Z I E L E I N S
(SPIEL DER SPIONE – BAND 1)
J A C K M A R S
Aus dem Englischen von Simon Dehne
Jack Mars
Jack Mars ist Bestsellerautor, bekannt aus der USA Today. Seine LUKE STONE Thriller-Reihe umfasst sieben Bände. Weitere Reihen von ihm sind DER WERDEGANG VON LUKE STONE, bestehend aus sechs Bänden, die AGENT NULL Spionage-Thriller Reihe, bestehend aus zwölf Bänden, die TROY STARK Thriller-Reihe, bestehend aus drei Bänden, sowie die SPIEL DER SPIONE Thriller-Reihe, bestehend aus drei Bänden.
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BÜCHER VON JACK MARS
SPIEL DER SPIONE
ZIEL EINS (BUCH #1)
EIN TROY STARK THRILLER
SKRUPELLOSE EINHEIT (BUCH #1)
LUKE STONE THRILLER SERIE
KOSTE ES WAS ES WOLLE (BUCH #1)
AMTSEID (BUCH #2)
LAGEZENTRUM (BUCH #3)
UMGEBEN VON FEINDEN (BUCH #4)
DER KANDIDAT (BUCH #5)
UNSERE HEILIGE EHRE (BUCH #6)
DAS GESPALTENE REICH (BUCH #7)
DER WERDEGANG VON LUKE STONE
PRIMÄRZIEL (BUCH #1)
DER HÖCHSTE BEFEHL (BUCH #2)
DIE GRÖSSTE BEDROHUNG (BUCH #3)
DIE HÖCHSTE EHRE (BUCH #4)
DER HÖCHSTE HELDENMUT (BUCH #5)
DIE WICHTIGSTE AUFGABE (BUCH #6)
EINE AGENT NULL SPIONAGE-THRILLER SERIE
AGENT NULL (BUCH #1)
ZIELOBJEKT NULL (BUCH #2)
JAGD AUF NULL (BUCH #3)
EINE FALLE FÜR NULL (BUCH #4)
AKTE NULL (BUCH #5)
RÜCKRUF NULL (BUCH #6)
ATTENTÄTER NULL (BUCH #7)
KÖDER NULL (BUCH #8)
HINTER NULL HER (BUCH #9)
RACHE NULL (BUCH #10)
NULL– AUSSICHTSLOS (BUCH #11)
ABSOLUT NULL (BUCH #12)
EINE AGENT NULL KURZGESCHICHTE
INHALTSVERZEICHNIS
Museum der Universität Boston
Ägyptologie-Flügel
Mitternacht
Er starrte das Gebäude, das vor ihm in der Dunkelheit in die Höhe ragte, an und legte seine Hand langsam auf den kalten Griff seiner Pistole. Er blickte sich um, um sicherzugehen, dass niemand ihn beschattete, und ging anschließend vorsichtig auf die Hinterwand zu. Die Schatten der Eichenbäume, die am Rande der Rasenfläche standen, boten ihm Schutz. Keine Straßenlaterne war hell genug, um diesen Ort zu beleuchten. Selbst wenn jemand zehn Meter entfernt von ihm auf dem Bürgersteig vorbeiginge, würde er ihn nicht sehen können.
Es war so weit.
Eine einsame Wache stand fünfzehn Meter von ihm entfernt und bewachte den Eingang, den er nehmen musste. Der Attentäter lächelte. Er hatte ja keine Ahnung, dass er sogleich sein Leben lassen würde.
Er näherte sich ihr vorsichtig und zog lautlos seine Waffe.
Der Mann stand mit dem Rücken zu ihm und blickte in die Richtung des oberen Stockwerks. Noch immer hatte er ihn nicht bemerkt und summte leise eine Melodie vor sich hin.
Als er keine zwei Meter mehr von ihm entfernt war, hob er seine Pistole und zielte. Er würde ihn in den Hinterkopf schießen – so würde er nicht einmal bemerken, was passiert war.
In dem Moment zerbrach ein Zweig unter seinen Füßen.
Die Wache wirbelte herum, seine Hand schoss zu seiner eigenen Waffe und er suchte die Dunkelheit nach einem Eindringling ab.
Doch er schaffte es nicht rechtzeitig. Der Attentäter drückte ab. Ein vertrautes Knacken ertönte, ein gedämpfter Knall des Pistolenschusses, der von einem kompakten, brandneuen Schalldämpfer abgefangen wurde. Die Kugel bohrte sich durch Fleisch und Knochen und die Wache sackte tot auf dem Boden zusammen.
Der Attentäter verfrachtete die Leiche hinter einen Busch, sah sich um, um sicherzugehen, dass niemand sonst in der Nähe war und huschte anschließend zum Eingang. Er drückte die Klinke hinunter – verschlossen.
Er steckte seine Waffe weg, zückte eine ganze Reihe an Dietrichen und benötigte nicht einmal eine Minute, um die Tür zu öffnen.
Der Alarm kreischte auf und sein elektronisches Plärren hallte durch die dunklen Flure des Museums. Das hatte er erwartet. Er wusste, dass er ab jetzt genau 180 Sekunden hatte, um sein Ziel zu erreichen.
Die Hallen vor ihm wirkten wie pechschwarze Höhlen. Ein kühler, feuchter Luftzug schlug ihm entgegen und die Wände waren voller Basreliefs, Statuen und riesigen Glaskästen, in denen sich uralte Artefakte befanden.
Doch hier gab es nur ein einziges Relikt, das ihn interessierte.
Er huschte die Marmortreppe ins Obergeschoss hoch, drei Schritte auf einmal nehmend, und zählte die Sekunden, die ihm noch blieben. Der Alarm war ohrenbetäubend. Auch wenn seine wahre Expertise bei Attentaten lag, hatte er im Laufe der Jahre doch einiges gelernt, wenn es um Einbrüche ging. Oft gehörte es einfach dazu und genau wegen seines intensiven Wissens war es, dass er für diese Mission angeheuert worden war. Dass er keine Unze an Gewissen hatte, war ein zusätzlicher Bonus für seinen Arbeitgeber.
Er bog rechts ab und sprintete den Flur entlang, ohne die Beschilderung zu lesen. Er kannte den Bauplan auswendig und wusste genau, dass er sich jetzt in der Ägyptischen Ausstellung befand.
Als er sein Ziel erreichte, blieb er kurz stehen und betrachtete den Gegenstand, für den er hier war.
Die uralte Kanope.
Sie war nur eine von fünf, die aus leuchtendem Alabaster gefertigt worden waren. Außerdem waren sie nahezu makellos, trotz der Jahrtausende, die seit ihrer Herstellung vergangen waren. Kanopen waren Gefäße, die die Eingeweide ägyptischer Mumien enthielten, und separat von ihnen beigesetzt worden waren, damit sie im Jenseits mit ihnen wiedervereint werden konnten. Was ungewöhnlich an dieser Sammlung war, war ihre Anzahl. Jedes andere Set bestand lediglich aus vier Kanopen, die jeweils mit den Köpfen der vier Söhne des Horus verziert worden waren. Das hatte er gelernt, nachdem er diesen Auftrag erhalten hatte. Er war äußerst gründlich, was seine Recherchen anging. Eines der Gefäße hatte einen Verschluss, der wie der Kopf eines Pavians geformt war und den Gott Hapi repräsentierte, der die Lungen beschützte. Duamutef mit dem Falkenkopf beschützte den Magen. Amset trug den Kopf eines Menschen und war für die Leber zuständig. Und zu guter Letzt gab es noch Kebechsenuef, den Gott mit dem Kopf eines Schakals, der das Gedärm schützte.
Doch hier existierte eine fünfte Kanope. Sie trug den Kopf einer Löwin und repräsentierte die Göttin Sachmet und sie schützte … Ja, was?
Das herauszufinden lag nicht an ihm.
Der Alarm plärrte stetig weiter. Er hatte nicht mehr viel Zeit.
Er hob seine Waffe, zielte auf den oberen Rand des Glaskastens – weit weg von der Kanope – und drückte ab.
Die Kugel ging glatt durch das Glas und es zersprang in tausend Einzelteile.
Er zuckte zusammen, als ein zweiter Alarm losging und sich mit dem ersten vermischte.
Schnell schnappte er sich die Kanope mit dem Löwinnenkopf. Sie war schwerer als erwartet. Mindestens fünfundzwanzig Kilogramm. Was auch immer sich im Inneren befand, es waren garantiert keine Eingeweide.
Er ignorierte seine Neugier. Es war nicht sein Job, das herauszufinden. Sein Job bestand nur darin, den Behälter für seinen Auftraggeber sicherzustellen. Und was auch immer es war, es war wertvoll genug, dass jemand seinen Preis bezahlt hatte, und noch mehr, um ihn anschließend noch mehrere Tage in Bereitschaft zu halten. Warum er nach dieser Aktion noch gebraucht wurde? Auch das wusste er nicht.
Der Attentäter wirbelte herum und sprintete so schnell er konnte aus dem Saal heraus. Als er um die Ecke rannte, rutschte er beinahe aus, fing sich aber im letzten Moment und eilte die Treppen hinunter.
Für einen kurzen Moment dachte er, er hätte es geschafft.
Doch er lag falsch.
Eine Kugel sauste an seinem Kopf vorbei und sprengte einen Klumpen Marmor aus dem Treppengeländer neben ihm.
Er warf einen Blick zurück über seine Schulter und entdeckte eine weitere Wache, die am Kopf der Treppe stand. Seine Waffe war erhoben und er zielte auf ihn.
Das lief ganz und gar nicht nach Plan. Es hätte nur eine Wache hier sein sollen. Sein Arbeitgeber hatte ihm falsche Informationen weitergeleitet.
Nur noch fünfundvierzig Sekunden, bis die Polizei ankommen würde. Er musste sich schnell entscheiden.
Sollte er weiterrennen und es riskieren, erschossen zu werden, oder sollte er sich auf ein Feuergefecht einlassen und es riskieren, dass ein ganzer Polizeitrupp ihm hinterherjagen würde?
Der zweite Schuss, der sich zu seinen Füßen in die Treppenstufen bohrte, sorgte dafür, dass er seine Entscheidung fällte.
Er stellte den Behälter ab und hob seine Waffe.
Kein Grund zur Sorge. Diese Wache war ein bloßer Angestellter und stand dem weltbesten Attentäter gegenüber, der allein für diesen Auftrag mehr Geld bekam, als sämtliche Museumsangestellten zusammen in einhundert Leben verdienen könnten.
Ein einziger, perfekter Schuss und eine Kugel bohrte sich genau zwischen die Augen der Wache.
Der Mann brach zusammen.
Zwanzig Sekunden.
Er rauschte aus der offenen Tür in die eiskalte Bostoner Nacht, sprang auf sein Motorrad und fuhr so schnell er konnte aus der Hintergasse heraus.
Zehn Sekunden.
Polizeisirenen heulten hinter ihm, doch sie waren bereits weit entfernt und fuhren vor das Museum vor, das er längst hinter sich gelassen hatte.
Er grinste, als er die Auffahrt zur I-95 nahm.
Die Kanope war sein.
Und die Welt würde sich schon bald für immer verändern.
Das war es, was sein Auftraggeber gesagt hatte. Genau diese Worte hatte er verwendet.
„Die Welt wird sich schon bald für immer verändern.“
Die Faust prallte auf Jacob Snows Gesicht und sein Kopf schnallte nach rechts. Der Stuhl, auf den er gefesselt war, ruckte nach hinten und es waren nur Jacobs Beine, die ihn daran hinderten, umzukippen.
Das wollte er um jeden Preis vermeiden, denn dann würden sie anfangen, auf ihn einzutreten.
„Sag uns, für wen du arbeitest“, verlangte der Mann, der ihn geschlagen hatte. Er hatte einen schweren arabischen Akzent.
Er sprach auf Englisch, denn er glaubte, dass Jacob kein Arabisch verstand.
Jacob antwortete weder in der einen, noch in der anderen, oder in einer der gleich mehreren Sprachen, die er beherrschte.
Der Mann schlug ihm erneut hart ins Gesicht. Eines seiner Augen war fast so sehr angeschwollen, dass es ihm die Sicht nahm. Mindestens zwei seiner Zähne waren lose und er schmeckte Blut.
„Sag uns, was wir wissen wollen, und wir werden aufhören“, sagte ein anderer Mann.
Insgesamt waren sie zu dritt. Sie waren Mitglieder von Schwert der Gerechten , einer Splittergruppe der al-Qaida, die es auf ausländische Hilfsarbeiter abgesehen hatte. Sie hatten ihn in den Vororten von Damaskus gefangengenommen, in einen Kofferraum geworfen und in diesen Keller gezerrt.
Und jetzt wollten sie wissen, was er in ihrem geheimen Hauptquartier zu suchen gehabt hatte. Ihr Standort war selbst ihren meisten Mitgliedern nicht bekannt.
Dieses Mal schlug ihm der Mann in die Magengrube. Jacob keuchte auf und zuckte so sehr zusammen, wie es ihm seine Fesseln erlaubten. Es folgte ein Kinnhaken, der so stark war, dass Jacob sich wunderte, dass sein Kopf ihm nicht glatt vom Hals flog.
Aber das würde vermutlich später folgen. Er wusste, dass diese Terroristen es besonders mochten, die Köpfe der Westländer, die für das Rote Kreuz oder Save the Children arbeiteten, in der Stadt zur Schau zu stellen.
Ganz besonders vor den Schulen. Das nannten sie „geistliche Bildung.“ Das sagte einem alles darüber, wie diese Kerle drauf waren.
Der Mann, der ihn geschlagen hatte, trat einen Schritt zurück und schüttelte seine Hand aus. Jacob sah, dass seine Knöchel offen waren und bluteten – ein schwacher Trost dafür, dass er als menschlicher Boxsack herhalten musste. Die drei Terroristen entfernten sich jetzt ein wenig von ihm und steckten in der anderen Ecke des Kellers ihre Köpfe zusammen.
„Der Kerl wird nicht aufgeben“, sagte derjenige, der ihn geschlagen hatte. Er sprach Arabisch und glaubte, dass Jacob ihn nicht verstand.
„Schneiden wir ihm die Eier ab. Dann wird er schon singen.“
„Nein, wird er nicht“, entgegnete der Jüngste. „Dann wird er nichts mehr zu verlieren haben.“
„Dann einen Finger. Lasst mich einen Finger abschneiden.“
„Ach, Ahmed“, seufzte der Jüngste. „Du willst gleich immer so schnell alles abschneiden. Schlagen wir ihn doch noch ein wenig.“
„Und du hast einen schwachen Magen“, keifte Ahmed. „Wir bearbeiten ihn schon seit einer Stunde. Er gibt nicht auf.“
„Vielleicht sollten wir ihm Elektroschocks verpassen?“
„Das könnte klappen.“
„Ich finde immer noch, wir sollten ihm etwas abschneiden.“
Während die drei Terroristen sich weiter unterhielten, atmete Jacob tief durch und zwang seine schmerzenden Muskeln dazu, sich zu entspannen. Wärme breitete sich in ihm aus. Ruhe.
Und dann, so wie es ihm seine Eltern als Kind beigebracht hatten, atmete er tief ein und erneut ganz langsam aus. Als er vollständig entspannt war, ruckte er plötzliche seine Schulter, kugelte sie aus und unterdrückte den Reflex, laut aufzuschreien, als der Schmerz durch seinen gesamten Arm fuhr. Er zog den Arm aus den Fesseln heraus und renkte ihn wieder ein. Erleichterung durchströmte ihn, als der Schmerz langsam abebbte. Und dann wiederholte er den Vorgang mit dem anderen Arm.
Manche Kinder träumten davon, von zu Hause wegzulaufen und dem Zirkus beizutreten. Nicht Jacob. Er war im Zirkus aufgewachsen.
Er hatte sich befreit, stand auf und schnappte sich den Stuhl.
Die Terroristen wirbelten mit offenen Mündern herum.
Zu spät. Jacob rannte bereits auf sie zu und hatte den Stuhl erhoben wie einen Knüppel.
Er ließ ihn auf den Kopf des ersten Terroristen niedersausen und er sackte bewusstlos auf dem Boden zusammen.
Die anderen beiden wichen zurück und zogen ihre Waffen, doch bevor sie sie erheben konnten, schleuderte Jacob den Stuhl in ihre Richtung. Er traf den einen in den Magen und er taumelte zurück und stieß mit dem anderen zusammen. Sein Schuss ging ins Leere. Im nächsten Augenblick schlug Jacob ihm mit der Faust gegen das Kinn.
Der Schlag knockte ihn aus, als hätte er auch ihn mit einem Stuhl über den Kopf gehauen.
Der letzte der Terroristen hatte sich inzwischen wieder gefangen und zielte erneut. Jacob sprang auf ihn zu.
Sie fielen hin, rollten auf dem Boden hin und her und der Terrorist versuchte verzweifelt, seine Waffe zu behalten. Jacob packte sein Handgelenk und verdrehte es.
Ein befriedigendes Knacken später fiel die Waffe wie von selbst hin.
Jacob schwang sich auf ihn und schlug ihm dreimal schnell mitten auf den Rachen und drückte seine Luftröhre zusammen. Der Mann bäumte sich auf und schnappte verzweifelt nach Luft. Jacob stand auf und überließ ihm seinem Erstickungstod.
Er atmete tief durch und hob eine der Pistolen auf. Es war eine russische GSh-18 mit einem langen Kastenmagazin, in dem sich achtzehn 9×19 mm Parabellum-Kugeln befanden. Standardausrüstung der syrischen Polizei und Streitkräfte.
Ob sie nun von den einen oder den anderen stammte, konnte Jacob nicht sagen. Die Kämpfer von Schwert der Gerechten töteten beide fast so gerne, wie sie Ausländer töteten, die sich um kranke Kinder und verletzte Zivilisten kümmerten. Jacob steckte die Waffe in den Bund seiner Jeans und schnappte sich eine AK-47, die an der Wand lehnte.
Alle drei Männer waren ausgeschaltet. Nein, nicht ganz. Einer von ihnen stöhnte und sein Bein zuckte. Er war dabei, aufzuwachen. Einer der anderen beiden würde ebenfalls bald sein Bewusstsein wiedererlangen.
Jacob schloss für einen Moment die Augen, doch trotzdem musste er sich der hässlichen Realität vor ihm stellen. Er wusste, was zu tun war.
Jacob mochte es nicht, hilflose Menschen zu töten. Er zog einen fairen Kampf vor, doch er war tief hinter feindlichen Linien und er wusste nicht, wie viele Terroristen ihn noch erwarten würden.
Er hatte keine Zeit, sie zu fesseln, nicht wenn jeden Moment ihre Freunde hier hinunterkommen könnten. Und selbst, wenn er die Zeit gehabt hätte, würden ihre Freunde sie nur früher oder später befreien und sie würden weiter unschuldige Menschen töten. Oder noch schlimmer, seine Beschreibung über das Dark Web verschicken, damit schon bald jeder Islamist auf der Welt wusste, wie er aussah und sich auf die Jagd nach ihm machte. Menschen wie diese mussten aufgehalten werden, oder sie würden niemals stoppen.
Es war wie ein Rechenproblem, eine schreckliche Suche danach, wie man am wenigsten unschuldige Menschen sterben lassen konnte. Die Verantwortlichen zu töten, war die einzig richtige Lösung.
All das wusste Jacob, doch er wusste auch, dass es am Ende nur eine Ausrede war. Im Hier und Jetzt stellte sich nur eine Frage – er oder sie, und wenn er vor dieser Frage stand, entschied sich Jacob Snow stets für sich selbst.
Doch er konnte es nicht riskieren, sie zu erschießen. Wer wusste schon, was für Nachbarn diese Typen hatten?
Er entdeckte ein Messer am Gürtel eines der Terroristen, demjenigen, der ihm so eifrig hatte etwas abschneiden wollen.
Jacob ging auf ihn zu.
Er zog das Messer aus seiner Scheide und Jacob betrachtete es im kalten Licht der einzigen Glühbirne, die von der Zementdecke hing. Er wandte sich den Männern am Boden erneut zu. Er wusste, was zu tun war.
Als er sich neben dem Mann, der ihm am nächsten war, hinkniete, flüsterte Jacob: „Es tut mir leid.“ Er legte das Messer an den Hals des Mannes …
… und hielt inne. Galle stieg ihm in den Rachen.
Die Erinnerung an einen jungen paschtunischen Kriegers, der hilflos auf dem Boden einer Höhle lag, blitzte vor seinem inneren Auge auf. Seine Kehle hatte so leicht nachgegeben und das Blut war heraus gespritzt wie aus einem zerplatzten Wasserballon.
Nie wieder.
Jacob zog das Messer zurück und Schweiß bildete sich auf seiner Stirn.
Der Araber ächzte und bewegte sich erneut.
Jacob drehte das Messer um und verpasste ihm mit dem Metallheft einen Schlag auf den Kopf, um ihn wieder auszuknocken.
Dann ging er zu dem nächsten, demjenigen, dem er die Luftröhre eingedrückt hatte. Er musste sichergehen. Nein, er war tot. Im Kampf gestorben. Damit war Jacob zufrieden.
Er kniete sich neben den dritten. Er hatte sich während seiner Folter zurückgehalten und hatte kaum etwas beigetragen. Er war derjenige, der Jacobs wertvollstes Stück davor gerettet hatte, abgeschnitten zu werden. Was für eine Schande. In einem anderen Leben, in dem dieser Syrer anders erzogen worden wäre, hätten er und Jacob vielleicht Freunde werden können.
„Gute Nacht“, sagte er. Und dann verpasste er auch ihm einen Schlag mit dem Messerheft.
Das ist ein Fehler. Du erlaubst Mördern, so weiterzumachen wie bisher. Sie werden erneut morden.
Sie zu töten, ist die einzig logische Schlussfolgerung. Sie zu töten, ist die richtige Entscheidung.
NEIN.
Jacob stand auf, wankte kurz, fing sich aber sofort wieder. Er schloss erneut seine Augen. Er zählte bis drei, ein Trick, den er gelernt hatte, um von einem Moment auf den nächsten auf andere Gedanken zu kommen. Später war noch genug Zeit für Reue und Selbsthass. Doch jetzt musste er erst einmal entkommen. Jetzt musste er seine Mission erfüllen.
Jacob öffnete seine Augen und eilte die Betontreppe hinauf, öffnete die schwere Stahltür und huschte mit der AK-47 im Anschlag durch das Erdgeschoss des Terroristenhauptquartiers. Er musste so schnell wie möglich alle Anwesenden ausschalten und entkommen.
Das Erdgeschoss war das eines typischen syrischen Hauses. Ein paar spärlich eingerichtete Zimmer mit dickem Teppichboden, niedrigen Tischen und ohne Stühle. Jacob bewegte sich vorsichtig und versuchte, so wenig Geräusche wie möglich zu verursachen. In dem Moment hörte er metallene Geräusche aus der Küche. Jemand war zu Hause.
Langsam näherte er sich der Küchentür und entdeckte den Terroristen. Er trug eine rot-weiß karierte Kufiya um den Kopf und, als er Jacob entdeckte, sprintete auf ihn zu. Er wedelte mit den Armen wie ein Baseballspieler, der seine Fans anheizt.
Dann entdeckte Jacob die Granate in seiner Hand. Das hasste er an Terroristen. Diese Idioten kümmerten sich nicht um ihr eigenes Leben und einfach alles war möglich – selbst, dass sie in einem geschlossenen Gebäude eine Handgranate zündeten.
Keine Zeit mehr für lautlose Methoden. Jacobs AK-47 brüllte auf und der Kopf des Terroristen schnellte zurück, als die Kugel ihn in die Brust traf. Er rannte noch drei Schritte weiter und brach schließlich zu Jacobs Füßen zusammen. Die Granate fiel ebenfalls auf den Boden und rollte in eine Ecke.
Jacob rannte zurück in das Wohnzimmer und sprang ohne zu zögern durch das Fenster. Draußen rollte er sich ab und hastete auf das Tor zu, das am Rande des Grundstücks stand. Wie die meisten hier war es von Betonmauern umgeben und nur ein großes Metalltor gewährte Zugang. Aufgrund des Zustandes in ihrem Land, war die Sicherheit des eigenen Heims eine Priorität für die Syrer, die es sich leisten konnten. Die Granate explodierte, als er die Strecke knapp zur Hälfte zurückgelegt hatte und rief vermutlich die gesamte Nachbarschaft nun auf den Plan.
Ganz toll, dachte Jacob. Das ist ja einfach großartig.
Er hatte keine Zeit mit dem Schloss zu verschwenden, also schlang er die AK-47 auf seinen Rücken und sprang auf die drei Meter hohe Wand zu. Seine Finger erreichten kaum den oberen Rand, doch er stieß sich mit dem Fuß ab und konnte ihn so zu fassen bekommen. Dieses Manöver lernte jeder Rekrut in der Grundausbildung.
Er hatte ihn von seinen Eltern gelernt, als er erst fünf gewesen war.
In dem Moment verriet ihm das Geräusch einer AK, dass er das Haus doch nicht ganz geräumt hatte. Eine Kugel traf nur wenige Zentimeter rechts von ihm auf die Wand. Jacob schwang sich hinüber, schnitt sich die Hand an dem zerbrochenen Glas auf, das auf der Mauer verteilt worden war, und rollte sich auf der anderen Seite ab.
Jacob nahm seine AK vom Rücken und entdeckte ein Taxi, das gerade um die Ecke fuhr. Aus dem Augenwinkel nahm er außerdem eine kleine Menschenmenge wahr, sowie eine Tür, die zugeschlagen wurde. Niemand von ihnen würde ihm helfen. Das war er bereits gewohnt.
Das Taxi blieb mit quietschenden Reifen stehen, als Jacob auf die Straße trat und sein Gewehr hob.
„Bringen Sie mich zu …“
„Nein! Nein!“ Der Taxifahrer sprang aus dem Auto und lief davon.
„Na gut“, sagte Jacob und stieg ein. „Dann fahre ich eben selbst.“
Er fuhr die Straße entlang und ignorierte den Terroristen, der aus dem oberen Fenster seines Hauses hinter ihm her feuerte. Jacob stopfte eine Zwanzigdollarnote in das Handschuhfach. Er würde das amerikanische Geld zu schätzen wissen, im Gegensatz zum geradezu wertlosen syrischen Pfund.
Als er die Kurve am Ende der Straße umrundete, traf der letzte Schuss des Terroristen die Heckscheibe des Taxis. Jacob fluchte und legte noch einen Hundertdollarschein dazu.
Innerhalb weniger Minuten war er zurück in der sicheren Unterkunft der CIA und reichte seinen vollständigen Bericht ein. Ein Luftangriff würde das Hauptquartier der Terroristen heute Nacht ausschalten.
Doch es war noch lange nicht vorbei. Im Laufe seiner Beschattungen hatte er wichtige Informationen erfahren – Informationen, für die er beinahe sein Leben hatte lassen müssen und die besagten, dass die Gruppierung Schwert der Gerechten weitaus größer war, als sie alle gedacht hatten.
Mit den besten Überwachungstools, die ihm zur Verfügung standen, hatte er Zugriff auf die Computer derjenigen gehabt, die im Hauptquartier zugange waren. Außerdem hatte er ihre sämtlichen Anrufe überwachen können und erfahren, dass das nicht ihr einziges Hauptquartier war. Sie hatten weitere Ableger in Tripoli, Bengasi, Port Suez, Kairo, Beirut, Bagdad und Basra.
Wahrscheinlich in sogar noch mehr Städten, denn er hatte ihre Daten nur für ungefähr eine halbe Stunde scannen können, bevor man ihn entdeckt hatte.
Eine halbe Stunde. In nur einer halben Stunde hatte er erfahren, dass es gleich mehrere Ableger von ihnen gab. Und es hatte nicht so geklungen, als hätten sie Befehle an sie weitergeleitet, sondern sie hatten sich mit gleicher Autorität miteinander unterhalten, Informationen ausgetauscht und Strategien diskutiert.
Mit ihrem Luftschlag schnitten sie dem Biest nicht seinen Kopf ab – denn es war wie eine Hydra, und hatte noch einen Dutzend weitere Köpfe, aus denen zwei weitere sprießen würden, wenn man sie abtrennte.
Der Kampf gegen sie ging gerade erst so richtig los.
Zwei Tage später …
Jacob Snow stand im CIA-Büro in Athen und gab seinen Abschlussbericht. Sein Gesicht war immer noch angeschwollen von der Folter vor zwei Tagen und eine Hand trug einen Verband aufgrund des Schnittes, den er sich auf der Mauer zugezogen hatte. Er hatte das Taxi des armen Fahrers ganz vollgeblutet. Wenigstens hatte er noch all seine Zähne.
Darüber hatte er sich Sorgen gemacht. Jacob legte Wert auf sein Äußeres. Blaue Flecken kamen und gingen, doch ein attraktives Lächeln war unbezahlbar.
Nicht, dass Direktor Tyler Wallace sich um sein Lächeln scherte. Der riesige afroamerikanische ehemalige Marine zog es ohnehin vor, seine Stirn zu runzeln und das war genau das, was er jetzt tat.
Nicht unbedingt wegen Jacob, sondern deswegen, weswegen er jetzt hier war.
„Sie haben gute Arbeit geleistet, Jacob. Anhand dieser Informationen können wir einen Dutzend weitere Luftangriffe starten, wie den in Damaskus.“
„Das wird nichts bringen. Bis Sie die Koordinaten sämtlicher Hauptquartiere herausgefunden haben, werden sie sie längst evakuiert haben. Sie hätten alle Angriffe gleichzeitig fliegen sollen.“
Wallace’ Stirnrunzeln verstärkte sich. „Ich weiß. Denken Sie etwa, dass ich ein Idiot bin?“
„Nein, aber Ihre Vorgesetzten.“
„Der Präsident hat Pluspunkte für die Zwischenwahlen benötigt.“
„Der Präsident hätte langfristiger denken sollen.“
„Sie wissen selbst, dass es so nicht funktioniert. Aber nun zu etwas Neuem. Wir haben gelinde gesagt merkwürdige Informationen von unseren Agenten in Kairo erhalten“, sagte er, „und wir glauben, dass sie mit einem Raub in Boston zu tun haben.“
„Was für Informationen?“, fragte Jacob.
„Von einem Undercoveragenten, der die Gruppierung Schwert der Gerechten infiltriert hat. In ihrem Ableger in Kairo. Er ist noch nicht lange dabei, also sind viele Informationen aus zweiter Hand und wir konnten sie nicht bestätigen, doch was wir gehört haben, ist genug Grund zur Sorge.“
„Das ist es doch immer, wenn es um diese Kerle geht“, murmelte Jacob. Er strich gedankenverloren über die Beule an seinem Wangenknochen. Sie war noch immer so dick wie ein Pfirsich.
„Keine Angst, Ihr Gesicht ist noch ganz“, sagte Wallace und wedelte ungeduldig mit der Hand. „Mein Gott, ich habe noch nie jemanden getroffen, der sich so um sein Aussehen schert.“
„Es kommt mir gelegen, wenn ich Informationen aus Leuten herauskitzeln möchte.“
Wallace schnaubte. „Wenn Sie sich so sehr um Ihr hübsches Gesicht sorgen, sollten Sie vielleicht aufhören, von Terroristen verprügelt zu werden.“
„Das war Ihre Schuld, nicht meine“, lächelte Jacob.
„Was auch immer. Unser Agent hat gesagt, dass Sie vorhaben, unsere Botschaft in Kairo anzugreifen. Doch zuerst bräuchten sie etwas aus Boston. Und siehe da, vor wenigen Tagen hat jemand ein ägyptisches Artefakt aus einem Museum in Boston entwendet.“
„Das klingt nicht gerade, als wenn es zusammenhängt.“
„Es wird noch besser. Oder eher gesagt schlimmer. Schwert der Gerechten versucht momentan, das Relikt von einem Verbrecherboss in Boston zu erstehen, einem Iraker namens Omar al-Fulan. Sie bieten ihm Heroin im Austausch an.“
„Warum sollten sie ein uraltes ägyptisches Relikt benötigen, um die US-Botschaft anzugreifen? Das ergibt keinen Sinn.“
„Nein, tut es nicht, aber unser Agent ist überzeugt davon, dass es eine Verbindung gibt. Vielleicht wollen sie es ja verkaufen und dafür eine besondere Waffe erstehen?“
„Warum verkaufen sie dann nicht das Heroin direkt?“
Wallace zuckte mit den Achseln. „Vielleicht glauben sie, dass sie für das Artefakt mehr bekommen. Oder vielleicht ist es das Artefakt selbst, das sie benötigen. Es ist einzigartig.“
„Worum handelt es sich überhaupt?“
„Um eine Kanope. Bei der Mumifizierung wurden die Organe in vier verschiedene Gefäße aufgeteilt. Doch diese Kanope stammt aus einem Grab, in dem es fünf gab. Die fünfte weist ein komplett anderes Aussehen auf, als alles, was man bisher kennt. Steht alles in der Akte.“
Wallace schob eine schwarze Akte über den Tisch. Sie war mit einem goldenen Siegel verschlossen.
Jacob blickte den Ordner an, nahm ihn jedoch nicht in die Hand. „Was wissen wir über Omar al-Fulan?“
„Nicht viel. Er ist zweiundvierzig, seine Eltern stammen aus dem Irak und Ägypten und er ist Teil einer bekannten Händlerfamilie. Angeblich ist er im Drogenhandel involviert, doch es gab nie genug Beweise, um Anklage zu erheben. Glauben Sie mir, die Drogenvollzugsbehörde hat es versucht. Außerdem ist er ein ziemlicher Playboy und hat eine Schwäche für Glücksspiele. Er kann skrupellos sein und scheut nicht davor zurück, Gewalt anzuwenden. Doch, wie gesagt, nicht genug Beweise. Uns ist nicht bekannt, dass er Kontakte zu terroristischen Organisationen hat.“
„Er ist nur auf das Geld aus, wie?“
„Ja. Zurück zu der Kanope. Sie wurde vor ein paar Jahren von einem amerikanischen Archäologen auf einer Expedition in Ägypten entdeckt. Zurzeit ist sie auf einer Ausgrabung in Marokko und wir fürchten, dass man es auf sie abgesehen haben könnte. Selbst wenn nicht, könnte sie uns zumindest wertvolle Informationen darüber liefern, warum diese Kanope so besonders ist. Also will ich, dass Sie sich die Akte durchlesen und einen unserer marokkanischen Kontakte abbestellen, sie zu kontaktieren.“
„Einen unserer marokkanischen Agenten? Also soll ich nicht selbst gehen?“
Wallace verzog sein Gesicht. „Werfen Sie mal einen Blick in den Spiegel, Jacob. Sie brauchen ein wenig Erholung.“
„Ich glaube, ich schaffe es gerade so, in ein Flugzeug nach Marokko zu steigen und mich mit einer Archäologin zu unterhalten.“
„Sie waren den ganzen Monat in Syrien“, sagte der Direktor. „Und davor einen Monat im Libanon. Und davor im Irak.“
„Sie wollten, dass ich den sunnitischen Waffenhandel ausschalte und das habe ich getan. Und dann wollten Sie, dass ich das Terrornest in Damaskus überwache. Ich glaube nicht, dass Sie sich beschweren können.“
„Was ich sagen will, ist, dass Sie zu lange ohne Pause im Einsatz waren.“
„Dann ist Marokko ja der perfekte Urlaub“, lächelte Jacob. Er hätte sich das Lächeln verkneifen sollen, denn der Riss in seiner Lippe sprang erneut auf.
„Das hätten Sie wohl gerne. So wie ich Ihr Glück kenne, wird das nicht passieren. Hören Sie zu, Jacob. Wir kennen uns schon sehr lange. Lassen Sie mich Folgendes sagen, nicht als Ihr Vorgesetzter, sondern als Freund. Die letzten Monate waren hart. Sie brauchen eine Pause.“
„Na gut. Nachdem ich mich mit dieser Archäologin unterhalten habe, lege ich mich ein, zwei Wochen an den Strand bei Essaouira. Vielleicht gehe ich sogar Kitesurfen. Zufrieden?“
„Zufrieden werde ich erst sein, wenn wir Schwert der Gerechten ausgeschaltet haben.“
„Dann werden Sie noch lange warten müssen“, sagte Jacob, nahm die Akte in die Hand und brach das Siegel. Jeder, der nicht über die Sicherheitsfreigabe besaß, über die er verfügte, hätte dafür zehn Jahre in Guantanamo aufgebrummt bekommen.
„Wer ist diese Archäologin überhaupt?“, fragte er, als er ihr Dossier zückte.
„Dr. Jana Peters.“
Jacob ließ beinahe den gesamten Ordner fallen. Wallace musste seinen Gesichtsausdruck bemerkt haben, denn er fragte: „Kennen Sie sie?“
„Oh, ja“, murmelte Jacob. „Ich kenne sie.“
Oder ich weiß zumindest von ihr. Und am liebsten wäre das auch so geblieben.
Plötzlich bereute Jacob, so eifrig gewesen zu sein.
Sein Boss kniff die Augen zusammen. „Wird das ein Problem darstellen?“
„Nein.“
Jedenfalls kein größeres, als von Terroristen gefangengenommen zu werden.
Vielleicht sollte er Wallace fragen, ob er nicht wieder zurück nach Syrien gehen konnte.
Ein Feld in der Nähe von Asilah, im Nordwesten Marokkos
Dr. Jana Peters wischte sich den Schweiß von der Stirn und stieg aus dem Graben, den sie und ihr Team aushoben. Man sagte sich oft, dass Marokko ein kaltes Land mit einer heißen Sonne war. Jetzt, zur Mittagszeit, brannte die Hitze auf sie nieder und der Himmel war strahlend blau. Keine Wolke war zu sehen. Der marokkanischen Sonne war es anscheinend egal, dass es Winter war. Doch sobald sie unterging, fielen die Temperaturen schlagartig ab und sie und ihr Team würden sich Pullover anziehen müssen, um in ihren Zelten nicht zu frieren.
Im Moment war es ihr jedoch ganz und gar nicht danach, sich noch mehr anzuziehen. Sie ließ ihren Blick über die kleine Expedition schweifen. Ungefähr ein Dutzend junger Männer und Frauen arbeiteten fleißig. Es war eine gesunde Mischung aus Absolventen und Studenten, sowie örtliche Arbeiter, die sie vor zwei Wochen, als sie angekommen waren, angestellt hatte.
Eine Untersuchung in den 1990ern hatte ergeben, dass sich an dieser Stelle vermutlich eine römische Villa befand. Die Untersuchung hatte lediglich die Oberfläche untersucht. Bei dieser Art von Erhebung stellten sich mehrere Archäologen in einer Reihe auf und gingen das Gebiet systematisch ab, um nach Überresten von Artefakten zu suchen.
Auch wenn der Großteil jeglicher uralten Stätte sich natürlich tief im Boden befand und unter Jahrhunderten von Dreck, Erde und Schutt begraben war, kamen doch immer wieder Überreste an die Oberfläche, sei es dank grabender Tiere oder aufgrund von Bauern, die den Boden pflügten.
Im Laufe der Untersuchung hatte man vereinzelte römische Münzen aus dem zweiten Jahrhundert gefunden, eine terra sigillata Lampe aus der gleichen Zeit, sowie mehrere farbenfrohe Tesserae, aus denen Mosaike bestehen.
Im Laufe der ersten Woche ihrer Ausgrabungen hatte Janas Team das Gebiet von Gebüsch befreit und einen ersten Graben in dem vielversprechendsten Bereich ausgehoben.
Dort hatten sie die Ecke eines Mosaiks entblößt, eine riesige, ausgeklügelte Bodendekoration, die aus tausenden winzigen, gefärbten Steinen bestand. Mosaike waren in reichen römischen Haushalten und öffentlichen Gebäuden weit verbreitet gewesen, doch die künstlerische Qualität dieses Exemplars hob es von anderen seiner Art ab.
Der Abschnitt des Mosaiks, den sie und ihre Studenten freigelegt hatten, maß nur wenige Meter und war gleich von zwei Löchern durchzogen, die vermutlich von Nagetieren stammten, doch es handelte sich ohne Zweifel um ein römisches Werk aus dem zweiten Jahrhundert.
Die Gestaltung erinnerte sie an ein Mosaik, das sie einst im Museo Arqueológico Nacional in Madrid gesehen hatte. Am Rande ihrer Ausgrabung war ein Panel zu sehen, sowie ein zweites zur anderen Seite. Auf dem einen war ein Bulle abgebildet, mit feinen Schattierungen aus schwarzen und braunen Tesserae, und auf dem anderen befand sich ein junger Mann in einer Tunika.
Auf dem Teil, der noch von Erdreich bedeckt war, erwartete sie einen zweiten, identischen Mann. Taurus und Gemini. Zwei der Sternenbilder im Tierkreis. Der Rest des Mosaiks würde folglich die anderen zehn Sternzeichen abbilden und in der Mitte würde sich eine Dekoration befinden, die sie erst noch freilegen mussten.
Dr. Jana Peters atmete tief durch und lächelte. Nicht nur hatte sie ein großartiges Beispiel uralter Kunst in situ gefunden, sie hatten außerdem die Grundmauern gleich mehrerer Räume und zahlreiche weitere Artefakte gefunden. Sie würden keinerlei Probleme dabei haben, Finanzen für die restliche Ausgrabung zu erhalten.
In dem Moment nahm sie etwas in ihrem Augenwinkel wahr. Sie drehte sich um und sah, dass ein halbes Dutzend untersetzter Arbeiter auf sie zukam. Sie alle hatten ihre Schaufeln, Picke und Kellen in der Hand. Ein Mann ging ihnen voraus, ein dünner, älterer Marokkaner in einem Anzug.
Ein paar ihrer Studenten hielten inne und starrten sie erstaunt an. Jana warf ihnen einen bösen Blick zu und schnell machten sie sich wieder an die Arbeit.
Jana wandte sich den Neuankömmlingen zu.
„Guten Morgen“, begrüßte sie der Mann auf Englisch.
„Sabah alkhayr“, antwortete Jana auf Arabisch.
Der Mann lächelte und fuhr auf Arabisch fort. „Ich habe bereits gehört, dass Sie Arabisch sprechen, Dr. Peters. Wenn ich mich vorstellen darf, ich bin Professor Mallam Alaoui von der Universität Abdelmalek Essaâdi in Tanger. Ich unterrichte Archäologie und leite mehrere Ausgrabungen im ganzen Land.“
„Ich habe von Ihnen gehört, Professor“, sagte sie und gab ihm die Hand. „Schade, dass wir uns bisher noch nicht vorgestellt wurden.“
Der Professor verzog sein Gesicht. „Ich wünschte, es wäre unter besseren Umständen. Ich fürchte, und das ist mir wirklich peinlich, dass ich von der Regierung angewiesen wurde, diese Ausgrabung zu übernehmen.“
„Zu übernehmen?“, protestierte Jana. „Warum?“
„Die Regierung hat entschieden, dass dieses Gebiet zu wichtig ist, um es ausländischer Hand zu überlassen. Es tut mir leid. Das ist wirklich unerhört von ihnen, und dazu noch unwirtlich und undankbar. Ihre Ausgrabungen in unserem Land haben viel zu unserem Nationalerbe beigetragen. Ein Fund dieser Art wird einen großen Einfluss auf den Tourismus Marokkos haben, was sich natürlich positiv auf unsere Wirtschaft niederschlagen wird. Die Regierung ist der Ansicht, dass es einen besseren Eindruck machen wird, wenn die Ausgrabung tatsächlich auch von Marokkanern geleitet wird.“
Jana deutete auf ihre Arbeiter, die hinter ihm standen. „Wir haben Marokkaner in unserem Team, einschließlich unseres Vorarbeiters und einem unserer Studenten.“
„Das ist wahr und ich weiß das zu schätzen, aber ich bin mir sicher, dass Sie zustimmen werden, dass eine Stätte wie diese von einem Marokkaner untersucht und geleitet werden sollte. Wir hatten gehofft, dass Sie uns den Rest der Arbeit überlassen werden. Natürlich haben Sie ebenfalls bereits einen wichtigen Beitrag geleistet.“
„Ich glaube nicht“, antwortete Jana.
„Es handelt sich wirklich um einen wichtigen Fund hier“, sagte Dr. Alaoui, „und es tut mir aufrichtig leid, dass ich ihn Ihnen sozusagen unter der Nase wegschnappen muss, doch die Anweisungen meiner Regierung waren leider eindeutig.“
„Ich will die entsprechenden Dokumente sehen“, sagte sie und Wut stieg langsam in ihr auf.
„Natürlich.“ Dr. Alaoui griff nach etwas in seiner Jacke und zog einen Stapel Papiere hervor.
Er reichte ihr ein Dokument auf Arabisch, das das Siegel und die Unterschrift des Kulturministers trug. Jana betrachtete das Datum. Gestern.
Sie hätten wenigstens anrufen können, dachte sie. Auch wenn sie in Anbetracht ihres Wissens über marokkanische Bürokratie wenig überrascht war.
Doch etwas kam ihr immer noch nicht ganz geheuer vor. Sie brauchte einen Moment, um zu erkennen, was es war.
„Diese Dokumente sehen gut aus“, gab sie zu, „ich bin jedoch überrascht, dass Sie es sind, der beauftragt wurde. Ihr Spezialgebiet ist das prähistorische Zeitalter, nicht wahr?“
Der marokkanische Archäologe nickte. „Das stimmt, doch es gab sonst niemanden, der verfügbar war.“
„Oh! Sie waren auf der Ausgrabung des Hadrianstempels in der Nähe von Rabat, oder?“
„Ja. Also sehen Sie, dass ich bereits ein wenig Erfahrung mit römischen Stätten besitze.“
Janas Gesichtszüge verhärteten sich. „Das Problem ist nur, dass es keinen Hadrianstempel in der Nähe von Rabat gibt. Und der echte Professor Alaoui hat keine Ausgrabung dergleichen geleitet.“
Der Marokkaner runzelte seine Stirn. „Was wollen Sie damit sagen?“
Jana wedelte mit den Dokumenten und sprach nun auf Englisch, damit ihr Team dem Gespräch ebenfalls lauschen konnte.
„Sie sind nicht derjenige, der Sie behaupten, und diese Dokumente sind gefälscht. Der Kulturminister kann sie gestern gar nicht unterschrieben haben, denn er ist vorgestern auf eine Konferenz nach Tunesien gefahren. Und er ist immer noch dort.“
„Grabräuber!“, rief einer ihrer Studenten. „Sie haben von dem Mosaik erfahren und wollen es jetzt stehlen!“
„Dafür bekommst du eine Eins“, sagte Jana an ihn gewandt und zerriss die gefälschten Dokumente. Die Fetzen warf sie dem angeblichen Professor ins Gesicht. „Und Sie eine Sechs.“
„Verschwinden Sie hier!“, schrie der Marokkaner. Seine Männer traten vor. Janas eigene Truppe sprang aus den Gräben, um sich ihnen zu stellen.
„Gehen Sie, oder ich rufe die Polizei“, sagte Jana.
„Aus dem Weg!“ Der falsche Professor Mallam Alaoui versuchte, sie aus dem Weg zu schubsen und tat gleichzeitig das Schlimmste, was er hätte tun können.
Er begrabschte sie.
Das war nicht das Schlimmste, was er ihr hätte antun können. Doch es war eindeutig eine falsche Entscheidung gewesen, und er würde es bereuen.
Das Nächste, was er spürte, nachdem seine Hand sich auf ihren wohlgeformten Hintern legte und fest zudrückte, war ihr Ellbogen, der sein Gesicht rammte, während ihr Bein ihn gleichzeitig von den Füßen fegte.
Er taumelte und fiel hin. Die Marokkaner heulten schockiert und wütend auf. Jana schrie ebenfalls ärgerlich, als die Anhänger des falschen Professors auf sie zustürmten. Sie duckte sich unter einem Schlag hinweg, der sie glatt ausgeknockt hätte. Sie warf ihren Angreifer um und er landete hart auf seinem Rücken. Die anderen kamen jetzt ebenfalls auf sie zu, um die Ehre ihres Anführers zu verteidigen.
Jana trat dem nächstens aufs Knie, sodass er zischte und hinfiel.
Der dritte, der sie angriff, packte sie am Arm. Er riss sie hart nach vorn und sie wusste, dass seine Freunde sie von hinten anspringen würde, wenn sie sich nicht wehrte. Sie drehte sich, trat den Mann, der sie festhielt, und rammte ihm anschließend einen Ellbogen ins Gesicht. Er ließ sie los und Jana versuchte ihn, umzuwerfen, was jedoch nicht ganz gelang.
Stattdessen wich er zurück und gab ihr wenigstens den Platz, den sie brauchte, um sich umzudrehen und sich zwei anderen Männern zu stellen …
… Doch sie stellte fest, dass niemand übrig war. Ihr Team hatte endlich eingegriffen und die Werkzeuge verwendet, die sie normalerweise für ihre Ausgrabungen benötigten. Einer der Möchtegernangreifer machte gerade mit einer Schaufel Bekanntschaft und ein lautes Klong ertönte. Der Rest ergriff die Flucht und ließ ihren Anführer allein.
Der falsche Archäologe kam wieder auf die Füße. Auch wenn er jetzt in der Unterzahl war, hielt er ihrem Blick stand.
„Denken Sie nicht einmal daran, mich festzunehmen“, sagte er. „Ich habe mächtige Freunde, die Ihren Aufenthalt hier äußerst unangenehm machen könnten.“
Ihr marokkanischer Vorarbeiter trat auf ihn zu. Er hatte eine Spitzhacke in der Hand. Jana bedeutete ihm, stehenzubleiben.
„Lass ihn gehen.“ Sie drehte sich zurück zu dem Antiquitätendieb. „Gehen Sie. Wenn Sie es wagen, zurückzukommen, oder wenn Sie auch nur einen Finger an unsere Ausgrabung legen, rufen wir die Polizei. Fotografiert ihn.“
Gleich mehrere Studenten zückten ihr Handy und taten wie geheißen. Der falsche Professor fluchte, drehte sich um und stapfte davon.
Jana seufzte ausgiebig. Diese Ausgrabung war soeben um einiges interessanter geworden.
Jacob mochte seinen neuen Auftrag nicht, doch das war nicht das erste Mal, also presste er nur seine Lippen zusammen und fuhr mit seinem roten Camaro weiter mit einhundertsechzig Stundenkilometern die Straße am Meer in Richtung seines Bungalows an der Küste östlich von Athen entlang. Er musste packen. Natürlich hatte er einen Notrucksack im Hauptquartier, falls er jemals von jetzt auf gleich weiterziehen musste, doch heute hatte er noch ein paar Stunden Zeit, um zum Flughafen zu gehen, also konnte er vernünftig packen.
Nicht, dass er es besonders eilig hatte.
Die Straße wurde zunehmend enger und verlief in Serpentinen. Jacob fuhr auf die andere Straßenseite, um ein Auto zu überholen und riss das Steuer herum, als ein LKW um die Ecke gerast kam. Das laute Plärren seiner Hupe verriet ihm, dass er nicht gerade beeindruckt von diesem kleinen Kunststück war.
Soll er sich doch beschweren. Jacob war schließlich ebenfalls nicht gerade glücklich.
Also war Jana Peters inzwischen Doktorin. Nun, Doktorandin, nicht die Art von Doktor, die er normalerweise benötigte. Jana konnte im Notfall kein Geschoss herausoperieren oder ein gebrochenes Bein richten.
Archäologie. Gott, war es lange her – er erinnerte sich noch genau daran, wie ihr Vater darüber gesprochen hatte, dass sie Archäologin werden wollte. Damals, als Paul ihm Fotos von ihr gezeigt hatte, hatte sie ausgesehen, wie ein jugendlicher Bücherwurm – wie eine junge Erwachsene, die sich deswegen nicht entscheiden konnte, was sie studieren sollte, weil sie alles interessant fand.
Und sie hatte bereits damals viel über alle möglichen Themen gewusst, außer eines: Womit ihr Vater sein Geld verdiente. Darüber hatte sie genauso wenig gewusst, wie Jacobs Freundin, von der er sich wiederholt getrennt hatte, nur um wieder mit ihr zusammenzukommen.
Doch eines Tages hatte sie es herausgefunden und das hatte das Herz des alten Mannes gebrochen.
Besorg’ die Informationen und dann verschwinde wieder. Du brauchst diesen ganzen Unsinn nicht. Dein Leben ist so schon kompliziert genug.
Jacob bog auf eine mit Kieseln belegte Straße ab. Er riss das Lenkrad herum und der Kies flog in die Höhe und prallte wie eine Ladung Gewehrkugeln auf die am Straßenrand stehenden Olivenbäume auf. Als er die Kontrolle über das Fahrzeug wiedererlangte, beschleunigte er und schoss die Nebenstraße entlang.
Ein paar hundert Meter weiter endete sie vor einem felsigen Vorgebirge, das einen bildhaften Ausblick über das schillernde Mittelmeer bot. Dort stand ein kleines Haus und die weißen Wände strahlten ebenfalls in der Sonne. Mit dem Blutgeld der CIA konnte er sich einiges an Luxus leisten.
Natürlich täuschte das Aussehen. Dieser Ort war gleichermaßen Luxusvilla wie auch Festung. Die Fenster bestanden aus doppeltem, schusssicherem Glas und die Wände konnten selbst einer raketengetriebenen Granate standhalten, ohne zu brechen. Und natürlich gehörte das Gebäude der Regierung und nicht ihm.
Er stellte den Motor aus, sprang aus dem Fahrzeug und gab einen Zahlencode ein, bevor er auch nur versuchte, den Schlüssel ins Schloss zu stecken. Schließlich war ihm nicht gerade danach zu Mute, eine Ladung Tränengas ins Gesicht zu bekommen. Er öffnete beide Schlösser und trat schnell ein, um einen zweiten, unterschiedlichen Code einzugeben, der verhinderte, dass im Hauptquartier ein Alarm losging.
Anschließend aktivierte er die Vorrichtung für das Tränengas erneut, verriegelte die Tür und drückte auf einen Knopf, um die Rollläden vor den Fenstern hochzufahren. Während er ins Wohnzimmer trat, stiegen sie langsam in die Höhe und der wunderbare Meeresblick eröffnete sich ihm. Segelboote tuckerten unter dem strahlend blauen Himmel und in der Ferne legte gerade ein Kreuzfahrtschiff im Hafen an.
Jacob stand kurzzeitig nur da und genoss den wunderbaren Ausblick. Dann ging er zu der Bar auf der anderen Seite des Wohnzimmers und mischte sich einen starken Scotch and Soda. Er wählte einen fünfzehn Jahre alten Single Malt. Massenware wie diese ekelhaften Blends waren nichts für ihn.
Mit seinem Drink ging er schließlich ins Schlafzimmer und nahm sein privates Handy an sich.
Er hatte es schon seit drei Wochen nicht mehr in der Hand gehabt. Der alte Tyler Wallace, übervorsichtig wie er war, hatte maßlos übertrieben. Er war nicht einmal einen ganzen Monat in Syrien gewesen und zwischendurch hatte er sogar kleine Aufenthalte in Athen genossen, während er seinen Aufgaben im Irak und im Libanon nachgegangen war. Die CIA hatte ihn mehrfach herausholen müssen, weil die Gegebenheiten zu heiß wurden und jedes Mal war er mit einem neuen Pass wieder eingeschleust worden.
In der Zeit hatte er stets die Füße hochgelegt und sich entspannt. Doch die Ergebnisse seiner Urlaubstage verfolgten ihn jetzt.
„Hey!“, besagte eine Nachricht, gefolgt von gleich mehreren Herzchen. „Ich bin nächste Woche für ein Fotoshooting in Athen. Ich würde dich gerne wiedersehen.“
Gabriella Cremonesi war eine attraktive italienische Tierfotografin, die er vor ein paar Monaten in Rom kennengelernt hatte, während er die Verbindungen zwischen der Mafia und einem internationalen Waffenschmuggelring untersucht hatte.
Sie war Mitte zwanzig, also gute zehn Jahre jünger als er, hatte allerdings bereits mehrere Auszeichnungen erhalten und ging regelmäßig für bekannte Magazine und Nachrichtenagenturen auf Shootings. Seiner Meinung nach würde sie sich auch auf der anderen Seite der Kamera als Model gut machen. Jacob fand, dass weder ihr Gesicht noch ihr Körper einen einzigen Makel aufwiesen und er hatte schon viel Zeit damit verbracht, beides ausführlich zu inspizieren.
Er blickte auf das Datum der Nachricht. Vor zwei Wochen. Verdammt, sie war schon wieder weg.
„Ich bin in Liberia und arbeite mit den Flüchtlingen. Sorry“, las er seine Antwort.
„Das ist so beeindruckend. Deine Arbeit muss so viel erfüllender sein als meine. Ich dokumentiere nur, doch du verbesserst unsere Welt wirklich.“
„Die Ärzte ohne Grenzen sind die wahren Helden. Ich bin nur ein Verwalter.“
„Du solltest stolz auf dich sein!“
„Deine Arbeit ist auch nicht einfach. Meine Internetverbindung ist nicht besonders gut hier. Ich weiß nicht, wie oft ich dir antworten kann.“
„Pass auf dich auf.“
„Du auch, meine Schöne.“
Nichts davon hatte Jacob selbst geschrieben. Sein Handy war mit einer KI verbunden, die er an- und ausschalten konnte. So konnte er so tun, als wenn er stets da war, selbst wenn er sich in Wirklichkeit gerade auf einem Einsatz befand. Sein Cover als internationaler Hilfsarbeiter in abgelegenen Gebieten machte es möglich, dass es nicht auffiel, wenn er mal längere Zeit nicht schrieb.
Gabriella hatte Jacob damit beeindruckt, dass sie ganz und gar nicht anhänglich war. Sie hatte Jacobs Abwesenheiten ohne Einwände akzeptiert, doch sie genoss seine Anwesenheit voll und ganz, wenn sie sie haben konnte. In der Zwischenzeit traf sie sich mit anderen Geliebten, so wie Jacob selbst auch. Eine wahre Liebesbeziehung hatte sie nicht – ebenso wenig wie Jacob. Kein Drama, keine Eifersucht, nicht einmal den kleinsten Hinweis darauf, sich binden zu wollen.
Jacob war sich nur zu bewusst, dass er, indem er jungen Frauen in ihren Zwanzigern hinterherlief, niemals eine langfristige, ernsthafte Beziehung würde eingehen können. Nun, nicht, dass er eine wollte. Er hatte nicht nur keine Zeit dafür, das wäre der anderen Person gegenüber auch alles andere als fair. Lange Abwesenheiten, die er nicht erklären konnte, ohne Hochverrat zu begehen und die echte Gefahr, dass er in einem Sarg nach Hause zurückkehrte, hielten ihn davon ab, sich ernsthaft zu verlieben.
Außerdem wollte er niemanden mit seinen emotionalen Problemen belasten, erst recht nicht jemanden, den er wirklich mochte. Und trotz seiner besten Bemühungen stellte er fest, dass er Gabrielle ziemlich mochte. Normalerweise versuchte er, seine Beziehungen oberflächlich zu halten.
Gestern hatte sie ihm erneut geschrieben.
„Bin zurück in Athen. Die Agentur benötigt noch ein paar Bilder von dem großen Streik. Ich bin noch mindestens zwei Tage hier. Bist du schon wieder zurück?“
Seine Finger schwebten über der Tastatur. Er wusste, dass sie Downtown wohnte und einen Mietwagen hatte. Wenn sie gerade verfügbar wäre, hätten sie genug Zeit für einen Quickie.
Nein, entschied er sich und legte das Handy wieder weg. Das wäre zu oberflächlich, selbst für ihn. Er würde in Marokko Informationen sammeln, so schnell wie möglich wieder abhauen und sich danach richtig entspannen, so wie es Wallace wollte.
Er könnte seinen Rückflug über Rom planen, oder wo auch immer Gabriella dann war, und anschließend nach Athen zurückkehren. Vielleicht könnten sie endlich gemeinsam um die Inseln segeln, so wie sie es schon seit Monaten geplant hatten. Sie könnten nachts vor einer von ihnen dümpeln und nackt unter dem Vollmond schwimmen, in den warmen Gewässern des Mittelmeers …
Genug. Zunächst musste er einen Flug erwischen und seine Arbeit erledigen.
Glücklich zu sein, stand nicht in seinem Arbeitsvertrag.
Dr. Jana Peters wusste noch nicht, dass ihr Tag gleich ruiniert werden würde.
Die Ausgrabung schritt angemessen fort. Es war inzwischen drei Tage her, dass die Grabräuber versucht hatten, ihre Operation zu übernehmen, und bis jetzt hatte es keine weiteren Anzeichen von ihnen gegeben. Sie hatte die Polizei informiert und nun bewachten uniformierte Beamte nachts die Ausgrabungsstätte. Ihr Ruf und ihre Verbindungen hatten dafür gesorgt.
Und je mehr sie und ihre Crew aus der Erde trugen, desto enthusiastischer wurden sie. Sie hatten den Probegraben, mit dem sie angefangen hatten, inzwischen auf ein ganzes Gitternetz erweitert. Jedes Quadrat maß drei mal drei Meter. So konnten sie leicht die Koordinaten der Artefakte festhalten, die sie fanden, sowie Überreste der Architektur, wie Wände, Türen oder Feuerstätten.
Die Arbeiter trugen den Dreck vorsichtig und gleichmäßig mit Spachteln ab. Dabei mussten sie stets aufpassen, dass der Boden überall gleichmäßig blieb, da sich spätere Funde in höheren Schichten – Strata – befanden, als Funde, die älter waren. Sie hatten sich bereits durch einige Jahrhunderte gearbeitet und mehrere Topfscherben sowie eine Perle berberischer Herkunft aus dem neunzehnten Jahrhundert entdeckt. Außerdem hatten sie herausgefunden, dass die Ruinen dieser Villa im fünften und sechsten Jahrhundert von Hausbesetzern bewohnt gewesen waren. Wahrscheinlich waren es örtliche Bauern gewesen, die Töpfereien und inzwischen natürlich stark verrostete Eisenwerkzeuge hinterlassen hatten.
Schon bald würden sie auf der Ebene ankommen, auf der sich der Probegraben befand – bis zu dem Zeitalter, in dem die Villa selbst erbaut worden war. Sie hatten es fast geschafft, doch es herrschte keine Eile. Archäologie benötigte vor allem Zeit und Vorsicht. Alles musste aufgezeichnet werden, da eine Ausgrabung eine Stätte natürlich auch zerstörte.
Das Warten war eine Qual. Sie und der Rest der Studierenden und Arbeiter gingen immer wieder zum Probegraben und betrachteten den Teil des Mosaiks, das sie freigelegt hatten. Schon bald, in nur ein paar Tagen, würden sie endlich den Rest ausgraben können und ein uraltes Kunstwerk ans Tageslicht bringen, das fast zweitausend Jahre unter der Erde geschlummert hatte.
Jana lächelte. Sie liebte ihre Arbeit. Ihr Lächeln wurde noch breiter, als sie einen gewissen Studenten in seinem letzten Jahr entdeckte. Brian war schon älter und hatte ein Jahrzehnt in einem anderen Feld verbracht, bevor er seine wahre Leidenschaft verfolgt hatte. Er war ungefähr so alt wie sie, attraktiv und offensichtlich interessiert. Da er an einer anderen Universität studierte, gab es dahingehend auch keine Bedenken, also würde sie vielleicht sein Angebot für einen Spaziergang eingehen, nachdem ihre heutige Arbeit erledigt war.
Ihr Lächeln verwandelte sich in ein besorgtes Stirnrunzeln, als sie einen Land Rover erblickte, der an der Straße ein paar hundert Meter von ihnen zum Stehen kam, genau dort, wo vor ein paar Tagen der falsche Professor geparkt hatte.
Ein einziger Mann stieg aus. Von dieser Entfernung konnte sie ihn nicht genau erkennen, doch was sie sehen konnte, war, dass er ein kräftiger Europäer oder Amerikaner war. Er hatte kurze blonde Haare, ein breitkrempigen Hut und trug weite, khakifarbene Kleidung. Er zögerte nicht und ging bestimmt geradewegs auf sie zu.
Jana warf ihrer Crew einen nervösen Blick zu und ging ihm entgegen. Sie wollte ihn aufhalten, bevor er das Mosaik erblickte, oder die römische Goldmünze, die einer ihrer glücklichen Studenten heute Morgen ausgegraben hatte.
Je weniger Menschen die Einzelheiten über diese Ausgrabung kannten, desto besser.
In dem Moment fiel Jana die Art auf, wie er ging. Seine aufrechte Haltung sagte ihr, dass er eine Vorgeschichte beim Militär haben musste. Sein rechter Arm bewegte sich so gut wie gar nicht und schwang nur ganz leicht mit seinen Schritten mit. Eine Angewohnheit, die er sich antrainiert haben musste, um wertvolle Millisekunden zu gewinnen, wenn er eine Waffe zog.
Oh, Shit. Wer ist dieser Typ?
Während sie sich ihm näherte, betrachtete sie sein Gesicht. Er sah merkwürdig bekannt aus. Aus dieser Entfernung war sie sich nicht sicher und seine blauen Flecken im Gesicht lenkten sie ab. Vielleicht hatte ihn ja eine andere Archäologengruppe vermöbelt, als er versucht hatte, ihre Artefakte zu stehlen.
Doch dann blieb sie plötzlich stehen, als sie ihn endlich erkannte.
Sie starrte ihn an und verschränkte ihre Arme.
„Na, sieh mal einer an. Der große Bruder, den ich nie gehabt habe.“
„Ich bin nicht dein Bruder“, sagte Jacob Snow.
„Dad hat dich wie sein eigenes Kind behandelt.“ Mehr als mich. „Ich habe nach seinem Tod alles über dich erfahren. Ich habe die ganzen Fotos von euch gesehen.“
„Er war ein guter Mann.“
Die altbekannte Trauer stieg in ihr auf, die altbekannte Eifersucht.
„Warum bist du hier?“, verlangte Jana.
„Ich brauche deine Hilfe.“
Jana blickte über ihre Schulter, um sicherzugehen, dass auch niemand dazukam. Ein paar Arbeiter sahen neugierig in ihre Richtung, doch sie waren alle noch an der Ausgrabungsstätte und außer Hörweite.
„Ich werde der CIA nicht helfen“, sagte sie leise.
Jacob trat auf sie zu.
„Bekomme ich als Bruder nicht einmal eine Umarmung?“, fragte er und grinste auf eine Weise, die er wahrscheinlich als überzeugend empfand. Was für ein arroganter Idiot. So wie sie alle.
„Nein.“
„Deine Kanope wurde vor ein paar Tagen von der Universität in Boston gestohlen.“
Jana zuckte überrascht zusammen. „Die fünfte?“
„Ich fürchte, ja.“
Sie seufzte. Der größte Fund ihrer Karriere.
„Was ist passiert? Und wie hängst du damit zusammen?“.
„Lass es mich dir zeigen.“ Er zückte sein Handy, öffnete ein Video und drückte auf Abspielen.
Es waren Aufnahmen einer Überwachungskamera außerhalb eines großen Gebäudes, das Jana sofort als das Museum der Uni erkannte. Das Video war verschwommen, so wie Überwachungsaufnahmen aus irgendeinem Grunde stets zu sein schienen, doch sie konnte genug erkennen. Eine Wache stand vor dem Eingang und blickte sich gelangweilt um.
Plötzlich wirbelte sie herum und wollte ihre Waffe zücken. Sie hielt inne, als untersuchte sie die Schatten nach einer Gestalt, oder horchte nach einem Geräusch. Dann blitzte etwas in der Dunkelheit auf und der Mann fiel nach einem Kopfschuss zu Boden.
Jana zuckte zusammen. Sie hatte auf ihren Reisen schon genug Tod und Leiden mit ansehen müssen, doch daran gewöhnen würde sie sich nie.
„Ein Profi“, sagte Jacob ungerührt. So ein herzloser Schuft.
Der Räuber trat aus der Dunkelheit. Er war dürr, aber muskulös und bewegte sich so grazil wie eine Katze. Sein Gesicht war mit einer Sturmhaube bedeckt.
Sein? Doch, ja. Seine Silhouette sah eindeutig männlich aus. Dafür reichte selbst die Qualität der Überwachungskamera.
Der Mann ging auf die Tür zu, öffnete das Schloss mit Leichtigkeit und verschwand anschließend im Inneren.
Das Video wechselte die Perspektive zu einer Kamera im Inneren, wo der Mann jetzt die Treppen hochrannte. Er wusste offenbar genau, wohin er musste. Jana sah hilflos dabei zu, wie er die Vitrine zerschoss, sich die Kanope schnappte und anscheinend überrascht davon war, wie schwer sie war. Anschließend entkam er, nachdem er eine weitere hilflose Wache niedergeschossen hatte.
Und damit endete das Video.
„Mein Gott“, murmelte Jana.
„Wir glauben, dass sie von einer Terrorgruppe namens Schwert der Gerechten entwendet wurde, einer Splittergruppe von al-Qaida. So wie der IS auch, haben sie sich von ihnen abgespalten, weil ihnen al-Qaida nicht radikal genug war.“
„Ich habe von ihnen gehört. Sie töten einen Haufen ausländische Hilfskräfte. Harvard musste ihre Zusammenarbeit mit dem irakischen Nationalmuseum beenden, weil sie Angst vor Angriffen hatten. Aber was wollen sie mit einer Kanope?“
„Ich hatte gehofft, dass du mir das verraten kannst.“
„Keine Ahnung. Natürlich ist sie Millionen wert, da es sich um einen einzigartigen Fund handelt, aber das Gleiche könnte man von mehreren Artefakten in diesem Museum behaupten. Und wenn sie sie haben wollen, weil sie sie weiterverkaufen wollen, hätten sie das gesamte Set gestohlen.“
„Ja. Ich habe ein wenig über Kanopen nachgeforscht. Die vier Söhne Horus‘. Dies war das einzige Set, in dem es eine fünfte gab. Also, was befindet sich in ihr? Wenn man sich den Dieb ansieht, muss sie ganz schön schwer gewesen sein.“
„Fast vierundzwanzig Kilogramm. Und wir wissen nicht, was sich in ihr befindet. Wir haben Röntgenaufnahmen angefertigt, doch die Strahlen konnten sie nicht durchdringen. Im Inneren des Alabasters befindet sich eine Bleischicht.“
„Warum?“
„Keine Ahnung.“
„Und ihr habt sie nicht geöffnet?“
„Noch nicht. Das muss die Universität von Boston entscheiden. Bis jetzt wurde noch nichts unternommen. Sie ist so fest versiegelt, dass sie Angst haben, sie zu zerstören. Außerdem wurde das Budget für dieses Projekt vor einer Weile gekürzt.“
Immer die gleiche Geschichte. Erbsenzähler, die der Wissenschaft im Weg stehen.
„Kannst du mir sonst noch etwas über sie verraten?“, fragte Jacob. „Laut Berichten trug sie ungewöhnliche Inschriften.“
„Zahlreiche Kanopen haben Hieroglyphen-Inschriften auf der Vorderseite, genau unter dem Kopf. Eine der häufigeren aus dieser Periode lautet: ‚Euer Brot sei Euer eigen. Euer Bier sei Euer eigen. Ihr lebt nach der Gunst, die Re Euch verleiht.‘ Forscher interpretieren sie im Allgemeinen so, dass wenn sämtliche Sprüche während der Vorbereitung der Toten korrekt ausgeführt werden, sie alles im Leben nach dem Tode haben werden, was sie benötigen. Vier der fünf Kanopen dieses Grabes trugen die gleiche Inschrift.“
„Und die fünfte?“, fragte Jacob.
„Das war merkwürdig. Die Inschrift besagte: ‚Die strafende Macht Res und Sachmets zerstört die Feinde Ägyptens.‘ Das ist ganz und gar keine typische Inschrift. Für keine bekannte Periode.“
„Hm. Und es ist Sachmets Kopf, der auf der Kanope thront. Ich habe keine Zeit mehr gehabt, mehr über sie herauszufinden.“
„Sachmet wird mit einem Löwinnenkopf dargestellt und ist eine Tochter von Re. Sie wird häufig als Kriegsgöttin bezeichnet, da sie die zerstörerische Kraft ihres Vaters, der Sonne, verkörpert. Außerdem ist sie der personifizierte heiße Wüstenwind, bringt Seuchen und kann Feuer speien, das so heiß wie die Sonne ist.“
„Also beschützt die Göttin des Sonnenbrandes die zerstörerische Kraft der Sonne. Okay. Aber was bedeutet das konkret?“
Jana zuckte mit den Achseln. „Das wissen wir nicht. Ich schätze, die Terroristen werden es erfahren, wenn sie die Kanope öffnen.“
Jacob seufzte und wirkte zögerlich. Das überraschte sie. CIA-Machos wie er erlaubten es sich normalerweise nicht, auch nur den Anflug einer Schwäche zu zeigen. Vielleicht hatte sein Selbstbewusstsein einen Knick, weil man ihn verprügelt hatte. Aber nein, das konnte nicht sein.
„Das ist enttäuschend. Ich hatte gehofft, dass du mir mehr verraten kannst.“ Er blickte an ihr vorbei in Richtung der Ausgrabungsstätte. „Hast du einen guten stellvertretenden Leiter?“
„Ja, ausgezeichnet sogar.“
„Kann er für dich übernehmen?“
„Sie. Warum sollte sie?“
„Weil ich will, dass du mit mir nach Ägypten kommst.“
„Ägypten? Warum?“
„Weil sie dort gefunden wurde. Die Kanope. Und laut der Unterhaltungen, die die Terroristen im Dark Web führen, braut sich in Ägypten etwas Großes zusammen und Schwert der Gerechten hat etwas damit zu tun.“
Sie verschränkte ihre Arme und runzelte mit der Stirn. „Ich gehe nirgendwo hin, nicht mit dir, und nicht mit irgendjemandem von der CIA.“
„Wieso nicht?“ Er sah tatsächlich aufrichtig bestürzt aus.
„Du weißt genau, warum.“
Jacob schüttelte seinen Kopf. „Jana, dein Vater –“
„Er hat sich nie auch nur annähernd wie mein Vater benommen.“
„Er hat dich geliebt.“
„Nicht so sehr wie dich“, gab Jana zurück. „Er hat mehr Zeit mit dir verbracht, als mit seiner eigenen Tochter, oder seinen sterbenden Eltern.“
„Du schätzt ihn völlig falsch ein. Und diese Mission ist wichtig, extrem wichtig, oder ich wäre nicht hergekommen, um mit dir zu sprechen.“
„Nun, das hast du ja jetzt erledigt. Und jetzt verschwinde, und kontaktiere mich gefälligst nie wieder.“
Jana wirbelte herum und stampfte davon. Jacob folgte ihr nicht.
Stattdessen vibrierte ihr Handy. Er hatte ihr eine Nachricht mit seinen Kontaktdaten geschickt.
Woher kannte er ihre Nummer?
Dumme Frage. Die CIA wusste alles. Sie kannten keine Privatsphäre. Hatten keinen Respekt vor Privatleben.
Das war nur eines der vielen, vielen Dinge, das sie an der CIA hasste.
Und jetzt war sie nur umso mehr entschlossen, nicht mit Jacob Snow mitzugehen.
Institut für Kernphysik
Johannes Gutenberg-Universität, Mainz, Deutschland
Am gleichen Tag
Professor Doktor Klaus Meyer trat aus der Vordertür des Instituts für Kernphysik und lächelte glücklich. Seine Forschungen kamen gut voran, nicht zuletzt dank des brillanten japanischen Postdoktoranden, den er erst kürzlich angestellt hatte. Sie erforschten effizientere Methoden, Atomkerne zu spalten. Wenn sie Erfolg hatten, würde das die Stromanforderungen für Atomkraftwerke eines Tages um ein Zehntel verringern.
„Um Energie zu erzeugen, muss man erst einmal Energie aufwenden“, sagte er seinen Studenten stets. Nun, nur ein paar Jahre Arbeit und diese Gleichung würde um einiges kosteneffizienter werden.
Doktor Meyer war ein lautstarker Vertreter für Atomkraft. Aufgrund von Hiroshima, Nagasaki und der Bedrohung durch das Gleichgewicht des Schreckens während des Kalten Krieges hatten Atomkraftwerke einen schlechten Ruf. Und natürlich gab es da noch die Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima.
Was die Öffentlichkeit jedoch nur selten bedachte, war, dass diese Katastrophen uralten Entwürfen zuschulden waren. Das Kraftwerk in Fukushima wurde 1967 erbaut. Das in Tschernobyl 1972, von einem kommunistischen Regime, das Produktionskapazitäten über die Sicherheit stellte. Die neueste Generation von Atomkraftwerken war weitaus effizienter und um ein Vielfaches sicherer. Sie produzierten saubere und günstige Energie, die zur Lösung der Klimakrise entscheidend beitragen konnten. Trotz allem, was die Menschen so dachten, waren Solar- und Windenergie niemals genug, um acht Milliarden Menschen zu versorgen. Atomenergie war die einzig mögliche Option.
Und was Atomwaffen betraf, so würde kein Land, das noch ganz bei Sinnen war, sich jemals dafür entscheiden. Amerika und die Sowjetunion hatten sich sechzig Jahre lang nicht getraut. So korrupt und narzisstisch Politiker auch sein konnten, sie alle waren nicht selbstmörderisch. Auf den roten Knopf zu drücken würde bedeuten, seine eigene Vernichtung aufs Spiel zu setzen. All diejenigen, die tatsächlich die Macht dazu besaßen, einen Atomkrieg auszulösen, waren schlau genug, ihr Arsenal für nichts anderes als Abschreckung zu verwenden.
Er ging durch die Straßen des Campus‘, zwischen hochmodernen gläsernen und stählernen Gebäuden, entlang von grünen Rasenflächen und Bäumen, die die Gärten zierten. Doch Doktor Meyer nahm das alles gar nicht wahr, so verloren war er in Gedanken an mathematische Gleichungen und an die Zukunft.
Als er eine Straße überquerte, riss ihn ein lauter Knall aus seinen Tagträumereien.
Er riss seinen Kopf herum und bemerkte Rauch, der aus einem Gebäude in der Nähe stieg.
„Das muss die Hochschulkirche sein!“, rief er.
Passanten schrien auf. Studenten und Fakultätsmitarbeiter rannten in die entgegengesetzte Richtung der Explosion – wenn es denn eine gewesen war. Die Rauchsäule stieg immer weiter in den blauen Himmel.
Bei all dem Lärm bemerkte Doktor Meyer nicht einmal den Bulli, der mit quietschenden Reifen neben ihm zum Stehen kam, bis sich die Hintertüren öffneten, zwei maskierte Männer heraussprangen und ihn packten.
„Hey!“
Eine Faust in seinem Magen unterbrach jede weiteren Einwände, die er äußern wollte. Die Männer zerrten ihn in den Bulli, wo ein dritter bereits wartete und ihn mit Klebeband knebelte. Seine Bewegungen waren hastig und eingeübt und er war fertig, bevor die anderen auch nur die Türen wieder schließen konnten.
Der Bulli rauschte los und Doktor Meyer fiel zu Boden. Einer der Männer zog ihn auf die Beine und er blickte sich panisch um.
Auch wenn sie allesamt Sturmhauben trugen, konnte er erkennen, dass sie braune Augen und dunkle Haut hatten. Als einer von ihnen auf, so glaubte er, Arabisch zu sprechen begann, wurden seine schlimmsten Ängste wahr.
Terroristen. Ich wurde gerade von Terroristen entführt.
Die Sicherheitskräfte des Campus hatten diese Möglichkeit bereits mit ihm diskutiert und sie waren gemeinsam die Sicherheitsvorkehrungen des Institutes durchgegangen. Sie hatten sogar einen brandneuen Einbrecheralarm in seinem Haus installiert.
Doch was sie nicht vorhergesehen hatten, waren Terroristen, die als Ablenkung eine Bombe zünden und ihn in der anschließenden Verwirrung entführen würden.
Sie haben mich.
Aber ich bin nicht der Einzige.
Er entdeckte eine zitternde Dame, die in der gegenüberliegenden Ecke des Bullis saß. So wie ihn hatte man sie gefesselt und geknebelt.
Meyer starrte sie einen Augenblick lang an. Kannte er sie? Er benötigte einen Augenblick, um sich zu erinnern.
Es war Professorin Inge Weber von der Klassischen Archäologie. Er hatte sie bisher nur einmal auf einem Treffen der Institute getroffen und hätte sich nicht einmal an ihren Namen erinnert, wenn nicht letzte Woche ein Artikel über sie und ihre neueste Ausgrabung in Ägypten in der Campuszeitung gewesen wäre.
Eine Ägyptologin? Warum sollten Terroristen eine Ägyptologin entführen?
* * *
Jana Peters starrte die Nachricht auf ihrem Handy an und ihr war schlecht vor Schock und Angst.
Sie stammte von einem Kollegen aus Deutschland, der ihr die schreckliche Nachricht überbrachte, dass Professorin Inge Weber, eine gute Freundin und eine ihrer engsten Kolleginnen, von mutmaßlichen Terroristen entführt worden war.
Weber war Expertin für Hieroglyphen aus der Spätzeit und der griechisch-römischen Zeit des Alten Ägyptens, und hatte die Inschriften übersetzt, die sich in den Katakomben befanden, in denen sie die mysteriöse Sammlung der fünf Kanopen entdeckt hatten.
Sie rief Jacob an und sämtliche Vorbehalte, die sie ihm gegenüber gehabt hatte, waren vergessen. Alles, was jetzt zählte, war, Inge zu helfen.
Er nahm nach dem zweiten Klingeln ab.
„Jacob, hast du von dem Terroranschlag an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz gehört?“
„Ja. Sie haben eine Ägyptologin und einen Kernphysiker entführt. Wir haben noch nicht viel mehr Informationen, aber ich vermute, es war Schwert der Gerechten . Die Professorin war auf deiner Ausgrabung, oder?“
„Ja. Moment mal, sie haben auch einen Kernphysiker geschnappt? Warum sollten sie das denn tun?“
„Das sollte eigentlich offensichtlich sein.“ Jana verdrehte ihre Augen. Typische CIA-Arroganz. Sämtliche Kollegen ihres Vaters waren genauso gewesen. „Warum sie eine Ägyptologin entführen, wenn sie die Kanope bereits haben, ist die eigentliche Frage.“
„Warte mal. Glaubst du, sie sind auch hinter mir her?“
„Ich bin mir sicher, das wären sie gerne, aber soweit ich weiß, hat Schwert der Gerechten keinen Ableger in Marokko. König Mohammed VI. war ziemlich gut darin, ihresgleichen zu beseitigen. Ich wünschte, seine Nachbarn hätten sich ebenso viel Mühe gegeben. Ganz Europa könnte sich ein Beispiel an ihm nehmen. Vielleicht haben sie geplant, dich zu entführen, sind aber nicht an dich herangekommen.“
„Oh, mein Gott. Wir müssen ihnen helfen.“
„Heißt das, du bist dabei?“
Jana rieb sich ihre Schläfen. „Ja, ich bin dabei. Aber wo fangen wir an?“
„Ich gebe es ja nicht gerne zu, aber wir stecken in einer Sackgasse. Und immer, wenn das vorkommt, fange ich noch einmal ganz von vorn an. Also Ägypten. Die ganze Sache scheint sich ohnehin um Ägypten zu drehen. Ich würde sagen, wir schauen bei deiner Ausgrabungsstätte vorbei.“
„Wenn ich in einer Sackgasse stecke, fange ich noch einmal ganz von vorn an.“
Das hatte ihr Vater auch immer gesagt.
Und in was für einer Sackgasse ich jetzt stecke. Zusammen mit dir, Jacob.
Mit dir und der CIA.
Kapitän Arnold Cranston stand am Steuer der USS Brandywine , einem Kreuzer der Ticonderoga-Klasse, während dieser die Straße von Gibraltar vom Atlantik in Richtung des westlichen Mittelmeers durchfuhr. Das Schiff war umgeben von zwei Zerstörern und fünf Schiffen für küstennahe Gefechtsführung, zwei davon, die speziell gegen U-Boote vorgehen konnten.
Und gerade diese beiden würden sie bitter benötigen, wenn sie erst einmal ihr Ziel erreichten. Der Iran verfügte über eine Flotte von 34 U-Booten, einige davon hochmodern. Sie würden die Flotte, die sich momentan versammelte, um noch mehr Feuer zu der aktuellen politischen Lage hinzuzufügen, ziemlich einheizen können.
Der Iran hatte vor kurzer Zeit eine „Wahl“ abgehalten, ein offenbar abgekartetes Spiel – nur einige wenige Parteien durften überhaupt antreten. Und da die Imame, die von ihrem nicht zur Wahl stehenden Obersten Führer vertreten wurden, mehr Macht über die Gesetzgebung hatten, als die zivile Regierung, war es ohnehin egal, wer die Wahlen am Ende gewann.
Nichtsdestotrotz waren die Extremisten in Alarmbereitschaft, da ein Reformist zum Präsidenten gewählt wurde und seine Partei die Mehrheit in der Legislative erhalten hatte.
Während seiner Kampagne hatte Ali Bagheri versprochen, die Beziehungen seines Landes mit dem Westen wiederherzustellen, angedeutet, dass das Atomprogramm des Iran verhandelbar sei, und sogar behauptet, dass „unsere geschätzten Schwestern im Islam ihre eigenen Entscheidungen über ihr Leben fällen sollten.“
Natürlich hatte er all das in heiße Rhetorik und ganze Reden nationalistischer Propaganda verpackt, doch es war die progressivste Haltung, die ein iranischer Politiker seit Jahrzehnten an den Tag gelegt hatte.
Und sie hatte dazu geführt, dass er die Wahl gewonnen hatte. Die junge Bevölkerung des Iran, die nur wenig wirtschaftliche Möglichkeiten genoss und dank des Internets genau wusste, was sie alles im Gegensatz zu einer freien westlichen Nation verpassten, hatten in Scharen ihre Stimmen für ihn abgegeben.
Also hatten die Extremisten das einzige getan, was ihnen möglich schien – eine falsche Krise heraufbeschworen, damit sie an der Macht bleiben konnten. Sie hatten ein ganzes Team amerikanischer Bürger entführt – Kunsthistoriker und Fotografen, ausgerechnet – und sie aufgrund von an den Haaren herbeigezogenen Spionageanklagen vors Gericht gestellt. Sie waren Angestellte eines Verlegers aus New York, der sich auf Fotobücher spezialisierte, die die größten Städte der Welt zum Thema hatten. Sie hatten die bemerkenswerte safawidische Architektur von Isfahan drei Wochen lang ungestört untersucht, bis die Revolutionsgarde sich dazu entschlossen hatte, dass sie Spione waren.
Natürlich glaubte das niemand. Nun, vielleicht einige wenige der Verrücktesten aller Verrückten im Iran, doch niemand, der über einen gesunden Menschenverstand verfügte. Massen an Studierenden hatten in Isfahan und Teheran für ihre Freilassung demonstriert, was die Extremisten noch weiter verunsichert hatte.
Und nun befanden sich die USA und der Iran in einer Pattsituation. Sanktionen. Scharfe Worte. Die Verbündeten der USA stärkten ihnen den Rücken. Die Vereinten Nationen schalteten sich ein. Doch die Revolutionsgarde hielt allem stand. Sie behaupteten, dass die Wahlen von zionistischen Verschwörern manipuliert worden waren und verlangten eine Nachzählung.
Der Oberste Führer und die Imame hatten die Macht übernommen, bis die „Nachzählung“ abgeschlossen war. Ali Bagheri und einige Schlüsselmitglieder seiner Partei waren „zu ihrer eigenen Sicherheit“ unter Hausarrest gestellt worden.
Die Verhandlungen standen still. Also war es an der Zeit, die militärische Macht zur Schau zu stellen. Schiffe aus allen möglichen Gebieten steuerten nun den Persischen Golf an, um die Marine der USA dort zu verstärken. Die USS Brandywine und ihre Begleitschiffe waren nur einige von ihnen. Erst gestern waren sie aus der atlantischen Flotte abberufen worden.
Bei Höchstgeschwindigkeit benötigten sie zweieinhalb Tage, bis sie den Suezkanal erreichten und noch einmal genauso lang, bis sie die arabische Halbinsel umrundet hatten und zur Flotte im Persischen Golf stoßen konnten.
Die USS Brandywine würde als Letztes ankommen, doch was sich auf den Sprengköpfen ihrer Tomahawk-Raketen befand, machte es zum wichtigsten Schiff der gesamten Flotte.
Kapitän Cranston betete jeden Abend dafür, dass er sie nicht würde einsetzen müssen.
Der Kapitän beobachtete die Ufer der Straße genau und verlangte ständige Lageberichte von seinem Radartechniker. Er hasste es, so enge Kanäle zu durchfahren. Jeder, der sich auch nur nebenbei mit den größten Marineniederlagen der Geschichte befasst hatte, wusste, wie gefährlich sie sein konnten.
Im Norden lag die Küste Spaniens mit ihren Hügeln und Windparks. Spanien war ihr Verbündeter. Dort herrschte keine Gefahr, jedenfalls nicht von offizieller Seite. Im Süden lagen die Klippen Marokkos und der Hafen von Tanger, der gerade in Sichtweite kam. Marokko war zwar ein Verbündeter im Kampf gegen den Terror, doch sonst konnte man sich nur selten auf sie verlassen, insbesondere, weil sie sich momentan in einem Streit mit Spanien über die Enklaven in Nordafrika befand. Dahinter, an der Nordküste, befand sich Gibraltar, was selbst nach all den Jahren noch unter englischer Flagge stand. Ein verbündeter Hafen, an dem sie Unterstützung aus der Luft und auf Wasser erhalten konnten, wenn sie sie benötigten.
Trotz aller Vorsicht machte sich Cranston Sorgen um die nächste Enge, die er und seine Flotte durchqueren mussten – den Suezkanal. Wenigstens war Ägypten auf ihrer Seite, ihr stärkster Verbündeter im Mittleren Osten, gleich nach Israel.
Doch das war nicht genug, um ihn zu beruhigen. Erst vor ein paar Jahren hatten die radikalen Muslimbrüder die Wahlen gewonnen und eine ganze Reihe restriktiver Gesetze erlassen, die die christliche Bevölkerung des Landes unterdrückten und sogar Israel bedrohten.
Also hatte das Militär einen Coup veranlasst, die Muslimbrüder verbannt und Neuwahlen erlassen, die leicht gewonnen wurden, da die Muslimbrüder die einzige weitere große Partei gewesen waren.
Die Generäle herrschten nun unvoreingenommen, doch der Suezkanal war noch immer voller Gefahren. Er war eng, 193 Kilometer lang und auf beiden Seiten von meist offenen Flächen umgeben, an denen es zahllose Orte gab, an denen Terroristen einen Raketenangriff auf ihre Flotte starten konnten. So langsam wie sie dort fahren mussten, gaben sie ein perfektes Ziel ab.
Ein Ableger des IS befand sich auf der Sinai-Halbinsel im Osten des Kanals und er hatte erst kürzlich neue Informationen darüber erhalten, dass es eine neue Gruppe gab – Schwert der Gerechten – die offenbar einen Anschlag in Ägypten plante, sehr wahrscheinlich auf die amerikanische Botschaft.
Zu Hause sorgten sich die Presseköpfe über einen Krieg mit dem Iran. Doch Kapitän Cranston fühlte sich, als würde er sich bereits jetzt auf dem Schlachtfeld befinden – sobald sie in den Suezkanal einfuhren.
Zweieinhalb Tage. Zweieinhalb Tage lang gab er das perfekte, hilflose Ziel für gleich zwei aktive Terrororganisationen ab.
Jacob Snow war auf der Hut.
Sie waren jetzt in Ägypten und bewirtschaftete Felder umgaben sie westlich von Alexandria, dem größten Mittelmeerhafen des Landes an der breiten Nilmündung. Jana Peters führte ihn zu ihrer Ausgrabungsstätte.
Sie schritten einen schmalen Pfad entlang. Zu ihren Seiten bearbeiteten Bauern in Kopftüchern und Djellabas den Boden oder karrten Sand aus den Bewässerungskanälen, die sich durch die Landschaft zogen und das Land trotz der brennenden Sonne feucht hielten. Anscheinend hatte Sachmet nicht mitbekommen, dass eigentlich Winter war. Die Luftfeuchtigkeit aufgrund des Flussdeltas trug seinen Teil dazu bei und Jacobs Hemd klebte ihm geradezu am Rücken.
Wenigstens war es friedlich und still hier. Das Delta war eine von Ägyptens reichsten Regionen, was jedoch nicht bedeutete, dass sich radikale Islamisten nicht auch hier eingenistet und ihre Ideen verbreitet hatten.
Die Bauern starrten sie an, während sie vorbeigingen. Ausländer waren hier eine Seltenheit, da es nur wenigen Touristenattraktionen gab und die letzte feste Straße bereits mehr als einen Kilometer hinter ihnen lag. Sie hatten ihren Mietwagen dort abstellen und zu Fuß weitergehen müssen.
Jacob hasste es, so aufzufallen wie jetzt. Er fühlte sich dabei stets verwundbar.
„Wir sind gleich da“, versicherte Jana ihm.
Jacob konnte nichts weiter als eine kleine, felsige Anhöhe erkennen, die etwa so groß wie ein Fußballfeld war und die von einem Maschendrahtzaun vom Rest der Landschaft abgetrennt worden war. Ein kleines Betonhäuschen stand fast genau in der Mitte.
Er tastete nach dem Schulterhalfter, das sich unter seiner dünnen khakifarbenen Weste befand. Ein Agent vor Ort hatte sie im Hotel in Alexandria begrüßt und ihm eine Neunmillimeter-Pistole gegeben, sowie ein paar Blendgranaten.
Der Agent selbst hatte nicht mitkommen können.
„Tut mir leid, aber ich muss Informationen über Terroristen, die angeblich den Hafen infiltrieren wollen, nachgehen“, hatte er gesagt.
„Schwert der Gerechten ?“, hatte Jacob gefragt.
„Wir sind uns nicht sicher. Ich halte Sie auf dem Laufenden.“
Also war er nun hier – schlecht ausgerüstet, mitten im Nirgendwo, mit einer Zivilistin im Schlepptau. Toll. Ganz wunderbar.
„Also, Jana, du hast gesagt, dass es sich um eine Reihe an Katakomben handelt. Erzähl mir, was genau uns hier erwartet.“
„Das Delta besteht hauptsächlich aus feuchtem Schlamm dank des Nils, doch es gibt auch zahlreiche natürliche Felsinseln. Wir nähern uns einer von ihnen. In der griechischen Zeit, nachdem Alexander der Große Ägypten erobert hatte, gruben die Einwohner Katakomben in ihnen, um ihre Toten zu begraben. Die alten Ägypter waren geradezu besessen davon, ihre Toten für das Leben nach dem Tod zu bewahren, also wollten sie sie nicht in diesem Grund vergraben.“
„Haben die Griechen nicht ihre eigene Religion mitgebracht?“ Die nackten Statuen waren das einzige, woran er sich noch aus dem Geschichtsunterricht erinnerte.
„Haben sie, doch sie haben schnell die der Ägypter angenommen. Sie haben Katakomben mit mehreren Ebenen ausgehoben und manche von ihnen breiten sich meilenweit unter der Erde aus. Selbst in der römischen Zeit wurden sie noch verwendet.“
„Und diese hier habt ihr entdeckt?“
„Das haben wir.“
Der Stolz in ihrer Stimme war deutlich. Jacob hatte sich nie für diese Dinge interessiert, aber uralte Katakomben zu entdecken, klang ziemlich aufregend, insbesondere für eine Akademikerin wie sie.
Wie sehr sie sich doch von ihrem Vater unterscheidet.
„Wie sieht der Eingang aus? Und die Tunnel und Kammern?“
„Am Eingang ist eine bewaffnete Wache. Sie wurde von einem ägyptischen Kollegen angestellt und vertrauenswürdig. Der Eingang selbst befindet sich hinter einer verschlossenen Metalltür. Dort hinter ist eine spiralförmige Rampe, die aus dem nackten Stein gemeißelt wurde und zu den vier Ebenen der Katakomben führt. Keine elektrische Beleuchtung, deswegen solltest du auch die Taschenlampen kaufen. Die Korridore sind eng und manche Decken instabil. Zahlreiche Orte, an denen man sich verstecken könnte und außerdem haben wir noch nicht sämtliche Kammern erkundet, geschweige denn geöffnet. Die unterste Ebene ist vom Grundwasser geflutet und gänzlich instabil.“
Jacob nickte. Keine schlechte taktische Einschätzung von einer Zivilistin. Vielleicht hatte sie ja doch etwas von ihrem Vater geerbt.
Aaron Peters. Er hat mir eine Menge beigebracht.
Jacob schüttelte seinen Kopf. Keine Zeit, in Erinnerungen zu schwelgen. Er hatte einen Auftrag zu erledigen.
„Alles in Ordnung?“, fragte Jana.
„Ja, wieso?“
„Du hast dich gerade so geschüttelt.“
„Ich mache mich nur locker.“
Jana warf ihm einen fragenden Blick zu, sagte jedoch nichts weiter. Sie kamen an der felsigen Anhöhe an. Ein ägyptischer Mann mittleren Alters tauchte hinter dem Betongebäude auf. Er trug ein altes Gewehr über seine Schulter.
„Doktor Peters, sind Sie das?“, rief er auf Arabisch.
„Ja, Mohammed“, antwortete Jana. „Wie geht es deiner Familie?“
„Gut, gepriesen sei Allah. Und Ihrer?“
Bei den Worten seiner traditionellen Begrüßung verhärteten sich kurz ihre Gesichtszüge, doch dann antwortete sie: „Gut, Dank sei Gott.“
Sie tauschten noch weitere Höflichkeitsfloskeln aus, während Mohammed den Eingang öffnete. Sie fragten einander nach ihrem Wohlbefinden, ihren Nachbarn, den Noten, die Mohammeds Kinder in der Schule erhielten, und so weiter. Jacob war stets amüsiert darüber, wie die Menschen des Mittleren Ostens ganze Gespräche führen konnten, deren Inhalt sich auf ein einziges „Hallo“ reduzieren ließen. Einerseits war es ganz angenehm, doch nicht, wenn man es eilig hatte.
Er musste seine Ungeduld im Zaum halten, während Jana ihn als einen Kollegen vorstellte und sie eine weitere Runde Floskeln austauschten. Wenigstens konnten sie seine Einladung auf einen Tee abwehren, ein Ritual, das sie mindestens eine halbe Stunde gekostet hätte.
„Anschließend, Mohammed“, versprach Jana. „War in der Zwischenzeit jemand hier?“
„Nein. Nur ein Mann von der Antiquitätenabteilung, der sich die Decken ansehen wollte. Auf der dritten Ebene sind ein paar weitere Risse aufgebrochen.“
„Wie unangenehm. Mein Kollege und ich wollen ein paar Sachen untersuchen.“
„Passen Sie auf sich aus, falls Sie auf die unteren Ebenen gehen.“
Mohammed schloss die fadenscheinig wirkende Metalltür auf und sie traten in das kühle, feuchte Innere. Er blieb draußen.
Als Jacobs Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte er das schwarze Loch ausmachen, das bestimmt drei Meter maß. An den Außenwänden führte eine Spiraltreppe nach unten. Sie schalteten ihre Taschenlampen an und er untersuchte das Loch genauer.
Der Boden war nicht zu erkennen. Allein die Treppe führte weiter und weiter in die Dunkelheit. Eine hüfthohe Mauer war zum Schutze all jener errichtet, die drohten, in den endlosen Schlund zu fallen.
Sie stiegen hinab und ihre Schritte hallten an den Wänden. Jacob überkam ein Schauder, der nicht nur der kalten Luft, die von unten hochstieg, zu schulden war. Er hatte schon seit kleines Kind Angst vor der Dunkelheit und bisweilen holte ihn diese alte Angst wieder ein.
Wie damals in den Höhlen von Tora Bora, als er sich vor den Taliban versteckt und ihn das Geflüster derjenigen umgeben hatte, die ihm die Kehle durchschneiden wollten.
Nein.
Er hatte jetzt keine Zeit für einen Rückblick in seine Vergangenheit.
„Die oberen Ebenen sind stabil“, sagte Jana.
Jacob überkam ein Anflug von Ärger. Sagte sie das, weil sie dachte, dass er nervös sei? Hatte sie auch nur den Hauch einer Ahnung, woraus sein tägliches Geschäft bei der CIA bestand?
Weiter unten konnten sie jetzt eine dunkle Öffnung in der Wand erkennen.
„Das ist ein Esszimmer“, erklärte Jana.
„Wie bitte?“
„Verwandte der Toten kamen hierher, um mit dem Geist des Verstorbenen zu essen.“
„Inmitten der ganzen Leichen? Oh, Mann, und ich dachte, dass Fast Food ungesund ist.“
„Nein, die Leichname befinden sich weiter unten.“
Ihre Erklärungen waren so beiläufig, als wollte sie ihn beeindrucken.
Ich schätze, dass ich schon weitaus mehr Leichen als du gesehen hast, Kleine, nicht, dass ich eine Wahl gehabt hätte. Ich würde meine Erfahrungen gern gegen deine Naivität eintauschen.
Doch dafür ist es schon lange zu spät.
Jacob leuchtete mit seiner Taschenlampe in die Kammer. Er sah nichts als einen leeren Raum, der vielleicht drei Mal sechs Meter maß. Niedrige Bänke standen an der Seite, so wie er es aus Gemälden alter griechischer Esszimmer kannte. Er stellte sich die alten Griechen und später Römer vor, die sich hier auf Kissen niederließen, Trauben aßen und Wein tranken, während ihre Verwandten nur einige Ebenen weiter unten am vermodern waren.
„Also, wonach suchen wir hier?“, fragte Jana, als sie weiter nach unten gingen.
„Ich weiß es nicht. Was auch immer du vielleicht beim ersten Mal übersehen hast. Du hast gesagt, dass ihr noch nicht alle Kammern erforscht habt?“
„Insgesamt gibt es vier Ebenen. Die unterste ist teilweise mit Grundwasser überflutet und die Decke ist instabil, wie gesagt. Die zweitunterste ist ebenfalls in ziemlich schlechtem Zustand. Dort unten haben wir nicht besonders viel Zeit verbringen können. Hier, wir haben gleich die erste Ebene erreicht.“
Eine Passage führte in die Dunkelheit. Auf beiden Seiten konnte Jacob Vertiefungen erkennen, die wie Regale wirkten. Jede von ihnen war circa einen Meter achtzig lang. Er musste kein Archäologe sein, um zu wissen, was sich in ihnen befand.
Jacob blieb stehen. „Ihr habt Karten angefertigt und alles ausgekundschaftet, richtig?“
„Die oberen beiden Ebenen, ja. Viel haben wir nicht gefunden. Dieser Ort wurde schon vor Jahrhunderten geplündert. All diese Nischen waren ursprünglich mit beschriebenen Steintafeln verdeckt. Grabräuber haben sie zerstört. Wir haben nur wenige Artefakte gefunden – mehr auf der zweiten Ebenen. Lass uns dort hinuntergehen.“
„In Ordnung.“
Sie stiegen die Treppe weiter hinab, bis sie zu einer weiteren Passage kamen, die der ersten glich. Sie führte gerade tiefer hinein, weiter, als ihre Taschenlampen reichten, und weitere Nebenpassagen gingen von ihr ab. Auch hier waren die Wände voller Nischen, in denen sich Leichname befanden und auf dem Boden lagen endlos viele zerstörte Steintafeln. In einer der Nischen, die ihm am nächsten war, erspähte Jacob die Überreste von Binden, die zu einer Mumie gehören mussten.
„Am Ende des Ganges ist eine Inschrift, die ich mir noch einmal ansehen möchte“, sagte Jana.
Erneut lief Jacob ein Schauder über den Rücken.
Sei kein Weichei. Du bist keine fünf mehr.
Sie gingen die Passage entlang und mussten gelegentlich über Überreste springen. Ihre Schritte hallten in der Dunkelheit und die kalte Luft sorgte Jacob für Gänsehaut. Er erblickte eine Tafel, die intakter war als die anderen. Das Gesicht einer Frau, die das zerbrochene Basrelief abbildete, starrte mit leerem Blick zu ihm hoch. Jacob blickte schnell wieder auf.
„Hier, am Ende dieses Seitenganges“, sagte die Archäologin.
Sie bog rechts ab und die Passage, die vor ihnen lag, sah genauso aus, wie die, die sie gerade verlassen hatten. Auch hier reichte der Strahl ihrer Taschenlampen nicht bis ans Ende.
Verdammt, wie groß ist dieser Ort?
Man könnte sich ohne Probleme hier verlaufen. Immer weiter und weiter …
Im Dunkeln war es am besten, wenn man jemanden hatte, an dem man sich festhalten konnte. Er wünschte, Gabriella wäre jetzt hier.
Erstaunt bemerkte Jacob, dass einige Steintafeln noch an ihrer ursprünglichen Position waren. Einer von ihnen war blank, bis auf eine Inschrift auf Griechisch. Auf dem anderen befanden sich ein Mann und eine Frau. Er trug eine Tunika und hielt ein Schwert in die Höhe und sie trug lockere Roben und hielt etwas in die Höhe, das er nicht identifizieren konnte.
Ein Mann und seine Frau, die bis in alle Ewigkeit hier in ihrem Grab lagen. Sie hatten ihre Leben miteinander verbracht und nun lagen sie gemeinsam hier.
Das wirst du niemals haben, Jacob, alter Junge.
„Hier“, sagte Jana. Ihre Stimme war nur noch ein Flüstern.
Auf einem Abschnitt der Wand zwischen zwei Nischen – in einer von ihnen befanden sich tatsächlich Knochen – waren Hieroglyphen zu sehen.
„Warum ist hier eine Inschrift auf Ägyptisch? Gleich dort drüben ist eine auf Griechisch.“
„Sie haben beides verwendet. Ein faszinierendes Beispiel dafür, wie Kulturen miteinander verschmelzen.“
Faszinierend. Aber sag mir lieber, was die Terroristen vorhaben, damit ich sie ausschalten kann.
Jana strich mit den Fingern über die Schnitzereien, doch sie war vorsichtig, sie nicht ganz zu berühren. Obwohl sie aus Stein waren, behandelte sie sie, als wären sie feinstes Glas. Jacob machte sich hingegen mehr Sorgen über die Decke. Direkt über ihnen entdeckte er einen Riss.
„Ich wünschte, ich hätte meine Aufzeichnungen mitgenommen. Inge hat diese Inschrift übersetzt. Hier steht etwas über das Licht von Re. Warte mal kurz, Hieroglyphen sind nicht gerade meine Spezialität.“
Sie murmelte leise vor sich hin, starrte die Inschrift an und kritzelte im Licht der Taschenlampe in ihrem Notizheft.
„Ich dachte, du bist Ägyptologin.“
„Mein Spezialgebiet ist die römische Zeit. Es gibt noch mehr außer Hieroglyphen zu erforschen. Bitte unterbrich mich nicht.“
Oh, Verzeihung, werte Dame.
Nach einem Moment lies sie vor: „In dieser Wand ruhen die Priester des heiligen, strafenden Lichtes von Re und Sachmet, dem unsichtbaren Licht, das verbrennt und krank macht.“
„Das steht dort?“
„Glaube ich. Oder zumindest etwas in der Richtung. Es dauert zehn Jahre, bis man diese Inschriften wirklich fließend lesen kann, aber ich erinnere mich ein wenig an Inges Übersetzung aus ihrem Bericht.“
„Das klingt wie das, was auf der Kanope stand. Aber was zum Geier soll es bedeuten?“
Jana zuckte mit den Schultern.
Ein Schrei hallte durch die dunklen Korridore und Jacob lief ein Schauder über den Rücken.
„Was war das?“
„Das klang wie Mohammed“, sagte Jana.
In dem Moment ertönte ein Geräusch, mit dem Jacob nur allzu vertraut war.
Der Knall einer Pistole.
Jacob stellte seine Taschenlampe aus. Jana war geistesgegenwärtig genug, es ihm gleichzutun, ohne dass er etwas sagen musste, und die pechschwarze Dunkelheit der Katakomben hüllte sie ein. Jacob schauderte erneut und war froh darüber, dass seine Begleiterin es nicht sehen konnte. Er zückte seine Waffe und fühlte sich gleich besser. Noch nicht perfekt, aber wenigstens ein bisschen.
Das Echo des Schusses hallte noch lange nach. Jacob hätte schwören können, dass er in der Nähe Kieselsteine hörte, die von der Decke rieselten.
Und dann hörte er noch etwas – Stimmen und Schritte. Gleich mehrere Personen sprachen gleichzeitig miteinander und ihre Worte mischten sich. Trotzdem war er sich sicher, dass er unter dem Arabisch auch Deutsch verstand.
Das sind doch nicht etwa die Geiseln vom Anschlag auf die Universität, oder?
Das wäre ein unheimlicher Zufall, doch andererseits ergab es auch Sinn. So wie sie zurück zum Anfang gegangen waren, um sich ein Bild von der Situation zu verschaffen, hatten es die Terroristen ihnen anscheinend gleichgetan und sie hatten ihre Geiseln mitgebracht.
Wenigstens war Mohammed gestorben, ohne seinen Mördern zu verraten, dass sie ebenfalls hier waren. So hatten sie den Vorteil.
Die Schritte wurden lauter. Ein Licht erschien in der Dunkelheit und erhellte den Korridor in der Ferne. Die Terroristen kamen die Treppen hinunter.
Der Lichtkegel erschien nun vollständig und für einen kurzen Moment war Jacob sich sicher, dass sie genau auf die Inschrift zukommen würden, die Jana eben übersetzt hatte, doch im nächsten Augenblick wurde das Licht wieder schwächer.
„Sie gehen zu den unteren Ebenen“, flüsterte Jana so leise, dass ihr sie fast nicht verstand.
Jacob drehte seine Taschenlampe in seiner Hand um, sodass die Linse von seiner Handfläche verdeckt wurde. Dann stellte er sie an. Nur ein schwaches Licht erschien, gerade genug, um zu sehen, wohin er trat.
„Bleib hier“, flüsterte er. „Ich folge ihnen.“
„Vergiss es. Ich komme mit.“
„Nein, du bleibst.“
„Das hier ist ein Labyrinth. Du wirst dich verlaufen und gewisse Passagen sind äußerst instabil. Ich muss mitkommen, damit hier nicht alles zusammenbricht.“
Jacob dachte einen Augenblick nach, fluchte leise und sagte schließlich: „Na gut. Gehen wir. Aber wenn wir sie erreichen, verschwindest du. Verstanden?“
„Verstanden.“
Jacob betrachtete sie einen Moment lang und war sich nicht sicher, dass sie ihn wirklich verstanden hatte. Er bemerkte, dass sie Tränen in den Augen hatte.
„Was ist los?“
„Mohammed. Ich kannte seine Familie.“ Sie unterdrückte ein Schluchzen.
Jacob blinzelte. Er war so gewöhnt an den Tod, dass er manchmal vergaß, wie andere Menschen in seinem Angesicht reagierten.
Er zögerte einen Moment und sagte dann: „Ich werde ihn rächen.“
„Das wird ihn auch nicht wieder zurückbringen“, flüsterte sie.
Darauf wusste er keine Antwort.
Sie gingen vorsichtig die Passage entlang, blickten auf den Boden und wichen dem Schutt aus, der überall verteilt lag. Im schwachen Licht der bedeckten Taschenlampe schien das Gesicht des Reliefs, das er vorhin bereits bemerkt hatte, zum Leben zu erwachen. Die steinernen Augen der Frau folgten ihnen, während sie weitergingen.
Sie gelangten an die Ecke und blickten den nächsten Gang hinab, der zu der zentralen Treppe führte. Das Licht der Terroristen war fast verschwunden.
„Sie sind nicht mehr auf der Treppe“, flüsterte Jana.
„Was denkst du, auf welcher Ebene sie sind?“
„Es gibt nur eine Möglichkeit, das herauszufinden.“
Sie gingen so schnell sie konnten auf die Treppe zu und entdeckten schließlich ein schwaches Licht in der Tiefe. Sie hörten weit entfernte Stimmen und das plätschernde Geräusch von Wasser.
„Sie sind auf der untersten Ebene“, flüsterte Jana.
Verdammt. Sie ist überflutet, so können wir uns nur schwer anschleichen.
Sie schritten die Stufen hinab und gingen an den Passagen vorbei, die sich auf der dritten Ebene befanden. Die Dunkelheit störte Jacob gar nicht mehr. Er wusste, was ihn erwartete – und das war deutlich angenehmer, als nur zu glauben , dass irgendwo eine Bedrohung lauerte.
Dank mir sind es jetzt die Taliban, die Angst vor der Dunkelheit haben.
Und vor mir.
Konzentriere dich!
Auch wenn sie jetzt näher an der untersten Ebene waren, war das Licht der Terroristen noch schwächer geworden, als wären sie tiefer ins Labyrinth vorgedrungen.
Ein lautes Plätschern und ein Schrei sorgten dafür, dass sie wie angewurzelt stehenblieben.
In der Ferne überschlugen sich die Stimmen und hallten an den Wänden wider. Eine Frau schrie etwas auf Deutsch. Jacob verstand die Sprache zwar, konnte ihre Worte allerdings nicht ausmachen.
„Das klang wie Inge“, flüsterte Jana.
„Hast du verstanden, was sie gesagt hat?“
„Ich glaube, sie hat gerufen, dass die Decke bald einstürzt.“
Na toll.
„Gehen wir“, murmelte er.
Er packte seine Taschenlampe fester und verdunkelte sie so sehr, dass sie jetzt kaum noch den Boden unter ihren Füßen erkennen konnte. Jacob traute sich allerdings nicht, mehr Licht durchscheinen zu lassen, falls einer der Terroristen als Wache zurückgeblieben war.
Ein leichtes Schimmern in der Ferne verriet ihm, dass sie fast am Wasser angelangt waren. Ein weiteres Plätschern und ein deutlicher Schwall an arabischen Schimpfworten ertönte und nun war es klar, dass es die Decke war, die ihnen Probleme bereitete.
Das macht meine Blendgranaten hier schon einmal nutzlos.
Jacob stellte fest, dass die Rufe aus einer Passage zu ihrer Linken ertönten. Er sah ein schwaches Licht in der Ferne, das sich auf der Wasseroberfläche spiegelte. Außerdem entdeckte er weitere Gänge, die sich nach links und rechts erstreckten. Anscheinend endete die Treppe hier unten in einem kreisförmigen Raum.
Er trat einen Schritt ins Wasser, dessen Kälte bis zu seinen Knien hochschlug. Langsam watete er hindurch und versuchte, so wenig Geräusche wie möglich zu verursachen. Jana blieb an seiner Seite. Er wollte ihr schon sagen, dass sie zurückbleiben sollte, doch anscheinend hatte sie recht. Dieser Ort war wirklich ein regelrechtes Labyrinth. Er wollte sich nur ungern hier verlaufen.
Wenn man bedachte, wie überflutet und instabil es hier unten war, wie gut sie diese Ebene überhaupt selbst kannte? Hatten die Archäologen es gewagt, weiter als diese zentrale Kammer zu gehen?
Jacob und Jana erreichten den Eingang des Hauptkorridors und nun stellte er seine Taschenlampe aus. Dank der Terroristen war genug Licht vorhanden, dass sie ausreichend erkennen konnten.
Vor ihnen erstreckte sich eine lange Passage, deren feuchte Wände im schwachen Licht glänzten. Grabnischen zierten auch hier die Seiten. Nur wenige von ihnen trugen noch die Steintafeln, die sie verschlossen und die mit geisterhaften Gesichtern verziert waren.
Ungefähr fünfzig Meter entfernt konnte er eine Kreuzung aus vier Passagen erkennen. Das Licht kam aus der rechten und Stimmen hallten ihnen entgegen. Sie sprachen Deutsch – ein Mann, der etwas befahl und eine Frau, die ihn anflehte. Das Wasser schlug seichte Wellen aufgrund der Terroristen und ihren Geiseln, die hindurchwateten.
Jacob bedeutete Jana hinter ihm zu bleiben und langsam betrat er den Korridor. Er hob seine Waffe und war bereit, die Taschenlampe sofort anzuschalten und jedem potenziellen Terroristen ins Gesicht zu halten, der vielleicht hinter einer Ecke auftauchte.
Er stolperte über Schutt, der unter der Wasseroberfläche verborgen war und knirschte mit den Zähnen, als das Wasser laut plätscherte. Die schwarzen Wellen schlugen bis hin zur Kreuzung und vermischten sich mit denen der Terroristen.
Jacob hielt einen Moment inne und ließ sich die Wellen beruhigen. Dann ging er vorsichtig weiter. Er war unendlich frustriert darüber, sich so langsam bewegen zu müssen, doch wenn er jetzt nicht aufpasste, könnte das das Ende für sie bedeuten.
Jana folgte ihm. Eigentlich wollte er, dass sie zurückblieb. Er wedelte mit der Hand und bedeutete ihr, stehenzubleiben, doch sie ging unbeirrt weiter.
So nah an ihrem Ziel konnten sie es sich nicht leisten, auch nur zu flüstern, also ging er weiter. Mit jedem Schritt verursachte er eine kleine Welle. Wenn auch nur eines der Mitglieder von Schwert der Gerechten zurück zur Kreuzung blicken würde, könnten sie leicht erkennen, dass sie nicht die Einzigen hier unten waren.
Doch daran konnte er nichts ändern und musste nur hoffen. Er ging unendlich langsam weiter und betete, dass sie die beiden Wissenschaftler nicht umbringen würden.
Inzwischen konnte er das Gespräch ausmachen.
„Ich verstehe nicht, warum ich diese Hieroglyphen übersetzen soll. Was wollen Sie mit diesen Informationen anstellen?“, fragte die Frau.
„Mach einfach, was man dir sagt, dreckige Ungläubige. Sei froh, dass ich dir nicht den Kopf abschlage und das Video davon ins Internet stelle. Das wäre nicht das erste Mal! Erst vor kurzem war es eine naive, kleine europäische Frau wie du, die für das Rote Kreuz gearbeitet hat. Sieh nur! Hiermit werde ich dir den Hals aufschlitzen!“
Er musste eine Waffe gezückt haben, denn jetzt schrie die Frau auf.
„In Ordnung! In Ordnung!“, schrie sie. „Lassen Sie mich nur konzentrieren.“
Jacob warf einen Blick über seine Schulter in Richtung Jana. Sie war nichts als ein Schatten hinter ihm. Trotz der Gefahr, der ihre Freundin ausgesetzt war, schien sie ruhig zu bleiben. Gut. Die meisten Zivilisten würden in solch einer Situation die Nerven verlieren.
Nun, sie ist schließlich Aaron Peters‘ Tochter. Das muss im Blut liegen.
Auch wenn er nur zwei Stimmen vernommen hatte, konnte Jacob hören, dass mehr anwesend waren. Anhand der Wellen, die aus dem Korridor schlugen, mussten es mindestens ein halbes Dutzend sein.
Ungefähr so viele, wie laut Zeugenaussagen Professor Meyer und Weber entführt hatten.
Sie müssen ganz schön gute Verbindungen haben, um so schnell unentdeckt hierherkommen zu können. Schwert der Gerechten muss sich jahrelang ausgebreitet haben, bevor sie sich zum ersten Mal bemerkbar gemacht haben.
Professor Inge Webers Stimme ertönte zitternd: „Das bleierne Siegel des Re verschließt das heilige, strafende Licht Res und Sachmets, das unsichtbare Licht, das verbrennt und krankmacht.“
„Perfekt!“, sagte eine andere männliche Stimme auf Arabisch. „Hast du gehört, was die Ungläubige gesagt hat? Genau, wie wir dachten!“
Jacob ging weiter. Auf der rechten Seite erblickte er eine Nische, in der Skelettüberreste lagen. Links befand sich eine intakte Steintafel, auf der ein trauerndes Gesicht eingraviert war. Schotter lag auf dem Boden und die kleinen Steine rutschten unter seinen Stiefeln. Ein kurzer Blick gen Decke verriet ihm, dass überall tiefe Risse waren, die sich wie ein Spinnennetz ausbreiteten.
Inzwischen waren sie fast an der Kreuzung angelangt. Jacob entspannte sich und erinnerte sich an sein Training. Alles war jetzt egal. Die Dunkelheit, vor der er noch immer Angst hatte, die nervige Frau hinter ihm, die Tatsache, dass die Terroristen sechs zu eins in der Überzahl waren und dazu auch noch Geiseln hatten.
Alles, worauf es jetzt ankam, war seine Mission und Jacob Snow erfüllte stets die Mission.
Nur noch ein paar Schritte und er würde um die Ecke huschen, sie mit seiner Taschenlampe blenden und, wenn er freie Schusslinie hatte, alle Terroristen umlegen, ohne dass die Geiseln verletzt wurden.
Eine schwierige Aufgabe, aber das wäre nicht das erste Mal. Alles, was er benötigte, war das Überraschungsmoment.
Und genau das war es, das er verlor, als ein lautes Knacken über ihm ertönte. Er zögerte und blickte nach oben, gerade rechtzeitig, um mit anzusehen, wie ein großer Steinbrocken auf seine Schulter nieder krachte.
Er ließ seine Taschenlampe fallen und ein heller Lichtkegel erschien kurz, bevor sie ins Wasser fiel.
Jana schrie auf und Jacob fiel im eisigen Wasser auf die Knie.
Bevor er sich aufrappeln konnte, hörte er laute Schreie und Plätschern. Die grellen Lichtkegel mehrerer Taschenlampen zeigten jetzt in Richtung der Kreuzung.
Jacob sprang auf. Er rannte auf die Kreuzung zu, um sie zuerst zu erreichen. Wenn möglich, würde er die Ecke als Deckung verwenden, und die Terroristen wären schutzlos in der Passage dahinter. Wenn er es nicht schaffte, wären die Rollen vertauscht und er und Jana würden nur noch Sekunden zu leben haben.
Dem Plätschern hinter der Ecke nach zu urteilen, würde er es nicht schaffen.
„Runter!“, schrie er, während er sich ins Wasser fallen ließ.
Diese Aktion rettete ihm vermutlich das Leben, den im nächsten Moment bereits hörte er, wie einer der Terroristen um die Ecke kam und das Feuer eröffnete. Selbst unter Wasser hörte er das Rattern der automatischen Pistole klar und deutlich.
Jana ist tot. Nach all dem, was sie dank der CIA mitmachen musste. Und jetzt ist sie meinetwegen tot.
Wut stieg in ihm auf wie Lava in einem Vulkan. Er stieß sich vom Boden ab und schwamm unter Wasser. Er ignorierte den Schmerz in seiner Schulter.
Als er den Terroristen erreichte, schlang er seine Arme um seine Beine, stellte seine eigenen auf und hob ihn hoch, sodass er in – so hoffte er – die Richtung seiner Komplizen fiel.
Bevor er auch nur Zeit hatte, sich seine Augen abzuwischen, feuerte er dreimal und sprang zurück.
Er prallte auf die Wand auf und Kiesel fielen von der Decke. Er wischte sich das Wasser aus seinen Augen und erblickte in den zwei Sekunden, bevor erneut Wasser in sein Gesicht lief, einen Mann, der unter der Wasseroberfläche verschwand, sowie einen weiteren, der sich seinen blutüberströmten Bauch hielt.
Jacob stand nun an der Ecke der Kreuzung und konnte nicht ganz bis zu der Stelle in der Passage sehen, wo die Terroristen standen. Er wich weiter zurück, während noch einer von ihnen mit erhobener Waffe um die Ecke gestürmt kam.
Ein Kopfschuss später lag auch er im Wasser.
Jemand schrie etwas auf Arabisch, das Jacob über das Klingeln in seinen Ohren nicht verstehen konnte. Einen Moment später gingen sämtliche Lichter aus und das Labyrinth versank in der Dunkelheit. Jacobs eigene Taschenlampe war ins Wasser gefallen und ausgegangen. Jana musste es ebenso ergangen sein.
Er hörte das Wasser plätschern. Es klang, als liefen die Terroristen davon.
Jacob schritt vorwärts, sein Herz raste, seine Waffe war erhoben und mit der freien Hand tastete er sich die Wand entlang.
Plötzlich packten ihn starke Arme und er wurde in die Höhe gehoben. Einer der Mitglieder von Schwert der Gerechten hatte ihn mit seinem eigenen Manöver überrascht.
Ich hasse es, wenn sie schlau sind, dachte Jacob, noch während er gegen die Wand geschleudert wurde und sich den Kopf anschlug.
Mehr Steine prasselten auf ihn nieder. Einer von ihnen musste seinen unsichtbaren Gegner getroffen haben, denn sein Griff lockerte sich jetzt.
Das war die Gelegenheit, die Jacob benötigte. Er rammte seine Handfläche in die Richtung, in der er das Kinn des Mannes vermutete.
Und er hatte fast richtig geraten. Stattdessen spürte er, wie er das weiche Gewebe seiner Nase rammte.
Wahrscheinlich hatte jeder schon einmal von dem Gerücht gehört, dass wenn man die Nase richtig erwischt, sich die Knochen so in den Schädel rammten, dass sie sich ins Gehirn bohrten und seinen Feind mit einem Schlag töteten. Bereits in der Grundausbildung hatte Jacob gelernt, dass das nicht stimmte. In der Nase gibt es keine Knochen, nur Knorpel, der einfach nur zusammengepresst wird, wenn er einen harten Aufprall erleidet.
Genug dafür, dass man benommen wird, war es allerdings allemal. Jacob packte seinen Gegner, rammte ihm sein Knie in den Bauch und stieß ihn ins Wasser.
Auch er ließ sich nieder und begann, ihn zu würgen. Allein seinen eigenen Kopf hielt er über Wasser. Er hatte Angst, dass einer von diesen Verrückten blind in die Dunkelheit feuern würde. Das würde wahrscheinlich dafür sorgen, dass die gesamte verdammte Ebene einstürzte, aber hey, wenigstens würde er so an seine 72 Jungfrauen kommen.
Der Mann in seinem Griff bäumte sich auf, doch Jacob hielt ihn unter Wasser. Er kratzte und wand sich, doch er bekam einfach keinen Halt. Dann hatte er plötzlich eine viel zu gute Idee.
Er hatte es auf Jacobs Hoden abgesehen.
Jacob spürte, wie er nach ihnen griff, doch er verfehlte sie und packte stattdessen seinen Oberschenkel. Der zweite Versuch war zielgenauer. Jacob zischte vor Schmerz auf und drehte seine Hüfte, um ihm zu entkommen.
Großer Fehler. Ein scharfer Schmerz, der mindestens eine Woche Enthaltsamkeit bedeutete, schoss durch seinen Rücken. Er keuchte auf und fiel hintenüber. Nichtsdestotrotz hielt er den Terroristen weiter fest, auch wenn er sich verzweifelt versuchte zu befreien.
Er wurde schwächer und schwächer. Jacob schaffte es, seinen Kopf wieder über Wasser zu bekommen und hörte von beiden Seiten lautes Plätschern.
Verdammt, kamen seine Freunde zurück?
Die Geräusche wurden lauter und lauter, während sein Gegner immer schwächer wurde und schließlich ganz aufhörte, sich zu wehren. Jacob stellte fest, dass das Plätschern rechts von ihm am lautesten war, in der Richtung, aus der er gekommen war – wenn er denn nicht völlig seine Orientierung verloren hatte.
Er drückte ein letztes Mal hart zu, ließ den Mann los und tastete ihn ein letztes Mal ab, um sicherzugehen, dass er nicht doch entkam. Nein. Er war tot.
Jacob hob die Waffe in die Richtung, aus der die Schritte ertönten und versuchte angestrengt, etwas in der Dunkelheit zu erkennen. Die Geräusche wurden leiser. Sie entfernten sich? Oder war das eine zweite Person, die sich in der Ferne bewegte?
„Jetzt!“, ertönte ein Schrei auf Arabisch, der aufgrund des Echos klang, als schrie einer der Totengeister in diesen verlassenen Hallen auf. Neben ihm ertönte ein leises Plätschern. Jacob zielte auf die Richtung, aus der es kam.
Ein Licht erhellte die Richtung, aus der er gekommen war. Es war weit entfernt und beleuchtete die Passage, doch die Lichtquelle schien sich um die Ecke zu befinden. Er sah keine Gestalten. Woher kam also das Plätschern? Vielleicht war dieser dunkle Schemen im Wasser …
… Doch dafür hatte er jetzt keine Zeit, denn im nächsten Moment erhellte eine zweite Lichtquelle die Dunkelheit und war direkt auf ihn gerichtet.
Sie kam aus dem Korridor, in dem er die Terroristen erblickt hatte.
Ein Schuss hallte durch den engen Gang. Jacob war bereits in Bewegung. Er spürte die Hitze der Kugel, die neben seinem Kopf surrte und sich in den Grabstein hinter ihm bohrte. Kurz danach stürzten sich zwei dunkle Gestalten auf ihn.
Jacob hob seine Waffe, doch jemand schlug sie ihm zur Seite und sein Schuss bohrte sich in die Decke, was dafür sorgte, dass gleich mehrere Steinbrocken hinunterfielen.
Es wäre schön gewesen, wenn sie die Terroristen erwischt hätten, doch Jacob Snow hatte noch nie besonders viel Glück gehabt. Jemand packte ihn fest am Handgelenk und sicherte seine Waffe, während eine Faust sein Gesicht rammte.
Seine Angreifer waren nichts als Schemen, die im Gegenlicht eines dritten Mannes mit einer Taschenlampe standen, der sich ein paar Schritte hinter ihnen befand. Das Licht blendete Jacob, doch was er deutlich sehen konnte, war das Messer, das in der Hand des Zweiten aufblitzte.
Das Messer, das sich auf ihn zuschoss.
Jacob wich nach hinten und rechts zurück und das Messer verfehlte ihn nur um Zentimeter. Der Mann, der sein Handgelenk gepackt hatte, griff ihn jetzt auch an der Schulter, damit sein Kumpane ihn beim nächsten Stich erwischen würde.
Jacob rammte seine Faust in die Achsel des Mannes, spürte, wie sich seine Schulter auskugelte und sein Griff lockerte. Das Messer sauste erneut auf ihn zu. Jacob fiel über Schutt, als er wieder zurückwich und fiel mit einem lauten Plätschern ins Wasser.
Er stieß sich vom Boden nach hinten ab, um ein wenig Entfernung zwischen sich und seine Angreifer zu bringen und stand dann auf, um auf sie zu feuern.
Doch der Mann mit dem Messer stand direkt vor ihm. Jacob feuerte dreimal auf seinen Bauch und ein viertes Mal auf den Kopf des anderen Mannes. Wieder fielen Steine von der Decke.
Ein Licht erstrahlte aus der anderen Richtung und Jacob stand nun wie ein Reh zwischen zwei sich rasend schnell nähernden Autos.
Er ließ sich ins Wasser fallen, als ein Kugelhagel über ihn hinwegfegte. Ein großer Felsen fiel von der Decke.
Verdammt. Wenn die so weitermachen, werden wir hier alle lebendig begraben.
Er blieb unter Wasser und hielt sich an einem Felsen fest. Die Lichter suchten den Gang ab und er blieb so still wie möglich. Er hoffte inständig, dass sie ihn nicht sahen.
Seine Lungen brannten, während die Lichter noch immer nach ihm suchten. Doch schließlich verblichen sie.
Eine Falle? Nein, er konnte nicht länger warten. Vor seinem Abtauchen hatte er nicht mehr Luft holen können. Er schwamm einen Meter nach rechts und streckte schließlich seinen Kopf aus dem Wasser. Verzweifelt blinzelte er, um etwas in der Dunkelheit zu erkennen.
„Haben wir ihn erwischt?“, fragte ein Mann auf Arabisch.
„Loslassen!“, schrie eine Frau. Es war Jana! Wie zur Hölle hatte sie überlebt?
„Schnauze“, antwortete der Mann. „Habt ihr die Professorin?“
„Ja“, antwortete eine zweite Stimme.
Jacob hob seine Waffe. Er war inzwischen vorsichtig bis zur Kreuzung gedriftet und hatte seinen Kopf die ganze Zeit über so niedrig wie möglich gehalten. Zwei Lichtstrahlen durchbrachen die Dunkelheit, doch sie waren inzwischen weit entfernt. Jacob hoffte, dass sie ihn vor lauter Wellen und tanzenden Lichtern nicht entdecken würden.
„Da!“
Jacob tauchte blitzschnell erneut ab, bevor ein weiterer Kugelhagel über ihn hinweg sauste. Selbst unter Wasser konnte er das ominöse Rumpeln und Krachen hören.
Es klang, als würde der gesamte Korridor zusammenbrechen und ihn, die Terroristen, die deutsche Ägyptologin und Jana allesamt begraben.
Jacob tauchte auf und zahlreiche Kiesel und ganze Steine prasselten auf ihn nieder. Einer von ihnen erwischte ihn genau zwischen den Schulterblättern und er grunzte vor Schmerz. Die Lichter der Taschenlampen verschwanden. Jacob wischte sich die Augen ab und konnte vor lauter Staub in der Luft kaum etwas erkennen.
Er war von der Kreuzung aus eine der anderen Passagen entlanggegangen und musste feststellen, dass sie nun vor heruntergekrachten Felsen blockiert war. Ein Brocken, der so groß war wie ein Wohnzimmersessel, war keine zwei Meter von ihm entfernt herabgefallen. Die Wellen vom Aufprall schlugen immer noch gegen ihn.
Jacob wirbelte herum und sah, dass die Lichter der Taschenlampen immer weiter verblassten. Eine Frau schrie auf. Das laute Rumpeln verstummte, doch dem Geräusch folgte ein weitaus ominöseres Knacken.
„Ist er tot?“, rief einer der Terroristen.
„Ist doch egal, lasst uns hier verschwinden“, antwortete ein anderer vom entgegengesetzten Ende des Korridors.
„Treffen wir uns an der Treppe. Haltet die Augen offen.“
Die Lichter zogen sich weiter zurück.
Jacob zögerte und blickte zuerst in die eine, dann die andere Richtung. Die Terroristen waren in verschiedene Richtungen abgezogen. Sollte er die deutsche Archäologin retten oder Jana?
Jana. Sie ist Aarons Tochter.
Jacob spürte einen Knoten in seinem Magen. Er traf die Entscheidung, welches Leben er retten sollte aufgrund seiner persönlichen Präferenzen. Das war schrecklich, das wusste er, und er hasste sich dafür. Doch irgendwie musste er sich entscheiden.
Er watete vorsichtig durch das Wasser und lauschte nach seiner Beute. Allein sein Kopf und seine Waffe befanden sich über der Oberfläche. Jacob machte sich Sorgen um die Pistole. Auch wenn moderne Schusswaffen normalerweise wasserdicht waren, hatten auch sie ihre Grenzen und er fragte sich, ob sie überhaupt noch funktionierte, bei all dem Kies und Schlamm, der sich im Wasser befand.
Jacob stieß sich mit seinen Beinen vorsichtig ab. Das Knacken über ihm wurde immer lauter. Die Frau schrie wieder etwas auf Deutsch, ein verzweifelter, wortloser Ruf, bei dem er unwillkürliche an die Legenden der Banshee, der irischen Feengeister denken.
Langsam holte er den Terroristen, der Jana im Schlepptau hatte, ein. Der Lichtkegel seiner Taschenlampe hüpfte auf und ab, während er durch das Wasser watete und sie vor sich her schubste. Er hatte eine Waffe auf ihren Kopf gerichtet. Soweit Jacob es erkennen konnte, machte er sich nicht die Mühe, sich umzusehen.
Inzwischen waren sie fast an der nächsten Ecke angelangt, hinter der die zentrale Treppe lag. Der andere Terrorist musste sich gut genug auskennen, dass er einen anderen Weg dorthin kannte. Wahrscheinlich hatten sie Inge Weber genauestens über diese Gänge ausgefragt.
Aber warum waren sie überhaupt hier? Und warum wollten sie, dass sie ihnen eine uralte Inschrift vorlas?
Dafür war später auch noch Zeit. Zunächst musste er Jana vor diesem Typen retten, bevor er sie noch umbrachte. Doch wie konnte er sich ihm nähern, ohne dass er ihn bemerken würde?
Im nächsten Moment lieferte im Jana bereits die Antwort auf diese Frage. Sie wirbelte herum und schlug zu.
Auch wenn er es im Dunkel nicht genau erkennen konnte, sorgte der quietschende Schrei, den der Terrorist losließ, dafür, dass Jacob eine Ahnung davon hatte, wo genau Jana ihn erwischt hatte.
Jacob war fast so überrascht wie der Terrorist. Er hastete vorwärts, so schnell es ihm das Wasser erlaubte. Der Strahl der Taschenlampe tanzte wie verrückt durch die Dunkelheit, während der Terrorist mit Jana kämpfte. Ein Schuss ertönte und Jana fiel hin.
„Du Bastard!“, schrie Jacob und sprang auf ihn zu.
Er erwischte ihn mit voller Kraft und sie fielen beide auf Jana. Jacob hatte nicht geschossen, da er Angst hatte, Jana zu erwischen. Außerdem wollte er diesen Kerl mit bloßen Händen erwürgen.
Sie tauchten unter. Jacob tastete herum, bis er die Hand des Arabers fand, die die Waffe packte. Er schnappte zu und riss sie so hart er konnte herum. Das muskulöse Handgelenk des Mannes brach nicht, doch der Schmerz war offenbar stark genug, dass er seine Pistole losließ.
Seine andere Hand tastete Jacobs Gesicht ab, fand seine Augen und versuchte, zuzudrücken.
Er drehte sich weg und wehrte ihn ab, bevor er ihm die Augen ausstechen konnte. Schließlich richtete er sich auf, sie tauchten durch die Wasseroberfläche und er drückte ihn gegen die Wand.
Der Aufprall schien ihm kaum etwas auszumachen und er verpasste Jacob prompt einen rechten Haken, der dafür sorgte, dass er Sterne vor seinen Augen tanzen sah. Eine Sekunde lang war er hilflos und ein weiterer Schlag schickte ihn zurück ins Wasser. Hände packten ihn, während er verzweifelt versuchte, zurück an die Oberfläche zu gelangen und Wasser einatmete.
Seine Hände fanden einen Stein.
Der Terrorist packte ihn am Hemd und drückte ihn hinunter. Jacobs Lungen schrien auf. Er fühlte sich, als müsste er sich übergeben. Seine Gedanken rasten wie wild. Mit dem letzten Bisschen Stärke, das er aufbringen konnte, riss er sich los, sprang in die Höhe und ließ den Stein auf den Hinterkopf des Mannes niedersausen.
Er hatte blind zugeschlagen, doch es hatte gereicht, dass der Mann losließ. Jacob keuchte und hustete, wischte sich die Augen ab und riss sie schließlich auf.
Genau in dem Moment, als der Araber seine Waffe zog.
Jacob schlug erneut so hart wie er konnte zu. Er hörte ein lautes Knacken, als der Schädel des Mannes aufsplitterte und er zurück ins Wasser fiel.
Jacob hustete immer noch und taumelte zurück gegen die Wand, die ihm wenigstens ein bisschen Halt gab. Etwas in der Dunkelheit bewegte sich und er hob den Stein, um erneut zuzuschlagen.
Doch es war Jana, die dort stand.
„Alles in Ordnung?“, keuchte er.
„Ja. Warum zur Hölle bist du nicht Inge hinterher?“
„Ich wollte dich retten.“
„Ich kann schon auf mich allein aufpassen. Gehen wir!“
„Jawohl, die Dame“, grummelte Jacob. Er tastete nach der Taschenlampe des Terroristen. Sie war noch immer angeschaltet und strahlte ein schwaches Licht unter der Wasseroberfläche ab. Die Agenten des Gruppierung Schwert der Gerechten waren besser vorbereitet gewesen als sie, mit ihren wasserdichten Taschenlampen.
Jacob schnappte sie sich und fand in ihrem Licht seine Waffe wieder. Jana schnappte sich ebenfalls eine.
„Komm schon, gehen wir!“, befahl sie und stapfte in Richtung der zentralen Treppe durch das Wasser. Jacob eilte hinterher.
„Wie hast du den ersten Beschuss von ihnen überlebt?“, hustete er.
„Ich habe mich in einer der Grabnischen versteckt.“
„Du steckst voller Überraschungen.“
„Und du voller Enttäuschungen. Du hättest lieber Inge retten sollen.“
Entschuldigen Sie vielmals, werte Dame.
Jana eilte voran und Jacob musste sich anstrengen, mit ihr Schritt zu halten. Sie waren bereits auf halbem Wege zurück zur Treppe, bevor Jacob ihre Schulter packte.
„Vorsichtig. Willst du so dringend getötet werden? Das hilft deiner Freundin auch nicht weiter.“
Er schaltete das Licht aus. Die Passage führte von hier aus nur geradeaus weiter, also benötigten sie es ohnehin nicht mehr.
Jetzt, wo alles dunkel war, konnten sie vor sich ein schwaches Licht erkennen, das langsam immer heller wurde.
„Sie kommen von der anderen Seite“, flüsterte Jacob. „Gehen wir.“
Sie stapften weiter durch das Wasser und versuchten so leise wie möglich zu sein. Inges Schreie und die Flüche des Arabers waren eine große Hilfe dabei.
Ein Licht tauchte vor ihnen auf und jetzt konnten sie die zentrale Treppe erneut sehen. Der Terrorist schubste Professorin Weber vor sich her und hatte eine Waffe auf ihren Kopf gerichtet. Nur einen Augenblick später waren sie erneut verschwunden, als sie die ersten Stufen nach oben nahmen. Jacob und Jana gingen schneller.
Als sie die Treppe ebenfalls erreichten, sahen sie, dass das Licht bereits mehr als ein Stockwerk über ihnen war. Ihren Schritten nach zu urteilen rannten sie jetzt. Als sie ihnen hinterhereilten, schien das Licht der Taschenlampe über eine Wand über ihnen nach unten. Jacob zog Jana zurück an die Wand.
Der Terrorist feuerte und die Schüsse bohrten sich dort in die Stufen, wo Jana nur eine Sekunde zuvor gestanden hatte.
Jacob feuerte zurück, doch der Terrorist hatte sich bereits erneut in Deckung begeben.
Sie rannten weiter nach oben und blieben an der Wand, um aus der Schusslinie zu bleiben. Einmal wagte Jacob es, vorzuspringen und einen Schuss abzugeben. Doch er konnte die beiden nur kurz erkennen. Sie waren jetzt deutlich über ihnen und blieben ebenfalls in Deckung.
Vielleicht macht es diesen Kerlen ja nichts aus, für ihren Glauben zu sterben, aber anscheinend hätten sie es schon lieber, ihre Mission zu erfüllen.
Das war ihm bereits früher an Schwert der Gerechten aufgefallen. Sie waren anders als andere Gruppen. Der IS, der Islamische Dschihad, al-Qaida – diese Typen freuten sich allesamt geradezu auf den Tod. Sie wollten Märtyrer werden, was alle ihre taktischen Entscheidungen beeinflusste. Schwert der Gerechten erinnerte ihn eher an die Taliban. Die Taliban stammten aus einer uralten Linie afghanischer Kämpfer ab. Sie hatten kriegerische Stammestraditionen und für die meisten Mitglieder war der islamische Fundamentalismus nur ein äußerst dünner Deckmantel. Die meisten von ihnen wollten große Krieger werden und das Märtyrertum war nur ein zusätzlicher Bonus. Die Mitglieder von Schwert der Gerechten schienen ähnlich zu denken.
Als sie die zweite Ebene erreichten, verschwanden sowohl das Licht der Taschenlampe, als auch das Tageslicht von oben. Der Typ hatte die Tür zugeschlagen. Draußen hörten sie das rostige Knarren des Bolzens, der sie verriegelte.
Bis sie oben angelangt waren und die Tür aufgebrochen hatten, waren der Terrorist und seine Geisel längst über alle Berge verschwunden.
Der hasserfüllte, schuldzuweisende Blick, der Jana ihm zuwarf, war das Schlimmste, was Jacob heute mit ansehen hatte müssen.
* * *
Ahmeen ibn Tariq, Unteroffizier im Schwert der Gerechten , versteckte sich in einem Palmenwäldchen ein paar Kilometer entfernt von den uralten Heidengräbern. Die Frau lag zu seinen Füßen und schluchzte vor Erschöpfung.
Schwächling. Alle Menschen aus dem Westen waren Schwächlinge. Selbst die Männer. Es gab zwar welche, die wie Dämonen kämpfen konnten, so wie der Mann vorhin im Grab, doch ihre schwächliche Moral und ihre falsche Religion machten sie unterlegen. Am Ende würden sie verlieren, trotz all ihrer großartigen Technologie.
Nein, nicht trotz. Gerade aufgrund ihrer Technologie würden sie verlieren.
Ahmeen ibn Tariq blickte auf sein Handy. Ja, selbst hier hatte er Empfang. Nicht so wie in Syrien, wo die meisten Empfangsmasten im Bürgerkrieg zerstört worden waren.
Er wählte eine Nummer. Nach dem ersten Klingeln nahm jemand ab.
„Sprich“, verlangte eine strenge Stimme.
„Wir haben die Inschrift gesehen.“
„Gut.“
„Ist das andere Paket dort, wo es sein muss?“
„Ja. Wir sehen uns am Treffpunkt. Passt auf, dass man euch nicht folgt.“
„Es gibt ein Problem. Jemand war im Grab. Ein Mann aus dem Weste und eine Frau. Der Mann ist ein ausgebildeter Killer. Alle anderen sind jetzt Märtyrer. Er passt auf die Beschreibung, also muss er der Gleiche sein, der vor ein paar Tagen in Damaskus Ärger gemacht hat.“
„Hast du das Paket noch?“
Ahmeen ibn Tariq blickte die Frau zu seinen Füßen an. Sie starrte mit weit aufgerissenen, tränenerfüllten Augen zurück.
„Ja.“
„Wird es los und versuche dann den Mann zu finden. Töte ihn und seine Begleitung oder fahre auf ins Paradies bei dem Versuch.“
„Ich werde siegreich sein.“
Er legte auf, zerbrach das Einwegtelefon in Zwei und warf es ins Gras.
Die Frau versuchte verzweifelt, von ihm weg zu krabbeln, doch ein Baum war im Weg. Sie zitterte.
Ahmeen ibn Tariq betrachtete sie für einen Moment.
„Zu schade, dass ich keine Kamera dabeihabe“, sagte er auf Deutsch. „Wir haben unsere eigenen sozialen Netzwerke, weißt du. Nicht wie euer TikTok oder Snapchat. Keine blöden Kinder, die zu sündhaften Liedern tanzen. Sinnvolle Inhalte. Predigten und Taten, die dem Dschihad folgen. Für ein Video von dir würde ich einen Haufen Likes und Kommentare bekommen.“
Er zog ein scharfes Bowiemesser und ging auf sie zu. Er lächelte bei dem Gedanken daran, dass das, was er ihr antun würde, definitiv dafür sorgen sollte, dass er ins Paradies auffahren würde.
Jana lag zusammengekauert auf ihrem Bett im Hotel, in das sie in Alexandria eingecheckt hatten. Sie hatte schon seit Stunden keine Tränen mehr, doch die Wut, die sie für Jacob und die gesamte CIA verspürte, blieb.
Die Behörde hatte ihren Vater von ihr genommen und ihn in einen Fremden verwandelt, den sie kaum zu Gesicht bekommen hatte und schließlich hatte sie dafür gesorgt, dass er umgekommen war.
Und jetzt hatte Jacobs Kurzsicht Inges Tod zu verschulden.
Tief in ihrem Inneren wusste sie, dass das nicht fair war, dass er nur eine von ihnen hatte retten können. Er hatte sie gewählt. Doch das war ihr egal. An sämtlichen Händen der Behörde klebte Blut. All die Auseinandersetzungen mit ausländischen Kräften sorgten nur dafür, dass Unschuldige sterben mussten.
Sie hatte keinen Zweifel daran, dass Inge bereits tot war und wenn nicht, dann dass sie es bald sein würde. Jana wusste nicht viel von der Gruppierung Schwert der Gerechten . Es war nur ein Name von vielen, so ähnlich zu all den anderen Gruppen, die immer wieder auftauchten und genauso schnell wieder verschwanden. Doch sie wusste genug. Sie waren blutrünstig, fanatisch und voller Hass.
Und dieser Hass galt vor allem gebildeten, erfolgreichen, westlichen Frauen wie ihrer Freundin. Oder gläubigen Muslims wie Mohammed, dem Wächter der Katakomben.
Ich hoffe, dass sie nicht leiden mussten.
Ein Schauder lief ihr über den Rücken und endlich stand sie auf, nur um in ihrem kleinen Zimmer auf und ab zu gehen.
Jacob hatte ihnen zwei nebeneinander liegende Zimmer in einem der alten Hotels besorgt, das an der Corniche Alexandrias lag. Wenigstens waren die Zimmer schön und die sauberen, jedoch etwas veralteten, Badezimmer waren sauber. Sie ging zu den Balkontüren hinüber und öffnete sie, um die warme, mediterrane Meeresluft hineinzulassen.
Die lange Kurve von Alexandrias Küstenlinie breitete sich vor ihr aus. Weiter unten war die Straße, die am Meer entlangführte, voller hupender Autos. Dahinter, auf der breiten Fußgängerpromenade befanden sich zahlreiche Essensstände, lachende Kinder und ägyptische Pärchen, die die letzten rötlichen Strahlen des Sonnenunterganges genossen. Über ihnen glitzerten bereits die ersten Sterne im azurblauen Himmel.
Hinter der Promenade lag der große Hafen Alexandrias. Einige Lichter dümpelten auf dem Wasser, dort, wo Fischerboote und Luxusjachten verankert waren oder langsam über die Wellen tuckerten. Am Horizont entdeckte sie den Umriss eines ägyptischen Marineschiffs. Das Militär war dank der Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran in höchster Alarmbereitschaft. Noch mehr Säbelrasseln. Noch mehr Männer, die allen zur Schau stellen wollten, wie stark sie doch waren und sich einen Teufel darum scherten, wer dabei alles verletzt werden konnte.
So wie ihr Vater.
Es sind nur drei Wochen, mein Schatz, danach können wir den ganzen Tag im Zoo verbringen.
Drei Wochen. Drei Monate. Wer wusste schon, wie lange es am Ende wirklich sein würde? Jana hatte jeden Tag durchgestrichen, der verging. In ihren Boyband-Kalendern hatte sie den Tag, an dem er Vater wieder da sein würde, mit Glitzer markiert.
Und fast jedes Mal war er zur spät gewesen. Und jedes Mal hatte er eine andere Entschuldigung, warum der Fall härter gewesen war, als er erwartet hatte.
Jana hatte ihm jedes Mal vergeben und sich in seinen warmen Umarmungen verloren. Er hatte sie hochgehoben, durch die Luft gewirbelt und sie geküsst, als wäre sie das wichtigste kleine Mädchen auf der ganzen Welt.
Die wenigen Tage, die er zu Hause verbrachte, waren voller Erlebnisse gewesen. Ein Zoobesuch, Wanderungen, Ausflüge in den Park oder an den Strand, seine Anrufe bei der Schule, während er ihr zuzwinkerte und sagte: „Ja, das Fieber meiner armen Jana wird einfach nicht besser. Sie wird noch einen Tag zu Hause bleiben müssen.“ Es war das reinste Paradies, bis der unausweichliche nächste Anruf kam und sein Gesicht sich verhärtete.
„Tut mir leid, aber die Pflicht ruft. Ich muss ihr folgen. Am liebsten würde ich auch nicht gehen. Ich wünschte, ich könnte dir sagen, was vor sich geht, dann würdest du es vielleicht verstehen.“
„Ich verstehe schon, Daddy. Nächstes Mal haben wir einfach doppelt so viel Spaß!“
Und sie verstand es tatsächlich, jedenfalls ein bisschen. Ihr Vater war ein echter Held, der die Bösen bekämpfte und sie, Oma und Opa und das ganze Land beschützte. Sie glaubte, dass er wahrscheinlich so eine Art Militärberater war und dass kein Blut an seinen Händen klebte. Wenn sie doch nur wüsste.
Natürlich war es nicht schön, wenn er weg war und jedes Mal, wenn es passierte, tat es ein wenig mehr weh als das letzte Mal. Mit gesenktem Kopf ging sie jedes Mal zurück zu ihren Großeltern, sie, das Einzelkind einer lange verstorbenen Mutter und eines abwesenden Vaters.
Je älter sie wurde, desto weniger akzeptierte sie seine Abwesenheiten. Als Jugendliche war sie während seiner immer selteneren Besuche abweisend und als sie zwanzig wurde, stellte sie ihm ein Ultimatum – entweder kam er zu ihrem einundzwanzigsten Geburtstag oder er brauchte nie wieder zu kommen. Er hatte ihr in der letzten Minuten geschrieben, sein Bedauern ausgedrückt und sich zum millionsten Mal entschuldigt.
Sie hatte ihm nicht einmal geantwortet. Ein Jahr später standen zwei grimmig aussehende Agenten vor ihrer Tür, um ihr mitzuteilen, dass er im Einsatz ums Leben gekommen war. Die Regierung hatte ihr nicht einmal verraten, wo. Seine Leiche wurde nie zurückgeführt.
Jana fluchte und drehte sich von dem wunderschönen Ausblick über Alexandrias Hafen weg. Die CIA hatte ihr ihren Vater genommen und ihn dann getötet.
Sie brauchte frische Luft. Jacob musste im Hotel bleiben, doch was scherte sie das schon. Sie konnte selbst auf sich aufpassen. Ihr großartiger, abwesender Vater hatte dafür gesorgt.
Sie stellte ihr Licht aus, damit es aussah, als wäre sie ins Bett gegangen und öffnete dann vorsichtig und leise die Tür. Das alte Schloss rasselte ein wenig, doch in diesem alten, offenen Gebäude hoffte sie, dass Jacob nicht bemerken würde, dass das Geräusch von ihrem Zimmer kam. Sie schlich auf Zehenspitzen die alte Marmortreppe hinunter.
Unten angekommen fühlte sie sich schlagartig besser. Sie spazierte über die Promenade, atmete die Meeresluft ein und hörte den Gesprächsfetzen der Alltagskonversationen um sich herum zu. Sie alle waren normale, anständige Leute. Keine radikalen Islamisten, keine Spione, keine Auftragskiller. Einfach nur normale Leute.
Doch das friedliche Gefühl blieb nicht lange. Das tat es nie.
Schon bald drehten sich ihre Gedanken erneut um das Rätsel, warum eine Bande sunnitischer Terroristen eine Ägyptologin entführen sollten, um eine alte Inschrift in einer kaum bekannten Grabstätte zu entziffern.
Natürlich hatte dieser Fund in der Zeitung gestanden, doch sie glaubte kaum, dass mehr als ein paar Dutzend Experten den archäologischen Bericht gelesen hatten, in dem sich Details über die Inschriften und ihre Übersetzung fanden. Das war kaum von Interesse für die allgemeine Öffentlichkeit. Warum nur sollte Schwert der Gerechten daran interessiert sein, geschweige denn sich die Mühe machen, Inge zu entführen und sie hier nach Ägypten zu bringen, nur um zu bestätigen, was bereits veröffentlicht worden war?
Wie sie Jacob gegenüber ehrlich zugegeben hatte, waren Hieroglyphen nicht ihre Stärke. Sie hatte Inge angeheuert, weil sie die Beste war, wenn es um Schriften aus der ägyptischen Spätzeit ging. Die Worte „strafende Macht Res“ hatte sie beide verwirrt und doch hatten sie nicht weiter darüber nachgedacht, da zahlreiche Inschriften, die Bezug auf uralte religiöse Konzepte nahmen, sehr obskur waren.
Doch jetzt musste sie darüber nachdenken. Jacob selbst würde garantiert nichts herausfinden.
Diese verdammten Leute! Man kann ihnen einfach nicht entkommen.
Entschlossen ging sie die Corniche nach Osten entlang, bis sie an der Bibliothek Alexandrias ankam, der größte Stolz der Stadt. Sie sollte der Ersatz für das bekannte uralte Gebäude sein und seine avantgardistische Betonfassade trug Gravierungen in dutzenden Sprachen. Der riesige Lesesaal war die Heimat endlos vieler Bücher und uralter Manuskripte.
Und, was noch wichtiger war, befand sich in ihr eine der besten Ägyptologie-Kollektionen der Welt.
Um diese Uhrzeit war sie natürlich geschlossen, jedenfalls für die allgemeine Öffentlichkeit.
Sie ging die breiten Treppenstufen hoch, die zum Eingang führten, vor dem drei Wachen standen und Tee tranken. Sie erkannte den ältesten von ihnen, einen grauhaarigen Mann namens Younis, der lange Zeit im Militär gedient hatte, bevor er in den Ruhestand gegangen und diesen für ihn äußerst entspannten Job angenommen hatte.
„Younis! Es ist schön, dich wiederzusehen.“
Nach den traditionellen Begrüßungsfloskeln und der Erkundigung nach seiner Familie fragte Jana: „Ich muss etwas nachschauen. Sind wohl noch Bibliothekare da?“
„Ja. Lillete stellt gerade eigene Nachforschungen an. Ich bin mir sicher, dass es ihr nichts ausmacht, wenn du ihr etwas Gesellschaft leistest.“
Younis ließ sie herein und sie betrat die riesige Eingangshalle, die mit mehr als lebensgroßen Porträts des Präsidenten behangen war und durchquerte sie in Richtung Lesesaal. Dort standen mehrere Reihen an Schreibtischen, die sich durch den Saal zogen, der insgesamt so groß war wie gleich zwei Fußballfelder. Lillete, eine wunderschöne, junge, koptische Dame, die bereits drei Geschichtsbücher geschrieben hatte, eilte auf sie zu und lächelte breit.
Normalerweise hätte sie sich gerne mit ihr unterhalten, doch Jana war ungeduldig und schaffte es gerade so, so lange mit ihr zu reden, wie es nur höflich war. Schließlich setzte sie sich an einen Schreibtisch und hatte einen Stapel akademischer Berichte und Journals vor sich.
„Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst“, sagte Lillete und drückte ihre Schulter. „Ich habe auch noch einiges zu tun und du bist genau die Ausrede, die ich für meinen Mann gebraucht habe.“
Jana kicherte und machte sich an die Arbeit.
Sie brauchte weniger lang, als sie gedacht hatte. Auch wenn Hieroglyphenstudien ein breites Studiengebiet waren, wurde es in der Zeit deutlich einfacher, als die Sprache mit denen der griechischen und römischen Eroberern hatte wetteifern müssen. Außerdem waren Ausgrabungen aus dieser Zeit weniger beliebt. Die Regierung finanzierte eher die Expeditionen in Stätten, in denen man mit größerer Wahrscheinlichkeit goldene Statuen und gut erhaltene Mumien fand. Akademiker neigten außerdem dazu, übersetzte Texte sorgfältig aufzuzeichnen. Schnell fand sie weitere Hinweise, indem sie ausschließlich nach Schriften suche, die sich auf Re und Sachmet bezogen.
Der erste Hinweis stammte von einer nur teilweise erhaltenen Inschrift aus der griechischen Zeit, die von der „strafenden Macht Res“ sprach. Ihr Entdecker hatte dazu notiert, dass „dieser seltsame Ausdruck einer Passage aus Berlin Papyrus Nr. 694 ähnelt, welches von einer Stätte aus der griechischen Zeit nahe Luxor stammt.“
Diese Referenznummer bedeutete, dass sich das Schriftstück in den Archiven des Berliner Museums befand. Sie rief Lillete herbei, damit sie ihr den Katalog mit dieser Nummer brachte. In nur wenigen Minuten fand sie etwas heraus, dass ihre gesamte Sichtweise auf ihr Problem veränderte.
Im Laufe der nächsten Stunde fand sie noch drei weitere Referenzen und als sie fertig war, lief ihr Schweiß den Rücken hinunter und ihre Hände zitterten.
Das kann nicht wahr sein, aber was könnte es sonst für eine Erklärung geben?
Sie musste es Jacob sagen. Das alles war viel, viel schlimmer, als sie sich jemals vorgestellt hatte.
Jacob fühlte sich wie ein Esel. Er hätte Jana früher von ihrem Vater erzählen sollen. Es war seine Pflicht, ihr zu sagen, was für ein guter Mann er gewesen war, wo er sie von ihrer Ausgrabung geradezu entführt und mitten in die Gefahr gezogen hatte.
Doch er war zu feige gewesen. Das alles zu erklären war zu unangenehm, zu peinlich.
Denn er hätte alles erzählen müssen.
Bis er Janas Dossier studiert hatte, hatte er es gar nicht erst bemerkt. Ihr Geburtsdatum, oder besser gesagt, das Datum ihres einundzwanzigsten Geburtstages, fiel mit dem Tag zusammen, an dem ihr Vater ihn gerettet hatte.
Damals war Jacob, ein U.S. Army Ranger, auf einer Erkundungsmission tief in einem Gebiet der Taliban gewesen, um der proamerikanischen Regierung in Kabul zu helfen, einen Krieg zu führen, von dem er schon von vornherein gewusst hatte, dass sie ihn verlieren würden.
Sie waren einem hochrangigen Mitglied der Taliban auf der Spur, das sich auf der Flucht befand. Die Kämpfe hatten erst einige Tage angedauert, doch die höchsten Mitglieder der Taliban hatten sich bereits in die Hügel verzogen und ihre Fußtruppen zurückgelassen, die jetzt von Luftschlägen bombardiert wurden. Das zerklüftete Terrain Afghanistans machte die Hügel zu einem perfekten Versteck und die Ranger mussten ein so weites Gebiet absuchen, dass sie sich dreißig Personen starke Einheiten aufgeteilt hatten, um die steilen Hänge und engen Täler abzusuchen.
Nur so hatten sie eine Chance, den Kerl einzufangen, doch es hatte sich als großer, taktischer Fehler herausgestellt. Denn so konnten die örtlichen Stammesleute, die bekanntermaßen unabhängig und teilweise extrem loyal den Taliban gegenüber waren, problemlos eine Einheit nach der anderen bekämpfen, sodass sie am Ende das gesamte Regiment besiegt hatten.
Sie waren Meister der Guerilla-Kriegsführung und griffen stets zwei Einheiten gleichzeitig an, sodass sie sich nicht gegenseitig unterstützen konnten.
Eine von ihnen war Jacobs Einheit gewesen.
Die Stammeskrieger hatten zugeschlagen, während sie gerade eine Schlucht erklommen, die zu einem Dorf führte, das sie erkunden wollten.
Der Angriff kam ohne Vorwarnung und stellte eine vollkommene Überraschung dar, da der Geheimdienst ihnen gesagt hatte, dass der Stamm neutral sei. Von den Klippen ertönte ein Schuss und hallte durch den Canyon. Ein Scharfschütze hatte den Kommandanten der Einheit mit nur einem Schuss ausgeschaltet und zwei weitere Männer fielen kurz darauf zu Boden.
Der Rest der Einheit verschanzte sich hinter den Felsen, während sich zu den Schüssen mehrere Raketen gesellten und Explosionen um sie herum ertönten.
Sie hatten die Schlucht zu zwei Dritteln erklommen, also lag die Flucht nach vorn nahe, um schließlich zu dem Dorf zu gelangen. Ein wildes Feuergefecht und zwei weitere Verwundete später kamen sie endlich an.
Wie in so vielen Tälern in Afghanistan breitete sich die Landschaft vor ihnen aus, als sie die Schlucht verließen. Grünes Gras und blühende Bäume befanden sich überall, genährt von den zahlreichen Bergflüssen. Die Hügel waren in jede Richtung weit genug entfernt, dass das Feuer der Taliban sie nicht mehr erreichen konnte und ihre Einheit hielt auf dem Feld eines Bauern mitten in dem Tal an, um ihre Verwundeten zu versorgen und die Situation abzuschätzen.
Sie funkten ihre Basis an und erfuhren, dass sie von einer großen Streitkraft der Taliban belagert wurde, genauso wie eine weitere Ranger-Einheit. Für mindestens die nächste Stunde konnten sie keine Unterstützung aus der Luft erwarten, da sämtliche Flieger an ihrer Basis benötigt wurden.
Also entschlossen sich die Ranger, weiter zum Dorf aufzubrechen. Auch wenn Handfeuerwaffen sie hier nicht erreichen konnten, war es doch etwas anderes, was Artillerie oder Mörser anbelangte. Hier gaben sie das perfekte Ziel ab, falls die Taliban schwerere Geschütze auffahren würden.
Das Dorf befand sich am anderen Ende des Tals und stand an einem steilen Abhang. Umgeben war es von einem niedrigen Wall, der aussah, als wenn er bereits im Mittelalter gestanden hätte.
Nichtsdestotrotz handelte es sich um eine gute Verteidigungsposition. Die Taliban in diesem Gebiet stammten von den örtlichen Stämmen ab und würden niemals ihr eigenes Dorf beschießen.
Jacob und seine Einheit wurden am Dorfeingang von einer Gruppe Stammesältester begrüßt, die ihnen mithilfe eines Übersetzers versicherten, dass sie keinen Ärger wollten.
Doch der Frieden hielt gerade einmal fünfzehn Minuten.
Jacob befand sich gerade in einer Scheune und kümmerte sich um einen verwundeten Kameraden, als es losging. Er hörte den Aufprall einer Granate und mehrere Schüsse. Als er nach draußen stürzte, befand sich seine Einheit in völliger Aufruhr und feuerte in jede nur erdenkliche Himmelsrichtung.
Der Schusswechsel dauerte nur fünf Minuten. Ein paar Jugendlicher, die noch nicht einmal Bärte trugen, aber bereits wussten, wie man kämpft, hatten ihren eigenen Mini-Dschihad ausgerufen und einen Ranger getötet. Sie beide ließen kurz darauf ihr Leben, doch damit war es nicht getan.
Die Einheit drehte durch. Ohne Anführer, gejagt und erschöpft von Wochen konstanter Anspannung und Kämpfe, rächten sie sich an den Dorfeinwohnern.
Jacob konnte nur zusehen und war wie gelähmt, während die Männer und Frauen, mit denen er wochenlang Seite an Seite gekämpft hatte, sich in wilde Tiere verwandelten. Einer von ihnen warf eine Granate in eine Hütte, in der sich mehrere Frauen verschanzt hatten. Ein anderer schoss mitten auf der Straße ein kleines Kind nieder. Drei weitere schnappten sich ein junges Mädchen und rissen ihr die Kleider vom Leib.
Jacobs gesamte Welt brach in sich zusammen. Er war als Patriot erzogen worden und die Liebe, die er für sein Land und die Flagge verspürte, war in seiner Zeit bei den Army Rangers nur stärker geworden. Sie waren eine Elitetruppe, die von der Überzeugung angetrieben wurde, dass sie auf der richtigen Seite standen.
All das war mit einem Schlag verschwunden. Sämtlicher Glauben, den Jacob gehabt hatte, fiel mit einem Mal von ihm ab.
Und in dem Moment musste auch er den Verstand verloren haben.
Danach konnte er sich an nicht mehr viel erinnern, nur an verschwommene Erinnerungen daran, wie er die drei Männer niedergeschossen hatte, die das kleine Mädchen vergewaltigen wollten. Anschließend hatte er auf seinen besten Freund in der Einheit geschossen, den, der noch gerade eben den kleinen Jungen getötet hatte.
Jacob hatte noch ein paar weitere erwischt, bevor sie ihn schließlich in die Flucht schlugen.
Er war in die Hügel geflohen, geradewegs durch die feindlichen Linien hindurch und er hatte sogar ein paar von ihnen erwischt.
Am Ende befand er sich in einer Höhle, mit nichts als seinem kleinen Rucksack. Sowohl die Taliban als auch seine eigenen Kameraden waren nun hinter ihm her.
Monatelang hatte er wie ein Schatten gelebt. Nur nachts hatte er sich nach draußen gewagt, um auf den örtlichen Bauernhöfen nach Nahrung zu suchen. Tagsüber versteckte er sich, tötete jeden, der sich in seine Höhle wagte und wechselte alle paar Tage seinen Standort. Auch diese Zeit war nur eine verschwommene Erinnerung für ihn, ein Alptraum wilder Emotionen und Suizidgedanken. Er hatte wie ein wildes Tier gelebt, nichts als seine Instinkte hatten ihn am Leben gehalten und er hatte nichts und niemandem auf dieser Welt getraut.
Zweimal hatte das US-Militär Truppen gesendet, um ihn zu finden. Einmal war es eine Einheit der Ranger, das zweite Mal ein Team der Navy Seals.
Er hatte sie allesamt ausgeschaltet.
Beim dritten Mal hatten sie Aaron Peters geschickt. Nur ihn.
Peters hatte ihm erzählt, dass er Jacob nach einer langen Suche endlich in seiner Höhle gefunden hatte. Tagelang hatte er ihn dabei beobachtet, wie er – dreckig und hager – Hasen gefangen und sich in ein nahegelegenes Dorf geschlichen hatte, um Nahrung zu stehlen. Er hatte dabei zugesehen, wie eine Patrouille der Taliban gefährlich nahe an seinem Versteck gewesen war und wie Jacob sie überfallen, sie alle fünf umgebracht und schließlich ihre Decken, Waffen und Rationen an sich genommen hatte.
Und er hatte dabei zugesehen, wie Jacob sich einem einsamen Herdenjungen genähert hatte. Er war überzeugt davon gewesen, dass der inzwischen verrückt gewordene Einsiedler den Jungen töten wollten, hatte ihn ins Visier seines Scharfschützengewehrs genommen und wollte ihn bereits ausschalten.
Doch alles, was Jacob getan hatte, war hinter einem Felsen hervorzuspringen und wie ein verrückter Yeti zu kreischen. Der Junge hatte einen Satz gemacht, die antike Muskete, die er trug, fallengelassen und war in die Richtung des nächsten Dorfes davongerannt. Jacob war bereits zu einer Art örtlichen Legende geworden – er war ein Monster, das in den Bergen lauerte und kleine Kinder fraß.
Danach hatte Jacob das nächste Schaf angesprungen, seinen Hals aufgerissen, sein Blut getrunken und sein rohes Fleisch gefressen.
Aaron hatte ihm mitten in den Bauch geschossen. Er war zielsicher genug, dass er selbst aus der Entfernung von fünfhundert Metern keine lebenswichtigen Organe traf.
„Als ich gesehen habe, wie du den kleinen Jungen verschont hast, wusste ich, dass da noch etwas Menschliches in dir schlummerte. Ich wusste, dass man dich noch retten kann“, hatte er Monate später erklärt.
Und trotzdem hatte Aaron gewartet, bis Jacob noch fast einen Kilometer weitergekrochen und schließlich aufgrund des Blutverlustes ohnmächtig geworden war, bis er sich ihm genähert und ihn versorgt hatte.
„Ich wollte dich retten, aber nicht auf Kosten meines eigenen Lebens. Selbst verwundet warst du noch gefährlicher als ein ganzes Dutzend Taliban.“
Aarons Befehl hatte gelautet, Jacob auszuschalten und dass er ihn lebendig zurückgebracht hatte, hatte ihm nahezu seinen Job gekostet. Doch der CIA-Agent hatte jeden Gefallen, den er bei seinen Vorgesetzten guthatte, eingelöst und dafür gesorgt, dass Jacob in eine geheime Anstalt eingewiesen wurde. Er hatte sich persönlich dafür eingesetzt, dass man sich um ihn kümmerte.
Es war ein langer Weg gewesen, doch zu guter Letzt war Aaron Peters es gewesen, dem er zu verdanken hatte, dass man ihn schließlich für unschuldig befand, da er aus Notwehr gehandelt hatte. Seine Kameraden aus der Army Ranger Einheit hatten Kriegsverbrechen begangen, die unter den Tisch gekehrt wurden. Und Jacob war auch heute noch alles andere als geheilt von diesen Erfahrungen.
Ein lautes Pochen an seiner Tür sorgte dafür, dass er aufsprang und die Waffe zog, die er dem Terroristen in den Katakomben abgenommen hatte.
„Wer ist da?“, schrie er und duckte sich hinter die Badezimmertür, um aus der Schusslinie zu geraten.
„Ich bin es!“, antwortete Jana. „Mach die Tür auf.“
Jacob seufzte erleichtert und öffnete die Tür.
„Wo hast du dich denn hingeschlichen? Ich war vor einer Weile in deinem Zimmer und du warst nicht da.“
„Ich war in der Bibliothek und habe nach Referenzen für das ‚strafende Licht Res‘ gesucht. Ich habe herausgefunden, dass die Katakomben und die Kanope nicht die einzigen Orte sind, an denen von diesem Licht gesprochen wird.“
„Wirklich? Was hast du noch herausgefunden?“
„Fünf weitere Referenzen. Drei von ihnen sind nur teilweise Funde und verraten uns nicht viel, außer dass diese Bezeichnung viel häufiger vorkommt, als wir bisher angenommen haben. Doch dann habe ich ein Papyrus aus der ptolemäischen Zeit gefunden, auf dem –“
„Die was?“
„Die griechische, oder besser gesagt makedonische Dynastie, die von König Ptolemaios gegründet wurde. Er war ein General von Alexander dem Großen. Als er starb, teilte sich sein Kaiserreich unter all seinen Generälen auf. Jedenfalls war dieses Papyrus ein Fragment eines Textes über Medizin, der von einem griechischen Arzt im ersten Jahrhundert vor Christus geschrieben wurde. Sieh mal.“
Sie hielt ihr Handy in die Höhe, auf dem ein Foto eines Buches zu sehen war. Der Text war auf Griechisch. Jana las ihn mit Leichtigkeit vor.
„Wenn das strafende Licht Res und Sachmets aus seinem Behälter entweicht, sei es durch Absicht oder aus Versehen, verursacht das unsichtbare Licht verschiedene Symptome. Selbst, wenn der Behälter nur für einen Augenblick geöffnet wird, leidet der Patient an Müdigkeit und einem verstimmten Magen. Dauert es länger, durchströmt ihn ein Fieber. Ist der Behälter eine lange Zeit geöffnet, dringt das strafende Licht Res und Sachmets in ihn ein und er wird schon bald Verbrennungen erleiden, als hätte er tagelang ungeschützt in der Sonne gelegen und seine Haare werden ausfallen. Im schlimmsten Falle stirbt der Patient. Für diese Krankheiten gibt es keine Heilung, außer sich so schnell wie möglich aus dem strafenden Licht zu entfernen, und selbst dann kann nicht garantiert werden, dass der Patient verschont bleibt.“
Jacob starrte sie einen Moment lang nur an. „Das steht dort?“
Jana nickte.
„Aber … Das klingt nach Strahlenverseuchung.“
„Da ist noch mehr. In anderen Schriften, aus einer etwas späteren Zeit, stammt das hier: ‚Die silbernen Metallsteine Sachmets enthalten das strafende unsichtbare Licht. Nur nach der Durchführung der Rituale darf das Licht enthüllt werden.‘“
„Das klingt nach Uran! Aber natürliche Uranvorkommen sind nicht radioaktiv genug, um Strahlenverseuchung zu verursachen.“
„Ist Uran nicht radioaktiv?“
„Das Isotop Uran-235 ist, was man in Bomben und Reaktoren verwendet. Das kommt zwar ebenfalls natürlich vor, ist jedoch mit Uran-238 verbunden, das viel weniger radioaktiv ist und keine Kettenreaktion verursachen kann. Man muss es erst veredeln und das Uran-235 extrahieren.“
„Könnten sie es nicht veredelt haben?“
„Was? Zu Uran-235? Das ist unmöglich. Das hat vor dem zwanzigsten Jahrhundert niemand getan.“
„Wie erklärst du dir dann diese Texte?“
„Ich … Das kann ich nicht“, gab Jacob zu.
Er dachte einen Moment nach. Auch wenn er alles andere als ein Experte war, wusste er, dass der Prozess, um natürliches Uran zu Uran-235 zu verwandeln, äußerst komplex und technologisch aufwändig war. Außerdem musste man dafür erst einmal wissen, dass so etwas wie Strahlung überhaupt existiert. Könnten die alten Ägypter das alles wirklich gewusst haben? Oder vielleicht waren sie einfach auf eine Urankonzentration gestoßen, die auf natürliche Weise bereits veredelt gewesen war?
„Verdammt“, sagte er. „Glaubst du, das ganze Zeug über fortgeschrittene uralte Zivilisationen könnte doch stimmen?“
Jana verdrehte ihre Augen. „Du hast eindeutig zu viel ferngesehen.“
„Aber wenn sie Uran-235 gehabt haben, dann –“
„Wenn du gleich anfängst, von Außerirdischen zu faseln, dann verpasse ich dir eine.“
Jacob schmunzelte. „Es gibt da ein paar geheime Berichte von der Air Force, die ich dir nur zu gern zeigen würde. Außerdem bist du diejenige, die angefangen hat, von Uran-235 zu reden, das in jahrtausendealten Kanopen herumliegt.“
Jana seufzte und blickte gen Boden. „Ich weiß, es ist verrückt, aber das ist die einzige Möglichkeit, die mir einfällt.“
„Es würde auch erklären, warum die Kanope mit Blei verkleidet war und warum Schwert der Gerechten hinter ihr her ist. Uran wird streng reguliert. Eine der wenigen Dinge, bei denen sich alle Weltmächte einig sind. Niemand will, dass es in die falschen Hände gerät. Selbst die meisten Waffenschmuggler verpetzen jemanden, der Uran kaufen oder transportieren will. Eine Terrorgruppe mit einer Atombombe würde für jeden schlechte Geschäfte bedeuten.“
„Also haben sie zufällig von meiner Entdeckung gelesen, Zwei und Zwei zusammengezählt und haben sich gedacht, so kommen sie an Uran, das niemand nachverfolgen kann“, sagte Jana.
Jacob nickte. Sein Gesicht verhärtete sich und er spürte, wie sich ein Knoten in seinem Magen bildete. „Das heißt, sie könnten schon bald eine fertige Bombe haben.“
„Das würde unmöglich so schnell gehen, oder?“
„Professor Meyer ist nicht der erste Kernphysiker, der entführt wurde. Vor ein paar Jahren wurde einer aus Rumänien entführt. Er hat in einem Atomkraftwerk gearbeitet. Sie haben ihn auf dem Weg nach Hause von der Arbeit erwischt. Er wurde nie wieder gesehen. Vielleicht hat er sich gewehrt und sie haben ihn umgebracht und deswegen brauchen sie Meyer, um die Arbeit zu Ende zu bringen.“
„Könnte eine Terrorgruppe wirklich eine Atombombe bauen?“
Jacob zuckte mit den Achseln. „Die Technologie stammt aus den 1940ern. Wenn sie einen Kernphysiker haben und ein paar Helfer, die auf die Uni gegangen sind, wäre das nicht unvorstellbar. Das echte Problem besteht darin, erst einmal einen Kernphysiker und das Uran zu bekommen.“
„Und jetzt haben sie beides.“
„Ich muss telefonieren“, sagte Jacob und ging zu dem Schrank, in dem er sein sicheres Satellitentelefon aufbewahrte.
Professor Klaus Meyer wachte benommen auf. Sämtliche Gliedmaßen schienen ihm verkrampft. Die letzten eineinhalb Tage waren die reinste Tortur gewesen. Nachdem die Terroristen ihn in den Bulli geworfen hatten, hatten sie ihn auf einen Bauernhof auf dem Lande verschleppt. Dort hatte man ihn und die Ägyptologin getrennt weggesperrt. Sie hatten ihm nicht wehgetan – ganz im Gegenteil, sie hatten sogar dafür gesorgt, dass er es geradezu komfortabel hatte. Sie hatten ihm regelmäßig Essen gebracht, ihn gefragt, ob er Medikamente einnehme, die sie ihm besorgen sollten und sich sogar erkundigt, ob er Essensallergien habe.
Diese zuvorkommende Behandlung bestätigte ihm nur, was er bereits gefürchtet hatte – dass sie ihn dazu benutzen wollte, eine Atomwaffe herzustellen. Wahrscheinlich eine schmutzige Bombe. Uran-235 war schließlich selbst auf dem Schwarzmarkt kaum zu bekommen, doch anderes radioaktives Material – zum Beispiel Abfall von einem Atomkraftwerk – stellte weitaus weniger Probleme dar. Die Internationale Atomenergie-Organisation machte sich schon seit langem Sorgen darüber. Eine herkömmliche Bombe, die radioaktives Material freisetzt, könnte Strahlung über ein Areal freisetzen, das so groß wie mehrerer Großstadtteile wäre. Ginge man von einer Explosion in Manhattan oder neben dem Buckingham Palace aus, wäre das Resultat verheerend.
Doch er würde niemals solch eine Bombe für sie herstellen. Er würde lieber sterben. Meyer hoffte nur, dass er tatsächlich den Mut hätte, nein zu sagen, wenn diese Barbaren ihn vor eine Videokamera setzten und ihm ein Messer an die Kehle hielten.
Den ganzen Tag über blieb er in dem Bauernhof. Er hörte die Frau nur einmal, als sie sie an seiner Tür vorbeiführten. Sie flehte und weinte. Doch sie lachten sie nur aus. Kurz danach hörte er, wie sie mit dem Bulli davonfuhren.
Nachdem die Sonne untergegangen war, kamen seine Entführer zurück zu ihm.
„Nehmen Sie diese Tabletten“, befahl ihm einer und hielt ihm zwei weiße Pillen hin.
„W-was ist das?“
„Es wird Ihnen nicht wehtun. Es sind Schlaftabletten.“
Meyer nahm sie und wünschte sich, sie wären in Wirklichkeit Cyanid.
Kurz danach fiel er in einen tiefen Schlaf und das Nächste, was er wusste, war, dass man ihn an Händen und Füßen gefesselt hatte und er in einem anderen Bulli lag. Das hintere Abteil war abgetrennt und er konnte nichts als vier metallene Wände, sowie eine arabische Wache sehen, die er noch nicht kannte.
„Wo bringen Sie mich hin?“, fragte er.
Der Mann antwortete auf Arabisch.
„Ich spreche Ihre Sprache nicht“, sagte Meyer auf Englisch, die einzige andere Sprache, die er beherrschte. „Können Sie Englisch?“
Der Mann schnalzte mit der Zunge, zückte ein Stück Stoff und knebelte ihn.
Nach einer langen, holprigen Fahrt hielt der Bulli schließlich an und die Hintertüren öffneten sich. Grelles Sonnenlicht, das man in Deutschland nur selten erleben würde, schlug ihm entgegen. Die Wache und drei weitere Männer, von denen er nur einen wiedererkannte, zogen ihn heraus. Während sie seine Fußfesseln lockerten, sah er sich in der kargen, felsigen Landschaft um, die sich um sie herum ausbreitete. Das Einzige, was sie durchbrach, waren ein paar niedrige Hügel in der Ferne.
Seine Entführer gingen mit ihm zu einer Ansammlung an Betongebäuden, die von einer Mauer umgeben waren, auf der sich Stacheldraht befand. Ein Mann mit einer Kalaschnikow stand auf einem der Dächer und blickte in die weite Wüste hinaus. Als das metallene Tor sich für sie öffnete, fuhr der Bulli davon.
Im Inneren warteten drei adrett gekleidete junge Männer auf ihn. Einer von ihnen hielt einen Notizblock in der Hand. Sie sahen aus wie Doktoranden.
„Es ist uns eine Ehre, Sie kennenzulernen, Professor Meyer“, sagte einer von ihnen auf Englisch. „Wir haben Ihre Karriere mit großem Interesse verfolgt und freuen uns, dass sie unser Team nun anführen. Sie können mich Ahmed nennen. Ich studiere Physik. Das hier ist Omar und er studiert Metallurgie und Maschinenbau. Hamza hier studiert Chemie. Ich glaube, dass wir sehr gut zusammenarbeiten werden.“
Meyer fragte sich, was aus ihrem alten Teamleiter geworden war, aber er fragte lieber nicht.
Als das Tor sich hinter ihnen schloss, nahmen ihm die Wachen seine Handschellen ab.
„Sie müssen nach Ihrer langen Reise müde sein“, sagte Ahmed und benahm sich noch immer wie ein höflicher Gastgeber. Omar reichte ihm eine Flasche Mineralwasser und einen Energieriegel. „Wir würden Ihnen gerne Ihren Arbeitsplatz zeigen und können dann etwas Richtiges essen. Ich fürchte, wir müssen bei Englisch bleiben. Omar spricht Deutsch, falls Sie Ihre Muttersprache vermissen, doch leider ist die einzige andere Sprache, die wir alle gemeinsam haben, Englisch.“
Sie führten ihn zu dem größten Gebäude. Es hatte keine Fenster. Eine Wache stand vor der schweren Stahltür und öffnete sie für sie. Eine weitere Wache begleitete sie nach innen.
Professor Meyer blieb stehen und schnappte nach Luft.
Es handelte sich um ein voll ausgestattetes Nuklearlabor. Auf einem Tisch befand sich, wie er befürchtet hatte, ein metallener Behälter, der an einer Seite geöffnet war. Er konnte verschiedene Kabel sowie eine Zündvorrichtung entdecken. Jedoch sah er keinen Sprengstoff.
„Beeindruckend, nicht wahr?“, sagte Ahmed stolz. „Es hat Jahre gedauert, dies aufzubauen. In einer großen westlichen Universität braucht man gewissermaßen nur mit den Fingern schnipsen, und man bekommt all diese Ausstattung mit Leichtigkeit. Doch die Ungläubigen gewähren uns keinen Zugriff. Sie haben die Bombe bereits bemerkt. Ihr Vorgänger hat gute Arbeit geleistet, sie zu konstruieren, doch unglücklicherweise hat er sich geweigert, die letzten Schritte durchzuführen. Ich hoffe für Sie, dass Sie nicht so stur sind.“
Sie führten ihn zu einer isolierten Kammer, in der sich etwas befand, das Meyer und seine Kollegen als Handschuhfach bezeichneten. Eine Box, die mit Blei versiegelt war, befand sich in einem Bleiglaskasten. Außerdem sah er zwei Paare schwere, bleierne, strahlungssichere Handschuhe, die am Zugang versiegelt waren, sodass man den Inhalt von außen bewegen konnte.
Ahmed grinste. „Wir müssen den ersten Schritt sofort erledigen. Wir warten bereits so lange, dass wir das Mittagessen noch ein wenig verschieben müssen. Verzeihen Sie mir unsere Gastunfreundlichkeit, doch dies ist ein wichtiger Meilenstein für uns. Als Wissenschaftler bin ich mir sicher, dass Sie das verstehen.“
Sie führten ihn zum Handschuhfach. Als er sah, was sich in ihm befand, zögerte Meyer erneut.
„Ist das nicht ein altägyptisches Artefakt? Ein Behälter, in dem Organe aufbewahrt wurden?“
„Dieser Behälter heißt Kanope. Diese Heiden haben ihn für ihre gottlosen Rituale verwendet, da sie glaubten, dass er ihnen dabei helfen würde, ewig zu leben. Sie müssen ganz schön überrascht gewesen sein, als sie im glühenden Feuer der Hölle gelandet sind.“ Ahmed und die beiden anderen Studenten kicherten.
„Warum haben Sie das?“
„Weil der Teufel ihnen viel beigebracht hat und wir werden dafür sorgen, dass das Böse für Gutes verwendet wird. Bitte ziehen Sie die Handschuhe an. Sie sind unser Teamleiter, also gebührt Ihnen die Ehre, die Kanope zu öffnen.“
Verwirrt steckte Professor Meyer seine Arme in die strahlungssicheren Handschuhe. Auch wenn das dicke Schutzmaterial es schwer machte, seine Finger zu bewegen, hatte er jahrelange Erfahrung.
Die Kanope war am Boden der Isolationskammer befestigt. Neben ihr lagen ein Hammer und ein Meißel.
Omar steckte seine Arme in das zweite Paar Handschuhe.
„Bitte öffnen Sie den Deckel“, sagte er. „Er besteht aus Alabaster, doch im Inneren befindet sich Blei, also werden Sie ein wenig Kraft aufwenden müssen.“
Der Deckel hatte die Form eines Löwenkopfes. Immer noch verwirrt nahm Professor Meyer den Hammer und den Meißel und platzierte ihn an dem Spalt zwischen Deckel und Behälter.
Obwohl er kein Archäologe war, war ihm ganz und gar nicht wohl dabei, ein uraltes Artefakt zu zerstören.
„Yallah!“, keifte die Wache und der Professor zuckte zusammen.
„Das bedeutet, dass Sie sich beeilen sollen“, sagte Omar. „An Ihrer Stelle würde ich auf ihn hören. Er hat sich nur schwer unter Kontrolle.“
Schweiß lief ihm die Stirn herab und Meyer schlug mit dem Hammer zu. Ein winziger Riss tauchte auf der Kanope auf.
„Härter“, sagte Omar.
Er schlug erneut zu. Der Riss wurde größer.
„Kommen Sie schon, Professor. Härter!“
Meyer wendete all seine Kraft auf. Der Rand des Deckels zersprang und der Löwenkopf rollte davon. Der Geigerzähler im Inneren der Kammer knackte und seine Nadel zeigte an, dass eine geringe Strahlung austrat.
Er wischte die Fragmente zur Seite und sah nun selbst, dass die Öffnung der Kanope mit Blei versehen war.
„Weiter“, sagte Omar. Er schien atemlos vor Aufregung.
Meyer tat wie ihm geheißen und klopfte vorsichtig die Öffnung ab. Die Spitze des Meißels arbeitete sich mit Leichtigkeit in das weiche Metall. Das Klicken des Geigerzählers wurde lauter und lauter und seine Nadel schlug weiter aus.
Als er sich um die Öffnung herum gearbeitet hatte, fiel das bleierne Siegel ab. Der Geigerzähler zeigte nun eine tödliche Dosis Strahlung an. Wäre die Isolationskammer nicht, würden sie alle innerhalb der nächsten Stunde Symptome entwickeln.
Omar übernahm jetzt und entfernte die Kanope von ihrer Halterung. Er drehte sie herum.
In dem Moment erlebte Professor Meyer den Schock seines Lebens, denn heraus fiel eine Scheibe matt grauen Metalls.
Sie alle schnappten nach Luft.
„Das … Aber das ist ja …“ Professor Meyer konnte den Satz nicht beenden, denn er traute seinen eigenen Augen nicht.
„Uran-235“, sagte Ahmed. Er klang ehrfürchtig. „Von den Urahnen eingesammelt. Ein Professor der Ägyptologie, der die Heiden studiert hat, bevor er uns auf dem einzig wahren Pfad gefolgt ist, hat uns davon erzählt. Er weiß nicht, ob es sich um ein natürliches Vorkommen handelt, oder ob sie tatsächlich die Geheimnisse der Veredelung herausgefunden hatten. Es ist egal. Es gehörte ihnen und nun gehört es uns. Aus den heidnischen Händen hat Allah es genommen und seinen wahren Gläubigen gegeben.“
Meyer zog seine Arme heraus. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und versuchte etwas zu sagen, doch er brachte nur ein Quietschen hervor. Er räusperte sich, richtete sich auf und sagte: „Ich werde keine Bombe für Sie herstellen. Drohen Sie mir gar nicht erst mit Folter, das wird nämlich nicht funktionieren. Ich weiß, dass Sie mich am Ende ohnehin töten werden. Ich sterbe lieber mit einem reinen Gewissen.“
Die Terroristen starrten ihn für einen Augenblick nur an. Omar riss seine Hände zurück. Er warf ihm einen wütenden Blick zu und suchte nach etwas in seiner Hosentasche.
Meyer wich einen Schritt zurück.
Ich hoffe, es geht schnell.
Doch Omar zückte keine Waffe. Er zückte ein Handy. Er öffnete die Fotogalerie und zeigte sie Meyer.
Es war ein Foto seiner Frau, wie sie gerade Fleisch bei einem örtlichen Metzger kaufte. Meyer schluckte schwer. Omar wischte weiter und das nächste Foto zeigte sie, wie sie ihr Haus betrat. Auf einem anderen Foto erkannte er seine Söhne, wie sie im Park Fußball spielten.
„Nein. Oh, nein“, stöhnte Meyer.
Omar wischte weiter und zeigte ihm Fotos seines Bruders und seiner Schwägerin und ihrer Tochter. Ein Foto des Altenheims, in dem sein Vater lebte und dann ein Foto aus Österreich, auf dem seine Schwester zu sehen war.
„Sie werden uns helfen“, sagte Omar. „Denn all diese Menschen werden auf die schmerzhafteste, erniedrigendste Weise sterben, die sich unsere Agenten vorstellen können. Und glauben Sie mir, sie sind äußerst kreativ.“
Meyer starrte das Handy schweigend an.
„Wie lautet Ihre Antwort?“, fragte Omar.
Meyer konnte nichts sagen. Ahmed trat auf ihn zu und verpasste ihm eine harte Ohrfeige.
„Antworten Sie!“
Meyer rannte zur Tür. Er schaffte nicht mehr als drei Schritte, bevor ihm die Wache einen Schlag in die Magengrube verpasste. Er fiel auf die Knie.
„Antworten Sie! Wenn Sie nicht sofort antworten, geben wir den Befehl. Wir werden mit Ihren beiden Söhnen anfangen.“
Er schluchzte, schlug mit seiner Faust auf den Boden und schrie: „Na gut, ihr Tiere, na gut! Ich werde es tun.“
„Und versuchen Sie gar nicht erst irgendwelche Tricks“, sagte Ahmed. „Auch wenn wir Ihre Hilfe benötigen, verstehen wir genug, um zu sehen, ob Sie es richtig machen oder nicht. Jegliche Verzögerungen oder Täuschungsversuche und die Köpfe Ihrer Söhne werden auf dem See dümpeln, in dem sie so gerne mit ihren Spielzeugschiffen spielen. Danach ist Ihre Frau dran.“
Er rang nach Atem und sagte schließlich: „Na gut, ich helfe Ihnen. Gott vergib mir, aber ich werde Ihnen helfen.“
Früh am nächsten Morgen wurde Jana von einem Geräusch an ihrer Tür wach.
Sie schreckte auf und sprang in einer Bewegung aus dem Bett. Überrascht stellte sie fest, dass niemand in ihr Zimmer eingedrungen war. Stattdessen erblickte sie ein Stück Papier unter ihrer Tür, ein bleiches Rechteck, das sich von den Schatten abhob.
Jana schlich hinüber und nahm es an sich. Im Flur vernahm sie keinerlei Geräusche. Wer auch immer es gewesen war, musste ziemlich gut im Schleichen sein.
So wie sie.
Sie nahm den Zettel an sich und musste ihn ans Fenster halten, um die Worte im schwachen Morgenlicht zu erkennen.
„Jana, es tut mir leid, dass ich dich in die Sache hereingezogen habe und dir gegenüber wegen deines Vaters nicht ehrlich war. Danke für deine Hilfe. Du hast mir sehr geholfen. Dein Vater wäre stolz auf dich gewesen.
„Ich muss jetzt gehen. Die Mission führt mich in ein anderes Land und ich rechne mit Gefahren, denen ich dich unmöglich aussetzen kann. Du wirst feststellen, dass die Behörde dich für deine Dienste reichlich entschädigt hat. Viel Glück bei deiner Ausgrabung.“
„Jacob.“
Dad wäre stolz gewesen? Wäre er stolz darauf, dass ich Inges Mörder entkommen lasse?
Jacob wird sich schon rächen, wenn er kann.
„Wenn du willst, dass etwas erledigt wird“, hatte Dad immer gesagt, „musst du es schon selbst tun.“
Sie öffnete die Tür so leise sie konnte und sah gerade noch, wie Jacob aus seinem Zimmer kam und den Flur entlang schlich. Er hatte eine Tasche über seine Schulter geschlungen.
Jana trat ebenfalls heraus und blieb auf der Seite, wo die Schatten am dunkelsten waren.
Von dem langen Flur gingen zahlreiche Türen ab. Am Ende befand sich ein kleiner Aufenthaltsraum und die Rezeption. Jana wusste, dass dort ein Hotelmitarbeiter sein würde, auch wenn er zu dieser Uhrzeit vielleicht schlief.
Es vergingen ganze fünf Sekunden, bevor Jacob herumwirbelte.
Sie konnte schwören, dass sie kein Geräusch gemacht hatte, doch offensichtlich hatte er sie trotzdem bemerkt.
Seine Hand befand sich bereits unter seinem Hemd, wo er vermutlich eine Waffe trug. Jana wich zurück und hob ihre Hände.
In dem Moment erkannte Jacob sie. Er entspannte sich, schüttelte seinen Kopf und ging so leise wie ein Geist auf sie zu.
„Wo zur Hölle glaubst du, dass du hingehst?“, flüsterte er.
„Ich folge dir“, flüsterte sie.
Er deutete auf sie. „In dem Aufzug?“
In dem Moment wurde ihr klar, dass sie noch immer nur ihre Unterwäsche und einen Spaghettiträger trug.
„Ich hatte keine Zeit, mich umzuziehen“, sagte sie und hoffte, dass er nicht mitbekam, wie sie rot wurde.
„Gehen wir zurück auf dein Zimmer. Ich will nicht, dass uns jemand so sieht.“
Leise gingen sie zurück und sie schloss die Tür.
„Wenn der Typ an der Rezeption uns sieht, wird man ihn garantiert bestrafen“, sagte Jacob.
„Sei still und lass mich anziehen.“ Sie ließ da Licht ausgeschaltet. Er hatte schon genug gesehen.
Jana zog ihre Hose, ihre Socken und ihre Schuhe an.
„Die brauchst du nicht. Du gehst nirgendwo hin“, sagte Jacob.
„Und ob. Ich gehe dorthin, wo du hingehst. Wohin genau wäre das eigentlich?“
„Du wolltest nicht einmal hier nach Ägypten.“
„Das war, bevor sie Inge entführt haben.“
Selbst in dem düsteren Licht ihres Zimmers konnte Jana sehen, wie er zusammensackte.
„Was?“, fragte sie.
„Ich wollte nicht, dass du es so erfährst.“
Sie stand auf und ging zu ihm herüber. „Was?“
„Ein Schafhirte hat ihre Leiche gestern Nachmittag nicht weit von der Ausgrabungsstätte gefunden.“
Einen Moment lang stand Jana nur da.
Dann ließ sie sich auf einen Stuhl fallen. Sie dachte an Inge und ihren netten Ehemann, einen Ingenieur. Und an ihre kleine Tochter, die Blumen und Superhelden so liebte.
Aus irgendeinem Grund konnte sie nicht weinen. Ihre Trauer schien wie gelähmt. Sie verspürte nichts als Wut.
„Sie haben ihr den Kopf abgeschnitten, nicht wahr?“, hörte sie sich selbst fragen.
„Es ging schnell. Keine Anzeichen von Folter oder … Missbrauch.“
„Sie haben ihr den Kopf abgeschnitten, oder? Das tun diese Mistkerle doch so gerne.“
Jacob sah aus, als wollte er ihr eine beruhigende Hand auf die Schulter legen, doch er zögerte und zog sie wieder zurück.
„Tut mir leid“, sagte er. „Ich werde sie rächen. Mein Vorgesetzter glaubt unsere Theorie über das Uran-235, aber die Chefetage ist nicht überzeugt. Er braucht Beweise, damit wir eine größere Operation genehmigt bekommen. Bis dahin ich auf mich allein gestellt. Ich habe aber eine Idee, wo ich einen solchen Beweis herbekomme. Aus dem Libanon. Mehr kann ich dir nicht verraten, außer, dass es zu gefährlich für dich ist, mitzukommen.“
„Ich will trotzdem mit“, sagte sie und blickte ihn an.
Er schüttelte seinen Kopf. „Dort, wo ich hingehe, sind die einzigen Frauen, die du sehen wirst, in Ketten gelegt.“
„Ich muss sie rächen.“
„Nein. Fang gar nicht erst damit an. Ich … Ich weiß, wie das ist. Das ist keine Gerechtigkeit. Alles, was passiert, ist, dass es dich vergiftet. Geh zurück zu deiner Ausgrabung. Führe ein anständiges Leben. Es tut mir leid, dass ich damit hineingezogen habe. Denk immer daran, dass du mir unglaublich geholfen hast. Wenn ich es schaffe, Schwert der Gerechten auszuschalten, ist es dank dir. Ich muss jetzt gehen. Leb wohl und viel Glück.“
Jana saß einen Moment lang nur da. Ihr rauchte der Kopf. Dann stand sie auf und packte so schnell sie konnte ihre wenigen Dinge zusammen. Ihr Vater hatte ihr stets eingebläut, dass es wichtig war, schnell packen zu können.
Du solltest immer eine Notfalltasche parat haben, hatte er immer gesagt, selbst zu Hause. Ganz besonders zu Hause. Und wenn du auf Reisen bist, schmeiß nicht alles in deinem Hotelzimmer herum. Alles, was du nicht in dem Moment brauchst, sollte gepackt sein.
Ein komischer Ratschlag, über den sie nie genauer nachgedacht, dem sie aber stets trotzdem gefolgt war.
Jana öffnete die Tür einen Spalt. Der Flur war still und leer. Schnell schlich sie bis zu seinem Ende. Wie sie vermutet hatte, lag der alte Mann an der Rezeption mit dem Kopf in seinen Armen auf dem Schreibtisch und schlief friedlich.
Sie ging zur Treppe hinüber und zögerte.
Etwas sagte ihr, dass sie nicht allein war.
Jana trat tiefer in die Schatten – nur ein schwaches Licht beleuchtete die Hotelrezeption – und lauschte.
Sie hörte nichts, doch sie war sich jetzt sicher, dass jemand hier war.
Sie warf einen Blick über das Geländer. Die Treppenstufen lagen in den Schatten. Das Erdgeschoss drei Stockwerke unter ihr war heller, die Vordertüren geöffnet und das Licht der morgendlichen Sonne und der Straßenlaternen schien hinein.
Ein Schatten dort unten bewegte sich.
Jana schnappte nach Luft. Jacob wäre niemals so offensichtlich gewesen. Es war jemand anders dort unten. Jemand, der wartete.
Auf sie wartete.
Sie stellte ihre Tasche ab, öffnete langsam und lautlos den Reißverschluss und zog schließlich die automatische Neunmillimeter-Pistole hervor, die sie am Vortag an sich genommen hatte. Jacob hatte nichts dazu gesagt. Später, auf ihrem Hotelzimmer, hatte Jana sie auseinandergenommen, damit sie trocknen konnte. Später hatte sie sie fein säuberlich wieder zusammengesetzt.
Ihr Dad hatte als Vater zwar gänzlich versagt, doch er war ein guter Lehrer gewesen. All die Überlebenstipps, die er ihr eingebläut hatte, kamen jetzt ziemlich gelegen.
Allerdings hatte er ihr nicht beigebracht, wie sie ein vermutliches Terrorattentat mit nur zwei Schüssen in ihrem Magazin überleben konnte. Sie würde improvisieren müssen.
Jana schlang sich ihre Tasche über die Schulter und löste die Sicherung. Sie zuckte bei dem leisen Klicken zusammen.
Sie blieb an der Wand, damit man sie von unten nicht sehen konnte und ging langsam und lautlos eine Stufe nach der anderen hinunter.
Ein Geräusch sorgte dafür, dass sie wie angewurzelt stehenblieb. Ein dumpfer Aufprall, das Klappern von Metall auf Stein und ein leiser, erstickter Schrei.
Dann war da erneut nur noch Stille.
Jana zählte lautlos bis zehn, und als sie immer noch kein Geräusch vernahm, ging sie weiter. Vorsichtig untersuchte sie jede Ecke und jeden Schatten.
In der Lobby fand sie die Leiche. Sie lag im Schatten der geöffneten Tür. Man hatte ihr das Genick gebrochen.
Jana untersuchte sein Gesicht und glaubte, einen der Terroristen aus den Katakomben wiederzuerkennen. Sie war sich nicht sicher. Es war dunkel hier und dunkel dort gewesen, doch es würde nur Sinn ergeben.
Wenn das derselbe Kerl ist, war er es, der Inge getötet hat.
Sie spuckte ihm ins Gesicht und durchsuchte ihn. Keine Waffe.
Jacob muss sie mitgenommen haben. So ein gieriger Kerl.
Sie spähte aus der Vordertür und betrachtete die ruhige Straße, die senkrecht zum Wasser verlief. Niemand war zu sehen, außer den paar schläfrigen Einwohnern, die den Bürgersteig entlangschlenderten. Wahrscheinlich waren sie auf dem Weg zur Arbeit.
Jana trat hinaus und ging zur Promenade, die parallel zum Hafen Alexandrias verlief und entdeckte Jacob ein paar hundert Meter weiter, wie er gerade in ein Taxi stieg.
Sie sah sich nach einem weiteren um, doch seines war weit und breit das einzige.
„Verdammt!“
Dann erblickte sie einen Mann mittleren Alters in einem billigen Anzug, der gerade in einen alten Fiat einstieg. Sie eilte zu ihm herüber.
„Ich gebe Ihnen einhundert Dollar, wenn Sie diesem Taxi dort folgen“, sagte sie auf Arabisch.
Der Mann starrte sie, eine laute westliche Dame, erstaunt an.
„Einhundert Dollar, sonst nichts“, sagte sie. „Fassen Sie mich an und ich breche Ihre Hand.“
„Ich muss zur Arbeit.“
„Einhundertfünfzig.“
„Ach, ich hatte sowieso heute keine Lust.“
Sie stiegen ein und fuhren dem Taxi hinterher.
„Kommen Sie nicht zu nahe“, sagte Jana. „Bleiben Sie ein wenig zurück. Wenn Sie es schaffen, dass ein anderes Auto zwischen uns fährt, wäre das am besten. Aber kein LKW, sonst sehen wir nicht, wohin sie fahren.“
„Ich werde hierfür doch keinen Ärger bekommen, oder?“
„Nein“, sagte Jana und lächelte grimmig. „Den ganzen Ärger werde ich abbekommen.“
Jacob erkannte den Piloten, sobald er die private Start-und-Lande-Bahn am Rande Alexandrias betrat. Orhan Yildirim war ein kleiner Mann türkisch-amerikanischer Abstammung. Man sah ihm sein Alter nicht an und sein drahtiger, dürrer Körper sagte Jacob, dass er etliche Jahre im „Außendienst“ verbracht hatte. Auch wenn Yildirim nicht direkt für die Behörde arbeitete, war er ein Söldner, auf den man sich verlassen konnte. Er arbeitete im gesamten Mittelmeerraum als Führer und Experte und außerdem war er ein guter Pilot.
„Schön, dich wiederzusehen, Orhan“, sagte Jacob und ergriff seine Hand. Orhans Händedruck war fest und seine Finger von Hornhaut überzogen – besonders sein Abzugsfinger.
Orhan grinste breit und seine Zähne blitzten in der Morgensonne. „Beirut dieses Mal, wie? Was ist deine Coverstory?“
„Ich bin ein privater Geschäftsmann, der wegen eines Bankgeschäfts dort ist. Ich ziehe mir im Flugzeug einen Anzug an. Welches ist deins?“
„Hier entlang.“
Orhan führte ihn über den Asphalt, wo mehrere Flugzeuge bereits warteten.
Als Jacob sah, dass sie auf eine Cessna zugingen, fragte er: „Das hat nicht die Reichweite, um uns nach Beirut zu bringen, oder doch?“
„Das ist die 210 Centurion. Sie hat eine Reichweite von eintausend Meilen. Die beste der mittelgroßen Cessnas. Deswegen liebe ich sie so. Schmeiß dein Zeug einfach rein.“
Jacob warf seinen Koffer in die mittlere Sitzreihe.
„Wir sind bereits vollgetankt und können fast starten. Du musst mir allerdings helfen, etwas in den Laderaum zu befördern.“
„In Ordnung.“
Sie gingen zu einem Hangar in der Nähe, in dem ein Mechaniker gerade an einem anderen Flugzeug arbeitete. Er warf ihnen einen Blick zu und verschwand. Yildirim führte Jacob zu einem großen Metallkäfig, schloss ein schweres Vorhängeschloss auf und deutete auf das metallene Schließfach, das auf dem Boden lag. Weitere Kisten und Boxen füllten den Rest des Käfigs. Jacob fragte gar nicht erst.
Was auch immer Yildirim in den Libanon schmuggeln wollte, es war schwer. Jacob packte das eine Ende und Yildirim das andere. Zusammen ächzten und fluchten sie auf dem Weg zum Flugzeug.
„Wenn ich deinetwegen einen Leistenbruch erleide, Orhan, musst du meine Mission übernehmen.“
„Weichei.“
Als sie das Schließfach verstaut hatten, kletterten sie ins Cockpit und setzten sich Kopfhörer auf, die sowohl den Motorlärm dämpfen würden, und über die sie sich gleichzeitig per Funk unterhalten konnten.
Mit einer Mischung aus Leichtigkeit und Vorsicht, die nur ein Experte an den Tag legen konnte, vervollständigte Orhan Yildirim sämtliche Checks und fuhr dann über die Startbahn, während er sich mit dem Fluglotsen unterhielt. Sie warteten auf ein Frachtflugzeug, das gerade abhob und begaben sich dann in Position.
Jacob seufzte erleichtert, dass der erste Teil seiner Mission – und Jana – hinter ihm lag. Sie hatte dafür gesorgt, dass er sich sowohl schuldig als auch nervös gefühlt hatte. Er hasste es, mit Zivilisten zu arbeiten.
Yildirim zählte nicht. Auch wenn er nicht für die Behörde arbeitete, war er alles andere als ein Zivilist.
Das Flugzeug glitt über das Mittelmeer. Das Wasser war im Licht der aufgehenden Sonne goldfarben und sie schlugen eine nordöstliche Richtung gen Libanon ein. Rechts von ihnen erstreckte sich das Grün des Nildeltas und links von ihnen war nichts als Wasser.
Jacob lehnte sich zurück und entspannte sich. Der Typ, der ihnen im Hotel aufgelauert war, war ausgeschaltet und soweit er wusste, war das der letzte der Terroristen gewesen, die ihnen in den Katakomben aufgelauert waren. Er war vermutlich derjenige gewesen, der die deutsche Ägyptologin getötet hatte. Er wünschte sich, dass er die Zeit dazu gehabt hätte, die Leiche loszuwerden. Jana würde wahrscheinlich von dem Trubel wach werden, wenn man sie entdeckte. Vielleicht würde sie sie sogar sehen, den Kerl erkennen und wissen, dass ihre Freundin damit gerächt war.
Doch das Wichtigste war jetzt, dass sie nun in Sicherheit war. Er hatte einen Agenten vor Ort kontaktiert, der sie im Auge behalten und sicherstellen würde, dass sie das nächste Flugzeug nach Marokko nahm.
Doch was Rache anging, war das erst der Anfang.
Er kannte einen Ort in Beirut, wo man für den richtigen Preis an jede Information kam. Mit ein bisschen Glück würde er bis heute Abend bereits mehr über Schwert der Gerechten und ihre Pläne wissen, was er seinen Vorgesetzten berichten konnte, damit sie einen Aktionsplan entwerfen konnten.
Er musste an den rumänischen Kernphysiker denken, der vor ein paar Jahren verschwunden war. Wenn Jacob richtig lag und er von denselben Terroristen entführt worden war, hätten sie lange genug Zeit gehabt, eine Bombe zu bauen. Vielleicht hatten sie alles bereits fertig und warteten nur noch auf das Uran-235.
Verdammt, wir müssen uns beeilen. Die Frage ist nur: Wo bauen sie es zusammen und was ist ihr Ziel?
Er hatte keine Zeit, mehr darüber nachzudenken. Vielleicht hatten sie den Rumänen bei einem Fluchtversuch umgebracht, oder weil er nicht mehr weiterarbeiten wollte. Oder er hatte versucht, die Bombe zu sabotieren.
Was auch immer der Rumäne getan hatte, um ihre Wut auf sich zu ziehen, er war jetzt tot. Nur deshalb hatten sie Meyer entführt.
Trotz all dieser Gedanken schlief Jacob schließlich ein. Die alten Lektionen aus der Soldatenausbildung hatte er nie vergessen. Man musste jede Möglichkeit für noch so wenig Ruhe wahrnehmen, da man niemals wusste, wann sich die nächste Gelegenheit ergab.
Er träumte von nichts als Dunkelheit. Seit Jahren schon hatte er nicht mehr geträumt. Dafür war er unendlich dankbar.
Yildirims Stimme weckte ihn einige Zeit später auf.
„In einer Stunde kommt die libanesische Küste in Sicht.“
Sobald er die Augen öffnete, war Jacob hellwach.
„Dann sollte ich mich wohl umziehen“, antwortete er.
Er öffnete seinen Gurt und kletterte zurück in die mittlere Sitzreihe, wo sein maßgeschneiderter Anzug, den er von einem Agenten vor Ort erhalten hatte, bereits auf ihn wartete. Er öffnete die Tasche, legte ihn auf einem der Sitze zurecht und zog sich aus.
Gerade, als er sein Hemd ausgezogen hatte, bemerkte er eine Bewegung zwischen den beiden Sitzen der hinteren Reihe.
Seine Hand schoss in seine Tasche und er hob eine Pistole.
„Hände hoch und herauskommen!“, befahl er auf Arabisch.
Es war der Schock seines Lebens, als sich der ungebetene Gast nicht als Terrorist herausstellte, sondern als Jana Peters.
„Wer zur Hölle ist das?“, fragte Yildirim und blickte über seine Schulter. Er hatte ebenfalls eine Waffe gezogen. Jacob hatte nicht einmal bemerkt, dass er eine besaß. So etwas vor seinem scharfen Blick zu verstecken, war nicht einfach.
„Eine ziemlich aufdringliche und dazu noch nervige Zivilistin“, knurrte Jacob.
„Dann schmeiß sie aus dem Fenster. Niemand versteckt sich ungestraft in meinem Flugzeug.“
„Ganz ruhig, Orhan.“ Er drehte sich zurück zu Jana. „Was zum Geier glaubst du, dass du hier tust?“
„Ich komme mit. Wonach sieht es denn aus?“
„Das alles geht dich nichts an.“
„Eine Terrorgruppe hat meine Freundin getötet und will den dritten Weltkrieg anzetteln und du sagst, dass mich das nichts angeht?“
„Zu viel Info!“, sagte der Pilot. Er wollte nie Details über irgendwelche Missionen wissen. In seinem Job war es besser, wenn man so wenig wie möglich wusste.
„Du kannst nicht mitkommen.“ Plötzlich wurde Jacob jedoch etwas klar. „Warte mal. Wie bist du überhaupt so weit gekommen?“
„Ich bin dir aus dem Hotel gefolgt und habe jemanden bezahlt, um dir zu folgen. Das war das Schlimmste. Dieser Idiot ist dir fast in den Kofferraum gefahren. Er hatte nicht den geringsten Hauch, wie man jemanden vernünftig verfolgt.“
„Ich habe ihn gesehen. Ich dachte, er kann einfach nicht Auto fahren. Von denen gibt es mehr als genug in Ägypten. Nach einer Weile ist er ja zurückgeblieben und dann habe ich ihn aus den Augen verloren.“
„Dank mir“, lachte Jana. „Ich musste ihm quasi alles beibringen. Danach habe ich mich auf den Flugplatz geschlichen und bin ins Flugzeug, während ihr diesen riesigen Schrank da hinten geholt habt. Sind da Waffen drin? Wir brauchen nämlich welche.“
„Das Schließfach geht dich einen Scheißdreck an“, knurrte Orhan. „Jacob, schmeiß sie raus.“
„Wie wäre es, wenn ich Sie rausschmeiße?“, keifte Jana zurück.
„Und wer zum Geier wird dann fliegen? Du etwa, du Superspionin?“
„Seid still, alle beide“, sagte Jacob. Orhan antwortete mit einem Schwall türkischer Schimpfwörter.
Jacob betrachtete Jana für einen Moment. Um ehrlich zu sein, war er beeindruckt. „Wo hast du gelernt, wie man so gut Leute verfolgt?“
„Von meinem nutzlosen Vater. Bei den wenigen Gelegenheiten, wenn ich ihn mal zu Gesicht bekam, hat er mir alles Mögliche beigebracht, von dem ich niemals gedacht hätte, dass ich es einmal benötigen würde.“
„In den Katakomben hast du dich auch ziemlich gut geschlagen“, gab Jacob zu. „Aber ich kann dich nicht mitnehmen. Beirut ist ein raues Pflaster.“
„Ich weiß. Ich war schon einmal dort.“
„Ich rede nicht von der Altstadt, in der die ganzen Banken und Hotels sind. Sondern vom Nordosten. Warst du da auch?“
Jana wurde bleich im Gesicht. „Nein.“
„Aber du hast davon gehört, oder?“
„Ja.“
„Dann weißt du ja, dass sich dort Milizen, Menschenhändler, Drogenhersteller und Söldner befinden.“
„Und ein paar richtig gute Bars“, fügte Orhan hinzu.
„Kein Ort für eine Dame“, sagte Jacob.
„Ich bin keine Dame.“
Orhan blickte über seine Schulter und grinste. „Oh, ist das so?“
„Schnauze, wer auch immer Sie sind.“
„Ich sollte extra für diesen Job verlangen“, murmelte der Pilot und drehte sich wieder nach vorn.
„Hör zu“, sagte Jacob und versuchte seine Ungeduld zu unterdrücken. „Ich kann auf eine Mission wie diese keine unausgebildete Zivilistin mitnehmen. Du könntest getötet werden. Verdammt noch mal, ich könnte getötet werden. Jetzt, wo wir das Archäologie-Zeug hinter uns haben, kann ich dich nicht mehr gebrauchen. Du bist Ballast.“
„Ich bin nicht unausgebildet.“
Orhan schnaufte. „Ein paar Tipps von Daddy werden dort, wo er hingeht, nicht reichen.“
„Niemand hat Sie gefragt“, erwiderte Jana. Sie wandte sich Jacob zu. „Ich komme mit. Kein Widerspruch. Vielleicht kannst du mein Wissen ja noch gebrauchen und ein zweites Paar Augen hat noch nie geschadet. Ich weiß, dass du eine bessere Ausbildung genossen hast als ich. Du kannst besser kämpfen als ich. Das ist mir schon klar. Aber du brauchst meine Hilfe, und die wirst du bekommen, ob du willst oder nicht.“
Orhan pfiff anerkennend. „Wow, Jacob. Die ist ganz schön schlagfertig. Du solltest dir jemanden suchen, der etwas softer ist.“
Jana runzelte ihre Stirn. „Ist der immer so?“
„Ja“, sagte Jacob, „aber er ist ein guter Pilot. Dir ist klar, dass wir beide einen grausamen Tod erleiden könnten, oder? Und wenn du ihnen in die Hände fällst, wirst du um einiges Schlimmeres durchmachen müssen als ich.“
„Ja“, sagte Jana, auch wenn ihre Stimme ein wenig zitterte. „Aber wenn man bedenkt, was auf dem Spiel steht, lasse ich es darauf ankommen. Wenn sie bekommen, was sie wollen, werden wir ohnehin alle sterben.“
„Ja“, seufzte Jacob. „Schätze, da hast du wohl recht.“
Sie hatte ihn bereits halb überzeugt. Jana war bisher alles andere als nutzlos gewesen, und vielleicht würde er ihr Wissen tatsächlich noch benötigen. Die ganze Sache hing schließlich mit einer ihrer Entdeckungen zusammen.
Außerdem wusste er genau, dass er sie nicht dadurch loswerden würde, wenn er sie in Beirut einfach zurückließ. Sie würde schon einen Weg finden, ihm zu folgen. Er konnte unmöglich seine Mission erledigen und gleichzeitig vor ihr davonlaufen. Sie mitzunehmen würde ihm Kopfschmerzen bereiten und eine große Gefahr darstellen, doch wenn sie ohnehin mitkommen würde, wäre es viel sicher, sie dort zu haben, wo er ein Auge auf sie werfen konnte.
Jacob zog sich zu Ende an und Stille machte sich zwischen den Dreien breit. Er wusste nicht, was im Kopf der anderen vor sich ging, aber seine eigenen Gedanken waren ohnehin laut genug.
Er versuchte, herauszufinden, wie er dafür sorgen sollte, dass Jana die gefährlichste Ecke des gesamten Mittleren Ostens überleben sollte. Denn wenn er Informationen über Schwert der Gerechten und ihre Pläne eines Atomkriegs herausfinden wollte, musste er direkt in die Höhle des Löwen.
Und mit einer Frau im Schlepptau war es dort doppelt so gefährlich wie ohnehin schon.
Eine Stunde später, nachdem er den Zoll davon überzeugt hatte, dass er ein Geschäftsmann mit seiner „Begleitung“ war – eine Aussage, die den libanesischen Beamten kichern ließ und dafür sorgte, dass Jana ihm einen wütenden Blick zuwarf – traten Jacob und seine ungebetene Begleiterin aus dem Flughafen und stellten fest, dass ein Taxi bereits auf sie wartete.
Er erkannte, dass es das richtige war, da es das Logo des Fußballvereins Homenetmen Beirut auf der Seite trug. Er hatte noch nie von diesem Verein gehört und sich das Logo nur gemerkt, weil Tyler Wallace ihm mitgeteilt hatte, dass er so den örtlichen Agenten würde erkennen können.
Nach einer kurzen Recherche hatte Jacob erfahren, dass Homenetmen Beirut in der vierten Liga spielte. Sie waren ewige Verlierer in einem Sport, in dem der arabische Stolz auf fanatische Fans traf. Niemand war wirklich ein Fan von ihnen, also eignete es sich als Erkennungsmerkmal. Es war äußerst unwahrscheinlich, dass es noch ein zweites Taxi gab, das dieses Logo trug.
Trotzdem studierte er das Gesicht des Taxifahrers genau, bevor er einstieg. Ja, es war der gleiche Mann auf dem Foto, ein Libanese mittleren Alters mit gelocktem, schwarz-grauem Haar und einem Bauch, der bei jemandem, der kein Muslim war, durch jahrelangen Bierkonsum genährt wäre. In seinem Fall war es wohl eher die Neigung für köstliche, libanesische Süßspeisen.
Jacob und Jana stiegen hinten ein und stellten ihr Gepäck zwischen sich. Erneut war Jacob erstaunt. Eine Zivilistin hätte ihre Tasche in den Kofferraum gestellt. Nur Agenten trugen ihre Taschen stets bei sich, falls sie schnell fliehen mussten.
Eine kleines, aber wichtiges Detail.
Der Fahrer fuhr Richtung Norden entlang der Küstenstraße, die von etlichen hochmodernen Gebäuden aus Glas und Stahl – Luxusapartments und Büros für die Reichen des Landes – gesäumt war. Weiter hinten befanden sich hässlichere Gebäude aus Beton, deren Dächer voll mit Wäscheleinen und verrosteten Satellitenschüssel waren. Dichter Verkehr verstopfte die Autobahn und der Fahrer musste sich zwischen den langsameren Fahrzeugen hin und her schlängeln.
„Ich vermute, Sie haben Ihre Waffen im Flugzeug gelassen“, sagte der Fahrer in perfektem Englisch. Jacob erkannte einen leichten australischen Akzent. Er fragte nicht, wie er zustande gekommen war.
„Ja“, antwortete er.
Der Fahrer tätschelte eine Tasche auf dem Beifahrersitz. „Alles, was Sie benötigen, ist hier drin. Sie ist bereits mit Ihrem neuen Namen versehen. Wir haben Ihnen zwei Zimmer in einem ruhigen Hotel in der Innenstadt gebucht. Es ist clean. Keine Wanzen. Gehört einer armenischen Familie, die keiner Fraktion treu ist. Dort sind Sie sicher, solange Sie Ihre Deckung aufrechterhalten. Wenn Sie noch etwas benötigen, wissen Sie ja, wie Sie mich erreichen.“
„Ich könnte Verstärkung gebrauchen“, sagte Jacob und warf Jana einen Seitenblick zu.
„Ich fürchte, das geht nicht. Die Hisbollah bereiten gerade einen großangelegten Raketenangriff auf Israel vor. Sämtliches Personal ist darauf angesetzt. Wenn Sie nicht so hochpriorisiert wären, hätten Sie sogar ein echtes Taxi nehmen müssen. Ich muss zur Grenze aufbrechen, sobald ich Sie abgesetzt habe.“
„Verstanden“, murmelte Jacob. So viel Geld die CIA auch zur Verfügung hatte, es war nie genug für all das Chaos, das auf dieser Welt herrschte.
„Ich werde versuchen, Ihnen eine Warnung zukommen zu lassen, kurz bevor es losgeht. Sie wollen nicht auf der Straße sein, wenn die Hisbollah eine ihrer Straßendemos startet.“ Der Fahrer warf Jana einen bedeutenden Blick über den Rückspiegel zu.
Ja, ja. Ich weiß, dass sie eine Gefahr darstellt. Aber er hat ja keine Ahnung, wie schwer man sie wieder loswird.
Das Hotel befand sich in einem alten ottomanischen Haus, vor dessen Fenstern feine hölzerne Läden hingen und einem Innenhof, auf dem ein duftender Orangenbaum stand. Als sie vor dem Eingang hielten, blieb eine Gruppe Jugendlicher stehen und lachte das Logo auf dem Taxi aus. Der Taxifahrer lief rot an. Jacob und Jana wurden an der Tür von einem dünnen, dunkelhäutigen Mann begrüßt, der einen altmodischen Anzug trug. Er begrüßte sie mit einer Entschuldigung.
„Ich fürchte, im Moment haben wir keinen Strom. Er ist in der gesamten Nachbarschaft ausgefallen. Das Versorgungsunternehmen sagte uns, dass er heute Abend wieder da sein würde, aber …“ Er zuckte mit den Schultern.
Das Taxi fuhr unter weiteren Spottrufen der Jugendlichen davon.
„Ist nicht mein erstes Mal im Libanon“, sagte Jacob.
„Dann wissen Sie ja, dass es nur schlimmer werden kann“, kommentierte der Hotelbesitzer und führte sie in den ersten Stock.
Schlimmer war es bereits geworden. Die libanesische Regierung steckte tief in ausländischen Schulden, was zusammen mit der zusammenbrechenden Infrastruktur und dem Ölmangel dank der Krise im Persischen Golf bedeutete, dass im gesamten Land immer wieder die Energieversorgung ausfiel. Wenn die Hisbollah Raketenangriffe auf Israel starten würde, könnten sie große Teile der ärmlichen libanesischen Stadtbewohner aufrühren und ein großes Problem für die bereits geschwächte Regierung darstellen.
Und es war vielleicht genau das, was sie vorhatten. Die Hisbollah waren Schiiten, ein Zweig des Islam, dem ungefähr die Hälfte der libanesischen Moslems angehörten. Der Iran unterstützte sie und würde die Spannungen im Golf vielleicht dafür nutzen, seine Macht hier auszubauen.
Es hatte bereits einen Krieg zwischen den Schiiten und Sunniten im Libanon gegeben, der ein Jahrzehnt Leiden und Zerstörung zur Folge gehabt hatte.
Die Zimmer, die ihnen der Armenier zuteilte, waren kühl und dunkel, hatten hohe Decken und quietschende alte Betten. Sobald er sie allein gelassen hatte, wandte sich Jacob an die Archäologin.
„Ich muss los.“
„Nicht ohne mich.“
Jacob schüttelte seinen Kopf. „Zu gefährlich.“
„Wir hatten dieses Gespräch schon einmal. Ich komme mit. Punkt. Du brauchst Verstärkung und dieser angebliche Taxifahrer kann dir keine verschaffen.“
Jacob kicherte. „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“
Jana starrte ihn wütend an. „Nicht, dass ich das wüsste. Ich habe meinen Vater kaum gesehen.“
„Er hat viel über dich erzählt“, sagte Jacob versöhnlich.
„Dich hat er nie auch nur erwähnt.“
„Wahrscheinlich, weil er mich nicht kannte, bevor du den Kontakt zu ihm abgebrochen hast.“
„Ach so?“ Sie sah überrascht aus. „Als ich seinen Nachlass bekommen habe, nachdem er … Nachdem er im Einsatz gestorben ist, habe ich etliche Fotos von euch gefunden. In einem Dschungel, in den Bergen, in einer Bar in, was ich vermute, Bangkok. Alles Mögliche. Und wenn man nach eurer Kleidung und euren Frisuren geht, habt ihr euch jahrelang gekannt.“
„Haben wir auch. Er war ein guter Mann.“
„Das denkst du vielleicht.“
„Das weiß ich“, erwiderte Jacob gereizt. Er verdankte Aaron Peters alles – seinen Job, sein Leben, seine Seele.
Jana sagte nichts.
„Hör zu“, sprach Jacob weiter. „Ich muss in eine Bar im Nordosten Beiruts. Du weißt, was dort vor sich geht. Wenn du wirklich mitwillst, musst du meine Regeln befolgen, verstanden?“
„Verstanden“, sagte sie ernst.
„Sehen wir mal, was der Taxifahrer für uns besorgt hat.“
Jacob öffnete die Sporttasche und fand unter ein paar Trainingsshirts von Homenetmen Beirut zwei Neunmillimeter-Pistolen und einen großen Vorrat Hohlspitzpatronen, sowie eine MP5 Maschinenpistole mit einem 40-Schuss-Magazin und der entsprechenden Munition, zwei Tränengranaten und zwei Blendgranaten. Außerdem bemerkte er einen verdächtig dicken Füller. Jacob öffnete ihn und stellte fest, dass es eine 22er-Pistole mit einer einzigen Patrone war.
„Nimm eine der Neunmillimeter, eine der Granaten und ich zeige dir, wie man diesen Stift benutzt“, sagte Jacob. Er betrachtete sie für einen Moment. „Hast du schon einmal jemanden umgebracht?“
„Nein.“
„In Rage eine Waffe abgefeuert?“
„Nein.“
„Willst du immer noch mitkommen?“
Janas Augen blitzten auf. „Sie haben den Kopf meiner Freundin abgeschnitten und wenn wir sie nicht aufhalten, könnten sie eine Atombombe zünden. Ja, ich will noch mitkommen.“
Jacob nickte beeindruckt.
Du kommst tatsächlich nach deinem Vater. Ich hoffe nur, dass es reicht, denn dort, wo wir hingehen, wirst du es brauchen.
„Das Erste, was du über Undercover-Einsätze wissen musst, ist, dass du deine Augen offen und deinen Mund geschlossen halten musst“, sagte Jacob, während sie eine geschäftige Seitenstraße im Nordosten Beiruts entlanggingen. Sein Blick suchte jede erdenkliche Richtung ab, um potenzielle Gefahren frühzeitig zu erkennen.
„Und ganz besonders, wenn ich nur eine hübsche Begleitung für meinen männlichen Helden bin“, witzelte Jana.
Gott, womit habe ich sie nur verdient?
„Denk, was du willst, aber hör mir zu. Wenn deine Augen so offen sind, wie du denkst, sag mir, was du siehst.“
Die Straße war kaum breit genug für zwei Kleinwagen und sie waren von einer langsamen Masse hupender Autos und Motorräder umgeben. Die engen Bürgersteige waren voller Straßenverkäufer, die billige chinesische Importe beschrien. Betongebäude, die aussahen, als würden sie jeden Moment zusammenbrechen, türmten sich zu beiden Seiten auf und selbst im relativ milden libanesischen Winter lehnten die Einwohner aus den Fenstern, um frische Luft zu schnappen.
„Ich sehe viel“, sagte Jana, „aber wenn du nur das Wichtigste wissen willst, wäre es, dass sich niemand für die beiden Ausländer zu interessieren scheint.“
„Und warum könnte das so sein?“
„Denn wenn man sich für etwas Ungewöhnliches interessiert, wird man automatisch mit hineingezogen und das könnte hier im Mittleren Osten, und ganz besonders in einer Nachbarschaft wie dieser, ziemlich unangenehm werden.“
„Hat dir das dein Vater beigebracht?“, fragte Jacob beeindruckt.
„Nein, die fünfzehn Jahre, die ich bereits in dieser Region unterwegs bin“, erwiderte Jana. „Ich habe selbst viel mehr gelernt, als er mir jemals beibringen konnte. Ich bin mehr als nur die Tochter deines Kumpels, ist das klar?“
„In Ordnung. Also, wenn wir die Höhle des Löwen betreten, will ich, dass du mir den Rücken freihältst und mich reden lässt. Fragen?“
„Ja. Was ist der nächste Schritt, wenn wir dort keine Informationen finden?“
„Keine Ahnung“, gab Jacob zu.
Wortlos gingen sie weiter.
Die Gasse, die zu der Kellerbar führte, lag nun vor ihnen. Am Eingang zu der Gasse saß ein alter Mann auf einem Hocker hinter einem Pappkarton, auf dem Zigarettenpackungen gestapelt lagen. Zigarettenverkäufer wie ihn gab es überall im Mittleren Osten. Manche von ihnen waren bloße Rentner, die ein wenig Geld für ihre Familien verdienen wollten. Andere waren Regierungsspione. Jacob wusste, dass dieser hier eine Wache für die Bar darstellte. Unter seiner Kufiya trug er ohne Zweifel ein unsichtbares Funkgerät.
Der Verkäufer blinzelte nicht mal, als ein westlicher Geschäftsmann und eine Frau in khakifarbener Arbeitskleidung an ihm vorbeigingen und die Gasse betraten. Jacob hörte nichts als ein leises Flüstern, was unter dem Lärm der Straße nahezu unterging, als der Mann ihre Ankunft berichtete.
Nicht, dass das schlimm war. Jeder war willkommen in Hassans Kellerbar. Wieder herauszukommen war das Problem und das war allein davon abhängig, was die derzeitigen Kunden von einem hielten.
Die Bar hatte kein Werbeschild. Lediglich ein paar nackte Betonstufen führten zu einer metallverstärkten Tür hinab.
Jacob drückte sie auf und betrat diese geheime Welt.
Auf den ersten Blick wirkte die Bar unscheinbar. Es war ein schlecht beleuchteter Kellerraum mit einer niedrigen Decke und es roch nach Schimmel. Ungefähr ein Dutzend runder Tische waren in ihm verteilt und nackte Betonsäulen stützten das Gebäude über ihm. Keine Fenster – natürlich nicht.
Eine kurze hölzerne Bar nahm die Hälfte der Rückwand ein. Zapfsäulen suchte man vergeblich und nur ein einsamer Kühlschrank stand hinter ihr, sowie ein Regal, auf dem sich staubige Flaschen Alkohol befanden. Sie sahen aus, als hätte man sie nicht mehr angerührt, seitdem die Franzosen hier das Sagen gehabt hatten.
Wer hier herkam, dem war nicht nach Trinken. Man traf sich hier, um Geschäfte zu machen.
Und doch mussten sie den Schein wahren. Jacob ging auf die Bar zu und blickte sich links und rechts um. An ein paar Tischen saßen Männer und führten leise Konversationen. An anderen schienen die Kunden etwas entspannter. Entweder hatten sie ihre Geschäfte bereits abgeschlossen oder warteten auf jemanden. An einem Tisch in der anderen Ecke saß ein Mann mit so vielen Narben im Gesicht, dass er aussah wie ein zusammengesetztes Puzzle, allein und starrte mit leerem Blick ins Nichts.
Jacob kannte ihn. Er war ein Drogenschmuggler, der einem jede nur erdenkliche Substanz besorgen konnte. Er war der Hauptversorger gleich mehrerer Netzwerke und trotz seiner zerrissenen Jacke und Jeans verfügte er über mehr Vermögen als manche Dritte-Welt-Länder.
Er kannte auch ein paar der anderen Anwesenden – ein Trio an Waffenschmugglern, ein Unternehmensspion, ein paar Söldner. Er kannte ihre Dossiers. Für die, die ihn kannten, war Jacob ein zwielichtiger Geschäftsmann, der alle möglichen Aufträge hatte. Also passte er perfekt hierhin.
Sämtliche Gespräche verstummten für den Bruchteil einer Sekunde, als sie sahen, dass eine Frau die Bar betrat. Diese Typen waren normalerweise durch nichts zu beeindrucken, doch dass jemand wie Jana ungerührt Hassans Bar betrat, war selbst für sie etwas, das sie noch nie zuvor gesehen hatten. Einen Moment später erinnerten sie sich daran, unscheinbar zu wirken, und sprachen weiter.
An der Bar angekommen begrüßte er Hassan, den einäugigen Barkeeper, der sich nicht die Mühe machte, eine Augenklappe zu tragen und sagte: „Zwei Almaza-Biere, bitte.“
„Hätten Sie gerne Gläser?“
„Nein, danke.“
Die Gläser hier waren allesamt aus Plastik. Sie gaben nicht so gute Waffen ab. Es war besser, eine Flasche in der Hand zu halten – die offensichtlich taktisch überlegene Wahl. Jeder hier hatte eine Flasche.
Jacob wettete, dass sie alle mindestens zwei oder drei Waffen sowie Messer bei sich trugen, doch wie sein türkischer Pilot waren sie zu geübt darin, sie selbst vor ihn, einem ehemaligen Ranger und CIA-Agenten zu verstecken.
Er bezahlte mit einem Hundert-Dollarschein und erwartete kein Kleingeld. Hassan machte auch keine Anstalten, ihm welches zu geben. Anschließend ließ Jacob seinen Blick schweifen und überlegte sich, mit wem er zuerst sprechen sollte. Die beiden Waffenhändler in der Ecke schienen eine gute Wahl zu sein. Er ging zu ihnen hinüber und Jana blieb direkt hinter ihm. Er legte seinen Arm um sie und zog sie an seine Seite. Er musste sie im Auge behalten. Jeder Einzelne hier hatte sie bereits eingehend betrachtet und fragte sich, was sie hier tat.
„Darf ich?“, fragte er.
Die Waffenhändler – ein Serbe und ein Tunesier, mit denen er schon einmal zu tun gehabt hatte – musterten zuerst ihn, dann Jana einen Augenblick länger und nickten schließlich.
Es gab nur einen freien Stuhl. Jacob setzte sich und ließ Jana stehen. Hier war nicht der Ort, um den Gentleman an den Tag zu legen. Jana lehnte sich an die Wand, wodurch sie auch Jacobs Rücken deckte, und nippte an ihrem Bier.
„Wie können wir Ihnen weiterhelfen, Mr. Tyson?“, fragte der Serbe.
Tyson war nur einer von vielen falschen Namen, die Jacob verwendete.
„Ich möchte die Grundlagen für ein Geschäft mit Schwert der Gerechten legen. Ich würde gern in Erfahrung bringen, was sie derzeit benötigen, bevor ich ihnen ein Angebot bereite. Sie wissen ja, wie sie sind.“
Eine der Regeln an diesem Ort war es, schnell zur Sache zu kommen. Zeit war schließlich Geld und die Zeit dieser Männer war ganz besonders wertvoll.
Der Serbe schnaubte verächtlich. „Pass lieber auf, mein Freund. Ich habe gehört, dass sie erst vor Kurzem Sergei mit einer Ladung Handgranaten über den Tisch gezogen haben.“
„Ich bin momentan mit anderen Aufträgen beschäftigt“, fügte der Tunesier hinzu. „Ich habe schon seit mehr als einem Jahr nichts mehr mit ihnen zu tun gehabt.“
„Was wollten sie von dir, als ihr das letzte Mal Kontakt hattet?“
„Alles, was mit Präzisionsoptik zu tun hatte. Visiere für Scharfschützengewehre, Auskundschaftsgeräte für Artillerie, so etwas“, antwortete er.
Interessant. Schwert der Gerechten war nicht so wie andere Milizen. Territorium einzunehmen und es im offenen Kampf gegen andere zu verteidigen, war nicht wichtig für sie. Das Zubehör für Scharfschützengewehre lag nahe, doch Artillerie verwendeten sie ziemlich sicher nicht. Also benötigten sie die Präzisionsoptik für etwas anderes.
Jacob warf dem Serben einen Blick zu, doch der zuckte nur mit den Schultern.
„Ich hatte nie direkt mit ihnen zu tun. Nur das normale Zeug. Nichts Ungewöhnliches für Typen wie sie.“
„Danke.“ Er stand auf und steckte eine Hand in seine Tasche – oder besser gesagt, nur zwei Finger. Es war unklug, hier in Hassans Bar jemanden nervös zu machen. Er zückte zwei Stapel Geldscheine, die jeweils mit Gummiband zusammengehalten wurden. Eintausend für den Tunesier, fünfhundert für den Serben, der weniger nützliche Informationen für sie gehabt hatte.
Er ließ sie auf den Tisch fallen. Das Geräusch von Geldscheinen, die auf Holz prallten, war etwas, das man hier häufig hörte.
Jacob drehte sich um und blickte sich ein zweites Mal um. Diese drei Söldner, die mit ihren Bieren beschäftigt waren, wären vielleicht nützlich. Bisher hatte er erst mit einem von ihnen zu tun gehabt, einem Franzosen, der früher in der französischen Fremdenlegion gewesen war, doch er erkannte den Amerikaner und den Libanesen von Steckbriefen wieder.
Diese Bar war ein regelrechter Treffpunkt für die meistgesuchten Personen der Welt. Die CIA haderte schon lange mit sich, ob sie sie nicht einfach auseinandernehmen sollte, doch schlussendlich hatte man sich entschieden, dass sie weitaus nützlicher sein würde, um Informationen zu sammeln.
Er schlenderte zu ihnen herüber. „Dürfte ich mich wohl setzen?“
„Wenn du sie verkaufen willst, musst du mit Gregori sprechen“, sagte der Amerikaner und deutete auf einen kleinen Mann an einem anderen Tisch.
„Sie steht nicht zum Verkauf“, sagte Jacob und machte sich nicht die Mühe, nach Janas Reaktion zu sehen. Er wollte es gar nicht wissen.
„Mal ausleihen?“, fragte der Franzose und hob eine Augenbraue.
„Ich fürchte nicht, Freunde.“ Jacob setzte sich hin und Jana wagte es, sich einen leeren Stuhl vom Nachbartisch heranzuziehen und sich ebenfalls zu setzen. Jacob hoffte inständig, dass er nicht für einen Drogenboss oder Auftragskiller reserviert war.
Die drei Söldner tauschten nervöse Blicke aus. Jana hatte gerade einen Anfängerfehler begangen. Nun wirkte sie noch mehr fehl am Platze als vorher.
Jacob ignorierte sie und sagte: „Ich würde gerne die Grundlagen für einen Businessdeal mit Schwert der Gerechten legen.“
Der Amerikaner zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht viel über diese Typen.“
Der Libanese antwortete: „Ich bin Schiit.“
Das reichte als Erklärung. Wenn sie ihn in die Finger bekommen würden, würden sie ihm den Kopf abschneiden.
Der Franzose blickte seine Kollegen an und als niemand mehr etwas sagte, lehnte er sich vor und legte seine Hände auf den Tisch. „Was für Informationen benötigen Sie?“
„Was könnten sie aktuell an Militärausrüstung benötigen?“
„Sie sind eine normale Terrorgruppe, nur vielleicht etwas besser organisiert als die meisten. Ich habe zeitweilig ihre Männer in der syrischen Wüste ausgebildet. Truppenmanöver, Häuserkämpfe, Explosive, so etwas in der Richtung.“
„Haben sie anständig bezahlt?“
„Sehr. Allerdings haben sie mich ohne Vorwarnung wieder gefeuert.“
„Das kommt manchmal vor. Haben sie gesagt, warum?“
Die Tür zu Hassans Bar wurde aufgestoßen. Alle von ihnen blickten in ihre Richtung. Jacob sah einen stämmigen Mann in einem Kapuzenpullover. Sein Gesicht war halb verdeckt. Die Wache hatte ihn allerdings durchgelassen, also konnte er kein Polizist sein. Jacob wandte sich erneut an den ehemaligen Legionär.
„Sie wollten ihren Standort ändern und anscheinend war er zu geheim, um mich mitzunehmen“, sagte der Franzose.
„Haben sie gesagt, wohin?“
„Nein, aber ich habe es trotzdem herausgefunden.“
Stille. Der Franzose sah ihn erwartungsvoll an.
Jacob zückte 500 $ und legte sie auf den Tisch. Der Franzose rührte sich nicht. Jacob legte weitere 500 $ hinzu.
Er hatte keine Ahnung, ob seine Informationen nützlich sein würden, doch er wusste wenigstens, dass sie zuverlässig waren. Schließlich war sein Ruf alles, was er in dieser Welt hatte.
„Sie sind zur Sinai-Halbinsel gegangen.“
„Wohin genau?“
Der Mann von der französischen Fremdenlegionen öffnete seinen Mund, um zu antworten, doch dann sah er etwas hinter Jacob. Bevor Jacob sich umdrehen konnte, spürte er, wie ihm jemand auf die Schulter tippte.
Als er ihn erkannte, machte er sich beinahe in die Hose.
Denn hinter ihm stand Chingis Beshimov, ein kirgisischer Auftragskiller. Er war es, der gerade die Bar betreten hatte. Inzwischen hatte er seine Kapuze abgesetzt, unter der ein rasierter Schädel und eine lange, dünne Narbe, die sich bis auf seine Wange herunterzog, zum Vorschein kamen.
Eine Narbe, die Jacob ihm vor zwei Jahren in einem Messerkampf in Bischkek verpasst hatte.
Das hätte er ihm vielleicht noch verziehen – schließlich hatte es sich nur um ein Geschäft gehandelt, und niemand von den hier Anwesenden nahm solche Dinge persönlich – doch Chingis wusste, dass er ein CIA-Agent war.
Der Kirgise blickte ihn wütend an und wirkte auf Jacob wie sein Namensvetter Dschingis Khan persönlich. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen.
Das Schlimmste, was er an einem Ort wie diesem wohl aussprechen konnte.
Jacob Snows wahre Identität.
Jacob schnappte sich seine Flasche und ließ sie auf Chingis’ Kopf prallen, um seiner umfangreichen Sammlung an Narben eine weitere hinzuzufügen.
Doch der Kirgise wehrte den Schlag ab, trat Jacobs Stuhl unter ihm weg, sodass er hart auf den Boden fiel und schrie:
„Er gehört zur CIA!“
Das war das Letzte, was jemand in Hassans Bar hören wollte, und am allerwenigsten Jacob Snow selbst.
Er sprang auf und warf gleichzeitig den Tisch der Söldner um. Sie würden jeden Moment mitmachen wollen.
Genauer gesagt würde jeder der hier Anwesenden mitmachen wollen, und sie alle standen auf der Seite von Chingis Beshimov.
Während die drei Söldner sich aufrappelten, verpasste Jacob dem kirgisischen Verräter einen rechten Haken – doch auch dieser Versuch wurde von ihm abgewehrt und stattdessen prallte seine kräftige Faust mitten in Jacobs Gesicht.
Verdammt, der blaue Fleck wird mindestens eine Woche bleiben.
Jacob wich zurück und zückte im Zurücktaumeln seine Pistole.
Doch Chingis war schneller, wahrscheinlich weil vor seinen Augen keine Sterne tanzten und aus seiner Nase kein Blut strömte wie aus den Niagarafällen.
Jacobs Sicht klärte sich gerade schnell genug, dass er in das schwarze Loch einer Magnum starrte, die kurz davor war, ihn für immer zur Ruhe zu stellen.
Der Schuss ertönte unglaublich laut, doch zu Jacobs Überraschung war er immer noch am Leben. Jana hatte ihre Flasche auf Chingis Ellbogen niedersausen lassen. Die Kugel prallte an der Wand ab und bohrte sich in ein anderes Ziel. Jacob hoffte, dass er einen der anderen Männer hier getroffen hatte.
Er zielte auf den kirgisischen Killer und drückte ab.
Doch auch er verfehlte, denn gerade, als er den Abzug drückte, prallte der amerikanische Söldner auf ihn auf. Sein Manöver machte deutlich, dass er der Star seines Footballteams auf der Schule gewesen war, bevor er sich dazu entschieden hatte, dass er als Söldner weitaus mehr verdienen konnte als in der NFL.
Jacob prallte hart auf dem Boden ab und konnte gerade noch rechtzeitig seinen linken Arm hochreißen, um den Fall abzufangen. Er verpasste dem Amerikaner einen Schlag mit seinem Pistolenlauf, stieß ihn von sich und zielte erneut auf Chingis.
Doch dieses Mal drückte er nicht ab. Der Kirgise kämpfte mit einer Archäologin, die gerade einem Iltis zum Verwechseln ähnlichsah.
Nun gut, dieser Vergleich war vielleicht ein wenig sexistisch, dachte Jacob, doch ohne Zweifel akkurat.
Jacob fegte den libanesischen Söldner, der gerade mit einem Messer in seiner Hand auf ihn zukam, von seinen Beinen und trat ihm ins Gesicht, während er auf den Boden fiel.
Er wollte an Janas Seite eilen, doch der Franzose stellte sich ihm in den Weg, ein massiver Kerl, der wusste, wie man sich verteidigte. In der einen Hand hatte er eine zerbrochene Flasche, in der anderen ein Messer.
Jacob duckte sich unter dem Messer hinweg, wurde oberflächlich mit der Flasche am Arm erwischt, konnte dem Franzosen aber einen Schlag ins Gesicht verpassen, der einen Normalsterblichen auf den Boden geschickt hätte. Doch für ihn schien er nur eine leichte Unannehmlichkeit darzustellen.
Erneut sausten die Flasche und das Messer auf ihn zu und erneut konnte Jacob der gefährlicheren Waffe ausweichen, nur um einen Schnitt von der Flasche verpasst zu bekommen.
Mein Anzug ist ruiniert und wenn das so weitergeht, der Rest meines Lebens ebenfalls.
In dem Moment wurden er und der Legionär von zwei Menschenhändlern unterbrochen, die einander an die Gurgel gingen.
Jacob wich zurück und erkannte nun, dass die gesamte Bar in einen großen Kampf ausgebrochen war. Das hatte er zwar erwartet, doch er hatte auch erwartet, dass sie alle auf ihn losgehen würden. Stattdessen schien es, als nun mindestens ein halbes Dutzend Kämpfe tobten und ein paar der Anwesenden lagen bereits in ihrem eigenen Blut am Boden.
Anscheinend hatten sie alle die Gelegenheit ergriffen, alte Rechnungen zu begleichen, oder vielleicht glaubten sie, dass Jacob nur einer von vielen Agenten hier war, und jeder, der auch nur das kleinste bisschen verdächtig war, wurde jetzt angegriffen.
Jacob hatte keine Zeit, genauer darüber nachzudenken, denn der Legionär drängte sich an den beiden Menschenhändlern vorbei und kam erneut auf ihn zu.
Dieses Mal war Jacob vorbereitet und verpasste ihm einen Tritt, der ihn mehrere Meter auf die Seite und mitten in einen anderen Kampf beförderte. Jacob sprang zur anderen Seite und wollte Jana helfen.
Sie lag bereits auf dem Boden und Chingis sprang nun auf ihn zu. Er schrie etwas in seiner Muttersprache.
Die gesamte Bar war nun ein einziges Chaos. Flaschen flogen durch die Luft. Tische ebenfalls. Ganz zu schweigen von den hier Anwesenden. Der Besitzer, Hassan, hatte sich klugerweise hinter seiner Bar versteckt, die, so hatte Jacob jedenfalls gehört, aus kugelsicherem Stahl bestand. Alles, was Jacob von ihm sehen konnte, war ein Haarbüschel und der Lauf einer Schrotflinte.
Er hatte nicht den geringsten Zweifel daran, dass Hassan ihn über den Haufen schießen würde, wenn die Schussbahn frei war.
Und er hatte auch keinen Zweifel, dass er nicht verfehlen würde, also war der beste Plan, den er wählen konnte, es mit einem wütenden Nachfahren von Dschingis Khan aufzunehmen.
Wenigstens hatte Chingis seine Pistole nicht mehr in der Hand. Jana musste sie ihm abgenommen haben. Jacob hoffte nur, dass sie nicht zu stark verletzt war. Sie war nützlicher, als er erwartet hatte. Vielleicht würde er sie doch mitnehmen, wenn sie die nächsten fünf Sekunden überlebten.
Jacob verpasste dem Kirgisen einen Schlag auf die Brust und fegte ihm in einer flüssigen Bewegung die Beine weg, sodass er auf den Boden fiel.
Jedenfalls war das sein Plan gewesen. Sein Schlag erwischte ihn, doch sein Tritt ging ins Leere und plötzlich musste er feststellen, dass er jeglichen Bodenkontakt verloren hatte.
Stattdessen flog er durch die Luft und prallte im nächsten Augenblick auf eine der Betonsäulen auf.
Die Luft wurde aus seinen Lungen gestoßen und er landete hart auf dem Boden.
Am liebsten wäre Jacob eine Stunde oder zwei einfach liegengeblieben, um sich zu erholen, doch ein riesiger kirgisischer Fuß flog auf sein Gesicht zu, also entschloss er sich dazu, sich lieber zu bewegen.
Alles, wozu er noch fähig war, war sich zur Seite zu rollen.
Chingis’ Fuß verpasste ihn nur um wenige Zentimeter, gerade genug, dass er seinen Kopf streifte. Was jedoch nicht verschont blieb, war sein Geruchssinn. Dieser Kerl benötigte eindeutig Fußcreme.
Chingis fluchte vor Schmerzen, heulte auf und versuchte erneut, auf Jacobs Kopf zu stampfen. Der CIA-Agent rollte im letzten Moment davon.
Und er durfte nicht aufhören, weiterzurollen, denn Chingis folgte ihm unaufhörlich.
Schließlich prallte er auf Jana, die immer noch am Boden lag. Zum Glück war sie am Leben, doch warum zum Teufel kramte sie ausgerechnet jetzt in ihrer Handtasche?
Jacob wollte gerade einen sarkastischen Kommentar abgeben, als die Archäologin den Stift, der in Wirklichkeit eine Pistole war, hervorzog und auf Chingis feuerte.
Die Kugel erwischte ihn mitten in die Brust. Die Hand des Kirgisen schnellte zu der Wunde und er heulte auf, doch er blieb auf den Beinen.
Es war schließlich nur eine Kaliber 22.
Jacob suchte seine Taschen nach seiner eigenen Waffe ab, doch alles, was er fand, war eine der Blendgranaten. Er hatte glatt vergessen, dass er seine Pistole während des Kampfes irgendwo verloren hatte.
Chingis wollte ihn packen. Er blutete und sein Blick war wie der eines wilden Tieres. Jacob entsicherte sie und hielt sie dem Killer hin.
Chingis starrte sie einen Augenblick lang überrascht an, doch dann grinste er und fing an zu lachen.
Jacob hatte den Bügel, der den Zeitzünder startete, noch nicht losgelassen, doch wenn Chingis ihm jetzt eine runterhaute, so wie er wahrscheinlich vorhatte, würde sie innerhalb von zwei Sekunden explodieren.
Und auf diese Entfernung würde selbst eine Blendgranate sie wahrscheinlich beide töten.
Jacob wollte lieber nicht so genau darüber nachdenken, warum Chingis diese Tatsache so lustig fand.
Dennoch musste auch Jacob lachen, während er sich aufrappelte. Auch Jana stand jetzt auf. Sie war allerdings alles andere als belustigt.
Chingis und Jacob lachten immer noch und standen einander gegenüber. Jacob hielt die Granate vor sich. Chingis versuchte, sie ihm aus der Hand zu schnappen, doch Jacob war zu schnell.
Langsam wichen er und Jana zurück in Richtung Tür. Die Kampfgeräusche ließen langsam nach, als mehr und mehr der Anwesenden bemerkten, was er in der Hand hielt.
„Ich habe hier eine experimentelle hochexplosive Brandgranate!“, verkündete Jacob. „Frisch aus einem amerikanischen Geheimlabor! Sie ist stark genug, dass sie dieses gesamte Gebäude in Schutt und Asche legen kann.“
Chingis lachte lauter. „Amerikanischer Lügner. Ich erkenne das Modell. Das ist eine billige jugoslawische Nachahmung einer alten sowjetischen Granate.“
„Nein, ist es nicht“, beharrte Jacob und wich weiter mit Jana zurück.
„Doch, ist es.“
„Dann sehen wir doch mal, wer von uns recht hat.“ Jacob warf sie quer durch den Raum und auf Hassan zu, der sie im Visier seiner Schrotflinte hatte.
Alle von ihnen tauchten ab, um nach Schutz zu suchen, einige von ihnen hinter den Betonpfeilern, andere unter die Tische, und Jacob und Jana rannten jetzt in Richtung der Tür.
Jacob stieß sie auf und schubste Jana hinaus.
Mitten in die Arme der Wache. Sie hatte eine Waffe in der Hand und blickte sie wütend an.
Ein lauter Schrei hinter ihm verriet ihm, dass Chingis sich entschlossen hatte, ihnen zu folgen.
In dem Moment ertönte ein lauter Knall und eine Schockwelle sorgte dafür, dass Chingis auf Jacob aufprallte, und sie beide auf Jana und die Wache. Gemeinsam flogen die vier auf die gegenüberliegende Wand in der Gasse zu.
Und das Schlimmste passierte, was Jacob in diesem Moment hätte passieren können. Er verlor das Bewusstsein.
Als Jacob wieder zu sich kam, war er von Leichen umgeben. Er grunzte und schob Chingis von sich. Jana lag ebenfalls auf ihm und schien friedlich zu schlafen. Die alte Wache war auch noch bewusstlos. Sie sahen beide etwas mitgenommen aus, trugen aber keine offensichtlichen Wunden.
Jacob rappelte sich auf und blinzelte, als Blut in seine Augen lief. War es seins oder das eines anderen? Er war sich nicht sicher und hatte keine Zeit, nachzusehen. Über das Klingeln in seinen Ohren hinweg hörte er Polizeisirenen in der Ferne, die sich rasant näherten.
Zu lange schien er nicht bewusstlos gewesen zu sein. Niemand war hier, um nachzusehen, was passiert war und die Polizei war ebenfalls noch nicht vor Ort. Er hatte keine Zweifel, dass sie jemand gerufen hatte, sobald der erste Schuss ertönt war. Außerdem war Chingis ebenfalls noch bewusstlos. Jacob war erstaunt, dass er als Erstes aufgewacht war.
Mit einer Hand schnappte er sich die Pistole der Wache. Es war ein kompakter Revolver vom Kaliber 38. Nicht seine erste Wahl, aber besser als nichts. Mit der anderen packte er Janas Handgelenk und zog sie kurzerhand die Allee entlang. Keine Zeit für Kavaliersgehabe. Sie mussten so schnell wie möglich verschwinden.
Als er auf der Straße ankam, stellte er fest, dass sämtliche Passanten schnell verschwanden. Die Menschenmassen von vorhin waren weg und nur ein paar Nachzügler huschten in die Gebäude und schlossen Fenster und Türen. Die Einwohner des Libanon hatten bereits vor langer Zeit gelernt, wie man sich richtig verhielt, wenn es Ärger gab.
Und Feuergefechte und die Polizei zählte als Ärger.
Ein Taxi fuhr die Straße entlang und der Fahrer sah sich verwirrt um. Offenbar wusste er nicht, was hier gerade geschehen war.
Er lernte seine Lektion auf die harte Tour, als ein blutiger westlicher Mann, der eine Frau hinter sich herzog, sich in die Mitte der Straße stellte und seine Waffe hob.
„Machen Sie, was ich Ihnen sage, und ich tue Ihnen nicht weh“, verkündete Jacob, als er auf das Fahrzeug zuging. Der Taxifahrer hielt seine Hände in die Höhe.
Jacob hievte Jana auf die Rückbank und stieg ein.
„Bringen Sie uns hier weg“, befahl er.
Der Taxifahrer japste erschrocken. Einen Moment fragte sich Jacob warum, doch dann erblickte er Chingis, wie er aus der Allee gestürmt kam, wild aufschrie und ein Tischbein durch die Luft schwang, das er irgendwo aufgegabelt hatte. Vielleicht war es ebenfalls aus der Tür geflogen, als die Granate explodiert war.
„Los!“, schrie Jacob.
Der Fahrer brauchte keine weitere Ermutigung. Er drückte aufs Gas. Chingis warf das Tischbein auf sie zu und zertrümmerte die Frontscheibe. Das Taxi wich ihm aus, prallte auf ein parkendes Auto, Metall kreischte auf Metall, nahm noch drei Motorroller mit, doch der Fahrer konnte es gerade noch retten und davonfahren.
Jacob blickte über die Schulter. Chingis rannte ihnen immer noch hinterher.
„Was für nette Freunde du doch hast“, sagte Jana.
„Du bist ja wach!“
„Ich wünschte, ich wäre es nicht“, stöhnte sie und rieb sich einen riesigen blauen Fleck auf ihrer Wange. Dieser Typ kann ganz schön zulangen.
„Wir können froh sein, dass wir noch am Leben sind.“
„Sind das Polizeisirenen?“
„Ja.“ Jacob sprach den Fahrer auf Arabisch an. „Bringen Sie uns in die Innenstadt und lassen Sie uns dort raus. Von da an können wir laufen.“
„Die Polizei ist auf dem Weg“, sagte der Fahrer. „Und wenn sie mich mit dieser Scheibe sehen, werden sie mich anhalten. Sie werden nicht auf die Polizei schießen, oder?“
„Die Polizei fährt die Hauptstraße nach Westen, dorthin, wo wir gerade einen Streit angezettelt haben. Nehmen Sie die Nebenstraßen, so können wir ihnen leicht ausweichen.“
„Und was, wenn wir in eine Verkehrskontrolle geraten? Ich will nicht in die Mitte eines Feuergefechts geraten.“
„Sie sind um einiges härter im Nehmen als der letzte Taxifahrer, den ich entführt habe“, sagte Jacob bewundernd. „Die meisten geben keine Widerworte, wenn man ihnen eine Waffe an die Stirn hält.“
Der Fahrer zuckte mit den Schultern. „Ich komme aus dem Libanon.“
„Der letzte war aus Syrien.“
Der Taxifahrer schnalzte mit der Zunge. „Syrer sind schwach und dumm.“
Jacob lächelte, zückte 500 $ und warf den Stapel auf den Vordersitz.
„Für deine Unannehmlichkeiten, mein Freund.“
Die Augenbrauen des Taxifahrers schossen in die Höhe. „Dafür würde ich Sie bis nach Kabul fahren.“
„Bringen Sie ihn nicht auf dumme Gedanken“, murmelte Jana.
„Fahren Sie uns einfach in die Innenstadt.“ Jacob nannte ihm eine Adresse, die nicht weit von ihrem Hotel entfernt lag. Er wollte nicht, dass er sie direkt davor absetzte, doch so mitgenommen, wie sie waren, wollte er auch nicht zu weit laufen und unnötige Aufmerksamkeit auf sie lenken.
Er lehnte sich zurück und warf Jana einen aufmunternden Blick zu. Sie war verletzt, mitgenommen und offensichtlich verängstigt, doch nichtsdestotrotz blieb sie ruhig.
Eindeutig Aaron Peters‘ Fleisch und Blut.
„Du hast dich gut geschlagen“, sagte er.
„Schätze schon.“ Sie blickte gen Boden. „Aber wir haben rein gar nichts herausgefunden.“
„Vielleicht, vielleicht auch nicht.“
Den einzigen Hinweis hatten sie von dem ehemaligen Fremdenlegionär, von dessen Flasche Jacobs Arm immer noch pochte. Nachdenklich nahm er ein kompaktes Erste-Hilfe-Set aus seiner Jackentasche, rollte seine Ärmel auf und verarztete seine Wunden.
Bevor die Situation eskaliert war, hatte er etwas Interessantes gesagt. Er hatte Mitglieder von Schwert der Gerechten in der syrischen Wüste ausgebildet. Dort befand sich also eine ihrer Festungen. Das ergab nur Sinn. Doch dann hatten sie ihn gefeuert und gesagt, dass sie ihre Operationen verlagerten. Irgendwie hatte er herausgefunden, dass sie sich auf die Sinai-Halbinsel begeben wollten.
Das war etwas, das Jacob hellhörig gemacht hatte. Die Sinai-Halbinsel war strategisch unglaublich wichtig und dort konzentrierten sich eine Menge illegaler Aktivitäten. Deswegen hatte er auch gefragt, wo genau sie hingehen wollten.
Das hätte ihm nämlich einen Hinweis darauf geben können, was sie vorhatten.
Die Sinai-Halbinsel gehörte zu Ägypten. Wenn die Terroristen in den Nordosten gegangen wären, planten sie vielleicht einen Angriff auf das benachbarte Israel, oder Operationen im Gazastreifen. Wären sie im Süden, wollten sie sich eher zurückhalten, oder in das Schmuggelnetzwerk der Beduinen einsteigen.
Der Nordwesten bereitete ihm am meisten Sorgen. Ein Ableger des IS hatte diese Region infiltriert und auch wenn die ägyptische Armee sie niedergeschlagen hatte, gab es noch immer Elemente dieses garstigen Todeskultes dort.
Wollte Schwert der Gerechten dort mitmischen? Oder hatten sie ihre Augen auf den Suezkanal gerichtet, der am nordwestlichen Rand der Sinai-Halbinsel lag?
Wenn sie nämlich tatsächlich über eine Atombombe verfügten, hätte das weltweite Konsequenzen zur Folge.
Verdammt noch mal, warum musste Chingis ausgerechnet in diesem Moment auftauchen?
In dem Moment erinnerte er sich an etwas, das der libanesische Söldner gesagt hatte. Er hatte gesagt, dass er keine Geschäfte mit der Gruppe machte, da er Schiit war. Schwert der Gerechten wollte, so wie der IS, jeden Schiiten töten, der ihnen in die Hände fiel.
Das Zentrum des schiitischen Zweigs des Islam war der Iran.
Und hier war eine amerikanische Flotte, die sich in diesem Moment gegen den Iran versammelte.
Er hatte dieser Operation nicht besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt, da er genug mit seiner eigenen Mission zu tun gehabt hatte, aber hatte er nicht gehört, dass einige Schiffe aus dem Atlantik abgezogen und in den Persischen Golf beordert worden waren?
Der schnellste Weg dorthin führte über den Suezkanal.
Wenn sie tatsächlich diese Route einschlugen, hätte Schwert der Gerechten keinen weiten Weg, könnte seine Atombombe zünden und die Schiffe ausschalten.
Und wem würde Amerika dafür die Schuld geben? Dem Iran.
Es wäre ein Krieg, in dem Tausende von Schiiten umkommen würden. Vielleicht würde er sogar zu einer Invasion führen, bei dem amerikanische Truppen einen höheren Preis würden zahlen müssen als in Afghanistan oder selbst im Irak.
Schiiten würden leiden. Der Westen würde leider. Die ganze Welt würde leiden, denn die Strahlung würde eine der größten Handelsrouten für Monate blockieren. Im Jahre 2021 hatte ein Containerschiff den Suezkanal lediglich sechs Tage blockiert und nahezu zehn Milliarden Dollar an Handelsverlusten verursacht. Was würden sechs Monate der Weltwirtschaft antun?
Eine weltweite Rezession. Nahrungsmittelknappheit. Hungersnöte in der Dritten Welt. Verfolgung von schiitischen Minderheiten in Ägypten, dem Libanon und sämtlichen anderen Ländern des Mittleren Ostens, wodurch schiitische Terrorgruppen Zuwachs bekommen würden, was wiederum zu weiterer Verfolgung führen würde.
Bevor sich die Lage beruhigen würde, würden Millionen oder mehr ihr Leben lassen.
Jacob lehnte sich vor, um mit dem Taxifahrer zu reden. „Ich habe mich umentschieden. Bringen Sie uns direkt zu unserem Hotel. Ich muss telefonieren. Sofort.“
Professor Meyer musste nicht lange leiden, so wie sie es ihm versprochen hatten.
Und so, wie sie es ihm versprochen hatten, würden sie seine Familie in Ruhe lassen. Ihre europäischen Agenten hatten Besseres zu tun, als deutsche Ungläubige zu töten. Dieser Abschaum würde schon noch bekommen, was sie verdienten.
Ahmed, der Doktorand der Physik, der seinen Abschluss an der Stanford Universität abgebrochen hatte, um in den Dschihad gegen diejenigen, die den wahren Islam zu unterdrücken gedachten, saß zusammen mit der Bombe in einem LKW, der auf einer einsamen Wüstenstraße entlangfuhr. Professor Meyer hatte gute Arbeit geleistet und keine zehn Stunden benötigt. Viel hatte es zugegebenermaßen nicht zu tun gegeben. Lediglich das Uran hatte getestet werden müssen und ob die alten Ägypter es tatsächlich richtig verfeinert hatten. Dann hatte er es nur in die Bombe einsetzen und den Detonator einstellen müssen. Er war mit einer Zeitschaltuhr verbunden, die auf bis zu zwölf Stunden oder nur eine Sekunde eingestellt werden konnte. Wenn sie auf Null heruntergezählt hatte, würde er eine dreißig Kilotonnen Explosion auslösen.
Das entsprach etwa der doppelten Kraft wie die Explosion in Hiroshima. Klein, nach modernen Standards, aber gut genug für das, was sie erreichen wollten.
Er lächelte Omar und Hamza zu, die zusammen mit ihm im LKW saßen. Seine Mitstudierenden und seine Kameraden im Dschihad. Sie waren vielleicht nicht so hart im Nehmen wie die Krieger, die vorn saßen, doch am Ende würden sie es sein, die am meisten Ungläubige getötet haben würden. Schon bald würden sie gemeinsam die Früchte des Paradieses genießen können.
In Omars Händen klickte leise ein Geigerzähler. Sie hatten keine Zeit gehabt, die Bombe vollständig strahlensicher zu machen. In diesem Moment bereits zersetzte sie ihre DNA und zerstörte ihre Zellwände. In einem oder zwei Tagen würden sie anfangen, Symptome zu spüren.
Doch das war egal. Schon vorher würden sie alle mit ihren Huris Honig trinken.
Ahmed warf einen Blick aus dem Fenster. Der Sonnenuntergang hatte die Wüste in ein tiefes Rot getaucht. Er sah auf die Uhr. Nur noch eine Stunde, bis es dunkel würde. Der Suezkanal war nicht mehr weit entfernt. Sie würden sich im Mantel der Dunkelheit nähern und so tun, als wären sie Mechaniker, die auf einer Baustelle am Rande des Kanals arbeiteten. Besagte Baustelle wurde ausschließlich von Schwert der Gerechten -Mitgliedern betrieben. Sobald sie dort waren, würden sie dem Motorboot signalisieren, dass es sie einsammeln sollte. Gemeinsam würden sie die Bombe zum Containerschiff bringen.
Auch wenn Allah sie segnete, belohnte er diejenigen reicher, die sorgfältige Pläne schmiedeten. Ihr Glaube allein reichte nicht, um diesen Krieg zu gewinnen. Er und seine Kameraden im Dschihad mussten für jede Eventualität gewappnet sein.
Sie konnte sich nicht sicher sein, dass die amerikanischen Kriegsschiffe durch den Kanal fahren würden. Vielleicht würden die Ketzer im Iran ihrer Feigheit nachgeben und die amerikanischen Gefangenen freilassen. Vielleicht würde der Präsident die Army Ranger oder Navy SEALs ausschicken, um sie zu retten. Oder vielleicht würden die amerikanischen Spione ihre Pläne in Erfahrung bringen und die Flotte warnen. Egal, was es war, die Schiffe würden umdrehen und in den Atlantik zurückkehren.
Wenn ihr Ziel also nicht zu ihnen kam, müssten sie zu ihm fahren.
Dunkelheit legte sich über die Wüste. Sie würden bis zum Morgen warten, bevor sie die Bombe auf das bereits wartende Schiff transportierten. Die Marionettenregierung der Amerikaner in Ägypten überprüfte jedes einzelne Schiff, das nachts ablegte. Tagsüber waren sie nachsichtiger, da es einfach zu viele gab.
Ahmed schickte ein stummes Gebet gen Himmel, dass die Amerikaner nicht umdrehen würden, dass sie wie geplant am Morgen ankommen würden. Ihre Arbeit wäre weitaus effektiver, wenn sie die Schiffe im Kanal sprengen können würden.
Denn dann würde sich die gesamte Welt gegen die Ketzer vereinigen und sie ein für alle Mal auslöschen.
„Es ist Dein Wille, oh Glanzvoller. Möge Deine unendliche Gnade unsere Hände führen, um Vergeltung an allen Ketzern und Ungläubigen zu üben.“
* * *
„Was meinen Sie damit, sie benötigen mehr Beweise?“, schrie Jacob in das verschlüsselte Satellitentelefon.
„Ich habe Ihnen gesagt, dass wir Handfestes brauchen“, antwortete sein Boss Tyler Wallace, „und Sie erzählen mir von einer beiläufigen Bemerkung, auf den in fünf verschiedenen Ländern die Todesstrafe ausgesetzt ist.“
„Aber es ergibt alles Sinn“, konterte Jacob. Er blickte Jana an, die an der Tür zu seinem Hotelzimmer Wache stand. Im Moment war es ihm egal, was sie mithörte oder nicht. Sie konnte ruhig alles erfahren.
Nicht, dass er das der CIA gegenüber zugeben würde. Dieser Verstoß gegen das Protokoll könnte dafür sorgen, dass sie beide im Gefängnis landeten.
Doch das war jetzt zweitrangig. Sie hatten nicht mehr viel Zeit und er benötigte jede Hilfe, die er bekommen könnte.
„Hören Sie, Jacob, mich haben Sie überzeugt. Auch wenn es verrückt klingt, dass sich Uran-235 in einem uralten Artefakt befinden könnte, ist das die einzige Erklärung dafür, warum Schwert der Gerechten sich solche Mühe machen würde. Und unsere Satellitenaufnahmen zeigen, dass vor ein paar Monaten ein Ausbildungslager einer unidentifizierten Miliztruppe im östlichen Syrien in der Nähe von Palmyra aufgegeben wurde. Wir haben allerdings keine Informationen darüber, welche Gruppe es war und wir haben keine Beweise für neue Aktivitäten auf der Sinai-Halbinsel.“
„Natürlich nicht. Dort geht so viel vor sich, dass niemand einen Überblick darüber behalten kann. Diese Typen sind gut darin, sich zu verstecken und ihre Spuren zu verwischen.“
„Ein weiterer Grund dafür, dass du etwas Konkreteres benötigst, um die Chefs zu überzeugen. Alles, was du bis jetzt hast, ist eine Vermutung, Jacob. Eine Vermutung, die ich teile. Aber aufgrund einer Vermutung eines Agenten werden sie keine großangelegte Operation auf die Beine stellen. Und ganz besonders, wenn dieser Agent solch eine Vorgeschichte hat wie du. Der Regionalleiter hat mich ausgelacht, Jacob.“
Jacob ächzte. Natürlich hatte Wallace recht. Sie konnten schlecht Agenten von anderen wichtigen Operationen abziehen und sie zum Suezkanal schicken, um nach einer Bombe zu suchen, die überall sein konnte, oder vielleicht nicht einmal existierte. Er hätte ebenfalls gelacht, wenn er es nicht selbst gewesen wäre, der diese Informationen gesammelt hätte.
„Wann kommt die Flotte an der Mündung des Suezkanal an?“
„0930 morgen früh.“
Jacob sah auf die Uhr. Sie hatten ausreichend Zeit, um zum Kanal zu fahren und ein paar Stunden, um die Bombe zu finden.
Ein paar Stunden, wenn sie eher ein paar Tage benötigten.
„Können Sie uns nach Port Said fliegen?“, fragte Jacob.
„Orhan Yildirim ist noch immer in Beirut. Ich rufe ihn an. Mehr kann ich nicht tun.“
„Können Sie uns einen Helikopter besorgen, sobald wir da sind? Das würde uns mit unserer Suche ziemlich helfen.“
„Was habe ich gerade gesagt?“
„Wallace, kommen Sie schon. “
Ein ausgiebiges Seufzen ertönte. „Ich werde sehen, was sich machen lässt.“
„Er soll uns auch einen Geigerzähler besorgen“, sagte Jana.
„Ist jemand mit Ihnen im Zimmer?“, fragte Wallace.
Jacob bedeutetet ihr, still zu sein. Sie runzelte die Stirn. „Nein. Nur ein paar Touristen draußen auf der Straße. Können Sie uns einen Geigerzähler besorgen?“
„Gut mitgedacht, Jacob. Vielleicht haben sie die Bombe nicht vollständig versiegelt. Ich sage den Agenten vor Ort, dass sie das neueste Model besorgen sollen.“
„Danke.“ Er streckte Jana einen Daumen in die Höhe.
„Aber wenn ihre Bombe tatsächlich undicht ist, kann es nicht stark sein, sonst würde es sie umbringen, bevor sie sie transportieren können. Der Geigerzähler müsste schon nah sein, damit er die Strahlung entdeckt.“
„Ich weiß, aber immer noch besser als nichts.“ Da kam ihm ein schrecklicher Gedanke. „Wallace, ist eines unserer Schiffe mit Atomwaffen ausgestattet?“
Jana wirbelte herum. Ihr Mund stand weit offen.
Eine lange Pause.
„Darüber kann ich Ihnen nichts sagen“, murmelte sein Boss.
Das ist ein Ja.
„Verdammt, wenn sie mit der Bombe nah genug kommen, könnte das die anderen ebenfalls losgehen lassen!“
„Ich bin kein Experte, aber dafür müssten sie schon ziemlich nah sein“, sagte Wallace.
„Innerhalb eines Kilometers? Ein paar hundert Meter?“
„Ich weiß es nicht.“
Nicht, dass es einen großen Unterschied machte. Selbst, wenn die amerikanischen Atomwaffen nicht losgingen, würden sie von der Explosion immerhin beschädigt werden, was ihr Uran-235 über den gesamten Kanal verteilen würde. Die Gegend wäre jahrelang verstrahlt und es würde mehrere Milliarden Dollar kosten, die Umwelt dort zu säubern. Und während all dieser Zeit wäre der Kanal unbefahrbar.
„Verdammt“, sagte Jacob. „Selbst, wenn sie nur teilweise Erfolg haben, werden sie für den größten Terroranschlag aller Zeiten verantwortlich sein.“
„Ich besorge Ihnen das Flugzeug“, sagte Wallace. „Fahren Sie gleich zum Flughafen. Orhan wird auf Sie warten. Wir schaffen Sie so schnell wir können nach Ägypten.“
„Wahrscheinlich wird es nicht schnell genug sein“, sagte Jacob und legte auf.
Sobald Orhan ihr Flugzeug in Port Said am nördlichen Ende des Suezkanals in Ägypten landete, nahm Jacob sein Satellitentelefon erneut zur Hand.
„Haben Sie mir den Helikopter besorgt?“, fragte er.
„Ja. Es ist nur ein kleines, ziviles Modell. Mehr konnte ich nicht tun. Aber wahrscheinlich ist das sowieso besser. Unauffälliger. Er wartete bereits am Flughafen.“
„Sehr gut. Wo ist die Flotte jetzt?“
„Sie kommt in zwei Stunden in Port Said an.“
„Verdammt noch mal, Wallace. Sagen Sie ihnen, dass sie umdrehen sollen. Wir können die Bombe unmöglich in dieser Zeit finden. Der Kanal ist 193 Kilometer lang und außerdem könnten sie auch auf der anderen Seite sein!“
Er hatte auf ihrem schlaflosen Flug hierher Satellitenbilder des Kanals untersucht. Er führte durch drei große Städte, etliche Kilometer Farmland und durch einen großen See, auf dem sich drei Inseln befanden. Trotz der starken Präsenz der ägyptischen Armee wäre es ein Kinderspiel, die Bombe an einem beliebigen Ort zu platzieren. Und wenn man bedachte, was für eine Sprengkraft sie hatte, würde selbst eine kleine Bombe, die in einem Kilometer Entfernung hochging, die Flotte zerstören können.“
„Sie wissen, dass ich nicht die Autorität dazu habe, die Flotte aufzuhalten“, sagte Wallace. „Niemand, der Ihnen glaubt, kann das.“
Orhan stellte das Flugzeug neben dem Hangar ab. Die Helikopterlandeplätze befanden sich nur wenige Meter entfernt. Jacob und Jana sprangen hinaus und gingen auf sie zu. Jacob hatte das Satellitentelefon in der Hand, während Jana die ihre Taschen sowie die schweren Taschen voller Waffen schleppte, die Orhan ihnen gegeben hatte.
„Können Sie mich zum Flottenkapitän durchstellen?“, fragte Jacob.
„Sicher. Dauert nur eine Minute.“
„Ich werde warten.“
Sie gingen weiter auf die Landeplätze zu.
„Mir ist gerade etwas eingefallen“, sagte Jana. Sie war außer Atem und Schweiß lief ihr ins Gesicht, obwohl es noch so früh war.
„Was?“
„Die Terroristen werden die Flotte auf keinen Fall verpassen wollen.“
„Der Kanal ist so eng, dass dafür keine Gefahr besteht. Nicht mit einer Atombombe.“
„Das meinte ich nicht. Du versuchst gerade zu erreichen, dass die Flotte umdreht. Nun, das müssen sie doch sicher auch bedacht haben. Die Terroristen wissen, dass wir hinter ihnen her sind. Sie wissen, dass Diebstahl und Morde unter Untersuchung stehen. Sie werden sich Sorgen machen, dass du ihren Plan herausfindest und dafür sorgst, dass die Schiffe umdrehen, bevor sie den Kanal erreichen. Das würden sie nicht riskieren wollen. Also würden sie die Bombe auf ein Schiff verfrachten.“
Jacob blieb wie angewurzelt stehen. „Mein Gott, du hast recht.“
Was für ein Idiot ich doch bin! Da hätte ich selbst draufkommen sollen. Chingis muss mir eine Gehirnerschütterung verpasst haben.
„Aber woher sollen wir wissen, auf welchem Boot sie ist?“, fragte Jana.
„Verdammt gute Frage“, erwiderte Jacob und rieb sich sein Kinn. Er musste sich dringend rasieren. „Aber das hilft schon ziemlich weiter. Danke.“
„Du kannst mir danken, indem du eine der Taschen hier übernimmst.“
In dem Moment kam Wallace zurück. „Wir stellen dich jetzt an die USS Brandywine durch.“
„Danke“, sagte Jacob und ging weiter. Jana verdrehte ihre Augen und eilte ihm hinterher.
Eine ihm unbekannte Stimme ertönte. „Kapitän Arnold Cranston von der USS Brandywine hier.“
„Hallo Kapitän, hier ist Agent Jacob Snow von der Central Intelligence Agency. Ich habe äußerst wichtige Informationen für Sie.“
Jacob teilte ihm alles mit, was er wusste. Er hatte sich vom Landeplatz entfernt und stand allein in der Wüste, während Jana mit den Mitarbeitern vom Flugplatz redete, damit sie die Erlaubnis bekamen, abzuheben.
Als Jacob zu Ende gesprochen hatte, schwieg Kapitän Cranston für einen Moment.
„Agent Snow, um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, ob ich Ihrer Geschichte glauben kann. Aber Sie sind derjenige, der im Einsatz ist und Sie glauben daran. Sie würden mich nicht um ein solches Manöver bitten, wenn Sie sich nicht zu einhundert Prozent sicher wären. Leider kann ich diese Flotte nicht ohne einen direkten Befehl vom Verteidigungsminister oder vom Präsidenten selbst vom Kurs abbringen.“
„Sir, ich –“
„Es tut mir leid, Agent Snow, aber ich kann nichts unternehmen. Ich werde Ihre Anfrage weiterleiten, aber ich glaube nicht, dass man sie ernst nehmen wird. Seien Sie sicher, dass wir auf der Hut sein werden. Ich werde auf jedem Deck die Wachen verdoppelt und wir haben bereits mit unseren ägyptischen Verbündeten gesprochen, dass sie auf uns aufpassen werden. Ihr Vorgesetzter hat mich informiert, dass Sie mit einem Helikopter die Gegend absuchen werden. Die Ägypter wissen bereits davon und werden nicht auf Sie feuern.“
„Wie beruhigend. Werden sie uns auch Luftunterstützung geben können?“
„Ich fürchte nicht. Aber sie haben die ungewöhnliche Vorsicht walten lassen, sämtlichen Verkehr im Kanal zu stoppen, bis wir ihn durchquert haben.“
„Sämtlichen Verkehr?“
„Ja. Alle Schiffe liegen entweder in Port Said am nördlichen Ende oder im Suezhafen im Süden an. Eventuell liegen auch ein paar in den Bitterseen vor Anker.“
„Dann werden sie dort zuschlagen! Sie werden genau an ihnen vorbeimüssen und es gibt keine ägyptischen Militärhafen in der Nähe.“
„Wir wissen nicht einmal, ob sie wirklich zu dem in der Lage sind, was Sie behaupten, Agent.“ Kapitän Cranston klang langsam ungeduldig.
„Danke, Sir. Viel Glück.“
Jacob legte auf. Er wollte nicht noch mehr Zeit damit verschwenden, jemanden zu überzeugen zu versuchen, der nicht einmal die Autorität dazu besaß, sein eigenes Schiff vom Kurs abzubringen.
Jacob lief zu dem bereits wartenden Helikopter herüber. Es war ein kleiner, schneller Zweisitzer. Die ägyptische Crew ging gerade. Jana hatte ihre Taschen bereits verstaut.
„Sie haben gesagt, dass alles überprüft wurde und er vollgetankt ist“, sagte sie. „Wir können abheben.“
„Danke.“ Jacob setzte sich ans Steuer und stellte den Motor an. Über ihnen fingen die Rotoren an, sich zu drehen. Schon bald hoben sie ab und schwebten über dem Hafen, der von hier aus nichts als eine Masse an Betongebäuden war, die sich vor ihnen erstreckte. Das Blau des Mittelmeers befand sich im Norden und ein 200 Meter breiter Kanal erstreckte sich bis an den Horizont nach Süden.
Jacob konnte eine Reihe grauer Schiffe ausmachen, die sich Port Said näherten. Sein Herz schlug schneller. Die amerikanische Flotte.
Er drehte den Helikopter herum und flog tief über dem Kanal Richtung Süden.
„Der Kapitän hat mir gesagt, dass sie den Verkehr gestoppt haben“, sagte er Jana. „Ein paar Schiffe liegen an den Bitterseen ungefähr achtzig Kilometer südlich von hier vor Anker. Dort sollten wir zuerst nachsehen.“
Jana wühlte in der Tasche, die Orhan ihnen mitgegeben hatte und zog eine M16 hervor. Sie legte sie beiseite und entnahm der Tasche ein Jagdgewehr mit einem Fernrohr. Sie überprüfte das Magazin und entsicherte die Waffe.
„Kennst du dich damit aus?“, fragte Jacob und warf ihr einen Blick zu. So wie sie damit umging, schien es auf jeden Fall so.
„Du glaubst ja nicht, was für ein Arsenal in unserem Keller gehabt haben.“
„Um ehrlich zu sein, glaube ich das schon.“
„Nun, du kanntest ihn ja besser als ich“, murmelte Jana.
Jacob atmete tief durch. Der Kanal war bis zum Horizont frei. Keinerlei Schiffe waren in Sicht. Er flog so schnell er konnte.
„Hör mal, Jana. Da die Chancen gut dafür stehen, dass du, ich und jede andere Menschenseele in einem acht Kilometer Radius innerhalb der nächsten Stunde sterben wird, wäre es vielleicht nicht schlecht, wenn du ihm jetzt vergibst.“
„Ihm vergeben! Warum sollte ich einem alleinerziehenden Vater vergeben, der sein Kind im Stich lässt?“
„Er hat mir erzählt, dass du es warst, die den Kontakt abgebrochen hat.“
„Ich habe ihm ein Ultimatum gestellt. Ich hatte die ganzen gebrochenen Versprechen satt, all die Schulabschlüsse und Geburtstage, die er verpasst hat. Ich habe ihm gesagt, dass wenn er an meinem einundzwanzigsten Geburtstag nicht da sein würde, er nie wieder nach Hause kommen braucht.“
„Ich weiß. Das hat er mir erzählt. Es war der größte Fehler seines Lebens, aber er hatte eine Pflicht zu erfüllen.“
Jana schnaubte. „Pflicht! Du klingst genau wie er. Jedes Mal, wenn er sich aus der Affäre ziehen wollte, hat er immer eine Pflicht gehabt, die er unbedingt erfüllen muss.“
„Er hatte an dem Tag etwas Wichtiges zu tun.“
„Und was zur Hölle könnte wichtiger sein als seine eigene Tochter?“
Mich zu retten.
„Das ist geheim“, murmelte er.
„Ihr seid doch alle gleich. Ihr versteckt euch hinter eurem Machogehabe und euren ach so wichtigen Geheimmissionen. Manchmal glaube ich, dass ihr starken Kerle die größten Feiglinge überhaupt seid.“
Jacobs Wangen wurden heiß, als er an die Beziehungen dachte, vor denen er davongelaufen war, an die Freundschaften, die seinetwegen auf Eis lagen. Böse Kerle zu jagen war manchmal einfacher, als Beziehungen zu den guten zu pflegen.
Aber was sie sagte, war ebenfalls nicht fair. Nicht einmal eine Person unter eintausend konnte tun, was er tat. Und er war es, der dafür sorgte, dass die anderen 999 ein sicheres Leben führen konnten.
Schweigend flogen sie weiter und ließen Felder und die eine oder andere Kleinstadt am Ufer des Kanals hinter sich. Jacob hatte den Suezkanal schon oft von oben gesehen und jedes Mal war er voller Frachter, Kreuzer, Öltanker und Containerschiffe gewesen. Es war unheimlich, ihn so leer zu sehen.
Er flog niedrig, damit er auch nichts übersah. Ein kleines Motorboot könnte eine Atombombe genauso gut transportieren wie ein größeres Schiff. Wer weiß, jetzt, wo sämtlicher Verkehr gestoppt worden war, hatten sie vielleicht Angst bekommen und die Bombe in der Moschee dort drüben versteckt, oder in einem der Dutzenden Bauernhäuser nur ein paar Straßen weiter. Oder in der Stadt mit mehreren tausend Einwohnern, die nur ein wenig entfernt lag.
Sie könnte überall sein, einfach überall, und ihr Geigerzähler war nutzlos, wenn sie nicht gerade wenige Meter von der Bombe entfernt waren.
Jacob spürte Panik in sich aufsteigen. Doch er schluckte sie herunter und konzentrierte sich auf seinen Job.
Wenn er doch nur wüsste, was er tun sollte.
Sein Satellitentelefon klingelte. Mit einer Hand am Steuerknüppel antwortete er.
„Agent Snow.“
Wallaces Stimme erklang am anderen Ende. „Konnten sie ihn überzeugen?“
„Nein, Sir.“
„Ich rufe an, um Ihnen mitzuteilen, dass die Flotte, angeführt von der USS Brandywine , sich jetzt im Kanal befindet.“
Jacob atmete tief durch. „Danke, Sir.“
Wallace musste nichts mehr sagen. Der Kanal war zu eng, als dass die Schiffe würden umdrehen können. Eine Flotte wie die ihre würde mehr als eineinhalb Kilometer benötigen, um anhalten zu können. Es gab kein Zurück.
Wenn sich die Bombe irgendwo in der Nähe befand, mussten er und Jana sie einfach finden, ansonsten würden noch heute Tausende sterben – und Millionen innerhalb dieses Jahres.
Jacob umrundete die Bitterseen, große Salzwasserseen, die fast genau in der Mitte des Suezkanals lagen. An beiden Seiten lagen große Schiffe in langen Linien an, die im Sonnenlicht zwei riesige, glänzende, metallene Halbringe in der Nähe des Ufers bildeten.
Er betrachtete jedes einzelne von ihnen und konnte rein gar nichts Ungewöhnliches bemerken.
Natürlich nicht. Eine Terrorgruppe, die intelligent genug war, ihre eigene Atombombe herzustellen, würde mit Leichtigkeit dafür sorgen können, dass ein gekapertes Schiff aus der Luft ganz normal aussah. Es hatte keine Notrufe gegeben. Wenn sie ein Schiff geentert hatten, waren sie schnell genug gewesen, dass niemand Alarm hatte schlagen können.
Geentert? Vielleicht hatten sie selbst ein Schiff. Ein ganzes Schiff voller Terroristen.
Ganz wunderbar.
Wenigstens bewegte sich keines der Schiffe. Also hatte Jacob Zeit, nachzudenken. Wenn die Terroristen darauf warteten, dass die Flotte zu ihnen kam, könnte er vielleicht doch noch rechtzeitig herausfinden, auf welchem der Schiffe sich die Bombe befand.
Das einzige Problem war, dass er keine echte Möglichkeit dafür hatte. Der Geigerzähler lag neben ihm und Jana. Er war angeschaltet, knackte jedoch nicht. Auf diese Entfernung würde er niemals etwas messen.
Jana unterbrach seine Gedanken. „Hast du bemerkt, dass auf den Straßen auch kein Verkehr herrscht?“
Jacob sah sich um. Er hatte sich so sehr auf den Kanal selbst konzentriert, dass er die Straßen ganz übersehen hatte. Ein Anfängerfehler. Diese Mission ging ihm eindeutig zu nahe.
„Stimmt. Die Ägypter müssen ihn ebenfalls gestoppt haben.“
„Vor ein paar Kilometern habe ich eine Straßensperre am rechten Ufer gesehen. Bis jetzt habe ich mir nichts dabei gedacht. Aber es sind gar keine Fahrzeuge zu sehen.“
Jacob untersuchte die Gegend. Er betrachtete die Schnellstraßen, die an beiden Uferseiten entlangführten. Sein Herz schlug schneller, als er in der Ferne auf der linken Straße einen einsamen Truck entdeckte. Seine Ladefläche war mit einer Plane abgedeckt und er fuhr nach Norden.
In Richtung der Flotte.
Er drehte den Helikopter herum und verfolgte das Fahrzeug. Seine Gedanken überschlugen sich. Wenn die Terroristen den Helikopter entdeckten, würden sie die Bombe vielleicht frühzeitig zünden.
Das wäre sogar in Ordnung, denn momentan waren sie noch südlich genug, dass die Explosion die Flotte nicht treffen würde.
Sie würde lediglich den Kanal zerstören, den weltweiten Handel unterbrechen und einen Krieg zwischen Sunniten und Schiiten auslösen, der Millionen Todesopfer fordern würde.
Jacob knirschte mit den Zähnen. Es führte kein Weg daran vorbei. Sie mussten sie aufhalten, bevor sie die Bombe zünden konnten.
Doch wie?
„Jana, hast du schon einmal auf jemanden geschossen?“
„Was?“ Sie klang nervös.
„Du weißt, wie man mit einer Waffe umgeht, aber hast du schon einmal mit der Absicht auf jemanden geschossen, ihn zu töten?“
„Nein.“ Ihre Stimme zitterte.
„In ungefähr dreißig Sekunden musst du, wenn wir sie eingeholt haben. Sie sind schnell. Ziel auf die Reifen. Vielleicht kannst du dafür sorgen, dass sie von der Straße abkommen und crashen. Anschließend musst du jeden von ihnen erschießen, den du erwischen kannst. Ich werde so schnell ich kann landen und ebenfalls auf sie feuern. Schaffst du das?“
„J… Ja.“
„Jana. Wenn du sie jetzt nicht umbringst, werden Millionen von Menschen sterben. Und wir werden unter ihnen sein.“
„Ich weiß.“ Hätten sie die Funkkopfhörer nicht aufgehabt, hätte er sie niemals gehört, so leise antwortete sie.“
„Schaffst du das?“
Sie waren fast in Reichweite. Keine Reaktion vom Truck selbst. Entweder hatten die Terroristen sie nicht gesehen, oder sie erwarteten nicht, dass man auf sie schoss. Schließlich saßen sie nicht in einem Polizei- oder Militärhubschrauber.
Jacob drehte ein wenig Richtung Wasser ab, sodass Janas Schussbahn auf die Reifen frei war.
Er konnte den Fahrer sehen. Es war ein alter Mann mit einer Kufiya und einem weißen Bart, der dem Helikopter nervöse Blicke zuwarf.
Dieser Typ ist auf keinen Fall ein Zivilist. Es sind überall Straßensperren. Die Ägypter haben sämtliche Straßen blockiert. Er und seine Freunde auf der Ladefläche müssen sich den Weg frei geschossen haben. Und das werden sie mit der nächsten ebenfalls tun, und der übernächsten, bis sie die Flotte erreichen.
Und wenn die Soldaten sie aufhalten, zünden sie einfach ihre Bombe.
„Schaffst du das?“, wiederholte Jacob.
Jana hob das Gewehr. Der Fahrer sah erneut zu ihnen. Er riss den Mund auf und rief etwas.
Jana schoss nicht.
„Jana! Jetzt!“
Ein Knall ertönte. Der Truck fuhr eine Schlangenlinie, fand seine Spur jedoch sofort wieder.
Sie hatte ihn verfehlt.
Jana riss am Ladebolzen und zielte erneut. Jacob sagte nichts. Warum schossen sie nicht zurück?
Jana feuerte ein zweites Mal. Der Vorderreifen zerplatzte. Erneut fuhr der Truck eine Schlangenlinie, der alte Mann versuchte gegenzulenken, fuhr jedoch geradewegs in den Entwässerungsgraben auf der anderen Seite der Straße.
Der Truck überschlug sich und die Plane über der Ladefläche wurde heruntergerissen. Hunderte von Cantaloupe-Melonen rollten über die Straße.
Keine Terroristen, keine Bombe, lediglich hundert und aberhunderte von Melonen.
Jacob riss das Steuer herum und schwebte über dem Wrack. Die Früchte rannten in jede nur erdenkliche Richtung davon. Die gesamte Ladefläche hatte sich entleert und er konnte keine anderen Menschen oder verdächtige Objekte entdecken. Nur Melonen.
Der alte Mann kroch aus dem Fahrerhaus und schüttelte wütend seine Faust in Richtung Helikopter.
„Ups“, sagte Jacob. „Sorry.“
„Oh, mein Gott. Wenigstens ist er unverletzt“, sagte Jana.
„Das hat er davon, wenn er die Polizei ignoriert.“ Jacob flog höher.
„Sei nicht so gemein. Vielleicht ist sein Sohn ja Polizist und hat ihn durchgelassen.“
„Ja, wahrscheinlich.“ In diesem Teil der Welt konnten Familienbande stärker als so manches Gesetz sein. Doch welcher Idiot auch immer in diesem Fall nachsichtig gewesen war, würde ohne Zweifel eine Standpauke von seinem Vorgesetzten erhalten, ganz zu schweigen von seinem Vater.
Jacob sah sich um und war sich unsicher, was sie jetzt tun sollten. Auch Jana ließ ihren Blick über ihre Umgebung schweifen.
„Ist das Kielwasser?“, fragte sie.
„Wo?“
Bevor sie antworten konnte, erblickte er es ebenfalls. Am Rande des Horizonts, südlich von ihnen, konnte er sehen, dass sich ein großes Containerschiff von den anderen Booten in den Bitterseen ausgereiht hatte. Es steuerte auf die Mitte des Sees zu und sein Kielwasser beschrieb ein weißes V hinter sich.
„Das müssen sie sein!“, rief Jacob.
„Ein ganz schön großes Schiff. Es wird ganz schön dauern, bis sie die Flotte erreichen.“
„Das ist egal. Die Flotte kann nicht umdrehen. Selbst, wenn sie anhalten, stecken sie im Kanal fest.“
Jacob flog noch höher, um so wenig bedrohlich wie möglich zu wirken und steuerte dann auf das Schiff zu. Er blieb über dem Land, in der Hoffnung, dass die Terroristen sie so für eine geringere Gefahr halten würden.
Sobald ich mich ihnen nähere, werden sie jedoch wissen, was los ist , erkannte Jacob.
Jana lud die zwei Schüsse nach, die sie eben abgegeben hatte. Auch wenn sie auf den falschen Kerl geschossen hatte, wirkte sie jetzt ruhiger und konzentrierter. Sie hatte, wusste Jacob aus eigener Erfahrung, eine Linie überschritten. Sie hatte geglaubt, dass der Fahrer ein Terrorist gewesen war und auf ihn geschossen. Sie hatte ihr Zögern und ihre Angst überkommen und jetzt, da sie – hoffentlich – den echten Terroristen gegenüberstand, würde sie nicht mehr zögern.
Doch sie hatte immer noch keine echte Ausbildung, egal, wie viel ihr Aaron auch gezeigt hatte. Jana hatte nicht einmal annähernd hinter sich, was ein erfahrener Ranger oder CIA-Agent durchleben musste. Sie war nützlich, doch sie war keine echte Soldatin.
Sie ist alles, was du hast. Du musst den Helikopter steuern.
Während sie den Kanal entlangflogen und das Containerschiff näher und näher kam, fürchtete Jacob, dass es jeden Moment in einem grellen Inferno hochgehen würde. In dem Moment bemerkte er im Augenwinkel ein blau-rotes Licht, das von der Küste erstrahlte.
Ein Polizeiboot legte von einem kleinen Dock ab und raste auf das langsame Containerschiff zu. Ohne Zweifel verkündeten sie über ihre Lautsprecher, dass sie anhalten sollten, doch die Rotorengeräusche waren zu laut, als dass Jacob etwas hören konnte.
Mehrere Menschen, so klein wie Ameisen, versammelten sich an der Seite des Schiffes und eilten in Richtung Heck. Als das Schnellboot der Polizei sich weiter näherte, sah Jacob plötzlich Feuerstöße, die vom größeren Schiff ausgingen.
Sie feuerten auf die Polizisten.
Die Polizei erwiderte die Schüsse. Jacob kniff die Augen zusammen, um mehr zu erkennen, doch sie waren immer noch zu weit entfernt, als dass er genauer sehen konnte, was vor sich ging.
Doch nicht zu weit, um nicht zu sehen, wie ein Feuerblitz das Deck erhellte, Rauch in die Höhe stieg und eine Rakete auf das Polizeiboot zuraste.
Die Explosion traf es genau in der Mitte. Das Boot wurde herumgerissen, beschrieb eine kleine Kurve, doch es war zu spät. Wer auch immer am Steuer gewesen war, musste augenblicklich gestorben sein.
Doch die Terroristen wollten anscheinend kein Risiko eingehen. Mehrere Personen sprangen vom Polizeiboot, als die RPG ein zweites Mal abgefeuert wurde und das Schiff gerade unterhalb der Wasseroberfläche traf. Es fing sofort an zu sinken.
„Was sollen wir tun?“, fragte Jana.
„Wir müssen angreifen“, antwortete Jacob. „Ich werde uns direkt über das Schiff steuern und du wirst auf sie feuern, bis sie in Deckung gehen. Dann versuchen wir zu landen und die Bombe zu finden.“
Er betrachtete Jana, um ihre Reaktion zu untersuchen. Sie sah ihn an, als hätte er ihr gerade den verrücktesten Plan auf der ganzen Welt erklärt. Was nicht gerade unwahr war.
Das Problem war nur, dass ihm nichts Besseres einfiel.
„Was, wenn sie die Bombe jetzt zünden?“, fragte Jana. Sie klang besorgt, doch nicht hysterisch.
Beeindruckend. Du bist wirklich wie dein Vater.
„Wir würden niemals rechtzeitig entkommen, selbst wenn ich jetzt sofort wegfliege. Also schlagen wir zu.“
Ein kurzes Zögern. „In Ordnung.“
„Sie müssen einen Späher in Port Said haben, der ihnen gesagt hat, dass die Flotte jetzt im Kanal ist. Deswegen haben sie abgelegt. Sie wollen nahe genug sein, um sie zu erwischen, wollten aber nicht riskieren, hier auf sie zu warten. Sie müssen herausgefunden haben, dass wir ihnen auf der Spur sind. Aber sie werden die Bombe nicht zünden, wenn sie noch denken, dass sie eine Chance gegen uns haben.“
Jana nickte nervös. Jacob sprach nicht aus, was er noch dachte.
Dass wenn er und seine Partnerin es durch ein Wunder schafften, auf dem Schiff zu landen und wenigstens einen Teil der Crew zu überwältigen, derjenige, der die Bombe bewachte, sie eher zünden würde, als das Risiko einzugehen, dass sie sie aufhielten.
Wenn sie jetzt also flohen, würde eine Katastrophe drohen. Wenn sie versuchten, das Schiff zu kapern und es nicht schafften, ebenfalls. Und wenn sie landeten und die Überhand gewannen … ebenfalls.
Aber wenigstens könnten sie verhindern, dass die Atomwaffen der amerikanischen Flotte hochgingen.
Und vielleicht, ja, vielleicht, schafften sie es ja doch, die Terroristen aufzuhalten, bevor sie ihre Bombe zündeten.
Jacob verschwieg lieber, für wie unwahrscheinlich er das hielt.
Jana hob ihr Jagdgewehr. Jacob steuerte auf das Containerschiff zu und jetzt entdeckten auch die Terroristen sie und begaben sich in Angriffsposition.
Ich hätte doch mit Gabriella auf diesen Segelausflug gehen sollen.
Jacob knirschte mit den Zähnen, als die Terroristen das Feuer eröffneten. Das Containerschiff war so groß und lang wie ein ganzer Stadtblock. Er hatte nicht den Hauch einer Ahnung, wie Jana und er die Bombe zwischen diesen tausenden von Containern finden sollten. Doch das war ein Problem für später. Erst einmal musste er landen.
In der Zwischenzeit steuerte er den Helikopter von einer Seite auf die andere, während er versuchte, den Schüssen auszuweichen, die von einem halben Dutzend unterschiedlicher Positionen auf dem Schiff auf sie zuflogen.
Sie näherten sich vom Bug aus. Eine Gestalt rannte auf der engen Gangway zwischen dem Seitendeck auf Steuerbord entlang und hob eine Waffe, die nach einer AK-47 aussah.
Jana zielte und drückte ab. Dieses Mal zögerte sie nicht.
Sie verfehlte.
Der Mann zuckte zusammen und erwiderte das Feuer. Keiner seiner Schüsse traf den Helikopter.
Jacob riskierte es, gerade auf ihn zuzufliegen, damit Jana besser zielen konnte, und als ihre Waffe ein zweites Mal einen Schuss abfeuerte, fiel der Mann rücklings über.
„Super!“
Jacob zuckte zusammen. Ein instinktiver Kommentar. Für einen Soldaten waren es Worte der Ermutigung – doch für eine Zivilistin wie sie klang es wahrscheinlich barbarisch, oder machte sie vielleicht nervös.
Anscheinend jedoch nicht – Jana zog den Ladebolzen und zielte erneut. Zwei weitere Figuren tauchten auf, eine auf jeder Seite des Schiffes. Die beiden waren deutlich vorsichtiger. Sie knieten sich hin, um ein kleineres Ziel abzugeben und schossen, so weit Jacob es anhand der Feuerstöße erkennen konnte, die aus ihren Mündungen kamen, einzelne Schüsse statt Dreiersalven. Jacob hatte schon oft AKs verwendet. Sie waren zwar äußerst widerstandsfähig, aber auch ziemlich leicht für ihr Kaliber. Salven abzufeuern, opferte Zielgenauigkeit – oft bezeichneten Kenner ihr automatisches Feuer sogar als „spray and pray“ – also abdrücken und beten, dass man traf, worauf man zielte.
Ein lauter Knall, den er selbst über das laute Geräusch der Rotoren hören konnte, verriet ihm, dass einer von ihnen getroffen hatte.
Jana drückte ab, verfehlte, zog den Ladebolzen und feuerte erneut.
Einer von ihnen zuckte zusammen, ließ seine Waffe fallen und hielt sich den Unterarm.
„Gut gemacht! Weiter so!“, rief Jacob.
Seine Partnerin brauchte keine weitere Ermutigung. Sie feuerte ohne zu zögern weiter. Unter Beschuss zu stehen, war eine gute Motivation, selbst für eine Zivilistin wie sie. Außerdem hatte Aaron anscheinend alles gegeben, was er konnte, um sie vorzubereiten.
Der Helikopter ließ den Bug des Schiffes nun hinter sich. Sie waren gerade einmal einhundert Meter über den Container und Jacob suchte verzweifelt nach jedem noch so kleinen Hinweis auf die Bombe.
Doch alles, was er sehen konnte, waren unendlich viele Reihen gleich aussehender Container.
Was, wenn sie in einem der unteren ist, und wir sie gar nicht sehen, geschweige denn erreichen können? Vielleicht läuft sie mit einer Zeitschaltuhr und ist unter einer Tonne Stahl vergraben.
Doch ein dringenderes Problem tauchte nun auf, als einer der Terroristen auf den Containern entlang rannte, von einem zum nächsten hüpfte und währenddessen seine AK ununterbrochen auf sie feuerte.
Ein paar weitere Treffer, und einer von ihnen zersplitterte die Windschutzscheibe. Risse zogen sich wie ein Spinnennetz über sie.
Verdammt, dafür muss er ganz schön viel gebetet haben.
Doch nicht genug. Jana schaltete ihn mit einem Kopfschuss aus.
War das ein Glückstreffer? Das muss ein Glückstreffer gewesen sein.
Sie flogen über die Leiche hinweg, während sie in den Abgrund zwischen zwei Container fiel und verschwand. Aus dem Augenwinkel sah Jacob, dass ein weiterer Terrorist auf sie feuerte, doch sie waren bereits an ihm vorbei und rasten auf das Heck des Schiffes zu.
Sie ließen es hinter sich und befanden sich nun über dem offenen Wasser. Jacob untersuchte die Kontrollanzeigen, doch keine der Warnleuchten blinkte auf. Die Schüsse mussten nichts Wichtiges getroffen haben. Er riss das Steuer herum.
Zwei Gestalten standen bereits am Heck, um sie zu empfangen. Einer von ihnen hatte ein Gewehr, keine AK, sondern etwas, das nach einem Scharfschützengewehr aussah.
Links von ihm stand derjenige, der den Raketenwerfer hatte.
Jacob musste schnell eine Entscheidung treffen.
„Schieß auf den Linken!“
„Aber der andere hat –“
„Den Linken!“
In dem Moment feuerten sie gleichzeitig. Die Windschutzscheibe knackte erneut, als der Scharfschütze genau zwischen sie feuerte. Durch die etlichen Risse im Plexiglas hindurch sah er das charakteristische Aufblitzen und den Rauch, als die RPG abgefeuert wurde.
Jacob riss das Steuer hart nach links. Die Rakete zischte an ihnen vorbei und Jana zuckte zusammen.
„Scheiße!“
„Schieß weiter!“, befahl Jacob. „Nur so sind wir sicher!“
Bis Jana sich erneut zusammengerissen hatte, hatten sie das Heck bereits hinter sich gelassen und flogen nun über die Mittelsektion. Einer der Terroristen kniete auf einem der Container und schoss unaufhörlich auf sie. Keiner seiner Schüsse traf. Ein sich bewegendes Objekt in der Luft zu treffen benötigte einiges an Erfahrung und war äußerst schwer, doch es war nur eine Frage der Zeit, bevor einer von ihnen den Motor oder die Rotoren treffen würde.
Oder Jacob, oder Jana.
Jana feuerte dreimal, während sie über ihn hinwegflogen. Sie verfehlte.
Verdammt. Sie lässt nach. Nicht, dass das ihre Schuld wäre, aber wir haben nicht mehr viel Zeit.
Er riss das Steuer erneut herum und schraubte sich nun in die Höhe.
„Jana. Wir müssen landen. Sie könnten die Bombe jeden Moment zünden. Doch davor müssen wir den Typen mit der RPG ausschalten. Er braucht nur einen Schuss, um uns zu erledigen. Also fliege ich wieder zurück. Ich werde den Helikopter so ruhig halten, wie ich nur kann, und du wirst ihn erschießen. Verstanden?“
„Verstanden.“
„Lad nach.“
„Was? Oh!“ Jana schüttelte ihren Kopf, als sie das leere Magazin bemerkte. Sie lud nach und Jacob bemerkte ein rotes Blinken auf dem Armaturenbrett.
Ihr Benzin war fast alle.
Einer der Schüsse muss die Kraftstoffleitung erwischt haben. Ein Wunder, dass wir nicht in die Luft geflogen sind.
„Wir haben nur eine Chance, Jana.“
Er drehte den Helikopter herum, und sie flogen erneut auf das Heck des Containerschiffes zu. Es fuhr jetzt beinahe mit Höchstgeschwindigkeit.
Der Mann mit der RPG erklomm gerade eine Leiter, um von einem der Container auf sie zu feuern. Jacob konnte den Scharfschützen nicht mehr sehen.
Er flog so niedrig, wie er nur konnte und drehte den Helikopter herum, sodass Jana freie Schussbahn hatte.
Sie drückte ab. Ein Funken an der metallenen Seite des Containers neben dem Terroristen verriet ihm, dass sie verfehlt hatte. Er zuckte zusammen und kletterte weiter.
Jana zog den Bolzen zurück, zielte …
… und Jacob entdeckte den Scharfschützen.
Er stand an Deck zwischen zwei Containern und nur sein Kopf und seine Schultern waren zu sehen. Der Lauf seiner Waffe war genau auf sie gerichtet.
Er drückte ab. Funken stoben aus dem Armaturenbrett. Jacob musste das Steuer hart packen, um den Helikopter gerade zu halten. Jana versuchte es mit einem weiteren Schuss, doch der Helikopter zitterte zu sehr hin und her. Der Terrorist mit der RPG stand inzwischen auf dem Container, drehte sich herum und grinste breit.
Der Helikopter verlor wie von selbst an Höhe. Jacob fluchte und kämpfte mit dem Steuer. Er zog so hart er konnte und versuchte zu verhindern, dass sie mit voller Geschwindigkeit auf die Container aufprallten.
Unmittelbar vor ihnen zielte der Terrorist. Sein Mund bewegte sich – wahrscheinlich betete er.
Jacob verfehlte die Container nur um wenige Meter und prallte genau auf ihn.
Das ohnehin schon angeschlagene Plexiglas gab nun vollständig nach und die entstellte Leiche des Terroristen landete in Janas Schoß.
In dem Moment knirschten die Gleitkufen des Helikopters über die Container. Er schlitterte über sie hinweg, drehte sich und drohte umzukippen. Wenn die noch immer rotierenden Rotorblätter auf die Oberfläche auftreffen würden, würden sie sich verbiegen und sie wahrscheinlich beide kurzerhand köpfen.
Jacobs Hände flogen über die Knöpfe und Kontrollanzeigen und er versuchte verzweifelt, eine letzte kurze Sekunde die Steuerung zu übernehmen.
Der Helikopter hob erneut wenige Zentimeter ab und fiel anschließend mit einem lauten Knall auf die Container. Die Rotoren heulten auf, als der Motor endlich ausfiel. Benzingestank erfüllte die Luft, während die letzten Tankreserven sich über die Schiffscontainer entleerten.
Jana schob die Leiche des Terroristen von sich. Sie drückte ihn durch das Loch, das er selbst in der Windschutzscheibe verursacht hatte und seine Gliedmaßen hingen in unmöglichen Winkeln von ihm, wie zerbrochene Zweige von einem Baum.
Jacob wühlte in der Tasche voller Waffen, die ihnen der örtliche CIA-Agent bereitgestellt hatte und fand alles an seinem rechten Platz. Er zog eine MP5 Maschinenpistole und ein Magazin für sie hervor, eine Neunmillimeter-Pistole mit einem Halfter und zögerte, als er die Blend- und Sprenggranaten sah. Wollte er sie wirklich so nahe an einer Atombombe benutzen? Nur für den Fall schnappte er sie sich und stopfte sie in seine Westentaschen.
Jacob reichte Jana eine weitere Neunmillimeter und das Halfter.
„Nimm die M16“, sagte er. „Das Jagdgewehr ist im Nahkampf nutzlos.“
Sie tat wie ihr geheißen. Jacob wühlte weiter in der Tasche und zog zwei Walkie-Talkies hervor.
„Hier. Sie sind verschlüsselt. Die Terroristen werden uns nicht zuhören können. Wechsel nur nicht den Kanal.“
„Wie zum Geier sollen wir rechtzeitig die Bombe finden?“, fragte sie, während sie aus dem Helikopter und mitten in die Benzinpfütze sprang. Die Rotoren, die sich immer noch langsam bewegten, verteilten das Benzin überall. Der Geigerzähler hing ihr über die Schulter.
„Keine Ahnung. Ich hoffe, du hast recht, und sie haben die Bombe nicht vollständig isoliert. Arbeiten wir uns einfach das Schiff entlang. Ich werde zum Bug rennen und die Brücke übernehmen. Wir müssen das Schiff anhalten.“
Jana riss ihre Augen auf. „Wir trennen uns?“
Jacob ging um den Helikopter herum, legte ihr eine Hand auf die Schulter und sah ihr in die Augen. „Du schaffst das. Ich weiß, dass du und dein Vater euch nicht gerade gut verstanden habt, aber er hat dich geliebt und er wäre verdammt stolz auf dich, wenn er sehen könnte, was du heute alles getan hast.“
Doch statt sich zu beruhigen, weiteten sich ihre Augen noch mehr.
„Pass auf!“, rief sie und hob ihre M16.
Jacob wirbelte herum und sah einen Terroristen, der ungefähr fünfzig Meter von ihnen entfernt stand. Seine Kalaschnikow war auf sie gerichtet.
Doch er zielte nicht auf sie.
Er zielte auf die Benzinpfütze, in der sie standen.
Jana und Jacob feuerten gleichzeitig. Der Terrorist wirbelte herum, Blut spritzte aus seiner Brust hervor und er fiel hin.
Jana hatte keine Ahnung, ob sie oder Jacob ihn getroffen hatte. Doch das war egal. Er war tot.
„Los!“, rief Jacob und rannte bereits auf den mehr als hundert Meter entfernten Bug zu.
Sie stank nach Benzin, hielt ihre M16 in der Hand und der Geigerzähler prallte schmerzvoll immer wieder gegen ihre Hüfte, während sie in Richtung Heck rannte. Sie musste das gesamte Schiff absuchen. Sie brauchte einen Plan. Wie zur Hölle sollte sie das nur anstellen, während die Terroristen immer noch überall waren? Sie hatte keine Ahnung.
Merkwürdigerweise hatte sie den Drang, den nervigen, mit viel zu viel Testosteron ausgestatteten Kerl namens Jacob zu beeindrucken. Eigentlich hatte sie es aufgegeben, Männer wie ihren Vater beeindrucken zu wollen, und doch rannte sie nun schnurstracks auf die Gefahr zu und eine Motivation dafür war, dass sie ihn nicht enttäuschen wollte.
Doch dieser Gedanke verflog schnell wieder, als ein Terrorist, der eine Leiter am Ende der Containerreihe hochkletterte, seinen Kopf nur wenige Meter vor ihr über den Rand streckte.
Jana feuerte aus der Hüfte und war selbst überrascht, dass sie ihn traf.
Sein Kopf explodierte. Blut, Gehirnmasse und Knochen barsten in jede Richtung, bevor er schnurstracks wieder herunterfiel.
Jana blieb stehen und unterdrückte die Galle, die in ihrem Hals aufzusteigen drohte. Vorhin hatte sie gleich mehrere Terroristen erschossen, doch da waren sie noch weit entfernt gewesen. Sie hatte nicht einmal Blut gesehen, außer das desjenigen, der durch ihre Windschutzscheibe gekracht war und Jacob war es gewesen, der ihn erledigt hatte. Bis jetzt hatte sie sich von ihren eigenen Taten distanzieren können.
Doch jetzt nicht mehr.
Ihr gesamter Körper zitterte. Jana knirschte mit den Zähnen und zwang ihre Muskeln dazu, ihr zu gehorchen und ruhig zu sein. Sie hatte keine Zeit dafür.
Reiß dich zusammen, oder du stirbst hier.
Und Millionen weitere Menschen.
Was hat Dad noch immer gesagt?
„Verhalte dich immer, als wärst du die Stärkste, ganz besonders, wenn du dich schwach fühlst.“
Sie lief zum Rand des letzten Containers und blickte hinunter. Keine Terroristen in Sicht, außer der blutigen, entstellten Leiche am Fuß der Leiter.
Jana vermied es, sie anzusehen.
Nach einem kurzen Augenblick fiel ihr Blick jedoch auf sie. Sie zählte langsam bis drei.
Das hättest du sein können. Doch stattdessen ist es er.
Der scheußliche Anblick wurde etwas erträglicher.
Schüsse ertönten vom Bug des Schiffs, eine plötzliche Erinnerung daran, dass Jacob auf sie zählte.
Sie duckte sich, um ein so kleines Ziel wie möglich abzugeben, und ließ ihren Blick über ihre Umgebung schweifen. An ihrem Ende des Schiffs schien niemand mehr am Leben zu sein. Sie erblickte zwei Leitern am Heck, eine zu jeder Seite. Es standen jeweils sechs Container in einer Reihe und zehn übereinander. Hoffentlich würde sie mit Hilfe der Leitern nah genug kommen, um eventuell austretende Strahlung messen zu können.
Aber würde der Geigerzähler überhaupt anschlagen? Würde das Metall der Container die Strahlung nicht abschirmen? Lag sie richtig mit ihrer Vermutung, dass die Bombe Strahlung abgab?
Jana hatte keine Ahnung. Sie wusste nur, dass sie keine Wahl hatte, als es zu versuchen.
Sie blickte auf den Geigerzähler. Die Nadel bewegte sich nicht. Sie schlang die M16 über ihre Schulter und stieg die Leiter herab.
Weitere Schüsse aus Richtung des Bugs. Sie sah nicht einmal auf. Jacob war ein Killer und hatte hoffentlich keine Probleme mit der Crew. Sie hatte ihren eigenen Job zu tun und musste sich konzentrieren.
Das ungewohnte Gewicht der M16 auf ihrem Rücken, der Pistole in ihrem Hüfthalfter und des Geigerzählers über ihrer Schulter behinderte sie ein wenig. Die Schüsse aus Richtung des Bugs hörten nicht auf. Langsam machte sie sich Sorgen, dass sie das Klicken des Geigerzählers nicht würde hören können. Sie versuchte, ihn im Auge zu behalten und gleichzeitig auf das Deck unter sich und den Container über sich zu achten.
Es könnte immer noch jeden Moment einer der Terroristen auftauchen und wenn sie dann noch auf der Leiter wäre, wäre sie geliefert.
Endlich kam sie unten an, nachdem sie nahezu fünf Stockwerke zurückgelegt hatte. Sie zog ihre Pistole und hielt den Geigerzähler in der anderen Hand. Vorsichtig warf sie einen Blick um die Ecke der Container. Sie sah jemanden auf der Backbordseite der Gangway und wich zurück. Kurz darauf warf sie einen weiteren Blick auf sie. Die Gestalt rannte vor ihr weg und hatte es fast bis zum Bug des Schiffs geschafft. Sonst war niemand in Sicht.
Jana drehte sich um und ging die Außenseite des Schiffs entlang. Die Nadel des Geigerzählers stand immer noch still.
Schließlich gelangte sie ans andere Ende und blickte um die Ecke der Container auf der Steuerbordseite.
Eine Kugel prallte nur wenige Zentimeter von ihrem Kopf entfernt an dem Container ab und sie wich sofort zurück.
Sie hatte ihn nur einen Sekundenbruchteil lang sehen können. Er hatte eine AK-47 und war weniger als fünfzig Meter entfernt. Diese Entfernung könnte er innerhalb weniger Sekunden zurücklegen.
Jana streckte ihren Arm um die Ecke aus und feuerte blind aus ihrer Pistole. Sie leerte das gesamte Magazin – elf Schüsse in nur ein paar Sekunden.
Als sie das Klick der leeren Pistole hörte, entfernte sie das Magazin und wollte nachladen.
Nur, um festzustellen, dass sie kein weiteres Magazin hatte.
Schnell nahm sie die M16 vom Rücken. Ihr Herz klopfte wie wild und sie erwartete jeden Moment, dass der Terrorist um die Ecke gesprungen kam.
Doch nichts geschah.
Sobald sie bereit war, wartete sie einen Moment, nahm allen Mut zusammen und warf einen Blick um die Ecke.
Der Mann lag keine zehn Meter von ihr entfernt am Boden.
Schnell sah sie beiseite, um die blutige Masse, die fast zu ihren Füßen lag, nicht genauer betrachten zu müssen.
Der Rest der Gangway war leer.
Sie hörte auch keine Schüsse mehr. Hatten sie Jacob erwischt?
Sie war versucht, ihn per Walkie-Talkie zu kontaktieren, aber wenn er sich gerade in Deckung befand, würde das den Terroristen verraten, wo er gerade war.
Sie musste sich entscheiden, egal ob er noch am Leben war oder nicht – wo sollte sie als Nächstes nach der Bombe suchen?
Die Terroristen würden sie irgendwo lagern, wo sie leicht Zugriff auf sie hätten. Also befand sie sich wahrscheinlich nicht mitten unter all den Containern, es sei denn, sie hatten Geheimzugänge, die zu ihr führten. Angenommen, niemand hatte sich dafür die Mühe gemacht, musste sie also entweder vorn, hinten, oder an einer der Seiten sein. Oder vielleicht ganz oben, wenn einer der Container einen Zugang über seine Decke hatte. Sie hatte zwar keine bemerkt, aber sie hatte auch nur einen Bruchteil der Container absuchen können.
Jana hatte Leitern gesehen, die jeweils backbord als auch steuerbord auf beiden Seiten in regelmäßigen Intervallen hochführten. Normalerweise gab es solche Leitern auf Containerschiffen nicht. Da die Container mit Kränen auf- und abgeladen wurden, brauchte man sie nicht. Offensichtlich hatte Schwert der Gerechten dieses Schiff schon eine ganze Weile und wollte, dass die Crew so mobil wie möglich war. Sie hatten gewusst, dass sie es eines Tages vielleicht verteidigen werden mussten, und dass sie die Bombe von jedem Punkt des Schiffes aus schnell erreichen mussten.
Hieß das, dass sie sich in einem der oberen Container befand? Die zahlreichen Leitern sprachen eindeutig dafür. Oder vielleicht war sie an einer der Seiten. So konnte man schnell von der gegenüberliegenden Seite nach oben klettern, auf die andere Seite rennen und wieder herunterklettern.
Wer weiß, was sich diese Verrückten gedacht haben.
Jana entschied sich, die hintere Leiter auf der Steuerbordseite hochzuklettern. Sie glaubte nicht, dass der Geigerzähler stark genug war, um Strahlung über die gesamte Breite des Schiffes zu messen, also musste sie sichergehen, dass sich nichts in einem der hinteren Container befand. Trotz der verrückten Umstände, musste sie rational und methodisch vorgehen, als wäre sie auf einer Ausgrabung.
Nach einem letzten vorsichtigen Blick um die Ecke warf sie ihre Pistole von sich und erklomm die Leiter.
Die Sonne stand nun höher am Himmel und ihre Spiegelung auf der Wasseroberfläche sorgte dafür, dass sich die Luft doppelt so schnell erhitzte. Schweiß lief ihr ins Gesicht, doch ihre Muskeln waren stark wie eh und je. Sie arbeitete schon seit Jahren unter der heißen Sonne und ihr Körper war an die Herausforderungen gewöhnt, die sie darstellte.
Zu ihrer eigenen Überraschung war auch ihr Kopf ruhig. Sie hatte sich von der tödlichen Gewalt distanziert. Sie hatte Angst – natürlich hatte sie das – aber aus irgendeinem Grund hielt sie ihre Angst nicht ab, weiterzumachen.
Sie erinnerte sich an Brian, den älteren Doktoranden auf ihrer Ausgrabung in Marokko, auf den sie ein Auge geworfen hatte, und was er ihr einst gesagt hatte.
„Ich habe Höhenangst“, hatte er zugegeben, während sie an einer Klippe gestanden hatten, von der aus sie die Straße von Gibraltar sehen konnten.
„Wir können woanders hingehen“, hatte sie ihm angeboten.
Er hatte gelacht und abgewinkt. „Ist schon in Ordnung. Als Erstsemester, vor vielen, vielen Jahren, bin ich dem Kletterclub beigetreten, in der Hoffnung, meine Höhenangst zu überwinden. Drei Jahre lang bin ich jedes Wochenende klettern gegangen.“
„Dann hat es ja gut funktioniert.“
„Nein, hat es nicht. An jedem einzelnen dieser Wochenenden hatte ich Todesangst und ich habe die ganze Woche gelitten, so wie jetzt auch. Aber ich habe gelernt, mit der Angst umzugehen. Ich kann tun, was ich tun muss, ohne dass sie mich beeinflusst. In einem Sommer habe ich sogar als Dachdecker gearbeitet.“
Ging so Jacob also damit um? War Dad so mit all dem umgegangen? Er hatte einmal gesagt, dass jeder, der behauptete, dass er keine Angst während eines Feuergefechts hatte, entweder ein Psychopath oder ein Lügner war.
Jana Peters erreichte den obersten Container, ohne dass der Geigerzähler auch nur einmal ausschlug. Sie warf einen Blick über den Rand und die endlosen Containerreihen erstreckten sich vor ihr bis hin zum Schiffsbug. Sie sah nichts außer ein paar Leichen, die Jacob Snow hinterlassen hatte.
Jetzt musste sie sich über die gesamte Länge des Schiffs arbeiten, Zentimeter für Zentimeter, während sie schutzlos gegen feindliches Feuer wäre. Der Scharfschütze, der die Kraftstoffleitung ihres Helikopters erwischt hatte, musste noch irgendwo sein.
Aber sie hatte keine Wahl. Sie musste suchen. Wenn Jacob es konnte, wenn Dad es gekonnt hatte, dann konnte sie es auch.
Jana sprang auf den Container, hielt ihre M16 fest und bewegte sich langsam zur Vorderseite des Schiffs. Ihre Ohren waren gespitzt und sie lauschte, um das Klicken des Geigerzählers oder jedes noch so kleine verdächtige Geräusch wahrzunehmen, das einer der Verrückten verursachte, der sie und Millionen weitere Menschen liebend gerne umbringen würde.
Jacobs Glück war gerade vorbei. Er hatte sich bis zum Bug des Schiffs vorgekämpft und jeden umgebracht, der sich ihm in den Weg gestellt hatte. Doch schließlich wurde er doch aufgehalten.
Leitern befanden sich in regelmäßigen Intervallen an den Seiten der Container. Zwei von ihnen befanden sich ganz vorn, genau hinter dem zentralen Tower, in dem sich die Brücke und die Mannschaftsquartiere befanden. Doch dort hinunterzusteigen würde Selbstmord gleichkommen, denn eine ganze Horde dieser Verrückten hatte sich dort verschanzt und feuerte aus den Bullaugen.
Jacob lag auf dem obersten Container und feuerte von oben auf sie, doch es war nutzlos. Die Bullaugen waren zu klein und diese verdammten Wände waren schusssicher.
Früher oder später würden sie sich von beiden Seiten nähern, um ihn zu flankieren. Er konnte nicht hierbleiben, und er konnte nicht weiter.
Also musste er sein eigenes Flankierungsmanöver starten.
Jacob rannte ein paar hundert Meter zurück zu einer der Leitern auf der Backbordseite. Er sah mehrere Terroristen, die unten herumschlichen und glaubten, dass er sie nicht bemerken würde.
Nicht schlecht.
Er ließ eine Granate auf sie fallen und hoffte, dass die Bombe nicht in der Nähe war.
Doch nichts außer der Granate selbst flog in die Luft und im nächsten Moment waren die Terroristen nichts als hässliche Blutflecken auf dem Deck und an den Seiten der Container.
Vielleicht ist mein Glück ja doch noch nicht vorbei.
Mal sehen, wie es aussieht, wenn ich diese Leiter herunterklettere und die ganze Zeit über das perfekte Ziel abgebe.
So schnell er konnte stieg er hinab, nahm mehrere Sprossen auf einmal und riskierte einen halsbrecherischen Fall, nur um ein paar wertvolle Sekunden zu gewinnen.
Und tatsächlich lief es gut. Jedenfalls fast.
Aus dem Augenwinkel sah er, wie jemand um die Backbordseite herumlief und ein Gewehr auf ihn gerichtet hatte.
Verdammt. Der Scharfschütze.
Er feuerte. Jacob ließ die Leiter los.
Die Kugel verfehlte ihn. Jacobs Herz schlug ihm bis zum Halse, während er immer schneller in Richtung Deck fiel.
Jacob traf hart auf die Stahloberfläche auf und rollte sich ab, so wie er es Dutzende Male trainiert hatte. Doch kein Training der Welt hatte ihn auf einen Fall aus dieser Höhe vorbereitet, oder auf die Tatsache, dass er genau auf die Pistole in seinem Halfter landete und sich mit einer Maschinenpistole auf dem Rücken abrollen musste.
Er rappelte sich auf und war sich ziemlich sicher, dass er sich etwas gebrochen hatte.
Doch dafür war jetzt keine Zeit. Der Scharfschütze würde jeden Augenblick erneut feuern.
Jacob war nur wenige Meter von einem breiten Pfosten entfernt. Er versteckte sich hinter ihm, obwohl ihm seine Beine kaum gehorchten.
Eine Kugel prallte in dem Moment von dem Pfosten ab, in dem er sich hinter ihn duckte.
So schnell er konnte, nahm er seine MP5 vom Rücken. Wenigstens funktionierten seine Arme noch. Was seine Beine anging, war er sich nicht so sicher.
Auch der Scharfschütze hatte sich verschanzt. Er duckte halb hinter den Containern und zielte auf ihn.
Jacob duckte sich und eine weitere Kugel verfehlte ihn um wenige Zentimeter und prallte vom Deck ab.
Jetzt war er an der Reihe. Er ignorierte den Schmerz in seiner Hüfte, blickte hinter dem Pfosten hervor und feuerte seine Maschinenpistole ab.
Jedenfalls wollte er das. Das verdammte Teil hatte eine Fehlfunktion.
Das kommt davon, wenn man aus fast sieben Meter Höhe genau auf seine Waffe fällt.
Oder waren es zehn?
Erneut duckte er sich hinter den Pfeiler, nur einen Sekundenbruchteil, bevor sich eine Kugel durch seinen Kopf bohren konnte.
Jacob lag die MP5 beiseite und zückte seine Pistole. Hoffentlich funktionierte sie noch. Gerade, als er hervorspringen wollte, hörte er einen Schuss und spürte einen heißen Schmerz in seinem Oberschenkel.
Er blieb, wo er war, und inspizierte sein Bein. Es war nur ein Streifschuss, doch jetzt wusste er, dass der Pfeiler nicht breit genug war, um sich vollständig hinter ihm zu verstecken.
Es war Zeit, dieses Spielchen zu beenden. Er streckte die Hand aus und feuerte blind, was den Scharfschützen hoffentlich dazu verleitete, in Deckung zu gehen. Er blickte um die Ecke.
Der Scharfschütze zielte wie erwartet nicht auf ihn. Jacob feuerte. Er verfehlte, doch der Schuss war nah genug, dass der Terrorist zusammenzuckte.
Freust dich wohl nicht so sehr auf deine 72 Jungfrauen, wie?
Jacob feuerte erneut und endlich explodierte der Schädel des Scharfschützen.
Die Vorderseite der Container war nun nur noch fünfzig Meter entfernt. Dahinter lag der Eingang zum zentralen Tower, in dem sich die Brücke befand. Er musste ihn erreichen, bevor noch ein weiterer dieser Verrückten ihn hier draußen erwischte.
Jacob sprang auf und fiel sofort wieder hin, als seine Hüfte vor Schmerz protestierte.
Er knirschte mit den Zähnen, zwang sich dazu, den Schmerz zu ignorieren und stand auf. Mit der freien Hand stützte er sich ab.
Es war nichts gebrochen, oder zumindest nicht so sehr gebrochen, dass ihm seine Gliedmaßen nicht gehorchten. Der Streifschuss an seinem Oberschenkel blutete ein wenig zu sehr für seinen Geschmack.
Doch er tat nicht annähernd so weh wie seine Hüfte. Er war auf der Seite, an der er sein Halfter trug, gelandet und trotz der Tatsache, dass er sich fast sofort abgerollt hatte, war er voll auf die Waffe geprallt. Wahrscheinlich hatte er jetzt eine Fraktur in der Hüfte.
Das war jedoch ein Problem für später, falls es denn überhaupt ein später für ihn gab.
Das Containerschiff hatte inzwischen die Bitterseen hinter sich gelassen und war in den Kanal Richtung Norden eingefahren.
Sie fuhren auf die Schiffe der US-Marine zu, die keine Möglichkeit hatten, umzudrehen.
Jacob humpelte weiter. Ein Terrorist mit einer AK in der Hand kam um die Ecke. Mit nur einem einzigen Kopfschuss schaltete er ihn aus. Als er an der Ecke ankam, blickte er sich um und als er niemanden sah, schnappte er sich seine Waffe.
In dem Moment zwang ihn eine Salve aus einem der oberen Bullaugen dazu, sich zurück hinter die Ecke zu ducken.
Jacob fluchte, schlang sich die AK über den Rücken und humpelte zum Scharfschützengewehr. Es war eine ziemlich schöne Dragunow, eines der zielsichereren russischen Modelle. Der Mittlere Osten wimmelte nur so vor ihnen. Er fragte sich, wie viele Zivilisten sie wohl schon auf dem Gewissen hatte.
Er würde sie für etwas Besseres benutzen. Er humpelte zurück zur Ecke und fluchte weiter, als der Schmerz immer stärker wurde und seine Hosen sich mit Blut vollsogen. Es war ein nahezu selbstmörderisches Manöver, doch er blickte um die Ecke und durch das Zielfernrohr.
Der Kerl im Bullauge hob seine AK.
Zu spät. Jacob schaltete ihn aus.
Er arbeitete sich weiter auf die Tür des Towers zu und bemerkte eine Bewegung aus seinem Augenwinkel. Es war eine Gestalt, die oben auf den Containern stand. Schnell gab er einen Schuss in seine Richtung ab, verfehlte jedoch. Zumindest duckte sich der Terrorist weg.
Ebenso musste er mit jemandem verfahren, der in einem anderen Bullauge auftauchte.
Und dann war endlich im Inneren. Die Terroristen waren zu optimistisch gewesen und hatten die Türen nicht verschlossen.
Er warf das Scharfschützengewehr von sich, nahm die AK-47 vom Rücken, und ging einen Korridor entlang. Er ignorierte die verschlossenen Türen und kam schließlich an einer Treppe an, die nach oben führte.
Er blickte nach oben und sah einen Kopf, der sich schnell hinter der Ecke zurückzog.
Verdammt.
Ein Schrei auf Arabisch hallte durch den Korridor: „Schafft die Wissenschaftler zur Bombe!“
Er sah sich um und war sich nicht sicher, woher der Schrei gekommen war. Schnell ging er zum nächsten Bullauge und sah, wie einer der Terroristen aus einer anderen Tür hervorgesprungen kam. Hinter ihm waren drei dürre, junge Männer.
Jacob zog das Bullauge auf und feuerte. Er erwischte die Wache, dann einen, und auch noch den zweiten der Wissenschaftler.
Der dritte im Bunde schlug sich die Arme über den Kopf, als könnte er dadurch eine Kugel abwehren, und verschwand hinter der nächsten Ecke.
Jacob humpelte aus der Tür. Wenn er den jungen Mann einholen konnte, würde er die Bombe finden und sie entschärfen können.
Doch er sah zwei Schatten, die vor der Tür standen. Sie warteten auf ihn. Das Klappern von mehreren Füßen auf der Treppe verriet ihm, dass Verstärkung unterwegs war. Er musste hier raus. Er musste den Wissenschaftler einholen.
Jacob wollte einer seiner Granaten zücken, um sie durch die Tür zu werfen und diejenigen zu eliminieren, die zwischen ihm und der Bombe standen. Doch er musste feststellen, dass er sie bei seinem Fall von den Containern verloren haben musste.
Sein Herz blieb kurzzeitig stehen. Er war gefangen.
Jana arbeitete sich noch immer durch die zahlreichen Container, sprang über die Schluchten zwischen ihnen, hatte ein Auge auf den Geigerzähler, das andere auf ihre Umgebung und war überzeugt davon, dass man jeden Moment auf sie schießen würde.
Vom Bug des Schiffes ertönten jetzt wieder Schüsse. Sie blickte in ihre Richtung, konnte jedoch nichts erkennen. Sie mussten unten an Deck sein.
Doch vor dem Schiff sah sie jetzt etwas viel Schlimmeres.
Aus der anderen Richtung des engen Kanals, noch schummrig in der heißen Luft am Horizont, erkannte sie den grauen Umriss eines Kriegsschiffes.
Janas Herz schlug schneller. Wenn sie es bereits sehen konnte, war es nahe genug, dass es die Bombe erwischen würde. Und wenn tatsächlich Atomwaffen an Bord waren, so wie Jacob fürchtete, könnte das eine tödliche Kettenreaktion auslösen.
Ein lautes Knacken sorgte dafür, dass sie aufschrie. Sie sah sich verwirrt um, entdeckte jedoch keinen Terroristen.
Jacobs Stimme ertönte. „Jana, bist du noch am Leben?“
Sie seufzte erleichtert. Es war nur das Walkie-Talkie.
Sie zückte es und antwortete, während sie weiterging und die Umgebung nach Strahlung absuchte. Sie konnte es sich jetzt nicht mehr leisten, auch nur eine Sekunde innezuhalten.
„Wo bist du?“, fragte sie.
„Ich bin im Tower gefangen. Sie haben mich umzingelt. Hör zu, Jana, sie haben gerade einen Wissenschaftler losgeschickt, um zur Bombe zu gehen. Ein dürrer Typ mit einer Brille. Sieht komplett anders aus als der Rest von ihnen. Ich glaube, dass er eine der Leitern auf der Steuerbordseite hochklettern wird, eine von denen am Bug. Du musst ihn finden. Ich …“
Schüsse übertönten, was auch immer er als Nächstes sagen wollte.
„Jacob? Jacob!“
„Ich bin noch hier. Ich komme allerdings nicht hier raus. Geh und finde diesen Kerl. Du bist unsere einzige Hoffnung.“
Sie fluchte, rannte zur Seite der Container und blickte über den Rand. Vorn, weit entfernt, sah sie eine einsame Gestalt, die die Leiter hochkletterte.
Jana legte sich hin und zielte mit ihrer M16. Sie überprüfte, ob sie auch auf Einzelfeuer eingestellt war und drückte ab.
Der Kerl zuckte nicht einmal zusammen.
Sie feuerte erneut. Dieses Mal zuckte er. Sie musste ihn fast erwischt haben. Doch immer noch kletterte die Silhouette weiter.
Jana feuerte und feuerte, doch sie traf einfach nicht.
Ich bin einfach nicht gut genug, ihn auf diese Entfernung zu treffen.
Sie war wütend auf sich und rannte nach vorn, in der Hoffnung, vor dem Wissenschaftler anzukommen.
Sie behielt die Leiter im Blick, an der er ankommen musste und hoffte, dass er nicht in einem versteckten Eingang an der Seite der Container verschwand.
Jana war so sehr auf ihn konzentriert, dass sie den anderen Terroristen, der auf der gegenüberliegenden Seite heraufgeklettert war, gar nicht bemerkte, bis er auf sie feuerte.
* * *
An Bord der USS Brandywine war sich Kapitän Cranston nicht sicher, was er tun sollte. Seine Radartechniker hatten das Containerschiff, das sich auf sie zubewegte, im Auge. Schon bald hatten sie Sichtkontakt und nur einen Moment später stellte ihm sein Funker einen wichtigen Anruf der ägyptischen Marine durch.
„USS Brandywine, hier spricht Kapitän Mohammed Idris von der Kanalgarde. Eines unserer Patrouillenschiffe wurde in den Bitterseen beschossen und versenkt. Ein Containerschiff, die Coral Atoll , ist auf dem Weg in Ihre Richtung. Sie fliegt unter liberianischer Flagge. Unsere Küstenwachen berichten, dass sie es waren, die auf unsere Patrouille geschossen haben, als sie sie versuchten, aufzuhalten. Anscheinend stimmen die Berichte Ihres Agenten über einen Terroranschlag. Wir schicken weitere Patrouillenboote und haben die Luftwaffe kontaktiert, doch für die nächsten zwanzig Minuten sind Sie noch auf sich allein gestellt. Wir haben ein Artilleriegeschütz in Reichweite, jedoch noch keine Erlaubnis unserer Vorgesetzten, auf das Schiff zu feuern.“
„Ich verstehe, Kapitän Idris“, antwortete Kapitän Cranston und suchte den Kanal vor ihnen mit seinem Blick ab. Solch ein großes Schiff zu versenken, würde den Verkehr im Kanal monatelang stilllegen und Milliarden an Wirtschaftsverlusten für das ohnehin bereits wirtschaftlich schwache Land bedeuten. Jemand wie Idris konnte eine solche Entscheidung niemals allein treffen.
In der Ferne konnte er das Containerschiff ausmachen, das ihnen den Weg versperrte. Es war noch mindestens mehr als einen Kilometer entfernt, doch wenn sich wirklich eine Atombombe an Bord befand, war es bereits nah genug.
„Kapitän Idris, laut unserer Informationen befindet sich das Schiff unter Kontrolle einer Gruppe namens Schwert der Gerechten . Angeblich befinden sich atomare Waffen an Bord. Haben Sie Informationen darüber?“
„Atomare Waffen! Nein, davon haben wir nichts gehört. Und glauben Sie mir, Kapitän, in dieser Situation würde ich Ihnen alles sagen, selbst, wenn es sich um Staatsgeheimnisse handelt.“
„Ich glaube Ihnen, Kapitän Idris.“ Er klang wie ein Profi, jemand, der noch eigenständig denken konnte.
„Wie genau sind Ihre Informationen?“, fragte der Ägypter. „Wir kennen diese Gruppe, aber in unserem Land haben sie noch nicht lange agiert.“
„Unsere Informationen …“ Was soll ich ihm sagen? Dass sie auf dem Bericht eines einzelnen Agenten basieren, der glaubt, dass sie Uran-235 aus einer Ausgrabungsstätte geborgen haben? „… sind nicht zu hundert Prozent zuverlässig.“
„Aber offensichtlich befinden sich Terroristen an Bord. Selbst, wenn sie nicht über atomare Kapazitäten verfügen, werden sie zumindest versuchen, Sie zu rammen.“
„Das werden wir nicht zulassen, Kapitän Idris.“
„Ich verstehe, Kapitän Cranston. Ich werde mit meinen Männern besprechen, was unser Artilleriegeschütz angeht. Die Entscheidung … ist nicht einfach. Außerdem haben wir Berichte von einem Helikopter, der auf dem Schiff gelandet ist.“
„Dabei handelt es sich um einen Agenten der Central Intelligence Agency.“
Kapitän Cranston hatte soeben Geheiminformationen an ein Mitglied eines ausländischen Militärs weitergegeben, ein Verstoß, für den er vor das Kriegsgericht gestellt werden könnte, doch das war ihm momentan egal. Er musste eine ganze Flotte an Männern und Frauen beschützen.
„An Bord waren Schüsse zu hören“, sagte der ägyptische Kapitän.
„Dann ist er noch am Leben. Gut.“
„Nur ein Mann?“
„Ja.“
„Eine unserer Wachen hat das Boot mit Ferngläsern beobachtet und berichtet, dass zwei Personen aus dem Helikopter gestiegen sind.“
Kapitän Cranston blinzelte verwirrt. „Ich weiß nicht, wer der zweite sein könnte.“
Was zur Hölle geht dort vor sich?
„Es macht keinen Unterschied. Nur zwei Personen gegen ein ganzes Schiff ausgebildeter Kämpfer? Ihre Männer werden nicht lange überleben können.“
„Ich fürchte, da haben Sie recht“, antwortete Kapitän Cranston angespannt.
„Kapitän, ich weiß nicht, ob sich eine Atombombe an Bord befindet oder nicht. Ehrlich gesagt, finde ich das schwer zu glauben. Doch Sie schweben immer noch in Lebensgefahr. Sie könnten Sie rammen, oder eine große Menge herkömmlicher Sprengstoffe zünden. Ich – einen Moment, bitte.“ Am anderen Ende der Leitung sagte jemand etwas auf Arabisch. Das Radiosignal wurde unterbrochen. Nur wenige Sekunden später kam es wieder. „Kapitän Cranston. Meine Vorgesetzten diskutieren immer noch. Ich habe ihnen mitgeteilt, dass wir eine schnelle Entscheidung benötigen. Sie haben gesagt, dass sie in wenigen Minuten eine Antwort für mich haben werden.“
„Vielleicht haben wir nicht einmal ein paar Minuten.“
„Ich verstehe. Und ich möchte, dass Sie wissen, dass, wenn Sie aus Notwehr feuern, Sie nichts von uns zu fürchten haben. Ganz im Gegenteil …“ Kapitän Cranston konnte quasi hören, wie sehr sein Gegenstück mit sich kämpfte. Der ständige Kampf zwischen Logik und Befehlen, die jedes Mitglied des Militärs nur zu gut kannte. „… Wenn Sie das Feuer auf die Coral Atoll eröffnen, werden wir entsprechend antworten.“
So wie er es ausdrückte, wusste Kapitän Cranston, was er meinte. Er würde den Artilleriegeschützen befehlen, ebenfalls auf das Containerschiff zu feuern. Kapitän Idris konnte es nicht so deutlich ausdrücken, ohne zu riskieren, hochkant rauszufliegen, doch er wollte offenbar, dass Cranston wusste, dass er auf seiner Seite stand.
„Verstehen Sie, Kapitän Cranston?“
„Ich verstehe. Darf ich fragen, um was für Geschütze es sich handelt?“
„Seezielflugkörper vom Typ Harpoon.“
Kapitän Cranston nickte anerkennend. Das waren die besten auf dem Markt. Ein amerikanischer Verteidigungsunternehmer stellte sie her und sie durften nur mit Staatserlaubnis verkauft werden. Jemand in Washington legte offenbar Wert darauf, dass der Suezkanal über eine gute Verteidigung verfügte.
„Das freut mich zu hören, Kapitän Idris. In diesem Fall möchte ich Sie informieren, dass ich den Feuerbefehl auf die Coral Atoll erteilen werde.“
„Verstanden, Kapitän Cranston. Möge Gott gnädig mit uns sein.“
„Das hoffe ich inständig. Over and out.“
Denn wenn wir auf das Containerschiff feuern, werden wir Agent Snow und wer auch immer bei ihm ist, ebenfalls auf dem Gewissen haben.
Er wandte sich an seinen Stellvertreter. „Richten Sie die Waffen auf das Schiff vor uns und warten Sie auf meinen Feuerbefehl.“
„Sir, warum wollte der ägyptische Kapitän nicht zuerst das Feuer eröffnen?“
„Das ägyptische Militär besteht aus zahllosen Rivalen und verschiedenen Fraktionen und die Offiziere haben Angst vor den Generälen, die dieses Land beherrschen. Wenn Idris zuerst feuern würde, würde einer seiner Kollegen ihn vielleicht ausbooten wollen. Doch wenn wir ihn dazu zwingen, indem wir das Feuer eröffnen, kann er den Befehl geben und sich sicher sein, dass er ausgeführt wird. Jeglichen Schaden, der verursacht wird, können sie auf uns Amerikaner abwälzen.“
Erfreulicherweise machte sich sein Stellvertreter nicht über die Ägypter lustig. In diesem Teil der Welt ging es hart her und die Spielregeln waren anders als zu Hause. Der Offizier wandte sich lediglich zur Brücke um und funkte eine Nachricht an das Waffendeck.
„Frontgeschütze vorbereiten, Batterie Eins der Seezielflugkörper und alle drei Torpedorohre auf das Schiff vor uns ausrichten. Standby für den Feuerbefehl des Kapitäns.“
Kapitän Cranston lächelte. Ohne es ausdrücklich sagen zu müssen, hatte sein Stellvertreter sämtliche Waffen beordert.
Innerhalb von wenigen Augenblicken würden die Waffen bereit sein und Kapitän Arnold Cranston würde die wichtigste Entscheidung seiner gesamten Karriere treffen müssen.
Jana zuckte zusammen, als ein Schuss am Metall zu ihren Füßen abprallte. Sie riss ihren Kopf herum und sah einen Terroristen mit einer AK-47 in der Hand, der an der Leiter auf der Backbordseite stand. Im selben Moment erschien der Kopf eines dünnen, jungen Arabers mit Brille an der Steuerbordseite.
Sie musste in nur einem Sekundenbruchteil eine Entscheidung treffen und schoss auf den Wissenschaftler.
Er verschwand schnell wieder – ob sie ihn getroffen hatte, oder ob er nur in Deckung ging, wusste Jana nicht.
Eine weitere Kugel sauste an ihrem Kopf vorbei.
Sie ließ sich auf ein Knie fallen und zielte.
Eine dritte Kugel verfehlte sie. Jana konnte kaum glauben, dass sie noch am Leben war und erwiderte das Feuer mit ihrer M16.
Auf dieser Entfernung war die M16 wesentlich genauer als eine AK-47, wenn man die richtige Ausbildung hatte.
Und genau das war der Punkt. Sie hatte keine Ausbildung. Nicht wirklich. Doch dieser Kerl schon.
Jana feuerte, verfehlte, und feuerte erneut.
Der Terrorist duckte sich. Sie war sich ziemlich sicher, dass sie ihn nicht getroffen hatte, und duckte sich ebenfalls. Sie fluchte, dass sie nicht eher daran gedacht hatte. Dad hatte ihr das doch eingebläut, doch wenn man im Wald spielte, war das etwas ganz anderes, als tatsächlich auf eine echte Person zu schießen, die das Feuer auch noch erwiderte.
„Ahmed, schaff deinen dreckigen Arsch hier hoch!“, rief der Mann auf Arabisch.
„Sie wird mich erschießen“, ertönte eine quietschende Stimme vom anderen Ende des Schiffs.
Also habe ich ihn nicht getroffen und es sieht nicht so aus, als wenn er wieder auftauchen würde, so lange ich noch am Leben bin.
Sie zielte und atmete langsam aus, um sich zu konzentrieren.
Der Terrorist schoss erneut und die Kugel prallte in ihrer Nähe ab.
Zu ihrer eigenen Überraschung zuckte Jana kaum zusammen. Sie zielte und drückte ab.
Und verfehlte erneut.
„Ahmed! Beeil dich!“
Der Terrorist feuerte erneut und verfehlte. Er murmelte ärgerlich, nahm sein Magazin heraus und wühlte in der Tasche, die über seine Schulter hing, um ein weiteres Magazin zu zücken.
Er muss nachladen. Wahrscheinlich hat er vorher auf Jacob geschossen.
Sie zielte und erkannte, dass sie erneut verfehlen würde. Sie hatte schon mehrere Male auf ihn geschossen und jedes Mal danebengetroffen. Sie war einfach nicht gut genug, um ihn aus dieser Entfernung zu erwischen.
Was war also die offensichtliche Lösung? Sie musste sich ihm nähern.
Jana sprang auf und rannte geradewegs auf den Terroristen zu. Er hielt einen Moment inne und blickte sie an, ließ sich dann schnell auf sein Knie nieder und zückte das Magazin.
Jemand schrie. Der Wissenschaftler Ahmed war erneut hochgekommen und Jana feuerte blind in seine Richtung. Sie wusste, dass sie ihn nicht treffen würde, hoffte jedoch, dass er sich so wieder zurückzog. Doch er blieb.
Jana rannte weiter auf den Terroristen zu, während er sein Magazin in die Kalaschnikow lud. Immer noch hörte sie einen Schrei, doch weder der Terrorist noch der Wissenschaftler hatten den Mund geöffnet.
Dann bemerkte sie, dass sie es war, die brüllte.
Der Terrorist hob seine AK-47.
Jana blieb stehen, zielte für einen Moment, die ihr wie eine Ewigkeit erschien und war überzeugt davon, dass er zuerst schießen würde. Dann drückte sie ab.
Sie traf den Terroristen mitten in die Brust und er flog mit voller Wucht zurück. Jana drehte sich, um auf Ahmed zu feuern und sah, wie er in einer Luke auf einem der Container verschwand.
Sie rannte herüber und blickte nach unten. Ahmed sprang gerade von einer kurzen Leiter im Inneren des Containers. Er war beleuchtet. Und Jana wusste genau, warum.
Sie hoffte inständig, dass Ahmed keine Waffe hatte und hielt ihr eigenes Gewehr in einer Hand, während sie die Leiter hinabstieg. Sie ging nur so weit, dass sie auf den Wissenschaftler zielen konnte. Ahmed stand am anderen Ende des Containers neben einer großen Metallkiste. Er drückte auf den Zeitschalter, drehte sich um und lächelte.
Für einen kurzen Moment sagte keiner der beiden etwas. Jana war zu benommen und Ahmed blickte sie nur grinsend an. An ihrer Hüfte ertönte ein leises, gleichmäßiges Klicken vom Geigerzähler.
„Stell die Zeitschaltuhr sofort ab, oder ich erschieße dich.“ Jana krächzte geradezu. Sie hasste sich dafür, dass ihre Stimme zitterte. Ahmed rührte keinen Muskel.
„Stell sie aus.“
„Du kannst mir gar nichts sagen, christliche Schlampe.“
Jana ging auf ihn zu. Noch neun Minuten und achtundvierzig Sekunden.
„Du wirst tausende Muslime töten, vielleicht sogar Millionen. Auch Sunniten.“
„Die mit einem reinen Herzen werden mir im Paradies danken. Die anderen werden bekommen, was Allah für sie geplant hat.“
„Idiot.“ Sie betrachtete die Zeitschaltuhr erneut. Es gab nur einen einzigen Knopf.
„Man kann sie einschalten“, kicherte Ahmed, „aber nicht wieder aus. Ich schätze, du könntest versuchen, mit den Drähten zu spielen. Weißt du, wie man eine Bombe entschärft? So wie du aussiehst, würde ich vermuten, nein.“
Jana zitterte. Sie sah ihm in die Augen. Die einzelne Glühbirne, die von der Decke hing, spiegelte sich in ihnen wider. Alles, was sie sah, war Wahnsinn.
In dem Moment weiteten sich seine Augen.
Sie drückte in dem Moment ab, in dem er auf sie zusprang.
Die Wucht des 5.56mm-Geschosses auf diese Entfernung sorgte dafür, dass er gegen die Wand geworfen wurde. Ahmed fiel auf die Knie und grinste.
Jana feuerte erneut mitten in seine Brust.
Seine Augen rollten nach hinten, während er flüsterte: „So steht es geschrieben.“ Dann fiel er vornüber auf den Boden und bewegte sich nicht mehr.
Jana drehte sich um und blickte auf die Zeitschaltuhr. Neun Minuten und achtundzwanzig Sekunden. Ein Gewirr an Drähten führte von der Uhr in das Metallgehäuse.
Ahmed hatte recht. Sie hatte keine Ahnung, wie sie sie entschärfen sollte.
Sie rannte auf die Leiter zu. Sie brauchte Jacob. Wenn er nicht mehr lebte, würde in weniger als zehn Minuten niemand mehr innerhalb eines Kilometers am Leben sein.
Jacob verlor langsam die Hoffnung. Er hatte sich hinter der Tür eines kleinen Nebenzimmers in der Mitte des Flurs auf dem Erdgeschoss des zentralen Towers verschanzt. Die AK-47, die er einem toten Terroristen abgenommen hatte, hatte fast keine Munition mehr. An beiden Enden des Flurs kamen immer wieder seine Kollegen hervor, und feuerten in seine Richtung. Kugeln sausten durch die Luft und prallten am Boden und der Decke ab.
Jacob schätzte, dass er noch zwei oder drei Schüsse hatte. Wenn er jetzt loslaufen würde, würde er niedergeschossen werden, bevor er auch nur drei Schritte tat. Wenn er hierblieb, würden die Typen irgendwann herausfinden, warum er das Feuer nicht erwiderte und alle auf einmal auf ihn losgehen. Er würde vielleicht zwei oder drei von ihnen ausschalten und dann selbst sein Leben lassen.
Und außerdem könnte jeden Moment die Atombombe losgehen.
Jedes Mal, wenn er blinzelte, war er erstaunt, dass er es noch einmal schaffte, die Augen zu öffnen. Jedes Mal, wenn er atmete, war es wie ein Wunder, dass er noch einen weiteren Atemzug getan hatte.
Das konnte nicht so weitergehen. Er musste etwas unternehmen. Jetzt.
Er war sich nicht sicher, wie lange es her war, dass er mit Jana gesprochen hatte. Sie hatte bisher nicht zurück gefunkt und er war ein wenig zu beschäftigt, um Smalltalk zu halten. Er konnte nur annehmen, dass sie inzwischen tot oder gefangen war.
Er spürte Trauer, für die er jetzt keine Zeit hatte. Jetzt kam es ganz auf ihn an.
Er atmete tief durch und bereitete sich darauf vor, zur Treppe zu sprinten. Er würde einen Schuss auf die äußere Tür abgeben, damit die Terroristen dort in Deckung gingen und dann auf die Treppe zulaufen. Wenn dort jemand hervorkam, würde er so viele umlegen, wie er noch Schüsse hatte.
Und dann? Nun, er hatte ein gutes Leben hinter sich.
Wenn man das denn so nennen konnte. Wenigstens war er nützlich gewesen.
Wenigstens würde er nicht ohne einen Kampf gehen.
In dem Moment, wo er all seinen Mut für sein Selbstmordmanöver zusammengenommen hatte, wurde er von einem Kugelhagel überrascht, der aus Richtung des Eingangs zum Tower kam. Für einen Sekundenbruchteil spähte er aus der Tür und sah, dass einer der Terroristen tot in der Tür lag. Er duckte sich, bevor jemand auf ihn feuern konnte.
„Bist du noch da, Jacob?“, ertönte Janas Stimme.
Sein Herz machte einen Satz. „Ja!“
„Du hast dein Spielzeug fallen lassen. Mach die Tür zu. Ich werde eins von ihnen benutzen.“
„Mein Spielzeug? Oh!“
Jacob schlug die Metalltür zu. Eine Sekunde später barst sie wieder auf, als eine Schockwelle durch den Korridor fegte.
Was für eine Art, sich auszudrücken. Aber gar nicht so blöd. Schließlich verstehen diese Typen vielleicht Englisch.
Ein Terrorist stolperte aus Richtung der Treppe. Blut strömte ihm den Körper herunter und doch hatte er noch seine AK-47 in der Hand. Jacob schaltete ihn aus, hastete zur Treppe und stellte fest, dass die anderen beiden bereits tot waren. Er schnappte sich ein neues Magazin und lud nach. Anschließend nahm er ein weiteres an sich und stopfte es sich in den Gürtel.
„Jacob!“ Er hörte Jana über das Klingeln in seinen Ohren.
Er drehte sich um. „Hast du eine Blendgranate?“
„Jacob, wir …“
„Antworte mir!“
„Keine Ahnung. Wie sehen die aus?“ Sie zückte zwei Stück, eine normale und eine andere, die mit einem blauen Ring versehen war. Das war die Blendgranate. Er nahm beide an sich.
„Wir müssen die Crew ausschalten und das Schiff stoppen.“
„Aber Jacob …“
„Gib mir Rückendeckung.“
Er ging die Treppen hoch und jeder Schritt war schmerzvoll. Noch zwei Stockwerke. Das Deck war ganz oben.
Jacob hatte keine Zeit, jede Ecke zu überprüfen, oder jedes Nebenzimmer und jeden Flur. Er musste so schnell wie möglich hoch.
Und deswegen übersah er auch fast den Terroristen, der hinter der Ecke im ersten Stock lauerte.
Er sprang ihm in den Weg und schoss aus seiner Pistole. Jacob konnte im letzten Moment ausweichen und spürte den heißen Schmerz eines weiteren Streifschusses an seinen Rippen, bevor er den Typen mit dem Griff seines Gewehrs erwischte.
Von unten ertönten Schüsse. Jana feuerte auf jemanden, der sich hatte anschleichen wollen.
Jacob ging weiter.
Oben angekommen war die Tür zur Bücke verschlossen und ohne Zweifel verriegelt. Das hatte er bereits erwartet. Er nahm seinen Gürtel ab, verwendete ihn, um die Granate an der Tür festzubinden, zündete sie und humpelte um die Ecke. Jana war immer noch ein Stockwerk weiter unten und hoffentlich weit genug weg, dass die Explosion sie nicht erwischen würde. Er rief ihr zu, wusste aber nicht, ob sie ihn gehört hatte.
Die Tür flog aus ihren Angeln und bevor die Terroristen im Inneren reagieren konnten, warf Jacob eine Blendgranate hinterher.
Ein Blitz und ein lauter Knall und Jacob rannte hinein und feuerte aus allen Rohren. Alle Terroristen lagen auf dem Boden und würden sich die nächsten Minuten nicht rühren können. Er erschoss sie alle.
Anschließend sah er entsetzt aus dem Fenster der Brücke.
Er konnte deutlich den amerikanischen Kreuzer in der Ferne erkennen, dessen Frontgeschütze auf sie gerichtet waren.
Jacob riss am Steuer, um den Rückwärtsgang einzulegen. Er wusste, dass das nicht reichen würde. Ein Schiff dieser Größe hatte einen so hohen Impuls, dass es ewig dauerte, bis es anhalten konnte. Er musste noch etwas unternehmen.
Jacob schnappte sich das Funkgerät, nur um festzustellen, dass ein Metallsplitter aus der Tür in ihm steckte.
„Oh, verdammt.“
Er riss am Steuerrad und steuerte das Schiff auf den Rand des Kanals zu. Einen Augenblick später quietschte das gesamte Schiff. Die Steuerbordseite prallte mit einem schrecklichen Knall auf den Grund.
Jana eilte auf die Brücke.
„Ich habe die Bombe gefunden!“
„Warum hast du nichts gesagt?“
„Du hast mir keine Zeit gelassen.“
„Hast du sie entschärft?“
„Ich weiß doch gar nicht, wie. Einer von ihnen hat einen zehn Minuten Countdown gestartet. Das muss jetzt fünf Minuten her sein.“
Jacob warf seiner eigenen Marine einen letzten entsetzten Blick zu. Sie würden jeden Moment das Feuer eröffnen. Schnell humpelte er auf die Tür zu.
„Zeig mir, wo.“
Fünf Minuten? Er hätte niemals genug Zeit, sie zu entschärfen.
Wahrscheinlich würde er es nicht einmal dorthin schaffen, bevor der Marinekreuzer das gesamte Containerschiff innerhalb von Sekunden über den Haufen schießen würde.
* * *
„Bereit zum Feuern, Kapitän“, berichtete Kapitän Cranstons Stellvertreter.
Cranston betrachtete die Coral Atoll durch ein Fernglas.
Das Schiff war zur Seite gerissen worden und rammte nun gegen die Seite des Kanals. Es wühlte das Erdreich auf und wurde dadurch gebremst. Ob das Agent Snow zu verdanken war? Wahrscheinlich.
Er nahm das Funkgerät zur Hand.
„Kapitän Idris, sind Sie noch da?“
„Ja. Sehen Sie, dass die Coral Atoll auf Grund läuft?“
„Ich sehe es. Das muss unser Agent gewesen sein.“
„Wir haben Wachen in der Nähe und sie haben von Schusswechseln und Explosionen vor ein paar Minuten berichtet. Jetzt ist alles still. Vielleicht hat Ihr Agent die Kontrolle erlangt?“
„Vielleicht.“
„Werden Sie das Feuer eröffnen?“
„Ich … Ich weiß noch nicht.“
„Kapitän Cranston. Wenn sich eine Atombombe an Bord befindet, könnte sie dadurch deaktiviert werden, dass Sie das Feuer eröffnen.“
„Und radioaktives Material könnte austreten und sich in Ihrem Kanal verbreiten, und das Schiff würde ihn monatelang blockieren.“
„Ein schreckliches Ereignis statt eines katastrophalen Ereignisses“, meinte der Ägypter. „Noch habe ich keinen Befehl von meinen Vorgesetzten erhalten.“
Die Frustration in seiner Stimme war deutlich hörbar.
„Das Schiff wird anhalten, bevor es uns erreicht“, sagte Kapitän Cranston. „Ich habe unseren Schiffen ebenfalls befohlen, anzuhalten.“
„Selbst die kleinste atomare Waffe kann Sie aus dieser Reichweite erreichen“, sagte Kapitän Idris. „Wenn es noch Terroristen an Bord gibt, werden sie versuchen, sie zu zünden. Ich würde vorschlagen, dass Sie das Feuer eröffnen. Sobald Sie den Befehl geben, werde ich … Werde ich ebenfalls handeln können. Die sicherste Entscheidung ist, mit allem, was wir haben auf die Coral Atoll zu feuern und darauf zu hoffen, dass wir die Bombe zerstören, ohne dass sie explodiert.“
Kapitän Cranston knirschte mit den Zähnen. Was der Ägypter sagte, ergab Sinn. Doch was, wenn Agent Snow wirklich Kontrolle über das Schiff erlangt hatte? Er würde einen Amerikaner auf dem Gewissen haben.
Die Tatsache, dass der CIA-Agent seine Entscheidung nicht nur verstehen, gutheißen, und wahrscheinlich sogar zum gleichen Entschluss kommen würde, wäre er in seiner Position, machte es keinen Deut einfacher.
„Kapitän Cranston?“, sagte der ägyptische Offizier.
„Warten wir noch einen Moment. Sagen Sie mir unmittelbar Bescheid, wenn Sie weitere Schüsse hören. Das würde bedeuten, dass unser Agent das Schiff noch nicht vollständig unter Kontrolle hat. Wenn es einen weiteren Schusswechsel gibt, werden wir das Feuer eröffnen.“
Und Gnade mir Gott, wenn es so weit kommt.
Jacob Snow zwang sich ächzend so schnell er konnte, die Leiter zu erklimmen. Seine verletzte Hüfte gehorchte ihm kaum noch und die Hitze und der Stress der ganzen Kämpfe sorgte dafür, dass ihm schwindlig war.
Allein sein Überlebensinstinkt ließ ihn weitermachen. Sein Instinkt, die Mission zu erfüllen.
Nach Afghanistan hatte er sein Leben nie wirklich als etwas betrachtet, über das er die Kontrolle hatte. Er war nichts als eine Spielfigur für Aaron Peters, dem verstorbenen Vater dieser bemerkenswerten Frau, die sich jetzt unter ihm auf der Leiter befand. Er würde niemals zurückzahlen können, was er ihm schuldete. Sein Leben, ja, seine Seele, würde für immer ihm gehören.
Und das war es, was ihn antrieb.
Er schwang sich auf den oberen Rand der Container und seine Hüfte protestierte, während sein Oberschenkel und seine Seite immer noch bluteten.
Ich habe nicht einmal überprüft, ob hier oben jemand lauert. Ich lasse nach.
Es war allerdings eindeutig. Keine Terroristen in Sicht. Jedenfalls keine, die am Leben waren. Nur wenige Schritte weiter entdeckte er die Luke und humpelte hinüber, während er dem Kriegsschiff einen Kilometer flussaufwärts einen nervösen Blick zuwarf. Überraschenderweise hatten sie noch immer nicht auf sie gefeuert.
„Beschwer dich niemals über Glück, wenn du auf einer Mission bist. Davon hat man aber zu wenig.“ Das hatte Aaron Peters immer gesagt.
Jacob ignorierte die Leiter, die in den Container führte. Er packte den Rand der Luke, schwang sich hinein und sprang hinab.
Der Schmerz, der durch seine Hüfte fuhr, sorgte fast dafür, dass er ohnmächtig wurde. Allein der Anblick einer Atombombe, die nur wenige Schritte entfernt von ihm lag, hielt ihn wach.
Er rappelte sich auf und konnte nur zu dem Gehäuse krabbeln.
Die Zeitschaltuhr zeigte zehn Sekunden an.
Er packte das Gehäuse und zog sich auf die Beine. Jana sprang hinter ihm auf den Boden. So wie er hatte sie sich nicht die Mühe gemacht, die Leiter zu benutzen.
Neun Sekunden.
Das Gehäuse war versiegelt. Er konnte mehrere dicke Schrauben sehen, die den vorderen Teil zusammenhielten. Die würde er niemals rechtzeitig lösen können.
Acht Sekunden.
Mehrere Drähte führten von der Zeitschaltuhr in das Gehäuse. Man benötigte nur einen, also mussten die anderen Attrappen sein, die die Bombe frühzeitig zündeten, wenn man die Verbindung trennte.
Sieben Sekunden.
Die Zeitschaltuhr bestand aus billigem Plastik. Es waren zwei Hälften, die mit winzigen Schrauben aneinander befestigt waren.
Sechs Sekunden.
„Messer“, sagte er und hielt Jana seine Hand hin, als wäre er ein Chirurg.
„Ich habe keins.“
Fünf Sekunden.
„Haarnadel. Nagelschere. Irgendetwas!“
Jana kniete sich hin und durchwühlte die Taschen des verstorbenen Wissenschaftlers, der an der Wand lehnte.
Vier Sekunden. Drei Sekunden.
Zieh einfach ein Kabel und hoffe das Beste.
Jana reichte ihm einen dünnen Metallschraubenzieher, den man normalerweise für Brillen verwendete. Er war genau die richtige Größe für die kleinen Schrauben, die die Zeitschaltuhr zusammenhielten.
Doch Jacob hatte keine Zeit mehr. Stattdessen rammte er die Spitze zwischen die beiden Plastikhälften und drehte ihn. Die Rückseite sprang auf.
Zwei Sekunden.
Er fand das Kabel, das von der Zeitschaltuhr zum Gehäuse führte und riss es hinaus.
Eine Sekunde.
Die Uhr blieb stehen.
„Wir haben es geschafft“, flüsterte Jacob.
Einen Moment lang starrten sie die Uhr ungläubig an.
„Wir haben es geschafft“, wiederholte er.
Janas Antwort bestand darin, sich auf den Boden zu übergeben.
Jacob lachte lauthals los und die Spannung der letzten Tage und ganz besonders der letzten Minuten, fiel mit einem Mal von ihm ab.
„Sorry“, prustete er. „Ich will dich nicht auslachen.“
Doch eigentlich tat er das schon – und sich selbst. Schließlich hatte er sich nach seinem ersten echten Kampf ebenfalls übergeben.
Jana schien es ihm nicht übelzunehmen. Sie lachte ebenfalls, während sie sich den Mund abwischte.
Sie kicherte immer noch, als Jacob ihr auf die Beine half. Sie zog ihr Hemd aus, um sich das Gesicht abzuwischen und warf es beiseite, sodass sie nichts als ihren Spaghettiträger trug.
„Ich hätte ein Gentleman sein und dir mein Hemd geben sollen“, sagte Jacob.
„Da ist viel zu viel Blut dran.“
Aus irgendeinem Grund sorgte ihr Kommentar dafür, dass sie erneut in Gelächter ausbrachen. Die rote Eins starrte sie an wie der Mittelfinger eines kleinen Teufels, dessen Pläne sie vereitelt hatten.
Er legte eine Hand auf ihre Schulter. „Ich muss zugeben, dass ich meine Zweifel hatte, aber wie es sich herausgestellt hast, bist du eine gute Begleitung.“
„Da hast du etwas missverstanden. Du warst meine Begleitung“, lächelte sie.
„Nun, du hast deiner Begleitung gleich mehrere Male das Leben gerettet. Na gut, Boss. Verschwinden wir von hier.“
Jana musterte die Bombe. „Bist du dir sicher, dass sie so sicher ist?“
„Ja. Die örtliche Bombenräumung kann den Rest erledigen. Die Ägypter haben genug Erfahrung damit. Nicht gerade mit Atombomben, aber das Prinzip ist schließlich dasselbe. Gehen wir zum Helikopter und sagen zu Hause Bescheid.“
Jetzt, da alles vorbei war, legte sich Müdigkeit über Jacob wie ein Bleimantel. Die Leiter erschien ihm, als wäre sie einen Kilometer lang und jeder Schritt war, als erklomm er den Mount Everest. Oben angekommen konnte er nicht einmal aufstehen, sondern sich nur zur Seite rollen, um Jana Platz zu machen.
Und das war es, das sein Leben rettete.
Ein Schuss erklang und die Kugel bohrte sich nur wenige Zentimeter neben Jacob in den Container.
Ein Terrorist kniete am anderen Ende der Containerreihe und hatte eine AK-47 auf ihn gerichtet. Ein weiterer kam hinter ihm die Leiter hoch.
Jacob rollte weiter, während die Schüsse ihn verfolgten und antwortete mit einer Dreiersalve. Er erwischte den ersten. Eine zweite Salve schaltete den zweiten aus, gerade, als er das Ende der Leiter erreicht hatte.
Jacob suchte die Umgebung mit seinem Blick ab. Nichts bewegte sich mehr an Bord.
Das müssen die letzten gewesen sein. Wir müssen die Augen offenhalten, aber ich glaube, es ist jetzt endlich vorbei.
* * *
„Kapitän Cranston, unsere Wachen berichten weitere Schüsse von der Coral Atoll .“
Kapitän Idris’ Nachricht kam gerade in dem Moment, als der Marineoffizier ein wenig Hoffnung geschöpft hatte.
Er ballte seine Faust. Nun gut. „Vielen Dank, Kapitän Idris. Ich werde den Feuerbefehl erteilen.“
„Und ich werde es Ihnen gleich im Anschluss gleichtun.“
Sein Vizekapitän griff nach dem Funkgerät, doch Cranston nahm es zuerst. Er war schließlich der Kapitän und das alles war am Ende seine Verantwortung. Er würde den Befehl persönlich erteilen.
„Frontgeschütze Feuer frei. Anschließend die Torpedos und Raketen.“
Er hatte ihnen bereits befohlen, auf die Container zu zielen, sowie den Torpedos, das Schiff nahe der Wasseroberfläche zu treffen. Er hoffte, dass sie so die Bombe unbeschädigt lassen und so viele Terroristen wie möglich ausschalten würden. Die Torpedos würden dafür sorgen, dass das Schiff sank und dass alle Mitglieder von Schwert der Gerechten , die dann noch am Leben waren, die Bombe nicht mehr erreichen können würden.
Die Küstengeschütze würden vermutlich alle Überlebenden erledigen, doch sicher war sicher.
Sie würden sicherstellen, dass nicht einmal eine Kakerlake an Bord überleben würde.
* * *
Es war nur Zufall, dass Jacob die Rauchschwaden aus Richtung des Kreuzers sah. Er hatte ihm nur einen beiläufigen Blick zugeworfen, während er, so schnell es ihm seine Verletzungen erlaubten, zum Helikopter humpelte.
Die Schüsse des Kriegsschiffes bewiesen ihm, dass er doch noch schneller laufen konnte. Jana war neben ihm.
„In Deckung!“, rief er.
Jana ließ sich auf den Boden fallen. Jacob tat es ihr nicht gleich, denn wenn er nicht schnell den Helikopter erreichen würde, wären sie in ein paar Sekunden tot.
Oder noch früher.
Der Schuss traf die vordere Reihe der Container und das gesamte Schiff erbebte. Der Container, der getroffen wurde, wurde in die Luft geschleudert und krachte einen Augenblick später wieder herunter. Ein ohrenbetäubender Knall ertönte.
Jacob rannte weiter. Ein zweiter Schuss traf nur einen Moment später auf und zersplitterte das Deck vor dem zentralen Tower. Jacob stolperte, blieb jedoch auf den Beinen und erreichte den Helikopter, der immer noch in einer riesigen Pfütze seines eigenen Treibstoffes stand. Der Geruch sorgte dafür, dass Jacob noch schwindliger wurde, als ihm ohnehin bereits war.
Wehe, das Satellitentelefon funktioniert nicht mehr.
Er hoffte, dass es nicht von einer sich verirrten Kugel erwischt worden war und nahm den Hörer in die Hand.
„Wallace? Sind Sie da?“
„Wer spricht da? Identifizieren Sie sich“, antwortete eine unbekannte Stimme.
„Hier ist Agent Snow von der CIA, an Bord des auf Grund gelaufenen Containerschiffes. Spricht dort die USS Brandywine ?“, fragte er. Er hoffte, dass es noch immer die gleiche Frequenz war.
„Hier spricht die USS Brandywine .“
„Stellen Sie sofort das Feuer ein! Die Bombe wurde entschärft. Stellen Sie mich an Kapitän Cranston durch.“
Er musste mit dem Funkoffizier sprechen, jemand, der wahrscheinlich nicht einmal wusste, von was einer Bedrohung er dem Kapitän vorhin erzählt hatte.
Am anderen Ende der Leitung war es still. Jacob versuchte sich vorzustellen, was dem Funkoffizier gerade durch den Kopf ging. Würde er einem Fremden überhaupt glauben? Würde er überhaupt verstehen, dass er allein aufgrund der Tatsache, dass er mit ihm sprach, tatsächlich ein CIA-Agent sein musste?
Jana kroch auf ihn zu und blickte nervös in Richtung der Brandywine .
Jacob folgte ihrem Blick und was er sah, machte ihm weitaus mehr Sorgen, als nur ein paar Artilleriegeschosse.
Er sah die Rauchschwaden von Raketen, die vom Schiff aus starteten, sowie die weißen Linien von Torpedos im Wasser.
„Hier ist Kapitän Cranston. Agent Snow, sind Sie das?“
Jacob hätte vor Erleichterung am liebsten geweint. „Ja! Die Bombe wurde entschärft. Wir haben das Schiff unter Kontrolle.“
„Sind Sie sich sicher, Agent?“
„Ja!“
Die Raketen flogen auf sie zu und die Torpedos folgten ihnen wie ein Trio stählerner Haie.
Im letzten Moment drehten die Wassergeschosse rechts ab und explodierten am Ufer ein paar hundert Meter entfernt. Auch die Raketen schlugen eine andere Richtung ein, flogen über das Schiff hinweg und einen halben Kilometer weiter, bevor sie im Wasser explodierten. Fontänen, die fast so hoch wie das Containerschiff selbst waren, schossen in die Höhe.
Jacob seufzte erleichtert.
„Sieh nur!“, schrie Jana.
Die Rauchschwaden von einem halben Dutzend weiteren Raketen tauchten aus der Wüste im Osten auf. Sie flogen genau auf sie zu.
Oh Gott, die Ägypter haben ebenfalls gefeuert.
Jacob starrte Jana an und sie starrte zurück.
Wenigstens stirbt sie einen heldenhaften Tod, so wie ihr Vater.
Das Rauschen der Raketen übertönte jedes andere Geräusch, doch dann drehten auch sie ab, flogen über sie hinweg und schlugen einen Kilometer hinter dem Kanal in der Wüste ein.
Eine ihm unbekannte Stimme ertönte. Sie wies einen eindeutigen ägyptischen Akzent auf.
„Wie sagt man in Ihrer Sprache, Kapitän Cranston? ‚Knapp vorbei ist auch daneben?‘“
„Ja, Kapitän Idris“, lachte der Marineoffizier. „Da stimme ich Ihnen zu. Knapp vorbei ist auch daneben.“
Ein Feld in der Nähe von Asilah, im Nordwesten Marokkos
Zwei Wochen später …
Jana ließ ihren Blick über die Ausgrabung schweifen. Ihre Crew hatte sich in ihrer Abwesenheit gut geschlagen und seit sie wieder zurück war, lief es sogar noch besser. Inzwischen hatten sie den Grund bis hin zu der römischen Villa abgetragen und nun legten sie vorsichtig ihre größte Entdeckung frei. Das atemberaubende Mosaik bildete tatsächlich sämtliche Tierkreiszeichen ab, so wie sie vermutet hatte.
Der Rest der Villa war ebenfalls eindrucksvoll und ein paar ihrer Studenten hatten exquisite Töpfereien entdeckt. Eine Schüssel würde im Labor wieder zusammengesetzt werden und ein Goldohrring war sogar völlig intakt gewesen.
Sie freute sich schon darauf, den vollständigen Bericht zu lesen. Für die allgemeine Öffentlichkeit verfasste sie bereits einen Artikel auf Arabisch für die Al Alam, eine der größten Tageszeitungen in Marokko. Außerdem war sie für ein Fernsehinterview eingeladen worden.
Brian, der Doktorand, mit dem sie so gut ausgekommen war, kam zu ihr herübergeschlendert.
„Möchtest du einen Drink?“
Sie nahm einen großen Schluck. Die Sonne war heute besonders heiß, doch nach all dem, was sie hatte durchmachen müssen, bemerkte sie sie kaum.
„Nach deinem Fund von diesem goldenen Ohrring sollten wir eigentlich mit Champagner anstoßen“, sagte Jana.
Er lächelte. „Das ließe sich wahrscheinlich sogar arrangieren. Freut mich, dass du rechtzeitig dafür zurück bist. Geht es deiner Schwester jetzt besser?“
„Oh ja, alles ist wieder in Ordnung.“
Jana hatte kurzerhand eine kranke Schwester erfunden, die eine Notoperation benötigt hatte, um ihre plötzliche Abwesenheit zu erklären. Natürlich hatten ihr alle geglaubt. Nur sie wusste, dass sie ihre eigene Crew angelogen hatte, und diese Tatsache sorgte dafür, dass sie sich auf seltsame Art und Weise distanziert von ihnen fühlte.
Der einzige Mensch, mit dem sie über die Wahrheit reden konnte, war Jacob Snow. Sie hatten sich in Kairo voneinander verabschiedet, vier Tage nach den Ereignissen im Suezkanal und nach einer langen Nachbesprechung mit dem ägyptischen Geheimdienst in einem CIA-Büro vor Ort. Laut offizieller Nachrichtenberichte hatte es sich um eine bloße Entführung eines Containerschiffes gehandelt, das die ägyptischen Streitkräfte schließlich abgefangen hatten. Kein Wort darüber, dass sich die USS Brandywine und der Rest der amerikanischen Flotte überhaupt in der Nähe befunden hatten.
Am Ende war ihre Anwesenheit auch tatsächlich nicht nötig gewesen. Die Iraner hatten eingelenkt und die amerikanischen Geiseln freigelassen. Die Imame hatten eine Übergangsregierung einberufen, um die Verhältnisse zu stabilisieren und einen Präsidenten auf Zeit, einen Kandidaten aus der politischen Mitte, ins Amt erhoben. Zumindest im Augenblick genossen die Reformisten und Islamisten im Iran einen unruhigen Waffenstillstand.
Sie wusste, dass das noch lange nicht das Ende bedeuten würde, doch was auch immer daraus resultieren würde, wäre am Ende Jacobs Problem, nicht ihres. Sie würde ihn nicht danach fragen – nicht, dass er ihr antworten würde.
Und doch hatte er ihr zumindest seine Nummer in Griechenland gegeben.
„Du kannst mich erreichen, wenn ich nicht gerade auf einer Mission bin. Ruf mich an, wenn du über deinen Dad sprechen willst, oder vielleicht kannst du mir ja irgendeine alte Ruine zeigen, wenn du in der Gegend bist.“
Er hatte sie unbeholfen angelächelt und Jana war sich nicht sicher gewesen, was sie davon halten sollte.
Vielleicht würde sie sein Angebot ja annehmen. Ihm Fragen stellen, von denen sie sich nicht sicher war, dass sie die Antworten überhaupt wissen wollte.
Doch auf eine gewisse Art war sie neugierig zu erfahren, was Jacob Snow für ein Mann war, wenn er nicht gerade unter Beschuss stand.
„Denkst du gerade an sie?“, fragte Brian.
„Hm?“ Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen.
„Deine Schwester.“
„Oh. Stimmt. Meine Schwester. Ja. Sie erholt sich gut. Sie hat ihre wohlverdiente Ruhe. Na ja, zurück an die Arbeit. Wir haben nur noch ein paar Stunden Tageslicht.“
Sie ging zum nächsten Ausgrabungsquadrat hinüber und versuchte sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Und doch verfolgten sie die Gedanken an den Schützling ihres Vaters, der jetzt gerade in Griechenland war, für den Rest des Tages.
Und für den Rest des darauffolgenden.
* * *
Die Kykladen, am selben Abend …
Gabriella vollführte einen perfekten Kopfsprung vom Deck Jacobs Segelboots und tauchte in das völlig klare Wasser des Mittelmeers, ohne kaum eine Welle aufzuschlagen. Jacob räkelte sich an Deck und beobachtete die jüngere Dame, während sie zurück zum Boot schwamm.
„Willst du nicht reinkommen?“, rief sie ihm zu.
„Gleich. Wie wäre es, wenn du in der Zwischenzeit noch einmal springst?“
Gabriella lachte.
„Das ist schon das fünfte Mal, dass du mich das fragst.“
„Das sechste. Es gibt doch nichts Schöneres, als einer jungen Dame beim Tauchen zuzusehen. Und dein neuer Bikini tut sein Übriges.“
„Habe ich mir doch gedacht, dass du ihn mögen wirst. Na gut, einmal noch“, sagte Gabriella und kletterte an Deck, während das Wasser an ihrer gebräunten Haut abperlte. „Aber danach musst du mitkommen. Oder brennen deine Verletzungen im Salzwasser?“
„Nein. Alles wieder in Ordnung.“
Jacob hatte ihr erzählt, dass er in Liberia in einen Straßenaufstand geraten war, um seine Wunden zu erklären. Die Kratzer und blauen Flecken waren bei seiner Ankunft in Athen fast vollständig verheilt, aber die Streifschüsse und der Haarriss in seiner Hüfte, der einen riesigen blauen Fleck so groß wie ein Teller hinterlassen hatte, waren nur schwer zu verstecken.
Er hatte ein schlechtes Gewissen dabei, sie anzulügen, und wünschte, er könnte ihr nur ein kleines Bisschen mehr über die Wahrheit verraten.
Gabriella lächelte ihn an. Ihre schwarzen, lockigen Haare tropften vor Wasser und ihre Silhouette hob sich vor der untergehenden Sonne ab.
„Nur noch einmal, hörst du? Und dann grillen wir die Fische, die ich gefangen habe. Anschließend quäle ich dich, bis du deinen Job aufgibst und dich in Rom zur Ruhe setzt.“
Der letzte Satz überraschte Jacob. Auch wenn Gabriella ihn schon öfter dazu angehalten hatte, seinen angeblichen Job als internationale Hilfskraft in Kriegsgebieten aufzugeben – es war nicht das erste Mal, dass er mit Verletzungen zurückgekehrt war – hatte sie noch nie erwähnt, dass er sich in ihrer Heimatstadt niederlassen sollte.
„Wirst du etwa auf einmal altmodisch?“, fragte Jacob und hob eine Augenbraue.
„Wieso nicht?“ Sie beugte sich zu ihm herunter und drückte ihm einen Zeigefinger auf die Brust. „Ich habe es langsam satt, mich in Clubs herumzutreiben und dir würde es guttun, einer stabileren Arbeit nachzugehen. Ich habe noch nie verstanden, warum du tust, was du tust.“
Und das wirst du auch nie, dachte Jacob traurig, weil ich es dir nicht erklären kann.
Kein Zivilist würde es jemals verstehen.
Nun, eine Zivilistin vielleicht, die gerade in Marokko auf einer Ausgrabung war.
Er fragte sich, ob sie ihn wohl anrufen würde. Was sie wohl von seinem halb ernst gemeinten Angebot gehalten hatte, ihm ein paar Ausgrabungsstätten hier in Griechenland zu zeigen.
Er fragte sich, ob er sie wohl jemals wiedersehen würde.
Sein Bauchgefühl sagte ihm, dass sie es tun würde. Jacob wusste nicht wann, oder wie, aber er hatte das Gefühl, dass sich ihre Wege noch einmal kreuzen würden.
„Sieh her!“
Gabriella grinste ihm über die Schulter zu und tauchte erneut perfekt ins Wasser ein.
Jacob sah ihr zu, dachte jedoch an jemand anderen.
Dann fiel sein Blick auf eine Insel, die ungefähr drei Kilometer entfernt war. Sie war von zerklüfteten Klippen umgeben. Die Wellen brachen sich an ihrem unteren Ende und sie waren mit zahlreichen Büschen bedeckt.
Ein guter Aussichtspunkt. In Afghanistan würde dort ein Scharfschütze liegen.
Er betrachtete den oberen Rand der Klippen.
Wenn ich an seiner Stelle wäre, wäre ich genau dort, wo der Olivenbaum ein wenig Schatten spendet.
Ein warmer Kuss auf seinen Lippen lenkte ihn ab. Er hatte nicht einmal gehört, wie sie aus dem Wasser gestiegen war.
„Hör auf, an die Arbeit zu denken“, sagte Gabriella, bevor sie ihn erneut küsste.
Jacob legte ihre Arme um ihren schlanken Körper. „Sehe ich etwa so aus, als wenn ich an die Arbeit denke?“
„Dein Blick schweift in der Ferne, als wären deine Gedanken eine Million Kilometer von hier entfernt.“ Gabriella sah besorgt aus. Er wusste, dass es ihr gegenüber nicht fair war. Dass er dieser Frau nicht die Aufmerksamkeit schenkte, die sie verdiente.
„Du hast recht. Genug mit der Arbeit.“
Sie küssten sich erneut und für einen kurzen Moment vergaß Jacob alle Sorgen auf der Welt.
* * *
Der perfekte Aussichtspunkt.
Der Scharfschütze beobachtete Jacob, wie er seine Freundin auf dem Boot küsste. Er lag in drei Kilometern Entfernung auf einer felsigen Klippe, im Schutz der Büsche und dem Schatten eines Olivenbaums. Die Brise war mild für diese Tageszeit und auf diese Entfernung war er sich sicher, dass er ihn problemlos treffen konnte.
Vielleicht war die Entfernung nur 500 Meter kürzer als die des Weltrekords, doch es war nicht das erste Mal für ihn. Er hatte sogar schon unter schlimmeren Bedingungen getroffen.
Oh Gott, ist das verlockend.
Die Finger des Scharfschützen lagen auf dem Abzug seiner McMillan TAC-50, einem der besten Scharfschützengewehre, die es gab. Er könnte es hier und jetzt beenden.
Oh ja, es war verführend.
Oder vielleicht sollte er die Frau umlegen. Ihn ein wenig quälen, so wie Jacob Snow ihn gequält hatte.
Aber nein. Das würde ihn nur vorwarnen.
Außerdem wollte er ihn nicht wirklich aus dieser Entfernung sterben sehen.
Er wollte den Blick in Jacobs Augen genießen, während er ihm erklärte, warum er es verdient hatte zu sterben, während er endlich die Konsequenzen seiner Handlungen tragen musste.
Er konnte nicht. Noch nicht. Zuerst benötigte er Informationen von ihm.
Der Auftrag kommt zuerst. Du brauchst ihn, damit er dich an dein Ziel führt.
Der Scharfschütze knirschte mit den Zähnen.
Verdammt! Warum sind es immer die Menschen, die wir am meisten hassen, die wir am meisten brauchen?
Er musste geduldig sein. Musste ihm folgen. Mehr über ihn erfahren.
Erst dann durfte er ihn umbringen.
Langsam und widerwillig entspannte er seinen Finger und zog ihn vom Abzug zurück.
„Das ist keine Vergebung, Jacob Snow“, flüsterte er. „Es ist ein Hinrichtungsaufschub.“
„Ein Thriller vom Feinsten … Eine fesselnde Geschichte, die man nur schwer aus der Hand legen kann.“
-Midwest Book Review, Diane Donovan (zu KOSTE ES WAS ES WOLLE)
⭐⭐⭐⭐⭐
„Einer der besten Thriller, die ich dieses Jahr gelesen habe. Die Handlung ist intelligent und fesselt dich von Anfang an. Der Autor hat hervorragende Arbeit geleistet und eine Reihe von Charakteren geschaffen, die voll entwickelt und sehr unterhaltsam sind. Ich kann die Fortsetzung kaum erwarten.“
-Books and Movie Reviews, Roberto Mattos (zu KOSTE ES WAS ES WOLLE)
⭐⭐⭐⭐⭐
Vom #1-Bestseller und USA Today-Bestsellerautor Jack Mars, Autor der von Kritikern hochgelobten Luke Stone und Agent Zero-Reihen (mit über 5.000 Fünf-Sterne-Rezensionen), kommt eine explosive, actiongeladene Spionageserie, die den Leser auf einen wilden Ritt durch Europa, Amerika und die Welt mitnimmt.
Jacob Snow – ein ehemaliger Elitesoldat und CIA-Agent, der von seiner Vergangenheit verfolgt wird – ist einer der größten Trümpfe der CIA. Als eine Terroristengruppe ein Auge auf den größten archäologischen Schatz der heiligsten Stadt wirft, weiß Jacob, dass er nur wenig Zeit hat, um Jerusalem zu erreichen, bevor ein internationaler Krieg entfacht wird.
Jacob weiß auch, dass er den Fall nicht lösen kann, ohne sich mit der geheimnisvollen Archäologin zusammenzutun, in die er hofft, sich nicht zu verlieben.
Als sie sich aufmachen, um die uralten Rätsel zu entschlüsseln und sie zu stoppen, merken sie bald, dass die Verschwörung tiefer geht, als sie es sich vorstellen konnten. Da das Schicksal der Welt auf dem Spiel steht, könnte ihnen die Zeit davonlaufen.
ZIEL ZWEI ist der Debütroman einer aufregenden, neuen Serie eines Bestsellerautors, der es schafft, dass du dich in einen brandneuen Action-Helden verliebst – und bis spät in die Nacht blätterst. Perfekt für Fans von Dan Brown, Daniel Silva und Jack Carr.
Buch #3 der Serie –ZIEL DREI – ist jetzt ebenfalls erhältlich.
Jack Mars
Jack Mars ist Bestsellerautor, bekannt aus der USA Today. Seine LUKE STONE Thriller-Reihe umfasst sieben Bände. Weitere Reihen von ihm sind DER WERDEGANG VON LUKE STONE, bestehend aus sechs Bänden, die AGENT NULL Spionage-Thriller Reihe, bestehend aus zwölf Bänden, die TROY STARK Thriller-Reihe, bestehend aus drei Bänden, sowie die SPIEL DER SPIONE Thriller-Reihe, bestehend aus drei Bänden.
Jack würde sich freuen, von Ihnen auf www.jackmarsauthor.com zu hören. Dort können Sie seiner Mailingliste beitreten, ein kostenloses Buch erhalten, an Verlosungen teilnehmen, oder ihm auf Facebook oder Twitter schreiben!
BÜCHER VON JACK MARS
SPIEL DER SPIONE
ZIEL EINS (BUCH #1)
EIN TROY STARK THRILLER
SKRUPELLOSE EINHEIT (BUCH #1)
LUKE STONE THRILLER SERIE
KOSTE ES WAS ES WOLLE (BUCH #1)
AMTSEID (BUCH #2)
LAGEZENTRUM (BUCH #3)
UMGEBEN VON FEINDEN (BUCH #4)
DER KANDIDAT (BUCH #5)
UNSERE HEILIGE EHRE (BUCH #6)
DAS GESPALTENE REICH (BUCH #7)
DER WERDEGANG VON LUKE STONE
PRIMÄRZIEL (BUCH #1)
DER HÖCHSTE BEFEHL (BUCH #2)
DIE GRÖSSTE BEDROHUNG (BUCH #3)
DIE HÖCHSTE EHRE (BUCH #4)
DER HÖCHSTE HELDENMUT (BUCH #5)
DIE WICHTIGSTE AUFGABE (BUCH #6)
EINE AGENT NULL SPIONAGE-THRILLER SERIE
AGENT NULL (BUCH #1)
ZIELOBJEKT NULL (BUCH #2)
JAGD AUF NULL (BUCH #3)
EINE FALLE FÜR NULL (BUCH #4)
AKTE NULL (BUCH #5)
RÜCKRUF NULL (BUCH #6)
ATTENTÄTER NULL (BUCH #7)
KÖDER NULL (BUCH #8)
HINTER NULL HER (BUCH #9)
RACHE NULL (BUCH #10)
NULL– AUSSICHTSLOS (BUCH #11)
ABSOLUT NULL (BUCH #12)
EINE AGENT NULL KURZGESCHICHTE