6 Psychoregulation

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Ziel jeden Sportlers ist es, seine körperlichen Fähigkeiten im Verlauf sportlicher Handlungen bestmöglich zu verwirklichen. Zweierlei Bedingungen beeinflussen dabei das Ergebnis der Bewegungsausführung: die Qualität der koordinativen und konditionellen Bewegungsregulation und die optimalen inneren, also psychischen Bedingungen.

Psychoregulation verfolgt den Zweck, alle psychischen Faktoren, die eine Handlung beeinflussen, so zu aktivieren, dass sie zu einem optimalen Handlungsergebnis beitragen.

Psychoregulierende Maßnahmen können sowohl vom Sportler selbst (Selbstregulation) als auch von außenstehenden Personen (Fremdregulation) vorgenommen werden. Je nach individueller Belastungssituation kann auch ein zeitlicher Aspekt die Art der Maßnahme kennzeichnen, sodass zwischen kurz- und langfristiger Psychoregulation unterschieden werden kann (19). Weiterhin wird nach den Untersuchungen von Nitsch (82) u. a. zwischen naiver und systematischer Psychoregulation unterschieden. Unter naiver Psychoregulation werden Maßnahmen verstanden, die der Sportler selbst erfunden und an sich erprobt hat.

6.1 Anwendungsvoraussetzungen – Diagnose

Die Anwendung psychoregulativer Verfahren setzt die Kenntnis der individuellen Problemsituationen voraus. Um einen wirkungsvollen, positiven Effekt psychoregulierender Maßnahmen zu gewährleisten, ist die Diagnose des aktuellen psychischen Zustands bzw. der zu erwartenden psychischen Belastungen von wesentlicher Bedeutung.

Die Diagnose gibt Hinweise auf Ziele der regulierenden Maßnahmen, gleichzeitig können spezifische Inhalte, methodische Maßnahmen und Verfahren problembezogen ausgewählt werden.

Je nach psychischer Situation können die spezifischen individuellen Zielsetzungen durch allgemeine Entspannungs- oder Aktivierungstechniken erweitert werden. Die Verwendung psychoregulativer Maßnahmen ohne vorherige Aufdeckung der psychischen Störfaktoren kann nur zufällig erfolgreich sein. Die Gefahr, dass die Maßnahmen ineffektiv sind oder sich gar negativ auswirken, darf nicht unterschätzt werden. Das Unbehagen bei manchen Sportlern gegen Psychoregulationstechniken beruht häufig auf Unsicherheit oder Undurchschaubarkeit der Maßnahmen. Sportler sollen ihr Problem erkennen, über die Wirkung psychoregulativer Maßnahmen aufgeklärt werden, den Zusammenhang zwischen Problem und Methode akzeptieren und einsehen, dass damit die bestmögliche Bedingung zum Leistungsvollzug ermöglicht werden kann (Abb. 8).

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Abb. 8: Psychoregulation

6.2 Ziele der Psychoregulation – Überblick

Das Ziel psychoregulativer Maßnahmen besteht im optimalen Zusammenwirken aller an der sportlichen Leistung beteiligten psychischen Instanzen. Intellekuelle, steuernde, psychodynamische und motivationale Fähigkeiten und Merkmale der Persönlichkeit stehen miteinander in Wechselwirkung.

Die Verarbeitung psychischer Belastungen, der Verlauf und die Ausführung sportlicher Handlungen werden im Wesentlichen von den in Tab. 10 genannten psychischen Komponenten beeinflusst, deren regulierende Wirkung im Wechselspiel mit den Einflüssen der Sportsituationen die individuelle Leistungsoptimierung bedingt.

Tab. 10: Psychoregulation im Sport

MaßnahmenZiele
Regulation psychischer
Steuerungsfähigkeiten
Verbesserung und Anwendung
psychischer Steuerungsfähigkeiten
Emotionale RegulationVeränderung, Stabilisierung und Kontrolle emotionaler Prozesse
Intellektuelle RegulationAusbildung intellektueller Fähigkeiten
EnergieregulationWahrung und Steigerung der psychischen Energie
AntriebsregulationErzeugung und Steigerung der Motivation

6.2.1 Regulation psychischer Steuerungsfähigkeiten

Neben Motiven und Zielen des Sportlers kennzeichnen psychische Steuerungsfähigkeiten den Handlungsverlauf.

Nicht jeder Sportler, der motiviert ist und Ziele verfolgt, besitzt die Fähigkeiten, die auf dem oft schwierigen und dornenreichen Weg zum Erfolg nötig sind.

Psychisches Steuerungsvermögen lässt sich nach der Art und Weise, wie Schwierigkeiten und Hindernisse auf dem Weg zum Ziel überwunden und bewältigt werden, beurteilen.

Wille, Entschlusskraft, Selbstbeherrschung, Konzentration und Konzentrationsausdauer sind in den verschiedenen Sportarten in unterschiedlicher Ausprägung erforderlich. Die Qualität der psychischen Steuerungsfähigkeiten (s. Hier) eines Athleten zeigt sich z. B. auch darin, dass er bei Schwächezuständen durchhält, wegen Versagensängsten nicht aufgibt, bei Selbstzweifeln weitermacht oder sich nicht von anderen entmutigen lässt. Psychisches Steuerungsvermögen steht in unmittelbarer Wechselwirkung mit der psychodynamischen Eigenart des Sportlers, worunter die Dauer und die Tiefe seiner Gefühlsbeeindruckbarkeit verstanden wird.

6.2.2 Emotionale Regulation

Tiefe, Dauer und Eigenart emotionaler Prozesse spielen bei sportlichen Leistungen eine entscheidende Rolle, da ihre Steuerung von mehreren inneren und äußeren Faktoren beeinflusst wird. Psychoregulative Maßnahmen müssen die individuelle Eigenart der emotionalen Reaktionen berücksichtigen und diese im Sinne der Bewusstmachung, der Sensibilisierung, der Meidung, der Stabilisierung oder der Kontrolle lenken. Eine Diagnose der individuellen Reaktionen in spezifischen Belastungssituationen und ihrer speziellen Ausprägungsart stellt die Voraussetzung für die Auswahl der geplanten Maßnahmen dar.

6.2.3 Intellektuelle Regulation

Intellektuelle oder kognitive Fähigkeiten stellen geistige Mittel dar, mit denen im Sport versucht wird, Ziele zu erreichen. Während Bedürfnisse und Motive das Handeln auslösen, psychisches Steuerungsvermögen dessen Verlauf bestimmen, beeinflusst die Qualität der geistigen Fähigkeiten die Art und Auswahl der Ziele sowie den Einsatz der Mittel und Methoden. Wahrnehmungsqualitäten, Beobachtungsfähigkeiten, Gedächtnisleistungen, Wissen und Denken bestimmen in vielfacher Hinsicht die sportliche Leistungsfähigkeit. Intellektuelle Fähigkeiten können in zweifacher Hinsicht das Handeln beeinflussen:

Die Lenkung bewussten Denkens stellt ein wesentliches Ziel der Psychoregulation dar.

6.2.4 Energieregulation

Es steht außer Zweifel, dass körperliche Energie eine Voraussetzung für sportliche Höchstleistungen darstellt. Sie kann durch Training und Ernährung geschaffen und reguliert werden.

Doch wie steht es mit der psychischen Energie? „Voller Energie” zu sein, bedeutet nicht nur, körperlich fit zu sein, sondern auch das Gefühl zu haben, „Bäume ausreißen zu können”. Es gibt aber auch Situationen, in denen sich am körperlichen Fitnesszustand nichts geändert hat. Trotzdem fühlt sich der Sportler schlapp und „ohne Energie”. Er kann sich nicht „aufraffen”, trotz guter körperlicher Verfassung findet er nicht zu seiner normalen Leistungsfähigkeit.

Für Sportler und Trainer ist die Aufbereitung und Kontrolle der psychischen Energie von gleicher Bedeutung wie die Schaffung der körperlichen Energie. Fehlen psychische Energiereserven, können auch die körperlichen Fähigkeiten nicht voll ausgenutzt werden. Nervosität, Erregung, länger andauerndes, ängstliches Grübeln oder permanente Spannungsgefühle verbrauchen wertvolle Energie, die dem Sportler dann im Wettkampf fehlt.

Die Regulation der psychischen Energie, ihre Aufladung, ihre Speicherung, ihr Verbrauch und ihre Dosierung stellen deshalb weitere Ziele psychoregulativer Verfahren dar.

6.2.5 Antriebsregulation

Das fünfte Ziel psychoregulativer Verfahren beinhaltet die Erzeugung und Steigerung der Motivation. Nur wer motiviert ist, handelt. Motivation stellt eine Quelle positiver Energie dar, ohne die sportliche Leistungen nicht vollbracht werden können. Sie entspringt den vorhandenen Bedürfnissen und Wünschen des Sportlers, etwas zu erreichen oder zu vermeiden.

Der mündige, selbstkompetente Sportler sollte möglichst unabhängig von äußeren Bedingungen werden. Seine Motivation entsteht aus der Bereitschaft, das Beste zu geben, sich selbst zu entdecken und in der Leistung zu verwirklichen. Indem er sich selbst motiviert, vollzieht der Sportler einen kreativen Akt, er entdeckt seine Stärken, entfaltet seine Fähigkeiten und findet im Erlebnis der Leistung die belohnende Befriedigung.

Motivationsprogramme und Motivationstechniken verändern den Person-Umwelt-Bezug, greifen vermittelnd in die Motiv-Ziel-Relation ein und lenken die psychische Energie durch neue Sinngebungen und Bedeutungsveränderungen.

6.3 Probleminhalte und Methoden der Psychoregulation

Die Aufhellung und Klarstellung der individuellen Problemsituation ermöglicht die konkrete Festlegung der Probleminhalte. Die ausgewählten Methoden verfolgen die Veränderung der Problematik im Sinne der Zielfestlegung.

Im Folgenden wird ein formaler Überblick über häufig auftretende, psychische Problemsituationen gegeben (Abb. 9).

Die kategoriale Darstellung nach den fünf Zielbereichen darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass jedes psychoregulative Vorgehen die Persönlichkeit des Sportlers in ihrer Ganzheitlichkeit berücksichtigen muss. Begriffliche Festlegungen bedeuten nicht gleichzeitig inhaltliche Abgrenzungen.

Die integrative, sich gegenseitig beeinflussende Ergänzung und Wechselwirkung handlungsrelevanter Instanzen, wie Motivation, Emotion, Kognition, Motorik, verlangen eine von Fall zu Fall variierende Reduzierung, Erweiterung oder Kombination der Methoden. Eine formale Übersicht soll spezifische methodische Verfahren bzw. Maßnahmen verdeutlichen (Abb. 10). Sie sind nur im unmittelbaren interdependenten Zusammenhang mit den Probleminhalten zu interpretieren.

Eine ergänzende und vielfach auch intensivierende Wirkung wird durch die zusätzliche Anwendung von Entspannungs- oder Mobilisierungsverfahren erreicht. Die im Folgenden dargestellten psychischen Regulationsmethoden verlangen ebenfalls die Diagnose des anstehenden Problems. Ein Entspannungstraining zeigt z. B. dann keine positive Wirkung, wenn es die Aktivierung in der Ausführungssituation beeinträchtigt.

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Abb. 9: Probleminhalte

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Abb. 10: Methoden der Psychoregulation