Tomke Jantzen

 

 

 

Dämonisches

Blutfest

 

Luca & Jar


1. Auflage März 2020

Copyright: © 2020 by Dr. Wiebke Stich

 

EBook:

Amazon Media EU S àr.l, 5 Rue Plaetis,

L-2338 Luxemburg

 

Herausgegeben von:

 

Tomke Jantzen

c/o Autorenservice

Birkenallee 24

36037 Fulda

 

Tomke.Jantzen@gmail.com

 

Lektorat: Lorna Bill

Korrektorat: Katja Saller

 

Bildnachweise:

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Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung von Tomke Jantzen.

Die Handlungen und Personen in diesem Buch sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit zu lebenden oder verstorbenen Personen ist rein zufällig.


 

 

 

Für das Einhorn

Danke, dass Du mich auf der Suche nach dem Schatz unterstützt – es ist unglaublich schön!


Inhalt

Auszug aus dem Stammbaum der Familie Garcia/Juarez

Was bisher geschah

Auszug aus dem Protokoll der Sitzung des Councils for Supernaturals am 27.05.2002: Beitrag von Luis Juarez (Mitglied des Rates) zum Blutfest

02. Januar

10. Februar

11. Februar

20. Februar

28. Februar

01. März

03. März

04. März – morgens

04. März – abends

05. März – morgens

05. März – nachts

06. März

08. März

09. März – morgens

09. März – abends

10. März

11. März

14. März

15. März

16. März

Ende

Danksagung

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Auszug aus dem Stammbaum der Familie Garcia/Juarez



 

Was bisher geschah

 

Mein Name ist Luca Garcia und wer die bisherige Geschichte meines besten Freundes Zack Anderson und seinem Partner Cain Hope nicht kennt, für den dürfte das Folgende durchaus interessant sein. Es zeigt, wie wir an diesem Punkt angelangt sind.

 

Wir leben in einer Welt, in der es übernatürliche Wesen gibt. Versteckt und unerkannt von den normalen Menschen. Nur die Sehenden können hinter den Schleier blicken und erkennen, zu welcher übersinnlichen Rasse ein Wesen gehört. Ich selbst bin ein Vampir und trage ein V am Handgelenk. Mein Identifikationszeichen. Aber keine Sorge, ich glitzere nicht in der Sonne, kann auch Tageslicht vertragen und sauge keine Menschen leer. Unsere Nahrung ist dennoch Blut, das wir jedoch von speziellen Blutbanken bekommen. All jenen, die mal gehört haben, Vampire seien stärker und schneller als Menschen, sie heilen besser und sind Meister der Manipulation, kann ich sagen: Das stimmt! Nicht zu vergessen, die Unsterblichkeit. Allerdings haben wir drei Schwachstellen: Herz und Gehirn. Und Feuer. Bei diesen drei Dingen kriegen wir ein echtes Problem und können auch sterben. Darüber hinaus ist es uns verboten, Menschen zu beißen und damit sogenannte Ghule zu erschaffen. Generell dürfen wir uns nur mit der Zustimmung des Rates fortpflanzen, was immer wieder zu Unmut innerhalb unserer Rasse führt. Aber sie wollen die Kontrolle behalten, da wir die einzige unsterbliche Spezies sind und durch unsere Fähigkeiten durchaus gefährlich sein können. Besonders für Dämonen, denn unser Biss ist giftig für sie und führt in den meisten Fällen zum Tod. Aus diesem Grund sind sich unsere beiden Rassen auch nicht ganz so grün.

Neben den Dämonen, die man an einem D erkennt, gibt es noch die Magier, die Wasserwesen, Zwerge und Faune, die ebenfalls durch ihren jeweiligen Anfangsbuchstaben gekennzeichnet sind.

Geführt werden die magischen Wesen von ihren Fürsten, die zusammen den 'Council for Supernaturals' bilden. Dieser stellt das oberste Gremium für alle Angelegenheiten der Übernatürlichen dar. Dieser Rat ist auch verantwortlich für die Aktivitäten des Departments for Supernaturals, in dem ich als Agent aktiv arbeite.

Zack, mit dem ich seit der Ausbildung gut befreundet bin, ist der Teamleiter unserer Einheit. Wir nennen uns selbst Superplus, da der formale Name 'Special Task Force for Interdisciplinary Affairs‘ einfach nur sperrig und doof ist . Bis man sich als Agent dieser Einheit vorgestellt hat, ist der Verdächtige schon über alle Berge. Auch unsere gemeinsame Freundin Dana Michaels ist Mitglied unserer Truppe, die für übergreifende Themen und Verbrechen zuständig ist. Neben ihr haben wir einen weiteren Dämon, Brady Edwards, im Team. Tai Archer ist ein Magier, genau wie Zack. Wobei ich gestehen muss, dass mein bester Kumpel echt was draufhat. Er ist der Stärkste seiner Rasse, den ich kenne. Aber dazu gleich mehr. Erst muss ich noch Bert Warren nennen, der Zwerg, der unsere Einheit komplettiert. Würde ich ihn vergessen, würde er mir die Hölle heiß machen. Und man will es sich mit ihm nicht verscherzen, dafür unterstützt er uns zu gut bei allen technischen Fragen.

Aber zurück zu dem was passiert ist. Es soll ja nicht langweilig werden. In der Vorweihnachtszeit hatte es einige Morde an Übersinnlichen gegeben. Wir hatten den neuen Fürsten der Dämonen Cain Hope in Verdacht. Zack musste sich dort einschleichen und unter dem Vorwand der Aktion zur besseren Verständigung zwischen den Rassen verschiedene Maßnahmen durchführen, um ihnen Weihnachten näher zu bringen. Ich fand es echt witzig, den Weihnachtshasser Zack dabei zu beobachten. Wobei mir das Lachen verging, als er erzählte, wieso er dieses Fest so hasst. Verdammte Pflegeeltern, aber das ist eine andere Geschichte.

Auf jeden Fall haben sich die beiden Sturköpfe Zack und Cain wirklich ineinander verliebt und jetzt können sie nicht mehr die Finger voneinander lassen. Wenn ich ehrlich bin, beneide ich sie ein wenig um das, was sie miteinander haben. Die Liebe spricht aus jeder Geste und jedem Wort, auch wenn sie sich gegenseitig anmachen. Aber sie waren nicht nur mit sich beschäftigt. Wir haben ebenfalls herausgefunden, wer für die Morde verantwortlich war. Neben dem Ratsvorsitzenden Bishop hat auch die Vampirfürstin Camille Dubois mitgemischt. Ich kann diese französische Vampirbitch nicht leiden. Sie hat dafür gesorgt, dass meine Familie und einige andere Vampire die Stadt verlassen mussten. Da war es nicht verwunderlich, dass sie auch mit dem Irren Bishop gemeinsame Sache gemacht hat. Was mich dagegen schon wundert, ist, dass sie irgendein seltsames Interesse an mir zu haben scheint. So wie ich die falsche Schlange kennengelernt habe, ist das kein gutes Zeichen. Aber ich habe keine Ahnung und das macht mich zugegebenermaßen nervös. Auch wenn ich ihr meine Befreiung zu verdanken habe, nachdem Bishop mich, zu seiner eigenen Sicherheit, entführt hatte. So hatte ich Silvester an einen Stuhl gefesselt in einem Kellerraum im Bürgerhaus verbringen dürfen, bis die Vampire kamen. Nicht unbedingt meine perfekte Vorstellung von einer rauschenden Party zum Jahreswechsel.

Deshalb weiß ich auch nur von Zack und den anderen, dass Camille Bishop getötet hat und er mit seinem letzten Atemzug sagte, dass Zacks Eltern für die neuen bedrohlichen Entwicklungen an der südlichen Ostküste verantwortlich seien.

Was da auf uns zukommt, wissen wir noch nicht. Aber ich bin mir sicher, dass es uns nicht unbedingt gefallen wird.


 

Auszug aus dem Protokoll der Sitzung des Councils for Supernaturals am 27.05.2002: Beitrag von Luis Juarez (Mitglied des Rates) zum Blutfest

 

Unser Ratsvorsitzender hat mich als derzeitiger Vampirfürst gebeten, einige Informationen zum Blutfest darzulegen, da es immer wieder zu Unverständnis kommt, welche Bedeutung dieses Fest bei den Vampiren hat. Ich bitte die anderen Fürsten, dies auch den Angehörigen ihrer Spezies mitzuteilen. Das Blutfest ist vergleichbar mit dem Geburtstag bei den Menschen. Es ist der Tag, an dem ein Mitglied unserer Rasse das ersten Mal Blut trinkt. Das kann am Tag seiner Geburt sein, bei anderen wiederum ist das erst später der Fall. Je nach den Bedürfnissen des Neugeborenen. Dieser Tag wird bei unserer Spezies als Feiertag für den Vampir angesehen und dementsprechend jedes Jahr festlich begangen. Er ist für uns wichtiger als der Geburtstag, da Blut die Quelle unserer Energie, unserer Unsterblichkeit, unserer Stärke und unserer gesamten Lebenskraft darstellt.

 

Ohne dass wir dies genau erklären können, verfügen die Vampire an diesem speziellen Tag über sehr sensible Sinne, einige auch über besonders ausgeprägte Stärke. Unsere Wissenschaftler vermuten, dass es mit der Hypersensibilität des Körpers gegenüber Blut an diesem Feiertag zusammenhängt. Vor diesem Hintergrund muss jedoch bei Vampiren, die zu Aggressionen neigen oder einen Hang zum Blutrausch haben, genau auf ihr Verhalten geachtet werden. Diese Vampire werden am Tag ihres Blutfestes genauestens von uns beobachtet und kontrolliert, damit sie keine Gefahr für andere Wesen und Menschen darstellen können. Jedoch muss ich dazu sagen, dass dies nur bei sehr wenigen Vampiren vorkommt und kein Grund zur Besorgnis darstellt. Zumeist ist dies einfach ein Tag der Freude, an dem gefeiert, gegessen und getrunken wird. Denn obwohl menschliche Nahrung für uns nicht von Nöten ist, genießen wir genauso leckere Speisen und Getränke wie alle anderen Rassen.

 

Wenn von anderen Rassen Bedenken oder Fragen bestehen, würde ich Sie bitten, mich diesbezüglich anzusprechen. Wir Vampire wollen unsere Traditionen nicht verschleiern oder ein Geheimnis daraus machen. Mir war es wichtig zu verdeutlichen, dass das Blutfest nicht mit grausamen Ritualen einhergeht oder einer blutgetränkten Orgie gleicht, wie es immer wieder angedeutet wird. Es ist einfach ein Tag, an dem wir das Leben eines Vampirs feiern.


 

02. Januar

 

»Cariño, du hörst mir gar nicht zu!«, echauffierte sich die kurvige Frau vor mir und schwang ihre langen, schwarzen Locken entrüstet über ihre Schulter.

Der Ausruf riss mich aus meinen Gedanken, aber leider stand keine atemberaubende, leichtbekleidete Frau vor mir, die ich besänftigen musste, sondern meine Mutter. Sie stemmte gerade die Hände in die Hüften und ich konnte sehen, dass sie zu einer ihrer leidenschaftlichen Schimpftiraden ansetzte. Schnell hob ich die Hände. »Es tut mir leid, Mamá. Ich war mit meinen Gedanken woanders«, sagte ich reumütig und lächelte sie liebevoll an. Das nahm ihr den Wind aus den Segeln und ich erreichte genau, was ich wollte. Sie vergaß sofort, warum sie wütend war. So war es schon immer gewesen, schnell ging das mexikanische Temperament mit ihr durch, aber genauso schnell beruhigte sie sich wieder. Sie schüttelte nur noch einmal den Kopf und kam dann zu mir an den Esstisch, um mir durch meine Locken zu wuscheln.

Innerlich verzog ich das Gesicht. Ich konnte es nicht leiden, wenn sie mich behandelte, als wäre ich noch fünf. Gleichzeitig stieg ein Glucksen in mir hoch, denn genau dieselbe Bewegung hatte auch Suri neulich gemacht. Dabei war es allerdings nicht zärtlich gewesen, sondern eher wild und erregend, wie sie mir in die Locken gegriffen hatte. Sie hatte an den Haaren gezogen, während sie auf mir gesessen hatte. Sie hatte sich zunächst bedächtig auf mir bewegt, um mich ganz tief in sich zu spüren. Je stärker unsere Lust wurde, umso schneller war sie geworden. Ich hatte Suri an den Hüften gehalten und war ihr von unten entgegengekommen.

Ich verbannte die Erinnerung hastig, schließlich wollte ich nicht unbedingt mit einem Ständer vor meiner Mutter sitzen. Und meiner Großmutter, wie mir ein Blick zur Seite wieder ins Gedächtnis rief. Ich hatte Lupita Juarez für einen Augenblick vergessen. Obwohl das ziemlich schwierig war, denn ihr stechender Blick verfolgte einen regelrecht. Genau wie in diesem Moment. Ihre verschiedenfarbigen Augen musterten mich aufmerksam, dann verzog sich ihr Gesicht zu einem anzüglichen Grinsen.

Ich runzelte die Stirn. Sie konnte nicht wissen, was ich eben gedacht hatte. Und dennoch kam es mir bei meiner Großmutter ständig so vor, als würde sie viel mehr sehen, als gut für einen war. Ich zog ein wenig den Kopf ein, aber erwiderte ihren Blick. Früher hatte ich sie unheimlich gefunden. Immer in schwarz gekleidet, das eine Auge blau, das andere grün und mit den langen roten Locken, die so gar nicht typisch für unsere Familie waren. Sie ging schon damals am Stock, obwohl sie das nicht musste. Ohne Probleme hätte sie mit ihren 390 Jahren einen Marathon laufen können. Meine Mutter, Rosa, hatte sie mal gefragt, wieso sie ihn nutzte. Lupita hatte nur mit den Schultern gezuckt und gesagt, dass es sich für eine Frau in ihrem Alter so gehörte. Ich verstand es trotzdem nicht, sie sah schließlich aus wie 40. Aber nachfragen konnte man sich bei ihr sparen, sie sprach nie sonderlich viel und wenn sie nicht mehr zu einem Thema sagte, wollte sie es auch nicht. Jetzt grinste sie mich nur frech an und griff dann wieder nach einer Kartoffel, um sie seelenruhig zu schälen.

In dem Moment traf mich ein leichter Schlag auf den Hinterkopf.

»Du hörst mir immer noch nicht zu«, meckerte meine Mutter wieder lautstark und huschte dann mit einem kräftigen Fluch zum Herd, um das wohlriechende Essen umzurühren. Sie liebte es, zu kochen, auch wenn wir Vampire eigentlich nichts essen mussten. Aber genau wie ich, mochte sie das Gesellige eines gemeinsamen Mahls. Aus diesem Grund mästete sie uns regelmäßig. Am liebsten wäre es ihr, wenn ich wieder zu ihnen zog, damit sie mich jeden Tag verhätscheln konnte. Ich verdrehte innerlich die Augen, als ich an die stundenlangen Diskussionen dachte, die wir deswegen geführt hatte. Rosa Garcia war nicht kleinzukriegen, wenn sie für ihre Familie kämpfte und ich liebte sie dafür. Allerdings konnte sie auch nur schwer loslassen und erst, als mein Vater Pepe mit seiner ruhigen Art geschlichtet hatte, hatte sie schließlich nachgegeben. Ich war 30, es war nicht nötig, dass sie mir erlaubte in der Stadt zu wohnen, aber ich hatte sie nicht vor den Kopf stoßen wollen. Auch wenn sie mich in der Zeit das eine oder andere Mal zur Weißglut getrieben hatte. Jetzt aber war ich glücklich, wenn ich meine Familie sah, zumindest den Großteil davon. Genau so froh war ich aber auch, wenn ich zurück in mein Apartment fuhr. Ich brauchte diese Freiheit und genoss die Zeit bei meinen Lieben genauso wie die Ruhe, die ich in meinen eigenen vier Wänden hatte. Wobei es mir in letzter Zeit fast ein wenig zu ruhig war. Aus diesem Grund ging ich nach der Arbeit gerne noch mit Zack und Dana etwas trinken. Oder lud meinen Kumpel zum Footballgucken ein.

Natürlich hatte er in letzter Zeit andere Dinge zu tun gehabt. Die Jagd nach Bishop hatte einen Großteil unserer Zeit eingenommen, aber nicht nur das, er konnte einfach nicht die Finger von seinem Dämonenfürsten lassen. Vor meinen Augen sah ich das Bild, wie Noah und ich die beiden beim Nahkampf der besonderen Art unterbrochen hatten. Zum Glück war noch nicht viel passiert. Ich war nicht prüde, aber ich musste meinem besten Freund nicht beim Sex zuschauen. Allerdings waren zwischen ihnen eindeutig die Funken geflogen und ich hatte mir eingestehen müssen, dass die beiden echt heiß zusammen aussahen. Auch wenn mich das männliche Geschlecht bisher eigentlich nicht angezogen hatte. Und doch war es sexy gewesen. Es war nicht von der Hand zu weisen, dass die beiden Sturköpfe völlig vernarrt ineinander waren und ein atemberaubendes Paar abgaben.

»Luca, jetzt reiß dich mal zusammen«, zischte meine Großmutter mir zu und ich schüttelte den Kopf, um wieder ganz in der Gegenwart anzukommen. Ich spürte den Blick meiner Mutter. Als wir uns ansahen, konnte ich die Sorge in ihren braunen Augen erkennen.

Shit, ich war heute echt nicht auf der Höhe. Kein Wunder, dass sie mich so alarmiert musterte. Normalerweise gehörte ich nicht unbedingt zu der stillen Fraktion. Das war eher meine ältere Schwester Lorena.

Ich fuhr mir durch die Locken. »Es tut mir leid, Mamá«, entschuldigte ich mich zerknirscht und hoffte, dass mein Hundeblick, wie sie ihn nannte, sie beruhigen und gnädig stimmen würde. »Ich hatte viel zu tun in letzter Zeit, das geht mir noch im Kopf herum. Worüber wolltest du mit mir sprechen?« Wenn ich an die Geschehnisse der vergangenen Tage dachte, war die Aussage wirklich untertrieben, aber ich sprach nicht viel mit meiner Familie über die Arbeit. Allerdings war Lupita meist bestens informiert über die Vorgänge im Department. Keine Ahnung, woher sie das wusste und natürlich behielt sie ihre Quelle auch für sich. Bevor meine Gedanken wieder zu meiner Entführung, Bishops Tod und dem seltsamen Verhalten der Vampire abdriften konnte, konzentrierte ich mich auf das sanfte Lächeln, das ich Rosa schenkte.

Mir gegenüber schnaubte meine Großmutter nur. Sie hatte durchschaut, dass ich wieder den jüngster-Sohn-Bonus ausspielen wollte. Ich vermied daher den Blick zu ihr.

Meine Mutter schüttelte erneut den Kopf und zeigte dann mit dem Kochlöffel auf mich. »So geht das nicht, junger Mann. Ich erwarte, dass du mir zuhörst oder mit mir redest, wenn was los ist«, forderte sie streng, aber dann wurden ihre Züge weicher. »Ich wollte mit dir über dein Blutfest sprechen.« Ihre Miene begann zu strahlen, wie immer, wenn es darum ging, ein großes Fest zu planen.

Diesmal verdrehte ich wirklich die Augen. » Mamá, das ist erst im März.«

Sie blickte mich tadelnd an. »Der kommt schneller, als du denkst. Außerdem müssen wir lange im Voraus mit der Organisation und den Einladungen beginnen, damit alle kommen können.«

Ich atmete tief durch. Ich liebte sie, aber manchmal konnte sie einem auch auf die Nerven gehen. Ich war ein Vampir und da konnte ich auch nichts dran ändern, aber ich mochte es nicht, wenn der Aspekt unserer Nahrung so in den Vordergrund gedrängt wurde. Ich musste Blut trinken, klar. Ich war ja nicht blöd, aber gefallen musste es mir dennoch nicht. Der Rest meiner Familie feierte, genauso wie der Großteil der Vampire, dieses Fest, aber ich war kein Fan davon. Das wusste Rosa. Wir hatten uns schon etliche Male deswegen gestritten, aber sie gab in diesem Fall nicht nach. Sie ging vollkommen auf in der Planung und Vorbereitung. Ich wusste, dass ich ihr damit eine Freude machte. Bock musste ich jedoch nicht darauf haben. Aber in diesem Moment hatte ich noch weniger Nerven auf die jedes Jahr stattfindende Diskussion. Von daher zuckte ich nur lustlos mit den Schultern.

»Was ist los?«, hakte meine Mutter misstrauisch nach. Sie kannte mich zu gut. Und das Temperament hatte ich eindeutig von ihr. Deswegen war es nicht verwunderlich, dass ich sie nur schwer täuschen konnte.

Erneut zuckte ich mit dem Schultern. »Nichts, ich bin nur ein bisschen müde«, erklärte ich lahm. Ich hätte heute nicht herkommen sollen, schoss mir in den Sinn. Aber nun war es zu spät. Außerdem saß ich gerne mit meiner Familie am Tag nach Neujahr zusammen und hörte mir die Berichte über die verschiedenen Silvesterpartys an.

»Bullshit«, mischte sich meine Großmutter ein und bei ihrem lauten Tonfall zuckten Rosa und ich kurz zusammen. Ihre derbe Wortwahl irritierte uns hingegen nicht unbedingt. Die älteste Vampirin unseres 'Clans' war nicht für ihre eloquente Ausdrucksweise bekannt. Sie schwieg oder sagte ungefiltert, was ihr in den Sinn kam.

Lupita nahm mich ins Visier und dies war wieder so ein Moment, in dem sie mir ein wenig unheimlich war. Ihr Blick durchdrang mich. Innerlich schimpfte ich mit mir. Ich war kein kleiner Junge mehr, sondern ein gestandener, unabhängiger Mann, und doch schaffte es meine Familie immer wieder, dass ich mich wie das Nesthäkchen fühlte, das ich war.

»Du erzählst uns jetzt endlich, was mit dir los ist. Und komm uns nicht mit irgendwelchen Scheißausreden, die wir dir sowieso nicht glauben«, bohrte sie nach.

Rosa wechselte mit ihrer Mutter einen Blick und verschränkte dann die Arme vor der Brust. In ihren Augen lag dieselbe Aufforderung wie in denen Lupitas.

Ich wusste, dass ich keine Chance hatte. Gegen die geballte Power der beiden weiblichen Oberhäupter unserer Familie hatte zumeist keiner eine Chance. Außerdem lag es mir wirklich auf der Seele. Vielleicht hatten sie eine Idee. Lupita war schließlich nach Camille Dubois die älteste Vampirin in der Gegend. Sie hatte nicht nur ein enormes Wissen angesammelt. Durch die lange Zeit an der Seite von Luis Juarez hatte sie tiefe Einblicke in Informationen erhalten, die uns anderen Vampiren verschlossen blieben. Mein Großvater war über Jahrzehnte Fürst der Vampire in unserer Stadt gewesen und hatte die Interessen unserer Rasse im Council der Supernaturals vertreten. Vor etwa 10 Jahren war er getötet worden und kurz darauf kam Camille Dubois in die Stadt. Wir vermuteten lange einen Zusammenhang, aber der Anführerin des französischen Vampirclans konnte nichts nachgewiesen werden. Dennoch stand das Verhältnis zwischen uns mexikanischen Vampiren und den Franzosen von Anfang an unter einem schlechten Stern. Als Camille an die Macht gekommen war, hatte sie sofort begonnen, die Arbeit von Luis niederzumachen, die bisherigen Regeln zu ändern und damit meine Familie unter Druck zu setzen, bis sie irgendwann aus der Stadt wegzog. Besonders Rosa hatte nicht in einem ständigen Kampf mit Camille liegen wollen und der Rest der Familie hatte sich ihrem Willen gebeugt, nachdem sie Lupita auf ihre Seite gezogen hatte.

»Cariño, du kannst mit uns sprechen«, beteuerte meine Mutter.

Ich merkte, dass meine Gedanken schon wieder abgedriftet waren und die beständige Wut auf Camille und ihre Schergen in mir hochkochte. Diese falsche Schlange hatte bereits so viel Scheiße verzapft. Kein Wunder, dass die Vampire immer wieder skeptisch und argwöhnisch beäugt wurden. Zudem nervte es mich, dass mich die Sache mit den französischen Vampiren anscheinend mehr mitnahm, als ich mir eingestehen wollte. Ich war sonst nicht der nachdenkliche Typ.

Ich schaute zu ihr und lächelte sie liebevoll an. Dann seufzte ich tief und traf eine Entscheidung. »Ihr wisst, dass ich nicht viel über meine Arbeit sagen kann, aber in den letzten Tagen hat die Vampirbitch«, meine Mutter verzog bei dem Namen unglücklich das Gesicht, Lupita grinste amüsiert, »aus irgendeinem Grund ein besonderes Interesse an mir entwickelt. Ich habe keine Ahnung wieso, aber es stört mich.«

Ich war lange genug ein Agent des Departments, sodass ich den schnellen Blick zwischen den beiden Frauen bemerkte. Und nicht nur das, das Entsetzen war klar zu erkennen. Ihre Reaktion war nicht unbedingt beruhigend und schürte mein Misstrauen.

Rosa räusperte sich und setzte sich zu uns an den Esstisch. Sie musterte mich aufmerksam. »Was meinst du genau damit?«

Bevor ich antwortete, schaute ich mich nachdenklich in der vollen und bunten Küche um. Sie passte perfekt zu meiner Mutter. Kein Geschirrstück passte zu dem anderen. Kaputtgegangene Tassen waren geklebt worden. Alle Farben des Regenbogens waren vertreten. Der Raum strahlte, wie der Rest des Hauses, Gemütlichkeit und Liebe aus. Ich besann mich auf dieses Gefühl und ignorierte den Instinkt sofort nachzuhaken, was der Blick zwischen ihnen eben zu bedeuten hatte. Ich wusste, dass sie nur mein Bestes wollten, besonders Rosa stellte das Wohl ihrer Familie über alles. Bei meiner Großmutter war ich mir nicht sicher. Sie ließ sich zu wenig in die Karte gucken, was in ihrem Kopf vorging. Aber niemals würde sie gegen die Interessen der Vampire handeln, da war ich mir sicher. Dennoch hatten sie meinen Argwohn geweckt. Sie schienen auf jeden Fall etwas zu wissen. Vielleicht verrieten sie mir mehr, wenn ich ihnen offen von den Vorfällen berichtete?

Ich legte das Schälmesser beiseite und trank einen Schluck Cola. Für einen Moment war nur das platschende Geräusch zu hören, als Lupita eine weitere Kartoffel zu den anderen in den Topf warf. Seelenruhig nahm sie sich die nächste und wirkte vollkommen desinteressiert. Aber ich ließ mich nicht täuschen, sie hörte jeden winzigen Laut.

»Ihr wisst von der Sache mit dem ehemaligen Ratsvorsitzenden Bishop«, begann ich und erklärte ihnen dann zuerst von dem Besuch in der Stadtvilla von Camille Dubois und dann von meiner Entführung. Als sie hörten, dass mich die Partnerin der Vampirfürstin befreit hatte, wechselten sie wieder einen bedeutungsvollen Blick. Das reichte mir. Ich sah ungeduldig von einer zur anderen. »Okay, was wisst ihr darüber?«

Lupita tat ahnungslos und schälte weiter Kartoffeln. Meine Mutter stand auf, als die letzte im Topf gelandet war und stellte diesen auf den Herd. Beide sagten nichts. Aber ich war darauf geschult auf die kleinsten Gesten zu achten. Rosa war das Unbehagen deutlich anzusehen. Sie schien nervös. Meiner Großmutter war nichts Seltsames anzumerken. Gelassen erwiderte sie meinen forschenden Blick.  Das Schweigen zog sich in die Länge. Wut stieg in mir auf. Sie verheimlichten mir etwas, denn ihr Erstaunen über das Interesse der Vampirbitch an mir hielt sich in Grenzen. Verdammt, ich war kein kleines Kind mehr und ihr Verhalten machte mich echt sauer. Ich schlug auf den Tisch. »Was soll das?«

Meine Großmutter grinste mich an und zuckte mit den Schultern. Das schürte meinen Ärger nur, aber ich versuchte dennoch, ruhig zu bleiben. Ich hatte das Gefühl, sie wollte mich provozieren. Mein Blick ging zu Rosa. Sie schien mit sich zu ringen, was sie sagen sollte. Ich hoffte wirklich, dass sie mich nicht für dumm verkaufen wollte. Meine Anspannung stieg. Ich hatte mir in den letzten Tagen das Hirn zermartert, was Sache sein könnte und es machte mich rasend, dass meine Familie anscheinend mehr wusste.

»Nun sagt es ihm schon«, hörte ich auf einmal von der Tür zum Flur die ruhige Stimme meines Vaters Pepe. Ich blickte zu ihm. Er war das genaue Gegenteil meiner Mutter. Mit seinen 250 Jahren war er 50 Jahre älter als Rosa. Aber als sie sich kennengelernt hatten, war es Liebe auf den ersten Blick gewesen. Dabei trat er immer ruhig und zurückhaltend auf, wo seine Angebetete laut und temperamentvoll war. Er kleidete sich, passend zu seinem Auftreten, schlicht und unauffällig. Die grünen Augen schauten zwischen uns hin und her. Er überließ Rosa zumeist das Zepter in der Familie, aber hatte immer ein offenes Ohr für seine Kinder. Wenn es mal Ärger gab, hatte man Glück, wenn man zu ihm musste. Er war deutlich verständnisvoller als unsere Mutter.

»Er hat ein Recht, es zu erfahren«, wiederholte er und kratzte sich an seinem zu den kurzen Haaren passenden Vollbart.

»Mach dir nicht ins Hemd, natürlich weihen wir ihn ein«, meldete sich Lupita zu Wort und grinste mich weiter an. »Aber es ist immer so herrlich zu sehen, wenn er sich aufregt.«

Ich schnaubte aufgebracht. Das war typisch für meine Nana, sie amüsierte sich über mich. Bevor ich ihr jedoch eine gepfefferte Antwort geben konnte, ergriff Rosa das Wort.

»Mamá«, fuhr sie ihre Mutter an und setzte sich dann wieder an den Tisch. Ich schaute zu meinem Vater, der zufrieden nickte und sich ebenfalls einen Stuhl nahm. Rosa tätschelte ihm den Arm. »Was Pepe meint, ist, dass wir –«, begann sie, wurde jedoch von Lupita unterbrochen.

»Es gibt eine Prophezeiung, in der von dir die Rede ist«, erklärte sie gelassen und lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück.

Ich starrte sie entgeistert an. »Prophezeiung?« Was sollte denn dieser Mist? Das konnte sie doch nicht ernst meinen.

Rosa nickte zustimmend. »Genau, und wahrscheinlich wissen die Vampire in der Stadt auch davon, das würde auf jeden Fall ihr Interesse an dir erklären.«

Ich hob die Hand, weil ich direkt nachhaken musste.  Meine Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. »Ihr verarscht mich doch, oder?« Ein Lachen entkam mir. »Prophezeiung? Wo leben wir denn? Soll ich das Orakel von Delphi befragen oder worum geht es?« Es war so bescheuert, dass ich mich kaum einkriegte. Ich hatte mit, keiner Ahnung, was gerechnet, aber nicht mit so einer absurden Idee.

Mein Vater schmunzelte bei dem Vergleich ebenfalls ein wenig, aber der Blick von Lupita verdüsterte sich.

»Cariño, das ist nicht witzig«, ermahnte mich Rosa, aber ich konnte nicht aufhören zu lachen.

Allerdings verging es mir langsam, als meine Großmutter sich zu mir nach vorne beugte und mich eindringlich ansah. »Hör auf, dich darüber lustig zu machen«, zischte sie empört. Nicht unbedingt ihre Worte, aber die Ernsthaftigkeit in ihrem Blick sorgten dafür, dass ich ruhig wurde. Dennoch umspielte immer noch ein Lächeln mein Gesicht. Ich konnte das nicht glauben, aber wollte ihr gerne eine Chance geben, alles zu erklären. Auffordernd zog ich eine Augenbraue hoch.

Aber nicht sie, sondern meine Mutter begann zu berichten: »Vor einigen Wochen hatten wir auf einmal morgens diese Prophezeiung an der Hauswand. Sie war mit Blut geschrieben.«

Ich runzelte die Stirn, weil ich das erste Mal davon hörte. Niemand hatte das vorher schon mal erwähnt. »Und was stand da?«

Rosa warf ihre Locken zurück und ihre braunen Augen funkelten düster. »Wenn der Wille nach und nach allen genommen, wird der Jüngste entscheiden, ob die Macht gewonnen oder alles zerstört wird«, zitierte sie.

Ich schüttelte den Kopf, weil ich es nicht glauben konnte. »Wie kommt ihr darauf, dass es eine Prophezeiung ist und nicht irgendein Geschmiere von ein paar betrunkenen Kids?«, bohrte ich bedächtig nach. Ein Blick in alle Gesichter am Tisch zeigte mir, dass sie fest daran glaubten.

Lupita starrte mich an. »Es waren keine Kinder oder irgendein Streich von Jugendlichen. Es war eine Nachricht der Blutgöttin und ich denke, dass sie die französischen Vampire ebenfalls informiert hat, damit wir dich alle beschützen können«, erklärte sie fest. In den zweifarbigen Augen stand keinerlei Zweifel an ihrer Aussage.

Ich atmete tief durch. Blutgöttin. Das wurde ja immer besser. Wie kamen sie nur auf solche Hirngespinste? Hatten sie etwa schlechtes Blut getrunken oder sich irgendwie anders berauscht? Ich meine Prophezeiung, Blutgöttin, waren wir in einem schlechten Hollywood-Film oder was? »Woher wollt ihr wissen, dass es die Blutgöttin war?«, erkundigte ich mich möglichst ruhig und fragte mich gleichzeitig, was mit meiner Familie los war.

Meine Großmutter stand auf und schob mit einem lauten Geräusch den Stuhl zurück. Sie beugte sich noch weiter zu mir. »Denkst du, dass wir irre sind, du kleiner Scheißer?«, fauchte sie und durchbohrte mich mit ihrem Blick. Hätte ich beim Department nicht schon mit genug grausamen Monstern zu tun gehabt, hätte ich wahrscheinlich Schiss bekommen, aber so starrte ich nur gelassen zurück. In diesem Moment fand ich wirklich, dass sich alle verrückt verhielten.

»Luca«, mischte sich meine Mutter in unser Blickduell ein, »jetzt provozier sie doch nicht noch.« Ihre Stimme klang aufgeregt und als würde auch sie langsam wütend werden. Sollte sie doch, ich würde mich nicht verarschen lassen.

Ich spürte die Hand meines Vaters auf dem Arm und schaute ihn fragend an. »Es klingt erst mal seltsam, aber hör Lupita zu«, bat er mich mit ruhiger Stimme.

Mir entkam ein Seufzen. So hatte ich mir diesen Tag wirklich nicht vorgestellt, aber meistens verlief ein Besuch bei meiner Familie nicht, wie man es sich gedacht hatte. Langsam nickte ich, denn ein wenig war ich doch auf ihre Erklärung gespannt. Obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, dass es eine gute für diesen Mist von wegen Blutgöttin und Prophezeiung gab. Aber ich liebte meine Familie und würde ihnen die Chance geben, ihre Meinung zu erläutern.

»Ich wusste, dass du zur Vernunft kommst, Cariño«, sagte meine Mutter zufrieden und schaute Lupita auffordernd an. Ich konnte sehen, dass sie sich im Zwiespalt befand, denn sie war immer noch stinkig auf mich. Dann setzte sie sich bedächtig und beäugte mich misstrauisch. »Wenn ich auch nur einen komischen Blick von dir sehe, dann kannst du mich mal«, begann sie.

Ich setzte mein charmantestes Lächeln auf, das allerdings bei ihr abprallte. Sie zeigte mir nur den Mittelfinger, dennoch spielte ein leichtes Schmunzeln um ihren Mund. Es war keine Frage, woher das Temperament in unserer Familie kam. Eindeutig von der Linie Juarez.

»Der Glauben an die Blutgöttin ist über die vielen Jahre immer mehr verloren gegangen. Sie ist verantwortlich für unser Dasein und damit unser aller Mutter.«

Ich sah meine Nana argwöhnisch an. »Ich dachte, unsere Rasse ist aufgrund eines Gen-Defekts entstanden.«

Sie schüttelte resolut den Kopf und schaute tadelnd zu meiner Mutter. »Siehst du, und aus dem Grund kann ich es nicht gutheißen, wenn die Kinder nicht mehr über unsere Geschichte informiert werden.«

Ich konnte sehen, wie sich Trotz in Rosa regte und sie die Anschuldigung von sich weisen wollte.

Aber Lupita hob die Hand. »Wie dem auch sei«, sagte sie fest, »du kannst es gerne in den Geschichtsbüchern unserer Spezies nachlesen. Da sich die Göttin jedoch über jahrhundertelang nicht mehr offenbart hat, wurde sie nach und nach von den jungen Vampiren vergessen. Aber die Nachricht ist von ihr. Ich habe das Blut gekostet und kann dir sagen, so etwas Reines habe ich noch nie geschmeckt. Niemand in unserer Welt kann so ein Blut haben.«

Mein Vater schob seine Brille hoch. »Wir gehen davon aus, dass sie uns warnen will und uns einen Weg aufzeigt, wie wir uns gegen die drohende Gefahr wehren können.«

»Drohende Gefahr?«, hakte ich sofort nach.

Lupita verdrehte die Augen, weil ich mich ahnungslos stellte. Ich hätte wissen müssen, dass meine Familie schon von den seltsamen Vorfällen an der südlichen Ostküste wusste.

Meine Mutter sah mich an und schüttelte dann tadelnd den Kopf. »Cariño, stell dich nicht dumm. Es passt genau zusammen mit dem, was in unserem Land vor sich geht. Die Prophezeiung der Blutgöttin mit der aufkommenden Gewalt. Und vor allem passiert genau das: Den Wesen wird ihr Willen genommen«, ereiferte sie sich besorgt. Aufgewühlt fuhr sie sich durch die langen Locken und ging dann zum Herd, um die Kartoffeln abzugießen. Ich konnte dennoch sehen, dass ihre Hände leicht zitterten. Sie glaubte daran. Sie glaubte, dass diese Weissagung richtig war.

Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. Es kam mir vollkommen abstrus vor, und doch hatte sie recht. Es passte zeitlich zusammen. Leider wussten wir noch immer nicht genau, was mit den Wesen los war. Eine Theorie war tatsächlich, dass ihnen der Willen genommen wurde, aber eben nur eine von vielen. Bishop hatte das gesagt, aber konnten wir dem toten Mistkerl glauben? Wir hatten noch keinen Beweis für seine Behauptung.

»Okay, ihr meint also, dass die Blutgöttin uns helfen will, damit die Vampire nicht Opfer dieser Bedrohung werden und dass die Dubois ebenso darüber informiert ist. Und aus dem Grund hat sie so ein starkes Interesse an mir. Aber warum ich und was soll ich entscheiden?« Ich kratzte mich am Kinn und bemerkte, dass ich mich mal wieder rasieren sollte. Dass mir so etwas Banales auffiel, war ein Zeichen dafür, dass ich gerade überfordert war. Das konnte doch alles nicht wahr sein.

»Wenn der Wille nach und nach allen genommen, wird der Jüngste entscheiden, ob die Macht gewonnen oder alles zerstört wird«, rezitierte Lupita, als wären damit meine Fragen beantwortet.

Ich verdrehte die Augen, denn dadurch wurde nicht mal ansatzweise etwas deutlicher.

»Wir haben auch erst überlegt, ob überhaupt von dir die Rede ist. Aber du bist der Jüngste in unserem Clan«, sprach Pepe die Tatsache nochmal aus. »Und es wird die männliche Form genannt.«

»Das ist mir klar«, knurrte ich, denn meine Familie ließ mich das niemals vergessen. »Aber was hat es mit dieser Entscheidung auf sich?«

Rosa fluchte lauthals und warf ihre Hände theatralisch in die Luft. »Das wissen wir nicht. Wir haben uns schon den Kopf zermartert, aber sind uns nicht einig. Und sorgen uns um dich, Baby!« Sie blickte mich an und ich konnte erkennen, dass sie wirklich zutiefst beunruhigt war. Gleichzeitig ärgerte sie sich, dass sie nicht wusste, wie sie mich beschützen konnte.

In diesem Moment hatte ich keine Nerven, um sie zu besänftigen. Ich kniff die Augen zusammen, weil sich wieder leise Wut in mir regte. Wie schön, dass sie sich über mich unterhielten und irgendwelche Mutmaßungen anstellten über meine Rolle in der Prophezeiung einer alten Blutgöttin, mich aber bisher nicht mal informiert hatten. Hätte ich ihnen heute nicht von der Entführung und dem Interesse der Vampirbitch erzählt, wüsste ich wahrscheinlich nichts von dem ganzen Kram.

»Mach dir mal nicht ins Hemd, wir hätten dich informiert, wenn es nötig gewesen wäre.« Die Worte meiner Großmutter beruhigten mich nicht unbedingt. Bevor ich allerdings etwas erwidern konnte, sauste ein kleiner Wirbelwind zu uns in die Küche.

»Onkel Luca«, brüllte mich die kleine Lupita an und warf sich in meine Arme. Sie war zwar schon 9 Jahre alt, sah aber aus wie maximal 6 und benahm sich meistens wie 3. Sie war das jüngste Mitglied unseres Clans und meine Cousine. Ich liebte die quirlige kleine Maus, die uns alle immer wieder um ihren Finger wickelte mit ihrem fröhlichen Gequassel, den großen blauen Augen und den blonden Ringellöckchen. 

»Cariña«, begrüßte ich sie liebevoll und küsste sie feucht auf die Wange. Sie machte sich von mir los und wischte sich meine Spucke ab. Ich musste lachen, weil ich mir gedacht hatte, dass sie so reagieren würde.

»Bäh, das ist eklig!«

»Ach, es gibt durchaus Frauen, die das mögen«, sagte ich grinsend und zwinkerte ihr zu.

»Luca«, donnerte meine Mutter, »nicht deine Frauengeschichten vor der Kleinen!«

»Die müssen komisch sein, wenn sie es mögen, abgeleckt zu werden«, entgegnete meine Cousine und schien ernsthaft darüber nachzudenken.

»Lass mich raten, es geht um Lucas Frauen.« Meine Schwester Lorena betrat den Raum und ich stand auf, um sie zu begrüßen. »Du immer, ich verstehe dich einfach nicht«, gab sie zu und nahm mich dann liebevoll in den Arm.

Ich verstand mich gut mit ihr, aber sie konnte nicht viel mit meinen wechselnden Affären anfangen. Sie hatte mir mal erzählt, dass sie selbst asexuell und zufrieden damit war. Sie vergrub sich lieber in irgendwelche Bücher und konnte stundenlang mit meinem Vater diskutieren. Die beiden standen sich unglaublich nahe, weil sie sich so ähnlich waren.

Ich fuhr ihr über die kurzen braunen Haare und wir schauten uns kurz in die Augen. Wir hatten beide die Farbe von unserer Mutter geerbt.

Sie schien in mir zu lesen wie in einem offenen Buch. »Du wirst sie schon finden«, wisperte sie leise und ich runzelte die Stirn.

Woher wusste sie, dass ich mich mittlerweile nach mehr als nur Bettgeschichten sehnte? Das war nicht gerade etwas, was ich lautstark verkündete oder irgendwo herumerzählte. Aber ich wollte sie auch nicht anlügen und es abstreiten, noch weniger wollte ich jedoch das Thema vertiefen. »Manchmal bist du fast so unheimlich wie Nana«, wechselte ich deshalb die Thematik.

Sie grinste mich nur wissend an. Dann schaute sie zu den anderen. »Lupita hat Mamá fluchen hören und wollte dann gleich sehen, was hier los ist.« Sie zuckte entschuldigend mit den Schultern.

Es war typisch für meine Cousine, dass sie immer da sein wollte, wo die Action war. Aus diesem Grund war sie auch sehr häufig bei uns zu Hause. Bei ihren Eltern Eduardo und Catalina herrschte eine deutlich stillere Atmosphäre. Mein Onkel war das Gegenteil seiner Schwester. Wo Rosa laut und liebevoll war, war er gediegen und zurückhaltend. Er legte großen Wert auf Traditionen und war auch derjenige gewesen, der sich lange geweigert hatte, die Stadt zu verlassen. Sein Verhalten und seine Aussagen grenzten oft an Überheblichkeit gegenüber den Menschen und anderen Rassen, was immer wieder zu Ärger im Kreis der Familie führte. Besonders nach dem Tod seines ältesten Sohnes Miguel betrachtete er die Menschen noch kritischer als vorher.

Wenn man vom Teufel spricht, dachte ich nur, als ich ihn zur Tür hereinkommen sah. Wie immer trug er einen Anzug und seine kurzen schwarzen Haare waren akkurat frisiert. Er sah genau so aus wie der Banker, der er war.

»Ich wollte Lupita abholen«, sagte er anstelle einer Begrüßung und nickte nur einmal knapp in die Runde.

»Eduardo, setz dich doch, wir wollten gerade essen«, bat ihn Rosa, aber bevor er etwas erwidern konnte, vernahm ich die Stimme meines Cousins Hector.

»Catalina macht uns schon was zu essen«, lehnte er das nette Angebot meiner Mutter ab. Er blickte einmal in die Runde und musterte mich dann abfällig.

Wir konnten uns nicht besonders gut leiden. Er war 20 Jahre älter als ich, aber benahm sich, als wäre er der König der Welt. Nur zu gern ließ er sich von seiner Mutter bedienen, pöbelte gern rum und hing mit seltsamen Gestalten ab. Seit ich Agent beim Department war, war unser Verhältnis noch schwieriger geworden. Er verabscheute die Bullen, wie er sie nannte. Kein Wunder, schließlich trat er in die Fußstapfen seines ältesten Bruders Miguel, der Menschen in der Stadt unter Beeinflussung Drogen verkauft hatte. Genau das war ihm auch vor acht Jahren zum Verhängnis geworden, als er in Notwehr von einem Mann erschossen worden war. Die Kugel traf ihn direkt ins Gehirn und damit hatte Miguel keine Chance. Seitdem hasste Hector die Menschen, genau wie sein Vater, mit noch mehr Leidenschaft. Und mich, weil ich mit ihnen und anderen Wesen zusammenarbeitete.

»Die Vampire hier sind nicht so nach meinem Geschmack«, fügte er hinzu und lächelte mich provozierend an. Seine Augen bettelten förmlich darum, dass ich auf die Worte einstieg, aber ich zuckte nur gleichmütig mit den Achseln. Wütend schob er sich eine Strähne seines blonden Undercuts aus dem Gesicht. Ich würde 100 Mäuse wetten, dass er sich mit mir prügeln wollte und es ihn rasend machte, dass ich nicht auf ihn ansprang. Er war größer als ich, aber durch mein hartes Training hätte er keine Chance. Ich hatte es ihm schon das eine oder andere Mal bewiesen, aber er wollte es einfach nicht einsehen.

Aber an diesem Tag, mit den Informationen, die ich gerade gehört hatte, hatte ich überhaupt keinen Bock auf meinen aggressiven Cousin. Ich wollte nur nach Hause und über diese verrückten Worte nachdenken. Konnte es stimmen, was Lupita erzählt hatte? Es war einfach zu irre, dennoch schien meine Familie daran zu glauben. Für einen Moment sah ich meinen besten Freund vor mir, wie der mich auslachen würde, wenn ich ihm auf einmal von einer Göttin und einer Prophezeiung berichten würde. Vor allem, wenn der einzige Beweis war, dass meine Großmutter an der Hauswand geleckt hatte. Bei dem Gedanken zogen sich meine Mundwinkel automatisch nach oben. Es war einfach zu bescheuert.

»Der lacht mich aus«, hörte ich in dem Moment Hector wütend brüllen und wandte mich wieder meinem bulligen Cousin zu. Ich verdrehte nur die Augen, was ihn noch mehr provozierte. Er war drauf und dran sich auf mich zu stürzen. Mir konnte das nur recht sein, ich hatte so viel Chaos in meinem Kopf, da würde eine ordentliche Prügelei bestimmt helfen, Energie loswerden.

»Reiß dich zusammen«, zischte mein Onkel seinen Sohn an.

»Bleibt doch«, wiederholte Rosa die Einladung und stellte den ersten dampfenden Topf auf den Tisch. Es roch lecker, aber ich hatte in diesem Moment überhaupt keinen Appetit mehr.

»Oh ja, bei Tía Rosa schmeckt es immer so gut«, begeisterte sich auch die kleine Lupita.

Eduardo schüttelte energisch den Kopf. »Nein, wir müssen noch Luis abholen, sonst bleibt der wieder tagelang bei Frida und Catalina sorgt sich.«

»Da haben sich auch zwei Irre gefunden«, kicherte Hector in dem Moment abfällig.

Ganz von der Hand zu weisen war es nicht, auch wenn er es beschissen ausgedrückt hatte. Die Schwester meiner Großmutter, Frida, war ein Fall für sich. Sie sprach noch weniger und war immer schlecht gelaunt. Wir bekamen sie so gut wie nie zu Gesicht. Nur mein Cousin Luis, der nach unserem Großvater benannt wurde, und ebenfalls noch in seinem Elternhaus wohnte, hatte irgendwie einen Draht zu ihr. Ich hatte keine Ahnung, was sie zusammen machten. Denn Luis wirkte immer deprimiert, besonders seit Miguels Tod. Er hatte seinen älteren Bruder angehimmelt und nachdem er ermordet worden war, war er wochenlang nicht aus seinem Zimmer gekommen. Er war 50 Jahre älter als ich und doch hatte ich manchmal das Gefühl, mit einem Kind zu tun zu haben. Dabei war er sehr intelligent, aber auch unglaublich weltfremd. Wenn wir uns mal sahen, wirkte er meistens geistig abwesend. Nur wenn er nicht in Ruhe gelassen wurde, rastete er richtig aus. Wie mir meine Cousine Lupita mal erzählt hatte, hatte er schon häufiger mit einem Stuhl wild um sich geschlagen und dabei einiges zerstört. Ich hatte ihn so noch nicht erlebt und konnte mir das bei dem ruhigen, schlaksigen und mit seinen 1,68 relativ kleinen Vampir nicht vorstellen.

»Habt einen schönen Abend«, verabschiedete sich Eduardo in dem Moment kühl, sodass klar war, dass er sich nicht umstimmen lassen würde. Lupita fügte sich, aber verzog ihren Mund zu einem Schmollen. Hector kümmerte sich nicht weiter um sie, sondern warf mir noch einen abfälligen Blick zu und ging dann seinem Vater hinterher.

Mein Wunsch, ebenfalls nach Hause zu fahren, wuchs, als Lorena losging, um Ramon zu holen. Mein älterer Bruder und ich standen uns nicht nahe. Immer wieder hatte ich versucht, einen Schritt auf ihn zuzugehen, aber er blockte jedes Mal ab. Ich hatte keine Ahnung, was sein Problem war, aber auch darauf bekam ich keine Antwort. Seit ich nicht mehr mit ihnen zusammenwohnte, hatten wir nur noch das Nötigste miteinander zu tun.

»Ach, hoher Besuch und so schnieke«, begrüßte er mich dieses Mal höhnisch. Es war jedes Mal das Gleiche.

Ich verdrehte nur die Augen, weil ihm nichts Neues einfiel. Immer wieder hackte er auf meinem Aussehen herum. Nur weil ich darauf achtete, was ich morgens anzog. Er hingegen legte da überhaupt keinen Wert drauf. Ich wusste nicht, wann ich ihn das letzte Mal in etwas anderem als Jogginghose und Muskelshirt gesehen hatte. Seine längeren braunen Haare hingen ihm strähnig ins Gesicht und auch bei ihm war eine Rasur mehr als überfällig. Nicht, dass ich etwas gegen gemütliche Klamotten hatte, zu Hause trug ich auch nichts anderes, aber mir war bewusst, wie sehr sich unsere Mutter darüber freute, wenn wir uns ein wenig schicker für einen Besuch anzogen. Für einen Moment schaute ich an mir herunter. Ich trug Jeans, Boots und einen enganliegenden weinroten Pullover. Nichts Besonderes.

»Dir ebenfalls ein frohes neues Jahr«, entgegnete ich bemüht gelassen. Ich hatte in diesem Augenblick wirklich keinen Nerv für eine Auseinandersetzung mit ihm.

»Pft, ich muss gleich noch malochen«, gab er nur unwirsch zurück und winkelte dann seinen Arm an, um den massigen Bizeps zu zeigen. »Aber das ist gut für die Muckis.«

Da musste ich ihm recht geben. Obwohl er für einen Vampir eher fülliger war, sparte ihm seine Arbeit jedes Krafttraining. Er schleppte in einem Pub und in einem Supermarkt Kisten, Fässer und Ware. Dabei war er handwerklich so begabt, dass er mehr machen könnte. Aber ihm fehlte dazu die Motivation. Mit seinen 121 Jahren hatte er keine Lust mehr die Schulbank zu drücken, hatte das Thema immer wieder rigoros beendet, wenn Rosa oder Pepe es angesprochen hatten.

Ich hatte das Gefühl, für ihn war es einfach bequem. Er wohnte noch zu Hause, wurde besonders von unserer Mutter verhätschelt und konnte sein Geld ausgeben, wofür er wollte. Das brachte ihn leider öfter in Schwierigkeiten. Schon drei Mal war er dem Blutrausch verfallen, weil er sich nicht gemäßigt hatte. Wenn ein Vampir zu viel Nahrung zu sich nahm, konnte es wie eine Sucht wirken und er nicht mehr aufhören. Die Augen wurden rot. Die Gier übermächtig. Einmal war es gut gegangen, zweimal hatte er bereits Menschen angegriffen. Zum Glück nur verletzt, dennoch war es schlimm gewesen. Und er sah die Schuld nicht bei sich.

Als er mich damals voller Verachtung angesehen hatte, war mir in dem Moment der Geduldsfaden gerissen. Wir hatten das erste Mal einen so heftigen Streit gehabt, der in einer Prügelei endete. Ohne Einsicht von seiner Seite. Auch war er nicht zufrieden, dass ich mich bei meinem Chief für ihn einsetzte. Er hätte mit einer deutlich höheren Strafe rechnen müssen, war aber durch meine Fürsprache nochmal mit einem blauen Auge davongekommen. Dennoch warf er mir vor, dass ich verantwortlich dafür war, dass er nun zu einem Therapeuten gehen musste und dass meine Eltern seinen Blutkonsum genauestens überwachten. Ich hasste es, dass es keinerlei Einsicht oder Schuldgefühle bei ihm gab. So wünschte ich mir manchmal, dass er doch härter bestraft worden wäre. Vielleicht würde er dann einlenken.

»Wenn der da ist, esse ich in meinem Zimmer«, maulte Ramon in dem Moment.

»Das wirst du nicht«, fauchte meine Mutter empört, »jetzt benimm dich nicht wie ein Arsch deinem Bruder gegenüber.«

Er schnaubte nur abfällig, aber setzte sich mit grimmiger Miene.

Ich stand auf. Mein Limit für heute war erreicht. Eigentlich liebte ich meine Familie, aber für diesen Tag hatte ich wirklich genug. Mein Kopf schwirrte und ein leichtes Pochen hinter meinen Schläfen deutete sich an. Da unsere Spezies über grandiose Heilkräfte verfügte, war klar, dass es keine körperliche Ursache hatte, sondern dass ich das Gehörte erstmal verdauen musste. Dafür brauchte ich Ruhe und nicht meine Familie um mich herum. Nicht den kritischen Blick von Lupita. Nicht den verständnisvollen Blick von Pepe. Nicht den neugierigen Blick von Lorena. Nicht den besorgten Blick von Rosa. Und vor allem nicht den herablassenden Blick von Ramon.

Ich wandte mich an meine Mutter und lächelte sie liebevoll an. »Entschuldige bitte, Mamá. Aber ich werde jetzt nach Hause fahren.«

Sie holte Luft, um lautstark Einspruch zu erheben, aber Pepe kam ihr zuvor. »Ich denke, dass es eine gute Idee ist«, stimmte er mir zu und erntete dafür einen bösen Blick von Rosa. Allerdings kam sie immer noch nicht zu Wort.

»Ich glaube auch, dass unser kleiner Scheißer hier erstmal alles verarbeiten muss«, mischte sich Lupita ein und zwinkerte mir mit dem grünen Auge zu.

Ich war dankbar für ihre Fürsprache, wobei mich die Bezeichnung schon wieder nervte.

Auch das schien sie zu ahnen, denn sie grinste mich breit an und spielte gleichzeitig unschuldig mit einer ihrer roten Locken.

Ich konnte nicht anders und musste doch schmunzeln. Sie war echt ein Unikat.

»Na gut, anscheinend habe ich nichts mehr zu melden«, sagte meine Mutter mit theatralischer Stimme und sprang dann auf, um mich an sich zu ziehen. »Aber Cariño, du gibst Bescheid, wenn du was brauchst. Und komm bald wieder.«

»Natürlich«, versprach ich ihr und verabschiedete mich von der Runde. Außer Ramon umarmten mich alle.

Rosa brachte mich noch zur Tür. Dabei sah sie mich nachdenklich an. »Vielleicht wäre es besser, wenn du wieder zu uns ziehen würdest, da könnten wir besser auf dich aufpassen.«

Ich riss entsetzt die Augen auf. Meine Mutter bemerkte es und sah mich traurig an. Ich küsste sie noch einmal auf die Wange. »Mamá, es ist lieb, dass du dir solche Sorgen machst. Aber das brauchst du nicht. Mir geht es gut und ich kann mich verteidigen. Es wird schon nichts passieren.«

Etwas beschwichtigt winkte sie mir nach, als ich zu meinem Auto ging. Es war verdammt kalt und ich war froh, dass es nicht wieder geschneit hatte. So konnte ich schnell losdüsen und schaltete als Erstes das Radio aus. Endlich Ruhe um mich herum. Mir war nie aufgefallen, wie sehr ich mich daran gewöhnt hatte. Aber manchmal wurde es mir einfach zu viel in der trubeligen Familie. Wie am heutigen Tag. Meine Gedanken kreisten um die absurden Informationen, die ich bekommen hatte. Vollkommen bescheuert. Prophezeiungen, Blutgöttin. Ich schüttelte den Kopf und doch musste ich zugeben, dass ich überlegte, ob da was dran sein konnte. Meine Familie schien felsenfest davon überzeugt zu sein. Ich fuhr mir aufgewühlt durch meine Locken. Konnte es doch die Wahrheit sein? Eigentlich war das ein Ding der Unmöglichkeit, aber irgendwie wisperte eine Stimme in mir, dass ich der Sache mal genauer auf den Grund gehen sollte.

Allerdings nicht mehr heute. Für heute hatte ich genug und wollte nur noch entspannen. Ein anzügliches Lächeln schlich sich auf mein Gesicht. Ich tippte auf meinem Smartphone herum und wählte die Nummer von Suri. Vielleicht hatte sie heute noch nichts vor? Sie würde mich garantiert von den wirren Gedanken ablenken. Bei der Erinnerung an ihre weiche Haut, ihre Leidenschaft und ihre Unersättlichkeit, zuckte mein Schwanz. Er war von der Idee der Ablenkung anscheinend begeistert.

»Wenn das mal nicht mein Lieblingsvampir ist«, meldete sie sich mit einem Schnurren und mein Lächeln wurde breiter. Die Chancen standen gut.

 

 

 

 


 

10. Februar

 

Sie war wirklich wild gewesen an dem Abend, schoss mir Wochen später wieder in den Sinn. Suri hatte mich nur in einem knappen Höschen und einer Lederkorsage empfangen, die ihre wundervollen Brüste mehr entblößten als verhüllten. Wir hatten nicht lange miteinander gesprochen, ich hatte sie geschnappt und gegen die Wand gedrückt. Mein Mund hatte ihren erobert und sie war mir leidenschaftlich entgegengekommen. Sie wollte die Kontrolle, aber in dem Augenblick hatte ich sie nicht abgeben.

Es war ein unbeschreiblicher Anblick gewesen, als ich in sie eingedrungen war. Die Dämonin, noch immer in Korsage, erhitzt und erregt, mit weit gespreizten Beinen auf ihrer Kommode im Flur. Sie hatte mir später gestanden, dass sie es mochte, wenn ich aufgewühlt und ein wenig verärgert zu ihr kam. Da wäre ich wohl noch temperamentvoller im Bett. Na ja, so hatten wir wenigstens beide etwas von dem anstrengenden Tag bei meiner Familie gehabt.

Aber die Worte über die Prophezeiung und die Blutgöttin ließen mich nicht los. Die freie Zeit, die ich neben der Arbeit hatte, verbrachte ich mit der Recherche im Council und brütete über alten Dokumenten und Schriften. Aus diesem Grund war Suri auch ein wenig angefressen, weil sie meinte, dass sie zu kurz kam. Sie hatte sich dann für zwischendurch einen weiteren Bettgefährten gesucht. Mich störte das nicht. Wir hatten Spaß miteinander, aber sie konnte machen, was sie wollte.

Zum Glück hatte meine Suche immerhin in eine Richtung Früchte getragen. Ich kannte nun die Geschichte der Vampire genauer. Es war so, wie Lupita es gesagt hatte: Vor Jahrhunderten verehrte unsere Rasse die Blutgöttin Tunal. Sie galt als Schöpferin der Vampire und man huldigte ihr mindestens einmal im Jahr. Ganz früher waren es Blutopfer gewesen, die jedoch nach und nach weniger wurden. Als den Vampiren verboten wurde, direkt von einer menschlichen Quelle zu trinken, wollten sich viele nicht daranhalten. Sie sahen es als ihr natürliches Recht an und wurden dafür verfolgt und bestraft. Unsere Spezies fühlte sich von Tunal im Stich gelassen. Die Verehrung wurde weniger, bis sie irgendwann gänzlich verschwand.

Wie allerdings meine Familie darauf kam, dass es die Göttin tatsächlich gab, war mir nicht so ganz klar. Aber als ich mich während eines Besuchs bei ihnen erkundigte, hatte Lupita nur entgegnet, dass die Frage genau so blöd sei, wie wenn ich nach einem der menschlichen Götter fragen würde. Sie wäre einfach da.

Ihre Aussage war verständlich, dennoch hasste ich es, dass ich keine klare Antwort bekam. Ich war im Gegensatz zu meiner Familie nicht unbedingt abergläubisch, sondern wollte den Dingen lieber auf den Grund gehen. Dennoch musste ich ihr recht geben:  Ich hielt es für ebenso notwendig, dass die jungen Vampire in unserer Geschichte unterrichtet würden. Es war ein wichtiger Teil von uns und als mir in dem Fall sogar mein Onkel Eduardo zustimmte, erklärte sich Rosa bereit, dass sie sich zusammen mit meiner Großmutter etwas überlegen würde. Meine beiden Cousins waren nicht so begeistert, wobei Luis gar nicht reagierte. Hector machte seinem Ärger jedoch ordentlich Luft und verfluchte mich lautstark, bis sein Vater ihn zur Ruhe mahnte. Auch Ramon beschimpfte mich nachher als Schleimer, als niemand anderes ihn hören konnte. Mir war das vollkommen egal.

»Hey Garcia, träumst du?«, wurde ich in dem Moment aus meinen Gedanken gerissen. Ich blickte zu Cain, der mich in der Dunkelheit interessiert musterte. Wir saßen in einem unauffälligen Auto und beobachteten die Umgebung. Zum Glück. Seit ein paar Tagen taute es und dieser graue Schneematsch war nichts für mich. Von daher hoffte ich, dass wir einfach im warmen Wagen bleiben durften.

Ich zuckte nur mit den Achseln. »Habe nochmal über die Prophezeiung und den Kram nachgedacht«, gab ich zu.

Der Blick des Dämonenfürsten wurde düsterer.

Ich hatte lange mit mir gerungen, aber nachdem ich nach der Arbeit immer schnell verschwunden war, war Zack misstrauisch geworden. Zunächst hatte er eine Frau dahinter vermutet, aber irgendwann hatte ich ihm, Cain und Dana von den Vermutungen meiner Familie erzählt. Wie schon vermutet, hatten meine Kollegen ähnlich wie ich reagiert. Mit Lachen und Unverständnis. Nur Cain war ernst geblieben und hatte während des restlichen Essens nachdenklich zugehört, wie ich die Gedanken meiner Familie wiedergegeben und meine bisherigen Rechercheergebnisse dargelegt hatte. Nachdem er seine Pizza verschlungen hatte, hatte er mich ernst angesehen. »Da könnte etwas dran sein«, überraschte er mich.

Wir hatten noch lange über die Geschichte der Vampire und die Prophezeiung gesprochen und auch wenn Zack sich immer noch ein wenig lustig darüber machte, mittlerweile hatte ihn Cain anscheinend davon überzeugt, dass es auf unserer Welt viel mehr gab, als wir glaubten, und noch mehr, als wir verstanden. Der Dämonenfürst hatte da so Mittel und Wege, meinen besten Freund von etwas zu überzeugen. Meistens hatte es mit Schweiß und Sex zu tun.

Bei dem Gedanken musste ich grinsen. Sie waren echt unzertrennlich. Das durfte man ihnen allerdings nicht sagen, dann reagierten beide gleich stinkig. Daher liebte ich es, sie damit zu ärgern. Es war herrlich, wie beide dann sofort Abstand zueinander nahmen und blöde Sprüche machten. Und doch waren sie es. Immer wieder musste ich mir ein Schmunzeln verkneifen, wenn ich sie zusammen sah.

Ich freute mich für sie, aber verdammt, wenn ich ehrlich war, war es nicht nur das. Ich war neidisch. Auf dieses Vertrauen und die Nähe, die immer zwischen ihnen herrschte. Jeder bemerkte die Veränderungen bei unserem Teamleiter. Zack war deutlich ausgeglichener. Es sei denn, er hatte sich mit Cain gestritten, was auch häufig vorkam. Kein Wunder bei den beiden Hitzköpfen. Aber sie kriegten sich dann meist auch schnell wieder ein und es war mehr als einmal vorgekommen, dass einer von ihnen am nächsten Tag einen komischen Gang hatte oder die eine oder andere Blessur zu sehen war. Ich konnte mir gut vorstellen, wie die beiden ihre Streitereien austrugen. Ein anzügliches Lächeln von Zack bestätigte meinen Verdacht nur, wenn ich ihn damit aufzog.

Auch dem Chief war es aufgefallen und er hatte, sehr zu ihrem Missfallen, bestimmt, dass Zack eher mit Dana und ich mit Cain unterwegs sein sollte.

Erst hatte ich gedacht, dass sich der Dämon nicht darauf einlassen würde, schließlich hatte er einen ausgeprägten Beschützerinstinkt was seinen Partner betraf. Außerdem war er kein Agent des Departments. Eher im Gegenteil, er hatte genug anderes zu tun. Er war mittlerweile Ratsvorsitzender und damit eigentlich unser oberster Chef. Er musste die Befehle von White nicht befolgen. Aber er respektierte den älteren Mann und ordnete sich ihm während seiner Arbeit in unserer Einheit unter. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass die Aufgaben in der Superplus ein Ausgleich für die eher trockenen Ratsangelegenheiten und seine Tätigkeiten als Anführer der Dämonen war.

Der Haufen konnte wirklich liebenswürdig sein, aber einem auch richtig auf die Nerven gehen. Soweit ich wusste, hatte er Sean mehr Befugnisse gegeben, damit Cain alles unter einen Hut bekam und gleichzeitig noch genug Zeit hatte, um mit Zack zu vögeln oder sich vögeln zu lassen. In einer Bierlaune hatte mir mein bester Freund mal erzählt, dass es immer wieder herrlich war, wenn sie um die Kontrolle kämpften, aber beide es genossen, sich einfach nur dem anderen hinzugeben. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie es wäre. Meine Rolle beim Sex war klar. Aber wenn es sie glücklich machte. Allerdings hatte ich das Thema schnell gewechselt, denn so sehr ich die beiden auch liebte, das wollte ich nicht noch detaillierter hören. Nicht weil es abstoßend war, eher im Gegenteil. Es wunderte mich, dass ich es durchaus heiß fand, wenn Zack davon berichtete.

»Ich denke, dass ihr Eintreten immer wahrscheinlicher wird«, mutmaßte Cain in dem Moment und riss mich damit erneut aus meinen Gedanken.

Ich runzelte die Stirn und musste erstmal wieder beim Thema ankommen. Aber klar, Prophezeiung. Auch wenn ich viel über meine Rasse gelernt hatte, weitergekommen war ich mit den Worten an der Hauswand nicht. Immerhin wusste ich nun, dass es in der Vergangenheit schon ähnliche Weissagungen gegeben hatte. Vor einigen Jahrhunderten ging es um die Jagd auf Vampire, die dann auch eingetreten war. Es spitzte sich so weit zu, dass überall in den Ländern der Council gegründet wurde, um einen weltweiten Krieg der Übernatürlichen zu verhindern.

»Du musst gar nicht so grimmig schauen. Ich weiß, dass du davon am liebsten nichts hören würdest«, erklärte Cain.

Für eine Sekunde überlegte ich, ob er in meinen Geist eingedrungen war, aber das hätte ich gemerkt. Auch wenn ich noch ein recht junger Vampir war, hatte ich dennoch schon ganz gute mentale Kräfte. Außerdem war ich mir ziemlich sicher, dass er das nicht machen würde. Nicht nur von Zack würde er dann richtig Ärger bekommen. Auch für mich wäre das ein Vertrauensbruch. Ich spazierte ja auch nicht einfach in seinem Geist herum. Den Großteil davon wollte ich sicher eh nicht sehen. Die wären garantiert in einer nicht jugendfreien Richtung.

»Mir ist klar, dass es dich mit der Prophezeiung nervt, weil wir keinen Schimmer haben, was du wie entscheiden sollst. Aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Bedrohung durch die Willenlosen zunimmt und wir immer noch im Dunkeln tappen.«

Damit traf er genau ins Schwarze. Es nervte mich tierisch. Und nicht nur das, es weckte ein ungutes Gefühl in mir und ich hasste es. Nicht nur, weil ich ständig einen Schatten der französischen Vampire in meiner Nähe hatte. Vor allem, weil ich mir nicht erklären konnte, wieso gerade ich, der Vampir, der wirklich ungern Blut zu sich nahm, so eine bedeutende Rolle spielen sollte. Es machte mich fast wahnsinnig, dass ich keine Ahnung hatte, wer sich so einen bescheuerten Zufall ausgedacht haben sollte.

Ich fuhr mir durch die Locken und schnaubte unzufrieden. »Ja Mann, ich weiß«, gab ich nur zurück. »Es gibt ja einen Grund, warum keiner mehr von uns richtig viel Freizeit hat.« Ich holte mein Smartphone heraus, um Suri eine Nachricht zu schicken. Aus unserem geplanten Treffen würde wieder nichts werden. Es lag nicht nur daran, dass ich viel mit der Recherche beschäftigt war, sondern auch daran, dass sich die Geschehnisse von der südlichen Ostküste aus in den letzten Wochen wie ein Geschwür zu uns ausgebreitet hatten. Immer mehr Gewalttaten wurden gemeldet. Kurz vor Silvester hatte es bereits eine Schlägerei zwischen Vampiren und Zwergen gegeben, die von der sonst so friedlichen Rasse angezettelt worden war. Aber das war nur der Anfang gewesen. Immer mehr Prügeleien oder Angriffe mit Verletzten gab es in der Stadt. Mal waren Menschen die Opfer, mal Übersinnliche. Wir konnten noch keinen der Täter befragen, weil sie sich scheinbar in Luft auflösten.

Neben der Tatsache, dass so gut wie alle Agents des Departments im Einsatz waren, um entweder zu schlichten oder irgendwelchen Hinweisen nachzugehen, hatte Cain auch einige seiner Dämonen auf Spurensuche geschickt. Er nutzte ebenfalls alle Kanäle, die er hatte, aber bisher war es leider noch nicht von Erfolg gekrönt.

Die Stimmung in der Stadt wurde ständig bedrohlicher. Der Council musste sich immer wieder mit menschlichen Politikern, die eingeweiht oder selbst Sehende waren, auseinandersetzen und konnte nur mit Mühe und Not den Konflikt in seiner Hand behalten. Da auch Menschen zu Schaden kamen, wollten viele stärker durchgreifen und gegen die Übernatürlichen vorgehen. Die Bürger der Stadt verstanden nicht, was vor sich ging, aber spürten dennoch die Gefahr, die in der Luft lag und forderten mehr Sicherheit. Wenn sich die Lage weiter zuspitzte, würde es noch zu einem Krieg kommen, denn die friedlichen Übersinnlichen sahen die Beschuldigungen verständlicherweise nicht unbedingt ein. Wir mussten echt Greifbares herausfinden. Alle Versuche, genauere Informationen über Zacks Eltern zu bekommen, waren bisher gescheitert. Und wir wussten noch nicht einmal, ob Bishop nicht in seinen letzten Sekunden nur irgendeinen Stuss von sich gegeben hatte.

Mein Smartphone vibrierte und ich las die kurze Nachricht von Suri. Ich musste grinsen, denn sie passte perfekt zu der Dämonin. Irgendwie sexy und doch zickig: Du weißt ja genau, was dir entgeht. Aber gut, du musst wissen, wenn ich allein ins Bett gehen soll.

»Suri?«, erkundigte sich Cain, da man anscheinend auch in meinem Gesicht lesen konnte, dass die Nachricht nicht von einem Mitglied meiner Familie gewesen war.

Ich nickte und trank noch einen Schluck Wasser. Ich sollte besser aufhören. In den vergangenen vier Stunden hatte ich zweimal pinkeln müssen und auch wenn es langsam taute, angenehm war es definitiv nicht, meinen Schwanz in die Kälte zu halten. »Sie ist nicht unbedingt begeistert.«

Der Dämonenfürst schmunzelte. »Oh ja, sie ist absolut nicht für ihre Geduld bekannt.«

»Da hast du recht«, stimmte ich zu und schaute dann nach draußen in die Dunkelheit. Die Straßenlaternen beleuchteten in diesem Teil der Stadt die Gegend nur spärlich. Es wirkte düster und alles andere als einladend. Der Großteil der Gebäude war mit Graffiti beschmiert und mit dem Tauwetter kam auch der Dreck auf der Straße und die Berge des Silvestermülls wieder zum Vorschein. Kein Wunder, dass kaum Menschen oder andere Wesen unterwegs waren.

Aus dem Auto hatten wir eine schmale Seitengasse sowie zwei Häuser im Blick. Laut eines Informanten würden sich hier immer mal wieder einige der Anführer treffen, die für die steigenden Gewalttaten verantwortlich waren. Nur wir wussten nicht genau, in welchem der Häuser. Wieso auch immer, aber mehr Informationen hatten wir nicht aus ihm herausbekommen. Aus diesem Grund behielten wir nun schon seit Stunden beide im Visier, aber bisher hatte sich noch überhaupt nichts getan. Ich hoffte wirklich, dass sich das heute noch änderte, denn ich hatte wenig Bock von nun an jeden der nächsten Abende hier zu verbringen.

Zuerst hatten wir uns noch unterhalten, aber dann war mir die Lust vergangen. Cain war zum Glück jemand, mit dem man nicht immer reden musste. Er hatte sich irgendwann sein Smartphone geschnappt und, seinem anzüglichen Lächeln zufolge, schrieb er sich wohl mit Zack. Wahrscheinlich machten die beiden sich schon wieder gegenseitig heiß.

Das war neben der Nähe und der Liebe, die ihnen aus den Augen sprach, ein weiterer Grund, dass sie nicht mehr zusammenarbeiteten. Auch wenn sie sich immer professionell verhielten, hatte man doch das Gefühl, dass sich die Luft voller knisternder Erregung auflud. White hatte irgendwann mit der Faust auf den Tisch geschlagen und die beiden damit wirklich überrascht. Sie hatten zwar unter den Dämonen das Gefühl, dass sie immer wieder genauestens beobachtet wurden, besonders weil Suri und Noah ihre heißen Schwärmereien nicht für sich behielten. Dass sie auch für alle anderen sichtbar zu jeder Zeit Sex ausstrahlten, wenn sie zusammen waren, war ihnen nicht bewusst gewesen. Seit dem Ausbruch des Chiefs schon. Ich musste immer noch grinsen bei seinen Worten. »Verdammt, hören Sie verflucht nochmal auf, ihre Sexhormone zu verteilen. Wir können es uns nicht leisten, dass sie damit noch die ganze Belegschaft rattig machen!«

Der Anblick von Zack und Cain war göttlich gewesen. Für einen Moment waren ihnen die Gesichtszüge entgleist, aber dann hatten beide synchron dreckig gegrinst und sich angeschaut. Daraufhin hatte unser Vorgesetzter sie aus dem Büro geschmissen. Dana und ich hatten uns gar nicht mehr eingekriegt. Auch Tai, Brady und Bert hatten sich köstlich darüber amüsiert, waren aber auch ganz froh, dass wir dadurch nicht mehr der dauerhaften erotischen Ausstrahlung zwischen den beiden ausgesetzt waren. Dafür war die Situation zu brenzlig, zu gefährlich. Da konnte im Ernstfall jede Ablenkung zu viel sein und in einer Katastrophe münden.

Ich starrte wieder nach draußen in die Dunkelheit. Es hatte leicht zu nieseln begonnen, so dass der Schnee weiter tauen konnte. Hoffentlich fror es nicht nochmal, dann würde es die reinste Rutschpartie werden. Darauf hatte ich keinen Bock. Wenn wir endlich nach Hause könnten, würde ich einfach nur so schnell wie möglich in mein Bett fallen.

Ein Blick auf mein Smartphone zeigte mir, dass es kurz vor Elf war. Außerdem war eine Nachricht meiner Mutter eingegangen, ob ich morgen zum Essen vorbeikommen wolle. Mir entkam ein Seufzen. Sie fragte mich im Moment fast täglich. Meistens schaffte ich es aufgrund der Arbeit zeitlich nicht, aber vielleicht sollte ich am nächsten Tag mal wieder hinfahren. Ansonsten würde sie wahrscheinlich spätestens in ein paar Tagen vor meiner Tür stehen.

»Sie tun mir fast schon ein bisschen leid«, ergriff Cain in dem Moment das Wort.

Ich schaute ihn fragend an.

Er zeigte mit den Daumen nach hinten, wo, nicht weit von uns entfernt, ein anderes Auto parkte. Es stand exakt seit fünf Stunden dort. Genau wie wir.

Ich zuckte mit den Schultern. »Ganz ehrlich. Ist doch ihre eigene Schuld, wenn sie an unserer langweiligen Observierung teilhaben wollen. Ich zwinge sie bestimmt nicht dazu.« Mein Tonfall klang genervt, denn genau das war ich auch. Ich konnte nirgendwo mehr hingehen, ohne dass mir irgendwelche Schergen von Camille Dubois folgten. Seit der Aktion zwischen den Feiertagen hatte ich sie nicht mehr gesehen, dennoch wurde jeder meiner Schritte überwacht. Mich machte es mittlerweile wütend und ich war schon mehr als einmal drauf und dran gewesen, ihr meine Meinung dazu mitzuteilen.

Einen Augenblick überlegte ich. Ich musste pinkeln, hatte keinen Bock mehr rumzusitzen, war mehr als genervt von der ganzen Situation und hatte zum zigsten Mal meine Verabredung zu atemberaubendem Sex absagen müssen. Kurz, ich war angepisst.

»Ich muss mal«, erklärte ich knapp, als ich nach dem Türgriff langte.

Cain hob fragend eine Augenbraue. Er schien zu bezweifeln, dass das alles war.

Ich grinste nur grimmig und verließ dann das Auto. Zunächst erledigte ich das Notwendige, dann schlenderte ich gemächlich zu den wartenden Vampiren. Es war kalt und nass, aber die Wut wärmte mich von innen.

Sie sahen mir mit gerunzelter Stirn entgegen, aber fuhren das Fenster herunter.

»Jungs, ohne Scheiß, es nervt mich! Ich habe keine Lust mehr, ständig jemanden von eurer Sippschaft zu sehen. Sagt das Camille gefälligst.«

Einer der beiden wollte das Wort erheben und wahrscheinlich alles abstreiten, aber ich donnerte mit der flachen Hand auf das Dach des Autos. »Wirklich, es reicht. Ich weiß, wieso sie so besorgt ist, aber ich kann verdammt nochmal allein auf mich aufpassen. Wenn ich noch ein Mal jemanden von euch in meiner Nähe sehe, werde ich echt ungemütlich. Das könnt ihr ihr ausrichten«, knurrte ich und entfernte mich langsam. »Schönen Abend noch!«

Ich ging locker zurück zu Cains Wagen, aber vernahm noch die französischen Flüche der Vampire. Das entlockte mir ein Grinsen und gleichzeitig ein Kopfschütteln. Hatten sie wirklich gedacht, dass ich ihre Beschattung nicht bemerken würde? So dumm konnten die doch nicht sein.

Als ich wieder im Warmen saß, schmunzelte Cain. »Geht es dir jetzt besser?«

Meine Augen leuchteten auf. »Definitiv.«

Der Fürst der Dämonen lachte. »Anscheinend hat deine Ansprache Früchte getragen«, erklärte er amüsiert, als er auf den Wagen deutete, der gerade an uns vorbeifuhr und sich langsam in der Dunkelheit entfernte.

»Zum Glück, die sind mir wirklich auf die Eier gegangen. Ich hatte das Gefühl, ich konnte ja noch nicht mal mehr alleine pissen gehen.«

Erneut lachte Cain leise. »Mexikanisches Temperament«, murmelte er belustigt.

Ich grinste ihn an. »Da solltest du mal meine Mutter oder Großmutter erleben. Mit Rosa und Lupita will sich niemand anlegen.«

»Das kann ich mir vorstellen. Ich hoffe, dass ich sie eines Tages kennenlerne«, erklärte er.

Ich schaute ihn überrascht an. Damit hatte ich nicht gerechnet. Immerhin sahen viele Angehörige unserer Rassen die anderen als Feinde an.

»Hey, da musst du gar nicht so gucken. Zack hat mir schon viel von deiner Familie erzählt und ich bin einfach neugierig«, gestand er.

»Meine Mutter würde sich bestimmt freuen«, gab ich nur zurück und verdrehte die Augen. »Sie liebt es, ein volles Haus zu haben und bewirtet für ihr Leben gerne Gäste.«

Cain schaute für einen Moment nach draußen in den kalten Nieselregen. »Es muss schön sein, so eine Familie zu haben«, meinte er leise.

Ich schlug mir innerlich gegen die Stirn. Verdammt, ich vergaß immer wieder, dass der Dämonenfürst keine Eltern mehr hatte. Dass er sogar dazu gezwungen gewesen war, seinen eigenen Bruder zu töten. Es musste scheiße für ihn sein, wenn ich von meiner Familie erzählte. Er wirkte jedoch niemals so, als ob ihm etwas fehlen würde. Er hatte seine Dämonen, die ihm eine Art Familie waren. Und jetzt auch noch Zack. Dennoch war er ganz anders aufgewachsen als ich.

»Im Großen und Ganzen ist es das auch«, entgegnete ich ebenso ruhig. Es stimmte: Egal wie schwierig es mit meinen Bruder Ramon oder meinen Cousins Hector und Luis war, insgesamt liebte ich meine Familie und würde nicht ohne sie sein wollen. In diesem Moment bekräftigte sich nochmal mein Entschluss, morgen zu ihnen zu fahren.

Wir schwiegen beide eine Weile und hingen unseren Gedanken nach. Zwischendurch musterte ich den Dämonenfürsten, aber er schien nicht mitgenommen zu sein.

»Jetzt mach dir keine Gedanken, ist alles kein Thema mehr«, knurrte er, nachdem ihm mein Blick aufgefallen war.

Ich zuckte mit den Schultern, weil ich nicht wusste, was ich erwidern sollte. Er sagte die Wahrheit, da war ich mir sicher. Ich schaute noch einmal kurz auf mein Smartphone, Viertel vor zwölf. Mist, die Zeit verging aber auch wirklich nicht. Ich trank noch einen Schluck.

»Dir ist schon klar, dass du dann gleich wieder pissen musst«, machte mich Cain auf das Unausweichliche aufmerksam. Er grinste belustigt.

»Ach, halt doch die Klappe«, gab ich nur zurück, denn das ruhige Herumsitzen war nun mal so gar nicht meins. Ich war genervt und brauchte etwas zu tun.

Cain lachte und schüttelte amüsiert den Kopf. »Ich habe dich gewarnt.«

Ich wollte gerade etwas erwidern, da spürte ich auf einmal ein seltsames Gefühl im Nacken. Instinktiv spannte ich mich an. Wir waren nicht mehr allein.

»Cain, merkst du das auch?«

Der Dämonenfürst nickte. Seine Miene hatte sich verdüstert. »Ja, wir werden beobachtet.« Er blickte angestrengt nach draußen.

Ich tat es ihm gleich, aber mit den durch die Tropfen nassen Scheiben gab es keine klare Sicht nach draußen. Wenn jetzt direkt jemand an uns vorbeilaufen würde, könnte man ihn gut erkennen. Aber wenn wir aus dem Verborgenen beobachtet wurden, würden wir ihn oder sie so nicht sehen können.

»Kannst du etwas wahrnehmen?«

Ich konzentrierte mich auf meine Sinne. Wir Vampire wurden durch Blut angezogen. Deshalb konnten wir spüren, wenn Lebewesen, durch die der Lebenssaft hindurchfloss, in der Nähe waren. Es dauerte einen Moment, aber dann bemerkte ich es.

»Auf der anderen Straßenseite. Müsste irgendwo in den Hauseingängen sein«, erklärte ich und deutete mit der Hand in die Richtung, in der ich jemanden vermutete. »Ansonsten sind noch irgendwelche Viecher unterwegs und ein Mensch ist gerade in ein Haus gegangen.«

»Okay, das sehen wir uns mal an.« Entschlossen stieg Cain aus dem Auto und schaute sich um. Die Straße war wie leergefegt.

»Verdammter Dämon«, fluchte ich leise, weil er nicht auf mich wartete. Ich stieg ebenfalls aus und dann nahm ich es noch stärker wahr. Mein Instinkt sagte mir, dass unser heimlicher Beobachter gefährlich war. Ich legte die Hand an meine Waffe und umrundete schnell das Auto. Leider fuhr in diesem Moment ein Van vorbei, sodass ich warten musste. Mir entkam erneut ein Fluch, als mich das Auto mit dem Schneematsch nass machte. Mein Blick ging zu Cain, der stehengeblieben war. Ich bemerkte, die Anspannung in seinem Körper. In der Sekunde löste sich ein Mann aus einem der Hauseingänge.

»Das hat aber lange gedauert«, drang die Stimme zu mir herüber, obwohl er nicht laut sprach. Sie war tief, volltönend und doch irgendwie kalt. »Du lässt nach, Cain.«

Irritiert hielt ich inne. Er kannte den Fürsten, der sich entspannte. Er schien unseren Beobachter nicht mehr als Bedrohung einzustufen. Sein Tonfall zeigte deutlich, dass er sich freute. »Jar! So sieht man sich wieder.«

Verflucht, bei dem Namen klingelte etwas bei mir. Ich lief über die Straße und dabei fiel es mir wieder ein. Es war ein Typ mit dem Cain mal vor Ewigkeiten was gehabt hatte. Er war plötzlich im Club aufgetaucht und niemand von uns wusste, was er genau hier wollte. Zack hatte sich mehr als einmal über ihn aufgeregt, aber immer, wenn der Magier in der Nähe gewesen war, war der Dämon wieder verschwunden. Jetzt war ich echt neugierig.

»Ich dachte wirklich, dass ihr schneller bemerkt, dass ihr beobachtet werdet. Ich musste mich jetzt schon ordentlich regen, damit es euch klar wird«, ergriff Jar erneut das Wort. Seine Stimme klang abfällig und ich spannte mich weiter an. Keine Ahnung warum, aber es ärgerte mich, dass ich ihn immer noch nicht richtig erkennen konnte.

»Ach, gib nicht so an. Du konntest dich damals schon richtig gut tarnen, sodass dich niemand entdeckt hat«, gab Cain lapidar zurück und grinste dann breit.

Oh Mann, Zack wird echt angepisst sein, dass er jetzt nicht da ist, schoss mir in den Sinn und ich musste schmunzeln. Ich konnte mich auf das Schauspiel zwischen den beiden freuen.

Ich trat neben Cain und betrachtete den Dämonen, der nun unter einer Laterne zum Stehen kam. Fuck, der Typ war gefährlich. Das konnte ich sofort erkennen. Er musste schwarze lange Haare haben, die er zu einem Man Bun trug. Die Seiten waren raspelkurz. Die dicke, unförmige Jacke verhüllte seine genaue Statur, aber es war eindeutig, dass er breit und groß war. Etwas größer als ich. Die langen Beine steckten in einer abgewetzten schwarzen Lederhose. Aber die beiden auffälligsten Merkmale waren seine mandelförmigen Augen, die rot leuchteten, und die Zeichnungen, die seine sichtbare Haut schmückten. Er lächelte Cain an und es war zu erkennen, dass er sich freute, ihn zu sehen.

Dennoch blieb ich angespannt. Neben der Freude wirkte er kühl und distanziert und das Lächeln erreichte seine Augen nicht. Er sah aus wie der wandelnde Widerspruch zwischen Gefahr und Heiterkeit. Warum auch immer, aber irgendwie faszinierte mich das.

»Es ist lange her, Cain«, bemerkte er.

»Zu lange, Mann!« Der Dämonenfürst überwand den Abstand zwischen ihnen und zog den gleichgroßen Mann an seine Brust.

Der grinste nur süffisant. »Du hattest ja auch die ganze Zeit deinen persönlichen Bodyguard bei dir, der mich wahrscheinlich nur zu gerne kalt gemacht hätte.«

»Das ist bei Zack nicht auszuschließen«, gab Cain lachend zurück und löste sich wieder.

Ich musste ebenfalls schmunzeln, denn Jar hatte meinen Teamleiter gut eingeschätzt. Dann deutete Cain auf mich. »Das ist mein Kollege und Freund Agent Luca Garcia.«

Seine roten Augen fixierten mich. Bohrten sich in mich. Als würden sie mich durchleuchten wollen. Als würde er so einschätzen können, ob ich eine Gefahr darstellte und er mich angreifen sollte.

So gelassen wie möglich erwiderte ich den Blick, aber spürte eine Gänsehaut über meinen Rücken laufen. Ich sah gut aus und wurde deswegen häufig angeschaut. Doch niemals zuvor so eindringlich. Mit so einer Intensität. Mit so einer Wucht, die mich irgendwie aus dem Gleichgewicht brachte. Dabei war ich mir noch nicht mal sicher, in welche Richtung es tendierte. War es Anziehung? War es Ablehnung? Ich hatte keinen Plan.

»Luca«, wiederholte er meinen Namen und das eine Wort aus seinem Mund machte irgendetwas mit mir. Ich war perplex, erstarrt unter dem eindringlichen Blick. Die roten Augen wanderten langsam über meinen Körper. Ich hatte das Gefühl, sie leuchteten kurz auf. »Es freut mich, dich kennenzulernen.« Seine Stimme klang noch tiefer. Ich musste ein Schaudern unterdrücken. Gleichzeitig war ich vollkommen verwirrt, was gerade passierte.

»Vergiss es, ich denke nicht, dass du eine Chance bei ihm hast«, riss Cain ihn aus seiner fast schon unverschämt langen Musterung. Die Stimme des Dämonenfürsten klang amüsiert, aber ich verstand nicht wirklich, was er meinte. Konnte in diesem Moment nicht klar denken und verfluchte mich und meine Reaktion.

»Das werden wir sehen«, raunte Jar leise, aber ließ mich nicht eine Sekunde aus den Augen. Die Heftigkeit des Blickes verunsicherte mich und ich bekam kein Wort heraus. Verdammter Mist, konnte der einen hypnotisieren? Warum auch immer, ich starrte diesen Mann vor mir an. Konnte ebenfalls nicht aufhören. Es war ein Gefühl, das ich nicht mal ansatzweise einordnen konnte. Als wäre er ein Unfall, bei dem man nicht wegsehen konnte.

Es kam mir vor, als würde Bedauern in seinen Augen aufblitzen, als er unseren Blickkontakt löste. Er wandte sich wieder an Cain. Schien es auf einmal eilig zu haben. »Hier passiert nichts mehr. Seit vier Wochen war ich jeden Abend und jede Nacht an diesem Ort, aber niemals ist jemand gekommen. Ich bin mir sicher, dass ihr falsch informiert wurdet. Oder sie schon vor einiger Zeit den Treffpunkt aufgegeben haben.« Er deutete auf eines der heruntergekommenen Häuser, die wir im Blick gehabt hatten.

Seine Worte rissen mich endlich aus meiner Starre. »Verdammte Scheiße!«

Die Lippen von Jar verzogen sich zu einem Grinsen bei dem Fluch. »So könnte man es sagen, ja.«

Ich war echt sauer, dass wir anscheinend unsere Zeit vergeudet hatten, aber bei seinen Worten konnte ich nicht anders. Meine Mundwinkel zogen sich automatisch nach oben.

In seinen roten Augen leuchtete es auf. Allerdings nur für eine Sekunde. Dann wirkte es so, als würde sich eine abweisende Maske über sein Gesicht legen. »Wie gesagt, ihr könnt weiter in dem Auto hocken oder lieber anderen Spuren nachgehen.« Er warf mir noch einen Blick zu, der nicht weniger intensiv, aber gleichzeitig kalt war. Dann wandte er sich zum Gehen.

»Warte mal, Jar«, hielt Cain ihn auf. »Meinst du nicht, wir sollten uns endlich mal in Ruhe unterhalten?«

Der Dämon seufzte und schaute einen Moment die dunkle Straße entlang. Regentropfen liefen über sein markantes Gesicht, aber das schien ihn nicht zu stören. »Ich denke auch, dass es einiges zu besprechen gäbe«, erwiderte er nur kryptisch. Drehte sich dann ohne einen weiteren Blick weg und verschwand mit enormer Geschwindigkeit.

Ich starrte völlig perplex auf die Stelle, an der Jar eben noch gestanden hatte.

»Hey Mann, kannst du dich nicht losreißen?« Cain lachte kurz auf und ich bemerkte, dass er zum Auto zurücklief.

Als wäre ich aus einer Trance erwacht, schüttelte ich den Kopf über mein bescheuertes Verhalten. Ich bemerkte, dass ich vollkommen durchnässt war und fluchte, als ich dem Dämonenfürsten schnell ins Trockene folgte.

Cain musterte mich aufmerksam. »Er ist interessant, oder?«

Ich runzelte die Stirn. Der Typ war eindeutig gefährlich, wenn auch auf irgendeine Art und Weise faszinierend, das musste ich zugeben. Er schien so widersprüchlich zu sein. Auf der einen Seite warm, wie bei der Freude Cain wiederzusehen, auf der anderen Seite abweisend und kühl. Mir war auch aufgefallen, dass er ziemlich gut aussah. Allerdings schien Cain mit seinen Worten etwas anderes zu meinen. Sein Blick war auf jeden Fall eindringlich. Von der Intensität nicht mit der von Jar zu vergleichen, dennoch beobachtete er mich genau. »Ich finde, er sieht echt heiß aus, oder?«, hakte er nach.

Langsam dämmerte mir, worauf er anspielte und ich verdrehte die Augen. »Nicht ernsthaft, oder?«

»Was denn?«, tat der Dämonenfürst ganz unschuldig.

Ich lachte auf. »Du willst wohl aus den Superplus eine queere Einheit machen?«, zog ich ihn auf.

Er zuckte mit den Schultern. »Wieso nicht?«

»Ich glaube, da hat Bradys Frau etwas dagegen«, gab ich nur trocken zurück.

Cain kratzte sich am Kinn. »Da könntest du natürlich recht haben. Aber jetzt mal im Ernst, er sieht doch gut aus, oder?« Seine grünen Augen funkelten herausfordernd.

Ich begegnete dem Blick gelassen. Innerlich war ich durcheinander, aber ich schaffte, es mir nicht anmerken zu lassen. »Ja, er ist attraktiv. Genau wie du und auch wie Zack. Dana und Suri ebenfalls und wenn du möchtest, kann ich noch weitere nennen.« Ich tat so, als müsste ich einen Moment nachdenken. »Ah ja, Noah ist auch auf seine Art heiß und Linda vom Empfang hat auch was für sich.«

Der Dämonenfürst lachte auf. »Okay, sorry, ich habe verstanden. Er hat dich nur so gemustert. Also, er war auf jeden Fall an dir interessiert.«

Ich starrte ihn ungläubig an, aber bevor ich etwas erwidern konnte, klingelte mein Smartphone. Ein Blick auf das Display zeigte mir, dass die Nummer unterdrückt wurde. Mit gerunzelter Stirn ging ich ran.

»Agent Garcia«, meldete sich eine kalte Frauenstimme, die ich sofort zuordnen konnte. Die Vampirbitch. Ich blickte zu Cain und formte mit meinen Lippen ihren Namen. Er verzog abfällig das Gesicht.

»Ms. Dubois, woher haben Sie meine Nummer?«, begann ich und nahm die Frage sofort wieder zurück. »Nein, antworten Sie nicht. Ich bin mir sicher, dass Sie es mir sowieso nicht sagen werden. Von daher kommen wir doch gleich zum Wesentlichen: Was wollen Sie?«

Der Dämonenfürst zog überrascht die Augenbraue hoch bei meinem schroffen Tonfall. Ich konnte sonst wirklich höflich sein. Aber ich war innerlich immer noch verwirrt und sah rote eindringliche Augen auf mir ruhen, da stand mir nicht der Sinn nach irgendwelchen Floskeln.

»Erst einmal wünsche ich Ihnen einen guten Abend«, vernahm ich sofort die pikierte Stimme von Camille. Ich verdrehte die Augen, auf so einen Mist hatte ich erst recht keinen Nerv.

Cain hatte ihre Worte anscheinend gehört und meine Reaktion darauf gesehen. Er grinste belustigt. Sie war ihm, wie uns allen, ein Dorn im Auge. Ihr Hausarrest war nach dem Mord an Bishop weiter verschärft worden. Sie durfte nicht mehr allein Besuch empfangen und ihre Telefone wurden abgehört. Sie hatte sich bei White beschwert, der jedoch keinerlei Einsehen gezeigt hatte. Auch wenn ihr Motiv vielleicht nachvollziehbar war, hatte sie einen Unbewaffneten einfach vorsätzlich angegriffen und getötet. Wir alle hassten Bishop, aber er hatte Informationen gehabt, die uns nun fehlten. Aus diesem Grund war niemand im ganzen Department gut auf die Vampirbitch zu sprechen und wir warteten alle mit Spannung auf den Beginn des Prozesses im Council.

»Und dann möchte Ihnen mitteilen, dass ich zutiefst enttäuscht bin, dass Sie meinen Schutz nicht zu schätzen wissen. Agent Garcia, anscheinend wissen Sie von der Prophezeiung. Wir möchten nicht, dass Ihnen etwas passiert. Wenn der Feind ebenfalls davon erfährt, sind Sie in großer Gefahr«, erklärte sie besorgt.

Ich kaufte ihr die Beunruhigung um meine Person nicht eine Sekunde ab. Wenn man sich eines bei Camille Dubois sicher sein konnte, dann, dass sie immer nur in ihrem Sinne handelte. Vielleicht noch für ihre Partnerin Danielle oder ihren Bruder Laurent. Aber ansonsten kannte ich kaum jemanden, der so egoistisch war, wie die Fürstin der Vampire.

»Ja, ich weiß von der Prophezeiung. Von daher weiß ich auch, was mir bevorsteht. Ich bin vielleicht nicht so alt wie Sie, aber ich bin kein kleiner Junge mehr. Ich bleibe bei meinen Worten, wenn ich noch einmal französische Vampire in meiner Nähe bemerke, die nicht auf meinen ausdrücklichen Wunsch da sind, werde ich wirklich ungemütlich«, gab ich kalt zurück. Ihr war nicht eine Sekunde zu trauen und mein Instinkt sagte mir, dass ich ohne ihren vermeintlichen Schutz besser dran war.

»Aber Agent Garcia, verstehen Sie –«, begann sie erneut. In ihrer Stimme schwang bereits leiser Zorn mit, aber mir reichte es ebenfalls. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Cain nach seinem Smartphone griff und eine Nachricht las. Er runzelte dabei angespannt die Stirn und startete den Wagen. Das schienen schlechte Neuigkeiten zu sein. Verdammt, was war das nur für eine beschissene Nacht.

»Ich habe jetzt keine Zeit mehr«, unterbrach ich Camille rüde. »Sie wissen, dass ich meine Ruhe will und um des lieben Friedens Willen, halten Sie sich verflucht nochmal daran.« Dann legte ich auf und mein Blick ging sofort zu dem Dämonenfürsten. »Was ist los?«

Cain fuhr sich durch seine kurzen dunklen Haare und stellte dann den Scheibenwischer höher, um besser sehen zu können. »Wir sollen nochmal ins Department kommen, wenn wir können. Tai und Brady sind zurück. Da wir hier scheinbar kein Glück mehr haben werden, dachte ich mir, dass es dort deutlich interessanter sein könnte.«

Da hatte er recht. Die beiden Kollegen waren unterwegs auf den Spuren von Zacks Leben gewesen, um nach Hinweisen zu seinen leiblichen Eltern zu suchen. Allerdings war ich mir nicht ganz sicher, was unsere Beschattung betraf. »Meinst du, wir können den Informationen von Jar trauen?«

Cain nickte, ohne eine Sekunde darüber nachzudenken. »Er ist ein eher ruhiger und abweisender Typ, aber er ist einer von den Guten«, fasste er seinen Eindruck zusammen.

Einer von den Guten, wiederholte ich innerlich. Da war ich mir noch nicht so ganz sicher, aber wenn der Dämonenfürst ihm in dem Fall traute, sollte es mir recht sein. Ich hatte definitiv kein Problem damit, nicht länger im Auto Däumchen zu drehen. Rote Augen, die abweisend und kalt waren, kamen mir wieder in den Sinn, genau wie ein freudiges Lächeln. Es war ein Widerspruch.

Verdammt, verpiss dich, fluchte ich gedanklich und schob Jars Bild weg. Hoffentlich gab es endlich mal erfreuliche Neuigkeiten. Die konnten wir echt gut gebrauchen.


 

11. Februar

 

»Langsam reicht es mir echt, soll doch jemand anderes diesen verdammten Job machen! Ich hätte auch gerne mal Feierabend! Es ist jetzt halb eins, mitten in der Nacht!«, brüllte der Chief, als wir aus dem Fahrstuhl stiegen. Er beachtete uns nicht weiter, sondern lief direkt in die offene Kabine. Dabei zog er sich das Jackett an.

Cain und ich wechselten einen fragenden Blick. Das sah nicht unbedingt nach guten Neuigkeiten aus. Mit langen Schritten gingen wir in Richtung unseres Büros. Ein Kollege kam uns entgegen und grüßte knapp.

»Hey, was ist denn hier los?«, fragte ich ihn gleich, bevor er weiter hasten konnte. Soweit ich wusste, war er in der Einheit für Verbrechen der Faune. Eigentlich eine der Truppen, die eine recht ruhige Kugel schieben konnten. Diese Übernatürlichen waren normalerweise friedlich und selten in der Stadt. Aber anscheinend war im Moment gar nichts mehr normal.

Er zuckte mit den Schultern. »Wir haben keinen Schimmer. Auf einmal hat sich mitten in einem kleinen Café ein Spalt aufgetan, als ob ein Erdbeben diesen Riss verursacht hätte. Einige Menschen sind hineingestürzt. Zum Glück ist niemand schwer verletzt, aber der Polizeidirektor hat jetzt nicht nur unsere Einheit, sondern auch White angefordert. Der ist wohl stinksauer, weil sie wieder davon ausgehen, dass wir dahinterstecken, denn es wurden keinerlei Erdstöße registriert, außer in dem winzigen Bereich des Cafés.«

Ich seufzte. So ein verdammter Mist! Nicht noch ein Verbrechen, bei dem Menschen und Wesen zu Schaden kamen. Jede Gewalttat war ein weiterer Tropfen in das Fass, das bald überlaufen würde.

Mit düsteren Gedanken gelangten wir in das Großraumbüro der Superplus, an dessen Besprechungstisch in der hinteren Ecke bereits Dana, Zack, Tai und Brady saßen. Schon ein Blick von weitem in die Runde und es war klar, dass wir mit zusätzlichen schlechten Nachrichten rechnen konnten.

»Und sie sind wirklich alle tot?«, hakte mein bester Freund in dem Moment noch einmal nach und schaute die beiden Kollegen fassungslos an, als könnte er nicht glauben, was sie berichtet hatten.

Brady nickte bedauernd. Ich spannte mich weiter an. Egal, wer tot war, in der momentanen Situation konnte es nicht gut sein.

»Was meint ihr damit?«, mischte sich Cain direkt ein, als wir näherkamen.

Zack drehte sich zu seinem Dämon um und nickte ihm kurz zu. Dennoch blitzte die Freude in seinen Augen auf. Ich fand es faszinierend, die beiden zu beobachten. Irgendwie wurden ihre Mienen weicher, sobald sie sich sahen. Naja, solange sie sich nicht stritten.

»Hi, warum seid ihr schon da?«, begrüßte er uns. Mein bester Freund sah ziemlich müde aus. Als ich in die Runde schaute, war das Bild dasselbe. Alle Kollegen sahen frustriert und erschöpft aus. Besonders Tai und Brady machten den Eindruck, dass sie gleich im Stehen einschliefen. Verständlich, sie waren wahrscheinlich den ganzen Tag auf den Beinen gewesen und dann noch die lange Strecke zurückgefahren, um uns umgehend Bericht zu erstatten.

Ich setzte mich zu ihnen an den Tisch und griff als Erstes nach der Kaffeekanne. Nachdem ich versorgt war und Cain auch etwas eingeschenkt und ihm die Tasse zugeschoben hatte, erklärte ich schnell: »Uns wurde gesagt, dass der Treffpunkt, den wir observiert haben, wohl aufgegeben wurde.«

Zack runzelte die Stirn. »Okay, und von wem habt ihr die Info?«

Ich wollte gerade antworten, aber da mischte sich Cain ein. »Später. Erstmal möchte ich wissen, wer tot ist.«

Meine Lippen wollten sich zu einem Grinsen verziehen, denn ich kannte meinen besten Freund durch die vielen Jahre der Zusammenarbeit gut. Genau wie ich es vermutet hatte, stand in seinen Augen der Argwohn. Es war klar gewesen, dass er sofort misstrauisch werden würde, wenn Cain das Thema so schnell wechselte.

Die beiden starrten sich einen Moment an. Keiner bewegte die Lippen und doch kam es mir so vor, als würden sie miteinander kommunizieren, denn nach einem kurzen Augenblick nickte Zack unzufrieden. Dann schaute er zu Brady und Tai. »Habt ihr noch was? Ansonsten könnt ihr auch nach Hause fahren.«

Das Gesicht des älteren Dämons verzog sich zu einem müden Lächeln. Sofort stand er auf. »Nee, ich glaube, das war alles, oder?« Er schaute zu dem jüngeren Magier, der einen Moment nachdachte und dann den Kopf schüttelte. »Ich denke schon, mir fällt auf jeden Fall gerade nichts mehr ein.« Er fuhr sich kraftlos über das Gesicht. »Aber vielleicht nach einer Mütze Schlaf, wer weiß. Wenn es so sein sollte, gebe ich Bescheid und nehme es in den Bericht mit auf.«

»Okay, danke Jungs, dass ihr das gemacht habt. Dann haut mal ab und ich will euch vor morgen Nachmittag auf keinen Fall hier sehen.«

Der eher mürrische Brady nickte auf einmal eifrig. Man spürte, dass er dringend Zeit mit seiner Familie brauchte. Zack und ich hatten uns schon mehrmals gefragt, wie lange er noch bei den Superplus bleiben würde. Er machte seinen Job gut, aber ihm blieb zu wenig Zeit für seine Frau und die gemeinsame Tochter. Es wäre nur zu verständlich, wenn er irgendwann die Einheit wechseln würde. Allerdings hoffte ich sehr, dass es nicht zum jetzigen Zeitpunkt so weit wäre. Im Moment brauchten wir jeden Mann, den wir bekommen konnten.

Als die beiden ihre Sachen zusammenpackten, schaute Cain ungeduldig wieder zu Zack. »Also, wer ist denn nun verdammt nochmal tot?«

»Alle«, erklärte Dana grimmig.

Ich zog die Augenbraue fragend hoch. »Okay«, sagte ich bedächtig und blickte die beiden abwartend an, »würdet ihr das vielleicht erklären?«

Zack fuhr sich durch die Haare. Er war aufgewühlt. »Es ist genau, wie Dana es gesagt hat. Alle. Jeder, der in der Vergangenheit mit mir in Verbindung gestanden hat, ist tot. Die Oberin in dem Kinderheim. Einige der Schwestern, die ich noch kannte. Die Freunde meiner Pflegeeltern. Alle aus meinem Vorleben sind nicht mehr am Leben.«

»Scheiße!«, fluchte ich. Das klang nicht so, als ob es ein Zufall wäre.

»Und lasst mich raten, nicht alle sind eines natürlichen Todes gestorben?«, mutmaßte Cain. In seinen Augen funkelte es düster.

»Der Kandidat hat hundert Punkte«, bestätigte die Dämonin müde. »Bei der Oberin und einem der Freunde scheint es einfach Altersschwäche bzw. eine Krankheit gewesen zu sein. Aber bei den anderen ist es sehr auffällig. Verschiedene Unfälle mit Auto, Boot oder Feuer, dann ein tödlicher Überfall. Nirgendwo gibt es einen Verdächtigen, geschweige denn einen Täter.«

Der Dämonenfürst atmete tief durch. Ich konnte sehen, dass er um Beherrschung rang. Wir alle wussten, was das zu bedeuten hatte: Jemand hatte die Spuren verwischen wollen. Wollte vielleicht sogar Zack auslöschen.

»Fuck«, murmelte ich. Noch ein verfluchtes Problem, das wir nicht gebrauchen konnten.

Zack und Cain sahen sich an, als ich zu ihnen schaute. In beiden Gesichtern tobten die Emotionen. Sorge, Wut, Frustration und gleichzeitig Liebe. Mir war klar, dass wir alle eine Pause brauchten. Was für ein Scheißtag!

Unser Teamleiter fuhr sich über das Gesicht. »Tai und Brady bleiben dran. Sie haben alle Akten angefordert und werden die genauestens prüfen. Vielleicht erfahren wir dadurch etwas Neues.« Dann blickte er Cain an. »Okay, mir reicht es mit dem Thema für heute. Und ich will ins Bett. Also, was war bei euch los? Wer hat gesagt, dass ihr keinen Erfolg haben werdet?«

Mir wurde klar, wie k.o. mein bester Freund sein musste, wenn er das Wort Bett ganz ohne eine zweideutige Bemerkung nutzte.

»Jar«, erklärte der Dämonenfürst.

Zack schnaubte. »Schon wieder der Idiot.«

Es war nicht schwer zu sehen, dass sich allein bei dem Namen die Eifersucht in ihm regte. Und ganz unverständlich war es nicht, der Typ sah nun mal echt gut aus.

Die blauen Augen meines Teamleiters blitzten verärgert. »Hat er sich gefreut, dich endlich mal ohne mich zu treffen?«

Cain konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. »Du Spinner«, raunte er. Automatisch war seine Stimme tiefer, weicher, sinnlicher geworden. Ihre Blicke trafen sich. Die Stimmung begann zu knistern. Ich verdrehte die Augen, es ging schon wieder los.

Normalerweise freute ich mich für sie, aber heute hatte ich darauf keinen Bock mehr. Es war mittlerweile nach eins. Ich wollte nach Hause. Außerdem wurde es langsam mal Zeit, dass ich wieder Blut trank. Ich hatte zwar auch Reserven vor Ort, aber der größere Vorrat lag im Kühlschrank meiner Wohnung.

»Okay, können wir das Eifersuchtsding überspringen?«, meldete ich mich zu Wort.

Cains Lächeln wurde noch breiter. »Sehr gerne. Wobei es nichts gibt, worauf er eifersüchtig sein kann, denn ganz ehrlich, wenn Jar an jemandem Interesse gehabt hat, dann an unserem lieben Agent Garcia.«

Zack riss überrascht die Augen auf, was mich ja fast schon ein bisschen beleidigte. »Echt jetzt? Er hat Luca abgecheckt?«

»Ey Mann, was soll der Scheiß denn? Als ob es so verwunderlich wäre.« Ich zeigte meinen besten Freund den Mittelfinger, der mich nur auslachte.

Okay, mir reichte es. Ich konnte mir nicht mal ansatzweise vorstellen, dass Jar mich wirklich so angesehen hatte. Das hätte ich doch gemerkt. Ich kannte es, wenn mich Frauen oder auch manchmal Männer abcheckten. Das hatte er nicht getan. Aber auch wenn es so wäre. Ich hatte in diesem Moment keine Lust mehr auf die blöden Sprüche von Zack. »Ihr könnt das ja ohne mich klären. Ich muss morgen zu einem Familienessen«, erklärte ich nur knapp und rang mir für Dana ein Lächeln ab, das sie freundlich erwiderte.

»Mann, jetzt hab dich doch nicht so. Natürlich siehst du toll aus«, witzelte unser Teamleiter in dem Moment.

»Halt die Klappe«, knurrte ich nur leise und schnappte mir meine Jacke, um das Büro zu verlassen. Zack rief mir irgendetwas hinterher, aber ich vernahm auch noch Cains Stimme. Mir war es in dem Moment egal. Ich hatte die Schnauze voll für heute.

 

Zu Hause stärkte ich mich nur noch kurz und fiel dann ins Bett. Als ich die Augen schloss, sah ich kurz das Bild roter mandelförmiger Augen vor mir. Lippen, die sich zu einem Lächeln verzogen. Regentropfen, die über glatte Haut voller geschwungener Linien lief. Bevor ich mich jedoch darüber wundern und ärgern konnte, war ich bereits eingeschlafen.

 

Das Klingeln meines Smartphones riss mich aus dem Schlaf. Ich hatte das Gefühl, ich hatte gerade erst die Augen zugemacht und stöhnte genervt. Ich angelte nach dem Störenfried auf dem Nachttisch und stellte mit Erschrecken fest, dass es bereits 11 Uhr war. Da war der Schlaf wohl nötig gewesen. Das Display zeigte mir an, dass mein bester Freund anrief. Bestimmt wegen heute Nacht.

»Morgn«, nuschelte ich, als ich das Gespräch annahm.

»Guten Morgen«, wurde ich lautstark begrüßt. Ich seufzte nur. Langsam setzte ich mich auf und fuhr mir mit der freien Hand übers Gesicht. Ich brauchte unbedingt Kaffee.

»Warum hast du denn so gute Laune?«, maulte ich, noch immer nicht wirklich wach.

Zack lachte dreckig. »Ich habe dir doch mal von Cains wunderbarem Weckdienst erzählt. Heute hat er sich echt was Heißes einfallen lassen. Ich pennte noch, als ich plötzlich –«.

Ich stöhnte auf. »Oh Mann, bitte verschon mich mit euren Sexgeschichten! Ich hatte noch nicht mal Kaffee.«

»So ähnlich habe ich auch gestöhnt, als Cain –«

»Zack«, unterbrach ich ihn erneut.

»Okay, okay, ich verstehe schon«, lachte mein bester Freund und wurde dann ernst. »Hey, wegen gestern. Ich meinte das nicht –«

»Kein Thema«, entzog ich ihm wieder das Wort. »Ich war einfach nur müde und genervt. Ich weiß, dass es nicht gegen mich gerichtet war.«

»Genau, schließlich bist du echt ein Süßer«, zog er mich gleich auf und ich rollte mit den Augen. Dann fuhr ich mir durch meine dunklen Locken, in der Hoffnung, sie irgendwie zu bändigen. Natürlich hatte ich keine Chance.

Nur mit Pants bekleidet tapste ich, mit Zack am Ohr, in die Küche und stellte den Kaffeevollautomaten an.

»Du kommst dann heute nicht mehr rein?«, erkundigte sich mein bester Freund in dem Moment, als ich einen großen Becher unter die Düsen stellte und voller Vorfreude auf 'Start' drückte.

Ich ging zurück ins Schlafzimmer und warf einen Blick aus dem Fenster. Es war mal wieder grau und nass. Na wunderbar, dachte ich nur und kramte nach frischen Klamotten, während ich ihm antwortete. »Doch, auf jeden Fall. Ich werde zum Mittag bei meinen Eltern sein und dann gegen späten Nachmittag im Department aufschlagen.«

»Okay, ist gut. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Brady und Tai dann ebenfalls da sein werden. Dann lege ich das Teammeeting auf 17 Uhr. Wir müssen absprechen, wie wir weiter vorgehen nach den Erkenntnissen von gestern.«

Ich brummelte zustimmend und konnte dann endlich einen Schluck von dem wunderbar duftenden Gebräu zu mir nehmen. Die ersten Tropfen waren jedes Mal himmlisch. Ich liebte Kaffee und bestellte mir immer eine italienische Röstung im Internet. So wie es mir damit ging, so war für viele Vampire der erste Schluck Blut nach einer längeren Dürrezeit. Das hatte mir mein Vater mal erklärt. Ich konnte das nicht verstehen. Blut war für mich notwendige Nahrung, die mir natürlich auch schmeckte, aber ich empfand das Trinken keinesfalls als Genuss. Nicht vergleichbar mit einem schönen, heißen, starken Kaffee.

»Und mit dir ist sonst alles in Ordnung?«, hakte Zack noch einmal nach.

Ich zuckte mit den Schultern. »Doch, doch. Es nervt mich einfach tierisch, dass wir nicht weiterkommen. Kaum haben wir einen Schritt gemacht, gehen wir gefühlt wieder fünf zurück. Und die Vampirbitch geht mir mit ihren Handlangern auch auf den Sack.«

Ich hörte ein leises Lachen. »Ja, Cain hat erzählt, dass du ihnen gestern mal die Meinung gegeigt hast. Finde ich gut.«

Wir plauderten noch kurz, während ich den restlichen Kaffee trank. Danach musste ich mich sputen, um pünktlich bei meiner Familie anzukommen.

 

Obwohl ich auf die Sekunde genau war, stand meine Mutter bereits besorgt an der Tür. »Cariño, ich war schon beunruhigt«, begrüßte sie mich und zog mich fest an sich.

»Mamá, alles in Ordnung. Ich bin doch pünktlich. Mach dir lieber Gedanken darüber, ob das Essen reicht. Ich habe richtigen Hunger«, neckte ich sie liebevoll und küsste sie dann auf beide Wangen.

»Mach dich nicht lustig über mich«, meckerte sie, aber drückte mich erneut an sich. Seit meinem Besuch nach Neujahr war sie deutlich anhänglicher als sonst. Es verging kein Tag, an dem sie sich nicht meldete. Ich wusste, dass sie sich nur sorgte, aber es engte mich ein wenig ein. Besonders, weil sie über jeden meiner Schritte informiert werden wollte. Dazu war ich nicht bereit und so hatten wir uns beim letzten Mal zum Schluss noch in die Wolle bekommen. Zum Glück waren wir beiden nicht nachtragend. Es krachte dann einmal ordentlich, aber danach war auch wieder gut.

»Du solltest echt nochmal darüber nachdenken, ob du nicht zu uns ziehst, bis alles vorbei ist. Hier ist es viel ruhiger und alle benehmen sich vollkommen normal«, begann sie wieder mit dem anderen Thema, mit dem sie mich kaum in Ruhe ließ.

Ich verdrehte innerlich die Augen. »Mamá, hast du nicht vielleicht etwas auf dem Herd, was anbrennen kann? Es riecht hier so komisch?« Testweise schnupperte ich in die kalte, feuchte Luft.

Mit einem Fluch stürmte sie hinein und ich folgte ihr langsam. Es roch köstlich, aber ich wollte nicht gleich am Anfang meines Besuchs mit ihr aneinandergeraten. Außerdem hatte ich auf der Fahrt noch einmal über die Worte der Vampirbitch nachgedacht. Sie hatte gesagt, dass ich in Gefahr war, wenn unser Feind von meiner Rolle in dieser kryptischen verfluchten Prophezeiung wüsste. Das würde bedeuten, dass alle Personen in meinem Umfeld derselben Bedrohung ausgesetzt waren. Das wollte ich meiner Familie nicht aufbürden. Es war zwar nicht der einzige, aber für mich ein wichtiger zusätzlicher Grund Rosas Angebot nicht in Betracht zu ziehen.

Nachdem ich die Jacke aufgehängt hatte, ging ich durch den Flur in Richtung Wohnzimmer. Mir kam ein kleiner goldgelockter Wirbelwind entgegen und warf sich in meine Arme. Ich drehte uns einmal im Kreis und begrüßte meine Cousine. »Lupita, schön, dass du auch da bist, Kleine!«

»Hier ist es viel gemütlicher als bei mir zu Hause«, flüsterte sie mir zu und legte dann ihren schmalen Zeigefinger auf die Lippen, als wäre es ein großes Geheimnis.

Ich nickte ernst und marschierte mit ihr zusammen durch das Wohnzimmer zur Küche. Wir saßen meistens dort. Sie war geräumig und hatte einen großen Tisch, an dem ausgezogen 12 Personen Platz hatten. Außerdem hatte Rosa mal gesagt, dass sie so wenigstens alle Gespräche mitbekam, wenn sie noch etwas arbeiten musste. Dieser bunte Raum, der so gut zu meiner Mutter passte, war damit der Dreh- und Angelpunkt im Haus meiner Familie.

Rosa rührte in irgendwelchen Töpfen und drehte sich dann zu mir um. Mit der lilafarbenen Schürze, auf der große gelbe Punkte gedruckt waren, dem blauen weiten Rock und ihrem engen roten Oberteil war sie eindeutig der bunteste Farbklecks in diesem Raum. »Du kleines Schlitzohr«, sagte sie und schwang drohend den Kochlöffel in meine Richtung. »Hier brennt gar nichts an. Du kannst froh sein, dass du unseren kleinen Goldschatz auf dem Arm hast.«

Ich grinste und zwinkerte ihr zu. Rosa wandte sich ab, um noch einmal in den Backofen zu schauen. Dabei hörte ich jedoch, wie sie murmelte: »Kein Wunder, dass er ständig alle Frauen um den Finger wickelt.« Ihre Stimme klang liebevoll.

Ein Räuspern ertönte vom Esstisch und ich schaute hinüber. Da saß meine Großmutter und blickte mich auffordernd an. Ihre zweifarbigen Augen musterten mich aufmerksam, aber sie sagte nichts.

Ich ließ die kleine Lupita nach unten, um der alten Dame, die in ihrem engen schwarzen Jumpsuit und den offenen roten Haaren wirklich gut aussah, meine Aufwartung zu machen. Ich küsste sie auf beide Wangen. Sie starrte mich weiter nur an. Innerlich musste ich grinsen, weil sie ihren Stock umklammert hielt, als würde sie ihn wirklich benötigen.

»Lupitalinda, bist du so nett und sagst allen Bescheid, dass sie zum Essen kommen sollen«, bat Rosa meine kleine Cousine, die sofort abrauschte. Mir drückte meine Mutter einen Stapel tiefe Teller in die Hand und deutete auf den Tisch. »Wir sind noch nicht ganz fertig geworden, bitte deck doch den Rest.«

Während ich die Suppenschüsseln für den köstlich duftenden ersten Gang auf die darunterstehenden Teller stellte, erzählte ich ihnen schnell, dass ich eine Auseinandersetzung mit der Vampirbitch gehabt hatte, weil ich ihre Schatten nicht mehr an mir kleben haben wollte.

Meine Mutter seufzte tief. »Aber Cariño, sie waren ein weiterer Schutz für dich. Woher hast du nur dieses Temperament?«

Ich lachte auf. »Das fragst du nicht wirklich, oder?«

Sie schaute mich einen Moment irritiert an, aber schlug dann mit einem Geschirrhandtuch nach mir. »Sei nicht immer so frech.« Dann wurde sie wieder ernst. »Ich kann sie auch nicht leiden, aber immerhin wusste ich, dass du beschützt wirst, wenn du nicht bei uns bist.«

Ich rollte mit den Augen und ging zum Schrank, um Gläser herauszuholen. »Mach dir keine Sorgen, Mamá. Ich wurde bisher nicht angegriffen und habe nicht das Gefühl, dass ich verfolgt werde. Und auch wenn es so sein sollte: Ich bin nicht wehrlos.« Einerseits liebte ich sie für ihre Sorge, andererseits nervte es mich, dass sie mir anscheinend gar nichts zutraute.

»Aber ich würde ruhiger schlafen, wenn ich wüsste, dass du besser gewappnet wärst. Vielleicht –« Sie unterbrach sich und schaute fragend zu Lupita, die jedoch den Kopf schüttelte.

Ich runzelte die Stirn. Was war das? Bevor ich nachfragen konnte, kamen Pepe und Lorena zu uns. Nach der Begrüßung scheuchte uns Rosa an den Tisch. Da kam auch die kleine Lupita wieder angesaust und schnappte sich den Stuhl neben mir. Nur eine Minute später kam Ramon herein. Sein Blick traf meinen. Wie gewohnt sah ich nur Ablehnung in seinen braunen Augen. Ohne eine Begrüßung setzte er sich auf den freien Stuhl, der nicht für unsere Mutter reserviert war.

»Hallo Ramon«, konnte ich mir nicht verkneifen, als Rosa den großen Topf Suppe auf den Tisch stellte.

»Du mich auch«, murmelte mein Bruder leise. Er schien sauer zu sein. Also noch stinkiger als sonst, aber ich hatte keine Ahnung warum. Bei ihm wusste man das nie so genau. Er trug wieder die übliche Kleidung: Jogginghose und Muskelshirt. Auch seine Haare waren wie immer, sie hingen strähnig herunter und der Bart war gewachsen.

Meine Mutter verteilte großzügig Suppe und ich atmete den leckeren Duft ein. Die Suppe á la Rosa war einmalig. Sie verwendete immer das Gemüse, das gerade da war. So schmeckte sie jedes Mal anders, aber jedes Mal unglaublich gut.

Auch dieses Mal war sie eine Wucht. Beim ersten Löffel seufzte ich zufrieden. Ich konnte auch einigermaßen kochen, aber es war nicht vergleichbar mit ihrem Essen. »Superlecker, Mamá.«

Rosa strahlte erfreut und auch die anderen bestätigten mein Kompliment.

Alle außer Ramon. Seine Miene war noch finsterer geworden, aber er sagte nichts. Ich bemerkte dennoch, dass sein massiger Körper angespannt war.

Während wir alle die Suppe genossen, plauderte meine Mutter begeistert über den Stand der Planung für mein Blutfest. Es war nur noch gut einen Monat hin und sie hatte schon alles durchorganisiert. »Deine Schwester kommt diesmal auch mit ihrem Mann. Auch dein Cousin Sebastían hat mit der Familie zugesagt.«

Ich wollte ihr die Freude nicht verderben und nickte deswegen knapp. Wir hatten dann doch noch einmal die Diskussion über die Feierlichkeiten geführt, besonders als klar geworden war, dass ich aufgrund der steigenden Gewalttaten nicht wirklich mithelfen konnte. Als ich ihr daraufhin das Ganze ausreden wollte, hatte sie davon natürlich nichts wissen wollen. Sie übernehme gerne die Planung und die Vorbereitung, solange ich an dem Tag selbst da wäre und gemeinsam mit der Familie und Freunden feiern würde. Ich hatte mich nach einer weiteren halben Stunde geschlagen gegeben.

Aber als sie in diesem Moment das Fest ansprach, kam mir eine Idee. »Sag mal, Mamá, könnte ich vielleicht noch ein paar Leute einladen?«, fragte ich sie und rollte innerlich mit den Augen. Als wäre ich wieder acht und müsste um Erlaubnis bitten. Allerdings übernahm sie alle Aufgaben, da gebot mir der Anstand, es mit ihr abzusprechen.

In ihren Augen funkelte sofort die Freude über meine Frage. »Natürlich Cariño!«, stimmte sie zu und musterte mich dann neugierig. »Wen hattest du denn im Sinn? Zack?«

Sie liebte meinen besten Freund und machte sich wahnsinnig gerne über seine grummelige Art lustig.

Ich nickte. »Und Cain Hope, sein Partner, würde euch auch gerne kennenlernen. Und dann dachte ich noch an die anderen Kollegen aus meiner Einheit, Dana mit ihrer Partnerin, Brady und seine Familie und Tai. Vielleicht noch Sean und Suri, das sind enge Vertraute von Cain.«

Meine Mutter nickte begeistert, während mein Vater überrascht schien. Ich war mir nur nicht ganz sicher, worüber genau. Im Augenwinkel sah ich, dass Ramon seinen Mund abfällig verzog. Ich ignorierte meinen Bruder und blickte fragend meinen Vater an.

»Cain Hope will uns kennenlernen?«, erkundigte er sich dann auch gleich. Es schien ihn zu wundern und dann wurde mir auch klar warum. Sein Bruder hatte als Fürst die Feindschaft zwischen Dämonen und Vampiren stärker forciert.

Ich zuckte mit den Schultern. »Das hat er mir gestern gesagt. Anscheinend hat Zack ihm von euch erzählt.«

Ich spürte den intensiven Blick meiner Großmutter auf mir, aber versuchte ihn nicht weiter zu beachten.

»Cain ist doch ein Dämon, oder? Und Zack ein Magier?«, mischte sich die kleine Lupita ein.

»Genau, mein Schatz«, bestätigte ich sie und lächelte sie an. »Suri, Sean, Dana und Brady sind auch Dämonen und Tai ein Magier. Ruth, die Partnerin meiner Kollegin ist eine Sehende.«

Meine Cousine nickte ernst und strahlte dann. »Die will ich alle gerne kennenlernen. Papá sagt immer, dass andere Rassen nicht in unser Haus kommen dürfen, dabei bin ich doch so neugierig. Besonders auf die Magier. Können die so richtig zaubern?«, plauderte sie aufgeregt los. »Und die Dämonen, ob die seltsam aussehen? Aber meine Mamá hat schon mal gesagt, dass man die nicht anstarren darf, weil das unhöflich ist.«

Bei ihren Worten wurde mir erst bewusst, dass das Blutfest bislang immer eine Feier unter Vampiren gewesen war. Nur in besonderen Ausnahmen waren Mitglieder anderer Spezies dabei. Durch meine Arbeit hatte ich mit allen Rassen zu tun und differenzierte in meinem Kopf gar nicht mehr. Aus meiner Sicht sollte das auch nicht mehr gemacht werden und vielleicht war das ein guter Anfang.

Meine Eltern wechselten einen Blick. Dann nickte mir Pepe zu. »Ich freue mich sehr, den Dämonenfürsten und deine Kollegen kennenzulernen.«

»Vor allem, weil er Zack anscheinend so den Kopf verdreht hat. Ich bin auf den Mann gespannt, der das geschafft hat«, kicherte meine Mutter. Meine ältere Schwester schüttelte nur grinsend den Kopf, aber Lupitas Mundwinkel zuckten ebenfalls. Schnell ignorierte ich meine Großmutter weiter, denn ihr stechender Blick traf mich wieder.

»Also, habt ihr kein Problem damit, wenn Wesen anderer Spezies dabei sind?«, hakte ich vorsorglich nochmal nach, denn nach den Worten meiner kleinen Cousine war mir klar geworden, dass es nicht überall erwünscht war.

»Natürlich nicht!«, echauffierte sich Rosa und blies empört die Backen auf.

In dem Moment traf ein lauter Schlag den Tisch. Unsere Blicke fuhren herum zu Ramon, der rot im Gesicht geworden war. Die Augen blitzten wutentbrannt und die Adern an seinem Hals standen hervor und pulsierten. »So eine Scheiße! Ich will keine dreckigen Dämonen in meinem Zuhause haben. Auch keine Schwuchteln oder Lesben! Ich könnte kotzen, wenn ich euch reden höre!«, brüllte er.

Seine Worte waren unter aller Sau. Ich spannte mich an, Wut stieg in mir auf. »Spinnst du?«, fauchte ich.

»Das musst du gerade sagen, du ach so besonderer Vampir. Du bist das Allerletzte, weil du dich mit diesem ganzen Müll verbündest!«, schrie er mich weiter an. Seine Reißzähne zeigten sich.

Perplex sah ich ihn für eine Sekunde an, aber dann reichte es mir. Keine Ahnung, was er nun wieder hatte, doch genug war genug. Er konnte mich gerne beleidigen, aber meine Freunde und Kollegen aufgrund ihrer Rasse oder ihrer Sexualität zu verurteilen, das war zu viel. Ich stand langsam auf. Bevor ich jedoch etwas erwidern konnte, ergriff meine Großmutter das Wort.

»Ramon, verpiss dich!«, zischte sie böse.

Da sie fast nie mit ihm sprach, zuckte er zusammen, als sie direkt das Wort an ihn richtete. Für einen Moment starrten die beiden sich wütend an, aber dann schob mein Bruder so schnell den Stuhl zurück, dass er mit einem lauten Poltern umfiel. Sein zornentbrannter Blick traf mich. »Ich hasse dich!«

»Jetzt sofort!«, donnerte unsere Großmutter. Ramon drehte sich um und lief die Treppe hinauf.

Stille folgte seinem Abgang. Wut brodelte noch immer in mir. Ich wäre ihm nur zu gerne nachgegangen und hätte den Scheiß aus ihm herausgeprügelt.

Ein Schluchzen zerriss das entsetzte Schweigen. Rosa kullerten die Tränen über die Wangen. Sie war vollkommen schockiert. Lorena lief schnell um den Tisch herum und nahm sie in den Arm. Ich wechselte mit meinem Vater einen Blick. Er schien ebenso fassungslos zu sein. Es war für uns alle nichts Neues, dass Ramon ein Problem mit mir hatte, aber niemals vorher hatte er es so klar formuliert.

Meine Großmutter sah mich weiterhin aufmerksam an. Ich erwiderte ihren Blick und zog fragend eine Augenbraue hoch. Sie reagierte nicht, sondern starrte einfach nur weiter. Ihr Verhalten nervte mich, vor allem, weil sie sich wieder scheinbar gelassen auf ihrem Stuhl zurückgelehnt hatte, als hätte der Ausbruch meines Bruders nie stattgefunden.

»Ich komme gleich wieder«, erklärte meine Mutter und verließ für einen Moment die Küche. Lorena ging zum Backofen und stellte ihn aus. Dann entschuldigte sie sich, um ins Bad zu gehen. Die kleine Lupita lief ihr gleich hinterher.

Pepe seufzte und sah mich dann reumütig an. »Es tut mir leid, dass er so ausgerastet ist. Wir haben uns neulich Abend noch einmal über die Prophezeiung unterhalten. Er hat das Gespräch mitbekommen. Ich denke, dass er nicht damit klarkommt, dass dort von dir die Rede ist.«

Ich schnaubte abfällig. »Er kann die Rolle gerne haben. Ich reiße mich bestimmt nicht darum.«

»Wir machen uns Sorgen um ihn. Er zieht sich weiter zurück und wir befürchten, dass er rückfällig werden könnte. Seine Laune wird immer schlechter«, erklärte mir mein Vater.

Ich fuhr mir aufgewühlt durch die Locken. »Habt ihr mit seinem Therapeuten gesprochen?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein, noch nicht.«

»Ganz ehrlich. Er ist alt genug, um für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Ich verstehe, dass ihr euch Gedanken um ihn macht, aber er ist kein Teenager mehr. Verdammt, er ist 121 Jahre alt«, empörte ich mich. Ich war immer noch sauer und hatte in dieser Situation und nach den harten Worten keinerlei Verständnis.

»Du hast recht. Wir werden noch mal mit ihm sprechen, aber er muss endlich mehr Verantwortung übernehmen«, meldete sich meine Mutter zu Wort. Sie war zurückgekehrt und sah mich liebevoll an. »Deine Freunde und Kollegen sind uns herzlich willkommen. Es ist unser Haus und wir können einladen, wen wir möchten. Ich toleriere seine Ignoranz und seinen Hass nicht. Der Junge kann sich warm anziehen.« Ihre Stimme klang fest und resolut.

Ein kleines Teufelchen freute sich in mir, denn das Gespräch, das Ramon bevorstand, würde alles andere als angenehm für ihn werden. Und er hatte es auch nicht anders verdient.

»Jetzt war es hier fast so wie bei uns zu Hause«, bemerkte die kleine Lupita und stellte den umgeworfenen Stuhl wieder zurück, um sich danach wieder neben mich zu setzen.

»Was meinst du, meine Süße?«, hakte Rosa sofort nach.

»Naja, Hector rastet auch ständig aus. Aber der verschwindet dann nicht in sein Zimmer, sondern geht zu seinem Kumpel«, erklärte sie bereitwillig. »Meistens beginnt er ganz ruhig, aber irgendwann schreit er nur noch, dass er die anderen Rassen verabscheut und nur die Vampire die einzig Wahren sind.« Sie blickte hilflos in die Runde. »Ich finde das nicht gut, aber Mamá sagt nichts dazu. Am Anfang hat sie es versucht, aber Hector hört nicht auf sie.«

»Und was ist mit Eduardo?«, erkundigte sich Lorena nach unserem Onkel.

Lupita zuckte mit den Schultern. »Der ist in der Woche nicht viel zu Hause, sondern arbeitet immer lange.«

Rosa nickte unzufrieden und ging dann zum Backofen. Eine Minute später standen die dampfenden Fajitas vor uns, aber keiner schien mehr so richtig Appetit zu haben.

Lupita rutschte auf ihrem Stuhl herum, als würde sie noch etwas sagen wollen.

»Was ist denn, Schätzchen?«, forderte Rosa sie nach einem Moment lächelnd auf.

»Ich war neulich auch in Luis' Zimmer, als er nicht da war«, flüsterte sie leise und blickte sich um, als würde sie überprüfen wollen, dass niemand Fremdes uns belauschte. »Ich darf da eigentlich nicht rein, aber ich war doch so neugierig.«

Ich schmunzelte, weil ich mir bildlich vorstellen konnte, wie sie unentschlossen vor der Tür auf und abgegangen war und nachher doch die Wissbegierde gewonnen hatte.

»Und?«, fragte Lorena gespannt.

»Er hat ganz viele Zeichnungen auf seinem Schreibtisch.« Die Kleine schüttelte sich. »Aber die sind nicht schön. Es sind immer Bilder, auf denen Vampire Menschen und andere Wesen umbringen.« Ihre Stimme war nur noch ein leiser Hauch. Man konnte in ihren blauen Augen die Furcht vor dem Gesehenen erkennen.

Rosa breitete die Arme aus. »Komm mal her, Cariña.«

Nachdem sie sich auf den Schoss meiner Mutter gekuschelt hatte, ergriff ich das Wort. »Hast du mit deinen Eltern darüber gesprochen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, dann wüssten die ja, dass ich was Verbotenes gemacht habe.« Sie rieb sich über ihre dünnen Arme. »Er ist mir jetzt ein bisschen unheimlich«, gestand sie leise.

Das konnte ich nur zu gut verstehen. Wir alle wussten, dass Luis ein schwieriger Mann war, der zurückgezogen und in sich gekehrt lebte. Wir kannten seine depressiven Züge, aber die Zeichnungen waren noch mal eine andere Hausnummer. Solche Fantasien waren nicht gut. Ich war mir ziemlich sicher, dass sie mit dem Tod von Miguel zusammenhingen. Vielleicht hatte das die Ablehnung von Menschen und anderen Spezies geschürt. Immerhin hatte ein Mann ihn erschossen. Dass es Notwehr gewesen war und der Mann auch verurteilt worden war, hatte anscheinend kein Gewicht.

»Kleine, mach dir keinen Kopf. Dein Bruder ist nicht ganz dicht, aber du musst dich nicht vor ihm fürchten. Er liebt dich, ist eben nur ein bisschen irre. Geh ihm einfach aus dem Weg und komm immer gerne zu uns«, mischte sich unsere Großmutter ein.

Lupita schaute zu ihrer Namensgeberin und nickte ernsthaft. Irgendwie schienen die Worte sie zu beruhigen.

Meine Eltern wechselten einen Blick. Sie sahen besorgt aus. Ich konnte das nur zu gut nachvollziehen. Irgendwie drehten gerade echt viele Männer unsere Familie durch. Nicht nur Ramon, anscheinend wurde es bei Hector und Luis auch schlimmer. Wunderbar, genauso hatte ich mir einen entspannten Besuch bei meiner Familie vorgestellt.

 

»So, und jetzt sagst du mir, was anders an dir ist!«, forderte mich meine Großmutter auf, als ich mit dem Abwasch fertig war.

Rosa und Pepe brachten die kleine Lupita nach Hause. Meine Schwester hatte mir eigentlich helfen wollen, aber ich hatte nichts dagegen, das allein zu machen. Ich mochte es, in Ruhe in der bunten Küche den Kram zu erledigen. Irgendwie entspannte es mich und das konnte ich nach diesem Essen wirklich gut gebrauchen. Wobei ich eben nicht ganz für mich war. Lupita hatte sich nicht von ihrem Stuhl wegbewegt, aber bisher hatte ich sie gekonnt ignoriert.

Ich sah zu ihr rüber und runzelte die Stirn. »Was soll denn anders an mir sein?«

Sie tippte sich nachdenklich an die vollen Lippen. »Das kann ich dir nicht genau sagen. Zuerst habe ich ja gedacht, dass du gevögelt hast, bevor du gekommen bist.« Sie hielt kurz inne bei ihren Worten und lachte dann schallend los.

Bei mir brauchte es eine Sekunde, bis ich verstand, was sie nun so witzig fand. Meine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. »Das wäre auf jeden Fall schön. Ein Orgasmus allein ist nie dasselbe wie mit jemandem zusammen.«

Meine Großmutter grinste mich verrucht an. »Da hast du vollkommen Recht, mein kleiner Scheißer!«

Okay, in dem Moment wurde mir klar, mit wem ich redete und ich schüttelte mich innerlich. Ich wollte kein weiteres Wort davon hören, sie war immerhin meine Nana.

»Auch wenn es dich eigentlich nichts angeht, aber ich hatte keinen Sex, bevor ich euch besucht habe«, wählte ich meine Worte bewusst anders.

Sie nickte zustimmend. »Da hast du recht. Du wirkst dann anders. Das ist es auch nicht, aber ich komme nicht drauf und das ärgert mich.«

Ich zuckte mit den Schultern, weil ich nicht mal ansatzweise wusste, worauf sie hinauswollte. »Keine Ahnung. Eigentlich ist alles wie immer. Natürlich ist es auf der Arbeit stressiger als sonst … «

Lupita schüttelte den Kopf. »Nein, das ist es nicht.« Dann hieb sie verärgert mit dem Stock auf den Boden. »Das kann doch nicht sein. Du musst doch wissen, ob irgendetwas Außergewöhnliches passiert ist.«

Ich verzog genervt das Gesicht. »Nein, ist es nicht.« Aber dann fiel mir etwas anderes ein. »Aber sag mal, was war das vorhin in der Küche. Ich hatte das Gefühl, dass Mamá mir etwas sagen wollte.«

Sie grinste mich fies an. »Ich habe keine Ahnung, was du meinst«, gab sie sich unwissend.

»Ernsthaft?«, hakte ich nach, denn auf so ein Spiel hatte ich keinen Bock. »Bei mir ist wirklich alles beim Alten. Du kannst mir ruhig sagen, worum es geht.«

»Das stimmt nicht, es ist etwas anders, aber vielleicht ist es dir selbst noch gar nicht bewusst«, sinnierte sie und überging meine Bitte nach einer Antwort.

Ich wusste, dass sie es mir nicht sagen würde. Echt, ich liebte diese Frau und gleichzeitig machte sie mich wahnsinnig. So wie fast alle von meinen lieben Verwandten.

 

Der Besuch bei meiner Familie war mal wieder anders gelaufen, als ich gedacht hatte, kam mir auf dem Weg Richtung Stadt in den Sinn, aber immerhin hatte es mich von der Arbeit abgelenkt. Dennoch verspürte ich erstmal keinen Wunsch, etwas von Ramon zu hören oder zu sehen. Ich war immer noch wütend auf ihn und wusste nicht, ob ich mich zusammenreißen könnte. Wie konnte er nur? Und alles, weil er eifersüchtig auf mich war? Bescheuerter ging es nicht.

 

 


 

20. Februar

 

Ich hatte mich geirrt. Es ging noch bescheuerter. Mein Bruder drehte völlig am Rad, aber anstatt es an mir auszulassen und offen den Konflikt zu suchen, bekam es der Rest der Familie ab. Ich konnte mir das dann täglich am Telefon anhören. Genau wie zu diesem Zeitpunkt. Ich war innerlich auf hundertachtzig, besonders, als ich Rosa weinen hörte.

»Mamá«, versuchte ich es erneut. »Er ist alt genug und es liegt nicht in eurer Verantwortung, was er mit seinem Leben anstellt.«

»Aber Cariño, du weißt doch, dass ich keinem meiner Babys den Rücken zuwenden kann«, schniefte sie.

Ich fuhr mir aufgewühlt durch meine Locken. So oft wie ich sie mir in der letzten halben Stunde gerauft hatte, standen sie garantiert in alle Richtungen ab. »Das weiß ich doch«, stimmte ich ihr zu und meine Stimme wurde automatisch sanfter. »Aber er benimmt sich respektlos euch gegenüber. Das ist nicht in Ordnung.«

»Du hast ja recht, aber vielleicht wird es ja auch wieder besser.«

Ich verdrehte die Augen. »Mamá, dann solltest du nicht mehr weinen, sondern ihn auf den Pott setzen. Entweder er ändert sich und übernimmt wieder seine Pflichten im Haushalt oder er fliegt eben raus. Er hat einen Job, er würde ja nicht auf der Straße landen.«

Es war echt nicht zum Aushalten. Ich stand kurz davor zu meinem Elternhaus zu fahren und Ramon mal zu zeigen, was ich von dem Scheiß hielt, den er abzog. Er erpresste unsere Eltern, indem er sich nicht mehr an den gemeinsamen Essen beteiligte, sondern sich bekochen ließ und dann auch noch herummäkelte. Außerdem übernahm er seine Aufgaben nicht mehr und das Schlimmste war, dass er anfing, sie zu ignorieren.

Damit konnte vor allem meine Mutter nicht umgehen. Sie hatte ihn schon angeschrien, mit ihm geschimpft, ihn ebenfalls links liegen lassen und sich dann wieder liebevoll um ihn gekümmert. Alles vergebens. Er hatte nur ein Mal durchklingen lassen, was ihn wieder umstimmen würde. Wenn ich nicht mehr nach Hause käme. Sie könnten mich ja in der Stadt besuchen.

Davon wollten Pepe und Rosa natürlich nichts hören und seitdem herrschte in dem sonst so gemütlichen Zuhause Eiszeit.

Lupita teilte meine Meinung, Ramon einfach rauszuschmeißen, aber bisher hatten sie sich noch nicht zu diesem Schritt durchringen können. Und ich konnte es verstehen. Allerdings brachte mich mein Bruder zur Weißglut. Wie konnte man nur so dumm und selbstsüchtig sein?

»Vielleicht warte ich einfach noch ein paar Tage und dann kommt er –«

»Mamá«, unterbrach ich sie rigoros. Ich würde noch durchdrehen, wenn sie weiter so redete. Sie war doch sonst nicht so naiv. Und auch nicht so weinerlich. Rosa Garcia kämpfte immer und ließ sich nichts gefallen. »Was ist denn los mit dir? So kenne ich dich nicht. Wo ist die starke, temperamentvolle Frau hin, die sich von niemanden auf der Nase herumtanzen lässt?« Mein Tonfall war liebevoll und doch waren meine Worte hart. Ich wusste das, aber ich hatte keinen Nerv mehr und hatte auch keine Ahnung, was ich noch tun sollte. Im Moment war ich echt durch. Wir arbeiteten alle mindestens 14 Stunden am Tag, ohne wirklich weiterzukommen. Dann noch der Ärger mit der Prophezeiung, die Sackgasse bei den Eltern von Zack und dem kaum vorhandenen Freizeitausgleich. Suri und ich hatten uns seitdem nur einmal gesehen. Ansonsten musste meine rechte Hand im Moment ziemlich oft ihren Dienst tun. Wobei ich für meine Verhältnisse echt wenig geil war. Nicht unbedingt ein Wunder, bei der beschissenen Situation, in der wir uns befanden.

»Oh Baby, du hast recht. Aber es ist alles so schwierig. Ich mache mir ständig Sorgen, um dich, deinen Bruder, unseren kleinen Goldschatz, um Hector und Luis.«

»Aber du kannst dich nicht um alle kümmern. Außer der kleinen Lupita sind wir alle alt genug«, merkte ich sanft an.

»Aber ihr seid meine Familie, da ist es meine Aufgabe, euch zu unterstützen«, begehrte sie gleich auf.

Ich seufzte und raufte mir wieder die Haare. Wenn das so weiter ging, hatte ich bald keine mehr. Mir reichte es jetzt. Ich hatte da keinen Nerv mehr drauf. Ich wusste, dass Rosa nicht wollte, dass ich das mit Ramon klärte. Aber so konnte es nicht weitergehen.

Nachdem ich meine Mutter auf Lautsprecher gestellt hatte, tippte ich schnell eine Nachricht an meinen Bruder. Ich hielt mich nicht mit langen Reden auf. 'Wir treffen uns in einer Stunde auf dem Parkplatz des Supermarkts.'

Rosa hatte erwähnt, dass er an dem Tag nicht mehr arbeiten musste und wenn wir uns sehen würden, hatte der Laden auch nicht mehr geöffnet.

Ich hörte meiner Mutter noch mit halbem Ohr zu, aber schaute sofort nach, als seine Antwort einging.

'Okay.' Meine Lippen verzogen sich zu einem grimmigen Lächeln. Wir würden das jetzt regeln.

 

Nachdem ich meine Mutter freundlich abgewürgt hatte, musste ich auch schon losfahren, um noch pünktlich zu sein. Es war zum Glück nicht mehr so kalt, sodass die Straßen weder eingeschneit noch vereist waren. Allerdings geriet ich genau in die letzten Ausläufer des Feierabendverkehrs, sodass ich dennoch eine gute Dreiviertelstunde bis in den Vorort brauchte, in dem meine Familie lebte. Ich blickte auf mein Smartphone. Es war kurz vor halb neun. Gleich müsste er da sein.

Auf der ganzen Fahrt hierher hatte ich versucht, mich zu beruhigen und mein Temperament unter Kontrolle zu kriegen. Verflucht, er war mein Bruder! Aber er benahm sich wie ein Arsch! Ich hatte mir wie ein Mantra die Unterhaltung mit Zack vor Augen geführt. Nachdem ich ihm kurz berichtet hatte, wie es im Moment mit Ramon aussah, hatte er nur mit den Achseln gezuckt und gemeint, dass ich ihm mal ordentlich eine reinhauen sollte. Die Antwort war so typisch für ihn gewesen und doch hatte ich ihm widersprochen, auch wenn ich ihm innerlich rechtgeben musste. Aber ich war mir sicher, dass es dadurch nicht besser werden würde. Wenn ich gegen ihn gewann, wäre sein Stolz nur noch mehr angeknackst. Er war zwar größer und massiger als ich, aber ich war professionell ausgebildet und trainierte ständig mit wirklich guten Kämpfern. Ich wusste, dass er keine Chance hatte. Aber wenn ich gewann, würde das unser Verhältnis auf keinen Fall verbessern. Obwohl ich mir kaum vorstellen konnte, dass es überhaupt noch zu kitten war. Aber ich würde mich zusammenreißen. So gut, es eben ging.

Ich sah Ramon wie er mir mit entschlossenen Schritten entgegenkam. Ohne in der Dunkelheit sein Gesicht erkennen zu können, sah ich doch, dass er sauer war. Richtig sauer.

Meine Miene verdüsterte sich und ich stieg aus dem Wagen.

»Was bestellst du mich einfach hierher, du Bastard«, brüllte Ramon sofort los, als er mich sah.

Ich atmete tief durch. »Ich wollte mit dir reden. Das kann doch so nicht weitergehen.«

Seine braunen Augen funkelten mich voller Zorn und Abscheu an. »Das kann es wirklich nicht.« Er kam weiter auf mich zu. Alles an ihm schrie Bedrohung. Jeder Muskel in seinem Körper war angespannt.

Ich kratzte mich am Kinn. »Hör zu, mich kannst du meinetwegen hassen, aber hast du eine Ahnung, was du Mamá und Papá damit antust? Du verlangst von ihnen, dass sie sich zwischen ihren Kindern entscheiden.«

»Sie müssen doch auch mal merken, was du für ein Blender und Schleimer bist. Mit welchem Dreck du dich abgibst«, zischte er wütend.

Ich ballte die Fäuste, aber blieb sonst ruhig stehen. Er wollte mich provozieren. Leider funktionierte es. Ich spürte, wie die Wut in mir immer größer wurde. Langsam atmete ich noch einmal ein. »Wir sind beide ihre Kinder, verdammt! Geht das nicht in deinen Schädel?«

Ohne Vorwarnung griff er mich an. So schnell wie ich es ihm gar nicht zugetraut hätte. Ich konnte mich gerade noch wegdrehen und doch traf mich eine seiner Krallen leicht an der Wange. Nicht wirklich schlimm, sodass ich ihm gleich folgen konnte und ihn mit einem gekonnten Tritt von den Beinen holte. Ich setzte nach und nur ein paar Sekunden später hielt ich ihn auf den Boden gedrückt im Schwitzkasten. »Jetzt hör mir mal zu, du Scheißkerl«, raunte ich ihm ins Ohr. »Ich habe keine Lust mehr auf den Mist. Hast du eine Ahnung, wie ätzend es ist mit dieser Prophezeiung? Ich weiß nicht, was ich tun soll, was ich entscheiden soll und worum zur Hölle es eigentlich geht!«

»Du … Armer …«, brachte mein Bruder höhnisch heraus.

Ich atmete erneut tief durch. Es würde nichts bringen. Und es ging nicht darum, dass wir uns besser verstanden. Das würde in diesem Leben wahrscheinlich nicht mehr passieren. Es ging mir einzig und allein um unsere Eltern. »Okay, mein Vorschlag ist, dass du dich Mamá und Papá gegenüber nicht mehr wie ein Arschloch verhältst. Du weißt genauso gut wie ich, dass du kurz davor stehst, rausgeworfen zu werden und was machst du dann?« Ich hielt einen Moment inne, damit die Worte in seinem Dickschädel ankommen konnten. »Nur weil sie dich lieben, darfst du bisher dortbleiben. Aber glaub mir, das wird sich ändern. Sie werden es nicht mehr lange hinnehmen. Du brichst Rosa damit das Herz, wenn du sie zu dem Schritt zwingst.«

Mit den Worten ließ ich ihn los und ging auf Abstand. Ich hatte genug von ihm. Er war mein Bruder, aber so wie er mich hasste, musste auch ich mich anstrengen, um noch ein Gefühl von Liebe für ihn aufbringen zu können. Im Moment konnte ich es nicht. Ich sah nur, wie sehr er meine Mutter verletzte, wie er gegen meine Freunde und Kollegen hetzte und wie er immer bei allen anderen die Schuld sah. »Und glaub mir, wenn meine nächsten Besuche zufällig dann sind, wenn du gerade arbeitest, fände ich es auch nicht schade.«

Ich drehte mich um und ging zurück zum Auto. Dort wandte ich mich ihm noch einmal zu. Er hatte sich nicht bewegt. Ich konnte sein Gesicht nicht erkennen, war mir aber sicher, dass in seiner Miene nichts als Feindseligkeit stand. »Glaub mir, du würdest ihr das Herz brechen. Sie liebt dich.«

Ohne eine Verabschiedung setzte ich mich ins Auto und fuhr wieder los. Ich hoffte, dass ich ihn irgendwie erreicht hatte, denn ich war mir sicher, dass er unsere Eltern ebenso liebte. Nur in seinen verbohrten, engstirnigen Gedanken voller Hass mir und anderen Wesen gegenüber, war ihm das vielleicht gar nicht so klar.

 

Gedankenverloren lenkte ich den Wagen zum Demons Dreams. Ich wollte noch nicht in die Stille meiner Wohnung zurück. Für eine Sekunde hatte ich mit dem Gedanken gespielt, Suri anzurufen, aber irgendetwas hielt mich ab. Ich hatte keinen Bock bei ihr vorbeizufahren, nur um zu ficken. Es wäre toll und mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit wäre ich danach mehr als entspannt, aber ich wollte etwas anderes. Laute Musik und das eine oder andere Getränk. Menschen um mich herum und allein dadurch für eine Weile den ganzen Mist vergessen. Vielleicht wären Zack oder Cain im Club und würden mir bei einem Bier Gesellschaft leisten. Vielleicht würde sich auch eine andere Art der Ablenkung ergeben.

Ich fand einen Parkplatz in der Nähe des Eingangs. Als ich mich brav in die Schlange stellen wollte, winkte mich Duke zu sich. Der steinerne Dämon hielt mir zur Begrüßung die Hand hin und zerquetschte sie mir fast. Ich verzog nur minimal das Gesicht, aber er lachte schon dröhnend auf. »Hey, du musst dich doch nicht anstellen. Uns sind nicht viele Blutsauger willkommen, aber du doch immer.«

Damit winkte er mich durch und ich betrat den lauten Club. Bässe wummerten mir entgegen und ich ließ meinen Blick schweifen. Auf der Tanzfläche war gut was los, aber ich entdeckte kein bekanntes Gesicht. 

Während ich mich zur Bar drängelte, wurde mir bereits warm. Die Menge an Leuten heizte dem Laden ganz schön ein. An der Bar angekommen zog ich die Jacke und auch meinen Pullover aus. Kurz blickte ich an mir herunter. Okay, die Jeans war jetzt nicht die geilste, aber in Ordnung. Das grüne, figurbetonte Shirt saß gut an meinem trainierten Körper. Ich fuhr mir mit der einen Hand durch die Locken, in der Hoffnung ein wenig Ordnung in das Chaos auf meinem Kopf bringen zu können. Dann legte sich ein Lächeln auf mein Gesicht. Als hätte ich einen Teil der Anspannung am Eingang zurückgelassen.

Ich bestellte mir ein Bier und schaute mich dann noch einmal um. Den einen oder anderen Dämon hatte ich schon mal gesehen, aber bisher noch keine nähere Bekanntschaft gemacht. Das war auch nicht schlimm. Ich genoss es einfach, die laute Musik bis in die Brust zu spüren und den Wesen zuzuschauen, wie sie sich auf der Tanzfläche vergnügten. Einige tanzten eng umschlungen, drängten ihre Leiber aneinander, küssten sich leidenschaftlich. Andere waren noch nicht so weit und verringerten nur langsam den Abstand zueinander. Dann fiel mir ein Paar ins Auge und ich runzelte die Stirn. Den blonden, schlanken Dämon kannte ich nicht, aber der andere kam mir bekannt vor. Dabei konnte ich ihn nur von hinten sehen. Und doch war ich mir sicher, dass es Jar war. Keine Ahnung, woher ich das wusste und wie ich auf einmal wieder auf diesen Mann kam. Ich hatte noch ein-, zweimal an den Widerspruch in ihm gedacht und wenn ich ehrlich war, auch daran, dass ich ihn gern nochmal sehen würde. Ich wollte wissen, ob ich mich getäuscht hatte oder ob er wirklich sowohl heiß als auch kalt war. Aber das ich jetzt Geld darauf setzen würde, dass der Mann mit den langen schwarzen Haaren, die kurz über seinem Hintern aufhörten, Jar war, verstand ich selbst nicht. Und doch nahm er meinen Blick völlig gefangen. Er und sein Tanzpartner bewegten sich mit einem winzigen Abstand. Es sah erotisch aus, obwohl sie sich nicht viel berührten. Doch man spürte das Knistern, das in der Luft lag. Den Moment, von dem man wusste, dass er kommen würde, aber ihn doch noch hinauszögerte. Die Vorfreude steigerte sich mit jeder Sekunde. Mein Lächeln wurde breiter. Ich liebte diesen Augenblick und wie es schien, die beiden ebenfalls. Ihre Becken rieben leicht beim Tanzen aneinander und der Typ, von dem ich sicher war, dass es Jar war, bewegte sich anmutig und irgendwie sinnlich. Er reizte den anderen Dämonen, das konnte ich sogar von meinem Platz sehen. Der sabberte ihn förmlich an und wollte ihn an sich ziehen. Aber anscheinend reichte ein Blick und er ließ entmutigt die Arme wieder sinken.

Jetzt fiel mir auf, warum ich wusste, dass es Jar sein musste. Er trug dieselbe abgewetzte Lederhose, wie bei unserem ersten Treffen. Sie klebte an seinen langen Beinen und betonte den Hintern.

Ich merkte, was mir in den Sinn gekommen war, und schüttelt verwundert den Kopf. Wieso registrierte ich sowas?

Was ging mich sein Arsch an? Ich trank ein Schluck Bier und wollte gerade meinen Blick abwenden, da drehten sich die beiden so, dass ich jetzt eins genau wusste: Es war der Dämon mit den mandelförmigen Augen. Und innerhalb eines Wimpernschlags war mir auch klar, dass er sehr wohl beides war. Heiß und kalt. Alles an ihm zeigte diesen faszinierenden Widerspruch. Seine Bewegungen waren lockend, sein Lächeln verführerisch, aber die roten Augen blieben kühl. Dieser Gegensatz zog mich an und ich konnte mich nicht von dem Paar lösen. Dabei beobachtete ich nicht unbedingt das Miteinander der beiden, sondern hauptsächlich Jar. Einige lange Strähnen fielen über die breite Brust hinab. Er trug ein enges weißes Shirt, das verwaschen und etwas durchsichtig war. Es betonte die Muskeln an seinen Armen, aber vor allem zeigte es, dass diese Muster auf der Haut sich anscheinend überall auf seinem Körper befanden. Wie ich sehen konnte, verliefen sie über die definierte Brust, über das Sixpack und verschwanden dann im Bund seiner Hose. Ich schluckte, als mir bewusst wurde, dass ich nur zu gern gewusst hätte, ob sie sich wirklich überall auf seinem Körper befanden. Diese Gedanken waren neu und ich fuhr mir irritiert durch die Locken. Meine Augen schweiften kurz im Club umher, aber kein anderes Wesen nahm sie gefangen.

Ich trank noch einen großen Schluck und hätte vor Überraschung fast das Bier ausgespuckt, als mein Blick erneut zu Jar ging. Er starrte mich an. Seine Augen schienen rot zu glühen und ich schluckte nach dem ersten Schreck bedächtig. In seiner Miene blitzte etwas auf und sein Blick folgte meinem Kehlkopf. Dann tasteten sich seine Augen langsam weiter meinen Körper hinab. Es war, als könnte ich sie spüren.

Nach einem Moment trafen sich unsere Blicke erneut. Er lächelte verführerisch und es kam mir so vor, als würden sich seine Bewegungen verändern. Sie wurden träger, lasziver und wirkten gleichzeitig voller Kraft. Er war gefährlich und keinen Moment konnte er über diesen Umstand hinwegtäuschen. Kein sinnliches Lächeln versteckte die Bedrohung, die von ihm ausging. Sein Tanzpartner kam ihm wieder näher, aber wie ich es vermutet hatte, ein Blick von Jar und der blonde Mann fügte sich sofort. Er strahlte trotz der anmutigen Bewegungen eindeutige Dominanz aus. Sein Tanzpartner hatte das erkannt und gab sich unterwürfig, obwohl er keine Aufmerksamkeit mehr erhielt. Jar beobachtete mich. Genau wie ich ihn anschaute.

Ich konnte es mir nicht erklären, aber dieser exotische Dämon faszinierte mich unheimlich. Noch nie hatte mich jemand so schnell, so tief in seinen Bann gezogen. Ich verstand nicht, was hier eigentlich los war, aber eins war mir klar. Er strahlte Sex aus und das machte mich an.

Das markante Gesicht verzog sich wieder zu einem verführerischen Lächeln, als könnte er lesen, was in meinem Kopf vorging. Als könnte er spüren, wie sehr er mich durcheinanderbrachte. Als würde er wahrnehmen, wie Verlangen in mir aufstieg. Nur durch unseren Blickkontakt und die Beobachtung voneinander.

Ich leerte mein Bier und stellte es nebenbei auf den Tresen. Dabei ließ ich den Dämon nicht eine Sekunde aus den Augen. Ich versuchte gar nicht erst, mir einzureden, dass es an der Gefahr lag, die er ausstrahlte, denn ich wusste, dass es nicht der Grund war. Wie er sich zur Musik bewegt, wie sich dabei einzelne Muskeln anspannten, wie es schien, als wären die Linien und Muster auf seiner Haut lebendig. Es erregte mich. Sein Körper erregte mich. Und auch der Widerspruch, den er ausstrahlte, erregte mich. Die Situation war mir vollkommen neu.

Natürlich gab es viele Männer, die ich attraktiv fand, aber noch nie hatte ich so eine körperliche Anziehung gespürt. Noch nie hatte ein Männerkörper mein Verlangen geweckt. Und doch war es nicht das, was mich störte oder am meisten irritierte. Die Intensität der Lust, die ich plötzlich fühlte, verunsicherte mich. Sie raste wie ein Feuer durch mich hindurch. Ich musste nicht nach unten gucken, um zu wissen, dass ich einen Ständer hatte. Heiß brannte das Verlangen in mir. Ich leckte mir über die Lippen.

In Jars Augen blitzte etwas auf. Ich wusste es nicht genau, aber es kam mir so vor, als wäre er auch erregt. Als würde er die Anziehung ebenfalls spüren. Ich musterte seinen atemberaubenden Körper und mein Blick blieb in seinem Schritt hängen. Die Lederhose war so eng, dass sie die Beule nicht verdeckt. Er war ebenfalls hart.

Scheiße, was war das? Was ging hier ab? Ich riss meine Augen von ihm los und bestellte mir noch ein Bier. Mein Kopf musste wieder klar werden, und doch konnte ich nur an eins denken: Ich war so geil, wie schon lange nicht mehr. Ich wollte mich in einer heißen Enge versenken. Bei dem Gedanken zuckte mein Schwanz. Vielleicht sollte ich das Getränk exen und mir dann ein Taxi nach Hause nehmen, schoss es mir in den Sinn. Oder ich riss mir noch jemanden auf. In Anbetracht meiner plötzlichen Lust, wäre ich auch für einen Quickie auf der Toilette zu begeistern. Hauptsache vögeln. Ich musste meinen Steifen zurechtrücken, der unbedingt aus seinem Gefängnis herauswollte. Meine Fresse, vielleicht waren auch irgendwelche Drogen in meinem Drink gewesen, so scharf wie ich auf einmal war.

»Stalkst du mich etwa, Agent Garcia?«, raunte mir in diesem Moment eine dunkle Stimme zu. Ich wusste sofort, wer hinter mir stand. Musste mich nicht umdrehen und doch tat ich es. Ihn nur einen Meter entfernt von mir zu sehen, haute mich um. Ich erkannte die Symbole und Linien auf seiner leicht verschwitzten Haut und musste mich zusammenreißen, nicht meine Hand zu heben, um mit den Fingerspitzen die Muster nachzufahren. Die eine oder andere Haarsträhne klebte an seinem markanten Gesicht. Ein dunkler Bartschatten ließ ihn noch düsterer wirken. Er lächelte mich an, aber seine mandelförmigen Augen waren weiter kühl.

»Die Frage kann ich nur zurückgeben«, sagte ich und war erstaunt, wie gelassen sich meine Stimme anhörte, obwohl innerlich alles in mir tobte.

Jar neigte kurz mit einem Schmunzeln den Kopf. »Touché.« Dann musterte er intensiv mein Gesicht und runzelte die Stirn. »Was ist denn mit dir passiert?«

Ich hatte keinen Schimmer, wovon er sprach. Deswegen zuckte ich nur mit den Schultern. »Keine Ahnung, was soll sein?«, gab ich desinteressiert zurück. Seine Nähe überforderte mich. Als er sich neben mich an den Tresen stellte, konnte ich ihn riechen. Sein Duft war männlich-herb mit einem Hauch Schweiß. Er fachte meine Erregung weiter an. Ich war froh, dass er sich in dem Moment über die Bar lehnte, um etwas zu bestellen. So hatte ich Zeit, um einmal tief durch zu atmen. Leider machte es das nicht besser, dafür war er mir viel zu nah. Ich spürte, dass jede Faser in meinem Körper angespannt war. In mir stritten sich das Verlangen und der Wunsch, vor der Gefahr zu fliehen, denn Jar war eindeutig eine Bedrohung. Die Heftigkeit, mit der ich auf ihn reagierte, verwirrte mich.

Ohne ihn ansehen zu müssen, spürte ich den Moment, als er sich mir wieder zuwandte. Was dann geschah, überraschte mich jedoch. Ich fühlte etwas Feuchtes auf meiner Wange und drehte mich nun doch zu ihm. Er strich sanft mit einer angefeuchteten Serviette über meine Haut. Ich runzelte die Stirn und wollte einen Schritt zurücktreten. Aber die anderen Clubgäste hinderten mich daran. Die behutsame Berührung brachte mich nur noch mehr durcheinander.

Er grinste und zeigte mir die kleine Ecke der Serviette, die sich rot verfärbt hatte. »Eigentlich hätte ich es ja abgeleckt, aber das wäre bei dir wohl nicht so ratsam.«

Endlich wurde es mir klar: Nach Ramons Krallenattacke hatte anscheinend noch Blut an meiner Wange geklebt. Daran hatte ich gar nicht mehr gedacht. Aber seine Fürsorge irritierte mich. Das passte nicht zu dem Bild, das ich von ihm hatte. Wobei das nicht ganz stimmte: Heiß und kalt.

Langsam sickerten auch seine Worte in meinen Verstand und bei den Fantasien, die vor meinem geistigen Auge auftauchten, spürte ich ein Zucken in meinem Schwanz. Fast wäre mir ein Stöhnen entkommen und das nur, weil er von ablecken gesprochen hatte. Verdammte Scheiße, das nahm gerade Ausmaße an, die nicht gut waren!

»Das würde dir wahrscheinlich nicht unbedingt gut bekommen«, gab ich nur knapp zurück. Meine Stimme war dunkler geworden. Rauer.

»Dabei würde ich gern mal an dir lecken.«

Der Spruch war so schlecht, dass er mich ein wenig aus dem Nebel meiner Erregung holte. Ich musste lachen. »Echt jetzt?«, gluckste ich. »So ein Scheißspruch?«

Seine Lippen verzogen sich ebenfalls zu einem breiten Schmunzeln und es geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. Seine roten Augen leuchteten belustigt auf. Sie wurden warm. »Du hast Recht, der war nicht gut.« Er kam mir ein wenig näher. »Du bringst mich einfach zu sehr durcheinander«, gestand er mir mit heiserer Stimme.

Ich verengte meine Augen, weil ich nicht wusste, ob er mich verarschen wollte. Aber nichts in seiner Miene deutete daraufhin. Allerdings machten mich seine Worte auch wütend. Er war durcheinander? Verfluchter Mist, hatte er eine Ahnung, was er mit mir anstellte?

Ich schüttelte unwirsch den Kopf und blickte in der Menge umher. Eine blonde Dämonin lächelte mich verführerisch an und spielte aufreizend mit ihrem Schweif. Sie interessierte mich überhaupt nicht. Auch einen weiteren Flirtversuch ignorierte ich. Ich nahm nichts anderes wahr, als den Mann neben mir. Ich spürte Jars Blick auf meinem Körper, aber beachtete ihn nicht. Ich fühlte mich dem nicht gewappnet. Ich war geil, seinetwegen. So geil, wie schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Auch wenn ich ihn ignorierte, bekam ich Gänsehaut bei seiner Musterung. Er berührte mich nicht und doch konnte ich förmlich fühlen, wie das Knistern immer mehr zunahm. Wie die Spannung zwischen uns weiter stieg, nur weil wir so nahe beieinanderstanden.

»Okay, Luca, die Sache ist die, ich bin echt scharf auf dich«, wisperte mir die dunkle Stimme auf einmal in mein Ohr. Ich konnte ein Schaudern nicht unterdrücken und als er leicht in mein Ohrläppchen biss, keuchte ich auf.

Der winzige Schmerz schürte meine Erregung und gleichzeitig ließ er mich auch ein wenig klarer werden. Ich drehte mich langsam zu ihm um. In seinen roten Augen erkannte ich dasselbe Verlangen, das mich quälte, aber sonst waren sie kühl. Als hätte ich mir vorhin nur eingebildet, dass sie warm gestrahlt hatten. Das dämpfte meine Lust. »Und du meinst, das beruht auf Gegenseitigkeit?«, fragte ich kühl und war stolz auf mich, dass ich so distanziert klang, auch wenn in mir ein Sturm tobte.

Er musterte mich intensiv. Sein Blick strich über meinen Körper. Es war wie eine Berührung und Gänsehaut bildete sich auf meinen Armen. In meinem Schritt blieb er hängen. »Das tut es auf jeden Fall«, raunte er und sah mir dann wieder in die Augen. »Ich würde dich gern ficken, Luca. Nur zu gern.«

Er sagte die Wahrheit. Lust stand in seiner Miene, aber dennoch störte mich etwas. Er klang kalt.

»Ficken also?«, hakte ich nach.

Er nickte und lächelte mich dann lasziv an. »Genau. Ich lasse mich nicht vögeln. Aber glaub mir, du wirst auf deine Kosten kommen.«

Ich löste den Blickkontakt und trank noch einen Schluck Bier. Keinen klaren Gedanken konnte ich fassen. Ich meine, was ging hier ab? Dachte ich gerade wirklich darüber nach, mich von einem gefährlichen Dämon ficken zu lassen? War ich noch ganz dicht? Aber doch spürte ich die Sehnsucht danach, der Anziehung nachzugeben. Ihn an mich zu ziehen und seine Lippen auf meinen zu spüren. Seinen harten Körper an meinen zu fühlen. Verdammt, was war nur los mit mir?

Ich schaute ihn noch einmal kurz an. »Und dann?«

Er zuckte mit den Schultern. »Nichts 'und dann'. Danach geht jeder wieder befriedigt seiner Wege.«

Seine Worte kühlten meine Libido ab. Das hörte sich falsch an.

»Aber ich bin mir sicher, dass wir viel Spaß miteinander haben werden«, versuchte Jar mich weiter zu bezirzen. Ich erkannte in seinen Augen, dass er merkte, dass ich mich gegen sein Angebot entscheiden würde. Das wollte er nicht. Es war ihm anzumerken, er wollte mich wirklich. Zu seinen Bedingungen.

Als mir der Gedanke in den Sinn kam, war es plötzlich klar. Ich stellte mein Bier ab und beugte mich zu ihm. »Das glaube ich dir sogar, aber das reicht mir nicht. Allerdings bin ich mir sicher, dass du jemand anderen findest.«

Dann schnappte ich mir ohne ein weiteres Wort meine Jacke und den Pullover und drängelte mich durch den Club. Ich bewegte mich schnell, um der Versuchung nicht doch noch zu erliegen. Ich war immer noch heiß auf ihn, aber nicht so . Während ich mehr oder weniger flüchtete, spürte ich Jars Blick auf mir, bis ich den Vorhang hinter mir zufallen ließ. Endlich konnte ich wieder durchatmen.

 

Auf dem Weg nach Hause wirbelten in meinem Kopf die Gedanken umher, aber ich konnte nicht klarsehen. Dafür war ich immer noch zu erregt. Erstmal musste ich diesen Druck loswerden. Die Lust floss durch meinen Körper. Ich begann im Auto ab und zu kurz meinen Harten durch die Hose zu massieren, um ihm ein bisschen Reibung zu geben. Es reichte nicht, aber so überstand ich die Fahrt.

Kaum war die Wohnungstür ins Schloss gefallen, öffnete ich mit einem erleichterten Stöhnen die Jeans. Damit verschwand auch der Druck es möglichst schnell zu erledigen. Ich genoss die Vorfreude, die mich durchzog. Genoss die Erregung, die ich in meinem Körper spürte. Genoss das Gefühl des Stoffes auf meiner Haut, als ich mich langsam auszog und mich gemütlich auf die Couch setzte. Ich spreizte meine Beine, damit ich auch an meine Eier kam. Es war dunkel in meiner Wohnung, aber die Lichter der Stadt spendeten so viel Helligkeit, dass ich schemenhaft alles erkennen konnte.

Ich fuhr über meinen Oberkörper, kniff mir in die Brustwarzen. Reizte sie mit den Fingern, bis ich mir auf die Lippe biss. Dann schloss ich die Augen, um die Berührungen noch intensiver wahrzunehmen. Sofort sah ich einen breiten großen Körper vor mir. Rote Augen, die mich voller Verlangen ansahen. Zähne, die erotisch auf die eigene Unterlippe bissen. Muskeln, die sich im Takt der Musik anspannten.

Für einen Augenblick versuchte ich, die Bilder wegzuschieben und an Suri zu denken, aber es funktionierte nicht. Als hätte sich der Anblick von Jar in meinem Gehirn eingebrannt. Als würde ich immer noch seinen Duft in der Nase haben. Mit einem leisen Fluch sträubte ich mich nicht mehr dagegen. Sah seine Bewegungen wieder vor meinen Augen. Kraftvoll und sinnlich. Eine meiner Hände bewegte sich in die Leistengegend, aber ich berührte meinen Ständer noch nicht. Auch wenn er zuckte und angefasst werden wollte. Mit der anderen reizte ich weiter meine Brustwarzen.

Ich sah seine langen Beine in der Hose und den knackigen Arsch, der sich verführerisch mit der Musik bewegte. Ich wollte ihn anfassen. Ihn kneten.

Mir entkam ein Stöhnen und ich massierte meine Eier, die voll und schwer herunterhingen. Ich sah die Beule in seiner Hose und stellte mir vor, wie sein Schwanz aussah.

Ich keuchte auf. Mein Harter bettelte um Aufmerksamkeit und ich fuhr mit einem Finger die lange Seite entlang. Auf der Spitze hatte sich ein Lusttropfen gebildet. Ich verstrich ihn ganz leicht um meine Eichel und stöhnte erneut.

Jars Blick, wie er mich voller Lust angestarrt und meinen Körper mit seinen Augen fixiert hatte. Ich fantasierte, wie er mich an sich zog und die langen schlanken Hände in meinen Hintern bohrte. Wie unsere Hüften zusammenprallten und unsere Schwänze aneinander rieben.

Schweiß brach mir aus und ich nahm die nächsten Lusttropfen, um meinen Ständer damit einzuschmieren. Endlich umschloss ich ihn und begann träge zu wichsen. Dabei ließ ich mich weiter auf die Bilder in meinem Kopf ein. Ich stellte mir vor, dass Jar hier wäre. Nackt, erregt, auf den Knien. Sein sinnliches Lächeln im Gesicht. Er beugt sich zu mir und leckt über meinen beschnittenen Schwanz.

Ich stöhnte lauter, die Bewegungen an meinen Harten wurden schneller. Mit der anderen Hand griff ich nach meinen Eiern und rollte sie zwischen den Fingern. Mein Atem raste und ich spürte nichts als Lust in meinem Körper.

Er umrundete mit seiner Zunge meine Eichel und lutschte an ihr.

Ich pumpte schneller. Das Kribbeln raste meine Wirbelsäule hinunter.

Er zwinkerte mir zu und stülpte dann seinen Lippen über meinen Schwanz, um ihn langsam und genüsslich aufzunehmen. Sein Mund war heiß und feucht.

Meine Bewegungen wurden noch schneller. Ich stöhnte lautstark und spürte, wie sich meine Eier zusammenzogen.

Dann war mein großer Schwanz ganz in seinem Mund verschwunden und er schluckt. Ich spürte es an meiner Eichel. Ich sah ihn an und er starrte zu mir hoch. Begierde stand in den roten Augen.

In dem Moment überrollte mich mein Orgasmus. Ich schrie auf und das Sperma spritzte auf meinen nackten Bauch, die Brust und bis ans Kinn.

Verdammte Scheiße, hatte ich nicht noch zu meiner Nana gesagt, dass es schöner sei, wenn man nicht allein kam. Bei dem Gedanken entkam mir ein hysterisches Kichern. Ich hatte gerade den besten Höhepunkt seit langem gehabt und dachte danach sofort an meine schräge Großmutter.

 

Als ich mich einigermaßen beruhigt hatte, stieg ich schnell unter die Dusche. Dabei wurde mir etwas klar: Ich war wirklich scharf auf Jar. Einen Dämon. Einen Mann.

Aber wie im Club störte mich die letzte Tatsache immer noch nicht. Natürlich überraschte es mich, weil ich nicht damit gerechnet hatte, dass ich mich mal zu einem Mann hingezogen fühlen würde. Bisher war mein Sexleben mit Frauen immer befriedigend gewesen. Für beide Seiten und ich hatte nicht das Gefühl gehabt, dass mir was fehlen würde. Aber anscheinend war es dieses Mal anders. Dieses Mal war es eben keine Frau, sondern zu meiner Verwunderung ein Mann. Aber das war in Ordnung.

Viel mehr beschäftigte mich die Wucht der sexuellen Anziehung. Allein von seinem Anblick hatte ich eine Erektion bekommen. Das war schon heftig und nicht wirklich alltäglich. Klar, ich war ein Kerl, der gerne und unter normalen Umständen viel Sex hatte, aber so krass hatte ich bisher nur selten reagiert. Und es war nicht nur das. Er war ein gefährlicher Dämon, von dem ich so gut wie gar nichts wusste. Und doch zog er mich so wahnsinnig an. Lag es an der Gefahr, die mich reizte? Oder nur an seinem atemberaubenden Aussehen? Sonst kannte ich ihn nicht, wusste nur, dass er in Südamerika mal was mit Cain gehabt hatte und dass er anscheinend nur ein Top war, der aus purem Vergnügen vögelte.

Aber am meisten verunsicherte mich meine tiefe Faszination an diesem Widerspruch in ihm: heiß und kalt. Er war distanziert gewesen. Nicht nur bei mir, sondern auch um Umgang mit seinem Tanzpartner. Er hatte die Dominanz, die er ausstrahlte, und die kühle Arroganz ganz deutlich zur Schau gestellt. Und doch hatte das Lächeln über den schlechten Spruch, den er abgelassen hatte, seine Augen erreicht. Sie hatten für einen kurzen Moment Wärme ausgestrahlt. Ein Anblick, der mich fast umgehauen hätte. Auch war er sanft und behutsam gewesen, als er mir das Blut von der Wange gewischt hatte. Ich war echt am Arsch!

 

 

 


 

28. Februar

 

»Verflucht Luca, konzentrier dich!«, brüllte mich mein Teamleiter an und ein Magieblitz ließ meinen Angreifer zu Boden gehen. Er war zurecht wütend, denn ich war abgelenkt gewesen. Hätte er es nicht rechtzeitig bemerkt, wäre ich von der Erdmauer begraben worden. Scheiße, so etwas durfte nicht passieren!

Und nur weil meine Gedanken wieder zu Jar abgedriftet waren. Wie ständig seit wir uns wiedergesehen hatten. Ich bekam ihn nicht aus meinem Kopf und mittlerweile war er sogar meine liebste Wichsvorlage. Ich musste nur an ihn denken und wurde scharf. Dabei wusste ich noch immer nicht, was ich davon halten sollte. So sehr ich mir den Kopf zerbrach, ich kam auf keine befriedigende Antwort. Deswegen nahm ich lieber den anderen Weg, der deutlich befriedigender war.

Ich grinste ein wenig dämlich, aber dieses Mal bekam ich wenigstens rechtzeitig die Bewegung im Augenwinkel mit. Schnell wandte ich mich ganz meinem Angreifer zu und konnte einem Steingeschoss gerade noch ausweichen. Ich sprang zur Seite und zielte. Ich hatte den Faun direkt im Visier und drückte ab. Er ging zu Boden, aber ich konnte nicht nachschauen, ob ich ihn genau dort getroffen hatte, wo ich wollte. Wir mussten endlich jemanden festnehmen und ich hoffte, dass er nicht tot war! Bisher hatten wir bei keinem das Glück gehabt und so kamen wir nicht voran. Wir mussten herausfinden, wieso die Übersinnlichen auf einmal so abdrehten. Bei den letzten Obduktionen war wieder nichts herausgekommen. Dafür stiegen die Gewalttaten weiter an. Und nicht nur das, es gab auch Forderungen. Von den Verantwortlichen, die sich 'Die Befreier' nannten. Der Name war lächerlich, aber die angespannte Situation sorgte dafür, dass wir uns noch nicht mal mehr darüber lustig machten.

Aufgrund dieser Neugigkeit war Cain heute auch nicht bei dem Einsatz mit dabei, sondern beratschlagte mit dem Council, wie sie mit den Forderungen umgehen sollten. Unser Feind hatte gedroht, dass es bald Todesfälle geben würde, wenn wir den Menschen nicht ein Mittel spritzen würden, dass sie alle zu Sehenden machte. Der Gegner forderte, dass sich die Übersinnlichen nicht mehr registrieren mussten und sie wollten sich auch nicht länger vor den Augen der Menschen verstecken müssen.

So war es natürlich nicht. Schließlich wusste der Großteil der Menschheit bisher nichts von den Übersinnlichen, weil sie sie schlicht und ergreifend nicht erkennen konnten. Aber diese Tatsache ignorierte unser Feind bisher konsequent. Grundsätzlich konnte ich den Gedanken sogar nachvollziehen, aber der Weg war der vollkommen falsche. Sie beschworen damit einen Krieg herauf, bei dem wir, wenn es so weiter ging, an zwei Fronten würden kämpfen müssen. Einmal gegen die Menschen und einmal gegen die willenlosen Supernaturals. Das wäre zu viel. Wir konnten nicht gegen zwei starke Mächte antreten, dafür waren wir zu wenige.

Aber erst einmal mussten wir diesen Kampf gewinnen. Dana, Zack und ich hatten damit schon genug zu tun. Unsere Angreifer waren stark und wir hatten alle Mühe, dagegen zu halten. Im Nahkampf hätten die Faune und Meerwesen, die auf einmal mitten am helllichten Tage in der Stadt begonnen hatten zu randalieren, keine Chance gehabt, aber wir kamen nicht so nahe an sie heran.

Mein bester Freund schleuderte erneut Magieblitze auf einige Gegner, die daraufhin reglos zu Boden fielen. Aber es kamen sofort neue nach. Wassermassen rollten auf mich zu. Die Wand war so hoch, dass ich nicht ausweichen konnte. Mein Blick irrte blitzschnell umher und dann sah ich den Meermann, der mit erhobenen Händen die Wand auf mich zutrieb. Ich legte an und schoss. Nicht eine Sekunde zu früh, denn das Wasser fiel nur ein paar Meter von mir entfernt in sich zusammen. Kalt traf es mich, aber ich achtete nicht weiter darauf, sondern schaute mich nach meinen Kollegen um. Dana war nah genug an einen Faun gekommen und bearbeitet ihn nun mit harten Kick-Box-Attacken. Ich lächelte grimmig. Der hatte keine Chance gegen die Dämonin.

Zack duellierte sich mit einer Meerfrau. Sie schoss einen Wasserstrahl aus ihren Händen, er hielt mit seiner Magie dagegen. Ich zielte auf ihre Schulter und drückte ab.

Bevor ich sehen konnte, ob mein Schuss getroffen hatte, traf mich etwas Hartes am Arm und meine Waffe wurde weggeschleudert. Scheiße, der verdammte Faun hatte mich echt mit einem Erdbrocken getroffen. Triumphierend lächelte er mich an und hob erneut seine Hände. Steine flogen um ihn herum und für eine Sekunde beneidete ich ihn darum. Es sah schon ziemlich cool aus. Allerdings könnte das schmerzhaft für mich werden. Wie Geschosse flogen sie blitzschnell hintereinander in meine Richtung. Dem ersten Stein konnte ich noch ausweichen, aber dann traf mich einer heftig in der Seite. Ich taumelte kurz und spürte einen weiteren Treffer an der Schulter.

Mein Blick schweifte umher, bis ich meine Waffe sah. Sie lag einige Meter entfernt in seiner Richtung. Ich schaute zu meinem Gegner. Er starrte mich grimmig und ein wenig irre an. Okay, ich musste es riskieren und hoffte, dass er nicht so schnell war. Ich hechtete mit aller Kraft nach vorne. Der Faun riss die Arme hoch, aber ich war schneller. Ich konnte die Waffe greifen und schoss.

Dann vernahm ich ein gurgelndes Geräusch und wandte mich, am Boden liegend, meinen Kollegen zu. Dana kämpfte schon mit einem neuen Angreifer und hatte alles unter Kontrolle, aber Zack war in einer Art Wasserstrudel gefangen. Verdammt, ich sah mich um, aber konnte den Verantwortlichen nicht ausmachen.

Ich rappelte mich auf, aber bevor ich etwas tun konnte, fiel der Strudel in sich zusammen. Gerade konnte ich noch sehen, wie der Meermann zu Boden ging. Und dann sah ich ihn. Jar. Er zog das Messer aus unserem Feind heraus und grinste mich an. Allerdings nur für eine Sekunde. Dann holte er aus und schleuderte seine Waffe – d i rekt auf mich zu.

Ich verfluchte mich, aber konnte mich in dem Moment nicht bewegen. Ein Blick nach unten zeigte mir, dass meine Füße von Wurzeln umklammert wurden. Das Messer zischte direkt an meinem Ohr vorbei, dann hörte ich hinter mir ein gequältes Keuchen. Der Druck an den Füßen ließ nach und ich schaute mich um. Eine Faunin war leblos zu Boden gegangen. Die Waffe steckte genau in ihrer Brust.

Ein Schuss zerriss die Stille und mein Blick ging zu Dana. Ihr Gegner sackte ebenfalls auf den Asphalt. Ich sah, dass ein weiterer Meermann floh. Aber in dem Moment fiel mir der Faun wieder ein und ich suchte in dem Chaos nach ihm. Zum Glück war er nur verletzt. Die Schusswunde an seiner Taille war nicht tief, aber hatte ihn an der Flucht gehindert.

Ich kniete mich neben ihn und zog seine Arme nach hinten, um ihm Handschellen anzulegen. Endlich hatten wir einen Täter, der von Dr. Kowalski und ihrem Team genauer untersucht werden konnte. Vielleicht würden wir dadurch einen Hinweis bekommen, wodurch die Supernaturals so widersinnig und willenlos handelten. Ich zog ihn langsam hoch, dann hörte ich einen Schrei.

»Luca!«

Es war Jar, der meinen Namen brüllte. Ich sah mich irritiert um und dann bemerkte ich die Waffe. Der fliehende Meermann hatte innegehalten und zielte nun direkt auf mich. Nein, verflucht! Nicht auf mich, sondern auf den verletzten Faun. Ich hob meine Hand, visierte ihn an, aber nur eine Sekunde bevor ich abdrückte, fiel sein Schuss.

Der Faun fiel in sich zusammen. Ich wusste sofort, dass er tot war. Fuck! Mein Blick ging zu dem Flüchtenden. Der ging ebenso leblos zu Boden.

»Verdammte Scheiße!«, brüllte ich wütend. Er hatte den Faun getötet, um ihn am Reden zu hindern. Um die Untersuchung zu vereiteln. Jetzt standen wir wieder vor dem Nichts. Wie sollten wir so bloß weiterkommen?

»Luca, alles in Ordnung?«, schrie Zack. Ich schaute zu meinem besten Freund, der klatschnass war. Missmutig nickte ich. Unser Blick ging weiter zu Dana, die ebenfalls grimmig nickte. Sie hatte leichte Kratzer vom Kampf, aber keine schlimmen Verletzungen.

Ich stand langsam auf und sah mich um. Neben den Leichen sah es chaotisch und verwüstet aus, überall lagen Steinbrocken und Erdberge in der Gegend herum. Pfützen und leichte Überschwemmungen hatten sich gebildet. Aber ich war mir sicher, dass unser Teamleiter bereits Verstärkung und die Kollegen zur Sicherung des Tatorts und der Spuren gerufen hatte.

Mit finsterem Blick wandte ich mich wieder an Zack und an den Mann, der mich seit einer Woche vollkommen durcheinanderbrachte. Wobei das nicht ganz ehrlich von mir war. Schon seit unserem ersten Aufeinandertreffen war er mir immer mal wieder im Kopf herumgespukt. Aber seit dem Abend im Club hatte es sich verändert.

Ich war nicht schüchtern oder unsicher und doch tat ich mich in dem Moment schwer, ihn anzusehen. Er hatte mich dermaßen aus dem Konzept gebracht, dass ich heute einen blöden Anfängerfehler gemacht hatte. Ich hatte mich durch die Gedanken an ihn ablenken lassen. Das machte mich echt wütend.

Mit dem Zorn im Gesicht sah ich ihn endlich an. Er erwiderte den Blick. Für eine Sekunde sah es so aus, als würde Freude in den schönen Augen stehen. Aber als er meinen Ausdruck sah, verengte er sie und Verwirrung löste jedes sonstige Gefühl ab. Seit einer verdammten Woche hatte ich ihn immer wieder in meinem Kopf, aber es war etwas ganz anderes, ihn vor mir zu sehen.

Wir starrten uns an. Ich nahm nichts anderes wahr, als den Dämon, der nur wenige Meter entfernt von mir stand. Er trug erneut seine abgewetzte Lederhose und die dicke Jacke, die seinen Körper verhüllte. Die langen Haare trug er wieder zu einem Knoten am Hinterkopf.

Seine Miene wurde finsterer. Dadurch wurden die Linien auf seiner Haut betont. Auch seine markanten Gesichtszüge und die strenge Kinnlinie traten bei dem grimmigen Ausdruck noch mehr zutage. Er wirkte wie das gefährliche Wesen, das er war und doch fühlte ich mich unglaublich zu ihm hingezogen. Es war unfassbar, aber auch nach einer Woche hatte sich nichts verändert. Ich musste ihn nur sehen und mein rationales Denken schaltete sich ab. Ich wollte ihn. Auch mitten am Tag, mitten am Tatort spürte ich die Anziehung, die von ihm ausging und der ich mich nicht entziehen konnte. Es knisterte zwischen uns und ich war mir sicher, dass er es ebenfalls bemerkte, denn seine Lippen verzogen sich zu einem sinnlichen Lächeln.

»Hi«, raunte er leise und in seinen Augen konnte ich für einen winzigen Moment Unsicherheit aufglimmen sehen. Ich runzelte die Stirn. Das musste ich mir eingebildet haben, denn nach dem nächsten Wimpernschlag trug er nur noch die kalte abweisende Maske.

»Jar, das ist ja mal eine Überraschung!«, riss Zack uns in dem Moment aus der gegenseitigen Betrachtung. Seine Stimme klang alles andere als erfreut. Ich blickte zu meinem besten Freund und konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. Er sah wirklich angepisst aus.

»Ach, das ist also der berühmt-berüchtigte Jar«, meinte Dana leise zu mir, die neben mich getreten war.

Ich nickte schmunzelnd. »Das könnte interessant werden.«

Der Dämon zuckte mit den Achseln. »Es sah so aus, als könntet ihr Unterstützung brauchen«, gab er auf Zacks Begrüßung nur kühl zurück. In seinen Augen funkelte die Herausforderung.

»Ich denke, wir hatten alles im Griff«, knurrte unser Teamleiter mürrisch.

Jar hob nur provozierend eine Augenbraue, sagte aber nichts dazu.

Auch Zack schwieg für einen Moment. Wir hätten es hinbekommen, aber Jars Hilfe war nicht schlecht gewesen. Ich war mich sicher, dass er es ähnlich wie ich sah. Allerdings würde sich mein bester Freund wahrscheinlich lieber die Zunge abbeißen, als das zuzugeben.

»Also, was machst du hier? Und komm mir nicht mit so einem Scheiß, dass du nur zufällig vorbeigekommen bist«, hakte er nach.

Jar schüttelte den Kopf. »Nein, das bin ich wirklich nicht. Ich will mit euch reden.« Er blickt kurz zu Dana und zuckte entschuldigend mit den Achseln. »Allein.«

Zack verschränkte die Arme vor der Brust. »Worüber?«

»Das erkläre ich euch gleich. Aber Cain muss dabei sein. Und Luca.« Sein Blick ging wieder zu mir und fing mich ein.

Sofort spürte ich die Heftigkeit der Anziehung. Verdammt, es hatte sich wirklich nichts geändert. Rein gar nichts. Ich musste nur eine Sekunde in diese intensiven roten Augen schauen und gleich stiegen Bilder in meinem Kopf auf.

»Okay, warum du Luca dabeihaben willst, ist ziemlich offensichtlich«, konnte sich Zack nicht verkneifen zu sagen. Er schien den eindringlichen Blick von Jar ebenso bemerkt zu haben. Dann schmunzelte er plötzlich. »Da hatte mein Dämon wohl wirklich recht. Das hätte ich nicht gedacht.«

Ich konnte seine Augen auf mir spüren und riss meinen Blick von Jar los.

»Kannst du heute Abend vorbeikommen? Anscheinend will da jemand sein Glück versuchen.« Er zuckte belustigt mit den Schultern.

Oh Mann, Zack, wenn du wüsstest, dass mich dieser Typ schon an der Angel hat, schoss mir in den Sinn. Aber ich ließ mir mein Gefühlschaos nicht anmerken und nickte nur knapp.

Er schien zufrieden und wandte sich wieder an den besonderen Mann vor ihm. »20 Uhr bei uns zu Hause. Das Loft ist über dem Demons Dreams. Da kann dann die Party steigen. Aber wehe, du benimmst dich nicht! Dann kann ich ganz schnell ungemütlich werden.«

»Keine Panik, ich bleibe ruhig. Mir ist nur wichtig, dass ich eine heikle Sache mit euch besprechen kann«, erklärte Jar ernst.

Ich musterte ihn neugierig, es schien ihm wirklich schwer zu fallen, uns um das Gespräch zu bitten. Worum konnte es da gehen?

»Hast du etwa ein uneheliches Kind von Cain bekommen? Dann muss ich dir jetzt schon sagen, dass wir keine Alimente bezahlen werden«, platzte Zack heraus und lachte auf.

Ich schüttelte den Kopf. Manchmal war er so ein Vollidiot.

Jar verdrehte die Augen. »Vollidiot«, murmelte er, aber ich konnte sehen, dass es um seine Mundwinkel zuckte. Ich musste ebenfalls schmunzeln, weil er das aussprach, was ich gedacht hatte. Dann wurde seine Miene wieder kühl. »Du wirst dich wundern und dir dann wünschen, dass es nur so etwas wäre«, prophezeite er düster und wandte sich dann ab. Der letzte Blick, den er mir zuwarf, der ging mir durch und durch. Er sagte, dass wir noch nicht fertig miteinander waren. Dass er meine Ablehnung nicht akzeptierte. Dass er mich immer noch wollte. Und allein dieser entschlossene kurze Blick brachte mich weiter durcheinander. Und nicht nur das, er machte mich an.

 

Ich war unendlich froh, als wir gegen 19.30 das Büro endlich verlassen konnten. Nach dem ganzen Papierkram waren der Chief und Cain zurückgekommen. Beide mit finsteren Gesichtsausdrücken. Im Rat hatten sie entschieden, dass sie sich nicht würden erpressen lassen. Gleichzeitig hatte der Council seine Zustimmung gegeben, um bei anderen Departments im Land Verstärkung anzufordern. Wenn wir wirklich nicht auf die Forderungen eingingen, war es nur eine Frage der Zeit, bis noch mehr passierte. Wir mussten vorbereitet sein. Abschließend berichteten die beiden, dass sie sich morgen Nachmittag mit dem kommissarischen Bürgermeister und dem Polizeidirektor zusammensetzen mussten, um sie darüber zu informieren. Man konnte deutlich erkennen, wie viel Lust sie auf die Diskussionen und Anschuldigungen, die zwangsläufig kommen würden, hatten.

Unser Bericht von dem Kampf half auch nicht unbedingt, die Stimmung zu heben. Der Chief runzelte angespannt die Stirn, als die Sprache auf Jar kam. Cain hatte ihm daraufhin knapp berichtet, dass er ihn aus der Zeit in Südamerika kannte. Wir diskutierten einen Moment darüber, warum er uns wohl sprechen wollte, aber hatten nicht so richtig eine Idee.

Ich fragte mich zwar auch, wieso er dieses Treffen wollte, aber das war irgendwie zweitrangig. Viel mehr spürte ich eine leichte Unsicherheit gepaart mit so etwas wie Aufregung. Gleichzeitig freute ich mich darauf, mehr von diesem geheimnisvollen Dämon zu erfahren. Dabei wusste ich nicht genau, was mich erwartete. Das schürte meine Anspannung. Aber nicht nur die, auch meine Libido meldete sich bei dem Gedanken, den heißen Mann wiederzusehen. Er hatte mich in seinen Bann gezogen. Niemals hätte ich damit gerechnet, aber dennoch war es so. Nicht irgendeine wunderschöne Frau weckte seit einer Woche meine Erregung, nein, es war ein gefährlicher und attraktiver Dämon.

Ich hatte in mich hineingehorcht, aber es war immer nur die Anziehung und das Begehren, das er in mir weckte, zu spüren. Vollkommen egal, ob Mann oder Frau. Dennoch musste ich zugeben, dass ich mich informiert hatte. Zack hatte vor Cain immer gern offen und detailliert über seine Affären gesprochen, von daher war es mir nicht unbekannt. Allerdings hatte ich mich noch nie für mich selbst mit dem Thema Sex mit einem Mann auseinandergesetzt. Nach einem Abend vor dem Rechner war es mir jedoch zu blöd geworden. Ich hatte zwar noch nie einem Mann einen geblasen, aber wusste wohl, wie ich es mochte. In den Arsch gevögelt hatte ich schon Frauen, die das mochte, von daher war mir das ebenfalls nicht fremd. Nur andersherum war ich ein wenig skeptisch. Ich hatte keine Ahnung, ob ich das mochte. Irgendwie konnte ich es mir nicht vorstellen. Aber ein bisschen Neugierde schwang dennoch mit.

Bei dem Gedanken schüttelte ich den Kopf. Ich war zwar immer experimentierfreudig in Bezug auf Sex gewesen, aber hätte mir jemand an Silvester gesagt, dass ich nur gute zwei Monate später darüber nachdenken würde, meinen Hintern entjungfern zu lassen, hätte ich der Person wahrscheinlich den Vogel gezeigt.

Ich schmunzelte und stellte das Radio an. Zum Glück fuhr ich allein zum Loft, sodass ich mich noch ein wenig sortieren konnte. Wobei ich bereits vor einer Woche eine Entscheidung getroffen hatte, die durch die heutige Hilfe von Jar noch verstärkt wurde: Ich würde der Anziehung nachgeben. Ich würde dieses Verlangen, das er in mir weckte, ausleben wollen. Na ja, wenigstens bis zu einem gewissen Grad. Aber ich wollte erfahren, wie sich seine Lippen auf meinen anfühlten. Wie sein kräftiger Körper nackt aussah. Wie seine Haut schmeckte. Bei dem Gedanken machte sich eine kribbelige Vorfreude in mir breit.

 

Nur eine halbe Stunde später spürte ich noch immer dieses aufregende Gefühl in mir. Gerade war ich im Loft angekommen und setzte mich zu Zack an den Tisch. Cain wollte sich schnell umziehen und dann würde wahrscheinlich auch jede Minuten Jar kommen.

»Was machen deine Zusammenstöße mit den Steinbrocken?«, erkundigte sich mein bester Freund.

Ich zuckte mit den Schultern. »Halb so wild. Ist noch ein bisschen blau verfärbt und ich bin froh, wenn keiner darauf herumdrückt, aber sonst ist alles in Ordnung.«

Er nickte zufrieden und stand dann auf. »Bier?«

Ich schüttelte den Kopf. Irgendwie hatte ich keine Lust auf Alkohol. »Hast du einen Kaffee?«

»Klar.« Während er ihn zubereitete, schaute er mich über die Schulter an. »Sag mal«, begann er und drehte sich dann mit dem Becher zu mir um. Neugierde machte sich auf seinem Gesicht breit. »Ist dir das eigentlich unangenehm, dass sich Jar so offensichtlich für dich interessiert?«

Ich verengte die Augen. »Wie kommt ihr alle darauf, dass er mich attraktiv findet?«, gab ich die Frage zurück. Auch wenn ich wusste, dass sie richtig lagen, gegenüber allen anderen ließ sich der Dämon doch zu wenig in die Karten gucken.

Zack lachte auf. »Das würde sogar ein Blinder erkennen, mein lieber Freund.« Dann stellte er den Automaten an und wandte sich mir erneut zu. Er musterte mich aufmerksam. »Und es wundert mich, dass du es nicht siehst. Du merkst doch sonst so schnell, wenn jemand auf dich steht.«

Ich kratzte mich am Kinn. »Keine Ahnung. Ich bin mir bei ihm nicht sicher, vielleicht weil er so kühl und distanziert wirkt«, mutmaßte ich ehrlich.

Er ging noch zum Kühlschrank und holte zwei Bier heraus. Nachdem er sie geöffnet hatte, kam er mit den Getränken zurück und stellte den Kaffee vor mich. Dann sah er mich wieder eindringlich an. »Also auf mich hat er nicht kühl gewirkt, als er dich förmlich mit seinen Augen gefressen hat.«

Ich schmunzelte bei der Formulierung, aber sagte nichts. Seine Worte waren irgendwie heiß und wärmten mich von innen. Aber das behielt ich für mich und genoss lieber einen Schluck des heißen starken Gebräus.

»Und ist es dir nun unangenehm? Denn er ist ja ein Kerl, würde ich mal behaupten«, kam Zack auf seine eigentliche Frage zurück.

»Das kann ich voll unterschreiben. Er ist eindeutig ein Mann«, mischte sich Cain in dem Moment grinsend ein und nahm sich das Bier. Damit war er in Zacks Reichweite, der ihm prompt den Ellenbogen in die Seite rammte.

»Hey«, echauffierte sich der Dämonenfürst und schmunzelte noch breiter. »Warum machst du das?«

»Damit du aufhörst, an fremde Schwänze zu denken«, knurrte Zack böse.

Cain griff in die offenen Haare meines Teamleiters und zog leicht daran, sodass er ihn ansehen musste. »Du weißt doch, dein Arsch und mein Arsch«, raunte er und küsste dann seinen Mann, der sich für eine Sekunde wehrte, aber dann leidenschaftlich auf den Kuss einging.

Ich schaute auf mein Smartphone, weil ich zusätzlich zu der Anspannung jetzt nicht noch Zeuge der heißen Aktivitäten meiner Freunde werden musste. Rosa hatte mir geschrieben und ganz misstrauisch gefragt, ob ich etwas getan hätte. Anscheinend hatte sich Ramon heute mal wieder am gemeinsamen Essen beteiligt und ohne zu murren die kaputte Regenrinne repariert.

Ich grinste erleichtert in mich hinein. Vielleicht war bei ihm doch noch nicht alles verloren? Ich glaubte zwar nicht unbedingt, dass sich unser Verhältnis jemals bessern würde, aber ich war froh, dass er sich unseren Eltern gegenüber nicht mehr so scheiße benahm. Allerdings behielt ich meine Gedanken für mich und schrieb ihr nur fragend zurück, was ich denn gemacht haben sollte.

»Luca, du hast nicht geantwortet«, stellte mein bester Freund in dem Moment fest.

Ich schickte die Nachricht ab und schaute wieder zu Zack. Seine Lippen waren leicht gerötet und auch Cain sah man den intensiven Kuss an. Ich schmunzelte über den Ausdruck in ihrer beider Augen. Sie waren noch in ihrer eigenen Welt. Wie sagte Noah immer so schön? In einer Welt, in der es heiß und schmutzig zuging.

»Das würde mich jetzt auch interessieren«, meldete sich der Dämonenfürst zu Wort.

Ich konnte glücklicherweise einer Antwort entgehen, weil es in diesem Moment klingelte. Nicht, dass ich ihnen nicht sagen wollte, dass es mich in keiner Weise störte, aber ich kannte die beiden. Mit der Aussage würden sie sich nicht zufriedengeben. Sie würden weiter bohren und mehr wollte ich dazu noch nicht sagen. Konnte ich überhaupt nicht. Ich verstand die heftige Anziehung ja selbst noch nicht.

 

Jar begrüßte mich mit einem echten Lächeln. Einem Lächeln, das mich innerlich wärmte und gleichzeitig meine Lust weckte, seinen Mund schmecken zu wollen. Als könnte er meine Gedanken lesen, zog er interessiert eine Augenbraue hoch, aber ich grinste nur zurück. Für einen Moment starrten wir uns an. Die Wucht der sinnlichen Anziehung überraschte mich erneut. Ich sollte mich vielleicht langsam mal dran gewöhnen, aber es haute mich immer wieder um. Was allein ein Blick von ihm in mir anrichtete. Meine Augen wanderten unauffällig über sein Gesicht, über die Zeichen auf seiner Haut. Seine gerade Nase, die markanten Züge, den Drei-Tage-Bart. Wie sich der beim Küssen anfühlte? Der Gedanken ließ mein Inneres kribbeln und ich spürte, wie mein Schwanz interessiert zuckte. Er trug, neben der standardmäßigen Lederhose, ein enganliegendes schwarzes Longsleeve, das seinen definierten Oberkörper betonte. Die dunkle Kleidung unterstrich die gefährliche Aura, die ihn immer umgab.

Jar erwiderte die Musterung mit einem anerkennenden Lächeln. Ihm schien meine graue Jeans mit dem schlichten hellblauen Henley-Shirt zu gefallen. Wie eine Berührung fühlte sich der intensive Blick der roten Augen an. Ich bekam eine Gänsehaut und spürte, wie mein Mund trocken wurde. Nur mit Mühe konnte ich mich zusammenreißen und gleichmütig seine Betrachtung über mich ergehen lassen. Dabei war ich mir unsicher, ob ich wegrennen oder mich auf ihn stürzen wollte. Das Einzige, wobei ich mir ganz sicher war, war, dass er mich anmachte. Und zwar ziemlich heftig. Allein der eindringliche Blick erregte mich mehr als die Berührung der einen oder anderen Affäre.

Unsere Augen trafen sich wieder. Ich sog scharf die Luft ein, als ich den Ausdruck des Verlangens in seinem Gesicht sah. Die Luft zwischen uns schien zu knistern und ohne ein weiteres Wort kam er einen Schritt auf mich zu.

»Willst du ein Bier?«, zerstörte Zack den Moment und sah Jar mit einer Mischung aus Argwohn und Ungeduld an.

Der Dämon fuhr sich durch die langen Haare, als müsste er sich auch erst einmal sammeln. Dann nickte er zustimmend.

Auch ich erwachte aus der Trance, in die mich anscheinend nur dieser widersprüchliche Mann bringen konnte. Die Faszination für ihn wuchs mit jeder Minute, die ich ihn kannte. Was würde er tun, wenn wir allein wären? Würde er den Abstand zwischen uns überbrücken? Die Bilder, die in mir aufstiegen, waren mehr als heiß.

Bevor ich weiter darüber fantasieren konnte, hörte ich ein amüsiertes Räuspern. Mein Blick ging zu dessen Verursacher. Der Dämonenfürst grinste mich belustigt an und schaute dann vielsagend zu Jar. Sein immer ein wenig schiefes Lächeln wurde noch breiter, als er noch mal genauer hinschaute.

Ich verdrehte die Augen, weil ich mir sicher war, dass Cain ihm in den Schritt starrte. Ich zwang mich, nicht ebenfalls hinzusehen. Wenn ich jetzt noch bemerken würde, dass er einen Ständer hatte, würde ich gar nicht mehr klar denken können. Ich verdrängte den anregenden Gedanken und nahm wieder Platz.

Und dann saßen wir alle am Esstisch, die Stimmung kühlte immer mehr ab. Zack schaute finster zu dem Gast, der sich jedoch Zeit ließ, das Wort zu ergreifen. Er schien zufrieden zu sein mit dem Bier in der Hand und schaute immer wieder provozierend zu dem Magier und dem Dämonenfürst. Meinen Blick mied er.

Nach ein paar Minuten haute mein bester Freund mit der Hand auf den Tisch. »Verdammt, willst du nur hier sitzen, dein Bier trinken und blöde grinsen oder sagst du endlich mal, warum wir unseren Feierabend mit dir verbringen müssen?«

Bei diesem Ausbruch begann Cain zu schmunzeln und auch ich konnte mir das Grinsen nicht verkneifen. Es war typisch für den heißblütigen Zack. Geduld war eindeutig keine seiner Stärken.

Jars Mundwinkel zuckte ebenfalls leicht, aber dann atmete er einmal tief durch und lehnte sich auf dem Stuhl zurück. Er fuhr sich erneut durch die offenen Haare und mir wurde bewusst, dass er anscheinend auch angespannt war. Was würde er uns eröffnen? Oder lag es daran, dass er uns nicht kannte? Auf jeden Fall blickte er noch einmal kurz in die Runde. Sein Blick war distanziert, als er Zack in den Fokus nahm.

»Okay. Ich habe mitbekommen, dass ihr nach Hinweisen zu deinen Eltern sucht.«

Zack runzelte argwöhnisch die Stirn und wollte direkt etwas erwidern, aber Jar hob die Hand. »Lass mich erstmal reden und danach kannst du alle Fragen stellen, die dir noch auf dem Herzen liegen.« Er trank ein Schluck Bier und ich beobachtete fasziniert, wie sich sein Kehlkopf dabei bewegte. Mir war noch nie aufgefallen, wie sexy es aussehen konnte. Innerlich gab ich mir eine Ohrfeige und konzentrierte mich wieder auf das Gespräch.

»Ich werde mir dann überlegen, ob ich darauf antworten will oder nicht.«

Cain musterte ihn interessiert, Zacks Blick war weiterhin misstrauisch. Man konnte spüren, dass es ihm nicht passte, auf die Informationen von Jar angewiesen zu sein. Dennoch konnte ich erkennen, dass er ebenso gespannt war, was nun kommen würde.

»Als Erstes vielleicht das Wichtigste. Deine Mutter ist tot. Dein Vater nicht.« Er trank einen weiteren Schluck Bier. Es herrschte völlige Stille und wir starrten den Dämon an. Er atmete tief durch. »Woher ich das weiß? Vor zwei Jahren habe ich von dir erfahren. Als ich merkte, dass etwas Großes im Gange war, habe ich mich auf den Weg zu Cain gemacht.« Jar wandte sich an den Dämonenfürsten. »In Südamerika hast du vielleicht nicht viel erzählt, aber dennoch bist du ein außergewöhnlicher Dämon. Es war nicht so schwer, dich zu finden. Unter den Supernaturals wird geredet. Viel geredet. Außerdem habe ich Möglichkeiten, mir Informationen zu beschaffen.« Er grinste Cain an, der nur gleichmütig mit den Achseln zuckte. Jars eindringlicher Blick ging wieder zu Zack. »Du kannst dir vorstellen, dass ich vollkommen perplex war, als ich dich an seiner Seite gesehen habe. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich kannte ein älteres Bild von dir, aber dich dann neben Cain zu sehen, hatte mich wirklich überrascht. Bishop hatte teilweise recht. Nicht deine Mutter, aber dein Vater ist für den ganzen Scheiß verantwortlich, in dem wir momentan stecken. Aber vielleicht muss ich ein wenig ausholen. Dein Vater, Zeus, wie er sich selbst nennt«, er rollte mit den Augen, »und glaubt mir, er hat sich nicht ohne Grund diesen Namen gegeben. Er ist ein machthungriger, unglaublich intelligenter Dämon. Er ist besessen von der Erforschung aller Übernatürlicher. Dabei kennt er keinerlei Grenzen und geht über Leichen. An seiner Seite ist Angela, eine Magierin, die ihn in allem unterstützt. Sie kommt aus einfachen Verhältnissen, ist jedoch ziemlich stark und giert ebenfalls nach Macht. Immer schon. Sie ist kalt und gefühllos. Er hatte regelmäßig Affären mit Frauen anderer Spezies.« Er schnaubte bitter. »Wobei Affäre das falsche Wort ist. Er hat andere Frauen zum Sex gezwungen, um zu sehen, wie sich Vermischungen der Rassen entwickeln. Deine Mutter, Zack, war eine der Frauen, die von ihm geschwängert und gefangen gehalten wurden. Nach deiner Geburt ist sie verstorben. Ich kann dir leider nicht sagen wie und warum. Ihr Name war Jennifer. Sie war ebenfalls eine Magierin.«

Keiner von uns sagte ein Wort. Ich war vollkommen fassungslos. Wie grausam musste man sein, um Frauen zum Sex zu zwingen? Bis sie schwanger wurden. Aus wissenschaftlichem Interesse! Mein Blick ging zu Zack, der irgendwie ruhig wirkte, aber ich konnte sehen, dass um seine Finger leicht bläuliche Blitze waberten. Cain legte ihm die Hand auf den Oberschenkel. Er hatte es ebenso gesehen.

Mein bester Freund atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Dann schaute er zweifelnd zu Jar. »Du willst mir also weismachen, dass mein Vater ein verdammtes Arschloch ist, der Frauen im Zeichen der Wissenschaft vergewaltigte und dass diese Angela das akzeptierte oder vielmehr sogar unterstützte?«

Jar erwiderte den ungläubigen Blick und nickte dann bedächtig. »Das wäre die Kurzfassung, ja.«

Zack fuhr sich aufgewühlt die Haare. »Verdammte Scheiße! Und warum macht der Bastard das?«

Der Dämon zuckte mit den Schultern. Dennoch konnte ich sehen, dass er nicht so gelassen war, wie er vielleicht wirken wollte. »Zeus handelt stets nach dem Grundsatz 'Wissen ist Macht'. Seit Jahrzehnten forscht er, steckt das meiste seines Geldes in die neusten Instrumente und Ressourcen. Er untersucht alles, was mit den ungleichen Rassen zu tun hat. So hat er Interesse an der Wirkung verschiedener Reize, wie Schmerz, Hitze, Kälte, Nahrungsentzug bei den unterschiedlichen Spezies. Aber er analysiert eben auch die Paarung verschiedener Rassen oder die Auswirkungen bei der Zugabe von anderem DNA-Material. Er will mehr Wissen haben und damit an Macht gewinnen.«

Ich kratzte mich am Kinn. »Das würde zu den Forderungen passen«, sinnierte ich.

Cain nickte. »Da gebe ich dir recht. Vor allem, wenn unser Feind sagt, dass es ein Mittel gibt, um alle Menschen zu Sehenden zu machen. Wenn er so lange forscht, kann es gut sein, dass er einen solchen Wirkstoff entwickelt hat. Ebenso wie einen, mit dem er die Übernatürlichen willenlos machen kann.«

»Es passt zu ihm«, stimmte Jar grimmig zu. Er schien den Mann zu verabscheuen.

Neugierig schaute ich ihn an. Aber er ignorierte meinen fragenden Blick.

»Wir müssen alles über ihn wissen«, forderte der Dämonenfürst.

Jar nickte düster.

»Bin ich der Einzige«, begann Zack und räusperte sich, »der Einzige, der an der Geschichte zweifelt?« Er war aufgestanden und lief im Zimmer auf und ab.

Ich spürte seine Aufgewühltheit. Auch Cain musterte seinen Partner besorgt. Wir kannten Zack. Wussten, wie leicht er in die Luft gehen konnte. Und die Informationen mussten ihn umgehauen haben. Jar hatte uns bestätigt, dass der Mistkerl Bishop wenigstens zum Teil die Wahrheit gesagt hatte. Sein Vater lebte und war unser Feind.

Der Magier drehte sich zu Jar, der ihn ebenfalls keine Sekunde aus den Augen ließ. Jeder Muskel in seinem Körper war angespannt, als wartete er nur darauf, dass er angegriffen wurde. Oder selbst angreifen konnte.

»Wieso sollten wir dir glauben?«, zischte Zack mit verengten Augen. Die Magie spielte um seine Hände. »Woher hast du die ganzen Informationen? Du könntest genauso gut ein Spitzel sein!«

Langsam erhob sich der Dämon. In den roten Augen stand Zorn. Unbändiger Zorn, den er zu unterdrücken versuchte. »Willst du das wirklich wissen?«, fragte er leise und kalt. Die Kühle in seiner Stimme war der genaue Gegensatz zu den flammenden Augen.

Cain und ich erhoben uns zeitgleich. Wir wussten, dass die Situation kurz vorm Eskalieren stand.

»Verdammt, ja!«, brüllte Zack.

»Weil …«, Jar machte eine Pause und raufte sich die langen Haare, »weil ich dort gelebt habe, bis ich 15 war. Weil ich mitbekommen habe, wie Zeus all diese grausamen Experimente mit den Wesen gemacht hat, weil ich selbst immer wieder Teil seiner Forschung war, weil …« Seine Stimme stockte. Er atmete tief durch, suchte Zacks Blick. Sah ihn eindringlich an. »Weil meine Eltern Zeus und Angela heißen.«

Stille.

Nichts war zu hören.

Ich starrte Jar an. Sah zu Zack, der ebenfalls den Dämon mit seinen Blicken durchbohrte. Der erwiderte den Blick, aber ich konnte sehen, dass seine Hände leicht zitterten. Und nicht nur das. Kleine rote Magieblitze gingen zwischen den langen schlanken Fingern hin und her. Ich war einen winzigen Moment irritiert, aber dann wurde es mir klar: Er hatte gesagt, Zeus war ein Dämon, Angela eine Magierin. Genau wie die Mutter von Zack. Damit wäre er ebenfalls halb Dämon und halb Magier. Und nicht nur das. Er wäre sein Halbbruder. Ich war vollkommen perplex. Mit vielem hatte ich gerechnet, aber nicht damit.

Mein Blick ging zu Cain, der ebenfalls völlig überwältigt war. Gleichzeitig behielt er seinen Partner im Auge. Aber Zack konnte nichts anderes machen, als Jar anzustarren.

»Was?«, knurrte dieser angespannt. Die Atmosphäre knisterte voller Emotionen. Der Dämon strahlte Wut und Feindseligkeit aus. Dabei war ich mir nicht sicher, ob sich das gegen Zack richtete oder gegen das, was er erlebt hatte. Ein Teil der Worte kam mir in den Sinn. 'Weil ich selbst immer wieder Teil seiner Forschung war'. Welche Scheiße musste er durchgestanden haben?

»Du willst mir also sagen, dass wir verwandt sind?«, hakte Zack ungläubig nach. Er schien überfordert zu sein mit der Information.

»Ja, das habe ich gesagt.«

»Das kann doch nicht sein«, hauchte mein bester Freund verwirrt.

»Und wieso nicht?«, hakte Jar sofort nach. Er klang kalt und doch waberten eine Unmenge an Gefühlen um ihn herum.

Zack starrte ihn immer noch an, als wäre er ein Alien. Seine Gedanken wirbelten durcheinander und er schien nicht einen richtig greifen zu können.

»Fuck, das ist mir zu doof. Glaub es oder lass es bleiben. Ich hau jetzt ab«, zischte Jar und ging mit langen Schritten zur Garderobe, riss seine Jacke herunter, öffnete die Tür und ließ sie hinter sich laut zuknallen.

Wir drei starrten uns abwechselnd an. Cain fing sich als Erster. »Luca, du musst ihm nach. Wir brauchen mehr Informationen über Zeus und Angela.«

Das war ungefähr das Letzte, was mir in den Sinn gekommen wäre, wieso ich hinter ihm herwollte. Aber der Dämonenfürst hatte recht. Dennoch war das nicht mein vordergründiger Antrieb, als ich mir ebenfalls meine Jacke schnappte und Jar folgte.

Der Dämon legte ein ordentliches Tempo vor, aber ich konnte ihn noch die Straße hinunterlaufen sehen. Gut, dass Vampire ebenfalls schnell waren und so konnte ich den Abstand zwischen uns verringern. Irgendwann hielt er an und blieb stehen. Ihm war klar, dass ich hinter ihm war. Ich nahm ebenso das Tempo raus, aber lief weiter auf ihn zu.

Als die Distanz nur noch zehn Meter betrug, hielt ich an und machte dann langsame Schritte auf ihn zu. Ich war nur noch drei Meter von ihm entfernt, da drehte er sich zu mir um. Wut glühte in seinen Augen. Aber nicht nur, ich konnte eine Verletzlichkeit sehen, die irgendwas Seltsames mit mir anstellte.

»Was willst du?«, fragte er und seine Stimme klang kalt. »Mir auch sagen, dass ich lüge?«

Ich schüttelte automatisch den Kopf. »Nein, ich glaube dir.«

Überrascht sah er mich an.

Ich zuckte mit den Schultern. »Ganz ehrlich, warum solltest du dir diesen Scheiß ausdenken?«

Seine Mundwinkel wanderten für einen Moment nach oben, aber dann wurde er wieder ernst. »Hau ab, Luca.«

»Wieso?«, bohrte ich gleich nach und starrte den attraktiven Mann vor mir an.

Er erwiderte meinen Blick. Eindringlich, intensiv, heftig. Ich weiß nicht, wie lange wir uns ansahen. Aber es kam mir vor, als könnten wir beide nicht den Kontakt lösen. Sein Zorn verrauchte langsam, auch die Unsicherheit war nicht mehr zu sehen. In seine Augen trat die gewohnte Kühle, aber nicht nur die. Auch Verlangen blitzte auf.

Mein Atem beschleunigte sich. Es kam mir vor, als würde die Luft zwischen uns prickeln. Ich musterte sein Gesicht, den schön geschwungenen Mund. Dabei bemerkte ich, dass meiner ganz trocken war. Ich befeuchtete die Lippen mit der Zungenspitze.

Jar gab ein Knurren von sich und starrte ebenfalls auf meinen Mund. Biss sich auf die Unterlippe.

Das war der Moment, in dem sich meinen Kopf abschaltete. Scheiße, ich hatte in den letzten Tagen so oft daran gedacht. Ich überwand das letzte bisschen Abstand zwischen uns. Riss ihn an seinem Jackenkragen zu mir und unsere Lippen prallten aufeinander. Der Kuss war nicht schön, nicht raffiniert, nicht mal ansatzweise liebevoll. Und doch fühlte er sich perfekt an. Sein harter muskulöser Körper an meinem. Die weichen Lippen. Die kratzigen Bartstoppeln. Endlich.

Ich keuchte auf und schlang die Arme um ihn. Ich wollte ihn näher spüren und krallte mich in seine Jacke. Er schien nichts dagegen zu haben, denn eine Hand grub sich in meine Locken und hielt meinen Kopf an Ort und Stelle. Die andere zog mich ebenfalls an sich.

Er leckte über meine Lippen und ich öffnete den Mund. Unsere Zungen tanzten nicht miteinander. Sie kämpften. Rangen um die Oberhand. Es war rau, entschlossen, unerbittlich. Und verdammt, ich liebte jede Sekunde davon. Er schmeckte unglaublich. Männlich. Einmalig.

Meine Hand wanderte in sein Haar und ich konnte nicht genug davon bekommen. Ihn zu schmecken, die Haare mit meinen Fingern zu zerwühlen. Automatisch begann ich mein Becken zu bewegen. Die Lust raste durch mich hindurch und brauchte ein Ventil. Jar stöhnte in meinen Mund. Mein Schwanz war hart und ich spürte seine Erektion. Das machte mich noch mehr an.

Wir verschlangen uns und doch reichte es nicht. Diese verdammten Jacken waren zwischen uns. Ich keuchte auf, als Jar die Hände auf meinen Arsch legte und mich weiter an sich presste. Es fühlt sich gut an. Die Kraft, die hinter seinen Bewegungen lag, war heiß. Ich konnte seinen Ständer stärker an meinem spüren und bewegte die Hüfte gegen seine. Ich war geil. So verflucht geil.

Nach einer Weile beendete Jar den Kuss. Ich knurrte unzufrieden, weil ich mehr wollte und leckte mir erwartungsvoll die Lippen. Wir starrten uns an. Beide außer Atem. Erregt. Kurz davor, wieder übereinander herzufallen.

Doch dann fiel mir etwas auf, was mich überraschte. Neben der Begierde funkelte ein warmer Ausdruck in seinen Augen. Vorsichtig und im völligen Kontrast zu dem gegenseitigen Überfall fuhr er mit den Fingerspitzen über meine Wange. Am liebsten hätte ich mich in die Bewegung hineingelegt. Aber ich schloss nur für eine Sekunde die Augen. Da küsste er mich erneut. Diesmal sanfter, inniger und doch mindestens genauso intensiv. Es war bedächtiger und wir genossen das Spiel unserer Zungen. Dennoch heizte es mir weiter ein. Dieser eindringliche Kuss hinterließ ein warmes Kribbeln in mir, das sich ausbreitete. Ich wollte mehr davon.

Mit einem Ruck riss sich Jar von mir los. Ich fluchte innerlich, weil mir sofort die Hitze seines Körpers fehlte. Er fuhr sich mit den schlanken Händen in die Haare und schloss für einen Moment die Augen. Als er sie wieder öffnete, war jede Wärme verschwunden. »Ich dachte, ich hätte klar gemacht, was ich will. Ich will dich ficken, Luca. Dabei bleibe ich. Du machst mich tierisch an, aber diesen ganzen anderen Kram kannst du dir sparen. Da habe ich keinen Bock drauf.« Seine Stimme klang kalt.

Die Worte weckten die Wut in mir. Er gab so einen Mist von sich nach so einem Kuss? Was dachte der Idiot eigentlich, wer er war? »Du mieser Wichser«, zischte ich und machte einen Schritt auf ihn zu. Ich war mir nicht sicher, was ich tun würde. Der Zorn hatte die Erregung noch nicht vollständig verdrängt. Aber je näher ich ihm kam, desto mehr wich er zurück. Als würde er meine Nähe meiden. Warum auch immer.

»Das interpretiere ich mal als 'Nein' für das Vögeln«, gab er zurück und zuckte gleichmütig mit den Achseln.

Diese Kälte und Gleichgültigkeit, mit der er unseren Kuss abtat, schürte meinen Ärger. »Fuck, du Arschloch«, brüllte ich ihn an, »da kannst du aber einen drauf lassen!«

»Okay«, sagte er abgeklärt und wandte sich ab. Zuerst schlenderte er nur, aber dann wurde er immer schneller, als würde er wegrennen. Als würde er vor mir fliehen.

Das sollte er auch besser, dieser Scheißkerl. Ich zitterte vor Wut und fühlte mich gleichzeitig gedemütigt. Er hatte nur mit mir gespielt. Hatte die beschissene Anziehung zwischen uns ausgenutzt, um doch noch die Chance zu bekommen, mich zu ficken. Weil er nicht damit umgehen konnte, dass ich dem ach so herrlichen und hinreißenden Jar eine Absage erteilt hatte. Der verfluchte Bastard!


 

01. März

 

Ich war an diesem Abend nicht mehr ins Loft zurückgekehrt, sondern zu meiner Wohnung gefahren. Nachdem ich Blut zu mir genommen hatte, hatte ich mich an dem Sandsack, der in meinem Arbeitszimmer hing, abreagiert. Wobei Arbeitszimmer auch ein irreführender Begriff war. Eigentlich stand da nur eine alte Musikanlage auf einer Kommode. Ansonsten lagen nur verschiedene Fitnessgeräte und Gewichte herum. In der Mitte hing besagter Sandsack, den ich ordentlich verdroschen hatte. Bis mir der Schweiß heruntergelaufen war und ich nur noch gekeucht hatte. Danach war ich zwar vollkommen fertig gewesen, aber immer noch geil. Mit finsterer Miene hatte ich mir unter der Dusche einen runtergeholt. Dabei hatte ich das Gefühl gehabt, ich würde ihn noch immer schmecken. Seine Kraft spüren, wie er mich an sich zog. Seinen harten Körper fühlen, wie er sich an meinen presste. Der Kuss war unglaublich heiß gewesen und hatte den Wunsch nach mehr geweckt. Als ich mit einem grimmigen Stöhnen meinen Saft verspritzt hatte, war es mir danach nicht wirklich besser gegangen. Die Wut hatte weiter in mir gebrodelt, aber immerhin war der Druck weg gewesen und ich hatte pennen können.

So lange, bis mich mein Smartphone wieder aus dem Schlaf riss. Es war Zack, der mir mitteilte, dass sie schon Besuch von Jar gehabt hatten und ich sollte meinen Arsch in der nächsten Stunde ins Department bewegen. Ich spürte ein seltsames Gefühl, als mein bester Freund den Namen des Dämons nannte. Das verschwand auch nicht, als ich hastig einen Kaffee trank und mich zu Fuß auf den Weg machte. Meistens fuhr ich mit dem Auto, weil es schneller ging, aber ich brauchte die kühle Luft, um meine Gedanken zu klären. Wenn ich mich beeilte, würde ich es auf jeden Fall zeitlich schaffen.

Jar war bei Zack und Cain gewesen und hatte mit ihnen geredet. Das ärgerte mich irgendwie, weil ich mir sicher war, dass er mich nicht hatte sehen wollen. Er hatte mich damit außen vor gelassen. Sonst hätte er einen anderen Weg gewählt. Verflucht, und alles nur, weil ich ihm nicht sofort den Hintern hingehalten hatte! Das machte mich stinksauer. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass mehr dahinterstecken musste. Hätte er wirklich nur deswegen so gehandelt, weil er mit meiner Ablehnung nicht klarkam, wäre das schon eine krasse Nummer. Und auch ein klein wenig kindisch. Bisher hatte er jedoch nie diesen Eindruck in mir geweckt. Von daher gab es bestimmt noch einen anderen Grund. Wenn ich nur wüsste, was für ein Problem der Kerl hatte.

Durch den brodelnden Ärger und der Verwirrung wurden meine Schritte automatisch schneller und dann spürte ich etwas. Seltsam, aber irgendwie kam es mir so vor, als würde ich beobachtet werden. Ich blickte mich um. Um mich herum waren viele Menschen unterwegs. Leute, die zur Arbeit oder zum Einkaufen gingen. Wieso hatte ich plötzlich dieses untrügliche Gefühl? Ich ließ meine Augen noch einmal schweifen und da sah ich eine junge Frau, die mich musterte. Sie stand an der langen Schlange eines Coffeeshops. Sie lächelte mich an und ihr Blick wanderte über meinen Körper. Anscheinend gefiel ihr, was sie sah, denn ihr Lächeln wurde strahlender. Es stand ihr gut. Genau wie die langen braunen Haare, die ihr offen über die Schulter fielen. Unter anderen Umständen hätte ich vielleicht sogar für einen kleinen Flirt angehalten, aber im Moment war mir nicht danach. Ich zwang mich zu einem charmanten Lächeln, als ich an ihr vorbeiging.

Dennoch war das Gefühl danach nicht weg. Ich schlug mir innerlich gegen die Stirn. Wahrscheinlich sah sie mir einfach nach, aber ich hatte keine Lust mich noch einmal umzudrehen, um mich zu vergewissern. Nicht, dass sie es doch noch falsch verstand. Mann, langsam wurde ich echt paranoid, wenn ich mich schon durch den interessierten Blick einer Frau verfolgt fühlte. Ich schüttelte den Kopf. Die Sorgen meiner Familie schienen langsam aber sicher auf mich abzufärben, schoss mir in den Sinn, als ich beim Department ankam.

 

Zeus Saunders war 60 Jahre alt, sah aber aus wie 50. Sein Dämonenerbe war deutlich an den beiden langen Hörnern zu erkennen, die aus seinem Kopf herausragten. Ansonsten war er 1,90m groß, hatte schwarze, kurze Haare und braune Augen. Seine Ehefrau Angela Saunders war fünf Jahre jünger als er, sah aber eher aus wie Mitte 40. Sie war braungebrannt, mit ihren 1,65 durchschnittlich groß, schlank, hatte grüne Augen und lange rote Haare. Gemeinsam hatten sie ein riesiges Forschungszentrum im Süden gebaut. Ziemlich abgelegen.

Das waren alle Informationen, die Jar Zack und Cain in ihrem Gespräch gegeben hatte. Endlich war der Feind nicht mehr namen- und gesichtslos. Wir konnten eine Akte anlegen und unser Kollege Bert war als Technikspezialist bereits dabei, nach weiteren Informationen zu suchen.

Jar war sich ziemlich sicher, dass sie sich nicht mehr in dem Zentrum im Süden befanden, dennoch hatte White sofort mit den Kollegen vor Ort telefoniert, die eine Truppe hinschickten.

Ich spürte das erste Mal seit langem wieder einen Hoffnungsschimmer, dass wir wirklich weiterkommen würden. Dass wir diese Irren fassen konnten. Jetzt waren wir nicht mehr länger die, die nur reagierten. Endlich konnten wir selbst aktiv werden.

Es ging nicht nur mir so, ich spürte im ganzen Team eine gewisse Euphorie. Tai und Brady machten sich mit deutlich mehr Elan an die letzten Akten zu den Todesfällen, die mit Zacks Vergangenheit zusammenhingen. Bisher war da nichts Neues herausgekommen, aber wir mussten jedem Hinweis nachgehen.

Dana ging in die kleine Küche, um Kaffeenachschub zu holen. Als Nächstes wollten wir klären, wie wir nun weiterverfahren würden. Cain verabschiedete sich vorher, weil er mit dem Chief zu der Besprechung mit den Menschen musste. Er schien als Einziger nicht wirklich gut gelaunt zu sein. Was ich durchaus nachvollziehen konnte. Wahrscheinlich würden sie den restlichen Tag mit Diskussionen und Streitereien im Büro des kommissarischen Bürgermeisters verbringen. Er nickte mir noch einmal zu und verschwand dann.

Ich blickte zu meinem besten Freund und hob fragend eine Augenbraue. Der wusste sofort, was ich wissen wollte. Wir hatten noch nicht miteinander über die Neuigkeiten gesprochen, und damit meinte ich nicht nur die Spuren, sondern vor allem die Veränderung seiner familiären Verhältnisse.

Zack zuckte nur mit den Schultern. »Keine Ahnung, was ich davon halten soll. Für den Fall ist es natürlich gut, dass wir endlich konkrete Hinweise haben.« Er fuhr sich durch die langen Haare.

Seine Nacht war anscheinend auch kurz gewesen, was dieses Mal mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit nichts mit heißen Aktivitäten zu tun gehabt hatte. Obwohl, bei den beiden wusste man nie so genau, schoss mir in den Sinn und ich schmunzelte innerlich.

»Ich war wirklich überrascht, als er heute Morgen nochmal vor der Tür stand. Damit hatte ich nicht gerechnet. Nach dem Abgang gestern. Aber Cain und ich haben lange darüber geredet «, er verzog bei dem Wort unwillig das Gesicht. »Er scheint echt eine Menge Scheiße durchgemacht zu haben, was er so angedeutet hat. Aber so richtig erzählen wollte er heute Morgen auch nichts davon.« Zack zuckte mit den Achseln. »Kann ich sogar verstehen. Würde ich wahrscheinlich auch nicht. Hörte sich an, als wäre das richtiger Mist gewesen.«

Ich musste schmunzeln. »Da hättet ihr ja schon mal eine Gemeinsamkeit.«

Zack grinste ebenfalls kurz. »Ja, aber Mann, einen Halbbruder?« Erneut verzog er das Gesicht. »Und dann ausgerechnet Jar.« In seinen Augen stand eine Mischung aus Unglauben, Verzweiflung, aber auch Freude. Er fuhr sich über das Gesicht. »Verdammt, ich kann den Typen nicht mal leiden! Und er hatte schon den Schwanz meines Mannes in seinem Mund.«

Ich prustete los. Die Situation war skurril. Dennoch freute ich mich für ihn. Er hatte nie eine wirkliche Familie gehabt. Auf jeden Fall keine, die es gut mit ihm gemeint hatte. Und Jar und er schienen sich nicht unähnlich zu sein. Sie waren beide nicht unbedingt die Redseligsten. Wahrscheinlich wusste ich auch deswegen noch nicht so richtig, was ich von ihm halten sollte. Wir durften nicht vergessen, dass er gefährlich war. Außerdem hatten wir viel zu wenig Informationen über ihn. Wie hatte er bisher sein Leben verbracht? Wenn sie wirklich Experimente mit ihm gemacht hatten, was war es genau gewesen? Wenn er eine Mischung aus Dämon und Magier war, über welche Fähigkeiten verfügte er?

»Hat er eigentlich noch mehr dazu gesagt, warum er hierhergekommen ist? Wieso er Cain gesucht hat?«, stellte ich die ersten Fragen, die mir in den Sinn kamen.

»Ja, er meinte, dass er eigentlich nur nach ihm gesucht hat, um ihn über die Veränderungen zu informieren. Als er mich dann gesehen hat und auch von den Geschehnissen mit Bishop erfuhr, entschied er sich zu bleiben. Er ist sich sicher, dass Zeus und Angela ebenfalls in der Nähe sind. Es kommt mir vor, als hätte er Rachepläne, aber frag mich nicht warum. Ich habe keine Ahnung, weil er nichts gesagt hat. Aber er scheint die beiden wirklich zu hassen.«

Ich runzelte die Stirn. Eine Antwort, die noch mehr Fragen aufwarf. »Woher weiß er von den Geschehnissen mit Bishop?«

Zack kratzte sich am Kinn. »Er meinte, dass er das von einem Dämon gehört hatte.« Sein Blick traf mich. »Auch darüber hat er sich natürlich ausgeschwiegen. Aber ganz ehrlich, ich glaube, dass er ihm entweder in den Kopf geschaut hat oder seine Künste im Bett so gut sind, dass sein Gespiele freiwillig geredet hat.«

Mir kam der Kuss wieder in den Sinn und ich musste mich zusammenreißen, um mir nichts anmerken zu lassen. Er war der Wahnsinn gewesen und beide Optionen, die Zack genannt hatte, waren nicht unwahrscheinlich. Allerdings spürte ich auch ein seltsames Gefühl in meinem Magen, als ich mir vorstellte, wie er mit einem anderen Dämon herummachte. Ihn vielleicht sogar fickte. Einerseits war der Gedanke heiß, auf der anderen Seite hinterließ er einen schalen Geschmack in meinem Mund. Ich spürte, dass sich erneut Wut in mir regte. Dieser verfluchte Mistkerl!

Mein bester Freund beobachtete mich aufmerksam. »Wollen wir trainieren, wenn wir durch sind mit der Besprechung?«

Ich nickte grimmig. »Auf jeden Fall!«

 

»Meine Fresse, was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen, dass du so austeilst?«, keuchte Zack neben mir, als wir fünf Stunden später vollkommen verschwitzt und erledigt nebeneinander im Kampfring lagen.

Ich zuckte scheinbar ahnungslos mit den Achseln. Dabei wusste ich natürlich genau, was mich so angespornt hatte. Der heiße Kuss mit Jar und seine anschließenden beschissenen Worte. Die Erregung, die dennoch nicht verpufft war. Und diese verdammte Anziehung, die mich wahnsinnig machte. Diese unglaubliche Faszination, die er auf mich ausübte. Heiß und kalt. »Kein Schimmer«, gab ich nur außer Atem zurück. »Wahrscheinlich musste der ganze Scheiß der letzten Zeit mal raus.« Ich grinste ihn zufrieden an. Jedes Mal, wenn ich meinen besten Freund so richtig ins Schwitzen brachte, freute ich mich tierisch darüber. Diesmal war er nicht nur einmal, sondern sogar drei Mal auf der Matte gelandet.

Zack nickte verständnisvoll und schaute mich dann aufmerksam an. Langsam kannte ich diesen neuen Blick an ihm. Der 'Ich-will-mit-dir-reden-Blick'. »Ich weiß immer noch nicht, ob es dich stört, dass Jar auf dich steht.«

Ich rollte mit den Augen. Warum musste er gerade jetzt seine einfühlsame Seite entdecken? »Nein, wieso sollte es mich stören?«

Die blauen Augen schauten mich weiterhin eindringlich ein. »Hätte ja sein können«, gab er nur gelassen zurück. Er sagte nichts weiter, aber irgendwie provozierte mich sein Blick.

»Mann, Zack«, knurrte ich und setzte mich auf. »Jar ist nicht der erste Kerl, der mich heiß findet. Das solltest selbst du schon gemerkt haben.«

»Hmmm.« Er kratzte sich am Kinn, aber ließ mich nicht aus den Augen. »Und wie findest du ihn?« Die Frage klang ganz neutral und doch schwang sehr viel mehr zwischen den Zeilen mit.

Ich verengte die Augen. Darüber wollte ich wirklich nicht sprechen. »Habe ich doch Cain schon gesagt, er sieht gut aus«, sagte ich möglichst beiläufig und stand auf.

»Hmmm«, machte mein bester Freund erneut und ich überlegte, ob wir vielleicht doch noch eine zusätzliche Runde einlegen sollten. Auf jeden Fall weckte dieses bescheuerte ‚ Hmmm‘ meinen Ärger. »Wann hast du Suri eigentlich das letzte Mal gesehen?«

Ich schnaubte und schaute zu ihm herunter. Er beobachtete mich neugierig. »Ernsthaft? Frag doch einfach, was du fragen willst und eiere nicht so rum«, gab ich unwirsch zurück.

Nachdenklich tippte er sich ans Kinn. »Also, ist es schon länger her?«

Boah, ich liebte diesen Kerl, aber manchmal ging er mir auch gehörig auf die Nerven. »Nein, ist es nicht. Wir haben uns letzte Woche getroffen«, erklärte ich mit mühsam beherrschter Stimme. Ich wusste genau, worauf er hinauswollte. Aber ich war noch unsicher, ob ich bereit war, mit ihm über diesen Wirrwarr in mir zu sprechen. Wobei es eigentlich auch nicht viel gab. Ich fand Jar anziehend. Richtig anziehend. Er faszinierte mich. Wir hatten uns geküsst. Danach wollte er nur vögeln und hatte mich nach meiner Ablehnung stehengelassen. Das könnte ich Zack alles sagen, ebenso, dass ich mich zwar letzte Woche mit Suri getroffen hatte, aber wir keinen Sex gehabt hatten. Das erste Mal überhaupt. Auch mit ihr hatte ich nicht über den Dämon gesprochen, nur gesagt, dass ich ziemlich viel im Kopf hatte. Sie war nicht dumm und würde sich ihren Teil denken. Allerdings hakte sie nicht weiter nach, sondern erklärte nur, dass ich mich gerne melden konnte, wenn ich quatschen oder wieder Lust auf eine Runde hätte. Danach hatten wir noch einen Wein zusammengetrunken und über einige Clubgäste abgelästert. Ich mochte die Dämonin echt gerne, sie war so herrlich unkompliziert.

»Ach so, letzte Woche«, gab Zack in dem Moment nur überrascht zurück und ich musste mir ein Grinsen verkneifen. Er war mal so gar nicht subtil. Ich war mir sicher, dass er etwas vermutete, aber das Treffen mit Suri brachte ihn anscheinend durcheinander. Aber ich würde ihn nicht aufklären. »Genau«, entgegnete ich nur, »ich gehe jetzt duschen.«

Mein bester Freund nickte nur nachdenklich. Es war schon irgendwie witzig, wie er sich verändert hatte. Für einen Moment dachte ich darüber nach, ihn doch noch einzuweihen, aber so wie er gerade drauf war, würde ich dann nicht mehr wegkommen, bevor ich nicht einen kompletten Seelenstriptease hingelegt hatte. Darauf konnte ich verzichten. Dennoch spürte ich seinen Blick die ganze Zeit auf mir.

 

Eine halbe Stunde später umfing mich die kühle Abendluft, als ich das Department verließ. Zack hatte mir angeboten, mich nach Hause zu fahren, aber mir kam das Laufen ganz recht. Vor allem, weil ich dann seinem forschenden Blick nicht weiter standhalten musste. Damit ging er mir echt ziemlich auf den Sack.

Während ich schnellen Schrittes die Straße entlangeilte, hatte ich immer noch das Gefühl, dass ich seine Augen auf mir spüren konnte. Verdammt, ich wurde wirklich paranoid.

Ein paar Blocks weiter wurde mir allerdings klar, dass das weder Einbildung war, noch dass ich in irgendeiner Form fantasierte. Und es war auch nicht Zacks Blick oder der einer schönen Frau. Auf der anderen Straßenseite fiel mir ein Wesen auf, das mich ziemlich genau musterte. Es war zu auffällig, als dass es reiner Zufall sein konnte. Vor allem, weil er sofort als Dämon zu erkennen war. Ein Steindämon, um genauer zu sein. Und leider nicht Duke. Obwohl es bereits dunkel war, konnte ich im Schein der Straßenlaternen seine feindselige Miene gut erkennen. Der war auf jeden Fall nicht auf einen entspannten Plausch oder einen Flirt aus.

Ich beschleunigte mein Tempo, doch der Dämon hielt locker mit. Der Trubel der Innenstadt lag nach einigen Blocks hinter mir und es wurde einsamer. Gut, wenn er wirklich hinter mir her war, würden wir wohl kämpfen müssen. Hier gefährdeten wir immerhin nicht so viele Zivilisten. Ich überlegte gerade, wo ich am besten stehenbleiben sollte und entschied mich für eine kleinere Gasse, die einen halben Block entfernt war. Da sah ich vor mir etwas.

Ich stockte. Mir kamen zwei weitere Wesen entgegen. Verdammt, ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, waren die nicht einfach auf dem Weg in die nächste Bar. Sie starrten mich grimmig an. Ich drehte mich um, aber auch hinter mir tauchten zwei auf. Scheiße, das hatte mir gerade noch gefehlt, fünf Gegner. Fieberhaft überlegte ich, was ich tun konnte. Neben mir war ein Hausblock, da würde ich nicht weiterkommen. Es sei denn just in dem Moment würde sich die Haustür öffnen. Natürlich tat sie das nicht, wir waren ja hier nicht in einem gottverdammten Film, schoss mir mit einem Augenrollen in den Sinn. Sie kamen immer näher und ich spürte das Adrenalin in meinem Körper rauschen. Meine Fangzähne fuhren aus. Sollten sie mir zu nahekommen, konnten sie gerne die Bekanntschaft mit einem Vampirbiss machen.

Gleichzeitig zog ich meine Waffe. Für eine Sekunde hielten wir inne, aber dann passierte alles ganz schnell. Die vier Gegner stürzten auf mich zu. Ich konnte einen erledigen, aber von hinten traf mich erst ein Stich und dann spürte ich sofort die Benommenheit. Fuck, da hätte ich doch lieber weiter der Inquisition von Zack standgehalten, war mein letzter Gedanke, bevor mir die Lichter ausgingen.

 

Als ich wieder zu mir kam, kam ich mir vor wie ausgekotzt. Das Betäubungsmittel hatte einen pelzigen, widerlichen Geschmack im Mund hinterlassen und meine Gliedmaßen fühlten sich noch nicht so an, als gehörten sie zu meinem Körper.

In meinem Schädel spürte ich ein dumpfes Pochen, aber ich konnte die Augen ohne Probleme öffnen. Ich musste nicht lange überlegen, wo ich war. Ich hatte den Großteil meines Lebens in diesem Haus verbracht. Verdammt, ich war in dem Haus meiner Kindheit! Genauer gesagt im Keller. In dem Keller, den ich als kleiner Junge immer ein wenig unheimlich gefunden hatte, weil durch das schmale Fenster kaum Licht hineinfiel. Außerdem war er ziemlich verwinkelt und viele dunkle Räume zweigten ab.

Es war das Haus, in dem wir gewohnt hatten, bevor Camille Dubois in die Stadt gekommen war und meine Familie mehr oder weniger freiwillig das Feld geräumt hatte.

Wie war ich hierhergekommen? Wer war dafür verantwortlich? Ich hatte keine Ahnung und atmete einmal tief durch. Zuerst musste ich mich konzentrieren, um die Lage zu beurteilen. Sie war nicht gut. Ein Eisengitter schien an die Wand geschweißt worden zu sein. Und daran war ich festgekettet. Die Beinfesseln saßen nicht zu fest, aber dennoch konnte ich nichts ausrichten. Meine Arme waren breit auseinandergestreckt. Mein Oberkörper nackt. Ich zog mit aller Kraft, aber außer, dass das Pochen in meinem Kopf zunahm, passierte nichts. Auch wenn ich wusste, dass es nichts brachte, zerrte ich weiter an den Ketten. Erfolglos. Ein sarkastisches Lächeln legte sich auf meine Lippen. War es nicht erst zwei Monate her, dass ich entführt worden war? Und jetzt schon wieder? Das war doch ein schlechter Witz.

Mir blieb allerdings das aufsteigende Lachen im Hals stecken, als ich Schritte die Treppe herunterkommen hörte. Wie gesagt, der verfluchte Keller war verwinkelt, sodass ich den Besucher erst sehen konnte, als er zu mir um die Ecke bog.

Ein Blick und ich wusste, mit wem ich es zu tun hatte. Zeus Saunders. Dem Vater von Zack und Jar.

Er sah genauso aus, wie der Dämon ihn beschrieben hatte. Er war groß und wirkte durchtrainiert. Mit seinem schicken maßgeschneiderten Anzug passte er überall hin, aber nicht in diesen dreckigen, staubigen Keller. Zwei lange, gebogene Hörner ragten zwischen den schwarzen, kurzen Haaren hervor.

»Ich sehe in Ihren Augen, dass Sie mich erkennen, Agent Garcia«, bemerkte er überrascht. »Die Frage ist, woher?« Er musterte mich mit einem interessierten Ausdruck. Und doch wirkte er distanziert und kalt.

Ich verengte die Augen. Wusste er das wirklich nicht oder wollte er ein Spielchen spielen? Ich zuckte, soweit es ging, mit den Schultern. »Naja, Sie sind unser Feind, da sollten wir Sie besser kennen, oder Zeus ?« Ich betonte seinen Namen extra provozierend.

Er schüttelte tadelnd den Kopf. »Feind. Das ist so ein unschönes Wort. Das sollte es nicht sein, vor allem nicht bei den Supernaturals. Unser Ziel ist ein erstrebenswertes. Wir möchten die Übernatürlichen befreien von ihrer Unterdrückung.«

Ich wusste, dass es unklug war, aber ich konnte mir ein spöttisches Lachen nicht verkneifen. »In dem Sie ihnen ihren Willen nehmen?« Ich schüttelte den Kopf. »Das nennen Sie Befreiung?«

»Der Zweck heiligt die Mittel. Wir müssen die Aufmerksamkeit bekommen, die uns zusteht. Dafür sind einige Opfer notwendig. Nur wenn die Menschen und auch der Council wissen, dass wir nicht spaßen, werden sie unseren Forderungen nachkommen.«

Ich starrte den Dämon an. Das konnte er doch nicht ernst meinen. Mir wurde gesagt, dass er intelligent war, aber in diesem Moment zweifelte ich daran. »Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass der Rat auf Ihre Erpressung eingeht?«

Zeus lachte laut auf. »Ach, ich finde Sie amüsant, Agent Garcia. Natürlich wird er nicht darauf eingehen, aber so klebt das Blut einiger Menschen und Supernaturals demnächst auch mit an seinen Händen.« Seine Miene wirkte verschlagen. »Das kann uns neue Verbündete einbringen.«

»Uns?«, hakte ich sofort nach. »Sie meinen sich und Angela?«

Anerkennend hob er eine Augenbraue. »In der Tat, Sie sind gut informiert. Nur zu gerne wüsste ich, von wem Sie diese Informationen haben, aber ich denke zum jetzigen Zeitpunkt werden Sie mir den Namen bestimmt nicht nennen. Daher spare ich uns die Zeit.«

Da hatte er verdammt recht. Ich würde ihm garantiert nichts von Jar erzählen. Er wusste anscheinend nicht, dass sein anderer Sohn ebenfalls in der Stadt war. Wobei ich auch nicht sicher sein konnte, dass er über Zack Bescheid wusste.

Er ging zu dem kleinen Tisch, der an einer der Wände stand und mir vorher nicht aufgefallen war. Ich konnte nicht sehen, was er da tat. Aber wahrscheinlich nichts Gutes. Während er hantierte, warf er mir einen fragenden Blick zu. »Ich denke, ich verschwende ebenso unsere Zeit, wenn ich Sie bitte, sich uns freiwillig anzuschließen.«

Ich verzog das Gesicht. Er konnte doch nicht ernsthaft denken, dass ich mich auf diesen Wahnsinn einließ. In mir brodelte die Wut. Über die Frage. Über ihn. Über diese beschissene Situation.

Bevor ich ihm jedoch meine Meinung um die Ohren hauen konnte, nickte er. »Das habe ich erwartet.«

Ich schnaubte abfällig und zerrte nochmals an meinen Fesseln. Wieder schaute er einen Augenblick zu mir und lächelte milde. »Ich arbeite seit Jahrzehnten an der Erforschung der verschiedenen Spezies. Glauben Sie mir, Sie werden die Fesseln allein nicht loswerden. Auch wenn es durchaus amüsant ist, wie Sie es versuchen.«

In dieser Sekunde konnte ich verstehen, warum in Jars Blick so viel Wut und Feindseligkeit gestanden hatte. Der Mann war ein gefühlskalter, arroganter Bastard. Aber ich würde nicht weiterkommen, wenn ich ihn beschimpfte. Ich hatte nicht das Gefühl, dass er es hinnehmen würde. Unter der makellosen Hülle brodelte Grausamkeit. »Was mache ich hier?«, fragte ich stattdessen durch zusammengebissene Zähne.

Er drehte sich zu mir. »Zuerst einmal war ich neugierig«, gestand er mir ehrlich und musterte mich, wie ein besonderes Insekt.

»Warum?«, knurrte ich.

Er verzog missbilligend das Gesicht. »Ich bitte Sie, Agent Garcia, beleidigen Sie nicht meine Intelligenz. Natürlich wegen der Prophezeiung.«

»Woher wissen Sie davon?«

»Ich habe meine Quellen«, gab er nur knapp zurück und ich hatte das Gefühl, dass das Frage-Antwort-Spiel begann, ihn zu langweilen. Allerdings war ich noch kein Stück weiter. »Und was wollen Sie von mir?«

Er tippte sich nachdenklich an das markante Kinn. »Ich muss gestehen, dass ich Ihnen das noch nicht genau sagen kann. Ich bin mir unsicher, worauf sich die Weissagung bezieht.« Er ging geistesabwesend in dem kleinen Raum auf und ab. »Wenn der Wille nach und nach allen genommen, wird der Jüngste entscheiden, ob die Macht gewonnen oder alles zerstört wird«, zitierte er noch einmal den Satz, der an der Hauswand meiner Familie gestanden hatte. Dann blieb er stehen und schaute mich an. Eindringlich. Die Intensität seines Blickes war die erste Gemeinsamkeit, abgesehen von der Haarfarbe, die ich zwischen ihm und Jar feststellen konnte. Allerdings schüttelte es mich bei ihm eher vor Ekel, während der heißen Dämon damit bei mir eine genau gegensätzliche Reaktion hervorrief.

»Wissen Sie, ob sich die Prophezeiung nur auf die Vampire bezieht?«, erkundigte er sich gelassen, als würden wir übers Wetter plaudern.

Das reichte mir. Mein Temperament brach durch. »Sagen Sie mal, wer hat Ihnen denn ins Gehirn geschissen? Sie können doch nicht ernsthaft denken, dass ich Ihnen irgendwelche Informationen gebe«, brüllte ich los.

Nur eine Sekunde später flog mein Kopf nach links. Schmerz explodierte in meinem Schädel. Er hatte mir einen ordentlichen Schwinger verpasst. Dafür war er nähergekommen. Leider nicht nah genug, dass ich ihm eine Kopfnuss oder Ähnliches hätte geben können. Wobei ich das wahrscheinlich in diesem Moment gar nicht hinbekommen hätte. Ich sah immer noch Sterne.

»Agent Garcia, noch so ein Ausbruch und wir können das Ganze auch unangenehmer gestalten. Es liegt in Ihrer Hand«, zischte er und ich bemerkte, dass es unter der glatten Fassade auch brodelte. Er wurde wütend. Sollte er doch, in mir kochte es ebenfalls.

Ich spuckte ihm vor die Füße. »Sie können mich mal«, fauchte ich.

Der nächste Schlag traf mich so hart, dass sich mein Bewusstsein verabschiedete.

 

Als ich aus meiner Ohnmacht erwachte, bemerkte ich sofort, dass ich immer noch gefesselt an diesem beschissenen Gitter stand. Obwohl ich nicht wirklich stand, ich hing mehr wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Mühsam richtete ich mich auf. Meine Schultern schmerzten von der unangenehmen Überbeanspruchung und Verdrehung der Muskeln und Sehnen.

Mein Mund war ausgetrocknet, aber ich brauchte nicht unbedingt Wasser. Das wäre einfach nur ein erfrischendes Gefühl auf der Zunge gewesen. Das, was ich wirklich brauchte, war Blut. Schon nach dem anstrengenden Kampf gegen Zack hatte ich gespürt, dass ich in meiner Wohnung etwas zu mir nehmen sollte. Das war jetzt keine Ahnung wie viele Stunden her. Und nun verbrauchte mein Körper noch viel mehr von dem Lebenssaft, weil er sich regenerieren musste.

Ich ließ meinen Blick schweifen und erkannte durch das kleine schmale Kellerfenster, dass es dämmerte. Fragen türmten sich in meinem Kopf auf: Wie viel Uhr es wohl war? Wie lange ich bereits hier festgehalten wurde? Wie lange ich ohne Bewusstsein gewesen war? Auf jeden Fall war ich mir sicher, dass Zack, Cain und Dana mich suchten. Ich glaube, die längste Funkstille zwischen meinem besten Freund und mir hatte zuletzt 12 Stunden gedauert. Wenn überhaupt. Deshalb würde er sich Gedanken machen, wenn er mich nicht erreichte. Und wahrscheinlich hatte er genauso ein bescheuertes Deja-Vu wie ich. Nur leider konnte ich mir dieses Mal nicht so sicher sein, dass mir nichts passierte. Zeus war genau das, was Jar gesagt hatte. Ein intelligenter Irrer, der über Leichen ging. So viel stand fest. Er wollte mit jeder Faser seines Seins das Ziel erreichen, koste es, was es wolle.

Leider wusste ich noch immer nicht genau, was er dabei von mir wollte. Der Zustand war ziemlich ätzend.

Ich weiß nicht, wie lange ich so allein meinen Gedanken nachhing. Sie drehten sich im Kreis und ich wurde immer wütender. Damit ich nicht durchdrehte, konzentrierte ich mich auf die Geräusche um mich herum. Von der Straße her vernahm ich nur hin und wieder Motorgeräusche. Ich kannte die Gegend wie meine Westentasche. Sie war relativ ruhig, dafür, dass sie noch so zentral lag. Im Gegensatz zu den Geräuschen von draußen, drang aus dem Haus kein Mucks zu mir. Das irritierte mich. Ich kannte die Schwachstellen des Hauses. Als ich als Teenager versucht hatte mich hinauszuschleichen, hatte ich jede knarzende Stelle in dem alten Holzfußboden kennengelernt. Nur zu oft hatte Rosa mich deswegen erwischt, bis ich jeden losen Balken kannte und umgehen konnte. Aber im Moment war nichts zu hören. Das konnte doch nicht sein.

Mit gerunzelter Stirn fokussierte ich mich auf meine Sinne. Ich wusste, dass es mich noch mehr Energie kosten würde, dennoch spürte ich nach Lebewesen. Es dauerte einen Augenblick, weil ich nicht bei vollen Kräften war. Aber dann hatte ich das ganze Haus abgetastet. Ich konnte nur drei Wesen ausmachen. Mehr nicht. Was war los? Wieso waren nur drei andere hier? Irgendwie hatte ich gedacht, dass sich Zeus an diesem Ort häuslich niedergelassen hatte. Offenbar war dem nicht so. Es war erleichternd, dass das Haus meiner Kindheit nicht von den abtrünnigen Ratten in Beschlag genommen worden war. Der Großteil meiner Erinnerungen hieran war schön. Ich wollte es so im Kopf behalten. Naja, außer diesen verdammten Keller. Das Andenken wurde durch die Situation nicht unbedingt besser.

Ich grübelte einen Moment, aber dann wurde es mir klar. Falls meine Kollegen nach mir suchten, wäre Zeus‘ Zentrale natürlich der erste Ort, an dem sie mich vermuten würden. Deshalb hatte er mich an einem anderen Ort untergebracht. An den Ort meiner Kindheit. Ob ihm das bewusst war? Höchstwahrscheinlich. Es kam mir nicht unbedingt so vor, als würde er etwas ohne Grund tun.

Mein Hunger nach Blut verstärkte sich. Von außen drang nur noch schwach das Licht der Straßenbeleuchtung herein. Ich hasste es, so untätig zu sein. Aber jeder weitere Versuch mich zu befreien, hatte nur dazu geführt, dass ich mich noch erschöpfter fühlte. Dennoch hatte ich es immer wieder probiert, besser als gar nichts zu tun zu haben.

Als ich auf einmal Schritte vernahm, freute ich mich fast darüber. Ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukam, aber wenigstens war ich nicht mehr mit diesen Scheißgedanken allein.

»Agent Garcia«, begrüßte mich Zeus herablassend. »Ich habe mich getäuscht. Es war nur ungefähr für zwei Minuten interessant, Ihnen dabei zu zusehen, wie Sie Ihre Energie verschwenden.« Er trat ein wenig näher und zeigte mir sein Smartphone. Ich konnte auf dem Display seinen Rücken und ein bisschen von mir selbst erkennen. Mein Blick ruckte hoch, aber ich sah keine Kamer a Dabei war das, was ich auf dem Handy sah, eindeutig eine Live-Übertragung.

Verdammter Mist, der hatte mich die ganze Zeit beobachtet. Ich wollte ihn gerade anbrüllen, da hob er die Hand. Seine braunen Augen funkelten mich an. »Lassen Sie das. Ich bin heute nicht in Stimmung für Ihre unflätigen Bemerkungen.«

»Ich auch nicht, Sie mieser Wichser«, zischte ich zornentbrannt. Nur eine Sekunde später spürte ich einen schmerzhaften Stich am Arm. Mein Blick sprang zu der Stelle und ich sah noch, wie Zeus das Messer aus meinem Oberarm herauszog. Blut quoll sofort aus der länglichen Wunde hervor und tropfte auf den Boden.

»Arschloch!«, knurrte ich.

Er hob das blutige Messer drohend in meine Richtung. »Ich weiß, dass Sie viel Temperament in sich tragen, aber für Ihr eigenes Wohl würde ich Ihnen raten, sich zu mäßigen. Ich habe Ihnen doch schon gesagt, dass ich heute nicht dafür in Stimmung bin.«

Ich biss die Zähne zusammen und sah noch einmal zu der Wunde. Das Blut lief heraus. Verdammt, ich musste mich echt zusammenreißen. Ich konnte es nicht riskieren, noch mehr davon zu verlieren, wo der Hunger bereits wuchs und meine Kraft nachließ.

Zeus hatte mich genau beobachtet und nickte zufrieden. »Ich sehe, dass wir uns verstehen.«

Ich atmete tief durch. »Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie Ihr Versteck an einem anderen Ort gewählt haben?«, erkundigte ich mich höflich, denn auch wenn ich ihm am liebsten an die Kehle gegangen wäre, um ihm zu zeigen, wie giftig ein Vampirbiss für einen Dämon sein konnte, würde es mich im Moment nicht weiterbringen. Aber ich konnte wenigstens probieren an weitere Informationen zu kommen.

Er neigte kurz den Kopf. »Da haben Sie vollkommen recht, Agent Garcia. Ich brauche meine Instrumente und ein Labor. Das alles wäre in diesem abgewrackten Haus nicht möglich.«

Ich knurrte wütend, weil er so abfällig über den Ort meiner Kindheit sprach.

Er lächelte mich kalt an. »Verzeihen Sie, ich hatte vergessen, dass Sie hier aufgewachsen sind.« Es tat ihm kein bisschen leid und ich hasste diese Farce.

Bevor ich es aufhalten konnte, entkam mir ein Schnauben. »Als ob Sie das nicht genau gewusst haben.«

Er ging wieder zu dem Tisch. Mit seinem Rücken verdeckte er mir die Sicht. Aber ich hörte ihn mit irgendetwas hantieren. »Da haben Sie natürlich recht. Ich fand es irgendwie passend als Aufenthaltsort für Sie. Wenigstens so lange, bis ich weiß, was ich mit Ihnen anstelle.«

»Das wissen Sie immer noch nicht?«

Zeus drehte sich zu mir um. Langsam kam er näher. In der Hand hielt er kleine Phiole. »Noch nicht ganz. Zunächst will ich dem Geheimnis um Ihre Person auf den Grund gehen.«

Ich verengte argwöhnisch die Augen. »Meiner Person?«, hakte ich nach.

Er nickte und schaute mich herablassend von oben bis unten an. »Ich meine, Sie sollen der Vampir sein, von dem in der Prophezeiung die Rede ist. Aber schauen Sie sich an. Ich kann mir nicht vorstellen, was an Ihnen so besonders sein soll. Von daher«, sein Blick funkelte freudig auf, »sind ein paar Tests nötig.«

Ohne eine Warnung stach er blitzschnell mit dem Messer in meinen anderen Oberarm.

Verfluchtes Arschloch, schrie ich innerlich, aber presste den Kiefer zusammen. Ich würde ihm nicht zeigen, dass es wie die Hölle brannte.

Er lächelte kalt. »Oh, entschuldigen Sie. Ich hätte natürlich auch den anderen Arm nehmen können. Da läuft ja schon Ihr Blut hinaus. Das habe ich wohl vergessen.« Sein Tonfall klang nicht mal ansatzweise, als hätte er irgendwelche Schuldgefühle. Es schien eher so, als ob er einen morbiden Spaß an der momentanen Überlegenheit hatte. Gleichzeitig war er ebenso konzentriert bei der Arbeit. Er beugte sich ein Stück zu mir und ließ das Blut aus der frischen Wunde in das schmale Gefäß laufen. Als sie voll war, brachte er sie zu dem Tisch. Dann kam er mit einer langen dicken Nadel zurück.

Ich beäugte ihn misstrauisch.

»Wie ich eben sagte, es sind ein paar Tests notwendig, um mehr über Sie herauszufinden. Bringt es mich weiter, Sie am Leben zu lassen und können Sie mir helfen meine Ziele zu erreichen, wenn ich Ihren Willen breche? Oder sind Sie anders als andere Wesen und mein Mittel würde bei Ihnen eventuell nicht anschlagen? Dann wäre Sie eigentlich nur im Weg und ich sollte Sie am besten beseitigen.« Er tippte sich nachdenklich ans Kinn. Als würde er darüber grübeln, was er heute Abend essen wollte. Er sprach gerade über mein Leben, als wäre es nichts. Ich biss die Zähne zusammen und fühlte nur Wut und Abscheu. Ihn schien mein finsterer Gesichtsausdruck vollkommen kalt zu lassen. »Und neben Blut brauche ich dafür noch ein wenig Rückenmark. Ich denke, wir machen am einfachsten gleich eine Biopsie und entnehmen direkt ein Stück.«

Er betätigte einige Hebel, die wohl an dem Gitter befestigt waren und konnte mich dann ein bisschen nach vorne ziehen. Ich hatte keine Ahnung, was er da machte, weil ich den Kopf nicht so weit drehen konnte. Aber ich spürte, als er grob an meinem Rücken herumdrückte. »Das wird jetzt vielleicht ein bisschen Piksen«, sagte er und seine Stimme hatte einen gemeinen Unterton angenommen.

Danach biss ich den Kiefer aufeinander und ballte die Fäuste, um nicht aufzuschreien. Ein bisschen Pieksen. Dieses verdammte Arschloch! Mir trat der Schweiß auf die Stirn, aber ich gab keinen Laut von mir. Die Genugtuung würde ich dem Monster nicht geben, dennoch spürte ich, wie mir der Schmerz noch mehr Kraft raubte. Mein Blick ging zu meinen Oberarmen. Das Blut lief weiter langsam heraus und tropfte auf den Boden.

Als er anscheinend fertig war, schob er mich wieder zurück und stellte die Hebel erneut fest. Dann riss er noch an meinen Haaren. Das kurze Ziepen war nichts im Vergleich zu dem, was er bisher gemacht hatte. Deshalb hatte ich dafür nur ein müdes Lächeln übrig.

Allerdings hatte ich ein anderes Problem. »Ich muss pissen«, knurrte ich matt.

Er schmunzelte und kam mit einem Stäbchen in der Hand zurück. »Das kommt gleich«, erklärte er amüsiert, »aber erstmal Mund auf.«

Ich konnte es nicht verhindern, dass mir vor Wut die Fangzähne ausfuhren. Er musterte sie einen Moment interessiert, aber schüttelte dann den Kopf. »Nein, vielleicht später.«

Es war mir lieber, nicht zu wissen, was er meinte, aber der Zorn, der in mir brodelte, wurde immer größer. Ich kam mir vor wie ein verfluchtes Forschungsobjekt und es war demütigend, nichts dagegen tun zu können. Ihm nur ausgeliefert zu sein.

Er verstaute das Stäbchen vorsichtig in einem Beutel, nachdem er mir eine Speichelprobe entnommen hatte. Dann drehte er sich zu mir um. In jeder Hand hielt er etwas. In diesem Moment hasste ich diesen Mann. Vor allem, weil ich dem ausgeliefert war, ohne mich wehren zu können. »Pinkeln Sie freiwillig in die Flasche oder muss ich Ihnen einen Blasenkatheter legen?«

Ich riss die Augen auf und zog gleichzeitig an meinen Fesseln, natürlich tat sich nichts. Aber das was er nun vorhatte, war entwürdigend.

Er seufzte theatralisch. »Meine Güte, jetzt stellen Sie sich nicht so an und entscheiden Sie sich. Flasche oder Nadel?«

Verdammt, ich wollte keine Nadel in meinem Schwanz haben. »Flasche«, zischte ich und er kam mit einem fiesen Lächeln auf mich zu. Ich würde alles dafür tun, wenn ich mich in diesem Augenblick losreißen könnte, um ihm zu zeigen, was ich von seinen Tests hielt. Nur zu gern würde ich ihm den Scheiß zurückzahlen. Als er sich Handschuhe überzog, schwor ich mir innerlich, dass ich mich dafür an ihm rächen würde.

 


 

03. März

 

Meine Wut hatte mich noch lange wachgehalten, aber irgendwann war die Erschöpfung zu groß geworden. Die Stichwunden konnten sich nur extrem langsam schließen, weil immer weiter Blut auf den Boden tropfte, was die Heilung stoppte. Das schwächte mich stetig und ich hasste es. Ich hasste die Erniedrigung. Diesen kalten Blick von Zeus, der nur das Forschungsobjekt in mir sah, das man tötete, wenn es nicht mehr von Nutzen war. Aber am schlimmsten war für mich, dass ich mich nicht wehren konnte. In meinem Zorn hatte ich mir verschiedene Arten von Rache ausgedacht. Mir war jedoch klar, dass ich erstmal lebend aus dieser Sache herauskommen musste, bevor ich über eine persönliche Abrechnung nachdenken konnte. Mit den düsteren Gedanken schlief ich irgendwann kraftlos ein.

Durch ein Poltern schreckte ich aus dem unruhigen Schlaf hoch. Ich lauschte einen Moment, es musste von oben gekommen sein. Aber kein weiteres Geräusch war zu hören. Mühsam rappelte ich mich auf die Füße. Während ich die Augen geschlossen hatte, war ich wieder in mich zusammengesunken. Meine Muskeln und Gelenke in den Schultern protestierten. Mir wurde für einen Moment schwarz vor Augen. Mein Blick ging zu den Verletzungen an den Armen. Sie waren noch nicht ganz geschlossen. Es tropfte zwar nur noch ab und zu, aber ich konnte auf dem Boden erkennen, dass ich sehr viel Blut verloren hatte. Ich brauchte unbedingt Nachschub. Mir fehlte bereits die Kraft, weiter an meinen Fesseln zu zerren. Ich fühlte mich wie ausgekotzt, war aber zu stolz, um dem Feind zu zeigen, wie beschissen es mir ging. Deswegen stellte ich mich so aufrecht hin, wie es ging. Mein Körper protestierte, aber darauf konnte ich keine Rücksicht nehmen. Keine Schwäche zeigen.

Mein Blick wanderte zu der Wand, an der ich die Kamera vermutete, aber durch das dämmernde Licht konnte ich nicht viel erkennen. Es musste schon wieder später Nachmittag oder früher Morgen sein. Ich hatte keine Ahnung. In meinem Magen zog es unangenehm. Es wurde langsam Zeit. Aber ich konnte nichts anderes tun als abwarten. Verdammt, wie ich das hasste.

Auf einmal vernahm ich ein ganz leises Knarzen. Ich konzentrierte mich nur auf das Geräusch. Das kam von einer Stelle in der Diele, die in der Nähe der Kellertreppe war. Ich wusste, dass ich die Kraft eigentlich noch brauchen würde, aber dennoch konnte ich nicht anders. Ich sandte meine Sinne aus. Es dauerte und mir wurde immer wieder schwindelig, aber dann konnte ich die Lebewesen erkennen. Oder eben nicht. Beim letzten Mal waren es drei gewesen. Jetzt konnte ich nur noch eins spüren.

Bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, was das zu bedeuten hatte, vernahm ich leise Schritte auf der Treppe. Sie hörten sich anders als die von Zeus an. Vorsichtiger, geschmeidiger. Ich verfluchte erneut, dass ich nicht sehen konnte, wer da kam.

Ich weiß nicht genau, was es war, aber plötzlich stellten sich die Häarchen auf meinen Armen auf. Als würde eine Art Druckwelle durch den Keller gehen. Mein Herz beschleunigte sich. Mein Atem wurde schneller. Mein Körper spannte sich weiter an. Ich hatte keine Ahnung, wer da zu mir kam, aber ich verabscheute die Situation. Ich konnte mich kaum rühren. War halbnackt. Und vollkommen im Arsch. Immer wieder wurde mir schwindelig und ich verfluchte mich selbst, dass ich eben nicht vernünftig gewesen war, sondern zu neugierig. Die Kraft würde ich jetzt vielleicht gut brauchen können. Obwohl, nicht nur vielleicht, ich hatte schließlich keine Ahnung, wer oder was da kam.

Die alten Glühbirnen, die überall in den Kellerräumen an der Decke hingen, wurden angeschaltet. Ich musste gegen die plötzliche Helligkeit blinzeln. Dann sah ich ihn. Jar.

Er wirkte vorsichtig und distanziert. So kühl wie beim letzten Mal, als wir uns gesehen hatten. Und doch kam ich nicht umhin zu bemerken, wie heiß er aussah. Seine Haare hatte er wieder zu einem Man Bun gebunden, sodass die markanten Gesichtszüge und die Linien auf der Haut betont wurden. Sein Blick wanderte prüfend über meinen Körper und blieb bei den Wunden hängen. »Ich sehe, du hast Bekanntschaft mit Zeus gemacht.«

Ich starrte ihn vollkommen perplex an. Mit ihm hatte ich nicht gerechnet. Mit Zack, Cain oder Dana, ja. Aber nicht mit dem Dämon, der meine Freunde extra früh allein aufgesucht hatte, um mich nicht sehen zu müssen. Dass er mich anscheinend ebenfalls gesucht und nun auch gefunden hatte, überforderte mich.

Seine Augen verengten sich. »Du scheinst dich ja sehr zu freuen, mich zu sehen.« Seine Miene war kühl, als er langsam näherkam.

Da fiel es mir wieder ein. »Kameras«, platzte ich heraus.

Jar machte eine lässige Bewegung mit der Hand. »Ich kenne ihn und seine Vorliebe für Kontrolle. Ich habe sie schon außer Gefecht gesetzt.« Um es zu verdeutlichen hob er eine Hand, um die kleine rote Blitze leuchteten.

Dann musste es seine Magie gewesen sein, die eben dieses komische Gefühl von Druck erzeugt hatte. Meine Augen gingen zu ihm. Zu der dicken Jacke, die den attraktiven Körper verhüllte. Den langen Beinen, die in der abgewetzten Lederhose steckten. Mein Blick wanderte zu seinem Gesicht. Ich versuchte, den Ausdruck zu lesen, aber konnte nichts hinter der distanzierten Fassade erkennen. Ich konnte es immer noch nicht so richtig fassen, dass er hier war. Vor allem, weil er so kühl wirkte. Wenn ich ihm so scheißegal war, wieso begab er sich in Gefahr, seinen Vater wiederzusehen? Denn dass sie nicht im Guten auseinandergegangen waren, war klar. Und doch war er hier.

Ich musste ihn vollkommen entgeistert anschauen, denn er grinste mich leicht an. »Bock, hier zu verschwinden?«

»Auf jeden Fall«, gab ich so begeistert zurück, dass Jar lachte. Der Laut verursachte ein Kribbeln in meinem Magen. Verdammt, der Typ war wirklich hier, um mich zu befreien. Das war unwirklich und fühlte sich trotzdem gut an.

»Wir sollten uns beeilen. Die Wesen oben sind zwar keine Gefahr mehr, aber ich habe keine Ahnung, wann Zeus wiederauftaucht.«

Ich verzog unwillig das Gesicht. Auf eine Vertiefung der Bekanntschaft konnte ich eindeutig verzichten. Vor allem, weil es auch sein konnte, dass er zu dem Schluss kam, dass ich ihm nicht behilflich war. Wäre es so, würde er mich, ohne mit der Wimper zu zucken, umbringen. Allerdings war ich mir nicht sicher, ob das nicht sogar besser war, als für ihn zur hirnlosen Marionette zu werden. Dann könnte ich nicht mehr über mein eigenes Handeln bestimmen, würde sogar meine Freunde und Familie angreifen. Nein, in dem Fall dann doch lieber den Tod.

»Du siehst aus, als ob du jemandem gerne eine reinhauen würdest«, holte mich Jar aus den finsteren Gedanken.

»So ungefähr«, erwiderte ich knapp. Dann runzelte ich die Stirn. »Wie spät ist es eigentlich? Und wie lange war ich weg?«

»Es müsste so kurz vor sechs sein, heute ist der dritte März.«

»Scheiße«, fluchte ich lautstark. Das rächte sich gleich, denn das Pochen in meinem Kopf nahm zu. Aber ich war zwei Tage weggewesen. So ein Mistkerl! Meine Kollegen waren wahrscheinlich schon am Durchdrehen.

»Du sagst es!« Jar kam näher und zog dann die Jacke aus. Darunter trug er ein enges weißes Longsleeve, von dem er die Ärmel abriss. Seine schön definierten Arme lenkten mich eine Sekunde ab, aber dann spürte ich die Berührung. Deutlicher sanfter als vermutet, verband er mir damit notdürftig die Stichverletzungen. Sein Blick ging für einen Moment auf den Boden, auf dem sich mein Blut gesammelt hatte. Er fluchte unterdrückt, aber immerhin war der Blutfluss jetzt gestoppt. Sein Geruch stieg mir in die Nase. Ich würde ihn überall wiedererkennen. Er war einmalig. Männlich. Herb. Ich musste mich zusammenreißen nicht zu auffällig an ihm zu riechen.

Wir waren uns sehr nahe. Unsere Blicke trafen sich. Hingen aneinander. Verhakten sich ineinander. Es war nicht möglich, den Kontakt zu lösen. Kälte und Distanz standen in seinen roten Augen, aber je länger wir uns ansahen, desto mehr schmolz die Kühle. Sein Blick ging für einen Moment zu meinem Mund. Er müsste sich nur ein Stück zu mir beugen und unsere Lippen würden sich treffen.

Ich spürte ein Kribbeln. Ich wollte ihn wieder fühlen. Ich wollte ihn erneut schmecken. Die letzten Tage hatte ich in diesem kalten Keller mit nacktem Oberkörper eher gefroren, aber nun wurde mir warm. Immer wärmer. Die Stimmung heizte sich auf. Ich starrte ihm ebenso auf die schön geschwungenen Lippen. Bemerkte, dass er sich auf die Untere biss. Mir entkam ein Keuchen. Er sah so verflucht heiß aus!

Der Laut schien ihn aus seiner Trance zu reißen, denn er ging auf Abstand. Räusperte sich. »Wir sollten hier weg«, erklärte er kühl, aber es kam mir so vor, als wäre seine Stimme heiserer geworden. Sein Blick ging zu meinen Fesseln. Dann legte er jeweils eine Hand darauf. Damit war er mir wieder so nahe, dass ich seine Hitze spürte. Sie verwirrte mich. Benebelte mich. »Ich werde sie mit Magie öffnen. Kannst du dich allein aufrechthalten?«

Seine Worte kamen nicht so recht bei mir an, ich nickte bloß. Ich konnte ihn nur anstarren. Sah das Muster auf seiner Haut. Jede kleine Windung. Ich wollte sie berühren. Wollte sie mit der Zunge nachfahren.

»Hör auf, mich so anzuglotzen«, knurrte Jar in dem Moment. »Ich muss mich konzentrieren.« Er schloss die Augen.

Seine Stimme war distanziert, aber was er sagte, war viel wichtiger. Ich schien ihn aus dem Konzept zu bringen. Ich konnte nichts gegen das triumphierende Grinsen in meinem Gesicht tun.

»Grins nicht so, dass macht es nicht einfacher«, grollte Jar und mein Lächeln wurde noch breiter.

»Wenn wir hier raus sind, kannst du mir gerne zeigen, wie dankbar du mir bist. Aber jetzt müssen wir erstmal rauskommen.«

Diese Worte holten mich zurück in die Wirklichkeit. Sie wirkten wie eine kalte Dusche. Die Zeit lief uns davon. Mein Lächeln verschwand und ich hielt den Atem an. So kam mir auch nicht mehr sein verführerischer Geruch in die Nase.

Auf einmal hörte ich ein Klicken und meine Arme waren frei. Durch die Erschöpfung konnte ich mich nicht aufrecht halten. Prompt fiel ich gegen Jar, der mich auffing. »Und ich habe noch gefragt, ob du allein stehen kannst«, giftete er mich an. Er schloss kurz die Augen und fluchte unterdrückt.

»Mann, konnte ich doch nicht wissen«, fauchte ich zurück und machte mich wieder von ihm los. Dabei achtete ich nicht auf den brennenden Schmerz in meinen Schultern von der tagelangen Verdrehung. Auch meine Kraftlosigkeit verdrängte ich. Mir brach der Schweiß aus, aber nachdem ich alle Anstrengung noch einmal in meine Kraft legte, stand ich endlich ohne seine Hilfe. Er beachtete mich nicht weiter, sondern ging vor mir auf die Knie, um an die Beinfesseln zu kommen. Das Bild weckte sofort meine Fantasie. Er vor mir auf den Knien. Auf Höhe meines Schrittes. So oft hatte ich mir das bereits ausgemalt, aber dabei war die Situation immer eine andere gewesen. Verdammt, Garcia, jetzt reiß dich mal zusammen, schimpfte ich innerlich mit mir. Aber ich konnte nichts gegen die Bilder machen, die sich in meinem Kopf abspielten. Die letzte Kraft, die ich hatte, musste ich dafür verwenden allein stehen zu können.

Nach einem erneuten Klicken waren die Fesseln ebenfalls Geschichte. Jar trat einen Schritt zurück und musterte mich aufmerksam. Eindringlich. »Okay, du bist im Arsch«, sprach er das Offensichtliche aus. »Kannst du gehen oder muss ich dich tragen?«

Boah, wer war ich denn? Ohne auf die Frage einzugehen, machte ich langsam ein paar Schritte vorwärts. Dabei taumelte ich und wäre wahrscheinlich zusammengebrochen, wenn Jar mich nicht festgehalten hätte. »Jetzt sei nicht so stur, lass dir wenigstens helfen«, knurrte er.

Ich hasste es, dass ich mich so schwach fühlte, aber allein kam ich wirklich nicht weit. Wahrscheinlich würde ich hier rauskriechen müssen.

»Was ist es denn?«, hakte er nach und musterte mich. Ich sah zur Seite und unsere Blicke trafen sich für einen Moment. Es kam mir fast so vor, als würde ich Sorge in den roten Augen aufblitzen sehen.

»Ich brauche Blut«, gab ich nur knapp zurück.

Jar verzog nur das Gesicht. »Sorry, damit würde ich ungern aushelfen.«

Meine Lippen gingen für einen Moment nach oben. »Was, nicht? Stell dich doch nicht so an«, zog ich ihn auf, während wir langsam durch den Keller schlichen.

Jar verdrehte die Augen, aber um seine Mundwinkel zuckte es. Als wir bei der Kellertreppe waren, hielt er an. »Halt dich kurz fest«, wies er mich an und ließ mich stehen.

Nur einen Augenblick später war er wieder da und hielt mir seine Jacke hin. Ich runzelte die Stirn.

Jar stöhnte. »Mann Luca, wenn wir nach draußen gehen, könnte es durchaus komisch aussehen, wenn du Anfang März oberkörperfrei durch die Gegend läufst.«

Das ergab Sinn und ich zog umständlich die Jacke an. In meinen Kopf dröhnte es mittlerweile stärker und ich hatte das Gefühl, dass ich nicht mehr klar sehen konnte. »Wir müssen in meine Wohnung, da habe ich Nachschub«, keuchte ich, weil mich die Stufen unheimlich anstrengten. Dabei machte der Dämon schon die meiste Arbeit. Dennoch war jeder Schritt eine Qual. Mein Magen verkrampfte sich immer wieder. 

 

Im Endeffekt war ich mir nicht ganz sicher, wie wir in meiner Wohnung gelandet waren. Schemenhaft erinnerte ich mich an eine Taxifahrt, aber darauf gewettet hätte ich nicht. Ich hatte ihn gefragt, woher er wusste, wo ich wohnte, aber er hatte mich daraufhin nur mit einer hochgezogenen Augenbraue arrogant angeschaut. Okay, anscheinend war die Frage blöd, aber ich war zu fertig, um etwas zu erwidern.

Jar hatte mich nach den genuschelten Anweisungen in mein Schlafzimmer gebracht. Nachdem er mir die Jacke abgenommen und mir die Schuhe ausgezogen hatte, blickte er sich um. »Blut ist im Kühlschrank?«, erkundigte er sich.

Ich sah ihn nur noch undeutlich und musste mich dann vorne herüberbeugen. Die Krämpfe wurden stärker. »Ja«, krächzte ich nur und ließ mich mit einem Stöhnen nach hinten fallen, als der Schmerz ein wenig nachließ. Ich war fertig.

»Hier, trink«, bat mich Jar und ich öffnete langsam die Augen. Mir war gar nicht klar gewesen, dass ich sie geschlossen hatte. Ich schaffte es nicht, mich allein aufzusetzen, aber der Dämon packte mit an.

Endlich konnte ich meine Reißzähne in die Konserve bohren und den dringend benötigten Lebenssaft einsaugen. Ich spürte sofort, wie mein Körper begann das Blut aufzunehmen. Mit gierigen Schlucken leerte ich den Beutel. Dann schmiss ich ihn zur Seite und fiel wieder nach hinten. Ich sollte nachher noch einen trinken, aber jetzt wollte ich erstmal schlafen.

»Das war's schon?«, hakte Jar nach.

Ich öffnete mühsam die Augen. »Ja, schlafen«, murmelte ich.

Ich bemerkte am Rande, dass der Dämon das Zimmer verließ und nur eine Minute später zurückkehrte. Er rüttelte mich an der Schulter und ich zuckte zusammen. Sie war noch empfindlich.

»Komm, trink noch einen«, sagte er mit strenger Stimme. »Du hast so viel Blut verloren. Da kann eine Konserve nicht ausreichen.«

»Schlafen«, quengelte ich.

Jar stöhnte genervt auf. »Verdammt, Luca, du raubst mir den letzten Nerv. Du wirst jetzt dieses Scheißblut trinken«, befahl er mir und zog mich nochmal hoch.

Ich war viel zu matt, als dass ich mich allein halten konnte und lehnte mich gegen ihn. Das war schön, schoss mir in meinen schläfrigen Geist. Wie ein konditionierter Hund fuhren meine Beißer aus, als er mir die Konserve vor die Nase hielt.

Nachdem ich den zweiten Beutel ebenfalls leer getrunken hatte, legte mich Jar wieder ab. Sehr sanft für die Stimmung, in der er zu sein schien. Im Halbschlaf fummelte ich an meiner Hose, aber bekam den Knopf nicht so richtig auf.

»Jetzt nimm schon deine Hände da weg«, grollte der Dämon und klang noch immer ziemlich sauer. »Das ist ja nicht mit anzusehen.«

Auch wenn ich nicht mehr wirklich viel mitbekam, verspürte ich eine leichte Gänsehaut, als Jar mir die Hose auszog. Seine Fingerspitzen berührten immer wieder meine nackte Haut. Das Gefühl war der Wahnsinn. Ich hasste die Erschöpfung, denn ich hätte es nur zu gern mehr genossen. Hätte ihn dabei angesehen. Hätte seine Nähe gespürt. Aber bevor ich weiter meinen Zustand verfluchen konnte, war ich bereits weg.

 

Langsam wachte ich auf und brauchte eine Sekunde, um zu begreifen, was passiert war. Ich lag in Pants in meinem Bett. War nicht mehr in dem Keller. Jar war gekommen und hatte mich befreit. Ich schüttelte innerlich immer noch ungläubig den Kopf darüber. Nach unserer letzten Begegnung hatte ich nicht damit gerechnet, ihn so schnell wiederzusehen. Er hatte sich auch um mich gekümmert. Mein Blick fiel auf die leeren Blutkonserven. Ich war noch immer erschöpft, aber das Blut hatte geholfen. Ich sollte noch einen Beutel trinken und mich dann ordentlich ausschlafen. Eine Dusche konnte ebenfalls nicht schaden.

Mit vorsichtigen Bewegungen setzte ich mich auf, aber der Schwindel blieb zum Glück aus. Ich konnte ins Wohnzimmer sehen und in meinem Magen breitete sich ein wohliges Gefühl aus. Ich hatte gedacht, Jar wäre abgehauen, aber der Dämon saß gemütlich auf dem Sofa und machte irgendetwas mit seinem Smartphone. Dabei hielt er eine Flasche in der Hand, aus der er immer wieder einen großen Schluck nahm.

Irgendwie war es mir unangenehm, dass er mich so fertig und hilflos erlebt hatte. Das war echt mal keine Glanzleistung gewesen. Nicht nur, dass ich ja allein kaum geradeaus hatte laufen können, sondern auch, dass er mich mit Blut versorgt hatte. Ich mochte es nicht, dass ich so auf dieses Zeug angewiesen war, und für Nicht-Vampire musste es befremdlich wirken. Für eine Sekunde dachte ich darüber nach mir etwas anzuziehen, weil es mir seltsam vorkam. Aber dann zuckte ich mit den Schultern, er hatte mich bereits nur in Unterhose gesehen. Ich fuhr mir einmal durch die Locken. Bäh, furchtbar. Eine Dusche musste auf jeden Fall sein. Aber erstmal war ich zu neugierig, wieso der Dämon noch da war.

Langsam verließ ich das Schlafzimmer und lehnte mich gegen den Türrahmen, um ihn einen Moment zu betrachten. Wie er gemütlich auf meinem Sofa lümmelte. Anscheinend ganz in sein Tun vertieft. Er sah müde aus, aber dennoch heiß. Die langen Beine hatte er entspannt ausgestreckt und schien sich ganz wohl zu fühlen.

»Wie geht’s dir?«, fragte er mich und hob dann langsam den Blick. Anscheinend doch nicht ganz so vertieft, schoss mir mit einem Schmunzeln in den Sinn. Aber dann musterte ich sein Gesicht genauer. Seine roten Augen wirkten glasig und mein Blick fiel auf die Flasche. Sie war halb leer. Er musste schon einiges getrunken haben.

Ich kratzte mich an der Brust und verschränkte dann die Arme davor. Er hatte mich genauestens beobachtet und nahm noch einen weiteren Schluck. »Besser«, gab ich knapp zurück, denn sein Blick ging mir durch und durch.

»Das ist gut«, murmelte er und widmete sich wieder seinem Smartphone. Irgendwie war die Stimmung seltsam. Angespannt. Distanziert. Und doch aufgeladen. Ich hatte keine Ahnung, woran es lag.

Als ich beobachtete, wie er tippte, fiel mir etwas ein. »Verdammt, ich muss Zack Bescheid geben!«

Jar schaute mich an und kratzte sich am Kinn. »Habe ich schon erledigt. Ich denke, er wird sich morgen melden. Habe ihm gesagt, dass du pennst.«

Ich nickte dankbar und erwiderte seinen Blick. Er schien ihn nicht ganz fokussieren zu können, doch ließ er mich nicht kalt. »Warum bist du noch hier, Jar?«, fragte ich leise. Ein Blick auf die Uhr in der offenen Küche zeigte mir, dass es zehn Uhr war.

Er löste den Augenkontakt und starrte auf die Flasche in seinen Händen. »Keine Ahnung, ich wusste nicht, ob du noch was brauchst.«

Seine Worte lösten ein wohliges Gefühl in meinem Magen aus. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Es war schön, dass er da war. Gleichwohl musste ich ihn ein bisschen aufziehen. »Und deshalb betrinkst du dich? Mit was eigentlich?« Ich erkannte die Flasche nicht, aber das musste nichts heißen. Nur selten ging ich an die Minibar. Abends trank ich lieber noch ein Feierabendbier statt härterer Sachen.

Er zeigte mir die Flasche und grinste dann. »Whiskey mit einem verfluchten Einhorn drauf. Warum hast du so einen Scheiß? Das Vieh hat sogar einen Schwanz«, regte er sich lachend auf.

Ich konnte nicht anders und musste ebenfalls lachen. »Keinen Plan, von wem ich den geschenkt bekommen habe, aber solange er schmeckt.«

Jar verzog das Gesicht. »Nicht so richtig geil. Ich meine, es ist ein Einhorn-Schwanz-Whiskey«, kicherte er und starrte dann weiter die Flasche an. Nach einem Moment wurde er ernster. »Aber er hilft«, nuschelte er.

Ich runzelte die Stirn. »Hilft? Wobei?«

Der Dämon nahm noch einen weiteren großen Schluck und stellte die Flasche dann mit einem lauten Poltern auf dem Wohnzimmertisch ab. Dann fixierten mich seine Augen. Betrachteten meinen fast nackten Körper. Bohrten sich in mich. »Du weißt es nicht?«

Durch seinen eindringlichen Blick bekam ich eine Gänsehaut und mein Mund wurde trocken. In mir stieg eine Vermutung auf, aber ich wusste nicht, ob ich sie äußern sollte. Deshalb schüttelte ich nur stumm den Kopf.

»Verdammt, Luca, der Schnaps soll mich davon abhalten, dir nahe zu kommen. Du bist völlig fertig und brauchst Ruhe. Aber als ich dich so gut wie nackt in deinem Bett gesehen habe, musste ich mich echt zusammenreißen. Hast du eine Ahnung, wie heiß du bist? Wie sehr du mich anmachst? Deine Haut schreit danach, berührt zu werden. Ich will sie küssen, schmecken und reinbeißen. Ich will deine harten Muskeln unter meinen Fingern spüren. Deinen knackigen Arsch kneten und ihn lecken. Ich musste mir schon vorhin einen runterholen, weil mich allein dein Anblick so scharf macht!« Er war immer lauter geworden und brüllte mich zum Schluss richtig an. Als wäre er stinksauer deswegen.

Das Lächeln konnte ich mir nicht verkneifen. Wie automatisch legte es sich bei seinen ehrlichen Worten auf mein Gesicht. Und nicht nur das, ich spürte auch, dass seine Vorstellungen mich nicht kalt ließen. Wenn ich jetzt einen Ständer bekam, würde er es sofort sehen. Das Blut floss bei den Bildern in meinem Kopf Richtung Süden. Ich merkte, wie ich bereits halbsteif war. Er war betrunken. Ich musste mich ablenken. Dusche, schoss mir in den Sinn. Ja, Dusche war eine gute Idee. Eine verdammt Gute.

 

Bei meiner Flucht hatte ich natürlich vergessen, frische Klamotten aus dem Schrank zu holen. So verließ ich das Badezimmer nur mit einem Handtuch um die Hüfte.

»Zieh dir was an«, maulte Jar undeutlich und ich verzog das Gesicht bei der harschen Aufforderung. Allerdings spürte ich auch seinen hungrigen Blick und der besänftigte mich. »Das macht es nicht besser.«

Ich verschwand ins Schlafzimmer, um mir eine Jogginghose und ein Shirt überzuziehen. Mein Schwanz hatte sich wieder beruhigt, was vielleicht auch daran lag, dass ich mir unter der Dusche einen runtergeholt hatte. Seine Worte hatten mir eingeheizt. Es hatte nicht viel gebraucht und ich hatte meinen Saft verspritzt. Dabei hatte ich versucht, möglichst leise zu sein. Wenn er wirklich so scharf auf mich war, musste er nicht unbedingt mitbekommen, wie ich mich selbstbefriedigte. Wobei, vielleicht schon … Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Beim nächsten Mal.

Ich stockte, als der Gedanke in meinem Hirn ankam. Nächstes Mal. Wieso ging ich automatisch davon aus, dass es nach dem heutigen Treffen weiterging? Ich fuhr mir durch die feuchten Locken, als mir klar wurde, warum ich das gedacht hatte. Ich wollte, dass es so war.

Bevor ich weiter über die verwirrten Erkenntnisse grübeln konnte, vernahm ich erneut Jars wütende Stimme. »Und übrigens ist es auch nicht hilfreich, wenn du unter der Dusche wichst.«

Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen, als ich zurück ins Wohnzimmer ging. Die roten Augen beobachteten mich argwöhnisch, als ich mich zu ihm aufs Sofa setzte. Als würde ich ihn in die Ecke drängen. Dabei war meine Couch groß genug, um einen großen Abstand zwischen uns zu bringen. Für einen Moment ließ ich den Blick schweifen. Ich mochte meine Wohnung, sie war relativ schlicht eingerichtet. Die Regale, die Kommode, der Wohnzimmertisch und der TV-Schrank waren aus dunkelbraunem Holz. Genau dieselbe Farbe wie das große Ledersofa und die Fliesen, die überall in der Wohnung lagen. Zum Glück hatte sie in jedem Raum Fußbodenheizung, sonst wäre es mir wahrscheinlich zu kühl gewesen. Die Wände waren weiß, hier und da gab es mal Bilder von Gebäuden. Dadurch wirkte die Wohnung nicht ganz so düster, trotz der dunklen Möbel. Die offene Küche war in hellem Holz gehalten und bildete so einen schönen Kontrast.

»Ich sollte gehen«, nuschelte Jar und stand langsam auf. Dabei schwankte er ein wenig.

»Wieso?«, hakte ich gespannt nach.

Er blickte mich an. Ich konnte spüren, dass er die kühle Fassade aufrechterhalten wollte, aber der Alkohol das deutlich schwieriger macht. »Es ist nicht gut.«

Ich runzelte die Stirn. »Was meinst du damit?«

Er fiel zurück auf das Sofa und klammerte sich förmlich an der Flasche fest. Als würde er sich irgendwo festhalten müssen. Als würde er sich davon abhalten müssen, etwas anderes anzufassen.

Unsere Blicke trafen sich. Ich konnte den Kampf in seinem Inneren in den schönen mandelförmigen Augen sehen. Das Verlangen stand deutlich darin. Aber nicht nur das, auch eine Wärme, die viel zu selten aufblitzte. Allerdings rang die kühle Maske darum, wieder auf Distanz zu gehen. Heiß und kalt.

»Was meinst du? Willst du abhauen?«, hakte ich leise nach und ließ ihn dabei nicht eine Sekunde aus den Augen.

Er nahm noch einen Schluck und zerrte dann an seinem Zopf. Er war aufgewühlt und betrunken. Nur eine Sekunde später ergossen sich die langen schwarzen Haare über seine Schultern und er vergrub die Hände darin. »Fuck«, fluchte er und schaute mich dann an. »Keine Ahnung. Ja, nein.«

Ich wollte, dass er blieb, aber nicht gegen seinen Willen. Deshalb gab ich ihm Raum, um sich klar zu werden, was er wollte, indem ich aufstand und mir eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank holte. Ich blieb an den Küchentresen gelehnt stehen und beobachtete den Mann. Er war voller Gegensätze. Faszinierte mich immer mehr. Zog mich immer mehr an. Dieser innere Kampf, den er anscheinend gerade ausfocht, machte mich noch neugieriger.

Nach einer gefühlten Ewigkeit ließ er den Kopf hängen. Anscheinend hatte er eine Entscheidung getroffen. »Ich lasse normalerweise niemanden mehr an mich heran«, hauchte er leise, sodass ich die Worte kaum verstand.

Nur zu gerne hätte ich sein Gesicht gesehen, aber die Haare verdeckten es wie ein Vorhang. Langsam, als würde ich mich einem verwundeten Tier nähern, ging ich wieder zum Sofa und ließ mich darauf nieder. Ich hatte keine Ahnung, was jetzt kommen würde.

»Aber du bringst mich so scheiße durcheinander, dass ich dich dafür am liebsten so richtig vermöbeln würde«, gestand er mir.

In meiner Brust zog etwas bei den Worten, aber ich wollte es nun auch nicht zu schmalzig machen. »Das kann ich nur zurückgeben«, erwiderte ich möglichst gelassen.

Durch den Haarvorhang konnte ich sehen, dass seine Mundwinkel zuckten. »Vielleicht sollten wir uns prügeln, dann wird es eventuell besser.« Seine Stimme klang vom Alkohol verwaschen, aber auch amüsiert.

Ich schmunzelte. »Ob das wirklich hilft?«, wagte ich zu bezweifeln. In meinem Kopf tauchten sofort Bilder auf, wie wir gegeneinander kämpften. Wie unsere harten Körper aneinanderprallten. Wie sich dabei seine Muskeln anspannten. Wie nahe wir uns sein würden. Mein Lächeln wurde breiter, anzüglicher. Nein, definitiv nicht hilfreich.

Jar hatte von meinem Kopfkino nichts mitbekommen, sondern starrte weiter auf die Flasche in seinen Händen. »Das muss es aber sein. Ich kann niemanden an mich heranlassen. Das ist zu gefährlich.«

Innerlich hielt ich den Atem an und platzte fast vor Neugier, aber ich wollte den Mann vor mir nicht drängen. Was meinte er damit? Was war ihm widerfahren?

Er schwieg so lange, dass ich fast schon die Hoffnung aufgab. Aber dann nahm er erneut einen Schluck. So als müsste er sich Mut antrinken. Ich schluckte, denn so gerne ich mehr über ihn erfahren würde, hatte ich das Gefühl, dass es mir nicht gefallen würde.

Er lehnte sich zurück und schloss für einen Moment die Augen. Dann blickt er mich kurz an. Trauer und Verzweiflung konnte ich in seiner Miene erkennen und ich bekam einen Kloß im Hals. »Ach scheiße«, raunte er nuschelnd und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. »Ich spreche eigentlich nicht darüber. Nie. Aber ich kann nichts dagegen tun. Ich will, dass du weißt, warum ich mich immer wieder wie ein Arschloch benehme.« Ich öffnete den Mund und wollte etwas erwidern, aber er stoppte mich mit der Hand. »Nein. Ich bin echt hin- und hergerissen zwischen abhauen, mich auf dich zu stürzen oder dir eine reinzuhauen.« Seine Worte waren leise, eindringlich.

Ich spürte, wie schwer es ihm fiel, sich zu beherrschen, und hielt deswegen meinen Mund. Schaute ihn nicht mal an. Auch wenn ich mich dazu zwingen musste. Aber ich wollte, dass er weiterredete. Würde ihn am liebsten schütteln, um mehr von ihm zu erfahren.

Die Minuten zogen sich und zehrten an meinen Nerven. Verdammt, er soll endlich den Mund aufmachen! Ich warf ihm einen kurzen Blick zu. Seine Miene war finster und er starrte gedankenverloren auf die Flasche.

Ich erschrak, als er schließlich das Schweigen brach. »Ich muss ein wenig ausholen. Wie ich erzählt habe, macht Zeus auch Experimente mit der Vermischung verschiedener Spezies. Das hat er auch bei mir getan. Als Angela mit mir schwanger war, hat er die DNA einer Vampirin beigemischt. Frag nicht, wie er den Scheiß genau gemacht hat, aber er wollte unbedingt die drei stärksten Spezies kombinieren. Aus diesem Grund habe ich wohl auch den leichten asiatischen Touch. Die Vampirin habe ich nie kennengelernt, sie wurde wohl nach der DNA-Entnahme getötet. Aber Angela hatte mal gemeint, sie sei Asiatin gewesen. Als sie einmal wütend auf mich war, hat sie mir an den Kopf geworfen, dass sie mich deswegen nicht ansehen mochte. Weil ich nicht aussah wie sie oder wie Zeus.« Er schüttelte den Kopf. »Ich war echt froh darüber, aber das sagte ich ihr natürlich nicht.«

Ich starrte ihn an. Grundsätzlich waren Experimente und Analyse an Supernaturals schon abscheulich, aber so etwas bei einem Fötus zu machen, war einfach nur widerwärtig. Mir fehlten die Worte für das Gefühl, dass ich gerade empfand. Ich war vollkommen geschockt.

Er nahm noch einen langen Schluck und fuhr sich durch die Haare. »Du kannst dir vorstellen, dass meine Kindheit alles andere als schön war. Ich wurde ebenfalls festgehalten und durfte nur zu bestimmten Zeiten raus. Ansonsten hatte ich eine Art Zelle in Zeus' Labor. Er hat mich immer wieder untersucht, um zu sehen, ob ich das vampirische Gen auch angenommen hatte. Also abgesehen vom Aussehen.« Er schnaubte bitter. »Ich kann mich nicht an alles genauestens erinnern, was er mit mir gemacht hat. Es verschwimmt immer wieder zu einem Brei aus einem Riesenhaufen Schmerz und Qual. Aber es gab einen Lichtblick.« Bei den Worten hellte sich seine finstere Miene ein wenig auf. Gebannt hörte ich ihm zu. Fühlte kochende Wut in mir und gleichzeitig Mitleid für diesen armen Jungen. Es muss einfach nur beschissen gewesen sein.

»Jamaal«, seine Stimme klang weich und liebevoll bei dem Namen. Ich konnte nichts gegen den winzigen Stich in meiner Brust machen.

»Jamaal war ungefähr so alt wie ich und mein einziger Freund. Er war ein Dämon und wurde ebenfalls immer wieder von meinem Vater untersucht.« Das Wort 'untersucht' sprach er voller Hohn aus. »Aber zwischendurch hatte ich das Glück und durfte mit ihm spielen. Wir wuchsen gemeinsam auf und schenkten uns ein wenig Freude in unserem sonst so verfluchten Leben. Als wir älter wurden, fiel mir irgendwann auf, dass ich ihn immer mehr berühren wollte. Dass mich seine dunkle Haut anzog. Dass ich einfach nur seine lilafarbenen Augen anstarrte. Dass ich sein weißes Haar anfassen wollte. Sprich, ich habe erstens gemerkt, dass ich schwul war und zweitens, dass ich auf ihn stand. Zum Glück ging es ihm nicht anders.« Ein wehmütiges Lächeln lag auf seinen Lippen. Es war deutlich zu sehen, wie viel ihm dieser junge Mann bedeutet hatte. Wärme stand in seinem Gesicht und ich sah schnell weg.

Jar warf mir einen kurzen Blick zu, den ich spürte, aber in dem Moment nicht erwidern konnte. In mir tobten die Gefühle. Ich freute mich, dass er die Qual nicht allein hatte durchstehen müssen. Gleichzeitig bemerkte ich auch ein fieses Zwicken in mir. Verdammt, das musste Eifersucht sein. Scheiße! Und vollkommen unpassend.

»Ich hatte Angst, Zeus würde es herausfinden, aber als es so passierte, wurde klar, dass es ihn überhaupt nicht interessierte. Er war nur an der Forschung interessiert und hegte wohl auch die leise Hoffnung, dass ich Jamaal würde besänftigen können. Der Dämon rebellierte nämlich zunehmend. Das passte Zeus überhaupt nicht.« Jar trank noch einen weiteren langen Schluck. Seine Züge wurden hart. »Als ich 15 wurde, hatte sich mein Vater etwas Neues ausgedacht. Bisher hatte keines der Experimente Wirkung gezeigt und er wollte einen letzten Versuch starten, ob denn wenigstens mein Biss für Dämonen giftig sei. Sonst deutete nichts darauf hin, dass ich irgendwelche vampirischen Gene in mir trug.«

Er fluchte leise und legte seinen Kopf in den Nacken. »Scheiße, ich kann das nicht.«

Ich entgegnete nichts. Wollte, dass er weitersprach, aber hatte gleichzeitig Schiss, was kommen würde.

Stille herrschte in dem Wohnzimmer. Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Er schien mit seinen inneren Dämonen zu kämpfen. Aber es kam mir auch so vor, als täte es ihm gut, es auszusprechen. Allerdings kannte ich mich auch nicht aus. Das Einzige, bei dem ich mir sicher war, war, dass er niemals so offen gewesen wäre, wenn er nicht so viel getrunken hätte. Würde er sich morgen ärgern? Vielleicht sollte er einfach noch mehr trinken, damit er am nächsten Tag nichts mehr von Gespräch wusste.

»Er wollte, dass ich Jamaal biss. Ich weigerte mich.« Jar stockte für einen Moment und atmete tief durch. »Bis er ihn schließlich selbst umbrachte. Vor meinen Augen. Ich traute ihm Einiges zu, aber dass er meinen Freund tötet, das hätte ich nicht gedacht. Und das werde ich ihm auch nie verzeihen.« Seine Stimme war immer leiser geworden. Sie klang bitter und voller unterdrückter Wut.

Mir war schlecht geworden bei den Worten.

»Ich hätte es verhindern müssen. Vielleicht wäre er durch meinen Biss nicht gestorben. Ich habe sonst nichts mit einem Vampir gemein, die Wahrscheinlichkeit war gering. Aber ich konnte es einfach nicht«, flüsterte Jar traurig und gedankenverloren.

Ich konnte ihm ansehen, dass er sich die Schuld dafür gab. In mir passierten zwei Dinge. Der Zorn auf Zeus nahm ein Ausmaß an, das mich am ganzen Körper zittern ließ. Wie konnte man nur so grausam sein und sein eigenes Kind zu solch einer Tat zwingen? Und wenn es nicht tat, was man wollte, einfach den Partner töten? Das war unvorstellbar. Zeus war ein Monster, der diesem stolzen, starken Mann vor mir damit unfassbare Qualen bereitet hatte. Gleichzeitig wollte ich Jar schütteln. Er sollte sich nicht die Schuld an seinem Tod geben. Ich konnte nachvollziehen, warum er so dachte, aber für mich war klar, dass Zeus Jamaal sowieso getötet hätte. Er hätte es nicht verhindern können.

Jar war gerade in seiner eigenen Welt und bekam nicht mit, wie sehr ich innerlich mit mir kämpfte. Er blickte in die Flasche und schwenkte sie langsam hin und her, sodass das letzte Drittel des Whiskeys gegen die Glaswand schwappte. Dennoch schien er es nicht wahrzunehmen.

Ich wollte ihn berühren, ihm irgendwie helfen und doch sagte mir mein Instinkt, dass ich mich ihm nicht nähern sollte. Also wartete ich ab und schwieg. Auch wenn es mir so verdammt schwerfiel. Ich war eigentlich kein Weichei, aber ihn so zu sehen, tat mir irgendwie weh.

Ich war fast erleichtert, als er endlich weitersprach. »Danach wollte ich nur noch abhauen. Ich habe alles genau beobachtet, mir alles eingeprägt und irgendwann hatte ich die Chance. Ich konnte fliehen. Seitdem bleibe ich meistens nur kurz an einem Ort, weil ich weiß, dass Zeus nach mir sucht. Einmal hat er mich fast erwischt. Da war ich länger als nötig in New Mexico geblieben und nur wegen mir –« Er brach ab und trank einen weiteren Schluck. Es wunderte mich nicht wirklich, dass er noch gerade Sätze herausbrachte. Wie bei Vampiren wurde auch bei Dämonen der Alkohol schneller abgebaut. Trotzdem war er ziemlich betrunken.

Ich wollte nachhaken, aber er ergriff wieder das Wort. Seine Stimme war leise, resigniert. »Nicht nur Jamaal hat sein Leben wegen mir verloren, auch am Tod von Aman trage ich Schuld.«

»Wer ist das?«, platzte ich heraus und Jar schaute zu mir. Er wirkte überrascht, als hätte er vergessen, dass ich da war.

»Ich habe ihn dort kennengelernt. Er hat aus irgendeinem Grund einen Narren an mir gefressen und ist mir ständig hinterher. Er war so lebenslustig, so charmant und ziemlich sexy mit seinen blond gefärbten Haaren und der schlanken, drahtigen Figur.« Sein Blick ging in die Ferne und er lächelte leicht. Anscheinend hatten die beiden eine gute Zeit zusammen gehabt. Der Dämon kratzte sich am Kinn. Dann ballte er eine Hand zur Faust. »Leider kam mir Zeus auf die Schliche. Um Aman zu schützen, haben wir uns getrennt und einen Treffpunkt ausgemacht, um abzuhauen.« Er hielt einen Moment inne, um sich zu räuspern. »Er ist nie gekommen. Ich habe ihn überall gesucht, aber das Einzige, was ich fand, war seine ausgebrannte Wohnung.«

Ich spürte, dass meine Fangzähne ausfuhren, weil mich die Wut beherrschte. Normalerweise hatte ich den Instinkt gut unter Kontrolle, aber bei der Scheiße, die Jar hatte erleben müssen, konnte ich mich nicht mehr kontrollieren. Verdammt sollte Zeus sein, dieser miese Wichser! Ich hatte ihn nicht leiden können, als ich ihn getroffen hatte, aber was er seinem eigenen Sohn angetan hatte, machte mich fassungslos. Ich hasste ihn. Heiß tobte der Zorn in mir. Ich musste ihn loswerden. Wir Vampire waren keine Tiere und hatten, außer im Blutrausch, auch Kontrolle über unser Handeln, aber je höher die Emotionen tobten, desto aggressiver wurden wir.

Mein Blick ging zu Jar, der einfach nur vor sich hinstarrte. Er schien mit seinen Gedanken ganz weit weg zu sein. Ich würde ihn einen Moment allein lassen können. Ich zog mir das T-Shirt über den Kopf und spürte dabei noch ein leichtes Ziehen in den Schultern. Das kam mir gerade recht, dachte ich mit einem grimmigen Lächeln.

Mit so viel Kraft, wie ich in meinem immer noch geschwächten Zustand hatte, schlug ich auf den Sandsack ein. In jedem Tritt, in jedem Schlag steckte etwas von der Wut auf Zeus. Auf dieses Monster. Er musste bestraft werden für das, was er seinem Sohn und all den anderen unschuldigen Wesen angetan hatte. Und nicht nur das, die Liste seiner Verbrechen war lang. Aber mir ging es in diesem Moment nur um den Mann, der im Zimmer nebenan seinen Schmerz und den Hass in Alkohol ertränkte.

Da ich noch ziemlich erschöpft war, keuchte ich nach einer halben Stunde. Mir lief der Schweiß den Rücken und die Brust herunter. Aber es ging mir besser. Allerdings würde ich nochmal duschen müssen.

Langsam ging ich wieder ins Wohnzimmer und musste lächeln bei dem Bild, das sich mit bot. Jar lag langgestreckt auf dem Sofa mit der Flasche im Arm. Seine Augen waren geschlossen und sein Oberkörper senkte sich langsam. Es wirkte, als würde er schlafen.

Leise, um ihn nicht zu wecken, nahm ich eine der Decken meiner Mutter und legte sie vorsichtig über ihn. Immer wieder hatte Rosa mir diese Überwürfe andrehen wollen und ich hatte mich geweigert. Bis sie einmal bei einem Besuch welche mitgebracht hatte und seitdem lagen sie herum. In diesem Augenblick war ich froh, dass ich sie hatte. Als ich nach der Flasche in seinen Armen griff, knurrte er böse. Ich musste grinsen und zog ein wenig stärker daran.

Für eine Sekunde zuckte ich zusammen, als sich plötzlich seine Augen öffneten. Schlaftrunken sah er mich an. »Wegen der ganzen Scheiße darf ich niemanden an mich heranlassen«, nuschelte er. »Es ist zu gefährlich und ich will nicht, dass du in Gefahr bist. Deswegen geht nur ficken.« Es klang fast so, als würde er es bedauern. Ich wollte etwas erwidern, aber er schloss schon wieder die Augen. »Danke, dass du einfach nur zugehört hast«, murmelte er undeutlich. Danach regte er sich nicht mehr.

Ich raufte mir die Haare und überlegte kurz, ihn wieder aufzuwecken. Er konnte doch nicht solche Sachen sagen und dann einfach einpennen. Aber egal, wie entrüstet ich ihn anstarrte, er rührte sich nicht.

Als ich erneut unter der Dusche stand, merkte ich, dass ich wieder sauer wurde. Aber diesmal auf Jar. Klar, da ich jetzt die Geschichte kannte, konnte ich seine Sorge nachvollziehen, aber es war nicht allein seine Entscheidung. Dadurch, dass er sich einfach wie ein Arschloch aufführte, gab er damit auch niemandem die Chance, an ihn heranzukommen. Er distanzierte sich von vorneherein von allen. Und nur, weil er keinen Mann gefährden wollte. Verdammt, hatte der keine Ahnung, was für einen Job ich machte?

 


 

04. März – morgens

 

Ich hatte ihn noch lange angestarrt, aber als er leise zu schnarchen begann, gab ich es auf, zu hoffen, noch mit ihm reden zu können. Und doch konnte ich mich nicht gleich lösen. Sein markantes Gesicht wirkte beim Schlafen friedlicher. In meinen Fingern zuckte es, weil ich ihn berühren wollte. Mit den Fingerspitzen über den Bartschatten fahren. Die dämonischen Linien fühlen. Ich musste mich zwingen, seinen aufregenden Körper nicht näher zu betrachten. Sonst bekäme ich wahrscheinlich kein Auge mehr zu. Trotz der leichten Alkoholfahne, die mir entgegenschlug, zog er mich an. Seine Geschichte hatte die Faszination nicht gedämpft. Eher im Gegenteil, endlich konnte ich mir einen Reim aus dem 'kalt' machen. Das machte ihn nur noch attraktiver. Meine Lippen kribbelten, weil ich ihn küssen wollte. Meine Hände schrien ebenso danach, ihn anzufassen. Mein Körper wollte seine Nähe spüren. Aber er war betrunken und ich verbot es mir, löschte das Licht und ging zurück ins Bett.

Ich hatte ewig gebraucht, um einzuschlafen. Viel zu viele Gedanken und Gefühle hatten in meinem Kopf eine Party gefeiert. Deswegen kam es mir auch so vor, als hätte ich eben erst die Augen geschlossen, als mich ein Geräusch weckte. Ich musste nicht lange überlegen, woher es kam. Denn direkt danach folgte ein unterdrückter Fluch. Die Stimme gehörte eindeutig zu Jar. Und ich musste auch nicht lange überlegen, warum er geflucht hatte. Er wollte still und leise abhauen. Verdammter Mistkerl, das konnte er knicken!

Ich schwang meine nackten Beine aus dem Bett. Nach der Dusche vor ein paar Stunden hatte ich nur eine Pants übergezogen. Aber ich verschwendete keine Zeit, mir etwas anzuziehen, denn es machte mich rasend, dass er einfach abhauen wollte. Nicht nach so einem Gespräch. Als ich in den Flur rannte, merkte ich, dass es bereits dämmerte. So konnte ich den Feigling sofort erkennen, wie er gerade an der Haustür in seine schweren Boots schlüpfen wollte.

»Vergiss es«, knurrte ich zornig, »du haust jetzt nicht einfach ab.«

Mit finsterer Miene schaute er zu mir. Als er sah, dass ich so gut wie nackt war, veränderte sich der Ausdruck. Er war immer noch kühl und distanziert, aber ein sinnliches Funkeln trat in die roten Augen. Er ließ die Schuhe fallen und richtete sich auf. Eindringlich maß er mich. Seine Augen glitten über meinen Körper. Langsam, als würden sie jeden Zentimeter freie Haut verschlingen wollen. »Und wieso sollte ich das nicht tun?«

Am liebsten hätte ich ihm in dem Moment eine reingehauen für diese verdammte Maske an Überheblichkeit und Arroganz. Ich hasste sie. Ich atmete tief durch, damit würde er nicht durchkommen. Nicht jetzt. Nicht in diesem Moment. Nicht nach der Nacht. Ich blieb kurz vor ihm stehen. Unsere Blicke trafen sich. Als er die Wut in meinen braunen Augen erkannte, verzogen sich die Lippen zu einem spöttischen Lächeln. Doch davon ließ ich mich nicht beirren. Ich wusste, dass es nur eine Fassade war, die ich verdammt nochmal einreißen wollte. Ich starrte ihn weiter an und nahm jedes Detail in seinem Gesicht wahr. Die gerade Nase, den stoppeligen Bartansatz an dem markanten Kinn, die recht hohen Wangenknochen, die leicht hervorstanden, die schön geschwungenen Augenbrauen, die Linien auf seiner Haut. Die Lippen, die ich bereits gekostet hatte. Die ich wieder schmecken wollte. Sie zogen mich an und ich konnte den Blick nicht abwenden. Jars Zungenspitze leckte einmal unbewusst über die Oberlippe. Der Anblick ging mir durch und durch.

»Warum soll ich nicht abhauen, Luca?«, stellte der Dämon erneut die Frage. Diesmal schwang etwas anderes mit. Seine Stimme war verführerisch, dunkler, heiserer.

Ich löste den Blick von seinem Mund und sah ihm wieder in die Augen. Das Verlangen, das mir entgegenschlug, kribbelte in meinem ganzen Körper. Das Blut schoss mir direkt in den Schritt. Es machte mich tierisch an, dass er mich so begehrte. Dass er nicht versuchte, es zu verstecken. Dass er mir deutlich zeigte, wie sehr er mich wollte.

»Darum«, knurrte ich und konnte mich nicht mehr zurückhalten. Ich überwand den Abstand zwischen uns und drückte ihn gegen die Wohnungstür. Unsere Münder prallten aufeinander. Endlich schmeckte ich ihn wieder. Meine Hände krallten sich in seine Haare, als hätte ich Angst, dass er sich erneut von mir lösen und abhauen könnte. Aber Jar schien nicht mal ansatzweise darüber nachzudenken, denn er zog mich eng an sich. Seine schlanken Hände fuhren über meinen nackten Rücken. Ich bekam eine Gänsehaut, überall, wo er mich berührte. Seine Bartstoppeln rieben an meinen. Er machte mich unglaublich heiß. Es war rauer, direkter, irgendwie härter. Aber verdammt sexy, den muskulösen Körper so nah an meinem zu spüren. Ich biss ihm leicht in die Unterlippe und leckte dann drüber. Mit einem leisen Fluch öffnete er den Mund und unsere Zungen umschlangen sich.

Ich spürte seine wachsende Erektion an der Hüfte und keuchte auf. Den Moment nutzte Jar, um mich mit ordentlich Kraft herumzudrehen, sodass ich gegen die kalte Tür gedrückt wurde. Er war nur wenige Zentimeter von meinem Gesicht entfernt. Sein Atem ging schnell, in seinen roten Augen stand Hunger. Er sah unfassbar geil aus und doch reichte es mir nicht. Ich musste ihn überall berühren, ihn schmecken. Ich musste ihn unbedingt nackt sehen.

Als ich an seinem kaputten Longsleeve zerrte, starrte er mich weiter an. »Bist du dir sicher, dass du das willst, Luca?«, fragte er mit rauer Stimme. »Verflucht, ich würde es hassen, wenn wir jetzt aufhören. Ich hasse mich ja gerade selber, dass ich das anspreche, aber ich bin ein Kerl.«

Entgeistert sah ich ihn einen Moment an, bevor mir klar wurde, was er damit meinte. Ein wohliges Gefühl breitete sich in mir aus und schürte gleichzeitig meine Lust. »Halt die Klappe«, murmelte ich und eroberte wieder den verführerischen Mund. Als ich merkte, dass er sich immer noch zurückhielt, nahm ich seine Hand und legte sie auf meinen Ständer. »Mir ist gerade verflucht nochmal scheißegal, was du bist. Das Einzige, was wichtig ist, ist, dass ich verdammt geil auf dich bin und will, dass du endlich nackt bist.«

Das war die Wahrheit. Natürlich war es für mich neu. Und natürlich war mir bewusst, dass ich gerade nicht mit einer Frau rummachte, aber es war mir vollkommen egal. Nur der wirklich scharfe Dämon war in diesem Moment wichtig.

Freude blitzte für eine Sekunde in seinen Augen auf, aber dann trat noch ein hinterhältiges Funkeln dazu. Er fuhr mit den Fingern die Konturen meines Ständers entlang. Nicht zaghaft und vorsichtig, sondern so, dass es einfach nur perfekt war. Ich stöhnte auf und lehnte den Kopf gegen die Tür. Jar beugte sich zu mir und biss leicht in meinen Hals. Mit der Zunge leckte er darüber. Dabei reizte er meinen Schwanz weiter. Trieb mich immer höher. Ich brauchte mehr Druck. Ich schob ihm mein Becken entgegen. Er brauchte keine zusätzliche Aufforderung und presste mich an sich. Einen Oberschenkel drückte er zwischen meine Beine, so dass meine Erektion an seiner Hüfte Reibung fand. Erneut stöhnte ich auf. Es machte mich wahnsinnig, dass er immer wieder seine Hüfte bewegte und mich gleichzeitig weiter am Hals, am Ohr, am Kiefer und Kehlkopf reizte. Verdammt, ich musste ihn auch berühren. Ich wollte nicht, dass er aufhörte. Noch mehr wollte ich jedoch endlich seine Haut an meiner spüren. Mit Kraft drückte ich ihn weg. »Schlafzimmer«, knurrte ich fordernd, »und du nackt.«

Der Hunger leuchtete in den roten Augen. »Es macht mich echt an, wenn du so bestimmend bist«, gestand er mir heiser und verschlang wieder meine Lippen. Langsam bewegten wir uns rückwärts und ich zerrte an dem Shirt, das mit einem Riss nachgab. Endlich spürte ich seine heiße Haut. Konnte die Muskeln mit meinen Händen berühren, fühlte die harten Brustwarzen an meinem Oberkörper. Es fühlte sich verflucht gut an, aber reichte noch nicht. Wie von Sinnen versuchte ich seine Hose zu öffnen, aber schaffte es nicht, weil er mich mit seiner fordernden Zunge und den Händen, die auf meinem Hintern waren und ihn fest kneteten, zu sehr ablenkte. Ich vernahm durch den Nebel der Erregung ein Geräusch, achtete jedoch nicht weiter drauf. Alles, war ich wahrnehmen konnte, war Jar.

Es törnte mich an, wie er meinen Arsch anpackte, und ich drückte mich ihm entgegen. Wollte mehr, brauchte mehr.

Er keuchte auf, als er sich von mir löste und mich mit Kraft von sich stieß. Ich taumelte und fiel auf mein weiches Bett.

»Du schuldest mir ein Shirt«, raunte er und starrte mich dabei lustvoll an. Dann öffnete er seine Hose und mein Blick war gebannt. »Scheiß auf das Shirt«, murmelte ich.

Jar lachte auf und schob die Lederhose langsam nach unten. Nur in Pants stand er vor mir. Sein Anblick erregte mich noch mehr. Die Muskeln an seinen Schultern, an der Brust, dem Bauch. Die verführerischen geschwungenen Linien, die seine Haut zierten. Die dunklen Brustwarzen, die schon klein und hart waren. Die langen, definierten Beine. Die schwarzen Pants, in der sich deutlich seine Erektion abzeichnete. Der Mann war ein verdammtes Kunstwerk. Ich leckte mir die Lippen. Jar fluchte unterdrückt. Unsere Blicke trafen sich. Reines Verlangen stand in seinen Augen.

»Komm her«, flüsterte ich und spreizte ein wenig die Beine.

»Luca, du machst mich fertig«, raunte Jar und war nur eine Sekunde später bei mir. Kniete zwischen meinen geöffneten Beinen und starrte mich gierig an. »So geil.« Dann beugte er sich über mich und endlich fanden sich unsere Lippen wieder. Wir verschlangen uns gegenseitig. Meine Hände fuhren fahrig über den Rücken zu seinem Hintern. Er fühlte sich fest an und ich packte ordentlich zu. Presste damit den Dämon noch näher an mich, so dass sich unsere Schwänze durch den Stoff berührten.

Jar stöhnte auf. Ich spürte Lusttropfen, die meine Pants benetzten. Verdammt, ich brauchte mehr. Ich schob mit den Händen seine Unterhose über den Hintern und fühlte seine heiße Haut. Bewegte meine Hüfte, um mehr Druck zu bekommen. Jar kam mir entgegen und ich keuchte erregt. Ich wollte ihn anfassen. Wollte seine Härte spüren.

Als hätte er es geahnt, löste er sich von meinen Lippen. Küsste und biss sich an meinem Kiefer und Hals nach unten. Neckte meine Brustwarzen, bis ich meine Hände in die Laken krallte. Seine Berührungen waren kraftvoll und machten mich wahnsinnig. Verflucht geil.

Er stand auf und zog sich die Pants aus. Ich starrte auf seinen großen harten Schwanz. Die Eichel glänzte bereits feucht. Die Adern zeichneten sich deutlich ab. Mein Mund wurde trocken. Niemals in meinem Leben hätte ich gedacht, dass mich eine fremde Erektion so anmachen würde. Aber in meinen Fingern kribbelte es, ich wollte ihn anfassen. Meine Lippen prickelten, weil ich die Tropfen ablecken wollte.

»Wie es scheint, gefällt dir, was du siehst.« Jars Stimme war dunkel und rau, er ließ mich nicht eine Sekunde aus den Augen, während er langsam seinen Schwanz umfasste und zu wichsen begann. Bei dem Anblick entkam mir ein Wimmern und mein Harter zuckte. Verlangte nach Aufmerksamkeit. Ohne den Blick von dem Dämon abzuwenden, entledigte ich mich ebenso meiner Unterhose. Ich konnte nicht anders und nahm ihn in die Hand. Bei der ersten Bewegung stöhnte ich auf. Verdammt, es würde nicht mehr viel brauchen.

»Meiner«, knurrte Jar und war im Bruchteil einer Sekunde bei mir. Mit den Fingerspitzen verrieb er die Flüssigkeit auf meiner Eichel, reizte vorsichtig das Bändchen. Ich keuchte.

»Mehr, verdammt« fluchte ich erregt.

Als er meinem Wunsch nachkam, stöhnte ich erneut auf. Fest umschloss er ihn und begann langsam auf und ab zu reiben. Immer wieder reizte er dabei die Eichel und brachte mich fast um den Verstand.

Ich wollte ihn auch fühlen. Ich zehrte den Dämon neben mich. Er hörte nicht auf mit seinen Bewegungen. Ich wimmerte lustvoll, weil ich bereits spürte, wie sich meine Eier am Körper zusammenzogen.

Ohne darüber nachzudenken, fasste ich nach seinem dicken Ständer. Er war heiß, die Haut weich und doch so hart. Nur zu gerne würde ich ihn in Ruhe erkunden, aber dafür war ich in dem Moment zu geil. Ich wollte kommen. Ich wollte, dass er kam.

Jar stöhnte und suchte meinen Mund. Ich begann die Hand zu bewegen, wie ich es selbst mochte. Fest, aber nicht zu grob. Es schien ihm zu gefallen, denn seine Hüfte zuckte mir entgegen. Verdammt, es fühlte sich unfassbar gut an.

Ein Schweißfilm lag auf meiner Haut und ich keuchte. Bewegte mich zu seinen Bewegungen. Brauchte es schneller. Härter.

Jar schob meine Hand weg, kam mir näher und brachte dann unsere Schwänze zusammen. Von den Lusttropfen waren sie feucht und glitschig. Er begann sie gleichzeitig zu wichsen. Seinen Harten an meinem zu spüren, ließ mich stöhnen. Richtig geil. Ich kam ihm mit der Hüfte entgegen. Genau wie er sich ständig bewegte. Seine Hand wurde schneller und ich umfasste sie. Ging die Bewegungen mit. Spürte, wie mich das Verlangen immer mehr übermannte. Hörte, wie der Dämon lauthals keuchte. Spürte, wie es mein Rückgrat herunter kribbelte. Hörte, wie Jar fluchte. Spürte, wie sein Schwanz nochmal anschwoll und dann zuckte. Das gab mir den Rest. Ich legte den Kopf in den Nacken und mit einem tiefen Grollen schoss der Saft aus mir heraus. Nur eine Sekunde später folgte Jar, spritzte ebenso zwischen uns. Auf Bauch und Brust. Er rieb uns bis zum letzten Tropfen, aber bevor es unangenehm wurde, entließ er unsere Schwänze aus seiner Hand.

Unsere Blicke trafen sich, aber ich konnte nicht erkennen, was er dachte. Mein Gehirn war noch zu keinem klaren Gedanken fähig. Ich beugte mich zu ihm. Küsste ihn sanft und rollte mich auf den Rücken. Mein Atem musste sich erst einmal beruhigen. »Verdammte Scheiße«, platzte ich heraus und musste lachen. Ich fühlte mich vollkommen entspannt und befriedigt.

»Gut, hmmm?«, murmelte Jar, aber es kam mir so vor, als würde leichte Unsicherheit in seiner Stimme mitschwingen. Ich drehte mich wieder zu ihm, beachtete das Sperma nicht weiter und grinste ihn breit an.

»Aber so was von«, gab ich leidenschaftlich zurück und lachte erneut.

Diesmal zuckten auch die Mundwinkel des Dämons nach oben. Er sah atemberaubend aus in diesem Augenblick. Ich starrte ihn an und konnte mich nicht sattsehen an seinem Körper und diesem zufriedenen Ausdruck in seinem Gesicht. Ihm schien es ähnlich zu gehen. Es war eine Mischung aus Erstaunen, Faszination und Überraschung, mit der wir uns ansahen. Die kalte Maske war verschwunden. Ich hätte ihn gerne noch stundenlang weiter angesehen, aber mir entkam ein Gähnen. Kein Wunder, die Nacht war kurz und heftig gewesen. Ich sträubte mich dagegen, aber irgendwann gewann mein Körper den Kampf und ich döste weg.

 

Ein lautes Klopfen riss mich aus dem Schlaf. Ich brauchte ein paar Sekunden, bis mir klar wurde, woher das kam. Die Wohnungstür. Mein Blick ging zu der anderen Bettseite, die leer war. Natürlich war er abgehauen, schoss mir in den Sinn und auch wenn ich damit gerechnet hatte, spürte ich einen kleinen Stich der Enttäuschung. Ich hätte nur zu gerne dort weitergemacht, wo wir aufgehört hatten. Bei dem Gedanken zuckte mein Schwanz interessiert und ich musste schmunzeln.

»Verdammt Luca!«, vernahm ich die laute Stimme meines besten Freundes. »Wenn du nicht in fünf Sekunden an der Tür bist, treten wir sie ein.«

Ich kannte Zack nur zu gut und wusste, dass das keine leere Drohung war. Schnell sprang ich aus dem Bett und lief zur Tür. Gerade bevor ich sie aufriss, fiel mir auf, dass ich noch nackt war und getrocknete Spermareste meinen Oberkörper zierten. »Scheiße«, fluchte ich unterdrückt und sagte dann lauter. »Komme sofort.« Hastig zog ich mir eine Jogginghose und ein Shirt über, um meinen Teamleiter nicht zu lange warten zu lassen. Als ich am Tresen in der Küche vorbeiging, fiel mein Blick auf einen Zettel. 'Ich habe mir das geschuldete Longsleeve genommen. Wenn es dein Lieblingsstück war, hast du Pech gehabt. Jar.'

Meine Lippen verzogen sich zu einem Grinsen, das noch breiter wurde, als ich darunter ein paar Ziffern sah. Seine Handynummer. Triumphierend las ich den Zettel erneut. Er war abgehauen, aber nicht einfach so.

»Luca, Mann, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit«, meckerte Zack durch die Tür und ich verdrehte die Augen. Mit einem Ruck öffnete ich und befand mich nur eine Sekunde später in der kraftvollen Umarmung meines besten Freundes wieder. Als er sich gelöst hatte, wurde ich gleich nochmal an eine harte Männerbrust gezogen. »Schön, dass es dir gut geht«, begrüßte mich Cain.

Nachdem sie mich losgelassen hatten, traten sie ein, während sie mich mit Fragen bestürmten, aber ich kochte erstmal Kaffee für alle. Zack hielt eine Tüte hoch, auf der ein Bäckerlogo prangte.

Ich machte einen Daumen nach oben und musste innerlich grinsen bei seiner Geste. Er hatte sich wirklich verändert. »Kann ich noch kurz duschen, bevor wir reden?«

Cains Mund verzogen sich zu einem süffisanten Lächeln. »Ja, ich denke, dass das nicht schlecht wäre.«

Ich runzelte die Stirn und konnte mich gerade noch davon abhalten, an mir zu schnüffeln.

Der Dämonenfürst lachte auf. »Du riechst nach Sex und Sperma.« Sein Blick ging zu Zack. Ein sinnliches Funkeln trat in seine grünen Augen. »Das lenkt mich zu sehr ab, da komme ich gleich auf Ideen.«

Zack ging zu seinem Dämon und schlang die Arme um ihn. »Du weißt, dass ich auf deine Fantasien stehe«, raunte er ihm zu und biss ihn leicht ins Ohrläppchen.

Bevor die beiden wieder in ihre Welt abtauchen konnten, hatte ich aber noch eine Frage: »Woher meinst du zu wissen, dass ich Sex hatte?«

Mein bester Freund lachte. »Cain hat eine verdammt gute Nase. Vor dem kannst du sowas nicht verstecken.«

Ich starrte den Dämonenfürsten einen Moment an, der nur selbstgefällig nickte.

»Wer war es denn?«, fragte Zack nun neugierig. Das war der Augenblick, in dem ich flüchtete. Das Lachen der beiden verfolgte mich bis unter die Dusche. Ich verdrehte die Augen, das konnte ja noch was werden.

 

Bevor ich ihnen jedoch alles berichten konnte, forderte Zack mich auf, mich bei meiner Mutter zu melden. »Sie hat mich angerufen, weil sie dich nicht erreichen konnte und hat sich ziemliche Sorgen gemacht. Nachdem Jar gestern Bescheid gegeben hat, dass du zurück bist und es dir gut geht, habe ich sie angerufen, aber du solltest dich auch unbedingt bei ihr melden. Ich dachte, sie macht mir die Hölle heiß.« Er verzog voller Respekt und ein wenig Angst das Gesicht.

Ich schmunzelte. Das klang eindeutig nach Rosa. Mein Blick ging kurz zu ihm. »Muss ich heute noch ins Department oder reicht es, wenn ich euch gleich auf den neusten Stand bringe? Dann würde ich nachher direkt hinfahren. Ich kenne sie doch. Sie wird ausrasten, wenn sie von der Entführung erfährt.«

»Nein, das ist vollkommen okay, wenn du heute nicht ins Büro kommst. Ich kläre das mit White.«

»Danke, Mann«, gab ich zurück und schrieb meiner Mutter eine kurze Nachricht, dass es mir gut ginge und ich nachher vorbeikommen würde.

Danach tranken wir Kaffee, aßen die Donuts und ich berichtete ihnen alles: von dem seltsamen Gefühl beobachtet zu werden bis zu der Gefangennahme, dem alten Keller, Zeus entwürdigenden und schmerzhaften Untersuchungen und der Befreiung durch Jar.

Zwischendurch unterbrachen sie mich immer wieder um nachzuhaken. Zack rief Dana an, damit sie mit den Kollegen das Haus checkten.

Ich verzog ungläubig das Gesicht. »Ich bin mir ziemlich sicher, dass Zeus nicht dorthin zurückkehren wird. Sobald er merkt, dass ich weg bin, wird er sich nicht mehr blicken lassen.« Bei dem Namen war mein Gesicht finsterer geworden.

Cain fuhr sich genervt durch die Haare. »Er wusste von der Prophezeiung, das heißt, wir können davon ausgehen, dass er auch irgendwelche Informanten in der Stadt hat«, resümierte er.

Ich nickte grimmig.

»Scheiße«, fluchte Zack. »Ich hasse es, wenn wir nicht wissen, wem wir trauen können.«

Der Dämonenfürst musterte mich über den Becher, als er noch einen Schluck Kaffee trank. Fragend hob ich die Augenbraue. »Können wir Jar trauen?«, erkundigte er sich dann bei mir.

Bei seiner Frage kratzte ich mich am Kinn. Wieso stellte er sie mir? Aber dann wurde es mir klar. Sie mussten den Zettel gesehen haben und hatten eins und eins zusammengezählt. »Nicht sehr subtil«, sagte ich schmunzelnd, aber nickte dann. »Ihr kennt ihn ebenfalls und habt eure eigene Meinung über ihn. Aber von meiner Seite auf jeden Fall. Er hasst seinen Vater und würde niemals mit ihm gemeinsame Sache machen.«

Ich konnte sehen, dass Zack sofort nachbohren wollte und hob deswegen abwehrend meine Hand. »Es ist Jars Geschichte und ich werde nicht darüber sprechen.«

Unzufrieden verzog mein bester Freund das Gesicht. Ich konnte verstehen, dass er nicht nur als Agent, sondern auch als Halbbruder mehr wissen wollte. Aber es war nicht an mir, seine Geheimnisse preiszugeben. Jars Vergangenheit war seine und hatte mit der aktuellen Krise, in der wir uns befanden, nichts zu tun.

Cain musterte mich weiterhin interessiert. Mir war vollkommen klar, was er wissen wollte. Es hing mit dem Geruch, den er aufgeschnappt hatte, zusammen. Ich rollte mit den Augen und sah ihn dann an. »Und ja, wir hatten was miteinander.«

Zack grinste breit und schnappte sich noch einen Donut. »Verdammt, damit hätte ich nicht gerechnet. Dass du was mit einem Mann hast, das ist ja mal eine Neuigkeit!«

»Oh Mann, du bist aber auch manchmal ein Idiot«, zog Cain seinen Partner liebevoll auf. »Man hat doch sofort gemerkt, wie zwischen den beiden die Funken fliegen.«

Zack boxte ihn in die Seite. »Nur weil du auf alles achtest, was irgendwie mit sexuellen Spannungen zu tun hat.«

Der Dämonenfürst beugte sich zu ihm vor. »Als ob du was dagegen hättest, dass ich immer unter Spannung stehe«, raunte er.

Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen. »Der war echt schlecht, Cain.«

Zack nickte zustimmend und schmunzelte. Dann küsste er seinen Dämon jedoch noch schnell versöhnlich. »Okay, jetzt will ich aber mehr wissen.« Neugierig beugte er sich zu mir.

Ich zuckte mit den Schultern. Ganz bestimmt würde ich ihnen keine Details verraten. »Es war heiß. Ich finde ihn heiß. Und er mich«, gab ich breit grinsend zurück.

»Und es stört dich nicht, dass er ein Mann ist?«, bohrte mein bester Freund nach.

Ich verdrehte die Augen. »Nein.«

Jetzt war es an Zack, mich zu boxen. »Man wird ja wohl noch fragen dürfen. Schließlich warst du einer der Vorzeige-Heteros in unserer Einheit.«

Ich lachte auf. »Ich denke mal, der Preis geht eindeutig an Brady. Aber nein, es stört mich nicht. Natürlich hat es mich am Anfang ein wenig gewundert, aber ehrlich, dann ist es eben ein Kerl, den ich anziehend finde.«

»Also bist du auch bi?«

Erneut zuckte ich mit den Achseln. »Keine Ahnung. Habe ich noch nicht drüber nachgedacht und es ist mir auch egal.«

Mein bester Freund schien einen Moment darüber nachzudenken. Dann nickte er langsam. »Du hast recht. So lange ihr beide euren Spaß habt, ist es ja völlig Latte, welches Label auf deiner Sexualität steht.«

»Danke«, gab ich nur sarkastisch zurück.

Cain gluckste auf. »Wenn das so weiter geht, werden wir bald die queeren Supernaturals. Da werden wir wohl mit dummen Sprüchen rechnen dürfen.«

»Hey, wir sind die Truppe mit den besten Resultaten, da soll mir mal einer blöd kommen«, echauffierte sich Zack.

»Apropos Resultate«, mischte ich mich ein und wechselte damit das Thema. »Wie konnte mich Jar finden? Hat er mit euch zusammen gesucht?«

Mein bester Freund fuhr sich durch die Haare und ich erkannte, dass er sich wirklich Sorgen um mich gemacht hatte. Die beiden berichteten mir, dass sie die ganze Stadt auf den Kopf gestellt hatten. Jar war bei ihnen gewesen. Aber am zweiten Tag hatte er gesagt, dass er eine Idee hatte, und Zack gebeten, meine Akte lesen zu dürfen. Danach war er verschwunden. Anscheinend kam er so seinem Vater auf die Schliche, denn soweit ich wusste, stand dort auch meine alte Adresse. Aber wieso hat er keine Verstärkung mitgenommen?

 

Die Frage beschäftigte mich auch noch, als ich auf dem Weg zu meiner Familie war. Mittlerweile war ich zu dem Schluss gekommen, dass er seinen Vater gut genug kannte, um erstmal die Lage zu checken und dann die Chance zu nutzen, die sich ihm geboten hatte. Vielleicht würde ich ihn einfach fragen, ich hatte seine Handynummer gleich gespeichert. Aber erstmal musste ich meine Mutter beruhigen.

Rosa rief mich auf der Fahrt auch noch einmal an, um zu fragen, wo ich bliebe. Als ich endlich auf den Hof fuhr, stand sie bereits auf der Veranda.

Sie kam mir entgegen und boxte mich als Allererstes gegen die Schulter, dann zog sie mich in eine feste Umarmung. »Cariño, wo warst du nur? Hast du eine Ahnung, was ich mir für Sorgen gemacht habe? Ich hatte schon Angst, dass du irgendwo im Straßengraben liegst oder bei einem der vielen Kämpfe verwundet wurdest.«

Ich löste mich langsam und küsste sie sanft auf beide Wangen. »Es geht mir gut, Mamá.«

Erneut boxte sie mich, aber Tränen standen in ihren Augen. Als wir nach drinnen gingen, zählte sie noch alle schrecklichen Ereignisse auf, die sie sich ausgemalt hatte.

Es tat mir leid, dass ich ihr Kummer bereitet hatte, aber daran war nichts mehr zu ändern. Ich begrüßte den Rest meiner Familie, der sich bereits in der Küche versammelt hatte, liebevoll. Nur Ramon nickte ich knapp zu. Sein feindseliger Blick war mir in dem Moment vollkommen egal.

Lupita beobachtete mich eindringlich. Gelassen erwiderte ich ihren Blick. Sie schien nach einem Anzeichen in meinem Gesicht zu suchen, aber kam wohl nicht drauf, denn ihr Mund verzog sich unzufrieden. Mir fiel wieder ein, dass sie mich beim letzten Mal schon so eingehend beobachtet hatte, weil sie meinte, dass etwas anders an mir war.

Als meine Mutter die dampfenden Enchiladas auf den Tisch stellte, schaute mich mein Vater neugierig an. »Wieso warst du denn verschollen? Rosa hat uns alle verrückt gemacht.« Sein Blick war liebevoll auf seine Frau gerichtet, die mit dem Topflappen nach ihm schlug.

Lorena verteilte gerade die leckeren Maispfannkuchen, als ich das Wort ergriff: »Entschuldigt bitte, dass ich mich nicht zurückgemeldet habe. Ich konnte leider nicht, weil ich gefangen gehalten wurde.«

Meine Mutter stieß einen entsetzten Schrei aus. Lupita musterte mich, als müsste sie sich davon überzeugen, dass es mir gut ging und meine Schwester sah mich besorgt an. Nur Ramon schien das Ganze nicht zu interessieren.

Ich hatte vorher mit Zack besprochen, was ich ihnen sagen durfte. »Ich will euch nicht alles im Detail erzählen, aber ich wurde befreit und es geht mir gut. Und das Beste ist, dass wir nun unseren Feind kennen.«

Rosa kam um den Tisch, kniete sich vor mich und schlang ihre Arme um mich. Sie war vollkommen aufgewühlt. Ich küsste ihre dunklen Haare. »Es geht mir gut, Mamá. Wirklich.«

Nach ein paar Minuten löste sie sich von mir. Tränen rollten über ihre Wangen. »Und genau deswegen solltest du wieder hier bei uns sein«, erklärte sie dennoch resolut.

Ich schüttelte den Kopf und strich ihr sanft eine Träne aus dem Gesicht. »Nein, wenn er mich wirklich haben will, dann werde ich niemanden von euch in Gefahr bringen. Ich fahre nachher wieder zurück.« Unsere Blicke trafen sich und ich konnte erkennen, dass es ihr ganz und gar nicht passte. Aber ich würde in der Angelegenheit nicht mit ihr diskutieren. Niemals würde ich Zeus zu meiner Familie locken, in dem ich länger hierblieb als nötig.

Ich bemerkte aus dem Augenwinkel, dass Pepe und meine Großmutter einen Blick miteinander wechselten. Lupita nickte ihm zu und er verschwand.

Ich runzelte die Stirn und blickte fragend zu meiner Nana. Sie erwiderte den Blick gelassen. Doch konnte ich eine gewisse Anspannung in ihren verschiedenfarbigen Augen erkennen. Dann schüttelte sie den Kopf. »Es ist immer noch etwas anders an dir«, murmelte sie leise, sodass ich ihre Worte kaum verstand. Innerlich verzog ich nur das Gesicht, was hatte sie nur?

Bevor ich jedoch nachhaken konnte, kam Pepe zurück. »Eduardo und die anderen werden gleich da sein«, erklärte er und setzte sich, um nach seiner Gabel zu greifen.

Rosa nahm ebenfalls wieder Platz und nickte zufrieden. »Das wurde aber auch Zeit. Dass Luca erst entführt werden musste, bevor du nachgibst«, sagte sie und warf ihrer Mutter einen bösen Blick zu, den diese gleichmütig über sich ergehen ließ.

Mir kam wieder in den Sinn, dass sie bei meinem letzten Besuch schon irgendwelche Andeutungen gemacht hatten. Leichter Ärger bei dieser Geheimniskrämerei stieg in mir auf. »Okay, was wird hier gespielt?«, fragte ich in die Runde.

Lupita verdrehte die Augen. »Jetzt warte doch mal ab, Mann.«

Bevor ich ihr eine gepfefferte Antwort geben konnte, mischte sich Pepe ein. »Du wirst uns wahrscheinlich nicht sagen dürfen, wer genau der Feind ist. Aber ist er ein Übernatürlicher?«

Ich nickte grimmig. Nur allein der Gedanken an Zeus trieb mich auf die Palme. »Ja, ein Dämon.«

Ramon schnaubte abfällig. »Und du hast dich von einem Dämon überrumpeln lassen?«, hakte er nach.

»Um genau zu sein, waren es fünf, die mich überwältigt haben«, gab ich spitz zurück. Ich sollte darüberstehen, aber manchmal nervte mich sein selbstgefälliges Getue. Es war noch nicht lange her, da hatte er vor mir auf dem Boden gelegen. Ich erinnerte mich daran, dass ich eigentlich nur noch kommen wollte, wenn er arbeitete. Das war eindeutig die bessere Alternative. Allerdings war es heute auch eine Ausnahmesituation.

Auf meine Information sagte er nichts mehr, sondern kaute nur mürrisch sein Essen. Mir war der Appetit vergangen und den anderen schien es ähnlich zu gehen, aber da wir Rosa eine Freude machen wollten, zwangen wir alle ein paar Bissen herunter. Dabei blieb es erstaunlich ruhig, zumindest für ein Essen bei der Familie Garcia. Anscheinend hatte meine Entführung alle ein wenig durcheinandergebracht. Die Entscheidung, gleich heute hierherzukommen, damit sie sehen konnten, dass es mir gut ging, war richtig gewesen. Wahrscheinlich hätte sich Rosa sonst sofort ins Auto gesetzt.

Gleichwohl stieg meine Anspannung, weil ich keine Ahnung hatte, was eigentlich los war. Etwas war im Gange. Etwas Großes. Wenn Pepe von Eduardo und den anderen sprach, ging ich davon aus, dass sich die Spitze des Clans traf. Geführt wurde er von Lupita, die aber immer mehr an Rosa als ihr ältestes Kind abgab. Zudem gab es so eine Art Rat, in dem Dinge abgestimmt und andere Meinungen gehört wurden. Eduardo war als zweitältestes Kind Mitglied, genau wie die ältesten Kinder von ihm und Rosa. Zudem nahm ich oft teil, weil ich ein Bindeglied zum Department und zum Council for Supernaturals darstellte. Zwei andere Familien waren ebenso vertreten. Es musste bedeutend sein, was Rosa und Lupita ausgeheckt hatten, sonst würde der Rat nicht zusammenkommen. Wegen einer Lappalie trafen sie sich nicht. Das schürte meine Anspannung und gleichzeitig die Ungeduld, was auf mich zukam.

 

Es dauerte noch eine halbe Stunde, bis es klingelte und nach und nach die Mitglieder eintrudelten. Lorena und Pepe verschwanden und wir anderen versammelten uns um den Esstisch. Was mich wunderte, war, dass neben Luis auch Hector dabei war. Er gehörte eigentlich nicht in diese Reihen und doch schaute er erwartungsvoll und wie mir schien vorfreudig in die Runde.

Rosa dachte anscheinend Ähnliches, denn sie sah ihren Bruder auffordernd an. »Wieso sind Luis und Hector hier?«

Eduardo zupfte sich enervierend an den Aufschlägen des Anzugs herum und blickte dann zu seiner Schwester. Die braunen Augen hatten einen provozierenden Ausdruck. »Pepe hatte nur ein Stichwort gesagt, worum es geht, aber wenn es wirklich das Thema ist, dann muss Hector dabei sein. Ich habe diesbezüglich noch einmal nachgedacht und habe einen Vorschlag zu unterbreiten«, erklärte er ruhig.

Ich hatte nicht mal ansatzweise eine Ahnung, wovon er sprach und wurde langsam ungehalten. Es nervte tierisch, anscheinend der einzige vollkommen Unwissende zu sein.

Meine Mutter schaute zu Lupita, die ihren Sohn einen Moment eindringlich musterte. Dann sah sie zu Hector, der trotzig den Blick erwiderte. Sie schien einen Augenblick zu überlegen und zuckte dann mit den Achseln.

Damit war es wohl entschieden. Allerdings wusste ich immer noch nicht mehr. Mir reichte es. »Verdammt, kann mal bitte irgendjemand sagen, was hier verflucht nochmal los ist!«, forderte ich mit zusammengebissenen Zähnen. Den Ärger konnte man eindeutig aus meiner Stimme heraushören.

Rosa warf mir einen mahnenden Blick zu. Was sollte das denn? Ich hatte doch wohl ein Recht zu erfahren, worum es ging. Mein Puls beschleunigte sich weiter. Es fehlte nicht mehr viel und ich würde verschwinden.

»Pepe hat euch hergebeten, weil es soweit ist. Luca muss stärker werden, denn er wurde von unser aller Feind entführt. Er darf nicht wieder in die Hände des Gegners fallen und deswegen möchte ich heute, dass wir beschließen, das Ritual mit ihm durchzuführen«, eröffnete meine Mutter ein wenig gestelzt die Sitzung. Man sah ihr an, dass sie immer noch geschockt war über das, was mir widerfahren war. Dennoch konnte ich sie in dem Moment nicht trösten, weil sich nur Fragezeichen in meinem Kopf gebildet hatten. Was meinte sie für ein Ritual? Für eine Sekunde schossen mir Bilder in den Sinn, wie wir alle irgendwelche Kräuter rauchten, uns bunt anmalten und nackt um ein Feuer tanzten. Ich musste ein Grinsen unterdrücken, wenn ich an Lupita dachte, die dabei ihren Gehstock schwingen würde und jeder der nicht richtig mitmachte, würde eins übergebraten bekommen. Auch mein Onkel Eduardo würde auf jeden Fall amüsant zu beobachten sein, mit dem Stock, den er im Arsch hatte.

Die abstrusen Gedanken verflogen, als genau der das Wort ergriff: »Wer ist unser Feind?«, hakte er nach.

Ramon lachte höhnisch. »Luca hat sich von einem Dämon fangen lassen.«

Ich verdrehte innerlich die Augen, als Hector in das Gelächter einfiel. Luis sah nur völlig unbeteiligt aus dem Fenster.

»Ramon«, zischte meine Mutter wütend und schaute dann auffordernd zu mir. »Kannst du noch einmal etwas dazu sagen?«

Ich atmete tief durch, denn eigentlich wollte ich mehr über diese komische Sache mit dem Ritual erfahren. Aber ich verstand, dass erstmal alle denselben Wissensstand haben mussten. Kurz und knapp berichtete ich, was geschehen war.

Hector und Ramon mussten immer wieder ermahnt werden, weil sie sich ihre blöden Sprüche nicht verkneifen konnten. In mir schürte es die Wut, aber gleichzeitig hatte ich auch keinen Bock mich mit den beiden auseinanderzusetzen. Ich wollte mehr Informationen haben.

»Und genau aus dem Grund muss Luca das Ritual durchführen«, nahm Rosa wieder den Faden auf, als ich zu Ende erzählt hatte.

Eduardo hatte sich nachdenklich am Kinnbart gekratzt und blickte jetzt eindringlich in die Runde. »Und genau da habe ich einen anderen Vorschlag zu machen. Wir haben das innerhalb der Familie besprochen und Hector wird das übernehmen.« Mit Stolz schaute er zu seinem Sohn, der selbstgefällig grinste und sich die langen blondierten Haare seines Undercuts aus dem Gesicht strich.

»Aber Hermano, Luca ist in Gefahr. Er muss sich schützen können«, wandte sich Rosa verständnislos an ihren Bruder.

»Natürlich würde sich Hector darum kümmern und Luca bewachen«, gab er nur zurück.

Die anderen begannen eine Diskussion, wer besser geeignet war. Mein Cousin blies sich auf, aber die Meinungen gingen stark auseinander. Während Ramon und eine der anderen Familien auf seiner Seite war, sprachen die anderen für mich.

Mein Zorn wurde immer größer und gerade, als ich auf den Tisch hauen wollte, mischte sich Lupita ein.

»Das ist absolute Scheiße«, sagte sie laut und sofort waren alle still. »Wir können den Mist auch abkürzen. Hector will einfach nur stärker werden, um sein Ego noch mehr aufzupolieren. Das ist aber eindeutig schon groß genug. Er wird niemals das Ritual durchführen. Luca ist dafür bestimmt.«

Für eine Sekunde starrten alle die rothaarige Vampirin an, die gelassen in die Runde schaute. Eduardos Blick war feindselig, aber das schien seine Mutter nicht im Geringsten zu stören. Ramon schaute nur mürrisch auf den Tisch, während Hector lautstark den Stuhl zurückschob und aufstand. Man sah ihm an, dass er vor Wut kochte. Lupitas Worte waren hart für ihn gewesen, auch wenn ich mir innerlich ein Grinsen verkneifen musste. Ich hatte immer noch keine Ahnung, worum es ging, aber dass ihm seine Großmutter vor versammelter Mannschaft sagte, dass er ein Egomane sei, war schon witzig. Ich würde es sofort unterschreiben.

Lupita schien meine Gedanken gelesen zu haben, denn sie musterte mich amüsiert und zwinkerte mir zu.

»Das werdet ihr bereuen, wenn der Bulle so stark wird und uns dann alle ins Verderben reißt«, zischte Hector voller Zorn. Er konnte sich kaum beherrschen, seine Fangzähne fuhren bereits aus.

»Sohn, setz dich«, ermahnte ihn Eduardo, aber er bekam nur einen wütenden Blick. Danach traf mich der feindselige und hasserfüllte Ausdruck der braunen Augen. »Das wirst du bereuen.«

Ich hatte keinen Schimmer, wovon er redete, aber konnte auch nicht mehr fragen, denn er verschwand wortlos. Laut knallte die Haustür.

Ramon erhob sich. »Ich kann diesen Mist auch nicht unterstützen«, erklärte er kalt und verließ ebenfalls die Küche.

»Entschuldigt bitte das Auftreten meines Sohnes«, begann Eduardo. Es war deutlich herauszuhören, dass auch er verärgert war, aber sich an die nötige Höflichkeit klammerte. »Und wir sollten das noch einmal diskutieren. Hector ist ein loyaler Vampir, der alles für unsere Rasse tut.« Ein abschätziger Seitenblick traf mich. »Luca arbeitet in der Stadt und mit verschiedenen Wesen und Menschen zusammen. Es wäre deswegen besser, wenn jemand ausgewählt werden würde, der nur das Wohl unserer Spezies in den Fokus stellt.«

Luis nickte zustimmend. Bei dem Wort Menschen hatte sich sein Blick verdüstert. Ich erinnerte mich wieder an die Bilder, die er gemalt hatte. Es war mehr als deutlich, wie sehr er sie verabscheute.

»Das sehe ich genauso«, ergriff das Oberhaupt einer anderen Familie das Wort. So entbrannte von neuem eine hitzige Diskussion.

Mir reichte der Scheiß jetzt. Es ging um mich und doch sah es anscheinend niemand als notwendig an, mich einzuweihen. Das würde ich mir nicht bieten lassen. Sollten sie doch ihren Dreck allein machen. Gerade als ich mich mit finsterem Gesicht erheben wollte, mischte sich erneut Lupita ein.

»Haltet eure Schnauze!«, fauchte sie und lächelte mich dann an. »Wenn wir Luca nicht gleich sagen, worum es geht, wird er uns ins Gesicht springen.«

»Ach Cariño, entschuldige«, rief Rosa und sah mich zerknirscht an. Ich konnte sie gerade nicht mehr anlächeln, denn ich war sauer und hatte keine Lust mehr auf den Kram hier. Egal, was sie veranstalten wollten, aber ich hasste die bescheuerten Diskussionen innerhalb dieses Kreises.

»Also, es gibt ein Ritual, genauer gesagt ein Blutritual, das durchgeführt werden kann. Das dich stärker macht und dir Fähigkeiten verleiht«, erklärte meine Großmutter.

Ich runzelte die Stirn. »Blutritual, was meinst du damit?«

Sie strich sich ihre langen roten Haare über die Schulter und lehnte sich zurück. Eine Antwort bekam ich nicht von ihr, als ob das nicht notwendig wäre. Die Frau machte mich wahnsinnig.

»Es verläuft in zwei Phasen«, erklärte zum Glück Rosa, »zuerst musst du austrocknen und danach in kurzer Zeit von allen übernatürlichen Spezies Blut zu dir nehmen.«

Ich starrte sie an. Vollkommen perplex. Jedoch stieg in mir eine Ahnung auf, die mir überhaupt nicht gefiel.

»Genau, du bekommst dann Fähigkeiten der Opfer. Welche, weiß man im Vorfeld nicht mit Bestimmtheit, aber auf jeden Fall wird es dich stärken«, brummte Eduardo verdrossen. Ihm war deutlich anzumerken, dass es ihm missfiel, dass Hector so einfach abgelehnt worden war. Er verschloss seine Emotionen hinter einer höflichen Maske, aber innerlich kochte er.

Mit seinen Worten hatte er gerade meine Ahnung bestätigt und mein Cousin war mir in diesem Moment vollkommen egal. Er hatte von Opfern gesprochen. Das bedeutet, dass ich direkt von lebenden Wesen trinken sollte. Waren die wahnsinnig? Erstens war das verboten und zweitens würde mindestens eines der Opfer, nämlich der Dämon, sterben. Das würde ich niemals zulassen. Scheiß doch auf zusätzliche Fähigkeiten, ich war doch nicht hilflos.

Mühsam unterdrückte ich meine Wut und schaute in die Runde. »Es ist wahnsinnig nett von euch allen, dass ihr mich schützen wollt. Aber es ist nicht notwendig. Und was das Ritual angeht, ich werde es nicht durchführen und auch nicht weiter darüber sprechen. Es tut mir leid, dass ich mit meiner Ablehnung eure Zeit verschwendet habe, denn anscheinend sprecht ihr schon länger über diese Möglichkeit. Ich hätte es euch gerne erspart, aber da hättet ihr mich früher einweihen müssen. Allerdings denke ich, dass das Thema nun beendet ist. Damit wird meine Anwesenheit hier und heute nicht mehr von Nöten sein«, verabschiedete ich mich steif und verließ das Haus.

Rosa hatte mir noch einiges hinterhergerufen, aber ich musste raus. Das konnte doch nicht ihr Ernst sein? Sie wussten alle genau, dass ich es verabscheute, Blut zu mir nehmen zu müssen und nun wollten sie, dass ich direkt aus der Quelle trank, um mindestens ein Opfer dabei zu töten. Die waren doch irre!

 

Als ich losfuhr, schallte mir laute Musik entgegen, aber ich nahm sie kaum wahr. In mir tobten immer noch die Gedanken und auch die Wut. Blutritual. Verdammter Mist, ich wollte das nicht und es war auch nicht notwendig. Warum hatten sie nicht vorher schon mal den Mund aufgemacht? Ich hasste es, dass sie mich anscheinend immer noch als Kind sahen. Total ätzend, ich war dreißig verdammt. Es war mir echt schwergefallen mein Temperament zu zügeln. Am liebsten hätte ich ihnen allen gesagt, wohin sie sich ihr verfluchtes Ritual stecken konnten. Ich musste mich ablenken, sonst müsste ich auf irgendetwas einschlagen. Ohne groß darüber nachzudenken hielt ich am Straßenrand und tippte eine kurze Nachricht: 'Was machst du gerade? Zeit und Lust, was zu unternehmen?'

Ich musste nicht mal eine Minute warten, als mein Telefon bereits vibrierte. 'Luca?'

So eine blöde Frage. Aber dann kam es mir in den Sinn: Er hatte mir seine Nummer gegeben und hatte meine wahrscheinlich gar nicht. Woher auch. Schnell tippte ich zurück. 'Ganz genau. Und, wie sieht es aus?'

Prompt sah ich, dass die Nachricht gelesen wurde und er zurückschrieb. 'Lust? Auf dich immer. ;-) Sag mir nur, wann und wo.'

Bei dem blöden Spruch musste ich die Augen verdrehen. Gleichzeitig spürte ich, wie sich eine gewisse Vorfreude in mir breitmachte. Meine Laune stieg deutlich an. Ich schrieb ihm den Namen einer Bar, in der es leckere Burger gab und man auch Darts und Billard spielen konnte. Er bestätigte mit einem Daumen hoch.

Nach einem Blick auf die Uhrzeit trat ich aufs Gas. Dabei fiel mir auf, dass ich Zack oder Dana hätte fragen können. Daran hatte ich gar nicht gedacht. Aber wenn ich es mir recht überlegte, hätten die beiden sicher wissen wollen, was mit mir los war. Ich hatte keinen Bock darüber zu sprechen. Mein Wunsch war ein anderer. Ich brauchte Zerstreuung und Jar war eindeutig die perfekte Ablenkung. Er zog mich so in seinen Bann, dass ich nicht mehr an den ganzen Scheiß würde denken müssen.

Sein Bild trat vor meine Augen. Wie er nackt neben mir lag. Diese wunderschönen Linien auf der weichen Haut, die die harten Muskeln verdeckte. Die schwarzen langen Haare. Sein extrem geiler Arsch. Die roten Augen, warm und zufrieden. In meiner Hose meldete sich jemand interessiert. Oh ja, es gab noch so viel zu entdecken. Ich konnte es nicht erwarten, wieder mit diesem heißen Mann allein zu sein. Allein und nackt. Aber das würde warten müssen. Erstmal etwas essen und ein wenig die Vorfreude genießen. Meine Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. Der Abend versprach eindeutig diesen irren Tag verdrängen zu können.


 

04. März – abends

 

Als ich mein Auto parkte, sah ich Jar bereits vor dem Lokal. Er hatte sich lässig gegen die Hauswand gelehnt und beobachtete die vorbeigehenden Menschen. Seine Miene wirkte distanziert und dennoch anziehend. Ich konnte sehen, wie ihm immer wieder Blicke zugeworfen worden. Kein Wunder, er war ein scharfer Typ! Obwohl ich mir kaum vorstellen konnte, wie er für Menschen ohne übernatürliche Fähigkeiten aussah. Welche Augenfarbe er wohl hatte und waren die Zeichen dann einfach verschwunden? Er würde ohne sie wahrscheinlich immer noch gut aussehen, aber das Dämonische machte ihn aus meiner Sicht erst richtig heiß. Und es passte perfekt zu ihm. Anders sollte es nicht sein.

Ich schüttelte den Kopf und musste schmunzeln. Ich saß im Auto und starrte diesen Kerl an. Der hatte mich echt an der Angel, so bescheuert, wie ich mich verhielt.

Sein Kopf ging in meine Richtung und es kam mir vor, als würde er mich ebenfalls mit seinem Blick fixieren. Hatte er gemerkt, dass ich hier saß? Sehen konnte er mich eigentlich nicht, dafür war es zu dunkel und ich zu weit weg. Warum starrte er nur hierher? In mir mischten sich aufsteigende Vorsicht mit diesem verfluchten Kribbeln. Verdammt, reiß dich mal zusammen, schalt ich mich und verließ den Wagen.

Sein Blick bohrte sich direkt in meinen. Keine Ahnung, wie er das machte, aber er schien mich trotz der Entfernung wirklich genau zu erkennen. Das war spannend. Ich musste unbedingt herausfinden, welche Fähigkeiten er hatte. Nicht nur aus Neugier, sondern auch, weil ich nicht vergaß, dass er gefährlich und stark war. Als Dämon und als Magier. Vielleicht gehörte eine besonders gute Sicht zu den Gaben, die er besaß. Und neben dem Wirken von Magie hatte er bestimmt noch einige andere Eisen im Feuer. Ich war mir ziemlich sicher, dass er sie nicht gegen mich einsetzen würde, dennoch konnte es nicht schaden darüber Bescheid zu wissen.

Langsam schlenderte ich ihm entgegen und überquerte die nur mäßig befahrene Straße. Ich sog den Anblick in mich auf, wie er dort zwanglos stand. Die am Hinterkopf zusammengebundenen Haare betonten sein markantes Gesicht. Als ich näherkam, erkannte ich, dass er sich nicht rasiert hatte.

Dann würde ich nachher wieder seine Bartstoppeln an meinem Mund spüren, kam mir in den Sinn und meine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln.

Jar zog eine Augenbraue hoch, als würde er überlegen, was in meinem Kopf vorging. Aber dann wanderte sein Blick einmal provozierend langsam über meine Gestalt. Seine Mundwinkel zuckten nach oben. »Ich freue mich, dich zu sehen, Luca«, begrüßte er mich mit tiefer Stimme.

Zwischen den Zeilen schwang so viel mehr mit, sodass mein Grinsen noch breiter wurde. Seine Gedanken gingen zu hundert Prozent in die gleiche Richtung wie meine. Es machte mich an, dass ich so eine Wirkung auf ihn hatte. »Das kann ich nur zurückgeben.«

Überraschend zog er mich in eine Umarmung. »Du siehst heiß aus«, raunte er mir ins Ohr. »Ich habe dich sofort in deinem Auto entdeckt und es war sexy zu wissen, dass du dort sitzt und mich ansiehst. Das war irgendwie erregend.« Sein Griff wurde ein wenig fester, sodass ich seinen Körper an meinem spürte.

Verdammt, dieser Mistkerl machte mich schon wieder an. Seine Stimme. Die Worte, die er sprach. Sein atemberaubender Körper. Mein Schwanz war bereits halbsteif.

Er löste sich langsam. In seinen Augen stand eine Sinnlichkeit, die die Situation nicht besser machte. Und doch störte es mich, dass ich die Distanz zwischen uns spüren konnte. Seine Miene zeigte keine Wärme.

»Willst du wirklich noch reingehen?« Mit dem Kopf deutete er auf die Bar.

Ich konnte ihm ansehen, dass er am liebsten gleich mit mir verschwunden wäre, aber das war nicht der Plan. Ich wollte die Vorfreude weiter auskosten.

Aber es ging mir nicht nur darum, ich wollte auch einfach mit diesem Mann zusammen sein, etwas erleben. Wollte die Faszination, die er auf mich ausübte, erforschen. Ich wollte diese verfluchte Kälte aus seinen Augen vertreiben. Und ihn ganz vielleicht auch ein wenig zappeln lassen. Mein Grinsen wurde dreckig. »Natürlich, ich habe echt Kohldampf.«

Anscheinend hatte er mit dieser Antwort nicht gerechnet, denn er verzog kurz unzufrieden das Gesicht. Dann änderte sich seine Miene jedoch. Er grinste mich hinterhältig an. »Okay, dann wollen wir mal.« Er ging an mir vorbei und streifte mit der Hand ganz zufällig meinen Schritt.

Oh ja, er wusste, was ich vorhatte und hatte die Herausforderung eindeutig angenommen. Aber was er konnte, konnte ich schon lange.

 

Die Bar war angenehm gefüllt, aber wir hatten einen guten Platz bekommen. Nicht völlig ab vom Schuss, aber auch nicht mitten im Getümmel. Wobei es ungewohnt war, dass ich meinen Blick gar nicht über die anderen Gäste schweifen ließ. Es war mir ziemlich egal, wer noch da war. Auch wenn mir einige Blicke, die mir und auch Jar gegolten hatten, durchaus aufgefallen waren. Aber mein ganzer Fokus lag auf dem Mann mir gegenüber.

Nachdem wir bestellt hatten, sah er mich neugierig an. »Nicht, dass ich mich beschweren will, aber wieso dieses Treffen? Und vor allem, warum hier?«

Ich lachte auf. »Hast du Schiss, dass es ein Date ist?«, fragte ich ihn provozierend.

Er sah mich für eine Sekunde so erschrocken an, dass ich erneut lachen musste. »Du solltest dein Gesicht sehen, Mann.«

Der Dämon hatte sich versteift, aber als er gerade antworten wollte, wurden die beiden Corona Extra serviert. Das liebte ich an dieser Bar, sie hatten mein Lieblingsbier. Aber nicht nur das, sie war eher derb und rustikal eingerichtet. Eigentlich nie überfüllt, aber man war auch niemals der einzige Gast. Ich ließ meinen Blick schweifen. Beim Billardtisch blieb er hängen. Das wäre noch eine Idee für später.

Jar stieß mit seiner Flasche an meine. »Prost«, sagte er und es kam mir so vor, als würde er am liebsten abhauen. Seit ich das Wort 'Date' erwähnt hatte, schien er sich nicht mehr wohl zu fühlen. Das konnte ich trotz der kühlen Fassade, die auf seinem Gesicht lag, erkennen. Er konnte mit der Nähe, die mit diesem Wort einhergingen, nicht umgehen. Oder wollte es nicht. Bei seiner Vergangenheit kein Wunder.

Ich trank einen Schluck und lehnte mich dann zurück. »Bleib mal locker. Ich hatte einen Scheißtag und brauche ein wenig Gesellschaft und Ablenkung.«

Das schien ihn wenigstens ein bisschen zu beruhigen, denn er entspannte sich langsam. »Wieso war der Tag ätzend?«, hakte er nach und musterte mich interessiert.

Mir kam das Treffen bei meiner Familie wieder in den Sinn und ich fuhr mir durch die Haare. Darüber wollte ich eigentlich nicht reden. Deswegen zuckte ich gleichmütig mit den Schultern. »Familie«, gab ich nur ausweichend zurück.

»Wie ist sie?«, erkundigte er sich.

Ich verzog das Gesicht. »Laut, anstrengend. Vor allem meine Mutter, Rosa«, erklärte ich und konnte nicht verhindern, dass meine Stimme weicher wurde.

Jar beobachtete mich genau. »Du liebst deine Familie«, stellte er fest.

Ich nickte. »Das tue ich, auch wenn ich sie manchmal auf den Mond schießen könnte. Sie können einen zur Weißglut treiben.«

Er trank noch einen Schluck. »Erzähl mir von ihnen«, forderte er mich neugierig auf.

Mir kam in den Sinn, dass seine Familie alles andere als normal und liebevoll war. Und er wollte mehr von meiner hören? Das war doch ätzend. Unentschlossen verzog ich das Gesicht. »Ist das nicht scheiße?«

Für eine Sekunde schaute Jar irritiert, aber dann wurde seine Miene düster. Er erinnerte sich daran, was er mir von seiner Vergangenheit erzählt hatte. Sofort ging er noch mehr auf Distanz. »Musst du ja nicht, wenn du nicht willst«, entgegnete er kühl.

Ich war mir nicht sicher, ob seine Stimme wegen des Themas so kalt wurde oder weil er sich in nüchternem Zustand darüber ärgerte, dass ich nun seine Geschichte kannte.

Ich zuckte mit den Schultern. »Wenn es dich interessiert, habe ich kein Problem damit.«

Jar sah mich einen Moment an und unsere Augen trafen sich. Seine Maske saß, aber ich hatte das Gefühl, dass ich einen kleinen Blick dahinter erhaschen konnte. Er wollte mehr über mich erfahren. Er war wirklich neugierig. Diese Erkenntnis löste ein warmes Prickeln in mir aus.

»Also, am eindrucksvollsten in der Familie ist, neben meiner Mutter, eindeutig meine Nana. Lupita ist echt ein Original und ich hatte als Kind ernsthaft Schiss vor ihr«, begann ich zu erzählen. Seine Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. Ich konnte nicht anders, als es zu erwidern. Der Dämon hörte interessiert zu. Besonders die Anekdoten zu meiner Großmutter entlockten ihm immer wieder ein Lachen. Ich genoss das Geräusch, es bescherte mir eine Gänsehaut.

Während des Essens berichtete ich ihm noch von den anderen Familienmitgliedern. Auch von meinem schwierigen Verhältnis zu Ramon sowie den seltsamen Anwandlungen in der Familie meines Onkels Eduardo. Jar hakte immer wieder nach und verzog verärgert das Gesicht, als er von dem Ausraster meines Bruders erfuhr. Es wunderte mich, wie offen ich mit ihm sprach. Eigentlich kannten wir uns nicht wirklich, aber durch die Nähe, die zwischen uns in der vergangenen Nacht entstanden war, kam es mir anders vor. Irgendwie vertrauter, offener. Er konnte verdammt gut zuhören und schien jedes Wort in sich aufzusaugen, das ich von mir gab.

»Okay, und was war heute los?«, fragte er, nachdem wir unser zweites Bier bekommen hatten.

Ich trank einen Schluck. Wollte nicht darüber sprechen. Seine Anwesenheit hatte mich bisher gut abgelenkt, da sollte der Mist nicht wieder hochkommen.

Jar hatte mich genauestens beobachtet. »Oder lieber eine Runde Pool?«

Innerlich atmete ich erleichtert auf. Unsere Blicke trafen sich und ich sah immer noch Neugier in seinen Augen. Aber nicht nur. Er schien zu verstehen, dass ich nicht darüber reden wollte. Fasziniert bemerkte ich ebenfalls, dass die Maske leicht bröckelte. Das spornte mich an.

Ich stand auf, zog mir den Pulli über den Kopf und wusste genau, dass dabei mein Shirt hochrutschte. Jar konnte einen direkten Blick auf meine Bauchmuskeln werfen. Und ich würde hundert Mäuse wetten, dass er exakt das tat. Wir waren wieder mittendrin in unserem kleinen Spiel. Nachdem ich den Pulli beiseitegelegt hatte, sah ich ihn an und hob provozierend eine Augenbraue. »Wenn du verlieren kannst?«

Ein dreckiges Lächeln legte sich auf das Gesicht des Dämons. »Was bekommt der Gewinner?«

Bei dem Grinsen war ich mir sicher, dass er irgendetwas Abgedroschenes raushauen würde. »Solange du mir jetzt nicht mit so etwas Klischeehaftem kommst wie einem Blowjob, ist alles in Ordnung«, erklärte ich lachend.

Er kratzte sich gespielt nachdenklich am Kinn. »Eine sehr interessante Idee …« Sein Lächeln wurde breiter, sinnlicher.

Ich schüttelte den Kopf. Dieses Geplänkel mit ihm war herrlich. Und ich konnte nicht vermeiden, dass mir dabei Bilder in den Kopf schossen. Es war wirklich eine interessante Idee. Jar, vor mir auf den Knien. Seine roten Augen dunkel vor Lust. Seine Zunge, wie sie über meine Eichel leckte. Oh ja, mein Schwanz fand den Vorschlag richtig gut. Ich spürte seinen Blick auf mir und schaute ihn an. Er starrte zurück, als könnte er meine Gedanken lesen. Verlangen blitzte in seinen Augen auf. Und gleichzeitig so etwas wie Triumph. Er wusste genau, was in meinem Kopf vorging.

»Ich dachte eher, dass wir um die Rechnung spielen«, schlug er lapidar vor und schmunzelte breit. Er hatte garantiert nicht an so etwas gedacht, aber ich enthielt mich jeglichen Kommentars. Obwohl es mich schon reizte, zu wissen, was eigentlich in seinem Kopf vorgegangen war ...

Diesmal tat ich so, als ob ich überlegen müsste. Dann nickte ich. Ich war ein Billard-Spieler, das sollte nicht so das Problem werden. »Einverstanden.« Bevor ich jedoch zu einem freien Tisch ging, trat ich nah an ihn heran. »Wobei mir der andere Vorschlag auch gefällt«, raunte ich leise. »Aber wer weiß, was heute noch kommt.«

Ich hörte Jar scharf die Luft einatmen und lächelte in mich hinein. Ich war mir sicher, dass ihm jetzt ähnliche Fantasien im Kopf aufstiegen wie mir. Ich grinste fies. Gleiche Voraussetzungen für alle.

Als ich vor ihm zu den Billardtischen ging, konnte ich seinen brennenden Blick auf mir spüren. Es kam mir vor, als müsste er sich zusammenreißen, nicht an mich heranzutreten. Mich nicht zu berühren. Und verdammt, ich wollte, dass er genau das tat. Konnte es kaum noch erwarten. Und wollte gleichzeitig die Vorfreude weiter genießen. Aber die Anziehung zu ihm, der unwiderstehliche Duft und der aufregende Körper stellten meine Geduld wirklich auf eine verdammt harte Probe.

Doch ließ ich mir nichts anmerken, als ich die Kugeln aufbaute. Sortierte möglichst gelassen alle Bälle in die Triangel. Dabei beugte ich mich so weit nach vorn, dass ich ihm förmlich meinen Hintern entgegenschob. Ob dieses Spiel von irgendwelchen Sexgeilen erfunden worden war? Es schrie auf jeden Fall danach, Aufmerksamkeit auf gewisse Teile zu lenken. Ich würde eine Menge Kohle darauf wetten, dass Jar mir gerade auf den Arsch starrte.

Auch wenn es echt abgedroschen war, kam ich doch nicht ganz umhin, dass es mir gefiel. Langsam erhob ich mich und sah zu dem Dämon. Er starrte mich an. Sein Blick bohrte sich in mich. Ich hatte genau das erreicht, was ich wollte, denn in seinen Augen stand Begehren. Er war eindeutig ein Klischeeopfer, schoss mir schmunzelnd in den Sinn. Dann nahm ich mir in aller Seelenruhe einen Queue.

»Alter vor Schönheit«, neckte mich der Dämon.

Für eine Sekunde musste ich überlegen, woher er wusste, wie alt ich war. Es wurde mir schnell klar, er hatte meine Akte gelesen. Ich zeigte ihm nur den Mittelfinger, was ihm ein Lachen entlockte. Aber wenn er wollte, dass ich anfing, hatte ich kein Problem damit. Womit ich allerdings sehr wohl ein Problem hatte, war, richtig zu spielen, denn Jars Blicke brannten sich förmlich durch meine Kleidung hindurch. Verdammt, dabei wollte ich ihn doch um den Verstand bringen. Anscheinend ging es bei dem Spiel nicht nur darum, die Bälle in den Löchern zu versenken, das schien nur ein Vorwand zu sein. Noch nie war es mir so schwergefallen, mich darauf zu fokussieren, einfach nur zu spielen.

Ich atmete tief ein und konzentrierte mich auf die weiße Kugel. Mit einem schwungvollen Stoß eröffnete ich die Partie und versenkte gleich eine Halbe. Ich betrachtete den Tisch, war mir aber jeden Augenblick der Aufmerksamkeit des Dämons bewusst. Er schenkte dem Spiel keine Beachtung, sondern schaute nur mich an. Fuck, das lenkte mich echt ab.

Trotzdem gelang es mir, noch eine Kugel einzulochen, bevor ich danebenhaute. Ich ging an Jar vorbei und sah ihn an. In seinen Augen funkelte es sinnlich, was mein eigenes Verlangen schürte. Ich schluckte und leckte mir die trockenen Lippen.

Der Dämon knurrte und starrte auf meinen Mund. Ich ging an ihm vorbei und streifte mit der Hand seinen Arsch. Nur zu gern hätte ich sie da liegen lassen. Hätte ihn berührt. Ihn an mich gezogen. Aber wir spielten ja Billard. Wessen Scheißidee war das nochmal gewesen?

Ich lenkte mich ab, in dem ich einen Schluck Bier nahm. Die Stimmung zwischen uns lud sich immer mehr auf.

Jar lächelte mich verführerisch an. Er wusste genau, was Sache war und genoss es ebenso, das Prickeln anzuheizen. Dann schaute er jedoch auf den Tisch und überlegte konzentriert. Ich ließ ihn nicht aus den Augen. Verschlang ihn mit Blicken, wie er sich nachdenklich am Kinn kratzte und seine Chancen überschlug. Es schien, als hätte er mich vollkommen ausgeblendet. Ich beneidete den Mistkerl um diese Fähigkeit. Mir war seine Präsenz in jeder Sekunde bewusst gewesen.

Als er sich über den Tisch beugte, konnte ich beobachten, wie er den Ball fokussierte. Aber nicht nur das, ich konnte wahrnehmen, wie sich sein T-Shirt über dem breiten Rücken spannte. Konnte sehen, wie sich seine Muskeln bewegten, als er den Stoß ausführte. Konnte durch das weiße Shirt die Linien auf seiner Haut erkennen. Konnte die schlanke Hand beobachten, die locker auf dem Tisch auflag. Verdammt, ich war so was von am Arsch. Hatte ich mich innerlich gerade noch darüber lustig gemacht, wie klischeebehaftet das Spiel war, konnte ich jetzt nur aus vollem Herzen zustimmen. Es war heiß.

Jar ging um den Tisch herum und nahm die nächste Kugel ins Visier. Als er sich vorbeugte, hatte ich diesmal den knackigen Arsch mitten in Blickrichtung. Die Lederhose saß wie angegossen und ich spürte, wie es in meinen Händen kribbelte. Ich wollte ihn endlich berühren. Schnell trank ich noch einen weiteren Schluck, um mich zusammenzureißen. Was machte der Kerl nur mit mir? Ich war schon wieder spitz wie sonst was, dabei war noch nichts gelaufen. Und gleichzeitig so viel mehr, als bei manch anderer Gelegenheit. Jeder Blick von ihm ging mir unter die Haut. Jede zufällige Berührung spürte ich bis in mein Innerstes. Jedes Wort sog ich in mir auf. Jedes Lachen wärmte mich.

Ich keuchte auf, als mir bewusst wurde, was ich da gerade gedacht hatte. Scheiße, was waren das für Erkenntnisse?

Jar fluchte und erhob sich dann vom Tisch. Ich hatte keine Ahnung, was passiert war, und schaute schnell zu ihm. Bloß nicht weiter darüber nachdenken, was mir gerade in den Kopf geschossen war. Anscheinend hatte er das Loch verfehlt. Dennoch musterte er mich eindringlich. Und irgendwie irritiert.

Ich runzelte die Stirn, bis mir klar war, wieso er so schaute. Er hatte mein Keuchen gehört. Und dem Fluch zufolge, hatte ich ihn wohl damit abgelenkt, sodass der Stoß danebengegangen war. Wahrscheinlich sollte es mir leidtun, tat es aber nicht. Ich grinste ihn schelmisch an. »Sorry, war das meine Schuld?«, fragte ich gespielt naiv.

Der Dämon verdrehte die Augen und wandte sich dann ganz mir zu. Sah nur noch mich an. Er kam näher. Und näher. Und näher. Uns trennte nicht mehr viel. Sein unwiderstehlicher Geruch trat in meine Nase. Hitze stieg in mir auf und Verlangen rauschte durch meinen Körper. Ich ballte die Fäuste, um ihn nicht an mich zu ziehen. Dabei wollte ich nichts lieber als das.

»Du spielst nicht fair«, raunte er mir zu. »Aber soll ich dir was verraten?« Er näherte sich meinem Ohr, heißer Atem traf mich und ich bekam eine Gänsehaut. »Es ist mir eigentlich scheißegal, wer gewinnt, solange das Spiel bald vorbei ist. Ich kann es nicht erwarten, was danach kommt.«

Die Rauheit in seiner Stimme schürte meine Lust. Und ich gab ihm hundertprozentig recht. Aber wir hatten das angefangen und ich würde jetzt nicht auf einen Abbruch drängen. Es sollte doch nicht so schwer sein, sich noch ein paar Minuten zusammenzureißen!

 

Als Jar endlich die schwarze Kugel versenkte, atmete ich erleichtert aus. Wir hatten uns beide definitiv nicht mit Ruhm bekleckert. Ich hatte einen einfachen Stoß versemmelt, weil mich der Anblick des Dämons beim Biertrinken zu sehr abgelenkt hatte. Wieso war mir vorher nicht aufgefallen, wie sexy es aussah, wenn sich der Kehlkopf beim Schlucken bewegte? Jetzt konnte ich kaum noch den Blick abwenden.

Auch ihm waren immer mal wieder kleine Fehler unterlaufen, die wohl auf mein Konto gingen, wenn ich in sein Gesicht sah. Allerdings hatte er den Sieg eingefahren. Triumphierend näherte er sich mir. Schlich auf mich zu. Langsam. Anmutig. Als wäre ich sein Preis.

Es wunderte mich, dass es mich kein bisschen störte, von ihm angesehen zu werden, als wäre ich seine Beute. Im Gegenteil: Es erregte mich umso mehr. Und ich war mir sicher, dass der Ausdruck in meinen braunen Augen genau das widerspiegelte.

»Willst du dann zahlen oder noch eine Revanche?«, erkundigte er sich und musterte mich eindringlich.

»Auf keinen Fall«, platzte ich heraus.

Jar lachte auf und in dem Moment reichte es mir. Zu lange hatte sich mein Verlangen aufgestaut. Wir hatten uns immer wieder wie zufällig berührt und jedes Mal hatte es sich für mich wie ein Stromstoß angefühlt. Ich konnte nicht mehr warten und griff in seinen Hosenbund, um ihn zu mir zu ziehen.

Sein Gesicht kam meinem näher. Er lächelte verführerisch. Ich konnte die Hitze seines Körpers spüren. Mein Atem beschleunigte sich automatisch. »Wenn ich dich jetzt küsse, Luca, dann werde ich nicht aufhören können«, gestand er mir mit heiserer Stimme.

Unsere Blicke trafen sich. Heiß loderte der Hunger in seinen roten Augen. Und nicht nur das, die kühle Distanz war nicht mehr da. Er versteckte nichts vor mir. Wärme und Begehren schlug mir entgegen.

Ich biss mir auf die Lippe, weil ich sonst nicht hätte widerstehen können. Scheiße, ich musste diesen Mann küssen. Jetzt sofort!

Wie in Trance ging ich an die Bar und bezahlte. Wahrscheinlich war das Trinkgeld viel zu hoch, aber es war mir vollkommen egal. Wir holten unsere Sachen und dann griff ich nach seiner Hand, um ihn zum Ausgang zu ziehen. Er würde nicht aufhören können . Tja, da hatte er Pech gehabt, denn ich konnte nicht mehr warten.

Kaum traf uns die kühle Luft, wirbelte ich herum und drückte ihn an die Hauswand neben der Eingangstür. Ohne auf ihn zu achten, überbrückte ich den Abstand zwischen uns und presste meine Lippen ungestüm und rücksichtslos auf seine. Endlich!

Es dauerte nicht mal eine Sekunde, da schlang Jar seine Arme um mich und erwiderte den Kuss leidenschaftlich. Er zog mich an sich und ich fuhr mit den Fingerspitzen die rasierten Stellen an seinem Kopf entlang. Unsere Zungen trafen sich. Umschlangen sich. Kämpften miteinander.

Meine Erregung stieg, aber es reichte nicht aus. Zu lange hatten wir das Verlangen angeheizt. Ich presste meinen Körper noch enger an ihn. Spürte, wie sich seine Erektion an meine Hüfte drückte und schob ihm meinen Oberschenkel zwischen die Beine. Ich brauchte Reibung, verflucht.

Jar legte seine Hände auf meinen Hintern und presste mich noch stärker an sich. Er knetete meinen Arsch. Ich keuchte auf. Er kam mir mit seiner Hüfte entgegen. Dabei stöhnte er in meinen Mund.

Mein Schwanz drückte fast unangenehm an den Schlitz meiner Jeans. Lusttropfen perlten in meine Pants. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, außer dass ich einfach nur geil war.

Ich bewegte meine Hüfte stärker, rieb meinen Harten an seinem Bein, während wir uns hemmungslos küssten. Ich keuchte erregt. Jar schob seine Hand in meinen Hosenbund, sodass seine kalten Finger auf die heiße Haut trafen. Er ging tiefer zu meinem Arsch. Verflucht, wenn das so weiter ging, würde ich gleich kommen wie ein Teenager. Von dem bisschen Gefummel. Mitten auf der Straße. Die Erkenntnis brachte mich ein wenig zur Vernunft.

Atemlos löste ich mich von ihm. Er knurrte unzufrieden. Gier blitzte in seinen Augen und er wollte mich wieder an sich ziehen. Resoluter befreite ich mich. »Wenn wir jetzt nicht aufhören, kann ich für nichts garantieren«, erklärte ich mit rauer Stimme.

»Dann würdest du mitten auf der Straße abspritzen? In deine Hose?«, hakte er nach. »Das wäre verflucht heiß«, grollte er und fasste sich in den Schritt. Seine Augen verschlangen mich. »Wenn wir nicht sofort abhauen, werde ich das Wirklichkeit werden lassen. Denn ich will sehen, wie du kommst. Du siehst unfassbar geil aus, wenn du dich gehen lässt. Der Anblick allein reicht schon fast, damit ich selbst abspritze.«

Scheiße, seine Worte machten es nicht besser. Mein Schwanz zuckte erregt. »Wohin?«, fragte ich atemlos.

Jar deutete die Straße herunter. »Nicht weit von hier schlafe ich, da können wir hinlaufen. Ist deutlich näher als deine Wohnung.«

Das anschließende Laufen dämpfte die pure Erregung ein wenig, sodass sich Neugier dazu gesellen konnte. Wie der Dämon wohl wohnte? Wobei der genaue Wortlaut ein anderer gewesen war. Er hatte nicht von Wohnen oder Leben gesprochen, nur von Schlafen. 

 

Der Weg war die reinste Tortur, immer wieder musste ich die Fäuste ballen, um nicht nach ihm zu greifen und ihn erneut in eine Hausecke zu drängen. Noch einmal würde ich nicht aufhören können. Und würde es auch nicht wollen. Meine Erektion schrie nach Aufmerksamkeit.

Jar schien es ähnlich zu gehen, denn er sagte kaum etwas. Ich war ebenfalls still. Das Schweigen war dennoch nicht unangenehm, sondern befeuerte die Bilder in meinem Kopf. Ich wollte, dass er vor mir auf die Knie ging. Aber nicht nur das, ich war ebenso begierig darauf, ihn zu schmecken. An seinem Schwanz zu lecken. Seine Eichel zu lutschen. Allein bei dem Gedanken, wie es sich anfühlen könnte, wenn er in meinem Mund zucken würde, ließ mich stöhnen.

»Verdammt«, fluchte Jar. Im nächsten Moment griff er nach meiner Hand und zog mich in einen dunklen, schmalen Durchgang zwischen zwei Mehrfamilienhäusern. Die Gegend war nicht die beste und aufgrund der gefährlichen Situation, die die Stadt in ihrem Griff hatte, war kaum jemand unterwegs. Mein Blick huschte umher, fand einigen Sperrmüll, an dem Jar mich vorbeizerrte und dann gegen die kalte Wand drückte. So sollten wir von der Straße aus nicht zu sehen sein.

Unsere Münder prallten aufeinander. Der Dämon presste sich hart an mich und ich keuchte lustvoll. Ich war begierig auf mehr. Sein Körper, wenn auch nur durch Klamotten zu spüren, machte mich wahnsinnig. Ich war so geil und wollte in diesem Moment nur noch kommen. Wobei, nicht nur, ich wollte diesen heißen Mann vor mir ebenso die Kontrolle verlieren sehen. Mit fahrigen Bewegungen öffnete ich seine Jacke und schob meine kalten Hände unter das Shirt. Endlich konnte ich ihn wieder fühlen. Ich strich wie im Fieber über den atemberaubenden Körper, aber es reichte nicht. Ich brauchte mehr. Leicht schob ich ihn von mir weg, sodass ich an seine Hose kam. Diesmal schaffte ich es auf Anhieb, sie zu öffnen. Jar stöhnte erleichtert auf. Ich führte meine Hand direkt in seine Pants. Spürte die Tropfen an seinem heißen, harten Schwanz und umfasste ihn. Es fühlte sich geil an, ihn wieder in der Hand zu halten. Die Schwere zu fühlen. Das Pulsieren zu spüren. Mit dem Daumen rieb ich leicht über die Eichel, was Jar ein Keuchen entlockte.

Am Rande bemerkte ich, wie meine Hose ebenfalls geöffnet wurde. Mein Ständer zuckte dem Dämon dankbar entgegen. Er fuhr mit den Fingerspitzen langsam den langen Schaft nach, aber ich konnte diese Raffinesse nicht mehr aufbringen. Dafür war ich viel zu geil. Mit festen Bewegungen begann ich ihn zu wichsen. Verstrich dabei immer wieder die Lusttropfen auf seinem Harten.

Unser Kuss wurde unkoordinierter, ungestümer, voller Keuchen und Stöhnen. Uns war beiden klar, dass wir nicht laut sein durften. Jeden Moment könnte uns jemand entdecken. Ich hasste es. Nur zu gerne würde ich meine Erregung hinausschreien. Aber Aufhören kam nicht in Frage. Es hätten in diesem Moment Leute neben uns stehen können und ich hätte es nicht beenden können. Vor allem, weil Jar mir jetzt die Hose und Pants über den Hintern schob und dabei meinen Mund verließ, um mir leicht in den Hals zu beißen.

Langsam löste er meine Hand von seinem Schwanz und ich blickte ihn benebelt an. In seinen Augen blitzte es verwegen auf. Dann sank er vor mir auf die Knie. Diesen stolzen und heißen Mann vor mir knien zu sehen, war der Wahnsinn. Und verflucht, er sah so heiß aus, wie er mich voller Lust ansah und dann mit seiner Zungenspitze einmal meinen Schwanz entlang leckte. Allein das reichte schon fast, um mich zum Kommen zu bringen. Als er dann seine Lippen über meine Eichel senkte, konnte ich keinen klaren Gedanken mehr fassen. Sein Mund war heiß und feucht. Er saugte meinen großen Schwanz bis in seinen Rachen. Ich stöhnte auf und ballte die Fäuste. Es war einfach nur geil. Er lutschte mit perfektem Druck und ich schlug meinen Kopf gegen die Hauswand. Verflucht heiß. Meine Augen schlossen sich wie von selbst, als er auch noch begann meine Eier mit einer Hand zu massieren. Die Bälle hatten sich schon eng an meinen Körper gezogen. Mein Atem ging nur noch abgehackt. Nur zu gern hätte ich zugestoßen. Mein Keuchen erfüllte die Stille um uns herum, aber es war mir scheißegal. Es war der verdammte Blowjob meines Lebens.

Jar stöhnte um meinen Schwanz und die Vibration fuhr mir direkt in die Eier. Ich konnte nicht anders und sah nach unten. Er wichste sich selbst, im gleichen Rhythmus, wie er meinen Steifen lutschte. Es war unfassbar scharf. Ein erneutes Stöhnen des Dämons, als er mich ganz in seinem Rachen hatte, war zu viel. Ich stöhnte langgezogen und legte den Kopf in den Nacken. Dann schoss der Saft aus mir heraus. Schub um Schub landete in Jars Mund.

Mein Blick ging nach unten und was ich sah, ließ noch weitere Tropfen aus mir herauslaufen. Das Gesicht des Dämons war lustverzerrt, er hatte immer noch meinen Schwanz im Mund und das Sperma spritzte aus seinem Ständer. Das Bild brannte sich auf meiner Netzhaut ein. Noch nie hatte er so geil ausgesehen. Einige Tropfen meines Safts liefen von seinem Mundwinkel herunter.

Verflucht, war das geil gewesen. Ich konnte nicht anders und ließ mich an der Wand nach unten gleiten. Meine Beine trugen mich nicht mehr. Ich zog ihn an mich und küsste ihn leidenschaftlich. Dabei leckte ich mein Sperma von seinen Lippen. Es schmeckte fremd, aber nicht unangenehm. Nach und nach wurde unser Kuss träger und uns wieder klar, wo wir uns befanden.

Ich schaute ihn an und unsere Blicke trafen sich. Meine Mundwinkel zuckten. Jars ebenso. Dann lachte ich los. Er fiel mit ein. Keine Ahnung, was so witzig war, aber ich befand mich einfach noch jenseits der Zurechnungsfähigkeit nach diesem Erlebnis.

Wir beruhigten uns nur langsam. »Wir sollten dann vielleicht mal«, erklärte ich amüsiert und stand bedächtig auf, um meine Hose wieder anzuziehen.

Dann hielt ich ihm die Hand hin. Er hatte sich notdürftig gereinigt und ließ sich hochhelfen. Als wir wieder einigermaßen präsentabel waren, grinste ich ihn an. »So viel zu dem Thema 'nicht mehr beherrschen'.«

Der Dämon verzog unzufrieden das Gesicht. »Nicht unbedingt die Situation, die du dir wahrscheinlich für deinen ersten Blowjob von einem Mann gewünscht hast.«

Bei den Worten hielt ich inne. Was sollte der Mist denn jetzt? Ich packte ihn an der Jacke, damit er nicht weitergehen konnte. »Spinnst du? Es war der Hammer!«, fauchte ich ihn an, »und lass den Mist von wegen erstes Mal mit einem Mann. Ich habe doch schon gesagt, dass es mir scheißegal ist, was für ein Geschlecht du hast. Ich bin scharf auf dich und du hast mir einen geblasen, dass ich dachte, ich bin im Himmel. Mach jetzt nicht mit irgendwelchem Scheiß diesen Megaorgasmus kaputt. Ich brauche keine bescheuerten Blumen oder Kerzen. Es war verdammt heiß, dass wir nicht mehr abwarten konnten.«

Jar sah mich eindringlich an. Als würde er nach einem Anzeichen von Unsicherheit suchen. Na dann viel Erfolg. Er würde nichts finden. Natürlich war es mit einem Mann anders, aber ich würde nicht anfangen zu vergleichen. Es war einfach nur geil und extrem befriedigend gewesen.

Nach einem Moment nickte er und doch spürte ich, dass er die kühle Fassade wieder hochziehen wollte. Oh nein, nicht, wenn ich es verhindern konnte! Ich konnte sehen, dass er etwas sagen wollte und war mir sicher, dass es mir nicht gefallen würde. »Wo müssen wir denn lang?«, fragte ich deswegen ganz unschuldig.

Der Dämon fuhr sich über das Gesicht. Ich spürte genau, wie seine Gegenwehr stieg. Jetzt war das Blut wieder in seinem Kopf und ihm fiel sein Angebot ein. Aber es schien ihm nicht mehr recht zu sein, zu ihm zu gehen, denn er sah sich unschlüssig um. Schien zu überlegen, was er tun sollte, wie er aus der Nummer wieder herauskam. Es war für mich mehr als deutlich, dass er mich lieber loswerden wollte. Er wollte mir nicht den Ort zeigen, an dem er schlief. Was dachte er denn? Dass ich es mich groß interessierte, ob er in einem Wohnwagen oder einem Schloss hauste? Ich wusste schließlich, dass er von Zuhause geflohen war und sich irgendwie immer noch auf der Flucht befand. Damit war auch klar, dass er keine Arbeit hatte. Wie denn auch, wenn er ständig über die Schulter blicken musste? Solche materiellen Statussymbole waren mir vollkommen egal. Aber wie ich an seiner Miene sah, ihm nicht. Scheiße, man konnte förmlich zusehen, wie er die Mauer um sich hochzog und die Kälte wieder in seine Augen trat.

Er machte den Mund auf, aber ich kam ihm zuvor. Ich wollte ihn nicht drängen. Auch wenn ich es scheiße fand, den Abend auf diese Weise zu beenden. Aber irgendwie sagte mir mein Instinkt, dass es von nun an nur noch in die Hose gehen konnte. Und das nicht unbedingt im guten Sinne des Wortes, wie es eben fast der Fall gewesen war. »Oder unsere Wege trennen sich an dieser Stelle und wir holen das demnächst nach«, bot ich an, bevor er mich kühl abbügeln konnte. Allerdings konnte man meiner Stimme anhören, dass ich nicht wirklich glücklich mit den Worten war.

Jar musterte mich einen Moment und nickte dann langsam. Unsere Blicke trafen sich. Der Ausdruck in seinen roten Augen war distanziert und doch konnte ich ein wenig Unsicherheit aufflackern sehen. Das gab mir eine gewisse Genugtuung, denn so ganz konnte ich mich nicht davon freimachen, dass es mich anpisste, was er anscheinend von mir dachte. Außerdem hatte ich auf mehr gehofft. Sein Blowjob war der absolute Knaller gewesen, dennoch war ich nicht zu meinem Recht gekommen. Ich hatte ihn auch schmecken wollen, verflucht noch eins.

Bevor ich noch etwas sagen konnte, was ich später vielleicht bereuen würde, hob ich nur kurz die Hand und begab mich in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Ich musste mich zwingen mich nicht umzudrehen, denn ich war mir sicher, dass Jar noch immer dastand und mir hinterherschaute. Tja, da hatte er Pech, er hatte seine Chance gehabt, dachte ich grimmig und wusste, dass ich vielleicht ein kleines Bisschen unfair war. Er hatte mir erklärt, warum er niemanden an sich heranließ und doch ärgerte es mich. Verdammt, er konnte mir doch vertrauen. Und ich glaubte auch, dass er es sogar bis zu einem gewissen Maße tat. Aber anscheinend nicht genug. Lust allein reichte wohl nicht aus.

 

Meine Gedanken kamen auch zu Hause nicht zur Ruhe. Immer noch grübelte ich über diesen Mistkerl nach. Es waren allerdings nicht nur wütende Überlegungen, sondern es tauchten auch immer wieder Bilder von ihm auf seinen Knien vor meinem geistigen Auge auf. Er hatte so heiß ausgesehen. Und der Orgasmus war der Hammer gewesen. Kurz hatte ich gedacht, dass meine Beine nachgeben würden. Und es hatte sich so wahnsinnig gut angefühlt, seinen Schwanz in der Hand zu haben. Er war hart und doch so weich. Das Pulsieren der Adern. Die Tropfen, die sich aus dem kleinen Schlitz lösten. Wie er wohl schmeckte?

Ich fluchte innerlich, weil ich wieder eine Erektion bekam. Unter der Dusche sah ich ihn erneut vor mir. Gerötete und leicht geschwollene Lippen. Ein fester Griff, der genau wusste, was er wollte. Lust in den roten Augen. Und dann sein göttlicher Mund um meinen Schwanz. Ich wichste mich immer schneller und es dauerte nicht lange, bis ich mit einem Aufschrei kam. Verdammt, ich wollte mehr von ihm. Das reichte noch lange nicht. Egal, wie scheiße er sich verhielt, weil er versuchte, mich auf Abstand zu halten. Er war scharf auf mich, das würde ich nutzen.

Als ich im Bett lag, blinkte mein Smartphone. Eine Nachricht. Von Jar.

'Sorry, manchmal bin ich ein Arschloch.'

Mehr nicht.

Ich war immer noch etwas stinkig, aber immerhin hatte er es gemerkt. Meine Mundwinkel zuckten kurz nach oben. 'Das bist du', tippte ich knapp zurück. Und fiel dann in einen traumlosen Schlaf.

 


 

05. März – morgens

 

Der blöde Wecker riss mich aus dem Tiefschlaf. Ich überlegte, mich noch einmal umzudrehen, aber leider ging das nicht. Ich musste heute unbedingt ins Department. Ich hatte keine Ahnung, was in der Zeit, in der ich im Keller gefangen gehalten worden war, noch für ein Mist passiert war. Außerdem wartete wegen meiner Entführung noch eine Menge Papierkram auf mich. Da hatte ich ja richtig Lust zu, schoss mir sarkastisch in den Sinn, als ich mir einen Kaffee zubereitete. Außerdem musste ich mir überlegen, ob ich meinen Kollegen von dem Blutritual erzählen sollte. Ich entschied, es für mich zu behalten, denn da ich es sowieso nicht durchführen würde, war es auch nicht relevant. Zudem würden sie es nicht gutheißen. Es war schließlich verboten, von anderen Wesen direkt aus der Quelle zu trinken. Ich schüttelte verärgert den Kopf, wie kam meine Familie nur darauf, dass ich es überhaupt in Betracht ziehen könnte. Ich war ein Agent, verflucht.

Bei dem Gedanken an das Ritual sah ich auf mein Smartphone. Rosa hatte mir gestern schon zwei Nachrichten geschickt, dass sie mit mir reden wolle. Heute Morgen war bereits eine weitere eingetrudelt. Ich schrieb ihr kurz zurück, dass ich wirklich sauer war, weil sie mich doch besser kennen sollte und ich ein paar Tage Abstand brauchte. Ich würde mich wieder bei ihr melden. Ob sie das akzeptieren würde, war eine andere Frage, aber mir stand gerade nicht der Sinn nach einer Auseinandersetzung mit meiner Mutter. Und wahrscheinlich nicht nur mit ihr. Auch Lupita und der restliche Clan würden wohl anwesend sein.

Ich verzog das Gesicht bei dem Gedanken und spürte erneut, wie sich Ärger in mir regte. Nein, ein paar Tage sollten besser ins Land gehen, dann würde ich mich auch wieder mit meiner Familie befassen können.

Gerade als ich die Wohnung verlassen wollte, klingelte mein Smartphone. »Hi, was gibt's«, begrüßte ich Zack nach einem Blick auf das Display.

»Wir haben die ersten Leichen«, erwiderte mein bester Freund düster.

»Fuck!«, rief ich, denn dadurch wurde die ganze Situation in der Stadt noch schlimmer. »Ich mache mich gerade auf den Weg.«

»Das musst du nicht, die Kollegen von der Spurensicherung sind schon vor Ort, aber wenn du willst, kannst du dir die Opfer anschauen«, gab der Magier kryptisch zurück.

»Okay, was meinst du damit?«

»Sie sind direkt gegenüber von deinem Wohnhaus im Gebüsch gefunden worden. Nicht offensichtlich, aber auch nicht wirklich gut versteckt. Ein Passant war mit seinem Hund unterwegs, der seinen Besitzer dann auf sie aufmerksam gemacht hat.« Zacks Stimme klang richtig sauer und gleichzeitig besorgt. Ich konnte es nur zu gut verstehen. Wir mussten sofort wissen, wer die Leichen waren.

»Scheiße!«

»Du sagst es! Vielleicht kannst du dich dort schon mal umsehen, ob dir was auffällt und den Zeugen befragen«, wies mich der Magier an.

Ich fuhr mir aufgewühlt durch die Locken. »Klar, mache ich.«

Wir legten auf.

»Verdammter Mist«, fluchte ich, denn ich hatte ein ganz mieses Gefühl bei der Sache. Hoffentlich hatte ich Unrecht, schoss mir in den Sinn, als ich mich auf den Weg nach unten machte.

 

Zehn Minuten später raufte ich mir erneut die Haare. Meine Vermutung hatte sich bestätigt. Zwei Kollegen waren tot. Schlimm zugerichtet, sodass ein natürliches Ableben definitiv ausgeschlossen werden konnte. Sie hatten unglaublich viel Blut verloren und wiesen dutzend tiefe Wunden auf. Getötet hatte sie letztlich, wie mir berichtet wurde, ein Genickbruch. Aber bis dahin hatten sie sehr leiden müssen. Verfluchter Mist! Ich kannte die beiden nur vom Sehen, aber dennoch war ich stinksauer. Wir mussten dieses Schwein finden, dass das getan hatte.

Ich fühlte mich unheimlich schuldig, denn sie waren wegen mir dort postiert gewesen. Nur wegen mir waren sie nicht mehr am Leben. Zack hatte mir am gestrigen Tag noch eine Nachricht geschrieben, dass der Chief wollte, dass meine Wohnung beobachtet wurde, falls Zeus den Standort herausbekam und weiteres Interesse an mir hatte. Wir hatten nur mutmaßen können, aber jetzt kannten wir die Antwort. Sie schrie förmlich ,Ja‘. Und die Kollegen hatten das mit ihrem Leben bezahlen müssen, obwohl es ihm nur um mich ging.

Scheiße!

In mir brodelte der Zorn und doch musste ich mich konzentrieren, denn die beiden Kollegen waren nicht die einzigen Opfer. Es gab drei weitere. Dämonen, wie eindeutig zu erkennen war. Allerdings kannte ich sie nicht. Sie gehörten nicht zum Department und auch im Zusammenhang mit Cain hatte ich sie noch nie gesehen. Nicht verwunderlich, wie mir ein Kollege von der Spurensicherung verriet und mir Handschuhe und das Portemonnaie hinhielt. Ich zog sie schnell über und schaute mir die Informationen an. Eines der Opfer kam aus Miami.

In meinem Kopf ratterte es. Die drei waren anders getötet worden. Schnell, präzise, ohne Qualen. Mit einer Schusswaffe. So wie es aussah, hatten sie den Gegner nicht kommen sehen, denn die Eintrittswunden waren am Hinterkopf. Vielleicht war auch aus weiterer Entfernung geschossen worden.

Der Mörder musste einen Schalldämpfer benutzt haben, ansonsten hätte ich die Schüsse in der Nacht gehört. Auch wenn ich fertig gewesen war, niemand hätte drei Schüsse vor meinem Fenster abfeuern können, ohne dass ich aufgewacht wäre.

»Die beiden Kollegen sind ungefähr um drei Uhr gestorben. Die anderen drei vielleicht eine Stunde später, aber ich kann mir erst ganz sicher sein, wenn ich sie im Labor noch mal untersucht habe«, informierte mich eine Kollegin aus der Pathologie. Ein anderer Agent zeigte mir einige Messer, die sie unweit vom Tatort gefunden hatten. Sie waren bis zum Griff mit Blut beschmiert.

Ich nickte grimmig und meine Gedanken überschlugen sich. Langsam entstand ein Bild und jedes Puzzleteil suchte sich seinen Platz. Die drei Dämonen waren im Auftrag von Zeus unterwegs gewesen. Sie hatten zu mir gewollt und deswegen die Kollegen umgebracht. Wahrscheinlich hatten sie sie zuerst mit den Messern gefoltert, um zu hören, ob es noch andere Agents gab. Bevor sie mich jedoch überraschen konnten, waren sie selbst getötet worden. Die Frage war nur, von wem.

»Die drei Dämonen wurden nicht an dieser Stelle umgebracht, sondern nur hierhergezogen«, erklärte mir noch ein Kollege von der Spurensicherung. Er deutet zu meinem Hauseingang auf der anderen Straßenseite. »Anhand der Spuren lässt sich vermuten, dass sie auf dem Weg hinein waren, als sie getötet wurden. Aber ganz genau kann ich das erst nach einer ausführlichen Analyse sagen.«

Erneut nickte ich finster und wandte mich dann an den Zeugen. Der ältere Herr berichtete mir noch einmal, wie sein Hund plötzlich anfing zu schnüffeln und in dem Gebüsch verschwand. Als er nachsehen wollte, hatte er dann die Leichen entdeckt. Ihm konnte man seine Worte glauben, der arme Mann war vollkommen geschockt.

Ich schaute mir noch einmal alles in Ruhe an, aber an meinem Bild des Tathergangs änderte sich nichts. Dann lief ich wieder nach oben in die Wohnung. In mir brodelte es. Ich musste unbedingt gleich mit irgendjemanden in den Trainingsraum, sonst würde ich explodieren. Verdammt, zwei Kollegen waren auf abscheuliche Weise umgebracht worden, weil sie mich hatten bewachen sollen.

Mechanisch packte ich meine Tasche. Ich musste nicht erst mit Zack oder White sprechen. Es war klar, dass unser Gegner von meiner Wohnung wusste und damit war sie nicht mehr sicher. Bevor ich mich auf den Weg ins Department machte, trank ich noch zwei Blutkonserven. Normalerweise reichte eine, aber ich wusste noch nicht, wo ich unterkommen würde und wollte dementsprechend gewappnet sein. Dabei grübelte ich weiter. Ich hätte von vorneherein nicht in meiner Wohnung bleiben sollen. Wären wir gleich auf Nummer sichergegangen, wären die Agents noch am Leben.

 

Wie ich vermutet hatte, machte sich mein Teamleiter ebensolche Vorwürfe wie ich. Erst als White dazustieß und uns zur Sau machte, weil wir unsere Energie auf die vor uns liegenden Probleme richten sollten anstatt uns selbst fertigzumachen, konnten wir die Gedanken beiseiteschieben. Die Schuldgefühle waren nicht weg, aber jetzt mussten wir erstmal herausfinden, wer die drei Marionetten von Zeus getötet hatte. Denn in dem Punkt waren wir uns alle einig, die Dämonen kamen aus dem Süden und mussten mit Zacks und Jars Vater hierhergekommen sein. Damit war die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass er ihnen ihren Willen genommen hatte. Der Chief sagt nichts dazu, aber es war deutlich, dass er sich ebenfalls Vorwürfe machte. Und nicht nur das, er machte sich Sorgen. Bisher waren die zunehmenden Gewalttaten und Kämpfe noch glimpflich ausgegangen, aber nun gab es die ersten Toten. Wie würde es weitergehen? Aber die Horrorszenarien, die jeder von uns im Kopf hatte, sprachen wir nicht aus. Sie brachten uns nicht weiter. Wir mussten uns auf die Dinge konzentrieren, auf die wir direkt einwirken konnten. Und da war der erste Ansatzpunkt die heutigen Morde. Wir gingen noch einmal meine Erkenntnisse durch. Dabei wuchs mein Zorn erneut, weil ich die Leichen der Kollegen wieder vor meinem inneren Auge sah. Danach hatten meine beiden Chefs zum Glück ein Einsehen und verschoben die weitere Besprechung auf später. Sie hatten gemerkt, dass der Ärger zunächst herausmusste, um anschließend konstruktiv weiterarbeiten zu können. Während Zack und ich in den Trainingsraum gingen, musste White den beschissenen Gang zu den Familien der Opfer antreten.

 

Mein bester Freund und ich ließen den ganzen Zorn heraus. Dabei schenkten wir uns nichts und ich war mir sicher, dass wir beide mit riesigen Hämatomen und Quetschungen nach Hause gehen würden. Aber das war vollkommen egal. Hauptsache, die Wut verrauchte.

Nach zwei Stunden lagen wir keuchend nebeneinander.

»Scheiße, du hast wieder ordentlich zugeschlagen!« Zack sah mich anerkennend an. »Wirst du stärker oder kommt das nur vom Training?«

Ich zuckte mit den Schultern und wischte mir den Schweiß von der Stirn. »Keine Ahnung.«

»Übrigens«, begann der Magier, »White hat Recht. Wir hatten keinerlei Kenntnis, dass Zeus von deiner Wohnung wusste und ob er überhaupt noch Interesse an dir hat. Fühl dich nicht schuldig wegen der Kollegen.«

Ich verzog das Gesicht. »Das sagt der Richtige.«

»Touché.«

Ich kratzte mich am Kinn. »Ich wüsste nur zu gern, wer die drei Dämonen getötet hat und ob ich ihm eine Dankeskarte schicken oder ihn festnehmen soll.«

Zack lachte trocken auf. »Aus meiner Sicht eindeutig eine Dankeskarte. Natürlich hätte er sie nicht einfach töten dürfen, aber wenn sie wirklich kurz davor waren, zu dir zu gelangen, bin ich echt froh, dass er oder sie da war. Das hätte echt böse enden können.« Er musterte mich ernst.

Ich erwiderte seinen Blick. Mir war das alles klar gewesen, aber es von ihm nun noch einmal so deutlich zu hören, war irgendwie krass. Wer auch immer das gewesen war, er hatte mich beschützt.

»Der Person oder dem Wesen muss einiges an dir liegen, wenn er oder sie auf dich aufpasst. Und vor allem muss dem jemand bekannt sein, dass du in Gefahr bist«, schlussfolgerte Zack und schob genervt eine vom Schweiß feuchte Strähne hinter sein Ohr.

Nachdenklich starrte ich vor mich hin. Er hatte recht und da kamen nicht viele in Frage. Einige Kollegen wussten von meiner Entführung und Zeus' Interesse an mir. Dann natürlich meine Familie und ein paar Vampire aus dem Clan. Und Jar. Na gut, wahrscheinlich war die Vampirbitch ebenfalls bereits darüber informiert.

»Wollen wir mal unter die Dusche und dann mit dem Chief sprechen?«, schlug Zack vor. »Das wird schon lange genug dauern und Cain und ich sind nachher verabredet.«

Bei den Worten musste ich meinen besten Kumpel angrinsen. »Ihr seid verabredet? Ich denke, ihr wohnt zusammen, muss man da trotzdem für ein Date einen Termin machen?«, zog ich ihn auf.

Er rollte mit den Augen. »Wenn du wüsstest. Wenn wir nicht gerade im Einsatz sind, muss Cain ständig mit den Dämonen oder dem Rat zusammenhocken. Es nervt echt und wird wirklich Zeit, dass wir den Scheiß beenden.«

Da konnte ich ihm nur aus vollem Herzen zustimmen.

 

Nach der Dusche besprachen wir mit dem Chief alles Weitere und ich bekam die Informationen zu einer unserer geheimen Unterkünfte. Ein Zwerg kam vorbei und gab mir die Adresse in einem versiegelten Umschlag, in dem auch die Schlüssel zu finden waren. Da war ich ja mal gespannt. Auch wir Agents kannten die Orte nicht, an denen sich die Unterkünfte befanden. Das alles diente der Sicherheit.

Während Zack und White über den möglichen Mörder der drei Dämonen diskutierten, vibrierte mein Smartphone in der Tasche. Eine Nachricht von Jar. 'Würde gern meinen Scheiß von gestern wieder gut machen. Treffen um acht?'

Meine Entscheidung stand sofort fest. Natürlich wollte ich ihn wiedersehen. Schon allein bei dem Gedanken daran, was ich mit ihm machen würde, verabschiedete sich mein Blut Richtung Süden. Aber es war nicht allein das, er hatte sich dämlich verhalten, doch war meine Faszination für ihn dadurch nicht gebrochen. Für meine eigene Genugtuung und mein Ego ließ ich ihn jedoch ein wenig zappeln. Erst einige Stunden später schickte ich ihm einen Daumen nach oben. Postwendend bekam ich eine Ortsangabe zurück, an der er mich treffen wollte. Ich runzelte die Stirn. Wollte er in dieselbe Bar wie gestern? Der vorgeschlagene Treffpunkt war nicht weit entfernt.

Allerdings hatte ich keine Zeit weiter zu grübeln, denn wir gingen noch einmal die Liste der möglichen Verdächtigen durch. Meine Cousins Luis und Hector wurden gestrichen. Genauso wie mein Onkel Eduardo. Die drei würden nicht ihr Leben riskieren, um mich zu beschützen. Auch meinen Bruder konnte ich mir nicht als meinen Retter vorstellen. Bei Rosa, Lupita und Pepe konnte ich es nicht ausschließen. Genau wie bei der Vampirbitch und ihren Gefolgsleuten. Nicht, dass sie mich besonders gerne mochten, aber sie hatten ein Interesse daran, dass ich am Leben blieb. Ebenso meine Kollegen und Jar.

Mein Instinkt sagte mir, dass er dahintersteckte. Denn meine Familie hätte sich längst gemeldet und meine Mutter wahrscheinlich versucht mich an den Haaren wieder nach Hause zu zerren. Genau wie die Kollegen. Wenn es einer von ihnen gewesen war, hätte er etwas gesagt. Dann blieben nur noch der Dämon und Camille Dubois.

Der Chief und Zack kamen zu einem ähnlichen Ergebnis. Ich erklärte ihnen, dass ich Jar später noch sehen und ihm dann aufs Zahnfleisch fühlen würde. In den Augen meines besten Freundes blitzte die Neugier auf. Aber ich sagte nichts weiter dazu. White ermahnte mich nur, vorsichtig zu sein und ich rollte innerlich mit den Augen. Wenn der wüsste, was ich mit dem Kerl alles vorhatte.

»Dann gehen Sie entweder noch heute oder morgen zur Vampirb – «, White unterbrach sich, »zu Ms. Dubois, Agent Anderson.«

Meine Mundwinkel zuckten. Der Name begann sich zu etablieren. Zacks und mein Blick trafen sich, er grinste mich an.

Der Chief räusperte sich. »Ja, Sie alle immer mit Ihren doofen Namen«, beschwerte er sich, aber ihm war anzusehen, dass er sie nur zu gern weiter und offen so nennen würde. Aber das gestattete ihm seine Position leider nicht. »Haben Sie verstanden, Anderson?«

Mein bester Freund verzog nur das Gesicht. »Ich freue mich drauf, sie wiederzusehen.« Den sarkastischen Ton konnte ich voll und ganz nachvollziehen. Ich hatte eindeutig den besseren Part abbekommen.

 

Das Bisschen, was vom Tag noch übrig war, widmete ich dem verfluchten Papierkram. Zack kam noch einmal kurz vorbei und schlug vor, dass wir doch in vier Tagen zusammen etwas essen gehen sollten. Ich musste einen Moment überlegen, aber dann fiel es mir ein. An dem Tag war mein Geburtstag. Ich hatte ihm am Anfang unserer Freundschaft mal erzählt, dass der bei den Vampiren nicht so wichtig sei, aber er wollte davon nichts hören. Damals hatte er jede Gelegenheit zum Feiern genutzt.

Seine abschließenden Worte waren noch in meinem Ohr, als ich das Department verließ. »Frag doch Jar, ob er auch kommen will. Ich finde es zwar immer noch total strange, dass er mein Halbbruder sein soll, aber ich würde ihn gerne näher kennenlernen und –«, seine Lippen hatten sich zu einem dreckigen Lächeln verzogen, »und wie es scheint, versteht ihr euch ja ziemlich gut.«

Ich hatte ihm daraufhin den Mittelfinger gezeigt, was ihn zum Lachen gebracht hatte.

Jetzt saß ich im Auto und fuhr zum verabredeten Treffpunkt. Ich war gespannt, wie der Abend verlaufen würde. Aber egal, was sich Jar ausgedacht hatte, ich war mir sicher, dass es Ablenkung von diesem ziemlich bescheidenen Tag bedeutete. Sobald ich diesen Kerl sah, geriet alles andere aus meinem Fokus.

Wie auch dieses Mal. Ich hatte gerade geparkt, als er die Beifahrerseite öffnete und sich neben mich setzte. Unsere Blicke trafen sich. Seine kühle Fassade saß, doch kam es mir vor, als könnte ich einen Hauch Unsicherheit erahnen, der sich hinter der attraktiven Maske aus Arroganz versteckte.

»Hi«, begrüßte er mich distanziert.

Ich musterte ihn einen Moment und hätte ihn am liebsten geschüttelt, weil ich diese Kälte in seinen roten Augen echt nicht leiden konnte. Aber ich würde die heute noch zum Glühen bringen, setzte ich mir selbst als Challenge. Den würde ich doch wohl kleinkriegen, mir war schon so oft mein Charme bescheinigt worden. Dieser heiße Kerl hatte nicht die geringste Chance.

»Hi, wo geht es hin?«, fragte ich neugierig und lächelte ihn an.

Er schwieg einen Moment, was meine Neugier, was er vorhatte, noch weiter anheizte. Irgendwie schien es ihm unangenehm zu sein.

»Du machst es spannend«, erklärte ich lachend.

»Fahr einfach los, ich lotse dich «, gab er nur knapp zurück und sah mich dann von der Seite noch einmal mürrisch an. »Und wenn du dich darüber lustig machst, haue ich sofort wieder ab.«

Das trübte mein Grinsen überhaupt nicht, aber die Spannung stieg durch seine Worte. Es schien etwas nicht Alltägliches zu sein. »Na dann mal los«, sagte ich fröhlich und startete den Motor.

Auf der Fahrt fragte er nach meinem Tag, während er mir immer wieder Anweisungen gab. Ich hatte keinen Schimmer, wo es hinging, aber hakte auch nicht weiter nach. Obwohl ich mich darüber freute, dass er sich anscheinend einige Gedanken gemacht hatte.

Ich konnte ihn leider nicht genau beobachten, als ich ihm von den Morden erzählte, aber sein Schweigen dazu war irgendwie verdächtig. Irgendwann war es mir zu blöd, ich wollte es wissen. Ich fuhr an die Seite und sah den Mann im Profil an, der stur geradeaus starrte. Da er seine Haare wieder zurückgebunden hatte, konnte ich ihn eingehend betrachten. Er sah unheimlich gut aus mit der geraden, und vielleicht einen kleinen Tick zu langen Nase, den markanten und kantigen Gesichtszügen. Aber am heißesten fand ich die Linien auf seinem Gesicht. Diese Zeichnungen machten ihn so besonders, so düster, so anziehend.

»Willst du mich weiter anstarren oder wollen wir heute noch ankommen?«, murmelte er, sah aber weiterhin durch die Windschutzscheibe. Er wirkte desinteressiert und arrogant, aber ich war mir sicher, dass er nur zu gut wusste, wieso ich angehalten hatte.

»Warst du es?«, fragte ich deswegen auch direkt.

Endlich blickte er in meine Richtung. Unsere Blicke trafen sich. »Ich weiß nicht, wovon du sprichst.« Die Worte und der Tonfall seiner Stimme klangen vollkommen überzeugend, aber seine Augen verrieten ihn. Durch die Maske konnte ich erkennen, dass er log.

Ich kniff meine Augen zusammen, aber sagte nichts dazu. Schaute ihn einfach nur an. Ich war ihm dankbar, wenn er mich wirklich vor den Dämonen beschützt hatte, aber hatte gar keinen Bock drauf, dass er mir nicht die Wahrheit sagte.

Das Schweigen zog sich in die Länge. Jars Blick zuckte hin und her. Ich war lange genug ein Cop, um die Anzeichen von Nervosität zu bemerken. Dann atmete er einmal tief durch, als würde er sich sammeln. Sein Blick ging zu mir. Jetzt war nichts mehr von der Unruhe in seiner Miene zu erkennen. Er schaute mich eindringlich und kühl an.

»Und wenn es so wäre?«, fragte er dunkel und leicht bedrohlich. »Was wäre, wenn ich die drei Dämonen getötet hätte?«

Er wollte mich provozieren, wollte mich herausfordern, aber da war er an der falschen Adresse. Ich zuckte die Schultern. »Keine Ahnung«, gab ich ehrlich zurück. »Zack und ich haben schon gesagt, dass wir dem Täter dankbar wären und ihm eine Karte schreiben oder ein Bier ausgeben sollten. Meine Nacht wäre eindeutig anders verlaufen, wenn sie es in meine Wohnung geschafft hätten.«

Unsere Blicke trafen sich. Auch wenn ich mir schon ziemlich sicher gewesen war, hatte ich nun meinen Beweis. In seinen roten Augen funkelte so etwas wie Erleichterung auf. Er war es gewesen.

Ich verzog das Gesicht. »Gleichwohl ist es nicht erlaubt, einfach drei Wesen umzubringen. Von daher kann ich dir nicht sagen, was der Chief mit dem Mörder machen würde. Immerhin haben die Dämonen auch zwei unserer Kollegen getötet«, erklärte ich ihm die missliche Lage.

Jar sah mich unverwandt an und nickte bedächtig. »Vielleicht sollte ich mich demnächst mal mit eurem Boss unterhalten.«

Ich war froh, dass er es nicht mehr leugnete und anscheinend auch bereit war, sich der Verantwortung zu stellen. Gegen das warme Kribbeln, das in mir aufstieg, konnte ich nichts machen. Er hatte mich beschützt, das war nicht von der Hand zu weisen. Ich lächelte ihn an. »Also, wenn ich den Täter sehen würde, würde ich mich bei ihm bedanken.«

Wir starrten uns einen Moment an. Seine Lippen verzogen sich langsam zu einem Lächeln. »Er würde sich bestimmt freuen, dass dir nichts passiert ist«, sagte er leise und löste dann den Blickkontakt.

Nur zu gerne hätte ich weiter mit ihm darüber geredet und ihn gelöchert, warum er das getan hatte. Aber ich kannte ihn schon so gut, dass ich mir sicher war, dass ich nichts mehr aus ihm herausbekommen würde. Innerlich schüttelte ich den Kopf. Der Typ war ein echtes Mysterium für mich. Aber ein unglaublich spannendes, das ich gerne weiter erforschen würde. Bevor mir bei dem Wort ‚erforschen‘ wieder Bilder im Kopf aufsteigen konnten, die garantiert nichts mehr mit den Vorfällen zu tun hatten, startete ich erneut den Motor und fädelte mich in den Verkehr ein.

Wir fuhren immer weiter in die Außenbezirke und verließen nach einigen Kilometern die Stadt. Ich hatte weiterhin keine Ahnung, wo es hinging. Erst als Jar mich anwies, rechts abzubiegen und ich ein Schild mit 'Green Valley Vergnügungspark' las, wurde es mir klar. Ich musste mir auf die Lippe beißen, um nicht zu grinsen, denn der Dämon sah mich immer wieder von der Seite an.

»Du willst lachen«, murrte er.

Jetzt war es zu spät und mein Mund verzog sich zu einem breiten Lächeln. »Ich bin nur überrascht«, gestand ich ihm, während ich die schmale Straße entlangfuhr und auf einen Parkplatz einbog. »Damit hätte ich nicht gerechnet, aber ich war ewig nicht mehr in einem solchen Park.«

»Ich noch nie«, erklärte Jar tonlos.

Seine Worte weckten ein ungutes Gefühl in mir und mir kamen seine Vergangenheit wieder in den Sinn. Ich kniff verärgert die Augen zu Schlitzen zusammen. Der Besuch von Vergnügungsparks sollte eigentlich in jede Kindheit gehören, verdammt nochmal. Sein Geständnis machte wieder deutlich, wie beschissen seine Vergangenheit gewesen war.

Allerdings musste ich auch zugeben, dass es mich freute, dass er mit mir hierhergekommen war. Aber jetzt verstand ich seine anfängliche Unsicherheit. Es war eigentlich nur der Besuch in einem Freizeitpark und doch steckte viel mehr dahinter. Ein Seitenblick zeigte mir, dass er auch immer noch angespannt war und kühl geradeaus guckte.

»Na, dann wollen wir doch mal sehen, was die hier so zu bieten haben«, sagte ich leichthin, als das Auto stand. Es war nicht so viel los, was um diese Uhrzeit kein Wunder war. Für Familien mit Kindern war es eindeutig zu spät. Außerdem lud das Wetter auch nicht unbedingt ein, schließlich hatten wir Anfang März und die Temperaturen waren noch ziemlich frisch. Aber zum Glück war es trocken.

Ein Blick auf die Öffnungszeiten verriet mir, dass wir ungefähr drei Stunden Zeit hatten, um den Park unsicher zu machen. Das sollte ja reichen, um Jar einen ersten Eindruck zu geben.

 

»Also, das war einfach nur süße, klebrige Scheiße.« Bei Jars hartem Urteil gegenüber Zuckerwatte musste ich grinsen und zuckte die Achseln.

»Aber es gehört dazu«, stellte ich amüsiert klar und deutete dann auf einen etwas entfernten Getränkestand. »Vielleicht solltest du dir ein Bier holen? So als Kontrast?«

Wir gingen gemeinsam in die Richtung einer der Getränkebuden. Es war eine Freude, Jar zu beobachten. Er versuchte cool und unnahbar zu wirken, aber in seinen Augen glitzerte es aufgeregt. Dadurch bekam er etwas Unbeschwertes und Jungenhaftes, was die düstere und abweisende Ausstrahlung abmilderte. Seine Begeisterung war ansteckend und ich hatte lange nicht mehr so viel Spaß gehabt. Bei der Fahrt in einem Karussell war sein Grinsen immer breiter geworden. Je schneller und ruckartiger die Bewegungen wurden und je stärker sich die Gondeln um sich selbst gedreht hatten. Es war herrlich, das strahlende Lächeln in seinem Gesicht zu sehen. Der Anblick raubte mir fast den Atem.

Als wir den Getränken näherkamen, fiel mein Blick auf den Schießstand daneben. Ich hielt ihn am Arm fest. »Komm, ich werde dir eine kleine Erinnerung besorgen«, nahm ich mir vor und deutete auf den Stand.

Der Dämon verdrehte die Augen. »Nicht ernsthaft, oder? Du willst mir so ein hässliches Kuscheltier gewinnen, das ich abends im Arm halten kann, damit ich beim Einschlafen an dich denke?«, gab er nur spöttisch zurück.

Ich lachte auf. »Wer weiß.«

Allerdings kam Jar direkt mit. Als ich das Gewehr anlegte, spürte ich seinen Blick auf mir.

»Dann zeig mal, was du draufhast.«

Diesmal musste ich das Augenrollen unterbinden. Als ob das so schwierig war. Ich war ein ausgezeichneter Schütze. Ohne Probleme traf ich nacheinander die Mitte und legte dann grinsend die Waffe wieder ab. Der Budenbetreiber pfiff anerkennend durch die Zähne, aber mein Blick ging zu Jar.

Er schien nicht besonders überrascht zu sein, aber beugte sich mit einem anzüglichen Lächeln zu mir. »Du siehst echt heiß aus beim Schießen.«

»Das hat mir auch noch keiner gesagt«, gab ich lachend zurück.

»Gut so«, grollte Jar und zog dann an meiner Jacke. »Komm, ich brauche jetzt ein Bier.«

»Ich komme gleich, geh doch schon mal«, wies ich ihn an und besah mir dann die Preise. Sie waren allesamt kitschig und auch wirklich richtig hässlich. Aber irgendwann entdeckte ich einen, bei dem ich schmunzeln musste. Jar würde ihn echt scheiße finden. Mit einem breiten Grinsen zeigte ich dem Budenbetreiber meine Wahl, der mich noch einmal drauf aufmerksam machte, dass ich auch einen deutlich größeren Gewinn bekommen könnte, aber ich fand ihn perfekt.

Boah, was für ein Mist, dachte ich amüsiert, als ich zu Jar ging, der mit zwei Bier bereits auf mich wartete. Einige Frauen, die sich ebenfalls Getränke organisierte, schauten zu ihm. Dem Dämon schien das nicht aufzufallen oder egal zu sein, denn er beäugte mich misstrauisch. Mit einer übertrieben feierlichen Verbeugung übergab ich ihm den Preis.

Er sah die Plüschfledermaus, die spitze Vampirzähne hatte und ein T-Shirt trug, skeptisch an. »Wirklich?«

Ich musste lachen und wollte gerade etwas erwidern, als er erneut das Wort ergriff. »Nein, sag es nicht, du meinst es ernst.«

Nachdem ich ein Schluck Bier getrunken hatte, grinste ich ihn fröhlich an. »Ich finde, der Spruch auf dem Shirt doch sehr passend. 'Du bist so süß, ich könnte dich anbeißen'.«

Jars Mundwinkel zuckten. Dann schüttelte er den Kopf. »Du bist echt ein Spinner.« Ein wohliges Gefühl machte sich in meinem Magen breit. Nicht unbedingt bei den Worten, aber der Klang seiner Stimme war warm. »Vor allem, wenn man bedenkt, wie zweideutig der Spruch ist. Es könnte auch sein, dass du mich einfach nur aus dem Weg räumen willst mit deinem Vampirgift.«

So hatte ich es noch gar nicht gesehen und lachte erneut. »Das wäre natürlich auch eine Idee«, erwiderte ich feixend und zwinkerte ihm dann zu.

Zum Bier holten wir uns noch eine Bratwurst. Bei dem Anblick musste ich erneut grinsen. »Da kann ich ja für später üben«, erklärte ich und musterte gespielt ratlos die lange Wurst.

Jar verdrehte die Augen. »Du weißt schon, dass das wirklich flach ist, oder?«

Ich nickte schmunzelnd und der Dämon musste ebenfalls lächeln. Jedenfalls bis ich einen großen Bissen nahm. »Aua«, murmelte er nur. Ich prustete los. Diese Albernheit zwischen uns war einfach göttlich.

Nachdem wir uns gestärkt hatten, zeigte er auf das Riesenrad. »Das ist auch mal so richtig Klischee.«

Meine Augen funkelten ihn an. »Auf jeden Fall. Komm«, forderte ich ihn auf und nahm seine Hand, um ihn mitzuziehen.

Für eine Sekunde versteifte er sich, aber dann ließ er es zu. Es fühlte sich gut an, seine starke, warme Hand in meiner zu spüren. Wir stellten uns in der Schlange an, aber da er keinen Versuch unternahm, mir seine zu entziehen, zog ich sie ebenfalls nicht zurück. Eher im Gegenteil, sein Griff wurde immer fester, je näher wir dem Einlass kamen. Ich musterte ihn aufmerksam. Es kam mir fast so vor, als wäre er ein wenig blasser geworden.

»Ist alles okay?«, erkundigte ich mich und zog fragend eine Augenbraue hoch.

Jar verzog nur das Gesicht, sagte aber nichts. Wenn er nicht immer noch meine Hand festhalten würde, hätte ich gedacht, dass er sich wieder von mir distanzierte, aber es schien etwas anderes zu sein. Sein kritischer Blick wanderte am Riesenrad nach oben und dann wurde es mir klar. »Hast du Höhenangst?«, fragte ich ihn neugierig. Irgendwie konnte ich es mir nicht vorstellen.

Erneut verzog er nur das Gesicht und sah sich gespielt unbeteiligt um.

Aargh, dieser Mann machte mich wahnsinnig. Mit einem harten Griff fasste ich nach seinem Kinn und drehte den Kopf so, dass er mich ansehen musste. »Willst du da rein oder nicht?«

Ich konnte sehen, dass er innerlich kurz mit sich kämpfte, dann aber nickte. »Du kannst mich ja ablenken«, schlug er vor und rang sich zu einem Lächeln durch.

Ich grinste zuversichtlich. »Da fällt mir bestimmt was ein.« Dann wurde meine Miene jedoch ernst. »Ich hätte nicht gedacht, dass du Höhenangst hast.«

»Habe ich nicht«, murrte er. Das schien sein Ego anzukratzen und ich musste schon wieder ein Schmunzeln unterdrücken. »Ich habe nur Respekt. Denn auch wenn ich Vampirgene in mir trage, will ich nicht unbedingt testen, ob ich nicht vielleicht doch unsterblich sein könnte.«

So hatte ich das noch gar nicht gesehen. Eventuell lag es daran, dass ich mir nicht so viele Gedanken machen musste, ob ich verletzt wurde oder nicht. Das könnte allerdings der Grund sein, warum ich gern Wagnisse einging.

Ich konnte jedoch nicht mehr weiter darüber nachdenken, weil wir mittlerweile in der Gondel saßen und nach oben fuhren. Jar zerquetschte fast meine Hand. In mir stieg ein wohliges Gefühl auf. »Weißt du, so ein Freizeitpark ist an sich schon eine ziemlich kitschige Angelegenheit, wie aus einem Teeniefilm«, begann ich und bekam das Grinsen gar nicht mehr aus dem Gesicht, »aber jetzt auch noch Riesenrad, wo einer Höhenangst hat und von dem Helden des Films abgelenkt werden muss, das ist an Klischee echt nicht zu überbieten.«

»Oder es entwickelt sich zu einem Action- oder Horrorfilm, weil gleich eine Strebe bricht und wir alle abstürzen«, murmelte Jar und sah mich dann an. Fokussierte sich nur auf mich. »Das ist eher die Art Filme, die ich schaue und nicht solche romantischen Komödien.«

»Hätte dir vielleicht mal ganz gutgetan, sowas zu sehen«, zog ich ihn auf. »Mit einer älteren Schwester und einer Mutter, die solche Schmonzetten lieben, hatte ich keine Chance, diesem Genre zu entkommen.«

»Hmmm … und wahrscheinlich lag es nur daran«, raunte er sanft, doch konnte ich die Anspannung in seiner Stimme heraushören.

Ich konnte nicht anders in dem Moment, denn ich fand es super, dass er sich überwunden hatte, in das Riesenrad zu steigen. Dass er mit mir hergefahren war. Dass er so dicht an mich gedrängt saß. Dass er immer noch versuchte, kühl zu wirken, obwohl sein Händedruck und seine Mimik eine ganz andere Sprache sprachen. Ich näherte mich ihm. Jede Sekunde, bis sich unsere Lippen berührten, genießend. Dann küsste ich ihn. Langsam. Schmeckte ich ihn wieder. Eine kleine Nuance Bier lag in seinem eigenen Aroma.

Es war kein Kuss voller ungestümer Leidenschaft. Doch war er ebenso intensiv. Sanft. Träge. Und doch erregend, wie unsere Zungen langsam miteinander spielten. Wie sich seine rauen Bartstoppeln an meinen rieben. Wie wir nicht genug von dem Geschmack des anderen bekamen. Wie wir uns gegenseitig die Luft nahmen.

Ich wusste nicht, wann ich das letzte Mal mit dem alleinigen Fokus auf den Kuss geknutscht hatte. Zumeist war es Teil des Vorspiels. In diesem Augenblick wurde ich zwar auch geil, aber das war nicht so wichtig. Nur allein ihn in meiner Nähe zu haben, ihn mit den Fingerspitzen zu berühren, ihn zu schmecken, reichte mir für den Moment.

»Hey, es warten auch noch andere Leute!«, riss uns der zuständige Mitarbeiter mit müder Stimme aus der wunderbaren Situation.

Ich löste mich von Jar und wir sahen uns an. Ich konnte nicht genau sagen, was sich in meinen Augen spiegeln würde, aber wahrscheinlich Ähnliches, wie ich es bei ihm erkennen konnte: Verwirrung, Freude, und irgendwas anderes dazu.

»Wird das heute noch was?«, meldete sich erneut der Parkmitarbeiter zu Wort.

Ich wandte meinen Blick ab und stieg hastig aus der Gondel. Verdammt, was war das gewesen? Mir konnte keiner erzählen, dass wir uns so geküsst hatten, weil wir scharf aufeinander waren. Das waren wir vielleicht, aber es war mehr. Mein Blick ging erneut zu dem Dämon, der nachdenklich geradeaus sah.

Verflucht, wahrscheinlich würde er nun wieder die Mauer hochziehen. So gut kannte ich ihn mittlerweile. Und bescheuert war er auch nicht, es war nicht nur reine körperliche Anziehung im Spiel. Das musste er auch bemerkt haben.

»Warte mal«, bremste mich Jar und deutete auf eine Bude, in der man Bälle in ein Loch werfen wollte. »Ich habe da was gesehen, was wir brauchen könnten.«

Irritiert runzelte ich die Stirn, aber folgte ihm bereitwillig. Es war keine große Herausforderung für ihn und nur ein paar Würfe später, durfte er sich einen Gewinn aussuchen. Ich schaute mich derweil um und bemerkte, dass nur noch wenige Besucher herumliefen. Ein Blick auf mein Smartphone zeigte mir, dass ich eine Nachricht von meiner Mutter bekommen hatte, die unbedingt mit mir sprechen wollte. Ich konnte ihre leicht theatralische und leidende Stimme fast hören, als ich die wenigen Worte las. Schnell schrieb ich ihr, dass ich sie wirklich liebte, aber ein paar Tage für mich brauchte. Dann schaute ich noch nach der Uhrzeit und bemerkte, dass der Park in einer halben Stunde schließen würde.

»Hier«, raunte Jar und ich spürte, dass er nah an mich herangetreten war. Sein Geruch stieg mir in die Nase und ein verführerisches Lächeln hatte sich auf sein Gesicht gelegt. »Das ist dann wohl dein Andenken.«

Ich sah nach unten und ein Grinsen legte sich auf meine Lippen. »Handschellen?«

Er wackelte mit den Augenbrauen. »Ja, ich dachte, du willst dich vielleicht an mir austoben.«

Die Worte legten einen Schalter in meinem Kopf um und ließen direkt das Blut Richtung Süden fließen. Ohne es zu wollen, hatte ich Bilder vor meinem inneren Auge. Dieser heiße Mann, erregt vor mir. Die Hände gefesselt. Nackt. Mir ausgeliefert. Verflucht, war die Vorstellung geil.

»Okay, komm«, grollte ich und zog ihn mit mir. So schön, wie ich die Idee mit dem Park fand, jetzt wollte ich, dass wir irgendwo allein waren. Oh ja, wie gern würde ich mich an ihm austoben wollen. Ihn berühren. Ihn streicheln. Ihn ablecken.

Jar lachte dunkel. »Hätte ich gewusst, dass das so zieht, hätte ich direkt vor dem Riesenrad die Handschellen besorgt«, frotzelte er.

Mir war das egal, mein Kopfkino war an und ich war scharf. Dabei sah ich ihn extra nicht an, um nicht in Versuchung zu kommen. Mit schnellen Schritten lief ich durch den relativ leeren Park. Immer wieder überholten wir Besucher, die die Lichtkonstruktionen bewunderten. Ich hatte keinen Blick dafür. Auch wenn es durch die Dunkelheit und die verschiedenen Installationen sehr romantisch war. Aber scheiß auf Romantik. Mit nur einem Satz hatte Jar jeden Wunsch meinerseits nach so einem Kram zunichte gemacht.

»Es macht mich übrigens ziemlich an, dass du es auf einmal so eilig zu haben scheinst. Das weckt die Vorfreude auf das, was gleichkommt«, sagte der Dämon mit rauer Stimme.

Oh ja, da konnte er sich auch drauf freuen.

 

Die Fahrt kam mir unendlich lang vor. Was wohl daran lag, dass ich mich nach mehr Nähe zu dem Dämon sehnte. Ich hasste es, dass wir durch die Mittelkonsole voneinander getrennt waren. Ich wollte seine Hitze spüren. Seinen muskulösen Körper fühlen. Er weckte ein Verlangen in mir, dass ich so noch nicht gekannt hatte. Dabei war ich mir sicher, dass es nicht an der neuen Erfahrung lag, einzig und allein an dem Mann selbst. Diese Widersprüche in ihm waren nicht nur faszinierend und manchmal nervig, sondern einfach unwiderstehlich.

»Wo kommst du denn nun unter?«, brach Jar nach ein paar Minuten das Schweigen, das von leiser rockiger Musik durchbrochen wurde.

Ich brauchte eine Sekunde, bis ich wusste, wovon er redete. Stimmt, ich konnte nicht in meine Wohnung. »Verdammt, das Apartment ist fast auf der anderen Seite der Stadt«, platzte ich heraus und fuhr mir genervt durch die Locken.

Der Dämon lachte leise bei meiner augenscheinlichen Ungeduld. Dann schwieg er einen Moment. »Wir können auch zu mir. Allerdings ist es da nicht besonders heim–«

»Okay, wir fahren zu dir«, fiel ich ihm ins Wort.

Erneut lachte er. Nach diesem dunklen Laut, der bis in mein Innerstes vibrierte, könnte ich süchtig werden.

Mir reichte es. Ich brauchte Kontakt zu ihm und legte meine Hand auf seinen Oberschenkel. Durch die Lederhose konnte ich seine Körperwärme spüren. Langsam streichelte ich sein Bein durch die Hose und kam seinem Schritt immer näher. Ich war spitz auf ihn und wollte, dass er sich ebenso nach mir verzehrte. Dabei ließ ich den Verkehr nicht eine Sekunde aus den Augen. Am liebsten hätte ich ordentlich aufs Gas getreten, verkniff es mir aber. Als ich in seinem Schritt angekommen war, rutschte er ein wenig tiefer in den Sitz und spreizte die Beine weiter.

Ich konnte trotz der leisen Musik hören, wie sein Atem schneller wurde. Es erregte mich noch mehr.

»Hier gleich rechts«, wies er mich an. Der Klang seiner Stimme war heiser.

Als ich um die Ecke gebogen war, nahm ich ein wenig Tempo heraus und legte meine Hand wieder in seinen Schritt. Begann ihn langsam und mit Druck durch die Hose zu massieren. Ich konnte seine harte Erektion an meinen Fingern spüren.

Jar legte den Kopf zurück und schloss genießerisch die Augen. »Das ist ziemlich heiß«, raunte er und stöhnte kurz darauf.

Ich konnte ihm nicht widersprechen und wäre am liebsten an die Seite gefahren, um ihn in seiner Lust zu beobachten. Aber dann würden wir nicht mehr zu ihm kommen. Aus dem Grund nahm ich widerwillig meine Hand weg.

Er knurrte unzufrieden und schaute mich dann an.

Ich grinste, als ich bei einem Seitenblick die Mischung aus Erregung und Empörung in seinem Blick erkannte. »Du musst mir sagen, wo es lang geht«, neckte ich ihn.

 

Ich parkte das Auto. Endlich. Nachdem ich aufgehört hatte, ihn zu berühren, hatte Jar mich mit seinem Blick fast gefressen. Als ich den Motor abstellte, trafen sich unsere Augen. Nur eine Sekunde später war die Lücke zwischen unseren Mündern geschlossen und wir verschlangen uns gegenseitig. Ungestüm, gierig und voller aufgestauter Hitze.

Viel zu schnell löste sich der Dämon von mir. »Luca, wir müssen jetzt sofort rein, sonst blase ich dir auf der Stelle einen«, gestand er mir keuchend.

Bei der Vorstellung zuckte mein Schwanz begeistert. »Okay, worauf warten wir noch«, forderte ich ihn auf, obwohl das Bild, wie er sich zu mir rüber beugte und ihn gleich an Ort und Stelle in den Mund nahm, auch ziemlich scharf war. Aber dieses Mal war ich an der Reihe. Das würde ich mir nicht nehmen lassen. Hastig riss ich die Autotür auf und kühle Luft schlug mir entgegen. Erst jetzt wurde ich mir der Umgebung bewusst. Es waren alleinstehende kleine Häuser, aber wie es mir schien, keines in besonders gutem Zustand. Durch viele Fenster brannte Licht, sodass man die verwahrlosten und wild bewucherten Gärten sah.

Jar hatte ebenfalls den Wagen verlassen und ging nun zielstrebig auf das baufälligste Haus zu. Es war düster und wirkte nicht wirklich einladend. Die Treppe zum Eingang war an einigen Stellen kaputt und ich würde Geld darauf wetten, dass das Dach auch nicht ganz dicht war. Farbe würde der Außenwand auch mehr als gut tun und beim Näherkommen erkannte ich, dass einige Fenster eingeschlagen waren. All das nahm ich wahr und doch war es mir vollkommen egal, solange wir gleich irgendwo allein wären. Vorzugsweise auf einem Bett. Oder einer Couch. Oder meinetwegen auch dem Fußboden.

Der Dämon blieb abrupt stehen, sodass ich fast in ihn hineingelaufen wäre. »Da stimmt was nicht«, grollte er leise.

 


 

 

 

 

05. März – nachts

 

Bei seinen Worten spannte ich mich an. Jar ging es genauso. Er blickte auf den Weg, als würde er etwas suchen. Dann schüttelte er verärgert den Kopf und zog mich langsam zurück.

Ich wusste nicht, was los war, aber spürte seine Kampfbereitschaft. Seine Augen suchten unablässig das dunkle Gelände ab. Ich konnte nichts Verdächtiges sehen und doch hatte die Situation etwas Bedrohliches. Die düsteren Schatten, die die Büsche und Bäume durch die Straßenlaternen warfen, wirkten auf einmal lebendig. Hier lief irgendetwas ganz und gar schief.

Mein Blick ging zu ihm, aber er bedeutete mir, leise zu sein. Ich verdrehte die Augen. Als ob mir das nicht klar wäre. Ich hatte gerade anfangen wollen, 'We are the Champions' zu schmettern.

Wir gingen zum Auto zurück, ich entriegelte es und wir setzen uns hinein. Wir waren jetzt mehr als 50 Meter von dem einsturzgefährdeten Haus entfernt.

»Okay, was ist los?«, hakte ich ungeduldig nach. Dabei behielt ich das Haus im Blick. Aber nichts rührte sich.

Der Dämon beobachtete ebenso den Ort, den er als seinen Schlafplatz betitelt hatte. Mittlerweile verstand ich die Bezeichnung. Wohnlich sah das eindeutig nicht aus.

Er schloss die Augen und runzelte konzentriert die Stirn. Erst verstand ich nicht und wollte ihn gerade anfahren, weil er mir nicht antwortete, aber dann bemerkte ich es. Er schien Magie zu wirken. Ich konnte sie nicht wirklich sehen, nur leichte rote Blitze zuckten um seine Hand und verschwanden dann in der Dunkelheit.

Nach einem Moment öffnete er die Augen. »Fahr los. Wir müssen zu deiner Unterkunft und ich wäre dir echt dankbar, wenn ich heute Nacht doch bei dir pennen könnte«, sagte er grimmig.

Ich nickte nur knapp. Ohne eine weitere Frage startete ich den Motor und ordnete mich wieder in den spärlichen Verkehr ein.

»Ich hatte Besuch«, erklärte er nach ein paar Minuten und rieb sich über das Gesicht. »Ich hatte gehofft, dass Zeus nicht sofort von meinem Aufenthalt hier erfahren würde, aber er ist leider nicht dumm. Wahrscheinlich hat er es herausgefunden, als ich dich befreit habe.« Seine Stimme klang kalt und wütend.

»Okay«, gab ich nur zurück, denn ich sah keinen Grund seine Worte anzuzweifeln. Er kannte dieses Monster eindeutig besser als ich.

Jar fuhr sich über die kurz geschorenen Stellen seines Kopfes und rieb sich den Nacken. Aus dem Augenwinkel erkannte ich, wie sehr es ihn ärgerte. »Ich denke, dass er es an meinem Vorgehen bemerkt hat. Zum Beispiel, dass ich die Kameras mit Magie lahmgelegt habe. Genau so, wie ich deine Fesseln gesprengt habe.«

»Und woher soll er von diesem Unterschlupf gewusst haben?«, hakte ich nach und hielt an einer Ampel. Mein Blick ging zu dem Dämon. Er wirkte verärgert und gleichzeitig genervt.

Er zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Er geht davon aus, dass ich keinerlei Kohle habe. Habe ich ja auch nicht und wenn ich welche hätte, würde ich sie bestimmt nicht für ein schickes Hotel ausgeben. Deshalb würde ich vermuten, dass er seine Schergen losgeschickt hat, um nach solchen Orten zu suchen.«

»Hast du viel Kram dort?«

Der Dämon schüttelte den Kopf. »Nein, um meine Waffe ist es schade, wenn sie die mitnehmen sollten. Aber sonst weist nichts darauf hin, dass ich dort geschlafen habe.« Er verzog das Gesicht. »Ist ja nicht das erste Mal und ich habe mittlerweile dazugelernt.«

Seine beißende Stimme hinterließ einen leicht bitteren Beigeschmack in mir. Sein Leben musste bisher echt scheiße gewesen sein. Sich nirgendwo zugehörig fühlen. Immer auf der Flucht. Keine persönlichen Dinge. Kein Zuhause. Nichts, woran er hängen könnte.

Ich spürte instinktiv, dass er sich wieder distanzieren wollte. Das konnte ich nicht zulassen. Von der eben gefühlten Nähe und Erregung war nichts mehr übriggeblieben. Verständlich, wenn gerade sein Versteck entdeckt worden war. »Und woher wusstest du, dass Wesen im Haus waren? Hast du Magie verwendet?«, lenkte ich ihn neugierig ab.

»Ich habe ein paar Dinge so drapiert, dass man vorsichtig darübersteigen muss. Unauffällige Dinge, wie eine alte schmale Phiole oder ein paar Glasscherben, die man nur bemerken würde, wenn man es weiß. Ansonsten fällt es einem nicht weiter auf und man tritt drauf oder kickt sie zur Seite. Das hinterlässt Spuren, die ich erspüren kann. Deshalb sind wir zurück. Aber du hast auch recht, danach hat mir die Magie bestätigt, dass noch fünf Wesen im Haus waren. Kein Plan, ob die auf mich gewartet haben.«

Das war ziemlich clever und ich musste ihm Respekt zollen, dass er sich nicht nur auf seine Fähigkeiten verließ. Allerdings hatte er auch viel Lehrgeld zahlen müssen. »Nicht schlecht. Aber sollten wir nicht nachsehen? Ich meine, fünf Wesen, das würde wir locker schaffen«, schlug ich düster vor. In mir brodelte Zorn, den ich nur zu gern losgeworden wäre.

Jars Lippen verzogen sich kurz zu einem Lächeln. »Eine schöne und reizvolle Idee. Aber nein, ich denke, ich werde morgen noch einmal nachschauen. Wenn die Schergen von Zeus nicht zurückkommen, wird er erst recht misstrauisch. Dann kann ich definitiv nicht zurück. So glauben sie einfach nur, dass sich dort ein Obdachloser einquartiert hat.«

»Der eine Waffe mit Schalldämpfer hat«, fügte ich skeptisch hinzu.

»Du kannst mir schon vertrauen, dass das Ding nicht einfach irgendwo herum liegt. Wenn ich Glück habe, finden sie sie auch nicht«, gab er zurück. Für einen Moment schwieg er. Dann fuhr er sich genervt über den Kopf. »Boah, der Mann geht mir so auf den Sack!«, fluchte er wütend und schaute aus dem Fenster.

Stille trat ein. Nur ein rockiger Klassiker war im Radio zu hören. Ich fuhr schweigend durch die dunklen Straßen.

»Tja, auf jeden Fall hast du jetzt gesehen, dass meine Behausung nicht unbedingt das Four Seasons ist«, ergriff Jar nach einigen Minuten wieder das Wort. Ich spürte, dass das Thema Zeus und der Besuch für ihn abgehakt war. Auch wenn die Wut noch in ihm brodelte. Seine Stimme klang weiterhin kühl, aber ich hatte das Gefühl, dass bei der Aussage wieder ein bisschen Trotz und Unsicherheit mitschwang.

»Pft«, gab ich angesäuert zurück. »Als ob mir das was ausgemacht hätte.«

Als er nichts sagte, blickte ich ihn kurz von der Seite an. »Meine Güte, Jar, ich war extrem scharf auf dich. Meinst du nicht, dass es mir scheißegal gewesen wäre, wo ich endlich deinen Schwanz hätte lutschen können«, herrschte ich ihn an.

Wieder schwieg der Dämon für einen Augenblick. Dann spürte ich seinen Blick. Als ich kurz zu ihm schaute, war hauptsächlich Neugierde, ein wenig Belustigung und ein sinnliches Funkeln zu sehen. »Da bist du echt heiß drauf, oder?«

Ich war froh, dass sich die Stimmung wieder entspannte. Ich hätte es gehasst, wenn er mich nach dem schönen Abend erneut so kalt behandelt hätte. Deswegen grinste ich frech. »Glaub mir, das macht aktuell etwa 50 Prozent meiner Wichsfantasien aus«, gestand ich ihm mit einem Lächeln.

Ein weiterer Seitenblick zeigte mir, dass er überrascht die Augenbraue hochzog. »Das ist interessant. Und die andere Hälfte?«

Mein Lächeln wurde dreckiger. »Naja, du auf den Knien hat auch schon einiges für sich.«

»Ich muss dir gestehen, dass ich mir normalerweise eher einen blasen lasse, als das ich selbst aktiv bin. Aber mit dir ist sowieso alles anders«, gab er ehrlich zurück und seine Stimme war immer leiser geworden.

 

Das wohlige Gefühl, das sich auf seine Worte in mir ausgebreitet hatte, blieb noch, bis ich die Tür zum Apartment aufschloss. Wir hatten einen kleinen Moment im Auto gewartet. Jar hatte erneut seine Magie bemüht, aber die Wohnung war sauber. Die Reisetasche stellte ich auf den Bartresen, der die Küche vom Wohnzimmer abteilte. Kurz blickte ich mich um. Die Wohnung schien okay zu sein. Den beiden weiteren Türen nach zu urteilen, gab es noch ein Schlafzimmer und ein Bad. Alles war steril, aber doch recht stylisch eingerichtet. Glas, Chrom und Weiß dominierten die Räume. Nur hin und wieder waren kleine Farbkleckse in dunkelrot zu sehen. Nicht wirklich mein Stil, aber es war mir auch eigentlich scheißegal, wie es aussah.

Ich drehte mich zu dem Mann, der seine Jacke gerade über die Garderobe hing. Er trug ein schwarzes Langarmshirt, das zusammen mit der schwarzen Lederhose, den dunklen Haaren und den Linien auf seiner Haut seine gefährliche Ausstrahlung unterstützte. Und er zog mich magisch an.

Langsam wandte er sich mir ebenfalls zu. Unsere Blicke trafen sich. Er war nicht mehr distanziert, aber ich merkte, dass er noch sauer war. Nicht auf mich, aber auf seinen dämlichen Bastard von Vater. Ich konnte ihn nur zu gut verstehen, in diesem Moment würde es uns jedoch nicht weiterbringen.

»Ich denke, wir haben zwei Möglichkeiten. Entweder schieben wir die Sofas beiseite«, schlug ich vor und deutete auf die schwarze Wohnlandschaft und den gläsernen Couchtisch, »und prügeln uns, um die Energie loszuwerden, oder ich lenke dich ab.«

Sein Blick ruhte unverwandt auf mir. Für eine Sekunde blitzte etwas Seltsames, Warmes auf, aber genauso schnell war die Emotion auch wieder verschwunden. »Hat beides seinen Reiz«, gab er zurück und kratzte sich am Kinn. »Ich würde nur zu gern gegen dich kämpfen.«

Ich grinste ihn an. »Das ließe sich einrichten.«

»Aber –«, seine Stimme wurde dunkler, »ich würde auch sehr gerne herausfinden, wie du mich ablenken willst.«

Wir starrten uns weiter an. Die Stimmung zwischen uns veränderte sich. Je länger unsere Blicke verhakt waren, desto mehr begann es zu knistern. Ich blickte an seinem Körper hinab. Er hatte eindeutig zu viel an. Allerdings versteckte das enge Shirt auch nicht wirklich viel, aber ich wollte diese wahnsinnig heißen Muster überall auf seiner nackten Haut sehen. Und ich wollte ihn berühren. Ihn küssen. Langsam näherte ich mich ihm und ließ ihn nicht eine Sekunde aus den Augen. Ich wollte diesen Mann ablenken. Bei den Fantasien, die in meinem Kopf entstanden, spürte ich, wie sich mein Schwanz regte.

Wir standen nicht mal mehr einen halben Meter auseinander. Sein männlicher Geruch stieg mir in die Nase und ich sog ihn ein. »Du riechst verdammt gut«, raunte ich leise und ließ meinen Blick weiter über seinen atemberaubenden Körper wandern. Es zuckte mir in den Fingern, ihn an mich zu ziehen, ihn zu berühren, aber ich beherrschte mich. Ich würde das ausführlich auskosten. Ihn genießen.

Als ich ihm wieder ins Gesicht sah, bemerkte ich das verlangende Funkeln in seinen mandelförmigen Augen. Obwohl ich ihn noch nicht anfasste, machte es ihn bereits an. Das war heiß. »Wie ich dich ablenken würde, willst du wissen«, sagte ich leise. »Zuerst würde ich dich langsam ausziehen. Jede freie Stelle deiner Haut würde ich berühren und lecken wollen. Ich bin mir sicher, dass du einfach nur geil schmecken wirst.«

In seinen Augen blitzte Zustimmung und Hunger auf. Ich lächelte verrucht. »Danach würde ich dich ins Schlafzimmer bringen und dich ans Bett fesseln. Langsam würde ich mich ausziehen. Mein Schwanz wird schon tropfen, weil es mich so geil gemacht hat, dich zu verwöhnen. Für einen Moment würde ich mich auf dich legen, um deinen heißen Körper an meinem zu spüren. Deinen Harten an meinem zu fühlen. Aber dann –«

»Okay, fang an«, unterbrach mich Jar mit rauer Stimme. Ungeduld schwang in seinem Tonfall mit.

Ich lachte leise. Gut, es hatte ihn also genauso angemacht wie mich. Ich ging noch einen Schritt auf ihn zu. »Du wirst dich nicht rühren und ich darf mich austoben?«, hakte ich noch einmal nach. »Oder brauchen wir die Handschellen?«

Jar schüttelte den Kopf. »Ich werde mich nicht bewegen, es sei denn, du willst es«, bestätigte er meinen Wunsch. Es machte mich noch schärfer, dass mir der Mann die Zügel übergab. Ich war mir sicher, dass er nicht oft die Kontrolle abgab.

Ohne weiter darüber nachzudenken, überbrückte ich den letzten Abstand und leckte einmal über seine Lippen. Er kam mir entgegen, aber ich wich zurück. Ein mürrisches Knurren war seine Antwort, die mich zum Grinsen brachte. Er schien wirklich ungeduldig zu sein. Ich beugte mich zu ihm und knabberte an seinem Kiefer. Leckte, biss und küsste. Er legte den Kopf in den Nacken, so dass ich über seinen Kehlkopf herfallen konnte. Meine Arme schlang ich um ihn und presste unsere Körper aneinander. Ich spürte, dass er ebenso hart war wie ich. Langsam bewegte ich meine Hüfte, während ich jedes bisschen Haut liebkoste. Er keuchte auf, als ich eine empfindliche Stelle unterm Ohr traf und sah mich hungrig an. Meine Lippen fanden seinen Mund. Er öffnete ihn sofort und unsere Zungen trafen sich. Und es fiel mir wieder auf: Verdammte Scheiße, der Mann küsste göttlich.

Meine Hüfte bewegte sich weiter. Die Erregung wuchs. Ich wollte mehr, brauchte mehr. Langsam ließ ich die Hände unter sein Shirt gleiten, um die weiche Haut, die harten Muskeln, erst einmal nur mit den Fingern wahrzunehmen. Die Mischung aus hart und weich schürte meine Lust. Ich fuhr an seiner Brust entlang. Reizte mit den Fingerspitzen seine Brustwarzen. Er keuchte auf.

Mein Atem beschleunigte sich weiter. Ich brauchte mehr. Meine Hüfte bewegte sich, während ich mich von seinem heißen Mund löste, um ihm das Shirt auszuziehen. Meine Hände fuhren sofort über seine Rücken. Zeichneten die Muskelstränge nach. Seine Haut schien zu glühen, als sich unsere Münder wieder trafen. Mein Schwanz wollte mehr Aufmerksamkeit, mehr Reibung. Ich drängte mich noch näher an Jar und stöhnte auf. Er schmeckte einfach nach mehr.

Ich beendete den Kuss, um mich über seinen Oberkörper herzumachen. Für eine Sekunde kam mir die Frage in den Sinn, ob er sich rasierte oder warum seine Haut so glatt war. Aber so schnell, wie sie aufgetaucht war, war sie auch wieder im Nebel der Erregung verschwunden. Ich leckte die Linien entlang. Verteilte kleine Bisse. Fuhr mit den Fingern die Muster nach. Als ich ihn oberhalb des Rippenbogens mit meinen Zähnen neckte, keuchte er erregt auf. Meine Zunge strich sein Sixpack entlang.

Verflucht, wenn das so weiter ging, würde ich das nicht lange aushalten, dabei berührte ich meinen Ständer gar nicht. Aber das mich dieser Mann machen ließ, obwohl ich ihn mit einem Biss meiner Vampirzähne töten konnte, machte mich unglaublich heiß.

Ich wanderte um ihn herum und presste mich von hinten an seinen Arsch. Er kam mir entgegen und ich stieß zu. Dabei knabberte ich an seinem Nacken und fuhr mit den Händen über seinen Oberkörper. Spielte mit seinen Nippeln. Jar stöhnte auf. Dieser Laut vibrierte in mir und mein Schwanz zuckte.

Ich bewegte meine Hände nach unten, an seinen Hosenbund. Langsam öffnete ich die Knöpfe und der Dämon keuchte erleichtert auf. Ich biss ihn wieder in den Nacken. Er knurrte, als ich meine Hand in seinen Schritt schob und gemächlich seinen Harten nachzeichnete.

Mit bedächtigen Bewegungen zog ich die Hose über seinen Arsch und presste mich erneut an ihn. Mein Schwanz legte sich direkt in den Spalt. Verdammt, wenn er jetzt keine Pants anhätte, müsste ich nur meine Hose aufmachen und könnte ihn dort richtig spüren. Der Gedanke machte mich so geil, dass ich aufstöhnte und mich noch enger an ihn drückte. Mich leicht gegen ihn stieß und dabei mit der Zunge über die Linien auf seinem breiten Rücken leckte.

Dann umrundete ich ihn ohne die geringste Spur von Eile, auch wenn meine eigene Erregung nach mehr schrie. Aber ich wollte jede Sekunde auskosten. Jedes kleine Stückchen von ihm genießen.

Er hatte seine Hände zu Fäusten geballt, aber als ich ihm in die roten Augen sah, konnte ich nichts anderes als sinnlichen Hunger erkennen. Er musste sich zurückhalten, um sich nicht zu rühren.

Unsere Münder trafen sich zu einem lustvollen Kuss. Er zuckte mir mit der Hüfte entgegen. Verdammt, ich war wirklich geil auf ihn. Auf diesen Mann. Auf seinen scharfen Körper. Aber vor allem auf seinen Schwanz.

Ich löste mich und sank vor ihm auf die Knie. Dann legte ich mein Gesicht auf seinen Schritt und atmete einmal tief ein. Der Geruch war nicht vertraut und doch unheimlich sexy. Männlich. Erregt. Eine Note von Schweiß.

Mit den Händen zog ich die Lederhose ganz nach unten, während ich immer wieder diesen fremden Duft einatmete. Meine Erektion zuckte.

»Scheiße Luca, du solltest dich sehen«, raunte Jar. Ich blickte zu ihm nach oben und nahm noch einen langen Zug. Er stöhnte. In seinen Augen stand die Gier. Seine Pants war feucht von Lusttropfen. Mit der Zunge fuhr ich die Umrisse seines Steifen nach. Meine Hände fuhren an den Beinen entlang zu seinem Arsch. Fest packte ich zu.

»Fuck«, keuchte Jar lustvoll.

Ich wollte mehr. Wollte ihn ganz schmecken. Ihn lecken. Ihn lutschen. Langsam zog ich die Pants über seinen Arsch und die Beine nach unten. Sein großer Schwanz stand steil ab, feucht glänzte die Eichel. Ein kleiner Tropfen bildete sich. Neugierig beugte ich mir vor und leckte ihn mit der Zungenspitze ab. Fremd, aber nicht unangenehm. Es schmeckte nach mehr.

Der Dämon stöhnte erneut. »Verdammt, du machst mich fertig.«

Mir kam meine Ansage wieder in den Sinn und widerwillig erhob ich mich. Ich umschlang den nackten Mann vor mir und küsste ihn hungrig. Es war geil, dass er nackt und erregt vor mir stand, während ich noch voll bekleidet war. Aber mein Harter drückte schon unangenehm gegen die Jeans.

»Wie war das? Ab aufs Bett mit dir?«, wies ich ihn an, als ich mich kurz von seinem Mund löste. Dann taumelten wir knutschend ins Schlafzimmer. Ich beendete den Kuss und deutete mit dem Kopf aufs Bett. Jar gehorchte, aber ich bemerkte, wie schwer es ihm fiel.

Mit langsamen Bewegungen zog ich mich aus. Der Blick des Dämons hinterließ brennende Spuren auf meinem Körper. Als ich ebenfalls nackt war, umfasste ich meinen tropfenden Schwanz und wichste ihn ein paar Mal. Der Mann sah auf den weißen Laken unheimlich heiß aus. Seine Haut mit den dunklen Linien hob sich stark ab. Er hatte die Beine leicht gespreizt und sah mich unter gesenkten Lidern an. Verflucht sexy.

Ich näherte mich ihm langsam, saugte den Anblick in mir auf. Kniete mich zwischen seine Beine. Prall stand sein Schwanz vor mir. Wieder lösten sich kleine Tropfen und ich beugte mich nach unten, um sie aus dem Schlitz zu lutschen. Jar keuchte auf. Ich neckte ihn mit der Zungenspitze. Dann schob ich seine Beine noch weiter auseinander und legte mich dazwischen. Als heiße Haut auf heiße Haut traf, stöhnte ich auf. Es fühlte sich hammermäßig an. Unsere Münder trafen sich. Der Kuss hatte keinerlei Raffinesse. Die Erregung peitschte über uns hinweg und ich bewegte meine Hüfte gegen ihn, damit ich seinen Schwanz besser fühlen konnte. Mehr Reibung bekam. Er stieß von unten dagegen. Ich keuchte in seinen Mund. Spürte, wie ich immer geiler wurde. Aber das war es nicht, was ich wollte, ich wollte endlich seinen Harten schmecken.

Ich beendete den Kuss, leckte und biss mich nach unten. Dort liebkoste ich mit der Zunge die Leiste und stellte fest, dass er in seinem Schritt ebenfalls ganz glatt war. Meine Hand ging zu seinen Eiern, die sich dick und schwer anfühlten. Meine Erregung wurde immer stärker und ich musste mit der freien Hand meinen eigenen Schwanz umfassen. Träge holte ich mir einen runter, während ich seinen Sack massierte. Mit dem Mund wanderte ich immer mehr zu seiner Erektion. Ich knabberte an der Wurzel und Jar stöhnte auf.

Mit der Zunge leckte ich einmal an der dicken Ader entlang, die heftig pulsierte. Sein attraktiver Körper bebte. Als ich die Eichel umkreiste und das Bändchen neckte, zuckte sein Schwanz. Ihm schien die Behandlung genauso zu gefallen, wie ich es auch mochte. Dadurch angespornt, nahm ich seine Spitze in den Mund. Neugierig schmeckte ich ihn. Es war anders, schürte meine Lust.

»Fuck«, fluchte der Dämon erregt.

Der Laut vibrierte an meinen Nervenenden und fuhr mir direkt in die Eier. Meine Erektion zitterte in der Hand. Verdammt, ich brauchte auch nicht mehr viel. Meine Bewegungen wurden stärker. Gleichzeitig umwirbelte ich mit der Zunge seine Spitze.

Das Stöhnen von Jar wurde immer lauter und steigerte meine eigene Geilheit. Ich nahm ihn, soweit ich konnte, in den Mund und saugte. Er schmeckt ungewohnt, aber nicht komisch. Es war nur fremd. Dennoch wollte ich mehr davon. Ich bewegte meinen Mund auf und ab. Versuchte ihn immer tiefer aufzunehmen. Stöhnte um seinen Schwanz, weil es mich so erregte.

Jar keuchte auf. »Luca«, warnte er mich, aber ich hörte nicht auf ihn. Mein Puls raste vor Verlangen. Wichste mich schneller. Lutschte an seinem pulsierenden Ständer. Meine Eier zogen sich zusammen. In meinem Rückgrat kribbelte es. Wieder entkam mir ein Stöhnen.

Dann spürte ich, wie mich der Orgasmus überrollte. Ich entließ seinen Schwanz aus meinem Mund. Rieb ihn weiter. Während ich mich selbst heftig massierte. Ein Beben durchfuhr meinen Körper. Nur eine Sekunde später legte ich den Kopf in den Nacken und schrie auf. Der Saft schoss aus mir heraus.

Mit einem langgezogenen Stöhnen folgte mir Jar und spritzte auf meine Hand und seinen Oberkörper ab.

Mein Atem ging keuchend und auch seine Brust hob sich schnell. Er streckte die Hand nach mir aus. Ein breites Lächeln legte sich auf mein Gesicht. Mein Hirn war zu keinem klaren Gedanken fähig. Mit wackeligen Beinen krabbelte ich neben ihn. Die Sauerei zwischen uns war mir vollkommen egal.

Wir sahen uns schweigend an. Wussten beide nicht, was wir sagen sollten. Wussten beide, dass keine Worte nötig waren. Wussten beide, dass es so viel mehr, als ein reiner Blowjob gewesen war.

Nach einigen Minuten konnte ich dann doch nicht mehr die Klappe halten. »Verdammt, war das geil«, platzte ich heraus und Jar lachte auf.

»Das war es wohl«, raunte er mir zu.

Ich beruhigte mich langsam, spürte, dass mein Körper schwerer wurde. Ich war aber auch so richtig befriedigt. Verflucht, es war wirklich der Hammer gewesen, war mein letzter Gedanke, bevor ich in den Schlaf sank.


 

06. März

 

Erregung raste durch mich hindurch. Jar machte mich mit seiner Zunge vollkommen wahnsinnig. Und erst die langen kräftigen Finger, die meine Eier und den Damm dahinter massierten. Verflucht heiß! Ich spürte, wie Schweiß auf meinen Körper trat. Ich krallte die Hände in die Laken. Dass er mich ganz schlucken konnte, war der Wahnsinn. Mein Atem raste. Wenn das so weiter ging, würde ich wie ein Teenager in meinem Traum kommen.

Moment mal, hatte ich das gerade gedacht? Dann konnte ich doch gar nicht mehr schlafen. Oder doch? Der Dämon stöhnte um meinen Schwanz und brachte jedes Nervenende zum Vibrieren. Ich riss die Augen auf. Es war kein Traum.

Jar lag zwischen meinen Beinen und lutschte meinen Harten. Die langen schwarzen Haare umrahmten sein Gesicht, als er sich immer schneller auf und ab bewegte.

Verdammt, sah er geil aus. Ich stöhnte auf. In meinen Eiern kribbelte es bereits. Aber ich wollte noch nicht, dass es vorbei war. Dafür fühlte es sich einfach zu gut an. Ich schaute zu dem Dämon, der sich selber wichste. Unsere Blicke trafen sich. Lustverhangen und dunkel vor Erregung.

Er wanderte mit seinem Finger weiter nach hinten und fixierte mich eindringlich. Jede Reaktion von mir beobachtete er, als er sein Zungenspiel intensivierte. Immer wieder die Eichel umkreiste, in den Schlitz stieß und dann meinen Schwanz erneut ganz aufnahm.

»Fuck«, keuchte ich und konnte meine Hüfte nicht davon abhalten nach oben zu stoßen.

Der Dämon knurrte um meinen Schwanz und drückte mich nach unten. Dann funkelte er mich frech an. Er steckte sich einen Finger zusätzlich in den Mund. Als er erneut an mir saugte, wanderte seine Hand immer weiter nach hinten. Massierte den Damm und ging dann zu meinem Loch.

Es war ungewohnt, aber ich konnte in dieser Sekunde keinen klaren Gedanken mehr fassen. Alles in mir war angespannt und ich wollte einfach nur noch kommen. Leicht fuhr er mit den Fingern über meinen Eingang. Übte ein wenig mehr Druck aus.

»Jar«, stöhnte ich und bäumte mich auf, als er die Spitze leicht in mich hineindrückte. Fremd, anders, aber irgendwie auch verflucht geil. »Mehr!«

Er entließ meinen Ständer aus seinem Mund. »Scheiße, Luca, du solltest dich sehen. So verdammt heiß!«, keuchte er.

Unsere Blicke verhakten sich. Ich wollte mehr. Brauchte mehr. Er konnte es in meinem vor Erregung verzogenen Gesicht erkennen.

Schnell machte er seinen Finger wieder nass und massierte weiter mein Loch. Dabei nahm er meinen Ständer erneut in den Mund. Als er seine Lust herausstöhnte, war es vorbei. Ich schrie auf und entlud meinen Saft in seinem Mund. Mein ganzer Körper bebte, als mich der Orgasmus schüttelte.

Jar holte sich weiter einen runter, aber ich wollte ihn auch kosten. Ich zog an seinem Kopf. Er sah mich an. Hungrig und kurz vorm Explodieren. Mein Blick ging zu seiner geröteten Eichel. Zu dem harten Schwanz, der zuckte und unablässig Tropfen absonderte. Ich sah ihm in die Augen. Mein Atem ging noch keuchend. Immer noch völlig gefangen in der Lust, die er mir geschenkt hatte. Ich öffnete den Mund.

Zum Glück verstand Jar und kam auf Knien über meinen verschwitzten Oberkörper, so dass ich seinen Steifen direkt vor meinem Gesicht hatte. Gierig stürzte ich mich auf die Lusttropfen und saugte dann die Spitze in den Mund.

Jar stöhnte lustvoll. Ich spürte, wie sehr er sich zurückhielt, um nicht einfach in meinen Mund zu stoßen. Er war vollkommen von Sinnen. »Fuck, Luca!«

In seiner Erregung mit der leichten Schweißschicht auf dem atemberaubenden Körper, jedem Muskel angespannt und den langen offenen Haaren sah er unfassbar scharf aus.

Ich nahm ihn weiter auf. Fühlte, wie er in meinem Mund pulsierte. Wie er noch größer wurde. Ich saugte stärker. Dann entkam Jar ein langgezogenes Grollen. Sein Sperma spritzte mir in den Rachen, sodass ich mich fast verschluckt hätte. Ich musste husten und entließ ihn aus meinem Mund. Es schmeckte seltsam, irgendwie salzig, aber nicht unbedingt schlecht.

Nachdem ich mich beruhigt hatte, legte sich der Dämon zu mir und küsste mich. Ich konnte mich selbst noch auf seiner Zunge schmecken. Irgendwie hatte es etwas Verruchtes. Vor allem als Jar mit seiner Zungenspitze noch die letzten Reste, die daneben gelaufen waren, von meinen Mundwinkeln und Kinn ableckte. Dann küsste er mich erneut. Sanfter. Träger. »Guten Morgen«, raunte er mit einem warmen befriedigten Funkeln in den Augen.

»Morgen«, murmelte ich und musste dann grinsen. »Jetzt verstehe ich auf jeden Fall, was Zack mit dem Weckservice meint.«

Jar runzelte die Stirn. »Weckservice?«, hakte er nach.

»Ja, anscheinend ist Cain oft vor ihm wach und lässt ihn dann beim Aufwachen in einen Genuss der besonders heißen Art kommen. Daran musste ich gerade denken.« Mein Schmunzeln wurde eine Spur dreckiger. »Es war echt geil.«

Der Dämon erwiderte mein Lächeln und streckte sich dann neben mir aus. »Alles?«, bohrte er nach und musterte mich eindringlich.

Ich wusste genau, was er meinte und in dem Moment wurde es mir richtig klar. Er hatte fast einen Finger in meinem Arsch versenkt. Es war seltsam gewesen, aber nicht unangenehm. Eher anregend und ich würde gerne wissen, wie es wäre, wenn er ihn ganz reinsteckte. Würde sich das komisch anfühlen? Oder war es geil? Meine Neugier war definitiv geweckt. Ich griff nach einer seiner langen Strähnen und spielte damit. Dann sah ich ihn an. »Alles«, gab ich nur zurück und nickte dabei.

Jar strahlte mich an. In seine Augen trat eine Mischung aus Freude und sinnlichem Funkeln. Er war unheimlich schön in diesem Moment. Nackt. Mit den geheimnisvollen geschwungenen Linien auf seinem trainierten Körper.

Hatte ich gerade wirklich gedacht, dass er schön war? Innerlich runzelte ich die Stirn. Ja, verdammt, das war mir in den Sinn gekommen. Er brachte mich aber auch vollkommen um den Verstand. Niemals hätte ich gedacht, dass es mich anmachen könnte, wenn mir jemand was in den Hintern schob. Aber es hatte mich erregt. Und Jars Freude darüber zu sehen, wärmte mich von innen. Bevor ich weiter über dieses intensive Gefühl nachdenken konnte, lenkte ich mich ab. Ich strich über seine haarlose Brust. Zeichnete mit den Fingern die Symbole nach. »Wieso hast du eigentlich keine Haare? Rasierst du die weg?«

Er lachte kurz auf. »Okay, interessanter Themenwechsel, aber nein, ich habe außer auf dem Kopf und im Gesicht einfach keine Haare.« Gleichmütig zuckte er mit den Schultern. »Keine Ahnung warum.« Dann strich er über meinen sehnigen Unterarm, auf dem sich dunkle Härchen abzeichneten. »Aber du schon.«

Ich nickte. »Allerdings habe ich die Vorzüge eines Lasers an gewissen Stellen schätzen gelernt.«

Jar schaute in meinen glatten Schritt und grinste dann anzüglich. »Ja, ich weiß, was du meinst und bin auch durchaus angetan.«

Ich verdrehte schmunzelnd die Augen. »Na, da bin ich aber erleichtert«, zog ich ihn auf und schaute dann auf mein Smartphone. Mein Grinsen verging, als ich sah, dass meine Mutter schon mehrfach angerufen hatte. Außerdem musste ich mal langsam aufstehen, um zur Arbeit zu kommen.

 

Während ich duschte, hatte Jar Kaffee gekocht. Skeptisch nahm ich einen Schluck, aber schloss gleich genießerisch die Augen. Herrlich. Schön stark. Genau, wie ich ihn mochte.

Nachdem ich die halbe Tasse leer getrunken hatte, fühlte ich mich soweit gewappnet, Rosa zurückzurufen. Es klingelte nur zwei Mal, dann war sie dran.

»Cariño«, begrüßte sie mich lautstark, »endlich höre ich deine Stimme wieder!«

Ich verzog nur das Gesicht. So sehr ich sie liebte, aber manchmal war das Drama-Level eindeutig zu hoch. »Mamá, so lange ist es noch nicht her und ich habe dir geschrieben, dass ich ein bisschen Abstand brauche.«

»Aber Baby, das verstehe ich doch auch. Dennoch bin ich der Meinung, wir sollten da noch einmal drüber reden. Es geht schließlich um deinen Schutz.«

So viel zum Thema, sie verstand es. Aber so war sie nun mal. Sie machte sich einfach zu viele Sorgen. »Mamá, ich weiß, dass ihr mich damit beschützen wollt, aber ich werde das Ritual nicht durchführen. Zum einen kann ich mir selbst genug helfen und zum anderen ist es verboten. Wir dürfen nicht direkt aus der Quelle trinken und das weißt du. Vor allem, weil der Dämon dabei sterben würde.«

»Du hast ja recht, Cariño, aber ich muss einfach wissen, dass du geschützt bist. Sonst bekomme ich nie wieder ein Auge zu. Seit du entführt worden bist, mache ich mir die ganze Zeit Sorgen. Wenn du doch wenigstens zu uns nach Hause kommen würdest.«

Ich hörte hinter mir ein Räuspern und drehte mich zu dem Dämon um. Der holte sich seelenruhig einen Kaffee und lehnte sich dann mit dem Hintern an die Küchenzeile. Nachdem er einen Schluck getrunken hat, fixierte er mich eindringlich. Okay, er hatte eindeutig von dem Ritual gehört. Verflucht, mit ihm hatte ich darüber nun wirklich nicht sprechen wollen, aber was hatte ich auch erwartet? Mann, manchmal handelte ich einfach, bevor ich dachte. Oder in diesem Fall sprach, bevor ich dachte.

»Luca, du hörst mir überhaupt nicht zu«, beschwerte sich Rosa am anderen Ende der Leitung.

Damit hatte sie nicht Unrecht, aber ich hatte auch schon genug von dem Gespräch. Wir würden sowieso nicht auf einen Nenner kommen. »Es tut mir leid, ich war abgelenkt und muss jetzt zur Arbeit.«

»Baby, du wirst nicht einfach auflegen«, drohte meine Mutter mir. Aber da müsste sie mich eigentlich besser kennen.

»Doch, das werde ich und das weißt du auch. Ich liebe dich, aber lass mich mit dem Ritual in Ruhe«, erklärte ich mit sanfter Stimme und beendete das Telefonat.

Dann blickte ich zu Jar. Er trank noch einen Schluck des Muntermachers. Ich nahm ebenfalls einen weiteren. Über den Becherrand sahen wir uns an. Ich wusste, dass er mehr wissen wollte. Aber da müsste er schon fragen.

Als er gerade den Mund aufmachen wollte, ergriff ich zuerst das Wort. Mir war wieder etwas eingefallen. »Zack und Cain haben mich gefragt, ob ich am 9. mit ihnen essen gehen will. Hast du Lust, mitzukommen?«

Der Dämon kratzte sich am Kinn. »An deinem Geburtstag?«

Ich kniff kurz misstrauisch die Augen zusammen, aber dann dämmerte es mir. »Ah, meine Akte«, mutmaßte ich und Jar nickte zustimmend. Es war verdammt aufmerksam, dass er sich das Datum gemerkt hatte.

Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Genau. Ich feiere den eigentlich nicht, aber Zack besteht immer wieder darauf.«

Jar zuckte gespielt gelassen mit den Schultern. »Ich kann ja mal schauen.«

»Mach das«, gab ich zurück, aber spürte, dass es mich störte, dass er nicht direkt zugesagt hatte. Es konnte nicht daran liegen, dass er zu viel zu tun hatte. Das war lächerlich. Ich war mir sicher, dass mehr dahintersteckte. Höchstwahrscheinlich irgendetwas mit diesem Heiß-Kalt-Mist.

So war die Stimmung deutlich kühler, als wir ins Auto stiegen. Er hatte mich gefragt, ob ich ihn mit ins Department nehmen konnte, weil er mit dem Chief sprechen wollte. Ich war gespannt, wie White entscheiden würde, wenn Jar sich als Täter zu erkennen gab. Ich musterte den Mann kurz von der Seite, bevor ich mich wieder auf die Fahrbahn konzentrierte. Es regnete ordentlich und durch den Berufsverkehr war viel los. Doch hatte ich bemerkt, dass seine Maske erneut keinerlei Regungen zeigte. Ich schnaubte innerlich, aber immerhin hatte ich es geschafft, dass er sie wenigstens für einige Stunden fallen gelassen hatte. Für unglaublich sexy Stunden.

Bei dem Gedanken musste ich grinsen, was mir allerdings verging, als der Dämon das Wort ergriff. »Willst du eigentlich noch etwas über das Telefonat mit deiner Mutter erzählen?«, stellte er die Frage, auf die ich die ganze Zeit schon gewartet hatte.

Ich zuckte mit den Schultern. »Eigentlich nicht«, gab ich gleichmütig zurück. Dabei musste ich ein Schmunzeln unterdrücken, denn so gut kannte ich ihn bereits. Er hasste so etwas.

Nur eine Sekunde ertönte ein leiser Fluch. »Verdammt Luca, muss ich jetzt betteln, oder was?«

Geduld gehörte wirklich nicht zu seinen Stärken, dachte ich amüsiert, aber musste mir dann eingestehen, dass ich darin auch nicht besonders gut war. Allerdings fand ich es interessant, dass er so neugierig war. Ging es ihm dabei um mich oder weil er grundsätzlich gern möglichst viele Informationen besaß? Immerhin verband uns nicht wirklich viel, außer dieser echt heißen Anziehung. Lügner, ertönte eine leise Stimme in mir, die ich aber sofort ignorierte. Dennoch könnte es spannend sein zu erfahren, was er darüber dachte.

Ich fuhr mir durch die Locken und bremste abrupt, weil ein Auto vor mir so langsam fuhr, dass man nebenher joggen könnte. Ich überholte den Wagen und traf dabei eine Entscheidung. Mein Blick ging kurz zu Jar, der mich aufmerksam beobachtete. »Okay, ich erzähle es dir, auch wenn es eigentlich irrelevant ist, da ich das Ritual nicht durchführen werde.« Ich atmete noch einmal tief durch. »Es soll wohl einen rituellen Brauch geben, der einen Vampir stärker machen soll«, begann ich und stellte dann den Scheibenwischer auf die höchste Stufe. Verdammt, man konnte kaum etwas sehen.

»Ja?«, hakte Jar gleich nach.

»Wenn ich es richtig verstanden habe, muss der Vampir zuerst hungern und danach dann das Blut von allen übersinnlichen Rassen trinken. Direkt aus der Quelle. Anschließend soll er angeblich Fähigkeiten von den anderen Spezies erhalten, welche und von welcher Rasse kann man wohl nicht vorhersagen.«

Der Dämon erwiderte nichts.

Als sich das Schweigen in die Länge zog, ergriff ich erneut das Wort. »Aber neben der Tatsache, dass ich Blut nur zu mir nehme, weil es eine Notwendigkeit für mein Leben darstellt und ich absolut keinen Bock habe, direkt an jemandes Handgelenk oder Hals zu trinken, ist es auch verboten. Zumal es ja offensichtlich ist, dass es mindestens für einen Supernatural schlecht ausgehen wird.« Ich spürte, dass sich allein bei dem Gedanken meine Wut wieder bemerkbar machte. »Darüber hinaus habe ich keine Ahnung, woher sie glauben, dass das funktioniert«, schloss ich grimmig und hoffte, dass das Thema damit abgehakt sei.

Jar schwieg noch einen Moment. Als ich mir fast sicher war, dass er nichts mehr dazu sagen würde, spürte ich seinen Blick. Kurz schaute ich zu ihm. Er sah entschieden aus. »Ich finde den Vorschlag mit dem Ritual gut«, überraschte er mich.

Ich riss die Augen auf. »Das meinst du nicht ernst?«

»Doch, auf jeden Fall. Mein Vater ist ein richtig mieser Dreckskerl. Es kann nicht schaden, wenn du noch stärker wirst. Wir müssen alles tun, um eine Chance gegen ihn zu haben.« Seine Stimme klang bitter.

Ich war immer noch perplex, allerdings ließ mich die Resignation in seinem Tonfall nachhaken. »Denkst du, wir haben auf einem anderen Wege keine Aussicht auf Erfolg?« Ich wusste noch nicht mal, ob ich über seine Ehrlichkeit sauer sein sollte, weil er uns anscheinend so schwach einschätzte. Er klang hauptsächlich frustriert, alarmiert und besorgt.

Der Dämon rieb sich den Nacken. »Er ist ein Wichser, ein verdammt schlauer Wichser. Keine Ahnung, wie lange er das schon plant, aber es wird noch lange nicht zu Ende sein. Erst wenn er entweder tot ist oder das erreicht hat, was er will. Zeus kennt kein Aufgeben. Und im Moment hat er eindeutig die besseren Karten. Verdammt!«, fluchte er und rieb sich über das Gesicht. »Er kann jedes Wesen nach seiner Pfeife tanzen lassen. Du hast wahnsinniges Glück gehabt, dass er es bei dir nicht gleich probiert hat, sondern erstmal Erkenntnisse gewinnen wollte. Wäre dem nicht so gewesen, wärst du nicht mehr hier.«

Bei den Worten spürte ich einen kalten Schauer über den Rücken laufen und doch wusste ich, dass jede einzelne Silbe wahr war. Dennoch sträubte ich mich innerlich gegen das Ritual.

Ich bog ab, um in die Tiefgarage des Departments zu fahren. Bei der Einlasskontrolle meldete ich den Dämon neben mir als Besucher an und versprach gleich bei Linda einen Ausweis zu besorgen. Nachdem ich geparkt hatte, blickte ich zu Jar. »Ich würde dich bitten, dass du auch mit White dein Wissen teilst. Wir brauchen alle Informationen, die wir kriegen können.«

Jar nickte grimmig. Seine Miene war nun wieder kühl und distanziert. »Warum bin ich wohl hier?«, fragte er mit leichtem Spott in den Augen.

Ich schüttelte genervt den Kopf. Aber dann kam mir eine Idee, wie ich ihn aus dem unnahbaren Gleichgewicht bringen konnte. Ich beugte mich blitzschnell zu ihm rüber und küsste ihn. Für eine Sekunde hatte ich ihn damit überrascht und er hielt still. Dann erwiderte er den Kuss. Bevor er mich jedoch zu sehr erregen und den dringlichen Wunsch nach erneuter Befriedigung in mir auslösen konnte, löste ich mich und zwinkerte ihm zu. »Ich dachte, du willst mich einfach nur zur Arbeit bringen«, zog ich ihn auf und stieg dann aus dem Auto.

Jar schüttelte perplex den Kopf. »Du bist echt ein Spinner«, sagte er, aber ich konnte das Lächeln heraushören. Der Ausdruck in seinen Augen war auch nicht mehr so abweisend.

»Und du manchmal ein kleines Arschloch«, gab ich nur schulterzuckend zurück und wandte mich dann den Aufzügen zu. Dabei musste ich ein Grinsen unterdrücken: wieder ein wenig an der Scheißfassade gekratzt.

 

Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis wir endlich oben ankamen. Linda hatte sich mal wieder von ihrer besten Seite gezeigt. Immer flirty, immer auf der Suche nach einem heißen Abenteuer. Seit ihrer letzten Affäre mit einem Kollegen aus der Einheit für Vampirangelegenheiten war sie anscheinend wieder auf der Jagd. Dabei störte es sie kein bisschen, dass Jar überhaupt nicht auf sie reagierte. Als würde es ihren Ehrgeiz noch mehr anstacheln, je abweisender er wurde.

In mir stieg ein kleines bisschen Genugtuung auf. Dabei sollte mir doch klar sein, dass sie keinen Erfolg haben würde. Er hatte mir erzählt, dass er schwul war. Gleichwohl fand ich es aus irgendeinem irrationalen und kindischen Gefühl gut. Deswegen grinste ich auch meinen Teamleiter an, als wir aus dem Fahrstuhl traten und fast in Zack hineinliefen.

Kurz erwiderte er das Lächeln, aber dann fiel sein Blick auf Jar. Mit hochgezogener Augenbraue sah er zwischen uns hin und her. »Was macht er denn hier?«

»Dir auch einen guten Morgen, Bruderherz«, konterte Jar.

Zack rollte nur mit den Augen und mein Grinsen wurde noch breiter. Die beiden waren sich wirklich ähnlicher, als sie dachten.

Beide musterten sich abwägend, unentschlossen.

»Leute, bevor ihr euch an die Gurgel geht, können wir erst einmal im Büro besprechen, warum er hier ist?«, schlug ich amüsiert vor.

Zum Glück erhob keiner Einwände. Nachdem wir Dana begrüßt hatten, wandte sich mein bester Freund erneut an mich. »Also, was ist los?«

»Zum einen ist gestern sein Unterschlupf entdeckt worden. Wir haben gerade noch bemerkt, dass immer noch Wesen auf ihn gewartet haben. Jar geht davon aus, dass Zeus weiß, dass er hier ist und nach ihm sucht. Dann habe ich ihn mit in meine Unterkunft genommen.«

Bei den Worten musterte Zack mich interessiert und ein dreckiges Lächeln legte sich auf seine Lippen. »Wie praktisch für euch.«

Ich stöhnte genervt, aber der dunkelhaarige Dämon grinste ihn nur herausfordernd an. »Nicht nur praktisch, auch extrem heiß«, gab er gelassen zurück und zwinkerte mir zu. Er schien sich keinerlei Sorgen zu machen, dass er inmitten vieler Agents war, sondern lehnte sich gleichmütig gegen einen der Schreibtische und verschränkte die muskulöse Arme vor der Brust.

»Okay, lassen wir das«, wechselte ich das Thema. »Auf jeden Fall wollte er auch mit dem Chief sprechen. Wegen der Mordfälle und weiteren Informationen zu Zeus.«

Zack nickte grimmig. »Was den Bastard betrifft, können wir jede Hilfe brauchen, die wir kriegen können.«

Ich fand es erstaunlich, dass es ihn anscheinend kaum kratzte, dass es sich bei diesem Mistkerl um seinen Vater handelte. Allerdings kannte er ihn auch nicht, da war es wahrscheinlich leichter, ihn einfach nur als Feind zu sehen.

»Es gab erneute Auseinandersetzungen. Das halbe Department ist im Moment auf den Beinen, um die Situation in den Griff zu bekommen. Und Cain darf sich wieder mit den Menschen herumschlagen.« Er verzog abfällig das Gesicht. »Ihre Forderung nach Kontrolle aller Übersinnlichen durch das Militär wird immer lauter. White muss ebenfalls gleich los zu einer Besprechung, von daher sollten wir sofort zu ihm gehen.«

Jar und ich wechselten noch einen Blick. Ich hatte das Gefühl, dass er noch etwas sagen wollte, aber ich konnte nicht durch seine distanzierte Maske dringen. Als Zack nach ihm rief, zuckte er nur mit den Schultern und verschwand. Ich konnte es nicht lassen und sah ihm auf den Hintern. Er hatte seine Jacke ausgezogen und so konnte ich den Anblick der knackigen Rückseite genießen.

»Der scheint ja einiges durcheinanderzuwirbeln«, bemerkte Dana, die lautlos neben mich getreten war.

Ich seufzte. »Wenn du wüsstest«, gab ich inbrünstig zurück, was ihr ein Kichern entlockte.

»Es hat dich ganz schön erwischt, oder?«, bohrte sie nach.

Ich runzelte die Stirn. »Keine Ahnung«, gab ich wahrheitsgemäß zurück. »Der Mann macht mich einfach nur wahnsinnig. Sowohl im Positiven als auch im Negativen. Ich hasse seine kühle Art und fühle mich dadurch immer wieder herausgefordert, aber wenn er die ablegt, verdammt, ist er dann der Hammer«, platzte ich heraus.

Dana lächelte mich sanft an. »Aber sowas von erwischt.« Dann wurde ihre Miene ernst. »Ich muss zugeben, dass es mich verwundert hat, weil er ein Kerl ist. Aber solange es dir gut damit geht.«

Ich grinste sie beruhigend an. »Mach dir keine Gedanken. Es ist alles Bestens, wenn man mal von dem ganzen Scheiß absieht.« Ich deutete auf das hektische Treiben im Department. Für eine Sekunde kamen mir die Prophezeiung und das Blutritual in den Sinn, aber darüber wollte ich nicht sprechen. » Mich hat es auch erstaunt, weil ich mich noch nie zu einem Mann hingezogen gefühlt habe, aber er bringt mich vollkommen durcheinander. So ein heftiges Verlangen kannte ich gar nicht und du weißt, dass ich nie ein Kind von Traurigkeit war. Aber bei ihm ist es anders, krasser. Ich muss nur an ihn denken und bekomme schon einen Ständer«, gestand ich ihr ehrlich.

Sie hob eine Hand. »Okay, das freut mich für dich, aber mehr Details brauche ich auch nicht«, erklärte sie abwehrend, grinste mich dabei aber an.

»Kriegst du auch nicht«, gab ich lachend zurück, wurde aber gleich wieder ernst. »Und um deine Frage abzuschließen. Es hat mich gewundert, aber es ist für mich nicht seltsam. Dann ist es eben ein Mann, der mich in ein noch gierigeres Sexmonster verwandelt.« Ich wackelte anzüglich mit den Augenbrauen, was Dana ein Prusten entlockte.

Anschließend setzte ich mich an meinen Schreibtisch. Dana war so lieb mir Kaffee mitzubringen und mir knapp von den neusten Kämpfen zu berichten. Das war echt eine riesige Scheiße. Wir hatten bereits Verstärkung aus anderen Städten bekommen. Die Kollegen waren ständig im Einsatz und patrouillierten auf den Straßen, um vor allem die Menschen zu beschützen. Es durfte auf keinen Fall eskalieren. Wenn ein Bürger ums Leben kommen würde, könnten Cain und White nichts mehr ausrichten. In dem Fall würde ganz sicher das Militär anrücken und die schauten dann nicht mehr, wer von uns Übersinnlichen auf welcher Seite stand. Sie würden uns alle als Feind betrachten. Und wenn ich ehrlich war, war es nur eine Frage der Zeit, bis ein Mensch zu Schaden kam. Wie Jar es auf den Punkt gebracht hatte: Zeus würde alles tun, um sein Ziel zu erreichen. Da zählte das Leben eines Menschen nicht mehr und auch nicht weniger als das eines anderen Wesens.

Mein Blick ging automatisch zum Büro des Chiefs. Was die da drinnen wohl besprachen? Ich war echt verflucht neugierig.

Aber ich zwang sie zurück und nutzte die Zeit, um mit Brady und Tai zu sprechen und ihnen meine Hilfe anzubieten. Die beiden waren gerade bei der Schlichtung einer Auseinandersetzung im Einsatz. Sie meinten jedoch, dass sie alles im Griff hätten und nachher wieder ins Department zurückkämen. Leider gab es erneut keine Überlebenden unter Zeus' Lakaien und eine Kollegin war schwer verletzt auf dem Weg zur Krankenstation. Bei den Nachrichten schlug ich fluchend auf den Tisch. Dana sah mich fragend an und ich gab ihr einen kurzen Bericht. In dem Moment kam Zack herein. »Luca, kommst du bitte? White will auch noch mit dir sprechen«, forderte er mich auf.

Gespannt folgte ich meinem besten Freund. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete, war aber überrascht, als Jar ganz locker auf einem der Stühle saß. Das Gespräch schien gut verlaufen zu sein. Er schaute mich an und für eine Sekunde kam es mir so vor, als würde Unsicherheit in seinen Augen aufblitzen.

Irritiert runzelte ich die Stirn und blickte dann zu unserem Vorgesetzten. Mit einem Nicken nahm er meine Begrüßung zur Kenntnis und deutete auf einen der freien Stühle. Zack lehnte sich an die Wand, sodass er uns beobachten konnte.

»Agent Garcia, Jar Doe wird uns in der nächsten Zeit unterstützen. Da Sie mit ihm bekannt sind und er nicht mehr in seine Unterkunft zurückkehren kann, hat er vorgeschlagen, fürs Erste bei Ihnen unterzukommen«, eröffnete er das Gespräch.

Bei dem Nachnamen Doe blickte ich zu dem Dämon, der nur grinsend mit den Schultern zuckte. Da hätte er sich auch echt mal was Kreativeres einfallen lassen können, dachte ich augenrollend. Dann wurde mir klar, was der Chief weiterhin gesagt hatte. Jar würde mit uns zusammenarbeiten. »Was ist mit den Morden?«, hakte ich direkt nach.

»Mr. Doe hat uns erzählt, was er getan hat und er wird, wenn das alles vorbei ist, vom Rat dazu verhört werden. So lange muss er seinen guten Willen zeigen, indem er uns unterstützt bei der Jagd auf seinen und Agent Andersons Vater.«

Langsam dämmerte mir, was hier vorhing. Der Chief konnte nicht einfach seine Tat legitimieren, aber wir brauchten jeden Mann. Außerdem hatte mich Jar beschützt und die Mörder unserer Kollegen zur Rechenschaft gezogen. Von daher war Whites Groll auf ihn wahrscheinlich nicht wirklich groß. So bestand die Möglichkeit, dass der Dämon noch einmal mit einem blauen Auge davonkam.

Ich nickte freudig, aber dann kam auch der letzte Teil von Whites Worten bei mir an. Jar hatte vorgeschlagen, dass er zunächst bei mir wohnen wollte. Bei der Erkenntnis spürte ich ein warmes Gefühl in meinem Magen. Und nicht nur das, neben Freude startete auch sofort das Kopfkino, was das alles für Möglichkeiten barg. Bevor meine Gedanken weiter in eine erotische Richtung abdriften konnten, nickte ich erneut. »Das ist okay.«

Mein Blick ging zu Jar, der irgendwie erleichtert wirkte. Jetzt verstand ich auch, warum er mich eben so seltsam angeschaut hatte. Für jemanden, der andere immer nur auf Abstand hielt, war das ein echt großes Ding. Das warme Kribbeln in mir nahm zu. Unsere Augen verhakten sich. Als könnte er meine Gedanken lesen, wurde sein Grinsen breiter. Durch die Fassade blitzte ein wenig Wärme hindurch. Aber nicht nur. Sein Lächeln wurde gleichzeitig sinnlich. Anscheinend gingen seine Überlegungen ebenfalls in eine sehr interessante, schweißtreibende und befriedigende Richtung.

Zack räusperte sich und riss uns damit aus dem Moment. Er grinste mich belustigt an. »Jetzt verstehe ich, was ihr immer meint mit Cain und mir«, erklärte er amüsiert.

Ich rollte mit den Augen und zeigte ihm den Mittelfinger, was er nur mit einem Lachen kommentierte.

»Dann haben wir das schon mal geklärt«, brachte uns der Chief wieder auf das eigentliche Thema zurück und wandte sich dann an Jar. »Wie besprochen, wird Agent Garcia Sie dann nachher zu den Kollegen aus der technischen Überwachung bringen.«

»Jar hat uns erzählt, wonach wir Ausschau halten sollen, um den Standort von Zeus herauszubekommen«, klärte mich Zack auf. »Es muss genug Platz für alles sein, die richtigen Rahmenbedingungen für die verschiedenen Labore bieten und über einen gewissen Komfort für Angela verfügen. Er soll die Informationen an die Kollegen weitergeben, damit diese nach entsprechenden Objekten suchen.«

»Wobei ich da wirklich vorsichtig wäre«, mischte sich der Dämon ein, »wie gesagt, Zeus ist alles andere als dumm. Es kann sein, dass er sogar will, dass er gefunden wird. Dann erspart er sich vielleicht die Verbreitung seines Wirkstoffs, weil alle zu ihm kommen. Bei ihm muss man mit allem rechnen.« Seine Stimme war immer grimmiger geworden.

»Dad ist wirklich ein richtiger Sonnenschein«, sagte Zack sarkastisch und fuhr sich durch die blonden Haare.

Aber Jar ging nicht weiter auf den Kommentar ein. Der Blick der roten Augen suchte meinen. Er sah mich an, als ob er etwas vorhatte, aber ich war mir nicht sicher. Bevor es mir klar wurde, lächelte er mich entschuldigend an. »Ich denke, du solltest ihnen noch von dem Ritual erzählen«, schlug er mir vor.

Bei seinen Worten kniff ich die Augen zu Schlitzen zusammen und Wut stieg in mir auf. Verdammt, das war meine Angelegenheit. Wieso erwähnte er das? Er musste doch zumindest Zack gut genug kennen, um zu wissen, dass er jetzt nicht lockerlassen würde. Zornig funkelte ich Jar an.

Und natürlich meldete sich sofort mein bester Freund zu Wort. »Welches Ritual?«

Ich seufzte tief und schaute einmal zwischen Zack und White hin und her. Beide sahen mich gespannt an und würden erst Ruhe geben, wenn sie die Informationen hatten. Ich feuerte noch einen wütenden Blick auf Jar ab, den er gelassen erwiderte, und wandte mich dann an meine Vorgesetzten. Knapp berichtete ich ihnen, was ich vorhin bereits im Auto erzählt hatte. Ich hoffte, dass meine Familie keinen Ärger bekam, schließlich hatte sie mich quasi aufgefordert, eine Straftat zu begehen. Aber die Tatsache tat der Chief nur mit einem Schulterzucken ab. »Das klingt ganz nach Lupita«, murmelte er und hörte weiter zu.

Als ich geendet hatte, schauten sich die beiden einen Moment an. Dann nahm mich White ins Visier. »Ich finde, wir sollten die Möglichkeiten nicht außer Acht lassen.«

Ich musste ihn anschauen, als hätte er mir gerade erzählt, dass er an den Wochenenden immer auf Einhörnern ausritt, denn er hob beschwichtigend die Hände. »Natürlich weiß ich, dass das eigentlich nicht geht. Aber wir befinden uns mitten in einer Ausnahmesituation, bei der wir alle Möglichkeiten nutzen müssen, die wir bekommen. Von daher sollten wir uns Genaueres über das Ritual anhören.«

»Chief, der Dämon wird dabei sterben«, warf ich entgeistert ein.

White raufte sich die kurzen dunklen Haare. »Denken Sie, mir ist das nicht bewusst? Aber wir haben immer noch keinen Schimmer, was Sie mit dieser Prophezeiung am Hut haben. Außerdem stehen Sie in Zeus' Fokus, obwohl wir auch nicht wissen, woher er überhaupt von der Weissagung weiß. Wir tappen völlig im Dunkeln, was Ihre Rolle darin betrifft, und müssen für alles gewappnet sein. Nochmal wird es wahrscheinlich nicht so glimpflich ablaufen, wenn er Sie in die Finger kriegt! Darüber hinaus sitzen wir auf einem enormen Pulverfass, das jeden Moment explodieren kann!«, brüllte mich der Chief an.

Ich konnte jeden Punkt verstehen und wusste auch, dass er es unter normalen Umständen niemals auch nur in Betracht gezogen hätte, aber er war verzweifelt.

Bevor ich etwas erwidern konnte, meldete sich plötzlich das Messenger-Programm von White mit einer Übertragung. Der Chief versteinerte, als sich anscheinend das Fenster auf seinem Bildschirm automatisch öffnete.

»Guten Tag, Chief White«, vernahm ich eine Stimme, die ich eigentlich erst wieder hatte hören wollen, wenn wir ihm Handschellen anlegen würden. Zeus.

»Sie scheinen überrascht zu sein, dabei sollten Sie doch langsam wissen, wozu ich fähig bin.«

Ohne ein Wort zu sagen, bedeutete uns unser Vorgesetzter, dass wir zu ihm kommen sollten. Als ich um den Schreibtisch herum, auf den Bildschirm blickte, sah ich mich Zeus‘ gehörntem Antlitz entgegen. Scheiße, der musste das System gehackt haben!

»Ach, Agent Garcia, so sehen wir uns wieder. Und das muss mein verlorener Sohn sein.« Unser Feind schaute zu Zack, der die Hände zu Fäusten geballt hatte. Sein Gesicht zeigte keinerlei Emotionen, aber ich konnte erkennen, dass seine Hand von hellblauer Magie umspielt wurde. Es musste ein Schock für ihn sein, den eigenen Vater nach all den Jahren ohne ihn, das erste Mal zu sehen.

Zeus musterte meinen besten Freund wie ein interessantes Forschungsobjekt. »Wie ich höre, bist du ziemlich stark. Hätte ich das gewusst, hätte ich Angela nicht erlaubt, dich wegzugeben. Allerdings freue ich mich darauf, mehr über dich zu erfahren.« Seine Worte klangen jedoch nicht nach Freude, sondern mehr wie eine Drohung. Bevor Zack etwas erwidern konnte, ergriff sein Vater erneut das Wort. »Aber das muss warten«, erklärte er geschäftig. »Zunächst einmal bin ich mir ziemlich sicher, dass mein anderer Sohn ebenfalls bei Ihnen ist. Ich möchte ihn zurückhaben. Hörst du das, Jar, ich will, dass du wieder zu deiner Familie zurückkehrst!«

Der Angesprochene war aufgesprungen und in seinen Augen glitzerte es gefährlich. Ich suchte seinen Blick, es würde uns überhaupt nicht helfen, wenn er jetzt ausrastete und Zeus damit die Bestätigung bekam, dass er wirklich in unserer Nähe war.

Jar verstand, was ich ihm sagen wollte, und atmete tief durch. Mit zornbebenden Händen setzte er sich wieder. Ich konnte sehen, wie schwer es ihm fiel. Er hasste diesen Mann, der sich da gerade erdreistete von Familie zu sprechen. Ich hätte ihm selbst nur zu gern gezeigt, was ich von ihm hielt.

»Als Nächstes möchte ich Ihnen gerne behilflich sein. Ich bin mir sicher, dass Sie nach mir suchen. Das will ich Ihnen mit Freude erleichtern. Chief White, Sie bekommen gleich eine E-Mail von mir, in der die Adresse zur Zentrale der Befreier steht. Sie sind jederzeit alle herzlich eingeladen.«

Verflucht, Jar hatte recht gehabt. Nicht nur, dass er sich überlegen fühlte, er teilte uns sogar freiwillig seinen Standort mit. Damit war klar, dass es sich nur um eine Falle handeln konnte.

»Aber als letzten und wichtigsten Punkt wollte ich Ihnen mitteilen, dass ich ziemlich unzufrieden bin, dass Sie meine Forderungen noch nicht erfüllt haben. Auch wenn ich es mir nicht vorstellen kann, aber anscheinend begreifen Sie noch nicht in welcher Lage Sie sich befinden«, erklärte Zeus mit großem Missfallen. Sein markantes Gesicht verzog sich verärgert auf dem Bildschirm. »Von daher bekommen Sie nun noch einmal einen Eindruck, was Sie erwarten wird, wenn Sie meinen Wünschen nicht nachkommen. Das Ganze ist übrigens live, nur damit Sie Bescheid wissen und es kann jeden von Ihnen treffen.«

Mir schwante Übles, als das Bild für einen Moment schwarz wurde. Scheiße, dass hatte nicht gut geklungen. Was meinte der Mistkerl damit? Nur eine Sekunde später sah man wieder etwas. Die Kameraführung war verwackelt, sodass ich nicht sofort erkannte, was es zeigte. Aber dann begriff ich. Die Aufnahme zeigte den Eingangsbereich des Departments. In dem Moment konnte man Linda King im Bild erkennen. Sie lächelte, aber dann weiteten sich ihre Augen voller Angst. Nur eine Sekunde später fiel ein Schuss und wir konnten sehen, wie sich das Blut auf ihrer Brust ausbreitete. Dann sackte sie mit einem Ächzen hinter dem Tresen zusammen.

»Fuck!«, brüllte Zack zornentbrannt, aber ich war schon auf dem Weg zur Tür. Am Rande nahm ich wahr, dass Jar ebenfalls aufgesprungen war und mir folgte. Die Kollegen musterten uns irritiert, weil ich sie anschrie, dass sie Platz machen sollten. Dieser verfluchte Bastard hatte eine seiner Marionetten ins Department geschickt. Das konnte nicht wahr sein! Auf den Fahrtsuhl konnte ich nicht warten und rannte deswegen zum Treppenhaus. So schnell ich konnte, sprang und lief ich die vielen Stufen nach unten. Wir mussten diese Person aufhalten, bevor noch mehr Agents zu Schaden kamen. Hinter mir hörte ich Jar und noch jemanden, er uns folgte. Wahrscheinlich Zack. Ich achtete nicht weiter darauf, sondern sprintete weiter nach unten. Ich hatte keine Ahnung, wer uns da erwartete, aber wir mussten ihm oder ihr Einhalt gebieten.

 

Vorsichtig öffnete ich die Tür des Treppenhauses und spähte in den Empfangsraum. Ich sah, dass ein weiterer Kollege am Boden lag, aber er regte sich noch. Hastig fuhr mein Blick herum und ich bemerkte, dass jemand hinter dem Tresen neben der reglosen Gestalt von Linda hockte. Ich sah genauer hin und erkannte, dass es sich um Bert handelte. Der Zwerg, der Teil unseres Superplus-Teams war.

Dann wurde mein Blick jedoch von der Person angezogen, aus dessen Perspektive wir gerade Zeugen des Mordes geworden waren. Ich traute meinen Augen nicht. Eine Sekunde brauchte ich, um sie zuzuordnen. Rachel Miller. Zack hatte mal mit der Zwergin geschlafen, die danach ziemlich zickig reagiert hatte, weil er das nicht hatte wiederholen wollen. Sie war in der Einheit für dämonische Angelegenheiten und unterstützte die Kollegen mit ihren Fähigkeiten. Jetzt war allerdings nichts mehr von Unterstützung zu spüren. Sie ging mit ausdruckslosen Augen, grimmig verzogenen Mundwinkel und mit erhobener Waffe zu dem Kollegen, der bereits blutend am Boden lag. Sie würde ihn erschießen. Verdammte Scheiße!

Ohne weiter darüber nachzudenken stieß ich die Tür weit auf und rief laut ihren Namen. Dabei zog ich ebenfalls meine Waffe. Ich wollte ihr nichts tun, sie konnte schließlich nichts dafür, aber ihrem Amoklauf musste ein Ende gesetzt werden. Wir mussten sie entwaffnen. Dann würden wir vielleicht endlich auch Anhaltspunkte bekommen.

Ihre grünen Augen zuckten einmal kurz zwischen dem am Boden liegenden Kollegen und mir hin und her. Dann fokussierte sie mich. Ich war für sie eindeutig die größere Bedrohung. Sie zielte mit der Waffe auf mich, aber ich war schneller. Ich konzentrierte mich auf ihren Geist. 'Stopp' , befahl ich ihr barsch und mit Nachdruck. Keine Ahnung, ob die geistige Beeinflussung funktionieren würde, aber ich musste es versuchen. Auch wenn ich noch nicht so alt war, hatte ich bereits starke mentale Kräfte. Ich hielt ihren Verstand fest. 'Du wirst mich nicht erschießen, sondern dich ergeben' , forderte ich erneut.

Immerhin hielt sie verwirrt inne. 'Genau', lobte ich sie auf geistigem Weg. 'Und jetzt lässt du die Waffe sinken und ergibst dich uns.'

Sie blickte vollkommen irritiert auf ihre Hand, die sich langsam senkte. Dann war es jedoch, dass ein Ruck durch sie zu gehen schien. Und ihr Arm hob sich wieder. Jetzt richtete sie allerdings die Pistole nicht mehr auf mich, sondern auf ihren eigenen Kopf. Ich griff nach ihrem Geist, merkte aber, dass ich ihn nicht mehr richtig zu fassen bekam. Verdammter Mist! Irgendeines meiner Worte hatte anscheinend die Beeinflussung von Zeus getriggert. Sie durften nicht lebend gefangen genommen werden, das war uns bereits bekannt. Und sie schien nun ebenfalls ihrem Leben ein Ende setzen zu wollen. Entsetzen machte sich in mir breit. Dieses miese Schwein!

»Nein, Rachel, tu das nicht!«, brüllte ich.

In dem Moment zerbröselte die Waffe in ihrer Hand. Mein Blick zuckte zur Tür und ich sah Jar, der sie konzentrierte fokussierte. Um seine Hände spielten kleine rote Magieblitze. Er musste die Energie für die Waffe genutzt haben. Erleichterung durchflutete mich.

Rachel war jedoch vollkommen von Sinnen. Sie schien nicht zu wissen, was sie tun sollte und starrte nur auf ihre leere Hand, die eben noch die Pistole gehalten hatte. Ansonsten rührte sie sich nicht.

»Fuck, das wäre fast schief gegangen«, sagte ich inbrünstig und steckte die Waffe weg. Dann fuhr ich mir aufgewühlt durch die Haare. Langsam näherte ich mich ihr, um ihr Handschellen anzulegen. Sie wirkte immer noch wie in Trance, aber ich wusste nicht, ob sie mich gleich noch angreifen würde. Dabei sah ich die kleine Kamera, die an ihrer Jacke angebracht war. Mit zornerfüllter Miene starrte ich für eine Sekunde auf die winzige Linse. Ich wusste, dass Zeus mich nun sehen konnte.

Als ich nur noch einen Meter entfernt war, sah ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung. Mein Blick schnellte dorthin, aber da fiel schon der Schuss. Fassungslos sah ich, wie Rachel mit einem blutenden Loch zwischen den Augen sofort reglos zu Boden ging. Wieder ging mein Blick zu dem Schützen und ich starrte ungläubig Bert an. Der Zwerg war hinter dem Tresen hervorgekommen und sah mich mit gezogener Waffe ausdruckslos an. Scheiße, er war ebenfalls manipuliert worden!

Ich konnte nicht mehr weiter darüber nachdenken, als er erneut einen Schuss abfeuerte, diesmal in meine Richtung. Bevor ich reagieren konnte, wurde ich unter einem anderen Körper begraben. Sofort nahm ich den unvergleichlichen Geruch wahr. Jar. Er hatte mich mit seiner Gestalt geschützt. Hastig ging mein Blick zu Bert, der erneut schoss, aber die Kugel schien an einer Art Schild abzuprallen. Das musste Jars Magie sein. In der nächsten Sekunde traf ein hellblauer Blitz den Zwerg, der reglos zu Boden ging.

Stille legte sich über die unwirkliche Szenerie. Ich ließ meinen Kopf auf den Boden sinken und schloss für eine Sekunde die Augen. Verfluchter Mist! Linda, Bert und Rachel waren tot, nur weil uns dieses Monster Zeus zeigen wollte, wie er mit uns spielen konnte. Es war grausam und furchtbar, dass er dabei keinerlei Skrupel kannte. Wie sollten wir es nur mit ihm aufnehmen? Und was war, wenn er noch weitere Kollegen willenlos gemacht hatte? Wir saßen richtig in der Scheiße! Und ich wettete, dieses Arschloch hatte sich alles amüsiert angesehen.

»Alles okay?«, vernahm ich Jars Stimme und spürte seinen Atem in meinem Gesicht.

Ich nickte bedächtig und öffnete langsam die Augen. »Ja«, gab ich knapp zurück. »Danke!«

Der Dämon nickte nur und dann trafen sich unsere Blicke. Die Besorgnis verschwand aus seinen roten Augen und er schaute mich intensiv an. Schien in mir meinen unbändigen Zorn zu erkennen. »Wir werden ihn kriegen. Er ist schlau, aber auch ziemlich von sich selbst überzeugt. Mach dir keine Gedanken, er wird für seine Taten bezahlen«, versprach er mir leise.

Ich sah die Entschlossenheit in seiner Miene, die mir irgendwie Zuversicht schenkte. Meine Lippen verzogen sich zu einem kleinen Lächeln. »Danke«, raunte ich und konnte nicht widerstehen. Ich küsste ihn kurz. In seinen roten Augen blitzte es warm auf. Dann löste er sich von mir und hielt mir die Hand hin.

Ich sah mich um. Es herrschte das völlige Chaos. Der verwundete Kollege wurde gerade weggebracht, aber wie es aussah, hatte ihn die Kugel nur gestreift.

»Dieser verdammte Wichser!«, brüllte White in dem Moment, als er aus dem Fahrstuhl trat und sich umblickte. »Ihr glaubt gar nicht, wie gerne ich dem die Fresse polieren will!«

»Oh doch, Chief, da geht es uns nicht anders«, knurrte Zack und ich nickte zustimmend.

Die Ader an Whites Schläfe pulsierte gefährlich und er raufte sich die kurzen braunen Haare. Dann atmete er einmal tief durch. Er rang nach Kontrolle. Nach einigen Atemzügen hatte er sich einigermaßen beruhigt.

»Okay, Zeus hat die Verbindung beendet, als es vorbei war. Hat aber noch einmal die Warnung ausgesprochen, dass er das beliebig wiederholen kann, wenn wir nicht auf seine Forderung eingehen. Ich habe bereits ein paar Kollegen darauf angesetzt, dass sie unsere Firewalls überprüfen. Ich muss wissen, warum er einfach so Teile meines Rechners übernehmen konnte.«

»Vielleicht hat er deswegen Bert ausgesucht?«, schlug ich vor. Der Zwerg war ein begnadeter IT-Experte gewesen. Der einfach sinnlos gestorben war. Die Wut brodelte weiter in mir.

Der Chief nickte bedächtig. »Das kann natürlich sein. Dennoch müssen wir nun alle Agents überprüfen. Zuerst die mit mentalen Fähigkeiten und wenn die durch sind, sollen sie sich alle anderen vornehmen. Danach darf keiner mehr allein unterwegs sein. So wird immerhin die Chance minimiert, dass es uns wieder aus dem Hinterhalt trifft. Zudem muss jeder, der hier hereinkommt, von einem Agent mit mentalen Fähigkeiten geprüft werden, ob er sauber ist«, ordnete White grimmig an. »Ich muss jetzt endlich zu dieser verdammten Versammlung und darf denen dann auch gleich von den neuesten Geschehnissen erzählen.« Er schnaubte abfällig. »Drücken Sie die Daumen, dass wir dann nicht sofort einen Militäreinmarsch bekommen.«

Ich hoffte, dass White und Cain es hinbekamen, denn sonst könnten wir einpacken. Das durfte einfach nicht passieren!

 

 

 

 

 

 

 

 


 

08. März

 

Ich fühlte mich wie ausgekotzt, als ich langsam die Augen öffnete. Das war eindeutig nicht genug Schlaf gewesen, aber ich musste pissen. Ein Blick auf mein Smartphone zeigte mir, dass es wirklich nur zwei Stunden gewesen waren. Kurz nach zwei. Am Nachmittag.

Seit Zeus auf dem Bildschirm vom Chief aufgetaucht war, hatte es nicht eine ruhige Minute gegeben. Wir hatten den Rest des Tages und die ganze Nacht sämtliche Kollegen überprüft, aber zum Glück war niemand sonst beeinflusst worden. Alle waren noch im Besitz ihres eigenen Willens. Als wir am Morgen zurück ins Department gekommen waren, hatte uns die nächste Hiobsbotschaft wieder hinausgetrieben. Eine Geiselnahme. Einige Wesen, die anscheinend noch bei klarem Verstand waren, hatten sich den Befreiern angeschlossen und eine Gruppe von Menschen als Geiseln genommen. Sie wussten, dass wir die Menschen besonders schützten, damit die Situation nicht eskalierte. Während Zack mit ihnen verhandelt hatte, hatten Dana, Jar, Brady und ich nach Möglichkeiten gesucht, um die Zivilisten zu befreien. Zum Glück hatten wir nach längerem Suchen einen versteckten Eingang in das Gebäude gefunden. Danach war es sehr schnell gegangen. Wir konnten uns unbemerkt an die Geiselnehmer anschleichen und das Ganze beenden. Es ging recht glimpflich aus: Keinem der Menschen war etwas passiert, sie hatten nur einen Schock erlitten. Dafür war Brady leider verletzt worden. Er würde es überstehen, aber erst einmal ausfallen.

Als wir gegen späten Abend dann endlich Feierabend machen wollten, waren wir Zeuge einer Auseinandersetzung geworden. Einige Willenlose hatten sich in einem verlassenen Gebäude verschanzt und immer wieder aus dem ersten Stock auf Unschuldige gefeuert. Es hatte Stunden gedauert, zu ihnen vorzudringen. Danach waren wir alle vollkommen fertig, aber mussten noch dem Chief Bericht erstatten. Als wir endlich im Auto auf dem Weg zu meinem provisorischen Zuhause waren, waren wir erneut in einen Kampf geraten. Glücklicherweise wurde niemand schlimm verletzt. Anschließend war ich stehend k.o., als wir gegen Mittag endlich ins Bett fielen. Kaum hatte mein Kopf das Kissen berührt, war ich bereits eingepennt, aber nun forderte die Natur ihr Recht. Hinter mir spürte ich einen warmen großen Körper, der ein wohliges Gefühl in mir weckte. Es war schön, beim Aufwachen nicht allein zu sein. Aber jetzt musste ich erstmal pissen.

Müde erledigte ich das Notwendige und ging dann noch zum Kühlschrank. Es würde nicht schaden, wenn ich meine Energiespeicher nicht nur mit Schlaf auffüllte. Ich trank schnell eine Blutkonserve und putzte mir danach die Zähne. Ich mochte den Geschmack nicht im Mund behalten. Als ich wieder ins Schlafzimmer ging, blieb ich einen Moment im Türrahmen stehen. Jar lag auf der einen Seite des Bettes. Die Decke war ein Stück heruntergerutscht, sodass ich einen Teil des muskulösen Rückens betrachten konnte. Die langen Haare flossen über seinen Körper. Das warme Gefühl in meinem Magen nahm zu und breitete sich in meiner Brust aus. Es fühlte sich gut an, ihn dort liegen zu sehen. Meine Lippen verzogen sich automatisch zu einem Lächeln.

»Starr mich nicht an«, nuschelte er im Halbschlaf, »Sex gibt’s später, jetzt muss ich pennen.«

Bei den Worten vertiefte sich das Grinsen. »Eingebildeter Fatzke«, murmelte ich, aber meine Stimme klang erstaunlich liebevoll.

Als ich mich erneut ins Bett legte, robbte der Dämon an mich heran. Ob ihm bewusst war, wie viel Nähe er gerade zuließ? Wahrscheinlich nicht, sonst hätte er wohl wieder das Weite gesucht, dachte ich mit einem Schmunzeln und versuchte seinen heißen, nackten Körper zu ignorieren. Ich war fix und alle, dennoch ließ es mich nicht kalt, wenn er sich so an meinen Hintern drängte. Auch er war nicht vollkommen schlaff und diese Tatsache regte meine Fantasien an.

Es hatte sich gut angefühlt, als seine Finger meinen Eingang massiert hatten. Zwar etwas seltsam, aber auch erotisch. Wie wäre es wohl, wenn ich seinen großen Schwanz dort spüren würde? Würde es mich anmachen? Würde ich es wollen, ihn in mir zu haben? Ein Teil von mir fand die Vorstellung durchaus anregend. Ich musste nicht nach unten schauen, um zu wissen, dass mein Penis auf halbmast war. Und auch den Rest von mir schreckte es nicht ab, eher im Gegenteil. Ihn so nah zu spüren, wie es ging, war bestimmt eine außergewöhnliche Erfahrung. Nicht nur heiß und geil, sondern intim und voller Vertrauen. Bei dem Gedanken traf ich eine Entscheidung und schlief dann mit einem Lächeln wieder ein.

 

Die Klingel riss mich aus dem tiefen Schlaf. Zunächst brauchte ich einen Moment, bis ich wusste, woher der penetrante Ton kam, der nicht aufhörte. Als mir klar wurde, dass es nur an der Tür sein konnte, setzte ich mich fluchend auf. Mein Blick ging zu meinem Smartphone. Ich hatte keinen Anruf oder keine Nachricht verpasst. Es konnte also nichts wirklich Dringendes sein. Eine Sekunde überlegte ich, es zu ignorieren und einfach weiterzupennen. Aber es war siebzehn Uhr, das sollte eigentlich reichen.

»Scheiße Mann, schwing deinen geilen Arsch aus dem Bett und geh an die Tür«, murmelte Jar im Halbschlaf.

»Du kannst ebenso zur Tür gehen«, maulte ich und fuhr mir durch die Locken, die in alle Richtungen abstanden. Ich war noch vollkommen verpennt.

»Ich bin nur Gast«, kam von der anderen Betthälfte verschlafen zurück. Irgendwie war das … süß. Komisch, dass mir gerade das Wort einfiel, aber es passte. Ich fand es süß, dass er so muffelig war, wenn er geweckt wurde.

Und wieder ertönte das durchdringende Geräusch. Unwirsch rieb ich mir über das Gesicht und stand dann langsam auf. Zack konnte es nicht sein, der war ebenso lange wach gewesen und würde auch vorher anrufen. Ich runzelte die Stirn und griff lieber nach meiner Waffe.

Als ich das Schlafzimmer verlassen wollte, hielt mich die Stimme von Jar noch einmal auf. »Ich hoffe wirklich, dass du nicht so die Tür öffnen willst«, knurrte er und hörte sich ein bisschen wacher an.

Ich blickte an mir herunter. Außer der schwarzen Pants trug ich nichts. »So schlimm ist es ja nun auch nicht. Außerdem habe ich doch was an.«

»Definitiv zu wenig.«

Sein mürrischer Tonfall ließ mich grinsen. Das klang fast so, als würde er nicht wollen, dass mich jemand anderes so sah. Ich schüttelte amüsiert den Kopf, aber zog mir schnell eine Jogginghose und ein T-Shirt über. Schließlich hatte ich keine Ahnung, wer da so penetrant war. Nicht, dass nachher noch Schergen von Zeus vor der Tür standen.

Bei dem Gedanken stieg meine Anspannung und ich warf noch einen Blick zu Jar, der sich ebenfalls aufgesetzt hatte. Unsere Blicke trafen sich. Er schien nun vollkommen wach zu sein. Ich konnte eine gewisse Unruhe in den roten Augen erkennen. Sein muskulöser Körper spannte sich ebenfalls an.

Erneut klingelte es. Ich löste den Blickkontakt und ging zur Tür. Als ich in die Gegensprechanlage fragte, wer da war, überraschte mich die Antwort. Damit hatte ich nicht gerechnet. Irritiert runzelte ich die Stirn, aber drückte dann den Summer.

 

Es dauerte nicht lange, da klopfte es an der Tür. Ich war immer noch erstaunt, als ich öffnete. Meine Anspannung hatte sich nicht verringert. Was wollte sie hier?

»Agent Garcia, schön, dass wir Sie hier antreffen«, begrüßte mich die kalte Stimme von Camille Dubois. Ihre Worte waren wie immer höflich, ihr Tonfall nicht. Sie musterte mich mit einem abfälligen Blick von oben bis unten. Im Vergleich zu ihr war ich deutlich schlechter gekleidet. Sie trug einen cremefarbenen Wollmantel, die dunklen Haare wie immer aufwändig frisiert. Da konnte ich in meinen Gammel-Klamotten nicht mithalten. Aber das war mir vollkommen egal, schließlich tauchte sie einfach unangemeldet auf.

»Wieso sind Sie hier? Sie haben doch Hausarrest«, konfrontierte ich sie mit der wichtigsten Tatsache. Sie durfte ihre Stadtvilla nicht verlasse n und abgesehen davon, durfte sie eigentlich auch nicht wissen, wo ich momentan wohnte. Aber bei der Vampirbitch überraschte mich nichts mehr. Außerdem kannte ich sie mittlerweile so gut, dass ich wusste, dass ich mir die Frage sparen konnte. Sie würde nicht darauf antworten. Ich steckte die Waffe hinten in meinem Hosenbund. Wenn sie mich ernsthaft angreifen wollen würde, hätte sie es vermutlich schon bei vielen anderen Gelegenheiten versucht. Dennoch blieb ich angespannt, weil ich keine Ahnung hatte, was sie von mir wollte. Wieso kam sie hierher?

Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ja, da haben Sie recht mit diesem Hausarrest. Es ist eine lästige Angelegenheit, die der Rat dringend aufheben sollte. Aber ich musste unbedingt zu Ihnen kommen, um Ihnen etwas mitzuteilen.«

Damit drängelte sie sich vorbei in das Apartment. Als ich zur Seite trat, sah ich, dass sie nicht allein gekommen war. Hätte mich auch gewundert, wenn sie ohne ihren Schläger Clément Roux unterwegs gewesen wäre. Er würde die Fürstin niemals aus den Augen lassen. Nun hatte er anscheinend eine zusätzliche Aufgabe. Er trug nämlich eine Person über der Schulter. Ich konnte nicht viel erkennen, nur dass sie wohl ohne Bewusstsein war. Die Beine hingen reglos über die breite Brust des Schlägers und die Anzughose hatte eindeutig schon bessere Tage gesehen.

Mit einem grimmigen Blick ging er an mir vorbei ins Wohnzimmer und lud seine Fracht achtlos vor den Füßen der Fürstin ab. Mit einem Poltern schlug sie auf dem Boden auf. Es war ein schmerzerfülltes Ächzen zu vernehmen. Und dann erkannte ich die Person, die sich auf dem Parkett krümmte. Obwohl es nicht leicht war, etwas zu erkennen. Das schöne Gesicht war demoliert, angeschwollen und überall klebte getrocknetes Blut. Das feine Hemd war an den meisten Stellen zerrissen und hing nur noch in Fetzen an seinem malträtierten Körper. Eins war eindeutig: Laurent Dubois hatte einiges einstecken müssen.

Ich hatte keinen Schimmer, was hier los war und sah die Vampirfürstin fragend an.

Sie richtete ihren Blick kurz auf ihren Bruder, dann verzog sie voller Abscheu den schön geschwungenen Mund. »Ich bin bitter enttäuscht«, erklärte sie mit kalter Stimme. Sie deutete auf den verletzten Vampir zu ihren Füßen. »Er hat mich verraten. Er hat Sie verraten.« In ihren blauen Augen funkelte unbändige Wut, auch wenn sie nach außen hin weiterhin gelassen und unnahbar wirkte.

»Was meinen Sie damit?«, hakte ich nach, weil ich es nicht verstand. Aber mir schwante Übles.

»Er«, zischte Camille feindselig, »er hat Zeus von der Prophezeiung und Ihrer Rolle darin erzählt.«

Ich starrte sie an. Dann blickte ich zu dem Vampir zu ihren Füßen. Ich erinnerte mich an seinen überheblichen Blick. Wie er mich gemustert hatte, als wäre ich Abschaum. Aber ich hätte nie gedacht, dass er seine eigene Schwester hintergehen würde. »Sind Sie sicher?«

Sie hob verächtlich eine fein gezupfte Augenbraue. »Er ist mein Bruder. Meinen Sie wirklich, ich würde ihn derart zurichten und zu Ihnen schleppen, wenn ich mir nicht sicher wäre?« Ihr eiskalter Blick ging zu dem Vampir am Boden. »Und alles nur wegen der Macht, die er sich erhofft hat, und weil er geglaubt hat, dass Sie sich nicht richtig entscheiden würden. Deswegen ist er zu Zeus.«

Laurent wollte etwas sagen, aber sie trat ihm mit voller Wucht ins Gesicht. Mit einem Ächzen flog sein Kopf nach hinten. Er stöhnte gequält auf.

Ich fuhr mir aufgewühlt durch die Haare. Einerseits war ich froh, dass wir nun Bescheid wussten, woher der Dämon seine Informationen hatte und natürlich war ich sauer auf den untreuen Vampir. Ihm hatte ich es zu verdanken, dass ich in den Fokus des Bastards geraten war. Ihm hatte ich die demütigende und schmerzhafte Behandlung durch Zeus zu verdanken. Aber ganz ehrlich, hätte es etwas geändert? Ich war mir sicher, dass er früher oder später über einen anderen Weg an dieses Wissen gekommen wäre. Wir wussten schließlich auch nicht, wie viel Bert oder Rachel gegen ihren Willen erzählt hatten. Es war definitiv scheiße, was Laurent getan hatte. Aber auch wenn er die Klappe gehalten hätte, früher oder später wären wir in derselben beschissenen Situation gewesen.

Ich verschränkte meine Arme vor der Brust. »Okay, wenn es so ist, warum sind Sie dann mit ihm hier?«

»Sie dürfen entscheiden, was mit ihm passiert. Er hat mich verraten, aber durch ihn haben Sie nun eine Zielscheibe auf Ihrem Rücken. Deswegen ist Ihr Schaden deutlich höher und aus dem Grund liegt das Urteil bei Ihnen.«

Ich runzelte die Stirn. Das schien mir irgend so ein vampirischer Traditionsmist von anno dazumal zu sein. Als hätten wir nicht genug andere Probleme. Aber ich musste sie ja nicht noch weiter gegen mich aufbringen. »Was wäre denn normalerweise die Strafe für Verrat?«

»Der Tod«, sagte sie kalt und ohne eine Sekunde zu zögern.

Damit hatte ich fast gerechnet. Innerlich schüttelte ich den Kopf, das kam mir alles ziemlich archaisch vor. Und ich hatte keinen Bock mich weiter mit dem Thema zu befassen. Ich war immer noch k.o., der Tod meiner Kollegen ging mir nahe und aus dem ganzen Mist, in dem wir steckten, sah ich momentan einfach keinen Ausweg. Dennoch musste ich zugeben, dass es mich wunderte, dass die Vampirbitch das Leben ihres eigenen Bruders in meine Hände legte. Aber vielleicht wollte sie sich selbst nicht die Finger schmutzig machen? Allerdings schätzte ich sie nicht so ein. Sie schien eher jemand zu sein, der die Dinge selbst in die Hand nahm. Ich musste nur an Bishop denken. Wie auch immer, es war mir egal, was mit ihrem Bruder passierte. Sie sollten einfach nur wieder abhauen. Mein Körper schrie nach einer Dusche und nach Kaffee.

»Ich werde das nicht entscheiden«, erklärte ich ihr mit Nachdruck. »Sein Verhalten war unter aller Sau, aber es ändert nichts an der Situation, dass Zeus die Informationen hat. Deswegen bitte ich darum, dass Sie ihn wieder mitnehmen und sich überlegen, was aus Ihrer Sicht die angemessene Strafe ist. Denn Sie sind immerhin seine Schwester. Ich denke, dass der Verrat an dem eigenen Fleisch und Blut schwerer wiegt. Allerdings muss ich Ihnen raten, ihn an das Department auszuliefern, damit er so einen Prozess vor dem Council bekommt, obwohl Sie das wahrscheinlich intern regeln werden.«

Sie fixierte mich mit ihrem kühlen Blick. Er erinnerte mich an die Maske von Jar. Und doch war es etwas ganz anderes. Ich wusste, was sich hinter der Fassade des Dämons versteckte. Wusste, wie vielschichtig der Mann dahinter war. Wusste, wie warm die roten Augen blicken konnten. Aber sie war einfach nur arrogant und ätzend. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass viel mehr in ihr steckte.

Allerdings hatte mir der Vergleich wieder vor Augen gerufen, dass der Kerl nur ein paar Meter entfernt war. Ich war mir sicher, dass er jedes Wort hörte, um zur Not eingreifen zu können.

Nach einer gefühlten Ewigkeit des Schweigens, in der ich gelassen ihren taxierenden Blick erwiderte, nickte sie bedächtig. »In Ordnung, ich werde über Ihren Rat nachdenken«, stimmte sie zu und machte eine Handbewegung. Clément, den ich fast vergessen hätte, weil er die ganze Zeit still gewesen war, ging zu Laurent und schulterte ihn erneut. Auf die schmerzerfüllten Geräusche nahm er keinerlei Rücksicht.

Die Vampirbitch suchte noch einmal meinen Blick. Ich spürte, dass ich langsam wirklich genervt war. Ich wollte sie nicht mehr hier haben. »Ich wollte Ihnen nur sagen, dass –«, begann sie, aber brach dann ab. »Vergessen Sie es.« Hoheitsvoll nickte sie mir noch einmal zu und verschwand dann so plötzlich, wie sie aufgetaucht war.

 

»Das war also die berühmte Vampirbitch« stellte Jar amüsiert fest und kam aus dem Schlafzimmer geschlendert. Er hatte nur Pants und ein Shirt an. Kurz lenkte er mich ab, aber dann riss ich mich von den langen, muskulösen Beinen, auf denen sich ebenfalls die markanten Linien entlangwanden, los.

»Ja, sie hat einen einnehmenden Charme«, gab ich spöttisch zurück.

»Das schien mir auch so. Leicht frostig, die Gute«, murmelte er und es war deutlich zu spüren, dass er nicht besonders begeistert von ihr war. Da konnte ich ihm nur zustimmen.

»Ich kann sie nicht leiden«, platzte ich heraus und kratzte mich am Nacken.

Jar war in den Küchenbereich gegangen und bereitete wie selbstverständlich Kaffee zu. Als er die Maschine angestellt hatte, drehte er sich zu mir um. »Das verstehe ich, sie hat etwas Hinterhältiges und Falsches an sich«, sinnierte er.

Ich nickte. »Oh ja! Aber immerhin wissen wir nun, woher der Verräter kam. Ich sollte Zack gleich Bescheid geben, aber erstmal will ich unter die Dusche.«

»Soll ich das übernehmen?«, bot der Dämon an. Sein Blick wirkte unschuldig, aber irgendetwas machte mich stutzig.

»Klar, kannst du das machen«, gab ich bedächtig zurück und musterte ihn aufmerksam.

Auf seine Lippen legte sich ein verwegenes Lächeln. Okay, damit war ich mir ziemlich sicher, dass er etwas vorhatte.

»Was denn?«, fragte er und riss unschuldig die Augen auf.

Ich runzelte die Stirn. »Ich weiß nicht so genau, was ich davon halten soll«, gestand ich ihm ehrlich, »du planst doch irgendwas.«

Er hob in einer ahnungslosen Geste die Hände. »Ich doch nicht.« Dennoch funkelte etwas in seinen Augen, das ich nicht benennen konnte. War das Verlangen?

Skeptisch blickte ich ihn noch einmal an, aber ging dann ins Badezimmer. Dort wartete ich einen Moment und horchte. Was ich von hier vernehmen konnte, klang so, als spräche er wirklich mit Zack. Auf jeden Fall war sein Tonfall schroff und kühl, das würde durchaus passen.

Ich zuckte mit den Schultern und zog mir dann das Shirt über den Kopf. Ich würde schon merken, wenn er etwas Seltsames vorhatte. Außerdem vertraute ich ihm. Ich war mir nicht sicher, woher ich die Gewissheit nahm, aber ich wusste, dass ich bei ihm in Sicherheit war. Er war gefährlich, aber nicht für mich. Und falls ich mich doch irren sollte, war ich auch nicht hilflos. Nachdem ich die Hose und meine Pants ausgezogen hatte, stellte ich mich unter die heiße Dusche. Die war wirklich einer der großen Pluspunkte dieses Apartments. Sie war groß, in einer Nische, so dass sie keinen Vorhang brauchte und hatte einen kräftigen Strahl. Ich hielt mein Gesicht direkt in das heiße Wasser und griff dann nach dem Duschgel. Beim Einschäumen spürte ich ein Kribbeln im Rücken. Für eine Sekunde war ich irritiert, aber dann wurde es mir klar. Ich war mir sicher, dass Jar dort stand und mich beobachtete. Er musste lautlos hereingekommen sein. Ich genoss seinen brennenden Blick und wusch mich genüsslich weiter. Es machte mich an, dass er mich so genau fixierte. In meinem Kopf sah ich das Verlangen in seinen Augen. Mein Schwanz begann sich mit Blut zu füllen.

Langsam drehte ich mich um. Positiv überrascht stellte ich fest, dass er bereits nackt war. Gierig ging sein Blick über meinen nassen Körper, während er gemächlich seinen Ständer massierte. »Du siehst echt verflucht scharf aus«, raunte er.

Ich schluckte bei der warmen Sinnlichkeit in seiner Stimme. Ich nahm mir ebenfalls die Zeit, ihn genüsslich zu betrachten. Die schlanken Muskeln machten mich an. Aber noch mehr erregte es mich zu sehen, wie die langen Finger immer wieder langsam über seine Erektion rieben. Ich leckte mir die Lippen bei diesem Anblick. Niemals hätte ich mir erträumt, dass der Schwanz eines Mannes solches Verlangen in mir wecken würde. Aber verdammt nochmal, ihn in seiner Erregung zu sehen, machte mich unglaublich scharf.

Jar knurrte und kam langsam auf mich zu. Er verschlang mich mit seinen hungrigen Augen. Unsere Blicke trafen sich. Heiße Lust stand ihm ins Gesicht geschrieben und ich wollte nicht mehr warten. Wollte das Knistern nicht noch mehr anheizen, sondern ihn endlich wieder richtig spüren. »Komm her«, forderte ich ihn auf und nur eine Sekunde später trat er zu mir unter die Dusche. Unsere Münder trafen sich. Heiß, verlangend, ungestüm. Ich keuchte auf und öffnete meine Lippen. Sofort fand seine Zunge den Weg in meinen Mund. Ich umschlang ihn mit den Armen. Zog ihn an mich. Sein harter Schwanz berührte meinen. Ich stöhnte auf. Unfassbar geil.

Jars Hände wanderten zu meinem Hintern und kneteten ihn. Ich drückte mich den Bewegungen entgegen. Fuhr fahrig über seinen Rücken. Durch seine nassen Haare, die sich um seinen atemberaubenden Körper legten. Immer mit dem Verlangen nach mehr.

Die Hüfte des Dämons zuckte mir entgegen, drückte sich stärker an meinen Harten. Ich stöhnte auf und legte den Kopf in den Nacken. Sofort fiel Jar über meinen Hals her. Leckte, biss und küsste. Brachte mich vollkommen um den Verstand. Dann ging er weiter nach unten. Reizte mit seinen Fingern meine Brustwarzen, die sich sofort aufrichteten. Durch meinen Körper ging ein Beben. Er zwickte hinein und Lust breitete sich von dort überall aus. Ich keuchte auf.

»Scheiße, Luca, was machst du nur mit mir?«, raunte Jar heiser und biss in meine Brust.

Ich wollte ihn auch berühren. Strich mit festem Druck über seinen muskulösen Oberkörper und ging dann tiefer. Sein Schwanz war hart und heiß in meiner Hand. Ich reizte ganz sanft mit den Fingern seine Eichel. Jar stöhnte erregt auf. Der Druck an meinem Arsch wurde fester. Ich spürte eine Hand, die durch den Spalt fuhr. Verdammt, ich wollte mehr.

Mein Mund suchte seinen. Unsere Zungen kämpften miteinander, während ich weiter mit seiner Schwanzspitze spielte. Jar knurrte voller Lust. Ich wusste, dass er mehr Reibung brauchte. Genau wie ich.

Mit einem leisen Fluch löste sich Jar von mir und bevor ich verstand, was er wollte, hatte er mich bereits umgedreht. Er presste sich von hinten an mich. Ich spürte seinen Ständer, der sich zwischen meine Pobacken schmiegte. Es war anders, aber ich konnte in dem Moment nicht klar denken. Es fühlte sich einfach nur geil an und ich brauchte noch mehr. Ich stöhnte auf.

»Vertraust du mir?«, raunte der Dämon in mein Ohr und ich brachte nur ein Nicken zustande. Dann biss er mich in den Nacken und trat von mir weg. Ich hatte keine Zeit mich zu wundern, denn nur einen Moment später wurde mein Hintern mit kleinen Küssen und Bissen übersät. Gleichzeitig massierte er die beiden Backen und zog sie immer wieder auseinander. Ich war vollkommen gefangen in meiner Erregung. Die Hand ging automatisch zu meinem tropfenden Schwanz. Ich war so geil, ich wollte kommen.

»Finger weg«, knurrte Jar.

»Verdammt, dann mach was«, forderte ich fluchend, aber kam seinem Wunsch nach. Stützte mich an den Fliesen ab, um der Versuchung zu widerstehen.

Der Dämon lachte leise, aber dann spürte ich etwas in meinem Spalt. Es war kein Finger, dafür war es zu heiß, zu beweglich. Er leckte mich. Ganz langsam und bedächtig fuhr seine Zungenspitze vom Damm zu meinem Eingang. Für eine Sekunde versteifte ich mich. Es fühlte sich fremd an. Seltsam. Intim. Aber nicht nur. Irgendwie schürte es auch meine Lust, als er über mein Loch leckte. Immer wieder mit der Spitze neckte. Ich keuchte auf und spreizte die Beine ein bisschen weiter. Auch wenn es ungewohnt war, ich brauchte mehr. Er reizte den Muskel und griff dabei um mich herum. Fest umfasste er meinen Ständer und ich stöhnte auf.

Bedächtig rieb er ihn und leckte mich dabei. Ich war wie von Sinnen. Nur noch geil. Meine Eier zogen sich immer weiter zusammen. Meine Hüfte zuckte den Bewegungen entgegen. Ich brauchte mehr. Als hätte er meine Gedanken erraten, wichste er mich schneller. Seine Zunge drückte bedächtig in mich hinein. Ich keuchte und spürte alle Nervenende in mir vibrieren.

»Verdammt Jar«, stöhnte ich, als ich merkte, dass seine Zunge ein bisschen in mich hineinglitt. Es war verrucht, seltsam und doch einfach nur geil.

»Luca, scheiße«, raunte der Dämon voller Lust, »du solltest dich sehen. So weich, so bereit.«

Seine Worte und die schneller werdenden Bewegungen an meinem Schwanz gaben mir den Rest. Ich legte den Kopf in den Nacken, als ich mit einem lauten Schrei meinen Saft gegen die Wand spritzte.

Meine Beine waren von der Intensität des Orgasmus weich, aber ich war noch nicht fertig mit Jar. Ich wollte, dass er auch kam. Wollte, dass er ebenso einen heftigen Höhepunkt hatte.

Ich drehte mich schwer atmend um und zog ihn zu mir hoch. Leidenschaftlich küsste ich ihn. Konnte mich selbst auf ihm schmecken. Wieder war es fremd, aber nicht abtörnend.

Seine harte Erektion drückte gegen meine Leiste und er stöhnte erregt.

Ich löste den Kuss und ging vor ihm auf die Knie. Seine Eichel war gerötet und das Wasser von der Dusche wusch immer wieder die einzelnen Lusttropfen weg. Wenn es ihm genauso ging wie mir eben, dann war er kurz vorm Explodieren. Deshalb lutschte ich direkt an seiner Schwanzspitze. Leckte die Tropfen ab. Spielte mit dem Bändchen. Jar stöhnte auf, legte die Hände an meinem Kopf, als würde er nicht wollen, dass ich aufhörte. Als ob ich das könnte. Ich nahm ihn, soweit ich konnte, in meinem Mund auf. Saugte an ihm, während ich den Kopf bewegte. Mit einer Hand massierte ich seine Eier, die sich schon fest zusammengezogen hatten.

Der Dämon keuchte auf. Ich züngelte die dicke Ader an seinem Ständer entlang und lutschte erneut die Spitze. Neckte den Schlitz. Dabei ging meine Hand weiter. Mit den Fingern reizte ich seinen Damm und fuhr über sein Loch.

Jar spannte für einen Moment die Muskeln in seinem Hintern an, aber als ich erneut seinen Schwanz in meinem Mund aufnahm und fest saugte, entspannte er sich wieder. Mit der Fingerspitze massierte ich sein Loch. Spürte unter den Fingern, wie die Muskeln weicher wurden. Lutschte stärker an seinem Steifen. Jar stöhnte immer lauter. Als ich mit der Fingerspitze in ihn eindrang, schlug er mit der Faust gegen die Fliesen. Gleichzeitig schrie er seine Lust heraus. Sein Saft schoss in meinen Mund. Diesmal wusste ich was kam, aber musste bei der Menge doch husten. Etwas lief meine Mundwinkel hinab. Mit einem Ächzen stand ich auf und begegnete dem Blick des Dämons.

Er wirkte noch benebelt, gleichzeitig strahlte mir Wärme entgegen und ein Gefühl, das ich nicht so recht einordnen konnte. In meiner Brust zog sich etwas zusammen. Diese Nähe und Intensität seines Blickes kribbelten in meinem ganzen Körper. Ich küsste ihn sanft. Träge erwiderte er den Kuss und umarmte mich dann fest. Ich wusste nicht, wie lange wir so eng umschlungen dastanden, aber es war mir auch egal. Dieser Moment war einfach nur perfekt.

 

»Das ist ja gut zu wissen, dann müssen wir nicht mehr nach einem Verräter in den eigenen Reihen suchen«, sagte Zack am Telefon, als ich ihm noch einmal ausführlich von dem Besuch von Camille Dubois berichtete.

Ich chillte gemütlich auf dem Sofa, während Jar unterwegs war. Er wollte in seinem Unterschlupf vorbeischauen und danach etwas zu essen mitbringen. Wie selbstverständlich hatte ich ihm mein Auto angeboten, was er überrascht und erfreut genommen hatte.

» Meinst du, dass sie ihn töten wird?«, erkundigte sich mein bester Freund neugierig.

Ich zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Einerseits ist sie einfach ein kaltes Miststück, andererseits ist er ihr Bruder.«

»Was gäbe es denn sonst für Strafen?«

Ich überlegte einen Moment. Als ich über die Geschichte der Vampire recherchiert hatte, hatte ich etwas darüber gelesen. »Früher gab es Bestrafungen wie Verbannung, aber auch körperliche Sanktionen wie Entfernung der Fangzähne oder Brandmarkung als Verräter«, erinnerte ich mich.

Zack lachte düster auf. »Das könnte ich mir bei ihr auch vorstellen.«

Mich überkam eine Gänsehaut bei dem Gedanken. Ich war kein riesiger Freund meines Vampirdaseins, dennoch würde ich auf meine Reißzähne nicht verzichten wollen. Sie waren ein Teil meines Körpers. Es musste unvorstellbar schmerzhaft sein, wenn sie einfach so herausgerissen wurden. »Ja, auszuschließen ist es nicht«, gab ich nachdenklich zurück, kam dann aber auf ein anderes Thema zu sprechen. »Soll ich heute nochmal ins Department kommen?«

»Untersteh dich«, erwiderte Zack sofort, »ich habe vorhin mit White gesprochen. Er hat uns ausdrücklich verboten, heute dort aufzutauchen. Wir sollen uns ausruhen, damit wir morgen wieder fit sind.«

Ich rollte mit den Augen, denn ich konnte mir vorstellen, wie nachdrücklich unser Chief diesen Wunsch vorgetragen hatte. Allerdings hatte ich auch nichts gegen einen entspannten Abend einzuwenden. Das Chaos würde uns schnell genug wieder einholen.

»Obwohl du morgen auch nicht ins Büro kommen sollst«, ergriff Zack erneut das Wort. Seine Stimme klang ein wenig zögerlich, sodass mir klar war, dass ich eigentlich nicht hören wollte, was er zu sagen hatte.

»Okay«, gab ich gedehnt zurück.

»Nein, Jar und du sollt morgen zu deiner Familie fahren, um mehr Informationen zum Ablauf und den Risiken des Blutrituals zu bekommen«, platzte er heraus.

Das hatte ich befürchtet. Der Chief hatte mich immer wieder nachdenklich gemustert, sodass es mich nicht überraschte, dass er diesen Schwachsinn wirklich in Betracht zog. Ich fuhr mir aufgewühlt durch die Haare und stand auf, um durchs Wohnzimmer zu laufen. »Euch ist klar, dass wir damit vorsätzlich einen Dämon töten werden«, knurrte ich. Ein ungutes Gefühl erwachte in meinem Magen. »Obwohl, nicht wir, sondern ich.«

Zack seufzte am anderen Ende der Leitung und schwieg für einen Moment.

Ich rechnete schon nicht mehr mit einer Antwort, als er erneut seufzte. »Du hast recht und es ist verflucht scheiße«, begann er und ich hörte an seiner Stimme, dass es ihm genau wie mir ging. Er fand es ebenso falsch. Oder um es kurz zu machen: Es war einfach Mord. »Aber White hat auch recht. Die Situation ist dramatisch und das ist noch geschönt. Sie haben es nur mit Mühe geschafft, die Menschen ruhig zu halten. Ein kleines Vorkommnis und sie werden nichts mehr tun können. Der Polizeidirektor wählt quasi schon die Nummer des Militärs«, schnaubte er verärgert.

Es sollte mich nicht wundern, dennoch ließ ich mich entmutigt auf das Sofa sinken. Scheiße, der ganze Mist stand wirklich kurz vor der Explosion.

»Ich weiß, dass es ätzend ist mit dem Ritual, aber wir müssen irgendetwas tun und vielleicht verschafft es uns den Vorteil. Hör dir doch morgen einfach nochmal an, wie das Ganze genau abläuft«, bat er mich, auch wenn ich wusste, dass es nicht nur eine Bitte war. Es war zugleich eine Anweisung meines Teamleiters.

»Okay«, gab ich widerwillig nach.

»Gut. Dann wollte ich noch fragen, ob es bei morgen Abend bleibt?«, kam Zack auf das gemeinsame Essen zu sprechen. Stimmt, da war ja was.

Ich runzelte skeptisch die Stirn. »Hältst du das momentan für eine gute Idee?«

Er rollte gerade mit den Augen, da würde ich darauf wetten. »Wahrscheinlich nicht, aber auch wir müssen etwas essen.«

Da hatte er natürlich recht. »Dann lass uns doch zu Lawrence gehen. Ich hätte echt mal wieder Bock auf einen seiner geilen Burger.«

»Klingt gut. Kommt Jar auch mit?«

Das war die Frage, auf die ich gewartet hatte. Also subtil war er wirklich nicht, auch wenn er versuchte, es ganz nebenbei einfließen zu lassen. »Keine Ahnung«, gab ich locker zurück, »ich habe ihn gefragt, aber er wusste es noch nicht.«

»Wie ist er eigentlich so?«, fragte Zack neugierig.

Ich runzelte die Stirn. »Was meinst du genau?«

»Naja, er wirkt meist arrogant und kalt. Außerdem hat er eine große Fresse und weiß definitiv, dass er verdammt heiß aussieht. Allerdings hilft er uns und hat sich gestern auch vor dich geworfen, damit Berts Kugel dich nicht trifft. Deswegen kann ich ihn nicht richtig einschätzen«, gestand mir mein bester Freund. Er war wirklich neugierig. Eigentlich auch kein Wunder, schließlich war er sein Halbbruder und sie kannten sich kaum.

»Er ist gefährlich und kann wirklich ein selbstgefälliger Arsch sein«, begann ich nachdenklich, »aber das ist eine Fassade. Er hat schon ziemlich viel Scheiße mitmachen müssen und es ist wie eine Art Schutz. Wenn er mal vergisst, diese Maske aufzusetzen, ist er interessiert und aufmerksam. Macht blöde Witze. Ist fürsorglich und intelligent.« Wie von selbst legte sich ein Lächeln auf meine Lippen.

»Wow«, kam am anderen Ende der Leitung nur zurück.

Ich kratzte mich am Nacken. »Was denn?«

»Du klingst so anders, wenn du über ihn sprichst«, erwiderte er. In seiner Stimme klang Freude, aber auch Überraschung mit. »Sonst ging es immer nur um Sex, wenn du von den Frauen gesprochen hast.«

Seine Worte ließen mich innehalten. Es stimmte. Zumeist hatte ich viele auf das beschränkt, was sie für mich gewesen waren: heiße Bettgefährtinnen. Wieso hatte ich da nicht zuerst dran gedacht? Ich meine, es war wirklich extrem heiß, was wir miteinander hatten. »Keine Ahnung«, gab ich aufgewühlt zurück, »es fühlt sich auch anders an. Irgendwie richtig und gut.«

Zack lachte leise. »Das ist doch super, Mann. Solange der Sex dann auch noch geil ist.«

Mein Grinsen wurde dreckig. »Definitiv.«

»Das freut mich. Er soll morgen Abend mitkommen. Ich will diesen Kerl endlich genauer kennenlernen. Jetzt noch viel mehr«, erklärte Zack mit Nachdruck.

In dem Moment hörte ich, wie die Tür aufgeschlossen wurde. »Er kommt gerade zurück. Ich kann es ihm gerne ausrichten.«

»Mach das.«

Nach ein paar Abschiedsworten und guten, aber nicht erwünschten Tipps, was vermeintliche Stellungen betraf, legte ich auf. Bis zum Schluss war Zacks dreckiges Lachen zu hören.

Ich schüttelte den Kopf. Er war wirklich ein Spinner.

»Was sollst du mir ausrichten?«, erkundigte sich Jar, als er seine Schuhe auszog. Er hatte einen Rucksack geschultert.

»Zack will, dass du morgen Abend mitkommst.« Bevor er gleich wieder irgendwie ausweichen konnte, grinste ich ihn an. »Wir gehen ins Demons Burger. Glaub mir, Lawrence macht die besten Burger, die du je gegessen hast. Das ist wie ein Foodgasm.«

Auf Jars Lippen legte sich ebenfalls ein leichtes Lächeln. In seinen Augen funkelte es sinnlich auf. »Dir beim Essen zuzusehen, wenn du dabei fast einen Orgasmus bekommst, hört sich sehr vielversprechend an.«

Mein Grinsen wurde breiter. Dann schaute ich zu dem Rucksack. »War noch alles da?«

»Überraschenderweise ja. Ich habe auch noch einen Schergen von Zeus angetroffen, der mich sofort angegriffen hat. Naja, jetzt greift er niemanden mehr an.«

Ich musterte ihn einen Moment nachdenklich.

»Was?«, fragte er, während er in den Küchenbereich ging.

»Stört dich das Töten eigentlich?«, erkundigte ich mich neugierig.

Er drehte sich zu mir um und schien einen Moment zu überlegen. »Ich mache es nicht gerne, aber sehe es manchmal leider als Notwendigkeit an. Am Anfang hat es mir ziemlich zugesetzt, aber einmal habe ich jemanden laufen lassen, der dann direkt zu meinem Vater gerannt ist. Nur knapp konnte ich ihm damals entkommen. Seitdem tue ich es, wenn es nötig ist.«

Ich nickte, denn ich konnte ihn verstehen. Leider gehörte es auch bei uns immer wieder zum Job, aber besser wurde es dadurch nicht. »Ich glaube, deswegen habe ich auch so ein Problem mit dem Ritual«, gestand ich ihm ehrlich und er hob fragend eine Augenbraue. Ich lehnte mich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. »Bei der Arbeit töten wir auch, aber immer in einer Gefahrensituation und aus Notwehr. Bei dem Ritual müsste ich einen hilflosen Dämon vorsätzlich zum Tode verurteilen.«

Jar holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank und sah mich dann fragend an. Als ich nickte, nahm er eine weitere Flasche und kam dann zu mir. Er trank einen Schluck, bevor er mich ansah. »Du bist schon besonders, Luca«, meinte er leise. Ich war mir für einen Moment sicher, so etwas wie Bewunderung in seinen Augen zu sehen. Aber sofort war es wieder weg. »Andere würden nicht zögern, das Ritual durchzuführen, um stärker zu werden. Aber du hast hohe Maßstäbe an die Gerechtigkeit. Das ist gut und deswegen bist du wahrscheinlich auch der Mann, der in der Prophezeiung genannt wird und nicht einfach nur ein Agent.«

Seine Worte weckten wieder das warme Kribbeln in mir. Obwohl ich mein Handeln einfach nur als natürlich empfand, schmeichelte mir seine Einschätzung irgendwie.

Jar trank noch einen Schluck und stellte dann abrupt die Flasche auf dem Tisch ab. Begeistert sah er mich an. »Das ist es!«, rief er aus.

Ich runzelte die Stirn. »Was ist was?«, fragte ich entgeistert.

Der Dämon grinste breit. »Die Prophezeiung lautet doch: Wenn der Wille nach und nach allen genommen, wird der Jüngste entscheiden, ob die Macht gewonnen oder alles zerstört wird, oder?«

Ich hatte keine Ahnung, worauf er hinauswollte, aber nickte zustimmend.

»Und du musst etwas entscheiden, was dann zu mehr Macht führt oder alles zerstört?«

Erneut nickte ich argwöhnisch.

»Ich denke, dass es klar ist, dass mit dem ersten Teil die Situation gemeint ist, in der wir uns gerade befinden. Zeus nimmt stetig mehr übersinnlichen Wesen den Willen.«

»Auf jeden Fall«, unterstützte ich seine Interpretation, wusste allerdings immer noch nicht so genau, worauf er hinauswollte.

»Ich bin mir ziemlich sicher, dass es darum geht, dass mit den Worten ‚alles zerstört wird‘, gemeint ist, dass Zeus seine Ziele erreicht. Es könnte allerdings auch sein, dass der Eingriff durch das Militär und damit die Unterdrückung der Supernaturals gemeint ist«, fügte Jar aufgeregt hinzu.

»Ergibt beides Sinn«, stimmte ich ihm grimmig zu. Beide Möglichkeiten waren verdammt schlecht für uns, denn auch wenn Zeus sagte, dass er nicht mehr will, dass sich die Übernatürlichen verstecken müssen, war klar, dass es damit nicht enden würde. Er strebte nach Macht und konnte sich selbst eine Armee erschaffen. Das war uns allen sofort klar gewesen.

»Naja, und du hast nun die Möglichkeit ein Blutritual durchzuführen, was dir weitere Fähigkeiten und Macht verschaffen kann. Dafür musst du dich aber entscheiden, ob du es tust oder nicht.« Bedeutungsvoll sah er mich an.

In meinem Kopf ratterte es. Nach und nach drang es in meinem Verstand. »Du glaubst also, dass in der Prophezeiung von der Entscheidung für oder gegen das Ritual gesprochen wird? Dass diese Entscheidung zu unserem Sieg oder zu unserer Niederlage führt?«

Der Dämon nickte eifrig. »Das wäre eine Erklärung und deswegen ist auch verständlich, warum du diese Rolle spielst. Andere würden, ohne nachzudenken, das Ritual durchführen, aber du lehnst es eigentlich ab. Weißt jedoch auch, dass uns die Alternativen ausgehen, und bist deswegen im Zwiespalt.«

Ich nahm noch einen Schluck Bier und legte dann nachdenklich die Füße auf den Couchtisch. Er könnte recht haben. Es ergab ein schlüssiges Bild. Dennoch war mir dadurch immer noch nicht klar, wie ich mich entscheiden sollte. Ich raufte mir die Haare und legte dann den Kopf in den Nacken. »Ist das ätzend«, fluchte ich und sah dann zu Jar. »Aber irgendwie klingt es logisch. Auch wenn ich dadurch nicht schlauer bin, was die Entscheidung betrifft.«

Der Dämon grinste mich spitzbübisch an. »Das wäre ja auch zu einfach.«

Ich zeigte ihm den Mittelfinger, woraufhin er lachte. Da fiel mir wieder etwas ein. Ah, das Lachen wird ihm gleich vergehen, dachte ich fies und ein hinterhältiges Lächeln legte sich auf mein Gesicht.

Der Dämon hatte mich aufmerksam gemustert und bemerkte die Veränderung sofort. Argwohn trat auf seine Miene. Ich weidete mich kurz an dem Anblick, aber konnte dann nicht mehr an mich halten. »Wir haben übrigens den Befehl bekommen, dass wir morgen gemeinsam zu meiner Familie fahren sollen, um mehr über das Ritual zu erfahren.«

Bei jedem Wort versteifte sich der Dämon mehr. Ich wusste genau, warum. Er würde meine chaotische Familie kennenlernen. Eigentlich nur aus beruflichen Gründen. Aber durch dieses Ding, das wir hatten, war es ihm zu viel und zu nah. Tja, da musste er durch. Ich zuckte nur gleichmütig mit den Schultern. »Anweisung ist Anweisung.«

Er verzog gequält das Gesicht. Anscheinend erinnerte er sich noch gut an die Geschichten über meine Familie. Mein Grinsen wurde noch breiter.

Nach einem Moment atmete er tief durch. »Wird schon schief gehen«, murmelte er missmutig.

Ich lachte auf. »Berühmte letzte Worte«, gab ich nur zurück und zwinkerte ihm zu.

Er schnaubte abfällig. Der Effekt wurde allerdings zunichtegemacht, als gleichzeitig sein Magen knurrte. Aber ich konnte ihm nur zustimmen: Essen war eigentlich eine wirklich gute Idee.

 

Nur wenige Minuten später türmten sich verschiedene Verpackungen vom Chinesen vor uns auf. Kleinlaut hatte Jar zugegeben, dass er sich nicht hatte entscheiden können. Ich musste grinsen, das würde wohl noch für die nächsten Tage reichen. Allerdings hatte ich ebenfalls ordentlich Appetit. Ich biss gerade in eine Frühlingsrolle, als mich der Dämon mit einer Frage überrumpelte. »Du wurdest noch nie in den Arsch gevögelt, oder?«

Ich verschluckte mich und musste erstmal husten. Er musterte mich seelenruhig. Als ich mich beruhigt hatte, sah ich ihn entgeistert an. »Und die Frage kommt dir, wenn ich gerade in eine Frühlingsrolle beiße?«

Um seine Mundwinkel zuckte es. »Keine Ahnung.«

Ich trank einen Schluck Bier und sah ihn dann an. »Aber nein, wurde ich noch nicht.«

»Hmmm.« Nachdenklich fixierte er mich. »Aber es hat dir doch gefallen, oder? Als ich dich vorhin geleckt habe?«

Wieder entschied ich mich für Ehrlichkeit. »Ich hätte es nicht gedacht und bisher wäre es mir nie in den Sinn gekommen, es auch mal zu probieren, aber ja, hat es. Es war ziemlich geil.«

Jar grinste erfreut und nahm sich eine Portion gebratene Nudeln. »Also hast du schon beide Eingänge bei Frauen bedient?« Er schaufelte sich eine große Menge in den Mund und kaute bedächtig.

Bei seiner Umschreibung verdrehte ich kurz die Augen, aber nickte dann erneut. »Wenn du es so ausdrücken willst, ja. Manche von ihnen mochten es, anal gefickt zu werden.«

»Und du?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Da ich es noch nicht ausprobiert habe, kann ich es natürlich nicht genau sagen, aber vorhin war es ziemlich heiß.«

»Oh ja!« Jars Augen glänzten sinnlich auf. »Das war es! Du bist unglaublich geil, wenn du dich in deiner Lust und Leidenschaft verlierst.«

Bevor ich wieder darüber nachdenken konnte, wie es sich angefühlt hatte seine Zunge an meinem Loch zu spüren und sich mein Schwanz noch mehr für das Thema interessieren konnte, stellte ich schnell die Gegenfrage. »Und wie ist es bei dir?«

Jar zuckte mit den Schultern. »Normalerweise lasse ich mich nicht ficken. Mein Arsch ist tabu. Nur bei Jamaal habe ich den Bottom gegeben, danach nie wieder.« Seine Worte klangen auf einmal kühl. Ich spürte einen Stich bei dem Namen seiner großen Liebe. Und er hatte von Anfang an deutlich gemacht, dass er nur toppte. Dennoch passte da etwas nicht und ich runzelte die Stirn.

»Aber ich habe dich dort auch berührt und es hat dich angemacht«, wies ich ihn auf eine Tatsache hin.

Jar stellte die Nudeln weg und trank noch ein Schluck Bier. Für eine gefühlte Ewigkeit schwieg er.

Ich griff nach dem Chop Suey, als ich seine Worte vernahm. Sie waren so leise, dass ich sie fast nicht mitbekam. »Mit dir ist alles anders. Alles.«

Meine Lippen verzogen sich zu einem breiten Grinsen. Ich schaute zu dem Dämon, der den Kopf auf der Lehne des Sofas abgelegt und die Augen geschlossen hatte.

»Grins nicht so selbstgefällig«, knurrte er, sah mich aber weiterhin nicht an.

Es wurde noch breiter und das warme Gefühl zog durch meine Brust. Aber er hatte recht. Es war anders zwischen uns. Faszinierend, fesselnd und doch so selbstverständlich. Irgendwie einfach richtig.

Ich aß noch etwas, aber konnte den Mann neben mir nicht aus den Augen lassen. Er tat so, als würde er es nicht bemerken. Dabei spürte er meinen Blick genau. Mittlerweile ließ er sich auch noch etwas von dem Essen schmecken.

Ob ihm klar war, dass wir hier gerade wie ein Paar zusammensaßen? Ich musste erneut schmunzeln. Er würde wahrscheinlich sofort wieder das Weite suchen, wenn es ihm klar werden würde. Ich fühlte mich auf jeden Fall sauwohl und holte uns beiden noch ein Bier, bevor ich mich erneut auf das Sofa fläzte. Wieder nahm ich den Mann ins Visier. Dabei kamen die Erinnerungen daran hoch, wie sich sein Schwanz in meinen Spalt gepresst hatte. Wie sich seine Zunge an meinem Loch angefühlt hatte. Wie sein Kuss nach mir geschmeckt hatte. Wie seine harte Erektion in meinem Mund pulsiert hatte.

Bei den Gedanken schoss immer mehr Blut in meinen Schritt. Ich setzte mich etwas bequemer hin, lehnte mich an der Seite des Sofas an, sodass ich den Mann ungeniert anstarren konnte. Bei jeder Bewegung, die er machte, spannten sich verschiedene Muskelpartien an. Dann wirkten die Linien auf seiner Haut, als würden sie sich bewegen. Das war unheimlich faszinierend und auch ungeheuer sexy.

»Gleich geht meine Kleidung in Flammen auf, wenn du weiter so drauf starrst«, knurrte Jar und stellte bedächtig das Essen auf den Tisch. Dann wandte er sich mir zu. Unsere Blicke verhakten sich. Seine Fassade war verschwunden und ich konnte in ihm lesen. Steigendes Verlangen, Wärme und noch so viel mehr.

»Ich liebe es, wenn du mich so ansiehst, so ohne diese kalte Maske«, platzte ich heraus. Nur eine Sekunde später wurde mir klar, was ich gesagt hatte. Für einen Wimpernschlag versteifte sich der Dämon, aber dann atmete er tief durch. Sah mich weiter offen an.

»Du sorgst dafür, dass sie verschwindet. Ich kann nichts dagegen tun. Gegen deine Lebensfreude, deine Leidenschaft und deinen schrägen Humor habe ich keine Chance. Ich kann und will mich nicht mehr dagegen wehren«, gab er leise zurück. Ich konnte sehen, wie schwer es ihm fiel, dass zuzugeben. Seine Worte zogen in meiner Brust.

»Es ist alles anders«, wiederholte ich den Satz von vorhin.

Langsam kam er näher und nickte dabei. »Alles.«

Diese Nähe zwischen uns raubte mir fast den Atem. Es war richtig, genau in dem Moment wurde es mir klar. Genauso sollte es sein. Unbeirrt sahen wir uns an. Ich spürte, dass die Intensität immer mehr zunahm und uns beide überforderte.

»Wusstest du, dass der Türcode zum Loft von Zack und Cain 6969 ist?«, rutschte mir heraus.

Jar stutzte eine Sekunde und begann dann anzüglich zu grinsen. »Was für eine schöne Zahlenkombination«, sinnierte er und sein Lächeln wurde sinnlicher. »Und sie kann so befriedigend sein.«

»Kann sie das?«, fragte ich neckend und spürte, dass ich bei seinem verlangenden Blick über meinen Körper atemloser wurde.

In seinen Augen blitzte es auf. »Oh ja!«, versprach er mir und kam weiter auf mich zu. Fixierte mich mit seinem Blick und ließ allein dadurch meine Erregung wachsen. Ich war gespannt.


 

09. März – morgens

 

Am nächsten Morgen wachte ich mit einem breiten Grinsen auf. Ich hatte geschlafen wie ein Baby, was vermutlich auch daran lag, dass die 69 nun auch zu meiner Lieblingszahl geworden war. Ein Blick auf mein Smartphone zeigte mir, dass es bereits neun Uhr war.

Langsam mussten wir aus dem Bett, auch wenn ich wahnsinnig gerne noch mehr Zeit mit dem heißen Kerl hier drin verbracht hätte. Ich bekam einfach nicht genug von ihm. Allein der Gedanke, wie er mich gestern Abend noch in den Himmel geblasen hatte, ließ meine Morgenlatte zu einer ausgewachsenen Erektion werden. Na ja, vielleicht ließe sich ja noch schnell Druck loswerden, bevor wir zu meiner Familie fahren mussten. Es wäre auf jeden Fall entspannter, wenn mein Schwanz nicht die ganze Zeit auf halbmast stünde, wenn mich Lupita ins Visier nahm.

Ich hatte Rosa gestern geschrieben, dass wir vorbeikommen würden, um über das Ritual zu sprechen. Von daher wusste ich, dass sie wahrscheinlich schon die ganze Zeit auf uns wartete, auch wenn ich gesagt hatte, dass wir erst gegen Mittag da wären.

Mit einem Lächeln im Gesicht drehte ich mich zu Jar, nur um festzustellen, dass der Rest des Bettes leer war. Enttäuscht runzelte ich die Stirn, nahm aber im nächsten Moment den Geruch von frischem Kaffee wahr. Meine Augen leuchteten auf und ich schwang die Beine aus dem Bett. Damit hatte er mich schon. Der wunderbare Duft des Muntermachers direkt nach dem Aufstehen. Mit einem Lächeln ging ich ins Wohnzimmer und es wurde noch breiter, als ich Jar sah, wie er zwei Becher aus einem der Küchenschränke nahm. Dabei streckte er sich und ich konnte einen wunderbaren Blick auf seinen Hintern erhaschen. Der sah wirklich zum Anbeißen aus in der Lederhose.

Als er sich zu mir umdrehte, weiteten sich seine Augen. Dann trat ein verführerisches Lächeln auf seine Lippen. »Was für ein Anblick am Morgen«, schwärmte er und betrachte mich von oben bis unten.

Ich sah an mir herunter und stellte fest, dass ich nackt war. Mein Schwanz noch immer halbsteif. Ich lehnte mich lässig an die Wand und verschränkte meine Arme vor der Brust. »Genau dasselbe habe ich eben über dich gedacht.«

»Bleib mal so stehen«, forderte er mich auf und drehte sich schnell zu der Maschine, um uns Kaffee einzuschenken. Dann wandte er sich wieder mir zu, trank einen Schluck und lehnte sich mit dem Hintern an die Arbeitsplatte. Er biss sich auf die Lippe. »Du siehst einfach verflucht heiß aus«, gestand er mir und verschlang mich mit seinen Augen. Unter dem gierigen Blick schoss immer mehr Blut in meine Körpermitte.

»Man tut, was man kann«, gab ich lapidar zurück, hörte aber selbst, wie rau meine Stimme auf einmal klang.

Allein durch seine Präsenz und seine Musterung heizte sich die Stimmung zwischen uns auf. Ich spürte das elektrische Knistern und starrte den Dämon vor mir weiter an. Bemerkte jede Regung in seinen Augen. Er war scharf auf mich. Ein Blick in seinen Schritt zeigte mir, dass sich die Lederhose wölbte. Das machte es nicht besser. Meine Lippen waren plötzlich trocken. Ich leckte mit der Zungenspitze drüber.

Jar zischte zwischen zusammengebissenen Zähnen und starrte auf meinen Mund. Er war auf einmal viel zu weit entfernt. Gemächlich ging ich zu ihm. Ließ mich von ihm anziehen, wie die Motte vom Licht. Nackt. Erregt. Mit der Hoffnung auf mehr.

Als er keinen Schritt auf mich zumachte, zwang ich mich ebenfalls dazu, mich zu beherrschen. Scheinbar gelassen griff ich nach dem Kaffee. Innerlich bebte ich jedoch. Seine Nähe verwirrte mich. Sein Duft heizte das Verlangen nach mehr an.

Ich trank einen Schluck und ballte die andere Hand zur Faust. Es kam mir vor, als hätte er mich herausgefordert, wer den ersten Schritt machen würde. Das weckte meinen Ehrgeiz. Genüsslich nahm ich noch einen Schluck und stöhnte dabei voller Wonne auf.

Nur eine Sekunde später hatte mich Jar gegen die Küchenzeile gedrückt. Sein Schwanz drückte sich an meinen Arsch. Er war genauso hart wie ich. Ich lehnte mich ihm entgegen. Mit fast groben Bewegungen fuhr er über meinen Oberkörper, bis er an meinem Harten angekommen war. Als er ihn umfasste, keuchte ich auf und konnte gerade noch den Becher abstellen. Es war heiß, dass er vollkommen angezogen und ich nackt war.

»Verdammt Luca, du machst mich echt fertig«, raunte er in mein Ohr und biss leicht ins Ohrläppchen.

Ich stöhnte auf, als er mit seinem Daumen über meine Eichel rieb. »Das musst du gerade sagen.« Gemächlich wichste er mich und küsste dabei meinen Hals. Es war scharf, aber ich brauchte es schneller, härter.

»Ich wünsche dir viel Spaß unter der Dusche und will doch sehr hoffen, dass du an mich denkst, wenn du dir gleich einen runterholst«, hauchte er mir zu und ließ dann meinen tropfenden Schwanz los.

Die Hitze seines Körpers verschwand. Ich drehte mich zu ihm um. Kniff meine Augen zu Schlitzen zusammen. »Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?«

Er hob beschwichtigend die Hände. »Sorry, ich muss los, aber bin gleich wieder da. Wenn du dich so lange gedulden kannst, nur zu gerne, aber ich bin bereits spät dran.«

Ich blickte ihn perplex an. Es war anscheinend sein voller Ernst. Verflucht, ich war richtig geil und er musste etwas erledigen. »Dann will ich für dich hoffen, dass es wichtig ist«, knurrte ich unzufrieden.

Er sah mir in die Augen. Ich konnte ebenfalls das Verlangen in ihnen sehen. Und nicht nur das. Bedauern blitzte auf. »Glaub mir, das fällt mir gerade nicht leicht. Du hast keine Ahnung, wie scharf du in diesem Moment aussiehst, mit dem wütenden Blick und dem leckenden Schwanz.« Er raufte sich die offenen Haare und verschwand dann mit einem Fluch.

Für einen Moment starrte ich überrumpelt die geschlossene Haustür an, dann meldete sich meine Erregung zurück. Dieser verfluchte Idiot haute einfach ab. Grimmig umfasste ich meine Erektion. Ich musste jetzt kommen, auch wenn die Stimmung im Arsch war. Dabei war er ebenfalls scharf gewesen. Ich hatte es nicht nur gesehen, sondern auch gespürt. Na warte, du Mistkerl. Mir schoss eine Idee in den Sinn und ein fieses Lächeln legte sich auf mein Gesicht.

Ich schnappte mir mein Smartphone und machte es mir auf dem Sofa gemütlich. Die Beine spreizte ich weit und leckte einmal über meine Hand. Dann begann ich mich zu wichsen. Dabei umfasste ich meine Eier und massierte sie. Mit geschlossenen Augen dachte ich daran, wie Jar mir den Arsch geleckt hatte. Wie es sich angefühlt hatte, seine Finger dort zu spüren. Ich keuchte auf. Wie sich sein heißer Mund um meinen Schwanz anfühlte.

Ich verteilte die Lusttropfen auf meiner pulsierenden Erektion und rieb mich schneller. Dabei sah ich die Bilder, wie Jar mich voller Lust ansah, als ich seinen Ständer mit meinem Mund umschloss. Wie er in mir gezuckt hatte. Wie sich jeder Muskel in seinem atemberaubenden Körper angespannt hatte, bevor er in meinem Mund gekommen war.

Meine Eier zogen sich zusammen. Ich stöhnte auf und spürte, dass es nicht mehr lange dauern würde. Schnell ließ ich meinen Sack los und griff nach dem Smartphone. Gemächlich wichste ich mich dabei weiter. Als die Videoaufnahme gestartet war, rieb ich meine glitschige Eichel, verteilte die Tropfen auf meinem Schwanz und umfasste ihn dann fest. Ich stöhnte auf. Vor meinem inneren Auge sah ich Jar, wie er sich das Video anschaute. Irgendwo draußen, unter Menschen. Wie es ihn geil machte. Wie sein dicker Schwanz hart wurde. Meine Bewegungen wurden schneller. Ich stöhnte laut.

Sah, wie er sich selbst durch die Hose rieb, weil es ihn so scharf macht.

Ich legte den Kopf in den Nacken, konnte mich nicht mehr darauf konzentrieren, das Handy ruhig zu halten. Erhöhte nochmal das Tempo und spürte dann, wie es mich überkam. Mit einem langgezogenen Stöhnen schoss der Saft aus mir heraus. Auf meinen Bauch, meine Brust, bis zum Hals.

Befriedigt und mit einem hinterhältigen Grinsen beendete ich das Video und versendete es. Das hatte er nun davon.

 

Frisch geduscht und munter vom Kaffee zog ich mich an, als Jar in das Apartment stürmte. »Hast du eine Ahnung, was gerade passiert ist?«, knurrte er.

Unschuldig zog ich die Augenbraue hoch. »Nein, keinen Schimmer.«

Mit einem Fluch zog er mich an sich und drückte mich gegen die nächste Wand. »Ich musste in einem Café auf eine Toilette gehen, um mir einen runterzuholen, weil ich dachte, dass ich es nicht bis hierher schaffe. So verflucht geil hast du mich mit dem Video gemacht.«

Genugtuung stieg in mir auf. Meine Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. »Dann solltest du dir beim nächsten Mal lieber zweimal überlegen, ob du mich erregt allein lässt«, gab ich gelassen zurück.

Er ließ mich los, haute mit der Faust gegen die Wand und raufte sich dann die Haare. »Verdammt, als wäre ich wieder 16 …«

Ich prustete los. Es schien ihn echt mitzunehmen, dass er sich nicht hatte beherrschen können.

Er funkelte mich böse an. »Lach du nur, aber das kriegst du zurück. Hast du dir dieses hammergeile Video eigentlich mal angesehen?«

Ich schüttelte amüsiert den Kopf. »Nein, wieso sollte ich. Ich war doch dabei«, zog ich ihn auf.

Er kniff die Augen zu Schlitzen zusammen. »Hahaha …«, machte er erbost.

»Ach Mann, mach dir doch nichts draus. Es kann doch jedem mal passieren, dass er sich nicht mehr richtig beherrschen kann«, neckte ich ihn lachend weiter.

Wieder konnte ich nicht so schnell gucken, wie ich an die Wand gedrückt wurde. »Das, mein lieber Luca, werden wir sehen«, versprach er mir und in seinen Augen blitzte es verheißungsvoll auf.

Verdammt, jetzt hatte ich ihn anscheinend herausgefordert. Aber ich spielte für mein Leben gern, deshalb grinste ich ihn nur an. »Ich bin gespannt«, gab ich lässig zurück.

»Das kannst du auch sein«, raunte er und blickte mich dann direkt an. Das fiese Funkeln verschwand und Wärme trat in seinen Blick. »Übrigens: Happy Birthday!« Dann küsste er mich sanft.

Sein Stimmungswechsel überraschte mich. Dessen ungeachtet verzog sich mein Mund zu einem Lächeln. Ich fand es schön, dass er an den Tag gedacht hatte, obwohl er für mich als Vampir nicht unbedingt wichtig war. »Danke.«

Er nickte und es kam mir so vor, als würde er ein wenig unsicher werden. »Ich habe eben dein Geschenk abgeholt, deswegen musste ich weg«, erklärte er und deutete in Richtung Wohnzimmer.

Dann ließ er mich los und verließ das Schlafzimmer. Bei seinen Worten stieg Neugier in mir auf. Ein Geschenk? Von ihm?

Schnell zog ich mir noch einen dunkelroten Rollkragenpullover über und lief ihm dann hinterher. Er war jedoch nicht zu sehen. Allerdings hörte ich die Dusche rauschen. Ich war in Versuchung zu ihm zu gehen, aber ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass ich das lieber lassen sollte. Wir würden nachher noch Zeit haben. Kurz erlaubte ich meiner Fantasie abzudriften. Zu dem, was ich noch mit ihm vorhatte. Mein Lächeln wurde breiter. Ich spürte, wie sich in meiner verdammten Hose wieder etwas regte. Hastig drängte ich die heißen Gedanken weg und schielte stattdessen gespannt zu dem schlicht verpackten Geschenk.

Ich hatte keine Ahnung, was da drin sein konnte. Langsam näherte ich mich dem Tresen, auf dem es lag. Zuerst dachte ich, dass es ein Buch war, aber das passte nicht. Zu groß. Aber von der Höhe hätte es gepasst. Es war auch kein Aufkleber dran, so dass ich nicht mal sagen konnte, aus welchem Laden es war.

»Willst du noch länger drum herumschleichen oder es einfach aufmachen?«, riss mich Jar aus meinen Überlegungen.

Ich tippte mir ans Kinn. »Hmmm, ich rate so gerne«, überlegte ich laut, aber grinste dann schelmisch. »Allerdings bin ich noch neugieriger.« Damit griff ich nach dem Paket und riss das Papier auf. Zum Vorschein kam weiches, dunkelbraunes Leder. »Wow!«, sagte ich ungläubig und schob die Verpackung ungeachtet zur Seite. Mein Blick ruhte auf der verdammt schicken Lederhose. Ich wusste nicht so recht, was ich sagen sollte. Die Hose war der Hammer, das Leder war so butterweich, sie musste echt teuer gewesen sein. Und dabei wusste ich doch, dass er nicht wirklich viel Geld hatte. Unsicher schaute ich zu dem Dämon, der nur kurz den Kopf schüttelte, als hätte er meine Gedanken gelesen und wollte davon nichts hören.

»Glaub mir ruhig, dass ich die nicht nur für dich gekauft habe«, raunte mir Jar zu und ein dreckiges Grinsen legte sich auf sein Gesicht. »Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich auch was davon haben werde.«

Bei seinen Worten musste ich ebenfalls schmunzeln. »Ach so, du hast mir die Hose nur geschenkt, weil du meinen Arsch darin anstarren willst?«

In seinen Augen blitzte die Vorfreude auf. »So könnte man es auch sehen. Allerdings würde ich dich bitten, sie nicht gleich anzuprobieren. Ansonsten bin ich garantiert zu abgelenkt.«

»Das könnte wirklich interessant werden«, gab ich lachend zurück. Dann legte ich die tolle Hose beiseite und zog den Mann zu mir heran. »Danke«, sagte ich sanft und küsste ihn kurz.

»Gern«, raunte er und haute mir dann auf den Hintern. »Und obwohl ich es wirklich ungern sage, aber ich glaube, wir müssen los.«

»Oh ja«, erwiderte ich wenig enthusiastisch, »ich bin gespannt, was uns erwartet. Du weißt ja, dass einige aus meiner Familie andere übersinnliche Rassen nicht leiden können und auch noch was gegen Schwule haben. Mach dir jedoch keine Gedanken, es wird schon alles gut gehen.«

»Wie war das: Berühmte letzte Worte?«, murrte Jar grimmig.

 

Der Dämon war auf der Fahrt immer stiller geworden. Ich spürte, dass er sich hinter seiner Maske verschanzte, aber das war in Ordnung. Ich freute mich, meine Familie wiederzusehen, aber für ihn würde es nicht einfach sein. Auch wenn er mich offiziell nur aus beruflichen Gründen begleitete. Wir wussten beide, dass es darüber hinaus ging. Dafür mussten wir dem Ganzen keinen Namen geben. Aber die letzten Tage hatten gezeigt, dass uns einiges mehr verband, als nur körperliche Anziehung.

Als ich auf den Hof einbog, wartete Rosa bereits auf der Veranda. Entweder hatte sie ein echt gutes Gespür oder sie hatte mich wirklich vermisst. Wahrscheinlich war es eine Mischung aus beidem. Sie hasste es, wenn wir stritten. Und mir tat es auch jedes Mal leid, aber manchmal musste man bei ihr einfach stur sein und sein Ding durchziehen, sonst hatte man keine Chance.

»Cariño!«, rief sie lautstark und kam mir entgegengelaufen. Dabei wallte der buntgemusterte Rock um ihre Beine. Ihr hautenges Top war ebenfalls ziemlich farbenfroh, sodass sie nicht zu übersehen war. Ihre schwarzen Locken wippten bei jedem Schritt. In den braunen Augen erkannte ich Freude, aber auch mütterliche Sorge.

Mit einem breiten Grinsen schloss ich sie in meine Arme. Sie roch wie immer ein wenig nach Essen unter dem blumigen Geruch ihres Parfums. Es waren nur ein paar Tage gewesen und doch war es schön, sie wiederzusehen.

»Gut, dass du wieder bei mir bist!«, schniefte sie an meiner Brust.

»Ach Mamá, so lange ist es nun auch nicht her«, neckte ich sie sanft und küsste sie dann aufs Haar.

Sie löste sich von mir und boxte gegen meinen Unterarm. »Viel zu lange, du Blödmann«, schimpfte sie, aber ihre Augen blickten mich weiter liebevoll an.

Aus dem Augenwinkel sah ich eine Bewegung und schaute zum Auto. Jar war ebenfalls ausgestiegen und lehnte sich lässig gegen die Motorhaube. Wie immer fiel mir auf, wie gut er aussah. Dabei konnte ich mich jedoch nicht entscheiden, ob ich es besser fand, wenn er die Haare offen trug, oder wie heute zu einem Man Bun gebunden. Beides war auf seine Art und Weise heiß.

»Du hast ja schon von 'wir' gesprochen, aber ich dachte, dass du vielleicht Zack meintest«, sagte meine Mutter und ging neugierig auf den Dämon zu.

»Das ist Jar Doe, er ist –«, ich hielt eine Sekunde inne, weil ich keine Ahnung hatte, was ich sagen sollte. Was war er denn?

Ich spürte seinen interessierten Blick auf mir ruhen. Als ich ihn ebenfalls ansah, erkannte ich das amüsierte Funkeln in seinen Augen. Fand er das gerade witzig?

Ich zeigte ihm den Mittelfinger und seine Mundwinkel kräuselten sich. »Er ist ein Freund und Kollege«, beendete ich den Satz.

»Und so ein hübscher junger Mann«, bemerkte Rosa sogleich und musterte ihn ungeniert.

Jar verschränkte die Arme vor der Brust und ließ sich geduldig begaffen. Ich grinste in mich hinein, da würde noch viel mehr auf ihn zukommen.

»Ich danke Ihnen, Ma'am«, entgegnete er höflich.

Rosa war bei ihm angekommen und schlug ihm leicht auf den Arm. »Ma'am, ich glaube, ich spinne. Für die Freunde von Luca immer Rosa«, erklärte sie bestimmt und zog ihn dann ebenfalls in eine Umarmung.

Für eine Sekunde versteifte er sich, aber ergab sich dann seinem Schicksal. Er hätte auch keine Chance gehabt.

Nachdem sie ihn losgelassen hatte, sah sie ihn noch einmal aufmerksam an. »Wirklich ein schöner Mann. Es freut mich immer, Freunde von Luca kennenzulernen, Jar.« Er nickte, aber sie bedachte mich schon mit einem bösen Blick. »Wieso hast du noch nie von ihm erzählt?«, beschwerte sie sich.

Ich verdrehte kurz die Augen. »Er ist noch nicht lange in der Stadt«, gab ich zurück, »aber er war es, der mich befreit hat.« Ich sah Jar an und auf meine Lippen legte sich ein hinterhältiges Grinsen.

Nur einen Wimpernschlag später trat genau das ein, was ich erwartet hatte. Erneut wurde der Dämon in eine riesige Rosa-Umarmung gezogen. Immer wieder wisperte sie ihren Dank.

»Tía Rosa, das Essen riecht komisch«, wurde der Moment durch die Stimme der kleinen Lupita unterbrochen.

Mit einem Fluch entließ meine Mutter Jar aus der Umarmung, aber küsste ihn noch einmal auf beide Wangen. Dann strich sie ihm sanft übers Gesicht. »Vielen Dank«, sagte sie liebevoll und wandte sich dann ab, um laut fluchend hineinzulaufen.

Mein Blick ging zu Jar, der vollkommen perplex war. Ich lächelte ihn aufmunternd an. »Na dann willkommen im Garcia-Clan«, neckte ich ihn.

Er schaute mich an. Ich konnte sehen, dass er unschlüssig war, ob er das alles amüsant fand oder lieber weglaufen wollte. Aber ihm blieb keine Zeit, denn meine kleine Cousine hatte sich vor ihm aufgebaut.

»Dich kenne ich nicht«, erklärte sie argwöhnisch.

Ich lachte auf. »Das ist Jar, meine Süße. Und willst du mir nicht Hallo sagen?«

Erst jetzt schien sie mich richtig wahrzunehmen und mit einem Jauchzen lag sie nur wenig später in meinen Armen. Ich küsste sie auf die Wangen, was sie wieder mit einem bösen Blick quittierte. »Du weißt, dass das eklig ist«, maulte sie und ich musste immer noch grinsen.

Dann wandte sie sich jedoch erneut Jar zu. »Entschuldige, ich bin Lupita«, stellte sie sich vor und hatte anscheinend für einen Moment ihre Manieren wiedergefunden. »Du bist ein Dämon, oder?«

Und wieder war die Höflichkeit verschwunden. Ich schnaubte. »Süße, das fragt man nicht einfach so«, tadelte ich sie.

Jar zuckte mit den Schultern. »Das ist schon okay. Aber ja, Lupita, du hast recht. Ich bin auch ein Dämon.«

Sie klatschte begeistert in die Hände. »Das ist so aufregend. Ich muss es allen erzählen«, rief sie und rannte ins Haus.

Ein grimmiger Blick traf mich und ich erwiderte ihn gelassen. In einer bedauernden Geste hob ich die Hände. »Sorry, aber auch ich bin da meistens machtlos.«

»Verfluchte Vampire«, murmelte er und brachte mich damit zum Lachen.

»Komm, eins kann ich dir sagen, Rosa kocht göttlich«, forderte ich ihn auf.

»Das will ich ihr auch geraten haben«, murrte er. Bevor wir jedoch das Haus betraten, hielt er mich für einen Moment zurück. »Aber dieses Sexding behalten wir für uns, oder?«, fragte er mich. In seiner Stimme klang etwas mit, was ich nicht deuten konnte. Wollte er es oder wollte er es nicht? Ich wusste es nicht. Allerdings war es auch nicht wichtig, deshalb zuckte ich nur mit den Schultern. »Ich denke, mindestens eine Frau in dem Raum wird es sowieso bemerken. Da müssen wir gar nichts sagen.« Dann ging ich voraus und musste grinsen, ich war wirklich auf das Zusammentreffen von Lupita und Jar gespannt.

 

Sie starrten sich an. Lange, ohne ein Wort zu sagen. Meine Großmutter taxierte ihn mit ihren verschiedenfarbigen Augen. Dabei klopfte ihr Stock rhythmisch auf den Boden. Jar erwiderte den Blick gelassen. Kühl, unnahbar.

Pepe und Lorena waren uns bereits im Flur begegnet und hatten den Neuankömmling freundlich begrüßt. Jetzt hatten wir alle in der Küche Platz genommen. Außer Jar, der sich weiterhin ein Blickduell mit Lupita lieferte. Nach einer gefühlten Ewigkeit zuckte es um ihren Mundwinkel. Auch die Lippen des Dämons verzogen sich zu einem Lächeln. Dann nickte sie und er nahm Platz.

Ich sah ihn an und in meiner Brust wurde es warm. Es war einerseits seltsam, ihn im Kreis meiner Familie zu sehen, andererseits war es das auch irgendwie nicht. Es passte einfach. Unsere Blicke trafen sich. Seine Maske saß, aber ich erkannte für einen Moment die Fülle an Emotionen, die dahinter wirbelten. Aufmunternd lächelte ich ihn über den Tisch an.

»Jetzt verstehe ich es endlich, was anders an dir war«, murmelte Lupita, die so leise sprach, dass nur ich sie hören konnte, weil ich direkt neben ihr saß.

Ich schaute sie an, aber sie zwinkerte mir nur zu.

Es blieb keine Zeit nachzufragen, denn in dem Moment tischte Rosa einen riesigen Pott ihrer berühmten Suppe auf und begann großzügig die Teller zu füllen. Dabei brüllte sie nach meinem Bruder.

Als Ramon die Küche betrat, erstarrte er. Abscheu legte sich auf sein Gesicht, als er Jar fixierte. »Was macht ein dreckiger Dämon hier?«, knurrte er anstatt einer Begrüßung.

»Ramon!«, zischte unsere Mutter zornig. »Er ist unser Gast und du wirst dich jetzt sofort höflich und freundlich benehmen, sonst kannst du gleich wieder gehen.«

Mit wütendem Blick nahm mein Bruder Platz, ließ den Dämon aber nicht eine Sekunde aus den Augen. Jar beachtete ihn nicht weiter. Dennoch spürte ich, dass er angespannt war. Ich konnte es nur zu gut verstehen, noch ein Wort von Ramon und ich würde ebenfalls meine Manieren vergessen.

Durch das Auftauchen meines Bruders war die Stimmung kühl geworden. Wir aßen schweigend die Suppe, nur meine kleine Cousine plapperte fröhlich vor sich hin und erzählte mit freudig glänzenden Augen, wie ihre Freundinnen wohl gucken würden, wenn sie ihnen von Jar berichtete.

»Ich möchte nochmal sagen, wie dankbar ich bin, dass du meinen Sohn gerettet hast«, ergriff meine Mutter irgendwann noch einmal das Wort.

Jar kratzte sich am Nacken. »Das ist doch selbstverständlich«, gab er zurück.

»Nein, das ist es nicht!«, entgegnete Rosa lautstark und musterte mich dann besorgt. »Cariño, es ist wirklich so furchtbar, was in der Stadt alles passiert und nun auch noch der Vorfall im Department.«

Überrascht sah Jar zu meiner Mutter und dann zu mir. Ich zuckte nur mit den Achseln, nach dem Motto 'frag nicht, woher sie das weiß'. Er runzelte die Stirn, aber nickte dann.

»Du solltest wirklich lieber hier bei uns sein«, begann Rosa erneut mit dem leidlichen Thema.

»Mi amor«, mischte sich mein Vater ein, aber sie schnitt ihm das Wort ab. »Nein, ich muss es nochmal sagen. Er ist in Gefahr, wenn er in der Stadt bleibt.«

Ich legte den Löffel beiseite und schaute meiner Mutter direkt in die braunen Augen. »Mamá, ich werde nicht noch einmal mit dir darüber diskutieren. Ich bleibe in der Stadt. Ich bin stark, werde dort gebraucht und werde mich hier nicht verstecken. Außerdem besteht die Gefahr, dass, wenn ich länger bliebe, Zeus davon Wind bekäme und ebenfalls hier auftauchen würde. Es wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit wäre. Jeder Besuch stellt ein Risiko dar, aber wenn ich immer wieder zum Feierabend hierherfahren würde, würde es das um ein Vielfaches steigen. Das kann ich einfach nicht eingehen.«

»Das kann ich verstehen. Ich würde meine wundervolle Familie auch nicht dieser Bedrohung aussetzen«, unterstützte mich Jar. Es wunderte mich, wie offen er die Worte aussprach, weil es ihn schmerzen musste, zu sehen, was er nie gehabt hatte. Ich lächelte ihn dankbar an.

»Schleimer«, zischte meine Großmutter, aber ihr Ton klang eher liebevoll dabei.

Erneut zuckten Jars Lippen und auch ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Sie war wirklich ein Original.

Meiner Mutter fiel es jedoch nicht leicht, meine Meinung zu akzeptieren. Ich konnte sehen, wie schwer es ihr fiel, nachzugeben. In ihren Augen konnte man die Unzufriedenheit erkennen, als sie die Teller abräumte, um die Tamales zu servieren.

Ramon hatte die ganze Zeit nicht aufgeblickt, aber die Wut stand ihm ins Gesicht geschrieben.

Ich schüttelte innerlich den Kopf. Er würde sich wahrscheinlich nicht mehr ändern, aber diese Vorurteile kotzten mich trotzdem an. Wieso konnte er nicht wie der Rest der Familie sein? Alle hatten Jar mit offenen Armen und Freundlichkeit empfangen. Es war ihnen egal, ob er ein Dämon war. Aber er konnte das engstirnige, bescheuerte Denken einfach nicht ablegen.

»Es schmeckt wirklich lecker, Rosa«, lobte Jar die Kochkünste meiner Mutter. Sie strahlte ihn begeistert an. Ihre schlechte Laune war in der Sekunde verflogen.

Meine kleine Cousine begann sofort zu erzählen, mit was die leckersten Tamales gefüllt waren. Eine heftige Diskussion entbrannte, an der sich weder Jar noch ich beteiligten. Unsere Blicke trafen sich über den Tisch und meine Gedanken wanderten unweigerlich zu dem, was heute noch passieren würde. Nur die Aussicht darauf, ließ meinen Schwanz begeistert zucken. In den roten Augen des Dämons blitzte etwas auf. Etwas Sinnliches, Verheißungsvolles.

»Vögelt ihr eigentlich auch?«

Bämm! Die Frage hatte gesessen. Eben war noch reges Stimmengewirr zu hören gewesen. Nun herrschte Ruhe in der Küche. Meine Großmutter sah Jar und mich interessiert an.

»Mamá, das kannst du doch nicht einfach fragen«, fauchte Rosa aufgebracht in Richtung meiner Nana, die nur gleichmütig mit den Schultern zuckte. Allerdings konnte auch meine Mutter das neugierige Funkeln in ihren Augen nicht ganz verstecken.

»Was ist denn vögeln?«, meldete sich meine kleine Cousine wissbegierig zu Wort.

»Mein Schatz, das ist, wenn sich zwei Wesen oder Menschen doll liebhaben, dann zeigen sie sich das, indem sie sich körperlich ganz nahekommen«, erklärte Lorena.

»Okay«, meinte sie nachdenklich und kletterte dann von dem Stuhl herunter. Einen Moment später saß sie auf meinen Schoss und kuschelte sich an mich. »Dann vögeln wir jetzt auch.«

Das war der Augenblick, an dem ich nicht mehr an mich halten konnte und laut losprustete. Alle, bis auf meinen Bruder, fielen mit ein.

Meine kleine Cousine sah mich schmollend an. »Wieso lacht ihr über mich?«

Ich strich ihr schmunzelnd über die blonden Locken. »Sorry, Süße, aber vögeln geht noch ein bisschen anders. Frag am besten Mal deine Eltern danach. Sie sollen dir das genauer erklären.«

»Ich bin mir sicher, dass ihr vögelt«, tat meine Großmutter nun nochmal kund.

»Und wenn es so wäre?«, entgegnete Jar und in seinen Augen blitzte es herausfordernd.

Lupita zuckte mit den Schultern. »Dann würde ich sagen, dass ihr zwei Glückspilze seid. Ich meine, ihr seid beide heiß.«

»Das ist widerlich!«, brüllte in dem Moment Ramon und stand auf. Feindselig sah er mich an. »Dass du einen dreckigen Dämon hier ins Haus bringst, ist schon eine Schande. Aber wenn ich mir vorstelle, dass ihr zwei vielleicht –«

Weiter kam er nicht, denn ich war aufgesprungen und drückte ihn hart an die Wand. Es reichte mir. »Überleg dir ganz genau, was du sagen willst«, zischte ich ihn an und erhöhte den Druck, den mein Unterarm auf seine Kehle ausübte. Ich wusste, dass meine Augen voller Wut blitzten. Eigentlich vermied ich Auseinandersetzungen mit ihm, besonders vor meinen Eltern, aber ich würde es nicht zulassen, dass er weiter schlecht über Jar oder über das, was wir miteinander hatten, sprach.

»Ich finde dich zum Kotzen«, röchelte er und sah mich abfällig an. »Und er ist abartig.«

»Ramon!«, schrie Rosa entsetzt.

Ich sah rot. Für eine Sekunde ließ ich ihn los, nur um auszuholen und ihm meine geballte Faust gegen den Kiefer zu donnern. Sein Kopf flog nach hinten. »Geh mir aus den Augen«, brachte ich zwischen zusammengebissenen Zähnen heraus. In mir tobte immer noch unbändige Wut und mein Atem ging schnell. Ich ballte die Hände weiter zu Fäusten und versuchte tief durchzuatmen, um mich zu beruhigen. Ramon verpisste sich mit einem hasserfüllten Blick. Ich starrte ihm hinterher.

Auf einmal spürte ich Hände auf meinen verspannten Schultern. Ich musste mich nicht umdrehen, um zu wissen, dass Jar hinter mir stand. »Du siehst echt richtig scharf aus, wenn du zornig bist. Das unterstreicht dein heißes Temperament«, raunte er mir leise ins Ohr.

Seine schmeichlerischen Worte kämpften sich langsam durch die Wut hindurch. Ich konnte nicht anders, meine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. »Es unterstreicht mein heißes Temperament?«, wiederholte ich glucksend und drehte mich zu ihm um.

Er lächelte ebenfalls, aber ich erkannte, dass er auch sauer war und nicht nur das. Ich bemerkte auch eine leichte Sorge in seinen Augen.

Mein Zorn verrauchte. Nicht nur wegen seiner bescheuerten Ablenkung, sondern auch weil es in diesem Moment nicht mehr wichtig war. Ich konnte meinen Bruder nicht ändern. Und musste damit klarkommen, dass er einfach scheiße war.

Ich drückte einmal kurz dankbar seine Hand. Er nickte wissend. Dann setzte ich mich wieder und blickte in die Runde. »Es tut mir leid, ich hätte mich beherrschen sollen«, gab ich zerknirscht zu.

»Ach, das ist doch nicht schlimm. Der brauchte auch mal richtig eins in die Fresse«, tat meine Großmutter den Vorfall ab.

Rosa wandte sich an Jar. »Ich muss mich bei dir entschuldigen. Wir haben unseren Sohn so nicht erzogen und es ist unverzeihlich, wie er sich dir gegenüber aufgeführt hat. Das wird noch Konsequenzen haben«, erklärte sie bedauernd. Gleichzeitig bemerkte ich den Schock und ebenfalls Wut in ihren braunen Augen.

Der Dämon neigte den Kopf. Seine Miene war ausdruckslos. »Ein ziemliches Herzchen«, sagte er kühl.

Bei den Worten zuckte es um die Mundwinkel meiner Großmutter.

Bevor jedoch noch jemand was sagen konnte, traten Eduardo, Luis und Hector in den Raum. Sie grüßten in die Runde, aber hielten alle drei inne, als sie Jar sahen.

Innerlich ballte ich schon wieder die Fäuste. Noch ein blödes Wort und wir würden abhauen. Mir reichte es langsam mit der Verbohrtheit, die einige meiner Familienmitglieder an den Tag legten. Ich schaute zu Jar, der sich ebenfalls angespannt hatte. Wahrscheinlich erkannte er die drei aus meinen Erzählungen.

Rosa erhob sich. »Lorena und Luca, räumt doch bitte eben ab«, bat sie uns und wandte sich dann an die Neuankömmlinge. »Schön, dass ihr da seid! Setzt euch doch. Das ist übrigens Jar Doe, ein Freund und Kollege von Luca. Da das Department ebenfalls über das Ritual informiert ist, sollen die beiden mehr Informationen darüber einholen. Ich bin mir sicher, dass ihr ihn herzlich willkommen heißt.« Ihr Tonfall war fröhlich, aber die unterschwellige Drohung war deutlich herauszuhören.

Luis machte wie immer ein unbeteiligtes Gesicht und setzte sich wortlos, während ich mit meiner Schwester begann, abzuräumen. Jar stand ebenfalls auf und half uns, obwohl meine Mutter ihn als Gast davon abhalten wollte. Ich war mir sicher, dass er das nur tat, um nicht den feindseligen Blicken ausgesetzt zu sein. Es musste schwer für ihn sein, sich zu beherrschen.

»Lupita, gehst du bitte nach Hause? Deine Mutter wollte dir entgegenkommen«, wandte sich mein Onkel zunächst an seine Tochter. Sie zog eine Flunsch, aber fügte sich widerwillig den Anweisungen ihres Vaters.

»Mr. Doe«, begrüßte er danach den Dämon, der seinerseits nur kühl nickte.

»Ich fasse es nicht, dass –«, begann Hector, aber bekam sofort einen kräftigen Seitenhieb von seinem Vater.

»Beherrsch dich!«, zischte er ihm zu.

Mein Cousin kniff wütend die Augen zusammen, aber setzte sich dann schweigend. Er strich sich seinen blonden Undercut aus dem Gesicht und verschränkte abwehrend die Arme vor der muskulösen Brust. 

 

»Wir haben mit den anderen besprochen, dass wir euch die Informationen geben können, ohne dass alle dabei sein müssen. Eduardo hat sich allerdings freiwillig angeboten, uns ebenfalls mit seinem Wissen zu unterstützen«, begann Rosa ein paar Minuten später. Ihre Stimme klang zuckersüß, aber es war deutlich, dass sich ihr Bruder selbst eingeladen hatte.

»Und wieso ist Hector wieder dabei?«, hakte Lupita gleich nach und fixierte Eduardos jüngeren Sohn. »Ich dachte, ich hätte klar gemacht, dass er niemals das Ritual durchführen wird.« Ärger klang in ihrer Stimme mit.

»Aber Mamá, lass uns doch noch einmal drüber sprechen. Wie wir beim letzten Mal schon festgestellt haben, wäre es am besten einen starken und loyalen Vampir dafür zu nehmen«, ergriff mein Onkel schnell das Wort.

Lupitas Mund verzog sich zu einem schmalen Strich. Ich wusste, dass das definitiv kein gutes Zeichen war. » Du hast das festgestellt«, fauchte sie und haute dann mit ihrem Stock auf den Boden, »und ich spreche kein Chinesisch. Also warum, zur Hölle, ist er hier? Er hat keinerlei Recht an dieser Besprechung teilzunehmen.«

Eduardo ballte die Hände zu Fäusten. Dennoch blieb er nach außen gelassen. Er schaute zu seinem Sohn. »Hector, ich bitte dich, zu gehen«, wies er ihn mit gepresster Stimme an.

»Aber –«, widersprach dieser, doch sein Vater hob die Hand.

»Nein, du wirst jetzt gehen. Lupita ist unser Oberhaupt und ihre Entscheidung müssen wir respektieren, ob es uns gefällt oder nicht.«

Hector schnaufte zornig und stand auf. Dann haute er mit der Faust auf den Tisch. »Es kann mit unserer Rasse nur bergab gehen, wenn wir solchen Dreck zu uns nach Hause einladen und so tun müssen, als würden wir ihn nicht verabscheuen.« Er spuckte auf den Boden. »So können wir nicht mehr groß werden und ihr werdet das auch noch einsehen.« Hasserfüllt blickte er Jar an, dem es anscheinend für heute an Beleidigungen reichte. Langsam erhob er sich. Die Spannung im Raum war greifbar.

Er fixierte seinen Gegner. In den roten Augen funkelte es unheilvoll. Jeder Muskel war angespannt. Seine schönen Gesichtszüge grimmig verzogen. Er sah aus wie der gefährliche Mann, der er war. Und Hector hatte keine Ahnung, mit wem er sich da angelegt hatte. Er hatte keine Chance gegen den Dämon.

Wie ein Raubtier näherte er sich bedächtig meinem Cousin. Dabei hob er seine Hand. Rote Magieblitze umspielten die Finger.

Hectors Augen wurden größer. Man konnte immer noch den Zorn sehen, aber es kam auch Unsicherheit dazu.

Es wunderte mich nicht. Durch das rote Licht wirkten die Linien auf Jars Haut noch bedrohlicher. Er war mächtig und jeder Zoll seines Körpers strahlte genau das aus.

»Wie hast du mich genannt?«, erkundigte er sich bei meinem Cousin. Die Stimme war leise, aber jedes Wort scharf und kalt. Er fixierte ihn mit seinem Blick.

Hector schien immer kleiner zu werden. Aber er wollte die Worte nicht zurücknehmen, dafür war seine Abneigung gegen alle anderen Spezies zu groß.

»Ich frage dich nur noch einmal: Wie hast du mich genannt?«, donnerte Jar in dem Moment laut, sodass einige im Raum erschrocken zusammenzuckten.

Auch mein Cousin fuhr zusammen. Aber dann drehte er sich um und verließ schnell das Haus. An der Tür brüllte er noch: »Ihr werdet sehen, was ihr davon habt, wenn ihr euch mit dem Abschaum verbündet!« Danach war er weg.

Jar ging langsam zum Tisch zurück und setzte sich. »Noch so ein Herzchen«, murmelte er grimmig.

Damit löste er einen Lachanfall bei meiner Großmutter aus. Da hatten sich anscheinend zwei gefunden, denn die Mundwinkel des Dämons zuckten ebenso.

Luis schwieg weiterhin, aber er beobachtete Jar genau. So als wäre der Dämon ein interessantes Forschungsprojekt. Als er ihn jedoch ebenso ansah, schaute er schnell wieder auf den Tisch.

»Können wir uns dann dem eigentlichen Thema zuwenden?«, fragte Eduardo mürrisch. Unter seiner tadellosen Kleidung konnte er nicht verstecken, dass er wirklich angepisst war. Wobei unklar war, ob es an der Zurechtweisung durch die eigene Mutter oder an der feigen Flucht seines Sohnes lag.

»Natürlich«, sagte Rosa, aber wandte sich dann noch einmal an Jar. »Es tut mir wirklich leid, normalerweise geht es bei uns nicht so zu.«

Bei den Worten musste ich prusten, versteckte es aber hinter einem Husten. Meine Mutter schaute mich böse an, aber ich schickte ihr nur einen Luftkuss und ein charmantes Lächeln. Sie verdrehte die Augen, aber musste ebenfalls schmunzeln.

Dann wurde sie jedoch schnell wieder ernst. »Also gut, ihr wolltet hören, wie es abläuft. Wenn du das Ritual doch durchführen willst, musst du sofort mit dem Hungern beginnen.«

»Wieso?«, hakte ich direkt nach.

Sie zuckte mit den Schultern. »Wir haben heute den 9. März. Nächste Woche, am 15. ist dein Blutfest. An dem Tag muss das Ritual durchgeführt werden, weil du dann am empfänglichsten für die Wirkung des Blutes bist. Deswegen musst du so schnell wie möglich anfangen zu hungern, ansonsten müsstest du ausbluten und das soll sehr schmerzhaft sein.«

»Glaub mir, das ist es. Richtig scheiße, als würden deine Eingeweide in einen heißen Ofen geschoben werden«, warf Lupita grimmig ein.

»Okay«, sagte ich gedehnt, denn das machte das Ganze nicht attraktiver. »Das wird dann ja mal eine Superparty«, fügte ich sarkastisch hinzu.

Rosas Augen leuchteten auf. »Oh ja, das wird es«, schwärmte sie begeistert. »Es ist schon alles organisiert. Wir stellen Zelte im Garten auf. Es gibt sogar eine kleine Band, die spielen wird und ich habe einen super Catering-Service beauftragt.«

»Mamá«, unterbrach ich sie laut, »du sprichst gerade von einer tollen Feier, die du geplant hast. Und auf dieser Feier soll dann ein Blutritual durchgeführt werden?« Das konnte sie nicht ernst meinen. Am besten noch auf der Bühne, während die Band irgendetwas von der Bloodhound Gang spielte.

Sie verschränkte die Arme vor ihrer Brust. »Natürlich nicht. Das machen wir am Anfang schnell, davon wird keiner was mitkriegen.«

Ich atmete tief durch. »Na gut«, gab ich nur zurück, weil das vielleicht nicht direkt diskutiert werden musste, denn aus meiner Sicht gab es viel größere Hürden. »Was ist mit den Opfern? Wie viel muss getrunken werden? Und in welcher Reihenfolge?«

»Also die Freiwilligen«, sie betonte das Wort besonders, »müssen nicht so viel spenden. Nur ein kleiner Biss und ich schätze mal so ungefähr einen Liter. Die Reihenfolge ist vollkommen irrelevant, aber eine Sache ist noch notwendig. Über die wird vorher nicht gesprochen, erst wenn es durchgeführt wird. Damit müssen wir uns absichern, falls doch jemand in die Hand des Feindes fällt. Und es gibt nur eine Person, die weiß, was noch dazukommt.«

Ich runzelte die Stirn. Das gefiel mir nicht. Genauso wenig wie einen Liter von jedem Wesen zu nehmen. Aber ich konnte die Vorsichtsmaßnahme verstehen.

»Was ist mit den Opfern? Wo sollen die herkommen?«, sprach ich das größte Problem an.

»Die Freiwilligen haben sich schon alle gemeldet und werden nächste Woche bereitstehen«, erklärte meine Mutter triumphierend.

Ich sah sie entgeistert an. »Alle?«

Sie nickte zufrieden. »Ja. Und bevor du fragst, der alte Karl hat sich bereit erklärt.«

»Karl, das ist doch der Dämon, der –«

»Genau«, unterbrach sie mich, »der seine Familie verloren hat und seitdem nur noch vor sich hinvegetiert. Er ist alt und will nicht mehr leben. Er meinte, dass er damit noch etwas Gutes tun kann.«

Ich raufte mir die Haare. Aktive Sterbehilfe, verdammt! In mir sträubte sich alles dagegen. »Das ist dein Ernst, oder?«

»Mann Luca, denkst du wirklich, wir würden jemanden in den Tod zwingen?«, mischte sich Lupita ein und musterte mich eindringlich.

Ich seufzte. Sie hatte recht. Rosa war ein viel zu guter Vampir, als dass sie so etwas tun würde. »Aber –«, begann ich, wurde aber wieder unterbrochen.

»Wenn Luca so ein Problem damit hat, wäre Hector bestimmt bereit dazu«, ergriff Eduardo nochmal das Wort für seinen Sohn.

Lupita verdrehte nur die Augen, aber gönnte ihm keine Antwort.

»Wie funktioniert das Ausbluten genau?«, schaltete sich nun Jar ein. Ich konnte nicht hinter seine Fassade blicken, aber er kam mir angespannt vor.

»Naja, zuerst einmal muss er hungern. Also komplett auf Blut verzichten. Je nachdem wie stark er sich anstrengt, wird er schneller oder langsamer Energie verlieren. Zum Schluss muss er dann noch sein eigenes Blut verlieren, in dem ihm Schnitte zugefügt werden, sodass es hinausläuft«, erklärte meine Mutter und ich konnte sehen, dass jeder Vampir im Raum die Vorstellung nicht besonders schön fand. »Aber dieser Zustand ist nur von kurzer Dauer, danach beginnt das Trinken des Blutes«, fügte sie sofort beschwichtigend hinzu.

»Okay«, gab Jar zurück. Er schien auch nicht wirklich begeistert zu sein. »Und man weiß nicht, welche Fähigkeiten er übernimmt?«

»Leider nicht.« Meine Mutter schüttelte bedauernd den Kopf.

»Wurde das Ritual denn schon mal durchgeführt?«, hakte er weiter nach.

»Ja, bei einem Cousin meiner Oma«, meldete sich Lupita zu Wort. »Es war in einem Krieg und die Vampire wussten sich nicht anders zu helfen.«

»Und was hat er für Fähigkeiten bekommen?«, erkundigte ich mich neugierig.

»Er konnte danach Blumen wachsen lassen«, gab sie trocken zurück.

Ich starrte sie ungläubig an. »Und das war alles?«

Sie zuckte nur mit den Schultern und lehnte sich dann zurück.

Na super. Die ganze Prozedur allein dafür, dass ich Zeus anschließend mit Gänseblümchen bewerfen konnte. Damit stiegen unsere Chancen natürlich gleich ins Unermessliche.

»Aber es können auch andere Fähigkeiten sein, wie Magie oder die Beherrschung der Elemente«, warf Rosa ein. »Wir wissen es eben nicht. Und du bist ein starker Vampir, Cariño, wer weiß, was bei dir herauskommt.«

Ich schnaubte abfällig. So viel Aufwand und Schmerz für die Opfer. Für Karl sogar der Tod, ohne dass wir wussten, was dabei herauskommen würde.

»Du weißt, was in der Stadt vor sich geht. Und es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis es sich auch hier ausbreitet. Wir Vampire müssen stärker werden. Wenn nicht du, dann jemand anders. Wir müssen es einfach versuchen«, sprach sich Eduardo für das Ritual aus. Rosa nickte bekräftigend. Luis reagierte gar nicht, aber es kam mir so vor, als würde er interessiert lauschen.

Jar schaute mich an. Unsere Blicke trafen sich. »Deine Entscheidung«, sagte er leise und erinnerte mich damit an unser Gespräch über die Prophezeiung.

Ich spürte, dass uns meine Großmutter genauestens betrachtete, aber mein Fokus lag auf dem Mann mir gegenüber. Für einen Moment konnte ich durch die Fassade blicken. Es zog warm durch meinen Brustkorb, als ich das Vertrauen in den roten Augen sah.

Ich lächelte ihn gequält an. »Aber immer noch nicht leichter.«

Er zwinkerte mir aufmunternd zu. »Du weißt doch, das wäre zu einfach.«

 


09. März – abends

 

Kurz danach brachen wir auf. Rosa wollte uns gar nicht gehen lassen, aber wir mussten dem Chief noch Bericht erstatten.

Auf dem Rückweg in die Stadt sprachen wir nicht viel. Wir hingen beide unseren Gedanken nach. Mir ging durch den Kopf, was White und Zack wohl dazu sagen würden. Ich hatte eine Vermutung, die sie, als wir im Department ankamen, auch prompt bestätigten. Sie sprachen sich für die Durchführung des Rituals aus, auch wenn sie natürlich das moralische Dilemma sahen. Allerdings gaben sie mir nicht den Befehl, sondern überließen mir die Entscheidung.

 

Mir rauchte der Kopf von der Grübelei, als ich in meiner provisorischen Unterkunft unter die Dusche trat. Wir hatten jedoch nicht mehr viel Zeit, bis wir uns mit Zack und Cain trafen. Deswegen schob ich die schwierigen Gedanken beiseite. Heute Abend wollte ich abschalten. Nein, musste ich sogar. Sonst würde mein Kopf noch explodieren. Die bedrohliche Situation in der Stadt, die Anfeindungen von Ramon, Hector und auch Eduardo, obwohl Letzterer es ganz gut hatte verstecken können, die Entscheidung für oder gegen das Ritual und dann noch die verwirrenden Gefühle für den Mann, der in meinem Wohnzimmer saß. Verfluchter Mist, was sollte ich nur tun?

Okay, Luca Garcia, jetzt reiß dich mal zusammen, schalt ich mich, als das heiße Wasser über meinen Körper floss. Ich machte mir doch sonst nicht so viele Gedanken. Ich zwang mich, den ganzen Scheiß auszublenden. Heute Abend ging es um etwas anderes. Etwas, was ich wirklich gerne wollte. Wonach ich mich sehnte. Was mir, allein bei der Vorstellung, das Blut in den Schwanz trieb. Oh ja, allein die Fantasie törnte mich an. Ich merkte, dass meine Berührungen beim Einschäumen langsamer geworden waren, lasziver. Mein Körper reagierte bereits darauf und alles nur wegen der Aussicht auf ihn. Jar. Ich wollte ihn ganz spüren. Wollte mit ihm verbunden sein. Wollte mich ihm hingeben.

»Verflucht«, knurrte ich leise und sah an meinem Körper hinab. War ja klar… Ich hatte einen Ständer. Mit einem Murren drehte ich den Regler auf kalt. Es war verdammt unangenehm, aber immerhin löste sich damit mein Problem. Ich durfte nur nicht wieder daran denken, was nachher passieren würde.

Zum Glück war ich ziemlich abgelenkt, denn wir waren verdammt spät dran. Während der Dämon ebenfalls unter der Dusche verschwand, schnappte ich mir die neue Lederhose. Neugierig schlüpfte ich hinein und verzichtete dabei auf meine Pants. Sie saß wie angegossen. Er hatte anscheinend ein verdammt gutes Auge. Zu dem dunklen Braun entschied ich mich für ein hellblaues Shirt und wuschelte mir einmal durch die Locken, die wie immer etwas wirr abstanden. Dennoch war ich zufrieden und als ich mich im Spiegel von hinten ansah, musste ich zugeben, dass mein Arsch in der Hose echt geil aussah. Oh ja, Jar würde sabbern. Meine Vorfreude auf den Abend stieg weiter. Überall kribbelte es in mir und ich konnte es kaum erwarten.

»Scheiße, Luca«, vernahm ich in dem Moment die Stimme des Dämons hinter mir. »Vielleicht sollten wir doch hierbleiben.« Sein Tonfall war rau. Ich spürte seinen brennenden Blick auf meinem Hintern.

Langsam drehte ich mich zu ihm um. Er stand nur mit einem Handtuch bekleidet an den Türrahmen gelehnt. Einzelne Tropfen bedeckten noch seinen Oberkörper. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Nur zu gerne würde ich sie ablecken. Ihm das Handtuch entreißen und ihn überall berühren. Ihn überall küssen. Ihn überall schmecken.

Ich ließ ihn nicht eine Sekunde aus den Augen, als ich mit gemächlichen Schritten auf ihn zuging. Mein Blick wanderte hungrig über seinen Körper. Verflucht, er war aber auch einfach atemberaubend mit den schlanken Muskeln, der weichen Haut und der Stärke, die darunter lauerte. Kurz vor ihm blieb ich stehen. Unsere Blicke trafen sich. Verlangen blitzte mir entgegen. »Sie ist der Hammer und fühlt sich einfach nur butterweich auf meiner Haut an«, raunte ich und fuhr mit den Händen leicht an meinem Körper hinab.

Seine Augen folgten mir.

Mein Herz klopfte schneller.

»Noch ein weiteres Wort und ich scheiß auf die Verabredung«, knurrte der Dämon.

Ich beugte mich ein wenig näher zu ihm. »Das macht mich echt an«, wisperte ich an seinem Mund und biss dann einmal kurz in die Unterlippe, um anschließend mit der Zungenspitze drüber zu lecken. »Aber jetzt müssen wir echt los.« Hastig entfernte ich mich und haute Jar beim Rausgehen noch schnell auf den Hintern.

Ein Fluch folgte mir. Verdammt, ich gab ihm recht und war total in Versuchung das Essen abzusagen, aber nein. Ich würde die Vorfreude auf das Kommende genießen. Das Knistern weiter anheizen.

 

Eine halbe Stunde später war nicht mehr viel von dem Knistern zu spüren. Wir saßen im Diner und nach einer steifen Begrüßung war die Stimmung nun mehr als kühl. Was vor allem an den beiden Halbbrüdern lag, die sich immer wieder argwöhnisch musterten. Besonders Zack starrte den Dämon misstrauisch an.

Ich verdrehte innerlich die Augen. So hatte ich mir das definitiv nicht vorgestellt. Die beiden waren aber auch einfach saublöde Sturköpfe. Gerade als ich sie anscheißen wollte, ergriff Jar das Wort.

»Willst du jetzt ewig sauer sein, weil ich mal den Schwanz deines Mannes im Mund hatte?«, wandte er sich an Zack.

Mein bester Freund war überrascht von der direkten Art des Dämons, sagte aber nichts dazu, sondern hob nur zweifelnd eine Augenbraue.

»Oh Mann, Cain ist echt heiß und wir hatten unseren Spaß, aber glaub mir, das war's auch. Natürlich hatte ich Bock das Ganze zu wiederholen, als ich ihn wiedergesehen habe, aber du kannst dir sicher sein, das hat sich geändert«, erklärte er lässig.

»Hey!«, mischte sich der Dämonenfürst entrüstet ein.

Jar verdrehte die Augen. »Und nein, das liegt nicht daran, dass du nicht mehr scharf bist, sondern«, er deutete mit dem Daumen auf mich, »einzig und allein an dem verrückten Kerl neben mir. Glaubt mir, der fordert mich schon genug.«

Ein Grinsen legte sich auf meine Lippen und in der Brust zog es wohlig.

»Das war nicht unbedingt ein Kompliment«, knurrte Jar und schaute mich böse an.

Mein Lächeln wurde noch breiter. Er stieß mir seinen Ellenbogen in die Seite und schüttelte nur den Kopf. »Eingebildeter Vampir«, murmelte er leise.

Zack hatte uns nicht eine Sekunde aus den Augen gelassen. Erkenntnis blitzte in seiner Miene auf und er schmunzelte amüsiert.

»Okay, dann muss ich wohl mit dem Spinner neben mir vorliebnehmen«, erklärte Cain.

»Ach, leck mich doch«, knurrte mein bester Freund.

Der Dämonenfürst sah ihn an und auf seine Lippen legte sich ein sinnliches, schiefes Lächeln. »Du weißt, immer wieder gern.«

Zack zeigte ihm nur den Mittelfinger, aber um seine Mundwinkel zuckte es ebenfalls.

Genau diese Situationen hatten in der Vergangenheit oft dazu geführt, dass Sehnsucht in mir aufgestiegen war. Nicht wegen ihrer Worte, sondern der liebevollen Mimik, der schroffe Tonfall, der dennoch zeigte, wie nah sie einander waren. Aber in diesem Moment spürte ich kein schmerzhaftes Ziehen. Nur den Mann neben mir.

Bevor wir das Gespräch weiterführen konnten, brachte uns Amin die Getränke. Cain hatte beim Reinkommen nach kurzer Rücksprache für alle ein Bier bestellt. Nur eine Sekunde später kam der Chefkoch höchstpersönlich angewatschelt, um unsere Essenswünsche aufzunehmen. Neugierig beäugte er Jar. »Ach, du bist also der berühmte Halbbruder«, begrüßte er ihn freundlich und interessiert.

»Scheint so«, gab er knapp zurück.

Der winzige, dicke Dämon lachte vergnügt. »Beide solche Sonnenscheine, da sieht man sofort, dass ihr verwandt seid.«

Bei den Worten musste ich schmunzeln und auch Cain konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Nur die Mienen von Zack und Jar wurden düsterer.

Amüsiert sah ich zwischen ihnen hin und her. »Genau, und schau, sie können sogar beide grimmig gucken. Vielleicht sollten sie bei einem Contest mitmachen. Grim look of the year, oder so. Ich bin mir sicher, dass sie es beide ins Finale schaffen würden.«

Jar verdrehte die Augen bei meinen Worten, aber so ganz konnte er sich das Lächeln nicht verkneifen.

»Du bist ein Idiot, Luca«, entgegnete mein bester Freund.

»Und das bemerkst du erst jetzt?«, zog ich ihn grinsend weiter auf.

»Was kann ich euch denn bringen?«, mischte sich Lawrence wieder ein.

Nachdem wir bestellt hatten, kamen sie irgendwie auf Bücher. Ich hatte keine Ahnung, wie das Thema aufgekommen war, denn die Nähe zu Jar lenkte mich immer wieder erfolgreich ab. Wenn ich zu tief einatmete, stieg mir sein Geruch in die Nase. Wenn ich seinen Arm streifte, um einen Schluck Bier zu trinken, elektrisierte mich eine zufällige Berührung. Und gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass er es forcierte. Als wäre es nicht nur zufällig. Als würde er den Kontakt suchen. Ob um seinetwillen oder um mich verrückt zu machen, wusste ich nicht. Ich konnte mich auf jeden Fall kaum auf das Gespräch konzentrieren, zumal ich mich mit Büchern überhaupt nicht auskannte. Ich las viel zu selten.

»Ja, ich habe es in einer Nacht durchgelesen. Es war der Hammer«, erklärte Jar gerade mit leuchtenden Augen und Zack nickte nachdrücklich.

»Wie liest du denn eigentlich?«, mischte ich mich in das Gespräch ein und sah den Dämon von der Seite an. Er verstand, dass ich ihn damit auf seine nicht vorhandene Wohnung ansprach.

»Ich habe einen E-Book-Reader. Da habe ich alle Bücher drauf«, erklärte er.

»Ich finde, richtige Taschenbücher sind das einzig Wahre. Obwohl, noch besser Hardcover«, tat Cain in dem Moment seine Meinung kund und eine Diskussion über gedruckte Bücher oder digitale Versionen entbrannte.

Diese wurde erst unterbrochen, als die köstlichen Burger kamen. Bevor ich jedoch in meinen hineinbiss, musste ich noch einmal in die Runde grinsen. »Ich wette, dass die wenigsten damit rechnen würden, dass sich ein Dämonenfürst und zwei Halbbrüder, die sowohl Magier als auch Dämonen sind, über ihre Lieblingsautoren streiten würden, wenn sie zusammensitzen.«

Jars Mundwinkel zuckte bei den Worten.

»Hey, es kann ja nicht jeder so ein Kulturbanause sein wie du«, echauffierte sich Zack.

»Hmmm, und das sagt der, der vor einem halben Jahr selbst nicht mehr gelesen hat als die Schlagzeilen auf der Titelseite«, murmelte Cain und lächelte seinen Magier liebevoll an.

Mein bester Freund verzog nur das Gesicht. »Ich habe es zu schätzen gelernt.«

»Da ich selten lange an einem Ort bin und auch nicht immer Bock auf einen Aufriss habe, finde ich es super, dass mir dann Bücher Gesellschaft leisten können«, erklärte Jar.

»Okay, ich habe es verstanden, ich sollte auch mehr lesen«, gab ich mich den heimlichen Bücherwürmern geschlagen und griff nach meinem Burger.

Er roch vorzüglich. Mir lief das Wasser im Mund zusammen und der vielfältige Geschmack explodierte auf meiner Zunge, als ich den ersten Bissen nahm. Ich stöhnte auf.

Dabei spürte ich den brennenden Blick von der Seite. Mein Blick ging zu Jar, der mich wie gebannt ansah. In seinen mandelförmigen Augen spiegelte sich eine Sinnlichkeit, die mir einen Schauer über den Rücken laufen ließ.

»Foodgasm, hmmm …«, raunte er mir zu. Er war nähergekommen und ich konnte seinen heißen Atem spüren.

»Er ist echt geil«, gab ich mit heiserer Stimme zurück.

»Okay, Erde an Jar, sprichst du noch mit uns oder willst du weiter meinen besten Freund mit deinem Blick verschlingen?«, meldete sich Zack zu Wort.

Der Dämon ließ mich nicht eine Sekunde aus den Augen. Seine Lippen verzogen sich zu einem verführerischen Lächeln und ich spürte, wie mir wärmer wurde, wie sein verlangender Blick mein Blut nach Süden drängte. »Ich glaube, ich finde die zweite Alternative deutlich spannender«, gab er nach einiger Zeit, in der wir uns nur angestarrt hatten, zurück. Ich musste mich zusammenreißen, dass ich mich nicht auf ihn stürzte. Das Knistern nahm immer mehr zu.

»Boah, mir war gar nicht klar, wie nervig das sein kann«, meckerte Zack in dem Moment. Cain lachte.

Widerwillig lösten wir unseren Blickkontakt. Ich sah jedoch das Versprechen nach mehr in seinen Augen. Später, wenn wir alleine sein würden. Ich konnte es kaum noch erwarten und aß schnell weiter.

»Wo du schon überall gelebt hast, habe ich gefragt«, wiederholte sich Zack und musterte seinen Halbbruder neugierig.

Trotz des Themas hatte sich die Atmosphäre deutlich entspannt und ich genoss das gemütliche Zusammensein. Ich hörte gerne zu, wie Jar von seiner Zeit in den verschiedenen Ländern Süd- und Mittelamerikas berichtete. Dabei ließ er mich jedoch nicht eine Sekunde vergessen, dass wir nachher noch was vorhatten. Ich nutzte ebenso jede Möglichkeit, um ihn zu berühren oder ihn mit kleinen Gesten zu reizen. So spürte ich genau seinen Blick, als ich mich nach dem leckeren Essen zurücklehnte und mir den vollen Bauch rieb. Dabei rutschte mein Shirt so hoch, dass er kurz meine nackte Haut sehen konnte. Er revanchierte sich, indem er bewusst langsam trank und ich seinen Kehlkopf anstarren musste. Ich wollte ihn küssen. Ihn lecken. Ihn beißen.

Irgendwann wurde der Blick von Jar immer finsterer. Seine Berührungen spärlicher.

»Was ist denn mit dir los? Du siehst aus, als ob du gleich explodieren würdest«, erkundigte sich Zack irritiert, als ihm die Veränderung der Stimmung auffiel.

Der Dämon nickte merklich und schaute zu einem der Nachbartische. Der Blick meines besten Freundes folgte ihm und dann schmunzelte er verständnisvoll. »Oh ja, das würde mich auch nerven. Obwohl sie schon echt süß ist.«

Ich runzelte die Stirn. Hatte ich jetzt wieder die Hälfte verpasst, weil ich in meinen Gedanken bereits dabei war, Jar auszuziehen?

»Wovon sprecht ihr?«, erkundigte sich Cain ebenfalls verwundert und ich sah ihn dankbar an.

»Das eine Mädel da drüben himmelt Luca ziemlich offensichtlich an«, klärte uns Zack auf und deutete mit dem Kopf in die Richtung.

»Mich?«, hakte ich verwirrt nach. Das war mir gar nicht aufgefallen und normalerweise hatte ich ein ziemlich gutes Gespür dafür.

»Auf jeden Fall«, knurrte Jar.

Interessiert sah ich zu dem Tisch. Mein Blick kreuzte den einer blonden jungen Frau, die mich verheißungsvoll anlächelte. Okay, das war wirklich mehr als eindeutig.

Ich lehnte mich zurück und trank noch ein Schluck Bier. »Soll sie doch«, erklärte ich gleichmütig und zuckte mit den Schultern.

»Ich finde, sie ist wirklich scharf«, kommentierte Zack mit einem erneuten Seitenblick, der Cain zum Knurren brachte. Mein bester Freund tätschelte ihm nur den Oberschenkel. »Natürlich nicht so heiß wie du.«

Ich schaute noch einmal zu der Frau, die jetzt ihre langen Haare über die Schulter zurückstrich und mich dann mit leicht gesenkten Lidern ansah. Oh Mann, das war mehr als eine Einladung.

»Sie sieht nicht schlecht aus«, stimmte ich ihm ohne Hintergedanken zu.

Der Mann neben mir versteifte sich weiter. »Ich denke, dass ich dann ja gehen kann.«

Ich runzelte die Stirn. Was hatte er denn jetzt? Ich brauchte einen kleinen Moment, bis es mir klar wurde. Er dachte anscheinend, dass ich Interesse an der Frau hatte. Bei diesem völlig abstrusen Gedanken musste ich schmunzeln. Klar, bevor ich den Dämon neben mir kennengelernt hatte, wäre es nicht ausgeschlossen gewesen. Aber im Moment vollkommen undenkbar. Es gab nur ein Wesen in diesem Diner, das meine Gedanken ständig beschäftigte und meine Gefühle durcheinanderbrachte. Und das war eindeutig der Kerl, der sich jetzt erheben wollte.

»Das ist nicht dein Ernst, oder?«, wandte ich mich an ihn.

Er antwortete mir nicht, sondern stand einfach auf.

Das konnte er nicht wirklich bringen. Ich hielt seinen Arm fest und zog hart dran. Damit hatte er nicht gerechnet und fiel auf die Sitzbank zurück. Unsere Blicke trafen sich. Ärger blitzte in seinen Augen auf, aber hinter der Maske konnte ich ebenfalls Unsicherheit und Unwillen erkennen. Dieser verdammte Spinner dachte anscheinend wirklich, dass ich Interesse an der Frau hatte. Ich konnte es nicht glauben.

Ohne groß darüber nachzudenken, schwang ich mein Bein über ihn rüber, sodass ich auf seinem Schoss zum Sitzen kam. Ich nahm sein Gesicht in meine Hände. Näherte mich langsam seinem Mund. »Du hast sie ja nicht mehr alle. Du wirst nicht abhauen«, wisperte ich an seinen Lippen und dann küsste ich ihn sanft. Einmal, zweimal. Ich liebte seinen Geschmack, auch wenn sich Bier und ein bisschen Burgersoße beigemischt hatten. Dann beugte ich mich an sein Ohr. »Du wirst nicht abhauen, denn schließlich habe ich heute noch einiges mit dir vor«, raunte ich und biss ihm leicht ins Ohr, um darüber zu lecken.

Jar keuchte auf und schlang dann seine starken Arme um mich. Unsere Blicke trafen sich. Verlangen und Hunger stand in seinen Augen, aber nicht nur. Ich war mir sicher, auch Freude und so etwas wie Stolz darin aufblitzen zu sehen.

Er sah heiß aus und wenn ich daran dachte, was bald kommen würde, wurde mein Puls schneller. Ich biss mir auf die Unterlippe.

Jar starrte mich an und mit einem leisen Fluch zog er mich noch näher an sich. Eroberte meinen Mund. Ungestüm, leidenschaftlich. Leckte mit der Zungenspitze über meine Lippen, bis ich sie öffnete. Unsere Zungen kämpften miteinander. Ich schob meine Hände in seine Haare. Zerrte an dem Haargummi, bis die Mähne über seinen Rücken floss und ich richtig hineingreifen konnte. Spürte endlich wieder seinen harten Körper. Mein Schwanz beulte die Hose aus und ich war dankbar für den weichen Stoff.

Jars Hände wanderten zu meinem Arsch. Packten ihn fester und ich keuchte.

»Leute«, vernahm ich im Nebel der steigenden Erregung Cains Stimme.

»Jetzt verstehe ich noch besser, was Noah immer meint. Die beiden sehen auch echt heiß zusammen aus.«

Jar löste sich langsam von mir. Sein Griff wurde sanfter. Aber der Blick in den roten Augen war hungrig. Er musste sich bemühen, sich zusammenzureißen. Ich musste nicht nach unten sehen, um zu wissen, dass er ebenfalls so hart war wie ich. Mein Atem ging schnell. »Habe ich meinen Standpunkt deutlich gemacht?«, fragte ich ihn mit rauer Stimme.

Er nickte langsam und ließ mich dann mit einer Spur Bedauern los. »Definitiv«, stimmte er mir zu, »und ich würde vorschlagen, dass wir jetzt abhauen. Ansonsten kann ich für nichts mehr garantieren.«

»Ich bin dabei.«

»Okay, ich würde vorschlagen, zur Feier des Tages laden wir euch ein und ihr könnt schon verschwinden, bevor das Diner noch in Flammen aufgeht«, schlug Cain amüsiert vor.

Jar war bei diesen Worten bereits aufgestanden. Er schien es wirklich eilig zu haben. Aber ich konnte das nur zu gut verstehen. Ich wollte auch endlich allein mit ihm sein. Ihn nackt und erregt auf mir spüren. An mir. In mir.

Allein der Gedanke brachte mich fast wieder zum Stöhnen. Reiß dich zusammen, Garcia, schalt ich mich und stand ebenfalls auf. »Super, vielen Dank, Mann!«

Cain nickte nur und grinste schief. Auch Zack schien seinen Spaß daran zu haben, uns so geil zu erleben. Einige blöde Sprüchen schallten uns hinterher, als wir das Diner verließen. Jetzt mussten wir nur noch die Taxifahrt überstehen. Aber es würde ja nicht so schwer sein, noch zehn Minuten die Finger still zu halten.

 

Nicht so schwer? Es war die Hölle und ich machte drei Kreuze, als wir endlich vor unserer Unterkunft hielten. Ohne wirklich darauf zu achten, gab ich dem Taxifahrer das Geld und stieg aus dem Wagen.

Die ganze Zeit hatte ich den Mann neben mir gespürt. Ihn gerochen. Seine Wärme wahrgenommen. Meine Erregung war gestiegen, obwohl wir uns nicht berührt hatten. Als wäre uns beiden klar gewesen, dass wir uns dann nicht mehr hätten zurückhalten können. Ich hatte meine Hände zu Fäusten geballt, um mich davon abzuhalten, ihn anzufassen. Jar hatte stur aus dem Fenster gesehen und doch war das Knistern zwischen uns immer stärker geworden. Es war wirklich der Wahnsinn, welches Verlangen er in mir weckte.

Wir hielten weiter Abstand, als wir die Treppe zum Apartment hinaufgingen. Es ging nur in den zweiten Stock und doch kam es mir unendlich vor. Meine Hände zitterten leicht, als ich endlich aufschloss. Kaum war die Tür offen, trat ich ein. Jar direkt hinter mir. Allein. Ich konnte nicht mehr warten und drehte mich blitzschnell um. Drückte den heißen Kerl gegen die Tür, die sich mit einem Knall schloss. Griff sofort mit den Händen in seine Haare und eroberte seinen Mund.

Mit einem Keuchen zog er mich näher an sich. Erwiderte den leidenschaftlichen Kuss. Öffnete den Mund, um meine Zunge einzulassen.

Durch meinen Körper ging ein Beben, als ich ihn endlich wieder schmecken konnte. Unsere Zungen umschlangen sich, während ich mich näher an ihn presste.

Seine Hände wanderten unter meine Jacke, unter mein Shirt und fuhren fahrig über meinen Rücken. Wir hatten zu viel an und doch wollte ich den Kuss nicht unterbrechen. Langsam tänzelten seine Finger am Bund der Hosen entlang. Packten meinen Hintern und drückten meinen Schwanz gegen seine Härte.

Ich keuchte auf und bewegte die Hüfte so gut es ging. Wie im Fieber streichelte ich alles, was ich erreichen konnte. Aber es reichte nicht. Ich brauchte mehr Reibung. Die verdammten Klamotten mussten weg. Ich wollte seine heiße Haut spüren. Ihn überall küssen und berühren. Seinen harten, tropfenden Schwanz spüren. In mir.

»Jar«, stöhnte ich in seinen Mund und löste mich widerwillig von den verführerischen Lippen.

Er blickte mich hungrig an. Die Augen waren dunkel vor Verlangen.

»Ich will, dass du mich fickst«, äußerte ich meinen Wunsch mit rauer Stimme.

Der Dämon erstarrte. Sah mich an. Erstaunt und überrascht. Gleichzeitig stieg unbändige Lust in seinen Augen auf. »Sicher?«

Ich nickte entschlossen und spürte zugleich, wie sich eine gewisse Aufregung in mir breitmachte. Ich wollte, dass dieser Mann mich nahm und doch konnte ich nicht verhindern, dass ich mich ein klein wenig anspannte. Was wäre, wenn ich es nicht mochte?

»Mann, Luca«, stöhnte Jar und legte den Kopf in den Nacken. »Hast du eine Ahnung, was du mit mir machst?« Er schaute mich wieder eindringlich an. »Willst du das wirklich?«

»Ja«, erklärte ich mit fester Stimme, »ich will dich in mir spüren. Ich will wissen, wie sich dein Schwanz in meinem Arsch anfühlt.«

Der Dämon stöhnte und verschlang mich mit seinen Blicken. »Fuck, du machst mich echt fertig«, raunte er, »du kannst dir nicht vorstellen, wie oft ich daran gedacht habe.«

»Mir kam es auch das eine oder andere Mal in den Sinn«, neckte ich ihn, um die plötzliche Spannung ein wenig aufzulockern.

Er grinste mich an und in seinen Augen sah ich nun auch die Freude über meinen Wunsch. Das legte meine Anspannung ein wenig. Ich vertraute ihm. Und wollte es. Nein, ich brauchte es. Musste diese innige Verbindung unserer Körper spüren. Wollte mich ihm hingeben.

Ohne ein weiteres Wort zu sprechen, lösten wir uns voneinander und zogen Jacke und Schuhe aus. Dann hielt er mir die Hand hin. »Komm«, forderte er mich sanft auf. Die Stimmung war immer noch aufgeheizt, aber alle Dringlichkeit war verschwunden. Mein Körper kribbelte vor Erwartung und die Zärtlichkeit, mit der er mich ansah, wärmte mich, spülte die Aufregung fort. Es war richtig. Genau jetzt. Mit ihm. Und nur mit ihm. Niemals zuvor hatte ich diesen Wunsch verspürt und doch überlagerte er gerade alles.

Im Schlafzimmer angekommen, zog mich Jar wieder an sich. Wir küssten uns erneut. Ohne Hast, ohne Ungeduld. Dennoch wurde aus den sanften Küssen bald mehr. Sie wurden leidenschaftlicher. Unsere Zungen umschlangen sich, als Jar mit den Händen unter mein Shirt fuhr. Er streichelte meinen Rücken, massierte immer wieder meinen Hintern durch die Hose. Dabei presste er mich so an sich, dass ich seine Erektion spüren konnte. Ich stöhnte auf und legte den Kopf in den Nacken. Sofort zog er mir das Shirt über den Kopf und fiel über meinen Oberkörper her. Reizte ihn mit Küssen, Bissen und seiner Zunge. Immer wieder keuchte ich auf, wenn er eine besonders sensible Stelle liebkoste. Meine Brustwarzen richteten sich unter seinen Berührungen auf und Lust schoss durch meinen Körper, als er hineinbiss. Der leichte Schmerz schürte meine Erregung. Aus meinem Schwanz kamen die ersten Lusttropfen. Verflucht, es fühlte sich einfach so geil an.

Er wanderte tiefer und ging dann vor mir auf die Knie. Er legte sein Gesicht in meinen Schritt und atmete tief ein. »So scharf«, raunte er, »Leder und Luca. Die beste Mischung überhaupt.« Dann rieb er sein Gesicht durch die Hose an meinem Ständer. Ich keuchte auf.

Meine Hände fuhren in seine Haare, weil ich das Gefühl hatte, mich irgendwo festhalten zu müssen.

Langsam öffnete er die Lederhose und meine Erektion sprang ihm entgegen. Ich stöhnte erleichtert. Der Laut vermischte sich mit Jars. »Verdammt, du trägst keine Pants«, stellte er mit rauer Stimme fest. Sein Blick traf meinen. »Sei froh, dass ich das nicht vorher gewusst habe, sonst hätte ich mich nicht beherrschen können.« Ohne weitere Raffinesse, als könnte er sich nun nicht mehr zurückhalten, nahm er meine Eichel in den Mund.

Als ich die Hitze spürte, keuchte ich auf. Mit der Zunge stippte er in den kleinen Schlitz, leckte die Tropfen weg. »So gut«, hauchte ich voller Lust. Ich musste mich zusammenreißen, nicht einfach zuzustoßen. Ich wollte mehr von seinem heißen feuchten Mund.

Er knetete meinen Hintern und nahm dann meinen Schwanz ganz in den Mund. Ich stöhnte und sah nach unten. Nur mein Ständer ragte gerade aus der Hose heraus und diesen starken Mann dort vor meinem Schritt knien zu sehen, törnte mich noch mehr an. Als er zu saugen begann, wusste ich, dass ich das nicht lange durchhalten würde. Es war so verdammt scharf. Aber ich wollte mehr. Ich wollte ihn spüren.

»Jar«, stöhnte ich langgezogen und er blickte zu mir auf. Meine eigene Lust spiegelte sich auf seinem Gesicht wider.

Langsam stand er auf, küsste mich und deutete dann mit dem Kopf aufs Bett. »Leg dich hin und sieh mir zu«, forderte er mich auf.

Ungeduldig zerrte ich an meiner Hose und spürte dabei seinen brennenden Blick auf meinem Hintern. Ich holte noch schnell das Gleitgel aus meiner Tasche, das ich vorsorglich eingepackt hatte, und legte mich dann erwartungsvoll aufs Bett. Zum Glück brauchten wir keine Kondome, weil ich durch die vampirischen Heilkräfte keine menschlichen Krankheiten bekommen konnte.

Mit einem verruchten Lächeln wanderten die roten Augen über meinen nackten, erregten Körper. »Du siehst so heiß aus. Irgendwann will ich dich einfach nur in deiner Lust ansehen und mir dabei einen runterholen«, raunte Jar.

Seine Worte ließen mich innerlich erzittern und machten mich gleichzeitig an. Dann begann er langsam sein Shirt über den Kopf zu ziehen. Ich starrte den Dämon an, wie er sich bedächtig auszog. Er sah unheimlich sexy aus. Stark, männlich und selbstbewusst. Mein Schwanz schrie nach Aufmerksamkeit, aber wenn ich ihn jetzt anfassen würde, würde ich wahrscheinlich kommen. Es erregte mich ungemein ihn zu sehen, wie er mich mit Blicken verschlang. Wie wir gierig den Körper des anderen fixierten.

Sein Ständer stand gerade und prall ab. Mit trägen Bewegungen umfasste er ihn und wichste sich dabei.

Verdammt, er machte mich wahnsinnig, ich wollte ihn bei mir haben. Auf mir und in mir.

Als hätte er meine Gedanken erraten, kam er langsam auf mich zu. Automatisch spreizte ich die Beine. Er kniete sich dazwischen. Starrte mich weiter an. »Luca«, raunte er und dann legte er sich auf mich. Begrub mich mit seinem Gewicht unter sich und näherte sich meinen Lippen.

Ich stöhnte auf, als ich die heiße Haut spürte. Als sich unsere Erektionen berührten. Als seine Zunge meinen Mund eroberte.

Fahrig fuhr ich über seinen Rücken. Zeichnete die Muskeln nach. Bewegte meine Hüfte nach oben. Ich brauchte mehr.

Jar keuchte und löste sich von mir. Fiel über meinen Oberkörper her. Neckte und biss mich überall. Mein Puls raste und ich stöhnte auf, als er mit den Zähnen meine Brustwarzen reizte. Ich wollte mehr.

Langsam wanderte er tiefer, aber ließ meinen tropfenden Schwanz aus. Das machte mich verrückt und ich knurrte unzufrieden.

Der Dämon lachte leise und knabberte an meiner Leiste. Seine Hände wanderten die Innenseiten meiner Oberschenkel hinauf. Eine umfasste meine Eier. Massierte sie leicht. Die andere wanderte über den Damm in meinen Spalt.

Als er bei meinem Eingang angekommen war, verspannte ich mich kurz. Es fühlte sich immer noch fremd an. Genau in dem Moment nahm er meinen Schwanz erneut in den Mund und ich stöhnte auf. Durch meinen Körper ging ein Beben. Aber er saugte nicht. Umspielte nur mit seiner Zunge meine Eichel. Verflucht, ich brauchte mehr.

Irgendwo hörte ich ein klickendes Geräusch und spürte dann eine kühle Flüssigkeit zwischen meinen Arschbacken. Er begann meinen Schwanz stärker zu lutschen, als er mit den Fingerspitzen mein Loch massierte. Es fühlte sich geil an und ich stöhnte auf. Wie er zugleich mit meinen Eiern spielte und an meinem Steifen saugte, war fast zu viel. Meine Hände krallten sich in die Laken. »Jar«, keuchte ich warnend.

Er entließ meinen Schwanz sofort aus seinem heißen Mund und widmete sich ganz meinem Eingang. Ich spürte, wie er bei der Massage immer mehr den Druck erhöhte und dann langsam mit einer Fingerspitze eindrang. Es war ungewohnt, etwas in mir zu spüren, aber es tat nicht weh.

»Scheiße, bist du heiß, Luca«, knurrte Jar und starrte nach unten. Er musste sehen, wie sein Finger in mir verschwand. Unsere Blicke trafen sich. Der Hunger in seinen Augen schürte meinen Wunsch nach mehr. Die Zärtlichkeit in ihnen verdrängte das fremde Gefühl. Ich brauchte mehr von ihm.

Immer weiter drang er mit dem Finger in mich hinein. Ich fühlte mich seltsam ausgefüllt. Als er ihn langsam herauszog, war jedoch ein Gefühl der Leere zu spüren. Erneut klickte es und dann schob er ihn wieder hinein. Es ging einfacher dieses Mal und doch war es immer noch seltsam. Aber nicht nur, es war auf eine andere Art und Weise erregend.

»Mehr«, forderte ich rau.

Jar kam meinem Wunsch nach und bewegte den Finger schneller. Es wurde immer leichter. Der Dämon stöhnte leise, als er sah, wie er mich mit dem Zeigefinger fickte. Dann spürte ich, dass er einen zweiten dazu nahm. Es brannte zunächst und ich verspannte mich.

»Vertrau mir«, raunte Jar und sah mich an. Ich nickte, denn das Gefühl, das ich in seinen Augen sah, raubte mir jedes Wort, das ich hätte sagen können.

»Du bist wunderschön.« Seine Stimme klang heiser, als er sich über meinen Schwanz beugte und ihn erneut in den Mund nahm. Das Saugen trieb meine Erregung wieder hoch und doch spürte ich jede Sekunde, wie sich ein zweiter Finger in mir bewegte. Dann berührte Jar etwas in mir, dass mich aufschreien ließ. Geil, verflucht! Meine Hände krallten sich in die Laken, als er begann das Nervenbündel zu massieren.

Mein Kopf schlug hin und her. Wie er meinen Schwanz lutschte, trieb mich dazu noch an den Rand der Klippe. Ich war gefangen in meiner Lust und bemerkte nur nebenbei, wie er einen dritten Finger dazu nahm.

»Jar, verdammt«, keuchte ich und bebte erneut bei der Berührung dieses besonderen Punktes.

Der Dämon stöhnte um meinen Schwanz. Das war fast zu viel und ich riss ihn an seinen Haaren hoch.

»Fick mich«, forderte ich ihn auf.

»Sicher?«, hakte er nochmal nach.

Ich verdrehte die Augen. Er musste doch merken, wie geil ich war. »Ja, verflucht. Ich will deinen Schwanz in mir haben«, knurrte ich voller Ungeduld.

»Du machst mich wahnsinnig«, stöhnte der Dämon und zog seine Finger aus meinem Arsch.

Wieder diese Leere.

Er griff nach meinen Beinen und drückte sie gegen meine Brust. Dann sah er nach unten, wie ich so geöffnet vor ihm lag. »So verflucht geil«, raunte er.

Ich konnte sehen, wie angetörnt er war. Wie sehr er sich beherrschen musste und das machte mich unglaublich an. Ich kam mir nicht schwach vor in diesem Moment, sondern spürte die Macht, die ich über seine Lust hatte. Das erregte mich noch mehr. Ich wollte ihn endlich ganz spüren.

»Mach hin«, forderte ich heiser.

Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Vorsichtig positionierte er seine Schwanzspitze an meinem Loch. Ich spürte den Druck und keuchte schmerzerfüllt auf, als er mit der Eichel in mich eindrang. Verdammt, das brannte wie die Hölle und ich hatte das Gefühl, es würde mich zerreißen. Das war echt etwas anderes als seine Finger.

»Luca, sieh mich an und atme«, bat mich Jar. Unsere Blicke trafen sich und ich versuchte, mich zu entspannen.

»Und jetzt sieh dir an, was du mit mir machst. Sieh dir an, wie geil du mich machst. Ich kann mich kaum zusammenreißen und würde am liebsten direkt abspritzen«, gestand er mir mit gepresster Stimme.

Es stimmte. Jeder Muskel in dem atemberaubenden Körper war angespannt. Schweiß hatte sich auf seine Haut gelegt. Sein Atem raste. Er sah unglaublich heiß aus. Ich wollte mehr von ihm spüren und nickte ihm deswegen zu, als er mich fragend ansah.

Immer weiter schob er sich in mich, gab mir Zeit, mich an das seltsame Gefühl zu gewöhnen. Dabei massierte er meinen Schwanz, der an Härte eingebüßt hatte. Und dann spürte ich seine Eier an meinem Arsch. Er war ganz in mir.

Unsere Blicke verhakten sich. Ich konnte ihn in mir pulsieren spüren. Er war mir so nah. Das Brennen verschwand immer mehr und es blieb nur ein Gedanke übrig: Es war richtig. Seine Augen strahlten so viel Wärme aus. So viel Nähe. Er hielt nichts mehr von sich zurück. Und das raubte mir den Atem. Die Gefühle, die mir entgegenschlugen, verwirrten mich und machten mich zugleich glücklich. Aber auch meine Erregung stieg immer mehr an, weil er nicht aufgehört hatte, mich zu wichsen.

Ich stöhnte auf. »Beweg dich!«

»Darauf habe ich nur gewartet«, gestand er mir und zog sich langsam aus mir zurück. Dabei schrammte er über den Punkt, in mir, der mich keuchen ließ. Nur um gleich darauf erneut zuzustoßen. Seine Bewegungen waren beherrscht und tief. Immer und immer wieder traf er meine Prostata. Schweiß lief über seinen Körper. Mein Herz bebte und meine Erregung wuchs in schwindelerregende Höhen. Seine Hand an meinem Schwanz und die Berührungen in mir trieben mich an den Rand.

»Mehr!«, keuchte ich heiser.

Seine Stöße wurden härter und ich spürte, dass ich nicht mehr lange brauchen würde. Meine Lustlaute vermischten sich mit Jars Stöhnen. Immer wieder trieb er seinen Schwanz tief in mich hinein. Traf immer wieder den Punkt, der mich Sterne sehen ließ.

Meine Eier zogen sich zusammen. Mein Keuchen wurde lauter. Jars Hand an meinen Schwanz schneller. So verflucht geil. Ich spürte das Kribbeln am Rückgrat. Ich konnte es nicht mehr aufhalten und spritzte mit einem tiefen Stöhnen ab.

Der Dämon stieß noch einige Male hart in mich. Dann spürte ich, wie er noch einmal in mir anschwoll und er sich dann mit einem langgezogenen Grollen in mir ergoss.

Verschwitzt und vollkommen außer Atem sah er mich an. Leichte Sorge war in seinem Blick zu erkennen. Ich spürte, wie sein Saft in mir war. Spürte, wie sein Schwanz noch in mir pulsierte. Ich konnte nichts anderes als lächeln.

Erleichterung trat in seine Miene und er erwiderte das Lächeln. Langsam zog er sich aus mir zurück und auch wenn ich auf einmal eine Leere spürte, musste ich ihn nur ansehen und erkannte eine Nähe, die vorher so noch nicht zwischen uns gewesen war. Eine Verbundenheit, die nicht nur damit zusammenhing, dass ich mich ihm hingegeben hatte.

Auch wenn es zwar am Anfang unangenehm und schmerzhaft gewesen war, hatte es sich dennoch verdammt gut angefühlt, ihn so nahe zu spüren. Daran könnte ich mich definitiv gewöhnen. Allerdings musste ich mich wohl auch an etwas anderes gewöhnen, ich merkte nämlich, wie mir langsam sein Sperma aus dem Hintern lief.

»Okay, das ist ziemlich uncool«, waren meine ersten Worte und Jar hob irritiert eine Augenbraue hoch.

»Na ja, dass mir die ganze Suppe aus dem Arsch kommt«, knurrte ich.

Der Dämon lachte und konzentrierte sich auf seine Magie. Nur eine Sekunde später hatte er einen feuchten Waschlappen in der Hand und reinigte mich behutsam.

Wärme zog durch meine Brust und zugleich musste ich gähnen. »Du hast mich echt fertig gemacht.«

Mit einem leicht überheblichen Grinsen legte er sich neben mich. »Das habe ich schon öfter gehört.«

Ich verdrehte nur die Augen und schüttelte den Kopf. »Und du sagst mir, dass ich eingebildet bin.«

»Bist du ja auch«, neckte er mich und schaute mich weiter an. Sein Schmunzeln wurde breiter. »Ich habe nicht gesagt, dass ich es nicht bin.«

Meine Mundwinkel zuckten ebenfalls und unsere Blicke trafen sich noch einmal. Wir dachten beide an das, was wir gerade miteinander geteilt hatten. Wussten, dass es etwas Besonderes gewesen war. Wussten beide, dass kein weiteres Wort dazu nötig war. Wir konnten es in den Augen des anderes lesen.

Als mir ein erneutes Gähnen entkam, zog mich Jar an sich und nur wenige Moment später war ich eingeschlafen. Zufrieden und befriedigt.

 


 

10. März

 

»Ich weiß, dass es eine schwere Entscheidung für dich ist, aber ich kann dir nur sagen, dass ich mit Freude helfen möchte. So wäre mein Tod nicht sinnlos, sondern wäre ein wichtiger Schritt im Kampf gegen diesen Fanatiker«, erklärte mir Karl und dann wurde er noch ernster. Trauer und Gram hatten sich in seinen alten Gesichtszügen festgesetzt. »Und ich kann dir sagen, vorbei wird mein Leben sowieso bald sein. Ich möchte endlich wieder bei meiner Familie sein.«

Seine Worte bewegten mich. Nach dem Aufwachen hatte ich das Bedürfnis verspürt, mit ihm zu sprechen. Wobei das nicht ganz stimmte. Zuerst hatte ich meinen Hintern und das leichte Ziehen wahrgenommen. Bei der Erinnerung daran, welchem Ereignis der letzten Nacht ich dieses Gefühl zu verdanken hatte, hatte sich mein Schwanz aufgerichtet. Ich hatte Jar geweckt und wir hatten den Tag sehr befriedigend begonnen. Beim Kaffeetrinken waren jedoch die Gedanken zu dem Ritual in meinem Kopf aufgetaucht, und mit ihnen der Wunsch, selbst mit dem Dämon Karl zu sprechen.

Ich erkannte, als ich ihn ansah, dass er die Wahrheit sagte. Ein Blick in sein Gesicht genügte, um zu erkennen, dass er ein gebrochener alter Mann war. Aber nicht wirr, sondern mit einem klaren Ziel vor Augen. Er wollte uns helfen und nahm dabei den eigenen Tod in Kauf.

Ich nickte zum Zeichen, dass ich verstanden hatte. Bevor ich jedoch etwas erwidern konnte, klingelte mein Smartphone. Zack rief mich an. Ich hatte den Besuch mit ihm abgesprochen. Leider waren am Morgen erneut Kämpfe gemeldet worden, aber mein bester Freund hatte mir versichert, dass sie auch allein klarkommen würden und ich mit Karl sprechen solle. Jar war derweil ins Departement gefahren, um den Kollegen zu helfen.

»Hi, was gibt es?«, meldete ich mich.

»Scheiße, Luca. Du musst ins Büro kommen«, kam Zack sofort auf den Punkt.

Alarmiert stand ich auf. »Was ist passiert?«

»Dana ist schwer verletzt. Sie wurde angegriffen. Von Ruth.«

 

Nach dem Anruf verabschiedete ich mich schnell von Karl und versprach ihm, dass ich ihm Bescheid geben würde. Dass ich nicht direkt ablehnte, schien ihm Hoffnung zu geben, aber ich konnte mir in diesem Moment keine Gedanken mehr darüber machen, weil ich nur Dana im Kopf hatte.

Auf der Fahrt telefonierte ich mit Jar, der mir erzählte, was passiert war. Ruth hatte ihre Partnerin in der Wohnung aus dem Hinterhalt mit einem Messer angegriffen. Sie hatte tiefe Stichwunden und war ins Koma versetzt worden. Doch Ruth war eine Sehende und keine Kämpferin. Deswegen hatte unsere Freundin sie noch mit letzter Kraft überwältigen und einen Agent, der nur ein paar Häuser nebenan wohnte, verständigen können.

Als ich beim Department ankam, ging ich sofort zur Krankenstation. Allerdings wurde ich von einem Kollegen aufgehalten, der prüfte, ob ich noch einen eigenen Willen besaß. Ich war ungeduldig und wollte nach meiner Freundin sehen, aber ich verstand die Notwendigkeit. Er drang in meinen Geist ein, um zu sehen, ob dort irgendwelche fremden Kräfte wirkten. Als er grünes Licht gab, konnte ich endlich zu ihr eilen. White und Zack waren ebenfalls in dem Krankenzimmer und sprachen leise miteinander, als ich eintrat.

Dana hatte einen riesigen blauen Fleck am Kiefer und ein großes Pflaster an der Schläfe. Ihre anderen Verletzungen waren unter Verbänden und der Decke verborgen. Still und blass lag sie da und wurde durch ein Gerät beatmet. Eine Infusionsnadel steckte in ihrem Arm. So kannte ich die dämonische Kämpferin nicht. Es war scheiße, sie so zu sehen. So reglos und kraftlos, ohne ihren verständnisvollen Blick oder das liebevolle Lächeln.

»Dr. Kowalski sagt, dass sie wahrscheinlich bald aufgeweckt werden kann. Das Koma hilft der Regeneration, aber ihre Wunden sind nicht mehr lebensbedrohlich«, gab mein bester Freund Entwarnung.

Erleichtert sah ich die beiden an und begrüßte sie mit einem Nicken. Ich bemerkte, dass sie ebenfalls mitgenommen aussahen. Kein Wunder. Anscheinend waren wir so gut wie gar nicht mehr vor Angriffen gefeit. Wenn Dana schon von ihrer Partnerin attackiert wurde, konnte alles passieren.

»Zeus hat sich bereits bei mir gemeldet«, erklärte White düster, »und hat gesagt, dass dies die letzte Warnung sei. Wir müssen seinen Wünschen nachkommen, sonst wird es noch mehr Agents so ergehen wie Michaels.«

»Dieser verfluchte Mistkerl«, knurrte ich zornig.

»Sie sagen es«, stimmte mir der Chief zu. »Das einzig Gute daran ist, dass wir Ruth haben. Lebendig. Damit kann Dr. Kowalski und ihr Team endlich mit der Erforschung anfangen. Vielleicht gibt es bald einen Ansatzpunkt, sodass wir diesem Spuk ein Ende bereiten können, bevor noch mehr geschieht.«

Ich nickte grimmig. Er hatte recht, auch wenn wir alle Dana hier nicht so liegen sehen wollten.

»Ich darf nun leider wieder mal zu einer Besprechung.« Whites Stimme klang alles andere als begeistert. »Aber vorher noch kurz die Frage, wie das Gespräch mit dem Dämon gelaufen ist?«

Ich erstatte ihnen Bericht und beide merkten an, dass sie nicht in meiner Haut stecken wollten. Das war nicht hilfreich und ich musste mir ein ‚vielen Dank, soweit war ich auch schon‘ verkneifen.

»Du musst dich bald entscheiden«, machte Zack mit einem Kommentar die Situation nicht besser.

Ich rollte genervt mit den Augen. »Das ist mir klar.«

Da klingelte das Smartphone meines besten Freundes. Er ging kurz hinaus, aber nach nicht mal einer Minute war er zurück. »Das war Cain. Er war auf dem Weg zu der Besprechung und hat ein paar seltsam wirkende Wesen in der Innenstadt gesehen. Er bat mich, dass wir uns das ansehen. Er würde gerne selbst schauen, aber will die Menschen nicht warten lassen.«

»Das ist wirklich eine weise Entscheidung. Wenn wir denen nur einen Angriffspunkt liefern, war's das mit unserer Entscheidungsgewalt«, grollte White wütend.

»Okay, dann lass uns los«, schlug ich Zack vor. Ich hoffte fast ein wenig auf einen Kampf, denn die Wut über die neuste Gräueltat von Zeus und die Unsicherheit wegen meiner Entscheidung machten mich aggressiv. Und nicht nur das, auch das ich zuletzt vorgestern Blut getrunken hatte, trug zu meiner schlechten Laune bei.

 

Erschöpft ließ ich mich aufs Sofa fallen, als ich hörte, dass der Schlüssel ins Schloss der Eingangstür gesteckt wurde. Meine Lippen verzogen sich automatisch zu einem Lächeln. Ich hatte Jar den halben Tag nicht gesehen, da Zack und ich lange nach den von Cain beschriebenen Wesen hatten suchen müssen und sie danach noch ewig durch die Stadt verfolgt hatten, bis ich endlich zu meinem Kampf gekommen war. Wenigstens hatte ich dabei den Zorn und die Aggressionen loswerden können.

Ich freute mich darauf, den Mann anzusehen, mit ihm zu sprechen und ihm einfach nahe zu sein. Natürlich konnte ich es auch nicht erwarten, ihn wieder zu küssen und ihn zu berühren, aber es war nicht nur das. Ich hatte mir auf dem Nachhauseweg den Kopf zerbrochen und dann eine Entscheidung getroffen. Aber aus irgendeinem Grund wollte ich sie mit ihm besprechen, bevor ich es offiziell machen würde.

»Hey«, rief er in die Wohnung und ich konnte hören, dass er Schuhe und Jacke auszog. Mein Grinsen wurde breiter. Es war irgendwie so normal, dass er hierherkam. Ich würde nicht wollen, dass sich das änderte. Allerdings war ich mir nicht sicher, wie er reagieren würde, wenn ich das laut aussprach.

Er trat ins Wohnzimmer und sah mich an. Ein Lächeln legte sich auf sein Gesicht, als er auf mich zukam. Keine Fassade, keine Kälte schlug mir entgegen, nur Wärme. Ich spürte ein Ziehen in meiner Brust und mein Herz schlug schneller, als er sich mir anmutig näherte.

»Hi«, begrüßte ich ihn.

Er beugte sich wie selbstverständlich zu mir herunter und küsste mich sanft. Dann hielt er einen Moment inne, als wäre ihm bewusst geworden, dass dies nicht unbedingt typisch für eine Fickbeziehung war. Ich ließ ihm jedoch keine Zeit, abzuhauen, sondern langte an den Bund seiner Hose, um ihn näherzuziehen. Dann griff ich in seinen Nacken, um erneut meine Lippen auf seine zu pressen.

Ich konnte förmlich spüren, wie er mit sich rang, aber als ich ihm leicht in die Unterlippe biss, hatte er sich entschieden. Er setzte sich mit gespreizten Beinen auf meinen Schoss und vertiefte den Kuss. Wühlte mit den Händen in meinen Haaren. Lockte meine Zunge mit seiner.

Erregung wallte in mir auf. Mein Schwanz erwachte in der Jogginghose zum Leben. Ich griff an seinen Hintern und zog ihn näher an mich. Fühlte, dass es ihn ebenfalls nicht kalt ließ.

»Dusche?«, fragte er nach einigen Minuten atemlos und stand auf. Hielt mir die Hand hin.

Ich nickte und ließ mich von ihm hochziehen. So schwungvoll, dass ich gegen seinen harten Oberkörper prallte. Seine Augen verschlangen mich, bevor er wieder meinen Mund in Beschlag nahm. So wurde ich doch gerne begrüßt, dachte ich mir, als wir Richtung Badezimmer taumelten.

 

»Willst du auch noch ein Bier?«, erkundigte sich Jar bei mir, als er einige Zeit später die leeren Pizzakartons wegräumte.

»Gerne«, gab ich zurück und fuhr mir durch die noch feuchten Locken. Ich spürte langsam, dass der Drang nach Blut größer wurde. Das machte mich unruhig.

Als er sich zu mir setzte, sah er mich aufmerksam an. »Du hast dich entschieden«, stellte er nach einer Weile fest.

Es wunderte mich nicht, dass er das wusste. Er konnte unglaublich gut in mir lesen.

Ich nickte und betrachtete ihn ebenfalls. Er saß entspannt auf dem Sofa und hatte die Beine in meine Richtung gestreckt, sodass seine Füße meine Oberschenkel berührten. Meine alte Jogginghose war ihm ein bisschen zu kurz und mein T-Shirt spannte über der breiten Brust, dennoch konnte ich mich kaum sattsehen. Dann kamen mir seine Worte wieder in den Sinn. Ja, ich hatte mich entschieden. Aber war es richtig? Ich trank ein Schluck Bier, ließ meinen Gedanken nochmal freien Lauf und streichelte dabei geistesabwesend über die nackte Haut. Dabei fiel mir auf, dass die Muster und Linien sogar seine Füße zierten. Das war mir bisher nicht bewusst gewesen.

Ich schüttelte innerlich den Kopf bei dem Gedanken und blickte wieder zu Jar. Er musterte mich weiterhin eindringlich. Fragend hob er eine Augenbraue hoch.

»Ich werde das Ritual durchführen. Seit Dana auf der Krankenstation liegt, ist mein Wunsch noch stärker geworden, den Mist endlich zu beenden. Es sind schon so viele zu Schaden und ums Leben gekommen, das muss einfach aufhören und vielleicht kann ich so etwas dafür tun«, erklärte ich und beobachtete seine Reaktion.

In den roten Augen blitzte Erleichterung und Freude auf. »Das finde ich gut«, sagte er frei heraus, »obwohl ich weiß, dass dir diese Entscheidung nicht leichtgefallen ist.«

Ich schnaubte. »Und hundertprozentig sicher bin ich mir auch immer noch nicht«, gestand ich ihm ehrlich.

Er nickte. »Das kann ich mir vorstellen. Dennoch muss ich zugeben, dass ich froh bin, dass du es machst.«

»Weil wir so unsere Chancen erhöhen?«

»Zu einem kleinen Teil deswegen, aber hauptsächlich, weil ich unbedingt will, dass du heil aus der Sache rauskommst. Die Vorstellung, dass dir etwas passiert, ist –«, er brach ab und rieb sich aufgewühlt den rasierten Nacken.

Seine Worte wärmten mich. »Das kann ich nur zurückgeben«, erwiderte ich leise.

Wir sahen uns an, verstanden die Angst, auch wenn uns beiden noch nicht ganz klar war, wieso sie da war.

Ich trank noch einen Schluck und verzog dann das Gesicht. »Ich werde echt ätzend werden«, warnte ich ihn vor. »Wenn ich Blut brauche, schwanke ich zwischen 'ich wirke wie betrunken', 'aggressiv' und 'vollkommen fertig'.«

Jar grinste mich aufmunternd an. »Das hört sich spaßig an.«

Ich schnaubte. »Das glaubst aber auch nur du. Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.«

 


 

11. März

 

Ich war stinksauer, dass er mich getroffen hatte und das bekam mein Gegner auch zu spüren. Mit schnellen Bewegungen war ich bei ihm und schlug ihm kräftig ins Gesicht. Er konterte mit einem Schwinger in den Bauch, aber da ich damit gerechnet hatte, war ich zurückgewichen und der Schlag traf mich nicht so hart. Blitzschnell drehte ich mich zur Seite weg und griff ihn erneut an. Der grünhäutige Dämon reagierte zu langsam und ich konnte ihn mit einem Tritt zu Fall bringen. Dabei schlug er heftig auf einen Stein auf und bewegte sich nicht mehr.

Ich überprüfte nicht, ob er noch lebte, sondern schaute mich zuerst nach Jar um. Er wich gerade einem riesigen Steinbrocken aus, der von einem kräftigen Faun in seine Richtung geschleudert wurde. Bevor sein Gegner einen weiteren Angriff starten konnte, streckte ihn ein Magieblitz zu Boden. Meine Augen scannten die Umgebung. Kein Gegner stand mehr und das Adrenalin baute sich langsam ab.

Autos näherten sich uns und ich erkannte, dass es die Kollegen waren. Die kamen aber auch echt immer, wenn die Action vorbei war, dachte ich grimmig und wischte mir den Schweiß vom Gesicht. Mein Blick ging über das Chaos, das hier herrschte. Steine lagen überall herum. Die Straße war an einigen Stellen aufgeplatzt. Leblose Wesen, denen der Willen genommen worden war, säumten den Asphalt. Von den Menschen, die von ihnen angriffen worden waren, fehlte zum Glück jede Spur. Sie hatten sich in Sicherheit gebracht. Ansonsten waren kaum Menschen zu sehen, weil immer mehr Willenlose die Stadt bevölkerten. Wir kämpften verdammt nochmal gegen einen Gegner, dessen Macht stetig wuchs. Fast hätte es mich bei unserem letzten Kampf das Leben gekostet, als mich ein Dämon angriff, den ich schon oft im Demons Dreams gesehen hatte. Er hatte sich anscheinend von Cain abgewandt und war zu Zeus übergelaufen. Er zog immer mehr übersinnliche Wesen auf seine Seite, wobei wir nicht genau wussten, wer sich ihm freiwillig anschloss und wer gegen seinen Willen benutzt wurde.

Der kommissarische Bürgermeister hatte die Menschen gebeten, vorsichtig zu sein und, wenn möglich, sich nicht zu lange im Freien aufzuhalten. Zum Glück war das Wetter im Moment beschissen, sodass es die Menschen nur bedingt nach draußen zog. Dennoch wurden die Rufe aus der Bevölkerung nach Unterstützung durch das Militär lauter. Aus ihrer Sicht verständlich, wussten sie doch nicht, mit welchem Feind wir es zu tun hatten. Die Gerüchte wurden lauter. Einige sahen irgendwelche ausländische Verschwörungen, andere redeten jedoch auch von Übernatürlichen. Besonders die Taten der Faune und Wasserwesen waren immer schwerer zu erklären. Wir konnten froh sein, dass es noch keine menschlichen Todesfälle gab. Und dennoch war es nur eine Frage der Zeit, bis die Bevölkerung hinter die Geheimnisse der Supernaturals kamen, dafür waren viele der Verbrechen zu unmenschlich.

Auch wir waren nicht wirklich schlauer geworden. Der Standort der Befreier wurde die ganze Zeit überwacht, aber Zeus zeigte sich nicht. Es gab auch keine Möglichkeiten unbemerkt in das Gebäude einzudringen oder Fenster, die von Scharfschützen genutzt werden könnten. Wenn er nicht gesagt hätte, dass er sich dort aufhielt, könnte man meinen, dass es ein Versuch war, uns in die Irre zu führen. Allerdings war Jar der Ansicht, dass sein Vater viel zu selbstgefällig war, uns anzulügen. Er war sich seiner Sache zu sicher. Immerhin hatten wir damit begonnen, einige Wesen abzufangen, die sich ihm freiwillig anschließen wollten. Leider erwischten wir nicht alle, wie mir heute im Kampf wieder bewusst geworden war.

»Alles okay, Luca?«, riss mich Jar aus den düsteren Gedanken.

Ich knurrte nur mürrisch. Mein Körper war k.o., aber die Wut hatte mich noch im Griff. Jeder Kampf war nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

»Lass uns abhauen«, schlug der Dämon vor und ich nickte widerwillig. Unsere Aufgabe war getan, nun waren die Kollegen dran. Ich hatte auch nichts dagegen aus den dreckigen, klatschnassen und blutbeschmierten Klamotten herauszukommen.

 

»Scheiße Mann, das kann doch nicht wahr sein!«, brüllte ich laut im Auto. Jar fuhr meinen Wagen, aber sein Gesicht hatte sich ebenso verfinstert.

Wir rissen uns den Arsch auf, aber wie es aussah, war das alles für die Katz gewesen. »Sie kommen wirklich hierher?«, hakte ich noch einmal zornig nach.

Mein bester Freund hörte sich müde an. Gleichzeitig war er, seiner Stimme nach zu urteilen ebenfalls angepisst. »Ja, da heute eine Frau angegriffen wurde, die nun schwer verletzt im Krankenhaus liegt, ist die Entscheidung gefallen.«

»Fuck!«, rief ich erneut und raufte mir die Haare.

»Sie haben allerdings zugesagt, dass das Militär erstmal hauptsächlich Präsenz zeigt, um die Bürger zu beruhigen. Einsätze in Kämpfe werden nur nach Absprache passieren.«

»Wenn sie hier sind, ist es doch nur noch eine Frage der Zeit, bis sie eingreifen und dann schießen und erst nachher schauen, ob das Wesen willenlos war oder nicht«, prophezeite Jar grimmig. Ich konnte ihm nur zustimmen.

»Wir warten alle darauf, dass Dr. Kowalski mit ihrem Team weiterkommt. Sie arbeiten mit Hochdruck daran, den Wirkstoff aus dem Blut von Ruth zu analysieren und ihn mit dem Blut von toten Willenlosen abzugleichen. Sobald wir die Ergebnisse und ein Gegenmittel haben, würde es reichen, wenn wir damit schießen«, versuchte Zack uns allen Hoffnung zu machen.

»Dann wollen wir mal hoffen, dass es das Militär genauso sieht«, knurrte ich wütend. Gleichzeitig war ich erschöpft. In meinem Magen zog es unangenehm, weil mein Körper Blut brauchte. Bisher hatten hauptsächlich Angreifer meine steigende Aggression abbekommen, was nicht unbedingt zu unserem Nachteil gewesen war. Aber ich wusste, dass es nicht dabeibleiben würde. Der Hunger würde noch stärker werden. Wobei ich mit dem nagenden Zorn besser umgehen konnte, als mit dem Gefühl betrunken zu sein. Ich hasste es, wenn ich meinen Körper nicht mehr ganz unter Kontrolle hatte und vor allem hasste ich es, dass ich dann meinen Freunden und Kollegen nicht mehr helfen konnte.

Wir hatten es bereits diskutiert, als ich am Vorabend Zack meine Entscheidung mitgeteilt hatte. Er und Jar hatten mich gleich beurlauben lassen wollen, aber das konnten sich die beiden mal gepflegt in den Arsch schieben. Dennoch war selbst mir klar, dass ich ihnen wahrscheinlich irgendwann keine Hilfe mehr sein würde. Sie eher noch in Gefahr brachte, was ich auf keinen Fall wollte.

Beide hatten gesagt, dass sie mich im Auge behalten würden, aber solange ich nichts sagte, würde ich weiter meinen Job machen können. Es war auch notwendig, wir brauchten jeden Kämpfer, den wir kriegen konnten. Dana war glücklicherweise in der Nacht wieder aus dem Koma geholt worden, aber es würde noch dauern, bis sie ganz fit sein würde.

»Ich werde gleich nochmal alles mit White und Cain besprechen. Vor allem, wie wir es schaffen können, möglichst lange die Zügel in der Hand zu behalten«, nahm Zack den Faden erneut auf.

»Können wir noch etwas tun?«, bot Jar sofort an.

Ich war zwar k.o., aber würde natürlich umgehend ins Department fahren.

»Nein, das wird hier auch nicht lange gehen. Macht ihr mal Feierabend, ihr wurdet ja schon früh genug aus dem Bett geklingelt«, wehrte Zack das Angebot ab.

Damit hatte er nicht Unrecht. Um halb fünf hatte ein Kollege durchgerufen, dass in der Nähe meiner Wohnung ein Kampf im Gange war. Wir waren sofort losgefahren und danach nicht mehr zur Ruhe gekommen. Langsam ähnelte unsere Stadt einem Kriegsschauplatz. Und wir kamen kaum hinterher. Es wurden immer mehr. Aber vielleicht konnte das Militär wenigstens die willenlosen Wesen mit ihrer Präsenz einschüchtern. Das wäre das einzig Gute, was sie machen könnten.

Kaum hatte Zack aufgelegt, klingelte mein Smartphone erneut. Ich sah auf das Display und ein Seufzen entkam mir. »Hallo Mamá«, ging ich ran.

»Cariño«, begrüßte sie mich, »wie geht es dir?«

Ich fuhr mir durch die Haare. Nach diesem Tag und mit dem Hunger war ich überhaupt nicht in Plauderlaune. »Gut, ich mache das Ritual«, gab ich deswegen knapp zurück.

Ich konnte ihr Strahlen an ihrer Stimme erkennen. »Das sind großartige Neuigkeiten. Karl hat mir berichtet, dass du bei ihm warst, aber er hat noch keine Entscheidung von dir bekommen.«

»Jetzt weißt du ja Bescheid«, murrte ich.

»Das gebe ich gleich an Karl weiter. Und ich finde die Entscheidung richtig«, erklärte sie mit Nachdruck. Ich verdrehte die Augen. Das war mir wohl klar gewesen, aber ich sagte nichts.

»Du wirst sehen. Die Party beginnt um 18 Uhr. Du kommst einfach um 16 Uhr und dann ist schon alles vorbei, bevor die Gäste eintreffen.«

»Mamá, meinst du, dass es eine gute Idee ist, wenn wir die Feier machen. Wäre es nicht besser, wenn wir sie absagen, gerade unter den jetzigen Umständen?«

Bei der Frage holte Jar neben mir zischend Luft. Wahrscheinlich wusste er, dass ich gerade ein Minenfeld betrat. Ich sah ihn an. Respekt blitzte in seinen Augen auf. Das brachte mich zum Grinsen, denn ich verstand ihn, man legte sich nicht einfach mit den Frauen des Garcia-Clans an.

»Aber Luca, auf keinen Fall!«, echauffierte sie sich. »Hast du eine Ahnung, wie viel Zeit ich da hineingesteckt habe? Außerdem kommen doch alle.«

Bevor sie sich weiter in Rage reden konnte, unterbrach ich sie. »Ich weiß doch, wie viel Aufwand du hattest und es tut mir leid, dass ich es vorschlage. Aber bei dem Ritual wird Karl sterben und irgendwie ist es doch dann geschmacklos, wenn wir danach feiern, als wäre nichts gewesen.«

Stille am anderen Ende der Leitung.

Ich spürte ein leichtes Triumphgefühl in mir aufsteigen, das jedoch mit ihren nächsten Worten direkt wieder zunichtegemacht wurde. »Ich hatte auch das Gefühl und habe deswegen mit ihm darüber gesprochen. Er meinte dazu nur, dass er weiß, wie wichtig das Blutsfest für uns Vampire ist und wir einen auf ihn trinken sollen. Karl will auf keinen Fall, dass es abgesagt wird. Es ist sogar sein Wunsch, dass wir danach feiern.«

Oh Mann, was sollte ich denn jetzt noch dazu sagen? Bevor ich jedoch die Chance hatte, irgendetwas zu erwidern, setzte sie zum finalen Schlag an. »Außerdem ist es mir wichtig, dass wir dein Fest feiern, Cariño. Es bedeutet mir so viel, wenn die ganze Familie und deine Freunde zusammen sind, um dich zu feiern. Bitte, mach mir das nicht kaputt.«

»Okay«, gab ich mich geschlagen.

Ich hörte, wie sie in die Hände klatschte. »Wunderbar. Dann machen wir das so. Und wenn du vorher zu uns kommen willst, um dich vom Hunger abzulenken, sag Bescheid. Aber es sind ja auch nur noch vier Tage. Das schaffst du, mein Baby!«

»Danke, aber es geht schon«, lehnte ich ihren Vorschlag ab.

»Kommt denn der hübsche Jar auch zu deinem Fest?«, fragte sie, beantwortete es sich dann aber selbst. »Natürlich kommt er als dein Partner, was frage ich das nur. Ich muss ja sagen, ich war ein wenig überrascht, als du einen Mann nach Hause gebracht hast. Allerdings ist es bei ihm auch nicht verwunderlich. Er ist wirklich ziemlich scharf. Ich freue mich, dass du endlich jemanden an deiner Seite hast.«

Ich erstarrte bei ihren Worten. Genau wie der Mann neben mir. Wir hatten bisher nicht darüber gesprochen und auch wenn es sich gut anhörte, was Rosa da sagte, ich hatte keine Ahnung, wie Jar das sah. Er hatte gesagt, dass er nie lange an einem Ort blieb. Würde er dem alten Muster folgen, wenn er nicht mehr auf der Flucht war, und bald wieder weg sein? Oder hatte er vor, länger in der Stadt zu verweilen? Bei mir zu bleiben? Meine Antwort auf die Frage, ob ich ihn an meiner Seite haben wollte, war klar. Es war ein eindeutiges Ja. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich jemals genug von ihm haben würde. Die Faszination, die er auf mich ausübte, wuchs mit jedem Tag. Mit jeder neuen Facette, die ich an ihm kennenlernte. Und es war nicht nur Faszination, auch das war mir klar. Es war viel viel mehr.

In dem Moment ging der Dämon in die Eisen und konnte gerade noch den Aufprall auf ein anderes Auto verhindern. Anscheinend hatte ihn die Frage meiner Mutter wirklich geschockt.

»Luca, Baby, was war das für ein Geräusch?«

»Ähhmmm«, gab ich dümmlich zurück. »Hier ist fast ein Unfall passiert.«

»Was?«, schrie sie mit Entsetzten in der Stimme. »Geht es dir gut?«

»Natürlich Mamá, alles in Ordnung. Aber ich muss mir das mal ansehen«, wimmelte ich sie ab.

»Na gut, wenn es sein muss. Ich schreibe deinen Jar auf die Liste«, erwiderte sie. »Ich liebe dich, Cariño.«

Damit legte sie auf und ich hatte den Salat. Verdammter Mist! Wenn sie wüsste, was sie gerade angerichtet hatte. Obwohl, wenn sie es wüsste, würde sie sich wahrscheinlich Popcorn holen und alles amüsiert verfolgen. Und nicht nur sie. Ich würde darauf wetten, dass Lupita direkt neben ihr saß.

Stille breitete sich im Auto aus. Jar hatte das Lenkrad umklammert, sodass die Knöchel weiß hervortraten. Er sah mich nicht an, sondern blickte stur auf die Straße. Ich hatte keine Ahnung, was in seinem Kopf vorging und das machte mich schier wahnsinnig.

Endlich hatten wir unser Ziel erreicht. Nachdem er geparkt hatte, drehte er sich langsam zu mir. Ich hätte fluchen können, denn seine kalte Maske saß. Ich konnte nicht in ihm lesen. Erkannte keine Gefühle. Nein, das wollte ich nicht sehen. Das hatte ich nie wiedersehen wollen. Nicht nachdem, was uns mittlerweile verband. Nachdem er mir soweit vertraut hatte, sich so geöffnet hatte, war das jetzt ein Schlag in die Fresse. Mit richtig viel Anlauf.

Er öffnete den Mund, aber ich kam ihm zuvor. »Nein, Jar!«, fuhr ich ihn an. »Ich will nichts davon hören! Meine Mutter hat vielleicht eine übertrieben romantische Vorstellung von unserer Beziehung, aber ich werde nicht mit dir darüber reden. Nicht jetzt, nicht so! Auf keinen Fall!«

Mit den Worten verließ ich das Auto und rannte fast zu meinem Apartment. Alles in mir war in Aufruhr und ich wollte am liebsten auf etwas einprügeln. Mein Magen krampfte sich zusammen, aber ich merkte es kaum. Sein verfluchter Blick war kalt gewesen.

Es hatte sich alles so natürlich entwickelt. Die Nähe und das Vertrauen zwischen uns war im Begriff gewesen zu wachsen. Es hatte sich richtig angefühlt. Ohne, dass wir darüber gesprochen hatten.

Und jetzt? Kein Schimmer, was nun war. Er hatte bislang zwei Männer gehabt, mit denen er mehr oder weniger eine Beziehung geführt hatte. Jamaal und Aman. Beide waren getötet worden. In der Gefahr sah ich mich nicht unbedingt, aber ich wusste, dass Jar deswegen Angst vor zu vielen Gefühlen hatte. Und ich war mir sicher, dass er dabei gewesen war, sie zuzulassen. Aber die Worte meiner Mutter mussten ihn daran erinnert haben, was er bereits verloren hatte. Das musste der Grund sein, warum er wieder seine Maske aufgesetzt hatte.

Wütend schloss ich die Wohnung auf und pfefferte den Schlüssel irgendwohin. Ich musste etwas tun, sonst würde ich platzen. Mit ungeduldigen Bewegungen zog ich mir die Boots von den Füßen und ließ meine feuchte Jacke fallen. Schnurstracks ging ich zum Kühlschrank, um mir ein Bier zu holen. Dabei achtete ich nicht darauf, dass ich nasse Flecken auf den Fliesen hinterließ.

Dann hörte ich ein Geräusch und drehte mich zu dem Wohnzimmerbereich. Ich runzelte irritiert die Stirn, als ich sah, wie Jar das Sofa an die Wand schob. Nur ein paar Augenblicke folgte der Wohnzimmertisch. Dann verschwand er im Schlafzimmer, um nur einige Sekunden später zurückzukommen. Er hatte einen nackten Oberkörper und trug meine alte Jogginghose. Er stellte sich mitten in die freie Fläche.

»Los, geh dich umziehen«, knurrte er. Ich bewegte mich keinen Zentimeter, sondern starrte ihn einfach nur zornig an. Allerdings musste ich auch zugeben, dass mir dabei wieder auffiel, wie geil sein Oberkörper mit diesen Linien war. In diesem Moment schürte es meine Wut. Jedes verdammte Mal lenkte er mich mit seinem Aussehen ab.

Er hob provozierend eine Augenbraue. »Traust du dich etwa nicht?«

Ich schnaubte abfällig. »Pft, als ob ich dich nicht fertig machen könnte.«

»Dann zeig es mir«, forderte er mich weiter heraus.

Na gut, wenn er einen Kampf wollte, den konnte er kriegen. Dafür brauchte ich mich auch nicht umziehen. Nur einige Sekunden später stand ich ihm gegenüber. Er starrte mich an. Ich konnte ihn nicht durchschauen, konnte nicht in ihm lesen, sah nur diese Kühle in seinem Blick. Das nährte meinen Zorn. Nur weil meine Mutter so einen Spruch gebracht hatte, musste er sich doch nicht gleich einpissen. Auch wenn ich vorhin noch gedacht hatte, dass ich ihn verstehen konnte, war meine Enttäuschung gerade zu groß. Ich musste nur in die abweisenden Augen schauen und daran denken, was wir schon alles geteilt hatten, und wollte mich nur noch auf ihn stürzen. Diesmal hatte es jedoch nichts mit Lust zu tun.

Ich kniff meine Augen zu Schlitzen zusammen und beobachtete ihn. Meine Muskeln waren angespannt, aber ich wartete darauf, dass er den ersten Schritt machte. Dass er mich zuerst angriff. Aber er tat nichts dergleichen. Außer mich ebenfalls nicht aus den Augen zu lassen.

Dadurch wurde ich noch zorniger. Verdammter Mistkerl! Ich tat so, als würde ich mich wieder entspannen, aber dann griff ich blitzschnell an. Ich täuschte mit links einen Schlag an, und verpasste ihm dann eine mit rechts. Sofort wollte ich nachlegen, aber er blockte meine Faust ab und stieß mir sein Knie in die Seite.

Scheiße, das war mal ein guter Treffer. Aber in meiner Wut achtete ich nicht auf den Schmerz. Holte ebenfalls aus und traf diesmal in seinen Magen. Er taumelte ein Stück zurück.

Seine Augen blitzten mich an. Anerkennend, aber auch angefressen.

Ja, mit mir wirst du es nicht so leicht haben, dachte ich nur, als er wieder auf mich zuschoss. Ich blockte ihn ab, drehte mich blitzschnell zur Seite und landete einen weiteren Treffer auf Höhe seiner Rippen.

Es blieb mir jedoch keine Zeit mich zu freuen, denn er attackierte mich erneut. Griff immer wieder an und wir schenkten uns nichts. Harte Tritte und Schläge. Ich musste einiges einstecken, aber konnte auch beträchtliche Treffer landen. Mir lief der Schweiß über den Körper und ich bemerkte, wie meine Wut immer mehr verrauchte. Allerdings nahm etwas anderes zu. Ich wurde mir seiner Nähe bewusster. Spürte, wenn sich unsere Körper berührten. Fühlte seine harten Muskeln unter der weichen Haut. Sah, wie anmutig und gleichzeitig kraftvoll er sich bewegte. Roch seinen unvergleichlichen Geruch gepaart mit einer leichten Schweißnote. Er machte mich an.

Schwer atmend fixierte ich ihn. Bemerkte seinen Angriff und duckte mich weg. Dabei machte ich mein Bein lang und steif und trat ihm damit den sicheren Stand weg. Sofort ging ich ihm nach und brachte ihn zu Fall. Ich packte seine Arme und drückte sie auf den Boden. Setzte mich auf seinen Oberschenkel, um ihn bewegungsunfähig zu machen. Seine Brust hob und senkte sich schnell. Seine Augen blitzten mich provozierend an, aber es kam mir so vor, als würde ich auch Verlangen in ihnen erkennen. Blut schoss in meinen Schwanz.

Ich dachte nicht mehr weiter nach, der ganze Scheiß von vorhin hatte in diesem Moment keine Bedeutung mehr. Erregung raste plötzlich durch meinen Körper und verdrängte die Wut und Enttäuschung. Nur noch die Lust auf den Mann unter mir zählte. Ich beugte mich nach vorne und eroberte mit einem Knurren seinen Mund. Er fluchte, weil er sich nicht bewegen konnte, öffnete aber bereitwillig seine Lippen. Unsere Zungen kämpften miteinander, während ich mich an ihm rieb. Er war ebenfalls hart und seinen verschwitzter Körper an meinem zu spüren, törnte mich unheimlich an. Ihn unter mir zu haben, war erregend. Ich hatte es geil gefunden, mich ihm hinzugeben und würde es sofort wieder tun. Aber meinen Ständer in seinen knackigen Hintern zu schieben war auch durchaus eine heiße Vorstellung.

Die Fantasie lenkte mich so sehr ab, dass ich auf einmal herumgewirbelt wurde und unter dem Dämon zum Liegen kam. Er näherte sich meinem Gesicht und starrte mich eindringlich an. »Wir werden reden und es ist mir scheißegal, ob du es willst oder nicht. Wir müssen sogar ganz dringend reden«, versprach er mir grimmig, »aber nicht jetzt. Nicht in der Zeit bis zum Blutritual. Danach sprechen wir darüber, denn ich habe einiges dazu zu sagen. Aber dafür will ich, dass du bei klarem Verstand bist.«

Ich grollte unzufrieden, aber konnte ihm nicht mehr widersprechen, denn er senkte erneut seinen Mund auf meinen. Ließ mich den Hunger vergessen. Ließ mich den Rest meiner Wut vergessen. Ließ mich alles vergessen.

 

 


 

14. März

 

Durch den vernebelten Halbschlaf hindurch vernahm ich ein Geräusch. Langsam wurde ich wacher. Ich war doch gerade erst eingeschlafen, also wieso hörte ich dann Jar neben mir fluchen? Schleichend kamen die Erinnerungen zurück. Gestern Mittag hatte mich der Dämon in unsere Unterkunft gebracht, weil ich nicht mehr richtig sprechen konnte. Genauer gesagt, ich hatte gelallt, als hätte ich mir eine Flasche Tequila reingezogen. Ich hatte das erste Mal eine Phase der geistigen Umnachtung. Damit war klar, dass ich meinen Kollegen nicht mehr helfen konnte. Außerdem waren die Krämpfe im Magen immer stärker geworden. Natürlich hatte ich mich gesträubt, hatte Jar richtig angezickt auf dem Weg zurück. Er hatte mich stützen müssen, als wir nach oben liefen. Immer wüster hatte ich ihn beschimpft. Aber er hatte sich nicht davon beeindrucken lassen. Hatte auch in den letzten Tagen nicht mehr von unserem Kampf gesprochen oder mich anders behandelt. Trotzdem spürte ich die ganze Zeit über eine gewisse Distanz bei ihm. Er hatte die Maske noch nicht wieder abgelegt. Dennoch hatte er sich nach meinem Totalausfall um mich gekümmert. Hatte mich ins Bett gebracht und mich genötigt, noch ausreichend Wasser zu trinken. Danach hatte er wieder losgemusst und ich war weggepennt. Warum lag er also jetzt neben mir? Oder hatte ich das nur geträumt? Ich raffte es nicht so richtig und wollte nach meinem Smartphone greifen.

»Verdammt, es ist sechs Uhr morgens«, fluchte Jar in dem Moment.

Sechs Uhr morgens. Dann hatte ich mehr als 15 Stunden geschlafen und doch fühlte ich mich wie ausgekotzt. Mein Magen zog sich zusammen und ich ächzte leise.

»Ich geh schon an die Tür, bleib einfach ruhig liegen«, hörte ich seine Stimme in dem dunklen Schlafzimmer. »Brauchst du noch was?«, erkundigte er sich.

Ich schüttelte den Kopf, auch wenn er das gar nicht sehen konnte. Ich hasste meinen Zustand. Ich fühlte mich schwach und fand es ätzend, dass er mich so sah. Und doch wärmte es mich von innen, dass er so fürsorglich war. »Nein, aber danke«, gab ich knapp zurück.

Mir kam wieder in den Sinn, dass ich ein echtes Arschloch gewesen war. Ich hatte ihn ziemlich beleidigt und fühlte mich schlecht. Auch wenn etwas zwischen uns stand, kümmerte er sich um mich und ich verhielt mich so mies. Das konnte ich nicht so stehen lassen. Ich nahm wahr, dass er sich anzog und zur Tür ging.

»Jar«, hielt ich ihn auf. »Es tut mir leid, ich war echt scheiße gestern.«

»Ja, also charmant ist was anderes«, zog er mich auf, aber ich konnte das Lächeln in seiner Stimme heraushören. »Glaub mir, wenn du wieder bei klarem Verstand bist, musst du das alles wieder gut machen.« Dann verschwand er aus dem Schlafzimmer.

Bei seinen Worten legte sich ein Lächeln auf meine Lippen. Wir hatten auch nicht mehr über die Frage meiner Mutter gesprochen. Sie stand jedoch im Raum. Der Dämon war unnahbarer, aber nicht so, dass er sich ganz von mir abwandte. Leichte Sorge hatte ich, dass er das nur aus Verantwortungsgefühl tat, aber dann erinnerte ich mich an all die Blicke, an die Nähe, die zwischen uns entstanden war. Es war mehr und das musste er auch erkannt haben. Allerdings hätte ich es nur zu gerne geklärt und fieberte deswegen dem Ritual entgegen. Und wenn ich ehrlich war, dann nicht nur deswegen. Ich hatte ein unheimliches Verlangen nach Blut. Es war, als könnte ich es immer und überall riechen. Aber besonders schlimm war es bei Jar. Es kam mir vor, als würde ich es in seinen Adern sehen können. Immer wieder fuhr ich meine Fangzähne aus, wenn er mir nahekam. Aber er musste sich keine Sorgen machen. Ich würde mich beherrschen. Niemals könnte ich ihn beißen. Auch wenn es immer schwieriger wurde, die Kontrolle zu behalten.

Ich hatte viel Energie verloren. Durch die Kämpfe, aber auch die Ablenkungen, die der Dämon mir geboten hatte. Auch wenn zwischen uns nicht alles klar war, war die körperliche Anziehung nicht verschwunden. Eher im Gegenteil, als wären wir uns wenigstens beim Sex nahe. Es fühlte sich jedes Mal anders an, wenn wir uns befriedigten. In den letzten Tagen war es härter, brutaler zugegangen, aber genau das brauchte ich im Moment. Der Hunger schürte meine Aggressionen und die Gier nach grober körperlicher Nähe. Und Jar hatte es gemerkt und war meinen Wünschen nachgekommen. Bei dem Gedanken reagierte mein Körper automatisch und mein Schwanz ging auf halbmast. Dabei war mir im Moment überhaupt nicht nach Sex. Meine Magen fühlte sich wie ausgehöhlt an und brannte wie Feuer. Immer wieder schüttelten mich Krämpfe. Ich konnte froh sein, wenn ich es nachher aufs Klo schaffen würde.

»Willst du mich verarschen?«, hörte ich in dem Moment die fassungslose Stimme von Jar.

»Bitte, Jar, wir konnten fliehen. Du musst mir zuhören! Bitte, lass uns rein!« Die flehende Stimme war weiblich. Ich runzelte die Stirn.

»Aman!«, hörte ich den Dämon sagen. In seinem Tonfall klangen Ungläubigkeit und eine wahnsinnige Freude mit. »Du lebst!«

»Es geht ihm nicht gut, aber als ich ihn sah, musste ich ihn einfach zu dir bringen.«

»Ich dachte, du wärst tot.« Jar hörte sich geschockt an und in meinem langsamen Verstand kamen mit einiger Verspätung die Bedeutung der Worte an. Aman. Er war Jars menschlicher Freund gewesen, Zeus hatte ihn getötet. Anscheinend wohl doch nicht. Meine Gedanken wirbelten umher, was hatte das zu bedeuten?

Ich konnte ein Ächzen vernehmen, kurz darauf die Stimme des Dämons. »Ich kann es nicht fassen, dass du am Leben bist.« Er klang sanft und irgendwie tief bewegt.

»Jar«, krächzte eine männliche Stimme, von der ich annahm, dass sie zu Aman gehörte. »Ich bin so froh, dich zu sehen. Nur wegen dir konnte ich das Ganze durchstehen.« Er klang schwach.

»Ach Aman, es haut mich um, dass du hier bist. Hier bei mir.«

In meiner Brust zog es schmerzhaft. Die Wärme in Jars Stimme machte mich traurig. Oh Mann, verflucht Garcia, schimpfte ich innerlich mit mir. Der Dämon hatte gedacht, dass sein ehemaliger Freund und Liebhaber grausam getötet worden war und nun war er lebendig bei ihm. Kein Wunder, dass er sich darüber freute. Ich sollte mich mit ihm freuen, aber ich konnte es nicht. Denn verdammt nochmal, ich war eifersüchtig auf die Wärme in seinem Tonfall. Ich wollte sie auch wiederhaben und fühlen. Wollte, dass der distanzierte Jar verschwand. Wollte die Nähe zwischen uns wieder spüren.

»Dein Vater hat mich gefunden und mich mitgenommen. Er hatte gehofft, dass du mich suchen würdest.« Amans Stimme war leiser geworden.

»Das hätte ich auch, aber ich dachte, er hätte dich getötet. Scheiße Mann, wenn ich das gewusst hätte. Es tut mir so leid.«

»Entschuldige Jar, kann ich kurz das Bad benutzen?«, mischte sich die weibliche Stimme wieder ein, die ich fast vergessen hatte.

Für ein Moment herrschte Stille. Ich konnte mir vorstellen, dass Jar die Besucherin abschätzend musterte. Über ihr Auftauchen war er nicht erfreut gewesen. »Okay, geh dich frisch machen, Angela, aber versuch keine Tricks. Ich bin nicht mehr der hilflose junge Kerl und glaub mir, du willst mich nicht herausfordern«, drohte er ihr unverhohlen.

Ich hörte nicht auf die Antwort, denn in meinen Ohren rauschte es. Angela. Jars Mutter. Die Frau von Zeus. Das konnte doch nicht wahr sein. Was wollte sie hier? Hatte sie nicht eben sowas gesagt, dass sie geflohen waren? Aber wieso sollte sie das tun?

Mein Magen krampfte sich zusammen, sodass ich mich allein aufs Atmen konzentrieren musste. Es brannte wie ein glühender Schürhaken, der in meinen Eingeweiden herumgedreht wurde. Sie wurden immer stärker und für ein paar Sekunden wurde mir schwarz vor Augen. Dann ließen sie zum Glück nach. Nachdem ich mich beruhigt hatte und mir den kalten Schweiß von der Stirn gewischt hatte, konzentrierte ich mich wieder auf die Besucher.

»… dunkel. Das habe ich am meisten gehasst, dass es immer dunkel war. Du weißt, wie sehr ich die Sonne liebe«, drang die Stimme von Aman mit einem Hauch von Sehnsucht zu mir.

»Oh ja, du konntest nie genug bekommen. Wolltest dich ständig sonnen und baden gehen«, erinnerte sich Jar mit einem leisen Lachen, was mir eine kalte Gänsehaut bescherte.

»Aber dir war das zu langweilig«, beschwerte sich Aman mit einem leicht mauligen Unterton. »Nur manchmal konnte ich dich dazu bewegen mitzukommen.«

»Hey, wenn ich dich allein gelassen habe, habe ich es doch später wieder gut gemacht, oder?« Ein anzüglicher Ton schwang in seiner Stimme mit.

Ein trockenes Kichern vernahm ich, das in ein Husten überging.

»Warte, ich hole dir etwas zu trinken und schaue, ob Tee da ist«, meinte Jar fürsorglich.

Ich konnte ihn werkeln hören, als eine Frage von Aman kam. »Wohnst du hier?«

»Nein, nicht wirklich«, gab der Dämon zurück und ein leises Lachen war aus seiner Stimme herauszuhören. »Es hat sich nur angeboten, hier unterzukommen. Es ist ganz praktisch, wenn man nicht viel Kohle hat.«

Ich erstarrte. Das konnte er doch nicht so meinen, wie es klang, oder? Aber was sollte es sonst bedeuten? In meinem Magen rumorte es und Wut machte sich in mir breit. So ein verfluchter Mistkerl! Es war also praktisch ! Meine Hände zitterten und ich verabscheute meinen Zustand. Nur gerne hätte ich ihm gezeigt, wie praktisch ich auch zuschlagen konnten.

»Bist du allein hier?«

»Nein, ein Freund, den ich vor kurzem kennengelernt habe, wohnt auch hier«, erklärte Jar emotionslos und fügte dann noch sanft hinzu: »Vorsicht, der ist heiß.«

Für einen Augenblick war es still, dann vernahm ich erneut die Stimme des Dämons. »Ich komme gleich wieder. Warte einen Moment.«

»Ich glaube, ich mache kurz die Augen zu. Ich bin ziemlich kaputt«, vernahm ich die schwache Stimme von Aman.

»Du bist auch viel zu dünn«, merkte Jar wütend an. »Mein Vater ist ein mieser Wichser, der für all seine Taten bezahlen wird.«

»Hauptsache ich bin bei dir«, nuschelte Aman zärtlich. »Danke für die Decke.«

»Ich bin sofort wieder da, ruh dich aus.« Die Stimme des Dämons war lauter geworden, als wäre er auf dem Weg zum Schlafzimmer. Ich wollte ihn nicht sehen. Seine Worte hatten mich richtig sauer gemacht. Ich wappnete mich und wäre ihm am liebsten an die Gurgel gesprungen. Aber ich war im Moment einfach nur ein Jammerlappen, der kaum aufstehen konnte.

Mein Herz schlug schneller, als ich seine Schritte hörte, er würde gleich hier sein.

»Jar, können wir reden?«, vernahm ich in dem Moment Angelas Stimme.

Er hielt inne und ich atmete erleichtert auf. Nur zu gerne hätte ich ihn angebrüllt und ihm eine verpasst, aber in diesem Zustand konnte ich ihn nicht fertig machen. Konnte mich nicht mit ihm messen. Konnte ihn nicht schütteln, bis endlich diese beschissene Maske verschwand. Konnte ihn nicht anschreien, bis ihm klar wurde, wie bescheuert seine Worte gewesen sind. Er fühlte mehr für mich, es musste einfach so sein. Aber ich hasste es, dass er sich nicht überwinden konnte.

»Es gibt nichts zu besprechen. Ich bin seit Jahren auf der Flucht vor euch und nun tauchst du hier auf und willst reden? Das kann nicht dein Ernst sein, Mutter.« Sein Tonfall war bitter und zornig.

»Du bist vor ihm geflohen, nicht vor mir.«

»Da hast du sogar recht. Vor dir bin ich nicht weggelaufen, denn mit dir hatte ich nichts zu tun. Du hast dich überhaupt nicht für mich interessiert. Nur für das Geld und die Macht. Und Zeus.« Seine Stimme klang kalt.

Ich war sauer auf den Mistkerl und doch stieg Mitgefühl in mir auf. Es musste furchtbar für ihn sein, auf einmal seiner Mutter gegenüber zu stehen. Nach so langer Zeit.

»Es war ein Fehler, das weiß ich jetzt.« Sie war immer leiser geworden.

Jar lachte verächtlich. »Na, herzlichen Glückwunsch!«

Stille breitete sich für einen Moment aus.

»Ich verstehe, dass du enttäuscht und sauer bist, aber ich bereue –«

»Ich will den Scheiß nicht hören. Die Vergangenheit ist vergangen. Also, warum bist du hier?«

»Dein Vater –«, sie holte noch einmal tief Luft, »er ist völlig durchgedreht und hat sich verrannt.«

»Wir sollten ins Department fahren. Du wirst dich für deine Taten verantworten müssen.« Er ging gar nicht auf ihre Worte ein.

»Nein, Jar!«, sagte sie bestimmt. »Ich werde mich dem stellen, aber im Augenblick vertraue ich niemandem außer dir.«

»Mir solltest du auch nicht vertrauen«, murmelte er düster.

»Du bist der Einzige, an den ich mich noch wenden kann. Zeus wird mittlerweile wissen, dass ich weggelaufen bin. Er wird mich jagen und ich bin sicher, dass er es zuerst im Department versuchen wird, weil er denkt, dass ich dort Schutz suche.« Ihre Stimme trug einen Hauch von Verzweiflung in sich.

»Wie hast du mich gefunden?«, bohrte der Dämon nach.

»Du bist mein Sohn, mein eigen Fleisch und Blut. Ich würde dich immer finden.«

»So ein Bullshit«, donnerte Jar, »woher wusstest du, wo ich bin?«

»Magie«, erklärte sie leise.

»Das kann nicht sein. Ich habe mich geschützt.«

»Das hast du auch, verdammt gut sogar. Aber du bist mein Sohn, vor mir kannst du dich nicht verstecken.«

Schweigen füllte den Raum und für einen Moment war nichts zu hören.

»Jar, ich hätte dich die ganze Zeit an deinen Vater verraten können, aber habe es nie getan«, hauchte sie, sodass ich die Worte kaum verstand.

Erneut trat Stille ein.

»Warum nicht?«, bohrte der Dämon nach.

Ich hörte Angela seufzen. »Weil ich jetzt weiß, wie schlecht ich mich verhalten habe und ich weiß auch, dass ich es nicht mehr gut machen kann. Als du geflohen bist, ist mir erst klar geworden, wie dumm ich gewesen war. Aber ich konnte wenigstens versuchen, dir zu helfen, in Freiheit zu bleiben.«

Schritte wanderten umher. Ich war mir sicher, dass es Jar war. Er musste vollkommen aufgewühlt sein. Nur zu gerne wäre ich zu ihm gegangen. Ich hatte zwar keine Ahnung, was ich dann tun sollte, aber mir wäre bestimmt irgendein blöder Spruch eingefallen.

»Du musst dich stellen. Ich werde im Department anrufen, dass sie ein paar Männer herschicken. Es gibt vertrauensvolle Leute dort«, wechselte Jar das Thema.

»So wie der Kerl im Schlafzimmer, der wahrscheinlich das ganze Gespräch mithören kann?«, entgegnete sie skeptisch.

»Der ist nicht fit, weil er verwundet wurde. Deswegen kriegt er starke Medikamente. Der pennt und bekommt wahrscheinlich noch nicht mal mit, wenn neben ihm eine Bombe explodieren würde.«

Ich runzelte die Stirn. Wieso sagte er das? Warum log er?

»Wie auch immer. Und ich komme deiner Aufforderung nach. Ich werde mich stellen, aber erst, wenn ihr deinen Vater entmachtet habt. Vorher traue ich nur dir. Wenn du jemanden rufen wirst oder mich zwingen willst, mitzukommen, werde ich fliehen. Ich will nicht zu ihm zurück.« Angst schwang in Angelas Stimme mit.

»Okay«, gab Jar sich geschlagen.

Das machte mich noch misstrauischer. Wieso ließ er locker? Aber dann wurde es mir klar. Er wusste, dass ich Zack benachrichtigen würde. Und damit Angela keinen Verdacht schöpfte, hatte er das mit dem Schlafen gesagt. Ich griff langsam nach meinem Smartphone und stellte es lautlos. Dann schrieb ich Zack eine Nachricht, in dem ich ihm berichtete, dass Angela mit einem alten Freund von Jar, den er für tot gehalten hatte, aufgetaucht war. Ich überlegte einen Moment und fügte dann noch hinzu, dass sie anscheinend vor Zeus geflohen war und nicht ins Department wollte aus Angst vor seiner Rache. Hastig schickte ich die Nachricht ab. Dann überkam mich wieder eine Schmerzwelle und ich konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken.

»Hast du nicht gesagt, dass er ausgeknockt ist?«, vernahm ich durch den Nebel des Krampfes.

»Ja, genau wie ich gesagt habe, dass er verwundet ist. Wahrscheinlich spürt er auch im Land der Träume noch die Schmerzen«, gab Jar nur bissig zurück.

In meinen Eingeweiden brannte das Feuer wieder auf und ich musste mir auf die Faust beißen, um nicht zu wimmern. Wie scheiße gern wäre ich jetzt im Land der Träume. Als der Krampf endlich nachließ, konzentrierte ich mich wieder auf das Gespräch im Nebenzimmer.

»Ich habe ihn nur durch Zufall entdeckt, als ich nach einem Fluchtweg gesucht habe. Er war im Delirium und völlig dehydriert. Ich hörte nur, wie er deinen Namen aussprach und dann habe ich mich mit ihm unterhalten. Ich konnte ihn nicht zurücklassen.« Sie schienen über Aman zu sprechen.

»Danke, dass du ihn zu mir gebracht hast!«

»Du hättest seine Augen sehen sollen, als ich ihm sagte, dass wir zu dir gehen würden.« Ihr Tonfall klang weich.

Für einen Moment herrschte Schweigen und mein eifersüchtiger Verstand gaukelte mir vor, dass er neben Aman saß und ihm sanft über das Gesicht strich.

»Nochmal zurück zum Thema, wieso du hier bist.«

Ich hörte Angela seufzen. »Er ist vollkommen durchgedreht und ergreift immer drastischere Maßnahmen. Ich habe versucht, ihn umzustimmen, ihn abzuhalten. Aber er lässt nicht mit sich reden. Ich komme schon lange nicht mehr an ihn heran und er geht zu weit. Außerdem war unser Ziel immer, dass wir uns nicht mehr verstecken müssen. Aber nicht zu dem Preis, den er fordert.«

»Er hat unglaublich viele Menschen und Wesen auf dem Gewissen. Benutzt sie wie Marionetten«, brachte Jar kalt heraus. »Wenn du es so verurteilst, wie du es sagst, warum bist du erst jetzt von ihm weg?«

»Es war mir nicht eher möglich. Er hat mich beobachten lassen, traute mir nicht mehr. Ich hatte jeden Tag Angst, dass er –« Sie brach ab. Ihre Stimme klang panisch. »Ich war mir sicher, dass er mich umbringen würde. Es hat Ewigkeiten gedauert, bis ich die Informationen hatte, wie ich unbemerkt entkommen konnte.«

»Und wie?«

Ich lauschte gespannt, sah dann aber, wie mein Smartphone aufleuchtete. Zack schrieb mir, dass er und Cain auf dem Weg waren und ob alles in Ordnung war.

Schnell tippte ich zurück, was Angela gerade gesagt hatte und dass es im Moment ganz friedlich sei.

Postwendend kam die Antwort, dass er sich melden würden, wenn sie da wären.

Dann überkam mich ein erneuter Krampf. Scheiße, es war wirklich die Hölle. Mir entkam wieder ein Wimmern und alles drehte sich. Ich hatte das Gefühl, dass ich kurz davor war, das Bewusstsein zu verlieren. Nur langsam ebbte der Schmerz ab.

»Genau so kommt ihr rein, aber ihr müsst euch beeilen. Er wird die Codes ändern«, sagte Angela in dem Moment, als ich wieder dem Gespräch lauschen konnte.

»Wieso sollten wir dir trauen?« Argwohn klang in Jars Stimme mit. »Du könntest gerade gelogen haben, dass der Wirkstoff nur injiziert seine Wirkung entfalten kann. Genauso wie es ebenfalls nicht richtig sein muss, wo sich sein Büro befindet oder wie die Türcodes sind.«

»Natürlich könnte ich lügen, aber warum?« Angelas Stimme wurde lauter, flehender. »Bitte Jar, wieso sollte ich dann hier sein und dir versprechen, mich zu stellen, sobald Zeus erledigt ist? Warum hätte ich Aman hierherbringen sollen, wenn er ein gutes Druckmittel wäre? Ich verstehe, dass du mir nicht traust, aber es ist die einzige Chance, die ihr habt. Sobald die Codes geändert sind, kommt ihr nicht mehr an ihn heran und wenn das Militär da ist, wird es zu einem Krieg kommen. Er wird nach und nach immer mehr Wesen den Willen nehmen, dann den Menschen den Wirkstoff verabreichen, um ihre Angst zu schüren und über sie zu herrschen. Er ist größenwahnsinnig und muss aufgehalten werden.«

Der Dämon schien nachzudenken, denn drüben herrschte Stille. Vielleicht wollte er auch Zeit gewinnen, da er wusste, dass ich Zack kontaktiert hatte? Ich hatte keine Ahnung, ob man ihr trauen konnte. Ihre Worte klangen ängstlich, aber ich kannte die Frau nur aus Erzählungen. Da war sie kalt und gefühllos gewesen. Jetzt wirkte sie ganz anders. War sie wirklich zur Vernunft gekommen? Auf jeden Fall hatte sie ihn geschützt, als er auf der Flucht gewesen war.

»Jar, ich verspreche dir, ich werde zurückkommen«, sagte sie in diesem Moment leise und mit Bedauern in der Stimme. Dann vernahm ich eine Art Zischen und ein lautes Geräusch, als würde etwas Schweres umfallen.

Nur eine Sekunde später schlug die Tür zu.

Scheiße, was war da passiert?

Angst durchfuhr mich. »Jar«, brüllte ich und setzte mich auf. Jedenfalls versuchte ich es, aber ich brauchte drei Anläufe, bis es klappte. Immer wieder schrie ich seinen Namen, aber bekam keine Antwort. Verdammt, das konnte doch nicht wahr sein! Kälte machte sich in mir breit und ich nahm alle Energie, die ich noch hatte, zusammen. Ich musste nachsehen, was mit ihm war. Sie würde ihn doch nicht etwa …

Ich konnte den Gedanken nicht zulassen. Mir trat Schweiß auf die Stirn, als ich gegen meinen protestierenden Körper versuchte aufzustehen.

Mir wurde schwindelig, aber ich kämpfte dagegen an. Ich musste sehen, wie es ihm ging. »Jar, verflucht!«

Ein Ächzen antwortete mir.

Endlich stand ich auf wackeligen Beinen. »Jar!«, brüllte ich erneut.

»Luca, schrei nicht so«, hörte ich seine leise Stimme aus dem Wohnzimmer. »Sonst wacht Aman noch auf. Er muss sich erholen.«

Die Worte saßen. Ich fiel zurück aufs Bett. Fühlte auf einmal, als wäre alle Energie aus mir herausgewichen. Aman muss sich erholen. Stimmt, das war wichtig, dachte ich bitter. In meiner Brust zog es unangenehm und Zorn brodelte in mir.

In dem Moment blinkte mein Handy. Zack schrieb, dass sie da waren. Ich antwortete nur knapp, dass sie klingeln sollten.

»Hey Luca«, die Tür zum Schlafzimmer wurde aufgedrückt. Licht fiel hinein und blendete mich. Jar trat ein. In seinem Shirt war auf Bauchhöhe ein Brandloch. Er musterte mich besorgt. »Du bist noch blasser als sonst. Kann ich was für dich tun?«

»Ja, verpiss dich«, knurrte ich wütend.

Irritiert hielt er inne. Fixierte mich argwöhnisch, bis sowas wie Ärger und Erkenntnis in seine Augen trat. »Ernsthaft?«

Bevor ich antworten konnte, klingelte es laut und durchdringend.

»Das sind Zack und Cain«, klärte ich ihn kalt auf.

Ein Wimpernschlag später kniete er vor dem Bett, war mir nahe. »Lass den Scheiß, Luca«, sagte er drohend. In seinen roten Augen erkannte ich nun richtige Wut und noch etwas, was ich nicht ganz einordnen konnte. Aber ich konnte mich auch gerade nicht darauf konzentrieren. Die Enttäuschung und der Zorn brannten zu stark. Auch meine Erschöpfung war nicht unbedingt hilfreich, um in ihm lesen zu können.

»Geh lieber schnell zur Tür, sonst wacht Aman noch auf«, höhnte ich abfällig.

Jar ballte die Fäuste. »Das kann echt nicht dein Ernst sein. Du hast keine Ahnung, oder?«, grollte er zornig und kam dann noch näher, sodass mir sein unwiderstehlicher Duft in die Nase stieg. »Wenn ich nicht wüsste, wie beschissen es dir geht, würde ich dir für den Mist gerade echt liebend gerne eine verpassen. Du musst doch wissen, warum ich das alles gesagt habe. Was du mir bedeutest. Dass ich dich nur beschützen will. Du musst doch wissen, dass ich –«

Erneut wurde Sturm geklingelt.

»Fuck«, fluchte Jar leise und küsste mich dann einmal ungestüm auf die Lippen. »Darüber reden wir noch«, knurrte er und verschwand dann aus dem Schlafzimmer.

 

Eine halbe Stunde später hatten Zack und Cain eine Zusammenfassung der Geschehnisse bekommen. Ich wusste mittlerweile auch, dass Angela Jar mit einem Magieblitz überrumpelt hatte, aber er war nicht ernsthaft verletzt.

Gerade diskutierten sie, wie hoch die Wahrscheinlichkeit war, dass sie in eine Falle liefen. Zack wäre am liebsten sofort losgestürmt und ich konnte ihn nur zu gut verstehen. Wäre ich fit gewesen, hätte ich auch nicht gezögert. Aber Jar misstraute seiner Mutter, womit er ebenfalls nicht Unrecht hatte.

Als Cain das Wort ergreifen wollte, kam aus dem Wohnzimmer ein Geräusch. Um den kleinen süßen Aman nicht zu wecken, waren sie ins Schlafzimmer gekommen.

»Ich gehe mal eben nach ihm schauen«, erklärte Jar und ich biss die Zähne zusammen, als er verschwand.

»Woher kennt er ihn? Er sieht ein bisschen mager aus, aber sonst recht niedlich«, machte Cain mit seinem Kommentar die Situation nicht gerade besser. Ich starrte ihn böse an. Der Dämonenfürst hob nur fragend eine Augenbraue.

Mein bester Freund seufzte. »Oh Mann, da hast du aber gerade Salz in die Wunde geschüttet, mein liebster Dämon.«

»Wieso?«

Zack verdrehte die Augen. »Bist du blind, oder was? Luca ist total eifersüchtig auf den attraktiven Twink da drüben. Und das liegt daran, dass ich mir ziemlich sicher bin, dass Jar ihn mal gevögelt hat. Ich hätt’s auf jeden Fall getan.«

»Halt die Klappe«, zischte ich ihn an.

»Siehst du, sag ich doch«, gab Zack nur gelassen zurück.

Ich knurrte und wollte ihm gerade sagen, wohin er sich seine verdammten Gedanken schieben konnte, als mich eine neue Krampfwelle traf. Ich rollte mich zusammen. Ächzte vor Schmerz. Mein Sichtfeld wurde kleiner. Mein Inneres brannte. Schweiß brach mir aus. Es wurde immer stärker, ebbte ein wenig ab, wurde wieder stärker. Ich hatte das Gefühl, das Feuer glühte eine Ewigkeit in mir, aber irgendwann ließ es langsam nach.

Als ich die Augen öffnete, schaute ich in drei besorgte Gesichter.

»Scheiße Mann, das sah grausam aus«, platzte mein bester Freund heraus.

»Kannst es gerne mal probieren«, krächzte ich.

»Wir werden jetzt losgehen«, entschied Jar in dem Moment und ließ mich nicht eine Sekunde aus den Augen. Es kam mir fast vor, als würde ich Schmerz in ihnen erkennen.

»Und was ist, wenn es eine Falle ist?«, knurrte Cain.

Der Dämon sah ihn an. »Dann ist es eine. Wir müssen eben vorsichtig sein. Aber wenn wir jetzt Zeus erwischen, muss Luca nicht weiter hungern und auch nicht das Blutritual durchführen. Dann hätte diese Qual ein Ende. Ich muss es versuchen«, erklärte er entschlossen und blickte dann die beiden an. »Wenn ihr nicht mitkommt, ist mir das egal, aber ich werde gehen. Aman schläft wieder und ich habe ihm einen Zettel geschrieben, dass ich bald zurück bin.« Er wartete nicht auf ihre Antwort, sondern zog sich seine Lederhose an.

Am Rande nahm ich wahr, dass Cain und Zack sich ansahen und anscheinend wieder miteinander kommunizierten, denn nach einem Augenblick nickten beide entschlossen.

Mir wurde bewusst, was sie vorhatten. »Nein, das werdet ihr nicht riskieren. Es könnte eine Falle sein. Er könnte nur auf euch warten und euch töten oder zu seinen Marionetten machen. Das werdet ihr nicht tun.« Ich sprach mit so viel Nachdruck und sah die drei Männer an. »Scheiße, lasst es!«, fuhr ich sie an, weil ich merkte, dass sie ihre Entscheidung getroffen hatten.

Ich hasste meinen Zustand in diesem Moment aus der Tiefe meines Herzens. Und noch mehr, dass ich sie nicht davon abhalten konnte. Sie durften nicht ihr Leben riskieren!

Zack zwinkerte mir zu. »Als würdest du nicht genau dasselbe machen, wenn einer von uns in der Lage wäre.«

Ich fluchte tonlos und fuhr mir durch die verschwitzten Locken. Er hatte recht, aber deswegen musste es mir noch lange nicht gefallen. »Bitte, tut das nicht!«, versuchte ich es nochmal, aber stieß natürlich auf taube Ohren.

Jar kam zu mir. Für einen Moment verschwand die Maske. Sein Schmerz schlug mir entgegen. »Ich kann dich nicht mehr so sehen«, gestand er leise. »Du hast keine Ahnung, wie scheiße sich das für mich anfühlt, dich so leiden zu sehen und nichts tun zu können. Ich will das nicht mehr. Ich kann es nicht.« Seine Worte raubten mir den Atem und dann sah ich es: Wärme stand in seinen schönen Augen, die den Klumpen Eis in meiner Brust schmolz.

»Jar«, wisperte ich, strich mit den Fingerspitzen über die Linien in seinem markanten Gesicht.

»Wir müssen wirklich dringend reden«, raunte er und küsste mich unendlich sanft. »Und wenn du wieder fit bist, werde ich dir deinen knackigen Hintern versohlen, für den Scheiß, den du verzapft hast.«

Ich schnaubte. »Das musst du gerade sagen«, gab ich nur zurück und erinnerte mich daran, wie liebevoll er von Aman gesprochen hatte. Es zog unangenehm in meinem Herzen. Wieso war er so und so? Warm und kalt. Ich verstand diesen verdammten Kerl einfach nicht. Er verwirrte mich.

Erneut küsste er mich innig und verschwand dann ohne ein weiteres Wort. Ich starrte ihm hinterher und spürte, dass ich Angst hatte. Ich hatte regelrecht Panik, dass ihm, Zack und Cain etwas passierte, während ich hier lag und nichts tun konnte. Scheiße, ich hasste es. Ich konnte keinen von ihnen verlieren, aber auf gar keinen Fall diesen faszinierenden, mich irremachenden Mistkerl von einem Dämon.

Ich spürte bereits, dass eine neue Schmerzwelle auf mich zukam und atmete tief ein und aus. Dann schlug der Krampf zu. Ich keuchte gequält auf. Fuck! Es wurde schwarz um mich herum.

 

Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich weggewesen war und als ich langsam wieder mein Bewusstsein zurückerlangte, war ich mir nicht sicher, ob ich mich darüber freuen sollte. Ich fühlte mich, als hätte ich mich dermaßen mit Alkohol vollgekippt und mir danach stundenlang alles nochmal durch den Kopf gehen lassen. Ich angelte nach meinem Smartphone. Es war erst kurz nach elf. Wie lange waren die drei Männer weg? Ich klickte die Nachrichten durch. Zacks letzte war von kurz vor acht. Das bedeutete, dass sie so gegen halb neun losgefahren waren. Zweieinhalbstunden. Ob sie bereits in dem Gebäude waren? Hatte Angela die Wahrheit gesagt? Oder hatte Zeus sie jetzt in ihrer Gewalt? Die Furcht ballte sich wie ein Eisklumpen in meinem Magen zusammen. Verdammt hätte ich sie doch irgendwie aufhalten können. Aber ich wusste, dass ich das nicht geschafft hätte. Sie waren entschlossen gewesen.

Meine Fantasie wollte mir Bilder vorgaukeln, die ich mit aller Macht verdrängte. Ich würde wahnsinnig werden, wenn ich das zuließ. Ich musste auf ihre Kräfte vertrauen. Zack und Jar waren sehr starke Magier und auch Cain verfügte über unglaubliche Fähigkeiten. Wenn es wer schaffen würde, dann die drei. Aber gegen eine ganze Armee von Willenlosen? Am besten wäre es, wenn ich White anrief. Obwohl ich doch sehr hoffte, dass sie ihn schon verständigt hatten. Wenn ich allerdings an meinen besten Freund dachte, war ich mir da nicht ganz sicher. Auch Jar und Cain schätzte ich eher so ein, dass sie lieber losrannten und hinterher darüber nachdachten. Verdammt, ich sollte den Chief wirklich informieren. Sicher ist sicher.

Bevor ich den Gedanken weiterspinnen konnte, klingelte es. Ich runzelte die Stirn. Wer konnte das sein? Und wie sollte ich zur Tür kommen?

Allerdings musste ich mir darum keine Sorgen machen. Ich hörte Schritte, dann wurde die Tür geöffnet. »Baby, bist du allein?« Die Stimme ließ mich erstarren. Angela. Sie war zurückgekehrt. Aber wieso nannte sie Aman Baby? In mir keimte ein unheimlicher Gedanke auf. Das konnte nicht wahr sein, oder?

»Ja, natürlich sind sie sofort los«, kicherte die männliche Stimme, die Jars ehemaligem Freund gehörte. Er klang lange nicht mehr so schwach wie noch vor ein paar Stunden.

»Ich bin froh, dass sie den Köder geschluckt haben. So muss ich mich nicht mehr um Zeus kümmern und so viel Wut, wie Jar in sich getragen hat, kommt mein Ehemann garantiert auch nicht lebend aus der Sache heraus«, erklärte sie berechnend.

Ich erstarrte bei den Worten.

»Er und seine bescheuerten Skrupel! Endlich bin ich ihn los und wir können unseren Plan umsetzen.« Kalte Vorfreude schwang in ihrer Stimme, dann wurde sie verführerischer. »Aber jetzt steht mir eher der Sinn nach etwas anderem. Komm her, Baby! Lass uns feiern.«

»Oh ja, meine Schöne«, gurrte Aman und ich hatte das Gefühl, dass sich mir gleich der Magen umdrehte. Dieses Mal hatte es nichts mit dem Bluthunger zu tun. Die Geräusche hörten sich fast so an, als würden sie sich küssen. Ich verzog angewidert das Gesicht. Sie hatten Jar von vorne bis hinten belogen. Unbändige Wut stieg in mir auf, weil sie ihn für sich und ihre Ziele benutzten. Ihn in Gefahr brachten und sich kein bisschen darum scherten, was mit ihm passierte, sondern hier lieber miteinander rummachten.

»Los, geh auf die Knie und leck mir die Muschi«, forderte Angela.

»Mit Vergnügen«, schnurrte der Mann mit rauer Stimme.

Scheiße, das fehlte mir gerade noch! Ich versuchte, die leidenschaftlichen und lustvollen Geräusche auszublenden. Ich musste Jar warnen. Vielleicht würden sie die Information noch rechtzeitig erhalten? Ich glaubte nicht wirklich daran, aber musste es wenigstens probieren. Schnell tippte ich ihm eine Nachricht, dass er sich sofort bei mir melden sollte, wenn er das las, und dass es dringend sei. Sie sollten dort auf der Stelle abhauen und mich anrufen. Ich brachte es nicht übers Herz, ihn per Nachricht von Angelas und Amans Verrat zu informieren. Mein Blick fiel auf die Akkuanzeige, die bereits blinkte. Verdammt, wo war mein Ladegerät? Nicht auszudenken, dass der Dämon mich kontaktieren wollte und dann das Telefon aus war. Ich kämpfte gegen meinen schwachen Körper und setzte mich langsam auf. Es war ätzend, wie wenig Kraft ich hatte und wie lange ich dafür brauchte.

»Oh, ich liebe es, wenn du mir die Pussy leckst!«, stöhnte Angela in dem Moment. »Und jetzt will ich, dass du mich fickst, mein Hengst!«

»Was immer du willst, Liebling«, raunte Aman zurück und hielt dann einen Moment inne. »Aber ich muss erst duschen. Schließlich musste ich mich im Dreck suhlen, um überzeugend zu wirken.«

»Du stinkst wirklich ein bisschen«, tadelte Jars Mutter, »Ich komme mit, denn ich will nicht mehr auf deinen Schwanz warten. Du sollst ihn mir endlich wieder reinschieben.«

»Was machen wir mit dem Kerl in Jars Bett?«, erkundigte sich der Ex-Freund. Anscheinend fummelten sie dabei weiter, denn die erregten Laute ebbten nicht ab.

»Hast du mal nachgesehen?«, keuchte Angela.

»Ja, er lag da wie tot.«

»Dann haben wir Zeit. Du vögelst mich, bis ich schreie, und danach sorgen wir dafür, dass er nicht nur tot aussieht«, stöhnte sie.

Ich erstarrte. Fuck, das war nicht gut. So gar nicht gut. Ich hatte nicht bemerkt, dass Aman bei mir gewesen war. Da musste ich bewusstlos gewesen sein. Allerdings änderte es auch nichts an der beschissenen Situation: Ich war so im Arsch, dass ich nicht gegen sie kämpfen könnte. Wenn sie zu mir kommen würden, hätte ich keine Chance. Ich musste verschwinden. So schnell wie möglich.

Schritte und dann ein Zuschlagen der Tür zeigten mir, dass sie wohl erstmal im Badezimmer mit sich beschäftigt waren. Mein Blick ging fieberhaft durchs Zimmer. Auf dem Boden lagen ein paar Klamotten verstreut.

Mein Körper ächzte und protestierte. Mir wurde schwindelig, aber mein Überlebenswille und das Adrenalin gaben mir die Kraft aufzustehen. Immer wieder musste ich mich irgendwo festhalten, als ich mich langsam anzog. Jogginghose, Socken, Shirt. Das musste reichen. Wo war meine Waffe?

Ich runzelte die Stirn und wischte mir beim Nachdenken den Schweiß aus dem Gesicht. Ich konnte mich nicht erinnern, wo ich sie zuletzt abgelegt hatte. Wie ich hören konnte, wurden die Geräusche im Badezimmer lauter. Das Stöhnen war in Schreie und Anfeuerungsrufe übergegangen. Es blieb mir nicht viel Zeit und ich musste hier raus. Aber ohne meine Pistole würde ich mich gar nicht wehren können. Kämpfen konnte ich in meinem Zustand definitiv nicht.

»Ja, Aman, genau so! Gib's mir!«, brüllte Angela wie von Sinnen.

Okay, dann ohne Waffe. Ich musste eben vorsichtig sein, aber erstmal musste ich hier dringend raus. Schnell steckte ich noch das Handy ein und öffnete dann lautlos die Schlafzimmertür. Ein Blick zeigte mir, dass das Wohnzimmer verlassen war. Kleidungsstücke von Aman und der Magierin legten eine Spur in Richtung Badezimmer. Ich achtete nicht weiter drauf, sondern versuchte so leise wie möglich zu sein. Mein Kreislauf war unten und ich musste immer wieder tief durchatmen, um nicht einfach in mich zusammenzusacken. Aber endlich hatte ich die Tür erreicht. Ich griff mir noch eine Jacke und Schuhe und konnte dann leise aus dem Apartment verschwinden, als Angela und Aman gerade ihren Höhepunkt hinausschrien.

Im Treppenhaus angekommen hangelte ich mich am Geländer entlang und ließ mich dann für einen Moment auf die Stufen sinken. Nur ganz kurz ausruhen.

Ich wusste, dass ich keine Zeit dafür hatte, aber ich war einfach am Ende. Doch wenn ich jetzt wieder einen Krampf bekam und dabei erneut das Bewusstsein verlor, dann würden sie mich finden. Ich biss die Zähne zusammen, ignorierte mein rasendes Herz und die Übelkeit, die vor Anstrengung in mir aufstieg. Mit zitternden Händen zog ich mir die Jacke und die Schuhe an. Dann hielt ich mich an dem Geländer fest, und schaffte es irgendwie mich hochzuziehen. Mehr taumelnd als laufend, gelangte ich die zwei Stockwerke nach unten.

Ich keuchte und musste immer wieder innehalten, wenn der Schwindel zu stark wurde. Sobald es ging, setzte ich weiter einen Schritt vor den anderen. Ich musste hier weg und mit Jar sprechen, das war das einzige Ziel. Das Ziel, das mir die Kraft gab, weiterzulaufen.

Als mir die frische Luft entgegenschlug, konnte ich für einen Augenblick freier atmen. Der erste Schritt war geschafft. Ohne groß darüber nachzudenken, wandte ich mich in die Richtung, in der die Zentrale der Befreier lag. Ich würde es niemals dorthin schaffen, aber vielleicht erreichte ich Jar oder Zack auf dem Weg.

Meine Beine waren weich und ich musste mich für einen Moment gegen eine Hauswand lehnen. Ich holte mein Smartphone aus der Tasche. Keine neue Nachricht. Ein paar Klicks später fluchte ich innerlich. Er hatte meine Warnung noch nicht gelesen. Das war kein gutes Zeichen. Meine Brust zog sich vor Angst zusammen. Mein Blick ging auf die Akkuanzeige. Rot. Nur noch 2%. Scheiße! Schnell wählte ich Jars Nummer. Nach einer gefühlten Ewigkeit bekam ich die Information, dass er im Moment nicht erreichbar war. Sofort versuchte ich es bei Zack. Genau dasselbe Problem. Auch bei Cain kam ich nicht durch.

Mein ungutes Gefühl wuchs, aber ich musste weiter. Zu nah war ich noch am Apartment. Mit wackeligen Knien und Schwindel, der immer wieder mein Gesichtsfeld trübte, stolperte ich voran. Ich hielt mich an den Hauswänden fest, um nicht umzukippen. Stetig setzte ich einen Fuß vor den anderen und fluchte innerlich ohne Pause. Vielleicht sollte ich einfach auf das Ritual scheißen und dafür sorgen, dass ich Blut bekam. Bei dem Gedanken knurrte mein Magen erwartungsvoll. Ich atmete tief ein und aus, und die nahende verhasste Krampfwelle ebbte zum Glück wieder ab. Immer ein Schritt nach dem anderen.

Als ich nicht mehr konnte, hielt ich inne. Versuchte, mein rasendes Herz zu beruhigen und probierte dann nochmal mein Glück bei Jar und meinen Freunden. Kein Durchkommen! Panik stieg in mir auf, aber ich kämpfte dagegen an. Dann kam in meinem benebelten Gehirn ein Gedanke an. White. Ich könnte den Chief anrufen. Mit zitternden Händen wählte ich. »Was gibt es, Garcia?«, begrüßte er mich typisch knapp. Dann war die Leitung tot. Das Display schwarz. Der Akku war leer. Fuck!

Ich musste an ein Handy kommen. Die Nummer vom Department kannte ich auswendig und sie könnten mich durchstellen. Ich blickte mich hastig um. Niemand war auf der Straße zu sehen. Es fuhren auch kaum Autos. Die Stadt war fast wie ausgestorben. Ob das mit der Furcht der Menschen zusammenhing und sie sich an die Anweisungen des kommissarischen Bürgermeisters hielten? Oder was war in der Zwischenzeit geschehen?

Ich schob die Gedanken weg, ich musste mich darauf konzentrieren möglichst viel Distanz zwischen mich und die Wohnung zu bringen. Taumelnd bewegte ich mich vorwärts. Mir lief der Schweiß über den Körper und ich keuchte. Jeder Schritt war anstrengend, aber ich musste durchhalten. Musste irgendwie Jar informieren, welches Spiel Aman und Angela spielten. Musste mich in Sicherheit bringen.

Kein Mensch war zu sehen, aber irgendwann hörte ich etwas. Eine Art Gegröle. Hastig fuhr ich herum und durch die Bewegung wurde mir kurz schwarz vor Augen. Ich atmete tief durch und dann konnte ich sie sehen. Noch ziemlich weit entfernt lief auf der anderen Straßenseite eine Gruppe. Einer war komplett rot. Er musste ein Dämon sein. Scheiße, wahrscheinlich Willenlose! Wenn die mich sahen, würden sie mich bestimmt verfolgen und ich hatte ihnen nichts entgegenzusetzen.

Neues Adrenalin pumpte durch meinen Körper und ich stolperte vorwärts, bog in eine kleine Straße ein, um aus ihrem Sichtfeld zu verschwinden. Ich konnte nur hoffen, dass sie mich nicht gesehen hatten. Ich taumelte immer weiter. Jeder Schritt eine Anstrengung. Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich lief, aber ich traf keine Menschenseele. Niemanden, von dem ich mir das Smartphone hätte leihen können. Ich spürte, dass sich meine Kraft immer mehr dem Ende neigte. Ich bog noch einmal ab und musste wieder einen Moment innehalten. Meine Beine konnten mich kaum noch tragen. Mir war entsetzlich übel und ich konnte durch den Schwindel nicht mehr klar sehen. Ich schleppte mich weiter. Jeder Schritt ein Kraftakt. Dann spürte ich es. Ein neuer Krampf begann.

Mein Blick ruckte hoch, ich durfte nicht mitten auf der Straße zusammenbrechen. Irgendwie erkannte ich einen Hinterhof. Ich versuchte erneut, gegen die aufwallenden Schmerzen anzuatmen. Meine Beine knickten ein und ich fiel auf die Knie. Langsam robbte ich weiter, ich musste mich verstecken. Sonst hatte ich keine Chance. In meinen Eingeweiden brannte es und ich ächzte schmerzerfüllt auf. Das Feuer in mir wurde immer stärker, aber ich gab nicht auf. Ich musste nur irgendwie aus dem Blickfeld raus und diesen Krampf überstehen.

Dann wurde die Pein so stark, dass ich nur noch zusammensackte. Ich muss Jar informieren, war mein letzter Gedanke, bevor ich das Bewusstsein verlor.

 

Ich stöhnte gequält, als ich meinen Körper wieder spüren konnte. Obwohl, war das überhaupt meiner? Es fühlte sich nicht so an. Alles war irgendwie taub und schlapp.

»Hey«, vernahm ich eine sanfte, tiefe Stimme. Jar.

Unglaubliche Erleichterung machte sich in mir breit. Wenn er mit mir sprach, hatte er es aus der Zentrale von Zeus herausgeschafft. Bei dem Gedanken kamen die Erinnerungen zurück. Ich musste ihn warnen, schoss mir in den Sinn und ich schlug die Augen auf. Und blickte direkt in das Gesicht des Dämons.

Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Die kalte Fassade war verschwunden. Ich konnte die Sorge und Angst in seinen Augen erkennen. Die Wärme, die mir entgegenschlug. In meiner Brust zog es sehnsüchtig.

Unsere Blicke verhakten sich. Wir sahen uns einfach an. Ich war mir sicher, dass er ebenso in mir lesen konnte. Meine Freude und Erleichterung bemerkte. Und nicht nur das, er musste sehen können, welche Gefühle ich ihm noch entgegenbrachte. Wie tief sie gingen. Denn eins war mir klar, schon länger, aber ich hatte es nicht benannt. Es war nicht nur Faszination, Anziehung oder Spaß. Es ging weiter darüber hinaus. Ich bewunderte ihn für seine Stärke, genoss seine Fürsorge, forderte ihn gerne heraus und kabbelte mich mit ihm, sonnte mich in seinem Lachen, wollte ihn beschützen und beschützt werden. Wollte mehr von ihm. Wollte ihn an meiner Seite haben. Ich konnte mir nicht vorstellen, ohne ihn zu sein. Mit ihm und mir war es richtig. So wie es sein sollte.

»Ja, es ist richtig«, stimmte mir Jar leise zu. Anscheinend hatte ich die letzten Worte laut ausgesprochen. »Und genau so, wie es sein soll. Hier mit dir, und nicht woanders oder mit sonst irgendwem.«

Seine Worte berührten mich, weil mir klar war, wie schwer es ihm fallen musste, über seinen Schatten zu springen. Sich so verletzlich zu zeigen. Endlich offen zu zeigen, wie viel ich ihm bedeutete. Dabei würde ich dieses Vertrauen niemals missbrauchen, sondern liebte jede einzelne Silbe.

»Du glaubst nicht, welche Sorgen ich mir gemacht habe, als du auf einmal weg warst. Wir deine Anrufe und die Nachricht gesehen haben, aber dich nicht mehr erreicht haben. Mir wurde nochmal klar, wie viel du mir bedeutest, als ich so eine Panik geschoben habe, dass ich dich vielleicht verloren hätte. Ich habe keine Ahnung, was ich dann gemacht hätte«, gestand Jar mir und küsste mich sanft.

»Okay, das ist ein ganz guter Ansatzpunkt, um mich zu besänftigen«, neckte ich ihn. Er verdrehte die Augen.

Aber ein kleiner Stich blieb und ich sah ihn ernst an. Ich hasste die Unsicherheit, die ich spürte und doch musste es raus. »Was ist damit, dass es einfach praktisch ist, hier zu wohnen? Und dass du glücklich bist, dass Aman zurück ist?«

Jar atmete tief durch und schüttelte dann den Kopf. »Ich habe befürchtet, dass du es in den falschen Hals bekommst, wenn ich sowas sage. Aber ich hatte gehofft, dass du mich durchschaust. Ich wollte nicht, dass sie wissen, wie wichtig du mir bist, um dich zu schützen.« Er musterte mich eindringlich und so etwas wie Zärtlichkeit funkelte in seinen Augen. Dann wurde sein Blick düsterer. »Ich traue Angela nicht. Und dass Aman lebt, freut mich wirklich sehr, weil ich ihn mag und mich die Schuldgefühle echt fertig gemacht haben.«

Ich nickte verstehend. Dann runzelte ich die Stirn. Ich musste es ihm sagen. Er hatte sich nicht in Angela getäuscht. Sie hatte ihn nur benutzt. Und auch wenn er damit gerechnet hatte, würde es ihn treffen. Genauso wie das Verhalten von Aman. Aber vorher brannte mir noch etwas unter den Nägeln. »Was ist bei euch passiert? Geht es Zack und Cain gut? Was ist mit Zeus?«

Jar fuhr sich durch seine offenen Haare. Das Thema schien ihm nahezugehen. »Wir haben es alle gut überstanden. Den einen oder anderen Kratzer, aber insgesamt haben alle Informationen von Angela gestimmt.« Seine Miene wurde noch finsterer. »Zeus ist tot.«

»Okay«, sagte ich gedehnt und hob fragend eine Augenbraue.

Er rieb sich über den Nacken. »Wir sind hin und konnten die Kameras mit Magie täuschen bzw. uns unsichtbar machen. Die Türcodes haben gestimmt. Genauso wie der Weg zu Zeus' Büro. Der hat ziemlich blöd geguckt, als wir in der Tür standen. Seine Wächter waren schnell überwältigt. Dann hat er jedoch den Versuch unternommen, Cain das Serum zu spritzen. Dabei ist Zack ausgerastet und der Dämon wurde gegrillt«, berichtete er knapp und kühl. Das war heftig. Ich meine, Zeus war einfach so tot?

Fragend hob ich eine Augenbraue. Er bemerkte es und schnaubte abfällig. »Krass, oder? Da hat er so lange geforscht und seine Pläne gehegt, uns ewig terrorisiert und dann war es nach ungefähr fünf Minuten vorbei. Und er tot. So kann es gehen.« Seine Miene war düster und distanziert.

Ich konnte nicht erkennen, wie er über den Tod seines Vaters dachte und legte ihm meine Hand aufs Bein. Er bedeckte sie mit seiner. Warm und weich. Dann blickt er mich noch einmal an und deutete ein Lächeln an. »Es ist vorbei und ich bin froh darüber, auch wenn er mein Vater war. Er hat sich niemals so verhalten, hat Menschen getötet, die mir nahestanden, nur um mich unter Kontrolle zu behalten und um seine Forschung voranzutreiben. Es ist gut, dass das Kapitel nun abgeschlossen ist. Und doch bin ich immer noch stinksauer auf ihn. Als würde sein Tod nicht reichen.«

Er drückte meine Hand fester und ich konnte den Zorn spüren. Kein Wunder, bei all dem, was er ihm angetan hatte.

»Um sich zu retten, hat er sogar versucht, Angela die Schuld und das wahnwitzige Ziel der Weltherrschaft zuzuschieben.« Jar zuckte mit den Achseln. »Selbst wenn es so wäre, hat er dennoch zu vielen Menschen weh getan.«

Ich schluckte und schaute ihn mit Bedauern an. Gerade als ich anfangen wollte zu sprechen, spürte ich, wie sich ein Krampf ankündigte. »Scheiße«, brachte ich noch heraus und stöhnte dann schmerzerfüllt. Krümmte mich zusammen. Spürte das Brennen in meinem Magen, als würde Säure meine Innereien wegätzen. Schweiß trat mir ins Gesicht und ich keuchte voller Pein. Dann wurde es dunkel um mich herum.

 

»Und ihr habt alles mit White geklärt?«, vernahm ich die leise Stimme von Jar. »Okay, das ist gut.« Der Dämon schien zu telefonieren, denn blieb es ein paar Minuten ruhig.

»Was? Echt? Oh Mann, Zack, das sind wirklich gute Nachrichten!« Er klang unheimlich erleichtert und schwieg dann einen Moment. »Okay, das verstehe ich nicht ganz, aber wenn sie meint. Hauptsache es funktioniert, wie ist dann ja egal.« Er war kurz ruhig und lachte dann auf. »Ja, kann ich machen. Aber erst einmal muss ich warten, bis Luca wieder wach ist. Dann soll er Blut trinken. Schließlich muss er nachher noch eine Party feiern.«

Zack erwiderte etwas, woraufhin Jar lachte. »Das würde ich nur zu gerne mal sehen.«

Erneut schmunzelte er. »Mach ich. Bis später.«

»Was würdest du nur zu gerne mal sehen?«, krächzte ich schwach. Ich hasste diesen Zustand und würde mit dem größten Vergnügen Blut trinken. Alles in mir schrie quasi danach und wenn ich nun einen Beutel vor mir hätte, könnte ich garantiert nicht widerstehen. Schon allein bei dem Gedanken fuhren meine Fangzähne aus. Aber es war noch nicht vorbei. Ich musste das Ritual durchführen. Nur leider wusste das Jar noch nicht.

»Wie du beim Tanzen alle um den Finger wickelst«, erklärte mir der Dämon mit einem Lächeln und setzte sich zu mir. Ich stellte fest, dass ich immer noch im Bett lag. Jar küsste mich sanft und fuhr mit der Fingerspitze über meine Wange. »Obwohl ich eigentlich nur möchte, dass du für mich tanzt. Ich bin mir sicher, dass du dabei richtig heiß aussiehst.« Er blickte einen Moment verträumt in die Ferne. Als er mich wieder ansah, blitzte Verlangen in seinen roten Augen. »Oh ja, die Vorstellung gefällt mir.« Seine Stimme wurde eine Nuance tiefer. »Sehr sogar.«

»Zeus hatte recht«, platzte ich heraus.

Jar runzelte die Stirn. »Was meinst du?«

»Es tut mir leid, ich wollte es dir eigentlich gerade erzählen, als ich den nächsten Krampf bekommen habe. Deswegen bin ich doch überhaupt geflohen. Es stimmte, was er –«

»Willst du dich nicht erstmal stärken?«, unterbrach mich der Dämon.

Ich schüttelte den Kopf und schaute ihn dann eindringlich an. »Kein Blut, weil ich das Ritual durchführen muss. Es ist noch nicht zu Ende.«

Seine Miene wurde bei jedem meiner Worte düsterer. Dann berichtete ich ihm knapp, was passiert war, nachdem die drei zu Zeus aufgebrochen waren.

Jar stand auf und fuhr sich durch die Haare. »Shit, und ich hatte gehofft, dass sie es ernst meint. Ich hätte es besser wissen müssen«, grollte er wütend und blickte mich dann an. »Und Aman macht mit ihr gemeinsame Sache? Und sie vögeln miteinander?«

Ich nickte bedauernd.

Er schüttelte ungläubig den Kopf und verzog dann angewidert das Gesicht. »Das hätte ich Aman nicht zugetraut. Er war so lebenslustig und anhänglich. Niemals hätte ich gedacht, dass er sich wegen der Gier nach Macht mit ihr einlassen würde.« Nachdenklich kratzte er sich am Hinterkopf, dann drang der Zorn wieder an die Oberfläche. »Und sie wollten dich töten. Das werden sie bereuen.« Kälte trat in seine schönen Gesichtszüge. »Und dass du weiter hungern und das Blutritual durchführen musst, werden sie ebenfalls bereuen.«

Ich bekam eine Gänsehaut bei der grimmigen Entschlossenheit in seiner Stimme. Doch war ich auch zu erschöpft. Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich bewusstlos gewesen war oder wie sie mich überhaupt gefunden hatten. Und wie spät es überhaupt war. So viele Fragen und doch fühlte ich vordergründig nur den Schmerz in meinem Inneren. Ich starrte Jar an. Obwohl nicht unbedingt ihn, sondern viel mehr seine Halsschlagader, die unheimlich verführerisch pulsierte. Sie schien mich magisch anzuziehen.

»Mann Luca, ich stehe nicht auf der Speisekarte«, zog mich der Dämon auf, als er meinen hungrigen Blick bemerkte. »Ich mag es ja, wenn du mich so gierig ansiehst, aber bitte nur in Kombination mit Nacktheit und Erregung, nicht unbedingt als Steakersatz.«

»Sorry«, gab ich betreten zurück. Es war echt ätzend und ich hätte mich am liebsten auf ihn gestürzt. Ich würde wetten, dass sein Blut köstlich sein würde. Aber ich verdrängte den Gedanken. Ich würde ihm niemals etwas tun. Jedoch brauchte ich noch ein paar Antworten. »Wie spät ist es eigentlich? Und wie habt ihr mich gefunden? Und wo sind die anderen?«, fragte ich mit erschöpfter Stimme.

»Zack und Cain versuchen, den Chief zu beruhigen. Wobei, wie ich es mitbekommen habe, übernimmt Cain lieber den Job, weil Zack ihn nur noch mehr zur Weißglut treibt«, begann Jar und ich musste bei den Worten schmunzeln. Es stimmte eindeutig. Der Dämonenfürst konnte gut mit White umgehen, wobei mein bester Freund es meistens vermasselte.

Jar schaute auf sein Smartphone. »Es ist jetzt kurz nach acht und gefunden haben wir dich durch meine Magie. Ich scheine ein ganz gutes Gespür für dich zu haben.« Er zwinkerte mir zu, wurde dann aber wieder ernst. »Es war ein Schock, dich so reglos am Boden zu sehen.«

In meinem Bauch kribbelte es warm, weil er sich solche Sorgen gemacht hatte. Es tat mir auch leid, aber dass er es so einfach zugab, war schön. »Sorry, ich musste da weg und euch warnen. Habe ich leider nicht mehr geschafft, weil mich dann ein Krampf ausgeknockt hat«, entschuldigte ich mich grimmig.

Der Dämon strich sanft über meine Wange. Anerkennung stand in seinen Augen. »Du bist in deinem Zustand 20 Blocks weit gekommen, das finde ich mehr als beeindruckend.«

Ich lächelte ihn zweifelnd an. Ich kam mir im Moment nicht wirklich beeindruckend vor, sondern eher wie der Tod auf Latschen. Mir fielen die Augen zu. Ich war echt am Ende.

»Willst du schon wieder pennen? Das kann doch echt nicht sein. Ich dachte, ich bekomme jetzt heißen Sex, weil ich dich gerettet habe«, zog er mich neckend auf.

Ich verdrehte die Augen. »Sorry, Schatz, ich habe Kopfschmerzen«, gab ich gespielt pikiert zurück. »Ich denke, da musst du heute selbst Hand anlegen und dich allein feiern.«

Jars Mundwinkel zuckten. Ich musste ebenfalls lächeln und unsere Blicke trafen sich erneut. Um uns herum versank alles für einen winzigen Moment. Ich war glücklich, dass er bei mir war. Er war glücklich, dass ich bei ihm war. Wir mussten es nicht aussprechen. Der Ausdruck in unseren Augen sagte alles.

Erneut musste ich gähnen.

»Ruh dich aus. Morgen ist der Scheiß vorbei und dann wirst du ein krasser Supervampir.«

Mir fielen fast die Augen zu. »Hmmm … der Angela mit Blumen bewerfen kann«, murmelte ich und Jar lachte leise. »Bleibst du noch hier?«, fragte ich ihn und ärgerte mich, wie unsicher ich klang.

»Das kann ich gerne machen, auch wenn du langsam stinkst wie ein Iltis.«

»Arsch«, nuschelte ich, »aber sorry, dass ich gerade so ein zickiges Weichei bin.«

Ich driftete immer mehr in das Land der Träume, als ich noch seine raue Stimme vernahm. »Ich gehe nirgendwo hin. Solange du mich an deiner Seite haben willst, bleibe ich hier. Und es ist mir scheißegal, ob du stinkst oder jeden Tag in Kokosmilch badest. Du bist mein Mann.«

 

 


 

15. März

 

Hunger, tiefgreifender Hunger riss mich aus dem Schlaf. Jar atmete leise neben mir. Es kam mir vor, als könnte ich das Blut in seinen Adern rauschen hören. Riechen können. Mir lief der Speichel im Mund zusammen und meine Fangzähne verlängerten sich. Meine Gier wuchs. Ich wollte ihn schmecken. Wollte diesen dringend benötigten Lebenssaft trinken. Nur einen kleinen, winzigen Schluck. Nur damit der schlimmste Schmerz verschwand.

Unbewusst hatte ich mich zu ihm gedreht und war ihm nähergekommen, als mir klar wurde, was ich im Begriff war zu tun. »Fuck«, fluchte ich leise und legte mich zurück. Versuchte, den verführerischen Duft auszublenden und griff stattdessen nach meinem Smartphone. Eine Nachricht von meiner Mutter. Sie hatte bereits um acht Uhr morgens geschrieben. Jetzt war es fast zwölf.

'Cariño, Happy Bloodday! Ich freue mich, wenn wir dich nachher feiern. Hab dich lieb, Luca!'

Ich konnte ihre fröhliche Stimme in meinem Kopf hören, als ich die Zeilen las. Heute war es also endlich soweit. Mein Blutfest. Die Party des Jahres, dachte ich spöttisch. Wenn ich mich daran erinnerte, was am gestrigen Tag alles passiert war, hatte ich mal überhaupt keinen Bock. Das war alles ein Haufen Mist und jetzt noch das Ritual!

»Was ist Mist?«, erkundigte sich die verschlafene Stimme von Jar.

Ich verdrehte die Augen. Schon wieder hatte ich laut gedacht. Mein Blick ging zu dem Mann neben mir. Er sah unheimlich sexy aus. So verpennt wirkte er weicher, verletzlicher und war dennoch heiß wie die Hölle. Ich verfluchte mal wieder meinen Zustand, weil ich echt gern mit ihm schlafen würde. Außerdem lenkte mich der Gedanke daran von meinem quälenden Hunger ab

»Alles«, maulte ich. »Ich will Sex.«

Der Dämon grinste anzüglich. »Da kann ich dir nicht widersprechen. Ich wäre sofort dabei.« Er blickte unter der Decke in seinen Schritt. »Und mein Schwanz würde auch mitmachen.«

»Na toll.« Ich verzog mürrisch das Gesicht. »Zu wissen, dass du einen Harten hast, macht es nicht besser.«

Er zwinkerte mir zu. »Ich werde es gleich ändern.«

»Untersteh dich«, grollte ich zurück. »Wir werden schön gemeinsam keusch bleiben.«

Jar sah mich gespielt entsetzt an. »Und was kriege ich dafür?«

Ich tat so, als müsste ich einen Moment überlegen. »Meinen Arsch. Heute Abend nach der Party«, bot ich ihm an.

Ein sinnliches Funkeln trat in seine Augen. »Deal«, nahm er es mit rauer Stimme an. »Ich freu mich drauf.«

»Wie geht’s dir eigentlich wegen Zeus und allem?«, wechselte ich ein wenig ungelenk das Thema.

Jar schwieg einen Moment und sah mich dann mitleidheischend an. »Jetzt hat es sich mit der Erektion auf jeden Fall schon mal erledigt.«

Meine Mundwinkel zuckten, aber ich wartete gespannt, als er wieder ernst wurde.

»Erstaunlich gut. Es klingt vielleicht scheiße, aber ich fühle mich befreit, weil Zeus nicht mehr lebt. Amans Verhalten kann ich nicht nachvollziehen und ärgert mich hauptsächlich. Bei Angela mache ich mir allerdings Sorgen, weil ich sie so schlecht einschätzen kann«, erklärte er mir ehrlich.

Ich nickte zustimmend. »Du hast recht. Sie hat uns fast getäuscht und die ganze Zeit im Hintergrund agiert. Wir wissen nicht, wie viel Macht sie über die Willenlosen hat«, sinnierte ich und spürte dann, dass sich erneut ein Krampf anbahnte. »Scheiße, ich hasse das«, keuchte ich, dann schrie ich auf. Es wurde immer schlimmer, sodass ich fast froh war, als es um mich herum schwarz wurde.

 

Hoffentlich war das der letzte Krampf gewesen, schoss mir in den Sinn, als ich einige Stunden später neben Jar auf dem Weg zu meinen Eltern war. Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich das noch überstehen würde. Und ich musste mich immer mehr beherrschen, den Dämon auf dem Fahrersitz nicht anzufallen. Er merkte es, aber ich war ihm dankbar, dass er nichts sagte und auch nicht vor mir zurückschreckte. Er vertraute mir und das Gefühl, das er damit in mir weckte, war stärker als die Gier. Ich war mir nicht sicher, wie lange ich noch durchhalten musste, aber es kam mir nicht mehr so endlos vor wie die letzten Tage. Und vorhin beim Duschen war es noch einmal schlimm gewesen, weil er mir hatte helfen müssen. Die ganze Zeit hatte ich seinen Geruch in der Nase, seinen heißen Körper direkt an meinem. Seine verführerischen Adern genau vor meinem Mund. Aber auch das hatte ich geschafft. Da würde ich die letzten Stunden auch noch hinbekommen.

Trotzdem war ich froh, als er auf den Hof meiner Eltern fuhr. Es parkten bereits einige Autos dort. Soweit ich wusste, waren ein paar Gäste, die von außerhalb kamen, schon früher angereist. Aus dem Grund hatte Lupita uns auch angewiesen, dass wir das Ritual in der Garage durchführen sollten. Wobei der Begriff irreführend war. Es war zunächst eine Garage, aber wenn man die durchquerte, kam man durch eine Tür in einen Raum, den ich unheimlich gerne mochte. Es gab eine Werkbank mit unzähligem Kram und Werkzeugen, aber auch eine Sitzecke mit einem alten Sofa und einigen abgewetzten Sesseln. Ein kleiner Kühlschrank und ein CD-Player rundeten die Einrichtung ab. Ich war immer gerne hier gewesen. Durch ein großes Fenster war es recht hell und man konnte auch von hier aus direkt in den Garten gehen. Irgendwie war es alt, verwohnt, dreckig und irrsinnig gemütlich.

Und in diesem Fall auch praktisch, denn die Zelte für die Feier waren im Garten hinter dem Haus aufgebaut, sodass die Gäste nichts von dem Ritual mitbekommen würden. Hierher würde sich keiner verlaufen. Auf jeden Fall nicht zu so früher Stunde. Und wer spazieren gehen wollte, den würde es in den dahinterliegenden Garten mit den angrenzenden Feldern ziehen. Dort war es deutlich schöner und ruhiger als an der Straße.

Wir wollten gerade aussteigen, als mein Smartphone klingelte. Ich sah, dass White anrief und stellte auf Lautsprecher. »Chief, was gibt es?«

»Ich wollte mich mal erkundigen, wie es Ihnen geht«, erklärte mein Vorgesetzter.

Ich fuhr mir erschöpft durch die Locken. »Ging schon mal besser«, gestand ich ehrlich.

White lachte auf. »Also, wäre beschissen noch geprahlt, ja?«

»So ungefähr.«

»Sie werden das Ritual schon schaffen und danach können Sie Agent Anderson den Arsch versohlen«, versuchte er mich aufzumuntern.

Meine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. »Das hört sich nach einem guten Plan an.«

»Ist Mr. Doe auch bei Ihnen?«

»Ja, er hört mit«, informierte ich ihn.

»Gut«, entgegnete White, »ich würde später gerne mit Ihnen sprechen, Mr. Doe. Wenn Sie in der Stadt bleiben sollten, hätte ich vielleicht eine Idee für einen Job.«

Überrascht sahen wir uns an, dann verzogen sich Jars Lippen zu einem Grinsen. Unsere Blicke verhakten sich. »Ja, ich habe vor, hierzubleiben. Die Stadt hat einfach so viel zu bieten«, gab er zurück und seine Augen strahlten mich warm an.

Ich drückte zärtlich seine Hand.

»Das ist wunderbar. Dann lassen Sie uns doch nachher auf der Party reden. Ich werde auch einige Dosen des Gegenmittels mitbringen. Wir haben es zwar bisher nur in Form eines Serums zur Injektion, aber besser als nichts. Dr. Kowalski arbeitet mithilfe der Zwerge mit Hochdruck daran, dass wir es auch als Munition einsetzen können.«

»Gegenmittel?«, hakte ich irritiert nach.

Jar schlug sich gegen die Stirn. »Shit, das wollte ich dir noch erzählen, aber du hast mich abgelenkt. Sie haben endlich herausfinden können, wie den Wesen der Wille genommen wird. Allerdings habe ich das alles nicht so ganz verstanden, als Zack es mir erklärt hat, was wohl daran lag, dass er genauso wenig gerafft hat, wie es funktioniert.«

»Ist ja auch medizinisches Kauderwelsch. Aber soweit ich weiß, enthält der Wirkstoff Rezeptoren, die sich an Teile des Gehirns setzen und somit das normale Handeln und Denken blockieren. Wenn die Gehirntätigkeit endet, also die Wesen sterben, dann lösen sie sich auf. Deswegen konnten wir bei den Obduktionen nichts nachweisen«, gab White sein Wissen preis.

Ich kapierte es nicht so ganz, aber Hauptsache wir hatten endlich ein Mittel gegen die Willenlosen.

»Und was bewirkt das Gegenmittel?«, bohrte ich nach.

White schnaubte. »Sie stellen Fragen. Wenn ich es richtig verstanden habe, lösen sich die Rezeptoren dann direkt auf.«

Ich zuckte mit den Schultern, denn er hatte recht. Es war nicht so wichtig. »Okay.«

»Gut, dann sehen wir uns nachher«, verabschiedete sich der Chief, rief dann aber noch in den Hörer: »Haben Sie eigentlich Camille Dubois eingeladen?«

Ich verzog entsetzt das Gesicht. »Nein, definitiv nicht. Und bei meiner Familie kann ich es mir auch nicht vorstellen. Außerdem hat sie doch Hausarrest.«

»Hmmm … na gut, vielleicht habe ich es nur falsch verstanden. Sie wird ja wohl kaum so dumm sein und nochmal gegen die Auflagen verstoßen«, sinnierte White.

»Aber Chef«, fiel mir nun auch noch etwas ein, »wissen Sie, was mit Laurent Dubois passiert ist?«

»Ja, die Vampirbi – ach verdammt, die Fürstin hat mir davon berichtet, als ich mit ihr darüber sprach, dass sich ihr kleiner Ausflug nicht unbedingt positiv auf das Urteil des Rates auswirken wird. Sie erklärte mir, dass sie ihn nach alter Manier bestraft und dann verbannt hat.«

Es schüttelte mich und ich hatte für eine Sekunde fast ein wenig Mitgefühl mit dem verräterischen Vampir. Wenn ich mich richtig entsann, bedeutete eine Verbannung, dass man ihn gebrandmarkt und die Fangzähne herausgerissen hatte.

»War noch was? Ansonsten sehen wir uns nachher und übertreiben Sie es nicht mit dem Blut«, mahnte mich der Chief noch zum Abschluss.

Ich verdrehte die Augen, aber verkniff mir einen blöden Kommentar. Jars Mundwinkel zuckten. »Werde ich schon nicht«, beruhigte ich ihn, obwohl ich ernsthaft zugeben musste, dass es verdammt schwer werden würde, aufzuhören. Schließlich war ich wirklich ausgehungert und mein Körper verzehrte sich nach dem Lebenssaft. Aber ich musste nicht mehr lange durchhalten.

Der Gedanke hielt mich einigermaßen aufrecht, als ich von Jar gestützt in die Garage ging. Wir hatten sie gerade betreten, als ein entsetzlicher Schrei die Luft zerriss, gefolgt von einem fürchterlichen Ächzen, fast wie ein Gurgeln. Wir sahen uns erschrocken an und er hob mich kurzerhand hoch, um mit schnellen Schritten den Raum zu durchqueren. Er stellte mich behutsam ab und ich lehnte mich an die Wand. In dem Raum hinter der Garage rumpelte es laut und erneut schrie jemand angsterfüllt auf. Ohne zu zögern, öffnete Jar die Tür zu der kleinen gemütlichen Werkstatt. Ich erhaschte einen Blick auf vier Wesen, die zusammengekauert in der Ecke hockten. Ein Zwerg, eine Faunin, ein Meermann und ein menschlich aussehendes Wesen. An seinem Handgelenk sah ich ein 'S', dass ihn als Sehenden kennzeichnete. In ihren Gesichtern zeigte sich Angst und Entsetzen.

Mein Puls schnellte hoch und ich folgte Jar. Mit einem Blick erfasste ich die Situation. Ein Mensch lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden. Reglos. Unter ihm breitete sich Blut aus. Und dann bemerkte ich Karl, der sich die Kehle hielt. Der Lebenssaft sprudelte über seine Hände aus ihm heraus. Bedauern und Schmerz stand in seinen Augen, dann kippte er ebenfalls leblos nach vorn.

Für den Bruchteil einer Sekunde blickte ich in die Augen des Vampirs, der die beiden auf dem Gewissen hatte. Ich konnte keinerlei Schuldgefühle oder Reue in ihnen erkennen. Nur Genugtuung und Hass. Dann ließ er das Messer fallen und rannte schnell hinaus.

Ich war wie erstarrt und sah ihm nach. Damit hätte ich nie gerechnet. Niemals hätte ich gedacht, dass er so weit gehen würde und Unschuldige töten würde. Er war immer so still gewesen und wusste doch über jede Kleinigkeit Bescheid. Aber klar! Er war bei den Sitzungen dabei gewesen, hatte alles gehört, kannte die Details für das Ritual. Der in sich gekehrte Luis.

Mein Cousin hatte nicht gewirkt, als hätte er keinen eigenen Willen mehr. Im Gegenteil. Er war nicht manipuliert worden, sondern hatte das Ritual ganz bewusst verhindert. Wieso tat er so etwas Grausames? Mir kamen die Bilder in den Sinn, von denen die kleine Lupita erzählt hatte. Aber auf denen hatte er keine Supernaturals getötet, sondern immer nur Menschen.

»Der Magier und Karl sind tot«, vernahm ich Jars Stimme und blickte ihn an. Er sah ebenso fassungslos aus, wie ich mich fühlte.

»Wir müssen ihm nach, damit darf er nicht durchkommen«, erklärte ich wütend. Mein Cousin hatte gerade auf bestialische Weise zwei unschuldige Wesen getötet. Und wer weiß, was passiert wäre, wenn wir ihn nicht gestört hätten? Vielleicht wären alle in diesem Raum tot.

Ich schaute zu den anderen. »Geht es euch gut?«

Zögerliches Nicken. Sie lösten sich voneinander.

»Er kam einfach rein und sagte, dass er noch was prüfen müsse. Dann ist er ohne ein weiteres Wort auf Simon los«, die Faunin deutete auf den toten Magier. »Danach hatte sich Karl vor uns gestellt. Er hat versucht, ihn aufzuhalten, aber der Vampir war zu stark.«

»Wieso hat er das getan?«, mischte sich der Zwerg grummelnd ein.

Ich zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Aber wir müssen ihn schnappen und es herausfinden.«

Jar hob eine Augenbraue. »Ganz ehrlich Luca, du wirst jetzt hinter niemandem herrennen. Aber ich gehe und schaue, ob ich ihn finden kann. Bleib hier und ruh dich aus.«

Grimmig musste ich ihm recht geben. Ich hasste es, dass ich zu nichts zu gebrauchen war. Ich taumelte zu einem der Sessel und ließ mich hineinfallen. Ich brauchte dringend Blut. Jetzt, wo das Ritual nicht stattfinden konnte, könnte ich auch sofort mit dem Hungern aufhören.

»Scheiße, was ist hier denn passiert?«, fauchte meine Großmutter, als sie in einem schwarzen Jumpsuit, auf ihren Stock gestützt, eintrat. Ihre roten Haare wallten über den Rücken.

»Luis«, sagte ich tonlos.

»Fuck, hat Eduardo nicht wenigstens einen normalen Sohn, der nicht irgendwelche bescheuerten Anwandlungen hat?«, zischte sie erbost und schaute dann die anderen Wesen an. »Aber euch geht es gut?«

Synchron nickten sie. »Und jetzt?«, fragte der Meermann.

Lupita zuckte mit den Schultern. »Nun müssen wir schauen, dass wir möglichst schnell Ersatz bekommen. Es sollte ja nicht so schwer sein, einen Magier und einen Dämon aufzutreiben.«

Ich starrte meine Großmutter ungläubig an. »Du willst das Ritual trotzdem durchführen?«

»Jetzt erst recht«, gab sie knapp zurück.

»Das kann doch nicht dein Ernst sein? Es wurden gerade zwei Wesen kaltblütig von meinem Cousin getötet. Du kannst doch jetzt nicht so tun, als wäre das alles kein Problem und nun einfach fröhlich weitermachen«, erklärte ich bestürzt.

Sie sah mich scharf an. »Doch, genau das werden wir tun, denn damit treffen wir ihn am härtesten. Aus irgendeinem Grund wollte er das Ritual unbedingt verhindern. Deshalb werden wir es durchführen, um ihm zu zeigen, dass er uns so nicht aufhalten kann.«

Ich rollte mit den Augen. »Ich finde es geschmacklos. Aber davon abgesehen, haben wir keinen Dämon und Magier mehr, weil sie dort gerade ausbluten.« Ich deutete mit der Hand zu den beiden Leichen auf dem Boden und verzog dann angewidert das Gesicht.

»Jetzt stell dich mal nicht so an. Du bist doch sonst nicht so ein Weichei«, meckerte Lupita.

»Ich finde, sie hat recht«, meldete sich der Zwerg zu Wort. Entschlossen verschränkte er die kurzen Arme vor der Brust. »Wir sollten es machen. Ich bin dabei.«

Die Faunin und der Sehende nickte, sie vehementer als er, dennoch waren sie anscheinend beide dafür.

»Aber auch wenn wir dazu bereit wären, fehlen immer noch ein Magier und ein Dämon. Und natürlich der Vampir«, warf der Meermann ein.

Lupita verdrehte die Augen. »Das ganze Haus ist voller Vampire. Das ist nun wirklich unser geringstes Problem. Auch wenn die Gäste keine Ahnung haben, was hier abgeht.« Sie kicherte boshaft. »Wir schleppen einfach ein paar, die ich nicht leiden kann, hierher.«

Ich konnte darüber nicht mal ansatzweise lachen. Zum einen war es einfach makaber, zum anderen lenkte mich der Blutgeruch, der sich im Raum ausbreitete, immer mehr ab. Er verwirrte meine Sinne. Mein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Ich brauchte unbedingt Blut.

Meine Großmutter näherte sich mir. In ihren verschiedenfarbigen Augen erkannte ich eine gewisse Hinterhältigkeit. »Lupita«, knurrte ich warnend zwischen meinen Fangzähnen hervor.

»Es tut mir leid, aber es muss sein«, sagte sie mit leisem Bedauern. Dann bewegte sie sich so schnell, dass ich in meinem Zustand nicht reagieren konnte. Mit einem scharfen Messer stieß sie zielsicher in meinen Oberschenkel.

Ich zischte schmerzerfüllt auf. Bevor ich etwas sagen konnte, zog sie die Klinge zu meinem Knie. Dann wiederholte sie dasselbe an dem anderen Bein. Ich stand so unter Schock, dass ich nur am Rande wahrnahm, wie sie auch in meine Oberarme stach, präzise die große Arterie traf und mich dort ebenfalls sezierte.

Aus allen Wunden quoll mein Blut. Langsam kam in meinem benebelten Verstand an, was sie getan hatte. »Spinnst du?«, fuhr ich sie zornig an. »Willst du mich quälen? Wir können das Ritual nicht durchführen. Uns fehlen ein Dämon und ein Magier.«

Sie sah mich für einen Moment traurig an. »Es tut mir leid, aber ich musste es tun. Du verstehst es nicht, aber ich wusste in meinem Inneren, dass ich es tun muss.« Ihr Blick wurde eindringlich. »Und wir haben einen Dämon und einen Magier.«

Ich verstand nicht, was sie mir sagen wollte. Mein Hirn wurde immer weniger mit Blut versorgt. Mein Inneres brannte wie Feuer. Mir trat der Schweiß auf die Stirn, aber ich versuchte, ruhig zu atmen.

»Der Dämon, der mit Luca gekommen ist?«, erkundigte sich der Zwerg.

Ich erstarrte. Das konnte sie nicht ernst meinen. »Nein.« Ich sprach das Wort leise, aber endgültig aus. Auf gar keinen Fall würde ich Jar beißen und ihn damit zum Tod verurteilen. Niemals. Schon allein bei dem Gedanken drehte sich mein Magen um und ich musste würgen. Dabei bemerkte ich, dass ich immer mehr Blut verlor und den Sessel schon komplett eingesaut hatte. Aber das war im Moment nebensächlich. Das einzig Wichtige war, meine Großmutter von dieser vollkommen irrsinnigen Idee abzubringen.

Sie fixierte mich mit ihrem Blick. »Aber wer sonst noch? Zack? Cain?«

»Nein«, fauchte ich. »Bring mir einfach Blut und wir vergessen den ganzen Scheiß.« Das Brennen wurde immer stärker und ich stöhnte qualvoll auf.

»Wir warten einfach draußen und ihr sagt Bescheid, wenn ihr soweit seid«, schlug die Faunin rücksichtsvoll zu. Dankbar nickte ich ihr zu. Sie lächelte mich aufmunternd an.

Als die unbekannten Wesen den Raum verlassen hatten, schrie ich das erste Mal auf. Hatte ich vorher schon das Gefühl gehabt, dass mein Magen Feuer gefangen hatte, zog er sich nun kontinuierlich zusammen und brannte, wie ich mir das Höllenfeuer vorstellte. Erbarmungslos und grausam. Gleichzeitig spürte ich eine Kälte in mir aufsteigen, je mehr Blut ich verlor. Ich wollte mich zusammenkrümmen, aber Lupita hielt mich fest. »Es tut mir leid«, wisperte sie leise, »es ist furchtbar, dass du so leiden musst.«

»Dann gib mir Blut«, bat ich sie mit krächzender Stimme. Erneut schrie ich auf. Es war eine endlose Welle aus Schmerz. Ich hatte keinerlei Zeitgefühl mehr, spürte nur die Qual und Pein. Mein Bewusstsein verlor sich immer mehr, weil mein Körper gegen diese Folter kämpfte.

Aber dann spürte ich auf einmal Jar neben mir. Ich hatte keine Ahnung, woher ich wusste, dass er es war. Trotzdem war ich mir sicher. Ich spürte es. Ich wurde innerlich ruhiger. Er linderte die Schmerzen, als ich das Gefühl hatte, es nicht mehr aushalten zu können. Meine Kehle war wundgeschrien und ich nahm meinen Körper nicht mehr wahr. Nur noch Schmerzen.

Durch den Nebel hörte ich Stimmen, aber ich konnte nicht verstehen, worüber sie redeten. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, die einzigen beiden Dinge, die neben den Qualen noch präsent in meinem Kopf waren die Gier nach Blut und die Präsenz von Jar.

Alles wurde immer schwärzer um mich herum, kälter und doch brannte das Feuer in mir. Ich konnte nicht mehr. War sowas von im Arsch. Hatte keine Ahnung, wie ich das überleben sollte.

 

Ich hatte keinen Schimmer, wie lange alles dauerte, aber auf einmal wurde ich festgehalten. Ich konnte nichts sehen, aber dafür war ein anderer Sinn sensibilisiert. Der Duft von Jar stieg in meine Nase. Er roch so unvergleichlich. So wunderbar. Er hielt mich fest. Ich erkannte es an dem sanften und doch kraftvollen Druck seines Körpers. Doch da war noch etwas anderes, das alle anderen Gerüche überlagerte. Ich konnte auf einmal frisches Blut wahrnehmen.

Mir entkam ein tonloses Knurren. Ich brauchte es. Ich wollte es. Sofort. Nicht eine Sekunde konnte ich länger warten. Mein Überlebenswille nahm das letzte bisschen Kraft zusammen, um mich gegen die Fixierung zu wehren. Ich fauchte, weil ich keinerlei Chance gegen den unerbittlichen Griff hatte.

»Es kann ein wenig unangenehm sein, aber du musst keine Angst haben«, hörte ich Lupita sagen.

»Das wird schon nicht so schlimm«, vernahm ich die Stimme einer Frau. Es musste die Faunin sein. Aber dann waren alle Gedanken weg, weil ich den ersten Tropfen an meinen Lippen spürte. Mein Instinkt übernahm. Ich schlug meine Fangzähne in die weiche Haut. Die Frau keuchte auf, aber ich war nicht richtig bei mir. Spürte nur den Lebenssaft meine Kehle herunterlaufen. Es war nicht die Geschmacksexplosion, die ich erhofft hatte. Es schmeckte wie immer und ich wusste, dass ich es brauchte. Aber ich hatte zu lange gehungert und mein Körper gierte nach mehr. Mit großen Schlucken trank ich. Spürte mit jedem Tropfen, wie wieder mehr Leben in mein gequältes Inneres gelang. Wie die unendlichen Schmerzen gelindert wurden.

Viel zu schnell vernahm ich die Worte von Lupita. »Es reicht, Luca«, sagte sie streng.

Ich wollte nicht aufhören, ich brauchte noch mehr. Mit sanftem Druck zog mich Jar von der Frau weg. Ich öffnete meine Augen. Sie musterte mich neugierig. »Danke«, brachte ich krächzend heraus.

Sie lächelte mich an. »Gern geschehen. Ich hoffe, dass es dir und uns allen hilft«, erklärte sie freundlich und verzog dann kurz das Gesicht. »Auch wenn es wirklich nicht angenehm war.«

»Tut mir leid«, entschuldigte ich mich betreten, aber sie winkte nur ab.

»Danke, meine Liebe. Schickst du bitte den Nächsten rein, wir haben nicht viel Zeit«, bat meine Großmutter die Faunin, die nickte und mit einem Verband an ihrem Handgelenk verschwand.

Ich runzelte die Stirn, fühlte mich immer noch entsetzlich schwach, aber das schlimmste Brennen hatte aufgehört. Mein Verstand nahm seine Arbeit langsam wieder auf. »Wieso haben wir keine Zeit?«

»Erschrick nicht, aber draußen tobt ein Gemetzel«, erklärte Jar mit grimmiger Stimme.

Ich erstarrte. »Was?«

Der Meermann kam herein, aber ich achtete nicht auf ihn, sondern starrte nur den Dämon an.

»Luis hat sich Angela angeschlossen und ihr von dem Ritual erzählt. Ich denke, dass er es verhindern sollte, damit sie leichteres Spiel hat. Auf jeden Fall ist sie mit einer Armee Willenloser aufgetaucht und im Moment versuchen alle, sich irgendwie gegen sie zu wehren. Aber die meisten Gäste sind keine Kämpfer. Es sind auch Kinder dabei. Rosa hat dafür gesorgt, dass sie sich im Haus verschanzen, alle anderen stellen sich gegen den Feind. Zum Glück sind Zack, Cain, White, Brady und Tai rechtzeitig gekommen. So haben wir wenigstens einige mit Kampferfahrung auf unserer Seite. Als wir erkannten, was uns bevorsteht, hat Cain noch Sean angerufen, dass er und die anderen sich beeilen sollen. Sie müssten mittlerweile auch da sein. Trotzdem sieht es düster aus bei der Überzahl an Gegnern.«

»Fuck«, krächzte ich wütend.

Jar nickte grimmig. »Du sagst es.«

»Trink«, wies mich Lupita an und ich kam ihrem Wunsch sofort nach. Es stärkte mich weiter. Ich spürte, wie meine Sinne wieder besser wurden. Hörte auf einmal den Kampflärm. Ich musste ihnen helfen.

»Nein«, sagte meine Großmutter mit Nachdruck, als ich genug von dem Meermann hatte. »Du musst das Ritual zu Ende ausführen, sonst bist du zu schwach für den Kampf.«

»Sie hat recht, Luca«, stimmte Jar ihr zu. Ich wollte widersprechen, aber er sah mich eindringlich an. »Bitte tu es für mich. Ich könnte mich nicht auf den Kampf konzentrieren, wenn ich nicht sicher bin, dass du bei vollen Kräften bist.«

Ich verzog mürrisch das Gesicht. »Okay«, gab ich widerwillig nach, konnte aber gar nicht schnell genug von dem Zwerg, meiner Großmutter und dem Sehenden trinken. Mit jedem Schluck bekam ich mehr Energie, fühlte mich besser, stärker. Gleichzeitig wuchs meine Ungeduld. Ich musste nach draußen. Ich musste kämpfen. Ich musste das Ganze beenden.

Als der Sehende verschwand, ließ Jar mich los. Er zog sein Langarm-Shirt aus und nahm dann das Messer, das Lupita ihm reichte. Er sah mir in die Augen, als er vorsichtig an seinem Hals tastete und sich dann einen winzigen Schnitt zufügte. Sofort lief ein kleines Rinnsal aus der Wunde über seinen Oberkörper.

Ich starrte ihn fassungslos an und schüttelte den Kopf. Kein Wort konnte ich herausbringen.

»Bitte Luca, es ist die einzige Möglichkeit«, sagte er sanft. Dennoch hörte ich die Entschlossenheit aus seiner Stimme heraus.

»Nein.«

»Meine Güte, jetzt mach schon. Wer weiß, wer da draußen stirbt, während du hier einen auf Mimose machst«, zischte Lupita.

Ich starrte meine Großmutter wütend an. »Raus«, knurrte ich drohend.

Überraschenderweise wandte sie sich zur Tür, aber Jar hielt sie noch zurück. »Was ist mit der geheimen Zutat?«

Sie atmete tief durch. »Ganz einfach, wenn Luca alles getrunken hat, muss er sich noch eine Hand abschneiden und sie verbrennen«, erklärte sie sachlich.

Ich riss entsetzt meine Augen auf.

»Scheiße, das machen wir nicht«, keuchte auch der Dämon neben mir.

Lupita grinste uns an. »Keine Sorge, das war nur ein Spaß. Eigentlich wollte ich sagen, dass er sich den Schwanz abschneiden muss, aber dann hätte mich Jar wahrscheinlich gelyncht.« Sie kicherte dreckig.

In diesem Moment hatte ich das Gefühl, dass sie wirklich irre war. Sie machte so einen bescheuerten Scherz, während draußen unsere Familie um ihr Leben kämpfte. Wie konnte sie nur? Sie zwinkerte mir zu. »Es tut mir leid, aber ich habe Ewigkeiten darauf gewartet, das sagen zu dürfen. Es gibt keine weitere Zutat oder irgendetwas anderes. Das haben wir nur gesagt, damit uns mit dem Ritual niemand zuvorkommt. Also, behaltet das für euch, sonst haben wir hier bald nur noch Supervampire.« Mit den Worten verschwand sie.

Ich wollte mich über sie aufregen und sie anschreien, aber ich wurde abgelenkt. Der Duft von Jars Blut stieg mir in die Nase. Ich versuchte, ihn zu ignorieren, aber er war verlockend. So unheimlich verlockend. Genau wie der Mann, der mich nun wieder grimmig ansah. Ich musste mich zwingen, das Blut, das seinen Oberkörper entlang lief, zu ignorieren.

»Okay, trinkst du freiwillig oder muss ich dich zwingen?«

Ich schaute ihn nur an, als ob er auch vollkommen wahnsinnig wäre. »Ich. Werde. Nicht. Von. Dir. Trinken«, sagte ich langsam und betonte jedes einzelne Wort.

»Doch, denn sonst werden dich nachher die Schuldgefühle auffressen, wenn Angela da draußen alle abschlachtet, weil du zu schwach warst, um es zu verhindern.«

Wut stieg in mir auf. »Das ist nicht dein Ernst, oder?«, fragte ich ihn ungläubig.

»Es wird so kommen, es sei denn, du beendest das Ritual. Ich bin beides, Dämon und Magier.«

»Du wirst sterben, verdammt!«, brüllte ich ihn an, weil er es anscheinend nicht verstand.

»Mir ist klar, dass die Möglichkeit besteht, aber meine Hoffnung liegt in meinen Vampirgenen«, erklärte er starrsinnig.

Ich schüttelte nur den Kopf. »Das werde ich nicht riskieren. Verdammt Jar, bisher hast du nichts, aber auch gar nichts von einem Vampir, wieso sollten dich auf einmal deine Gene vor dem Tod schützen?«

Er zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung, aber die Chance besteht immerhin, wenn du von Zack oder Cain trinkst, nicht.«

»Nein. Verflucht Jar, du stirbst wahrscheinlich!«, schrie ich ihn an.

Er kam zu mir, hockte sich vor mich. »Und glaub mir, ich finde es beschissen. Ich will bei dir bleiben, dich nerven, mit dir lachen, streiten, mit dir vögeln. Aber ich kann das nicht, wenn ich weiß, dass so viele von den Wesen, die du liebst, vielleicht meinetwegen nicht mehr am Leben sind. Ich könnte nicht damit leben, wenn wir es nicht probieren und deswegen so viele umkommen.«

»Scheiße, Jar«, keuchte ich, »aber ich kann dich ebenfalls nicht verlieren. Dich liebe ich auch.«

Unsere Blicke trafen sich. In seinen Augen erkannte ich den Schmerz, aber ebenfalls Liebe, die mich warm umhüllte. »Dann tu es für mich«, bat er leise.

Erneut schüttelte ich den Kopf. »Es tut mir leid, aber ich kann nicht. Bitte mich nicht darum. Ich würde dich töten. Damit kann ich nicht leben.«

Für einen Moment stand Bedauern in seiner Miene, aber dann wandelte sie sich in Entschlossenheit. Ich runzelte die Stirn und dann spürte ich es. Er war in meinem Geist. Ich hatte keine Kontrolle mehr. Wäre ich schon wieder voll bei Kräften gewesen, dann hätte ich mich wehren können. Aber mir fehlten immer noch zwei Liter Blut. »Trink!«, forderte er mich auf.

Unbändiger Zorn erwachte in mir. »Das tust du nicht!«, brachte ich heraus, aber konnte mich nicht gegen seinen Befehl wehren. »Tu mir das nicht an!«

Ich sah, dass Tränen in seine Augen stiegen. »Es tut mir leid, Luca. Aber du musst trinken.« Er beugte sich zu mir. Kam mir so nah, dass ich das verführerische Blut riechen konnte. Aber nicht nur, an seiner Halsbeuge roch ich auch ihn. Seinen unwiderstehlichen Geruch. Er hielt mich an den Schultern fest und zog mich näher heran. Bestimmt und doch sanft.

Meine Lippen legten sich an seinen Hals auf die kleine Wunde. Ich wollte es nicht, aber er hielt meinen Geist mit eisernem Griff fest. Das konnte nicht das Ende sein. »Fuck, Jar«, nuschelte ich an seine Haut.

»Ich weiß, absolut beschissen«, stimmte er mir zu. »Trink!«

Meine Fangzähne bohrten sich in seine Haut und der erste Schluck seines Blutes strömte in meinem Mund. Ich wollte mich zurückziehen, es ausspucken, aber hatte keine Chance. Wütend starrte ich zu ihm hoch. Tausend Gefühle wirbelten in mir umher, als er mich anlächelte. Warm, so unendlich warm. Dabei rollte eine Träne über seine Wange. Ich wollte ihn anschreien, ihn verprügeln für das, was er mir antat. Was er uns antat. Aber ich konnte nur trinken. Auch als seine Träne mein Gesicht traf, hatte ich keine Wahl. Ich wollte sie wegwischen, aber konnte mich nicht rühren. Er hielt mich an seinen Hals gedrückt und wenn die Situation nicht so beschissen wäre, hätte ich mich geborgen gefühlt. Aber so ging es nur darum meinen Durst zu stillen. Sein Blut schmeckte nicht anders, nur gehaltvoller. Mit jedem Tropfen wuchs meine Kraft, jeder Schluck brachte mehr Energie zurück. Viel mehr als bei den anderen.

Sein Blick wurde eindringlicher, fixierte mich noch einmal. »Und auch wenn das jetzt richtig kitschig ist, aber eines solltest du noch wissen –«

In dem Moment hatte ich wieder genug Kraft und riss mich aus seiner mentalen Umklammerung los. Sofort stieß ich ihn von mir. »Ich will es nicht wissen. Nicht jetzt. Aber nachher, denn ich verspreche dir«, meine Stimme zitterte vor Wut, »wenn du stirbst, werde ich dir das niemals verzeihen.«

»Okay«, gab er zurück und musterte mich dann neugierig. »Wie fühlst du dich denn jetzt?«

»Als würde ich dir am liebsten die Fresse polieren, aber so richtig«, knurrte ich zornig, spürte aber, wie die Wut langsam von einem anderen Gefühl verdrängt wurde. Angst. Angst um Jar. Was hatte ich getan? Verdammt, was hatte er getan? Ich beobachtete ihn. Er wirkte nicht anders als sonst. Nicht blasser. Erschöpfter. Nicht so, als würde er gleich sterben. Allerdings hatte ich auch keine Ahnung, ob das Gift Zeit zum Wirken brauchte.

»Dann scheint es dir ja wieder ganz gut zu gehen«, merkte Jar an und stand dann langsam auf. »Bist du bereit, Angela und den anderen in den Arsch zu treten?«

Grimmig sah ich ihn an. »Bin ich, aber am liebsten würde ich dir zeigen, was ich von der Scheiße halte, die du abgezogen hast.« Verzweifelt sah ich ihn an. »Fuck, Jar, was hast du getan?« Ich hatte das Gefühl, kurz vorm Durchdrehen zu stehen. Was wäre, wenn er gleich umkippte? Nein, das konnte nicht sein. Ich konnte ihn nicht verlieren. Den Gedanken ließ mein Verstand nicht zu.

»Dreh jetzt nicht ab, Luca. Wir haben das nicht gemacht, damit du ausrastest, sondern weil du deine Lieben beschützen sollst.«

»Ich habe deine Scheiß-Rede noch im Kopf«, gab ich unversöhnlich zurück. In mir kämpften der Zorn mit der Angst und Sorge um ihn. »Aber wie geht es dir?«

Er zwinkerte mir zu. »Als hättest du mich ausgesaugt.«

»Scheiße Mann, das ist nicht witzig«, grollte ich.

»Ich fühle mich ein wenig schlapp, aber es geht, glaube ich«, erklärte er mir ernst.

Ich nickte finster. »Du hältst dich gefälligst zurück.«

»Aber du nicht. Wenn es böse ausgeht, dann sorg dafür, dass es nicht umsonst war«, bat mich Jar eindringlich.

»Ich will das nicht hören«, knurrte ich und konzentrierte mich nur auf seinen Wunsch Angela fertig zu machen. Alles andere lag für mich nicht im Bereich des Möglichen. Er durfte nicht sterben. Nicht, weil ich ihn gebissen hatte. Das war einfach nicht drin. Ich schob den Gedanken ganz weit weg und fokussierte mich auf den Kampf. Wenn ich das nicht tat, würde ich ausflippen vor Angst.

Ich horchte in mich hinein. Ich fühlte mich unheimlich stark. Die tiefen Wunden, die mir Lupita zugefügt hatte, waren kaum noch zu sehen. Aber außer der Kraft, die durch mich hindurch pulsierte, spürte ich keine Veränderung. Scheiße, wenn wir diesen ganzen Mist gemacht hatten, ohne dass es was gebracht hatte. Ich mochte gar nicht dran denken. Und musste mich ablenken. Deswegen stand ich auf und ging zur Tür. Jar hielt mich noch einmal kurz am Arm fest. »Was ich vorhin noch sagen wollte«, raunte er, »ich würde mich wahnsinnig gerne von dir ficken lassen.«

»Ernsthaft?«, hakte ich nach und konnte trotz der Wut und Angst ein Zucken meiner Mundwinkel nicht verhindern. »Das wären deine kitschigen Worte gewesen?«

Er grinste mich an und nickte. Dann küsste er mich einmal, lang und innig. Unsere Blicke verhakten sich. Ich sah die Liebe in seinen Augen und sie wärmte mich, schenkte mir noch mehr Kraft. Ich hatte das Gefühl, als würde er den Anblick noch mal in sich aufsaugen wollen. Falls … Nein!

»Denk dran, halt dich zurück und wehe –« Ich konnte es nicht aussprechen, sondern wandte mich ab, um nach draußen zu stürmen.

 

Jar hatte nicht übertrieben. Es war ein Gemetzel. Je weiter ich um das Haus in den Garten rannte, desto deutlicher sah ich das Ausmaß. Am Rande nahm ich die zerstörten Pavillons, umgeworfenen Tische und Stühle wahr, aber mit Entsetzen sah ich die vielen Wesen, die leblos am Boden lagen. Angela hatte mit ihrer Armee den Zaun zu den Feldern zerstört und in dem Garten meiner Eltern lieferten sich die Übersinnlichen erbitterte Kämpfe gegeneinander. Gerade sah ich einen Vampir aus dem Dorf leblos zu Boden gehen. Das weckte meinen Zorn und ich schaute mich nach einer Waffe um. Allerdings konnte ich nirgends eine Pistole entdecken. Ein Schuss ertönte und ich sah White, der einem Willenlosen einen Treffer in die Brust verpasste. Hastig blickte ich mich um. Cain schoss gerade eine Flammenwand in Richtung des Feindes. Zack schleuderte Magieblitze gegen unsere Gegner. Auch meine Eltern wehrten Angriff ab. Lupita wirbelte mit ihrem Stock umher und streckte immer wieder Feinde zu Boden.

Aber es kamen zahllosen Wesen nach. Ich konnte es nicht abschätzen, aber vermutete, dass bestimmt noch hundert Willenlose auf ihren Einsatz warteten. Mittendrin stand Angela, flankiert von Aman und Luis. Sie lächelte kalt.

Meine Wut brannte wieder auf und, ohne weiter darüber nachzudenken, sprang ich in das Kampfgetümmel. Mit ausgefahrenen Krallen stürzte ich mich auf den ersten Angreifer. Zerfetzte ihm das Gesicht und stieß sie ihm tief in den Bauch. Sofort wandte ich mich dem nächsten zu und konnte gerade noch ausweichen, als ein Erdbrocken auf mich zuraste. Doch ich ließ mich nicht ablenken und warf mich auf den Faun. Er war zu überrumpelt, als dass er sich groß wehrte. Ich schlug ihn k.o. und wandte mich dem nächsten Feind zu. Mir wurde klar, was meine neue Fähigkeit war. Ich war schnell. Verdammt schnell. So schnell, dass ich meine Gegner überwältigen konnte, ohne dass sie reagieren konnten.

»Yeah, Luca, du bist ein Duracell-Vampir!«, brüllte mir Zack grinsend zu, als ich einen Dämon zu Boden schickte. Er schoss einen Magieblitz auf einen Zwerg ab.

Ich schmunzelte kurz bei dem Vergleich, bemerkte aber auch, dass mein bester Freund erschöpft wirkte. Kein Wunder, sie kämpften schon deutlich länger als ich. Hatten bereits viel mehr Gegner besiegen müssen und doch schienen sie sich wie von selbst zu vervielfältigen. Ich hörte den Schrei einer vertrauten Stimme und sah, wie meine Schwester Lorena zu Boden ging. Scheiße! Aber dann sah ich Rosa zu ihr eilen und konnte nur hoffen, dass es nicht zu spät war.

Ich konnte nicht zu ihr, weil mich ein riesiger Dämon angriff. Wahrscheinlich könnte er mir mit seiner Kraft ohne Problem den Schädel zertrümmern, aber er war langsam. Bevor er überhaupt begriff, was mit ihm geschah, hatte ich ihm mit meinen Krallen die Kehle durchgeschnitten.

Ein Magiegeschoss zischte an mir vorbei und traf einen Meermann, der eine Welle in meine Richtung geschickt hatte. Synchron gingen beide zu Boden. Ich sah mich nach dem Helfer um, obwohl ich es mir fast gedacht hatte. Das Geschoss war rot gewesen. Jar.

Er zwinkerte mir zu, aber ich hatte das Gefühl, dass er blasser geworden war. Ich merkte wieder die Panik in mir aufsteigen und war fast dankbar, als ich den stechenden Schmerz in der Seite spürte. Ein Blick nach unten zeigte mir das Messer, das seitlich unterhalb der Rippen steckte. Mit einem Keuchen zog ich es heraus und taumelte, als sich jemand hart gegen mich warf. Beim Fallen zog ich den Zwerg mit mir und stach gleichzeitig zu. Als wir auf dem Boden ankamen, stieß ich ihn von mir herunter und sprang den nächsten Feind an, um kurzen Prozess mit ihm zu machen. Ich hatte keine Ahnung, wie viele Gegner ich außer Gefecht setzte, trotzdem hatte ich das Gefühl, dass es nicht endete. White brüllte, dass auf der Terrasse vorm Haus das Gegenmittel war und wir es ihnen injizieren sollten. Aber es kamen beständig Feinde nach, sodass wir unsere Stellung unmöglich verlassen konnten. Wir wurden immer weniger. Immer mehr wurden verletzt oder gingen leblos zu Boden.

Ich kämpfte wie ein Wahnsinniger, verletzte mit meinen Krallen, riss mit meinen Fangzähnen Gegner in den Tod. Schweiß lief mir übers Gesicht, aber ich hielt nicht inne. Wir mussten das Ganze beenden.

Angela hatte sich mittlerweile eingeschaltet und feuerte ebenfalls Magieblitze auf uns ab. Ich sah aus dem Augenwinkel, dass sich Zack und Jar anscheinend absprachen, denn während der Dämon sich eher zur Seite entfernte, stellte sich mein bester Freund ihr direkt in den Weg. Er ließ ebenfalls seine Magie hinaus und ihre mächtigen Strahlen kämpften miteinander.

Ich wurde von einem Faun abgelenkt, der mich mit Wurzeln zu fesseln versuchte. Doch ich konnte so schnell reagieren, dass sie mich nicht halten konnten, und stürzte mich auf ihn. Sofort kam der nächste Willenlose auf mich zu. Ein Vampir. Wir prallten aufeinander. Er war schnell, aber mit meinen neuen Kräften konnte er nicht mithalten. Hart stieß ich ihm meine Krallen ins Herz. Ich blickte auf, um den nächsten Gegner zu sehen und erstarrte. Nicht weit von mir entfernt kämpfte Ramon. Aber nicht für uns. Er stand auf der Seite von Angela. Ich schaute genauer hin. Er wirkte, als wäre er Herr seiner selbst. Es sollte mich nicht überraschen und doch tat es weh. Wir hatten unsere Differenzen, aber mit seinem Handeln brach er meinen Eltern das Herz.

Eine kalte Welle traf mich und ich musste meinen Bruder aus den Augen lassen. Hastig sah ich mich nach dem Gegner um. Ich wollte gerade auf ihn zuspringen, als mir jemand zuvorkam. Mit einem Gurgeln ging das Meerwesen zu Boden. Camille Dubois sah mich kühl an. »Sie hätten uns ruhig zu der Party einladen können, Agent Garcia«, begrüßte sie mich und ich konnte nur perplex starren. Sie war nicht allein gekommen. Ihr Schläger stürzte sich sofort auf einen Steindämon. Auch ihre Partnerin und zehn andere Vampire begann zu kämpfen.

»Hey, jetzt steh hier nicht so rum«, tadelte mich Noah mit einem Zwinkern.

»Genau, beweg deinen knackigen Hintern«, forderte mich auch Suri auf und grinste mich an. Sie und die anderen Dämonen hatte ich noch gar nicht so richtig wahrgenommen. Aber jetzt sah ich sie. Neben Noah und Suri kämpften auch Sean, Duke, Lawrence, Roland, Amin und einige weitere Dämonen, die ich nicht kannte, an unserer Seite.

Das gab mir weitere Kraft und mein nächster Gegner hatte nicht den Hauch einer Chance. Und doch hörte es nicht auf. Es waren immer noch so verdammt viele. Und unsere Reihen dünnten sich immer mehr aus. Amin ging leblos zu Boden. Scheiße!

Aus dem Augenwinkel sah ich, dass auch Zacks Kraft langsam zur Neige ging. Mein Blick suchte Jar, der genau in dem Moment einen Magieblitz auf seine Mutter abschoss. Sie war zu abgelenkt gewesen, sodass sie schmerzerfüllt aufstöhnte. Ihre Augen blitzten eisig auf, als sie sich ihm zuwandte.

Nichts erinnerte in der Stimme mehr an die verzweifelte Frau, die ihn angefleht hatte, ihm zu helfen. »Jar, du bist mein Sohn. Du kannst doch nicht deine eigene Mutter töten wollen«, schrie sie außer sich vor Wut.

Er lachte spöttisch. »Dann ergib dich!«

Nun war es an ihr kalt aufzulachen. »Wieso sollte ich? Nicht mehr lange und ich werde über die ganze Welt herrschen. Dein Vater hat es nicht verstanden, aber immerhin war er dazu nutze, mir alles Nötige zu beschaffen und zu erforschen.«

»Wenn du dich nicht ergibst, wirst du sterben«, prophezeite er ihr und gab ihr damit noch einmal die Chance.

»Niemals!«

»Ergeben Sie sich!«, brüllte nun auch Zack.

Sie sah ihn hasserfüllt an. »Dass du nicht gestorben bist, ist wirklich bedauerlich. Dabei hatte ich mir so viel Mühe gegeben. Erst deine Mutter und später alle, die irgendwie mit dir in Verbindung standen«, erklärte sie abfällig. Dann zuckte sie mit den Schultern. »Aber gut, dann wird es eben heute geschehen.«

Ein Magieblitz schoss aus ihren Händen. In einer rasenden Geschwindigkeit auf Zack zu.

»Nein!«, schrie Jar in dem Moment und ein rotes Geschoss donnerte auf Angela zu. Traf sie. Mitten in der Brust. Sie starrte für einen Augenblick fassungslos auf die tödliche Verletzung. Dann ging ihr ungläubiger Blick zu Jar. Als hätte sie nicht damit gerechnet, dass er seine Worte ernst gemeint hatte.

»Obwohl ich ihn kaum kenne, ist er schon mehr Familie, als du es je für mich warst«, erklärte der Dämon bitter. »Und ich beschütze meine Familie.«

Sie kniff ihre Augen wütend zu Schlitzen zusammen. Gleichzeitig keuchte sie schmerzerfüllt und schwankte. Konnte sich nicht mehr auf den Füßen halten und sank langsam zu Boden. Keiner war bei ihr. In diesem Moment war sie ganz allein. Ihre Augen hasteten umher und suchten nach jemanden. Als sie ihren Liebhaber sah, streckte sie mit letzter Kraft die Hand nach ihm aus. Aman eilte sofort an ihre Seite. »Baby, geh meinen Weg weiter und verfolge unsere Ziele«, hauchte sie ihm zu. »Es darf nicht umsonst gewesen sein. Gewähre niemandem Gnade, vor allem Jar nicht. Räche mich«, wisperte sie und dann verdrehten sich ihre Augen. Ihr Brustkorb kam zum Stillstand. Sie war tot.

Der Mensch nickte grimmig. »Sie haben keine Chance«, versprach er ihr und richtete sich dann wieder auf. Abgrundtiefe Trauer und Wut standen in seinen Augen. Dann wandte er sich Jar zu und hob seine Waffe. Zielte auf seinen Ex-Freund, der verdächtig schwankte. Bevor er abdrückte, sah ich, wie der Dämon taumelte und langsam zu Boden ging.

Das Gift. Es entfaltete seine Wirkung. Mir wurde eiskalt. Nein, das konnte nicht sein. Nicht er. Nicht jetzt. Niemals. Der verfluchte Kerl konnte mich nicht allein lassen. Ich musste zu ihm. Egal, ob Aman mich dann erschoss, aber ich würde es nicht zulassen, dass Jar von einer Waffe getötet wurde. In meinen Hinterkopf wusste ich, wie bescheuert der Gedanke war, aber ich klammerte mich daran. Er durfte nicht durch eine Kugel sterben. Wenn ich das verhinderte, würde er auch den ganzen anderen Mist überstehen. Alles andere konnte ich nicht zulassen. Aman bewegte seinen Finger. Ich würde nicht mehr rechtzeitig bei ihm sein. Nein! Das durfte einfach nicht passieren. Ich musste zu dem geliebten Mann, durfte ihn jetzt nicht allein lassen, musste ihn beschützen. Aber ich würde es nicht schaffen. Ich schrie meine Verzweiflung hinaus und irgendetwas explodierte in mir.

Ich rannte weiter zu meinem Dämon und dann fiel es mir auf. Ich war der Einzige, der sich bewegte. Schockiert hielt ich inne und schaute mich um. Alle waren mitten in der Bewegung erstarrt. Das war doch nicht möglich und doch war es so. Niemand bewegte sich. Cain war mitten im Lauf eingefroren, den Blick auf Zack gerichtet. Suri hatte die Augen weit aufgerissen, weil das Messer eines Dämons direkt auf ihren Magen zielte. Ich ging vorsichtig hin und drehte die Hand ihres Angreifers, sodass die Waffe ihr Ziel ändern würde. Es passierte nichts. Ich sah mich nochmal um, aber alle waren immer noch vollkommen erstarrt. Krasser Scheiß, dachte ich entgeistert und dann fiel mein Blick auf das Gegenmittel, das auf der Terrasse lag. Für eine Sekunde zögerte ich, aber dann wusste ich, was zu tun war. Ich rannte zu dem Behälter und lief zu dem ersten Gegner. Dabei bemerkte ich zum ersten Mal, wie sehr die neue und zugegebenermaßen echt coole Fähigkeit an meiner Kraft zerrte. Ohne irgendwelche Finesse rammte ich das Mittel in seinen Arm. Sofort wandte ich mich dem nächsten zu und injizierte es ihm ebenso. So schnell ich konnte, fuhr ich damit fort. Ich spürte, wie die Energie mich verließ. Spürte, wie viel Kraft es mich kostete, aber ich gab nicht auf. Immer mehr Spritzen setzte ich in die Arme der Willenlosen.

Die Anstrengung zerrte an mir. Schweiß lief mir übers Gesicht, aber ich machte weiter, bis ich kein Gegenmittel mehr hatte. Mein Herz raste und die Erschöpfung ließ meine Glieder schwer werden. Ich fühlte mich wie ausgelaugt und bemerkte, dass sich alle ganz, ganz langsam wieder zu bewegen begannen.

Ich warf den Behälter zur Seite und taumelte zu Jar. Auf dem Weg dorthin entwendete ich Aman noch die Waffe und lenkte die Kugel, die sich langsam auf meinen Dämon zubewegte, Richtung Himmel.

Mein ganzer Körper zitterte von der Überlastung und ich spürte, dass mein Bewusstsein schwand. Mein Gesichtsfeld wurde immer kleiner. Ich stolperte auf Jar zu, wollte nur noch zu ihm. Er war verflucht blass und doch atemberaubend schön. Er durfte einfach nicht sterben. Ich hatte ihn gerade erst gefunden. Das Wesen, das zu mir gehörte und zu dem ich gehörte. Und genau deswegen musste ich jetzt bei ihm sein. Mit dem Gedanken fiel ich auf die Knie und dann war es vorbei. Nichts als Schwärze umfing mich.


 

16. März

 

»Scheiße«, murmelte ich leise, als ich langsam wieder zu mir kam. Ich lag in meinem Bett, in meiner Wohnung und ich hatte keinen Schimmer, wie ich dorthin gekommen war. Aber mir war sofort präsent, was passiert war. Wir hatten das Ritual durchgeführt und Jar hatte mich gezwungen, sein Blut zu trinken.

Jar! Panik machte sich in mir breit, als ich ihn vor meinem geistigen Auge im Garten meiner Eltern in sich zusammensacken sah. Wie ich versucht hatte, zu ihm zu gelangen, aber es nicht geschafft hatte. Wie dieser stolze Mann blass und vollkommen erschöpft gewesen war, nachdem er seine Mutter getötet hatte. Ich riss die Augen auf und blickte mich hastig um. Erleichterung durchflutete mich, als ich den Dämon neben mir liegen sah. Es ging ihm gut. Er war noch bei mir und schien seelenruhig zu schlafen. Abgesehen von der grenzenlosen Freude merkte ich, dass sich erneut die Wut in mir regte. Er hatte mich gezwungen und hätte dabei drauf gehen können, verdammt!

»Du Arsch«, knurrte ich und boxte ihn in die Seite.

»Hmmm«, kam nur verschlafen zurück.

»Ich sagte, dass du ein Arsch bist«, wiederholte ich zornig meine Worte.

Er blinzelte und schaute mich verpennt an. Ich versuchte zu ignorieren, dass er mal wieder total heiß aussah. Ob mich das jemals weniger ablenken würde? Wahrscheinlich nicht.

»Wieso?«, fragte er noch nicht ganz wach und gähnte herzhaft.

»Das Gift hätte dich töten können!«, ranzte ich ihn an und versuchte weiter zu ignorieren, dass er anscheinend nackt war, denn er rappelte sich auf und die Decke verrutschte. Mistkerl! Das machte er doch extra!

Dann riss er auf einmal entgeistert die Augen auf. Dann schlug mir Wärme entgegen. »Dir geht’s gut!«, rief er begeistert und kam näher. Verschlang meinen Mund mit seinem. Ich war überrumpelt über die plötzliche Nähe. Sein Geruch stieg mir in die Nase. Jar. Pur und unvergleichlich. Seine Lippen liebkosten mich. Zunächst sanft und dann mit immer mehr Nachdruck. Ich spürte, wie mein Zorn langsam verrauchte und einem anderen Gefühl Platz machte. Erregung. Aber ich wollte jetzt nicht vögeln, ich wollte ihn zur Sau machen. Danach könnten wir auf den Punkt zurückkommen, aber in diesem Moment musste ihm erstmal klar werden, was er mir angetan hatte. Hart stieß ich ihn von mir.

»Lenk nicht ab«, knurrte ich wütend. »Ich hätte dich beinahe umgebracht, verdammt!«

»Hast du aber nicht«, gab er zurück, »anscheinend habe ich wirklich etwas von einem Vampir. Auf jeden Fall ist diese Seite in mir stark genug, dass mich das Gift nicht umgebracht hat.«

»Das haben wir aber nicht wissen können«, beharrte ich auf meinem Zorn und starrte ihn dann eindringlich an. »Ist dir klar, dass du mich gezwungen hast, dich zu töten? Ist dir klar, dass ich es mir niemals hätte verzeihen können, wenn du wirklich gestorben wärst? Ist dir klar, dass ich dann vollkommen hinüber gewesen wäre?« Meine Stimme war immer lauter geworden. »Verflucht Mann, ich habe gesagt, dass ich dich liebe und dann ziehst du so eine Scheiße ab!«, brüllte ich ihn an.

In den roten Augen glomm Freude über meine Worte auf, gleichzeitig erkannte ich Reue. »Es tut mir leid. In dem Augenblick war es der einzige Weg, den ich sah. Und du kannst mir glauben, dass ich mehr als glücklich darüber bin, dass ich nicht hops gegangen bin. Verdammt, ich wollte nicht sterben, aber ich wollte auch nicht, dass wir das Ritual nicht beenden können und du deswegen vielleicht deine Familie und deine Freunde verlierst«, erklärte er ehrlich.

Irgendwie konnte ich seine Denkweise nachvollziehen, aber dass er die Entscheidung für mich getroffen hatte, lag mir immer noch schwer im Magen. Bevor ich noch etwas dazu sagen konnte, fiel mir etwas anderes ein. »Wie geht es denn Lorena?«

Jar lächelte mich beruhigend an. »Soweit ich weiß, waren die Wunden deiner Schwester nicht so schlimm. Rosa und Pepe sind deutlich mehr mit dem Verrat deines Bruders beschäftigt.«

Ich nickte grimmig. Es musste ihnen das Herz brechen, dass er sich auf die Seite von Angelas Seite gestellt hatte. Er war ein echtes Arschloch, dennoch war er mein Bruder. Sein Schicksal war mir nicht egal. Würde es nie sein. »Was ist mit ihm passiert?«, hakte ich deswegen nach.

»Er wurde festgenommen, genau wie Aman und Luis und die anderen, die sich freiwillig den Befreiern angeschlossen haben. Sie werden ihren Prozess im Rat bekommen«, berichtete Jar. »Die anderen Willenlosen waren ziemlich verpeilt, nachdem du ihnen das Gegenmittel verabreicht hast. Sie werden jetzt betreut. Einige sind vollkommen durcheinander, da sie in ihrem Zustand Freunde und sogar Verwandte angegriffen und verletzt haben.«

So viel Schmerz und Leid. Und alles nur, weil Angela größenwahnsinnig geworden war. In meiner Erinnerung sah ich wieder all die Toten auf dem Boden liegen. »Ich habe gesehen, wie Amin und einige Wesen aus dem Ort gestorben sind. Wurden noch andere getötet, die ich kenne?«, erkundigte ich mich mit einem Kloß im Hals.

Der Dämon nickte finster. »Es sind einige umgekommen. Soweit ich weiß auch ein paar entfernte Verwandte von dir und Vampire, die zu dem Fest gekommen waren. Und leider hat es auch Tai erwischt.«

»Fuck!«, fluchte ich. Der Magier war immer etwas zurückhaltend und distanziert gewesen, doch hatten wir einige Jahre gut zusammengearbeitet. Es war ein derber Verlust, auch wenn wir nie über die Kollegenschiene hinausgekommen waren. Dafür waren wir einfach nicht auf einer Wellenlänge gewesen, aber er hatte das Team richtig gut ergänzt.

»Ja, und ich bin mir sicher, dass es noch mehr geworden wären, wenn die Vampirbitch nicht mit ihren Anhängern dazugestoßen wäre«, vermutete Jar.

Ich verzog nur abfällig das Gesicht. »Das stimmt wohl, obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass sie es hauptsächlich gemacht hat, um für ihre Anhörung ein paar Pluspunkte zu sammeln.«

Der Dämon zuckte mit den Schultern. »Das kann gut sein. Uneigennützig handelt sie ja eher nicht.« Nach seinen Worten nahm er mich ins Visier und musterte mich eindringlich. Bohrend. Anerkennend. »Und kannst du mir jetzt bitte endlich erklären, was du da gemacht hast? In der einen Sekunde dachte ich, ich breche zusammen und sehe gerade noch wie Aman die Waffe auf mich richtet und im nächsten bekomme ich kurz vor der Ohnmacht noch mit, wie er mich völlig verwirrt ansieht.«

Ich wollte einhaken, als er die Hand hob. »Und als ich wieder zu mir gekommen war, berichteten mir die anderen, dass auf einmal alle Willenlosen völlig von der Rolle waren. Sie haben nicht mehr gekämpft und schienen wieder ganz sie selbst zu sein. Du lagst nicht weit von mir und hast dich nicht mehr bewegt. Verdammt Luca, was hast du gemacht?«

»Du warst bewusstlos?«, hakte ich erschrocken nach und achtete nicht auf alles Weitere. Ein ungutes Gefühl machte sich in mir breit. »Bist du wieder in Ordnung?«

»Wer lenkt jetzt ab«, knurrte Jar, aber nickte dann. »Ich bin wieder topfit. Mein Körper war einfach ein bisschen überfordert durch den Blutverlust, das starke Wirken der Magie und den Kampf gegen das Gift. Aber als Dr. Kowalski kam, um die Verletzten zu versorgen, hat sie mir bescheinigt, dass alles okay ist.«

Ich atmete erleichtert aus und spürte erneut, wie der Zorn sich zurückmeldete. Hätte ich nicht diese merkwürdige Kraft entfaltet, hätte Aman ihn erschossen, weil er geschwächt gewesen war. Allerdings hätte ich diese Kräfte auch nicht entfalten können, wenn ich nicht sein Blut getrunken hätte. Zumindest wisperte das ein vernünftiges Stimmchen in mir. Ich verzog das Gesicht. Es war nicht von der Hand zu weisen.

»Würdest du endlich mit der Sprache rausrücken?«, forderte mich Jar ungeduldig auf.

»Ich habe die Zeit angehalten«, platzte ich heraus.

Der Dämon nickte bedächtig. »Sowas habe ich mir gedacht, aber wie?«

»Keine Ahnung«, gab ich ehrlich zu. »Vorher habe ich nur bemerkt, dass ich echt schnell geworden bin. Aber als ich gesehen habe, dass dein Ex die Waffe auf dich gerichtet hat, ist irgendetwas in mir explodiert und dann waren auf einmal alle erstarrt. Da habe ich so schnell wie möglich den Willenlosen das Gegenmittel injiziert und die eine oder andere Waffe umgelenkt.«

Anerkennung blitzte in den roten Augen auf. »Du hast damit den Kampf beendet. Ich bin mir nicht sicher, ob wir es sonst geschafft hätte.« Für einen Moment hielt er inne. »Und nicht nur das, du hast mir auch das Leben gerettet«, sagte er leise und sah mich besorgt an. »Und wärst dabei fast selbst drauf gegangen. Du lagst da wie tot. Das war der Schock meines Lebens.«

»Willkommen im Club«, raunte ich und verzog dann abfällig den Mund. »Es war auch kein wirklich tolles Gefühl. Extrem anstrengend und ich habe förmlich gespürt, wie mich die Energie verließ und dann war es vorbei.«

»Das machst du nicht nochmal, wenn es so gefährlich ist. Für einen kurzen Moment dachten wir alle, du wärst tot. Dein Herz hat einige Sekunden nicht mehr geschlagen.« Er schluckte und ich konnte die Verzweiflung in seinen Augen erkennen, die er in dem Moment gefühlt hatte.

»Es wird jetzt nicht mein neuer Partytrick werden«, machte ich einen blöden Spruch und zwinkerte ihm zu.

Er rollte mit den Augen, aber seine Mundwinkel zuckten. Dann schüttelte er den Kopf. »Ich meine das ernst, Luca. Tu mir das nicht noch einmal an«, bat er mich inständig.

Ich kniff die Augen zusammen. »Nur wenn du mich auch nie wieder zu etwas zwingst, das gegen meinen Willen ist«, forderte ich.

Er nickte sofort.

Auf meine Lippen legte sich ein Grinsen. »Aber es ist schon ziemlich krass mit dem Zeitanhalten, oder?«

»Selbstgefälliger Vampir«, grummelte Jar, sah mich aber mit einem erleichterten und irgendwie zärtlichen Ausdruck in den Augen an.

Der Anblick des nackten Dämons, seine warme Miene und dem attraktiven Körper ließ mich blöd grinsen. Er machte sich gut in meinem Bett. Nur zu gern hätte ich ihn weiter angestarrt, aber leider musste ich pinkeln. Er wird gleich noch da sein, schoss mir in den Sinn und dieses dämliche Lächeln wurde noch breiter bei dem Gedanken.

»Was grinst du so?«, erkundigte sich Jar neugierig, als ich die Beine aus dem Bett schwang.

»Ich muss pissen«, gab ich nur zurück, wohlwissend, dass ich seine Frage nicht beantwortet hatte.

Der Dämon lachte auf. »Na, das ist verständlich, das würde mich auch glücklich machen«, zog er mich auf.

»Ach, halt die Klappe«, maulte ich, aber meine Mundwinkel bewegten sich ebenfalls nach oben. Ich stand auf und bemerkte, dass ich nackt war. Innerlich zuckte ich mit den Schultern. Jar hatte nun wirklich schon alles von mir gesehen.

»Dein Arsch ist echt zum Niederknien«, rief er mir hinterher, »vielleicht sollte ich ein Lied für ihn schreiben?«

Ich prustete los und drehte mich noch einmal halb zu ihm um. Seine Augen blitzten schelmisch und das warme Gefühl in meiner Brust wuchs weiter. »Ich bin mir unsicher, ob das so ein Hit werden würde, auch wenn er natürlich grandios ist.«

Gespielt nachdenklich tippte er sich ans Kinn. »Das stimmt, aber die Vorderseite ist ebenfalls nicht zu verachten, kannst du dich einmal ganz zu mir drehen? Dann besinge ich in der zweiten Strophe deinen Schwanz.«

Ich schüttelte schmunzelnd den Kopf. »Spinner«, raunte ich liebevoll und verschwand im Bad.

Die Trauer über die vielen Verluste war da, aber es tat gut sich durch die Blödeleien abzulenken. Pinkeln, Zähne putzen und eine hastige Dusche später fühlte ich mich deutlich besser. Und ich verspürte den Wunsch, schnell zu dem heißen Mann im Schlafzimmer zurückzukehren.

Er lag genauso da, wie ich ihn verlassen hatte, allerdings mit seinem Handy am Ohr. »Okay, dann machen wir das so. Bis dann«, verabschiedete er sich in dem Moment. Er legte das Smartphone weg. »White«, informierte er mich auf meine ungestellte Frage, »der hören wollte, wie es dir geht. Er will uns morgen sehen und dann ein paar Antworten bekommen«, erklärte Jar.

Ich nickte, aber war in Gedanken eher bei der Tatsache, dass er sich nicht nur einfach gut in meinem Bett machte. Er sah auch noch verflucht heiß darin aus. Als würde er genau dorthin gehören. Und beinahe hätte ich ihn verloren. Die Erinnerung hinterließ ein Stich in meinem Herzen.

»Geht das in Ordnung?«, wurde ich aus dem düsteren Gedanken gerissen.

»Was?«

Er lachte leise. »Zack und Cain wollten nachher auf ein Bier vorbeikommen. Ich denke, dein bester Freund will sich selbst davon überzeugen, dass es dir gut geht.«

»Das hört sich nach ihm an, auch wenn er das nie zugeben würde«, bestätigte ich seine Vermutung, legte mich wieder ins Bett und sah ihn dann neugierig an. »Ist es denn für dich auch okay?«

Jar nickte bedächtig. »Ich habe das Gefühl, dass er gar nicht so ein Arsch ist, wie ich gedacht habe, und würde ihn gerne näher kennenlernen. Immerhin ist er mein Halbbruder und damit die einzige Familie, die ich noch habe.«

Unsere Blicke trafen sich, aber ich sah keine Trauer oder Schuldgefühle wegen dem Tod seiner Mutter, nur ruhige Akzeptanz. »Ich bin mir sicher, dass er ähnlich über dich denkt.«

Der Dämon grinste und stand dann auf. »Daran sieht man doch schon mal, dass wir verwandt sind«, erklärte er auf dem Weg ins Bad, aber ich war abgelenkt. Von dem breiten Rücken mit den wunderschönen dämonischen Linien, die zum Großteil durch die langen Haare verdeckt wurden, die über seinen Hintern reichten und die glatten, muskulösen Beine zierten.

»Guckst du mir auch auf den Arsch?«, erkundigte er sich glucksend.

»Aber sowas von«, platzte ich ehrlich heraus und schämte mich kein bisschen. Viel mehr liebte ich dieses dumme Geplänkel. Liebte diese verspielte Seite an dem sonst so düsteren Kerl. Liebte, dass er sich so bei mir fallen lassen konnte. Innerlich schüttelte ich den Kopf. Meine Fresse, war ich kitschig.

Dann ging mein Blick noch einmal zu seinem Hintern. Seine Worte vom Vortag kamen mir wieder in den Sinn. Er wollte, dass ich ihn nahm. Allein der Gedanke weckte ein Gefühl der Vorfreude in mir. Und nicht nur das. Verlangen stieg in mir auf. Vor meinem inneren Auge sah ich ihn, vor mir liegend, mit tropfendem Schwanz und weit gespreizten Beinen, geöffnet für mich. Ich musste ein Keuchen unterdrücken. Ziemlich geil. Automatisch ging meine Hand in den Schritt. Ich war schon halbsteif. Ich umschloss ihn und meine Gedanken wanderten weiter. Wie er mich genommen hatte. Wie es sich angefühlt hatte, als er in mich eingedrungen war. So nahe und so verflucht heiß. Ich wollte das wieder spüren. Unbedingt. Wollte spüren, dass er noch bei mir war und ich bei ihm.

In dem Moment kam Jar aus dem Bad. Er hatte seine lange Mähne zum Man Bun zusammengebunden und blieb stehen, als ich ihn direkt ansah. Ganz kurz nur blickte er mir ins Gesicht dann wanderte sein Blick weiter über die Decke, unter der ich meinen Harten träge wichste. Die Bewegungen waren eindeutig.

In seinen Augen glomm Interesse auf. Ich schob die Decke weg, damit er mich ganz sehen konnte. Er verschlang mich mit seinem Blick. Ein sinnliches Lächeln legte sich auf seine Lippen. Sein Schwanz füllte sich mit Blut.

»Komm her«, raunte ich, wollte ihm endlich nah sein. Ihn schmecken. Ihn riechen. Ihn fühlen.

Ich starrte ihn an, ließ ihn nicht eine Sekunde aus den Augen, als er sich langsam dem Bett näherte. Elegant und kraftvoll. Und echt verdammt sexy. Das Knistern zwischen uns nahm immer mehr zu. Der Dämon umfasste seine Erektion und rieb sich gemächlich.

Wir fixierten uns mit Blicken. Geilten uns aneinander auf, aber das reichte mir nicht. »Verdammt Jar«, grollte ich fordernd.

In seinen Augen blitzte etwas auf und nur einen Wimpernschlag später zog er meine Hand weg und lag zwischen meinen geöffneten Beinen. Sein Mund eroberte meinen. Verlangend, rücksichtslos und ungehemmt. Ich kam ihm entgegen. Schlang die Arme um ihn. Wollte ihn ganz nah spüren. Erwiderte den Kuss genauso heißblütig. Unsere Zungen duellierten sich, während wir uns fahrig streichelten. Fieberhaft einander nahe sein wollten.

Ich kratzte über seinen Rücken und zog den Hintern näher an mich. Ich stöhnte in seinen Mund, als mein Schwanz mehr Reibung bekam. Endlich. Trotz der wilden Lust, die uns beide gefangen hielt, bewegte sich Jar viel zu langsam. Ich brauchte mehr. Schneller, härter. Musste spüren, dass es Wirklichkeit war.

Mit Schwung rollte ich uns herum. Unsere Münder lösten sich voneinander. Ich stieß mit meiner Hüfte zu. Der Dämon legte den Kopf in den Nacken und stöhnte erregt. Ich fiel über seinen Kehlkopf her. Leckte darüber und biss vorsichtig hinein.

Jar keuchte auf. Das spornte mich an. Ich küsste und saugte seinen Hals, seinen Kiefer. Fuhr mit den Händen unkontrolliert über seinen Oberkörper.

Als ich seine Brustwarze mit der Zunge reizte, stöhnte er erneut auf. Ließ sich gehen und das machte mich noch mehr an. Diesen heißen Mann so zu sehen, war einfach nur geil. Aus meinem Schwanz löste sich ein Lusttropfen und er schrie nach Aufmerksamkeit. Ich ignorierte ihn. Zuerst musste ich Jar schmecken.

Ich leckte und biss mich weiter runter. Fuhr mit der Zungenspitze die Linien nach. Kratzte mit den Fingernägeln über die Furchen seines Sixpacks. Küsste den Rippenansatz und die Leiste. Sein Ständer zuckte immer wieder verlangend und Jar keuchte lustvoll. Meine Hände strichen mit ein wenig Druck seine Oberschenkel hinauf. Automatisch spreizte er die Beine. Es törnte mich an, ihn so vor mir zu sehen, und ich konnte nicht mehr warten. Meine Hand ging an seine Eier. Langsam begann ich sie zu massieren. Dann beugte ich mich vor und leckte die Tropfen von seiner Eichel. Neckte den kleinen Schlitz. Umkreiste mit der Zunge die Spitze, spielte mit dem Bändchen.

»Fuck, Luca«, stöhnte Jar, als ich seinen Steifen langsam in meinem Mund gleiten ließ. »Sieh dich an, so verdammt heiß!«

Ich saugte und nahm ihn immer tiefer auf. Spürte das Zucken der Adern. Schmeckte seine Lust. Und es war wirklich verdammt heiß. Die andere Hand wanderte instinktiv zu meiner harten Erektion. Als ich sie umfasste, stöhnte ich auf.

»Scheiße«, keuchte der Dämon.

Ich sah ihn an. Sah, wie sehr er mit sich kämpfte, nicht einfach meinen Mund zu vögeln. Sah, wie sich Schweiß auf seinem wunderschönen Körper bildete. Das erregte mich noch mehr. Ich wollte mehr. Wollte ihn spüren.

Ich entließ seinen Ständer aus meinem Mund und sah ihn hungrig an.

Er leckte sich die Lippen. Seine Augen waren dunkel und lustverhangen. Sein Blick voller Gier. »Dein Schwanz in meinem Arsch«, knurrte er fordernd.

Bei den Worten raste das Begehren durch meinen Körper und mein Harter zuckte. Ich starrte ihn an, musste sichergehen, dass er es wirklich wollte.

»Luca, verdammt. Ich meine es ernst, ich will dich in mir spüren.« Er drehte sich auf den Bauch und stützte sich auf alle Viere. Bot mir sein Hintern an.

Ich keuchte erregt auf. Legte mich halb auf ihn. Mein Schwanz rieb über seinen Spalt. Ich biss in seinen rasierten Nacken und leckte mit der Zunge drüber. Knabberte an den Linien, liebkoste einzelne Muskelstränge und wanderte immer tiefer. Mein Schwanz tropfte, aber er musste sich gedulden. Ich wollte ihn genießen. Ihn und seine Hingabe.

Zärtlich knabberte ich an seinem Steiß, während meine Hände die Backen massierten. Immer wieder strich ich dabei durch seinen Spalt. Spürte an meinen Fingerspitzen seinen Eingang.

»Echt Luca, ich bin verdammt geil und würde wirklich gerne abspritzen«, beschwerte sich Jar mit heiserer Stimme. Schob seinen Hintern meinen Händen entgegen. »Mach mich nicht fertig.«

Bei der lustvollen Dringlichkeit in seiner Stimme musste ich grinsen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich ihn so bettelnd erleben würde. Es törnte mich noch mehr an und ich wollte auch nicht mehr warten. Konnte nicht mehr warten. Ich zog seine Backen auseinander. Sah sein glattes Loch und stöhnte auf. Er sah verflucht geil aus und wenn ich nur daran dachte, in die Enge einzudringen, könnte ich schon abspritzen.

Aber erst wollte ich ihn ganz schmecken. Mit der Zungenspitze fuhr ich durch den Spalt. Jar ächzte erregt, als ich begann an seinem Eingang zu knabbern. Ich leckte und lutschte, bis der Muskel immer weicher wurde. Der Dämon schob sich meinem Mund entgegen. Er stöhnte hemmungslos.

Ich nahm einen Finger dazu. Massierte seinen Eingang, bis ich ihn eindringen lassen konnte. Durch meinen Körper ging ein Beben, als ich ihn entspannt tiefer schieben konnte. Es sah geil aus, wie er in dem Hintern des Mannes verschwand. »Jar, du bist der Wahnsinn. Es sieht so scharf aus«, raunte ich heiser. Es kam mir vor, als hätte ich noch niemals so etwas Heißes gesehen, wie dieser große starke Mann, der sich von mir fingern ließ und es genoss.

»Mehr«, forderte Jar rau.

Ich zog meinen Finger raus und bewegte mich blitzschnell, um das Gleitgel zu holen. Großzügig verschmierte ich es auf seinem Eingang und begann ihn erneut mit dem Zeigefinger zu bearbeiten. »Ich sagte mehr«, knurrte der Dämon gierig und schob seinen Hintern nach hinten. Schob sich selbst auf meinen Finger.

Ich stöhnte erregt und packte meinen Schwanz an der Wurzel. Drückte zu. Sonst wäre ich gekommen bei diesem geilen Anblick.

Ich nahm einen zweiten Finger, weitete ihn behutsam, schob beide hinein. Jar stöhnte auf, als ich das kleine Nervengeflecht fand. Das war neu und ich befingerte es neugierig.

»Luca, scheiße«, keuchte Jar. »Fick mich endlich!«

Ich konnte es auch kaum mehr erwarten, aber wollte ihm auf keinen Fall weh tun. Ich steckte ihm einen dritten Finger in den Arsch, dehnte ihn vorsichtig und griff dabei um ihn herum an seinen Schwanz. Der war hart und zuckte bei der Berührung. »Wenn du ihn nicht sofort loslässt, komme ich«, fluchte der Dämon, gefangen in seiner Lust.

Ich konnte nicht mehr warten. Zu sehen, wie sehr es ihn antörnte, steigerte meine eigene Erregung. Ich zog meine Finger aus ihm heraus und starrte auf das zuckende Loch. Ich hätte es niemals gedacht, aber es war verflucht scharf. Ich musste in ihm sein.

Wie ein elektrischer Schock zuckte es durch meinen Körper, als ich die Schwanzspitze an seinem Eingang ansetzte. Ich hielt seine Hüften mit den Händen fest. Nur zu gerne hätte ich einfach zugestoßen, aber ich beherrschte mich. Musste wissen, dass er es auch wollte. »Bist du sicher?«, fragte ich rau.

»Mach, verdammte Scheiße, bitte«, brabbelte der Dämon und kam mir entgegen. Der Druck auf meine Spitze wurde stärker. Er keuchte auf, als meine Eichel in ihm verschwand. Fast ehrfürchtig starrte ich darauf und biss gleichzeitig die Zähne zusammen. So heiß. So eng.

»Jar«, stöhnte ich langgezogen und musste mich zusammenreißen, nicht gleich zu kommen.

»Mehr!«

Ich schob mich langsam weiter in sein Innerstes. Mir lief der Schweiß über den Rücken. So verdammt geil. Immer wieder hielt ich inne, damit er sich an meine Größe gewöhnen konnte.

»Mehr!«

Mein Puls raste und alles schrie in mir danach einfach zuzustoßen, aber ich konnte mich beherrschen. Irgendwann war ich ganz in ihm. Ich atmete tief ein und sah dann nach unten. Wir waren verbunden und es fühlte sich perfekt an. Obwohl das stimmte nicht, denn irgendetwas fehlte.

Doch jeder Gedanken war weg, als Jar ein »Beweg dich!« knurrte. Langsam zog ich meinen Schwanz raus, um gleich wieder in ihn zu gleiten. Der Dämon stöhnte auf einmal und bog seinen Rücken durch. Das war dann wohl die Prostata gewesen, dachte ich zufrieden. Bei meinem nächsten Stoß traf ich wieder den Punkt. Ich spürte, wie alles in mir kribbelte. Meine Eier zogen sich am Körper zusammen. Mein Atem ging keuchend. Ich würde mich nicht mehr lange beherrschen können.

»Härter!«, forderte Jar erregt.

Ich wurde schneller, stieß heftiger in ihn. Stöhnte lautstark. Es war verflucht geil, aber etwas fühlte sich nicht richtig an. Und dann wurde es mir durch den Nebel der Erregung klar. Ich konnte ihn nicht ansehen. Ich musste in sein Gesicht schauen. Musste die Lust in seinen Augen sehen.

Ich zog mich aus ihm heraus und drehte ihn mit Schwung auf den Rücken. Sein schöner Schwanz stand prall ab und tropfte. Sein markantes Gesicht war verschwitzt und vor Geilheit verzogen. Seine Augen dunkel. Er hatte noch nie heißer ausgesehen als in diesem Moment, als er mit einem verführerischen Lächeln einladend die Beine an seine Brust zog. Sich mir anbot.

»Verdammt, Jar«, raunte ich ehrfürchtig und spürte den Kloß in meiner Kehle. Seine Hingabe machte mich sprachlos.

»Ich liebe diesen Blick und ich liebe dich, Luca«, raunte er ungeduldig, »aber jetzt will ich verflucht nochmal wieder deinen Harten in meinem Arsch spüren.«

Meine Erektion zuckte bei den Worten und nicht nur die, auch mein Herz setzte einen Schlag aus. In der Sekunde konnte ich auch nicht mehr länger warten. Wollte ihm wieder so nah sein. Mit einem harten Stoß drang ich erneut in ihn ein. Wir stöhnten beide auf und starrten uns lüstern an. Ich zog mich aus ihm zurück und rammte mich nochmal in seine heiße Enge. Er keuchte lustvoll.

Mit gleichmäßigen Bewegungen glitt ich in ihn, wurde immer schneller. Spürte, dass ich es nicht mehr lange durchhalten würde. Es war zu geil. Ich griff nach seinem Schwanz. Begann ihn zu wichsen.

Jar bog den Rücken durch, krallte sich in die Laken. Er wurde immer lauter, stöhnte und fluchte. Ich erhöhte nochmal das Tempo. Er sah mich an. So scharf vor dem Höhepunkt. Er bog den Rücken durch und schloss die Augen. Mit einem Schrei spritzte sein Sperma über meine Hand auf seine Brust.

Seine Muskeln zogen sich um meinen Schwanz zusammen. Das gab mir den Rest. Ich stieß noch einmal hart in ihn und dann überrollte mich ein Orgasmus, der mich Sterne sehen ließ. Verdammt geil!

 

»Verdammt geil!«, murmelte auch Jar ein paar Minuten später, als ich neben ihm lag. Unsere verschwitzten Körper berührten sich. Wir waren beide noch immer außer Atem, starrten uns einfach nur an.

Ich schmunzelte bei seinen Worten und strich ihm eine Strähne aus dem Gesicht, die sich gelöst hatte. Dann küsste ich ihn sanft. »Danke.«

Er zwinkerte mir zu. »Ich habe zu danken. Hätte ich gewusst, dass du vögelst wie ein junger Gott, hätte ich dich vorher schon mal an meinen Hintern gelassen.«

Ich rollte mit den Augen. Dann schauten wir uns an. Wir wussten beide, dass das nicht stimmte. Er hatte mir Vertrauen müssen. Es hatte erst diese Nähe zwischen uns entstehen müssen. Die Liebe, die uns verband. Das erkannte ich in seinen Augen, genau wie er in meinen lesen konnte, dass ich ihn verstand und ihm für dieses Geschenk dankte.

Erneut küssten wir uns. Sanft, träge und liebevoll. Und absolut befriedigt. Ich konnte nicht genug von dieser erfüllten Nähe bekommen und Jar schien es ähnlich zu gehen.

Nach gefühlten Stunden und doch viel zu früh, löste er sich von mir. Schaute für einen Moment weg und strich dann fahrig über meinen Arm. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund war er auf einmal irgendwie nervös.

»Jar?«, forderte ich ihn auf, etwas zu sagen.

Widerwillig sah er mich an. Ich spürte, dass er nach der kalten Fassade suchte. Aber er fand sie nicht. Ich war ihm zu nahe. Ich durchschaute ihn. Trotzig blickte er mich an. »White hat mir einen Job angeboten, bei euch im Team, weil Brady wohl mit ihm und Zack gesprochen hat und die Abteilung wechseln will. Und jetzt fehlt euch durch den Verlust von Tai noch ein Mann«, erklärte er schroff.

Ich musste ein Schmunzeln unterdrücken, weil er irgendwie süß aussah in der Unsicherheit. Aber ich würde einen Teufel tun und ihm das sagen, wahrscheinlich würde er mir dann eine verpassen. Dennoch war mir klar, dass er mir gerade indirekt mitteilte, dass er hierbleiben wollte. Mein kitschiges Herz zog sich vor Freude zusammen. Natürlich wollte ich auch, dass er blieb. Bei mir.

Aber ich blieb nach außen gelassen und nickte nur bedächtig. »Ich denke auch, dass wir auf jeden Fall Unterstützung gebrauchen könnten. Es werden immer noch viele Willenlose durch die Gegend rennen und du bist ein herausragender Kämpfer.«

Seine Lippen verzogen sich zu einem breiten Grinsen. »Danke, das wollte ich hören.«

Ich rollte mit den Augen, aber dann trafen sich unsere Blicke. Das, was wir beide eben nicht ausgesprochen hatte, lag in dem Ausdruck des anderen. Ich erkannte die Freude in seinen Augen, aber bevor ich etwas sagen konnte, klingelte mein Smartphone.

Widerwillig löste ich mich von Jar und streckte mich nach dem Gerät, das prompt vom Nachttisch fiel »Wann wollten Zack und Cain kommen?«

»So gegen sieben«, antwortete er, »aber ich habe keine Ahnung, wie spät es ist.«

Endlich hatte ich es in der Hand. Es war keiner der beiden und wir hatten auch nicht die Zeit verpennt. »Erst kurz nach fünf, wir haben noch Zeit«, erklärte ich ihm und nahm dann ab. »Hallo Mamá!«, begrüßte ich Rosa.

»Cariño«, rief sie enthusiastisch und gleichzeitig besorgt, »bist du okay? Jar war so lieb und hat mich zwischendurch angerufen, aber ich musste doch noch einmal persönlich hören, wie es dir geht.«

Ich sah zu dem Dämon, der nur mit den Schultern zuckte. 'Danke', formte ich lautlos mit den Lippen, denn ich war mir sicher, dass er ihr damit einiges an Aufregung erspart hatte. Und wahrscheinlich auch zig Anrufe im Departement und bei Zack.

»Mir geht es wirklich gut, kein Grund zur Beunruhigung«, erklärte ich ihr sanft und wechselte dann das Thema, »aber was macht Lorena?«

»Sie kann schon langsam laufen. Ich denke noch ein paar Tage, dann ist sie wieder die Alte.«

Erleichtert atmete ich aus. »Und Ramon?«

»Was soll mit ihm sein?«, zischte meine Mutter aufgebracht. »Er hat uns alle verraten und muss seine Strafe bekommen.« Ihre Stimme zitterte leicht und ich konnte mir nur vorstellen, wie sehr es sie schmerzte.

»Mamá, lass uns doch einfach nochmal in Ruhe darüber reden, wenn wir uns sehen«, schlug ich behutsam vor.

Sie schniefte. »Das können wir machen.«

»Und nicht nur er bekommt eine Strafe«, vernahm ich im Hintergrund die Stimme von meiner Großmutter. Sie klang hart und gebieterisch.

»Was meint sie damit?«, hakte ich nach.

»Lupita will Hector und Eduardo bestrafen«, erklärte Rosa.

Ich runzelte die Stirn. »Wieso das denn?«

»Die Feiglinge haben sich während des Kampfes im Haus versteckt. Angeblich um die Kinder zu schützen. So ein Bullshit!«, fauchte meine Großmutter.

Ich schüttelte entgeistert den Kopf. »Das kann echt nicht wahr sein.«

»Ja, wenn ich mir vorstelle, dass Hector das Ritual durchgeführt hätte, wird mir ganz anders. Es war richtig, dass du es getan hast, Cariño. Du hast die Prophezeiung erfüllt. Du hast dich entschieden und es durchgezogen. Deswegen haben wir gewonnen«, sagte Rosa voller Überzeugung.

»Also so ganz freiwillig habe ich es ja nicht getan, wenn ich da an meine geliebte Großmutter und den Mann, neben mir denke«, knurrte ich immer noch ein wenig ungehalten.

»Mach dir mal nicht ins Hemd, hat doch alles geklappt«, kam von Lupita nur zurück und ich hörte den Dämon neben mir glucksen. Na toll, wenn die beiden sich verbündeten, hatte ich keine Chance.

»Aber wenn Jar bei dir ist, dann kümmere dich mal lieber um deinen Mann. Er soll beim nächsten Mal unbedingt mitkommen, wir kennen ihn ja noch immer kaum«, ereiferte sich Rosa.

»Ich werde ihn fragen«, gab ich unbestimmt zurück und sah ihn an. Er zeigte mit dem Daumen nach oben.

»Okay, er ist dabei«, informierte ich meine Mutter gleich.

»Wie schön!«, rief sie begeistert. »Dann musst du ihn nochmal fragen, was er am liebsten isst. Nicht, dass es ihm bei uns nicht schmeckt. Immerhin braucht er als Dämon normale Nahrung.«

»Das kann ich mir nicht vorstellen, aber ich erkundige mich bei ihm. Aber jetzt würde ich echt gerne –«

»Ja, ja, ich verstehe, dass ihr gerade was anderes zu tun habt«, unterbrach sie mich und kicherte dreckig.

Ich rollte erneut mit den Augen, aber dann fiel mir noch was ein. »Ach Mamá, ich wollte dich noch um etwas bitten.«

»Alles, Baby«, versprach sie leichtfertig.

Meine Lippen verzogen sich zu einem siegessicheren Grinsen. »Im nächsten Jahr machen wir bitte eine ganz kleine Feier meines Blutfests, nur im engsten Familien- und Freundeskreis«, haute ich den Klopper raus.

Für eine Sekunde herrschte Stille am anderen Ende. Mein Lächeln wurde breiter. Aber dann kam Rosa Garcia. »Nee nee, Luca, das geht nicht. Wie sieht denn das aus, wenn wir auf einmal nur die Hälfte einladen? Dann sind die anderen alle eingeschnappt. Gut, wir können vielleicht zwei, drei Leute von der Liste streichen. Darüber müssen wir mal nachdenken, aber das wird nicht leicht werden. Du weißt, ich werde mein Bestes geben. Vielleicht können wir auf die Band verzichten, dann brauchten wir allerdings einen DJ –«

»Meine Güte, Rosa, nun lass die Kerle doch endlich vögeln«, herrschte Lupita ihre Tochter an.

Jar lachte schallend los. »Boah, ich liebe deine Großmutter!«

»Ich dich auch, mein Junge«, flötete sie zurück und dann legte sie einfach auf.

Ich schüttelte nur den Kopf. Sie war irre.

Dann wandte ich mich wieder dem Mann zu. »Dir ist schon klar, dass sie dich am liebsten adoptieren würde, wenn sie sowas sagt.«

Er nickte schmunzelnd, aber wurde dann ernst. Rückte näher an mich heran. Grenzenlose Wärme in seinen Augen. »Ich war nirgendwo richtig zu Hause. Bei Zeus und Angela war es die Hölle auf Erden. Ohne Jamaal wäre ich durchgedreht und ich werde ihm ewig dankbar sein. Danach war ich nur auf der Flucht. Aber jetzt, hier bei dir, fühlt es sich richtig an. Ich bin angekommen. Ich bin daheim. Bei dir.« Seine Stimme war immer leiser geworden. Kurz flackerte Unsicherheit in seinen Augen auf, aber sie wurde verdrängt von grenzenloser Wärme.

Ich strich ihm behutsam mit den Fingerspitzen über die Wange. »Ja, es fühlt sich richtig an«, raunte ich und grinste ihn dann schelmisch an. »Abgesehen davon, war das gerade extrem romantisch und unglaublich schmalzig.«

Er kniff gespielt verärgert die Augen zusammen. »Ach, halt doch die Klappe, du eingebildeter Supervampir«, knurrte er und griff mich ohne Vorwarnung an.

Ich lachte und rangelte ein wenig mit ihm. Spürte das glückliche und verdammt dämliche Strahlen, dass ich in meinem Gesicht trug. Genau wie er. Er stillte die Sehnsucht, die ich in mir gefühlt hatte. Auch wenn ich mit ihm, einem sexy, selbstgefälligen und stolzen Dämon nicht gerechnet hatte, so waren wir beide doch ein gutes Team. So wie es sein sollte. So wie es richtig war. Der Gedanke war kitschig. Schmalzig. Und verflucht perfekt.

 

 

 

 

 

 

Ende


 

Danksagung

 

Am Anfang wollte ich die Geschichte von Luca nicht unbedingt schreiben, war mir unsicher, ob er mich in seinen Bann ziehen kann. Doch dann änderte es sich mit jedem Wort, das ich tippte. Er wuchs mir ans Herz, genau wie Jar, der sexy, unnahbare Dämon. Es war mir ein großes Vergnügen, ihre Geschichte aufzuschreiben und dafür danke ich Dir, liebe Leserin und Leser! Denn Ihr seid »Schuld«, dass dieses Buch überhaupt entstanden ist. Euer wunderschönes Feedback und der Wunsch nach mehr, den ich in vielen E-Mails und Nachrichten bekommen habe, hat dafür gesorgt, dass mir klar wurde, dass ich Lucas Geschichte auch noch erzählen will. Vielen, vielen Dank dafür und ich hoffe, dass Dir die Story gefallen hat! Über eine Rückmeldung per Mail (tomke.jantzen@gmail.com), Facebook oder Instagram (@tomkejantzen) würde ich mich sehr freuen. Eine kurze Rezension wäre natürlich der Hammer!

 

Dann möchte ich meinen unglaublichen Testlesern danken. Lieber Matti, Deine Kommentare haben mich immer wieder zum lauten Lachen gebracht, vor allem Dein Wunsch, Lupita zu heiraten. Tausend Dank für Deine Unterstützung, durch die das Buch nochmal viel besser geworden ist. Auch dir, liebe Melanie, danke ich von Herzen für deine sofortige begeisterte Zusage und die tollen Anmerkungen, mit denen Du Luca runder gemacht hast. Ich liebe den Vorschlag mit dem Fanclub für Großmutter Lupita! Und sobald ich Jar nochmal irgendwo sehe, schicke ich ihn bei dir vorbei. Und last, but definitely not least, Dir, lieber Luka, dass Du auch Luca gelesen hat… Ein riesiges Dankeschön für Deine Unterstützung, du warst wirklich wahnsinnig schnell! Und ich stimme Dir aus vollem Herzen zu: Jar und Lupita sind eindeutig ein Dreamteam!

 

Als nächstes möchte ich meiner wunderbaren Freundin und Lektorin danken. Liebe Lorna Bill, es ist eine wahre Freude mit Dir zu arbeiten, zu lachen und zu sinnieren. Ich liebe deine grünen Kommentare an den Seiten des Dokuments und freue mich über jede einzelne Anmerkung, die das Buch noch besser macht.

 

Auch meiner Korrektorin Katja Saller möchte ich von Herzen danken. Mein liebster Fehlerfuchs, du siehst die, die ich wahrscheinlich beim zehnten Mal lesen noch übersehen hätte. Tausend Dank!!

 

Und was wäre ich ohne meine tolle Autoren-Freundinnen, die begeistern mitfiebern, ihre kritische Meinung abgeben und mich immer wieder bestärken. Vielen lieben Dank, liebe Lenia von der Weide und Helena Faye!

 

Ein weiterer Dank geht an meine Familie, die mit stolz geschwellter Brust meine Bücher in die Welt hinausträgt. Ihr seid großartig und ich bin für Euren Rückhalt, Eure Unterstützung und Liebe unglaublich dankbar!

 

Und wie ihr es aus meinen Danksagungen kennt, fehlt noch der wichtigste Kerl in meinem Leben: Mein Mann. Deine Art, Dein Glauben an mich und Deine unermüdliche Bestärkung geben mir Kraft und minimieren die fiesen Selbstzweifel, die sich immer wieder einschleusen wollen. Du haust sie einfach weg! Danke dafür und für jeden Moment der Liebe, den Du mir schenkst.

 

 

 

Weitere Bücher von Tomke Jantzen

 

Dämonische Weihnachten

(Zack & Cain)

 

Ein mächtiger und sturer Magier,

ein heißer und arroganter Dämonenfürst,

fünf übersinnliche Tote

… und alles in der beschissenen Vorweihnachtszeit!

 

Zack Anderson ist wortkarg, bisexuell und ziemlich heiß. Auch wenn er nicht geoutet ist, lebt er sein Verlangen großzügig aus. An Liebe und Beziehungen hat er kein Interesse, sondern kniet sich voll in seinen Job beim Departement for Supernaturals.

Bei einer Serie von Morden steht der unbekannte Dämonenfürst Cain Hope unter dringendem Tatverdacht. Da ihm nichts nachgewiesen werden kann, soll Zack, unter dem Vorwand den Dämonen Weihnachten näherzubringen, versteckt ermitteln. Das Problem dabei: er hasst alles, was mit dem Fest zu tun hat. Allerdings hat er keine Wahl. Mit einer Liste von weihnachtlichen Aktivitäten und einer Menge Wut im Bauch trifft er auf den schwulen Verdächtigen. Und verdammte Scheiße, der Typ ist richtig scharf und ein riesiger Arsch! Von der ersten Sekunde an herrscht eine Spannung zwischen ihnen, die Zack wahnsinnig macht. Ständig fragt er sich, wie es wäre, ihn zu küssen, zu berühren, zu schmecken. Soll er ihm dafür eine reinhauen oder auf die Regeln scheißen?

 


 

 

 

 

Dämonisches Silvester

(Sequel zu Zack & Cain)

 

Ein gefährliches und grausames Monster,

dieses verdammt krasse Ding namens Liebe,

neue bedrohliche Entwicklungen

… und schon wieder ein verflucht überflüssiger Feiertag!

 

Zack Anderson ist unheimlich froh, dass er das verhasste Weihnachten überstanden hat. Auch wenn ihm die Adventszeit ein echtes Wunder beschert hat, mit dem er nie gerechnet hatte. Aber kaum sind die Feierlichkeiten geschafft, steht schon der Jahreswechsel ins Haus. Auch nicht unbedingt ein Tag, den er in der Vergangenheit gerne gefeiert hat. Ändert sich das vielleicht in diesem Jahr mit dem heißen Dämon an seiner Seite? Oder treibt er ihn mit seiner sinnlichen Ausstrahlung und der verdammten Anziehungskraft erst recht in den Wahnsinn?

Allerdings ist das nicht das einzige Problem, das Zack hat: Das grausame Monster ist auf der Flucht und mordet dabei seelenruhig weiter. Mit Cain und seinen Kollegen des Department for Supernaturals will er ihn um jeden Preis aus dem Verkehr ziehen. Aber welches Spiel spielt die Vampirfürstin Camille Dubois dabei? Will sie ihnen wirklich helfen oder ist sie nur auf ihren eigenen Vorteil aus?