von Lus Brief so relativ entspannt lesen und verarbeiten kann.

Ich dich auch, Koalabärchen“, entgegnet Maik ebenso leise und zieht mich noch dichter an sich. „Wie geht es dir?“

Seine Fü rsorge lässt mich lächeln und tief in seinen grünen Augen abtauchen.

Gut. Erstaunlicherweise, wie ich zugeben muss. Hast du auch so einen Hunger?“

Er lacht leise und nickt. „ Ja, habe ich. Wollen wir uns Brote machen und danach ins Bett gehen?“

Das Wort ‚ Bett‘ lässt mich schon gähnen. Aber ja, bevor ich in selbigem dicht an Maik gekuschelt schlafen kann, muss ich etwas essen. „Brote klingen super.“

Ich kü sse ihn erneut, erhebe mich und ziehe ihn mit mir zum Kühlschrank.

 


Freitag, 9. August


Alltagsversuche

 

C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\maiktest.jpg

Nachdem der Wecker uns unbarmherzig ins Leben zurü ckgerufen hat, wir unser Minifrühstück und die Badbesuche hinter uns gebracht haben, fühle ich mich doch fit genug, zum ersten Mal seit dem Tag mit den Schüssen wieder in einem Pferdestall zu arbeiten.

Lukas und Tom sind schon da, Jeremy und Timeon trudeln nur Augenblicke nach uns ein. Ü brigens betreten sie den Stall beinahe zeitgleich durch die unterschiedlichen Eingänge. Laut Toms Plan ist Timeon im Quarantänestall eingeteilt, aus welchem heute alle bisherigen Insassen in den Hauptstall wechseln werden.

Zwei nebeneinander gelegene Boxen stehen fü r Timeons Lieblinge bereit, da sich Don Juan nur sehr ungern von seiner Stallkollegin Zaphiras Dream trennen will, wie uns der Kleine sehr glaubhaft versichert.

Da Narla und Serpent lä ngst mit Salih auf den Turnieren unterwegs sind, stehen ihre Boxen ebenfalls leer, und wir bringen Epitaph und Galadriel, zwei der Neuen darin unter. Für den zweiten neuen Hengst, Galore, findet sich eine Box neben Hannibal und auch für Möhrchen steht bereits eine Box auf dem Plan im Hauptstall.

Nach dem Putzen bringen wir die ersten Tiere auf die Weiden. I ch habe Hellygirl und Jazira an Führstricken bei mir, während ich den Weg zwischen den Außenreitplätzen entlanggehe und spüre, wie meine Knie immer weicher werden, bis ich meine Schritte stoppe und zitternd stehenbleibe.

Verdammt, muss das denn sein?

Ich habe doch gestern noch jede mögliche Untersuchung an meinem Möhrchen vorgenommen, sie lebt und es wird ihr gut gehen!

Wieso schaffe ich es dann jetzt nicht, einfach diese zwei auf die Sü dweide zu bringen?!

Hufgetrappel und schnelle Schritte hinter mir auf d em Weg dringen dumpf zu mir durch.

Maik?“, fragt Kim und ist bei mir, bevor ich auch nur den Kopf drehen kann.

Seine Hä nde legen sich an meine Wangen und ich versuche, ihn zu umarmen. Ich kann aber die beiden Stuten nicht einfach loslassen …

Alles okay, Löwenherz? Die Weiden sind längst repariert und von allen Spuren befreit, wir benutzen sie wieder, damit die Pferde merken, dass ihnen dort nichts passiert. War Jeremys Entscheidung und ich bin ihm dafür sehr dankbar.“

Ich nicke abgehackt, wä hrend mein Blick sich hilfesuchend in Kims Augen verliert. Ein Räuspern, das Zittern lässt ein wenig nach und ich schlucke, bevor ich sprechen kann.

Ja, okay“, bringe ich hervor.

Kim lä chelt. So ein wunderbarer Anblick!

Alles gut, Liebling. Komm, ich gehe mit meinen voraus und du folgst mir einfach, ja?“

Noch ein Nicken, nicht mehr ganz so abgehackt. Wieso fä llt es mir so schwer, auf die Weiden zu gehen? Ich weiß doch, dass Möhrchen nicht mehr schwer verletzt dort im Graben liegt.

Kim aber scheint genau zu wissen, was in mir vorgeht. Wie immer. Unfassbar, wie sehr er erspüren kann, was mich bewegt. Ich glaube, ich werde niemals müde, mich darüber zu wundern und es zeitgleich als das größte Geschenk anzusehen.

Er sieht mich noch einmal forschend an, bevor er seine Hä nde sinken lässt und mit schnellen Schritten an Hellygirl vorbei verschwindet. Ich sehe ihm nach, mache ein wenig Platz und lasse ihn mit Hannibal und Cato an den Stuten und mir vorbeigehen. Dass die zwei so brav gewartet haben, erklärt sich durch ihre mahlenden Kaubewegungen. Sie haben einfach schon mal das Gras hier am Wegesrand angeknabbert.

Dieser Umstand entlockt mir ein nervö ses Lächeln, das sich leider nicht in meinem Gesicht halten kann. Ich atme tief durch, als Kim vor mir ist, und folge ihm nach seinem aufmunternden Schulterblick.

Ein paar Minuten spä ter ist es geschafft, die ersten vier stehen auf der Weide und ich halte die Führstricke krampfhaft fest.

Fliegendecken und Halfter sind die Standardausrü stung der Weidegänger, die nun ausgelassen über die Wiese traben und sich ein Plätzchen zum Bauchvollschlagen suchen.

Kim bleibt neben mir am Gatter stehen und legt seine Hand auf meinen aufgestü tzten Unterarm. Ich wende den Blick von den Tieren zu ihm.

Siehst du? Es geht ihnen gut. Sie sind ruhig und entspannt.“

Ja, sind sie.“

Na, dann komm, ich glaube, das war genug Konfrontation für heute. Den Rest können die anderen rausbringen und du dich mit Springtraining für Mirabeau ablenken, okay?“

Ich lä chle ihn an und wende mich ihm ganz zu. Bevor ich es richtig kapiere, habe ich ihn zu einem langen, hungrigen und schrecklich verliebten Kuss an mich gezogen. Ich brauche ihn, so sehr!

Ohne dich bin ich verloren“, murmele ich später gegen seine Lippen und ernte ein herrliches Lachen von ihm.

Dito, Löwenherz! Aber bevor ich dich heute auch noch mit den organisatorischen Sachen quäle, liefere ich dich am Stall ab und verschwinde im Büro!“

Du musst einen Gestütsleiter finden und eine Mitarbeiterversammlung einberufen …“ Plötzlich kann ich wieder klarer denken. Ob das daran liegt, dass Kim mich einfach immer beruhigen kann?

Ich will das gar nicht hinterfragen. Es ist gut so! Nein, es ist wie Kim: perfekt.

~*~

Die zu bewegenden Springpferde ü bernehmen Jeremy, Tom und ich, während Lukas, Ferdinand und Timeon die Dressurpferde übernehmen. Heute Vormittag stehen keine externen Reitschüler auf dem Plan, erst am Nachmittag hat Ferdinand eine Gruppe von drei Pferdebesitzern für ein ausgedehntes Dressurprogramm.

Wir kommen gut voran und die Routine, der mir so vertraute Um gang mit Pferden, die locker über den Springplatz geworfenen Frotzeleien, Haltungskorrekturen und Sprüche sorgen mit jeder vergehenden Stunde dafür, dass ich mich hier wieder wohl fühle, auch wenn Kim nicht in unmittelbarer Nähe ist.

Um kurz vor elf vormit tags sind wir mit dem Morgenprogramm durch und ich bemerke erst jetzt, dass das laut Plan auch so vorgesehen war. Tom wird noch Bernoldo trainieren, aber Jeremy und ich haben jetzt mehr oder weniger frei.

Mein bester Freund und ich treffen uns beim Wegbrin gen der letzten Sättel und Zaumzeuge in der großen Sattelkammer.

Möchtest du reden?“, erklingt Jeremys Stimme dicht bei mir und seine Hand legt sich auf meinen Unterarm, als ich Lupinias Sattel auf den Wandhalter wuchte.

Mein Blick huscht zu ihm und ich n icke. „Ja, wäre toll. Schnappen wir uns was zu trinken und gehen irgendwo in die Sonne?“

Klingt nach einem Plan!“, befindet er, und wir machen uns, nachdem wir uns vom gröbsten Staub befreit haben, mit zwei Flaschen Cola auf den Weg zum hinteren Platz des Turnierstalls. Wie immer lassen wir uns auf den herumliegenden Strohballen nieder und lümmeln in der Sonne herum.

Wie geht es dir?“

Jeremys ernste Frage lä sst mich das in die Sonne gestreckte Gesicht zu ihm wenden und die Augen öffnen. „Ganz gut, denke ich.“

Dann ist mit dir und Kim alles okay? Ich hatte kurzzeitig Angst, du wärest auch vor ihm geflohen …“

Ich zucke ertappt zusammen, denn im Grunde bin ich das doch auch? Zö gerlich nicke ich. „Hm, ja, ich wollte von allem hier weg … War nicht meine beste Entscheidung.“

Nein, allerdings nicht, aber er hat dich gefunden und wieder hierher gebracht.“

Ja“, bestätige ich und spüre, wie mein Gesicht sich beim Gedanken an Kims Auftauchen und die schöne Zeit mit ihm zu einem Strahlen verzieht.

Ich freue mich sehr darüber, dass du wieder hier bist.“

Da fällt mir ein … wieso bist du noch hier? Hast du kein Turnier?“ Ich setze mich etwas aufrechter hin und mustere ihn genau.

Doch, habe ich, aber ich muss erst am Mittwoch wieder weg.“

Dieser Umstand freut mich seh r. Das bedeutet, ich habe zusätzlich zu Kim auch noch meinen besten Freund in der Nähe. Ein beruhigendes Gefühl.

Schön.“

Sag mal …“, beginnt er und richtet sich ebenfalls wieder auf. „Wenn hier alles geklärt ist, werdet ihr dann zusammen nach Lancashire gehen?“

Ich stutze kurz, dann wird mir bewusst, dass Jeremy noch nichts von der Schenkung weiß , und ich beginne im Flüsterton zu erklären, was in den hochwichtigen Mappen aus dem großen Umschlag zu lesen steht. Die Augen meines besten Freundes beginnen zu leuchten und sein Lächeln zeigt so viele Zähne, dass ich zwischenzeitlich innehalte.

Was ist?“

Das fragst du nicht wirklich, oder? Euch beiden gehört jetzt das Feuerried?! Eines der erfolgreichsten und renommiertesten Gestüte Deutschlands?!“

Brüll nicht so!“, fahre ich ihn an und werfe hastige Blicke über den Hof und zum nahegelegenen Seitentor. Niemand da, wie ich erleichtert feststelle. „Ja, Kim hat alles bekommen. Jedes Pferd, das Vermögen, den Grundbesitz, einfach alles!“

Hast du nicht eben erzählt, dass Kim entschieden hat …?“

Ich nicke hastig. „ Ja, ja. Hat er. Ich weiß noch nicht, wie glücklich ich darüber sein soll …“

Mann, Süßer!“ Jeremy schlägt mir vor die Schulter. „Bist du bescheuert? Kim will das alles hier mit dir teilen. Darüber solltest du verdammt noch mal sehr glücklich sein!“

Ich schü rze wortlos die Lippen.

Ich meine“, setzt mein er fort, „er will dich damit wohl eindeutig bis an euer seliges Ende bei sich haben! Gibt’s denn was Schöneres?“

Na ja, eigentlich nicht“, gebe ich zu und muss grinsen. „Du hast recht, es ist einfach toll, aber so ganz fassen kann ich das nicht, verstehst du? Ich … Mann, ich bin hier als Ferienjobber angekommen vor genau sieben Wochen! Ich wollte … das alles hier demontieren, untergehen lassen … und … plötzlich gehört mir die Hälfte davon? Das ist so … absurd!“

Jers lacht leise und trinkt einen Schluck, danach wischt er sich mit dem Handrü cken über den Mund und grinst mich an. „Süßer, du bist eben doch ein Glückspilz!“

Hm, ja, aber das war ich doch schon, als Kim und ich …“, setze ich an.

Als du und ich, was?“, dringt Kims Stimme zu uns und er tritt durch das Stalltor auf den Hof.

Ich lä chle ihn strahlend an und strecke ihm die Arme entgegen, um ihn nur wenig später an mich zu ziehen.

Ich war schon der größte Glückspilz, als wir uns verliebt haben, Kim“, antworte ich und ernte ein Lachen von ihm.

Ja, das ist wahr. Ich aber auch!“ Er lässt sich auf meinen Schoß ziehen und legt einen Arm um meine Schultern, während er Jeremy ansieht. „Ich vermute, Maik hat dir gesagt, was in den Papieren vom Anwalt stand?“

Mein bester Freund und ich nicken zeitgleich.

„Hat er.“ Jers lächelt. „Ich freue mich sehr für euch, auch wenn wir uns dadurch noch seltener sehen werden …“

Die Wehmut in seinen wenigen Worten erfasst mich ebenso. Natürlich werde ich es vermissen, nur schnell eine relativ kurze Wegstrecke zurücklegen zu müssen, um ihn auf dem Gestüt meines Großvaters zu besuchen.

Kim schweigt noch einen Moment, dann atmet er tief durch und fixiert Jeremy sehr ernst. „ Ich habe dir einen Vorschlag zu machen, Jers. Auch wenn ich das eigentlich erst mit Maik besprechen müsste, denke ich, er wird keinerlei Einwände erheben wollen …“

Das klingt spannend!

„Ja?“, fragt Jeremy unsicher und sieht zwischen uns hin und her.

Du hast hier alles geregelt, während ich weg war, alle Mitarbeiter haben sich ohne zu murren an deine Anweisungen gehalten und durch die Zeit vorhin im Büro und Gespräche mit den jeweiligen Stallleitern weiß ich, dass dich alle akzeptieren und du ausgesprochen gute Arbeit geleistet hast, obwohl das niemand von dir verlangt hat.“

Jeremy blickt ein wenig zerknirscht zu Boden.

„Hey, das war eine Kette von Komplimenten, Jers!“, setzt Kim hinzu und mein bester Freund sieht erstaunt auf.

Ich wollte nur helfen und das erschien mir als die beste Möglichkeit“, wiegelt er ab.

Ja, eben. Und genau so einen Mann suche ich als neuen Gestütsleiter.“

Bombe geplatzt, anders kann ich es nicht beschre iben. Während Kim in ein leichtes Kichern verfällt, erstarren sowohl Jeremy als auch ich zu Wachsfiguren.

Du meinst, ich als Gestütsleiter? Hier?!“

Kim nickt. „ Nun ja, aufgrund deiner Karriere als Turnierreiter kann und will ich keinen Vollzeitjob von dir verlangen, und weil ich ja hier bleiben werde, wenn alles so läuft, wie ich mir das derzeit vorstelle …“

Er sieht mich an und ich lä chle nickend. Natürlich machen wir das hier so, wie er sich das vorstellt. Mir ist doch vollkommen egal, wo ich bin, solange ich bei ihm bin!

Okay, also … Ich suche einen Stellvertreter für meinen Posten als Gestütsleiter. Das ist eh seit Jahren überfällig. Und du bist dem Feuerried quasi in den Schoß gefallen, Jers.“

Das … Ich weiß grad nicht, was ich sagen soll!“ Jeremy verfällt ins Englische und merkt es nicht einmal.

Kim und ich blicken uns an, wä hrend ich ihn fest an mich drücke. „Das ist eine geniale Idee, Kim!“, befinde ich und er neigt den Kopf, um mich zu küssen.

Finde ich auch, jetzt muss dein bester Freund nur noch Ja sagen, dann wird alles gut.“

Tja, ebenjener sitzt noch immer mit tellergroß en Augen da und schluckt sinnlos vor sich hin.

Sweety, willst du außerhalb deiner Turniere hier bleiben?“

Das … es ist ein tolles Angebot, aber was wird William dazu sagen, wenn ich … Na ja, ich wäre …“, stammelt er und bringt doch einen Gedanken ein, der auch mir einleuchtet.

Kim kratzt sich in einer verlegenen Geste im Nacken und grinst uns an. „ Nun ja … Ich habe eben auch mit ihm telefoniert und ihn hierher eingeladen … Ich denke, so was lässt sich am besten von Angesicht zu Angesicht klären und erörtern.“

Du bist ein Teufelskerl, Koalabärchen!“, entfährt es mir und ich lache laut auf. Unfassbar, was mein Mann da alles innerhalb eines Vormittags in Gang gebracht zu haben scheint.

Nur deiner, Löwenherz“, erwidert er und macht sich von mir los. „Okay, Jers, also, ich würde mich sehr freuen, wenn du über meinen Vorschlag nachdenkst. Ich hab William übrigens nicht deshalb, sondern wegen der Schenkung angerufen. Dass sein einziger Enkel demnächst in Deutschland leben wird, sollte er nicht am Telefon erfahren, finde ich. Deine Großmutter kommt übrigens auch mit. Am Donnerstag kommen sie zu Jeremys Turnier und weil es so nah dran ist, werden sie in der Zeit hier und nicht in einem Hotel wohnen.“

Ich bin sprachlos. Einmal mehr erkenne ich, wie viel Ü berlegung und Klarheit in Kim zu finden sind. Wie logisch und wohldurchdacht er die Dinge angehen kann, auch wenn um ihn herum Chaos und Unsicherheiten herrschen.

Wobei  … unsicher ist im Grunde nichts mehr.

~*~

Am Nachmittag fahre ich mit Kim zur Klinik, um mir anzusehen, wie es meinem Schoßhundpferd geht. Möhrchen begrüßt mich mit einem dunklen Brummen, als ich an der Box erscheine und sie öffne. Eine Extrarunde Kuscheleinheiten und ihre Leibspeise habe ich natürlich für sie im Gepäck.

Es geht ihr den Umstä nden entsprechend tatsächlich gut, auch wenn mir die Verletzungen im Ganzen schon Sorge bereiten.

Ich bekenne, ich hä tte sie gern in meiner Nähe, um ihren Heilungsprozess vollständig überwachen zu können, aber diese Möglichkeiten sind auf dem Feuerried bei aller Modernität der Anlagen nicht gegeben.

Leise murmelnd erklä re ich Möhrchen das, auch wenn es unsinnig sein mag. Irgendetwas muss ich ihr ja erzählen, damit der Klang meiner Stimme sie beruhigt.

Es fä llt meinem Mädchen nämlich alles andere als leicht, in der Aufhängung zu stehen und sich nur so sparsam bewegen zu können. Das gebrochene Bein wird noch ziemlich lange auf diese Art geschont werden müssen. Eine andere Chance wird sie nicht bekommen.

Wo du es grad erwähnst …“, beginnt Kim, der mit leise raschelnden Schritten neben mich und Möhrchen tritt, „sollten wir mal drüber sprechen, wie du dir deine berufliche Zukunft vorstellst.“

Verwirrt sehe ich ihn an. „ Ich bin Tierarzt! Ich werde Tieren helfen, gesund zu werden, sofern ich das kann. Was meinst du?“

Er umarmt mich und lächelt schief. „Das ist mir vollkommen bewusst, Maik. Mir ging es mehr darum, wo und wie du das tun willst.“

Berechtigte Frage und doch wieder nicht. „ Nun ja, ich ging davon aus, dass ich mich um die Tiere auf dem Feuerried kümmern werde …“

Dann brauchst du eine Praxis oder wenigstens Behandlungsräume, einen Platz, an dem du deine Ausrüstung lagern kannst, eine Zulassung für das Praktizieren hier in Deutschland …“

Ich hö re auf, meine Süße hinter den Ohren zu kraulen und hebe die Hände beschwichtigend, während Kim Luft holt, um seine Aufzählung fortzusetzen.

Schon gut, schon gut! Ja, das alles werde ich brauchen.“

Du willst auch weiterhin am liebsten mit Pferden arbeiten, oder?“, hakt er nach und küsst mich auf die Nasenspitze.

Ich nicke. „ Wäre mir am liebsten, ja. Wobei Kühe und Schweine oder Haustiere auch kein Problem darstellen würden. Ich liebe Hunde!“, erkläre ich.

Klingt doch gut. Vertraust du mir?“ Kim haucht seine Frage nur, aber vielleicht nicke ich genau deshalb automatisch. Klar vertraue ich ihm!

Natürlich!“

Er nimmt Abstand und lä chelt breiter, bevor er mir eine Hand reicht. „Komm, Möhrchen braucht Ruhe und wir haben noch ein Date mit Kommissar Wilmers.“

Ich seufze und folge ihm ergeben, nachdem ich mich von meinem Mö hrchen verabschiedet habe.


Die Kripo dein Freund und Helfer

 

C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\kimtest.jpg

Keine Ahnung, wann genau es passiert ist, aber mein Kopf hat endlich wieder die Kontrollfunktionen ü bernommen, weshalb ich haufenweise wirklich gute Ideen habe. Also, das finde ich!

Wie Maik meine Plä ne finden wird, werde ich noch herausfinden. Aber da er mir vertraut, dürfte ihm mein neuester Gedanke durchaus gefallen.

Wobei  … so neu ist der gar nicht.

Im Grunde will ich schon lange etwas Ä hnliches auf dem Feuerried installieren, mir fehlte nur bisher der triftige Grund dafür. Dieser ist mit der ständigen Anwesenheit eines Veterinärs durchaus gegeben!

Ich parke den Rover vor der Hauptpolizeiwache und wir betreten wenig spä ter das Gebäude, in welchem wir mit dem netten Kommissar verabredet sind. Man weist uns den Weg und ich habe beim Betreten des entsprechenden Büros nicht das Gefühl, dass Herr Wilmers seit dem Tag mit den Schüssen vor genau einer Woche nennenswerte Mengen an Schlaf bekommen hat.

Trotzdem lä chelt er uns freundlich entgegen und erhebt sich kurz, um uns zwei Stühle anzubieten und sich bei Maik vorzustellen.

Maiks Zeugenaussage ist leider genauso unergiebig wie alle anderen, weshalb wir diesen Teil unseres heutigen Besuchs sehr schnell hinter uns bringen.

Wilmers wartet, bis Maik alles unterschrieben hat, dann seufzt er tief, bietet uns einen Kaffee an, und mir wird bewusst, dass ich ihn noch über die neuen Besitzverhältnisse des Feuerrieds aufklären muss.

Herr Wilmers, bevor Sie es später durch Dritte erfahren, Herr van Keppelen hat Herrn Dexter und mir das gesamte Feuerried mit allen beweglichen und unbeweglichen Gütern überschrieben. Die neuen Besitzer sind seit Montag dieser Woche also wir.“

Der Kommissar sieht uns nacheinander mit groß en Augen an. Ich sehe, dass ihm dazu mindestens zehn Fragen auf der Zunge brennen, aber er stellt nur eine: „Van Keppelen hat Ihnen das Gestüt vermacht?!“

Wir nicken und er lä chelt.

Ja, es kam ziemlich überraschend für mich, dass auch ich neuer Eigner bin, Herr Andreesen war wohl schon seit Jahren in van Keppelens Plan vorgesehen.“ Maik wirkt ruhig und überlegt. Ich bin sehr froh darüber.

Wilmers lacht leise auf. „ Dann meine Glückwünsche. Klingt ganz danach, als hätte van Keppelen eine gute Wahl getroffen.“

Ich runzle die Stirn. So ein Urteil von jemandem, der im Grun de nichts über uns weiß?

Wie kommen Sie darauf?“, frage ich deshalb.

Wilmers zuckt die Schultern. „ Sie beide wirken sehr kompetent auf mich. Und natürlich habe ich mich in den vergangenen Tagen sehr mit dem Feuerried beschäftigt und allerhand gehört …“ Er macht eine Pause und grinst leicht. „Ich denke, wenn erst mal bekannt wird, dass Sie beide das Feuerried komplett übernommen haben, werden auch die verrückten Gerüchte über Sie und van Keppelen verstummen.“

Er merkt ganz sicher an unserer Reaktion – ich zucke leicht zusammen und Maik greift reflexartig und damit blitzschnell nach meiner Hand – wie es um den Wahrheitsgehalt dieser Gerüchte steht.

Wissen Sie, wo van Keppelen sich jetzt aufhält?“, frage ich, um wenigstens halbwegs abzulenken, während ich noch versuche, in Maiks Berührung den nötigen Trost zu finden. Verheilt sind bisher nur die körperlichen Wunden, das wird sich auch nicht so bald ändern. Da kann ich verdrängen und wegreden, wie ich will …

Wilmers ’ Antwort entgeht mir beinahe, aber vielleicht will ich es auch gar nicht so genau wissen.

„… Ihnen nichts über seinen Aufenthaltsort sagen. Vorschriften.“ Wilmers seufzt. „Nun sollte ich Ihnen aber noch den Stand der bisherigen Ermittlungen nahebringen.“

Wieder nicken Maik und ich, diesmal schaffe ich es, mich wieder aufzurichten und gespannt zuzuhören.

Wilmers informiert uns in einem sehr frustrierenden Bericht darü ber, was die Kriminalpolizei, die Ballistiker und die Spurensicherung bislang herausgefunden haben.

Immerhin wissen sie, dass es zwei Täter waren, welche Schuhgröße sie tragen, wie groß sie ungefähr sein müssen und auch, mit welchen Waffen die Panik unserer Pferde ausgelöst wurde.

Kein wirklich gutes Ergebnis, aber vielleicht kö nnen wir auch nicht mit mehr rechnen?

Wie Sie sicher bemerkt haben, ist der ganze Fall bislang vollkommen ohne Presse untersucht worden. Wir konnten verhindern, dass Tageszeitungen und das regionale Fernsehen Berichte bringen.“ Wilmers sieht uns eindringlich an. „Ich denke aber, es ist an der Zeit, dass wir das ändern und nach Zeugen, Hinweisen und den Tätern suchen. Wenn es sich um eine geplante Tat handelt, wird das keine Vor- oder Nachteile mehr haben. Momentan kommen wir einfach nicht weiter. Meine Mitarbeiter und ich haben sämtliche Förster, Bauern und Pensionsbesitzer der Umgebung befragt. Niemand hat etwas Ungewöhnliches bemerkt, keiner hat Gäste aufgenommen, es ist derzeit auch keine Jagdzeit für irgendwelche Tiere, die es auf dem Gestütsgrund geben könnte. Zumindest nicht für die einschlägigen Vogelarten. Die Schonzeit der meisten geht bis Anfang September.“

Ich nicke verstehend. „ Sie wollen also einen Fahndungsaufruf starten?“

Ja, alles andere bringt uns nicht weiter.“ Wilmers presst die Lippen aufeinander und reibt sich mit einer müden Geste die Nasenwurzel.

Dann machen Sie das. Wenn Sie dazu unsere Hilfe benötigen, sagen Sie Bescheid. Ich will die Täter auf jeden Fall schnappen!“

Maik drü ckt meine Hand stärker und mein Blick fährt zu ihm. Offensichtlich denkt er, mich beruhigen zu müssen. Sollte das nicht anders herum sein, angesichts der Tatsache, dass sein Pferd den größten Schaden erlitten hat?

Gut, dann werde ich mich morgen bei Ihnen melden. Sie sind ab jetzt wieder auf dem Feuerried erreichbar?“

Ja, sind wir.“

Wilmers erstaunt nicht nur mich, als er zum Ende des Gesprächs tatsächlich gute Besserungswünsche an Möhrchen ausspricht. Offensichtlich mag der Mann Pferde. Hätte ich nicht unbedingt vermutet.

Maik bedankt sich mit einem Lä cheln und wir verlassen die Wache, um zum Feuerried zu fahren.

~*~

Als ich auf dem Parkplatz neben meinem Haus einparke, bin ich einmal mehr kurz irritiert, dass Maiks California nicht mehr neben meinem Sportflitzer steht, aber wie gestern auch erinnere ich mich daran, dass das gute Stück in einer Remise auf dem Dexter-Gestüt untergebracht ist. Ich habe eigenhändig das Tor geschlossen, nachdem wir die Maschine vom Cottage abgeholt haben.

Gleichzeitig wird mir dadurch bewusst, dass wohl noch eine ganze Menge von Maiks Besitztü mern hergebracht werden muss, wenn wir uns auf dem Feuerried endgültig häuslich niederlassen sollten – wovon ich momentan natürlich ausgehe.

Denkst du, wir werden hier alt werden?“, frage ich, als wir aussteigen und Maik vor mir stehenbleibt.

Er schü rzt die Lippen und grinst mich danach schelmisch an. „Du und alt werden? Damit lassen wir uns noch jede Menge Zeit, okay? Aber leben, ja, ich denke, das werden wir.“ Er zieht mich an sich und ich kann nichts anderes tun, als ihn strahlend anzulächeln.

Klingt gut“, murmele ich gegen seine Lippen und stehle mir einen schnellen Kuss, bevor ich mich von ihm losmache, weil mein Handy klingelt. Mit einem entschuldigenden Blick hebe ich das Gerät ans Ohr und begrüße Maik Christensen, während mir klarwird, dass ich vollkommen vergessen habe, ihm Bescheid zu sagen!

Hallo Maik, tut mir leid! Ich hab …“

Schon gut, Kim. Hallo. Ich habe gerade mit William gesprochen. Wie geht es euch?“

Ich bin erleichtert, dass er mir meine Schusseligkeit nicht nachträ gt, und sehe meinen Maik an. „Dann bin ich beruhigt. Es geht uns gut, dein Sohn steht neben mir, möchtest du ihn sprechen?“

Wenn er reden möchte, gern!“

Ich reiche Maik das Handy und er hebt es sofort ans Ohr. „ Hi Maik.“

Neben mir her geht mein Lö wenherz über den Hof und redet mit seinem zweiten Vater. Es klingt beinahe normal. Dennoch bin ich mir sicher, dass auch Christensen die kleinen Zögerer bemerkt, wenn mein Maik antwortet. Nun ja, die beiden werden einfach Zeit brauchen. Und wie es aussieht, werden wir davon jede Menge haben.

An der Freitreppe zum Gutshaus bleibt Maik zurück, während ich hineingehe, um endlich diese vermaledeiten Papiere aus Lus Schreibtisch zu holen.

Wenn sie wirklich der einzige Hinweis auf ungeset zliche Machenschaften sind, müssen sie dringend hier weg.

Ich finde sie sofort, schnappe mir eine der gr oßen Versandtaschen, die unterhalb der Regale in einem Schrank liegen, und schiebe den ganzen Stapel Durchschläge hinein. Schon fast ruckartig klebe ich das Kuvert zu und verlasse nach einem schnellen Rundumblick das Büro wieder.

Gedanklich plane ich schon , auch diesen Raum vollkommen neu einzurichten.

Es ist vielleicht verrü ckt, diese schönen, alten Möbel loswerden zu wollen, aber aus mehreren, für mich durchaus einleuchtenden Gründen kann und will ich den ganzen Lu-Ballast, der auf dem Gutshaus liegt, loswerden.

Mit dem Umschlag unter dem Arm gehe ich zurü ck zu Maik, der telefonierend auf der zweiten Stufe der Freitreppe sitzt und die Ellenbogen auf die Knie gestellt hat.

Ich gehe kurz in mein Büro“, sage ich, als er mich anblickt, und verschwinde genau dorthin.

Der Umschlag soll zu Lus Anwalt, dessen Nummer habe ich im Festnetztelefon meines Arbeitszimmers gespeichert, und ich rufe ihn sofort an.

Die Sekretärin gibt mir einen Termin für den morgigen Vormittag, was mir zwar nicht gut gefällt, weil ich die Papiere lieber heute noch losgeworden wäre, aber da Doktor Krecht heute sowieso nicht mehr in seiner Kanzlei anzutreffen ist, spielt es wohl keine Rolle.

Ich ü berlege, ob ich den Umschlag gleich ins Auto legen oder mit in meine Wohnung nehmen soll. Immerhin ist das hochgradig illegales Zeug, auch wenn man es nicht auf den ersten Blick erkennt.

Schließ lich ringe ich mich dazu durch, die Versandtasche in den Safe zu packen, damit niemand zufällig drüber stolpern kann.

Verrü ckt, aber ich habe gerade wirklich Angst, dass jetzt, quasi auf den allerletzten Metern in die Befreiung, doch noch etwas schiefgeht. Immerhin ist mir vollkommen klar, dass Maik und ich als neue Besitzer des Feuerrieds auch für diesen Kram geradezustehen hätten.

Mein Blick fä llt auf den Kalender, heute ist Freitag, am Mittwoch beginnt Jeremys Turnier, ab Donnerstag sind Claire und William Dexter hier. Bis dahin will ich einiges geregelt haben.

Ich greife nach dem Mobilteil des Festnetzes und lasse mich in meinen Bü rostuhl sinken, während ich den PC hochfahre, um eine Telefonnummer zu ergoogeln.

Aber bevor ich das mache, wä hle ich eine andere Nummer.

Benecke?“, dringt die Stimme meiner Oma aus dem Hörer an mein Ohr.

Hallo Oma! Ist Mama zuhause?“

Ja, Kim. Moment.“ Ich weiß genau, sie hat das Mobilteil vom Ohr genommen und geht nun durch die Räume in den großen Flur, um nach ihrer Tochter zu brüllen. „Merit! Telefon!“

Ich bin zu langsam, jetzt klingelt mein Ohr und ich lausche stirnrunzelnd darauf, die schnellen Schritte oder die Antwort meiner Mutter zu hören. Einen Moment lang frage ich mich, wieso ich Trottel nicht einfach das Handy meiner Mutter angewählt habe, aber die Nummer konnte ich mir noch nie merken, und da Maik noch mit meinem Smartphone telefoniert, blieb mir ja letztlich nichts anderes übrig.

Kim? Wie geht es dir?“, dringt die leicht gehetzt klingende Stimme meiner Mutter an mein Ohr.

Hallo Mama, mir geht es … Ehrlich gesagt, geht es mir super! Ich wollte dich fragen, ob du dieses Wochenende schon etwas vorhast.“

Sie schweigt ku rz, doch dann sagt sie: „Nein, ich habe frei. Wollte mal in Ruhe zum Friseur und ein wenig ausspannen, aber ansonsten liegt nichts an. Was ist denn los, mein Junge?“

Ich grinse breit. So hat sie mich immer genannt  …

Na ja, ich würde dir gern ein paar richtig tolle Neuigkeiten verkünden, aber lieber nicht am Telefon … Könntest … also, hättest du Zeit und Nerv, herzukommen?“

Auf das berühmt-berüchtigte Feuerried?!“

Ja, Mama. Ich würde mich wahnsinnig freuen, dir jemanden vorstellen zu können.“

Nein!“, fällt sie mir mit staunendem Ton ins Wort. „Du hast dich verliebt!“ Sie lacht so fröhlich und überdreht auf, dass sie mich damit ansteckt.

Ja, könnte man so sagen“, bekenne ich und staune nun meinerseits, wie genau meine Mutter mich doch kennt, wenn sie aus meiner Aussage diese Information herauslesen kann.

Mir wird ganz warm in der Brust, weil es mir zeigt, wie sehr sie mich liebt, auch wenn wir uns nicht mehr so wahnsinnig oft sehen. Zuletzt war ich vor etwa drei Monaten im Norden.

„Ich freue mich so sehr für dich, Kim! Okay, dann sollte ich dafür sorgen, dass ich heute noch zum Friseur komme und mich morgen früh ins Auto setzen kann.“

Ich liebe diese ü berdrehte Art meiner Mutter sehr. Sie zeigt das wirklich nicht oft. Immerhin ist sie ansonsten eine typische, norddeutsche Frau. Herzlich und offen, aber doch eher beherrscht in ihrem Benehmen.

Bringst du Eike mit?“, frage ich. „Dann lasse ich im Gutshaus ein Doppelzimmer für euch herrichten.“

Sie schnaubt leise und unwillig. „ Vergiss Eike. Dieses Windei! Ich könnte …! Nein, das erzähle ich dir dann lieber in einer ruhigen Minute am Wochenende, ja?“

Klingt … na ja, gut wäre das falsche Wort, aber, ja. Ich freue mich sehr auf dich, Mama!“

Wir verabschieden uns und ich grinse das Mobilteil noch ein paar Sekunden lang verblödet an. Sie ist diesen Trottel Eike los?

Ich bekenne, ich habe ihn nie leiden kö nnen. Aber meine Mutter war nach dem Tod meines Vaters fast zwanzig Jahre lang allein und ich habe wirklich für sie gehofft, dass der LKW-Fahrer, den sie durch die Anlieferungen beim Supermarkt, in welchem sie arbeitet, kennengelernt hat, ihr guttut und für sie da ist.

Nun ja, es sieht so aus, als hä tten wenige Monate das Gegenteil erwiesen …

Der PC ist lä ngst hochgefahren und ich kümmere mich erst einmal um die nächste Planung. Maik und Maik sprechen anscheinend noch, das ist gut!

Die nä chsten drei Telefonate lang muss ich zeigen, wie unnachgiebig und bestimmt ich sein kann. Schließlich habe ich die jeweiligen Gesprächspartner zu einem Ortstermin am Dienstag bewegen können. Alle drei sollen mir genau erklären, ob sie realisieren können, was ich plane.

Ein wenig geschafft, aber sehr zufrieden verlasse ich mein Bü ro und finde Maik noch immer telefonierend auf der Freitreppe.

Ich stehle mir einen schnellen Kuss und gehe zum Außenspringplatz, um mit Jeremy zu reden.


Newsflash

 

C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\maiktest.jpg

Es ist schon irgendwie verrü ckt, dass ich mir fast zwei Stunden lang den Hintern auf der Freitreppe plattgesessen habe, weil mein … zweiter Dad und ich uns einfach heillos verquatscht haben.

Ich b ehalte das Smartphone in der Hand, um es Kim gleich wiederzugeben, wenn ich ihn finde. Noch immer schüttle ich grinsend den Kopf über Maik und mich und reibe mir mein im wahrsten Wortsinne heißtelefoniertes Ohr.

Vor etwa einer halben Stunde ist Kim in Rich tung Außenreitplatz marschiert, ob er von dort schon zurückgekommen ist, habe ich während des Telefonats wirklich nicht mitbekommen. Deshalb mache ich mich als Erstes auf den Weg dorthin.

Jeremys auf und ab hü pfenden Blondschopf unter der Reitkappe erkenne ich sofort. Er sitzt auf Timeons Zaphiras Dream und winkt mir zu, als ich neben Kim an das Gatter des Platzes trete, um meinen Freund zu umarmen.

Hey“, sage ich leise und grinse ihn entschuldigend an, während ich ihm sein Handy hinhalte.

Hey, du Tratschtante“, sagt er lachend und lehnt sich an mich, sobald er das Telefon übernommen hat. „Hätte nicht gedacht, dass du überhaupt so lange telefonieren kannst, geschweige denn mit einem anderen Mann.“

Ganz ehrlich, ich auch nicht!“, entgegne ich lachend.

Ich hab mit meiner Ma gesprochen“, erzählt Kim und ich berichte ihm im Austausch dafür von meiner Telefonorgie mit Maik. Das heißt, ich versuche es, denn, um ehrlich zu sein, weiß ich auch durch Kims Nachfragen noch nicht so ganz, worüber mein zweiter Dad und ich eigentlich so lange geredet haben.

Jeremy beendet das Training vorzeitig und sitzt ab, bevor wir ihm das Tor ö ffnen können.

Sie bewegt sich seltsam, kannst du dir das bitte mal ansehen?“, fragt er mich und ich folge ihm zum Stall.

hrend er sie zum Hof und dort ein wenig hin und her führt, beginne ich bereits zu nicken und bitte meinen besten Freund, die Stute festzuhalten.

Kim tritt genauso an ihre linke Hinterhand heran wie ich. Natü rlich, er sieht das Gleiche, wenn nicht sogar mehr als ich, sobald es um die Befindlichkeiten seiner Schützlinge geht.

Ich habe Zaphiras Bein bereits abgetastet und schü ttle den Kopf. Keine sichtbaren oder spürbaren Verletzungen an den Fesseln.

Muss ihr Huf sein, vielleicht hat sie sich was eingetreten“, bemerke ich und tausche einen Blick mit Kim.

Ich hole einen Hufkratzer, bringt sie in die Stallgasse, ja?“, damit wendet Kim sich auch schon zum Gehen; Jeremy und ich folgen ihm mit Timeons Stute.

Kim hat nä mlich absolut recht, ohne den Sand und Dreck aus dem Huf zu kratzen, werden wir nicht sehen, wieso das Pferd nicht mehr voll auftritt.

Jeremy nimmt Zaphira das Zaumzeug ab und streift ihr ein Halfter ü ber, um sie in der Stallgasse vor ihrer Box anzubinden, ich kümmere mich um den Sattel und übernehme auch die Trense, um beides in die Sattelkammer zu bringen. Natürlich nicht, ohne das Gebiss des Zaumzeugs vorher abzuwaschen.

Auf dem Weg treffe ich Kim, der mich strahlend a nlächelt und es sich nicht nehmen lässt, mir – bepackt, wie ich bin – einen schnellen Kuss zu stehlen.

Ich liebe dich“, raune ich ihm zu und kehre nach wenigen Augenblicken zu ihm und Jers zurück.

Kim hat den Huf von Zaphira bereits ausgekratzt und wackelt prü fend am Hufeisen. Es sitzt fest, das sehe ich genauso deutlich wie er selbst.

Lass mich bitte nachsehen“, sage ich und taste mit den Fingern am Strahl herum. An einer Stelle habe ich Mühe, ihre angewinkelte Hinterhand festzuhalten. „Sie reagiert sehr empfindlich. Ich muss das auswaschen und ansehen.“

Als ich aufsehe, entdecke ich, dass Kim bereit s losgegangen ist, um einen Eimer Wasser zu organisieren. Ich setze den Huf ab und rede ebenso beruhigend auf Zaphira ein wie Jeremy. Derweil suche ich in dem, was Kim aus ihrem Huf gekratzt hat, nach einem potentiellen Schmerzverursacher.

Ich finde einen abgebrochenen Nagel in den Sandbrocken und seufze tief auf. Wenn der Rest davon noch in ihrem Hufgewebe steckt, muss ich es aufschneiden, um es zu säubern.

Kim kehrt mit dem Eimer und einem grobporigen Schwamm zurü ck; ich halte Zaphiras Hinterhand, während mein Freund die letzten Reste des Drecks vorsichtig abwäscht.

Anschließ end schaue ich mir alles noch einmal genau an, entferne den tatsächlich noch in Zaphiras Huf steckenden Nagel und entscheide mich dafür, den Huf mit einem Angussverband vor einer Infektion zu schützen.

Ich habe gerade den Kanister mit dem kü hlenden Desinfektionsmittel wieder verschlossen, als Timeon mit Don Juan in den Stall zurückkehrt.

Was ist mit Zaphira?!“, fragt er sofort und mustert uns drei der Reihe nach.

Sie hat sich einen Nagel eingetreten, alles schon sauber und verarztet“, erwidere ich möglichst ruhig und sehe blinzelnd dabei zu, wie mein er Timeon die Zügel von Don Juan abnimmt und ihn versorgt, damit der Kleine nach seiner Stute sehen kann.

Was die beiden murmeln, verst ehe ich nicht, doch sie sprechen kurz und Timeon führt Zaphira in ihre Box, während Jers Don Juan von Zaum und Sattel befreit.

Kim wirft mir einen Blick zu und hilft Jeremy, wä hrend ich Timeon nun genau erkläre, was ich getan habe.

Er murmelt fortwä hrend auf Zaphira ein und krault sie innig, während er sich beinahe an ihren Hals hängt. Ein irgendwie … anrührendes Bild, auch wenn ich Timeons Reaktion schon übertrieben finde. Immerhin hat sie sich nicht ernsthaft verletzt, und Jers hat sofort reagiert, als er es bemerkt hat.

Bedank dich bei Jers, dass er sofort abgestiegen ist und mich um Hilfe gebeten hat“, sage ich leise und wende mich ab, sobald ich Timeons Augen aufleuchten und ihn nicken sehe.

Mach ich“, verspricht er und versorgt Zaphira mit einem Apfel, bevor er sich zu Jeremy und Don Juan gesellt.

Kim und ich verlassen den Stall, immerhin habe ich ihm noch einiges zu erzä hlen.

~*~

 

Beim Abendessen berichtet Kim Jers und mir, dass morgen seine Mutter ankommt. Ich bin ziemlich g espannt und würde am liebsten tausend Fragen stellen.

Immerhin hat er bisher nur sehr wenig ü ber sie erzählt.

Dass sie Merit heiß t und ziemlich jung ist, zum Beispiel. Sie hat Kim mit zwanzig bekommen, was im Klartext bedeutet, dass sie seit ihrem 24. Lebensjahr verwitwet ist.

Sie hat nie wieder geheiratet“, murmelt er, während ich ihn ebenso aufmerksam ansehe wie Jeremy.

Wieso nicht? Ich meine, sie war echt jung!“, entfährt es diesem, bevor er sein Colaglas an den Mund setzt und Kim über dessen Rand hinweg ansieht.

Sie wollte nie.“ Kim zuckt die Schultern. „Ich vermute, weil sie ihre wenige Zeit lieber mir gewidmet hat. Sie arbeitet seit Ewigkeiten in einem Supermarkt im Nachbarort. Die Arbeitszeiten im Einzelhandel sind ja immer mieser geworden, deshalb war es ganz gut, dass wir auf dem Hof meines Opas gewohnt haben, und Oma sich um mich kümmern konnte, wenn ich aus dem Kindergarten oder aus der Schule kam.“

hrend ich Kims Worten lausche, denke ich darüber nach, dass wir in bestimmten Punkten eine sehr ähnliche Lebensgeschichte haben.

Auch wenn mein Vater nicht tot ist, habe ich doch wenig, bis nichts von ihm gehabt, und genau wie Kim bin ich mehr oder weniger bei den Eltern meiner Mutter aufgewachsen. Schon verrü ckt, dass mir das jetzt so auffällt.

Du wirst sie mögen“, sagt Kim und lehnt sich über den Tisch, um meine Hand zu ergreifen. „Sie wusste sofort, dass es eine gravierende Veränderung bei mir gegeben haben muss, als ich sie vorhin angerufen habe.“

So? Meinst du, ihr mütterlicher Instinkt hat zugeschlagen?“, erkundige ich mich kichernd und ziehe ihn zu mir auf den Schoß, ohne auf Jeremys leises Seufzen einzugehen.

Na ja, sie fand immer sehr schade, dass ich nie was Festes hatte. Natürlich weiß sie nichts von dem Deal mit Lu, aber ihr war wohl immer klar, dass ich mir meinen Spaß hole und fertig.“

Ich ziehe ihn noch dichter an mich und schicke ein Stoß gebet gen Himmel, dass diese Zeiten vorbei sind, und Kim zu mir gehört wie ich zu ihm.

Wir rä umen gemeinschaftlich den Tisch ab und schaffen gerade so noch einen Film, bevor wir mit maulsperrverdächtigem Gähnen in unsere Schlafzimmer schleichen.


Samstag , 10. August


Blitzlichtgewitter

C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\kimtest.jpg

 

Der Samstagmorgen beginnt wie ü blich mit Kaffee und einem kurzen Gespräch mit Maik und Jeremy.

Verrü ckt, dass ich so denke, denn ‚wie üblich‘ ist eindeutig relativ. Immerhin ist normalerweise weder Jeremy hier auf dem Feuerried noch ist derzeit irgendetwas wirklich üblich.

Im Stall treffen wir auf die anderen, sogar Timeon ist bereits anwesend und nicht nur ich beobachte e rstaunt, dass er und Jeremy sich offensichtlich noch immer in einer Art Waffenruhe befinden.

hrend wir alle Pferde putzen und auf die Weiden bringen, fliegen freundliche Scherze über die Stallgasse und den Außenputzplatz. Gelächter und eine deutlich entspannte Gemütshaltung hat uns alle offensichtlich fest im Griff. Vielleicht liegt es daran, dass die Sonne bereits jetzt angenehm wärmend vom Himmel brennt und uns zusätzliche gute Laune beschert.

Als gegen halb zehn, direkt nach der Frü hstückspause bei Theodora ein Anruf auf meinem Diensttelefon eingeht, beginnt der echte Trubel des Tages schon vor der Ankunft meiner Mutter.

Drei Wagen kommen wenig spä ter die lange Einfahrt zum Gestüt herauf und ihnen entsteigen nicht nur Kommissar Wilmers und eine Kollegin, sondern auch zwei Teams von einer überregionalen Zeitung und einem Fernsehsender.

Ich staune ü ber Letzteres, da es sich keineswegs um einen kleinen Lokalsender handelt.

Guten Morgen, Herr Andreesen, Herr Dexter“, begrüßt Wilmers uns und stellt seine uns unbekannte Kollegin, Frau Seifert, vor.

Guten Morgen. Sind das die Medienteams?“, erkundige ich mich und deute über den Hof, auf welchem bereits geschäftig ausgeladen und nicht eben leise gesprochen wird.

Wilmers nickt ebenso wie Seifert. „ Das Radioteam fehlt noch, sie hatten vorher noch einen anderen Termin, der sich verzögert hat.“

In Ordnung, dann dürften sie sich ja am Tor melden.“

Sie haben die Sicherheitsvorkehrungen noch verstärkt?“, fragt Frau Seifert.

Wie man es nimmt. Der private Sicherheitsdienst macht weiterhin seine Runden um die Grenzen des Geländes, das auch in höheren Frequenzen, aber an den Kontrollen am Tor hat sich nichts geändert“, gebe ich erklärend zurück und ernte ein verstehendes Nicken.

Wie geht es dem Pferd, das so schlimm verletzt wurde?“, will sie wissen. Ich mustere die Frau, während diesmal Maik die Antwort übernimmt, und er sie auf den neuesten Stand bringt.

Frau Seifert ist irgendwo Anfang dreiß ig, vermute ich. Sie trägt ihr blondes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden und wirkt damit recht streng. Ihre wasserblauen Augen sind wachsam und ich habe den Eindruck, dass sie sich wirklich für Möhrchens Wohlergehen interessiert. Die Kommissarin ist recht zierlich, jedenfalls müssen wir alle auf sie herabsehen, was ihrer Autorität jedoch keinen Abbruch tut. Sie wirkt insgesamt etwas wacher und fitter als Wilmers, aber sie ist auch erst seit kurzem an diesem Fall beschäftigt.

Zehn Minuten spä ter rollt ein weiteres Fahrzeug auf den Hof – die Radiocrew.

Alle Gruppen wuseln nun in Begleitung über das Gelände, Tom übernimmt die Zeitungsleute, Lukas die vom Radio und nach einigem Hin und Her nötigt das Team des Fernsehsenders Maik und mich, uns vor die Kamera zu stellen.

Rainer Nebeling, RTL. Ich bin wirklich sehr froh, dass Sie sich dazu entschlossen haben, diesen Fall publik zu machen!“

Es erschien nötig, da ansonsten keinerlei Hinweise mehr zu erwarten waren“, erwidere ich freundlich und überlege, ob nicht eigentlich wir dankbar sein müssten.

Dann erzählen Sie mal, was genau passiert ist. Wo befanden Sie sich, als die Schüsse ertönten? Was haben Sie zuerst getan?“ Der dunkelhaarige Reporter, der mit uns vor der Kamera stehen und berichten soll, wedelt mit ein paar Zetteln herum, hält ein längliches, sehr plüschig aussehendes Mikrofon und lächelt uns abwechselnd an.

hrend ich den Hergang schildere, gehen wir, gefolgt von seinem Team, über das Gelände, zur Rückseite des Stalles, wo wir alle gesessen haben, weiter zu den Weiden.

Ah! Dieser Ausblick! Das hier will ich als Einstellung für den Vorfilm.“

Vorfilm?“, fragt Maik, bevor ich es kann.

Herr Nebeling nickt eifrig. „ Wir werden den Tathergang in einem Kurzabriss vor dem Interview mit Ihnen als Off-Text bringen. Dieser Off-Text wird von der wunderbaren Landschaft und kurzen Impressionen des Gestüts unterlegt, damit die Zuschauer sehen, wie idyllisch und ruhig es hier normalerweise zugeht. Wenn möglich, würden wir auch gern das Tor und die Sicherheitskräfte in einer Einstellung zeigen.“

Der Enthusiasmus des Reporters wird von Kommi ssarin Seifert jäh gestoppt. „Herr Nebeling, die Sicherheitsvorkehrungen werden in groben Zügen erwähnt, sprechen Sie von mir aus von hermetischer Abriegelung, aber Sie werden keinerlei Aufnahmen vom Wachpersonal oder dem Tor machen!“

Ich ziehe staunend die Augenbrauen hoch und fange ein breites Grinsen vom neben ihr stehenden Wilmers auf.

Mir gefä llt, wie die beiden Polizisten in Zivil das regeln wollen und auch, dass sie offensichtlich komplett im Sinne des Feuerrieds handeln.

Schon gut!“, murrt Nebeling und ich muss mir ein Kichern ernsthaft verbeißen.

Zu den Weiden begleiten wir d ie Kameraleute ebenfalls, dort richten sie sich erst einmal ein, um den Vorfilm zu drehen.

Frau Seifert verspricht, dabei zu bleiben, um Nebeling – wie sie sagt – von weiteren blöden Einfällen abzuhalten.

Maik und ich werden vorerst nicht gebraucht, zu unserem Erstaunen dauert nä mlich allein der Dreh des Vorfilms schon ein paar Stunden.

Nun ja, mir soll es recht sein. Zumal die Kommissarin ja aufpassen wird.

Als wir begleitet von Wilmers auf den Hof zurückkehren, kommt uns eine leicht aufgebrachte Theodora entgegen.

Kim! Also du könntest mir ruhig Bescheid sagen, wenn so viele Personen zum Essen hier sein werden!“, fährt sie mich an und erntet ein Lachen von uns.

Ganz ruhig, Theodora, ich wollte dir gleich sagen, was hier abgeht. Das sind die Leute, die sich um die Berichterstattung kümmern, damit wir vielleicht doch noch einen brauchbaren Hinweis aus der Bevölkerung erhalten.“

Und ob sie zum Essen bleiben, weiß ich nicht. Aber wenn du der Kollegin von Kommissar Wilmers einen Gefallen tun magst, sie kann sicherlich einen starken Kaffee vertragen, während sie die Fernsehfritzen beaufsichtigt“, setzt Maik hinzu.

Oh ja, da würde sie sich sehr freuen. Ich habe Carina nicht ohne Grund gebeten, an dem Fall mitzuarbeiten. Sie schlägt sich ziemlich oft mit diversen Mediengruppen herum und hat einige Erfahrung.“ Wilmers lächelt und ich kann förmlich zugucken, wie Theodoras Zorn verraucht.

Na, dann kommen Sie mal“, sagt sie zu ihm und wendet sich um. „Wir wollen ja nicht, dass Ihre Kollegin auf dem Trockenen sitzt.“

Maik und ich sehen der Haushä lterin grinsend nach und fangen einen belustigten Blick von Wilmers auf, der mit ihr in Richtung Freitreppe verschwindet.

Okay, ein paar Stunden Ruhe scheinen wir zu haben, bevor wir vor die Kamera müssen“, sage ich und weiß, dass Maik mir meine Erleichterung anhören kann.

Dass ein so gutaussehender Mann wie du so kamerascheu ist … einfach unglaublich!“ Er zieht mich an sich und lacht leise. „In der Zeit sollten wir aber mal schauen, was Radio und Zeitung grade machen.“

Guter Vorschlag! Ich hoffe nur, dass die alle weg sind, bevor meine Mutter hier antrabt und allen erzählt, was für ein niedliches Baby ich war …“, murre ich, nur, um ein weiteres Lachen zu ernten.

Ge meinsam verschwinden wir im Stall und helfen den Verbliebenen beim Großputz, nachdem wir Tom und Lukas kurz besucht haben.

Wie sich herausstellt, hat die findige Kommissarin zusammen mit Wilmers eine Press emitteilung aufgesetzt, an die sich die kooperierenden Medien zu halten haben. Darin steht, wie ich selbst nachlesen kann, nicht, was die Herrschaften im Detail sagen sollen, aber die Auflage für die Erlaubnis zur Berichterstattung lautet, dass alle den Aufruf zur Mithilfe an die Bevölkerung im selben Wortlaut abzuliefern haben. Mitsamt Kontaktdaten und Hotline-Nummern.

r mich klingt das sehr ausgefuchst und wohlüberlegt, zudem haben Lukas und Tom anscheinend alles im Griff, weshalb unsere Anwesenheit nicht zwingend erforderlich ist.

Um kurz vor zwö lf müssen Maik und ich dann zum Dreh antreten, was mir wohl nur gelingt, weil er neben mir steht. Wir erzählen, wie mit Wilmers und Seifert abgesprochen, noch nichts vom Besitzerwechsel des Feuerrieds, dafür aber von der Belohnung, die für sachdienliche Hinweise ausgesetzt wurde.

Die Versicherung des Gestü ts besteht nämlich darauf, den Täter zu schnappen. Da ich der gleichen Ansicht bin, fiel es mir nicht schwer, die von der Versicherung angebotene Summe aus dem fließenden Vermögen des Gestüts zu verdoppeln.

Dies er Anreiz wird hoffentlich das Gedächtnis der Bevölkerung beflügeln …

~*~

Nach dem Mittagessen kehrt wieder Ruhe ein, zumindest fast, denn gegen 14 Uhr meldet mir der Wachhabende am Tor die Ankunft meiner Mutter. Kurz darauf fährt der steinalte Golf knatternd auf den Hof und ich bin versucht, diese Anhänglichkeit an das erste Vehikel, das mein Vater und sie sich zusammen gekauft haben, zu verfluchen.

Maik und ich gehen gemeinsam auf das Gutshaus zu, vor welchem sie eingeparkt hat, und uns nun entg egenkommt.

Kim!“, brüllt sie und ich frage mich, wohin ihre nordisch-kühle Art verschwunden sein mag. „Ich freue mich ja so, dich zu sehen!“

Meine Mutter ist ein Stü ckchen kleiner als ich und fällt mir anstandslos um den Hals, kaum dass wir uns erreicht haben. Maik neben mir kichert leise. Ich bin mir sicher, dass Helen so eine Szene niemals bringen würde.

Mama!“, murre ich, kann dann aber nichts mehr dagegen tun, dass mich ihre Nähe und Anwesenheit mit richtig viel Freude überrollen, weshalb mein Ton sofort deutlich freundlicher wird. „Schön, dass du da bist!“

Ich hab dich vermisst, Kim“, murmelt sie an meiner Schulter und zieht mich zu einem schnellen Kuss zu sich herab. Danach nimmt sie beinahe abrupt Abstand, richtet ihre lange, dunkelrote Bluse und wendet sich grinsend an Maik.

Sie sind also der Glückliche, der meinen Sohn dazu überreden konnte, mehr als nur ein wenig Spaß zu wollen?“, fragt sie unverblümt und streckt ihm mit einem strahlenden Lächeln die Hand hin.

Maik ergreift sie nickend. „ Maik Dexter, freut mich. Und ja, das war zwar mehr ein gegenseitiges Ding, würde ich sagen, aber Sie haben schon recht: So viel Glück hat nicht jeder.“

Hallo Maik, ich bin Merit. Und gesiezt werden is nich!“ Sie lacht herzlich, und bevor Maik oder ich es richtig kapieren, hat sie aus dem Handschlag eine Umarmung gemacht, die sich mein Freund unerwartet gut gefallen lässt.

Schnell lö st meine Mutter jedoch auch diese und steht grinsend vor uns. „Na schön, das also ist das Feuerried …“ Sie dreht sich ein wenig und deutet um uns herum.

Ja, das ist es. Wir sollten aber erst dein Zeug ausladen und dir deine Unterkunft zeigen“, schlage ich vor und ernte Nicken, während ich an den Wagen herantrete und den Kofferraum öffne.

Neben einem kleinen Rollkoffer und einem desig ntechnisch daran angepassten Beautycase liegt noch eine offene Tasche, aus der die Schäfte von Stiefeln ragen. Ich drehe mich zu ihr um. „Du willst reiten?“

Meine Mutter lacht auf. „ Na, hör mal, ich bin hier auf einem der renommiertesten Gestüte Deutschlands, natürlich würde ich gern ein wenig reiten …“

Maik und ich schnappen uns das Gepä ck meiner Mutter, während sie noch einmal an der Fahrertür abtaucht, um ihre Handtasche vom Beifahrersitz zu fischen.

Ich habe sie in Maiks Ferienwohnung eingeplant, dann hat sie kein en weiten Weg zu uns und kann sich nicht im Gutshaus verlaufen, was wirklich zu ihr passen würde.

Kaum haben wir ihre Sachen in die lä ngst von Maik geräumte Wohnung gebracht, da dreht sich meine Mutter zu uns um und mustert uns deutlich ernster als bisher.

Okay, Jungs, dann mal raus mit der Sprache.“ Mehr sagt sie nicht, aber spätestens Maiks und meine ertappten Blicke reichen ihr wohl als Bestätigung dafür, dass weit mehr passiert sein muss, als nur unsere Beziehung.

Eigentlich wollte ich dir das nicht zwischen Tür und Angel erzählen, Mama …“, beginne ich, doch sie winkt augenblicklich ab.

Quatsch keine Opern, Kim! Was ist hier los?“

Komm, wir gehen in meine Wohnung“, sage ich fest und wende mich zum Gehen. Maik folgt meiner Mutter, die sich murrend und leise vor sich hin meckernd dazu bequemt, mitzukommen.

In meiner Kü che setze ich mich mit ihr an den Tisch, während Maik sich um Kaffee kümmert.

Die Ungeduld meiner Mutter lä sst uns aber keine Zeit, wenigstens von den Bechern zu nippen, bevor sie endlich wissen will, was passiert ist.

Ich strecke mich ü ber den langen Tisch und ziehe den großen Umschlag heran, hole die Mappe mit der Schenkungsurkunde hervor und schiebe sie ihr hin.

Also … die zweitwichtigste Neuigkeit … Das Feuerried gehört zu gleichen Teilen Maik und mir“, kommentiere ich und kann zum ersten Mal wirklich über diesen Umstand lächeln, während meiner Mutter kurzfristig sämtliche Gesichtszüge entgleiten.


Merit

 

C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\maiktest.jpg

Ich schiebe Merit den Kaffeebecher zu und sinke ü bergangslos an meinen Platz, während ich fasziniert beobachte, wie sie auf diese Neuigkeit reagiert.

Dass Kims Mutter nicht ganz dem entspricht, was ich vermutet hä tte – eine vielleicht ein wenig verbitterte Frau, die viel zu früh ihren Mann und den Vater ihres Sohnes verloren hat – sehe ich seit ihrer Ankunft. Sie ist eher eine Art menschlicher Gummiball mit zwei verschiedenen Gesichtern, die sich wunderbar ergänzen.

Einerseits ist Merit Andreesen sehr quirlig und strahlt eine Lebendigkeit aus, die ihresgleichen sucht, and ererseits hat sie den Ernst und die Weisheit, die man angesichts ihres Alters erwarten will.

Merits Gesicht zeigt verschiedene Emotionen. Z unächst Verwirrung und mühsames Verständnis, ich kann förmlich sehen, wie sie nachfragen will, ob Kim sie auf den Arm nimmt. Danach sammelt sie sich, schüttelt ganz kurz und kaum merklich den Kopf, als wolle sie ihn klären, um sich ein paar Sekunden später über das Schriftstück zu beugen, das Kim ihr hingeschoben hat.

Sie liest es, murmelt den Text halblaut mit, was ich irgendwie seh r liebenswert finde, vermutlich, weil mir das – gerade wenn ich deutsche Texte lese – auch schnell passiert.

Sobald sie damit fertig ist, sieht sie auf, mustert uns nacheinander und beginnt ganz zaghaft zu lä cheln. Trotzdem komme ich nicht umhin, den Vergleich zu einer aufgehenden Sonne zu ziehen, denn schließlich strahlt Merit wie eine Megawatt-Lampe.

Das ist echt? Ludwig van Keppelen hat euch sein gesamtes Gestüt mit allen Tieren und Ländereien überschrieben? Aber wieso?!“

Tja, diese Frage zu beantworten ist eigentlich doch ganz leicht, nicht wahr?

Andererseits birgt sie ein paar dermaß en unschöne Wahrheiten, dass ich mir zu hundert Prozent sicher bin, Kim wird kein Sterbenswörtchen darüber verlieren.

Gespannt sehe ich ihn an, vielleicht auch hilfes uchend, denn es ist ganz sicher nicht meine Absicht oder mein Wunsch, diese freundliche Frau anzulügen.

Kim nickt beschwichtigend in meine Richtung, so dass ich ein erleichtertes Aufatmen mühevoll unterdrücken muss.

Ich bin schon seit langem als sein Alleinerbe eingesetzt, Mama. Deshalb hat Lu mich doch so jung schon zum Gestütsleiter gemacht und mich diese ganzen Ausbildungen machen lassen“, beginnt Kim und ich bewundere ihn insgeheim dafür, so wahrheitsgetreu bleiben zu können, ohne den letztlichen Auslöser erwähnen zu müssen.

Hm, das weiß ich ja, aber … ‚Alleinerbe‘ bedeutet für mich, dass van Keppelen tot sein müsste …“, wirft sie zweifelnd ein.

Nein, nein. Er wollte immer vom Feuerried weg und hat mich quasi zum Nachfolger in allen Belangen erklärt. Und das eben zu seinen eigenen Lebzeiten, weil er irgendwo anders hin wollte.“

Kims Erklä rungen sind glaubhaft und liegen so dicht an der Wahrheit, dass ich dem nichts hinzuzufügen habe. Deshalb nicke ich hin und wieder bestätigend.

Und mit euch beiden … das ist so ernst, dass ihr beschlossen habt, Punkt 4 in Kraft treten zu lassen?“, hakt Merit nach und lächelt noch strahlender. Irgendwie hoffnungsvoll.

Meine Gü te, hat sie so sehr darunter gelitten, dass Kim nichts Festes wollte und hatte?

Kim nickt ebenso wie ich. „Ja. Ohne Maik würde ich das Ganze ausschlagen. Ich will mit ihm … na ja, alt werden. Hier oder sonst wo. Mir egal.“

Wobei es schon ein echter Glücksfall ist, dass Ludwig so entschieden hat …“, setze ich hinzu. „Ich könnte auch wunderbar damit leben, dass alles Kim gehört, aber er will es anders und ich bin einverstanden.“

Ihr seid echt …! Mir fehlen die Worte, Jungs!“, entfährt es Merit und sie fängt Kims strafenden Blick auf, was ihre Augen belustigt funkeln lässt.

Ja, ich weiß, ihr seid keine Jungs, sondern erwachsene Männer“, lenkt sie ein und mustert mich erneut. „Was machst du beruflich, Maik? Wirst du hier arbeiten können?“

Ich bin Tierarzt.“

Wir planen, hier eine Praxis für Maik zu eröffnen und er will sich um unsere eigenen Tiere kümmern.“

Merit blickt uns an, blinzelt ein paarmal und sagt: „ Das ist ja perfekt!“

Da kann ich wirklich nur zustimmen, aber dieses Wö rtchen benutze ich ja seit Wochen nur noch, wenn es um Kim geht.

hrend wir unsere Kaffees austrinken, unterhalten wir uns nett mit Merit, die mir von Minute zu Minute sympathischer wird.

Sie ist ganz anders als meine Mutter, das wird ebenso immer klarer. Natü rlich war Helen vor dem ganzen Theater und vor allem, bevor ich alles erfahren habe, sehr liebevoll und eben eine gute Mutter, aber Merit … Ich weiß auch nicht, sie ist irgendwie cooler.

Kim liebt sie sehr und sie liebt Kim, das kann ich in jedem Blick erkennen, den sie tauschen. Ich komme aus dem Lä cheln gar nicht heraus und werde mir erst so richtig darüber klar, als Kim sich an mich lehnt und mich küsst.

Ihr seid so süß!“, entfährt es Merit und sie schlägt sich kichernd die Hand vor den Mund, als sie unsere strafenden Blicke sieht.

Kim schnaubt leise, beginnt dann jedoch zu grinsen und ich ziehe ihn dichter an mich.

„Sind wir, aber nur privat. Also lass dir bloß nicht einfallen, so etwas außerhalb dieser Wohnung zu sagen“, warnt er Merit lachend.

~*~

Am späten Nachmittag, nach meinem täglichen Besuch bei Möhrchen, treffen Kim und ich Merit, Jeremy und Timeon am Außenreitplatz.

Kims Mutter trä gt tatsächlich einen Reitdress, sitzt aber auf dem hohen Zaun, wie wir es machen, wenn wir längere Zeit zusehen.

Jeremy trainiert Jam und Timeon, was mich staunen lä sst.

Normalerweise lä sst Jeremy niemanden außer den offiziellen Bereitern des Dexter-Gestüts an die Pferde heran, die er in den Turnieren der Saison reitet. Nun aber sitzt der kleine Blondschopf auf Jamaican Breeze und bekommt ein Extratraining von Jers.

Verrü ckt, kann ich da nur sagen, und geselle mich zu Merit. Kim bleibt nur ein paar Minuten, danach macht er seinen Rundgang über das Gelände und durch die anderen Stallungen. Wie immer nach dem Großputz.

Kim liebt dich“, sagt sie und sieht mich lächelnd an.

Ich wende mich ihr zu und halte mich am Holm des Zaunes fest. „ Ja, ich ihn auch.“

Das sieht man. Ich hoffe wirklich, dass ihr lange glücklich sein könnt.“ Ihr Gesicht umwölkt sich leicht.

Was hast du?“

Ich habe ein bisschen Angst um euch, verstehst du? Ich meine, das alles hier, es ist groß … Ich habe volles Vertrauen in meinen Sohn und er in dich, was bedeutet, dass ich mein Vertrauen auch auf dich werde ausweiten können, aber es … Ich hoffe einfach, dass euch das Ganze nicht eines Tages überfordert …“ Sie seufzt tief.

Ich teile diese Sorge, Merit. Aber Menschen wachsen an ihren Aufgaben und Kim managt das Ganze hier schon seit vier Jahren. Ihm traue ich es auf jeden Fall zu.“

Du wirst ihm helfen, nicht wahr? Kim ist … Nun ja, er …“, stammelt sie.

Ich weiß, was du sagen willst. Und ja, ich werde ihn beschützen und bei ihm sein, solange ich kann.“

Merit ergreift meine Hand und drü ckt sie fest mit ihren. Ich sehe darauf und lächle sie an. „Hab keine Angst, Merit. Wir kriegen das hin.“

Sag mal … Habe ich an Kims Garderobe Motorradklamotten gesehen?“, wechselt sie so abrupt das Thema, dass ich ein paarmal blinzeln muss.

Ja. Ich bin vor sieben Wochen mit meiner Maschine hier angekommen.“

Sie wird bleich und der Griff ihrer Hä nde verliert die Spannung, weshalb ich nachfasse.

Alles gut. Ich weiß, was mit Kims Vater passiert ist, und meine Süße steht bei meinen Großeltern in der Remise.“

Puh! Das beruhigt mich. Ich meine, ich weiß, dass ich euch von nichts abhalten kann oder darf, aber du wirst verstehen, dass ich ... ein wenig traumatisiert bin …“

Schnell nicke ich. „ Natürlich verstehe ich das! Mein Motorrad ist ein echter Oldtimer. Ich fahre nur im Notfall Autobahn mit ihr und nutze sie eher für Spazierfahrten. Die Reise hierher und zurück nach England waren echte Ausnahmen.“

Ich hoffe instä ndig, dass sie sich beruhigt. Denn natürlich will ich nicht, dass sie sich unnötig aufregt.

Ist in Ordnung. Vielleicht … bin ich, was das Thema angeht, auch überängstlich.“

Das ist für mich nachvollziehbar, Merit. Mach dir keine Sorgen, hier fahren wir derzeit nur mit dem Rover und hin und wieder mit Kims Sportflitzer.“

Okay, ich sollte … endlich richtig kapieren, wie erwachsen ihr seid, nicht wahr?“ Sie grinst kopfschüttelnd und befreit ihre Hände. Dann sieht sie mich unternehmungslustig an. „Was meinst du? Findet sich hier ein Pferd, auf dem ich ein paar Runden reiten kann?“

Ich denke, Kim hat nichts dagegen, wenn du Oma nimmst.“

Oma?!“ Merit hält im Hinabklettern vom Zaun inne, während ich neben ihr herabspringe.

Ein Kichern entkommt mir. „ Unsere Stalloma Sphinx. Komm, wir holen sie und Lemonboy rein, dann können wir einen kleinen Ausritt vor dem Abendessen machen.“


Clubbing light

 

C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\kimtest.jpg

Im Bü ro abzutauchen, hat derzeit echt unbestreitbare Vorteile, denn so kann ich noch ein paar Dinge regeln. Unter anderem bietet sich mir so die Möglichkeit, die mittlerweile per Email eingegangenen Angebote der Baufirmen anzusehen und zu vergleichen.

Ich drucke mir die Exposé s aus und breite alles auf meinem Schreibtisch aus, markere mir an, worauf ich besonderen Wert lege, und nutze mein frisch erworbenes Zusatzwissen, welches ich beim täglichen Möhrchenbesuch sammeln konnte.

Doktor Liegand hat mir, wä hrend Maik seine Stute untersucht hat, verraten, auf was ich achten soll, wenn ich schon einen so großen Plan verfolge.

Ein eigenes Reha -Zentrum für Sportpferde aufzubauen, erfordert eine Menge Überlegungen, aber da dieser Plan für mich ja nicht gänzlich neu ist, und ich schon früher darüber nachgedacht habe, fällt es mir nun nicht allzu schwer, mir darüber klarzuwerden, was genau wir benötigen werden.

Zuallere rst steht ein Aquatrainer auf dem Investitionsplan, den auch CD nach einer gewissen Zeit wird nutzen können.

Die Süß e sollte noch übers Wochenende in der Klinik bleiben, bevor wir auf die Idee kommen können, sie hierher zu überführen. Der Spezialtransporter dafür muss erst beschafft werden, was in diesem Fall keine Frage des Geldes, sondern allein der Verfügbarkeit jenes LKWs ist.

hrend meiner Zettelwirtschaft klingelt mein Smartphone und ich nehme den Anruf entgegen, ohne auf das Display zu sehen.

Hallo Kim, hier ist Maik Christensen.“

Oh, hallo Maik. Alles in Ordnung?“, erkundige ich mich sofort. Dass er so schnell wieder anruft, nachdem er gestern diesen Telefonmarathon mit seinem Sohn hingelegt hat, wundert und alarmiert mich gleichzeitig.

Ja, alles in Ordnung. Ich habe gestern nur vergessen zu fragen, ob ihr morgen schon etwas vorhabt. Ich muss am Montag zurück in die Staaten und würde euch vorher gern zum Essen einladen.“

Ich sehe auf die Uhr an der Wand. „ Hm, meine Mutter ist derzeit zu Besuch, ich wollte gleich einen Tisch für heute Abend bestellen. Vielleicht magst du einfach mitkommen?“

Heute Abend? Klingt super. Ich hatte nach morgen gefragt, weil mir das heute zu knapp erschien. Wann soll ich wo sein? Oh, und … bevor dir etwas anderes einfällt: Du suchst das Restaurant aus, aber ich zahle.“

Ich lache auf. Irgendwie passt das zu Christensen. „ Aber ich wollte Jeremy und Timeon auch fragen, was bedeutet, dass Eric auch mitkommen dürfte … und wie gesagt, meine Mutter ist hier …“

Das geht in Ordnung, Kim, keine Sorge, okay?“

Hm, okay.“

Gut, wie spät willst du wo reservieren? Soll ich erst zum Feuerried kommen?“

Hm, ich lasse für acht Uhr reservieren, In einem Steakhaus in der Nähe. Da war ich hin und wieder zu Geschäftsessen. Superküche und echt schönes Ambiente. Gar nicht weit weg von hier. Ich denke, es wäre ganz gut, wenn du zuerst herkommst und wir gemeinsam hinfahren.“

Reicht es, wenn ich um halb acht bei euch bin oder lieber eher?“

Nein, das reicht. Wir fahren von hier aus etwa eine Viertelstunde.“

Gut, dann bis später, ich freu mich!“

Ja, bis später, Maik.“ Ich lege auf und grinse vor mich hin. Jetzt also zu Jers und Timeon, nachfragen, ob die zwei mitkommen wollen, auch wenn ich davon ausgehe, dass Timeon und Eric an einem Samstagabend bereits etwas anderes vorhaben.

Gutgelaunt marschiere ich zum Turnierstall und finde Timeon beim Versorgen von Jam, der zusammen mit drei anderen Pferden aus dem Dexterstall, unter anderem Portos, im frisch wieder hergerichteten Qu arantänestall steht.

Hey Timeon, habt ihr heute Abend schon etwas vor?“, frage ich, kaum dass ich durch den Gang mit den Sattelkammern in die Stallgasse trete.

Hey Kim. Ich hab noch nichts vor, wieso fragst du?“

Kein heißes Date mit Eric?“, hake ich in einem Anflug von Witzigkeit nach und ernte einen so erschrockenen Blick, dass ich sofort wieder ernst werde. Stirnrunzelnd bleibe ich neben dem Blondschopf stehen. „Hab ich was Falsches gesagt? Tut mir leid!“

Timeon entlä sst Jamaican Breeze in seine Box und schüttelt den gesenkten Kopf. „Nein, schon okay. Ich … er … na ja, wir sehen uns im Moment nicht …“

Oh!“, mache ich sehr geistreich und beschließe, nicht weiter nachzuhaken. Wenn der Kleine drüber reden wollen würde, täte er es, da bin ich sicher.

Wieso hast du gefragt?“ Offensichtlich reißt Timeon sich zusammen und sieht mich mit einem halbherzigen Lächeln an.

Essen gehen. Mit euch allen, meiner Mutter und Maik Christensen“, erkläre ich und höre an den weichen, langen Schritten, die sich hinter mir nähern, dass Jeremy zu uns kommt.

Hat alles geklappt mit Jam?“, fragt er Timeon und ich wende mich zu ihm um.

Ja, hat es.“ Timeon hängt Führstrick und Halfter des Wallachs an die Boxentür und schiebt sie zu, bevor er den Hufkratzer nimmt und sich zur Sattelkammer aufmacht.

Alles okay bei dir?“, frage ich Jeremy, der zwar geschafft, aber auch einigermaßen gutgelaunt aussieht.

Er nickt und grinst mich an. „ Klar, ich will heute Abend ins Cri. Was liegt bei euch an?“

Oh, die Aussicht auf hormonelle Ausgeglichenheit ist also der Grun d für seine gehobene Stimmung? Auch gut. Ein lächelnder Jeremy ist mir allemal lieber als ein zu Tode betrübter.

Also … eigentlich hatte ich gehofft, du begleitest uns zu einem Abendessen ins Steakhaus.“

Oh? Ja, klar, gern. So früh brauche ich im Cri wohl nicht aufzutauchen, oder?“ Er grinst noch immer und steckt mich damit regelrecht an.

Und du, Timeon?“, hake ich nach, als er zu uns zurückkehrt.

Hm, ja, klingt nicht schlecht. Wann soll’s denn losgehen? Ich muss erst nach Hause, mich fertigmachen.“

Es ist bereits 18 Uhr, wie mir ein Blick auf meine Armbanduhr mitteilt.

Ich will gleich reservieren, für acht Uhr. Meine Mutter, Maik Christensen, ihr zwei und Maik und ich. Das wird sicher lustig. Und wenn ihr wollt … ich würde danach gern in einen Club gehen, in den auch Merit reinkommt, wenn ihr versteht …“ Ich lache leise auf. Die Vorstellung, meiner Mutter den schrägen Jens vorzustellen, hat durchaus etwas, aber da ins Cri ausschließlich männliche Wesen eingelassen werden – auch wenn sie zum Teil noch so weiblich gestylt sein mögen – wird das wohl immer eine Fantasie bleiben.

Klingt nicht verkehrt“, befindet Jeremy nach einem getauschten Blick mit Timeon, der mir schlichtweg nicht entgehen kann. Die beiden scheinen sich echt eingekriegt zu haben. Ob dieser Umstand mit dem zusammenhängt, was Timeon eben angedeutet hat?

Es ist müß ig, darüber nachzudenken, deshalb wende ich mich ab und marschiere zurück ins Büro. Bereits unterwegs wähle ich die Nummer vom Steakhaus und bestelle den benötigten Tisch für sechs Personen.

Ich lasse das Mobilteil auf der Basis, rä ume meine Ausdrucke zusammen und schiebe sie in eine Lade des Schreibtisches.

Jetzt wird es Zeit, nach Maik und meiner Mutter zu suchen, um ihnen zu sagen, wo wir heute essen we rden.

~*~

Nach dem Essen sammeln wir uns zu sechst auf dem Parkplatz des Steakhauses. Timeon erzählt noch eine Anekdote von einem Familienessen mit seiner Mutter, seiner Schwester und einem Exfreund von ihr, bevor wir uns lachend auf die beiden Fahrzeuge verteilen.

Timeon und Jerem y fahren mit dem Sportflitzer des Kleinen, Merit, die beiden Maiks und ich in meinem Rover.

Meine Mutter und Maik Christensen verstehen sich blendend, wie wir ziemlich erstaunt feststellen mus sten. Offensichtlich haben sie eine Wellenlänge, auf der keiner von uns vieren mitsurfen kann, denn hin und wieder tauschen die beiden Blicke, die uns klar zeigen, was Merit und Maik denken: ‚Diese Jugend von heute, nix kennen die!‘

Ich finde das lustig, vielleicht auch, weil mein neue rdings so romantikverklärtes Hirn gleich wieder zehn Schritte weiter ist und die beiden vor einem Standesbeamten parken will.

Ich verbiete mir solche abstrusen Gedanken und grinse einfach gutgelaunt vor mich hin, wä hrend ich uns durch die Stadt kutschiere.

Nach nicht einmal zehn Minuten Fahrt erreichen wir das Lokal, in welchem wir diesen schönen Samstagabend ausklingen lassen wollen.

Das Faust liegt im Untergeschoss eines Geschäftshauses in der Innenstadt und wir betreten den Club durch die chromschillernden Türen, um unsere Verzehrkarten entgegenzunehmen und die Jacken loszuwerden. Der Hauptraum der Diskothek liegt am Ende einer mit rotem Teppich ausgelegten Treppe, und wir werden von wummernden Bässen und melodischen Klängen begrüßt.

Ü ber der gut besuchten Tanzfläche zucken bunte Lichtfinger in die zappelnde Menge, rundherum über den Tischbereichen und Lounges glimmen bläuliche Billardtisch-Lampen, die die Gäste um die Tische im Dunkel halten, die Getränke auf den Ablagen aber beleuchten.

Wir haben Mü he, auf Anhieb einen Tisch für uns sechs zu finden, deshalb gehen wir um die Tanzfläche herum, bis wir Sitzgelegenheiten ergattern, bevor Maik und ich uns um Getränke kümmern.

Timeon und ich werden uns alkoholfrei vergnü gen, aber wirkliche Mengen trinkt keiner, allein schon, weil fast immer mindestens vier von uns zwischen den Tanzenden abtauchen.

Meine Mutter lä sst es sich natürlich nicht nehmen, als Henne im Korb mit jedem von uns zu tanzen. Die angenehm durchmischte Musikauswahl des DJs erleichtert dies sogar. Der Gute spielt einiges aus den aktuellen Charts, streut ‚Klassiker‘ ein und erspart uns allen dabei dankenswerterweise dieses Technogeschrammel, das in anderen Clubs ausschließlich läuft.

Gegen halb zwö lf beugt sich Timeon halb über den Tisch zu mir und ich neige mein Ohr in seine Richtung, um ihn verstehen zu können.

Bist du böse, wenn wir noch ins Cri fahren, Jeremy und ich?“

Ich muss mir ein breites Grinsen echt verbeiß en, immerhin weiß ich ja von Jers’ eigentlichen Plänen für den heutigen Abend.

Nein“, sage ich kopfschüttelnd.

Cool, danke!“

Nachdem er sich zu dem neben ihm sitzenden Jeremy gebeugt hat, um ihm meine Antwort mitzuteilen, stupse ich ihn noch einmal an und winke ihn wieder dichter zu mir.

„Tu mir einen Gefallen und mach kein Theater, falls du Eric dort triffst, ja?“

Timeons Lippen verziehen sich kurz, doch schließ lich nickt er. „Geht klar, ich denke eh nicht, dass er dort ist.“

Okay, dann viel Spaß!“

Auch Jeremy bedankt sich fü r meine Wünsche und unter einigem Hin und Her, wildesten Verabschiedungszeremonien durch meine Mutter, die mir in diesem Augenblick tatsächlich ein winziges bisschen peinlich ist, machen sich die beiden Blondschöpfe auf den Weg zum Ausgang.

Maik zieht mich lachend an sich und flü stert so dicht an meinem Ohr, dass ich eine Ganzkörpergänsehaut kassiere: „Deine Mutter ist toll, Koalabärchen.“

Ich grinse ertappt und lehne mich in seine Uma rmung. „Ja, aber manchmal …“ Ich seufze tief und beobachte, wie sich der Stein des Anstoßes gemeinsam mit Maiks zweitem Vater wieder in Richtung Tanzfläche verdünnisiert.

Ach komm, du liebst sie für ihre verrückte Art!“, erklärt mein Löwenherz kichernd und ich muss zustimmend nicken.

Das tue ich tatsä chlich. Und das ganz sicher nicht, weil ich quasi ‚nur‘ meine Mutter habe, seitdem ich in den Kindergarten gegangen bin.

Zufrieden blicke ich durch das Faust und finde zwischen all den Zappelnden auch Merit und Maik, die irgendwie sehr glücklich strahlen und den Abend offensichtlich nicht weniger genießen als wir.


Sonntag , 11. August


Sonnentag

 

C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\maiktest.jpg

Manchmal, nur manc hmal, wird mir bewusst, dass ich wohl auch deshalb Tierarzt und nicht Pferdewirt geworden bin, weil meine geregelte Arbeitszeit nicht bereits vor dem ersten Hahnenschrei beginnt. Als ich nach nicht einmal vier Stunden Schlaf mit Kim in meinen Armen aufwache, habe ich große Lust, mich noch einmal richtig in die Decken zu kuscheln und genau hier liegen zu bleiben.

Leider sieht Kims Wecker das anders – ebenso Kim.

Mit erstaunlich wachen Augen streckt er sich und blinzelt mich an, drü ckt mir einen Kuss auf die Lippen und brummt behaglich, während er sich dichter an mich drängt.

Wir müssen aufstehen“, murmelt er und dreht sich, um den Wecker verstummen zu lassen.

Du brauchst mehr Mitarbeiter im Turnierstall“, erwidere ich und quittiere seinen Knuff in meine Seite mit einem Kichern, bevor ich mich mit Kim im Arm zur Bettkante rolle und wir lachend aufstehen.

Verrückter Kerl“, bescheidet er mir und schüttelt den Kopf.

Nur deiner!“, gebe ich zurück und wir trollen uns ins Bad.

Duschen, Minifrü hstück und Kaffee, von Jeremy sehen wir nichts. Der wird vermutlich auch deutlich länger unterwegs gewesen sein als wir, jedenfalls lassen wir ihn schlafen und machen uns auf den Weg in den Stall.

Rege Geschä ftigkeit und ein sehr laut eingestelltes Stallradio begrüßen uns und es dauert trotzdem einige Augenblicke, bis ich kapiere, dass nicht nur Lukas und Pascal, sondern auch Jeremy und Timeon bereits voll in Aktion sind.

Guten Morgen!“, brüllen Kim und ich unisono über die Stallgasse, erhalten Grüße zurück und machen uns an die Arbeit.

Was macht ihr denn hier?“, fragt Kim bei den Blondschöpfen nach.

„Ä h … wonach sieht’s denn aus?“, will Jeremy wissen und lacht auf. „Der Radiobericht über die Schüsse läuft nach jeder Nachrichtensendung. Die Sonntagszeitung mit dem großen Artikel liegt im Aufenthaltsraum auf dem Tisch. Hat uns einer der Wachmänner heute früh in die Hand gedrückt, als wir herkamen.“

Oh, dahinter steckt eine Menge neue Info. Hat mein bester Freund etwa bei Timeon gepennt?!

Ich beschließe bei aller Neugier, nicht nachzuhaken, und mache kehrt, um in den Aufenthaltsraum zu gehen. Kim folgt mir und wenig später lesen wir den Artikel, der eine halbe Seite bekommen hat. Vier Fotos plus jede Menge Text. Die Schlagzeile ist tatsächlich dazu geneigt, den Leser zu erschlagen …

Schüsse auf dem Feuerried‘ titelt das Blatt und berichtet anschließend über das Gestüt, die Tat und die Möglichkeiten, uns bei der Suche nach den Schuldigen zu helfen.

Noch immer bin ich froh, dass die Kommissare eine Hotline-Nummer der Polizei als K ontakt angegeben haben. Sonst stünde hier das Telefon wohl nicht mehr still.

~*~

Den Radiobericht hören wir um sieben Uhr zum ersten Mal, bleiben sogar andächtig lauschend stehen, während er läuft.

Ein paar Minuten spä ter erscheint eine aus mir unerfindlichen Gründen topfitte Merit in Reitklamotten im Stall. Sie grüßt gutgelaunt und fragt gleich nach, wo sie wie helfen kann.

Mama, du bist hier zu Besuch!“, versucht Kim, sie abzuhalten, doch darauf lässt sie sich nicht ein. Wie auch? Irgendwoher muss Kim ja seine sture Art haben, nicht wahr?

Feixend kü mmere ich mich um Bernoldo und Don Juan. Mittlerweile kann ich wieder ohne Zittern und Angstzustände Pferde auf den Weiden abliefern. Oder besser gesagt, die noch immer in mir aufwallende Panik lässt sich heute relativ gut unterdrücken. Vielleicht schaffe ich das den beiden Pferden zuliebe, die ich an Führstricken bei mir habe, ich weiß es nicht.

Aber dieser kurze Moment der Erinnerung zeigt mir, dass es eine sehr gute Idee war, gestern Nachmittag bei Peter anzu rufen, und um einen baldigen Termin zu bitten.

Der Psychiater hat versprochen, Montag irgendwann nach der Abreise von Merit noch herzukommen, um mit uns die Termine und eine Art Therapieplan auszuarbeiten.

Wir haben einfach zu viele Baustellen, als dass si ch das alles nebenbei erledigen ließe.

Ich kann nur hoffen, dass keine weiteren dazuko mmen!

Nachdem ich die zwei erfolgreich auf die Weide en tlassen habe, geht es mir besser. Irgendwie erleichtert es mich jedes Mal ein Stückchen mehr, wenn nichts passiert.

Es mag ja verrü ckt sein, aber ich denke, meine Nerven haben in den vergangenen sieben Wochen einfach zu viel mitgemacht. Auch positiver Stress bleibt Stress.

Mit Gedanken an Kim kehre ich zum Stall zurü ck und bringe die Führstricke zurück an ihre Plätze. Kim und Merit stehen noch in der Stallgasse und ich höre im Näherkommen, worum sich ihr Gespräch nun dreht.

„… ein sehr netter Mann, soviel ist sicher“, sagt Merit gerade.

Ja, ist er. Sonst hätte ich seine Einladung auch abgelehnt.“

Ich sehe, wie Merit d ie Stirn runzelt und ein wenig tadelnd zu ihrem Sohn hinaufsieht. „So unhöflich kannst du sein?“

Kim lacht auf. „ Mama, ich bin unter anderem auch Geschäftsmann, was bedeutet, dass ich Ellenbogen brauche, wenn ich das kleine Wörtchen ‚erfolgreich‘ davor setzen können will.“

Sie winkt ab. „ Schwachsinn! Du warst nie kalt oder berechnend, und ich lasse mir das auch nicht einreden!“

Ich erreiche die zwei und stelle mich dazu. „ Kim hat einen wunderbaren Führungsstil, Merit, mach dir keine Sorgen. Und … wieso er Maik unter anderen Voraussetzungen abgesagt hätte, erklären wir dir beim Frühstück, okay?“

Es muss sein, ich hatte das so oder so vor. Merit dieses leider gar nicht so unwichtige Detail meiner Herkunft zu verleugnen, wä re mir ein Gräuel. Sie verdient die Wahrheit und ich gedenke, ihr gleich in Kims Küche zu erklären, wie die Dinge stehen.

Das wäre schön!“, befindet sie und lächelt mich strahlend an. „Kim ist nicht der Gesprächigste, du sorgst da anscheinend für einen gewissen Ausgleich.“

Ein leises Kichern entkommt mir, denn mir wird bewusst, dass Merit ihren Sohn verdammt genau kennt, auch wenn er selten in ihrer Nähe war, seitdem er auf dem Feuerried lebt. Diese sporadischen Besuche von Kim sind also offensichtlich kein Hindernis für Merit.

Da sich Kims Mu tter nicht davon abhalten lässt, uns zu helfen, können wir das Frühstück sogar ein wenig in die Länge ziehen, und sitzen in gemütlicher Runde mit Jeremy am Küchentisch, während ich die Verwandtschaftsverhältnisse meiner drei Eltern und meinen Schock diesbezüglich schildere.

Es ist keine groß e Überraschung für mich, dass Merit die neuen Informationen zwar erstaunt, aber doch gefasst aufnimmt. Was mich dagegen durchaus verwundert, ist der Umstand, dass sie richtiggehend wütend wird, als Kim und ich ihr von unserem letzten Aufeinandertreffen mit Justin und Helen berichten.

Ich habe mir tatsä chlich auch gedanklich abgewöhnt, die beiden als Mum und Dad zu bezeichnen, was mir aufgrund der Geschehnisse nicht allzu schwer gefallen ist.

Ich muss zugeben, dass mich das schockiert, Maik!“, befindet Merit und sieht mich mit großen Augen an. „Wie können Eltern sich so verhalten?!“

Ich hebe die Schultern. „ Keine Ahnung, aber sie haben es getan.“

Aber Maik wirkt so vernünftig und besonnen!“ Ihre Gedanken klingen wie ein Vorwurf.

Das ist er ja auch“, erklärt Kim, bevor ich es kann.

Maik ist genau so, wie du ihn gestern kennengelernt hast“, setze ich hinzu. „Zumindest, soweit ich es beurteilen kann. Er war nie fordernd oder aufbrausend mir gegenüber.“

Kim nickt. „ Maiks zweiter Dad ist super. Vielleicht, weil er so vieles ausgleichen muss, ich weiß es nicht. Jedenfalls gibt er sich alle Mühe, im Notfall da zu sein.“

Es ist schade, dass er so weit weg wohnt“, murmelt Merit.

Vielleicht ist genau das eher gut?“, wirft Jeremy ein, der bislang schweigend bei uns gesessen hat. Er erhebt sich nach einem deutlichen Blick auf die Küchenuhr. „Ich gehe wieder in den Stall, Timeon soll gleich Unterricht kriegen.“

Ich verkneife mir die Nachfrage, welcher von Jeremys Augäpfeln heute von Timeon geritten werden darf. Allein schon, weil Kim und ich beschlossen haben, uns da gänzlich rauszuhalten. Wenn Jers reden will, wird er es tun, davon bin ich überzeugt.

Kann ich nachher mal deinen Lappi benutzen, Maik?“, fragt er im Hinausgehen. Ich nicke.

Du kannst auch ins Büro gehen, Jers. Mein PC hat auch Internet“, bietet Kim an.

Mein bester Freund bleibt an der Anrichte stehen, um seine Stiefel anzuziehen, und sieht nun hoch. „ Wir müssen sowieso noch über das Angebot reden, aber das können wir in den kommenden Tagen noch tun. Im Moment will ich nur einen Motorradverleih finden.“

Motorradverleih?“, haucht Merit und wird kreidebleich. Sie braucht einige Augenblicke, bevor sie sich wieder fasst und uns der Reihe nach entschuldigend anlächelt. „Tut mir leid. Ihr seid erwachsen und ich stelle mich an …“

Kim ist schneller bei ihr, als ich gucken kann. Er umarmt sie und spricht leise, aber eindringlich auf sie ein: „ Mama! Alles gut, Jeremy wird erstens nicht mich mitnehmen und zweitens anständig fahren. Außerdem ist Hochsommer. Kein Grund zur Sorge.“

Ich versuche es“, nuschelt sie.

Motorräder sind für Jers und mich sowas wie benzinbetriebene Pferde, Merit“, erkläre ich. „Wir fahren vorsichtig und immer ziemlich gemütlich damit. Spazierfahrten, sozusagen.“

Ja, ich weiß, hast du mir gestern schon gesagt, trotzdem erschreckt mich die Vorstellung auch nach so vielen Jahren noch.“

Dann sollte ich vielleicht lieber ein Cabrio mieten, damit du dich nicht aufregen musst?“, hakt Jeremy nach und ich bin einmal mehr sehr froh darüber, dass er so verständig und vor allem verständnisvoll ist.

Schließ lich ist er nicht grundlos mein bester Freund!

Merit beruhigt sich tatsä chlich sehr schnell wieder und wiegelt Jeremys Vorschlag ab. „Nein, nein, wer bin ich, darüber zu entscheiden, was du tust, Jeremy?“ Sie seufzt tief und macht sich von Kim los. „Reiten ist im Grunde nicht weniger gefährlich.“

Damit hat sie recht, denn verletzen kann man sich bei einem Sturz vom Pferd ebenfalls sehr schwer.

Ich hoffe wirklich, dass sie dieses Trauma eines Tages nicht nur mit Logik, die sie offensichtlich an Kim vererbt hat, sondern auch mit dem Herzen überwinden kann.

Angst ist, wie wir wohl alle wissen, der schlechteste Ratgeber.

~*~

Kurz vor dem Mittagessen, welches wir der Einfac hheit halber gesammelt bei Theodora einnehmen, ruft mein zweiter Dad an, um sich zu verabschieden. Wie lange er in den Staaten bleiben muss, weiß er nicht, aber er will sobald es geht wieder herkommen und mich treffen – sofern ich damit einverstanden bin.

Ich bin, weshalb ich ihm sage, wie sehr ich mich darauf freue, ihn wiederzusehen, bevor ich ihm eine gute Reise wünsche und ihm die gesammelten Grüße aller gestrigen Ausgänger weiterleite, die um mich herumstehen, als hätten sie nichts Besseres zu tun.

Lachen d reiche ich schließlich mein Smartphone an Kim weiter, der an Merit, danach wird Jeremy noch eigene Grüße los und zum Schluss lässt auch Timeon es sich nicht nehmen, Maik noch ein paar warme Worte zu übermitteln. Als ich das Mobiltelefon wieder übernehme, herrscht supergute Stimmung und ich muss mein Lachen einschränken, um meinen Nicht-ganz-Vater verstehen zu können.

Alles klar, Maik“, sage ich schließlich, „komm gut und heil an und grüß deine Pferde von mir.“

Mache ich, keine Sorge. Meine Email-Adresse hast du ja, und wenn du magst, rufe ich dich an, sobald ich zuhause bin.“

Klingt super, dann dürften hier auch alle beruhigt sein. Egal wie spät, ruf einfach an, okay?“

Gut. Bis bald, Maik.“

Wir legen auf und ich grinse blö de vor mich hin. Es ist verrückt, dass ich mich jetzt doch so sehr an ihn hänge, oder nicht?

Ich meine, bisher war alles so anders und zuletzt unerträ glich chaotisch, aber Maik schafft es, mir zu vermitteln, dass er mich ernst nimmt und trotzdem für mich da sein will.

Ist das nicht ge nau das, was gute Elternschaft ausmacht?

In meine Gedanken versunken gehe ich neben Kim her zum Gutshaus und wenig spä ter in Theodoras Küche.

Es ist Sonntag, also gibt es neben Hauptgang und Nachtisch auch eine Vorspeise. Alles ist lecker wie immer, weshal b ich mich mit dem gleichen Heißhunger darauf stürze wie alle anderen.


Summerfeeling

 

C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\kimtest.jpg

Nach dem Mittagessen haben wir frei, was wir nicht zuletzt dem wirklich gelungenen Zeitmanagement des Vormittags verdanken. Deshalb beschließ en wir, das strahlende Wetter für einen Ausflug zu nutzen, um heute Abend mit einem Ausritt und Bad im See abzuschließen.

Jetzt ist es dafü r viel zu heiß und keiner von uns hat Lust, die Reitklamotten noch länger zu tragen.

Gegen halb zwei machen wir uns zu dritt mit meinem Rover a uf den Weg, um sowohl Maik als auch meiner Mutter die Umgebung des Feuerrieds ein wenig näherzubringen.

Die wunderschö ne Landschaft, in der das Gestüt gelegen ist, bietet neben einigen sehr malerischen Dörfern und ein paar mit viel gutem Willen als solche zu bezeichnenden Bergen auch eine sehr alte Klosteranlage, in die wir einkehren.

Sankt Benedikt zur Siebenmü hle ist ein ausgesprochen beliebtes Ausflugsziel für Touristen und Einheimische, um in uralten Gemäuern das seit dem Mittelalter hier gebraute Klosterbräu zu testen, sich über die Lebensweise der wenigen verbliebenen Mönche zu informieren und das eine oder andere Souvenir für die Daheimgebliebenen mitzubringen. Letzteres übrigens gern in flüssiger Form. Die Ordensbrüder füllen das dunkle Bier in Zwei-Liter-Flaschen mit Bügelverschlüssen ab und verkaufen es in einem klostereigenen Laden.

Auf Picknickbä nken im Hof des Klosters kann man unter grün-weißen Sonnenschirmen in eine Art Biergartenfeeling geraten. Wir sitzen zu dritt an einem solchen schattigen Plätzchen und genießen die gemeinsame Zeit. Zumindest denke ich das, denn Maik und Merit sehen so zufrieden drein, wie ich mich fühle.

Da meine Mutter erst morgen frü h abreisen wird, weil sie Spätschicht hat, kann sie sich auch eines der eiskalten Biere gönnen. Natürlich trinke ich nichts Alkoholisches, habe stattdessen eine Apfelschorle, ebenfalls aus klostereigener Herstellung, vor mir auf dem Tisch stehen, an der ich in unregelmäßigen Abständen nippe.

Seufzend lehne ich mich auf die Tischplatte und grin se vor mich hin. Einfach herrlich.

Nicht einmal das Gekreische der herumtobenden Kinder, die suchenden Rufe der dazugehö rigen Mütter oder das Gemaule über die angeblich überteuerten Preise, die um uns herum für eine deutliche Geräuschkulisse sorgen, stören mich in meiner guten Laune.

Wie lange ist es eigentlich her, dass ich meine Mutter gesehen habe? Ich rechne zurü ck und mir wird bewusst, dass ich Ostern zuletzt auf dem Hof meines Großvaters war. Vier Monate!

Ich greife wie in einem Reflex nach Merits Han d und sie sieht mich lächelnd an. „Alles okay, Kim?“

Ich nicke. „ Ja, ich bin nur so froh, dass du hier bist.“

Noch bis morgen früh“, antwortet sie und lacht auf. „Ich freue mich auch, dass wir uns mal wieder sehen. Und seitdem ich weiß, wie riesig deine Verantwortung hier ist, verstehe ich auch wirklich, wie eingebunden und unabkömmlich du bist.“

Meine Augen weiten sich voller Erstaunen. „ Hast du etwa gedacht, ich sage das nur, damit ich nicht zu euch fahren muss?!“

Sie nickt zaghaft und lä chelt dabei entschuldigend. „Ja, irgendwie schon … Ich weiß doch genauso gut wie du, dass Oma und Opa keine großen Freunde deiner sexuellen Ausrichtung sind, und du dich nicht wirklich zuhause fühlst bei uns.“

Da hat sie recht, ich habe mich irgendwann an das Schweigeabko mmen mit Oma und die Ignoranz von Opa gewöhnt, aber wohl gefühlt habe ich mich damit nie. „Hm, das mag schon sein, aber nein, das war nicht der Grund, sonst wäre ich nie vorbeigekommen.“

Sind deine Eltern so konservativ, Merit?“, hakt Maik nach.

Hm-hm, sie sind wirklich sehr liebenswert, aber mit Homosexualität können sie nicht umgehen. Stattdessen ignorieren sie alles, was damit zu tun hat“, erklärt meine Mutter.

Sie sind nicht schwulenfeindlich, Löwenherz, also, du wirst nie irgendwelche blöden Parolen hören, aber sie werden dich, wenn wir sie mal besuchen, als meinen besten Freund oder Kumpel ansehen, niemals als meinen Partner“, füge ich seufzend hinzu. Ich habe resigniert, was das angeht … Aber vielleicht ist es auch gar nicht wichtig, was meine Großeltern denken?

Immerhin bin ich glü cklich und meine Lebensaufgabe ist ganz sicher nicht, Ignoranten zu bekehren.

Wenn du damit leben kannst, kann ich das auch“, erwidert Maik und ich spüre eine abrupt aufsteigende Hitze in meiner Brust. So etwas Wunderbares kann eben nur er sagen.

Ich liebe dich“, entrinnt es mir sehr nachdrücklich und meine Mutter kichert, als Maik mich an sich zieht, um mich zu küssen.

Schnell trennen wir uns wieder voneinander. Uns ist nicht nur durch das gerade gefü hrt Gespräch klar, dass längst nicht jeder damit umgehen kann, wenn zwei Männer sich in der Öffentlichkeit küssen oder auch nur umarmen.

Irgendwie kann ich das ja verstehen, ich finde es ja auch nicht allzu appetitlich, zuzusehen, wie irgendwelche Pä rchen – egal welche Geschlechter dazugehören – Mandelhockey spielen. Wildes Geknutsche gehört eindeutig nicht in die Öffentlichkeit. Zumindest nicht, wenn man den Kreis der Zuschauer nicht kalkulieren kann.

~*~

Vom Kloster aus fahren wir zur Tierklinik, der tägliche Besuch bei Möhrchen steht an und meine Mutter kommt aus dem Quietschen gar nicht mehr heraus.

Sie kann sich wä hrend Maiks Untersuchung kaum von der in ihrer Aufhängung gefangenen Stute trennen und säuselt in einer Tour vor sich hin. Irgendwie ist das rührend. Meine Mutter kann ganz passabel reiten und hatte auf dem Hof meines Großvaters auch immer ein bis zwei eigene Pferde stehen, aber seitdem sie Filialleiterin des Supermarktes ist, hat sie nicht mehr so viel Zeit.

Zum Abendausritt treffen wir uns im Stall mit Timeon und Jeremy, die den Nachmittag sonst wie verbracht haben. Ich weiß es nicht und ich werde auch nicht nachfragen. Zumal ich nicht einmal mit Bestimmtheit weiß, ob sie ihn zusammen verbracht haben.

Die Stimmung ist gut und wir , Merit, Maik und ich, liefern uns ein kleines Rennen auf meinen drei … Hm, wenn man es genau nimmt, habe ich jetzt deutlich mehr Pferde, auch wenn sie nicht nur mir, sondern auch Maik gehören … Wie auch immer, meine Mutter sitzt auf Sphinx, Maik auf Mirabeau und ich auf Lemonboy. Timeon will Don Juan vor den baldigen Dressurprüfungen nicht überbeanspruchen und Jeremy zeigt uns sogar einen Vogel, weil Jamaican Breeze ab Mittwoch in diversen Springen antreten muss.

Jedenfalls kommen Maik, Mama und ich beinahe zeitgleich am See an und satt eln unsere Pferde in aller Seelenruhe ab, bevor Jers und Timeon auch nur in Sichtweite sind.

~*~

Erst gegen 22 Uhr kehren wir zum Stall zurück, versorgen die Pferde und beschließen, den Tag zu beenden. Meine Mutter will früh schlafen gehen, um morgen nach dem Frühstück ausgeschlafen abreisen zu können. Ich bin nur mäßig müde, weshalb mir tausend Sachen einfallen, die ich mit Maik noch anstellen könnte.

Als mein Lö wenherz im Bad sein Shirt und seine kurze Hose abstreift, trete ich dicht hinter ihn und lasse meine Handflächen über seine warme Haut gleiten, bis ich ihn fest umschlinge. Ich lehne meine Wange an seinen Nacken und brumme leise, lasse meine Rechte unter den Bund seiner Pants gleiten und genieße sein Aufstöhnen ebenso wie den Umstand, dass er seinen Kopf in den Nacken und damit auf meine Schulter fallenlässt.

Du machst mich wahnsinnig, Koalabärchen“, bringt er hervor und ich umschließe seine wachsende Erektion mit meinen Fingern, um ihn sanft zu massieren. Maik lehnt sich gegen mich, reibt seinen Hintern an mir und entlockt mir damit ein kehliges Knurren.

Ich würde sagen, Zähneputzen fällt aus wegen Bodennebel“, murmele ich und knabbere an seinem Ohr, erspüre sein Schaudern und schiebe ihn vor mir her ins Schlafzimmer.

Klingt nach einem Plan …“

Mai k dreht sich in meiner Umarmung um und küsst mich tief, bevor wir eng umschlungen auf das Bett fallen.


Montag, 12. August


C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\maiktest.jpg Pläne

 

 

Der heutige Montag erinnert mich nachhaltig daran, dass ich vor vollen sieben Wochen aus gänzlich anderen Gründen hierher gekommen bin, als ich sie nun habe, um zu bleiben.

Es ist nicht einfach fü r mich, diese verschiedenen Perspektiven übereinanderzulegen, sie sind einfach nicht kongruent.

Ich will mich schü tteln und mir die schlimmsten Vorwürfe machen, wenn ich versuche, mir zu vergegenwärtigen, was ich vor dieser kurzen Zeit in dem Mann gesehen habe, der nun mit verstrubbeltem Haar in meinen Armen liegt, noch nach unserem Sex duftend, warm vom Schlaf.

Der Wecker wird erst in einer halben Stunde kli ngeln. Ich erkenne Kims Gesicht nur schemenhaft durch das bisschen Licht, das durch die nicht vollständig geschlossenen Rollos dringt.

Alles ist ruhig, friedlich, still. Ich lausche Kims tiefen Atemzü gen, bin versucht, mein Ohr auf sein Herz zu pressen. Ich will es schlagen hören, sie Melodie seines Körpers in mich aufsaugen, niemals vergessen, wie sie sich anhört.

Ist es doch das schö nste Geräusch der Welt. Der Beweis dafür, dass er lebt. Mein perfekter Partner. Mein Ein und Alles.

Nichts anderes ist er fü r mich und ich weiß einfach, dass niemals jemand seinen Platz einnehmen könnte. Nicht einmal in meinen wildesten Träumen!

Denn Kim ist ein lebendiger, ewig wä hrender Traum, real geworden und doch so magisch, dass mir schlicht die Worte fehlen. In so vielen Dingen mein absolutes Gegenstück, in anderen der doch eigentlich schon unmögliche Gleichlauf.

Leise seufzend halte ich ihn einfach weiter fest, da ich befü rchten muss, mein Versuch, meinen Kopf irgendwie auf seine Brust zu legen, wird ihn aufwecken. Das aber will ich nicht, er braucht den Schlaf.

chelnd denke ich an gestern Abend und ziehe ihn vorsichtig dichter an mich. Sex mit Kim ist so sagenhaft anders, so … tja, vollkommen, eben.

Meine Augen rollen sich von allein zur dunklen Zimmerdecke. Dieser Oberkitsch ist so ungewohnt für mich. Ich meine, ja, Jers und ich haben uns zuckersüße Kosenamen verpasst, aber das ist trotzdem etwas ganz anderes.

Eben freundschaftlich. Mittlerweile ja auch rein freundschaftlich. Mir geht es damit mehr als gut und ich glaube, Jers auch.

Kim bewegt sich leicht in meinen Armen und ich lehne meinen Kopf an seinen, schließe die Augen, um noch ein paar Minuten den Frieden zu genießen.

~*~

Um halb neun haben wir Merits Klamotten in ihren Uralt-Wagen gepackt und verabschieden uns wort- und umarmungsreich von ihr.

Ich werde euch vermissen!“, erklärt sie und klammert sich noch einmal an Kim.

Wir dich auch, Mama.“

Sie macht sich von ihm los, nur, um mir wieder um den Hals zu fallen. Lachend ziehe ich sie an mich und drü cke sie leicht. „Und ich finde so schade, dass ich deine Großeltern nicht treffen kann!“, mault sie bedauernd.

Sie werden sicher nicht zum letzten Mal hier sein“, versuche ich sie zu beruhigen, doch so ganz scheint mir das nicht zu gelingen.

Merit schü rzt abschätzig die Lippen und brummelt vor sich hin. „Aber ich will sie jetzt kennenlernen!“

Mama! Nun hör aber auf!“, weist Kim sie halbernst zurecht. „Wenn du so scharf darauf bist, setz dich nächstes Wochenende wieder ins Auto und komm her. Oder besser: Steig in einen Flieger und wir holen dich am Flughafen ab. Das geht schneller und stressfreier.“

Das, mein Sohn, klingt nach einem vernünftigen Plan. Dumm nur, dass Frau Filialleiterin nächstes Wochenende kein frei machen kann … Oder doch? Ich schau mal …“ Mit diesen Worte drückt sie sich noch einmal an mich, gibt mich anschließend frei, um ihren Sohn erneut an sich zu ziehen und endlich, endlich in ihren Wagen zu steigen.

Wenn du nicht bald losfährst, wird die Spätschicht ohne dich anfangen, Merit“, sage ich lachend und bleibe neben Kim an der nun geschlossenen Fahrertür stehen. Merit hat – natürlich – das Fenster herabgekurbelt und streckt den Kopf noch einmal hindurch.

Passt gut aufeinander auf, ja?“

Machen wir“, versprechen Kim und ich stereo und scheinen Merit damit zufriedenzustellen.

Na gut. Bis ganz bald, Jungs. Ich schau, was ich tun kann wegen Ende der Woche.“

Sie setzt ihre Sonnenbrille auf, schnallt sich an und startet den Wagen. Ehrlich gesagt , staune ich darüber, dass der Anlasser keine Zicken macht.

Wir winken ihr nach, als si e über den Hof zur Ausfahrt braust.

Kim, ich will ja nichts sagen, aber deine Mutter braucht ein neues Auto“, lasse ich mich vernehmen und ernte einen Rempler und ein Lachen.

Das sehe ich ganz genau so, das Problem ist nur, dass sie diesen Wagen mit Paps zusammen gekauft hat, vor ziemlich vielen Jahren. Und sie hängt mit einer Affenliebe an dem Ding.“

Hm, das kann ich ja sogar verstehen, aber …“

Er seufzt. „ Ja, ich weiß … der Wagen braucht entweder eine Generalüberholung inklusive neuer Karosserie oder eine Schrottpresse.“

Na ja, ganz so schlimm ist es dank ihrer Affenliebe wohl nicht, aber sie sollte ein zweites Auto haben für lange Strecken. Ich werde mir bis zu ihrem Anruf, wenn sie zu Hause ist, Sorgen machen, ob sie mit verrecktem Motor irgendwo auf Hilfe wartet.“

Ich kann dich beruhigen, der Motorblock wurde tatsächlich erst vor zwei Jahren ausgetauscht.“ Kims Worte erleichtern mich tatsächlich. Ich muss nämlich zugeben, dass mir Merit in den letzten zwei Tagen irrsinnig ans Herz gewachsen ist. Sie ist toll und widerspricht allem, was man sich unter einer Schwiegermutter, wenn man es so ausdrücken will, vorstellen mag.

Zumindest, wenn man nach dem landlä ufigen Vorurteil diesbezüglich geht. Denn ja, ich sehe Merit wirklich als Schwiegermutter an! Auch wenn ich da ein klitzekleines Detail im Ablauf unterschlagen habe …

Grinsend ziehe ich Kim an mich. „ Das ist gut. Dann sollten wir uns jetzt an die Arbeit machen, was meinst du?“

hrend wir in den Stall gehen und uns den täglichen Aufgaben widmen, überlege ich ernsthaft und mit einer gewissen Planung im Hinterkopf, wie ich das mit dem fehlenden Detail am besten machen kann.

Klar, ich will, am liebsten gestern, nicht nur Kims Freund, sondern sein Mann sein, aber das erfordert doch noch einige Vorarbeiten  …

~*~

Beim Mittagessen fange ich mir einen bitterbösen Kommentar von Theodora ein, weil mein Handy die Frechheit besitzt, loszubimmeln, kaum dass alle genießend am Tisch sitzen. Eilig stehe ich auf und nehme den Anruf entgegen.

Hallo Peter!“, grüße ich und erreiche die Treppe zum Erdgeschoss des Gutshauses, auf der ich mich niederlasse. Ich mag es nicht, mit einem Telefon am Ohr hin und her zu gehen, aber auf Treppenstufen zu sitzen, ist auch neu für mich.

Hallo Maik, ich wollte fragen, ob ihr heute Abend auf dem Feuerried seid.“

Ja, sind wir, willst du heute noch vorbeikommen?“ Das wäre fantastisch! Umso schneller können wir besprechen, was nötig ist, um bei ihm mit unserer Therapie zu beginnen.

Genau deshalb rufe ich an. Ich habe heute Zeit und kann meinen Terminkalender mitbringen.“

Dann mach das. Wann willst du hier sein?“

So gegen acht, wenn es für euch passt.“

Peter, ich habe dir doch am Samstag schon gesagt: Wir richten uns vollkommen nach dir! Ohne deine Bereitschaft zu diesen späten Terminen würden wir doch Monate warten, bevor wir uns helfen lassen können!“

Er lacht leise auf. „ Mein Helfersyndrom darf aber euren Tagesablauf und eure Pläne nicht durchkreuzen.“

Ja, schon richtig, aber wir wollen etwas von dir und es ist einfach Spitzenklasse, dass du uns das ermöglichst, deshalb richten wir uns eben nach dir.“

Alles klar, dann sehen wir uns heute Abend!“

Ich verabschiede mich und kehre zurü ck in die Gewölbeküche, wo mich Theodora noch einmal anmault.

Was ist das für ein Benehmen? Bei Tisch sind alle Handys aus oder mindestens lautlos, Maik, das dürftest du sehr wohl wissen!“

Ich erkläre es dir später“, erkläre ich fest, werfe ihr einen ernsten Blick zu und setze mich wieder zu Kim an den Tisch. Sie ist sicherlich nicht amüsiert von meinem Verhalten, aber sie nimmt es hin.

Es wird wirklich Zeit für eine vollständige Mitarbeiterversammlung“, flüstere ich Kim zu und er nickt.


C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\kimtest.jpg Mitarbeiterversammlung

 

 

Maik hat recht, es wird wirklich Zeit dafür. Ich schürze die Lippen und nicke noch einmal nachdrücklicher, bevor ich mich aufrichte und den Blick über alle Anwesenden gleiten lasse.

Hört mal kurz zu, Leute“, beginne ich und habe innerhalb kurzer Zeit die volle Aufmerksamkeit.

Es gibt einige wichtige Neuigkeiten, über die ich euch informieren will. Bitte sagt allen Bescheid, dass wir uns heute Nachmittag um 16 Uhr im Saal treffen.“ Einhelliges Nicken macht die Runde, natürlich kommen auch ein paar Nachfragen, aber ich vertröste alle auf später.

Die Teamleiter möchte ich bitte eine Stunde vorher schon sehen“, setze ich hinzu und blicke die entsprechenden Männer und Frauen der Reihe nach an.

Kein Thema, wo sollen wir dann hinkommen?“, erkundigt sich Georg, der Leiter des Stutenstalls.

In Ludwigs Büro. Das ist groß genug für uns alle.“

Geht klar. Sagst du Werner und Saskia telefonisch Bescheid?“, fragt Georg und ich nicke.

Mache ich.“ Ich widme mich wenig später wieder meinem Mittagsessen und bin insgeheim sehr froh, dass es auch hier im teilweisen Schichtbetrieb so etwas wie eine Kernzeit gibt, in der alle anwesend sind.

Nachtdienst machen auf dem Feuerried nur sehr wenige Mitarbeiter, im Grunde ist dafü r die auf dem Gestüt lebende Belegschaft zuständig. Alle Arbeitskräfte, die von außerhalb kommen, machen ausschließlich den Tagdienst.

Die wenige n momentanen Urlauber werden wir eben einfach später informieren müssen …

~*~

Vor der Besprechung mit den Teamleitern sitzen Jeremy, Maik und ich bereits in Ludwigs Büro.

Mit Theodora habe ich noch abgesprochen, dass der Saal im Erdgeschoss des Gutshauses nicht großartig hergerichtet werden muss, weil sie mich nach dem Essen darauf angesprochen hat.

Maik hat ihr noch in groben Zü gen erklärt, wieso das Telefonat so wichtig war, und ich freue mich irgendwie schon auf heute Abend, seitdem ich weiß, dass Peter so schnell Zeit für uns hat.

Nun aber fallen die Entscheidungen, die die Zukunft des Feuerrieds mitbestimmen werden.

Jeremy ist nach wie vor nicht abgeneigt, als stellvertretender Gestütsleiter hier zu arbeiten. Natürlich unter der Voraussetzung, dass seine Turniertätigkeiten in keiner Weise eingeschränkt werden, aber das ist wohl das kleinste Problem.

Viel wichtiger wird in den kommenden Wochen, dass einige neue Mitarbeiter eingestellt werden mü ssen.

Allein fü r das geplante Reha-Zentrum und Maiks Praxis benötigen wir Fachpersonal. Im stetig wachsen­den – und bald einen Anbau benötigenden – Turnierstall mindestens einen neuen Pferdewirt und einen neuen Stallknecht …

Die Liste ist lang und in meinem Kopf bleibt nur mäß ig viel Platz für all die anderen wichtigen Dinge.

Theodora, die durch ihren Posten als Chefin des Gutshauses auch eine Teamleiterin ist, betritt um kurz vor 15 Uhr als Erste das groß e Büro, in welchem Ludwig seinen Teil der Organisation gemanagt hat. Sie schiebt einen Rollwagen mit Kaffeekannen, Milch und Zucker sowie Tassen in den Gestütsfarben herein, stellt ihn an der nächstgelegenen Wand ab und setzt sich zu uns an den ovalen Besprechungstisch. „Na, ich bin sehr gespannt, das ist euch schon klar, oder?“

Ich grinse sie an. „ Du wirst alles erfahren, sobald die anderen hier sind, okay?“, gebe ich zurück.

Ja, kein Problem. Vermutlich sind die Neuigkeiten nichts, was du gern zwanzigmal sagen willst. Habt ihr mittlerweile von Ludwig gehört?“

Ich presse kurz die Lippen aufeinander, schließ lich nicke ich. „Ja, das ist der Grund, weshalb wir hier sind.

Die Mappe mit den Unterlagen liegt vor mir auf dem Tisch. Maik und Jeremy sitzen rechts und links von mir an einem Kopfende, Theodora hat sich neben Maik niedergelassen.

„Den Kaffee verteilen wir, wenn alle da sind“, erklärt sie und pünktlich erscheinen kurz darauf die anderen Teamleiter, bis insgesamt vierzehn Personen am Tisch sitzen.

Jeder holt sich Kaffee nach seinem Geschmack, a nschließend sehen mich alle neugierig an.

Die Chefs aus den Stallungen, der Landwirtschaft und der Besamungsstation sind mitsamt ihren Vertretern anwesend, dazu Theodora, Jeremy, Maik und ich.

Nachdem Ruhe eingekehrt ist, beginne ich.

„Wie ihr sicher schon gemerkt habt, ist Ludwig seit Wochen nicht mehr hier gewesen und er wird auch nicht zurückkommen.“ Ich sehe in die Runde. „Er hatte ja schon lange vor, sich vom Gestüt zurückzuziehen und nun ist es soweit. Sein Anwalt hat mir die entsprechenden Urkunden zukommen lassen – das Feuerried gehört seit Montag vergangener Woche mir – und damit auch Maik.“

Erstaunen, wie ich es angesichts dieser Neuigkeit erwartet hä tte, bleibt aus. Stattdessen beifälliges Gemurmel und Theodora sagt: „War nicht anders zu erwarten.“

Sie lä chelt dabei und ich erwidere es.

Ich, beziehungsweise wir, planen einige Veränderungen und vor allem Erweiterungen des Feuerrieds. Da Maik Tierarzt ist, werden wir eine entsprechende Praxis mit angeschlossenem Reha-Zentrum für Pferde bauen. Für dieses brauchen wir natürlich noch eine Menge Mitarbeiter, aber das klären wir noch genauer und es wird euch nur indirekt betreffen.“

Klingt toll, so etwas wolltest du doch schon länger machen“, sagt Werner, der Teamchef des Rennstalls. „Das wird auch den aktiven Rennpferden zugutekommen.“

Genau das. Dafür war es ja auch ursprünglich angedacht – um den aktiven Sportpferden Erholung bieten zu können, die über Solarium und Massage hinausgeht. Ich denke, wir werden alle davon profitieren“, erkläre ich weiter.

Wo willst du diesen Komplex denn hin bauen?“, erkundigt sich Saskia, die Leiterin der Besamungsstation.

Du fragst wegen der Quarantänebestimmungen, nicht wahr?“, hake ich nach und sie nickt. „Das Grundstück am Auffahrtsweg, wenn man auf das Feuerried fährt links gelegen, ist seit zwei Jahren offiziell Bauland. Die Genehmigungen dafür habe ich also schon lange eingeholt. Was noch fehlt, ist die Erschließung des Gebiets und entsprechende Baupläne für die Neubauten, damit ich alle weiteren Erlaubnisse einholen kann.“

Klingt gut, dann müssten also … was weiß ich … kranke Hunde und Katzen nicht erst richtig aufs Gestüt?“ Saskia sieht Maik und mich zufrieden an.

Genau. Auch Pferde von außerhalb – sollten unsere Kapazitäten das jemals hergeben – werden dort in Quarantäne stehen und keines unserer anderen Tiere auch nur zu Gesicht kriegen.“

Gut durchdacht!“, befindet Victor, der Verantwortliche im Hengststall anerkennend, worüber ich mich wirklich freue.

Ihr wisst, es liegt mir fern, euch in allen Belangen vor vollendete Tatsachen zu stellen. Bestimmte Dinge muss ich, respektive müssen Maik und ich, entscheiden, aber das bedeutet nicht, dass mir euer Feedback und eure Meinungen egal sind.“

Wissen wir doch, Kim.“ Ich sehe zu Rainer, dem Chef der Landwirtschaft.

Gut! Es wird noch weitere Neuerungen geben. Vermutlich sind die meisten davon einfach dadurch bedingt, dass ich endlich einen Vertreter, besser noch einen Ersatz für meinen bisherigen Posten brauche. Personalentscheidungen treffe ich aber, besonders wenn es so große sind, nicht gern über eure Köpfe hinweg …“ Ich pausiere kurz und sehe Jeremy an. „Wie ich aus den Gesprächen mit euch weiß, hat hier in meiner plötzlichen Abwesenheit nach dem Weideunfall alles wunderbar geklappt, weil Jeremy eingesprungen ist. Und deshalb habe ich ihm das Angebot unterbreitet, stellvertretender Gestütsleiter zu werden.“

Allgemeines, beifä lliges Gemurmel wird laut.

Klingt super.“

Geile Idee!“

Spitze!“

Ich warte, bis sich alle beruhigt haben. „ Das allein ist aber noch nicht genug, da Jeremy durch seine Eigenschaft als Profireiter eben auch oft unterwegs sein wird.“

Es ging jahrelang ohne einen Ersatzmann für dich, Kim. Du hast hier letztlich doch alles so organisiert, dass wir gut eingespielt funktionieren konnten“, bemerkt Werner.

Vielen Dank, aber das lag wohl immer eher an eurer Bereitschaft, eigenständig zu arbeiten“, wiegele ich ab, denn ich sehe das tatsächlich so.

Natü rlich hat mein Führungsstil einen gewissen Einfluss darauf, aber die Teamleiter sind verlässlich und so verantwortungsbewusst, dass sie im Zweifelsfall auch ohne mich gute und für die Mitarbeiter und Tiere sinnvolle Entscheidungen treffen können.

Nimmst du das Angebot denn an, Jeremy?“, fragt Theodora.

Der Blondschopf lä chelt. „Ich denke, es spielt für meine Karriere keine Rolle, wo meine Pferde stehen, bevor ich mit ihnen auf Turniere gehe. Es würde sich für mich also eher der Hauptstützpunkt ändern, was mir durchaus gefallen würde.“ Er mustert Maik und mich kurz. „Im Grunde habe ich mich bereits für das Feuerried entschieden. Wohl auch, weil mich mittlerweile nicht mehr nur mit Maik, sondern auch mit Kim eine sehr gute Freundschaft verbindet, und ich die Atmosphäre auf dem Gestüt sehr mag. Aber ich möchte diese Entscheidung in ihrer gesamten Tragweite noch mit Maiks Großvater besprechen, bevor ich endgültig ja sage.“

Verständlich.“

Ist besser.“

Gute Entscheidung, William Dexter wird dich ja auch nur ungern gehenlassen, vermute ich“, sagt Werner.

Wir kriegen das alles hin, davon bin ich überzeugt. Ich bin nur froh, dass sich keiner von euch übergangen fühlt, weil ich eben Jeremy als Gestütsleiter haben will.“

Wir reden noch weiter, bis es fast 16 Uhr ist, danach wechseln wir gesammelt hinü ber in den großen Saal, der auch Platz für mehr als die anwesenden einhundert Mitarbeiter bieten würde.

Ich komme dieses Mal nicht daru m herum, mich an der Kopfseite des Raumes aufzustellen und den in Stuhlreihen sitzenden Stallknechten, Bürokräften, Hausmädchen, Bereitern, Trainern und Laboranten zu erklären, was eben im kleineren Kreis schon besprochen wurde.

Allerdings erwä hne ich diesmal noch nichts von Jeremy. Seine endgültige Entscheidung steht noch aus, deshalb will ich das nicht breittreten.

~*~

Die zweite Versammlung ist bereits nach zwanzig Minuten beendet, so dass wir uns alle wieder an unsere Arbeitsplätze oder in den Feierabend begeben können. Vom Tor bekomme ich einen Anruf, der mich verwirrt und in Aufregung versetzt.

Kim? Hier ist ein kleines Mädchen, das mit dir sprechen will …“, dringt die zögerliche Stimme aus dem Telefon an mein Ohr.

Aha? Und was will die Kleine?“

Sie sagt, sie hat den TV-Bericht über das Gestüt gesehen und will dir eine wichtige Information geben.“ Klaus Petersen, der Wachmann am Ende der Leitung, klingt zweifelnd, aber ich beschließe, dass ein kleines Mädchen wohl kaum eine Gefahr darstellt, und er sie passieren lassen soll.

Wenig spä ter stehe ich mit Maik und Jeremy zu einem kurzen Gespräch am Seiteneingang des Turnierstalls, als ein gar nicht so wahnsinnig kleines Mädchen auf einem Fahrrad den Zufahrtsweg hinaufgestrampelt kommt. Ich würde sie spontan auf mindestens 15, eher 17 schätzen …

Sie hat dunkelrotes Haar; wie glä nzende Kastanien leuchtet es im Sonnenschein. Ihr weißes Trägertop spannt sich ein wenig um ihren Oberkörper, und die abgeschnittenen Jeans zeigen sonnengebräunte Beine.

Die junge Fr au springt ein wenig atemlos neben uns vom Rad und stellt es auf seinen Ständer, bevor sie uns ein wenig verschüchtert anlächelt. Sie wirkt eindeutig eher nervös als überanstrengt.

Hallo, ich bin Kim“, begrüße ich sie und strecke ihr die Hand hin.

Sie nic kt hastig und ihr Blick wandert in schneller Folge zwischen uns dreien hin und her.

Kim Andreesen, richtig? Ich bin Ines Völkner.“ Sie ergreift meine Hand und ich stelle erstaunt fest, dass ihr Händedruck nicht so locker und kraftlos ist, wie ich angesichts ihrer offensichtlichen Verlegenheit erwartet habe.

Hi Ines. Was führt dich hierher?“, frage ich, während Maik und Jeremy sich vorstellen und ihr ebenfalls die Hand schütteln. Bei Jeremy quietscht sie ganz leicht auf und ich kann deutlich sehen, dass sie seinen Namen auch so kennt. Ich grinse leicht.

Ich bin hier, weil ich den Fernsehbericht gesehen hab … Na ja, ich hab auch den Kram in der Zeitung gelesen und natürlich auch die Radiomeldung gehört …“ Sie spricht schnell, haspelt sich von Wort zu Wort. An ihrer Nervosität hat sich noch nichts geändert. Wie auch, in so kurzer Zeit?

Magst du was trinken?“, wirft Maik ein und sie nickt dankbar.

Wäre toll, ich bin grad zwölf Kilometer hergeradelt.“

Wir gehen zu meiner Wohnung und ich reiche ihr das auf meine Nachfrage gewünschte Wasser, während Jeremy sich in den Stall verabschiedet und Maik und ich mit ihr am Tisch Platz nehmen.

Okay, Ines, du kannst uns ruhig duzen.“

Oh, danke.“

Dann erzähl mal ganz in Ruhe“, bitte ich sie und sie berichtet nach einem ausgiebigen Schluck Wasser, weshalb sie heute hergekommen ist.

Also, wie ich eben schon sagte, hab ich all diese Berichte gesehen und gehört und ich glaube zu wissen, wer dahinter steckt. Also, hinter den Schüssen, meine ich.“

Aha?“ Maik und ich setzen uns gleichzeitig kerzengerade hin.

Na ja, also, ihr sollt mich jetzt nicht für eine blöde Petze halten, oder so, deshalb bin ich auch lieber hergekommen, als direkt zur Polizei zu gehen … Jedenfalls … Ich glaube, dass mein Bruder und sein bester Freund das waren.“

Okay, das ist echt mal eine Aussage! Meine Augen werden sicher tellergroß , ich muss schlucken, bevor ich darauf reagieren kann.

Du meinst …?“

Sie nickt erneut sehr hastig. „ Also es ist so: Wir wohnen, wie gesagt, etwa zwölf Kilometer von hier in einem kleinen Ort, auf einem Bauernhof. Und mein bescheuerter Bruder und sein noch viel bekloppterer Kumpel haben gestern Abend hinterm Stall im Stroh gehockt und sich über ihre grenzgeniale Tat unterhalten … Also … sie haben immer schon beide einen Spleen gehabt, was Waffen angeht, aber diesmal wurden sie sehr konkret. Sie sagten, dass sie nun, nach den Berichten, besser die Klappen halten und nix mehr riskieren sollten, von wegen schwarz Jagen gehen und so.“

Ines ’ Rede ist zugegebenermaßen ein wenig durcheinander, aber ich verstehe sehr wohl, was genau sie da gerade sagt. Ihr Bruder und dessen Freund haben hier auf dem Gelände gewildert und unsere Pferde erschreckt? Das ist so krass!

Es ist dein Pferd, nicht wahr?“ Ines sieht Maik mitleidig an. „Das tut mir so schrecklich leid!“

Es wird ihr bald wieder besser gehen, auch wenn ich nie damit gerechnet hätte“, erwidert er.

Du hast sie also belauscht“, knüpfe ich an. Ich will natürlich alles wissen …

Ja, die beiden Torfköpfe sitzen da immer direkt unter meinem Fenster und haben keine Ahnung, was ich schon alles mit anhören musste …“ Sie seufzt vernehmlich. „Jedenfalls … Sie haben die Gewehre aus dem Waffenschrank von Paps geklaut. Das machen sie öfters, aber bisher waren sie immer nur auf unserem Gelände damit unterwegs. Zu unserem Hof gehört ein kleines Stück Wald, wisst ihr? Und na ja, die zwei sind im Schützenverein und bla bla … Ihr wisst schon.“

Ines rollt die Augen. „ Blödmänner, alle beide! Aber dass sie so bösartig sein könnten, war mir nicht klar – bis gestern Abend.“

Hm, du weißt, dass wir die beiden anzeigen werden, oder?“

Sie nickt erneut. „ Sicher! Deshalb komme ich mir ja auch grade nicht so toll vor … Ist irgendwie kein schönes Gefühl, meinen eigenen Bruder ans Messer zu liefern, aber was er getan hat, ist falsch, und ich denke, das muss er endlich mal kapieren!“

Wie alt ist denn dein Bruder?“, fragt Maik.

Zwanzig. Sie sind beide zwanzig.“

Okay, dann sollten wir jetzt Kommissar Wilmers anrufen und ihm sagen, was du gehört hast. Ob die zwei wirklich auf dem Feuerried waren, wird er dann schon herausfinden …“, denke ich laut.

Hm ja“, sagt Ines leise. „Voll Scheiße, das alles!“

Sie ist mir irgendwie sehr sympathisch. Ich kann mir nicht helfen, aber der Eindruck, den ich bereits von ihr hatte, als sie über die Einfahrt kam, hat sich stetig weiter verstärkt.

Es ist wirklich super von dir, dass du uns hilfst, das Ganze aufzuklären“, höre ich Maik sagen. „Danke.“

Ich bin bereits am Telefon und habe die Durchwahl von Wilmers gewä hlt. Es dauert nicht sonderlich lange, ihm den Sachverhalt zu schildern, und er verspricht, so schnell wie möglich herzukommen, um mit Ines zu sprechen. Ich lege wieder auf und nicke vor mich hin.

Wilmers ist bald hier, er meinte, eine knappe halbe Stunde würde er brauchen. Er bringt auch Frau Seifert mit.“


C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\maiktest.jpg Ines und die Pferde

 

Ich mustere das Mä dchen, während es uns die ganze Geschichte erzählt; auch oder besonders, weil ich hin und wieder Schwierigkeiten habe, ihre wirren Sätze in eine logische Reihenfolge zu bringen.

Denn och gelingt es mir sehr wohl, ihre Sorge und auch ihre Angst zu erkennen. Ines fürchtet, wie sie auch deutlich sagt, großen Ärger von ihrem Bruder und ihrem Vater.

Letzterer scheint aufgrund seiner eigenen Jagdle idenschaft, die sich allerdings im vollkommen legalen Rahmen befindet, seine schützende Hand über seinen Sohn zu halten.

Wirst du viel Ärger kriegen?“, frage ich nach und mustere sie ernst. Natürlich will ich nicht, dass sie Probleme zu Hause bekommt.

Ich werde es überleben“, wiegelt sie ab, aber sie zittert zwischenzeitlich ein wenig.

Ich glaube, es ist besser, wenn Kommissar Wilmers erst mal nicht sagt, woher die Informationen kommen …“, denke ich laut und Kim nickt.

Kims Telefon klingelt diesmal nicht, um die Besucher anzumelden, er hat direkt nach dem Anruf bei Wilmers noch am Tor Bescheid gesagt, dass die Wachleute die Kommissare passieren lassen sollen.

Stattdessen hö ren wir den Wagen auf den Hof rollen und wenig später klingelt die Türglocke. Ich gehe zur Haustür, um Wilmers und Seifert einzulassen.

Ich bin Melanie Seifert und das ist mein Kollege, Friedrich Wilmers. Wir sind Kommissare und arbeiten gemeinsam an dem Fall“, begrüßt die junge Frau Ines und wir setzen uns alle wieder an den Tisch – ich selbst etwas später, nachdem ich den Polizisten Kaffee organisiert habe.

Ines berichtet erneut, was sie gehö rt hat, antwortet vernünftig und klar auf die Fragen von Frau Seifert. Offensichtlich hat Herr Wilmers beschlossen, die Befragung komplett seiner Kollegin zu überlassen.

r mich wird nun auch einiges klarer, was mir vorher im Detail noch entgangen war. Mein Deutsch mag ja schon sehr gut und vor allem akzentfrei sein, aber das bedeutet nicht, dass ich die Umgangssprache voll beherrsche, die Ines durchaus benutzt.

Nach einer weiteren halben St unde, in der die Polizistin viele Fragen über Ines’ Familie stellt, scheint für beide Kommissare klar zu sein, morgen Mittag mit den beiden Tatverdächtigen zu sprechen.

Aber Sie sagen nicht, dass Sie den Hinweis von mir haben?“, hakt Ines noch einmal nach und atmet erleichtert durch, als Wilmers antwortet.

Nein, werden wir nicht. Es ist vorerst sinnvoller, dich da rauszuhalten.“

Okay, gut. Dann fahre ich jetzt besser wieder nach Hause“, sagt sie und erhebt sich.

Schaffst du den Weg zurück rechtzeitig oder sollen wir dich bringen?“, fragt Kim und ich stimme ihm zu. Es ist bereits Zeit fürs Abendessen und Ines sollte nicht zu spät kommen, wenn das, was sie uns erzählt hat, stimmt. Ihr Vater kann es nicht leiden, wenn bei der einzigen gemeinsamen Mahlzeit der Familie ein Mitglied fehlt.

Ines sieht auf ihre Uhr. „ Wird knapp. Wäre toll, wenn mich jemand bringen könnte …“ Sie sieht uns unsicher an, bis wir einhellig nicken.

Okay, dann komm.“ Kim schnappt sich die Schlüssel für den Rover. Darin haben wir genug Platz für Ines, ihr Fahrrad und uns beide, um sie zu dem Dörfchen zu fahren, in welchem sie wohnt.

Eine Querstraß e vor ihrem Wohnsitz lassen wir sie aussteigen. Sie will es so, damit sie ganz normal auf den Hof radeln kann.

Insgeheim bewundere ich ihren Mut nur noch mehr. Schließlich wird sie ab jetzt ein echtes Schauspiel abliefern müssen und dafür zu sorgen haben, dass man ihr nichts anmerkt.

~*~

Als wir zurückkehren, bleibt nicht mehr allzu viel Zeit, bis Peter auftauchen wird.

Zeitdruck, wenn man Esse n zubereiten will, ist so ziemlich das Letzte, was ich mag. Umso besser ist es, dass Jers so geistesgegenwärtig war, zu kochen!

Er begrüß t uns mit einem gedeckten Tisch und herrlich duftendem Curryreis, den wir gemeinsam verspeisen, gleich nachdem wir ihm jubelnd um den Hals gefallen sind.

Als ihr weg wart, kam ein Anruf rein. Die Klinik hat endlich einen Transporter bekommen für CD!“, erklärt er uns, kaum dass wir richtig am Tisch sitzen.

Wow, das ist toll! Für wann denn genau?“, erkundigt sich Kim und mir wird zeitgleich bewusst, dass Ines’ Auftauchen meinen heutigen Besuch bei Möhrchen glatt verhindert hat. Ich kann jedoch angesichts der Tatsache, dass wir immerhin die Tatverdächtigen kennen, darüber nicht böse sein.

Morgen Vormittag. Wenn du ihren Transport begleiten willst, sollst du um acht Uhr an der Klinik sein, Maik.“

Wahnsinn! Ich strahle meinen besten Freund an und beschließ e spontan, dass ich genau das morgen früh machen werde.

Dann müssen wir noch eine Box für sie herrichten!“ Ich merke selbst, dass ich ein wenig aus dem Häuschen gerate und grinse entschuldigend, aber Kim und Jeremy kichern nur wissend.

Kriegen wir alles hin, der Turnierstall ist ja aus Modulen gebaut und bietet alle möglichen Upgrades. In der Abstellkammer neben dem Aufenthaltsraum liegen die Träger für die Galgenvorrichtungen.“ Kim klingt beruhigend und ich nicke dankbar.

Spitze! Wollen wir das jetzt noch machen?“, frage ich und will schon wieder aufstehen.

Erst wird gegessen!“, kommandiert Jeremy.

Genau so passiert es a uch. Wir essen, reden noch eine Weile, gehen danach zu jener Abstellkammer und sichten die dort lagernden Materialien.

Neben den von Kim erwä hnten Stahlträgern, die die Aufhängung für Möhrchen halten werden, gibt es auch Ersatztränken, neue zweigeteilte Türen, Boxenwände und Kisten mit Winkeln, Haltern und Stangen als Ersatzteile.

Mann hieraus könnte man einen Haufen weitere Boxen bauen!“, entfährt es Jeremy und Kim nickt.

Das ist der ganze Kram, den wir nicht benutzt haben, weil unsere Boxen größer sind als der allgemeine Standard. Im Quarantänestall könnten wir mindestens vier weitere haben, wenn wir sie ein wenig verkleinern würden, aber das wollte ich nicht. Lu hat auch immer sehr viel Wert darauf gelegt. Vor etwa sieben Jahren sind nach und nach alle Stallungen abgerissen und neugebaut worden. Deshalb sind sie heute auch so angeordnet. Früher standen die Gebäude zum Teil sehr wirr in der Landschaft und der Stutenstall war vorn am Hof und nicht so zurückgelegt wie heute.“

Aber der neueste Stall ist der Turnierstall, oder?“, hakt Jers nach.

Ja, der ist erst fünf Jahre alt und hier stand vorher eine alte Remise für die Landwirtschaftsfahrzeuge.“

Das erscheint mir unpraktisch, wenn die riesigen Landmaschinen immer an den Ställen vorbei mussten“, sinniere ich.

Eben. Deshalb ist die Remise jetzt ausgelagert hinter den Rennstall und das Gutshaus.“

Ein Wagen rollt auf den Hof, das muss Peter sein. Ich gehe zum Seitentor und sehe hinaus.

„Es ist Peter, ich werde die Aufrüstung von Möhrchens Box also auf später verschieben müssen …“, erkläre ich und mache mich auf den Weg.

~*~

Da Peter heute zuerst mit mir allein reden will, setzen wir uns gemeinsam in die Küche.

Wie geht es dir?“ Peters Frage klingt nicht so lapidar, wie die meisten Menschen sie stellen. Er will es wirklich wissen, ungeschönt und ehrlich.

Durchwachsen“, bekenne ich deshalb auch. Ich seufze. „Es ist alles so neu und fremd und ich habe einfach keine Chance, das vollumfänglich zu begreifen …“

Du spielt darauf an, dass ihr hier bleiben werdet.“

Ich nicke. „ Genau. Ich meine, ja, es ist toll, nein, eigentlich fehlt mir ein halbwegs passendes Wort dafür … Aber es ist eben ungewohnt und ich werde eine Weile brauchen, um die Vergangenheit und den Status quo irgendwie zu verdauen …“

Dafür bin ich ja da, Maik.“ Peter klingt ruhig und freundlich wie immer. Seltsam, wenn er das so sagt, dann will ich ihm glauben, einfach so. „Wir werden gemeinsam einen Weg finden, über den du alles verarbeiten kannst.“

Das hoffe ich wirklich. Ich ertrage nicht noch mehr Scheiß“, murmele ich.

Das heutige Gesprä ch dient hauptsächlich dazu, Termine zu finden, die Strategie der Therapie grob festzulegen und Peter auf den neuesten Stand zu bringen.

Er erkennt wä hrend meines Berichtes auch sofort, in welches unterschwellige Dilemma mich mein endgültiger Umzug nach Deutschland treibt.

Natü rlich will ich bei Kim sein, egal wo, egal wie, aber mit dieser Entscheidung kommen eben auch eine Menge Fragen auf. Unter anderem die, was aus meinem Cottage wird, was mit Dexter’s Breed auf lange Sicht passieren wird …

Peter schafft es, mich zum Teil davon zu ü berzeugen, dass ich in den nächsten Wochen und auch Monaten erst einmal an Kim und mich denken muss. Daran, was wir uns hier neben dem schon Bestehenden noch aufbauen wollen.

Das Reha-Zentrum, welches Kim schon so lange plant, wird innerhalb von höchstens zwei Monaten Gestalt annehmen. Er hat mir vorhin auf dem Rückweg von Ines’ Dorf gesagt, dass die Baufirmen, die zur Auswahl stehen, bereits morgen herkommen werden. Vor dem Winter wird es also einen weiteren großen Zweig auf dem Gestüt geben.

Bisher steht in einem Anbau des Rennstalls nur ein einzelner Aquatrainer fü r die beanspruchten Muskeln der Tiere, die gerade von den Rennwochenenden zurückkehren. Ansonsten ist das Feuerried dahingehend noch nicht gut bestückt.

Aber das wird sich bald ä ndern – ich freue mich sehr darauf.

Peter spricht auch noch mit Kim, wä hrend ich mit Jers schon einmal auf die Dachterrasse verschwinde. Der Sonnenuntergang ist nicht mehr fern, weshalb der Himmel über dem wunderbaren Weiden- und Waldpanorama, das sich uns bietet, in schönsten Rottönen erleuchtet ist.

Seufzend und vollkommen zufrieden mit dem E rgebnis des Gesprächs blicke ich hinaus.

Ich habe ein bisschen Angst vor Williams Reaktion …“, beginnt Jeremy und trinkt von seinem Wasser.

Hm ja, ich weiß auch nicht, was er sagen wird, aber ich bin mir sicher, dass er weder dir noch mir da reinreden wird“, versuche ich ihn zu beruhigen. Für ihn hängt deutlich mehr am Gestüt meines Großvaters als für mich, immerhin ist er dort der wichtigste Reiter. Davon abgesehen bin ich mir sicher, dass Jeremy irgendwann einen Posten als Gestütsleiter und wohl auch Grandpas Entscheidungsgewalt als Züchter übernommen hätte.

Nun aber wird alles anders und natü rlich frage auch ich mich, wie mein Großvater darüber denken wird.

Wir werden es erfahren, wenn William und Claire am Donnerstag herkommen“, erwidert mein bester Freund.

Genau!“ Ich stupse ihm in die Rippen und grinse. „Hey, mach dich nicht verrückt, sie werden sich auf jeden Fall auch freuen!“


Dienstag, 13. August


Bauherren und Pferdenarren

C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\kimtest.jpg

 

Der Wecker klingt genauso grausam wie jeden Morgen, aber bevor ich mich richtig umdrehen, und ihm einen Kuss geben kann, springt Maik bereits aus dem Bett und hastet ins Badezimmer.

Verwirrt und blinzelnd sehe ich ihm nach, nur um wenig spä ter hinter ihm herzutrotten.

Hey!“, rufe ich gegen das laufende Wasser der Dusche an und schiebe murrend die Tür zur Kabine auf. „Krieg ich wenigstens einen Kuss, wenn du mir heute schon so offensichtlich mit deiner anderen großen Liebe fremdgehst?“

Mein Lö wenherz zieht mich, wie ich bin, also in Schlafhosen, zu sich hinein und lacht so fröhlich auf, dass ich gar nicht anders kann, als mich grinsend zu ihm zu strecken und mir meinen Kuss abzuholen.

Ich liebe dich“, murmelt er, während das Wasser über sein Gesicht läuft. Noch ein Kuss, diesmal ein sehr langer, hungriger. Anschließend schiebt er mich halb von sich und sieht zwischen uns hinab. „Aber deine Schlafhose könntest du demnächst schon ausziehen, Koalabärchen.“

Ich boxe ihm scherzhaft vor die breite Brust und mache mich von ihm los, um die mittlerweile klitsc hnasse Hose mit einiger Mühe hinabzurollen und in eine Ecke der Kabine zu werfen. So durchtränkt kann sie eh nicht in den Wäschekorb …

Nach der Dusche, unserem schnellen Frü hstück mit Jeremy und einer kurzen Besprechung der heutigen Pläne verabschiedet sich Maik auch schon.

Er wird wie geplant sofort zur Klinik rü berfahren, um Möhrchens Transport selbst zu überwachen.

Jeremy und ich bere iten in der Zeit mit Lukas zusammen die direkt am Seiteneingang gelegene Box vor. Es geht tatsächlich sogar recht schnell, die Träger für die Aufhängung anzubringen.

Prima, dann kann das Möhrchen ja heimkommen!“, befindet Timeon, der sich mit Pascal bereits um das tägliche Putzen der Pferde kümmert, als er mit Bernoldo und Hannibal an uns vorbeigeht.

Ich sehe auf die Uhr. In einer guten Stunde werden die Vertreter der drei von mir herbestellten Baufirmen aufkreuzen und ich hoffe wirklich, dass sie mir wä hrend der Ortsbegehung sagen können, wie lange der Bau ihrer jeweiligen Gebäudekomplexe dauern würde.

Ist vielleicht ganz gut, dass die heute schon kommen“, sagt Jeremy und mustert mich, während wir am Außenputzplatz Jazira und Finchen auf Hochglanz bringen.

Wieso meinst du das?“

Na ja, erstens geht’s dann alles sehr schnell und zweitens bin ich ab morgen früh nicht mehr hier, um euch zu helfen. Da ist es besser, dass Maik und du heute mehr oder weniger ausfallen, denkst du nicht?“

Ich nicke. „ Da hast du recht! Ich finde es wirklich toll, dass dein Turnier in der Nähe ist … Immerhin könnt ihr, Claire, William und du, dann in der Zeit hier wohnen. Das Zimmer im Gutshaus wird den beiden gefallen, denke ich.“

Ganz sicher sogar. Ich habe mit William telefoniert, er freut sich sehr darauf, das alles live zu sehen.“

~*~

Der Fußweg zur Ortsbegehung am Gelände des zukünftigen Praxis- und Reha-Gebäudes ist nicht wahnsinnig weit, aber ich habe die drei Vertreter der Baufirmen mitsamt ihren Assistenten im Schlepptau, als ich den Weg in Richtung Tor entlanggehe.

Wenn man vom Haupteingang des Feuerrieds kommt, liegen zu beiden Seiten ungenutzte Wiese nflächen, von denen die Linkerhand bereits als Bauland genehmigt und im Grundbuch vermerkt sind.

Direkt vor dem Quarantä nebereich des Turnierstalls wird das, was ich mir für Maiks baldigen Arbeitsplatz vorstelle, errichtet werden.

Wie Sie sehen, haben Sie hier jede Menge Platz zur Entfaltung, was Ihre baulichen Ideen angeht“, erkläre ich meinen insgesamt sechs Begleitern und alle folgen meiner ausholenden Geste mit ihren Blicken.

Die Assistenten schwä rmen sofort aus, prüfen den Boden und sehen geschäftig in alle Richtungen.

Sie haben hier wirklich Großes vor“, befindet Gerald Ackermann, dem die Baufirma gehört, die auch unseren Turnierstall aus dem Boden gestampft hat.

Anders kann man das kaum nennen, wenn ich b edenke, wie schnell damals alles fertig wurde, nachdem das Betonfundament vollkommen durchgetrocknet war.

Was die Stallanlagen des Reha-Baus angeht, ist er bislang defi nitiv meine erste Wahl. Ich grinse ihn an und nicke. „Ja, allerdings. Ein eigener Tierarzt bietet eben neue Möglichkeiten.“

Das ist wahr. Dann lassen Sie uns doch einmal die Entwürfe durchsehen.“ Ackermann schlendert ebenso wie die zwei anderen Bauunternehmer neben mir her zurück zum Hof, auf welchem wir den großen Tisch aus dem Aufenthaltsraum des Turnierstalls bereitgestellt haben.

Innerhalb der nä chsten halben Stunde sehe ich mir die verschiedenen Blaupausen an und begutachte die unterschiedlichen Ansätze für den strategischen Aufbau des neuen Komplexes.

Ackermanns Mitarbeiter haben einen T-förmigen Grundriss als Ausgang genommen, das Team von Schreberwert und Söhne ein L-förmiges und das von Heidenack ein U-förmiges mit großem Innenhof.

Die Wahl fä llt mir wirklich nicht leicht, denn jeder Ansatz bietet wahnsinnig viele Möglichkeiten, die abgewägt werden wollen.

Mir persö nlich gefällt das L sehr gut, aber letztlich gewährt es nicht genügend Raum und Umbaumöglichkeiten. Das T erscheint mir zu verwinkelt, so dass ich letztlich zu dem Schluss komme, die U-Form für alle zum Standard zu erklären.

Die Ideen, die die Kreativen der Planungsabteilungen eingebracht haben, sind so vielfä ltig wie praktisch, weshalb ich die drei Männer nacheinander anblicke und meine Entscheidung bekanntgebe.

Sie alle haben wunderbare Ideen und Vorschläge für die Aufteilung von Unterkünften, Stallungen, Behandlungsräumen und Wellnessbereich geliefert, aber in jedem Ihrer Vorschläge fehlt mir etwas, das ein anderer von Ihnen mir anbietet.“ Ich atme tief durch. „Können Sie sich eine Zusammenarbeit vorstellen? Ich benötige den neuen Komplex so schnell es geht – spätestens in acht Wochen. Das Zeitfenster ist eng, der Plan riesig und die Finanzen spielen keine Rolle.“

Abwä gend schürzen sie die Lippen, mustern mich, sich gegenseitig, bis alle nicken und schlussendlich lächeln.

Klingt vernünftig. Teilen wir das nach Bereichen auf?“, fragt Ackermann seine Kollegen.

Sie alle wissen, dass ich den Auftrag auch nur einem hä tte geben können, aber so erhalten alle den Zuschlag und müssen sich absprechen, was sicherlich nicht leicht wird. Deshalb ist Ackermanns Vorschlag sehr gut.

Ich deute auf die Blaupausen und beuge mich wieder ü ber den Tisch. „Okay, also die U-form von Heidenack mit dem Wellnessbereich von Schreberwert und die Stallungen nach dem Planungsvorschlag von Ackermann.“

Ich habe eine Grundrisszeichnung blanko dabei, wollen wir gleich schauen, wo was hinsoll?“, erkundigt sich Elmer Heidenack und zieht eine weitere Blaupause aus der Papprolle neben dem Tisch.

Gute Idee!“, befinde ich und Heidenack selbst übernimmt das grobe Skizzieren der neuen Bereiche.

Hier vor muss die Praxis hin, mit allen Räumlichkeiten, wie Wartezimmer, Empfang, Behandlungsräumen und dem Operationssaal.“ Meine Aufzählung übernimmt Heidenack sofort in die Skizze.

Wer soll den Bereich bauen?“, will Ackermann wissen.

Hm, der gefiel mir hier besonders gut“, ich tippe auf den Plan von Heidenack, „aber da würde ich, wenn es Ihnen nichts ausmacht, gern noch den Klinikleiter befragen. Ist es möglich, diesen Teil zunächst nur grob zu planen?“

Das sollte klargehen, Herr Andreesen. Zumindest, wenn sich Ihr Klinikleiter nicht allzu lange Zeit lässt.“

Ich grinse ihn an. „ Der Klinikleiter ist Maik Dexter, seit einer Woche mit mir Eigner des Feuerrieds. Er überwacht den Transport eines verletzten Pferdes hierher und dürfte in etwa einer halben Stunde eintreffen.“

Kann er dann schon sofort entscheiden?“, erkundigt sich Ackermann erstaunt und schiebt mit geschürzten Lippen einen Glückwunsch hinterher: „Das freut mich für Sie, dass der ganze Laden nun Ihnen gehört!“

Vielen Dank. Ja, wir werden das Allerbeste daraus machen, deshalb ja auch das neue Reha-Zentrum.“

Gut, gut, dann lassen Sie uns die weitere Aufteilung eintragen“, schlägt Heidenack nach seinen Glückwünschen vor.

Ich würde sagen, die Stallungen, inklusive Bereitschafts- und Aufenthaltsraum, sollten den gegenüberliegenden Flügel einnehmen. Im Verbindungsflügel sollten Wellnessbereich und Mobilisierung untergebracht werden.“ Ich weiß anhand dessen, was in den vorgelegten Blaupausen steht, sehr genau, wie ich mir alles vorstellen soll.

In Ordnung. Und die Wohneinheiten, von denen Sie sprachen?“

Allesamt im ersten Stock. Wir wissen noch nicht genau, wie dort die Zimmerplanung aussieht, da sie stark von den persönlichen Gegebenheiten der Mitarbeiter abhängig sein wird“, erläutere ich. Natürlich wird die erste und hoffentlich für lange Zeit in ihrer ursprünglichen Form erhalten bleibende Belegschaft des neuen Komplexes bei der Gestaltung ihrer Wohnbereiche Mitspracherecht haben. Sollte der zukünftige Physiotherapeut zwei Kinder oder eine der Ärztinnen einen Mann und zwei Hunde haben, soll und muss auf diese Umstände Rücksicht genommen werden, um allen gerecht zu werden.

Sie wollen die Mitarbeiter alle hier einquartieren?“, fragt Schreberwert.

Ja, wenn es geht, will ich alle vor Ort haben. Die besten Trainer, Pfleger und Therapeuten wohnen nicht gerade in der Nachbarschaft, und wenn sie sowieso in die Gegend ziehen müssen, können sie auch gleich auf dem Feuerried wohnen.“

Klingt vernünftig, aber machen die das denn so einfach mit?“ Ackermann mustert mich zweifelnd.

Das werden wir sehen, immerhin hat das Feuerried ein gewisses Renommee, es dürfte nicht schwierig sein, gute und zugleich flexible Mitarbeiter zu finden.“

Da haben Sie auch wieder recht …“ Heidenack beugt sich wieder über den Plan. „Um das Ganze flexibel zu halten, sollten wir dann innen einen langen Flur einplanen, von dem aus man an mehreren Stellen ins Erdgeschoss gelangt.“

Ja, das auf jeden Fall, aber ich will auch eine Galerie rund um den gesamten Innenhof, mit Außentreppen hier, hier und hier“, ich deute auf die Skizze und Heidenack vermerkt meine Wünsche, „damit das Personal eigene Eingänge zu den Wohnbereichen bekommt.“

Loggien oder Balkone?“, hakt Schreberwert nach.

Hm, gute Frage … Ich denke, Loggien wären schön. Der erste Stock soll ja möglichst wenig Dachschräge haben, vielleicht ließe sich im Notfall über den Wohneinheiten auch noch ein Innenausbau nach oben ermöglichen?“

Hm, das geht, wenn wir den ersten Stock als vollen Stock planen. Allerdings sollten wir in diesem Fall doch nicht nur eine Betonplatte, sondern ein komplettes Kellergeschoss in unsere Überlegungen aufnehmen.“

Klingt gut“, erwidere ich und grüble bereits, was in solchen Räumen untergebracht werden könnte.

hrend wir den weiteren Plan besprechen und festlegen, welche der drei Firmen welchen Ausbau übernehmen soll, rollt der Spezialtransporter mit Maik und Möhrchen auf den Platz.

Ich ent schuldige mich bei den drei Bauunternehmern und eile mit langen Schritten auf den LKW zu, als er neben dem Turnierstall anhält.


C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\maiktest.jpg Möhrchen at home

 

Kim steht mit drei mir fremden Männern an einem Tisch auf dem Hof, als der Transportfahrer und ich mit meinem geliebten Möhrchen am Turnierstall ankommen. Sacht wie die ganze Zeit über bremst Kalle, wie sich der Mittvierziger vor guten zwei Stunden vorgestellt hat, am Nebeneingang ab und ich springe aus dem Führerhaus auf den Beton hinab, um möglichst schnell Jers und einen der Pferdewirte aus dem Stall zu holen.

Beim Verladen meiner Stute hatten Kalle und ich vier Helfer. Wir werden sehen, wie viele wir jetzt benö tigen, um die Süße in ihre neue Box zu bringen, ohne dass sie in Panik gerät oder zu schnell geht.

D en Schienverband, der das Bein und den bereits sehr gut angeheilten Bruch entlastet, habe ich heute Morgen natürlich selbst angelegt. Allein schon, weil ich – sollte etwas schief gehen – persönlich die Verantwortung dafür tragen will.

Kim kommt mir bereit s entgegen und lächelt mich an, während sein Blick fragend auf mir ruht.

Alles in Ordnung. Ich muss nur ein paar Helfer holen“, erkläre ich im Vorbeigehen.

Das kann ich auch übernehmen!“, erwidert er und macht Anstalten zu einer Kehrtwende, doch ich winke ab. Ein paar Schritte zu gehen, tut mir nach dem verkrampften Sitzen im Truck sehr gut.

Mit Jeremy, Timeon und Pascal im Schlepptau kehre ich wenig spä ter zurück, um zu sehen, dass Kim unter Kalles freundlichen Anweisungen bereits mit anfasst, um die Laderampe, die zugleich die Heckklappe des Fahrzeugs darstellt, herabzulassen.

Die steht ja verkehrt herum!“, wundert sich Timeon lautstark und erntet allgemeines Gelächter, das zumindest mir noch etwas gezwungen erscheint.

Natürlich, Kleiner. Sie hat den Vorderlauf gebrochen, wenn ich stark bremsen muss, weil irgendeine Hohlbirne nicht aufpasst, kann auf diese Weise ihre Hinterhand den Schwung abfangen“, erklärt Kalle.

Wenig spä ter ist es soweit. Möhrchen wird aus der Aufhängung befreit, in welcher sie während des Transports befestigt war, und macht, wie vorhin auf dem Hof der Klinik, die ersten vorsichtigen und sehr steif aussehenden Schritte Richtung Rampe.

Habt ihr sie rückwärts da raufbugsiert?“, will Timeon nun wissen. Er ist offensichtlich sehr interessiert am Ablauf eines solchen Transportes. Aber wer will ihm das verübeln?

Ich schü ttle den Kopf, als ich Möhrchens Beine auf Transportschäden untersuche und sie anschließend langsam am Führstrick über die Rampe hinabbegleite.

Sie selbst bestimmt das Tem po, damit ist zumindest sichergestellt, dass sie sich nicht abhetzt oder nervös wird.

Nein, der Auflieger des Transporters hat Laderampen an beiden Seiten“, sagt Kalle und bedeutet Timeon, das Ende der Longe zu übernehmen, mit welcher Jeremy, Pascal und Kim den Weg grob markieren, den mein Möhrchen zu nehmen hat. Sie kennt solche Abgrenzungen von Turnieren und weiß, dass sie dazwischen bleiben muss. Timeon folgt der Anweisung und er und Kalle markieren den Weg innerhalb des Stalls für meine Süße.

Erleichte rtes Aufatmen erklingt um mich herum, dass ich grinsend aufsehe, kaum dass Möhrchen in ihrer Box angekommen ist und sich wenig später wieder in einer Aufhängung befestigt findet.

Ich kraule sie zwischen den Ohren und Kim tritt zu uns. Das Rascheln des Stro hs verrät ihn und seine Hand gleitet sacht über die Nüstern meiner Stute.

Na, meine Schöne? Da bist du endlich wieder zuhause angekommen“, murmelt er und ich spüre, wie in meinem Brustkorb schon beim zärtlichen Klang seiner Stimme ein Feuer auflodert.

Kei ne Ahnung, wie lange wir so dastehen, mit Möhrchen kuscheln und flüstern, aber irgendwann räuspert sich Jeremy.

Kalle ist abfahrtbereit.“

Wir verlassen daraufhin die Box und schließ en sie gewissenhaft, um ihm auf den Hof zu folgen.

Am Fahrerh aus angekommen, reiche ich Kalle noch einmal voller Dankbarkeit die Hand und gebe ihm, weil ich es für sehr angemessen halte, ein extragroßes Trinkgeld für seine sanfte Transportfahrt und die beinahe unmenschliche Ruhe, die er während der gesamten Zeit ausgestrahlt hat.

Wir verabschieden uns und Kim zieht mich in seine Arme, wä hrend wir dem abfahrenden LKW nachblicken.

So, jetzt haben wir wichtige Entscheidungen zu treffen“, verkündet Kim und nimmt mich mit zu dem Tisch, an welchem noch immer die drei Fremden stehen.

N un gut, fremd sind sie nicht mehr lange, denn Kim stellt mir die Anwesenden als die Bauunternehmer vor, die das Reha-Zentrum und meine Praxis planen und bauen sollen.

Ich staune, als mir klarwird, dass es bereits nä chste Woche losgehen soll mit den Baggerarbeiten und der Erschließung des Grundstücks.

Deshalb verlangen die Planenden tatsä chlich eine ganze Menge großer und kleiner Entscheidungen von mir, über die ich mir aber ausbitte, noch eine Nacht schlafen zu dürfen.

Nach dem Mittagessen, bei dem in groß er Runde im Esszimmer des Gutshauses gespeist wird, vervollständigen wir die Liste unserer Wünsche für das neue Gebäude und wir werden gebeten, am morgigen Tag im Planungsbüro von Heidenack vorbeizukommen, um letzte Änderungen zu melden und die fertigen Pläne einzusehen.

Wahnsinn, ich hä tte niemals vermutet, dass diese drei Firmen so im Team arbeiten können, aber vermutlich liegt es unter anderem daran, dass Kim ihnen erklärt hat, wie nachrangig die Kosten des Komplexes zu bewerten sind.

Wir wissen beide anh and der Unterlagen vom Anwalt sehr genau, auf welche Summen sich flüssiges und Anlage-Vermögen belaufen.

~*~

Anstelle des Abendessens machen wir uns auf den Weg zum Badesee. Diese Abkühlung haben wir so dringend nötig, dass wir eine ganze Weile einfach nur herunterkommend im Wasser treiben.

Es tut gut. Auch wenn heute kaum echte kö rperliche Arbeit für mich anstand, fällt die Anspannung wegen Möhrchens Transport und ihrer Unterbringung auf dem Feuerried endlich von mir ab.

Ich sehe in den dunkler werdenden H immel und habe das Gluckern des Wassers um mich herum in den Ohren, so dass ich erschrecke, als Kims Hände sich um meine Mitte schieben und er mich an sich zieht.

Ich zappele im ersten Moment herum und gehe fast unter, bis ich in das tropfnasse Gesicht mei nes Liebsten blicke und nichts weiter bleibt, als seine Umarmung wassertretend zu erwidern und ihn anzulächeln.

Ist dir klar, dass mir ständig die Worte fehlen, wenn ich versuche, zu beschreiben, wie sehr ich dich liebe?“, murmele ich und ziehe ihn noch dichter an mich, um ihn zu küssen.

Wir gehen zwangslä ufig unter, weil an Wassertreten nicht mehr zu denken ist, ohne uns gegenseitig die Knie blau zu schlagen.

Lachend und prustend kommen wir wieder hoch und wischen uns das nasse Haar aus den Gesichtern.

„Du musst das nicht beschreiben“, setzt Kim das begonnene Gespräch fort. „Ich kann es sehen, in jedem deiner Blicke, kann es spüren, in jeder Umarmung, jedem Kuss …“

Lass uns in die Bucht schwimmen, ja?“, schlage ich leise vor und ziehe ihn bereits hinter mir her. Sie liegt von hier aus gesehen ein gutes Stück weit weg, aber das macht nichts. Die Energie habe ich immer – besonders, weil meine Bewegungen durch die Vorfreude auf das, was wir vorhaben, immer kräftiger werden.


Mittwoch, 14. August


Bienensto ck

C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\kimtest.jpg

 

Bereits vor dem Wecker, gegen vier Uhr, wache ich auf und strecke mich vorsichtig in Maiks Armen, um ihn nicht zu wecken. Heute ist so viel geplant, dass mein Körper offensichtlich beschlossen hat, mir lieber eine Stunde Schlaf weniger, dafür aber eine Stunde mehr Arbeitszeit zu ermöglichen.

Mit einem Seufzen winde ich mich vom Bett, noch immer darauf bedacht, Maik seinen Schlaf zu gö nnen. Er kann schließlich nichts dafür, dass mein Biorhythmus sich zu solchen Eskapaden herablässt.

Nach Dusche und Kaf fee fühle ich mich fit genug, um im Büro zu verschwinden, weshalb ich noch einen schnellen Blick ins halbdunkle Schlafzimmer werfe und mich danach auf den Weg mache.

Eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter des Bü ros lässt mich lächeln. Nachdem er sich bereits am Dienstag gemeldet hatte, um uns von seiner gesunden Ankunft in den USA zu berichten, hat Maik Christensen nun eine kurze Mitteilung hinterlassen.

Hallo Kim, ich habe eine Überraschung für Maik und benötige deine Hilfe.“ Christensen erklärt mir in kurzen Sätzen, was er plant, und ich spüre, wie meine Mundwinkel sich immer weiter nach oben bewegen.

Selbst wenn ich bisher noch Zweifel daran gehabt haben sollte, dass Maiks zweiter Vater ein Klassetyp ist, wä ren sie jetzt mit einem Mal weggewischt.

Grins end mache ich mich nach der ersten Runde Bürokram auf den Weg zum Stall. Schon auf halber Strecke dorthin kommt mir mein Löwenherz entgegen und strahlt mich an.

Guten Morgen“, grüße ich und lasse mich nur zu gern in seine Umarmung ziehen, um sie nicht weniger fest zu erwidern. Ein schneller Kuss, eine Frage danach, wer wie gut geschlafen hat, dann betreten wir gemeinsam den Turnierstall.

Heute mü ssen Jeremys Pferde verladen werden, deren Ausrüstung für Turniere haben Jers und Timeon gestern noch verpackt und in den Transporter gebracht. André wird auf dem gleichen Turnier antreten und holt heute ebenfalls einige Pferde ab.

Alles in allem haben die Mitarbeiter des Turnierstalls heute jede Menge zu tun, bei dem Maik und ich nur sehr begrenzt helfen kö nnen.

Um zehn Uhr betreten wir die klimatisierten Büros von Heidenack, um die Baupläne abzusegnen.

Das eingeplante Kellergeschoss wird nun zu einer Tiefgarage fü r die Mitarbeiterfahrzeuge und zusätzlich als Lagerraum für die Praxis genutzt werden. Maiks Überschlafen der bisherigen Entscheidungen hat keine großen Änderungen mehr zutage gebracht, so dass wir uns kurz nach zwölf schon wieder auf den Heimweg machen können. Diesmal mit den neuen Bauplänen im Gepäck, die wir am schwarzen Brett im Gutshaus aufhängen wollen. Allerdings erst, nachdem wir beim Bauamt die erforderlichen Erlaubnisse für den Bau eingeholt haben. Einen entsprechenden Termin hat uns Herr Ackermann bereits verschafft, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Ehrlich gesagt, war mir das nach dem Treffen am Dienstag entfallen. Aber Ackermanns Umsicht lässt uns nach dem Besuch bei Heidenack gleich weiterfahren.

Die Rä ume der Baubehörde liegen im Rathaus der gleichen Stadt, in welcher auch die Planungsbüros der Baufirmen ihren Sitz haben.

Der fü r uns zuständige Beamte begrüßt uns in seinem stickigen, leider nicht klimatisierten Büro und wirkt so, als wolle er uns baldigst wieder loswerden. Ich glaube, so schnell hat der verschwitzte Mann noch nie Stempel auf Anträge gesetzt.

Wollen wir in der Stadt essen?“, fragt Maik und strahlt mich an, als ich nicke.

Ich kenne hier einen ganz netten Italiener. Der macht die besten Scampisalate weit und breit.“

Klingt toll, nichts wie hin!“

Das Essen verlä uft ruhig und entspannt, wir albern herum, freuen uns immer wieder über die so wahnsinnig schnell erteilten Genehmigungen und werfen uns die schon beinahe zum Standard gehörenden verliebten Blicke zu.

Nach dem Bezahlen blicke ich auf meine Armban duhr. Oh, es wird Zeit, zum Feuerried zurückzukehren!

Auf ins Getümmel“, murmele ich, als wir das Tor zum Feuerried erreichen. Ich lasse das Fenster herabfahren und reiche einem der Wachmänner die Baugenehmigung mit dem roten Punkt darauf.

Hallo Wilfried, sei so gut, und häng dieses Ding in einer Klarsichthülle gut sichtbar ins Fenster des Wachhauses, ja?“, bitte ich.

Mensch, Boss! Das ist ja klasse! So schnell geht’s los?“

Ich nicke. „ Ja, wir waren auch sehr überrascht. Die Baustellenzufahrt wird etwa hundert Meter von hier liegen. Bitte denkt daran, die Wacheinteilung zu ändern und das Baugelände extra abzusichern, ja? So viele Fremde dürfen auf keinen Fall über den Hof latschen.“

Wilfried nickt. „ Alles schon abgesprochen, wir kümmern uns drum, Boss!“

Super!“ Ich hebe die Hand zum Gruß und setze die Fahrt auf das Gelände fort. „Übernimmst du heute Timeons Springunterricht?“

Könnte ich machen, wenn Timeon dir heute Morgen nicht die Erlaubnis abgeschwatzt hätte, Jers zum Turnier zu begleiten …“, erwidert Maik und kichert.

Stimmt ja! Echt, das hab ich voll verdrängt!“, bekenne ich und schüttle den Kopf über mein Siebhirn.

~*~

Am späten Nachmittag rollt der dritte LKW vor dem Turnierstall an, während ich mit Epitaph auf dem Außenreitplatz unterwegs bin. Ein Rover begleitet den Transport und ich mache kehrt, um den Hengst in den Stall zu bringen. Meine Neugier ist einfach zu groß, als dass ich weitertrainieren könnte.

In der Stallgasse treffe ich Pascal und bitte ihn, sich um Epitaph zu kü mmern, damit ich dem Besucher weiterhelfen kann.

Maik kommt gerade aus Richtung der Besamung sstation über den Hof und hat ganz sicher längst erkannt, wer da aus dem Rover aussteigt und sich einen an ihm echt cool aussehenden Cowboyhut auf dem Kopf geraderückt.

Maik!“, ruft mein Freund und ich kann die Überraschung und Freude hören. Ich beobachte im Näherkommen die Umarmung der beiden und grinse blöde, bevor auch ich Maik Christensen begrüße.

Was tust du denn hier? Noch dazu mit einem Pferdetransporter?“, erkundigt sich Maik und deutet auf das große, grün lackierte Gefährt.

Der Fahrer ist bereits aus gestiegen und zur Ladeklappe gegangen.

Ich habe euch jemanden mitgebracht“, verkündet Maiks zweiter Vater und geht um den LKW herum.

Wir folgen ihm natü rlich und erreichen die Rückseite des Transporters, um gleich zwei Pferdehinterteile zu sichten. Ein pechschwarzes mit dunkelgrau abgewickeltem und ein rostrotes mit blau gebundenem Schweif.

Maik Christensen steigt ebenso ins Innere des Au fliegers wie der Fahrer, und wenige Augenblicke später führt Maik die wunderschöne schwarze Englisch Vollblut Stute rückwärts die Rampe hinab.

Er drü ckt mir mit einem Zwinkern den Führstrick in die Hand und beginnt, von seinem Sohn unterstützt, damit, die Beinmanschetten abzunehmen.

Darf ich vorstellen?“, sagt Christensen dann und krault die Stute unter ihrer Fliegendecke zwischen den Ohren. „Das ist Santana.“

Maik befü hlt ihre Beine auf etwaige Schwellungen und übergibt das schöne Tier an Lukas, der gerade aus dem Stall kommt, um zu sehen, was wir hier treiben. Er quatscht auch gleich auf sie ein, erzählt ihr, wie hübsch sie ist, und bringt sie in eine der vorbereiteten Boxen des Quarantänestalls.

Zugegeben, ich wusste, dass Maiks Vater Pferde herbringen will, aber was er im Laufe des Ausladens sagt, erstaunt mich enorm.

„Sie gehören euch, Jungs.“

Wie jetzt?“, frage ich verwirrt. „Ich dachte, du willst sie nur hier unterstellen?“

Christensen schü ttelt den Kopf. „Nein, ich dachte, weil Möhrchens Zukunft in Sachen Reitpferd so unsicher ist, sollte Maik sich solange mit diesen hier beschäftigen.“

Aha“, macht mein Löwenherz und untersucht die rostrote Stute Firebird, bevor Pascal sie übernimmt und in den Stall bringt.

Da ist noch jemand …“ Maik Christensens Lächeln wird ganz weich, während es auf seinem Sohn ruht. Er deutet in den Wagen und Maik versteht, dass er Pferd Nummer drei selbst herausholen soll.

Neugierig warte ich ab, denn selbst wenn ich einen langen Hals mache, kann ich kein weiteres Pferd im Inneren des Transporters ausmachen.

Das erstickte Keuchen meines Freundes lässt mich zusammenzucken, doch der neben mir stehende blonde Maik bittet mich leise, zu warten.


Leeloo

C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\maiktest.jpg

Ich sehe über die Trennwand in einen komplett mit Heu ausgepolsterten Bereich des LKW und muss im Halbdunkel echt blinzeln, um die dunklen Augen erkennen zu können, die mich aus dieser Masse an getrocknetem Gras anblicken.

Kugelrund und neugierig.

Ich kann ein zweites Keuchen nicht unterdrücken, als ich um die Trennwand herumgehe und das Heu beiseiteschiebe.

Du siehst aus wie ein Ferkel …“, murmele ich überwältigt und spüre, wie mein Herz mit jedem Schlag größer wird und Platz für dieses Tier vor mir liefert. Schwarzweiß gescheckt, rosafarben an den Nüstern, die sich nun neugierig in meine hohle Hand schieben. Das quietschgelbe Halfter hebt sich wunderbar von ihrer schwarzen Mähne und Stirnsträhne ab.

r dieses Fohlen gibt es nur ein Wort: herzallerliebst.

Vorsichtig lö se ich den Führstrick und befreie das Kleine aus der Minibox, um es langsam hinter mir her ins Freie zu führen.

Kaum dass wir ins Sonnenlicht gelangen, hö re ich Kim hell aufquietschen und mein Blick huscht zu ihm.

Na, wenigstens hat er sich auch auf den ersten Blick verliebt!

„Das ist Leeloo“, erzählt mein zweiter Dad und ich sehe spontan wieder zu dem vielleicht drei Wochen alten Fohlen. Er hat es englisch ausgesprochen – Lilu.

Ist Santana ihre Mutter?“, frage ich, als mir klarwird, dass so ein junges Fohlen kaum ohne Mutter reisen würde.

Leider nein.“ Maik schüttelt den Kopf und seufzt. „Sie ist ein Flaschenkind. Leeloos Mutter hat nach der Geburt starke Blutungen bekommen, und obwohl die Pferdepfleger sie retten konnten, hat sie die Kleine abgelehnt und weggebissen.“

Ein Findelkind!“, sagt Kim und kniet plötzlich neben der Ministute, um eine flache Hand auf ihre Brust zu legen und die Augen zu schließen. Ein Lächeln lässt sein schönes Gesicht erstrahlen und ich blicke zu Maik.

Leeloo – wie das fünfte Element?“, will ich wissen und denke spontan darüber nach, dass diese süße Stute tausendmal schöner ist als Milla Jovovich. Auch wenn ich gern zugebe, dass sie eine der schönsten Frauen der Welt ist.

Mein Dad lacht auf und nickt. „ Genau! Irgendwie fanden meine Jungs und Mädels zuhause das passend für sie.“

Sie ist traumhaft. Danke, Dad.“ Ich glaube, das sage ich zum ersten Mal zu ihm, so als Anrede.

Jedenfalls leuchten seine Augen au f, als ich es ausspreche und wir treten spontan aufeinander zu. Kim wird auf Leeloo aufpassen, deshalb lasse ich den Führstrick fallen und umarme den Mann, von dem ich mir tausendmal wünschen würde, er wäre mein leiblicher Vater.

Sie soll natürlich kein Ersatz für CD sein, denk das bitte nicht!“, höre ich ihn eindringlich sagen, während wir uns fest umschlingen und halten.

Ich weiß, mach dir keine Sorgen. Die Kleine ist toll, und wenn sie eine ähnliche Macke hat wie Möhrchen, werden die zwei bestimmt mal gute Freundinnen.“

Ich freue mich, wenn sie dir gefällt.“

Gefallen?! Ich glaube, als sie mich eben im Transporter angesehen hat, war ich schon verliebt in sie!“, bekräftige ich und drücke ihn erneut an mich. „Danke, Dad. Ich freue mich wahnsinnig!“

Er la cht leise. „Hoffentlich auch ein bisschen über Santana und Firebird … Die zwei haben beste Zuchtanlagen und zeigen deutliche Tendenzen zu Spring- oder Dressurfähigkeiten.“

Sie sind noch sehr jung, oder?“, fragt Kim, der sich zu uns gesellt, als wir die Umarmung zögerlich lösen. Wer hätte gedacht, dass ich Maik Christensen erstens so bald ‚Dad‘ nennen würde und zweitens solche Probleme haben könnte, aus seiner körperlichen Nähe zu treten?

Ich hocke mich zu Leeloo und schmuse mit ihr, wä hrend Kim sich mit Maik unterhält. Sie gehen zum Quarantänestall und ich beschließe, mit Leeloo zu folgen.

Als ich den Fü hrstrick nehme, stupst mich ihre weiche, winzige Pferdenase an und ich kraule sie noch ein Weilchen, bevor ich sie, kontinuierlich mit ihr redend, in ihr neues Zuhause führe.

Ob die Kleine sich so weit weg von allem, was sie kennt, wohlfü hlen wird?

Gedankenverloren nehme ich ihr das Halfter ab und schließ e ihre Box von innen, um mich zu ihr ins Stroh zu setzen.

Kim und Maik reden noch und fachsimpeln ü ber die Bauten von Santana und Firebird, bis ich meinen Freund sagen höre: „Wo sind Maik und sein Schoßhund denn hin?“

Ich recke den Hals. „ Wir sitzen hier und kuscheln. Willst du mitmachen?“ Mein Lachen klingt selbst in meinen eigenen Ohren erstaunlich befreit und glücklich.

Kims Gesicht erscheint jenseits der Gitterstä be. „Hm, denkst du nicht, wir sollten sie vorerst in den Laufstall zu den anderen Fohlis packen?“

Ich denke kurz ü ber diesen Vorschlag nach. Grundsätzlich ist das wohl die beste Idee, denn hier dürfte sie sich recht verlassen vorkommen …

Das könnt ihr gern mal versuchen, Jungs, aber angesichts der Tatsache, dass sie die gesamten ersten 21 Tage ausschließlich mit Menschen zu tun hatte, fürchte ich, wird sie sich dort nicht so leicht integrieren.“ Maiks Einwand ist sicher richtig.

Hm, dann probieren wir das auch gar nicht, nicht wahr, meine Süße?“ Ich knuddele die Ministute und sie reibt ihren Nasenrücken an meiner Schulter.

Sie mag dich.“ Kim wendet sich an meinen Dad. „Wie sieht ihr Futterplan aus?“

In einer Stunde kriegt sie ihre nächste Ration, bis dahin können wir alles Zubehör für die drei Hübschen ausgeladen und verstaut haben, denke ich.“

Den Wink mit dem Zaunpfahl verstehe ich durchaus und erhebe mich schweren Herzens, um Leeloo erst mal allein zu lassen.

~*~

Ihren Spitznamen als mein Schoßhund hat Leeloo innerhalb kürzester Zeit weg, was mich aber nicht weiter stört. Tatsächlich benimmt sie sich, so jung sie auch ist, sehr personenbezogen und piepst mich an, sobald ich den Stall betrete. Als Wiehern kann man das Geräusch wahrlich noch nicht bezeichnen …

Natü rlich ist mir bewusst, dass wir das mit dem Laufstall der anderen Fohlen im Stall jenseits der Rennanlage doch mal testen müssen. Leeloo muss unbedingt sozialisiert werden und lernen, was sie darf und was nicht. Das können Menschen einfach nicht leisten. Vielleicht findet sich bei den Leihmüttern im Stutenstall auch eine Amme für die Kleine?

Ich mache mir meine Gedanken und hocke nach dem Abendessen mit Kim noch einmal fü r eine halbe Stunde bei meiner neuen Ministute, um sie zu füttern und anschließend eine Runde mit ihr über den Hof zu gehen. Sie läuft tatsächlich ganz passabel am Führstrick, zickt auch nicht herum, wenn sie das Halfter übergezogen bekommt. Alles in allem ist sie wirklich friedlich.

Zwar extrem neugierig und verspielt, aber nicht vorwitzig oder frech. Zumindest hat sie bisher nicht versucht, irgendwen zu zwicken oder ihre Grenzen groß artig auszutesten.

Nachdem ich Leeloo wieder in ihrer Box abgeliefert habe, schauen Kim und ich uns noch einen Film an.

Maik ü bernachtet heute im Gutshaus, ist aber nach dem Abliefern der Pferde noch einmal losgefahren, um irgendeinen alten Schulfreund zu besuchen.

Auf der riesigen Liegeflä che im Heimkino mache ich es mir bequem und ziehe Kim, ohne lange darüber nachzudenken, zwischen meine Beine, damit er sich mit dem Rücken an meine Brust lehnen und ich ihn fest umschlingen kann.

Bereits wä hrend der ersten zwanzig Minuten des Films beginnen meine Hände, sich selbständig zu machen und meine Lippen und Zähne knabbern an Kims langem Hals und seinem Nacken.

Sein wohliges Brummen animiert mich zu mehr. Meine Hä nde öffnen seine Hosen, schieben sich hinein und er räkelt sich murrend, weil ich jeden seiner Versuche, sich zu mir umzudrehen, vereitele.

Keine Chance, Koalabärchen, du wirst einfach genießen“, raune ich in sein Ohr und küsse seinen überstreckten Hals.

Offensichtlich macht ihn das noch heiß er und ich genieße sein unbeherrschtes Keuchen, während sich sein Leib an meinem reibt.

Meine Hand u mschließt seine Härte und mein Daumen streicht über seine feuchte Eichel, spielt mit ihm und seiner Lust, die ich einfach nur in vollen Zügen auskosten will.

Auskosten ist ein gutes Stichwort, deshalb u mschlinge ich Kims Oberkörper mit dem anderen Arm und platziere ihn neben mir, um mich über ihn beugen und mein begonnenes Werk mit Lippen und Zunge vollenden zu können.

Immer intensiver wird sein Stö hnen und Keuchen, ich liebe es, ihn dabei anzusehen, seine Lust nicht nur zu ertasten und zu schmecken, sondern auch zu sehen.

Meine Erinnerung macht Sprü nge, Blitzlichter aus den vergangenen Wochen tauchen vor meinem inneren Auge auf. Insbesondere unser erster Sex vor beinahe acht Wochen.

Kims Vibrationen sind nach wie vor so faszinierend fü r mich, so einzigartig, dass ich ungehemmt aufseufze, als ich ihrer wieder gewahr werde. Jetzt und hier. Was ich tue, versetzt ihn in die gleiche Ektase wie mich.

Verrü ckt, aber perfekt.

Ich nehme Kim in den Mund und sauge an ihm, trinke jeden einzelnen der heiß in meinen Mund schießenden Spritzer und spüre, wie allein dies mich an den Rand eines eigenen Orgasmus’ treibt.

Maik!“, keucht mein unendlich schöner Kim und legt seine Hände in einer fahrigen Geste um meinen Kopf, sucht Blickkontakt, den ich, ohne ihn aus meinem Mund zu entlassen, erwidere.

Ich liebe dich so sehr!“

Ja, mein Koalabärchen, ich dich auch.“


Donnerstag, 15. August


Familientreffen, die Erste

C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\kimtest.jpg

 

„Ich mag nicht aufstehen“, murre ich und ziehe mir das Kissen über den Kopf, als Maik und der Wecker mich gleichermaßen aus den schönsten Träumen reißen.

Er lacht und zieht mich dicht an sich, klaut mir das Kissen und strahlt mich an.

Echt mal, wer könnte bei dem Anblick schon sauer sein oder unwillig?

Ich jedenfalls nicht, weshalb ich in sein Lachen ei nstimme und mir einen langen Kuss klaue.

Duschen, schnelles Frü hstück, dann geht’s hinaus in den herrlich frischen Sommermorgen. Über den Weiden liegt noch ein leichter Nebelschleier – sicheres Indiz dafür, dass der heutige Tag heiß und trocken wird.

Guten Morgen!“, brülle ich durch die Stallgasse und gehe an den Boxen entlang, um nach Möhrchen zu sehen. Maik ist neben mir. Alles andere hätte mich, bei aller Begeisterung für die kleine Leeloo, auch schwer gewundert. Erst nachdem er mit ‚seinem Mädchen‘ geschmust und sie untersucht hat, verlässt er den Hauptstall in Richtung Quarantänebereich.

Ich habe ernste Zweifel, dass er in den kommenden Stunden etwas anderes tun wird, als Mö hrchen und Leeloo zu betüddeln.

hrend ich mir Putzzeug und das erste Pferd – Jazira – schnappe, um das Tagwerk zu beginnen, kehrt Maik jedoch schon zurück.

Verdammt, Kim! Ich muss morgen noch früher aufstehen …“

Verwirrt sehe ich ihm entgegen. „ Ah ja? Weil?“

Hinter mir kichert es. „ Weil dein Schatz den Fütterungstermin verpennt hat!“ Pascal lacht nun lauter und hebt die Schultern, als ich ihn ansehe. „Ich war’s nicht!“

Maik kommt grinsend nä her. „Nein, Lukas war’s.“

Oh weh, mein armer Kerl!“, tröste ich ihn mit höchst ironischem Ton. „Vielleicht kannst du dann stattdessen eines der erwachsenen Pferde putzen?“

Mach ich. Aber die nächste Fütterung übernehme ich!“, setzt er laut genug hinzu, damit später auch wirklich keiner der Mitarbeiter behaupten kann, nichts von Maiks Plänen gewusst zu haben.

Finde dich damit ab, Maik. Die Kleine hat die Herzen im Sturm erobert“, erklärt Timo und führt Finchen aus ihrer Box.

Ja ja, schon gut! Ich kann euch ja verstehen …“ Maik klingt so leidend, dass ich lachen muss.

Verrü ckt, wie sehr ein Haufen erwachsener Männer einem winzigen Fohlen verfallen kann …

Nach weiterem Geplä nkel kehrt wieder Ruhe ein und jeder widmet sich konzentriert seinen Aufgaben.

Jeremy erscheint im Stall, wü nscht uns einen schönen Tag und gibt Maik die Eintrittskarten für heute Nachmittag, bevor er sich auf den Weg macht, natürlich nicht ohne Timeon, der gerade erst auf den Hof gefahren ist. Aber das ist vollkommen okay. Immerhin soll der Kleine was lernen und dazu gehört eben auch der Ablauf auf großen Turnieren.

Bevor Maik mit dem ersten Trainingskandidaten auf dem Auß enspringplatz verschwindet, erscheint sein zweiter Dad im Stall und fragt, ob er uns helfen kann.

Natü rlich kann er, zumal ich mir wirklich gern ansehen würde, wie er reitet.

Noch immer eines der Hauptkriterien fü r mich, wenn es um eine generelle Einstufung von Menschen im Umgang mit Tieren geht.

Maik Senior ü bernimmt Bernoldo und Constance aus dem heutigen Trainingsplan und ich habe kurze Zeit wirklich Gelegenheit ihn zu beobachten, während er über die Übungshindernisse setzt.

~*~

Nach dem Frühstück bei Theodora dauert es nicht lange, bis ein Fahrzeug mit englischem Kennzeichen und Lenkrad auf der rechten Seite auf den Hof rollt.

William und Claire sind angekommen.

Mit lautem Hallo begrüßen beide Maiks und ich das Pärchen, helfen beim Ausladen der Gepäckstücke und sorgen dafür, dass sie sich zunächst einrichten können.

William blickt beinahe kontinuierlich in alle Ric htungen, reckt den Hals hierhin und dorthin, bis ich ihn grinsend frage, ob er vor dem Turnierbesuch am Nachmittag noch eine Führung durch die Stallungen möchte.

Das wäre toll, Junge. Ich bin sehr neugierig.“

Wir planen das fü r halb zwölf ein, um den normalen Ablauf nicht zu sehr durcheinander zu bringen.

Maik Christensen ü bernimmt es nur zu gern, sich mit Claire zu beschäftigen, was mir die Möglichkeit gibt, mit William und Maik unter sechs Augen in meinem Büro zu sprechen.

Was ist los, dass ihr solche Gesichter zieht, Jungs?“, fragt er uns auch sofort, was mich dazu verleitet, noch einmal auf die Stühle am kleinen Besprechungstisch zu deuten.

Setzen wir uns, William. Es gibt eine Menge zu besprechen.“

Ich verteile Kaffee und Tee, bevor auch ich mich am Tisch niederlasse.

„Es hat sich eine ganze Menge getan in der vergangenen Woche“, beginne ich und erzähle ihm von Lus Überschreibung des gesamten Besitzes.

William mustert seinen Enkel eingehend. „ Das bedeutet, du wirst hier in Deutschland bleiben und glücklich sein. Das ist gut.“

Erleichterung breitet sich aus, ich blicke Maik an und lä chle. „Ja, so ist es geplant.“

Das Cottage wird nur zu einem großen Wohnhaus ausgebaut. Vielleicht vermieten wir es als Ferienhaus, mal sehen“, fügt Maik hinzu und ich kann sehen, dass auch er ernsthaft darüber nachdenkt, den Rest der Geschichte auch noch zu erzählen.

Das ü bernehme dann jedoch ich. „Ich habe Jeremy ein Angebot gemacht, das ich dir nicht vorenthalten will.“

William nickt bedä chtig. „Und wie sieht dieses Angebot aus?“

Ich hätte ihn gern als stellvertretenden Gestütsleiter, wobei sein Schwerpunkt weiterhin auf seiner Reitkarriere liegen soll. Wenn du so willst, ein Halbtagsjob.“

Verstehe. Dann müsste ich mir, falls er zusagt, einen neuen Reiter suchen …“

Er klingt nicht besonders begeistert, aber Maik mildert das ab. „ Ich denke, Jers will auch sehr gern weiterhin deine Pferde in Turnieren reiten, Grandpa. Da werdet ihr sicherlich eine Regelung finden, denn … ich kenne Jeremy schon so lange, ich bin mir sicher, dass er unser Angebot annehmen wird.“

Hm. Verstehen kann ich es ja, wenn ich mich hier auf dem Hof umsehe … Aber ihr werdet einsehen, dass ich nicht in Begeisterungsstürme ausbrechen kann, wenn ihr mir Jeremy abwerbt.“

Das wissen wir!“, bestätige ich.

Ich erklä re, wieso ich überhaupt auf die Idee gekommen bin, berichte von Jeremys perfektem Führungsverhalten während meiner Abwesenheit, ebenso davon, dass die Mitarbeiter des Feuerrieds ihn ohne jeden Zweifel als Chef akzeptiert haben, auch wenn er außenstehend und fremd war.

Ich bin weder böse noch enttäuscht, Jungs, dessen könnt ihr sicher sein. Es ist nur … seitdem Helen und Justin …“, er seufzt tief, „sich so aufgeführt haben, will ich meiner eigenen Tochter das Dextergestüt nicht mehr überlassen.“

Oh! Das ist allerdings ein wirklich gut nachvol lziehbarer Gedanke. Erst jetzt wird mir richtig bewusst, in welcher Lage sich William befindet, und auch, wie wenig wir alle daran ändern können.

Aber das soll und darf nicht eure Sorge sein“, setzt William hinzu und ringt sich zu einem Lächeln durch, das etwas zeitverzögert auch seine Augen erreicht.

Vielleicht findet sich eine Lösung, die du jetzt gerade nur nicht sehen kannst?“, überlegt Maik halblaut und wirkt ein wenig abwesend. Stirnrunzelnd mustere ich ihn.

Hast du was Konkretes im Kopf?“

Was? Nein, aber wenn ich bedenke, wie die vergangenen zwei Monate verlaufen sind, erscheint mir schlicht alles möglich.“

Damit hat er recht, keine Frage. Das Leben scheint innerhalb kü rzester Zeit alles auf den Kopf stellen zu können, um letztlich – zumindest in unserem Fall – für eine Art Happyend zu sorgen.

Ob es fü r William und sein Gestüt auch eines geben wird? Wir können nur hoffen.

Erstaunt begreife ich, dass wir insgesamt ü ber eine Stunde geredet haben. Zu dritt machen wir uns um halb zwölf auf den Weg zum Sammelpunkt, damit auch alle anderen, die an der Gestütsführung teilnehmen wollen, sich uns anschließen können. Entsprechend treffen wir an der großen Freitreppe auf Claire, Maik Senior und – zu meinem grenzenlosen Erstaunen – auf meine Mutter!

Wie kommst du denn hierher?!“, frage ich perplex und ziehe sie in eine Umarmung.

Meine Mutter lacht frö hlich auf und sieht zu Maik Christensen. „Maik war so lieb, mich am Flughafen abzuholen.“

„Ä h …?“, mache ich wenig geistreich, was nun deutlich mehr Umstehende zum Lachen reizt.

Nun geh endlich weg, ich will Merit auch begrüßen!“, mault mich Maik mit einem scherzhaften Stupser an, bevor er meine Mutter fest an sich zieht. „Schön, dass du hier bist. Und danke, Dad, dass du die Überraschung möglich gemacht hast.“

Ich grinse dä mlich und werfe einen ausgedehnten Blick über die Anwesenden. Ich glaube, ich bin gerade rundum glücklich. Lauter Menschen, die mir viel bedeuten, stehen hier.


Feuerried auf Tour

 

C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\maiktest.jpg

Zwei Stunden dauert die Fü hrung durch alle Stallungen und Gebäude, anschließend kehren wir im Speisezimmer des Gutshauses ein, wo Theodora und eine ihrer Helferinnen uns reichlich auftischen.

Nach einem bunten Salat kredenzt man uns einen Auflauf, bestehend aus Bandnudeln, Lachsfilet und Blattspinat in Béchamelsoße und mit würzigem Käse überbacken. Zum Nachtisch hat uns die wunderbare Theodora auch noch eine Mousse au Chocolat bereitet.

Z ufrieden und voller Lob für die Küchencrew genießen wir das Mahl und unterhalten uns über die verschiedensten Eindrücke der Besichtigungstour.

Mein Groß vater ist besonders angetan von dem zurückgelagerten Stall mit den Leihmüttern und Fohlen, schwatzt uns aber auch sofort die Besamung mindestens einer seiner Stuten durch Caligula ab.

So einen prachtvollen Hengst habe ich lange nicht gesehen, und frisches Blut brauche ich ständig für die Zucht“, verkündet er und ich bin nicht überrascht, dass Kim ohne Umschweife zustimmt und William die Besamung zusagt.

Könntet ihr bitte das Thema wechseln?“, verlangt meine Granny mit strengem Blick und grinst doch, als wir sie mit unserer Fachsimpelei über Rosse, Pailetten und Natursprünge – die es hier auf dem Feuerried nicht gibt – zu nerven beginnen.

Das ist etwas ganz Natürliches, Claire“, stellt Grandpa fest.

Nein, ist es nicht. Natürlich wäre es, die Viecher machen zu lassen, wie sie wollen!“

Okay, der Punkt geht an meine Granny, aber N atursprünge würden zu viel des kostbaren Samens verschwenden. Ihr das nun auch noch bei Tisch zu erklären, halte ich jedoch für kontraproduktiv.

Habt ihr die Baupläne für den neuen Trakt schon gesehen?“, lenke ich deshalb ab. Immerhin hängen die großformatigen Grundrisse aller schon fest geplanten Etagen im Hauptflur des Gutshauses am Schwarzen Brett. Das zu übersehen, wäre schon eine Kunst.

Oh ja!“, sagt Merit und lächelt breit. „Das Gebäude wird sicher toll aussehen und vor allem so viele neue Möglichkeiten für dich bergen, Maik!“

Ich nicke. Tatsä chlich wird es das – worauf ich mich wahnsinnig freue.

Kim tut eben alles, um meinen Sohn glücklich zu machen“, setzt Dad hinzu und ich kann nichts weiter tun, als Kim anzusehen und seine Hand zu ergreifen.

Ihr seid so ein schönes Paar!“, quietscht Merit einmal mehr und sieht uns verzückt an, ohne sich weiter um ihren Lachsauflauf zu kümmern. „Wollt ihr eigentlich heiraten?“

Oh, offensichtlich bin ich nicht der Einzige, der diese Mö glichkeit ins Auge gefasst hat. Ich zucke ein wenig zusammen und warte sehnsüchtig auf Kims Reaktion.

Ich bin mir nicht sicher, ob wir einen Trauschein brauchen, Mama.“ Er sieht mich strahlend an und beugt sich zu einem Kuss zu mir, den ich ein wenig halbherzig erwidern will.

Mist. Will er wirklich nicht? Kommt das möglicherweise gar nicht infrage für ihn?

Aber“, setzt er hinzu und ich halte die Luft an, „ich persönlich hätte nichts dagegen, all den schwulen Typen da draußen zu zeigen, dass dieser hier allein zu mir gehört.“

Okay, Erleichterung.

Ich drücke Kims Hand erneut und strahle ihn an. „Geht mir auch so.“

Den Rest lasse ich lieber unter den Tisch fallen, denn irgendwie ist das kein Gesprä ch, das wir bei Tisch und vor der gesamten Familie führen sollten.

Hauptsache, ihr ladet uns ein, wenn es jemals so weit sein sollte!“, verlangt Merit und grinst. „Ich muss meine Kleiderwahl schließlich gründlich treffen.“

Alle lachen. Es wirkt befreiend und tut gut. So au fgenommen und willkommen zu sein, ohne böse Worte und …

Ich schaffe es gerade noch, ein Seufzen zu unterdrücken, denn mindestens vier Personen, die irgendwie auch dazugehören würden, sind entweder nicht begeistert davon, dass Kim schwul ist oder nicht mehr daran interessiert, mich als Sohn wahrzunehmen.

Traurigkeit senkt sich auf mein Herz u nd lässt es schwer werden. Ich will mir das nicht erlauben, will auch gar nicht, dass Gedanken an Kims Großeltern oder an meine Erzeuger sogar in Abwesenheit die Stimmung verpesten.

Deshalb reiß e ich mich zusammen und bin ganz froh, als wir den Nachtisch hinter uns haben und uns für den Transfer zum Turnier umziehen.

Immerhin habe ich es heute einmal geschafft, die kleine Leeloo zu fü ttern und mein Möhrchen mit Extra-Streicheleinheiten und einer weiteren Untersuchung zu beglücken.

Kim massiert meine Schö ne jetzt täglich, hat er mir versprochen. Er will dafür sorgen, dass das Stillstehen bei ihr nicht zu Verspannungen führt. Immerhin muss meine bewegungsfreudige Stute noch ganze vier Wochen in der Aufhängung verbringen, und ich kann nur hoffen, dass sie keinen seelischen Schaden davonträgt …

~*~

Der Turnierplatz ist im Grunde wie jeder andere, nur mit dem Unterschied, dass diesmal die Boxen des Dexter-Gestüts direkt neben denen des Feuerrieds liegen.

Dadurch lernt William neben unseren Turnierpfe rden auch gleich noch André kennen. Über ihn kann ich sehr wenig sagen. Er ist beinahe ständig unterwegs gewesen, während ich meinen Ferienjob auf dem Gestüt gemacht habe.

Ich kenne ihn praktisch nur vom Sehen, weiß also gerade mal, wie er aussieht und wie alt er ist.

Dass der dunkelhaarige Endzwanziger sehr nett ist, erfahre ich nun anhand des irgendwo links von mir stattfindenden Gesprä chs zwischen Grandpa, Kim, Jers und André. Die vier haben sich auf Strohballen gegenüber den Boxen in einer nicht einsehbaren Nische niedergelassen, während ich mich mit Merit, Dad und Claire von Box zu Box bewege, um ihnen die Pferde zu zeigen.

Timeon ist natü rlich immer in der Nähe und berichtet uns in den glühendsten Farben vom gestrigen Turniertag und von den Erfolgen seiner Schützlinge.

Ich sehe ihm an, wie stolz er darauf ist, mittlerweile so viel ü ber Jers’ Pferde zu wissen, und muss mir ein breites Grinsen echt verkneifen.

Als der kleine Blondschopf damit beginnt, Jamaican Breeze fü r seinen Einsatz aus der Box zu holen, stehen Granny, Dad, Merit und ich bereits vor den Feuerried-Pferden, also quasi am anderen Ende der kurzen Stallgasse.

Trotzdem wende ich mich nach einem schnellen Blick auf Dad ebenso um wie er, als wir die Stimme hö ren.

Was tust du da mit diesem Pferd?!“ Ein kalter Klumpen bildet sich in meinem Bauch und ich schlucke hart.

Vor Timeon steht mein Vater . Also Justin Fallner. Ein paar Meter hinter ihm schlendert meine Mutter heran.

Lass mich machen“, bittet Dad und seine Hand legt sich kurz zudrückend auf meine Schulter, bevor er mit gemessenen, kraftvollen Schritten den Abstand zwischen Timeon, Justin und sich verkleinert.

Timeon hat natü rlich längst geantwortet: „Wonach sieht’s denn aus?“

Erst jetzt wird mir klar, dass die beiden sich nicht kennen, dennoch sehe ich keinerlei Veranlassung für Justin, den Kleinen anzumaulen.

Werd nicht frech, Bürschchen!“, fährt Justin ihn erneut an.

Das brauche ich nicht zu werden, das bin ich schon!“, versetzt Timeon und ich will applaudieren für seine enorme Schlagfertigkeit.

Mer it neben mir wird ungeduldig. „Wer ist denn das?!“

Das, meine Liebe, ist der leibliche Vater von Maik“, erklärt Granny mit einer Grabesstimme, die mir Kälteschauer über den Rücken jagt.

Oh!“, macht Merit und ihre Lippen bleiben einen Augenblick in der Position, bevor sie sich strafft, den Trageriemen ihrer Handtasche noch einmal weiter auf die Schulter schiebt und mit zu ihren Seiten herabhängenden Fäusten hinter meinem Dad hergeht.

Lass den Jungen in Ruhe, Just“, sagt dieser nun und steht neben Timeon, der sich mittlerweile in einer Art ungebührlichem Tauziehen an Jams Führstrick befindet. „Und es wäre sehr ratsam, Jamaican Breeze nicht so nervös zu machen, bevor er springen soll!“

Ein Griff von Maik und Justin lä sst los. Ich stehe noch immer wie angewurzelt neben meiner Granny, die wispernde Verwünschungen ausstößt.

Bei Jeremy, Kim und Grandpa ist der Tumult n atürlich auch aufgefallen, doch als Claire mich am Handgelenk mit zu der Nische zieht, schiebt sie William wieder auf einen Strohballen und setzt sich dazu. Mich schubst sie an, hinter Jers und Kim herzugehen, was ich auch tue, weil Kim sich umwendet und mich auffordernd ansieht.

Als ich nun mehr oder weniger als Letzter die Sz enerie erreiche, ist auch Helen bereits angekommen. Timeon verschafft sich und Jam einen Durchgang, um ihn an einem anderen Putzplatz zu versorgen.

Was ist denn hier los?“ Jeremy blickt meine Mutter fragend an.

Justin hat etwas überreagiert, er kennt Timeon nicht“, erklärt sie und sieht ehrlich bedrückt aus.

Tja, wohl nicht d er allerbeste Start für eine Aussprache, denn offensichtlich haben sie diese doch geplant, wenn sie hierher kommen, oder nicht?

Woher kommen diese sprunghaften, bitteren G edanken? Sie erschrecken mich.

Ich meine, ja, ich bin wirklich ziemlich schlecht auf meine Erzeuger zu sprechen, aber solche Häme steht mir nicht, passt seit ein paar Wochen auch so überhaupt nicht mehr zu meiner Art und Weise!

Justin hat hier überhaupt nichts zu melden, möchte ich mal betonen“, versetzt Jeremy fest und ich nicke, als wäre meine Zustimmung von Belang.

Wie kannst du es wagen?“, blafft Justin auch sofort los und Helen hat Mühe, ihn zu bändigen.

Wie nicht anders zu erwarten, bekommt sie Hilfe von Dad. Er kennt die beiden schließ lich wie niemand sonst. Auch und gerade Justin.

Weshalb seid ihr hier?“, fragt er meine Mutter, die den Blick senkt und sehr leise antwortet: „Wir wollten reden und haben gehofft, ihr wäret hier …“

Sind wir. Und weiter? Mit wem wolltet ihr reden?“

Ich stehe ebenso schweigend herum wie Kim, Merit un d Jeremy. Irgendwie scheinen wir alle zu wissen, dass dieser Anfang von Justin, Maik und Helen gemacht werden muss. Immerhin hatten die drei eine sehr lange gemeinsame Beziehung.

An Dads Haltung sehe ich, dass diese wirklich ve rgangen und erledigt ist. Ganz kurz schießt mir der hoffnungsvolle Gedanke durch den Kopf, dass er in Deutschland bleiben könnte.

Mit dir, mit Maik …“ Helen hat das Sprechen endgültig übernommen, während Justin aussieht, als müsse er sein aufbrausendes Temperament einmal mehr sehr gründlich im Zaum halten.

Ich bin dafür, dass wir zuerst in kleinerem Kreis sprechen“, schlägt Dad vor und ich ahne, dass er Kim und mich damit ebenso wenig mit einbezieht wie Merit. Doch zu meinem sprachlosen Erstaunen dreht er den Kopf zur neben ihm stehenden Mutter von Kim und setzt fort: „Ich möchte, dass du uns begleitest, Merit. Ist das in Ordnung für dich?“

Ich sehe, wie sie nickt, und tausche einen deutlich verwirrten Blick mit Kim, der meine Hand ergreift und drü ckt, während sich seine schmalen Schultern heben.

Dad dreht sich, nachdem alle zustimmend genickt haben, noch einmal zu uns um.

„Wir treffen uns später wieder hier, ja? Seid mir bitte nicht böse, aber ich habe mit Helen und Justin ein paar sehr wichtige Dinge zu besprechen. Dir viel Erfolg, Jeremy!“

Alles klar …“, sagt Kim, aber er klingt eher so, als wäre gar nichts mehr klar.

Bis später“, setze ich hinzu, bevor Jeremy sich bedankt und die vier sich abwenden.


Neugier, dein Name ist  …

C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\kimtest.jpg

 

„Sind deine Mutter und dein Vater …?“, fragt Jeremy und deutet hinter den vieren her.

Keine Ahnung, aber wenn, geht’s uns erst dann etwas an, wenn sie es uns sagen.“ Ich verfolge bei aller Neugier eine klare Politik, also auch bei der Frage, was meine Mutter und Maik Senior verbindet.

Ganz nebenbei bez ieht sich meine Antwort nicht nur auf Merit und Maik, sondern genauso gut auf Jeremy und Timeon, was ich durch meinen gedehnten Tonfall und ein süffisantes Nicken auf den Jam versorgenden Blondschopf deutlich mache.

Jeremy grinst nur, bevor er sich abwende t und zu seinem Pferd und seinem … tja, wie gesagt …

Noch immer halte ich Maiks Hand in meiner. Diesen Kontakt brauchen wir, vermutlich gleichermaß en. Immerhin sind uns gerade zwei Phantome begegnet und ich bin mir nicht sicher, was passiert wäre, wenn Maik Christensen nicht gleich die Initiative ergriffen hätte.

Justins Verhalten war einmal mehr sehr unhö flich, noch dazu, wenn man bedenkt, dass Jamaican Breeze und Timeon ihn einen feuchten Dreck angehen, wie Jeremy ja auch ganz richtig bemerkt hat. Immerhin gehört der Hengst ihm allein, und auch wenn er für Dexter’s Breed startet, hat Justin damit gar nichts zu schaffen.

Helen hä tte ja eventuell ein gewisses Mitspracherecht bezüglich der Boxencrew gehabt, aber auch das sehe ich angesichts Williams Äußerungen während unseres Gesprächs in meinem Büro etwas anders.

Wer war denn das?“, fragt Timeon, als wir ihn erreichen. Er ist gerade dabei, Jam zu satteln, wobei ihm Jeremy nun ohne viel zu reden hilft.

Der Anblick weckt Erinnerungen und Wä rme in meinem Herzen. Es tut gut, die beiden so einhellig arbeiten zu sehen. Sie strahlen Ruhe und Gelassenheit aus, was für Jam nur gut sein kann. Ich trete zu ihm und lege meine Hände auf seinen Hals. Er wirkt ruhig und zufrieden. Nichts deutet daraufhin, dass er sich durch Justins Gebrüll hat nervös machen lassen.

Jeremy wird ihn auf dem Abreitplatz zwar so oder so wieder runterfahren, falls er sich aufregt, aber so ist es eindeutig besser fü r Pferd und Reiter.

Maiks Vater“, erklärt Kim.

Es dauert nur noch wenige Minuten, dann sind André und Jers startklar für die nächste Prüfung.

Maik und ich gesellen uns, um nicht im Weg zu stehen, zu Claire und William in die Nische und lassen uns auf zwei der Strohballen fallen.

„Was wollte er?“, will Maiks Oma wissen und blickt uns finster an. Erst jetzt wird mir klar, dass sie und William sich komplett herausgehalten haben.

Maik seufzt tief. „ Sich einmischen in Dinge, die ihn nichts angehen.“

Ganz neue Züge!“, entfährt es William mit einem Schnauben und ich verstehe, was er meint.

Ja, seltsam … erst kümmert er sich jahrelang nicht mehr um seinen Sohn, dann das …“, setze ich hinzu.

Frage mich eh, woher die wussten, dass wir alle hier sein würden“, überlegt Maik laut und ein kleines, feines Räuspern von Claire lässt uns aufmerken.

Wil liam, Maik und ich starren sie erstaunt an und sie grinst. „Es erschien mir als ein guter Zeitpunkt … Alle versammelt. Ich denke, die haben erst mal genug untereinander zu klären. Wir werden es früh genug erfahren.“

gernd nicke ich und Maik tut es nach einem Seitenblick auf mich auch.

William gibt sich jedoch nicht so schnell geschlagen. „ Du hättest mir das sagen müssen, Claire! Ich plane, Helen als Gestütsleitung zu entlassen und will auch nicht, dass sie irgendetwas erbt.“

Okay, das hat er in dem Gesprä ch heute Vormittag schon angedeutet, aber es noch einmal so deutlich zu hören, versetzt nicht nur mir einen sichtbaren Schock. Es ist ihm offensichtlich sehr ernst damit, seine einzige Tochter und die eigentliche Erbin des Gestüts loswerden zu wollen.

Das ist ziemlich hart“, murmelt Maik, und Claire ergreift seine freie Hand.

Nicht härter als das, was sie dir angetan haben. Dir und Maik, wie ich mal anmerken möchte!“, zischelt sie und sieht danach ihren Mann an. „Ich kenne deine Pläne doch, Will, gerade deshalb wollte ich, dass sie hier erscheinen. Sie müssen vor dem großen Bruch mit dir und mir alles andere besprechen.“

Einmal mehr glaube ich an Dinge wie die Weisheit eines gewissen Alters, das gebe ich gern zu. Claire hat nä mlich vollkommen recht. Wenn Helen zuerst erfährt, dass sie auf dem Gestüt ihres Vaters nur noch ihre Sachen abholen und sich anschließend einen neuen Job suchen soll, wird sie kaum noch etwas anderes tun wollen, als sich mit Justin zu verkriechen und ihre Wunden zu lecken.

Zumindest s chätze ich sie so ein. Justin wäre vermutlich noch wütender als ohnehin schon, auch wenn er selbst mit dem Erbe nichts zu tun hat. Immerhin ist Helen unverheiratet.

In meine Ü berlegungen hinein gesellt sich Timeon zu uns, während Jers und André aufsitzen und zum Abreitplatz reiten.

Na? Alles gut bei dir?“, frage ich ihn und er grinst mich an.

Klar, aber ich muss echt sagen, dass dein Vater null Manieren hat.“

Maik zuckt ein wenig zusammen und William schnaubt. „ Eindeutig nicht!“

Immerhin ist er nicht unser Schwiegersohn!“, meckert Claire und klingt bitterböse. „Entschuldige, mein Schatz“, setzt sie an Maik gewandt hinzu, „du kannst nichts dafür, das wissen wir. Wir haben jahrelang geredet, diskutiert, gebettelt, gewartet, geschwiegen, uns gesorgt, aber das hat sie nicht interessiert.“

Ich weiß von Dad, dass sie alles demokratisch entschieden haben und dadurch vieles verhindert wurde“, sagt Maik seufzend und presst die Lippen kurz zu einem schmalen Strich aufeinander. „Vielleicht wäre sonst alles anders gekommen und sie hätten nicht so nachhaltig verhindert, dass ich die Wahrheit erfahre.“

Ich nicke verstehend. Klar weiß ich alles, was Maik und Maik so besprochen haben. Manchmal war ich ja sogar dabei. Und mein Löwenherz hat leider recht. Hätten Helen und Justin wenigstens einmal Maik Christensens Wunsch nach Offenbarung nachgegeben, wäre nicht so viel kaputt gegangen. Der zweite Dad meines Freundes wollte immer Vater sein, das auch zeigen dürfen, aber wie hätte er das tun sollen, angesichts der Tatsache, dass er keinerlei Recht auf seiner Seite hatte, um Kontakt zu seinem Nicht-ganz-Sohn einzufordern?

Traurig, das alles. Umso mehr freue ich mich heute, dass Maik nun einen richtigen Vater und nicht nur einen abwesenden Erzeuger hat. Ich denke, er braucht das . Die Vertrautheiten, die sie nun gemeinsam aufbauen können, die Nähe, die Verlässlichkeit.

Denn das ist Maik Christensen ganz sicher: zuve rlässig und loyal – Maik gegenüber.

Wieso ist deine Ma eigentlich mitgegangen?“, fragt Timeon und ich muss grinsen.

Sei nicht so neugierig! Aber wenn du es genau wissen willst: Maik hat sie drum gebeten. Mehr weiß ich – leider – auch nicht“, gebe ich zu.

Ich finde das sehr spannend!“, bekundet Claire und lächelt warm. „Sieht ganz so aus, als würden die zwei sich annähern …“

Hm, ist das so?

„Findest du? Ich hatte mehr den Eindruck, sie haben sich wegen Maiks Überraschung so zusammengetan … Er hat sie doch vom Flughafen abgeholt …“

Meine Überraschung? Was für eine …?“ Maik sieht mich mit großen Augen an.

Na, ich dachte, du hättest das organisiert?“, frage ich unsicher werdend nach.

Nein, ich habe zum gleichen Zeitpunkt wie du erfahren, dass Merit herkommt und Dad sie eingesammelt hat. Das haben sie ohne fremde Hilfe ausgekaspert.“

Aha?“, mache ich. „Na gut, dann … könntest du recht haben, Claire.“

Wie ich das finden soll, also, gesetzt den Fall, Maiks Grandma hat recht, weiß ich noch nicht, aber es macht mich … neugierig!


Ritter oder Schurke?

C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\maiktest.jpg

 

Es wird spannend, an diesem Abend, das zeichnet sich bereits nach dem er sten Durchgang in Jeremys und Andrés Springen ab. Zwei Umläufe mit Stechen; das gesamte Feld tritt zweimal in unterschiedlichen Parcours an.

Ich versuche redlich, mich auf das Geschehen im Stadion zu konzentrieren, aber das fä llt mir nach wie vor sehr schwer.

Meine Erzeuger sind hier, und sie reden grade mit Dad  … und Merit!

Das verstehe, wer will, mir fehlt tatsä chlich der Nerv, jetzt darüber nachzudenken, wieso er wollte, dass sie ihn begleitet. Mich treiben ganz andere Gedanken um.

Was wollen sie wirkli ch?

Sich aussö hnen, nach dem Theater vor Wochen in diesem Hotel? Nach dem Aufstand, mit dem mein Herr Vater auch heute wieder für die perfekte, locker-leichte Atmosphäre gesorgt hat?

Ich schnaube unabsichtlich laut auf und zucke selbst zusammen ü ber das Geräusch. Kims Blick fährt zu mir herum. Fragend mustert er mich und greift in dieser liebgewonnenen Geste haltgebend nach meiner Hand.

Ich drü cke seine und bin herrlich dankbar für seine Nähe. Er weiß, was mich umtreibt, da bin ich sicher. Trotzdem murmele ich: „Es macht mich irre, dass ich nicht weiß, was die da jetzt bereden …“

Er nickt verstehend. „ Ja, mich auch …“ Ein Seufzen kommt über seine Lippen. „Aber ich vermute, wir werden es erfahren.“

Ja, das ganz sicher. Denn ich hege den Verdacht, dass Helen u nd Justin nach dem Gespräch mit Dad und Merit auch noch mit mir reden wollen. Ich überlege schon die ganze Zeit, ob ich das überhaupt will.

Das sage ich auch halblaut zu meinem Koalabä rchen und ernte dafür ein nachsichtiges Lächeln. „Wenn du dich weigerst, haben sie einen Grund, dir die Schuld für alles in die Schuhe zu schieben. Dir bleibt gar keine andere Wahl, als mit ihnen zu sprechen. Aber sei dir gewiss, ohne mich werden sie das ganz sicher nicht tun!“ Er bricht ab und drückt meine Hand fester. „Außer natürlich … du willst mich nicht dabei haben.“

Dieser Nachsatz lä sst mich verwirrt blinzeln. „Ohne dich würde ich mich gar nicht drauf einlassen!“, entfährt es mir, meinem Erstaunen geschuldet, recht laut. Granny, die mit Grandpa eine Reihe vor uns sitzt, dreht sich zu mir um und blickt mich forschend an.

Ich schü ttle beschwichtigend den Kopf und sehe wieder Kim an. Diesmal flüstere ich, während ich ihn in eine feste Umarmung ziehe. „Niemals lasse ich mich auf ein Gespräch mit denen ein, wenn du nicht bei mir bist.“ Klingt wie ein Eid, finde ich.

Kim dreht den Kopf etwas und kü sst mich auf die Schläfe. „Ich würde dich auch nur sehr ungern allein gehen lassen.“

Eine Mitteilung von Dad auf meinem Smartphone reiß t uns aus der Umarmung und ich lese sie, bevor ich das Display so halte, dass Kim ebenfalls darauf blicken kann.

> Maik, es tut mir leid, Euch zu stö ren, aber ich denke, es wäre ganz gut, wenn Du und Kim zu uns kommen könntet. Wir sind im Aufenthaltswagen der Boxenjungs.

Ich seufze ergeben und erhebe mi ch mehr oder minder schweren Herzens.

Willst du ihm nicht antworten?“, erkundigt sich Kim, als er hinter mir her durch die Zuschauerränge geht, und wir das Stadion über eine Treppe verlassen.

Nein, es reicht, wenn ich da jetzt hinmuss. Vorwarnen werde ich niemanden. Hatten die ja auch nicht nötig, als sie hier aufgetaucht sind!“, maule ich genervt und merke es erst, als Kims Hand meine sucht und drückt.

Nicht aufregen, Löwenherz“, flüstert er. „Wir schaffen das!“

Ich bleibe stehen und sehe in seine wund erbaren, grauen Augen, die mich so liebevoll anblicken, wie es niemand sonst auf der Welt kann. Ein Lächeln schleicht sich auf meine Lippen und er hebt das Kinn, um mich zu küssen.

Ich genieß e und erwidere seine Geste. „Wir müssen weiter, bevor ich es mir anders überlege …“, murmele ich gegen seinen Mund und löse mich von ihm.

~*~

Der Aufenthaltswagen der Boxencrew steht am Ende der Stallgasse und die Tür hinein steht weit offen, als wir dort ankommen.

Einladend, irgendwie.

Besonders, weil Merit außen davor auf einer Bank sitzt und sich gestenreich mit meinem ihr gegenüberstehenden Dad unterhält.

Dieser Anblick erfü llt mich mit Sicherheit. Weder Kims Mutter noch Maik sorgen bei mir für Unbehagen. Wie auch? Sie sind mir wichtig und werden, so kurz ich beide auch erst kennen mag, sicherlich noch sehr viel wichtiger werden. Jedenfalls wünsche ich mir das!

Dad bemerkt unser Nä herkommen und lächelt uns beruhigend an.

Alles gut“, sagt er, als wir ihn erreichen. „Wir konnten alles klären und Justin hat sich beruhigt.“

Besser so“, sage ich fest.

Sind die zwei noch drinnen?“, fragt Kim und deutet mit seiner freien Hand auf die Tür des Wohnwagens.

Merit und Dad nicken, weshalb ich die Schultern straffe und nah an die Ö ffnung in der Seitenwand des Trailers trete.

Mein e Erzeuger sitzen drinnen am Tisch und unterhalten sich leise.

Ich bin hier“, lasse ich mich vernehmen und beide blicken sofort zu mir.

Bitte kommt herein“, sagt Helen und ich tausche noch einen Blick mit Kim, der meine Hand erneut drückt und nickt.

Also gut, was wollt ihr besprechen?“, will ich wissen, kaum dass wir uns ihnen gegenüber niedergelassen haben.

Justin sieht ein wenig verschlossen an mir vorbei, ich kö nnte auch sagen, er wirkt mürrisch. Aber bevor ich mir überlegen kann, ob ich wissen will, wieso, beginnt Helen zu sprechen, während sie Justin eine ihrer schlanken Hände auf den Unterarm legt.

Erst einmal danke, dass du hergekommen bist, Maik. Wir hatten da so unsere Zweifel, um ehrlich zu sein …“ Sie versucht ein Lächeln, aber es misslingt ihr.

Ich nicke, um anzuzeigen, dass ich weiterhin zuh ören werde.

Dein Vater sieht so aus, weil wir gerade eine sehr traurige Mitteilung bekommen haben …“

Ich sehe sie stirnrunzelnd an und erst jetzt begreife ich, dass nicht nur sie, sondern auch Justin z iemlich gerötete Augen hat. Was mag Dad ihnen gesagt haben, dass sie verheult sind?

Kann eine Trennung die beiden so mitgenommen haben?

Blöde Frage, ich selbst würde tot umfallen wollen, wenn Kim mich verließe – und das nach nicht einmal acht Wochen! Die drei haben mehr als ein Vierteljahrhundert zusammen verbracht. Mehr Zeit, als ich lebe!

Ich horche in mich und ü berlege, ob ich Mitleid mit ihnen habe, doch dann fallen mir Grannys Worte wieder ein.

Offenbar gab es immer Gegenstimmen in Sachen Geheimhaltun g mir gegenüber, aber sowohl Justin als auch Helen haben es ignoriert oder nicht ernst genug genommen.

Wie auch immer, ich kann nicht mit ihnen leiden. Ich leide aus anderen Grü nden.

Wir hören“, fordere ich die beiden unmissverständlich auf und sie mustern mich. Justin nur sehr kurz, bevor sein fahriger Blick sich wieder an einem Punkt auf der Tischplatte festsaugt. Helen schafft es länger, mir ins Gesicht zu sehen.

Es tut uns leid, dass wir dir all die Jahre vorenthalten haben, wie wir leben und lieben.“

Tut es das?“, hake ich nach.

Sie nickt hastig. „ Wenn wir geahnt hätten, wie sehr du leiden würdest, wie sehr es dich schockieren könnte …“, sie seufzt und setzt fort, „dann hätten wir es dir eher gesagt.“

Ein hartes Lachen kriecht durch meine Kehle und ich habe Mühe, es zu unterdrücken. „Ihr habt es mir nicht freiwillig gesagt, sondern weil ich zu viel herausgefunden habe! Über Justins und Lus Vergangenheit. Es wäre wirklich nett von euch, jetzt nicht die Fakten zu verdrehen, denn wenn ich diesen Ferienjob nicht gemacht hätte, wüsste ich heute noch nichts davon, dass ich einen Dad habe, der sich seit vor meiner Geburt nichts sehnlicher gewünscht hat, als für mich da sein zu dürfen!“

Kims Arme umschlingen meine Mitte, geben mir Halt und Nä he, die ich brauche, noch sehr lange brauchen werde. Ich lehne mich an ihn, reflexartig, trostsuchend.

Auch wenn ich hier gerade Vorwü rfe mache, treffen mich die Wahrheiten, die hinter den Dingen stehen, so sehr, dass ich aufschluchze und den Schmerz in mir hochschwappen spüre. Ja, verdammt! Es tut weh, zu wissen, dass meinen Erzeugern etwas leidtut, das ich ohne meinen geradezu lächerlichen Versuch, die Weste meines Vaters reinzuwaschen, nicht erfahren hätte!

Wir haben Fehler gemacht. Viele Fehler. Dessen sind wir uns bewusst, Maik.“ Helen kämpft mit der Festigkeit ihrer Stimme und Tränen laufen über ihre Wangen.

Sie versucht nicht, mich zu berü hren. Ich bin froh darüber, müsste sie sonst wegstoßen.

Aus Selbstschutz.

„Dann werdet ihr jetzt mit den Konsequenzen leben müssen.“ Ich sage das in beinahe neutralem Ton. Nicht einmal besonders laut. Dennoch zucken beide zusammen und starren mich an.

Wirst du uns eine Chance geben, dir wieder näher zu kommen?“ Helens Frage geht in unterdrückten Schluchzern unter, ich habe Mühe, sie zu verstehen.

Meine Lippen pressen sich kurz fest aufeinander, dann nicke ich. „ Irgendwann, vielleicht.“

Mein Blick geht zu Kim, an dem ich noch immer lehne. Meine Augen suchen seine, um ihm zu sagen, was ich nicht aussprechen kann.

Er versteht mich, das begreife ich sofort, denn er drückt mich an sich, lockert erst danach seine Umarmung und erhebt sich.

Wir gehen zur Tü r des Wohnwagens, Kim steigt hinab und ich drehe mich noch einmal um. „Ich weiß nicht wann oder wie. Ich brauche Zeit.“

Helen nickt. Jus tins Gesicht verschwindet hinter seinen Handflächen und ich wende mich ab.

~*~

Merit steht vor mir, kaum dass ich die Tür hinter mir geschlossen habe. Sie sieht zu mir herauf und streckt die Arme aus.

Ich umarme sie kurz und nehme Abstand; um me inen Dad anzusehen. Jetzt erkenne ich auch, dass er ebenfalls geweint haben muss, wie Helen und Justin.

Ohne ü ber irgendetwas nachzudenken, trete ich auf ihn zu und umarme ihn. Keine Ahnung wie lange.

Irgendwann murmelt Kim neben uns: „ Wir sollten gehen. Die anderen warten auf der Tribüne auf uns. Das Stechen beginnt gleich.“

Ich nicke ebenso wie mein Dad und wir machen uns voneinander los, um mit Merit und Kim zurü ck zum Turnierplatz zu gehen. Wenig später sitzen Dad und Merit neben Granny und Grandpa, wir lassen uns wieder hinter ihnen auf unseren Plätzen nieder und wie schon vermutet, wird es noch einmal sehr spannend.

Reden will gerade niemand, alle brauchen Ablenkung, auch wenn vielleicht noch einiges an Inform ationen zu fließen hat. Ich für meinen Teil halte Kims Hand und genieße seine Nähe, seinen Rückhalt und seine Liebe, bis wir jubelnd aufspringen und uns im allgemeinen Überschwang über Jers’ Sieg fest umarmen.


Freitag, 1 6. August

 


Belohnungen

C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\kimtest.jpg

 

Echt schräg, anders kann ich die Ereignisse der vergangenen Tage nicht zusammenfassen.

Das ist mein erster Gedanke, mit dem ich den Wecker ausschalte und Maiks Wä rme unter mir genieße.

Heute Nacht habe ich meinem Kosenamen wieder alle Ehre gemacht; wie ein Koalabä rchen auf seinem Rücken festgeklammert, bin ich eingeschlafen. Lächelnd rutsche ich neben ihn, denn einmal mehr habe ich es geschafft, mich die gesamte Zeit auf seinem Rücken zu halten.

Guten Morgen, Koalabärchen“, grüßt er und blickt mich aus seinen müden Jadeaugen an. Mir bleibt nichts weiter, als in seinen Arm zu schlüpfen und ihn zu küssen.

Guten Morgen, Löwenherz“, erwidere ich deutlich verzögert.

Liegt heute viel an?“, fragt er, während wir uns aufraffen und gemeinsam im Bad verschwinden.

Na ja, ich gehe davon aus, dass wir heute mindestens zwei Pferde weniger bewegen müssen, eher drei, denn sowohl dein Vater und meine Mutter als auch dein Grandpa, werden im Stall auflaufen und uns Trainingsstunden abschwatzen.“ Ich kichere.

Oh ja, das wird ein Spaß, aber du hast Granny vergessen. Man glaubt es vielleicht nicht, aber die alte Dame kann besser reiten als William!“

Cool, dann also vier Pferde …“, resümiere ich und stelle mich unter die Dusche.

~*~

Im Stall herrscht echter Hochbetrieb. Jeremy und Timeon schauen nur kurz rein, um sich für das Turnier abzumelden, alle anderen – tatsächlich inklusive Claire – erscheinen pünktlich um sechs Uhr im Stall, um uns tatkräftig zu unterstützen.

Bis zum gemeinschaftlichen Frü hstück bei Theodora haben wir alle Weidegänger hinausgebracht und die ersten Trainingseinheiten der Pferde absolviert.

Es ist wirklich spannend zu beobachten, wie sich die vier langjä hrigen Reiter auf unseren Pferden auf dem Außenspringplatz gegenseitig Korrekturen und Hinweise geben. Ich lehne eine Weile am Zaun und sehe ihnen zu, bis mein Löwenherz sich zu mir gesellt.

Na? Wie machen sie sich?“, fragt er und legt seine Hände rechts und links von meinen Schultern auf den obersten Holm des Zaunes, um sich gegen meinen Rücken zu lehnen.

Ich genieß e seine Nähe und wende den Kopf, um ihn zu küssen. „Sehr gut, würde ich behaupten wollen. Ich gäbe was drum, wenn dein Dad hierbleiben und uns unterstützen könnte …“

Hm-hm, darüber habe ich auch schon nachgedacht“, erwidert er und sieht mit mir wieder auf den Platz.

Wäre toll …“, sage ich seufzend.

Was wäre toll?“, fragt meine Mutter, die mit Bernoldo bei uns ankommt.

Wenn Dad hierbleiben könnte.“

Sie sieht uns stirnrunzelnd an. „ Haltet ihr das für eine gute Idee?“

Ich stutze. „ Wieso nicht? Aber das ist eh utopisch, er wird doch sicher zurück in die Staaten gehen …“

Meine Mutter sagt nichts weiter dazu, sondern treibt Bernoldo an und trainiert weiter.

Wenig später wird mir bewusst, dass sie Maik Senior beiseite nimmt und mit ihm spricht – leider am anderen Ende des Platzes, so dass wir nicht einmal im Ansatz eine Chance haben, zu lauschen.

Das Einzige, was ich sehen kann, ist, dass sie mit ihm nicht einer Meinung zu sein scheint, denn immer wieder schü ttelt Maik den Kopf, bis er Galore schließlich wendet und dadurch das Gespräch abbricht.

Neugier erfa sst mich, aber einmal mehr kämpfe ich sie zurück. Wie immer gilt, dass ich nichts wissen will, was man mir nicht von sich aus sagt.

Das Gleiche gilt, wie ich weiß , auch für Maik. Wir beschließen, gemeinsam nach Möhrchen zu sehen, weil ich sie wie versprochen gleich massieren will.

Sie scheint sich wirklich gut zu fühlen“, quittiere ich lachend, als Möhrchen ihren Nasenrücken an Maiks Brust reibt und ihn dabei fast umschubst, während meine Fingerspitzen entlang ihrer Wirbelsäule nach Verspannungen und Muskelknoten suchen, um sie zu lösen.

Maik spricht die ganze Zeit mit seiner Süß en und ich lausche einfach nur andächtig, weil es unglaublich schön ist, ihm dabei zuzuhören.

Die tiefe Liebe, die er seiner Stute entgegenbringt, bestä tigt mir erneut, dass es eine gute Entscheidung war, mich gegen das sofortige Einschläfern und für eine Operation und Rehabilitation einzusetzen.

Ich glaube, Maik und Mö hrchen haben das einfach verdient, diese zweite Chance. Lächelnd und mit geschlossenen Augen taste ich weiter über ihr warmes Fell, auch als Maik das Schmusen einstellt, um sich die Operationsnarbe anzusehen und den schützenden Wundverband zu erneuern.

hrchen ist ein tolles Pferd, selbst wenn sie niemals tragen oder wieder geritten werden kann.

Mit der Rü ckkehr unserer vier Aushilfsreiter wird es laut im Stall. Gelächter, zum Teil unerwartet zotige Sprüche und das übliche Stallgeplänkel erreichen uns auch in Möhrchens Box.

Mal gut, dass ich mit der Massage bereits fertig bin, und wir die Stute nur ausgiebig knuddeln, um sie daran zu erinnern, dass sie das tollste Pferd der Welt ist …

~*~

Nach dem Frühstück bei Theodora hakt sich meine Mutter bei mir unter und entführt mich in ihr Zimmer im Gutshaus. Diesmal ist sie nicht in der Wohnung über meiner einquartiert, sondern hat ihre Unterkunft auf dem gleichen Flur wie Claire, William und Maik.

Was ist los?“, frage ich, kaum dass sie mich auf ihr gemachtes Bett geschoben und sich neben mich gesetzt hat.

Ich muss mit dir reden.“

Ja, danach sieht es aus … Worüber denn?“

„Ü ber gestern. Maik will nicht, dass ich es euch sage, Gott, er will es euch nicht einmal selbst sagen!“ Sie bricht ab und ringt die Hände, bevor sie sich zu mir wendet, mich ernst ansieht und meine ergreift.

Vielleicht wäre es dann eine gute Idee, seinem Wunsch zu entsprechen, Mama?“, wage ich zu sagen, doch sie winkt ab.

Manche Leute muss man zu ihrem Glück zwingen“, erklärt sie mir und wirkt so ernst, dass ich nur schweigend abwarten kann. Nach einem Seufzen ergänzt sie: „Maik hat seine bisherigen Lebenspartner gestern darüber in Kenntnis gesetzt, dass er nicht wieder in die Staaten gehen wird.“

Ich schnappe nach Luft, schweige aber noch immer.

„Ist ihm nicht leicht gefallen, diese Entscheidung, aber er weiß, dass es für ihn das Beste ist … Wie auch immer, ich will gar nicht so ins Detail gehen“, bricht sie ihre Geschwätzigkeit ab und setzt neu an: „Jedenfalls hat er sich aus dem Ranch in den Staaten komplett zurückgezogen und will sich in der Nähe etwas suchen, um für Maik da sein zu können.“

Das klingt  … beinahe zu schön, um wahr zu sein, finde ich!

Hm, und er will nicht, dass mein Maik das weiß?“

Mein schlauer Sohn!“, entfährt es ihr. „Er will sich nicht aufdrängen, verstehst du?“

Klar verstehe ich das, weshalb ich nicke.

„Okay, also …“, beginne ich, „soll ich nichts sagen und so tun, als wüsste ich von nichts?“

Genau das!“

Wieso hast du es mir dann überhaupt gesagt?“ Verwirrt sehe ich sie an und sie lacht nur, anstatt vernünftig zu antworten.

Ich erhebe mich wieder und mustere sie. „ Mama, manchmal bist du echt schräg.“

Noch ein Lachen. „ Und genau deshalb liebst du mich genauso wie ich dich!“

Wo sie recht hat, hat sie recht.

„Ich muss noch mit William sprechen“, erkläre ich und gehe zur Tür.

Oh, da wirst du Pech haben. Er ist doch wieder auf dem Turnier.“

Mist.

„Hm, ob Helen auch noch mal da sein wird?“, grübele ich halblaut. Denn wenn sie es ist, werden ihre Eltern ihr bestimmt die unschöne Nachricht überbringen …

Helen ist nicht nur ihren Sohn, mindestens fü r absehbare Zeit, und ihren zweiten Lebenspartner, wie es aussieht für immer, los, sondern bald auch ihren Job und ihr Erbe.

Tut sie mir deswegen leid? Ich seufze tief, als ich auf den Flur hinaustrete und mich zur Treppe wende.

Ja, sie tut mir leid.

Weil sie in all den Jahren zu wenig Mut, zu vie l Angst, zu wenig Vertrauen in ihren Sohn und zu viel Hörigkeit gegenüber Justin hatte. Sie hat mein Mitgefühl, weil sie den Zeitpunkt verpasst hat, Maik die Wahrheit zu sagen.

Ihre heutigen Verluste sind nur das logische Ergebnis und wegen dieser bemitlei de ich sie ganz sicher nicht!

Was man tut, hat Konsequenzen. Damit wird sie leben mü ssen.

Was beschäftigt dich so?“ Die besorgte Stimmlage meiner Mutter erschreckt mich. Irgendwie habe ich erwartet, dass sie in ihrem Zimmer bleibt.

Dass momentan alles so endgültig wird.“ Ich gehe die Treppe hinab und suche nach meinem Maik.

~*~

Auf dem Trainingsplatz konnte ich ihn nicht finden, deshalb gehe ich in den Stall und finde mein Löwenherz bei Möhrchen. Die Boxentür steht offen, weshalb ich einfach hinter ihn trete und ihn umschlinge, um mich einen Augenblick lang anzulehnen.

Ich denke darü ber nach, ob ich ihm erzählen soll, dass sein Dad in Deutschland bleiben wird, aber ich kann mich dazu nicht ganz überwinden. Immerhin will Maik Senior das nicht, und wer bin ich, in die sich gerade aufbauende Vater-Sohn-Beziehung zu funken?

Maiks Reaktion auf meine Umarmung ist ein leises Brummen, und er lehnt sich gegen mich. Ich weiß genau, er schließt gerade die Augen und genießt unsere Nähe.

Dieser Gedanke lä sst mich lächelnd murmeln: „Sagte ich dir heute schon, dass ich dich liebe?“

Entschuldige, Möhrchen“, höre ich, bevor Maik sich zu mir herumdreht und mich ebenso an sich zieht, „aber der Mann meines Lebens fordert meine volle Aufmerksamkeit.“

Wir kichern blö de, aber das macht nichts. Im Gegenteil, es erleichtert und lässt Wärme in meiner Brust aufsteigen.

Maik kü sst mich, sieht danach tief in meine Augen. „Ich glaube, du erwähntest es gelegentlich, ob du es aber heute schon gesagt hast …?“

Ich knuffe ihn in die Seiten un d trotzdem werde ich sehr ernst. „Ich liebe dich. Mehr al…“

Weiter komme ich nicht, denn Maik kü sst mich wieder. Seine Zunge findet ihren Weg in meinen Mund und spielt mit meiner.

Weiche Knie und ein haltsuchender Griff nach Maiks Armen. Unnö tig. Wie immer kann ich mich auf ihn verlassen. Er hält mich.

Ich liebe dich genauso sehr, Kim“, wispert er. Ich spüre den Luftzug an meinen feuchten Lippen und atme tief durch, weil ich fürchte, mein Brustkorb muss anderenfalls platzen.

Wie passen so viele Gefü hle eigentlich in einen Körper?

Die Frage lä sst mich erneut kichern und er sieht mich neugierig an. „Ich hab nur überlegt … Wenn ich eines Tages platze, dann ist das allein deine Schuld.“

Wie bitte?!“

Na ja, irgendwie wird das mit der Liebe täglich mehr, verstehst du? Und ich habe die Befürchtung, irgendwann wird es so viel, dass ich vor Glück einfach explodiere.“

Ich gebe zu, ich habe mit einem Lachen als Antwort gerechnet, einfach, weil mein Gedanke echt albern ist, doch Maik sieht mich nur genau so ernst an und nickt.

Geht mir auch so. Manchmal weiß ich nicht mehr, wohin mit all der Liebe, aber dann reicht ein Blick in deine Augen und ich bin mir sicher, dass wir alles schaffen können. Du und ich.“

Sprachlos blinzele ich ihn an, ö ffne und schließe den Mund, hole Luft und will etwas erwidern, ihm die gleiche wunderbare Liebeserklärung machen wie er mir, aber ich finde einfach keine Worte, deshalb ziehe ich ihn dicht an mich und halte ihn einfach fest.

Ein Rä uspern aus Richtung Stallgasse trennt uns, keine Ahnung wann, wieder voneinander.

Tut mir leid, euch zu stören, aber ich muss dringend weg. Kann einer von euch Lupinia bewegen?“ Maik Senior ist es sichtlich unangenehm, das Training nicht fortsetzen zu können. Er hält sein Telefon noch in der Hand und wirkt ein wenig fahrig.

Ich nicke. „ Mache ich, kein Problem. Mach dir keine Gedanken, Maik.“

Er lä chelt verkniffen und nickt, bevor er sich abwendet und den Stall verlässt.

Ob mit ihm alles okay ist?“, frage ich, ihm ebenso nachblickend wie mein Löwenherz.

Wenn nicht, wird er es vermutlich eher deiner Mutter als uns sagen“, erwidert er und kichert. „Echt mal, was auch immer die zwei da laufen haben, hin und wieder frisst mich die Neugier fast auf!“

Ich seufze leidgeprü ft. „Nicht nur dich.“

Na los, kümmern wir uns um unsere Lieblinge und arbeiten den Plan ab, bevor heute alles im Chaos versinkt“, schlägt Maik vor und wir machen uns umgehend an die Arbeit.

~*~

Maik und ich trainieren gerade zwei weitere Pferde auf dem Außenreitplatz, als Claire uns auf Ivandora Gesellschaft leistet. Die Fuchsstute macht sich gut unter der alten Dame, weshalb ich es genieße, ihr zuzusehen.

Habt ihr für morgen eigentlich schon alles geplant?“, fragt sie am Ende der Trainingsstunde. Offensichtlich geht die Arbeit mit den Pferden vor.

Verdutzt bringe ich Lemonboy neben ihr zum Stehen. „ Morgen?“

Sie nickt gewichtig. „ Das Sommerfest. Der Abschiedsabend für die Ferienjobber. Theodora hat mir davon erzählt.“

Oh. Vergessen.

„Shit!“, entfährt es mir, denn jetzt endlich kapiere ich, wovon Claire spricht.

Es ist seit Ewigkeiten Tradition auf dem Feuerried, dass das letzte Wochenende der Ferienjobber zeitgleich den Termin fü r ein Gestütsfest darstellt. Am Samstag vor der Abreise steigt ein großes Sommerfest mit Tanzmusik, viel Alkohol, noch mehr Fleisch und Gemüse vom Grill, Theodoras besten Partysalaten und allem, was zu einem anständigen Fest dazugehört.

Was ist los?“ Maik sieht mich stirnrunzelnd an.

Na, ich hab’s voll vergessen! Ich muss noch die Arbeitszeugnisse der Jungs schreiben, die Praktikumsnachweise, muss ihre Abreise organisieren … und vor allem: das Fest!“ Ich merke selbst, wie panisch ich angesichts der zahlreichen Dinge werde, die ich noch zu erledigen habe.

Ganz ruhig, mein Junge“, beschwichtigt Claire mich lächelnd. „Theodora hat alles voll im Griff. Wenn du dir Sorgen machst, geh und sprich mit ihr, ich bin mir angesichts dessen, was sie mir erzählt hat, sehr sicher, dass alles wunderbar laufen wird.“

Gut. Ich meine, nicht gut! Ich kann doch nicht  …!

Mann, die ganze Arbeit! Das haben wir uns sonst immer geteilt, seitdem ich auf dem Feuerried bin!“, murre ich mehr mich selbst an.

Na los, bring Lemon weg und geh zu ihr, du bist jetzt eh nicht mehr ruhig genug, um ihn anständig zu trainieren.“ Maiks Vorschlag ist gut und erlöst mich aus meinem schlechtes Gewissen. Zumindest weit genug, um handeln zu können.

Deshalb bringe ich meinen Wallach weg und mache mich so schnell es geht auf den Weg ins Gutshaus.

~*~

So kurz vor dem Mittagessen finde ich Theodora n atürlich in der großen Gewölbeküche im Keller.

Theodora, es tut mir leid!“, begrüße ich sie. Sie ist dankenswerterweise nicht allzu gestresst, denn wie ich weiß, hat sie eine strikte Planung bei der Zubereitung der Mahlzeiten.

Bist du aus dem Alter für zerknirschte Beichten nicht schon längst raus, Kim?“, erkundigt sie sich amüsiert und weist mir einen Platz am bereits eingedeckten Tisch.

Die Kü chenhilfen wuseln an den Anrichten herum und Theodora scheint alles im Griff zu haben, denn sie setzt sich mit zwei Bechern Kaffee bewaffnet zu mir.

Das mit dem Sommerfest!“, maule ich.

Was ist damit?“ Sie schiebt mir eine der Tassen zu, den ich dankbar ergreife. Meine Hände zu beschäftigen, erscheint mir als guter Plan.

Ich hab dich voll allein gelassen mit dem Ganzen. Das tut mir sehr leid. Wenn du mir sagst, was noch vorzubereiten ist, kümmere ich mich darum.“

Alles gut, Kim. Wenn du den offiziellen Teil für die Jungs erledigst, ist alles geritzt.“

Klingt echt tiefenentspannt. „ Ist das … dein Ernst? Du hast alles organisiert?!“

Nun tu nicht so entgeistert! Bei allem, was du in den vergangenen Wochen um die Ohren hattest, hab ich es eben einfach in die Hand genommen. Und wenn es dich beruhigt, einiges konnte ich delegieren.“ Sie kichert und in ihren Augen blitzt es spitzbübisch auf.

Aha?“

Die Teamleiter der anderen Ställe haben geholfen. Morgen Vormittag werden Terrasse und Ballsaal für die Party geschmückt.“

Klingt einfach unglaublich!“, entfährt es mir. „Dann muss ich wirklich nur noch den Papierkram machen und die Tickets für die Jungs buchen? Das ist Spitzenklasse!“

Wir reden noch ü ber einzelne Planungspunkte, während mir mehr und mehr bewusst wird, wie selbständig und eingespielt hier auf dem Feuerried alles läuft.

Ich bleibe bis zum Essen dort, setze mich dann jedoch auf mei nen Platz zu Maik, Claire und meiner Mutter. Natürlich muss ich Maik erst einmal alles haarklein berichten, denn bis Claire davon erzählt hat, wusste er ja nicht einmal, dass es auf dem Feuerried ein Sommerfest gibt.

~*~

Mein Nachmittag beginnt mit einer Tasse Kaffee in meinem Büro. Immerhin muss ich die Zeugnisse und Nachweise für die drei Ferienjobber ausstellen, die ich vor mehr als zwei Monaten anhand ihrer Bewerbungen ausgewählt habe.

Klaus, Nils und Christian haben sehr gute Arbeit geleistet und jede Menge gelernt, das weiß ich aus Zwischengesprächen mit ihnen und ihren Vorgesetzten.

Entsprechend gut fallen natü rlich auch ihre Zeugnisse aus. Mir ist der Stellenwert des Feuerrieds sehr bewusst. Ein Empfehlungsschreiben mit meiner Unterschrift ist in der Lage, Türen zu öffnen.

Klingt ziemlich hochtrabend, aber Qualitä t – und die haben wir hier beim Personal ebenso wie bei den Tieren – kommt eben weiter.

Ich brauche fast eine Stunde, bis ich die individuellen Schreiben angefertigt habe, danach kü mmere ich mich um die Bahntransfers der drei und erledige den üblichen Bürokram.

Die einzelnen  Abteilungen halten sich in den letzten Tagen extrem zurü ck mit Emails und Sonderwünschen. Ich vermute, nicht nur durch die Mitarbeiterversammlung hat sich herumgesprochen, welche großen Veränderungen auf uns alle zukommen.

Wobei  … so groß sind sie letztlich nicht. Die Mitarbeiter haben im Prinzip nur einen Besitzerwechsel erlebt. Lu ist weg, dafür Maik da. Alles andere bleibt, wenn man von den massiven Erweiterungen für den Rehabereich des Gestüts absieht.

Um ebendiesen muss ich mich auch noch kü mmern, jedoch kann ich das nicht allein tun.

Ich schnappe mir das Telefon und rufe Maik auf se inem Handy an.

Hey, was ist los?“

Nichts schlimmes, Löwenherz. Hast du eine Stunde Zeit für mich? Ich bin noch im Büro und die Stellenausschreibungen für das Reha-Zentrum und die Praxis will ich nicht allein machen. Ist ja schließlich dein Ressort …“

Er lacht frö hlich auf. „Ich habe vollstes Vertrauen. Du würdest ganz sicher genau die richtigen Leute anschleppen!“

Spinner! Wenn du Zeit hast, komm rüber, ja? Ich mache solange anderen Papierkram.“

Nicht nötig“, sagt Maik und steht in der Tür zu meinem Büro. Ich lege den Hörer auf und strahle ihn an.

Mein Retter!“ Ein bisschen Theatralik darf hin und wieder schon sein, oder nicht?

Er kommt zu mir und umarmt mich, bevor er einen Stuhl heranzieht, sich von mir einen Kaffee kredenzen lä sst, und mir in einem ausführlichen Gespräch schildert, wie viele feste und freie Mitarbeiter wir einplanen sollten.

~*~

Gegen 16 Uhr, Maik und ich sind noch dabei, uns Stellenanzeigen zu überlegen, klingelt das Bürotelefon und Kommissar Wilmers ist dran.

Was er uns sagt, nachdem ich den Lautsprecher a ngeschaltet habe, ist ausgesprochen erfreulich, denn Ines’ Bruder und dessen bester Freund sind geständig.

Wilmers erklä rt den weiteren Ablauf in Sachen Gerichtsverhandlung und informiert uns, dass er der Versicherung des Feuerrieds alle erforderlichen Unterlagen geschickt hat, die Ines als Begünstigte der Belohnung ausweisen.

Super, dann kann ich alles in die Wege leiten. Vielen Dank, Herr Wilmers!“

Wir legen auf und ich sehe in Maiks nachdenkliches Gesicht. Schon reflexartig ziehe ich ihn an mich, weil ich befü rchte, seine Ängste um Möhrchen kommen wieder hoch.

Alles okay, keine Sorge“, beschwichtigt er mich und setzt hinzu: „Ich hab nur grad überlegt, wie wir Ines das Geld zukommen lassen können, ohne dass ihr Vater oder ihr Bruder herausbekommen, dass sie die Jungs verpfiffen hat.“

Guter Einwand … Vielleicht sollten wir einfach mit ihr drüber sprechen?“ Ich nicke. „Willst du sie anrufen oder soll ich?“

Wir haben die Handynummer von Ines bekommen, um uns unauffä llig bei ihr melden zu können.

Mach du.“

Noch ein Nicken, dann hole ich mein Handy aus der Hosentasche u nd wähle Ines’ Nummer an.

Ja?“, fragt sie in den Hörer, was mich grinsen lässt. Noch so eine Kandidatin, die sich nicht ‚anständig‘ meldet …

Hi Ines, hier ist Kim, vom Feuerried. Kannst du reden?“

Eine kurze Pause, ich hö re eine Tür klappen und stelle das Smartphone auf Lautsprecher um.

Jetzt ja. Was ist los?“

Ich erklä re ihr den Grund meines Anrufs und erwähne auch die Summe, die möglichst bald an sie gehen soll.

Scheiße, wie soll ich denn eine solche Summe auf meinem Taschengeldkonto erklären?!“, entfährt es Ines und Maik schnaubt zur Bestätigung seiner vorherigen Worte.

Genau das ist der Punkt, Ines. Wir wissen ja, dass du Probleme kriegst, wenn jemals rauskommt, wer der Tippgeber war.“

Ich weiß eh nicht, was ich mit dem Geld soll“, schiebt sie noch nach.

Na ja, manche würden es sparen oder ausgeben, es gehört so oder so dir. Aber vielleicht finden wir eine diskrete Lösung für das Problem.“

Darf ich mal was ganz anderes fragen?“

Klar, worum geht’s?“

Ja, also … Ist das Feuerried eigentlich auch ein Ausbildungsbetrieb?“

Die Frage lä sst mich stirnrunzelnd in den Sitz sinken. „Ja, ist es. Wieso fragst du?“

Ich war nur neugierig, schon gut …“ Ines klingt resigniert, was mich traurig macht, ob ich das nun will oder nicht.

Na los, spucks aus! Brauchst du einen Ausbildungsplatz?“, hake ich deshalb nach.

Ich hab einen.“

Aber?“ Diesmal ist es Maik, der nachfragt.

Aber mein Chef ist ein Arsch! Ich meine, ich weiß ja: ‚Lehrjahre sind keine Herrenjahre‘, aber was der abzieht …!“ Sie seufzt vernehmlich.

Was lernst du denn?“ Maik ist genauso neugierig wie ich.

Tierarzthelferin. Ich hab ewig gesucht, bis ich ’ne Ausbildungsstelle gefunden habe, ist jeden Tag ’ne halbe Weltreise, aber was tut man nicht alles, wenn man einen Traum hat?“

Stimmt haargenau, dafü r tut man so einiges. Dennoch …

Was macht denn dein Chef, dass er ein Arsch ist?“, will ich wissen.

Ich glaub, das darf ich gar nicht laut sagen, ist voll peinlich …“, druckst sie.

Komm schon, du kannst uns doch nicht mit so halben Sachen stehen lassen.“

Hm, na gut, aber nicht lachen, ja?“

Wir versprechen ebendies unisono.

„Okay, also, die erste Woche war noch alles gut, Montag auch noch, aber seit Dienstag grabscht er mich an. Anfangs dachte ich noch, das is Zufall. Ich meine, man bildet sich ja schnell mal was Doofes ein … Seit heute Vormittag is da aber nix mehr mit Einbildung …“

Verdammte Scheiße!“, fluche ich haltlos. So eine Sauerei!

Einen Auszubildenden zu beschä ftigen ist eine große Verantwortung, wie kann dieser Chef da so mies sein?

Kannst du mit deinem Abschlusszeugnis herkommen, Ines?“, fragt Maik nun und ich starre ihn perplex an. Was er vorhat, wird mir nach seinem Deuten auf den Monitor bewusst.

Immerhin schreiben wir hier gerade Stellenanzeigen fü r die Tierarztpraxis und das Reha-Zentrum!

Wieso das denn?“ Ines klingt verwirrt.

Weil Maik wissen will, ob du gut in der Schule warst“, erkläre ich. „Auch wenn ich vermute, dass deine Noten nicht das Entscheidende sein werden …“

Da hat Kim recht. Aber ich will dein Zeugnis trotzdem sehen. Und es wäre wohl auch ganz gut, wenn du mal in Ruhe und nicht am Telefon erzählen kannst, was da bei deinem Chef los ist.“

Also, vorbeikommen kann ich gern auch so … und ja, reden wäre toll!“ Ines klingt richtig sehnsüchtig. Sie hat anscheinend nicht besonders viele Freunde.

Na, dann schnapp dir dein Fahrrad, ich komme dir mit dem Rover entgegen.“ Maik küsst mich für meinen Vorschlag und grinst breit.

Okay, dann … bis gleich!“ Ines und ich legen auf, danach wende ich mich ganz zu Maik.

Dir sind die Noten doch vollkommen wurscht, hab ich recht?“

Er nickt ü bertrieben. „Aber sie wird mir gleich beim Wechseln von Möhrchens Verband und beim Füttern von Leeloo helfen, außerdem muss der Verband am Huf bei Zaphira gecheckt werden.“ Er kichert. „So kriege ich am schnellsten raus, ob sie für ihre Ausbildung zu uns kommen kann.“

Ist verrückt, oder? Ich meine, dass sie Tierarzthelferin werden will und du grad eine Praxis eröffnest …“ Ich stehe auf, immerhin habe ich eine Verabredung.

Ach, weißt du, so langsam gehen mir die Umschreibungen für all die wundersamen Begebenheiten aus, die mich seit acht Wochen auf Trab halten …“

Da hat er recht. Vielleicht ist es auch gar nicht mehr nö tig, noch Definitionen oder mirakulöse Umschreibungen für das zu finden, was mittlerweile eine Art Alltag für uns geworden ist.

Ich gehe zur Bü rotür. „Ich glaube, Ines’ Belohnung geht am besten auf ein Treuhandkonto, das sie ab ihrem 18. Geburtstag übernehmen kann … Ich bespreche das gleich mit ihr und mache mich Montag schlau, wie das genau abläuft. Soll schließlich alles legal sein.“

Gute Idee, du kriegst das sicher hin, Koalabärchen. Und jetzt schieb ab, sonst ist sie bis hierher geradelt, bevor du im Wagen sitzt!“


Ausgesprochenes Finale

C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\maiktest.jpg

 

Auf dem Weg zum Stall fä ngt mich Granny ab und will mit mir über meine Zukunft sprechen.

Schatz, ich frage mich das schon die ganze Zeit … Wirst du Probleme damit haben, deine Ausbildung hier anerkennen zu lassen?“ Sie mustert mich ernst, wirkt echt besorgt.

Keine Sorge, Granny, ich hab in der EU studiert und mein Abschluss wird ohne Prüfung ins Anerkennungsverfahren gehen, sobald ich alle Unterlagen eingereicht habe.“

Tatsä chlich beschäftigt mich diese Frage schon etwas länger, weshalb ich vor ein paar Tagen das Internet nach Informationen durchsucht habe.

Immerhin hä nge ich an meinem Beruf und will ihn hier natürlich legal und ohne Hindernisse ausüben dürfen.

Daher kann ich jetzt relativ locker reagieren.

„Was für Unterlagen sind das?“

Ich hebe die Schultern und grinse. „ Na ja, sagen wir es mal so: Dass sie nicht auch noch eine beglaubigte Urkunde darüber wollen, wann und mit wem ich zuletzt Sex hatte, ist schon eine Sensation!“

Sie knufft mich in die Seite und fä llt in mein Lachen ein. „Also wirklich, Junge!“

Na, was? Die wollen wirklich alles wissen. Wichtig wird dafür aber erst einmal sein, dass ich hier in Deutschland gemeldet bin und obwohl ich echt viele Papiere einreichen muss, steht jetzt schon fest, dass sie mein Studium und meinen Abschluss anerkennen. Die Approbation ist also eine Formsache.“

Hm, na gut, das beruhigt mich. Wie schnell geht denn so etwas?“

Tja, berechtigte Frage. Ich fü rchte, die Mühlen mahlen sehr langsam, was solche Dinge angeht, aber ich habe vor, den Gestütsanwalt damit zu beauftragen, das Ganze, wenn möglich, zu beschleunigen.

Das erklä re ich Granny auch, was sie endgültig zu beruhigen scheint. Jedenfalls strahlt sie mich an und legt ihre Hand an meine Wange.

Ich freue mich sehr für euch, weißt du das? Es ist schön, zu sehen, wie gut es dir hier geht. Mit Kim. Mit allem. Und ich bin glücklich darüber, dass du zu Maik endlich die richtige Art der Beziehung haben kannst.“

Meine Laune sinkt, auch wenn das, was sie sagt, mich nicht so runterziehen sollte. Ich freue mich schließ lich auch über den Kontakt zu Maik!

Aber hinter die ser schönen Tatsache schlummert eben auch jene, die Helen und Justin betrifft …

Es darf mich nicht so mitnehmen, das weiß mein Kopf ganz genau, aber ich wäre wohl ein herzloser Bastard, wenn es mich wirklich kalt ließe.

Hm-hm, das mit Maik gefällt mir super.“

Sie sieht es mir an, natü rlich. Meine Granny kennt mich besser als die meisten anderen, auch wenn sie oft schroff oder brüsk wirkt, liebt sie mich abgöttisch.

Der Rest wird sich zeigen, mein Schatz. Erst einmal kümmerst du dich jetzt um dich, um dein Leben und deine Zukunft hier, ja? Versprich mir das!“

Ich nicke automatisch, aber ich will ihr das wirklich versprechen. Sie wü nscht sich nichts mehr, als dass ich glücklich und zufrieden bin. Das weiß ich ganz genau.

Mache ich. Im Moment ist Kim das Wichtigste, und damit auch alles, was das Feuerried betrifft.“

Granny lä chelt. „Das ist schön. Weißt du, nach der Sache damals mit Sean hatte ich solche Angst, dass du nie mehr haben würdest, als deine … exotische Freundschaft mit Jeremy … Umso schöner ist es, jetzt zu sehen, wie sehr du durch Kim auflebst.“

Wow, diese Sorge von ihr trifft mich, greift einen wunden Punkt an, denn ja, ich dachte doch das Gle iche – bis vor acht Wochen.

Acht Wochen“, wiederhole ich meinen Gedanken halblaut und ernte ein Stirnrunzeln.

Was ist mit acht Wochen?“

Vor acht Wochen kam ich hierher und seitdem ist … so wahnsinnig viel passiert!“

Ja, allerdings. Ich hoffe wirklich, dass alles gut wird.“

Ich auch“, gebe ich inbrünstig zurück und sehe Kims Rover auf den Hof fahren.

~*~

„Guten Abend!“ Ines springt grinsend aus dem Wagen und ich kann gar nicht so schnell gucken, wie sie Granny die Hand hinstreckt und sich vorstellt. „Ich bin Ines Völkner.“

Granny grinst zurü ck. „Claire Dexter, Maiks Grandma.“

Und ich bin Merit Andreesen, Kims Mutter!“ Aus dem Nichts erscheint ebenjene und stellt sich bei der Gelegenheit auch gleich vor, um sich anschließend zu mir umzudrehen und mich fragend zu mustern.

Ines will mir ihr Abschlusszeugnis zeigen“, erkläre ich nur und lache auf, als mich das Mädchen strafend ansieht. Nun gut, sie versucht es jedenfalls, weshalb ich nun wirklich lachen muss.

So? Will sie?“ Granny legt erstaunt den Kopf schräg.

Nein, eigentlich will sie sich nur ausquatschen, aber weil sie es nicht getan hat, sollte ich euch darüber informieren, dass Ines diejenige ist, der wir verdanken, dass die Schüsse, die Möhrchen in Gefahr gebracht haben, aufgeklärt werden konnten.“

Dafü r ernte ich den zweiten Knuff innerhalb kurzer Zeit, diesmal von Ines, die mich anschließend erschrocken anstarrt. „Tut mir leid, war ein Reflex!“

Schon okay.“

Musstest du das sagen?“ Sie ist nicht begeistert, aber mit der Wahrheit muss man nun mal nicht hinterm Berg halten, weshalb ich ihre Schulter beruhigend tätschle.

Ja, musste ich. Wir haben hier keine, okay, fast keine Geheimnisse voreinander. Also? Wo ist dein Zeugnis?“ Ich nicke in Richtung Stall und sie folgt mir, während sie aus ihrer Umhängetasche eine flache Papp-Mappe hervorholt.

Hier, aber ich weiß wirklich nicht …“ Sie reicht mir den Sammelhefter.

Wir können gleich in Ruhe reden, okay?“

Hm, ja. Hab auf der Fahrt schon einiges mit Kim bequatscht. Er ist richtig wütend auf meinen Chef.“

Das bin ich auch. Ganz abgesehen von den guten Sitten ist sein Verhalten unentschuldbar.“

Ich steuere den Aufenthaltsraum an, in welchem Lukas sich gerade einen Becher Kaffee eingießt.

Oh, hi Boss, ich verschwinde gleich“, verkündet er und macht sich anschließend aus dem Staub. Sicher will er zu den anderen auf den hinteren Hof. Eine Pause in der Sonne genießen.

Setz dich, Ines. Magst du was trinken?“

Kaffee wäre toll.“

Wenig spä ter setze ich mich zu ihr an den Tisch und klappe die Mappe auf. Zuoberst liegt ihr Abschlusszeugnis von der Realschule. Ich überfliege die Noten und nicke vor mich hin.

Sieht doch gut aus, also daran würde es nicht scheitern.“

„Ä h …? Und was genau würde daran nicht scheitern?“

Entschuldige, das hier ist mein erstes Bewerbungsgespräch, ich hab irgendwie noch nicht ganz rausgefunden, wie die beste Reihenfolge ist … Deshalb fange ich einfach vorn an.“ Sie nickt verstehend und ein kleines Grinsen kräuselt ihre Mundwinkel.

Ich werde in etwa zwei Monaten, zumindest gehe ich davon aus, dass es bis dahin dauern wird, hier eine Tierarztpraxis in einem neugebauten Komplex eröffnen. Mit Reha-Abteilung für die Pferde des Feuerrieds und allem Drum und Dran.“

Ines ’ Augen werden mit jedem meiner Worte größer.

Na ja, ich sage es mal so, bei der Sache mit deinem Chef können Kim und ich dir nicht helfen. Das müssen du und deine Eltern machen. Aber ich würde mir gern ansehen, wie du reagierst, wenn du beim Verarzten und Versorgen von ein paar Pferden hilfst. Wenn mir das gefällt, kann ich dir anbieten, dass du mit Eröffnung meiner Praxis einen neuen Ausbildungsplatz hast, solltest du einen benötigen.“

Das ist …! Wahnsinn!“ Sie strahlt mich an und ich weiß jetzt schon, dass diese ganze Sache ein gutes Ende nehmen wird.

Dann hättest du Lust, mir ein wenig zu helfen?“

Jetzt? Ja klar!“ Sie springt so hastig auf, dass ihr Kaffeebecher ins Wanken gerät.

Ich kichere und halte ihn fest, um ihr anschließ end zur Tür zu folgen, an der sie brav abwartend stehengeblieben ist.

~*~

Ich stehe vor Leeloos Box und beobachte Ines beim Herumschmusen mit der kleinen Stute. Gefüttert hat sie das Fohlen bereits, Möhrchens Verband ist ebenso gewechselt wie der von Zaphira, und ich kann mit Fug und Recht sagen, dass ich Ines sehr gern als Auszubildende in meiner Praxis und auf dem Feuerried sehen würde.

Sie macht sich gut, hat weder Ekel noch Berü hrungsängste gezeigt. Außerdem hat sie jedem der Tiere diese Extra-Streicheleinheit zuteilwerden lassen. Nicht nur dem zuckersüßen Scheckfohlen, das gerade an Ines’ Oberschenkel knabbert.

Ein Anruf geht auf meinem Handy ein, den ich nach einem schnellen Blick auf das Display anne hme, während ich aus dem Quarantänestall in Richtung Hof schlendere.

Hi Dad.“

Hallo Maik.“ Mein Zweit-Vater klingt müde, vielleicht auch niedergeschlagen.

Was ist los?“

Eine kurze Pause entsteht, ich hö re ihn tief einatmen. „Ich habe mich mit Justin getroffen – allein. Wir haben geredet, seit heute Vormittag …“

Ich verstehe …“, gebe ich zurück und frage mich im Stillen, wieso die zwei ohne Helen sprechen wollten.

Ich … Hör zu, Maik, ich denke, du solltest herkommen. Mit Kim, natürlich.“

Und wohin?“ Irgendwie stellt sich mir beim Klang der Stimme meines Dads gar nicht die Frage, ob ich dorthin kommen will oder nicht. Es ist vollkommen klar, dass ich zu ihm – ihnen – muss.

Wir sind im Kloster Sankt Benedikt. Weißt du, wo das ist?“

Ja, ich war vor ein paar Tagen mit Kim und Merit dort. Wo genau seid ihr da?“ Ich habe mich längst weiterbewegt, um nach Kim zu suchen, denn natürlich steht er nicht mehr mit seiner Mutter und meiner Granny auf dem Hof herum.

Ich sehe Licht in der Kü che und dort am Tisch sitzen sie, alle drei.

Ohne zu klopfen , trete ich, das Handy noch immer am Ohr, ein.

Auf dem Innenhof in einer der Nischen. Also kommst du?“

Ja. Ich schätze, wir sind in einer guten halben Stunde dort.“

Ich kann Maiks erleichtertes Aufatmen hö ren, dann sagt er: „Danke! Bis später.“

Ja, bis später.“

Ich lege auf und winke Kim zu mir, um ihm im Flü sterton von dem seltsamen Telefonat zu berichten. Er wirkt nachdenklich und ein wenig skeptisch, dennoch stimmt er zu, mich zu begleiten.

Daran ist vielleicht auch m eine spürbare Unsicherheit schuld. Kim wird immer da sein, wenn ich Hilfe brauche, das weiß ich einfach!

Müssen wir sofort los?“, fragt er und ich nicke, bevor er sich zu Merit umdreht.

Mama, bist du so lieb, Ines später nach Hause zu fahren? Sie soll auf jeden Fall noch mit euch essen, ja? Ich denke, Maik und ich werden lange weg sein. Bitte wartet nicht auf uns.“

hrend seiner Rede wird mir bewusst, dass der Backofen erleuchtet ist und es herrlich duftet. Hunger habe ich trotzdem keinen.

Wohin wollt ihr?“, erkundigt sich Merit und tritt zu uns.

Zu Maik, reden.“ Mehr will ich jetzt nicht sagen. Hinterher ist Zeit genug, das, was ich wirklich erzählen will, auch loszuwerden.

Verstehe. Und ja, ich bringe sie nach Hause.“

Danke!“

Kim schnappt sich den S chlüssel für seinen Sportflitzer und deutet auf den des Rovers, der am Schlüsselbrettchen hängt. „Benutz das Navi, bevor du dich verfährst, okay?“ Eindringlich sieht er Merit an, die abwinkend loslacht.

Ich kann auch nach dem Weg fragen, mein Schatz!“

Wir verlassen das Haus und ich gehe noch kurz zum Stall.

Ines?“

Ja?“ Sie hockt noch immer selbstvergessen bei Leeloo, was mich lächeln lässt. Dem Charme meiner winzigen Stute erliegen sie wohl alle …

Kim und ich müssen weg, aber Merit wird dich nach dem Essen heimfahren. Du findest sie und Claire in Kims Wohnung.“

Oh, okay, aber …“

Keine Widerrede! Hast du morgen Abend schon was vor?“ Kim erscheint neben mir und kann sich ein freches Grinsen ob Ines’ offensichtlicher Verliebtheit nicht verkneifen.

Ist ja schon gut!“, erwidert sie und lacht. „Mann, ihr seid schlimmer als meine Mutter!“

Und? Hast du?“, hake ich nach.

Nein, wieso?“

Weil wir morgen das Sommerfest feiern und du herzlich eingeladen bist, herzukommen. Bring ruhig eine Freundin oder deinen Freund mit, von mir aus auch deine Eltern.“

Hm, klingt cool, mal sehen, wen ich mitschleppen kann.“

Gut, dann bis morgen!“ Wir wenden uns ab und steigen in Kims Sportflitzer.

~*~

Justin und Maik sitzen auf einer der Picknickbänke, ganz wie Merit, Kim und ich vor einigen Tagen. Wir lassen uns nach der Begrüßung neben ihnen nieder und bestellen Getränke und eine Kleinigkeit zu essen.

Letzteres, weil Kim Hunger hat. Mir ist der Appetit irgendwie abhandengekommen, was mich aber nicht wirklich stö rt.

Maik und Ju stin sehen nicht so aus, als hätten sie einen lustigen Tag miteinander verbracht, weshalb ich beide lange einfach nur schweigend mustere.

Niemand verlangt von mir, mich zu ä ußern, stattdessen ergreift Justin, der wie ausgewechselt erscheint, das Wort.

Er i st noch immer er selbst, ein aufbrausender, mehr als temperamentvoller Mann, aber offensichtlich hat er beschlossen, diese Launen nicht mehr an mir auszuleben. Sonst wäre er schon bei der Begrüßung wieder hochgegangen, da bin ich sicher.

Danke, dass ihr hergekommen seid“, beginnt er das Gespräch und ich nicke, ohne etwas zu erwidern.

Er holt tief Luft, tauscht einen Blick mit Maik und sieht mich wieder an. „ Es tut mir sehr leid, wie alles gekommen ist. Auch wenn du mir das kaum glauben wirst … Ich möchte einfach nicht … dass du denkst, wir hätten wirklich all die Jahre geplant, ewig zu schweigen.“

Oh? Wird das hier jetzt endlich eine Erklä rung für das letztliche Verhalten? Stumm warte ich ab, nippe einmal von meiner Apfelschorle und höre ihm weiterhin zu.

Als wir drei beschlossen, dich zu bekommen, haben wir uns fest vorgenommen, dir eines Tages, wenn du alt genug bist, es richtig zu verstehen, alles zu sagen. Dass wir eine für Außenstehende sehr seltsame Beziehung führen, dass du einen Vater mehr hast, als die meisten Menschen, einfach alles.“ Er seufzt tief und fährt mit dem Finger die Holzmaserung in der Tischplatte nach. „Wir haben diesen Zeitpunkt verpasst.“

Ich schnaube unwillkü rlich. Es klingt so missbilligend, wie ich dieses Verhalten finde.

Ja, ich weiß, es klingt lahm, aber so war es wirklich. Keiner von uns wollte dich belügen, doch irgendwann war alles so eingefahren, so heimlich und geheim geworden, dass wir schlussendlich den Mut verloren haben, es dir noch zu sagen.“

Wir haben immer befürchtet, dass du ausflippen könntest“, wirft Maik leise ein, womit er unter den gegebenen Umständen ja auch vollkommen richtig liegt.

Allerdings!“, entfährt es mir.

Du hast jedes Recht, sauer zu sein, enttäuscht, wütend … Ich verstehe das, Maik.“ Justin spricht ruhig, beinahe beschwichtigend weiter. „Die Wahrheit ist, dass jetzt, durch deinen im Grunde sehr ehrenhaften und aus Liebe zu mir geborenen Plan alles exakt so gekommen ist, wie wir es immer befürchtet haben.“

Nun ist es an mir, tief durchzuatmen. Mir f ehlen die Worte, es sind einfach keine da, um auch nur halbwegs auszudrücken, was ich sagen wollen könnte.

Es gibt Fehler, aus denen man zu spät lernt.“ Kim sagt dies. Leise, mit einer Spur von Sarkasmus.

Ich sehe zu ihm und taste mit der Hand nach seine m Oberschenkel. Ich brauche Halt, will gleichzeitig zeigen, wie sehr ich zu ihm gehöre.

Das stimmt. Ich kann nur hoffen, dass dieser Fehler – unser Schweigen – kein solcher ist, Kim.“ Justin klingt aufrichtig. Er meint wirklich, was er da sagt. Zumindest hoffe ich das.

Verrü ckt, oder? Noch immer hoffe ich, dass dieser Alptraum endet und ich aufwache, dass alles wieder ist wie früher, gern zusätzlich mit Maik in seiner heutigen Position als mein Dad.

Vielleicht ist es meine ganz private Harmoniesucht, aber dieser Wunsch ist in mir und erhält seit Beginn dieses Gespräch stetig Nahrung.

Das wird wohl vor allem davon abhängen, ob ihr es schafft, mich endlich als Erwachsenen anzusehen, Justin. Ich bin kein Bengel von 12 Jahren, sondern ein erwachsener Mann mit abgeschlossenem Studium und einigen wirklich prägenden Erfahrungen im Leben – ganz unabhängig von dem Scheiß mit euch.“ Die Worte sind da, vielleicht bestärkt durch Kims Einwand, jedenfalls kann ich sie endlich aussprechen und fühle mich wohl damit.

Justin zuckt zusammen. Ich glaube, ich habe ihn tatsächlich noch nie beim Vornamen angesprochen. Zum Ende hin nickt er jedoch.

Das ist mein größter Fehler, Maik. Du bist und bleibst, selbst wenn du 80 wirst, so ich das noch erlebe, mein Sohn …“ Er blickt zu Maik und lächelt ganz leicht. „Unser Sohn.“

Warum sind wir nicht zu viert nach Amerika gegangen, damals? Warum musste ich allein mit Helen in England bleiben?“ Fragen, die mich schon seit Wochen beschäftigen. Heute erscheinen mir die Chancen, darauf befriedigende Antworten zu erhalten, am besten.

Aus heutiger Sicht muss ich zugeben, dass das die bessere Lösung gewesen wäre“, sagt Justin seufzend. „Ich weiß nicht, ob ihr das bereits wisst, aber vorhin bekam ich einen Anruf von Helen. William hat sie rausgeschmissen und enterbt.“

Ich nicke. Müß ig, so zu tun, als wüsste ich davon nichts. „Hat er mir erzählt.“

Dachte ich mir.“

Grandpa hat Angst um sein Gestüt. Er braucht dringend einen Nachfolger und jemanden, der einmal alles übernimmt.“ Keine Ahnung, wieso ich diese Info preisgebe, aber es kommt mir richtig vor.

Ich wünsche ihm, dass er jemanden findet“, erwidert Justin und erneut glaube ich ihm das.

Wird Helen mit dir in die Staaten gehen? Und was ist mit dir?“ Für die letzte Frage wende ich mich an Maik.

Ja, sie wird mit mir das Gestüt dort betreiben.“

Ich verstehe.“

Und da Maik es dir offenbar nicht selbst sagen will: Er hat seinen Anteil am Stall an Helen übertragen und nur ein paar Pferde mitgenommen. Ebenso seine privaten Sachen.“

Ich blinzle und st arre Maik an, der die Lippen aufeinanderpresst und die Schultern hebt. Kein Wort sagt er, aber das ist auch nicht nötig.

Mir wird innerhalb eines Sekundenbruchteils klar, wieso er das getan hat.

„Danke“, murmele ich deshalb und greife über den Tisch nach seiner Hand, um sie schnell zu drücken. Er nickt und schluckt sichtbar.

Du kannst auf dem Feuerried bleiben, solange du willst, Maik“, sagt Kim und wirkt nicht so überrascht von diesen Eröffnungen wie ich.

Bis ich einen Job gefunden habe, nehme ich das gern an. Danke“, erwidert Maik und lächelt erst Kim, dann mich an.

Es tut mir leid, dass eure verrückte Beziehung wegen mir kaputtgegangen ist“, bringe ich mühsam hervor, weil ich Justins sehnsüchtigen Blick auf Maik bemerke.

Das muss es nicht. Wir haben das allein geschafft, weißt du? Diese Sache jetzt war … nur das Quäntchen, das die Waage endgültig hat kippen lassen. Der Grund für unsere Trennung liegt viel tiefer und hat nichts mit dir zu tun, Maik.“ Justin versucht, ruhig zu sprechen, doch in kann den Kloß in seinem Hals förmlich sehen. Seine Augen werden feucht, glänzen im Flackerlicht der auf dem Platz aufgestellten Fackeln.

Die schmerzhafte Erkenntnis, die in seinen Worten liegt, muss ihm arg zusetzen. Ehrlich, wegen der Trennung der drei tut er mir leid. Sehr leid.

Ich habe keinen blassen Schimmer, wie schlimm es wirklich fü r sie alle ist, aber meine Fantasie geht weit genug, um Mitgefühl zu verspüren.

Wenn … Ich meine …“, stammele ich. „Falls ihr wollt, und Kim nichts dagegen hat … ich würde euch beide, dich und Helen, gern zum Erntedankfest einladen. Auf das Feuerried … du bist sowieso eingeplant, Maik.“

Den Zusatz spreche ich nur aus, damit er sich nicht zurü ckgesetzt fühlt. Im Grunde ist für mich sonnenklar, dass alle wichtigen Feste seiner Anwesenheit bedürfen. Allein schon, weil wir keines davon bisher zusammen feiern konnten. Und ich als Brite stehe echt auf Thanksgiving. Es ist anders als in Amerika, aber es ist ein Familienfest. Für mich wichtiger als Weihnachten!

Ich würde gern!“ Justin blinzelt gegen seine Tränen an und ganz kurz zucken seine Mundwinkel hoch. „Ich werde Helen fragen, ob sie auch will, okay?“

Klar!“ Ich nicke. „Sagt mal … wieso habt ihr euch eigentlich ohne sie getroffen? Was ist anders, wenn ihr allein seid?“

Maik rä uspert sich. „Weil wir über die Ranch sprechen mussten, hauptsächlich. Das war eine Sache zwischen Just und mir.“

Ah, verstehe.“ Nach einer Pause sehe ich Justin eindringlich an. „Wirst du versuchen zu lernen, dass ich erwachsen bin und eigene Entscheidungen treffe? Und wirst du mir irgendwann sagen, wieso Kim all diesen Scheiß mit Ludwig durchmachen musste?“

Langsam nickt Justin. „ Ich verspreche, wenn alles einigermaßen läuft, und wieder Ruhe eingekehrt ist, werde ich dir Rede und Antwort stehen. Was ich dir aber schon jetzt sagen kann, Kim: Es tut mir wahnsinnig leid, dass du an meiner Stelle …“ Er schluckt hart. „Du weißt schon …“

Ja, es auszusprechen, mich auch nur daran zu eri nnern fällt mir unglaublich schwer. Spontan schlingt sich mein Arm um Kims Mitte und ich ziehe ihn dicht an mich. So als könnte ich ihn nachträglich beschützen.

Ich mache unter anderem deshalb eine Therapie, Justin. Das meine ich nicht als Vorwurf, sondern sage es zu deiner Beruhigung. Ich habe professionelle Hilfe bekommen in dieser Sache.“

Das ist gut. Ludwig damals auf diese Art zu verlassen, das ist noch viel deutlicher einer dieser Fehler, aus denen ich zu spät lernen kann.“ Wieder seufzt er tief.

Wie kommt es, dass du heute so ruhig bist? Liegt es an Helens Abwesenheit?“, frage ich einer Eingebung folgend. Ein wenig unheimlich ist mir mein hochgradig cholerischer Vater in dieser ruhigen Version nämlich durchaus.

Auch. Es mag seltsam klingen, aber wir haben in dieser Dreierkonstellation jeder mehrere Beziehungen geführt. Maik und ich, Helen und ich, Maik und Helen und wir drei zusammen. Dadurch, dass Maik und ich die ganze Zeit zusammengelebt haben, kennen wir uns ganz anders, viel intensiver, als es mit je Helen möglich war. Allein schon wegen der räumlichen Trennung.“

Und ihr seid euch sehr nah …“

Wir waren“, stellt Maik in behutsamem Ton klar, was mich betroffen nicken lässt.

Eine Weile schweigen wir, wä hrend Kim zur Toilette verschwindet. Jeder hängt wohl seinen Gedanken nach.

Die schmeißen uns hier gleich raus“, verkündet Kim, als er zum Tisch zurückkehrt.

Ich sehe auf mein Handydisplay. Tatsache, 22 Uhr.

„Dann sollten wir zahlen und aufbrechen. Ich regle das“, erklärt Justin und erhebt sich.

Wir sehen uns dann an Thanksgiving auf dem Feuerried?“ Mein Blick ruht fragend auf Justin.

Ja, sehr gern. Übrigens … Maik hat mir von dem Reha-Zentrum und deiner Praxis vorgeschwärmt … Ich wünsche dir alles nur erdenklich Gute dafür.“

Das lä sst mich tatsächlich lächeln. „Danke. Bis bald.“

Kim und ich verlassen das Kloster zuerst, Maik wird mit seinem Wagen nachkommen und Justin … wird vermutlich ins Hotel fahren.

Im Auto wendet Kim sich mir zu, ohne die Zü ndung zu betätigen. „Geht es dir gut?“

Ich nicke und beuge mich zu ihm, um mir einen la ngen Kuss zu stehlen, den er sofort erwidert.

~*~

„Wohin fährst du uns?“ Kim biegt, anstatt in Richtung Feuerried, auf einen Weg ein, der mir nicht bekannt vorkommt.

Siehst du gleich“, sagt er mit geheimnisvollem Ton und ich lehne mich entspannt zurück.

Wenn ich einem Menschen vertrauen kann, dann ihm.

Als er den Wagen hä lt und der Motor verstummt, weiß ich, wohin er uns chauffiert hat.

Wir steigen zeitgleich aus, und obwohl es dunkel ist, erkenne ich die Anhö he wieder, auf der wir schon einmal waren.

Kims Rü ckzugsort an freien Tagen, wenn keine Erledigungen anstehen.

Der Aussichtspunkt, von welchem aus man das G elände des gesamten Feuerrieds überblicken kann.

Das meiste – alle Felder, Wiesen, Weiden, Wälder und der See – liegen im Dunkel der Nacht verborgen, während sich das Sternenzelt klar und in schönstem Mitternachtsblau darüber spannt. Am Gutshaus und den Stallungen sehe ich Lichter. Kleine Punkte, die die Umrisse der Gebäude erahnen lassen.

Vor der Motorhaube treffen wir uns und ich ziehe Kim an mich, um ihn sanft, voller Liebe zu kü ssen. Federleicht verteile ich die Abdrücke meiner Lippen auf seinen, lasse sie über seine Haut gleiten, zu seinen Augen, Schläfen, Wangen, seiner Nase. Ich atme ihn ein, den unvergleichlichen Kimgeruch, koste jede Sekunde aus, während wir uns einfach aneinander festhalten.

Ich liebe dich“, wispere ich in sein Ohr und umfasse ihn fester, als ich sein wohliges Schaudern spüre.

Ich liebe dich auch.“

Wird jetzt alles gut?“, frage ich die wohl naivste Frage der Welt, aber jetzt und hier kann und will ich es glauben. Mit Kim in meinen Armen, den ich mit einer Sehnsucht und Hingabe liebe, zu der ich mich niemals befähigt gefühlt hätte.

Wenn wir es wollen, ja“, antwortet er flüsterleise und küsst mich erneut.


Bonuskapitel

Samstag, 17. August


Partyalarm, die Erste

 

C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\kimtest.jpg

Ob ich das verzü ckte Grinsen heute noch loswerde?

Ich stehe auf der halbrunden Terrasse des Gut shauses und blicke mich um. Die Helfer sind seit einer knappen Stunde damit beschäftigt, alles für heute Abend vorzubereiten. Da Samstag ist und dieser Tag normalerweise dem Großputz vorbehalten bleibt, gibt es keine Schwierigkeiten, was die Verteilung der Aufgaben auf möglichst viele Schultern angeht. Nach der Grundversorgung aller Tiere haben nämlich alle Angestellten Zeit, hier auszuhelfen, während der reinigungstechnische Rundumschlag auf dem Feuerried an diesem Wochenende ausfällt.

Vor mir fü hren vier Stufen, die um den gesamten Außenrand der Terrasse reichen, in einen herrlich angelegten Garten hinab. Die weitläufige Rasenfläche ist durchzogen von hellen Kieswegen, an deren äußerem Rand große Beete mit blühenden Sträuchern angelegt sind. Sommerflieder, Hortensien, Spieren und Blauregen in gemischten Arrangements, sind von kleineren Sommerblumen umgeben. Petunien und Duftgeranien säumen die Ränder der Beete, Blaukissen und Azaleen in schmalen Streifen die Wege. Überall stehen weiße Holzbänke zwischen Lorbeer- und Spierenhecken in heimelige Nischen, die zum Genießen und Ausruhen einladen, während sie ein wenig Privatsphäre bieten.

An den wunderschö nen Baumreihen – Eichen und Esskastanien –, die die parkähnlichen Anlagen am Außenrand umgeben, stehen Leitern, auf denen momentan Sandra und Nils herumturnen, um lange Lichterketten an den Ästen zu befestigen.

Ich freue mich jetzt schon auf den Anblick des b eleuchteten Areals. Wenn die warmweißen Lampen den Rasen und die verschiedenfarbigen Blüten sanft anstrahlen und alles in ein unwirkliches Licht tauchen.

Theodora und ihre Mannschaft bereiten die Tische im Ballsaal vor, damit wir, sollte es wider Erwarten regnen, d rinnen weiterfeiern können. Ist, seitdem ich auf dem Feuerried bin, erst einmal passiert, aber dafür auch mit sintflutartigem Niederschlag.

Heute sagen Wetterbericht und Blicke in den sat tblauen Himmel jedoch strahlende Stunden und große Hitze voraus.

Ein Schatten fällt auf mein Gesicht, Maik erscheint neben mir. Offenbar hat er die Besuche bei seinen Lieblingen fürs Erste beendet.

Das sieht toll aus“, befindet er und zieht mich in eine lockere Umarmung, bevor er mit mir durch den Park blickt.

Warte bis heute Abend, dann sieht’s noch besser aus. Wie geht es Möhrchen?“

Er lä chelt. „Sehr gut, denke ich. Die OP-Wunde verheilt und sie hat an meinem Shirt herumgeknabbert.“

Die Vorstellung lä sst mich kichern. „Ich dachte, das wäre mittlerweile Leeloos Job?“, necke ich ihn.

Eigentlich ist es allein deine Sache, an mir herumzuknabbern, Koalabärchen“, raunt er in mein Ohr und lässt mich schaudern. Es kostet mich einiges an Energie, nicht laut aufzuseufzen – immerhin stehen wir auf der Terrasse und um uns herum wuseln genug Zeugen!

Was steht jetzt an für uns? Ich bin schließlich nicht hergekommen, um deine Autorität vor allen Mitarbeitern zu untergraben“, murmelt er und nimmt ein wenig Abstand.

Ich deute mit dem Kopf zur rechten Baumreihe. D ahinter führt ein Weg entlang, auf welchem gerade ein Traktor mit langem Anhänger rangiert.

Sobald Karl da eingeparkt hat, müssen wir die Tanzbodenplatten vom Hänger holen und auslegen. Da auf das Viereck.“

Meine Hand unterstü tzt meine Worte mit einer weiteren Geste. Auf dem Rasen, ausgelegt von unserem Gärtner Clemens, der Karl gerade einweist, liegt bereits die Unterkonstruktion des Tanzbodens. Natürlich will keiner, dass die enorme Belastung von Holzplatten und Tanzenden den Rasen ruiniert, deshalb sorgen große Kanthölzer, Keile und Verankerungen im Boden für eine plane Fläche.

Alles klar, dann lass uns loslegen!“ Maik wirkt voller Eifer. Ich folge ihm zum Rasen hinab und zwischen den Zierbeeten mit lilafarbenen Hortensien hindurch zu den anderen Helfern, die sich aus einer Kiste mit Arbeitshandschuhen bedienen, um anschließend zum eingeparkten Hänger zu gehen.

Die Platten sind sperrig und nicht gerade leicht, aber jeweils zu viert schaffen wir es, sie an ihren Besti mmungsort zu tragen. Innerhalb einer guten Stunde, in welcher Clemens mit Wasserwaage und Winkelmaß hantiert, bis alle Bodenteile da liegen, wo sie hin sollen, ist die Tanzfläche errichtet.

Wir haben Spaß bei der Arbeit. Das Gelächter perlt wie eine besondere Melodie durch meine Ohren, wärmt mein Herz und sorgt für ein noch verzückteres Lächeln als jenes, mit dem ich heute Morgen nach einer wundervollen Nacht mit Maik aufgewacht bin.

~*~

Der Gong zum vorverlegten Mittagessen lockt uns heute nicht in den Gewölbekeller, sondern auf die Terrasse. Theodora und ihr Küchentrupp, der heute durch ein paar freiwillige Helfer verstärkt wird, haben draußen aufgetischt.

Ich sitze gerade mit Maik, Thomas und Lukas auf einer Ecke des erhö hten Tanzbodens. Wir haben es tatsächlich vormittags bereits geschafft, alles aufzubauen.

Nun g ehen wir wie alle anderen zur Terrasse, um uns zu stärken.

Auf einem langen Bü ffettisch, der sich später unter Salaten, Brot, Häppchen, Desserts und Grillzubehör biegen wird, befinden sich jetzt jede Menge Platten mit Schnittchen. Die zahlreichen Bierzeltgarnituren stehen in Reih und Glied, weshalb wir uns zum Essen in Grüppchen dort niederlassen.

Da ab 15 Uhr die Gä ste erscheinen, bleiben uns nach dem Mittagessen, welches Maik wohlwollend als ‚echten Lunch‘ bezeichnet, noch gute zwei Stunden, um uns umzuziehen.

Die Familien der Angestellten sind zum Teil schon da, haben beim Schmü cken und Einrichten geholfen. Deshalb turnen überall im Garten auch Kinder unterschiedlichster Altersklassen herum, die einen eigenen Abschnitt des Rasens als Spielwiese bekommen haben.

Dort liegen Pedalos, 5-Personen-Skis, Bä lle in allen Größen, Hüpfseile und Federballausrüstungen zum Vertreiben der Langeweile bereit.

Die wird allerdings kaum aufkommen, wenn ich an das grü n-braune Monster jenseits der Tanzfläche denke …

Wenn ich Th eodora richtig verstanden habe, hat Karls Frau Ingrid den Aufbau einer Hüpfburg als besonderes Highlight für die Kleinen vorgeschlagen – was für unsere Hauswirtschafterin der Anstoß war, eine auch für Erwachsene taugliche Luft-Gummi-Burg in Form eines feuerspeienden Drachen zu besorgen.

Ich gebe zu, als vorhin der Lieferdienst ankam, um das Ding fachgerecht auf einer Lochgummimatte, die den Rasen schonen soll, aufzubauen, habe ich tierisch blö d geguckt, mich aber heimlich sehr gefreut.

Ehrlich, Hü pfburgen sind cool! Vor allem, wenn sie so aussehen!

Das Geblä se hat den Drachen innerhalb von Minuten voll entfaltet, und sorgt auch dafür, dass die langen, rot-gelb-orangefarbenen ‚Flammen‘ aus seinem aufgerissenen Maul züngeln. Sie bestehen aus Ballonseide und wirbeln etwa drei Meter lang durch die Luft.

Ich finde fast schade, dass wir die Rutsche auf dem Rü cken des Drachen nicht nutzen können, weil sie in einen Pool führen müsste, den wir nun mal nicht besitzen. Aber wer weiß? Vielleicht können wir das nächste Sommerfest einfach an den See verlegen?

Ein Rempler reiß t mich aus meinen Gedanken und ich wende den Blick vom Hüpfdrachen ab, um zu sehen, wer neben mir angekommen ist.

Gehen wir da nachher auch hüpfen oder ist das zu unerwachsen für den Gestütsbesitzer?“, albert Maik neben mir und ich komme nicht umhin zu sehen, dass er den gleichen strahlenden Glanz in den Augen hat wie ich. Zumindest denke ich, dass ich genauso aussehe …

Gute Frage … können wir warten, bis die Kinder weg sind?“, schlage ich vor.

Maik l acht. „Kim, denkst du wirklich, dass ein so cooler Chef wie du, hier irgendwo seine Autorität oder seinen Status einbüßen könnte? Deine Angestellten lieben ihre Arbeit und sie lieben dich als Chef.“

Ja, schon, aber …“

Kein ‚Aber‘!“, unterbricht er mich. „Du fasst mit an, wenn es was zu tun gibt, dann darfst du auch wie alle anderen feiern!“

Ich sehe in seine hellgrü nen Augen und versinke für ein paar ausgesetzte Herzschläge darin.

Ich liebe dich“, murmelt er und erwidert meinen Blick.

Jungs, das wird ein tolles Fest!“, versichert meine Mutter, die neben uns erscheint – mit Maik Senior im Schlepptau.

Ich kann es mir nicht verkneifen, forschend zwischen beiden hin und her zu sehen. Unverhohlen fragend und sehr, sehr neugierig.

„Wenn du mich so ansiehst, Kim, kriege ich Angst!“ Meine Mutter lacht auf und sieht zu Maik Senior.

Wir sind nur neugierig, Merit. Kannst du uns das verübeln?“ Mein Maik denkt offensichtlich das Gleiche wie ich.

Genau! Schonfrist ist vorbei, also raus mit der Sprache!“, setze ich hinzu.

Mit welcher Sprache?“ Maik Senior sieht verblüfft aus.

Na, was ist das mit euch?“, konkretisiere ich und deute wedelnd zwischen unseren Eltern hin und her.

Ach so das!“ Mit großen Augen blitzt meine Mutter uns an, bevor sie Maiks Hand nimmt und er den Druck sichtbar erwidert.

Wir sind ziemlich gute Freunde, kann man sagen. Mehr nicht, falls das eure Sorge ist.“

Ich für meinen Teil bin gänzlich unbesorgt!“, stelle ich klar.

Gilt genauso für mich. Eigentlich finde ich faszinierend, wie gut ihr euch versteht, wo ihr euch doch grade erst kennengelernt habt.“

Tja, wie sagt man so schön? Wellenlänge!“ Maik Senior kichert und einen Moment lang habe ich den Eindruck, dass es zwar viele gute, aber auch ein paar sehr schlechte Dinge in seinem momentanen Leben gibt.

Vielleicht unter anderem die Unsicherheit, was er machen wird, wo er einen Job finden wird  …

Schwierig, alles.

„Wir sollten uns so langsam mal fertigmachen“, schlägt mein Maik vor und wir kehren nach einem Rundblick durch den fertig vorbereiteten Garten ins Gutshaus zurück, um weiter in unsere Wohnung zu gehen.

~*~

„Wie viele Leute kommen denn noch?“, fragt Timeon perplex, als er mit seiner Mutter, seiner Schwester und deren Verlobtem um kurz nach 15 Uhr auftaucht.

Der Garten ist  … nun ja, voll.

Ü berall sitzen und stehen schwatzende, lachende, fröhliche Menschen. Manche stehen Schlange an dem riesigen Schwenkgrill, zu dem jeder das gewünschte Grillgut vom Büffettisch bringt, um es sich a la Minute von den zwei Grillmeistern zubereiten zu lassen.

Natü rlich arbeiten während des Festes nur noch externe Kräfte. Schließlich sollen alle Mitarbeiter des Feuerrieds und deren Familien und Freunde es sich so richtig gutgehen lassen!

Ich denke, wenn Jeremy und William vom Turnier zurück sind, dürften die letzten Gäste eingetroffen sein“, antworte ich und grinse, weil Timeons blaue Augen bei der Erwähnung seines was-auch-immer ein wenig zu leuchten beginnen.

Ich wollte da heute eigentlich auch noch mal hin, aber er hat vorhin angerufen, dass sie gegen 17 Uhr hier sind.“

Cool, dann können wir seine Pferde während der Abendfütterung versorgen.“

Der Blondschopf schü ttelt den Kopf. „Die holt er morgen erst, André auch. Die beiden wollen was vom Fest haben, sagten sie.“

Okay, dann so.“ Ich nicke und reiche Timeon ein Glas Apfelschorle.

Vor 18 Uhr wird es keinen Alkohol geben, auch wenn die Zapfanlagen bereits seit ihrem Aufbau das Bier kü hlen.

Alkoholleichen in der heute herrschenden brü tenden Hitze sind echt nicht das Ziel dieser Feier. Außerdem müssen einige von den Stallcrews noch zu besagter Abendfütterung zu den Tieren, und da diese Leute eh bis dahin nüchtern bleiben müssen, habe ich wie in den Jahren zuvor eingeplant, dass der Ausschank für Alkohol generell erst danach beginnt.

Timeon gesellt sich zu Merit und Maik Senior, die mit Theodora und Ferdinand an einem Tisch sitzen. Wohin ich auch blicke, nur strahlende Gesichter.

Verschwitzt, lachend, sonnenbadend, genieß end.

Ich bin, das muss ich zugeben, ausgesprochen z ufrieden mit dem Beginn der Party.

Der Dr ache erfreut sich schon jetzt großer Beliebtheit, weshalb die Aufpasser an dem Gerät dafür sorgen, dass sich nicht zu viele Kinder gleichzeitig darauf befinden.

Auf der Suche nach Maik wandere ich durch den Garten, bleibe hin und wieder zu einem Plausch st ehen, begrüße Gäste und tausche Höflichkeiten aus, wie es sich für einen der Gastgeber dieses Fests gehört.

Es macht mir Spaß , auch wenn ich dadurch nicht schnurstracks zu Maik gehen kann.

Die Lichter in den Bä umen sind noch aus, aber die Abendfütterung ist bereits vorbei, als ich meinen Freund auf der Spielwiese entdecke.

Er winkt mir, wä hrend er versucht, sich auf dem mittleren Platz eines Paares 5-Personen-Skis zu halten. Vor und hinter ihm stehen Karls Tochter und die Söhne von Clemens, Thomas und Walter. Alle fünf blödeln herum und biegen sich immer wieder vor Lachen, wenn sie versuchen, gleichzeitig die Füße zu heben, um vorwärts zu kommen.

Kim! Die andere Mannschaft braucht Hilfe!“, erklärt mir mein Löwenherz und deutet über seine Schulter. Ich folge der Geste mit dem Blick und sehe, dass die vier Kinder auf dem anderen Ski-Paar noch übler herumhampeln als Maik und seine Truppe.

Ohne noch lange darü ber nachzudenken, trete ich näher.

Wie sieht’s aus? Braucht ihr Hilfe?“, erkundige ich mich und werde jubelnd ins Team aufgenommen.


Partyalarm, die Zweite

 

C:\Dokumente und Einstellungen\XPP\Eigene Dateien\DS anderer Lap\maiktest.jpg

Ihr macht euch gut als Animateure!“, befindet Jeremy lachend, als er mit einem Glas Bier in der Hand an der Spielwiese erscheint.

Kim und ich haben Spaß ! Ausgesprochen viel Spaß mit den Kindern.

Laber nicht! Schnapp dir deinen Kleinen und macht mit!“, zitiere ich ihn und den hinter ihm auftauchenden Timeon heran.

Ihr habt echt ’ne Macke, kann das sein?“, erkundigt sich dieser und lacht.

Stellt euch nicht so an, das ist lustig! Und wenn ihr hier nicht mitmacht, dürft ihr nicht auf die Hüpfburg!“, erklärt Kim, bevor er mitsamt seiner Skitruppe nach rechts kippt und im Gras liegenbleibt.

Was soll ich sagen? Es ist toll!

Spaß haben, die Sommersonne genießen, Lachen, einfach feiern!

Jeremy drü ckt Timeon sein Glas in die Hand und versucht, dem noch immer lachenden Kim wieder aufzuhelfen, was damit endet, dass beide zwischen den Kindern im Gras liegen und sich kugeln.

Mama, du hast einen voll coolen Chef!“, erklärt Sascha, der in der dritten Klasse ist, seiner Mutter Mathilde gerade. Mathilde ist eine der Technikerinnen aus der Besamungsstation.

Ich habe sogar zwei coole Chefs, mein Schatz.“ Sie lacht und klaubt die Skier von Kims Füßen, um sie ordentlich hinzustellen, ihre Schuhe auszuziehen und mitzumachen. Sofort treten vier Kinder in die anderen Schlaufen. „Und wir zeigen ihnen jetzt mal, wie man das macht.“

Blinzelnd sehen die am Boden Liegenden und meine Mannschaft dabei zu, wie Mathilde ihr Team innerhalb kurzer Zeit mit knappen Befehlen koordinier t und alle fünf losmarschieren – in einem Affenzahn!

Ach so geht das!“, entfährt es mir und ich sehe die Jungs und Mädels vor und hinter mir kurz an. „Na los, das können wir auch, rechtes Bein … uuuuuund hoch!“

Tatsä chlich kommen wir schnell vorwärts, auch wenn wir es nicht schaffen, Mathilde einzuholen.

~*~

Leider können wir nicht den ganzen Tag so herumblödeln, ein wenig Ernsthaftigkeit wird von uns bei aller Lockerheit eben doch erwartet.

Deshalb kehren Kim und ich nach kurzer Zeit zur Erwachsenenparty zurück und es dauert nicht lange, bis Kim sich zu einer Ansprache überreden lässt.

Ich staune, als ich begreife, dass er damit gerechnet hat, und sich ohne Umschweife das Mikrofon des Diskjockeys geben lä sst, bevor er auf die noch leere Tanzfläche steigt und zu sprechen beginnt.

Spä testens nach drei Sekunden lausche ich ebenso fasziniert wie alle anderen.

Hallo Freunde, Kollegen und Partner – bitte denkt euch alle Begriffe mit einem ‚innen‘ dran. Ich bin etwas maulfaul heute … Wie ihr wisst, feiern wir einmal im Jahr den Sommer, um zu zeigen, wie sehr wir Familie und nicht Arbeitskollegen sind. So also auch heute!“

Applaus brandet auf, weshalb Kim kurz pausiert.

„Dieser Sommer ist etwas ganz Besonderes – in vielerlei Hinsicht. Und weil ihr meine Familie seid, beginnen wir mit etwas sehr Privatem: Ich habe einen wunderbaren Mann kennengelernt, mit dem ich mein Leben teilen und verbringen möchte.“ Er sieht zu mir und Merit schiebt mich an, um zu Kim auf den Tanzboden zu klettern. Das tue ich auch, während ich wie ein Honigkuchenpferd strahle.

Zum Zweiten ist Maik Dexter aber nicht nur mein Partner, sondern mit mir der neue Besitzer des Feuerrieds.“

Erneuter Applaus, auch wenn wenigstens unsere Angestellten schon Bescheid wussten.

„Denn wie ihr zum Großteil schon wisst, hat Ludwig van Keppelen sich vollständig zurückgezogen und uns das Feld überlassen. In diesem Sinne möchte ich das Glas erheben. Auf alles Neue, alles Alte und die Dinge dazwischen!“

Die Zuhö rer erheben ihre Gläser und wiederholen den Trinkspruch, den ich für ausgesprochen passend halte.

Wir wünschen euch viel Spaß und hoffen, dass dieser Tag euch lange im Gedächtnis bleiben wird!“

~*~

Nach der Rede dauert es schier endlos, bis wir uns durch die Reihen der Gratulanten zu einem freien Tisch geschlängelt haben, um einen Augenblick auszuruhen.

Wir bleiben nicht lang allein, denn Merit, mein Dad, Granny und Grandpa gesellen sich ebenso zu uns wie André , Jeremy und Timeon.

In dieser groß en Runde finden naturgemäß schnell mehrere Gespräche statt, bei denen ich versuche, jeweils mit halbem Ohr zuzuhören.

William unterhä lt sich mit André und Jeremy über seine momentane Situation und ich merke mit einem sehr schlechten Gewissen, dass Grandpa wirklich in der Klemme steckt. Aus mehreren Gründen, sicherlich, aber auf jeden Fall auch durch meine und Kims Schuld.

Jeremy wird hier bei uns bleiben und seine Tu rnierkarriere vom Feuerried und für das Feuerried fortsetzen.

Du wirst jemanden finden, Will, das steht außer Frage“, befindet Merit, die sich weiter herüberlehnt und sich offensichtlich nun an dem Gespräch beteiligt.

Ja, sicher, aber es wird dauern. Und jemanden wie Jeremy zu finden …“ Grandpa seufzt und blickt zu André. „Nun hat das Feuerried zwei Spitzenklasse-Reiter und Dexter’s Breed keinen mehr … und wenn nicht ein vertrauenswürdiger Gestütsleiter vom Himmel fällt, muss ich mein Gestüt meistbietend verkaufen, sobald Claire und ich es nicht mehr bewirtschaften können.“

Ehrlich gesagt, hätte ich nichts gegen eine Luftveränderung“, erklärt André und lächelt schüchtern. „Ich meine, ich liebe es, hier zu arbeiten, aber wenn man es genau nimmt, bin ich so gut wie nie auf dem Feuerried.“

Ich stupse Kim an und nicke wortlos, damit er z uhören kann.

Das klingt doch toll! Jeremy und du, ihr tauscht einfach!“ Merit klingt so enthusiastisch, dass ich ein Kichern nicht ganz unterdrücken kann. Sie ist eine Geschäftsfrau und weiß sehr wohl, dass die Dinge nicht immer so leicht sind, aber vielleicht hat sie recht?

Mama! Du kannst doch so was nicht einfach raushauen!“, maßregelt Kim sie kopfschüttelnd.

Oh, doch, ich kann! Hörst du doch. Mal ehrlich, ich sehe doch, dass hier zwei Lösungen so was von mitten auf dem Tablett liegen, dass ihr alle sie seit Tagen ignoriert!“

Jetzt hat Merit die volle Aufmerksamkeit. Es wird m ucksmäuschenstill an unserem Tisch.

Zwei Lösungen?“, hake ich stirnrunzelnd nach.

Sie sieht mich an und nickt. „ Eigentlich sogar drei. Fassen wir mal zusammen.“ Merit hebt ihre Hände und zählt fingerweise ab. „William hat keinen Reiter mehr, das Feuerried zwei. William braucht einen Nachfolger, auf den er sich verlassen kann, jemanden mit Sachverstand, Herz und vor allem großem Wissen über Pferde. André spielt mit dem Gedanken, sich eine Luftveränderung zu gönnen und dein Dad sucht eine Anstellung als Gestütsleiter.“

Zuerst hö re ich vielstimmiges Schnauben, dann nichts mehr. Es ist quasi noch stiller geworden. Dennoch habe ich das Gefühl, dass in diesem neuen Schweigen jede Menge Denkarbeit vonstattengeht.

Kim neben mir nickt als Erster. „ André, wenn du das möchtest und William dich gern übernehmen will, finden wir da eine Lösung. Ich wusste nicht, dass du gern mal britische Luft schnuppern willst.“

Grandpas Blick ruht seit Merits Aufzä hlung auf Dad. Nachdenklich und forschend. Soll ich etwas sagen?

Du suchst eine Anstellung? Maik, du warst so viele Jahre dein eigener Herr! Wenn ich gewusst hätte …“, murmelt Grandpa schließlich, und nicht nur ich scheine das Gefühl zu haben, dass jetzt akute Schweigestunde für alle anderen ist.

Dad nickt bedä chtig. „Ich bin zu alt, um noch einmal ganz von vorn zu beginnen.“

Also, dir ist klar, dass du morgen bei mir anfangen könntest?“ Grandpa scheint Feuer und Flamme von der Idee.

Ich denke, das besprechen wir in kleinerem Kreis“, erklärt Granny und sieht Maik und André lächelnd an.

Also, wenn … Dad, wenn du nach England gehen willst, das Cottage steht leer“, lasse ich mich vernehmen und ernte ein strahlendes Lächeln von ihm.

Ich hätte nichts dagegen, nach England zu gehen, Maik. Aber Claire hat recht, das sollten wir nicht hier besprechen.“

Wie auf ein unhö rbares Kommando hin erheben sich Dad, Granny und Grandpa, der André anstupst, ihnen ebenfalls zu folgen.

Sie verschwinden im Gutshaus und ich blicke ihnen nach, bis mir auffä llt, dass Merit mich verzückt anlächelt.

Was ist?“, frage ich.

Ich freue mich, Maik. Für euch alle. Ich habe die ganze Zeit mit mir gehadert, ob ich etwas sage, aber irgendwie ist alles so naheliegend, wenn man es sich genau überlegt.“

Da muss ich ihr zustimmen, ebenso Kim.

„Du hast recht, Mama, aber … es wäre deren Sache gewesen, das in Gang zu bringen, obwohl ich in diesem Fall zugeben muss, dass es mir selbst auch nicht klargeworden ist.“

Na siehst du! Und weil du eine Mama hast, die nicht auf den Kopf gefallen ist und mindestens so logisch denken kann wie du, wird nun alles gut!“ Sie strahlt uns an.

Alles klar, Mama.“

Oh, da ist Ines! Sind das ihre Eltern?“ Merit springt auf, bevor wir auch nur die Köpfe drehen können.

Mit denen muss ich noch sprechen, wegen Ines’ Chef!“

Wir schaffen es beide nicht, sie von dieser erneuten Einmischung abzuhalten, ohne laut hinter ihr her zu brüllen, weshalb ich sage: „Lass sie. Bestimmt hat Ines ihr alles haarklein erzählt, als Merit sie nach Hause gefahren hat.“

Hm, ja, gut möglich …“, überlegt Kim. „Trotzdem wünschte ich mir manchmal, dass sie ein wenig zurückhaltender wäre …“

Er seufzt tief und ich ziehe ihn dicht an mich, um ihn zu kü ssen.

Ich liebe dich“, murmelt er gegen meine Lippen, und ich erlaube mir einen langen, sehr tiefen Blick in seine wunderschönen, grauen Augen.

 

~*~