Strategie in Scherben
Band 1
~ Gay-Romance-Novel ~
von
Nathan Jaeger
Impressum
Text:
Nathan Jaeger
Turmstraße 22, 47119 Duisburg
Umschlaggestaltung
Nathan Jaeger
Umschlagfoto
s:
Glasbruch-Scherben
© WestPic – Fotolia.com
Bach mit Weide © LordLexi
Lektorat:
www.wort-waechter.net
© 2013 Nathan Jaeger
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Vervielfältigung und Veröffentlichung sind nicht gestattet.
Für Andy,
die meinen Protagonisten gern Gesichter schenkt.
Stallarbeit und Wasserschlacht
Halbfreier Tag 1 – ergaunerte Zeit
Ich war knappe 18, als ich Ludwig das erste Mal traf. Genauer gesagt, traf er mich, nein, um vollkommen und schonungslos ehrlich zu sein: Es war ein wenig anders ...
Ich arbeitete damals am Wochenende auf der Rennbahn und versorgte dort die schweineteuren Pferde, die in ihren Boxen auf ihre Starts warteten. Die meisten Besitzer waren dermaßen pingelig, dass sie nur ihre eigenen Betreuer, Jockeys und Stallburschen an die Pferde ließen, deshalb gehörte ich eher zu denen, die dafür zu sorgen ha tten, dass das Gelände und die Stallgassen frei von Pferdeäpfeln blieben. Ich hatte meine Runde gerade beendet und stellte Schaufel und Besen wieder in eine der Werkzeugnischen, als hinter mir jemand in den schmalen Gang trat und mich umfasste.
Ich glaube, ich hab damals ziemlich unmännlich aufg eschrien, einfach, weil ich mich erschreckt habe. Ist ja auch nicht unbedingt der Normalfall, dass einem jemand in eine dunkle Nische folgt, wenn draußen die Sonne scheint und die teuersten Pferde Deutschlands über die Rennbahn galoppieren.
Ich versuchte jedenfalls, herumzufahren, aber bevor ich es schaffte, lag eine Hand auf meinem Schritt und eine a ndere auf meinem Mund.
Eine tiefe Stimme sagte: „Ich könnte mal deine Hilfe bra uchen, Kleiner. Bringst du Escorial für mich in den LKW?“
Ich nickte, vermutlich, weil ich mich anders gar nicht artik ulieren konnte. Noch dazu erwachte mein Schwanz unter den forschen Fingern. So hatte mich noch keiner angefasst, nicht ohne meine ausdrückliche Erlaubnis!
Klar, ich wusste damals schon, dass ich schwul bin, aber es stand nun wirklich nicht auf meiner Stirn!
Die Hand an meinem Mund verschwand erst, nachdem ich durch ein weiteres, hastiges Nicken erklärt hatte, nicht zu schreien.
Er lockerte den Griff der anderen Hand nicht, aber ich drehte mich herum und stolperte rückwärts in die Wer kzeuge und damit von ihm weg. Echt peinlich war das!
Nicht meine Flucht, sondern die Tatsache, dass ich auf eine so grobe Behandlung re agierte!
Ich schluckte und starrte ihn an. „Escor ial?“
Er nickte. Ludwig van Keppelen stand da vor mir. Er hatte mich einfach so angefasst, und nun wollte er, dass ich sein teuerstes Pferd aus der Box in den großen Transporter brac hte? Na gut, so eine Gelegenheit bot sich nicht oft. Ich kannte mich gut aus mit Pferden, schon immer, irgendwie. Aber an diese Juwelen auf vier Hufen kam ich höchstens heran, wenn ich an ihren Boxen vorbeiging und nach dem Rechten sah.
„Ist ... das alles?“, fragte ich vorsichtig nach und hatte Mühe, nicht zusammenzuzucken, als er den Kopf bedächtig schüttelte und sich über die Lippen leckte.
Sein Grinsen war mir unheimlich.
„Natürlich nicht. Du bekommst etwas dafür.“ Er hielt mir einen giftig-grünen Hunderteuroschein hin und ich blinzelte.
„Hundert Euro, damit ich Ihr Pferd in den Transporter bri nge?“
Wieder schüttelte er den Kopf.
„Nein, der hier hat noch neun Freunde. Und sie alle gehören dir, wenn du Escorial wegbringst und im Transporter auf mich wartest.“ Er griff sich provokant in den Schritt seiner mit Sicherheit maßgeschneiderten Anzughose und ließ mich nicht aus den Augen.
Mein Blick huschte hinter seiner Bewegung her und ich brauc hte einen Moment, bevor ich kapierte, dass ich nickte und den Hunderter aus seinen Fingern nahm.
Klar wusste ich, was er wollte. Kann ich ihm vielleicht auch nicht verübeln, immerhin sah ich damals schon genauso aus wie heute. Vielleicht etwas schmaler und kleiner, aber letz tlich ...
Ich holte also Escorial aus der Box, führte ihn zum LKW und harrte der Dinge, die da kommen mochten.
Im Grunde wusste ich ja ziemlich genau, was er wollte. Ich hatte erst vor ein paar Stunden zwei andere Stallhilfen tuscheln hören, dass van Keppelen ein schwuler Lustmolch sei.
Ich überlegte, ob ich sein seltsames Angebot nicht doch li eber ausschlagen sollte. Immerhin hatte ich noch nicht allzu viel Erfahrungen in Sachen gevögelt werden ...
Ich gebe es zu, ich entschied mich für das Geld und pfiff auf meine Jungfräulichkeit.
Ich wusste zu genau, wie lange ich für 1000 Euro die Stallgassen fegen müsste. Es versprach, leicht verdientes Geld zu werden und ... Nun ja, ich irrte mich.
Er betrat den Transporter nur eine oder zwei Minuten nach mir und schloss die Se itentür gewissenhaft hinter sich, bevor er sich zu mir herumdrehte und tat, was er tun wollte.
Es war der erste Fick meines Lebens und davon abgesehen, dass es höllisch weh tat, weil er nur halbherzig darum bemüht war, mir irgendwas zu ersp aren, bedeutete es mir gar nichts.
Er riss mir die Hosen herab, drückte meinen Kopf nach unten, bis ich ihm meinen nackten Hintern hinstreckte und er sich nehmen konnte, was er wollte.
Seine Hand schlang sich grob um meinen Halbsteifen, aber ich kam nicht. Keine Ahnung, woran es lag. Vielleicht an den Schmerzen, vielleicht daran, dass er mich einfach nicht antörnte? Er war mir zu alt, zu brutal, zu wenig au fmerksam.
Als er fertig war, gab er mir einen Klaps auf den blanken Hintern und sagte: „Gut g emacht, Kleiner. Beim nächsten Mal darfst du ruhig etwas lauter sein.“
Tja, er zog sich an, warf mir das Geld vor die Füße, wä hrend ich meine Hosen hochzog und versuchte, mir nicht anmerken zu lassen, wie weh mir mein Arsch tat. Ich nickte wortlos und Ludwig van Keppelen und ich hatten ... Ja, wie sollte ich das nennen? Er hatte mich gefickt, aber ich hatte keinen Sex gehabt, nein, ganz sicher nicht.
Ich sammelte die Scheine aus der Einstreu und bemerkte erstaunt, dass der Schmerz verschwand. Von einem Moment zum näch sten.
Ich habe keine Ahnung, wieso. Aber seitdem ...
H m, seitdem sind ein paar Jahre vergangen.
Aus gelegentlichen Ficktreffen in Pferdetransportern und B oxen wurden wöchentliche in Hinterzimmern und Toiletten und irgendwann begriff ich vollständig, dass Ludwig von mir – oder zumindest meinem kleinen Arsch – besessen war.
Er lud mich auf sein monströs großes Gestüt ein und neben meinem Job als seine Hure lernte ich mehr über die Pferdezucht, seinen Betrieb, seine Leben sweise ... schlicht über ihn.
Und seit sechs Jahren lebe ich selbst hier auf dem Gestüt, bin seine rechte Hand, habe eine eigene, todschicke Wohnung in einem Nebengebäude, fahre immer den neuesten Sportwagen, habe die besten Freizeitpferde für Ausritte, die schicksten Designerklamotten, und spiele den braven, züchtigen Schützling des großen, erfolgreichen van Keppelen, wann immer er gesellschaftliche Verpflichtungen hat.
~*~
Ich bin jetzt 26 und hatte noch nie im Leben passiven Sex, bei dem ich irgendetwas gespürt hätte. An jenem Tag, beim Einsammeln der hübschen, giftgrünen Geldscheine habe ich damit begonnen, meinen Hintern zu negieren.
So ähnlich zumindest nennt man es. Ist eine psychische Schockreaktion oder so. J edenfalls hab ich noch nie im Leben einen Schwanz in mir gehabt, der mich stimuliert, den ich auch nur gespürt hätte. Keine Lust, keinen Schmerz. Mein Arsch ist tot.
Stört mich nicht wirklich, denn ich kenne mittlerweile den großen Hauptgewinn, den mir diese Negat ion bescheren wird: Ich bin ganz offiziell Ludwigs Erbe. Der Alleinerbe, übrigens.
Das Gut, auf dessen Hof ich jetzt stehe, wird eines Tages mir gehören. Ich spüre, wie mein Mund sich zu einem Lächeln verzieht.
Das ist es wert. Immer.
Nebenbei bedeutet es nicht, dass ich keinen echten Spaß hätte. Den hole ich mir auf andere Art. Ludwig lässt mir genug Freiraum, um hin und wieder in diversen Clubs ein paar Kerle flachzulegen. Darin bin ich gut. Gab bisher jedenfalls keinen, der sich beschwert hätte, nachdem ich ihn gefickt hab.
„Kim, komm mal rüber!“
Ich fahre herum, oben auf der Freitreppe zum Gutshaus steht Ludwig, den ich nur ‚Lu‘ nenne, und winkt mich zu sich. Am Fuß der Treppe bleibe ich stehen, er kommt mir entgegen.
„Was ist los?“, erkundige ich mich.
„Heute Abend kommen die Wienerts, nimm dir also nichts vor.“
Ich nicke. Klar, wenn er Besuch hat, bin ich als seine rechte Hand zu Anwesenheit verpflichtet. Verstehe ich auch vollkommen, immerhin soll ich diesen ganzen Kram eines Tages we iterführen. Und da ich durchaus weiß, wie man sich in Gesellschaft benimmt, machen mir solche Abendessen in aller Regel Spaß.
Ich grinse. „Geht klar. Kommen alle?“
Lu nickt. „Sie bringt beide Sprösslinge und den Verlobten ihrer Tochter mit.“
„Acht Uhr?“
„Genau. Aber vorher sollten wir noch was anderes besprechen“, erklärt er und nickt ins Gutshaus.
Ich folge ihm hinein, nur wenig später stehe ich vor seinem riesigen Schreibtisch im Arbeitszimmer. Ich sehe aus dem Fenster auf den Hof, während er sich in dem Sessel jenseits des Möbels niederlässt.
„Wie läuft es mit den Bewerbungen?“, fragt er und ich s ehe über die Schulter. Er interessiert sich nie dafür, wer sich beworben hat, um die Semesterferien auf dem Hof zu verbringen. Die lästige Auswahl hat er schon vor Jahren an mich übertragen. Ich bin für sämtliche Personalfragen zuständig, weil Lu der Meinung ist, dass er sich lange genug mit Bewerbungsmappen und Vorstellungsgesprächen herumgeärgert hat.
Wieso er aber jetzt danach fragt, ist mir ein Rätsel!
„Gut.“ Immerhin habe ich das Theater seit Wochen hinter mir. Montag kommen sie doch schon an!
„Aha.“ Der ungläubige Unterton irritiert mich etwas, ich gehe auf ihn zu, setze mich ihm gegenüber hin.
„Was meinst du?“, will ich wissen. Ich habe für die übermorgen beginnenden Semesterferien ganze drei neue Ferienjobber mit langjähriger Erfahrung organisiert, und alle anderen Jobs sind an feste Kräfte vergeben. Ich erinnere mich voller Grauen an die letzten Bewerbungsrunden für den Posten des neuen technischen Assistenten für das Labor.
„Die Ferienjobber, natürlich. Hast du alles geregelt?“
Ich nicke. „ Sicher. Die drei Namen habe ich dir auch gemailt.“
Lu schnaubt und öffnet eine Schublade, aus der er eine blaue Bewerbungsmappe nimmt und über den Tisch auf mich zuwirft.
„Wieso habe ich diese Bewerbung in deinem Papierkorb gefunden?“
Oha, seit wann interessiert ihn so was denn? Ich runzele die Stirn und klappe die Mappe auf. Das Bild, das mir prompt von links entgegenlächelt, lässt mich schlucken.
„Weil ich drei Bessere gefunden habe.“ Ich erkenne das Foto sofort. Maik Fallner, gutaussehend, Student der Tiermedizin, mit Pferden aufgewachsen, guter Reiter ...
„So“, macht Lu und ich sehe ihn an.
„Was willst du denn hören? Du hast mir die Auswahl der Mitarbeiter überlassen. Wieso soll ich jetzt Rechenschaft ablegen?“ Kein ungewöhnlicher Ton zwischen uns. Nur weil ich ihm den Arsch hinhalte, bin ich weder blöd noch unselbständig!
„Ich will ihn, hier auf dem Hof.“
„Und wieso? Wir brauchen keinen vierten zusätzlichen Helfer. Im Grunde hätten wir nicht einmal die drei gebraucht! Der Urlaubsplan steht und wir bräuchten höchstens eine Vertretung für die jeweils ausfallenden Kräfte.“
Er nickt und schürzt die Lippen. „Ich weiß, aber wir wo llen ja an den Traditionen festhalten: Jeden Sommer drei Ferienjobber aus der Pferdebranche. Junge Menschen müssen gefördert werden.“
Wie wahr! Das muss ich Lu lassen, er ist kein schlechter Mensch. Ein knallharter Geschäftsmann, wenn es um die Rennpferde geht, um Verhandlungen für Futtereinkäufe und um die Decktaxen für seine Hengste. Aber in Sachen Nachwuchs und Mensc hlichkeit überrascht er mich immer wieder.
Dennoch ist all das seit Jahren mein Kompetenzbereich – immerhin bin ich der Gestütsleiter.
Das Budget für die Pflege der Leih- und Zuchtstuten ist einer der höchsten Posten auf der Ausgabenliste des Gestüts. Und dazu gehört für ihn eben auch, angehenden Pferdewirten, Tiermedizinern und allen, die über eine gute reiterische Grundausbildung verfügen, Einblicke auf seinen Monsterhof zu gewähren.
Seltsam ? Vielleicht, aber Lu sieht es als hohes Ziel an, das Wissen und die hier vorherrschenden Sitten an den Nachwuchs weiterzugeben.
Ich will aber auch nicht verschweigen, dass er sich ei nfach gern junge Menschen – vornehmlich männlichen Geschlechts – ansieht.
Diesem Umstand verdanke ich immerhin auch meine unanfechtbare Position inne rhalb der Hierarchie.
„Der hier will Tierarzt werden, für ihn wäre also eher eine Stelle im Labor etwas gewesen, aber da kann ich beim besten Willen ni emanden mehr disponieren!“
„Sollst du auch nicht. Er kommt morgen an und wird im Stall arbeiten. Davon abgesehen will ich ihn bei den Turnierpferden einsetzen.“
Bei den Turnierpferden.
Man soll es kaum glauben, aber neben den zwei großen Stallungen für die Stuten, dem Laufstall der Fohlen und den Ställen, in welchen die jungen Pferde für das Renntraining und die Hengste stehen, gibt es hier einen weiteren Stalltrakt mit zwanzig eigenen und knapp zwanzig fremden klassischen Reitpferden. Dort stehen Spring-, Dressur- und Buschpferde erster Güteklasse. Und, das sollte ich wohl erwähnen, dieser Stalltrakt fällt absolut und unumstößlich in meinen Verantwortungsbereich.
Ich habe dort die Leitung, ich entscheide, welche Pferde von wem bewegt werden , und auch, welche Pensionspferde wir übernehmen. Die letzte Entscheidung dort habe immer ich. Es ist mein Stall.
„Warte mal, du willst mir jemanden unterjubeln? Was soll denn das?“ Ja, es regt mich auf! Ich habe mir die dortigen Mitarbeiter selbst auf genau das eingea rbeitet, was ich von ihnen verlange. Da kann er doch nicht einfach reinfunken!
„Weil du ihn dort gebrauchen kannst.“ Lus Worte lassen keinen Widerspruch zu, ich kenne den Unte rton. Natürlich, als Gestütseigner hat er die letzte Entscheidung, nachdenklich macht mich seine plötzliche Einmischung dennoch.
„Du hast mir vor vier Jahren die Leitung deines Gestüts übertragen, um mir jetzt bewusst und in voller Absicht d azwischenzugehen? Das musst du mir wirklich mal erklären!“
„Muss ich nicht, das weißt du. Niemand greift deine Autorität an, Kim. Du leistest hier hervorragende Arbeit, ich habe nie etwas Gegenteiliges behauptet. Aber ich will diesen Jungen hier haben.“
Super, echt! „Und wieso schon morgen? Wieso kommt er nicht am Montag an wie die anderen?“
„Weil du am Montag mit den drei anderen genug zu tun h aben wirst.“
Oh, da hat er recht! Ich nick e unwillkürlich und muss über seine Umsicht lächeln.
„Wann reist du ab?“ Er fliegt in Kürze nach Dubai, was für mich und meine Arbeit letztlich nur einen Unterschied bedeutet – ich muss ein paar Tage lang nicht meinen Arsch hinhalten.
Er hebt die Schultern. „Keine Ahnung, nicht vor Ende näch ster Woche, denke ich.“
„Okay, dann sollte ich sehen, dass eine Unterkunft für den hier organisiert wird“, sage ich und blicke demonstrativ wieder in die noch aufgeklappte Mappe.
„Das ist schon organisiert.“
Wie bitte? Bei diesem Maik macht er anscheinend keine ha lben Sachen!
Lu seufzt auf meinen fragenden Blick hin und erklärt: „Er zieht in die Zimmer über deiner Wohnung. Die Unterkünfte an den Stä llen sind voll.“
Und wieso kommt er dann nicht ins Gutshaus? Ich stelle die Frage erst gar nicht. Offensichtlich hat Lu alles generalstab smäßig geplant und mir bleibt nur noch, das Ganze abzunicken. Das Nebengebäude, in welchem meine Wohnung liegt, ist zwar auch im ersten Stock komplett eingerichtet, wird aber nicht bewohnt. Das liegt schlicht daran, dass ich es bislang vermieden habe, dort jemanden einzuquartieren. Ich kann es nicht leiden, wenn jemand über mir herumtrampelt.
„Okay, dann brauche ich also nichts weiter tun, als ihm morgen zu zeigen, was ihn hier erwartet?“
„Genau das.“
Wieder fällt mein Blick auf das Foto. Dunkelbraunes Haar, auf dem der Kamerablitz leichte , golden schimmernde Lichtreflexe erzeugt hat. Dunkle, geschwungene Augenbrauen, darunter Augen, die mich selbst aus dem Bild heraus zu durchdringen scheinen. Einer der Gründe, wieso seine Bewerbung im Papierkorb gelandet ist. Jadegrüne, wissende Augen.
Maik sieht jung aus. Wenn ich es noch richtig im Kopf habe, ist er Anfang zwanzig. Vielleicht ist er ja schwul? Ich unterdrücke ein Grinsen im letzten Moment.
Der zweite Grund, wieso ich ihn gleich ausgemustert h abe, ist, dass Lu es nicht akzeptiert, wenn ich innerhalb des Gestüts herumvögele. Und dieser Maik wäre ... durchaus mein Beuteschema, gesetzt den Fall, dass er schwul ist.
Ich verstehe Lus Beweggründe, immerhin wäre jeder, mit dem ich hier herummache letztlich ein Untergebener. Und a bgesehen von der eher geschäftlichen Beziehung, die Lu zu mir pflegt, kann so etwas wohl kaum gutgehen.
„Komm her“, sag Lu und ich sehe auf. Ich weiß sofort, was er will, und gehe um den Schreibtisch. Seine Hände gleiten an meine Seiten, er dreht mich herum und nur wenig später liege ich auf der Schreibtischunterlage.
Ich höre nicht einmal zu, wenn er mit seinem Dirtytalk anfängt, ich spüre nichts, was mir durchaus entgege nkommt. Er dringt ein, er holt sich, was er will, mir ist es egal. Nein, um ehrlich zu sein, ist es mir sogar ganz recht so. Er liebt es, mich zu ficken – mich und niemanden sonst. Und das ist mein Alleinstellungsmerkmal.
Er stöhnt laut, zieht sich irgendwann z urück und klapst mir auf den nackten Hintern. Ich richte mich auf und ordne meine Kleidung. Erstaunt begreife ich, dass ich einen Ständer habe. Wo kommt der denn plötzlich her? Von Lus Fick ganz sicher nicht ...
Mein Blick fällt wieder auf das Foto in der offenen Mappe. Habe ich gedankenverloren auf Maiks Gesicht gestarrt? Hat mich das erregt?
Verdammt!
Ich stopfe alles in meine Hose und schnappe mir im Hinau sgehen die Mappe. An der Tür bleibe ich noch einmal stehen. „Ich brauche eine neue Leinwand für meinen Filmraum.“
Lu sieht mich an. „Reicht dein Gehalt etwa nicht mehr?“
Immer die gleiche Leier. Jedes Mal wenn ich eine Forderung stelle, will er mir damit kommen, dass ich bereits genug bekomme, aber das sehe ich durchaus anders.
„Ich hab dir die Daten der Leinwand gemailt. Sie liefern mit Einbau.“
Er nickt und seufzt. „Geht in Ordnung.
„Wir sehen uns heute Abend“, sage ich und achte nicht ei nmal darauf, ob Lu noch etwas sagt. Wenn ich etwas haben will, dann kriege ich es gefälligst auch!
Davon abgesehen weiß er, immer wenn er mich gefickt hat, gehe ich sofort duschen, weshalb ihn mein schneller Abgang sich nicht wundert.
Duschen ist Pflicht, danach. Dabei ist es vollkommen egal, dass er immer ein Gummi benutzt.
Ich denke, es liegt eher an seinen restlichen Berührungen. Se inen Händen an meiner Haut. Ich fühle dabei nur wenig, es ist fast so, als wäre ich gegen Hautkontakt mit ihm immun. Es reizt mich nicht.
Aber ich will es von mir abwaschen. Zu Anfang ist das deutlich extremer gewesen, mittlerweile ist es eher ein liebgewonnenes R itual.
Er fickt mich, ich dusche. Ganz einfach.
~*~
Als ich in Anzug, frisch gestylt, rasiert und mit meinem Lie blingsparfum auf der Haut im Gutshaus erscheine, sind die Wienerts noch nicht da.
Es dauert noch eine knappe Viertelstunde, bis ihr Wagen vorfährt. Das Abendessen verläuft wie immer. Ich bin der geis treiche Kompagnon von Lu, wir scherzen, essen, trinken Wein und amüsieren uns, tauschen neuesten Klatsch aus, kurzum, es macht Spaß. Diese gesellschaftlichen Treffen genieße ich fast so sehr wie echten Sex. Besonders, wenn so ein ansehnlicher Gast am Tisch sitzt.
Der neunzehnjährige Sohn von Frau Wienert heißt Timeon und ist einfach niedlich. Er steht auf mich, das sehe ich in jedem Blick. Wir flirten den ganzen Abend wortlos und unauffällig. Vor ein paar Monaten ist er mir nachgelaufen, als ich während des Dinners kurz ins Bad verschwunden bin. Damals habe ich ihn zum ersten Mal gevögelt.
Ob er heute auch wieder ...? Das kann ich ja ganz leicht herausfinden. Ich erhebe mich mit einem „Sie entschuldigen mich bitte kurz“ und verschwinde aus dem Speisezimmer.
Ich grinse schon, bevor ich die Tür hinter mir schließe, denn Timeons Blick trifft mich. Oh ja, er wird mir folgen. Das Blut schießt in meinen Unterleib. Der Gedanke an seinen Körper reicht dazu aus. Wobei es mir sehr entgegenkommt, dass er passiv ist.
Es dauert nur Augenblicke, in denen ich über den dicken Teppich des langen Flures schlendere, dann höre ich die Tür erneut und wenig später schließt er zu mir auf.
„Wird das jetzt zur Gewohnheit?“, erkundige ich mich und werfe ihm einen Blick zu. Er sieht ganz süß aus. Blond, ein paar winzige Sommersprossen auf Nase und Wangen, schlanker Körper, ein Reiter. Flache Muskeln schlummern unter seiner Haut und ich erinnere mich wirklich gern an seinen Hintern.
„Hättest du was dagegen?“
Ich grinse. „Gegen deinen süßen Arsch? Kaum. Hätte allerdings gedacht, dass du dir einen festen Stecher geangelt hast.“
Sein Gesicht überschattet sich. „Hatte ich, aber er war ein Arschloch.“
Tja, Junge, welcher Kerl ist das nicht?
„Es gibt nur Arschlöcher, Timeon. Freunde dich damit an.“
Er schnaubt leise. „Bist du auch eins?“
„Klar! Du weißt genau, auf was du dich einlässt, wenn du mir schon nachsteigst. Verrenn dich nicht. Von mir wirst du nie mehr als ein bisschen Sex kriegen. Ich bin bei absolut niemandem an mehr interessiert.“ Davon abgesehen fängt der Kleine im August als Auszubildender im Turnierstall an. Er ist ab da so oder so tabu.
Er nickt verstehend. „Ich weiß. Ist aber okay für mich.“
Ich blicke ihn forschend an. Meint er das ernst? Oder hat er sich in mich verknallt?
Ich atme beruhigt auf. Nein, er weiß wirklich, was Phase ist , und investiert auch keine blödsinnigen Gefühle. Gut so, dann macht’s mehr Spaß.
„ Na gut, dann komm!“ Ich ergreife seine Hand und ziehe ihn mit mir.
Ich ziehe meine Sonnenbrille vom Gesicht und sehe mich auf dem riesigen Innenhof um. Der hellgraue Beton unter meinen schwarzen Lederstiefeln ist blitzblank, nicht einmal an den Nahtstellen wachsen Grashalme aus dem Boden.
Ja, das hier ist ein perfekt geführtes Gestüt. Man sieht die Sor gfalt und Hingabe, mit der es betrieben wird, in jedem noch so kleinen Winkel.
Alle Gebäude, die um den Hof herum in der warmen Morgensonne liegen, sogar die noch dahinter angelegten, langen Stallungen, alles blitzt und blinkt. Nirgendwo blättert Farbe ab, nirgendwo steht Werkzeug herum.
Allerdings sehe ich auch nirgendwo jemanden, der mir sagen kann, wo ich mein Motorrad abstellen und meinen Seesack au spacken kann.
Ich habe neben einem der linken Nebengebäude gepa rkt. Da steht ein cooler Sportwagen unter einem Carport. Wem das Ding wohl gehört?
Nun ja, ich habe genug Gerüchte gehört über den jungen Mann, den der berühmt-berüchtigte Ludwig van Keppelen zu seiner rec hten Hand ausgebildet hat. Kim Andreesen heißt er und ist offiziell als Gestütsleiter auf der Homepage vermerkt.
Ob er wirklich nur die rechte Hand ist? Es gibt genug anderes Gemunkel über die Beziehung der beiden. Natürlich immer nur hinter vorgehaltener Hand, aber man hört eben wirklich viel.
Bin gespannt, wie dieser Wunderknabe aussieht ... Immerhin ist er Teil meines Plans. Wenn er wirklich so viel Einfluss hat, ist die rechte Hand von van Keppelen mein Ticket zu allen Informationen, die ich benötige.
Ein junger Mann mit beigefarbener Volllederreithose, in blankpolierten, schwarzen Reitstiefeln und mit schwarzem, enganliegendem Poloshirt unter einer braunen Weste kommt über den Hof.
Er hat pechschwarzes Haar und bewegt sich mit einem Selbstbewusstsein, das mir gleich verrät, für wie wichtig der Typ sich hält. Ob er es wirklich ist, werde ich in ein paar Sekunden herausfinden.
„Guten Morgen!“, grüße ich und lächle.
Er bleibt vor mir stehen und sein linker Mundwinkel zuckt leicht, während er mich eindringlich mustert. Von Kopf bis Fuß, wohlgemerkt.
„Guten Morgen. Maik Fallner, nehme ich an?“
Ich nicke. „Ebenjener. Ich soll mich bei Herrn Andreesen melden, wo finde ich den?“
„Indem du die Augen aufmachst . Ich stehe vor dir.“ Endlich streckt er mir die Hand hin. „Kim.“
Aha! Dieser Halbgott ist also mein Ticket zu allen Infos? Woah, das wird ein Sommer er ster Güteklasse, das weiß ich jetzt schon. Außerdem extrem cool, dass er anscheinend nicht gesiezt werden will, was meiner britischen Gewohnheit schon sehr entgegenkommt.
„Wo kann ich meine Sachen lassen und mich umziehen?“, erkundige ich mich.
„Deinen Parkplatz hast du jedenfalls schon gefunden. Deine Maschine?“, fragt er dagegen und setzt sich mit einem Nicken zu dem linken Nebengebäude in Bewegung. Ich schließe auf und wir erreichen mein Bike.
„Ja, meine.“
Er nickt anerkennend. „Hätte nicht gedacht, dass ein Tiermedizinstudent Motorrad fährt, noch dazu so eine alte Maschine.“
Alt? Kennst du dich etwa mit Motorrädern aus, Kleiner?
„Das ist eine Moto Guzzi California von 1974. Die Lady ist ein echter Oldtimer ...“, knirsche ich und ernte einen belustigten Blick.
„Sorry, falsch ausgedrückt. Ich meinte eigentlich, dass sie nicht aussieht wie ein hypermoderner Joghurtbecher. Diese vollverkleideten Rennmaschinen sind einfach unglaublich hässlich!“ Er hebt abwehrend die Hände. „Sicher, dass du neben so vielen Pferdchen auch mit einem einzelnen auskommen wirst?“
Hat er etwa auch noch Humor? Nicht schlecht!
Ich lache auf. „Klar, allerdings nicht mit eine m Motorradanzug am Leib.“
„ Verständlich.“
Wieder gleitet sein Blick an mir hinauf und hinab. Ich weiß, dass diese pechschwarze Motorradkluft so gut wie nichts ve rbirgt. Er sieht, welche Statur ich habe, daran können auch die Polster an Knien und Armen nichts ändern. Es macht mich an, wie er mich taxiert. Vor allem aber weckt es meinen Jagdtrieb. Kim Andreesen ist eine Beute, mit der ich mich gern schmücken werde.
Diesen Anzug mit den vielen Schutzpolstern trage ich nur bei längeren Strecken. Im Stadtverkehr reichen mir Lederhosen und -jacken. Ich habe immerhin schon ein paar hundert Kilometer auf dem Buckel für heute. Inklusive Autobahn. Und da wage ich mich in Deutschland ganz sicher nicht ohne größtmöglichen Schutz drauf.
„Okay, komm, du wohnst hier im ersten Stock während de ines Aufenthalts. Am besten bringst du dein Zeug erst mal nach oben.“
Ich nicke. Gute Idee. „Ich bin seit heute früh um vier unte rwegs, was meinst du, finde ich hier auf die Schnelle etwas Essbares?“
„Bis zum Mittagessen ist es noch zu lang hin ...“, überlegt er laut. „Am besten, du bringst dein Zeug weg, ziehst dich um und kommst dann wieder runter. Klopf da an der Tür“, er deutet auf eine weiße Holztür an der Front des Hauses, vor dem wir stehen, „dann kriegst du Frühstück.“
Ich werfe ihm einen fragenden Blick zu.
„Meine Wohnung“, quittiert er. Besonders begeistert klingt er nicht, aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass das nicht an dem Umstand liegt, dass ich Hunger habe.
„Keine Sorge, ich bin kein Trampeltier“, sage ich.
Er grinst ertappt. „Trifft sich gut, sonst würde ich dich nämlich in den Stall umquartieren!“
Ich lache erneut auf. „Okay, dann ... sehen wir uns nachher.“ Ich schnappe mir den Helm, den ich auf dem Sitz abgelegt habe, meinen Seesack und wende mich der anderen Tür zu. Dahinter liegt ein Treppenaufgang in den ersten Stock. Helles Holz und frische Luft erwarten mich am oberen Ende der Stufen. Ich sehe mich um. Zwei Türen gehen von der geräumigen Diele ab, in der neben einer Garderobe als Metall und ein paar Bildern an den Wänden nichts zu sehen ist.
Hinter der ersten Tür liegt ein Schlafraum, ebenso hell und mit einem breiten Fenster, das auf den Hof zeigt. Es ist ang ekippt und offensichtlich der Grund dafür, wieso es hier oben keineswegs muffig oder abgestanden riecht.
Ich lege den Seesack auf dem Bett ab, den Helm auf einen kleinen Tisch an der gegenüberliegenden Wand. Meine J acke landet an der Garderobe im Flur. Ich atme tief durch. Es ist eindeutig zu warm, um so dick eingepackt herumzulatschen. Die Motorradhose und meine Stiefel finden ebenfalls ihren Weg in die Diele. Ich werde Jacke und Hose bis zu meiner Abreise in etwa acht Wochen wohl nicht mehr brauchen. Die Stiefel eventuell schon.
Seufzend gehe ich zum Seesack zurück und öffne ihn. Nicht besonders viel Gepäck, aber der Rest kommt morgen per Kurierdienst. Ich brauche zwar nicht viel, aber Reitstiefel, Stallklamotten, Handtücher und wetterfeste Schutzkleidung ne hmen eine Menge Platz weg.
Ich bin ja schon froh, dass ich nicht auch noch Bettwäsche mi tbringen musste. Jedenfalls werden morgen ein Koffer und eine kleine Reisetasche angeliefert, in denen sich der Großteil meiner Sachen befindet. Auch meine Fachbücher und mein Laptop. Nach dem Sommer werde ich mehrere Wochenendseminare geben, dafür muss ich noch ein paar Bücher wälzen.
Was hier nämlich niemand weiß: Ich bin bereits fertiger Tie rarzt. Es hat gewisse Vorteile, nicht in Deutschland aufgewachsen zu sein ... Geboren, ja, aber eben weder aufgewachsen noch zur Schule gegangen.
Ich werde in vier Wochen 26, dürfte aber jetzt sofort eine eigene Praxis eröffnen. Mein gerade abgeschlossenes Studium ist auch der Grund, wieso ich erst jetzt hierher kommen konnte.
Hm, wenn ich es genau benennen müsste, würde ich sagen, Rache ist meine Motivation. Ludwig van Keppelen hat die Karriere meines Vaters vor vielen Jahren mit einem wirklich üblen Rufmord beendet – und seitdem ich das weiß, suche ich nach einer Möglichkeit, die Wahrheit ans Licht zu bringen.
Monatelange Recherchen haben mich hierher g eführt. Nur hier kann ich die Beweise finden, die ich suche.
Ich grinse und denke an den jungen Mann im Erdg eschoss. Der Hübsche wird mir dabei helfen, genau das zu kriegen, was ich suche. Und es wird mir eine Menge Spaß machen – ganz sicher.
Ich gehe schnell duschen – das Bad liegt direkt am Schlafzimmer – und ziehe mir frische Sachen an. Angesichts der Tatsache, dass Kim mir nach dem Frühstück wohl das gesamte Gestüt zeigen dürfte, entscheide ich mich für schwarze Reithosen mit Knieleder und ein graues Polohemd. Meine Reitstiefel ziehe ich erst an, als ich nach unten gehe, und nur Augenblicke später klopfe ich an Kims Tür.
„Komm rein!“, dringt seine Stimme zu mir und ich schiebe die Tür nach innen, um erstaunt auszuatmen. Keine A hnung, was ich erwartet habe, aber das hier übertrifft alles.
Vor mir liegt ein großer, offener Raum. An der Wand, g egen die die Tür sich öffnet, stand eine Schrankgarderobe mit geschliffenen Metalloberflächen, daneben zwei paar Lederstiefel, ein Paar Stiefeletten und an einem Wandhaken auch Chaps.
Rechterhand wird der Weg von der Tür in den Raum durch eine halbhohe Wand mit einer Theke aus Granit a bgetrennt. Jenseits dieser liegt der eigentliche Raum: eine riesige Küche, hell und freundlich, mit Esstisch, Kücheninsel für den Herd, darüber hängender, großer Esse, in der ganz sicher eine Dunstabzugshaube steckt. An den Wänden unter den Fenstern, die nach vorn zum Hof und zur Seite gehen, sehe ich eine lange Anrichte, an welcher Kim steht.
Er hat seine Stiefel ausgezogen und ich sehe lange S ocken, in denen seine beigefarbene Reithose steckt. Keine Hausschuhe an den Füßen. Ich muss grinsen, irgendwie würden Schlappen auch nicht zu ihm passen. Dazu wirkt er einfach zu durchgestylt.
„Soll ich die Stiefel ausziehen?“, frage ich und schließe die Tür.
„Wenn es dir nichts ausmacht, ja. Ich laufe hier normalerweise barfuß herum und hasse es, dabei dreckige Füße zu kriegen.“
„Kein Problem“, erwidere ich und streife die Stiefel mit Hilfe e ines herumstehenden Stiefelknechts wieder ab.
Auf Socken nähere ich mich schließlich dem Tisch, auf dem bereits zwei Gedecke und ein Brotkorb st ehen.
„Kann ich dir was helfen?“
„Nein, setz dich einfach. Was möchtest du trinken?“ Jetzt wo er fragt, stelle ich fest, dass noch keine Tassen auf dem Tisch stehen. Ich suche mir eines der zwei Gedecke aus und setze mich.
„Kaffee, wenn’s geht.“
„Klar geht das.“ Er dreht sich zu mir herum und mustert mich. „Latte, Cappuccino, normaler Kaffee?“
„Normaler Kaffee reicht, danke.“
Kim nimmt die auf der Anrichte bereitstehenden Becher und stellt den ersten unter einen Kaffeevollautomaten, der mir bisher nicht aufgefallen ist. Meine Güte, der Junge hat echt alles. So ein Ding ist doch schweineteuer!
Andererseits, er ist van Keppelens rechte Hand, natürlich wird das ein gutes Gehalt mit sich bringen. Wenig später stellt er den Becher vor mir ab. „Milch und Zucker stehen da.“
„Danke, ich trinke meinen Kaffee immer pechschwarz“, erwidere ich.
So schwarz wie deine Haare, Kleiner.
Er lächelt und holt die zweite Tasse zum Tisch, dann bringt er Aufschnitt und Brotaufstriche. Er setzt sich ebenfalls und deutet auf das, was er aufgetischt hat. „Greif zu.“
„Danke. Hast du etwa auch noch nicht gefrühstückt?“, frage ich und nehme mir ein Brötchen.
„Ich hatte noch keinen Hunger. Ich brauche mindestens zwei Stunden nach dem Aufwachen, bevor ich etwas essen kann. Und die fülle ich mit Arbeit.“
„Du siehst eigentlich nicht danach aus, als hättest du heute schon gearbeitet“, rutscht es mir heraus und ich grinse entschuldigend, als ich seinen missbi lligenden Blick auffange.
„Ich habe bereits drei Pferde bewegt, aber ich miste keine Boxen, wenn du das meinst.“ Herrlich, er kann ja richtig arr ogant sein!
„Das wird dann wohl eher mein Aufgabenbereich sein, was?“
Er nickt nicht. „Ehrlich gesagt, muss ich mir noch überlegen, was genau du hier machen wirst. Du bist auf jeden Fall im Stall der Reitpferde, aber die beiden Stallknechte dort schaffen das Misten durchaus allein. Ich könnte eher Hilfe beim Bewegen der Tiere gebrauchen. Kannst du reiten?“
Ich unterdrücke ein ungläubiges Schnauben. „Hast du meine Bewerbung nicht gelesen?“, frage ich mit pikiertem Ton dag egen.
„Doch, klar. Was kannst du denn?“
Ich hebe die Schultern. „Klassische englische Reitschule.“
Er nickt. „Klingt gut, werde ich mir nachher ansehen, dann kann ich dir sagen, für welche Tiere du zuständig sein wirst.“
„Ich soll echt nur reiten?“ Er hört mir meinen Unglauben an.
„Wenn du es draufhast, ja. Wir werden ein paar Neuzugänge haben. Viele der Pensionspferde gehen jetzt auf Turnierreise, aber wir haben neulich ein paar Neue gekauft, die jetzt gründlich getestet werden müssen.“
„Ich wusste gar nicht, dass ihr hier normale Reitpferde habt. Ich dachte, hier werden nur die zukünftigen Galopper tra iniert.“
Kims Lachen klingt angenehm. „Mir wäre echt langweilig hier, wenn es nur diese halbgaren Rennpferde gäbe.“
„Weil die alle zu schwach sind für einen ausgewachsenen Mann, logisch.“
„Genau. Die Renner, die hier trainiert werden, sind nicht ganz zwei Jahre alt. Sobald sie gut genug sind und zu Rennen zugelassen werden, sind sie im Einsatz, bis Lu sie ve rkauft.“
Verständlich, die Galopper dürften die Haupteinnahmequelle des Gestüts sein.
„Verkauft ihr auch Fohlen?“
„Ja, manchmal. Kommt eben drauf an, ob irgendwer sich darauf einlassen will. Solange sie noch kein Tra ining und keine Siege haben, sind sie natürlich nicht so wertvoll, aber man weiß eben auch nie, wie gut sie mal werden.“
Logisch, bei Englisch Vollblütern sind nicht allein die Elter ntiere entscheidend, sondern eben auch das Training und der Reiter. Der Jockey, letztendlich. Ein Mann wie mein Vater.
Van Keppelens erfolgreichster Jockey ... bis er dieses Gestüt verließ und diese andere Sache geschehen ist.
Ich versuche, meinen Zorn darüber herunterzuschlucken. Ich will und darf mir das alles nicht anmerken lassen. Ich muss harmlos sein, harmlos bleiben. Ein kleiner Student mit Faible für Pfe rde. Nicht mehr, nicht weniger.
Nach dem Frühstück gehen wir in den Stall, der die nächsten acht Wochen lang mein Aufgabengebiet da rstellen wird.
Tatsächlich stehen hier unglaublich schöne Pfe rde. An den Boxen sind klassische Tafeln, inklusive der Namen der Elterntiere und diverse Schleifen von gewonnenen Wettbewerben angebracht. Auch hier im Stall finde ich auf Anhieb höchstens ein paar Spinnweben an den Fenstern und ansonsten ist alles wie frisch abgestaubt.
„Sieht das hier eigentlich immer so aus?“
„Was meinst du?“
„Na ja, ich habe durchaus schon Pferdeställe gesehen, in d enen es nicht aussah, als würde jeden Morgen einer mit einem Staubwedel herumrennen ...“
Kim kichert. „Jeden Samstag ist hier Großputz. Komm, wir bri ngen die Pferde, die heute nicht mehr bewegt werden, auf die Koppel.“ Er nennt ein paar Namen und deutet vage durch die Stallgasse.
Ich gehe zur nächsten Box, öffne sie und lege dem darin stehe nden Wallach sein Halfter an, um ihn anschließend auf die Stallgasse zu führen. Hannibal heißt er und ist nicht nur groß, sondern auch kräftig gebaut. Mit behutsamen Bewegungen fahre ich über seine Beine. Eine vor langer Zeit antrainierte Angewohnheit. Mein Großvater, bei dem ich aufgewachsen bin, hat immer großen Wert darauf gelegt, dass jedes Tier auf mögliche Schwellungen an den Beinen untersucht wurde.
„Du bist ja sogar schon geputzt, Dicker“, murmele ich dem Tier zu und grinse. „Wo finde ich denn einen Hufkra tzer?“
Kim sieht zu mir herüber. Er hat eine Fuchsstute am Halfter, die er nun mit einem Führstrick anbindet. „In der Sattelka mmer. Bringst du mir einen mit?“
Ein Test, ganz sicher. Auch die Tatsache, dass er gewartet hat, ob ich danach fragen würde.
Manche mögen es für übertrieben halten, aber die Hufe eines Pferdes gehören besonders gepflegt – und eben auch ausgekratzt, wenn sie von der Box auf die Weide oder umgekehrt wechseln.
Ich binde Hannibal an und mache mich auf den Weg.
Der Putzschrank in der Sattelkammer sieht generalstabsmäßig durchgeplant aus. Kim ist anscheinend ein Ordnungsfanatiker. Gut so. Dann sieht man auf einen Blick, ob Werkzeug irgendwo liegengeblieben ist. Ich schnappe mir zwei Hufkratzer und gehe zurück.
Eine Viertelstunde später haben wir die heutigen Weidegänger hinausgebracht und Kim zeigt mir, we lches Pferd ich für meinen Testritt satteln soll.
Die Trakehnerstute Jazira ist ein ziemlich exquisites Tier. Fast einssiebzig Stockmaß, schätze ich und fü hre sie zu der offenen Reithalle jenseits der Stallungen.
„Sie ist ein hervorragendes Buschpferd, absolute Vielseiti gkeit. Aber sie verzeiht keine Fehler bei den Hilfen.“
Diese Warnung von Kim lässt mich schmunzeln. Denkt er wir klich, dass ich mich gleich in den Sand werfen werde?
„Klingt gut.“ Ich führe sie auf den Hufschlag und sitze auf. Da sich hier sonst niemand aufhält, schließt Kim die Bande ntür und hockt sich obendrauf.
„Na , dann zeig mal, was du kannst.“ Es hagelt Kommandos, die mich an meinen Großvater erinnern. Warmreiten auf dem Hufschlag, durch die ganze Bahn wechseln, antraben, versammeln, aus dem Stand angaloppieren ...
Nach einer halben Stunde ist er endlich zufrieden und lässt mich vor ihm verhalten.
„Sieht aus, als wüsstest du wirklich, was du tust“, befi ndet er und lächelt. „Freut mich.“
„Ich sitze seit meinem dritten Lebensjahr auf Pferden, was hast du erwartet?“, frage ich.
„Ist ja schon gut“, wehrt er ab und zeigt ein Lächeln, das zum ersten Mal seine Augen erreicht. Es trifft mich unerwartet, aber ich schaffe es, mir nichts anmerken zu lassen.
Kim ist unbestritten sehr sexy. Ich denke, ich weiß, wie ich herausfinde, was ich wissen will. Und wenn ich so drüber nachdenke, wird es mir ausgesprochen viel Vergnügen bereiten ...
Diesmal kann ich ein süffisantes Grinsen nicht mehr zurückha lten und prompt sieht er es.
„Was ist?“
„Nichts, welche Pferde müssen heute noch bewegt werden?“, lenke ich ab.
Ich bringe Jazira in den Stall zurück, versorge sie und sattle d anach das nächste Pferd, während Kim sich ebenfalls eines vorbereitet. Diesmal also wird er nicht nur zusehen. Was im Klartext bedeutet, dass ich mir seinen attraktiven Körper in Aktion ansehen können werde.
Sonntage sind so herrlich ruhig, wenn nicht gerade ein von mir extra aussortierter Typ ankommt. Ich bin schon seit dem Aufst ehen mürrisch, aber das vergeht, nachdem er live und in Farbe vor mir steht: Maik Fallner.
Verdammt sexy, der Bengel.
Genau das könnte also wirklich zu einem Problem werden. Spätestens, seit ich ihm dabei zugesehen habe, wie er Jazira reitet, habe ich ganz andere Ideen, wen er wann gern mal reiten dürfte – allerdings bin ich mir nicht so sicher, ob dieser hochgewachsene, muskulöse Typ überhaupt schwul ist.
Davon abgesehen, selbst wenn er es ist, bleibt die Frage, ob er nicht lieber aktiv ist.
Jetzt reitet er vor mir her, wir wechseln durch die ganze Bahn und ich starre immer wieder auf seinen Hintern, während er leichttrabend im Sattel aufsteht. Ich schüttle den Kopf und versuche, mich zu konzentrieren.
Prompt ertappe ich mich dabei, mir zu überlegen, ob ich mich von ihm vielleicht sogar flachlegen lassen würde. Aber das ist eher unwahrscheinlich, denn ich hätte ja nichts davon. Oft genug ausprobiert. Die Negation bezieht sich nicht nur auf Lu.
Egal, daran will ich nicht denken. Maik ist gefährlich, und ich werde genau aufpassen müssen, wie nahe ich ihm kommen kann.
Ob Lu mir diese Sahneschnitte absichtlich vor die Nase gesetzt hat? Ich fürchte, das werde ich nie erfahren, wobei ich mir im Grunde nicht vorstellen kann, dass er meint, mich mit irgendetwas provozieren zu müssen.
Nein, ganz sicher will er diesem absolut geilen Typ selbst nachstellen.
Als wir die Halle mit den Pferden verlassen, steht Lu auf der Treppe und beobachtet uns.
„Das ist Lu, komm, ich stelle dich vor“, sage ich und führe Cato am langen Zügel über den Hof zur Freitreppe. Er folgt mir und bliebt neben mir st ehen.
„Maik Fallner“, stellt sich Mister Knackarsch vor und reicht Lu die Hand.
„Ludwig van Keppelen. Wie gefällt es dir bisher?“
Ich schweige und höre einfach zu.
„Gut! Ich staune noch darüber, wie sauber und ordentlich hier alles ist. Da habe ich schon ganz andere Gestüte gesehen ...“
Ich grinse. Tja, diesen Sauberkeitstick habe ich hier eingeführt. Lu hat es nie gestört, wenn man sehen konnte, dass hier auf dem Hof gearbeitet wird.
Ich höre Hufschlag hinter mir auf dem Hof und drehe mich um. Zwei der Pfleger aus dem Hengststall führen die beiden edelsten Deckhengste des Gestüts an Führstricken.
Super, schon wieder eine Anweisung ignoriert. Ich reiche Maik, der noch immer in Smalltalk mit Lu verwickelt ist, die Zügel von Cato und wende mich um.
„Chris! Manchmal glaube ich wirklich, dass ich hier Jap anisch rede!“, peitscht meine Stimme über den Hof. Der Angesprochene bleibt stehen und sieht mich an. Chris ist eigentlich ein sehr fähiger Typ, Mitte dreißig, genug Erfahrung mit Pferden. Aber ich hasse es, wenn ausgerechnet Caligula, unsere ziemlich übermütige Diva von einem Deckhengst, so locker am Führstrick gehalten wird.
Chris erinnert sich offensichtlich auch endlich daran, denn tastend gleitet seine Rechte am Strick en tlang zum Halfter und er greift an den Backengurt.
„Sorry!“, ruft Chris auch gleich.
„Weißt du, wenn Caligula sich losreißt, weil er seine Chance wittert, wird’s echt übel für dich.“ Ich habe mich längst in Bewegung gesetzt, bleibe nun vor dem Hengst stehen.
„Na, Dicker? Wollte Chris dir mal wieder eine Chance zum Ausbüchsen geben?“ Meine Finger fahren über die weichen Nüstern des Hengstes, der mich ansieht, den Kopf senkt und seinen N asenrücken an meiner Brust reibt. Ich lächle und sehe Chris an.
„Du weißt doch ganz genau, dass er nur ruhig bleibt, wenn du ihn an Strick und Halfter fasst. Legst du wirklich Wert darauf, ihn aus einem der Zäune zu holen, wenn er sich lo sreißt?“
Chris sieht mich betreten an. „Er war ganz ruhig, als wir losgi ngen, ich wollte es ausprobieren. Tut mir wirklich leid“, sagt er.
„Schon okay. Aber ich gebe solche Anweisungen nicht, weil ich dich oder die anderen damit ärgern will, verstehst du? Wir haben ihn mal aus einem Zaun befreien müssen und das war echt kein Zuckerschl ecken. Es hat Monate gedauert, bis wir ihn wieder so weit hatten, dass er sich vernünftig anfassen ließ.“
Chris schluckt sichtbar. „Okay, Boss.“
Ich schiebe den Hengst etwas von mir, was im Klartext bedeutet, dass ich einen Schritt zurück mache. „Dann bring ihn jetzt rüber. Und du, Karl, kannst ihn ruhig mal erinnern. Du weißt das doch genauso gut.“
Karl, der etwas jüngere Pfleger aus dem Hengststall sieht zu Boden und nickt. „Er war wirklich ganz ruhig, Boss, sonst hä tte ich doch was gesagt.“
„Okay, dann kann ich mich jetzt ganz beruhigt um unseren Neuen kümmern und ihr macht einfach we iter?“
Sie nicken und ich mache kehrt. Mittlerweile stehen Maik und Lu am Fuß der Treppe und natürlich haben sie mich beobachtet. Erstaunt sehe ich, dass beide offensichtlich auf meinen Hintern gestarrt haben, denn als ich mich umwende, heben sie zeitgleich den Blick wieder zu meinem G esicht.
Ich grinse. Wieso erfüllt mich dieser Umstand mit einem gewissen Vergnügen? Ob Maik vielleicht ta tsächlich schwul ist?
Das wär’s ja noch!
Ich kehre zu ihnen zurück und sehe Lu an. „Sehen wir uns zum Mittagessen oder hast du noch zu tun?“
Lu wirft einen schnellen Blick auf Maik, dann nickt er. „Ja, in einer halben Stunde.“
„Okay, dann komm!“, sage ich und nehme Maik die Zügel von Cato wieder ab, um mit ihm in den Stall zu gehen.
Er wird mir ja hoffentlich folgen. Und wie ich merke, sogar schneller als erwartet. Maik taucht innerhalb Sekunden neben mir auf. „Mann, du bist hier echt der Boss, was?“
Ich verkneife mir das arrogante Grinsen absichtlich nicht und sehe ihn an. „Was hast du erwartet? Lu ist der letzte Entscheider, kümmert sich aber hauptsächlich um die Renner. Alles andere gehört zu meinem Aufgabenbereich.“
„Auch Personalentscheide?“, hakt er nach. Interessante Fr age.
„Ja, alles. Im Grunde leite ich das Gestüt seit vier Jahren komplett. Lu ist so eine Art ... Außenminister mittlerweile. Er stellt internationale Kontakte her, hauptsächlich zum Vereinigten Königreich und nach Dubai. Die Scheichs sind voll scharf auf unsere Galopper.“
Maik nickt verstehend. „Und wieso wusstest du nicht, was ich hier machen soll?“
Super, muss er das jetzt fragen? Na gut.
„Mit deiner Einstellung hatte ich nichts zu tun“, gebe ich ehrlich zurück.
„Oh!“, sagt er erstaunt. „Dann ... würdest du mich wohl am liebsten gleich wieder loswerden, was?“
Darüber muss ich erstaunlicherweise nicht einmal nachde nken, sofort schüttle ich den Kopf.
„Nein, es ist cool, dass ich in den nächsten Wochen mehr Gesellschaft habe. Es gibt hier zwar haufenweise verschiedene Pferdewirte, aber hier im Turnierpferdestall sind höchstens zwei davon. Die Pensionspferde werden von den Besitzern selbst oder deren Leuten geritten. Ich kann in den nächsten Tagen ein wenig mehr Luft vertragen, da morgen drei neue Ferienjobber ankommen.“
Maik lacht auf. „Dann stört es dich nicht, dass van Keppelen mich persönlich eingestellt hat? Ich muss zugeben, dass ich etwas verwundert war. Immerhin hatte ich die B ewerbung zu Händen eines gewissen Herrn Andreesen geschrieben ...“ Er wirkt ein wenig unsicher, doch sobald er sich mit dem Absatteln und Versorgen von Lupinia beschäftigt, verlagert sich das Gespräch abermals.
„Ich bin echt froh, dass ich auch reiten kann in den nächsten Wochen.“
„Hattest du Angst davor, nur Mistkarren schieben zu müssen?“ Der Gedanke belustigt mich zugegebenermaßen.
„Nein, das stört mich nicht. Aber es ist schon ein seltsames G efühl, mein Möhrchen so lange allein zu lassen.“
Ich stutze und halte wie doof Catos Huf fest, den ich eigen tlich gerade auskratzen will. „Wie bitte?“
Er lacht leise und verabschiedet Lupinia mit einem Klaps in ihre Box, danach sieht er mich an. „Mö hrchen! Meine Englisch Vollblut Stute Celebrity Darling.“
„Celebrity ...?“, überlege ich laut, denn irgendwas klingelt, als ich diesen Namen höre. Es will mir nur nicht einfallen.
Maik nickt. „Darling, ja. Hast du etwa schon von ihr gehört?“ Sein Grinsen fordert mich heraus und lässt mich schmunzeln.
„Könnte sein, ja ...“ Noch immer grüble ich, aber es dauert einige Augenblicke, bis es schließlich klick macht in meinem Kopf. Meine Augen werden ganz sicher sehr groß, während ich aufsehe und Cato sich mürrisch mit seinem Gewicht in den noch immer auf meinem Oberschenkel ruhenden Huf verlagert. Ich strauchele fast und lasse ihn endlich los.
„Celebrity Darling, ja? Kann es sein, dass irgendwann mal etwas über sie in einem Reitermagazin stand?“
Er nickt erneut. „Vor ein paar Jahren, ja. Eine Art Homestory über das Gestüt, aus dem sie stammt. Hast du den Bericht gelesen?“
„Überflogen, eher. Ich habe nicht besonders viel Zeit für so was. Sie ist ja kein Galopper. Und ... sie gehört also dir?“
„Seit ihrer Geburt, ja.“ Wieso zögert er plötzlich?
„Und wieso nennst du sie Möhrchen?“
„Meine Mutter nennt sie so, weil sie total versessen auf Möhrenschnitzel ist, aber jeden Apfel ve rschmäht.“
„Aha“, mache ich und erinnere mich endlich daran, dass ich C ato langsam fertigmachen sollte.
Das Schrillen des Gongs am Gutshaus unterbricht die Unterhaltung endgültig und ich fluche leise. No rmalerweise lasse ich Lu nicht warten – immerhin wird er nach dem Essen ganz sicher mal wieder ficken wollen ...
„Geh zum Gutshausgeradeaus in den langen Gang und dann am Ende rechts. Vermutlich werden aber auch einige andere gerade dorthin unterwegs sein. Das war der Gong, der son ntags alle zum Mittagessen ruft.“
„Du kommst nicht mit?“
„Nein, ich esse mit Lu, gibt sicher wieder was zu besprechen.“ Diese Halbwahrheit muss jetzt sein. Ich deute noch einmal zur Stalltür und er trollt sich.
Ich verlasse den Stall nach einem weiteren Blick auf Kim und überlege einmal mehr, ob er wirklich schwul ist. Wenn ich nach den allgemeinen Gerüchten gehe, ist er es, aber irgendwie wirkt er doch ziemlich unterkühlt …
Es w äre schon cool, wenn ich das Vergnügen über eine simple Bekanntschaft oder eine Freundschaft hinaus ausdehnen könnte, oder nicht?
Mir jedenfalls würde das gefallen.
Kim lebt ja ganz offensichtlich allein in seiner Wohnung. Also hat er zumindest keine feste Beziehung, ob nun homo- oder heterosexuell. Davon abgesehen weiß ich, dass Ludwig van Keppelen es gern mit hübschen Jungs treibt – zumindest früher mal getrieben hat. Und wenn er sich einen festen Bengel für seine Vorlieben gesucht hat, dann ganz sicher so einen gutaussehenden wie Kim Andreesen!
Im Sonnenschein auf dem Hof blinzele ich ein paarmal, folge den anderen Mitarbeitern, die zielstrebig auf die große Freitreppe z ugehen und finde mich beinahe sofort in ein Gespräch mit einem der Männer von vorhin verwickelt, die Kim ganz ohne Gebrüll ziemlich zusammengefaltet hat.
Das f inde ich auch im Nachhinein bemerkenswert. Er hat es geschafft, sich ohne Arschlochverhalten Respekt zu verschaffen. Scheint also auch charakterlich ein interessanter Typ zu sein. Mal sehen, was da noch so geht ...
Chris jedenfalls erklärt mir ungefragt und sehr willkommen, dass jeden Sonntag alle diensthabenden Mitarbeiter des Gestüts gemeinsam in der alten G esindeküche essen.
„Meine Frau nutzt meine Dienstzeiten immer dazu, mit den Kindern bei meinen Schwiegereltern aufzulaufen.“ Er grinst verschmitzt. „Und ich tausche gern den Dienst, wenn ich dafür nicht zu meinen Schwiegereltern muss.“
„Klingt nach einem guten Kompromiss“, erwidere ich. Wi r gehen durch das große Gebäude und ich weiß jetzt schon, dass ich mich hier nicht problemlos zurechtfinden werde, wenn ich hier mal jemanden suchen muss. In der Etage, die wir über die Freitreppe erreicht haben, gibt es einen T-förmigen Gang, der nach rechts, nach links und zwischen zwei geschwungenen Treppen, die wohl in den privaten Bereich des Hauses führen, geradeaus geht. Problematisch wird es aber erst dadurch, dass zumindest an diesem Gang zur Küche zig Abzweige liegen.
„Ist das hier der Wirtschaftsteil des Hauses?“, frage ich mit Seitenblicken auf die immer wieder nach rechts und links g ehenden schmaleren Flure.
Chris schüttelt den Kopf. „Hier gibt es so viele ehemalige Dienstbotengänge, dass man verdammt schnell im Ni rgendwo landet. Die Wirtschafträume liegen am Ende dieser Treppe im Erdgeschoss des Hauses. Wenn du mal vollkommen den Faden verlierst, versuche, ein Fenster zu finden und rauszuspringen“, witzelt Chris und der andere Pfleger, Karl, schlägt ihm lachend auf die Schulter.
Über eine Treppe mit breiten, ausgetretenen Stei nstufen geht es in die Eingeweide des Hauses hinab.
„Guter Plan, Chris, wenn ich mich nicht irre, hast du das in de iner ersten Woche hier auch gleich getestet, nicht wahr?“
Klingt ja alles ganz witzig. Wenigstens haben die Mitarbeiter Humor. Ich genieße das. Irgendwie entwickelt sich dieses Gestüt schon in diesen wenigen ersten Stunden zu einer Art unglaubl ichem Traumarbeitsplatz.
Nicht auf Dauer und ganz sicher nicht für mich, aber acht W ochen werde ich hier sehr gut überstehen.
„Die Küche hat auch einen direkten Zugang von außen, aber der ist fast immer abgeschlossen. Er wird nur für die Anlief erung von Lebensmitteln geöffnet. Theodora hasst es, wenn wir ihn benutzen, um in ihre heiligen Hallen zu gelangen.“
„Theodora?“, frage ich reflexartig nach.
Chris und Karl erklären mir in wenigen Worten, dass sie die Leitung über das Hauspersonal hat. Sie ist die Wirtschafterin des Gestüts und wer innerhalb des Gutshauses arbeitet, untersteht ihrem Befehl. Sie führt, wie ich auch gleich erfahre, ein sehr strenges Regiment über die erstaunlich zahlreichen Angestellten. Neben zwei Küchenhilfen gibt es ein Zimmermädchen, einen Gärtner, der ausschließlich für die parkähnliche Anlage jenseits des Gutshauses zuständig ist, und einen Hausmeister, der sämtliche Instandhaltungen innerhalb und außerhalb des Hauses koordiniert.
Wir betreten die Küche und Karl deutet nach links. Ich bleibe perplex stehen, um den Anblick dieser gewölbeartigen, hellen K üche zu erfassen.
Eine einfache Küche ist ganz sicher etwas anderes, denn di eser Raum nimmt schätzungsweise ein Drittel des gesamten Geschosses ein. Weißgrau gekachelte, viereckige Säulen stützen die in sanften Schwüngen gewölbte Decke ab. Im rechten Teil liegen die hochmodernen Anrichten aus Edelstahl, die bei mir den Eindruck einer Restaurantküche erwecken wollen. Alles blitzt und blinkt, eine große Dunstabzugshaube nimmt die dampfende Luft auf, die von verschiedenen, kompanietauglichen Kochgeräten aufsteigt. Es riecht trotzdem schon sehr lecker und das Wasser läuft mir im Mund zusammen.
Links liegt ein riesiger Tisch, der durchaus den Eindruck e rweckt, als wäre das Haus vor einigen Jahrhunderten um ihn herum errichtet worden. Er ist aus mit den Jahren und Putzattacken dunkler gewordenem, massivem Holz und mindestens sechs Meter lang. Spontan muss ich an Mantel-und-Degen-Filme denken, in denen das gesamte Gesinde in Dienstbotentracht um einen solchen Tisch versammelt sitzt.
Doch die anwesenden Männer und Frauen verschiedenster Altersklassen tragen keine Uniformen.
Es wird lauter hier, alle begrüßen sich, setzen sich an den Tisch, auf dem bereits Gedecke vor erschreckend normal aussehenden Küchenstühlen stehen.
Ich sehe Latzhosen in den Gestütsfarben silbergrau-türkis, aber auch andere Farben. Bunt und irgendwie lustig sieht die Truppe aus, die natürlich gleich bei Karl, neben dem ich mich gerade hinsetzen will, nac hfragt, wer ich denn wohl bin.
Ich lächle und beantworte die ersten Fragen nach meiner Identität.
„Damit du das nicht fünfzigmal erklären musst, mein Junge“, erklingt eine Stimme und ich richte mich wieder auf, um die Frau Mitte fünfzig anzusehen, die neben mir stehengeblieben ist. „Solltest du das einmal etwas lauter erklären.“
Ich nicke ergeben und folge ihrer Geste zum Kopfende des Tisches. Es ist nun wirklich nicht so, als wäre mir das in irgendeiner Form unangenehm oder peinlich. Dazu habe ich zu viele Vo rträge und Referate gehalten. Zu viele Seminare für Pferdewirte geleitet. Aber das weiß ja hier keiner!
„Ich bin Theodora. Und du wirst dich jetzt anständig vorste llen.“
Ich grinse, weil die Worte zwar einem Befehl gleichko mmen, ihr Tonfall aber erstaunlich sanft und ein wenig belustigt klingt.
„Na gut“, sage ich , und während sie in die Hände klatscht und gewichtig über die langen Reihen von Angestellten sieht, kehrt Ruhe ein.
„Fehlt noch jemand?“, fragt sie und beantwortet es sich gleich selbst. „Nein, alle da.“
Irgendwie habe ich von ihr auch nichts anderes erwartet.
„Dieser junge Mann hier möchte sich vorstellen!“
Gemurmel und Kommentare erheben sich. Ich höre Dinge wie „darf sich gern bei mir vorstellen!“ und „neu ist immer gut!“, während ich über die Anwesenden hinwegsehe und grinse.
„Ich bin Maik Fallner und werde die nächsten acht W ochen hier meine Semesterferien damit verbringen, dass ich im Stall der Turnierpferde aushelfe.“
„Oh, direkt bei Kim?“, fragt jemand in den Raum. Ich sehe nicht, wer, aber es war eines der jungen Mädchen am Tisch.
„Hui, na das wird ja was!“, kommentiert jemand anderes.
„Sollst du dort Stallarbeit machen oder wie?“, fragt Karl.
Ich hebe die Schultern. „Wenn ich Kim richtig verstanden habe, soll ich jeweils die Pferde bewegen, die nicht auf Turnierreise sind.“
„Oh!“, erklingt es aus mehreren Richtungen.
„Was studierst du?“, fragt Theodora dazwischen.
„Tiermedizin.“
„Na, das ist doch was!“, befindet sie, und ich sehe zu ihr. Noch immer steht sie neben mir.
„Du musst verdammt gut reiten können, wenn er dich an seine Lieblinge lässt“, erklärt Chris.
„Äh ... scheint zumindest so, als würden ihm meine Künste in der Richtung ausreichen ...“, gebe ich grinsend zurück. Natürlich, ich habe mich hier mit dem Namen meines Vaters beworben ... Ein kleiner Köder, den van Keppelen auch geschluckt zu haben scheint, aber unter diesem Namen lebe ich normalerweise nicht. Bekannt bin ich, wenn überhaupt, unter dem Namen Maik Dexter. Unter diesem Namen habe ich etliche Turniere geritten und gewonnen. In England, natürlich. Mein Möhrchen und ich sind dort ziemlich bekannt. Im Grunde habe ich mich vorhin schon geärgert, dass ich Kim von der Homestory über mein Pferd erzählt habe ...
Sollte er den etwa zwei Jahre alten Bericht jemals aufmerksamer lesen, wird er wissen, dass ich der E nkel von William Dexter bin und von diesem alles über die Zucht, das Training und die Vielseitigkeit von Englisch Vollblütern gelernt habe. Und damit wäre eine investigative Fragestunde durch Kim vorprogrammiert.
Ihn muss ich aber auf jeden Fall auf meiner Seite haben, wenn ich aufdecken will, was hier hinter den Fassaden liegt.
Und ich werde es aufdecken!
Ich rette mich in ein weiteres Lächeln, habe ganz sicher ein ige Kommentare zu meiner halbbescheidenen Aussage nicht mitbekommen.
„Na gut, Junge, setz dich, die können dich in den nächsten W ochen noch genug löchern.“ Theodora klopft mir auch den Rücken und schiebt mich zu dem freien Platz zwischen Chris und Karl. Gegenüber sitzen zwei junge Frauen, ganz sicher Pferdewirtinnen. Eventuell sogar noch in der Ausbildung.
Theodora lässt nur Minuten später die Vorspeise auftischen, dann wird gegessen, und die Gespräche drehen sich um Pfe rde, Gestütsklatsch und, wie soll es anders sein, auch um mich.
Die Mädels gegenüber versuchen zwar, leise zu tuscheln, aber während ich vor mir zuerst eine leckere Tomatensuppe, danach Braten, Gemüse und Kartoffeln vorfinde, höre ich doch intere ssiert zu.
„Tja, da wird unser Gerdchen am Dienstag aber blöd gucken, wenn sein Traummann sich plötzlich so einen Oberschnuckel in den Stall geholt hat ...“ Ich sehe kurz auf, senke den Blick aber wieder.
Gerdchen? Wer ist Gerdchen? Irgendein Mitarbeiter, der scharf ist auf Kim?
„Ich glaub aber nich, dass er schwul is. An dem wird sich selbst Kim die Zähne ausbeißen ...“ Okay, man hält mich also für hetero? Interessant.
Klar, keiner hier weiß, dass nicht Kim, sondern van Keppelen mich eingestellt hat. Sogar über Kims Kopf hinweg. Ich muss wirklich mal in Ruhe darüber nachdenken, ob das nur an meinem Namen in der Bewerbung liegt oder ob er noch andere Gründe dafür gehabt hat.
Zum Dessert gibt es eine Weinschaumcreme und ich frage mich nicht zum ersten Mal, wieso erstens alle gemeinsam essen und zweitens auch noch derart feine Speisen bekommen. Auch diese Tatsachen bestä rken mich weiter in dem Glauben, dass dieser Hof ein Paradies für die Angestellten ist.
Ich schiebe Cato sanft in seine Box und schließe sie, stark darum bemüht, nicht an einen gewissen Maik Fallner zu denken.
Das ist wirklich nicht leicht. Ich verlasse den schattigen Stall und gehe zum Gutshaus hinüber. Unterwegs begegne ich niema ndem mehr, vermutlich würde Theodora sonst auch schon durchs ganze Haus brüllen, weil man bei ihr pünktlich am Tisch zu sitzen hat.
Schade, dass ich nicht dabei sein kann, wenn die anderen Mitarbeiter ihn sehen. Hätte bestimmt was, sich die Kommentare anzuhören. So ein gutauss ehender Typ wurde hier lange nicht angestellt – und den Grund dafür kennt niemand außer mir.
Schön wäre jetzt nur, wenn ich endlich herausfinden könnte, wieso Lu mir ausgerechnet diese Sahneschnitte untergesch oben hat. Sollte Maik auch nur bi sein, wird er über kurz oder lang ganz sicher auf meiner Speisekarte landen. Nun ja, zumindest werde ich es mir irgendwann wünschen.
Stattdessen werde ich meine Libido wohl eher bei ein oder zwei Clubbesuchen bändigen müssen.
Ich erreiche den Speiseraum, in welchem Lu jeden Tag isst, wenn er auf dem Gestüt weilt. Sonntags leiste ich ihm des Öfteren Gesellschaft, gesetzt den Fall, dass ich nicht freihabe und faul ausschlafe. Nach meinen Clubbesuchen mache ich das nämlich ganz gern.
Lu sitzt bereits am Tisch, ich lasse mich nieder und ernte zuerst einen naserümpfenden Blick.
„Sorry, aber ich muss heute zu viele Pferde bewegen. Keine Zeit zum Duschen gehabt“, sage ich, obwohl es mir ehrlich gesagt scheißegal ist. Ich weiß so gut wie er, dass er den Stallgeruch an mir mag, wenn er mich fickt. Und das wird er, irgendwann nach dem Essen.
Er nickt abwesend und deutet auf die Terrine mit Tomate nsuppe. „Guten Appetit“, sagt er und beginnt zu essen.
„Danke, dir auch.“
Wir essen schweigend, bis er seinen Teller von sich schiebt und mich mustert. „Der Neue scheint ein guter Reiter zu sein.“
Ich nicke, löffle weiter an meiner Suppe. „Ja, Jazira war lammfromm bei ihm. Ich hatte Mühe, mir meine Überr aschung nicht anmerken zu lassen.“
Er grinst. „Du hast ihn auf das eigensinnigste Pferd im Stall g esetzt? Hast du wenigstens gebetet, dass sie ihn nicht abwirft, wenn er falsch sitzt?“
Ich lege den Löffel weg und lache. „Nein, um ehrlich zu sein, fand ich sogar schade, dass sie ihn ganz friedlich e rtragen hat. Ein bisschen Staub an den Klamotten hätte ihm gut getan.“
Lus Augenbrauen heben sich. „Wieso das?“ Meint er die Frage ernst? Irgendeinen Makel muss Mister Sexy doch wohl h aben!
„Nur so, ich glaube, er ist ziemlich von sich übe rzeugt.“
„Wundert mich nicht“, erwidert Lu und diese Bemerkung lässt mich aufhorchen.
„Wieso wolltest du ihn unbedingt haben? Was ist an ihm so Besonderes, dass du ihn gegen meinen Willen hier herholst?“
„Ist dir sein Name nicht aufgefallen?“
Ich runzle die Stirn. „Hm, Fallner oder was meinst du? Müsste ich den kennen?“ Noch während ich frage, will ich mir vor die Stirn schlagen. Ich weiß es nur aus Erzählungen, aber es gab vor einiger Zeit mal einen absoluten Ausnahmejockey mit diesem Namen. „Warte ... Du meinst, Maik ist der Sohn von Justin Fallner? Dem Justin Fallner?“
Lu nickt gewichtig. „Die Möglichkeit besteht jedenfalls. Und das hat mich einfach neugierig gemacht.“
„Also sicher wissen tust du es nicht? Hm, wieso ist das wichtig?“, hake ich nach.
„Es gibt da eine ... alte Geschichte ...“, beginnt er, doch sein Tonfall verrät mir schon, dass er nicht damit herausrücken wird. Zumindest nicht vollständig. „Unwichtig.“
Super, das ist also die erschöpfende Erklärung?
„Aha.“ Ich weiß, es hat keinen Sinn, noch einmal nachzubohren. Letztlich spielt es für mich sowieso keine Rolle, ob er nun der Sohn eines früher mal sehr erfolgreichen Jockeys ist oder nicht. Mich interessiert bei Leuten nur, wie sie mit Pferden umgehen, wie sie reiten und ob sie sich mit genug anderen Themen beschäftigen. Was das angeht, wirkt Maik jedenfalls nicht besonders fixiert auf Pferde. Aber sicher bin ich mir nicht.
Ich werde es in den kommenden Wochen aber ganz bestimmt herausfinden. Ich mag es, die Facetten an Menschen zu entdecken, die mich auf die eine oder andere Art intere ssieren.
Und wie zart und respektvoll er mit meinen Schützlingen umgeht, hat er ja schon gezeigt.
Maiks Stute fällt mir wieder ein, ich sehe Lu an. „Sag mal, sagt dir der Name Celebrity Darling etwas?“
Lu schüttelt langsam den Kopf und schürzt nachdenklich die Lippen. „Nein, nicht dass ich wüsste.“
„Schade ... Das ist Maiks Pferd. Englisch Vollblut. Ich hatte gehofft, du weißt was über sie.“ Aber nun werde ich, falls es mich letztlich wirklich interessiert, in der Bibliothek die älteren Ausgaben diverser Pferdemagazine durchsuchen müssen – oder das Internet.
Ich mag das Internet nicht besonders. Irgendwie suche ich I nformationen lieber per Hand. Allein schon, weil man dabei über so viele andere Dinge stolpern kann – zumindest in Magazinen.
Ja, ich glaube, ich werde den Artikel über die Stute wirklich s uchen gehen. Das verspricht, eine kleine Zeitreise durch die letzten Jahre zu werden. Und ich mag Erinnerungen!
„Nein, keine Ahnung, sie ist jedenfalls kein Galopper. Sonst hä tte ich ihren Namen sicher schon mal gehört. Wieso hat er sie in der Bewerbung nicht erwähnt?“
Gute Frage, die stelle ich mir auch. Normalerweise weiß jeder Bewerber, der einmal auf unserer Gestütshomepage war, dass es erwünscht ist, sein eigenes Pferd, sofern vorhanden, mitzubri ngen. Auch so ein soziales Ding von Lu. Die Ferienjobber dürfen an Unterricht und Training teilnehmen.
Na ja, das mit dem Unterricht stammt sogar von mir. Es gibt hier außer mir nur drei andere Reitlehrer. Die Renner werden gänzlich anders trainiert, damit habe selbst ich nur bedingt zu tun, aber die Turnierpferde erhalten, ebenso wie deren Reiter, Unterrichtsstunden von Ferdinand Lohner, Lukas Menk, Tom Bleitz oder mir.
Wir setzen das Essen fort, der Rinderbraten ist superzart und saftig.
Mir fällt beinahe der Löffel vom Dessert aus der Hand, als Lu mich ernst mustert und fragt: „Macht er dich an, der Neue?“
Was für eine Frage! Würde Maik nicht jeden schwulen Mann anmachen? Der Typ sieht einfach nur geil aus!
Ich hebe die Schultern. „Keine Ahnung, sollte er?“
Lu sieht mich noch durchdringender an. „Willst du mir wirklich weismachen, dass du dich noch nicht gefragt hast, ob er schwul ist?“
„Kann mir doch vollkommen egal sein, er ist ein Angestellter. Du weißt wohl selbst am besten, dass ich nichts mit Angestellten a nfangen würde. Wozu auch“, setze ich mit einem Grinsen hinzu. „Immerhin hab ich den Boss.“
Er scheint beruhigt und nickt. „Tja , und weil du nun mal meine kleine Hure bist, wirst du hoffentlich niemals auf die Idee kommen, jemand anderes Hure zu werden.“
Oha, so was hat er noch nie gesagt!
„Lu, seit wann interessiert es dich, was ich sonst noch so treibe? Genügt es dir plötzlich nicht mehr, mich jederzeit und überall durchficken zu können?“
Er schweigt eine Weile, dann schüttelt er den Kopf. „Nein, du hast recht, im Grunde ist mir egal, was du machst, s olange du dir nichts einfängst und keine feste Beziehung eingehst.“
Ich lache laut los. „Feste Beziehung! Ich! Also manchmal ...“ Ich sehe ihn zweifelnd an und er kichert.
„Ja, schon gut.“
Er weiß, dass ich niemals, nicht in diesem und auch in keinem folgenden Leben, jemals auf die Idee käme, mir etwas Ähnliches wie eine Beziehung ans Bein zu nageln. Zu viel Verpflichtung, zu viele Kompromisse.
Mir reicht der eine Kompromiss, den ich für mein Erbe ei ngehe – täglich.
Lu erhebt sich und tritt dicht neben mich. Seine Hand legt sich unter mein Kinn und hebt meinen Kopf in seine Richtung. „In zehn Minuten oben. Salon. Ich muss doch ausnutzen, dass ich so eine süße kleine Privathure habe, die sich gleichzeitig so hervorragend um meine persönlichen wie um meine geschäftlichen B elange kümmert.“
Ja, er liebt diese abwertenden Sprüche, die demütigenden Wo rte. Ich nicht, aber im Grunde stören sie mich auch nicht.
„Deine kleine Fotze gehört mir, vergiss das besser nicht. Was du mit deinem Schwanz machst, ist mir egal, aber komm nicht auf die Idee, deinen Arsch für jemand anderen hinzuhalten.“
Ich nicke, als er mein Kinn loslässt. Und ich bin eindeutig verwundert über seine plötzlich doch ziemlich besitzergreifend klingende Aussage. Eben noch stimmt er mir zu, dass ich machen kann, was immer ich will, jetzt wieder so?
Verstehe ich nicht, kann mir aber auch herzlich egal sein.
Ich habe nicht vor, noch großartig viele Testläufe in Sachen gefühlloser Hintern zu starten.
Ganz kurz ertappe ich mich bei der gedanklichen Frage, was Maik wohl davon hielte, wenn er wüsste, dass ich mich jederzeit und überall von Lu ficken la sse. Ich schüttle den Kopf. Was für ein blödsinniger Gedanke!
Erstens kann es mir egal sein, was er denkt, und zweitens interessiert er sich doch sowieso nicht dafür, was ich m ache.
~*~
Lu lässt sich nicht besonders viel Zeit – mir sowieso nicht. Kaum bin ich in seinem Salon im ersten Stock, soll ich mich komplett ausziehen und natürlich tue ich es.
Er verlangt, dass ich mich auf den Diwan knie, und nimmt sich, was immer er will. Mein Schwanz liegt in seiner Hand, er reibt und pumpt ihn, doch während er mich berührt, schweifen meine Gedanken ab und erst Lus erstauntes Keuchen lässt mich kapi eren, dass ich nicht nur hart, sondern auch ziemlich geil werde.
Das passiert nur selten, nein, eigentlich muss ich schon selbst Hand anlegen, wenn ich auch nur ann ähernd erregt sein will, während er mich fickt. Heute aber liegt meine harte Erektion in seiner Hand und ich schaudere vor Geilheit. Woran liegt das?
Prompt taucht ein Bild vor meinem inneren Auge auf, g epaart mit der Frage, wie es wohl wäre, wenn Maik ...
Ich schüttle den Kopf, aber die Geilheit bleibt. Ich warte nur d arauf, dass Lu fertig wird, damit ich mich anziehen und in meine Wohnung gehen kann. Diese Duschtradition kommt mir dabei sehr entgegen.
Nur Minuten, nachdem ich mich wieder angezogen habe, stehe ich unter dem plätschernden Wasse rstrahl in meiner Dusche und hole mir einen runter. Es bringt Erleichterung und mehr brauche ich nicht.
Ich schalte das Wasser ab, trockne meinen Körper und ziehe mich wieder an.
~*~
Im Stall steht ein leicht gelangweilter Maik an einer Box und schmust mit Jazira. Der Anblick seines hochgewachsenen, trainierten Körpers hat sofort eine Wirkung auf meine eigentlich ger ade entspannten Lenden.
Ich knurre wütend über den Verräter in meinen Reithosen und trete neben ihn, nachdem ich das Poloshirt auf seinen tarnenden Sitz hin überprüft habe.
„Hi, wie hast du es überstanden?“, frage ich und er fährt zu mir herum.
„Gut. Sind ja alle einigermaßen neugierig hier. Aber ein paar echt süße Mädels habt ihr.“
Oh, soll das heißen, er hat mir vorhin auf den Arsch gestarrt, weil er jetzt doch auf Weiber abfährt?
Ich nicke. „Heute sind Sandra und Maike hier oder? Angehende Pferdewirtinnen Schwerpunkt Rennen.“
„Ja, ich glaube, so heißen sie. Konnte mir nicht gleich alle Namen merken.“ Er lächelt entschuldigend.
„Alle? Heute ist nur die Notbesetzung hier, wenn du so willst. Die Gehaltsliste des Gestüts hat über siebzig Namen.“
Er rollt die Augen und stöhnt. „Na, dann kann ich mich ja auf lustiges Namenraten einstellen!“
Ich kann nicht anders, ich starre ihn viel zu lange an und senke den Blick auch nicht, als er es bemerkt. Ich habe gelernt, dass man als Boss so vieler Leute niemals den Blick senkt. Verlegenheit ist nichts für Führungskräfte – und genau das bin ich nun mal.
„Aber wirklich freuen tu ich mich auf Gerdchen!“, verkü ndet Maik und ich spüre, wie meine Gesichtszüge doch ein wenig verrutschen. Was zum Teufel will er denn von ...?
„Der ist doch heute gar nicht ...“ Fragend sehe ich ihn an, schließlich grinse ich. Gerdchen ist der direkte Arbeitskollege der Mädels. Sie werden über ihn gesprochen haben ...
„Nein, eben drum bin ich ja neugierig. Hab läuten hören, dass er meine Anwesenheit hier nicht guthe ißen wird ...“ Maik kichert spitzbübisch.
Ich lausche dem Klang nach, bevor ich reagiere. „Er steht auf mich.“
Maik sieht mich so gespielt erstaunt an, dass ich mir beinahe ein wenig verarscht vorkomme.
„Nein!“, sagt er ir onisch und lacht los. „Und? Hat er keine Chancen bei dir?“
Ich verziehe den Mund. „Das wüsstest du, wenn du ihn mal e rlebt hättest.“
Wenn das überhaupt möglich ist, rutschen Maiks Auge nbrauen noch weiter nach oben. „Du bist also entweder tierisch oberflächlich oder ein ganz, ganz braver Hetero.“
Äh, ja, genau ... so ähnlich zumindest. Was sage ich denn jetzt? Da hilft wohl nur meine übliche Arroganz.
„Klar. Vor allem aber bin ich nicht gewillt, mich mit Unterg ebenen einzulassen.“
„Oh, der feine Herr Andreesen ist sich zu schade für das einfache Fußvolk? Das müsste ich ja beinahe bedauern.“
Beinahe? Verdammt, es wäre echt klasse, wenn mein Blut sich endlich aus den südlichen Regionen verziehen könnte, aber seine wenigen Worte treiben auch den Rest davon hinab in meine Le nden.
Ich schlucke hart und sehe ihn geradeheraus an. „Es bleibt dir unbenommen, irgendetwas ‚beinahe zu bedauern‘. Meine privaten Vorlieben werden jedenfalls nie wieder Teil unserer Kommunikation sein, Maik.“
Wow, ich staune selbst, dass ich mit diesem Ständer noch in der Lage bin, so hochgestochen daherzureden. Offensichtlich beei ndrucke ich damit auch Maik.
Er setzt dazu an, noch etwas zu sagen, doch schließlich klappt sein Mund wieder zu und ein fast dämonisches Gri nsen erhellt sein Gesicht. Der Blick sagt viel, als er an mir entlanggleitet und wieder in meinem Gesicht landet. Zumindest, wenn ich ihn richtig deute.
Irgendetwas wie ‚Na komm, du willst mir doch nicht s agen, dass du von mir abgeneigt wärest, oder?‘
Ich schlucke erneut und riskiere einen Blick auf seinen Schritt.
Super, der ist genauso geil wie ich. Ich frage mich ernsthaft, wo das noch hinführen soll, wenn wir am ersten verdammten Tag seines Ferienjobs schon so aufeinander reagieren.
Entschlossen wende ich mich ab und gehe die Stallgasse en tlang. „Finchen und Bernoldo sind noch dran.“
„Kein Problem“, erwidert er und schließt zu mir auf. „Wen von beiden willst du reiten?“
„Springtraining“, gebe ich zurück. „Du wirst beide reiten.“
„Cool!“, freut er sich und ich sehe bei einem Seite nblick, dass er tatsächlich strahlt.
Springen ist also deine liebste Beschäftigung beim Reiten? Int eressant.
„Wir gehen auf den Außenplatz.“
„Ah, du denkst, ich werde mit meinem Knackarsch im Sand landen ...“ Er klingt belustigt und ich nehme mir nun fest vor, später wirklich die Magazine nach Celebrity Darling zu durchsuchen.
„Du bist sehr überzeugt . Na dann mach Finchen startklar, wir sehen uns am Springparcours.“ Er verlasse ihn und organisiere zwei Flaschen Wasser aus meinem Kühlschrank, bevor ich zum Springplatz gehe und die Höhe der Hindernisse überprüfe. Finchen wird sie alle schaffen, die springt sogar über Mauern, über die sie nicht sehen kann – und die Oldenburger Stute ist groß. Ein Stockmaß von einsachtzig.
Mittlerweile hat sich mein Schwanz beruhigt, offensich tlich hilft es, dabei aus Maiks Nähe abzuhauen. Blöd ist nur, dass ich das ganz sicher nicht immer können werde.
Ich hocke mich auf den Holzzaun und warte.
Es dauert nicht lange, da kommt Maik auf Finchen herangetrabt. Sieht verdammt sexy aus. Ich habe einen tollen Blick auf seine langen Beine und versuche tapfer zu ignorieren, um wen er die auch ruhig mal schlingen dürfte.
Ich fluche halblaut und deute nickend auf den Parcours. „Vier Runden ausgesessener Trab“, kommandiere ich und er nte einen erstaunten Blick. Klar, wenn er noch geil ist, wird es ihm keine Freude bereiten, im Sattel zu bleiben.
Trotzdem nickt er und reitet ohne zu Murren die verlangten Runden.
Danach bleibt er neben mir stehen.
„Hast du Durst?“, frage ich und deute auf die Fl aschen.
Er schwitzt jetzt schon, kein Wunder bei den Temperat uren. Mir geht’s kaum besser und ich muss hier einfach nur herumsitzen.
„Ja, ziemlich“, sagt er und ich reiche ihm seine Flasche. Er öffnet sie und hebt den Kopf weit in den Nacken, wä hrend er trinkt. Ich sehe die Schluckbewegungen an seinem langen Hals und muss den Blick abwenden, wenn meine Hose nicht schon wieder diese unsägliche Beule bekommen soll.
Scheiße, echt!
Um mich abzulenken, trinke ich selbst einen Schluck, dann reicht er mir seine Flasche zurück.
„Also? Hast du bestimmte Wünsche für die Reihenfolge der Sprünge?“
Ich schüttle den Kopf. „Nein, such es dir selbst aus. Mir geht’s nur um die Technik und deine Haltung. Mach also kein Zeitspringen draus, okay?“
Er nickt und setzt Finchen wieder in Bewegung.
Während ich ihn beobachte, wie er ein Hindernis nach dem anderen anreitet und nimmt, wird mir klar, dass Springen wirklich seine liebste Beschäftigung sein muss. Damit ist es dann auch sehr wahrscheinlich, dass er mit seinem ‚Möhrchen‘ an Springturnieren teilnimmt. Wieder ein Hinweis.
„Sag mal“, rufe ich über den Platz. „Wieso hast du dein Pferd e igentlich nicht mitgebracht?“
Sein Gesicht verdunkelt sich ein wenig. „Sie steht nicht in Deutschland. Ich wollte ihr den Stress nicht antun, wenn ich s owieso nicht auf Turniere gehen kann.“
Aha, sehr löblich, aber für acht Wochen in einen anderen Stall zu wechseln ist so stressig nun auch nicht.
„Finde ich schade. Meistens sind Reiter zu ihren eigenen Pferden noch mal anders als zu fremden. Ich hätte gern gesehen, wie du dich mit ihr bewegst.“
Er verhält Finchen wieder neben mir und lächelt. „Wieso interessiert dich das? Du siehst doch jetzt, dass ich es draufh abe.“
Unbestritten, aber das werde ich ihm ganz sicher nicht zu deu tlich sagen. „Ich bin halt neugierig und ich analysiere jeden Reiter. Immerhin bin ich Reitlehrer.“
„Hast du eigentlich irgendwelche Turniere geritten? Ich me ine, ich glaube dir gern, dass du was kannst, aber bist du auch ehrgeizig?“
Seine Frage hat einen Unterton, den ich nicht einstufen kann.
„Keine Turniere. Nicht einmal kleine. Ich liebe Pferde und den Umgang mit ihnen. Genauso wie ich größten Wert darauf lege, dass jedes Tier auf diesem Hof äußerst pfleglich und liebevoll behandelt wird. Ich trainiere Reiter darauf, auch unter großem Druck vernünftig mit ihren Pferden umzugehen.“
„Oh, warte, du bist ...!“ Er beendet den Satz nicht, aber seine Augen werden größer.
„Was bin ich?“
„Na, ein ... Pferdeflüsterer?“ Ich versuche, darin Spott oder Unglauben zu hören, finde aber nichts dergleichen.
„Wenn du es so nennen willst, ja. Du hast doch heute Vo rmittag Caligula gesehen.“
Er nickt. „Den schicken schwarzen Hengst. Was ist mit ihm?“
„Er ist ein ehemaliger Superchampion. Hat alle möglichen Rennen gewonnen und strotzt vor Energie, sobald er aus der Startbox geschossen kommt. Leider ist er enorm schreckhaft, sobald er irgendwo langgeführt wird. Er ist jetzt sieben. Kurz nachdem er aus dem Renngeschehen genommen wurde, also vor etwa drei Jahren, ist er einem Pfleger hier abgehauen und panisch in einen solchen Zaun gerauscht“, ich klopfe auf die dicken Holzbalken, auf denen ich sitze, „er war übel verletzt und niemand konnte ihn beruhigen. Na ja, fast niemand ...“
„Du schon?“
Ich nicke. „Caligula ist ein Traumpferd, aber er hat psychisch echt nicht die beste Verfassung. Zumindest damals war es extrem. Es hat mich zwei Stunden gekostet, ihn halbwegs zu beruhigen, damit der Tierarzt ihn sich ansehen konnte. Und danach habe ich ihn immer höchstpersönlich mit einer Trense ausgebunden und zur Weide gebracht. Das ist nämlich das Bekloppte: Sobald er auf einer Koppel oder Weide steht, ist er wieder die Ruhe selbst. Fast so, als hätte er etwas gegen Wege und Höfe.“
Maik lauscht meinen Worten aufmerksam. In dem M oment, in dem ich es bemerke, stockt meine Stimme kurz. Sein Blick ist ... unbeschreiblich.
„Mit der Zeit habe ich ihn an Halfter und Führstrick gewöhnt, aber nach wie vor bin ich der Einzige, dem er auch o hne beides folgt. Chris hat heute Morgen versucht, ihn nur am Strick zu halten, aber das ist Caligula einfach nicht gewöhnt. Unsere Diva eben. Also sind alle dazu angehalten, ihn an Strick und Halfter zu halten, um ihm Ruhe zu vermitteln.“
„Hast du es zu Anfang mit einem kleinen Gewicht auf seinem Rücken versucht?“
Ich staune und grinse. „Ja, hab ich. Nachdem alles weit genug verheilt war, hab ich ihm einen Jockey-Dummy aufgelegt. Woher ...?“
Er lacht fröhlich. „Ich bin auf einem Gestüt aufgewac hsen, Kim. Ich weiß, wie Renner an das Gewicht des Jockeys gewöhnt werden. Wenn er bei den Rennen nie Theater gemacht hat, erscheint es mir logisch, es so zu probieren.“
Es fällt mir schwer, meine Bewunderung für seinen Pferdeverstand nicht zu deutlich zu zeigen. Ich nicke. „Ja, genau dieser Gedanke hat mich dazu bewegt, es zu probi eren.“
„In jedem Fall hast du eine Menge Ahnung von Pfe rden, finde ich klasse.“ Oh, macht er mir hier gerade ein Kompliment?
„Hm, bleibt nicht aus, wenn man mit ihnen arbeitet, oder?“
Er sieht mich skeptisch an und legt den Kopf schief. „Du bist ... wie alt? Seit wann arbeitest du hier? Und hast du vorher schon mit Pferden zu tun gehabt?“
Sind wir jetzt also beim Thema Vergangenheit angeko mmen ... na gut.
„Mein Opa hatte einen Pensionshof für Pferde. Da hab ich mich quasi immer rumgetrieben. Ich hab ne klassische Ausbi ldung als Pferdwirt gemacht, Schwerpunkt Reiten. Nebenbei auf einer Rennbahn in der Nähe gejobbt ... und na ja, dann hab ich Lu kennengelernt ...“
„Und er hat sofort dein Talent erkannt?“
Seine Frage klingt normal, aber ich muss spontan an jenes Talent denken, das Lu wirklich in mir sieht. Ich presse kurz die Lippen aufeinander. Meine Fähigkeiten in Bezug auf Pferde hat Lu tatsächlich erst später entdeckt. Genauer ausgedrückt hat er mir das sogar mal gesagt: ‚Dass du so ein Wunderknabe in Sachen Pferde bist, gefällt mir, Kim. So machst du dich glatt noch mit was anderem nützlich als mit deiner Fotze.‘
Tja, so ist Lu, so war er auch immer und vermutlich wird er immer so sein. Jetzt im Augenblick aber steigt die Eri nnerung an seine Worte mir wie bittere Galle in den Hals. Ich schüttle hastig den Kopf und ernte einen irritierten Blick von Maik.
„Hat er nicht?“ Maik klingt ungläubig.
„Hm, keine Ahnung, ich hab ihm jedenfalls bewiesen, dass ich auch noch zu was anderem tauge.“ Scheiße, hab ich das wirklich gesagt?
„Zu was anderem ... als was?“ Klingt er lauernd, neugierig? Egal.
„Ach, schon gut. Na los, lass sie nicht abkühlen. Dreh noch zwei Runden mit ihr, dann will ich ein paar richtige Stilsprü nge an dem rotweißen Oxer sehen.“
Er nickt und macht sich wieder auf den Weg.
Ich werde den Oxer jetzt ein wenig pimpen. Einssechzig hoch und knappe zwei Meter weit. Das kriegt Finchen locker hin, ist schließlich unser Sprungtalent.
Wenn ich ehrlich bin, habe ich auch keine Sorge, dass Maik damit Probleme haben könnte. Er ist wir klich gut. Das kann ich neidlos eingestehen.
Montagmorgen und von ausgeschlafen sein ist keine Rede. Ich gähne und starre noch einmal auf den Wecker. Hat er mir gestern wirklich gesagt, dass ich um spätestens sechs Uhr im Stall zu sein habe?
Frühstück gibt’s um acht in der Gesindeküche, z umindest für die Ferienjobber. Wenn ich vorher was brauche, soll ich bei ihm klopfen.
Eigentlich kein so schlechtes Angebot. Ich frage mich schon die ganze Zeit, ob er das allen anbietet oder nur denen, die man ihm quasi aufs Auge g edrückt hat.
Immerhin bringt mich das morgendliche Treffen wieder unter vier Augen mit ihm zusammen. Ich grinse und denke an das ges trige Abendessen.
Ich habe hier oben in meiner kleinen Ferienwohnung neben dem Schlafzimmer mit anhängendem Bad auch noch eine Wohnküche, in der ich mir in Zukunft die dienstfreie Zeit ve rtreiben kann.
Heute im Laufe des Vormittags dürfte auch mein Gepäck ankommen. Ich dusche, ziehe mich stalltau glich an und klopfe um halb sechs an Kims Tür.
„Ist offen!“, ruft er von drinnen und ich betrete den Raum.
„Guten Morgen!“, grüße ich fröhlich, stelle die Stiefel am Ei ngang ab und gehe zu ihm in die Küche.
Er sieht zum Anbeißen aus, was hauptsächlich daran liegt, dass er heute schwarze Reithosen und ein enganli egendes T-Shirt mit sehr kurzen Ärmeln trägt. Keine Weste verdeckt die klaren, durchtrainierten Konturen seines Oberkörpers.
Ich räuspere mich.
„Guten Morgen. Kaffee?“
Ich nicke. „Gern. Sag mal, kann ich nachher mal verschwi nden?"
Er schaltet die Kaffeemaschine an und dreht sich zu mir. „Verschwinden?“
„Ja, ich brauche morgens auf jeden Fall was zu beißen, bevor ich in den Stall gehe. Will nachher kurz zu ’nem Supermarkt.“
Kim öffnet seinen Kühlschrank und sieht, die Unterlippe geschürzt, hinein. „Also ich kann dir Joghurt oder Brot a nbieten für jetzt. Einkaufen sollte ich heute aber wohl auch noch. Wenn du willst, kann ich dich mitnehmen. Aber wir müssten das vormittags erledigen.“
„Kein Problem, wenn mir der Boss die Zeit geben kann und ich den Rest der Pferde nachmittags bewegen darf.“ Ich grinse ihn an.
„Klar kann er. Und macht er auch, aber nur heute und nur, weil ich gegen ein Uhr mittags die drei Ferienjobber hier erwarte.“ Er lächelt entschuldigend. „Ich werde dir heute eine Menge me iner Pferde aufs Auge drücken müssen. Aber das sehen wir später. Wenn ich die Führung mit den dreien mache, kommst du mit, damit du auch endlich alles siehst.“
Ich nicke. Stimmt, bisher ist mir nicht klar gewesen, dass ich noch gar nicht alle Gebäude und Einrichtungen hier kenne. Offe nsichtlich werde ich sowieso nur wenige davon betreten müssen. Aber eine Führung lasse ich mir natürlich nicht entgehen. „Cool! Und ... ein Joghurt würde mir schon reichen. Ich kann nur nicht nüchtern in den Stall.“
Kim seufzt. „Scheiße, heute kommt echt alles gleic hzeitig.“
„Was meinst du?“
Er reicht mir Löffel, Joghurt und Kaffeebecher, dann setzt er sich zu mir an den Tisch.
„Na ja, heute werden mindestens drei Turnierpferde abgeholt für ihre Reise, die müssen alle anständig eingepackt und ba ndagiert werden, einer der Gründe, wieso ich gestern gesagt hab, dass du früh aufstehen sollst. André ist sicher auch bald da. Er ist einer der Reiter für die Turnierpferde und er geht auch mit ihnen auf Turnierreisen. Dafür gibt er keinen Unterricht“ Kim sieht mich hilfesuchend an. „Vielleicht ist es doch ganz gut, dass du hier bist.“
Sein beinahe schüchternes Lächeln lässt mich erstaunt die A ugen aufreißen.
„Du bist echt süß, wenn etwas nicht so läuft, wie du es geplant hast“, entfährt es mir und ich rette mich, indem ich e inen großen Schluck Kaffee trinke – um mir natürlich die Zunge nicht nur im übertragenen Sinne zu verbrennen.
„Süß?!“, echot er und lacht. „ Mann! Ich bin ja vieles, aber ganz sicher nicht süß.“
„Hm, womit hättest du besser leben können? Vielleicht mit ... sexy?“ Natürlich provoziere ich ihn, macht doch Spaß!
„Du findest mich also sexy?“, nagelt er mich fest und ich b eschließe zu nicken. Was habe ich zu verlieren? Glaubt er ernsthaft, dass ich gestern übersehen hätte, wie geil er plötzlich wurde?
„Klar, du bist echt ein heißer Typ. Aber das dürfte ja wohl kaum was Neues für dich sein.“
„Stimmt. Aber ... wenn du hier die nächsten Wochen überleben willst, lass das nicht Gerdchen hören ...“ Er kichert.
„Der ist also wirklich scharf auf dich und du ignorierst ihn? Wieso?“
„Sagte ich das nicht gestern schon? Ist nicht mein Typ und vor allem arbeitet er letzten Endes für mich. Das käme mir wie ... Missbrauch meiner Autorität vor.“
Oh, ganz neue Töne. Das allerdings lässt sein Ans ehen bei mir steigen. „Klingt vernünftig. Falls ich dich mal angraben sollte: erinnere mich einfach dran, wie viele Tage ich noch hier arbeite, bevor ich dich vernaschen darf.“
Er stutzt und starrt mich an, als habe ich ihm gerade glau bhaft versichert, dass ich ein Ferienhaus auf dem Mars besitze.
„Ehrlich, Maik, lass das. Wir werden täglich verdammt viel Zeit miteinander verbringen und ich habe keinen Nerv, dich auf Dauer abzuwimmeln.“
Ich grinse.
Von wegen keinen Nerv, du wirst es nämlich gar nicht schaffen, mich auf Dauer abzuwimmeln, Kleiner!
„Ich wüsste da ein Gegenmittel.“ Ja, das Provozieren macht wirklich Spaß! Ich lecke mir über die Lippen und ernte einen b ösen Blick.
Okay, Warnung verstanden. Gang zurück.
„Sorry, aber das war echt eine Steilvorlage.“
„Schon okay“, sagt er und winkt ab. „Wenn du es so nötig hast, ist Gerdchen vielleicht was für dich?“
Er zieht mich auf, na ja, geschieht mir wohl recht.
„Egal was er ist, ich bin nicht interessiert“, stelle ich klar. Ich esse meinen Joghurt und folge ihm nach draußen zum Stall.
~*~
Ich sitze in Kims Geländewagen – den Sportwagen will er wohl nicht für Einkäufe missbrauchen – neben ihm und überlege, ob ich vorhin zu schroff gewesen bin. Vielleicht hätte ich ein wenig diplomatischer sein können in meiner Absichtserklärung.
Während der ersten drei Stunden im Stall, unterbrochen vom Frühstück in der Gesindeküche, zu dem Kim sich ebenfalls eing efunden hat, haben wir nur wenig gesprochen. Ich habe nur des Öfteren bemerkt, dass er mich ebenso belauert wie ich ihn.
Gut für mich, vielleicht war der undiplomatische Weg doch ganz gut. Er weiß jetzt, dass ich offenbar auf ihn abfahre – was ja leider auch stimmt. Zumindest, was meine Libido angeht.
Kim ist heiß und mein Unterleib zieht in seiner Gegenwart von Minute zu Minute mehr. Es ist ermüdend und nervig, dass mein Blut sich ständig dort sammelt. Oft genug bin ich mir sicher, dass er es sieht.
Andererseits ... genau das könnte doch den Ausschlag dafür geben, dass ich deutlich schneller an ihn herankomme und vor allem über ihn an die Informationen, die ich brauche.
Ob er von der Sache weiß? Ob er weiß, was damals hier zwischen meinem Vater und van Keppelen abg egangen ist?
„Sag mal, wie lange bist du eigentlich schon hier auf dem Gestüt? Also ... wie lange kennst du van Keppelen schon?“
Kim wendet mir den Blick kurz zu. „Seit etwas mehr als sechs Jahren. Wieso fragst du?“
„Nur so, ich bin halt neugierig.“
„Darauf, wie lange ich schon hier bin? Wieso?“
Tja, wieso eigentlich? Hätte ich mir vorher überlegen sollen, dass ich außer der nackten Wahrheit wohl noch eine Alibi-Begründung brauchen werde.
„Du hast dir jegliche sexuelle Anspielung verbeten, deshalb kann ich darauf nicht antworten“, sage ich einer Eingebung folgend und grinse frech. Immerhin hält er mich für einun dzwanzig. Da darf ich wohl auch den kleinen Draufgänger spielen, oder nicht?
Kim schnaubt missbilligend und doch sehe ich seine Augen aufblitzen. Es macht ihn eindeutig an, wenn ich so e twas sage. Gut so!
Du gehörst mir, Kleiner . Lange dauert’s nicht mehr.
„Okay, hör zu“, beginnt er nach einem tiefen Seufzen und parkt an einem Supermarkt ein. Er dreht den Zündschlüssel und wendet sich mir zu. Seine Augen fixieren mich. Er ist def initiv daran gewöhnt, jeden geradeheraus anzusehen, egal wann und in welcher Situation.
Ich schlucke reflexartig. Kommt jetzt die ultimative A bfuhr?
„Du bist auf dem Gestüt, weil Lu dich unbedingt haben wol lte. Ich hatte deine Bewerbung schon in den Papierkorb befördert.“
Wow, das ist krass! Und vor allem: Wieso erzählt er mir das?
„Aber ...“, setze ich an, doch Kims Hand schnellt hoch, um mich zu unterbrechen.
„Lass mich ausreden. Ich habe keine Ahnung, wieso er so scharf darauf war, dass du hier arbeitest. Ich kann dir aber s agen, wieso ich alles andere als scharf darauf war.“
„Aha?“
Mach’s nicht so spannend, Kleiner!
Kim nickt. „Willst du es wissen?“
„Natürlich!“ Hallo? Was ist denn das für eine bescheuerte Frage?
Er grinst kurz, wird aber sofort wieder ernst. „Du siehst zu gut aus. Ich bin schwul, aber nicht blöd, Maik. Wieso sollte ich mir eine sprichwörtliche Versuchung auf zwei Beinen auf den Hof h olen?“
„Weil du ... untervögelt bist?“, schlage ich vor und ernte einen bitterbösen Blick dafür. Leider scheint ihm der Humor abhandengekommen zu sein.
Er überlegt lange, was er darauf sagen will. „Was weißt du über Lu?“
Ich stutze. „Was ich über ...?“
Na klar, ich tische dir jetzt am besten brühwarm auf, dass dein feiner Boss und Gönner ein mieses Schwein ist, das me inen Vater ruiniert hat!
„Ja.“
„Hm“, ich reibe mein Kinn, „ich weiß, dass er ein erstklassiges Gestüt leitet, dass er gern spielt, immer auf der Rennbahn ... dass er ...“ Ein Blick aus dem Fenster, dann wieder in das hübsche Gesicht von Kim. Ich breche ab und schweige mit zuckenden Schultern.
„Dass er schwul ist?“, schlägt Kim vor und ich staune.
„Ja, hab so was gehört ...“
„Und du hast dich nie gefragt, wieso er mich so jung zu se inem Nachfolger ausgebildet hat? Wieso er mir beinahe jeden Wunsch erfüllt?“
„Nicht direkt. Ich meine ... Ich habe Gerüchte gehört über einen jungen Mann, der ... Na ja, über dich eben ... und darüber, dass van Keppelen auf hübsche, junge Kerle steht.“
„Tut er nicht. Er steht nur auf einen.“
Peng! Da ist sie ja, die Wahrheit.
„Auf dich.“ Ich presse die Lippen aufeinander und vers uche zu ergründen, welche Gefühle das in mir auslöst. Enttäuschung? Frustration? Weil ich nicht so an Kim herankomme, wie ich es gern würde?
„Auf meinen Körper“, stellt Kim mit neutralem Ton klar.
„Und du? Stehst du auf ihn?“ Muss ich jetzt wohl fragen, allein schon, um meine Möglichkeiten der Informationsbeschaffung neu zu sondieren.
„Nein. Aber ich gebe ihm, was er will, damit ich kriege, was ich will.“
Ich blinzle, starre Kim an, sehe aus dem Fenster und wieder zu ihm. Währenddessen überschlagen sich meine Gedanken.
„Du bist seine Hure“, flüstere ich. Klingt seltsam, wenn ich es ausspreche.
Kim atmet geräuschvoll durch. „Kann man so sagen, denke ich.“
„Und ... wieso sagst du mir das?“
Er hebt die Schultern. „Damit du weißt, dass es keinen Sinn macht, mit mir in der Kiste landen zu wollen.“
Interessante Logik. „Aber du sagst, du stehst nicht auf ihn. Auf mich stehst du dagegen zwischenzeitlich sehr deutlich.“
Es soll triumphierend klingen, aber das tut es nicht.
„Siehst du und damit weißt du auch, wieso ich dich nicht auf dem Gut wollte.“
„Und ich weiß, was du damit meintest, dass du noch zu was a nderem taugst ...“ Die Worte schmecken bitter auf meiner Zunge. Ist das Mitleid? Ich kann mir verdammt noch mal kein Mitleid leisten! Van Keppelen hatte auch keines und ich werde den Teufel tun, jetzt irgendwen zu schonen!
„Ja, das meinte ich.“
„Du meinst, du hast keinen Spaß außerhalb dieser Sache mit van Keppelen?“
Er schüttelt den Kopf. „Doch, habe ich. Anonym, unverbin dlich, One-Night-Stands eben.“
„Aha. Und wenn ... Ich meine, was willst du machen, wenn du dich mal in jemanden verknallst?“
Er lacht spöttisch auf. „Herrje, kommt jetzt das Theater von der großen Liebe? Brauche ich nicht, will ich nicht. Für mich zählt nur, was ich habe. Mir fehlt der Nerv für Luftschlösser und Trä umereien.“
Klares Statement, in der Tat. Ich nicke.
„Verstehe ich. Okay, aber was denkst du, wieso wollte van Keppelen, dass ich hier arbeite?“
Er schürzt die Lippen auf eine Art, die mein Blut gleich wi eder in Wallung bringt. Wenn er nur nicht so sexy wäre! Wieso sieht er nicht ein bisschen unscheinbarer aus, ein bisschen unförmiger vielleicht auch? Es wäre viel leichter, ihn zu benutzen, wenn er nicht so dermaßen von sich überzeugt wäre!
„Ich glaube, das liegt an deinem Namen.“
„Fallner.“ Ich nicke. „Wie Justin Fallner. Der Jockey.“
Kim mustert mich und nickt. „Ist er dein Vater?“
Ich schnaube. „Und wenn? Was spielt das für eine Rolle?“
„Für mich keine.“
„Hör zu, ich will darüber nicht reden, ja? Ich ... ja, er ist mein Vater. Aber ich habe nichts mit ihm zu tun. Hab ihn vor sieben oder acht Jahren zuletzt gesehen.“ Das ist sogar die Wahrheit.
„Hey, schon okay. Mir musst du nichts erklären. Und du siehst nicht aus wie der Sohn eines Jockeys ...“ Er grinst und misst mich mit einem aufreizenden Blick von Kopf bis Fuß.
„Ich komme mehr nach meiner Mutter und deren Familienseite. Kann nicht sagen, dass mir das lei dtut.“
„Mir auch nicht“, entfährt es ihm und er blickt von sich selbst überrascht nach vorn.
Ich beuge mich dicht zu ihm, bringe meine Lippen ganz nah an sein Ohr und hauche: „Wenn du nicht willst, dass ich über dich herfalle, solltest du mich weder so ansehen noch solche Dinge sagen.“
Er schaudert und bleibt steif sitzen. Ich ziehe mich z urück und öffne die Tür. „Komm schon, ich muss einkaufen und dein Kühlschrank braucht auch eine Füllung.“
Zwei Kisten mit allem, was Maik für sich und ich für mich brauchen werde in dieser Woche, stehen im Kofferraum des R overs. Ich klettere auf den Fahrersitz und versuche, nicht über das nachzudenken, was wir vorhin hier in diesem Wagen besprochen haben.
Er weiß es. Dass ich Lus Hure bin. Dass ich ...
Während er neben mir in den Sitz sinkt, fällt mir der let zte Satz wieder ein. Der, den er so aufreizend in mein Ohr geflüstert hat. Worte, die mir eine Gänsehaut und einen Ständer beschert haben. Innerhalb von Sekunden.
Scheiße, das muss aufhören!
Aber wie soll ich ihn auf Abstand halten, wenn er mich so anzieht?
Das wird so oder so echt schwierig, wenn mein Kopfkino so lche Kapriolen schlägt.
„Hast du alles?“, erkundige ich mich.
„Ja, denke schon, falls nicht, muss ich eben noch mal los.“ Er schweigt danach und ich fahre los zurück zum Gestüt.
„Denk dran, dass du Theodora bescheid sagst, d amit sie dich für das Essen nur einplant, wenn du in der Küche mitessen willst.“
Maik seufzt und lehnt sich tiefer in den Sitz. „Ich muss le rnen. Deshalb werde ich wohl höchstens noch mittags bei ihr essen. Ich hoffe, sie ist deshalb nicht sauer.“
„Höchstens, weil sie neugierig ist und gern wüsste, wie es dir geht, aber das wird sie auch mittags vor allen anderen aus dir rausquetschen.“ Ich kann ein Kichern nicht mehr unterdr ücken.
„Du hast mir gar nicht gesagt, wie alt du bist“, sagt er i rgendwann.
„Sechsundzwanzig. Wieso fragst du? Spielt das irgendeine Rolle?“
„Nein, eigentlich nicht. Ich war nur neugierig. Kennst mich doch.“ Irgendwie werde ich den Verdacht nicht los, dass es durchaus einen echten Grund für die Frage gibt, aber wenn er es nicht sagen will, bitte sehr.
Wir erreichen den Hof und laden unsere Kisten aus. Ein Li eferwagen steht vor dem Gutshaus und ich gehe auf den Fahrer zu, der Gepäckstücke neben sich stehen hat.
„Guten Tag, Andreesen. Kann ich Ihnen helfen?“
Der Bote nickt. „Ich suche Herrn Fallner.“
Ah, Maiks Gepäck also. Ich deute auf das Nebengebäude, in welchem nicht nur meine Wohnung, so ndern auch die von Maik sich befindet. „Die linke Tür dort“, sage ich zum Boten und er nickt mich dankbar an.
Meine Einkäufe bringe ich in die Küche, räume sie gleich aus und ziehe mich anschließend wieder um. Ich muss zwar heute nicht mehr zwangsläufig reiten, da Maik bereits einige Pferde auf die Weide gebracht hat, aber ich versaue mir in den Ställen lieber die Reithosen als meine private Kleidung.
Als ich wieder ins Freie trete, ist der Lieferwagen weg und von Maik natürlich keine Spur. Bestimmt packt er grade seine Koffer aus.
Ich gehe zu seiner Tür und steige, nachdem ich hinaufger ufen habe, die Treppen rauf.
Er streckt den Kopf aus seinem Schlafzimmer und grinst. „Willst du mir beim Auspacken helfen?“
Ich erreiche die Diele und bleibe stehen. Nein, natürlich will ich das nicht! Aber ich lehne mich in den Türrahmen, während er zwischen dem aufgeklappten Koffer auf dem Bett und seinem Kleiderschrank hin und her geht.
„Tut mir leid, aber ich habe bisher kaum Zeit gehabt“, sagt Maik und ich runzele die Stirn. Mit wem spricht er denn da?
Als er sich wieder umdreht, um einen Stapel Shirts in den Schrank zu räumen, sehe ich den Knopf in seinem Ohr und begreife, dass er telefoniert. Ich beschließe, in der Wohnküche zu warten.
Die Kiste mit den Einkäufen steht auf dem kleinen Esstisch, o ffenbar hat der Bote ihn überrascht und von seinen Plänen abgehalten. Ich überlege ganz kurz, ob ich die Sachen ausräumen soll, aber irgendwie ... sollte ich besser nicht vergessen, dass ich sein Boss bin.
Ich wandere in dem Raum auf und ab.
„Okay, bis dann. Und weiterhin viel Erfolg!“, sagt Maik und klingt näher. Ich drehe mich zu ihm um und sehe, wie er den Knopf aus dem Ohr nimmt und mich anlächelt. „Mein Kumpel hat sein erstes Turnier gewonnen und sich beschwert, dass ich gestern nicht erreichbar war.“
Ich nicke. Interessiert mich das?
„Schon okay. Ich wollte nur kurz besprechen, was heute noch läuft.“
Er macht sich daran, den Einkauf auszuräumen und hört mir zu, während ich ihm erkläre, welche Pferde er noch bew egen muss, wann der Rundgang beginnen dürfte und vor allem, was er tun soll, wenn er mit allem fertig ist.
„Die Ferienjobber wohnen drüben auf der anderen Seite in den Unterkünften der festen, auf dem Hof lebenden Arbeitskräfte. Dort werden wir wohl auch mit der Führung begi nnen. Heute schaffen wir den Ausritt über das Gelände nicht mehr, den setze ich für Mittwoch an. Aber das klären wir noch.“
„Ist okay. Ich wollte mir noch Hellygirl ansehen, sie hatte heute früh ein dickes Sprunggelenk.“ Oh, das hat er mir gar nicht g esagt!
„Und wieso weiß ich davon nichts?“, frage ich eine Spur schärfer als geplant.
„Ich habe es André gezeigt und er hat mir verraten, wo ich alles für einen Umschlag finde. Es dürfte ihr jetzt wieder besser gehen.“ Er bleibt still stehen und sieht mich an. „Aber wenn es dir lieber ist, werde ich dir demnächst jeden Bremsenstich und alles melden.“
Er klingt ein wenig säuerlich. Wieso eigentlich?
„Hm, ich weiß ja, dass du Tiermedizin studierst, aber in Zukunft will ich über solche Dinge informiert werden.“
Er verschränkt die Arme vor der Brust und lehnt sich mit seinem Hintern an die Anrichte. „Hättest du etwas anderes gemacht, als einen essigsauren U mschlag anzulegen?“
„Nein, vermutlich nicht. Hast du überprüft, ob die Schwe llung von einer Verletzung stammt?“
Er schnaubt. „Hältst du mich wirklich für einen Anfänger? Natürlich habe ich nachgesehen. Keine sichtbare Ve rletzung, nur die Schwellung. Im Übrigen eine sehr kleine Schwellung. Ich wollte nur auf Nummer sicher gehen.“
„Schon gut!“ Ich hebe abwehrend die Hände. „Ich bin es nicht gewohnt, dass jemand ohne mein Wissen handelt, das ist alles.“
„Wolltest du nicht nach deinen neuen Schützlingen gucken?“ Wow, ich habe ihn wirklich verärgert. Vielleicht muss ich mich daran gewöhnen, dass er genauso viel Sachverstand mitbringt wie ich selbst.
„Hey, ich habe die Verantwortung für weit mehr als achtzig Tiere. Wie soll ich den Überblick behalten, wenn ich nicht i nformiert werde?“
„Ja, verstanden. Könntest du mich jetzt trotzdem in Ruhe lassen, damit ich schnell wieder in den Stall kann?“
Ich nicke und verlasse seine Ferienwohnung. Er hat ja recht, wenn ich schon den Boss raushängen lasse, brauche ich nicht erwarten, dass er mich auf einen Kaffee einlädt ...
~*~
Die drei Neuen sind genauso, wie ich es erwartet habe. Jung, neugierig, aufgeregt. Sie betrachten mich, als wäre ich ein Ungeheuer und ich habe gerade nicht den Nerv, sie vom Gegenteil zu überzeugen.
Sollen sie heute ruhig ein bisschen ehrfürchtig sein, die a nderen Mitarbeiter werden ihnen schnell genug erklären, dass ich kein Tyrann bin.
Klaus, Christian und Nils jedenfalls sind pünktlich und verbri ngen nicht annähernd so viel Zeit mit dem Auspacken ihrer Sachen, wie ich befürchtet habe.
Die drei sind ein recht bunter Haufen. Klaus ist blond, hat eine Stupsnase und Sommersprossen, ist sehr schlank und hochgewachsen, ich würde behau pten wollen, er ist so groß wie Maik.
Blöder Gedanke!
Christian ist dunkelblond, hat ein paar mehr Muskeln als Klaus und ist ungefähr so groß wie ich, also eine handbreit kleiner als ... Maik.
Verdammte Tat!
Wenn ich gedanklich schon nicht auf Abstand bleiben kann, wie soll ich es dann in anderer Hinsicht auf Dauer schaffen?!
Nils ist ein ganzes Stück kleiner, vielleicht einssiebzig, und hat braunes Haar und braune Augen. Irgendwie erinnert er mich a n Schokolade ... Seine Statur ist noch schmaler, wirkt insgesamt kindlicher und er ist auch der Jüngste der drei.
Ihn will ich in den Stall der Renner schicken. Laut seiner Bewerbung trainiert er in einem Rennstall bei sich zu Hause die G alopper.
Im Grunde überlege ich immer schon, während ich die Bewerbungen durchsehe, wohin ich den entsprechenden Kand idaten schicken kann.
Klaus und Christian sind zu groß und zu schwer für unsere Rennpferde, deshalb habe ich sie von vornherein im Stall der Stuten und bei den Fohlen eing eplant.
Um vierzehn Uhr stehen alle drei vor mir auf dem Hof und ich spüre eher, als dass ich ihn sehe, dass auch Maik hinter mir auftaucht. Ich wende den Kopf und kann ein Lächeln nicht mehr ganz unte rdrücken.
Er trägt schwarze Reithosen und die blankpolierten Stiefel lassen seine sowieso schon so endlosen Beine noch länger erscheinen. Kräftige Oberschenkelmuskeln spannen sich bei jedem seiner federnden Schritte auf mich zu unter dem Stoff der Hose. Er trägt jetzt ein kurzärmeliges Hemd, grünschwarzweiß kariert, die oberen zwei Knöpfe offen gelassen.
Meine Güte, allein sein Anblick bringt mich schon auf To uren! Er erwidert mein Lächeln und ich deute fahrig auf ihn, während ich mich wieder den drei Neuen zuwende.
„Das ist Maik Fallner, ebenfalls ein Ferienjobber. Er hilft im Reitpferdestall und versorgt unsere Turniertiere. Zum Mitta gessen werdet ihr ihn vermutlich täglich sehen, aber jetzt will ich euch erst mal den Hof und eure jeweiligen Kollegen vorstellen.“ Alle vier folgen mir zur Mitte des Hofes, wo ich erneut, mit dem Rücken zum Gutshaus, stehenbleibe.
„Rechts von der Einfahrt liegen im Grunde nur meine Wohnung und der Reitpferdestall. Gegenüber dem Gutshaus liegen die EU- Besamungsstation, der Hengststall und der Rennpferdestall. Dort wirst du dich aufhalten, Nils. Das Labor werdet ihr alle kennenlernen, um eurer Wissen über die Gewinnung, Aufbereitung und Lagerung von Sperma zu erweitern. Ebenso natürlich die Eizellgewinnung aus unseren Zuchtstuten und die Befruchtung und Einsetzung bei den Leihstuten.“ Vor meinem inneren Auge, sehe ich förmlich, wie Maik grinst, spare es mir aber, ihn anzusehen. Ich kann jetzt wirklich keinen Ständer gebrauchen!
„Die Muttertiere und die Eizellspenderinnen stehen in den Stallu ngen links. Sie sind etwas zurückgelagert hinter eurem Quartierhaus und den Scheunen, um die teilweise sehr schreckhaften Stuten nicht mit Motorenlärm und anderem Krach zu beeinträchtigen.“
Ich drehe mich um und deute rechts neben das Gut shaus. „Da hinten liegen eine weitere Scheune und die Rennbahn. Links vom Haus seht ihr die offene Reithalle und die Reitplätze für die Turnierpferde. Wir haben zwar nicht viele davon, aber dafür einige echte Champions.“
Ich mustere alle vier nacheinander. „Bisher irgendwelche Fragen?“
Einhelliges Kopfschütteln. „Gut, dann sollten wir den Rundgang beginnen.“ Ich setze mich wieder in Bewegung und spüre Maiks Blicke auf meinen Hintern nur zu deutlich. Es macht mich irre, dass wir gerade Gesellschaft haben. Mir bleibt nichts weiter, als ihn nach besten Kräften zu ignorieren.
Wir betreten zuerst den Hengststall, in welchem sich derzeit kaum Tiere befinden. Chris und Karl haben sie allesamt nach draußen auf die Weiden gebracht und sind damit beschäftigt, die Boxen zu ric hten. Ich stelle alle einander vor, wir gehen weiter. Der Stall der Rennpferde dagegen liegt nicht so ausgestorben da. In ihm arbeiten Maike und – wie ich erstaunt bemerke, weil er erst morgen wieder Dienst hat – Gerdchen.
Na prima, dann haben er und Sandra offensichtlich den Dienst getauscht ...
Irrtum! Im nächsten Augenblick kommt ebenjene mit einem vo llen Wassereimer in die Stallgasse. „Oh, hallo, Boss! Sind das die Neuzugänge?“, fragt sie auch gleich und grinst.
„Ja genau. Das hier sind Nils, Klaus und Christian. Nils bleibt die nächsten acht Wochen bei euch.“
Maike kommt aus einer Box und tritt vor ihn. „Hi, Maike. Du kannst Galopper trainieren?“
Nils grinst. „Ja, kann ich. Habt ihr für heute schon alle durch?“
Ich freue mich über diesen Enthusiasmus und beobachte schweigend, wie Gerdchen endlich aus seiner Starre erwacht und auf unsere Gruppe zukommt. Er ist klein, nur einsfünfundsechzig groß. Perfekt für einen Jockey und genau das ist er ja hier auch.
„Hi, Boss!“, grüßt er mich, wendet den Blick aber nicht von Maik, der ihn freundlich ansieht. „Ich bin Gerd, aber alle ne nnen mich nur Gerdchen.“
Gebannt verfolge wohl nicht nur ich die Szene. Was auch immer ich erwartet habe, Gerdchen übertrifft es locker.
„Freut mich“, erwidert Maik. „Ich bin Maik Fallner.“
Er streckt Gerdchen die Hand hin und ich erwische mich d abei, keine Berührung der beiden sehen zu wollen. Es sieht auch irgendwie albern aus. Maik ist fast einsneunzig groß und Gerdchen sieht aus wie ein Standgebläse ... Deshalb wende ich den Blick auf Maike und Sandra, die breit grinsend und sich gegenseitig anstoßend dastehen.
Ich weiß genau, was sie gleich zu tuscheln haben werden.
„Gerdchen, was tust du hier? Du bist erst für morgen eingeteilt“, zerschneide ich die andächtigen Blicke, die Gerdchen Maik zuwirft. Sein Kopf fährt zu mir und er mustert mich betreten.
„Ich ... hatte Sehnsucht nach ... dem Stall.“
Okay, das reizt mich zu einem Grinsen, das ich ziemlich mühsam unterdrücken muss.
„Darüber sprechen wir noch“, gebe ich zurück und mein Blick lässt ihn nervös seine Handflächen an seinen Reithosen abwischen.
Ich verlasse den Stall nach einem weiteren Blick in die Runde und sehe viel zu spät und mit einem seltsam unguten G efühl im Bauch, dass mir zwar die drei Neuen folgen, nicht aber Maik. Er ist angeregt in eine Plänkelei mit den Mädels und Gerdchen vertieft.
„Maik?!“, rufe ich vom Eingang und er wendet den Kopf auf eine Art, die mich gleich wieder anmacht. So elegant. Wie ein Pferd seinen Kopf wendet. Definitiv, er hat die majestätischen Bew egungsabläufe eines edlen Pferdes.
„Ich komme!“, ruft er zurück und setzt sich nach ein paar weiteren Worten an Gerdchen in Bewegung. Während ich d arauf warte, dass er vor mir ankommt, sehe ich, dass Gerdchen ihm schmachtend nachblickt.
~*~
Nach dem kleinen Rundgang durch das Gutshaus setze ich für übermorgen den Ausritt über das Gelände an und liefere Nils, Klaus und Christian an ihren neuen Einsatzgebieten ab.
Mit einem Gruß verabschiede ich mich und kehre vo m Stutenstall aus über den gepflasterten Weg zwischen Scheune und Hengststall zurück zum Hof.
Maik geht neben mir, wirkt abwesend, sehr nachdenklich. Ob er ahnt, wie seltsam es sich angefühlt hat, Gerdchens be inahe hungrige Blicke auf Maiks Rückseite mitansehen zu müssen?
Gerdchen! Zu dem muss ich ja gleich auch noch.
„Hat dir der Rundgang gefallen?“, frage ich, um überhaupt irgendetwas zu sagen.
„Ja, war interessant. Auch wenn ich vermutlich kaum e inen Teil der Gebäude noch mal von innen sehen werde.“
„Niemand bindet dich im Reitstall an. Wenn du zum Be ispiel bei den Mahlzeiten mitkriegst, dass irgendwas Spannendes ansteht, kannst du ruhig zugucken gehen, sofern du deine eigentliche Arbeit hinterher nachholst.“
Er lacht leise und mustert mich. „Du führst hier ein ziemlich l iberales Regiment. Hast du keine Angst, dass das mal jemand ausnutzen könnte?“
„Inwiefern?“
„Na, zum Beispiel ... könnte ich behaupten, mir eine Insemination ansehen zu wollen und stattdessen irgendwo mit dem süßen Gerdchen rummachen.“
Ich stocke mitten im Schritt und starre ihn an. „Bitte was?“
„Du hast mich sehr genau verstanden. Ich hab keine Ahnung, wieso du ihn nicht mal nagelst. Der schreit doch förmlich danach ...“
Ich seufze. „Ja, neuerdings bei dir. Aber wenn ich mich auf so etwas einließe, hätte ich ein echtes Problem, sobald ich g enug von ihm habe. Schon mal drüber nachgedacht? Weder er noch ich werden in zwei Monaten von diesem Hof verschwinden.“
Meine Anspielung auf seinen zeitlich begrenzten Aufenthalt kommt offensichtlich bei ihm an. Er presst die Lippen zu einem schmalen Strich aufeinander und schweigt.
„Also hast du nicht drüber nachgedacht?“, hake ich nach.
„Doch, sicher, aber es gefällt mir irgendwie nicht, wenn du mir so deutlich sagst, dass ich eben nur so kurz hier sein we rde. Ich meine ... ich weiß es, aber es so vor den Latz geknallt zu kriegen ist ... unhöflich.“
„Unhöflich? Maik, ich bin nur realistisch! Wenn du unb edingt Ärger riskieren willst, fang doch was mit ihm an! Ich werde ganz sicher nicht darüber urteilen. Aber ich weiß jetzt schon, bei wem er sich hinterher über das gutaussehende Arschloch beschweren wird.“
Nun grinst er. „Gutaussehendes Arschloch? Hör mal, nur weil du lieber anonymen, schnellen Sex hast, gilt das nicht gleich für jeden Schwulen, okay? Ich bin durchaus jemand, der sich erns thaft für seine Mitmenschen interessieren kann. Und das sicher nicht, weil sie mir dafür einen Haufen Kohle in den Arsch schieben!“ Spricht’s und macht abrupt kehrt, um im Stall der Turnierpferde zu verschwinden.
Ich sehe ihm blinzelnd und zugegebenermaßen recht perplex nach. Hat er mich gerade wirklich dafür angezählt, dass ich mein Leben nun mal so lebe?
Klar, er hat ja recht, aber das hat eindeutig vorwurfsvoll geklungen. Ohne darüber nachzudenken, folge ich ihm.
„Jetzt pass mal auf!“, setze ich an und bin insgeheim froh, dass jetzt um siebzehn Uhr keiner mehr im Stall arbeitet. Maik bleibt stehen und wendet den Kopf.
„Was denn?“ Er klingt ungeduldig und genervt.
„Ich habe dir das nicht erzählt, damit du es mir lauthals auf dem Hof ins Gesicht brüllst, klar? Mir ist scheißegal, was du von mir denkst, aber du wirst es dir in Zukunft verkneifen, mir so was in der Lautstä rke zu sagen!“
Oh ja, ich bin wütend. Nein, um ehrlich zu sein, bin ich enttäuscht. Sein Gebrüll eben hat mein Vertrauen mis sbraucht!
„Worüber regst du dich eigentlich auf?“, fragt er mit lauer ndem Ton. „Darüber, dass du es mir erzählt hast? Oder doch eher darüber, dass ich dich deswegen für eine opportunistische, geldgeile Schlampe halte?“
Autsch, das sitzt. Aber wieso macht ihn diese Sache plöt zlich so wütend?
„Ich habe nie behauptet, dass ich das nicht wäre! Ja, ich halte für ihn den Arsch hin und ja er ist b esessen von mir!“
„Und du nutzt das eiskalt aus“, er schnaubt verächtlich, „du lässt dich von ihm ficken und hältst auch noch die Hand auf. Bist du deswegen etwa stolz auf dich?!“
Okay, jetzt reicht’s mir!
„Es geht dich einen Scheiß an, verstehst du das?! Du magst ja in deiner kleinen, heilen Traumwelt von Liebe und Glücks eligkeit leben, aber die existiert für mich nicht!“
Maiks Gesichtsausdruck verändert sich, nun liegt Mitleid in se inen hellen Augen. „Vielleicht existiert es für dich wirklich nicht ... aber das tut es für andere.“
Was meint er denn damit nun wieder?
„Was ...?“, stoße ich hervor und spüre, dass ich vor Anspannung und Wut zittere.
„Schon gut.“ Er wendet sich ab und geht in Richtung Sattelkammer. „Du würdest es doch nicht ve rstehen ...“
Nein, stimmt, ich verstehe gar nichts mehr, verdammt noch mal!
Ich sehe ihm nach und überlege, ob ich dem noch etwas hinzufügen muss, allein schon, um als Boss das letzte Wort zu haben. Doch mir wird gerade noch rechtzeitig klar, dass unser Streit genauso wenig mit unseren Jobs hier zu tun hat, wie es das Gespräch im Auto heute Vormittag gehabt hat.
Seine Schultern hängen herab und überhaupt ... er hat traurig geklungen, vielleicht verletzt, bei seinen letzten Worten. Sogar sein Kopf hängt herab, während er mit irgendwie müde wirkenden Schritten davongeht.
Ich wende mich hastig ab, unterdrücke den drängenden Impuls, ihm nachzugehen und irgendwas Nettes zu sagen. Wobei ... was könnte ich denn auch sagen?
Wieso wirkt er so verletzt? Was habe ich ihm denn ...?
Nein!
Ich schüttle ruckartig den Kopf und versuche, nicht darüber nachzudenken, worum es seit Beginn des Streits eigentlich gegangen ist: um Liebe.
Dieses abstrakte, für mich einfach undenkbare Ko nstrukt, das viele nur dazu benutzen, andere für ihre Übellaunigkeit und Unzufriedenheit verantwortlich zu machen.
Seufzend gehe ich über den Hof und finde mich wenig später auf dem Weg zu den Koppeln, jenseits des Sprin gplatzes.
„Was willst du hier?“
Gute Frage! Aber wenn ich sie dir beantworte, ist der ganze Spaß dahin, Kleiner ...
Ich lächele ihn an, als ich zu ihm in die Küche trete.
Den ganzen restlichen Tag sind wir uns aus dem Weg gegangen, der Streit und mein angedeutetes emotionales Interesse an ihm haben einen Köder ausgelegt, den er – zumindest gemessen an seiner jetzigen Verwirrung – geschluckt hat. Gut so!
Kim ist herumgefahren, verwundert und auch ein wenig genervt zieht er seine Augenbrauen zusammen.
Ich hebe die Schultern. „Tut mir leid wegen vorhin“, sage ich und lasse meine Finger über die glatte Granitoberfläche der Theke gleiten. Er sieht darauf, wie ich bemerke , schluckt sogar sichtbar. „Es ... war nicht richtig, dich so anzubrüllen. Du kannst ... ja nichts dafür, dass ich ...“
Ich lasse meine Worte bedeutungsvoll ausklingen und bleibe erst direkt vor ihm stehen. Ich weiß genau, dass ich den Köder noch ein wenig länger vor seiner Nase baumeln lassen muss, aber die Tatsache, dass er vollkommen kopflos aus dem Stall auf die We iden geflohen ist, lässt mich daran glauben, dass er wirklich denkt, ich hätte mich in ihn verliebt.
„Schon okay“, bringt er hervor und muss sich gleich darauf räuspern.
Meine Hand hebt sich an seine Brust, streicht mit den Fingerspitzen darüber, als suche sie Halt. Und, das muss ich leider zugeben, das ist kein Schauspiel. Aus irgendeinem Grund suche ich diesen Halt tatsächlich. Jetzt. Bei Kim.
„Ich ... gute Nacht“, sage ich und wende mich ab, bevor meine Hände sich selbständig machen.
Ich haste zum Ausgang, entweder er beißt jetzt an oder gar nicht. Die Tür hastig hinter mir zugezogen stehe ich allein auf dem dunklen Vorplatz des Hauses. Tief durchatmen, umwenden, nach rechts zu der Tür, die mich in meine Ferienwohnung führt.
Es dauert noch eine Weile, in der ich ins Nichts starrend im dunklen Wohnraum auf dem Sofa sitze, dann höre ich die Tür an der Treppe und lausche in die Stille.
Kim kommt langsam, mit zögerlichen Pausen zwischen den Schritten nach oben und wendet sich in der Diele hin und her. „Maik?“, ruft er mit gesenkter Stimme.
Keine Ahnung, wieso, immerhin leben in diesem Haus nur zwei Leute.
„Was ist?“, frage ich dagegen und seufze hörbar. Ich sehe seine Silhouette in der Diele und sie kommt näher.
Mein Blut beginnt zu kochen, glaube ich. Jedenfalls fällt es mir schwer, an meinem Plan festzuhalten. Ich will ihn haben, ich muss ihn haben!
Ich weiß, dass ich ihn damit maßlos hintergehe – und nicht nur ihn. Aber für diese Abrechnung mit Ludwig van Keppelen ist mir absolut jedes Mittel recht!
Kim kommt näher und stößt gegen meine lang ausgestrec kten Beine.
„Maik, ich ...“, murmelt er. „Es tut mir leid.“
„Was denn? Meine Träumereien? Mein Glaube an Dinge, die du für dich nicht siehst?“, fahre ich ihn an und mildere meinen Ton wieder, bevor ich weiterspr eche. „Du kannst doch nichts dafür, mach dir keine Gedanken.“
„Aber es ... Irgendwas ist da zwischen uns.“
„Ja, wir ziehen uns gegenseitig an und am liebsten mit Bl icken und Gedanken aus. Glaubst du wirklich, ich wüsste das nicht?“
„Aber das reicht dir nicht?“, fragt er zögerlich.
Ich kichere bitter. „Hey, ich bin nicht derjenige, der nicht mit ‚Untergebenen‘ vögelt, okay?“
„Also ...“, sagt er und sinkt neben mir auf das Sofa. Seine warme Hand legt sich auf meinen Oberschenkel und brennt sich durch den Stoff meiner Jeans. „Geht es nur um Sex?“
Das wäre für dich am einfachsten, nicht wahr, Kle iner?
„Keine Ahnung, vielleicht ... Ich meine ... vielleicht hört das, was-auch-immer da zwischen uns ist, dann auf?“ Nein, das wird es nicht, aber in jedem Fall werden sich meine Hormone beruhigen. Und Kims auch. Obwohl ... Er ist eine Nutte. Nichts weiter.
Leider schreckt mich dieser Gedanke kein bisschen ab. Eigentlich müsste sich doch alles an mir in Wackelpudding verwandeln, wenn ich nur daran denke, was für ein rüc kgratloser Kerl Kim ist.
Meine Hand legt sich auf seine. Es prickelt durch meinen ganzen Arm. Ja, verdammte Scheiße, ich will ihn. Will ihn nehmen und dafür sorgen, dass er niemals vergisst, wie es sich anfühlt, wenn jemand ohne materielle Gegenleistung mit ihm schläft.
„Fickst du ihn auch?“, frage ich in die Dunkelheit. Es interessiert mich nicht privat, aber dieses Detail ist wichtig für meine Planung.
Er wendet im Dunklen den Kopf zu mir. Auch wenn ich nur unterschiedlich tiefe Schatten sehe, habe ich seine hel lgrauen Augen genau im Kopf.
„Nein. Nur er mich.“ Er flüstert es, ich spüre den Lufthauch se ines Atems auf meinem Gesicht, so nah ist er mir.
Meine andere Hand gleitet an seine Wange, in seinen N acken, ich ziehe ihn dichter und hauche in sein Ohr: „Ich will dich, Kim. Ich will mit dir schlafen, in dir kommen und dich schreien hören ...“
Er schaudert und doch zieht er sich zurück und seufzt tief.
„Was ist?“
Die Antwort bleibt er mir schuldig, stattdessen steht er auf und geht zur Diele. „Ich muss nach unten, meine Pizzab aguettes sind sonst Kohle. Kommst du?“
Ich starre ihm perplex nach, schlucke hart und kann übe rhaupt nicht anders. Ich folge ihm.
Während ich mich frage, ob er wirklich denkt, dass es nach einem Fick vorbei ist mit dieser unheimlichen Erregung, die uns jedes Mal befällt, schaltet er den Ofen in seiner Küche ab und dreht sich an der A nrichte lehnend zu mir um.
Es dauert keine zwei Sekunden, bis ich vor ihm stehe, meine Hände neben ihm auf der Arbeitsfläche abgestützt, mein Gesicht so nah an seinem, dass ich seinen Atem ebe nso spüren kann wie er meinen.
Seine Hände legen sich auf meine Schultern, ich dränge meinen Unterleib an ihn.
Soll er ruhig spüren, wie geil er mich macht.
„Du willst mich also ficken?“, flüstert er an meinem Ohr und streckt den Kopf nach hinten, um mir seinen Hals a nzubieten. Ich denke nicht weiter nach, meine Zunge gleitet schon über seine Haut, lässt mich beinahe vergessen, was ich vorhabe.
„Ja, will ich. Ich will dich, jetzt.“ Mehr bringe ich nicht hervor, presse mich dichter an ihn und spüre, dass er g enauso geil ist wie ich.
Kein Zurück, Kleiner, heute Nacht gehört dein süßer Arsch mir.
Hellgraue Augen, die jede meiner Regungen beobachten, in sich aufzusaugen scheinen. „Jetzt und hier?“, hakt er mit belegter Stimme nach.
Ich schlucke.
„Schlafzimmer.“ Ich will nicht mehr in ganzen Sätzen sprechen, ich will spüren, ihn, um mich, an mir.
Ob er weiß, wie sehr mich allein diese Kombination von pechschwarzem Haar und seinen beinahe silbe rnen Augen anmacht?
„Kim, ich finde dich ...“, ich schlucke und nutze die Kunstpause, um seine Aufmerksamkeit zu bündeln, „… hör mal, du bist eine Zwölf, auf einer Skala von eins bis zehn, kannst du mir da wirklich vorwerfen, dass ich so auf dich abfahre?“
Dass ich gerade die Wahrheit gesagt habe, macht meine Wo rte glaubwürdig, zeigt mir aber auch, wie es tatsächlich um mich steht. Er ist sexy, unglaublich sexy für mich. Ein pures, hundertprozentiges Aphrodisiakum auf zwei endlos langen Beinen.
„Eine Zwölf?“, hakt er nach und ich muss lächeln über den Unglauben in seiner Stimme.
Ich nicke. „Oh ja!“
„Du meinst also ...“, beginnt er und legt seine Handflächen auf meiner Brust ab, „dass wir ein wenig Spaß haben sollten?“
Er hat angebissen, ich kann es kaum fassen. Zusätzlich zu der Tatsache, dass mein Schwanz hart und schmerzhaft in meiner Jeans pocht, breitet sich ein echtes Lächeln auf meinem Gesicht aus. Ich nicke noch einmal.
„Ja, das meine ich.“
Er lächelt, ein diebisches, nein schon fast räuberisches Lächeln. Ich muss blinzeln.
Meine Fresse, bist du geil, Kleiner!
Seine Hände gleiten auf meine Schultern und er zieht mich dichter an sich. Zum ersten Mal spüre ich die Kraft, die in ihm schlummert, und sie erregt mich noch weiter. Ich stöhne leise.
„Ich will dich in deinen süßen Arsch ficken“, knurre ich an sein Ohr. Ein Zittern durchläuft seinen Körper, an seinem la ngen Hals bildet sich Gänsehaut. Genau da, wo mein Atem ihn streift. Ich neige den Kopf weiter und lasse meine Lippen, meine Zungenspitze über die warme, so gut riechende Haut gleiten.
Er reagiert mit einem weiteren, noch stärkeren Schaudern und seufzt leise. Kim schluckt hart, als meine Zunge über seinen Adamsapfel gle itet.
„Maik!“, haucht er und entlockt mir ein weiteres Knurren. Meine Hände gleiten um ihn, ich ziehe ihn von der Anrichte weg und greife an seinen Hintern. Meine Finger krallen sich in seine Jeans, er stöhnt erneut auf und hält sich an mir fest.
Oh ja, du bist Wachs in meinen Händen, Kleiner. Ich werde genau das kriegen, was ich will. Du wirst es genießen, dich von mir ficken zu lassen.
Denn ja, ich will ihn, auf eine schmerzhafte Weise, aber ich will ihn nicht nur einmal haben. Ich will, dass er nicht genug von mir bekommt, dass er sich in mich verliebt.
Er ist van Keppelens Hure, aber ganz sicher verbindet die beiden nichts Emotionales. Und ich werde den Teufel tun, den süßen Kim genauso zu behandeln.
Ich will, dass er jede meiner Berührungen genießt.
Seine Lippen legen sich an meinen Hals, direkt unter meinem Ohr. Oh ja, er ist hungrig, nach Nähe, nach Wärme. Wie kann das sein?
Er müsste doch genug Sex haben, täglich, wenn ich bedenke, dass ich erst seit vorgestern hier bin und van Keppelen ihn mindestens zweimal durchgeno mmen hat ...
„Das Schlafzimmer ist hinten“, murmelt Kim an meinem Hals. Ich lasse ihm etwas Abstand und grinse. Meine Zunge fährt im Reflex über meine Lippen. Er sieht es und l ächelt, dann ergreift er mein Handgelenk und zieht mich hinter sich her.
Oh nein, so geht das nicht.
Ich packe ihn wieder, ziehe ihn an mich und küsse seinen Hals erneut, während ich ihn langsam weiter in die vorgegebene Richtung schiebe.
Ich weiß nicht genau, wer von uns lauter atmet. Das Ke uchen klingt aus beiden Kehlen.
Schlafzimmer, Bett. Ah, da ist es ja. Ich halte mich nicht damit auf, das Licht anzuschalten, schiebe ihn einfach in den dunklen Raum, bis seine Beine gegen die Spielwiese prallen.
Keine Zeit für Worte, seine zittrigen Finger fummeln mein Hemd aus der Hose und ziehen es mir über den Kopf, ich schiebe sein Shirt nach oben. Sein Haar steht auf eine wilde Art ab, nachdem ich es ihm abgestreift habe.
Verdammt, ist der Bengel sexy! Dabei ... er ist so alt wie ich, von wegen Bengel, Kim ist ein Mann, noch dazu einer, der mich gerade um den Verstand zu bringen droht!
Wir landen auf dem Bett, kaum dass wir Schuhe und Jeans losgeworden sind. Er streckt seinen Luxuskörper zum Nachttisch, ich höre eine Schublade, ein leises Knistern und Seku nden später flammen sanfte Lichter über dem Kopfende auf. Indirekte Beleuchtung, weich und gelblich. Wie künstlicher Kerzenschein ohne das Flackern. Seine hautengen, bordeauxroten Trunks – besonders das, was sich darin so klar abzeichnet – treiben meinen Puls in schwindelerregende Höhen, aber ihm geht es nicht anders.
Oder besser: Er gibt vor, von meinem Körper ebenso ang etan zu sein. Immer wieder blitzt ein verächtlicher Gedanke in meinem hormonübersättigten Hirn auf.
Kim Andreesen ist eine Hure.
Scheiß drauf, das weiß ich doch und ich liebe die Herausforderung, ihn endgültig zu erobern.
Meine Hände gleiten ebenso fahrig über seine Haut wie seine über meine. Er ist braungebrannt und haarlos. Einmal mehr jagt diese Erkenntnis ohne Umweg über mein Gehirn in meine Lenden, sorgt für ein süßes Ziehen.
Natürlich ist er rasiert, nein, unter meinen Fingerspitzen sind nicht einmal die Ansätze von Stoppeln, Kim benutzt eine Creme, um seine Brust so glatt zu bekommen. Ich senke den Mund über eine seiner Brustwarzen und necke ihn mit der Zungenspitze. Er keucht auf, wölbt sich mir entgegen und lässt seine Hände in mein Haar fahren, um sich dort festzukrallen.
Wahnsinn, was für ein Echo auf diese harmlose Berü hrung!
Mein Ständer pocht und ich reibe ihn an Kims Oberschenkel, stöhne auf, verliere langsam aber sicher die Ko ntrolle.
Nein, das kann ich nicht zulassen. Ich will und muss ihn dom inieren, muss einen klaren Kopf behalten, ihn auf meine Seite ziehen.
Ich hebe den Kopf und blicke lächelnd in seine Augen. Rauchgrau, deutlich dunkler sind sie nun. Verlangen liegt darin. Seine Lippen sind leicht geöffnet und beben. Wieder b efeuchtet meine Zunge meine Lippen. Herrje, ob er weiß, wie unfassbar geil er aussieht?
Dabei ist er noch nicht mal ganz nackt!
Ein Umstand, den ich schleunigst ändern sollte.
Ich knie neben ihm und schiebe meine Finger unter den Bund seiner Trunks, ziehe sie langsam hinab, während ich den Auge nkontakt halte. Ich will jede seiner Reaktionen sehen, jedes Zittern auskosten.
Du bist meine Beute, Kim Andreesen. Allein meine. Und niemand wird dich jemals so erlegen wie ich.
Diese Gedanken geben mir einen zusätzlichen Kick. Keine Ahnung, wieso. Ich hinterlasse eine feuchte Spur von Küssen auf seiner Brust, seinem flachen, hart bemuskelten Bauch und umschließe Augenblicke später seine Erektion mit der Rechten. Ich schiebe die Vorhaut zurück und lasse meine Zunge über die feuchte Eichel gleiten. Er schmeckt gut, so wahnsinnig gut!
Ich stöhne auf, zeitgleich mit ihm. Noch immer starrt er mich mit weit aufgerissenen Augen an. Guter Schauspieler, unb estritten.
Na, dann will ich mal sehen, dass aus dem Schauspiel reine Lust wird. Am besten Hingabe.
Ich will ihn mit Leib und Seele besitzen, will ihn für meine Zwecke manipulieren und ausnutzen.
Das Machtgefühl durchströmt mich heiß. Ein gewisser Teil von mir will endlich aus meinen Pants heraus und w oanders hinein, aber nein, das hier werde ich auskosten.
Meine Zähne gleiten sacht außen an der ansehnlichen Länge seines Schwanzes entlang, entlocken ihm kleine, keuchende Schreie. Er richtet sich nahtlos auf, greift nach mir und schiebt meine Pants hinab. Wi ppend schlägt mein Ständer gegen meinen Bauch, entlockt mir ein lautes Stöhnen.
„Hm“, macht er und seine Hand legt sich an meine Wa nge, die andere um meinen Schwanz. Ich stöhne noch einmal.
Macht nichts, wieso sollte ich das hier nicht einfach geni eßen? Es wird mich befriedigen und beflügeln. Und er wird mir gehören, vollständig.
Ich lege mich neben ihn, auf die Seite, streichele ihn und winkele sein rechtes Bein an. Meine Finger gleiten über die Rückseite seines kräftigen Schenkels. Nicht zu sanft . Fordernd und neckend.
Er seufzt erneut, liegt auf dem Rücken und sieht mich genau an. Er beobachtet, was ich tue. Gut so.
Ich weiß, dass du es willst, Süßer. Und du wirst es kriegen. Vermutlich deutlich mehr als du denkst ...
Die Vorfreude schnürt mir die Kehle zu, ich räuspere mich und küsse seine Brust, während meine Hand seinen Damm, seine H oden massiert. Mein Mund erfasst seine Brustwarze und das lustvolle Gewimmer aus Kims Kehle wird zu einer Melodie, die das Ziehen in meinen Lenden ins Unermessliche steigert.
Ich blinzele, weil er sich auf den Bauch rollt, sich mir damit entzieht und sich auf die Unterarme aufstützt, um mich anz usehen.
Sein wunderbar geformter Knackarsch liegt vor mir, reflexa rtig gleitet meine Hand darüber, greift in die Backe und entlockt ihm ein weiteres Stöhnen, bei dem er den Kopf in den Nacken wirft.
„Nachttisch“, bringt er mühsam hervor und ich folge seinem Nicken in die entsprechende Richtung. Alles klar, Kleiner. Gleitgel und Kondom liegen bereit. Das also hat er vorhin aus der Schublade geholt.
Ich schüttle de n Kopf und setze mich auf. Zuerst will ich ihn wahnsinnig machen vor Lust. Er soll mich anflehen, ihn zu nehmen. Und das wird er!
Er öffnet die Beine weiter, ich knie mich dazwischen und lege meine Hände an seinen Hintern, ziehe die Bbacken ein wenig auseinander und beuge mich über ihn. Meine Zunge gleitet in seine Spalte. Er bäumt sich auf, stöhnt lauter.
Ja, so klingt eine Hure, die ihren Stecher anfeuern will. Ich darf das nicht vergessen. Nicht jetzt. Nicht irgendwann. Er ist Beute. Ein Bauer auf dem Schachbrett meiner Verge ltung. Ein Opfer.
Ich lächle ihn an, lasse eine Hand über seinen Rücken gle iten, ertaste die Muskelstränge unter der gebräunten Haut. Dann umfasse ich seine Hüften, ziehe ihn zu mir, bis er kniet, sein Hintern ragt empor, er keucht überrascht und hält Schultern und Kopf unten.
Perfekte Haltung, perfekter Körper. Ich knurre auf und lasse meinen Daumen in seine Spalte gleiten. Sein Eingang ist ebenso haarlos wie der Rest seines Unterleibs. Ich ha ngele nach Kondom und Gleitgel, lege beides neben mich. Noch brauche ich nichts davon.
Meine Zunge folgt meinem Daumen, ich lecke ihn nass, lasse den Daumen probehalber gegen seinen Muskel tippen, dringe kurz ein und erschrecke mich beinahe über seine Reaktion.
Er hebt den Kopf und starrt mich mit weit aufgerissenen Augen an, ganz anders als zuvor. Noch immer lustvoll und geil, aber das Verlangen ist blanker Überraschung gewichen.
Ich runzele die Stirn und verhalte meinen Daumen in ihm. „Was ist?“, frage ich leise.
Er schüttelt den Kopf, schluckt sichtbar und murmelt: „Nichts, schon ... gut.“ Danach wendet er sein Gesicht wieder ab. Schade, er hat so ein schönes Gesicht, aber wenn ich ihn von hinten ficken will, sollte ich darüber wohl nicht nachdenken.
Mein Daumen bewegt sich wieder, findet das Nerveng eflecht an seiner Prostata und entlockt ihm ein langgezogenes Stöhnen. Sein Körper zittert stärker. Ich überlege, woran das liegt und schüttle den Gedanken aus meinem Kopf. Ich will ihn geil machen, ihn endgültig und für alle Zeit unterwerfen, ihn hörig machen. Er soll allein mir gehören. Und genau das werde ich schaffen.
Ich dehne ihn, wundere mich nur kurz darüber, dass er o ffensichtlich enorm auf meine Berührungen reagiert.
Spielt er das? Oder diese Überraschung eben, diese n Unglaube in seinen wunderschönen Augen? Kann man so etwas spielen? Wie perfekt kann Kim als Hure sein?
Reagiert er bei van Keppelen etwa auch so extrem? Mit zittriger Erwartung, mit deutlichen Echos auf kleinste Berühru ngen?
Jede meiner Streicheleinheiten entlockt ihm wohlige Scha uer, kleine Schreie und eindeutige Bewegungen, mit denen er sich dichter an meine Hände pressen will.
Unfassbar, Kim muss als Hure unbezahlbar sein, wenn er j edes Mal so abgeht!
Eine verrückte Sekunde lang bin ich neidisch auf van Keppelen, der diesen willigen Gespielen seit mehreren Ja hren besitzt.
Ich ziehe meinen Daumen zurück, streife mir das Gummi über, dann lasse ich mir erneut Zeit mit ihm. Das Gleitgel verteile ich an seinem Eingang, bringe es mit dem Daumen in ihn und la usche erneut seinen verzückten Lauten.
Ich bewege den Daumen kurz heftiger und er wirft den Kopf z urück, sein Körper, sein perfekter, muskulöser und dabei so angenehm schlanker Körper reagiert auf eine überwältigende Weise.
Ich rücke näher, platziere meine Eichel und halte ihn fest. Ich will vorsichtig sein mit ihm. Egal wie oft er sich ficken lässt, durch mich wird er keine Schmerzen haben – zumindest keine körperlichen und jetzt gerade auch keine anderen.
Ich dringe ein, langsam, aber beständig. Sein Zittern wird deu tlicher, in Schüben erbebt sein ganzer Leib, versetzt mich in eine erregende Vibration, die mich stöhnen und fast die Beherrschung verlieren lässt.
Wie sehr ich dich will, Kleiner!
Er wimmert leise, ich verharre und streichele über seinen Rücken, seine Seiten, lockere den Griff meiner anderen Hand und warte. Sein Atem geht flach und schnell.
„Hör nicht auf“, bringt er hervor und sieht mich wieder an.
Sein Blick hat sich erneut verändert. Was ist das? Ich kann es nicht deuten. Unbestreitbar ist er genauso geil wie ich, aber ...
Keine Ahnung. Mir sollte es egal sein, vollkommen egal, aber da ist etwas ...
Ich schlucke hart.
Weichheit.
In Kims dunkelgrauen Augen liegen Sehnsucht und Verlet zlichkeit. Ich schlucke erneut, diesmal sehr hart. Ich weiß nicht einmal mehr, was er eben gesagt hat. Ich lächle ihn an, streichele weiter über seine glatte Haut und mir wird erst, als er seinen Hintern gegen mich drängt, wieder bewusst, dass ich halb in ihm bin. Ich sehe blinzelnd an mir herab und halte ihn wieder fest, um weiter einzudringen. Noch langsamer, noch sanfter.
Ich will ihn so sehr!
„Ist das okay?“, höre ich mich fragen. Meine Stimme ist rau, total belegt.
Er nickt und lächelt, drängt sich mir weiter entg egen.
Immer weiter schiebe ich mich in ihn, entlocke ihm damit Zuckungen und Schreie, die so voller Lust sind, dass ich selbst schaudere. Ich lasse mir noch immer Zeit, es dauert sehr la nge, bis ich endlich ganz in ihm bin. Ich halte inne und lasse meine Hände über seinen Rücken, seine Seiten gleiten. Er vibriert unter mir, jede Berührung löst eine Erschütterung in seinem Körper aus, setzt sich in ihm und an mir fort.
Ich stöhne langgezogen auf. Das hier ist unb eschreiblich.
Klar, es gab immer Jungs und Männer, die sich mir hingeg eben haben, auch Jungfrauen, die noch nie in ihrem Leben einen Schwanz in sich gehabt haben. Aber keiner von ihnen hat den Gesichtsausdruck gezeigt, den Kim mir jetzt bietet.
Ich bewege mich noch immer nicht in ihm. Ich kann irgendwie nicht. Wohl auch deshalb greife ich um se inen Brustkorb und ziehe ihn zu mir hoch, lasse mich auf die Hacken sinken und habe ihn auf meinem Schoß. Seine Schulter ist das erste Ziel meiner heißen Küsse. Meine Zunge fährt die Konturen seiner Muskeln nach, entlockt ihm weitere Seufzer.
Kim lehnt seinen Kopf seitlich an meinen, weit zurück, bietet mir einmal mehr seine Kehle – schutzlos, rückhaltlos.
Meine Hand gleitet dorthin, leicht umfasse ich seinen Hals, mit gespreizten Fingern, die ich nur mü hsam davon abhalten kann, zu zittern.
Ich will ihn an mir spüren, mein anderer Arm umschlingt seine Mitte, ich will keinen Millimeter Luft zwischen uns. Seine Hände legen sich auf meine, ha lten mich fest, nein, er hält sich an mir fest.
Ist das alles das Spiel einer Hure?
Ich weiß es nicht und es spielt auch keine Rolle. Nicht jetzt, nicht hier. Der Impuls, ihn einfach festhalten und ... beschützen zu wollen, ist übermächtig.
„Halt dich fest“, flüstere ich an seinem Ohr und nehme die Hand von seiner Kehle, um mich seitlich abzustützen. Ich will liegen, mit ihm in meinem Arm. Will ihn spüren.
Nach wie vor bin ich unendlich erregt, aber meine Lenden verlangen keine Stöße, keine Bewegungen, die mich auf einen Höh epunkt treiben.
Langsam sinken wir zur Seite, ich umschlinge ihn wieder fe ster, lasse meine Finger auf seine steinharte Erektion gleiten und bedecke sie einfach.
Kein Reiben, kein heftiges Massieren.
Er schaudert wieder, schmiegt sich an meine Brust, als gehöre er dorthin. Immer.
„Das ist ...“, haucht er unartikuliert und dreht den Kopf zu mir. Seine leicht geöffneten Lippen beben wieder – oder immer noch? – ich bin von diesem Anblick fasziniert, lasse meine Finger darübergleiten.
„Was?“, erkundige ich mich, doch er bleibt eine Antwort schuldig. Ist auch vollkommen egal. Das hier ist einfach genial!
Ich bin noch immer in ihm, er drängt sich kontinuierlich an mich, unsere Arme ineinander verschlungen, unsere Beine ebenso.
Ich küsse sein Ohr und flüstere: „Du bist perfekt, Kim. Ei nfach perfekt.“
Er schaudert erneut, das hier ist echt. Echte Erregung, echte Nähe. Wir liegen noch immer eng umschlungen am Fußende. Keine Ahnung, wie das geht, aber ich spüre seine Erregung ebe nso wie meine.
„Wieso fickst du mich nicht?“, fragt er irgendwann.
Stirnrunzelnd mustere ich ihn. „Weil ich dich nicht ficken, sondern sanft nehmen will, Kleiner.“
Er zögert, schließlich nickt er. „Dann tu es ... bitte!“
Ich lächle ihn an. „Du willst Erlösung?“
Ein weiteres Nicken. „Ja.“
Dieses eine, gehauchte Wort löst die Anspannung, die Leic htigkeit unserer Intimität auf. Fegt sie weg.
Ich umfasse ihn fester, presse ihn an mich und kippe mein Becken. In kurzen Stößen bewege ich mich in ihm, lasse sie, entsprechend seiner Reaktionen, stärker und länger werden, fülle ihn aus und fühle mich perfekt aufgehoben. Genau dort gehört mein Schwanz hin. Nicht nur jetzt.
Woah! Vergiss das ganz schnell! Er ist und bleibt die Be ute!
Ich stoße heftiger und lausche verzückt seinen Lauten. Mal leise, mal abgehackt, mal wimmernd, mal keuchend. Kim bietet mir erneut diese unsagbar gute, wohlklingende Melodie.
Ich nehme ihn und werde dabei nicht nur geiler, in mir schmilzt auch etwas. Es ist seine Hitze, die das vollbringt.
Die Hitze, die von seiner Rückhaltlosigkeit ausgeht.
Er ergießt sich heiß und heftig in meiner Hand und das rhythmische Zusammenziehen seines Muskels lässt auch mich ko mmen. Ich stöhne laut und will ihn nicht loslassen.
„Zu geil!“, stöhne ich, nachdem der Orgasmus abgeklu ngen ist.
Er atmet schnell und schwer, streicht sich das Haar aus der nassen Stirn und dreht sich, kaum dass ich aus ihm herausg erutscht bin, in meinen Armen um.
Kim streckt sich und ich reiße die Augen überrascht auf, als sich seine Lippen an meine legen.
Stopp!
Keine Küsse auf den Mund. Was das angeht, bin ich e isern. Die kriegt nur derjenige, mit dem ich hochoffiziell zusammen bin!
Ich nehme etwas Abstand und sehe ihn an.
„Tut mir leid!“, stammelt er, doch in seinen Augen liegt etwas anderes.
Meine Hand legt sich an seinen Kopf, mein Daumen streicht über seine Wange. „Alles okay“, murmele ich l ächelnd.
Irgendetwas ist hier gerade passiert. Etwas, von dem ich ke ine Ahnung habe.
Ich beuge mich über ihn, lasse meine Zunge über seine U nterlippe gleiten und küsse ihn zärtlich.
Ich will mit ihm knutschen, will seinen warmen, so süß schmeckenden Mund mit meiner Zunge erforschen, e robern, ich will ...
Nein!
Hastig weiche ich zurück, falle fast von der Bettkante, so schnell versuche ich, von ihm weg und auf die Beine zu kommen.
„Ich ... muss gehen!“, bringe ich heraus und es hört sich selbst in meinen eigenen Ohren panisch, beinahe gequält an. Ich raffe meine Jeans vom Boden, springe hinein und schnappe mir mein Hemd. Nichts wie raus hier, bevor ich Dinge tue, die ich nicht tun darf!
Wow. Einfach wow.
Ich habe keine Ahnung, was hier gerade passiert ist, aber es fühlt sich schlicht unglaublich an.
Ich sehe Maik nach, der sich hastig aus meiner Wohnung trollt, aber auch seine offensichtliche Flucht kann meine Stimmung, den Rausch, in dem ich mich befinde, nicht ernüchtern.
Alles hier riecht nach Sex, nach Maik und mir. Maik ... Ich schnuppere und ein breites Lächeln, welches sich sogar grenzdebil anfühlt , verzieht mein Gesicht.
Tastend gleitet meine Hand an meinen Hintern. Klar, meine e igenen Berührungen habe ich immer gespürt. Wohl auch, weil ich einfach immer gewusst habe, wo meine Finger waren.
Aber Maik ...?
Die taumelnden Gefühlswellen in meinem Kopf lassen noch i mmer kaum klare Gedanken zu.
Dennoch weiß ich, dass ich Maik eben gespürt h abe. In mir, so geil, so erfüllend, so gut.
Seine Berührungen haben mich erregt, so sehr, dass ich g ekommen bin.
Ich schüttle fassungslos den Kopf und blinzle. Ist das wir klich passiert?
Mein Bauch ist feucht, ich sehe an mir hinab. Ja, ich hatte eben ... meinen ersten analen Orgasmus.
Mein ... erstes Mal.
Ich kichere blöde.
Von wegen erstes Mal!
Das ist vor fast acht Jahren gewesen und es war damals vi eles, nur nicht geil. Und seitdem hatte ich ungezählte Male. Ungezählte.
Nur, dass sie gegen dieses eine Mal alle verblassen. Falsch, sie sind ausradiert. Einfach weg. Ungesch ehen.
Ich richte mich auf und gehe ins Bad. Erst mal d uschen.
Nicht, dass ich das zwingende Bedürfnis danach habe, aber b evor das Sperma an mir trocknet, will ich es lieber loswerden.
Leider werde ich damit auch diesen sanft an mir hängenden G eruch von Maik abwaschen.
Maik ...
Der Schaum meines Duschgels gleitet weich über meine Haut und doch kommt es mir so vor, als wäre diese Berü hrung nicht so sanft wie seine Hände auf mir, seine harte Erektion in mir.
Ich schaudere und beeile mich, aus der Dusche zu kommen. Auf dem Rückweg in mein Schlafzimmer erwacht mein Or dnungswahn wieder. Ich sammle meine Klamotten vom Boden, die rund um das Bett verstreut liegen, und finde neben meinen Jeans und meinen Pants auch Maiks Hemd und das benutzte Kondom.
Ich lasse meine Hosen fallen und greife nach dem Hemd, um d aran zu riechen.
Ja, das ist er, der Maikduft, den ich nach der Dusche so schmerzlich vermisst habe. Ich lege es auf das Bett und schnappe mir das Gummi, um es in den Müll zu werfen.
Tja, das ist der letzte Beweis. Maik hat mich gefi… nein, er hat mich genommen, hat alles daran gesetzt, mich zu verwöhnen. Mir zu geben, was ich brauchte, um zu kommen.
Ich grinse schon wieder dämlich und seufze tief.
Es fühlt sich seltsam an, das alles.
Vielleicht – auf eine echt irre Art – ist es doch mein erstes Mal gewesen.
Versonnen vor mich hin lächelnd gehe ich in die Küche und h ole mir Cola. Ich mag keinen Alkohol. Vielleicht, weil ich oft genug freiwillig die Kontrolle abgebe und mich jemandem ausliefere.
Aber hey, dafür habe ich dann einen triftigen Grund. Einen ec hten Vorteil!
Maik hat schon ganz recht, wenn er sagt, dass ich opport unistisch und berechnend bin. Damals, nach den ersten Malen mit Lu ... da habe ich ihn provoziert, sobald ich gemerkt habe, wie sehr er auf mich – und nur auf mich – angesprungen ist. Ich habe seine Obsession ausgenutzt, in meinen persönlichen Vorteil verwandelt. Und ja, es hat sich gelohnt, weil ich heute derjenige bin, der hier das Sagen hat. Weil ich derjenige bin, der dieses gigantische, gut laufende Gestüt erben wird.
Und es ist Millionen wert, allein schon der Name ist das. Pferde aus unseren Stallungen sind berühmt und beliebt.
Und all das hier wird mir gehören. Ganz allein mir.
Ich sehe in den Ofen, die Baguettes habe ich auf 50 Grad runtergedreht und mit Alufolie abgedeckt, sie sollten also noch essbar sein.
Dabei ... habe ich gar keinen Hunger.
Ich bin noch viel zu satt von diesem unvergleichlichen Sex mit Maik.
Maik ...
Ich sehe zur Decke und lausche, ob ich irgendwelche Gerä usche von ihm höre, aber da ist nichts. Vielleicht hat er sich schon hingelegt?
~*~
Ich glaube, die vergangenen Tage sind eine Art parallele Realität.
Erst vorgestern habe ich Maik kennengelernt und gestern Abend mit ihm geschlafen. Ja, da kann ich kein anderes Wort benutzen. Wir haben miteinander geschlafen.
Und ich habe, das weiß ich jetzt, wo ich morgens zum Frühstück in der Gesindeküche bei allen anderen sitze, sehr genau, etwas empfunden, das mir bislang fremd gewesen ist.
Meine immer wieder auf den lachenden, sich mit den anderen Ferienjobbern und Theodora unterhaltenden Maik wa ndernden Seitenblicke sind forschend. Suchend.
Ich versuche herauszufinden, was er an sich hat, was mich so an ihm fasziniert. Denn, da komme ich nicht mehr dru mherum: Er fasziniert mich maßlos!
Ich beiße in mein Nuss-Nougatcreme-Brot, das mir Theodora bei all ihren Argumenten nicht ausreden konnte, und kaue nachdenklich vor mich hin, bis sich eine Hand auf meine Schulter legt.
„Hey, ich weiß, du hast heute Bürotag, aber könntest du nach dem Frühstück kurz zum Stall kommen? Geht um Jazira.“
Ich sehe hoch und kaue schnell zu Ende, während ich nicke. „Ja, kann ich machen. Was Ernstes? Brauchen wir den Tie rarzt?“
Er grinst mich auf eine so seltsame Art an, dass ich mir bei meiner durchaus berechtigten Frage schon blöd vo rkommen will. Wie macht er das?
Er ist nicht der erste angehende Tierarzt, der die Semesterf erien hier verbringt, daran kann es also nicht liegen.
„Nein, Tom und Lukas haben es sich auch angesehen, aber da du ja gestern den Wunsch geäußert hast, über alles info rmiert zu werden ...“ Er lässt seine Worte auf eine Art ausklingen, die mir ein schlechtes Gewissen machen würde, wenn ich nicht genau wüsste, dass ich gestern im Recht war.
„Ja, stimmt“, bestätige ich und nicke erneut. „Ich komme dann gleich nach.“
Er wendet sich um, aber nicht, ohne seine langen Finger neben meinem Kragen über meine Haut gleiten zu lassen. Eine prickelnde Geste, die mir Gänsehaut verschafft, ob ich das nun will oder nicht. Aber, um ehrlich zu sein, es gefällt mir und löst ein sehnsüchtiges Ziehen in meinem Unterleib aus – nicht nur dort.
Scheiße, wieso erregt und berührt mich eine solch beiläufige Zärtlichkeit so sehr? Seit wann stehe ich überhaupt auf Zär tlichkeiten?!
Ich trinke noch meinen Tee aus und bringe, wie alle and eren es auch machen oder schon gemacht haben, weil ich der Letzte am Tisch bin, mein Geschirr zur Spülmaschine.
Theodora mustert mich dabei und lächelt ihr Sphinx-Lächeln.
„Was ist?“, frage ich und öffne die Maschine.
„Du magst ihn“, sagt sie und ich brauche nicht nachzufr agen, wen sie meint.
Ich seufze und ziehe nacheinander die benötigen Schubladen aus dem Geschirrspüler. „Und wenn?“
„Dann solltest du dafür sorgen, dass es kein Gerede gibt. Du weißt, dass der Boss das nicht leiden kann.“
Natürlich, der Boss, von dem sie spricht, ist Lu. „Es intere ssiert ihn doch gar nicht, was ich mache, solange der Hof tadellos läuft.“
„Junge“, beginnt sie in einem Ton, der mich sehr an den meiner Großmutter erinnert. „Ludwig ist nicht das Schaf, für das du ihn gern zu halten scheinst.“
„Ich weiß“, sage ich seufzend. Klar, wenn irgendjemand auf diesem Gestüt weiß, dass Lu es mit mir treibt und geradezu abhängig von mir ist, dann Theodora. Und sie ist schon seit mehr als dreißig Jahren hier auf dem Hof.
„Er liest dir nicht jeden Wunsch von deinen schönen A ugen ab, weil er dich teilen will.“
„Aber das muss er, so oder so. Und das weiß er auch. Alle rdings nicht mit Maik.“
Ihre Augenbrauen ziehen sich zusammen. „Wieso nicht mit Maik? Du hast dir doch nicht diesen Traummann auf den Hof geholt, um ihn nur heimlich anzuschmachten, wie du es eben beim Essen getan hast?“
Oh, ich muss anscheinend an meiner Diskretion arbeiten. „Hat das noch wer gemerkt?“ Zwecklos, irgendwas zu leugnen. Theodora erkennt Lügen sehr schnell als solche.
„Er jedenfalls nicht, wenn du das meinst. Aber das wundert mich auch nicht, wenn ich bedenke, wie sehr Gerdchen sich um ihn bemüht hat ...“ Sie lacht auf.
„Gerdchen, ja, endlich hat er ein anderes Ziel für seine Gunst gefunden“, erwidere ich und grinse. „Die beiden w ären doch das Paar des Sommers, denkst du nicht?“
„Oh, du meinst, weil er dich genauso belauert hat wie du ihn?“
„Hat er?“
Sie lacht erneut und ich merke, dass ich ihr voll auf den Leim gegangen bin. Verdammt!
„Ja, aber nicht so oft wie du ihn.“
„Ich habe ihn übrigens nicht hergeholt, Theodora. Maiks B ewerbung ist quasi direkt, nachdem ich sie aus dem Umschlag genommen hatte, schon im Müll gelandet ... Lu wollte ihn unbedingt haben. Ich hab nur noch nicht rausgefunden, wieso.“
„Hm, er heißt Fallner. Vielleicht deshalb?“
„Nun sagst du das auch! Lu sagte auch so was. Nur habe ich null Plan, wieso das eine Begründung sein soll!“
Sie presst die Lippen aufeinander, ganz so, als wolle sie ve rhindern, mir irgendetwas dazu zu sagen. Schließlich geht ein Ruck durch ihre schmale, hochgewachsene Gestalt. „Wenn er der Sohn von Justin ist, könnte eine Art ... Rache der Grund sein ...“
Verwirrt sehe ich sie an. „Bitte was?“
„Das ist alles so lange her, Junge!“ Sie winkt ab. „Wenn du wissen willst, was damals los war, wirst du die Gestütschroniken durchsehen müssen – oder Ludwig fragen. Aber ich bezweifle, dass er dir etwas sagen wird.“
„Aber wieso Rache?“, hake ich nach.
Sie seufzt tief. „Justin Fallner war der beste Jockey, den Ludwig jemals hatte. Er war ein Pferdeflüsterer wie du. Die Renner unter ihm gewannen Lauf um Lauf. Und dann verließ er das Gestüt.“
„Und weiter?“
Sie hob die Schultern. „Ein paar Monate, nachdem er gegangen war, kamen Gerüchte auf. Abgekartete Rennläufe, falsche Wetten, ein paar Rennbahnen standen damals kurz vor dem Aus.“
„Und Fallner soll dafür verantwortlich gewesen sein?“, will ich wissen. Noch immer sehe ich keine Gründe dafür, dass Lu sich an Maik rächen wollen könnte.
„Man schob alles Justin in die Schuhe und er wehrte sich nicht. Das ist ... mit Sicherheit 25 Jahre her, Junge! Jedenfalls hat er damals alles verloren.“
„Aber ... wie sollte sich Lu rächen und vor allem wofür?“
„Ich habe keine Ahnung, Kim. Vielleicht einfach, weil er der Sohn des Mannes ist, der Ludwig damals im Stich g elassen hat?“
„Hm“, mache ich nur. Das werde ich wohl alles nicht so schnell aufklären können. „Danke. Ich werde mal versuchen, etwas rau szukriegen.“
~*~
Als ich in den Stall komme, um nach Jazira zu sehen, ist Maik nicht dort. Auf Nachfrage erfahre ich von Lukas, dass er bereits mit dem vierten Pferd unterm Sattel bei der Arbeit ist.
Nun gut, um nach der wunderbaren Stute zu sehen, brauche ich ihn ja auch nicht, trotzdem finde ich es fast schade, ihn hier nicht anzutreffen.
Jazira trägt keine Bandagen an ihren Vorderbeinen, wie ich eigentlich schon erwartet habe. Sie lässt den Kopf hängen und sieht nicht einmal auf, als ich zu ihr in die Box trete.
„Was genau hat sie?“, frage ich Lukas, der vor der Box st ehengeblieben ist.
„Beide Beine waren heute früh dick. Ist mir beim Putzen nicht aufgefallen, aber Maik hat es sofort gemerkt.“
„Hm, lahmt sie?“
Lukas hebt die Schultern. „Maik hat sich um alles gekümmert, er sagte, er will sie nachher spazieren führen.“
„Okay, aber hat er gesagt, was ihr fehlt?“ Ganz davon abg esehen, dass ich mich frage, woher er das überhaupt weiß.
„Er sagte, er wäre sich nicht sicher, ob Bewegung hilft.“
Ich habe mich längst herabgebeugt und befühle ihre Fesseln vorsichtig. Sie lässt es zu, zappelt aber ein wenig hin und her.
„Okay, dann gehe ich ihn mal suchen.“
Lukas sieht auf die Uhr an der Stirnseite des Stalles. „Er ist mit Cato draußen auf dem Außenreitplatz.“
„Gut. Ist die Schwellung bei Hellygirl weg?“
„Ja, ihr Sprunggelenk war wieder okay heute früh.“
Ich nicke, klopfe Jazira noch einmal auf den Hals und mu rmele ihr ein paar tröstende Worte zu, dann verlasse ich die Box und den Stall, um zum Außenreitplatz zu gehen.
Als ich um die Reithalle herumkomme, ist er gerade in die entgegengesetzte Richtung unterwegs und sieht mich nicht. Ich ihn dafür um so besser.
Ich klettere auf den Zaun, der hier als Umrandung dient, und warte, bis er mich entdeckt.
Er lächelt mich an und verhält Cato so dicht vor mir, dass mein Knie Maiks berührt. Ein kleiner elektrischer Impuls jagt durch meinen Leib, obwohl der nicht nötig wäre, um meine Lenden daran zu erinnern, wie sehr sie auf seinen Körper und seine Ausstra hlung anspringen. Einmal mehr zieht es jedoch nicht nur dort, sondern auch weiter oben, irgendwo im Brustkorb.
„Hi, hast du dir Jazira angesehen?“, fragt er.
„Ja, sie zappelt zu viel für etwas Harmloses, finde ich. Ich denke, ich werde doch den Tierarzt rufen. Hat sie gelahmt heute früh?“
„Nein, hat sie nicht. Sie lässt sich nur nicht gern anfa ssen. Ich will sie nachher ein wenig spazieren führen, wenn sie dabei auffällig wird, sage ich dir bescheid, okay?“
Ich nicke und beobachte seine langen Finger, wie sie mit einer Strähne von Catos schwarzer Mähne spielen. Es sieht g edankenverloren aus und weckt etwas in mir, das ich nicht kenne, nicht zuordnen kann.
Ganz kurz wünsche ich mir, dass seine Hände so mit me inem Haar spielen. Wie gestern Nacht ... Ich schlucke hart und begreife, dass ich mich festgeguckt habe.
„Hey, bist du okay?“, erkundigt er sich mit einem warmen Klang in der Stimme und streckt seine Hand nach meinem Gesicht aus.
Ein Lächeln macht sich darauf breit und ich kann den Impuls nicht unterdrücken, meine Wange kurz in seine Hand zu lehnen. „Ja, denke schon. Und bei dir?“
„Alles gut.“
„Wieso bist du abgehauen?“ Tja, das muss ich wohl fragen.
„Du meinst, gestern Abend?“
Ich nicke.
„Ich hielt es für besser.“ Er sagt das, als täte es ihm leid. Vielleicht tut es das ja auch?
„Du weißt so gut wie ich, dass sich dadurch nichts an dieser unheimlichen Anziehung geändert hat ... zumindest nichts davon verlorengegangen ist, oder?“
Er seufzt und nickt. „Ja, ich weiß. Tut mir leid.“
Das überrascht mich! „Wieso?“
„Weil ich das nicht kann ... Zu wissen, dass du mit van Keppelen ...!“ Er schüttelt ruckartig den Kopf. Stört es ihn also doch?!
Sein Blick sagt ja, seine Worte auch, aber wie kann das sein? Er verachtet mich doch im Grunde dafür, dass ich Lu so au snutze.
„Wo ist denn deine Verachtung hin?“, erkundige ich mich, um einen neutralen Ton bemüht. Tatsächlich aber klingt es wohl überrascht.
Er schweigt eine Weile, doch schließlich sagt er: „Na ja, es macht einen Unterschied, wenn ich ... Okay, also, es geht mich nichts an, was du mit ihm treibst und was nicht, aber ich ... kann dann nicht dasselbe mit dir treiben, verstehst du das?“
Dasselbe?! Meine Kinnlade fällt herab. Wie kann er denn di ese nichtssagenden Ficks von Lu mit dem vergleichen, was wir gestern Nacht getan haben?
Na ja, wie kann er nicht ?
Immerhin hat er keine Ahnung davon, dass mir Lus Schwanz im wahrsten Wortsinne am Arsch vorbeigeht ... Ob ich ihm das ...?
Nein, bloß nicht! Wie würde das denn auch klingen? Ich würde es mir ja selbst nicht glauben.
„Hm, ich verstehe, was du meinst.“ Klinge ich enttäuscht? Ich hoffe nicht!
„Es ist nicht so, als würde ich nicht ... Ach, Scheiße, Kim!“ Seine hellgrünen Augen fixieren mich, während er schluckt.
„Kommst du heute Abend zum Essen runter?“, frage ich, um dieses unselige Thema abzubiegen. Ich rechne nicht damit, dass er ja sagt, doch er überrascht mich abermals.
„Gern. Was soll es denn geben?“
„Was hättest du gern?“
„Hm, du meinst, bevor ich dich gern auf deinem gigantischen Bett hätte?“ Er grinst, während ich die Augen aufreiße.
„Was sind denn das jetzt wieder für Töne?“
„Du bist eine Zwölf, denkst du so etwas lasse ich mir entgehen?“
„Aber hast du nicht eben noch gesagt, dass du das nicht kannst?“
Er schürzt die Lippen und ich ertappe mich dabei, daran knabbern zu wollen. Deshalb schließe ich kurz die Augen und lege den Kopf in den Nacken. Nur nicht noch mal so ein Schwachsinn wie Küsse!
„Mein Boss hat mich gerade zum Abendessen eingeladen, wie sollte ich das wohl ausschlagen?“
Ich schüttle grinsend den Kopf. „Du bist ein Ekel.“
Er nickt abgehackt und lächelt sein umwerfendes Siegerlächeln. „Im Ernst, wie sollte ich dir denn w iderstehen?“
Gute Frage! Denn, verflucht noch mal, ich fahre voll auf ihn ab, und selbst wenn ich mich minütlich daran erinnere, was für eine miese Hure er eigentlich ist, ändert das gar nichts.
Ich habe gesehen und vor allem gespürt, wie er sich in meine Arme geschmiegt hat, wie er abgegangen ist, als ich ihn g enommen habe.
Er verabschiedet sich und geht davon, vermutlich zurück ins Büro. Ob er nachher wieder mit van Ke ppelen ...?
Ich schüttle ruckartig den Kopf und reite wieder an. Nur nicht drüber nachdenken. Wobei ... vielleicht sollte ich das doch mal tun, denn irgendwie verwirrt mich so einiges an der aktuellen Situation.
Ich darf nicht aus den Augen verlieren, wieso ich hier bin. Darf nicht vergessen, dass ich Ludwig van Keppelen zu Fall bringen will.
Und doch sind da diese anderen Sachen ... von wegen Sachen!
Kim ist da. Eine echte Wildcard in meinem Spiel. Weil er viel zu sehr das ist, was ich gern unter mir habe. Viel zu sehr der Typ Mann, mit dem ich mich jederzeit gut verstehen werde. Ein Pfe rdenarr!
Er wäre also praktisch ein echter Traummann, zumindest wenn man davon absieht – was ich nicht so richtig kann – dass er den Arsch für verdammt viel Geld hinhält.
Es nagt an mir, dieses dumpfe Gefühl, dass Kim eben doch nicht nur beim Sex mit mir so reagiert hat, so a nschmiegsam und schutzbedürftig, so losgelöst und bodenlos sexy.
Einmal mehr kämpfe ich mit dem sich in meinen Lenden sammelnde n Blut. Das muss aufhören! Ganz dringend.
Vielleicht sollte ich Jeremy anrufen? Aber das kann ich erst heute Abend tun. Er ist ganz sicher unterwegs oder beim Training. Man wird eben nicht der beste Springreiter in einer Re iternation, indem man sich ausruht.
Cato bewegt sich gelockert und geschmeidig unter mir, noch zwei Runden im Schritt, dann kann ich ihn versorgen und auf die Weide bringen.
~*~
Das Mittagessen in der Gesindeküche ist unterhaltsam und ich lenke mich mit ein wenig Geblödel ab. Kim sitzt schweigend schräg gegenüber von mir und irgendwie habe ich das Gefühl, dass er das neben mir sitzende Gerdchen – das im Übrigen durchaus nett anzuschauen und sehr lieb ist – mit Blicken aufspießt, wann immer ich mich ihm zuwende.
Es hat etwas Humoristisches an sich, das muss ich zugeben. Der Verteufler von Beziehung und Liebe ist also eifersüchtig oder zumindest genervt? Wieso überhaupt und w orauf?
Ich versuche, mir meine Genugtuung nicht anmerken zu lassen. Immerhin scheint letzte Nacht tatsäc hlich etwas passiert zu sein, das über meine Pläne weit hinausgeht.
Ich schmecke die Bitterkeit dieses Gedankens auf meiner Zunge und versuche, sie runterzuschlucken.
~*~
Am frühen Nachmittag erscheint der große Boss am Außenrei tplatz, als ich gerade dabei bin, den trockenen und viel zu staubigen Sandboden mit einem Schlauch und viel Brunnenwasser abzusprengen.
Ludwig van Keppelen sieht gar nicht mal schlecht aus. Er ist Ende vierzig, aber er sieht jünger aus. Hat sich gut gehalten. Er ist Reiter, keinerlei Bauchansatz oder andere Alterserscheinungen am Leib. Tatsächlich wirkt er trainiert und fit, beinahe attraktiv. Mir wäre er dennoch viel zu alt, ich stehe auf Gleichaltrige. Allein schon, weil sie mit meiner Libido am ehesten mithalten können.
Ich bin nicht unbedingt ein Potenzprotz, mehr als zweimal pro Nacht ist wirklich selten drin, aber dafür kann ich doch recht la nge ...
Ein dreckiges Grinsen legt sich auf meine Lippen, wä hrend ich den Wasserschlauch in eine andere Richtung halte und mich zu van Keppelen umwende.
„Hallo Maik, wie gefällt es dir hier bisher?“, fragt er und bliebt vor mir stehen. Er trägt Reitbekleidung – hellbraune Reithosen, schwarze Lederstiefel, ein dünnes Rollkragenshirt mit langen Ärmeln. In der Hand hält er schwarze Reithandschuhe und eine Gerte.
„Hallo Herr van Keppelen. Gut! Nach der Besichtigung bin ich mir ganz sicher, dass ich bislang erst ein Gestüt ges ehen habe, das ähnlich gut geführt wird.“
Er nickt bedächtig. „Ja, Kim leistet hier ganze A rbeit.“
Sein Unterton gefällt mir nicht, aber das werde ich mir auf keinen Fall anmerken lassen. „Sie scheinen einen echten Glück sgriff getan zu haben mit ihm.“
Er lächelt. „D as habe ich wohl. Weshalb ich eigentlich hergekommen bin: Wurde Hellygirl heute schon geritten?“
Ich schüttle den Kopf. „Nein, sie hat heute Weidetag, soll ich sie reinholen und fertigmachen?“
„Das wäre wunderbar, Maik. Ich hole sie dann in einer Viertelstunde am Stall ab. Ich muss noch was mit Kim besprechen, falls ich länger brauche, sei so gut und sag mir bescheid, ja? Ich bin dann bei ihm im Büro.“
Verdammt, der ist ja total nett! Eigentlich habe ich erwartet, dass er mich allein schon wegen meines Nachnamens in irgende iner Form attackieren oder wenigstens ausfragen würde.
„Klar, kein Problem.“ Ich gehe zur Seite der Reithalle, wo der Wasserhahn des Schlauches sich befindet, und drehe ihn zu. Danach sammle ich die überhaupt nicht willige Helly ein. Es braucht tatsächlich eines Tricks, um sie endlich am Führstrick zum Stall zu bekommen. Am Turnierpferdestall gibt es auch Außenboxen mit zweigeteilten Türen, durch die die Pferde hinausblicken können. Auf dem Betonplatz davor befinden sich mehrere Putzplätze. Auf einem davon binde ich Hellygirl an und hole Putzzeug, Trense und Sattel.
Da Hellygirl sich nicht wie andere dauernd im Sand wälzt, geht das Putzen recht schnell und ich sattle sie, bevor ich über den Hof zu Kims Büro sehe und van Keppelen nicht finden kann.
Na gut, Auf zäumen dann erst, wenn ich ihn geholt habe. Helly bringt es sonst fertig, mir hinterher zu trotten.
Ich gehe mit langen Schritten über den Beton und erreiche Kims Büro.
Die weiß gestrichene Holztür, die durch einen kleinen Gang und dann durch eine weitere Tür in Kims Heiligtum führt, ist geschlossen. Hier zu klopfen nutzt aber nichts, deshalb öffne ich sie und betrete den Gang, um sie hinter mir zuzuziehen.
Im selben Moment, indem ich die Klinke loslasse, traue ich me inen Ohren nicht.
Lautes Stöhnen.
Aus dem Büro, dessen Tür weit offen steht, höre ich eindeutige Geräusche, die nur bedeuten können, dass Kim seinem Job als Hure nachgeht. Van Keppelen stöhnt abgehackt und keuchend. Es klingt irgendwie widerwärtig in meinen Ohren und ich bin darauf so fixiert, dass es noch ein paar Sekunden dauert, bis mir klarwird, dass auch aus Kims Kehle Laute dringen.
Nur klingen diese nicht besonders lustvoll.
Ich bleibe in der weit geöffneten Tür stehen und staune selbst, wie eiskalt mich das, dessen Zeuge ich hier werde, lässt. Kim liegt bäuchlings auf seinem eigenen Schreibtisch und klingt erbarmungswürdig. Kein Vergleich zu der sanften, erregenden Melodie von gestern Abend.
Davon abgesehen ist an der ganzen Situation nichts auch nur annähernd Erregendes. Es widert mich an, so sehr, dass ich ein Würgen zurückdrängen muss.
Es ist nun wirklich nicht so, als würde mich der Anblick fickender Kerle immer mit Ekel erfüllen, in diesem Fall aber tut er es auf eine allumfassende Art.
Van Keppelen steht mit dem Rücken zu mir und rammt sich wieder und wieder in den – deutlich sichtbar – nicht erregten Kim.
Ich will den Blick abwenden, aber es geht nicht. Perverse Fasz ination hält mich gefangen.
Jedoch nicht lange. Ein eindeutig schmerzerfüllter Schrei von Kim, den er nicht mehr ganz unterdrücken kann, weckt mich aus dieser unheimlichen Starre und ich räuspere mich vernehmlich.
„Maik!“ Kims Kopf fährt herum und ich meide einen Blick in se ine Augen, auch van Keppelen wendet den Hals und sieht mich mit so einem triumphierenden Lächeln an, dass ich es ihm aus dem Gesicht schlagen will.
Beruhigen muss ich mich! Ganz dringend. Was immer die beiden da tun – als beiderseitig erfüllenden Sex würde ich es jedenfalls nicht bezeichnen – es geht mich nichts an und sie machen das seit Jahren so.
Kim versucht, sich aufzurichten, aber van Keppelen drückt ihn auf de n Schreibtisch zurück.
„Hellygirl ist fertig für Ihren Ausritt“, verkünde ich mit so neutraler Stimme, dass ich mich einen Augenblick lang frage, ob wir klich ich das gesagt habe.
„Danke Maik, ich komme gleich.“
Van Keppelens Wortwahl hätte mich in 99,9 Prozent aller Fälle zu einem lauten Auflachen verleitet, aber nicht in diesem.
Erst als ich mich ruckartig abwende, den Gang hinabgehe und nach der Klinke der Außentür greifen will – all das nun begleitet von unterdrücktem Gewimmer und harschen Sätzen wie „Na los, schrei für mich!“, „Ich will dich hören!“ und „Deine Fotze gehört nur mir!“ – bemerke ich, dass meine Hände zu verkrampften Fäusten geballt sind. Ich schüttle ruckartig den Kopf, versuche, die erniedrigenden Sätze und vor allem das schmerzerfüllte Gewinsel von Kim auszublenden, während ich es endlich schaffe, die Tür aufzuschieben und sie hinter mir zuzuschlagen.
Verdammt!
Ich spüre Schwindel, bin einen Moment lang alles andere als klar im Kopf. Hab ich das erlebt? Ist das gerade wirklich passiert? Vor meinen Augen?
Wut erfasst mich und ich kann nicht einordnen, wem sie eigen tlich gilt.
Kim? Van Keppelen?
Helly aufzäumen, Helly aufzäumen – nur nicht nachdenken. Bitte, bitte, Hirn, zwing mich nicht, das noch mal zu sehen oder auch nur daran zu denken!
Ich achte auf gar nichts, während ich über den Hof z urück zum Stall stakse, meine Knie scheinen sich nicht mit der Wucht meiner Schritte anfreunden zu können, sie quittieren jeden einzelnen mit Schmerz. Endlich stehe ich neben Helly, muss ein paarmal tief durchatmen, bis meine Finger sich endlich dazu entschließen, das Zittern einzustellen. Ich will Helly nicht nervös machen. Deshalb zäume ich sie zeitverzögert auf und führe sie ein wenig herum, bis van Keppelen sich die Ehre gibt.
Wie werde ich wohl reagieren, wenn er gleich über den Hof kommt, verrichteter Dinge und befriedigt?
Erneut überrasche ich mich selbst, als er endlich auftaucht. Hat er wirklich noch so lange gebraucht? Wie weh muss es Kim getan haben?
Müßig, darüber nachzudenken . Ich gehe van Keppelen entgegen und spüre, dass sich ein unverbindliches Lächeln wie ein Fremdkörper auf meine Lippen gelegt hat.
„Ah, Maik, danke!“ Van Keppelen nickt mir lächelnd zu und übernimmt die Zügel.
„Gern“, sage ich ruhig und sehe ihm dabei zu, wie er aufsitzt und davonreitet.
Und jetzt? Was soll ich jetzt machen? Wieder auf den Auße nplatz, der ist noch nicht fertig abgespritzt. Ich mache mich auf den Weg, sehe aus dem Augenwinkel Kims schlanke Gestalt im Türrahmen zu seinem Büro stehen. Ich komme aus dem Tritt, wende aber sofort wieder den Kopf, als unsere Blicke sich treffen.
Hellgraue Augen, auch über die Entfernung hinweg weiß ich, wie sie jetzt aussehen. Genauso wie sie eben ausgesehen h aben. Hell, ohne jede Lust, ohne jeden Glanz.
Ich balle erneut wütend die Hände zu Fäusten und setze meinen Weg fort, ohne ihn weiter zu beachten.
Mir sollte doch wirklich scheißegal sein, was er mit sich machen lässt. Wenn er dafür irgendwann das alles hier erbt, muss es ihm das ja zumindest wert sein, oder nicht?
Ein wütendes Schnauben dringt aus meiner Kehle.
Soll er doch machen, was er will, jedenfalls ist jetzt klar, dass ich nachher allein und oben in meiner Unterkunft essen will. Sonst muss ich am Ende kotzen, wenn ich ihn beim Essen ansehen muss ...
Ich drehe den Wasserhahn wieder auf und weiche den sta ubigen Boden weiter ein. Regen hätte wohl einen deutlich besseren Effekt, aber da ist einfach keiner gemeldet in den kommenden Tagen. Und in die Reithalle gehe ich bei dem Wetter ganz sicher nicht.
„Du hättest den Sprinkler aufstellen können, haben L ukas und Tom dir das nicht gesagt?“, höre ich irgendwann, kurz bevor ich am Ende des Platzes angelangt bin.
Mir egal, es tut gut, diese Idiotenarbeit zu machen.
„Ich hatte Zeit genug.“ Ein Blick auf meine Armbanduhr, ich hätte längst Feierabend! „Willst du was Bestimmtes?“
Klar, wieso frage ich Trottel eigentlich noch?
„Ich wollte ... wegen eben ...“, sagt er und bricht wieder ab. Seine Hände heben sich fahrig und er wirkt total von der Rolle.
„Na nu? Wo ist denn die obercoole Hure hin?“ Ja, ich bin bissig und nein, ich habe keinen Schimmer, wieso. Soll er doch! Ist das mein Problem?
Sein Gesicht verzerrt sich, alles Schöne weicht einer zornigen Grimasse ... Oh, im Gegenteil, seine ebenmäßigen Züge verwandeln ihn nur in eine andere, gefährlichere Schönheit.
Prompt schießt das Blut in meine Lenden. Das ist so u nfair! Ich drehe mich halb von ihm weg. Das muss er nun wirklich nicht sehen!
„Hat er dir gesagt, du sollst zum Büro kommen? Hat er geplant, dass du mich so siehst?“ Seine Stimme kippt be inahe vor Wut. Es dauert einen Moment, bis ich begreife, dass er gar nicht sauer auf mich ist.
„Ja, ich denke, er hat es geplant ... Sagte mir, wenn ich Helly fertig hätte, sollte ich zu dir ins Büro gehen und ihn holen.“
„Toll!“, faucht er und er ballt die Fäuste.
„Hey, reg dich mal ab, ich werde nichts dazu sagen, okay?“ Ja, was bin ich doch für ein Gentleman. Zum Ko tzen. Dabei würde ich gern tausend Sachen sagen, ihn anbrüllen und hoffentlich irgendwann eine plausible Erklärung von ihm dafür kriegen, dass er so etwas mit sich machen lässt!
„Scheiße, echt!“
Das Einzige, was mir statt des ganzen Gebrülls einfällt, ist etwas gänzlich anderes: „Sag mal, wenn er dich ... Ich meine ... Hat er dir weh getan?“
Kim schüttelt den Kopf und wendet sich mit vor der Brust verschränkten Armen ab. Er wirkt so hilflos. Passt gar nicht zu ihm!
„Aber gestern ... du warst ganz anders!“ Wow, bringe ich es allen Ernstes fertig, jetzt vorwurfsvoll zu klingen? Worüber beschwere ich mich denn?
„Ja, weil es anders war. Vergiss es einfach.“
„Ich soll ...? Spinnst du? Was ... Ich meine, was war das da eben, hat er dich vergewaltigt? Ist das der Deal, den ihr habt?! Du hast geschrien, Kim, es klang verdammt schmerzhaft!“
„Tut mir leid, dass du das mitansehen musstest“, sagt er le ise. Ich verstehe ihn kaum. Wütend lasse ich den Schlauch fallen und trete auf ihn zu. Bevor ich es verhindern kann, liegen meine Hände auf seinen Schultern. „Hey, Kim. Hat er dir weh getan?“
„Nein, verdammt!“ Er reißt sich von mir los und weicht z urück. „Ich fühle nichts, wenn er das tut, okay? Mein Arsch ist taub, ich spüre gar nichts!“
„Aber du hast gewimmert ...“
„Scheiße, Mann, weil er drauf abfährt! Er ist besessen von mir, er ist mir hörig, verstehst du das? Diese Art mich zu ficken ist absolut einseitig, er will mich dominieren, wenig stens die Illusion davon haben, dass er die Oberhand behält! Und er liebt es, mich zu erniedrigen! Bis vorhin war mir das scheißegal, aber dann hast du es gesehen und gehört!“
„Oh, ich verstehe, es ist also meine Schuld?“ Ich gehe mit steifen Schritten zum Wasserhahn, drehe ihn ab und marschiere , ohne mich noch einmal umzusehen, zu meiner Wohnung. Ich will duschen und einen Film gucken oder sonst was tun. Jedenfalls will ich Kim keine Sekunde länger mehr ansehen müssen und auch nicht mit ihm reden!
„Mann, Maik, warte!“, ruft er mir nach, aber ich will nicht stehenbleiben, ich kann es auch gar nicht. Ein weiteres Wort, und ich hätte ihm vermutlich eine reingehauen!
Eine Hand legt sich von hinten auf meine Schulter, in dem durch meine Ohren rauschenden Blut habe ich seine Schritte hinter mir nicht gehört. Wütend fahre ich herum und in der gleichen Bewegung landet meine Faust in seiner Magengrube.
„Fass mich nicht an!“, fauche ich und suche das Weite. Oh Mann, wenn ich ein Ticket zurück nach Nordengland will, ist das wohl der absolut beste Weg gewesen, nicht wahr?
Mich interessiert nicht, ob er zusammenklappt oder mir noch einmal folgt, solange er die handfeste Warnung versteht und es nicht erneut wagt, mich anzufassen.
Ich erreiche meine Wohnung und pelle mich aus Reith osen und Wäsche, bevor ich unter die Dusche steige. Runterkommen. Abschalten. Nicht nachdenken. Das ist die Devise.
Den Staub loswerden, den Stallgeruch, jeden G edanken an Kim.
Vielleicht auch ein kleines bisschen das schlechte Gewi ssen ...
Müde werfe ich mich nur in Boxershorts auf das Sofa, nac hdem ich mir eine Tüte Chips und eine Flasche Cola geholt habe. Ich will mich nicht mehr bewegen. Glotze an und reinstarren. Perfekt.
Leider sieht mein Hirn das anders. Kaum lümmele ich bequem herum, beginnen Bilder in meinem Kopf aufzutauchen. Ich habe plötzlich Kims Geruch in der Nase, sehe sogar abs ichernd zur Diele, doch da ist niemand. Erleichtert atme ich aus. Ich weiß nicht, was ich ihm noch antäte, wenn er mich nicht in Ruhe ließe.
Da sind sie wieder, die Bilder ... Kim in meinen Armen, Scheiße, das fühlt sich auch jetzt noch gut an! Seine Augen, dunkel vor Lust, weit aufgerissen vor Überraschung ... Sein Stöhnen klingt in meinen Ohren, sanft und schmeichelnd.
Oh, warte, zurückspulen!
Überraschung? Wieso denn Überraschung?
Und während es mir dämmert, dass er gestern Abend, als ich mit ihm geschlafen habe, genau das gezeigt hat ... Lust, Leidenschaft, Hitze, absolute Erregung ... erinnere ich mich an das, was er vorhin gesagt hat: Mein Arsch ist taub, ich spüre gar nichts!
Ja, wie denn? Das passt doch gar nicht zusammen!
Verdammt, der hat ja ne Vollmeise!
Ich richte mich mühsam wieder auf und versuche, ruhig durchzuatmen. Der Schlag hat echt gesessen!
Aber wieso ...? Hm, ich darf ihn nicht mehr anfassen, echt super. Nie wieder derart geilen Sex kriegen?
Was denke ich denn da? Ich schüttle den Kopf und versuche, ihn zu klären.
Okay, fassen wir mal zusammen: Der heutige Tag toppt alles bisher Dagewesene in Sachen Peinlichkeit, Erniedrigung und Enttäuschung um Längen!
Nie hat es mir was ausgemacht, wenn ich für Lu den wi nselnden Gefickten gespielt habe, aber wieso musste ausgerechnet Maik mich so sehen? Gott, das ist so peinlich! Sein Blick, als er mich ganz kurz angesehen hat ... Wie Feuer brennt er noch jetzt in mir. Aber fast noch schlimmer habe ich diese Grabeskälte in seiner Stimme empfunden. So teilnahmslos!
Andererseits, wundert mich das wirklich?
Scheiße noch mal, ja!
Hat er nicht gestern gezeigt, wie sehr er mich mag? Immerhin hat er doch angedeutet, dass er sich in mich ...?
Ach, was soll’s? Drauf geschissen! Immerhin habe ich außer di esem absolut geilen Sex kein Interesse an ihm!
Ich reibe mir über die Stelle, an der mich seine Faust ebenso unerwartet wie hart getroffen hat, und gehe zum Stall hinüber. Es ist kurz nach 18 Uhr, wenn ich jetzt in meine Wohnung gehe, b esteht nur die Gefahr, dass ich am Ende bei ihm auf der Matte stehe ...
Das ist aber beim besten Willen keine Option! Immer wieder ve rsuche ich mir zu überlegen, wieso Lu das getan hat.
Wollte er wirklich nur sein Revier abstecken? Wollte er mich noch weiter erniedrigen? Ich meine, bislang ist mir so ziemlich alles am Arsch vorbeigegangen, was er gesagt und getan hat, aber das da vorhin ... Ich seufze tief und nehme Lemonboy aus seiner Box, um mit ihm auszureiten. Ich muss Abstand schaffen, mich räumlich entfernen. Davon abgesehen sollte ich auch gründlich über alles nachdenken.
Dieses Chaos, diese verwirrenden Regungen in mir, das Zi ehen im Brustkorb, zum Beispiel. Nein, ich muss das klären und mir klarmachen, was genau es bedeutet und welche Konsequenzen sich daraus ergeben.
Ich jage Lemonboy im gestreckten Galopp über ein paar Feldw ege und achte darauf, auf keinen Fall in die Richtung zu reiten, die zu einer von Lus Standardstrecken gehört.
Ihm jetzt zu begegnen würde ich nicht ertragen.
Mein Atem geht rasselnd, als ich Lemonboy und mir endlich eine kleine Verschnaufpause gönnen kann. Ich fürchte, so habe ich ihn noch nie angetrieben. Sein eigentlich rötliches Fell ist dunkelbraun vom Schweiß und er hat Schaumflocken am Maul und ganz sicher auch auf seiner Brust.
Im Trab geht es weiter, und Lemonboy schnaubt ein paa rmal. Das Geräusch erdet mich irgendwie, schwer zu sagen, wieso.
Sofort wandern meine Gedanken wieder zu Maik. Was hat er an sich, dass ich so anders reagiere als sonst?
Wo ist mein Schutzwall aus Arroganz und Selbstsicherheit hin, wenn er in meiner Nähe ist?
Wieso verflucht noch mal kann ich seit gestern Abend an nichts anderes als diesen Sex mit ihm de nken? Ist doch nicht normal!
Warme Haut an meiner, ein leichter Schweißfilm, Arme, die mich umschlingen und halten, so zärtlich, ohne jede Ford erung. Maik hat mir das gegeben, was ich brauchte, nicht sich das genommen, was er wollte. Vielleicht ist das der große Unterschied?
Dieses Geben?
Ich schlucke hart und schüttle den Kopf, um die Bilder und die angenehmen Empfindungen aus meinem Kopf zu bekommen. Es muss logische, sehr rationale Gründe geben. Ohne Logik bin ich verloren und das werde ich nicht zulassen.
Die Fragenkaskaden fließen durch mein Hirn. Alles dreht sich, um Lu, um Maik, um das, was in mir ist, was ich nicht einordnen oder definieren kann.
Nein, falsch, ich will es überhaupt nicht definieren.
Bringt doch nur noch mehr Ärger! Ich klopfe Lemonboys Hals und lasse ihn in Schritt verfallen, während ich einen Weg z urück zum Stall einschlage. Ich werde ewig brauchen, aber das macht nichts. Je weniger Zeit ich in meiner Wohnung verbringe, so nah an Maik, umso besser. Für alle.
Denn, das ist mir durchaus klar, in Lus heutigem Verhalten schwingt eine klare Warnung mit. Eine, die nicht so sehr mir, sondern Maik gilt.
Lass die Finger von dem, was mir gehört , sagt dieses miese Verhalten.
Wieder steigt Scham in mir auf, zumindest glaube ich das. Es fühlt sich beinahe so an wie der erste Fick von Lu vor all den Jahren. Er hat mich heute benutzt, anders als sonst. Aber ich verst ehe nicht, wieso.
Was hat er denn mitbekommen? Was hätte er denn übe rhaupt mitbekommen können?
Vor allem aber, was bringt es ihm, Maik, einem gerade erst hier angekommenen Fremden, einem Ferie njobber, zu zeigen, dass ich sein Eigentum bin?
Maik spielt irgendeine Rolle für Lu, so viel ist sicher. Ich muss nur herausfinden, welche.
Theodoras Worte fallen mir wieder ein. Was für eine Sache ist damals wirklich vorgefallen? Wieso sollte Lu sich an Maik rächen, wenn der eigentliche Schuldige doch dessen Vater ist? Ja, da muss ich anfangen, bei Justin Fallner. Vielleicht sollte ich mal im Archiv nach seiner Personalakte suchen.
Aber erst, wenn Lu abgereist ist. Irgendwie erscheint mir das g erade sehr verlockend – in jeder Hinsicht. Wenn Lu weg ist, kann ich tun und lassen, was ich will ...
Ha ha, mit jemandem, der nicht will? Ich lache zynisch auf. Scheiße alles.
Andererseits ... wieso denke ich über so einen Schwachsinn nach? Maik ist nichts weiter als ein Kerl, zufällig auch schwul, zufällig genau mein Typ. Aber seit wann lasse ich mich von meinem eigenen Schwanz derart versklaven?
Meine gerade erst wieder gestrafften Schultern sinken nach vorn.
Seit Maik. Oder besser, seit dem fantastischen Sex mit ihm.
Ich schnaube wütend, weil meine Lenden schon bei dem Geda nken daran wieder reagieren.
Vielleicht sollte ich die baldige Abwesenheit von Lu nicht nutzen, um an Maik heranzukommen, sondern, um ihn losz uwerden?
Hach ja, ist es nicht herrlich, sich den Kopf über Dinge zu zerbrechen, die einfach keinen Sinn ergeben wollen? Ganz davon zu schweigen, dass sie es auch nicht dürfen!
Kim Andreesen ist ...
Ja, was denn? Opfer? Täter?
Für mich soll er Ersteres sein. Uneingeschränkt.
Aber mein Gewissen kommt mir zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt in die Quere. Wieso habe ich Mitleid mit ihm? Er hat sich selbst in diese Lage g ebracht! Vielleicht verdient er es gar nicht besser?
Aber der Faustschlag ... ich hätte das nicht tun dürfen. Noch nie war Gewalt eine Lösung für mich, nicht einmal eine denkbare Alternative! Wieso habe ich ihn geschlagen, wenn ich ihn am liebsten an mich gezogen und einfach festgehalten hätte?
Oh, Moment! Von wegen fest halten, da sollen mir eher die Arme abfallen! Kim verdient mein Mitleid nicht und ich muss es schleunigst abstellen, wenn ich meinen Plan verfolgen will.
Ich muss einfach Beweise finden, um van Keppelen als das zu entlarven, was er seit der Erbschaft dieses Gestüts ist: ein Betrüger. Nur mit handfesten Bewe isen kann ich den Namen meines Vaters reinwaschen. Und genau das will ich doch auch – nur das!
Ich bin nicht hierher gekommen, um meine Gefühle an einen Typen zu verschwenden, der selbst Schuld ist an seiner Situ ation.
Unruhig rutsche ich auf dem Sofa herum, rolle mich schlie ßlich zusammen und wundere mich, dass Kims Geruch plötzlich deutlich intensiver in meine Nase steigt. Irgendetwas liegt zerknittert unter meinem Kopf.
Oh, sein T-Shirt von gestern ... In meiner hastigen Flucht aus seinem Schlafzimmer hab ich aus Versehen danach gegriffen. Das bedeutet, mein Hemd liegt noch bei ihm.
Scheiß drauf, ist ja nicht so, als hätte ich deshalb nichts mehr anzuziehen. Trotz dieser Gedanken e rtappe ich mich dabei, den leichten Duschgel-Kim-Pferde-Duftmix tief einzuatmen – natürlich nicht ohne ein selten dämliches Grinsen im Gesicht.
Ja, verdammt, er hat mich aus der Bahn geworfen und van Keppelens Verhalten, das mich mehr und mehr an einen laternenpfahlmarkierenden Straßenköter erinnert, weckt Unwillen und mein Gewissen.
Kann ich Kim wirklich über die Klinge springen lassen, um Ludwig van Keppelen alles zu nehmen, was er besitzt?
Fraglos werden seine Betrügereien für eine Welle von Klagen sorgen. Oh ja, da werden dermaßen viele Köpfe rollen! Ich muss nur endlich damit anfangen, nach Hinweisen zu suchen. Bankgeschäfte, Schmiergeldzahlungen, Schuldscheine – irgendwas!
Ich grinse noch immer. Liegt das nun an dem T-Shirt oder an meiner Vorfreude bezüglich van Ke ppelens Absturz ins Nichts?
Meine Gedanken schweifen zu meinem Vater. Ich habe ihn wirklich schon so lange nicht gesehen, wie ich Kim e rzählt habe. Lügen nutzen zu müssen, um an ein Ziel zu kommen, bedeutet nun mal nicht, deshalb ausschließlich zu lügen. Das ist doch auch der Trick: Vermische die Lügen hin und wieder mit der Wahrheit, flechte Tatsachen in dein Gerüst aus Finten, Berechnung und Rachsucht, und schon hast du eine perfekte, glaubwürdige Mischung geschaffen, die dir jeder abkaufen muss .
Mann, der Duft in meiner Nase irritiert mich! Wütend ze rre ich das Kleidungsstück unter mir hervor und werfe es möglichst weit von mir auf den Boden.
Ich muss das alles echt wieder auf die Reihe kri egen.
Jeremy. Genau, ich habe mir doch vorgenommen, ihn anz urufen!
Ich raffe mich auf, suche mein Handy und finde es im Schlafzimmer auf dem Schreibtisch neben meinem bislang verwaisten Laptop.
Kurzwahl eins, was sonst?
„Tinnard?“ Seine fragende Stimme lässt mich warm l ächeln.
„Hi Sweetheart, wie geht es dir?“ Ich verfalle erleichtert ins En glische. Normalerweise versuchen wir, das zu vermeiden, aber er dürfte allein daran schon erkennen, wie verwirrt ich bin.
„Süßer! Mir geht’s gut. Die Qualifikationen beginnen morgen Nachmittag für mich. Ich vermisse dich jetzt schon!“
Ich kann ein kleines Murren nicht unterdrücken. „Ich dich auch, Sweetheart. Was denkst du? Hast du so gute Chancen wie sonst auch?“
Er lacht leise, es klingt so unglaublich wohltuend in meinen Ohren. Jeremy ist ein Stück Heimat. Eines, auf das ich seit ein igen Jahren nie länger als eine Woche am Stück verzichten musste. Diesmal sind es schon neun Tage, weil er vor meiner Abreise nach Deutschland schon zu einem Turnier gefahren ist.
„Das werde ich sehen. Keine Ahnung, wie Portos und Jam sich schlagen werden. Wenn ich Pech habe, stehen die be iden morgen mit dem falschen Huf zuerst auf und ich kann nach Hause fahren.“
„Komm schon, lass das. Du wirst wie immer mit den beiden über die Hindernisse fliegen und grade Jam dürfte dir doch einmal mehr beweisen, dass Zeitspri ngen ohne Stil einfach nicht sein Stil sind ...“ Ich kichere, aber es klingt auch für mich nicht echt.
„Hey, dir geht es gar nicht gut ...“
„Stimmt ... neben dir vermisse ich noch so eine schöne Brünette mit wunderbar treuen Augen.“
„Ich werde eifersüchtig, wenn du so etwas sagst!“, b eschwert er sich und ich höre sein Lächeln. Natürlich weiß er, dass Celebrity Darling mein Ein und Alles ist. „Hey, was hältst du davon? Kommst du am Wochenende her? Am Samstag, vielleicht? Ich könnte den Anblick eines heißen Typen in schwarzer Lederkluft vertragen zwischen an den geschniegelten Pferdefuzzis hier.“
Okay, nun muss ich wirklich lachen. „Ich werde vers uchen, frei zu kriegen. Aber nur, wenn ich bis Sonntag bleiben darf.“
„Du hast doch nicht ernsthaft erwartet, dass ich dich vorher g ehen lasse? Bitte versuch es, ja? Ich weiß gar nicht, wie ich das Turnier ohne dich überstehen soll.“
„Ich muss das abklären, aber ich denke, wenn ich am Sam stag alles erledigt habe, steht dem nichts im Wege.“
Er atmet erleichtert auf. „Exzellent! Sei dir sicher, ich entschäd ige dich für die lange Anreise ...“
„Mindestens drei Schleifen will ich sehen! Mach mir keine Schande.“
„Oh, bitte! Der Einzige, der mir hier wirklich davonreiten kann, wenn meine beiden Helden gut drauf sind, ist so ein komischer Typ mit hellgrünen Augen. Aber ich hab gehört, dieses Jahr traut er sich ein öffentliches Kräftemessen mit mir nicht zu ...“ Er bricht ab, weil er vor Lachen nicht mehr sprechen kann. Ich falle mit ein und will am liebsten in den Hörer kriechen.
„Danke, du hast es wirklich drauf, mich aufzubauen. Sag dem Typen, dass er ein Feigling ist.“
„Werde ich nicht tun, das ist er nämlich nicht. Im Gegenteil. Er verzichtet für jemanden, der ihm sehr wichtig ist, auf die Turniersaison seines Lebens mit einem Top-Pferd, das alles hätte gewinnen können.“
„Mir reicht, dass sie mein Herz gewonnen hat, Jeremy. Ich denke, ich hätte sie vielleicht doch mit hierher bringen so llen. Kim hat mich schon gefragt, wieso ich sie zu Hause gelassen habe.“
„Kim?“
Ich seufze. „Erzähle ich dir am Wochenende. In Kurzform: mein Boss hier.“
„Ah, ich verstehe. Dann bin ich gespannt, was du so zu b erichten hast.“
„Eine Menge und nichts, irgendwie ...“
„Du klingst traurig, Süßer. Fühl dich geküsst, ja? Ich denke pausenlos an dich.“
Oh, wenn ich das jetzt auch mal sagen könnte! Verfluchte Scheiße!
„Wir sehen uns am Wochenende, ja?“, biege ich das Th ema ab. „Und wenn ich nur für eine Stunde zu dir kommen kann, ich werde es tun.“
„Ich freue mich. Ich werde übrigens dauernd gefragt, wo du steckst. Hier gibt es einige, die sich außer mir auch noch fre uen werden, dich zu treffen.“ Er pausiert kurz, dann setzt er erneut an. „Und, Süßer?“
„Ja?“
„Egal was es ist, lass dich nicht so runterziehen davon, okay? Ich bin für dich da, immer.“
„Das weiß ich, danke. Wir sehen uns ...“ Ich lege nach seinem Gruß auf und lasse die Hand mit dem Mobiltelefon kraftlos sinken. Scheiße, wie soll das alles enden?
Wenigstens habe ich diesen kleinen Lichtblick. Das Tu rnier, auf dem Jeremy ist, findet keine hundert Kilometer entfernt statt. Samstag ist der Großputz, aber danach müsste ich eigentlich abhauen können ...
Verzögert, so als käme erst nach und nach in meinem Kopf an, dass ich gerade mit ihm telefoniert und mich sogar verabredet habe, beginne ich zu lächeln und spüre die Glücksho rmone in mir aufwallen.
Mittwochmorgen. Wochenhalbzeit und keine außergewöhnlichen Dinge anstehend. Heute kann ich den Ausritt mit den vier Ferienjobbern einplanen.
Vielleicht auch ganz gut so ... Ich bin ernsthaft versucht, Maik nicht mitzunehmen. Einfach schon deshalb, weil ich ihm nicht zu nahe kommen will. Bock auf einen weiteren solchen Fausthieb habe ich ganz sicher nicht.
Es ist sieben Uhr, Lukas und Tom sind mit der Morgenfütt erung schon durch und Timo und Pacal misten die Boxen, vermutlich ist Maik schon dabei, die ersten Weidegänger wegzubringen.
Ich ertappe mich bei einem Blick aus dem Seitenfenster zum Turnierpferdstall und sehe ihn.
Fasziniert von seinen Bewegungen bleibe ich stehen und beobachte seinen hochgewachsenen, muskulösen Körper, von dem ich doch schon so viel mehr gesehen habe. Trotzdem macht mich das, was ich sehe, enorm an.
Er trägt heute keine Reithose, sondern eine absolut wie angegossen sitzende Jeans, dazu ein kariertes, an den Ärmeln weit hochgerolltes Hemd. Endlos sexy sehen seine Oberarme aus, während er Lupinia auf einem der Putzplätze vor dem Stall stri egelt.
Sein Bizeps, leicht gebräunt und groß, spannt sich, zeichnet scharfe Konturen. Das Hemd verdeckt seinen V-förmigen Oberkörper, lässt mehr von dem erahnen, was ich nur zu gern wieder anfassen würde.
Ich schlucke hart, als er den Hals wendet, um mit Lukas zu sprechen, dann lacht er los, ich sehe es, möchte mitl achen ... Er wirkt so losgelöst, befreit. Ob das daran liegt, dass ich ihm heute noch nicht über den Weg gelaufen bin?
Quatsch, ich mag ja toll sein, aber so toll nun auch wieder nicht. Na ja, zumindest nicht für Maik ...
Dieser Gedanke ist so ernüchternd, dass ich tief seufze und mich abwende, bevor mir noch ein Sabberfaden aus dem Mundwinkel rinnt. Wie peinlich!
Ich bin Kim Andreesen, immer Herr der Lage und unantastbar. Oder so ähnlich.
Wie kann es eigentlich sein, dass ausgerechnet Maik mich so verunsichert?
Ich mache mir einen Kaffee und sehe noch einmal auf die Uhr. Wahnsinn, habe ich ihm tatsächlich eine Viertelstunde lang dabei zugesehen, wie er seine Muskeln hat spielen lassen?
Die Peinlichkeiten nehmen anscheinend kein Ende. Scheiße, wieso hab ich den Fick nicht einfach abgelehnt? Wieso habe ich mir von meinem Schwanz bloß das Denken abnehmen la ssen?!
Und von wegen Fick ... das war so viel mehr! Und doch so viel weniger ...
Frustrierend. Diese Endlosschleife in meinem Kopf muss endlich aufhören. Entschlossen kippe ich den restlichen Kaffee in den Ausguss und gehe nach draußen.
Heute stehe ich für drei Pferde auf dem Plan, den ich selbst jeden Sonntag erstelle. Cato, Jazira und Lemonboy müssen jeweils geritten werden, bevor sie auf die Weide können.
Wenigstens kann ich einen davon beim Ausritt bewegen. Ich hab nämlich auch noch eine Menge Bür okram vor mir.
Angie, unsere Schreibkraft, die ihr Büro im Gebäude der B esamungsstation hat, legt mir jeden Mittag einen neuen Stapel Post in das Eingangsfach. Für Rechnungen und Ausgaben anderer Art bin ich zuständig. Natürlich habe ich von Lu Prokura bekommen, als ich vor vier Jahren alles übernommen habe. Meine Unterschrift zählt genauso gut wie seine.
Ich mache mich seufzend auf den Weg zum Büro, entscheide mich spontan um und gehe zum Stall der Hengste und Renner. Am besten informiere ich Klaus, Christian und Nils gleich darüber, dass sie heute Nachmittag um 14 Uhr, also nach dem Mittagsessen bei Theodora, am Turnierstall zu sein haben.
Gerdchen und Sandra sind gerade dabei, die ersten zwei G alopper zur Rennbahn zu bringen. Ich frage mich jedes Mal wieder, wie sie es schaffen, bei ihrer geringen Körpergröße in diese viel zu hoch hängenden Steigbügel zu kommen. Klar weiß ich, dass sie meistens Hilfe haben, die sie förmlich in den Sattel hinaufwirft, oder von einer Aufstiegshilfe aus in den Sattel klettern, aber es fasziniert mich dennoch.
Die Galopper sind meistens zu unruhig für einen Tritt. Deshalb haben wir auf dem Weg zur Rennbahn eine gema uerte Steighilfe, durch die die Pferde geführt werden, die wie ein halbhoher Tunnel aussieht, und den Jockeys genug Zeit gibt, aufzuspringen.
„Gerdchen, wo ist Nils?“, erkundige ich mich.
Er lächelt. „Hey, Boss. Er ist schon auf der Rennbahn.“
„Sagst du ihm, dass heute nach dem Mittagessen der Ausritt über das Gestüt ansteht?“
„Klar, mache ich. Reitet Maik auch mit?“
Ich stutze über diese Frage, doch wieso eigentlich? Dass Gerdchen seine Annäherungsversuche von me iner Person auf Maik gelenkt hat, weiß ich doch. Gleichzeitig wird mir klar, wie sehr mich dieser Umstand ärgert. Also nicht, dass Gerdchen mich nicht mehr anhimmelt, sondern dass er es ‚wagt‘ Maik toll zu finden ...
„Ja, denke schon. Ich muss weiter, die anderen beiden wi ssen noch nicht bescheid.“
„Sag mal ...“, setzt Gerdchen an. „Weißt du zufällig, ob Maik ’nen Freund hat?“
Woah, das hat er jetzt nicht gefragt oder?!
„Keine Ahnung, da musst du ihn selbst fragen ... Aber ... wie kommst du drauf, dass er schwul sein könnte?“
Gerdchen lacht und hat Mühe Jalapeňo, den pechschwarzen Renner, auf der Stelle zu halten. „Mein Gaydar ist hundertproze ntig in Ordnung, Kim.“
Na gut, möglich, dass er wirklich ein besseres Gespür dafür hat ... Immerhin muss ich meine Ficks nie in freier Wildbahn suchen – schließlich treiben sich in den Schwulen-Clubs, in denen ich meine Beute abschleppe, ausschließlich schwule Jungs rum.
„Aha. Okay, dann viel Spaß bei der Jagd!“ Ich wende mich um und gehe zum Mutterstall. Soll er doch! Dass ich mit Maik nur bis zum Scheitel in Ärger geraten werde, ist mir vollko mmen klar. Und ich werde meine Zukunftspläne für keinen Schwanz der Welt aufgeben oder auch nur riskieren!
Auch Christian und Klaus bitte ich, nach dem Essen am Turnierstall aufzukreuzen. Danach gehe ich ins Büro.
Ich beschließe, allein zu frühstücken. Jedes Aufeinandertre ffen mit Maik wird es schwieriger machen. Mir reicht schon, dass ich ihm noch vom Ausritt berichten muss ...
Aber hey, ich wäre nicht ich, wenn mir das wirklich Schwi erigkeiten bereiten würde. Immerhin bin ich hier der Boss. In ein paar Tagen sogar unangefochten, weil Lu für mindestens zwei Wochen in Dubai sein wird.
Erst nach zehn Uhr habe ich genug Hunger und gehe in meine Wohnung. Das Frühstücken ist langweilig ohne Gesellschaft. Vielleicht hätte ich doch um acht in die Gesind eküche gehen sollen?
Ich esse schnell und mache mich danach sofort auf den Weg in den Stall. Cato und Lupinia sind bereits geputzt und warten auf mich. Lemonboy muss ich vertrösten, aber dafür wird er heute einen deutlich entspannteren Ausritt haben als gestern Abend.
Ich sattele Cato und weiß nicht, ob ich mich darüber freuen soll, dass zwar Lukas und Tom im Stall sind, aber kein Maik. Sicher ist er mit einem seiner Schützlinge auf dem Außenplatz. Für die Halle ist es mal wieder viel zu heiß. Obwohl sie offen ist, hält man es dort kaum aus.
Ich sitze auf und reite über den Hof, als Lu mir entgege nkommt.
„Kim!“
„Ja?“
„In drei Stunden geht mein Flieger.“ Er sagt nicht, was das im Klartext bedeutet, aber er nickt auf mein Haus und sieht mich fragend an.
„Nein, ich komme in den Salon. Halb zwölf?“, wehre ich ohne nachzudenken ab und ernte eine hochgezogene Augenbraue. Es ist selten, dass ich nicht sofort springe, wenn er es will. „Cato hat heute ein wenig Pfeffer im Hintern, ich muss mindestens eine halbe Stunde hart mit ihm arbeiten.“
Meine hinzugefügte Erklärung scheint zu wirken. Er nickt und sieht demonstrativ auf seine Uhr. „Halb zwölf. Salon.“
Ich nicke und reite an ihm vorbei. Cato ist heute wirklich angepiekst. Ständig versucht er, gegen die Zügel zu arbeiten und seitlich auszubrechen. Ich werde bei allem Training morgen Muskelkater haben, wenn ich ihn nicht bald von seiner Palme herunterhole.
S chon auf dem Weg zum Reitplatz pariere ich ihn mehrfach durch und erkenne doch, dass ich kaum eine Wahl habe. Ich muss ihn heute so richtig auspowern. Vielleicht sollte ich mit ihm in die Halle gehen? Allein schon, um Maik nicht zu begegnen? Was für ein Unsinn, ich muss doch eh noch mit ihm reden.
Davon abgesehen schuldet er mir wohl auch noch eine En tschuldigung wegen des Faustschlags!
Ich reite zum Außenplatz und treibe Cato gleich in einen versammelten Trab, um ihm sofort alle Schwachheiten auszutreiben. Ich sitze ihn natürlich aus, er soll ja nicht vergessen, dass ich im Sattel sitze und entscheide, was er zu tun hat.
Natürlich entgeht Maik nicht, wie sehr ich mit Cato kämpfen muss, um ihn versammelt zu halten.
„Er hat heute Morgen schon versucht, seine Boxenwand einzutreten. Du wirst heute viel Spaß mit ihm haben“, sagt er und wechselt auf den Innenzirkel neben mich. Er reitet Mirabeau, der im Gegensatz zu Cato lammfromm wirkt.
„Ja, hab ich gemerkt.“ Mehr sage ich nicht. So billig kommt er ganz sicher nicht um eine Entschuldigung herum.
„Du hast jedes Recht, sauer auf mich zu sein“, erklärt er und seufzt.
„Stimmt. Aber ich habe grade keine Zeit für solche Kleini gkeiten!“, bescheide ich ihm und bemühe mich, ihn nicht anzusehen.
Gleichzeitig spüre ich, wie meine Konzentration in Bezug auf Cato nachlässt. Er verfällt augenblicklich in Galopp und ve rsucht, den Kopf freizubekommen.
„Fuck!“, rufe ich aus und pariere ihn gerade noch rechtzeitig durch.
Maiks Lachen klingt schadenfroh in meinen Ohren, aber vielleicht kommt mir das auch nur so vor, weil ich merke, wo mein Blut sich hin verzogen hat, ohne mich zu fragen.
„Ja, sehr witzig!“, knurre ich und verhalte Cato.
„Mensch, Kim, es tut mir leid! Ich ... das mit dem ... Ich hätte dich nicht schlagen dürfen.“
Ich starre ihn an und blinzle ein paarmal. Was ist denn das jetzt für ein Themenwechsel? Ging es nicht eben noch um Catos Meg atemperament?
Wütend fauche ich: „Spar dir diese Scheiße, Maik! Glaubst du wirklich, ich hätte dein schlagkräftiges Argument nicht versta nden?“
Catos Ohren zucken, wieder versucht er, auszubrechen. Vie lleicht sollte ich ihm seinen Willen lassen? Ihn erst rennen lassen und dann mit ihm arbeiten? Das würde mich zumindest vor einem weiteren Streit mit Maik bewahren.
„Du hast es nicht verstanden“, sagt er leise und ich bin mir nicht sicher, ob er es wirklich gesagt hat.
„Oh, es war laut und deutlich genug!“, zische ich auf Verdacht. Ich werde mich ganz sicher nicht beruhigen und gebe Cato den Kopf frei. Sofort schießt er los und ich atme in einer Mischung aus Erleichterung und Wehmut auf.
Scheiße alles!
Drei Runden später, in denen Maik und Mirabeau mir den Hufschlag überlassen, pariere ich Cato wieder durch und lasse ihn im Arbeitstrab gehen. Natürlich schließt Maik wieder zu mir auf.
Bevor ich es kapiere, legen sich seine Finger um meinen Oberarm. In meinem Kopf entsteht das Bild von vorhin: Sein angespannter Bizeps, der karierte Stoff, der sich aufgerollt d arum spannt.
Ich zucke zurück, aber er hält mich fest. „Mann, Kim! Kannst du dir vorstellen, dass ich nicht will, dass er dir weh tut?“
Ich lasse Cato stehen und starre ihn wieder an. „Nimm. De ine. Hand. Weg.“
Er macht es, aber es fühlt sich nicht richtig an. Kalt.
„Wenn ich mich nicht irre, habe ich dir gestern schon erklärt, dass mir NIEMAND wehtut. Man nennt es Negation. Am besten, du googelst es mal!“
Ich reite wieder an, diesmal bleibt er hinter mir z urück.
„Das heißt, du hast alles nur gespielt? Scheiße, du bist echt e ine perfekte Hure, was?“ Er schnaubt fassungslos. „Gott, wie konnte ich nur denken ...?!“
Tja, und damit ist er weg. Scharfe Wendung von Mirabeau, ab zum Ausgang des Platzes.
„Arschloch!“, rufe ich ihm lahm nach und an dem kurzen Stocken in Mirabeaus Tritt sehe ich, dass es ihn aus dem Konzept bringt.
~*~
Lus tätschelnde Hand an meinem Hintern nervt mich, am liebsten würde ich sie ebenso wegschieben wie ihn. Aber ich weiß, was ich damit riskieren würde.
Also halte ich still, warte, bis er fertig ist, und ziehe mich an.
„Du hast hier alles im Griff?“, fragt er und geht in Richtung Tür.
„Klar. Wieso nicht?“
„Sah eben auf dem Außenplatz ganz so aus, als hättest du Streit mit Maik.“
Ja, perfekt, musstest du das sehen?
Ich zucke die Schultern. „Ich glaube, er versucht mein Vertrauen zu gewinnen, indem er mich anbaggert.“
Ich danke dem Unbekannten, der mir diesen Geistesblitz geschenkt hat! So werde ich in jedem Fall Lus Vertrauen beha lten. Wenn er weiterhin denkt, ich wäre vollständig loyal!
Oh, Moment mal, ich bin doch loyal!
Ja, von wegen, ich hab mich hier auf dem Hof von Maik flachlegen lassen, es war göt tlich und ich bereue höchstens, dass es nur einmal war, aber ... Nein, im Grunde hat das gar nichts mit Lu zu tun!
Nur mit Maik. Mit ihm und dem unheimlichen Sexappeal. Mit seiner Attraktivität, die mir schlicht den Boden unter den Füßen wegzieht.
„So? Ich dachte wirklich, ich hätte mein Revier gestern deutlich abgesteckt ...“ Lus süffisanter Ton reizt mich zum Würgen, aber ich verkneife es mir.
Also doch! Na , wenigstens weiß ich jetzt bescheid.
„Und verrätst du mir auch mal, wieso du dachtest, du müs stest das tun?“ Gestern bin ich nicht dazu gekommen, ihn danach zu fragen. Ich war viel zu beschämt, zu erniedrigt. Aber jetzt, hier, kurz bevor er abfliegt und mich ganze vierzehn Tage lang nicht anrühren wird, muss ich es wissen.
„Denkst du wirklich, ich hätte nicht gesehen, wie er dich mit Blicken verschlingt? Falls du es vergessen haben sol ltest, es gibt auch noch andere Männer, die von dir träumen, Kim. Aber vielleicht bist du wirklich so naiv zu denken, ich wäre der Einzige, der besessen davon ist, dich zu besitzen?“
Niemand besitzt mich, verdammt noch mal! Das würde ich auch gern herausbrüllen, aber ich habe schon vor Jahren g elernt, dass das kontraproduktiv ist ...
„Vielleicht bin ich nur nicht eingebildet genug?“, gebe ich z urück.
Er nickt und grinst. „Ja, das ist möglich. Naiv bist du nä mlich ganz sicher nicht. Also, denk dran: Es gibt nur einen, der dich in deinen süßen kleinen Arsch fickt und das bin ich.“
Spricht’s und verschwindet.
Ist das eine neue Masche? Mir irgendwas an den Kopf zu knallen, um danach einen theaterreifen Abgang hinzulegen?
Was auch immer, jedenfalls schleicht sich gerade ein ind ezentes Grinsen in mein Gesicht. Der Gedanke daran, dass ich zwei Wochen lang tun und lassen kann, was ich will, solange das Gestüt nicht darunter leidet, hebt meine angeschlagene Laune enorm.
~*~
Das Mittagessen nutze ich, um Maik in Gegenwart aller anderen endlich davon in Kenntnis zu setzen, dass wir ausreiten werden. Pünktlich verlassen wir zu fünft die Küche und gehen zum Turnierpferdestall hinüber.
Ich bestimme die Pferde, die gesattelt werden sollen und m ache Lemonboy ausgehfein, während Maik Finchen sattelt. Nils, Christian und Klaus satteln sich Hellygirl, Sphinx und Narla. Die drei sind auch bei fremden Reitern leichtgängig und folgsam. Niemandem wird bei unserem Ritt etwas passieren.
„Okay, wir reiten die lange Außenroute. Es gibt hier auf dem Gut zwei große Waldgebiete, einen Badesee und natürlich jede Menge Felder, Weiden und Brachland. Die Lan dwirtschaft des Gestüts ist auf die Produktion von Futtergerste und Hafer spezialisiert.“
Ich berichte noch weiter, während wir unterwegs sind. Zuerst geht es über diverse Feldwege zum A ußenbezirk des Gestüts. Dort gibt es einen Aussichtspunkt, von dem aus man in das darunterliegende Tal sehen kann. Die ganze Zeit bildet Maik das Schlusslicht, während ich vorneweg reite. Ich spüre seine Blicke brennend heiß in meinem Rücken und bin mehr als einmal versucht, ihn zu mir zu rufen.
Aber was für einen Sinn hätte das?
An dem Aussichtspunkt deute ich über die unter uns liegende Landschaft. Alle fünf Pferde stehen nun nebeneinander am der Brüstung des offenen Platzes. Es gibt hier sogar ein paar Bänke und einen Grillpavillon.
Aber dahin sieht niemand.
„Seht ihr da hinten die dunklen Streifen?“ Ich sehe nach links und rechts, fange ganz kurz den undeutbaren Blick von Maik auf. „Das ist ein schmaler Waldstreifen mit einem Bach, der das Gelände des Guts von den umliegenden Höfen trennt. Wir werden heute nicht bis zu den äußeren Weiden reiten, da dort nur Heuproduktion läuft und es nichts Spannendes gibt. Stattdessen zeige ich euch den Badesee.“
„Wir hätten Badehosen mitnehmen sollen“, befindet Klaus und grinst. „Bei dem Wetter wäre das doch genau das Richtige, oder nicht?“
Ich lache auf. „An eurem freien Tag könnt ihr dor thin.“
„Und abends nach dem Dienst?“, fragt Nils hof fnungsvoll.
„Ja, auch das. Na kommt, ich zeige euch den kürzesten Weg dorthin.“ Ich reite wieder voraus und nach einer guten Vierte lstunde erreichen wir den See. Er ist etwa einen Kilometer lang und halb so breit. An einer Seite gibt es einen kleinen, künstlich angelegten Strand und eine Liegewiese. Alle Bediensteten des Gestüts dürfen dort mit ihren Familien am Wochenende schwimmen gehen, um den überlaufenen öffentlichen Badeanstalten zu entgehen. Ehrlich, Lu ist, was so was angeht, sehr liebenswert. Eigentlich wird er nur zu diesem ... Tier, wenn er mich fickt. Zu keiner anderen Zeit habe ich ihn je ausrasten sehen. Er ist auch nicht gewalttätig oder bösartig. Weder im Umgang mit Pferden noch mit Menschen.
Ich spüre wieder, dass Maik mich beobachtet. Aus dem A ugenwinkel sehe ich zu ihm und überlege gleichzeitig, wie es wäre, mit ihm die kleine Bucht des Sees, die versteckt und weit abgelegen am anderen Ende liegt, unsicher zu machen. Soll ich sie ihm zeigen?
Wozu eigentlich? Um mich wieder so ausnutzen zu la ssen? Um am Ende wieder miese Sprüche und seine Wut über mich ergehen lassen zu müssen?
Er hält mich für eine rückgratlose Hure, eine Nutte. Bitte. Ich habe keine Lust, ihm nachzulaufen. Ist nicht mein Stil und auch ganz sicher nicht mein Wunsch.
Bisher habe ich es ja vermieden, neben ihm zu reiten. Allein schon, weil ich nicht mit ihm reden will. Jedes Gespräch scheint seit Montag in einem mehr oder weniger heftigen Streit zu enden und darauf habe ich schlicht ke inen Bock.
Ich muss mir jetzt sowieso mal überlegen, inwiefern ich me inen ursprünglichen Plan noch umsetzen kann.
Ich kann über ihn an mein Ziel kommen, das weiß ich. Er ist eindeutig verwirrt durch die letzten Tage. Auch wenn ich mir noch nicht ganz darüber im Klaren bin, wie diese Neg ations-Sache und sein Orgasmus in meinen Armen zusammenpassen sollen.
Mir ist die männliche Anatomie durchaus bekannt genug, um zu wissen, dass kein Kerl der Welt einen Erguss vortäuschen oder ohne jegliche Erregung hi nkriegen kann.
Vielleicht ist es auch nur meine persönliche Eitelkeit, die mich daran zweifeln lässt, dass er 99 Prozent jener Nacht nur gespielt hat?
Es frustriert mich, darüber nachdenken zu müssen. Ich will lieber sicher sein können, dass er wirklich dabei ist, sich gegen seinen Willen in mich zu verlieben.
Und dann starre ich während des gesamten Weges auch noch auf seinen Hintern ... Scheiße, von wegen Hintern, auf ihn!
Er ist es, verdammt noch mal. Kim! Im Ganzen. Und das b einhaltet auch sein Inneres. Es mag mir nicht gefallen – ha ha, ich hasse es! – aber es fasziniert mich auch. Er hat so viele Facetten, die ich gerne ignorieren will, so viel Unsicherheit, die er hinter seinem Job als Gestütsleiter versteckt ...
Ich hätte einfach nicht so genau hingucken dürfen. Bin doch selbst schuld, dass es mich jetzt so anfrisst. Wieso kann er nicht einfach nur der süße Arsch sein, über den ich, direkt , nachdem ich sein Vertrauen gewonnen habe, hinwegsteigen kann, um die alte Rechnung mit van Keppelen zu begleichen?
Tja, weil ich mich auf ihn eingelassen habe, nein, falsch, weil er sich auf mich eingelassen hat. So rückhaltlos und voller Vertra uen.
Ich darf überhaupt nicht darüber nachdenken, dass sich bi slang niemand so in meine Arme geschmiegt hat. Nicht einmal Jeremy ...
Ein bitteres Lächeln umspielt meine Mundwinkel. Mein Sweetheart wird mir am Wochenende zuhören, mich auffangen und mir helfen, davon bin ich übe rzeugt.
Immerhin liebt er mich genauso wie ich ihn ...
Ich atme tief durch und sehe wieder zu der schwarzhaarigen Schönheit auf dem Dunkelfuchs.
Gerade wendet er den Kopf und blickt mich an. Ganz so, als dächte er über etwas nach. Über etwas Intimes ...
Meine Lenden reagieren augenblicklich. Scheiße, wieso erwischt mich ein einzelner Blick, ein einzelner Gesichtsau sdruck von ihm nur so eiskalt?
Nein, auf diese Frage will ich keine Antwort.
Meine Stirn legt sich in Falten und ich halte seinem Blick stand. Dennoch muss ich hart schlucken. Er erzählt grade etwas darüber, dass keines der Reitpferde in den Badesee hineingeritten werden darf. Dass sie alle auf der Koppel nebenan ‚geparkt‘ werden sollen, wenn wir an unseren freien Tagen oder abends hierher kommen wollen, um noch ein wenig Sonne zu tanken.
Er deutet zu der Koppel, auf der es sogar einen Unte rstand und eine Tränke gibt, aber das habe ich eben schon gesehen. Noch immer blicke ich ihn an und noch immer versinke ich in seinen hellgrauen Augen.
Er verkörpert so vieles, vor allem Dinge, die ich in einem Mann sehen will. Und gleichzeitig verkörpert er so viele a ndere Dinge, die ich einfach nur widerwärtig finde!
Ich schaffe es nicht, den Blick von ihm loszureißen. Vielleicht auch deshalb, weil er Lemonboy wendet und auf mich zukommt. Ich sehe ihn abwa rtend an, bis er direkt neben mir anhält.
„Kommst du heute Abend zum Essen zu mir? Ich habe den Ei ndruck, dass wir reden sollten, wenn wir noch zwei Monate hier zusammenarbeiten wollen.“
Sein Vorschlag erstaunt mich und imponiert mir gleic hzeitig. Er ist wohl doch erwachsener, als ich wahrhaben will.
Ich nicke schwach. „Hältst du das für eine gute Idee, nac hdem dein ...“, ich seufze tief. „Nachdem er gestern so ... drauf war?“
„Er ist heute Mittag nach Dubai abgeflogen. Zwei Wochen Min imum, bevor er wieder hier auftaucht.“
Okay, das Grinsen, das sich in mein Gesicht schleicht, ist weder passend noch schlau, aber ich kann es nicht verhindern. Zwei Wochen ohne den Mistkerl? Das bedeutet, ich kann endlich im Gutshaus herumschnüffeln!
„Na gut, dann scheint das wohl der perfekte Zeitpunkt, um zu reden ...“
Er nickt und lächelt mich so gewinnend an, dass ich mich unwillkürlich frage, was er hinter meiner Zustimmung noch zu s ehen vermag.
„Es tut mir leid, Maik“, sagt er dann ernst, nachdem er einen Blick auf die drei anderen geworfen hat. „Ehrlich und wirklich leid. Ich will nicht dauernd mit dir streiten.“
„Ich auch nicht mit dir, vielleicht kannst du mir ja wirklich verständlich machen, was dich dazu bewegt, so zu handeln, wie du es nun mal tust.“
Er presst die Lippen kurz aufeinander. „Ich kann es dir nicht versprechen.“
Klar, wie auch? Er ist ehrlich, das war er die ganze Zeit schon. Nur ich bin hier der Lügner.
Meine Lüge geht ja sogar so weit, dass ich nicht einmal meinen Namen benutze, seitdem ich diese Bewerbung geschickt habe. Irgendwie fürchte ich den Tag, an dem er es herausfindet. Aber ich kann einfach nicht so ehrlich sein. Auch wenn ich es vielleicht lieber sein sollte.
Andererseits, wieso eigentlich?
Ich schüttle unbewusst den Kopf, bemerke es erst, als Kim mich irritiert ansieht. Seine Hand bewegt sich, aber bevor er sie auf mein Knie legen kann, zieht er sie zurück.
Schade.
Danach kapiere ich erst, dass er das wegen meiner Drohung macht. Ich würde auch keinen weiteren Faustschlag von mir abkriegen wollen. Entschuldigend lächle ich ihn an.
„Es tut mir sehr leid, dass ich dich geschlagen habe, Kim. Ich bin sonst nicht so ... Ich verabscheue Gewalt“, beginne ich und sehe mich nach den drei anderen um, die ein ganzes Stück entfernt zusammenstehen und miteinander reden. „Ich will nicht, dass dir irgendjemand wehtut und dann mache ich es selbst ...“
Scheiße, kann mein blödes Plappermaul jetzt mal Ruhe g eben?! Ist ja alles schön und gut, um Kims Gunst wieder zu erlangen, aber muss ich mir dabei selbst so deutlich unter die Nase reiben, dass es die nackte Wahrheit ist?
Ich will wirklich nicht, dass es ihm schlecht geht – weder wegen mir noch wegen sonst wem! Und ich will ihm nicht wehtun.
Peng. Damit habe ich mir wohl ein Bein gestellt. Wie soll ich über sein Vertrauen in van Keppelens Rücken fallen, ohne ihm wehzutun?
Na gut, vielleicht muss ich ihn aber gar nicht verletzen?
„Ich verstehe das. Du warst sauer und ich hätte dich nicht a nfassen sollen.“
Dabei dürftest du mich ständig anfassen, Kleiner!
Blöder Gedanke, der natürlich prompt das Blut in einer Conga gen Lenden schickt.
„Das ist keine Entschuldigung für den Fausthieb. Versuch erst gar nicht, eine Rechtfertigung dafür zu suchen, ja? Es war falsch und ich bereue es. Aus ve rschiedenen Gründen.“
„Hey, ich bin nicht aus Zucker. Ich muss ja zugeben, dass du ’nen ganz schönen Schlag drauf hast, aber ich hab’s überlebt!“ Er lacht und ich muss mich beherrschen, um nicht nach se iner Hand zu greifen. Seine langen, feingliedrigen Finger stecken in dünnen Lederhandschuhen.
Ich habe mehrfach gesehen, wie sanft und vorsichtig er sie über Blessuren bei den Pferden gleiten lässt. Mit einem leic hten Schauder erinnern mich die vor meinem inneren Auge auftauchenden Bilder an seine Streicheleinheiten letzten Montag. Ich schlucke erneut hart.
„Sollten wir nicht sehen, dass wir den Ausritt fortsetzen?“, frage ich und er nickt.
„Gute Idee, umso schneller kann ich meinen Kühlschrank für das Abendessen plündern ...“
Klingt gut. Ich bin gespannt, was er zubereiten wird.
~*~
Als ich frisch geduscht um 19 Uhr bei ihm anklopfe, ruft er mich herein und ich rieche sofort den Duft frischgebackenen Ci abatta-Brotes.
„Hmm“, mache ich, während ich die Schuhe im Eingangsb ereich abstreife und um die Theke herum zum Tisch gehe. „Das riecht toll.“
Er sieht lächelnd auf. Neben dem Herd an der Kücheninsel stehend, schneidet er Tomaten und Mozzarella in Sche iben, um sie auf einer großen Glasplatte anzurichten.
„Ich hoffe, du magst Caprese“, sagt er und ich trete neben ihn.
„Klar! Ich liebe Tomaten und Mozzarella. Auch wenn man den Briten miserable Essgewohnheiten nachsagt, bin ich durchaus ein Feinschmecker.“
„Woher kannst du eigentlich so gut deutsch?“, will er wissen und zupft frisch abgewaschene Basilikumblätter zurecht, um sie auf der rot-weißen Käse-Tomaten-Schicht auszulegen.
„Meine Mutter hat in Deutschland ihre Ausbildung gemacht und dabei meinen schon lange in Deutschland lebenden Vater kenne ngelernt. Beide sprechen Deutsch und ich bin sogar hier geboren.“
„Dann müsste Lu doch von deiner Existenz wissen oder nicht?“
„Nein, mein Vater arbeitet seit 25 Jahren schon nicht mehr für van Keppelen. Und meine Mutter ist dann direkt nach meiner Geburt mit mir nach Nordengland gegangen, mein Vater wollte das so. Er hat uns dort, so oft es ging, besucht, aber sie haben nie geheiratet und er hat immer streng geheim gehalten, dass er Vater war.“
„Hm, und wieso hast du ihn seit so vielen Jahren nicht mehr g esehen?“
Diese Frage musste ja kommen, immerhin habe ich ihm selbst davon erzählt. „Nach der Sache damals ... Er hat eine Zeitlang bei uns gelebt, aber als auch nach Jahren immer wieder Reporter auf der Suche nach der ultimativen Wahrheit waren, ist er weggegangen. Er lebt jetzt irgendwo in den Staaten.“
„Was genau ist denn eigentlich passiert?“ Er nickt zum Tisch, während er die mittlerweile mit Salz, Pfeffer und ein wenig weißer Balsamicocreme verfeinerte Platte aufnimmt.
Ich gehe voraus und setze mich. „Rennbetrug in ganz großem Stil.“
„Hm, klingt übel.“
Ich nicke. „Das war es auch. Es hat die Karriere meines V aters beendet. Aber ... Sei mir nicht böse, ich will darüber nicht sprechen.“
„Ist okay. Geht mich ja auch gar nichts an. Ich war bloß neugierig. Du brauchst grundsätzlich auf keine Frage zu antworten, die dir unangenehm ist, das sol lte dir doch klar sein.“
„Hm-hm, ist es auch, denke ich.“
Er holt das Brot zum Tisch und setzt sich erst, nachdem er noch Getränke organisiert hat. Er entscheidet sich für Cola.
„Sehr stilecht mit der Cola, aber ich mag nicht gern Wein. Wenn du lieber einen möchtest, sag es, ich habe durchaus welchen hier.“ Kim sieht mich fragend an und etwas in seinem Gesichtsausdruck lässt meine Knie weich werden. Ich bin heilfroh, dass ich bereits sitze!
„Nein, ich mag nicht. Cola ist prima.“
„Greif zu. Ich hoffe, es ist okay, dass ich nicht gekocht habe. Nach dem üppigen Essen bei Theodora kriege ich abends nicht noch mal eine warme Mahlzeit runter.“
„Klar ist das okay! Ich liebe Caprese, noch dazu mit frischem C iabatta!“
Wir essen gemütlich, lachen sogar und unterhalten uns über Filme, die wir mögen. Kein Wort über Pferde fällt, was mir einmal mehr zeigt, dass Kim kein engstirniger Pferd enarr, sondern ein durchaus vielseitig interessierter Mensch ist.
Immer wieder tauschen wir Blicke, bei denen mir heiß und kalt wird. Ich frage mich, was in ihm vorgeht, ob er dieses Knistern zwischen un s genauso spürt wie ich.
Natürlich tut er das, das wird mir klar, als er seine Hand auf meine legt. Ich sehe darauf, blicke wieder in seine Augen und läc hle.
„Freust du dich, dass du vierzehn Tage lang Ruhe vor ihm hast?“, will ich wissen.
Ein Schatten gleitet ganz kurz über sein Gesicht und er nickt. „Ja. Sehr sogar. Bisher war es mir egal, aber ... jetzt nicht mehr.“
Aha? Soll das heißen, dass er wegen mir oder besser, weil ich mitansehen musste, was van Keppelen getan hat, nicht mehr gleichgültig gegenüber diesem Mistkerl ist?
„Dann ... liegt es an ... gestern, dass du ... das jetzt anders siehst?“, wage ich mich ein wenig vor.
Er schüttelt beinahe sofort den Kopf und seine schlanken Finger schließen sich um meine. „Nein, eher an ... Montag.“
Oh! Ich meine: Oh!!!
Dann ist er wirklich so durch den Wind wegen mir? Scheiße, wieso fühle ich mich deshalb jetzt nicht einfach super? Wo ist der Triumph hin? Müsste ich jetzt nicht rausgehen, einen Freudentanz aufführen und mir ins Fäustchen lachen, weil mein Plan so gut aufgegangen ist?
Schmeckt ganz schön bitter, dieser Etappensieg auf dem Weg zur Erfüllung meiner Rache. Und wieso? Tja, ganz einfach, weil ich ihn damit verletzen werde. Früher oder später wird seine Symp athie für mich ihm das Herz brechen.
Ich will meine Hand unter seiner wegziehen, aber er hält mich fest.
„Tut mir leid, ich ... wollte dir damit kein schlechtes Gewissen machen.“ Er sagt das leise und sehr ernst.
Ich drehe meine Hand, erwidere die Berührung und weiß noch immer nicht genau, was ich dazu sagen soll. Schließlich blubbern die Worte aus mir heraus.
„Kim ich hab das vorhin am See ernst g emeint. Ich will dir nicht wehtun. Und ich habe irgendwie das Gefühl, dass ich das irgendwann werde. Ich meine, ich bin nur zwei Monate lang hier, danach gehe ich, komme was wolle, zurück nach England ...“
Er nickt und in seinen Augen liegt etwas, das ich nur schwer einschätzen kann.
„Mach dir keine Gedanken, Maik. Ich erwarte und verlange gar nichts, okay? Ich ... Ach, keine Ahnung! Ich verbringe einfach gern Zeit mit dir und der Sex war ... unbeschreiblich!“
Ja, das stimmt. Bevor ich es kapiere, nicke ich. „ Finde ich auch.“
Er lächelt und ich fahre fort: „Kannst du mir das mit der Negation erklären, Kim? Ich meine, ich möchte wirklich verstehen, wie das mit dem zusamme npasst, was wir am Montag hatten.“
Er mustert mich lange schweigend, dann nickt er und macht seine Hand los. „Lass mich den Tisch a bräumen, dann können wir auf die Dachterrasse gehen und reden, okay?“
„Ich helfe dir, dann geht’s schneller.“
Sein Lächeln strahlt richtig und ich verspüre einen bitteren Stich in meiner Brust. Ja, so fühlt sich ein monströs schlechtes Gewissen an – und ich habe es mir selbst eingebrockt.
~*~
Der Zugang zur Dachterrasse, die noch oberhalb meiner Ferienwohnung liegt, befindet sich in einem Flur seitlich der Schlafzimmertür. Als wir daran vorbei nach oben gehen, stehen die Bilder von Montag wieder so deutlich vor meinen Augen, dass ich am liebsten die Hände nach ihm ausstrecken und ihn an mich ziehen möchte. Er geht vor mir her über die Wendeltreppe und es kostet mich viel Kraft, die Colaflasche festzuhalten. Unsere Gläser trägt er. Als wir oben ins Freie treten, staune ich und kann mir ein „Wow“ nicht verkneifen.
Zwischen einigen bepflanzten Blumenkübeln steht ein Outdoo rsofa mit mindestens einssechzig mal zwei Metern Liegefläche. Es sieht den Loungern, die man in vielen Straßencafés mittlerweile sieht, von der Machart her sehr ähnlich.
Die Terrasse ist total cool. Die Zugangstür liegt in der Stirnwand . Von ihr geht links in schrägem Winkel eine Seitenwand des ausgesparten Daches hinab und die rechte sowie die der Tür gegenüberliegende Seite sind von einem schönen, sehr gradlinigen Metallgeländer mit fünf Sprossen begrenzt. Das Sofa steht im Zentrum der Fläche und zu seinen Seiten sehe ich zwei würfelförmige, kleine Tische.
„Mach’s dir gemütlich“, sagt Kim und stellt mein Glas neben mich auf eine s der Tischchen. Auf der anderen Seite des Sitzmöbels stellt er seine Cola ab, bevor er sich neben mir ausstreckt.
Zwischen uns ist eine Menge Platz, ich bin momentan ganz froh darüber, sonst würde ich ihn jetzt wohl doch an mich zi ehen und festhalten.
„Also?“, frage ich, nachdem wir eine Weile schweigend in den Sternenhimmel gesehen haben.
„Die Negation ... Ja, stimmt, wollte ich dir erklären. Okay, also, ich hab mich da nie so ganz genau drüber informiert, es ist aber wohl eine psychische Störung, hervorgerufen durch ein mehr oder weniger traumatisches Erlebnis. Manche Vergewaltigungsopfer zum Beispiel negieren die missbrauchten Körperteile. Ihnen ist dann scheißegal, was damit passiert. Es wird einfach nicht wahrgenommen. Und bei mir ist es so, dass ich ... Na ja, ich spüre nichts ... Also ... wenn mich einer flachlegt, spüre ich nichts – dachte ich zumindest bis Montagabend ...“ Er sieht zu mir herüber und wieder in den dunklen Himmel. „Ich habe nur mein erstes Mal – wenn man es so nennen will – gespürt. Es tat weh und war alles andere als befriedigend.“
Ich atme hörbar ein und er wendet den Kopf wieder zu mir.
„Es war Lu, ich war noch keine achtzehn damals. Danach verging der Schmerz, als hätte ihn jemand ausgeschaltet. Ich dachte zuerst, diese Verleugnung bezieht sich nur auf ihn. Aber ich hab’s ... getestet, wenn du so willst. Insgesamt kann ich sagen, dass es seitdem egal war, wer seinen Schwanz in mich geschoben hat, bei mir kam nichts davon an.“
Ich versuche mir vorzustellen, wie das sein muss ... Ich mag beides, Flachlegen und Flachgelegt-Werden – zumindest mit dem richtigen Mann. Bei Letzterem nichts zu spüren stelle ich mir als riesigen Verlust vor.
„Soll das heißen ...?“, frage ich.
„Das soll heißen, dass ich bis vor zwei Tagen keine Ahnung davon hatte, wie gut es sich anfühlen kann, gevögelt zu we rden, ja.“ Er seufzt vernehmlich. „Ich weiß, du hast gedacht, dass ich das nur spiele, dass ich ... dir was vorgemacht habe, aber ... ich meine ... Du machst dir keine Vorstellung davon, wie überrascht ich war!“
Oh doc h, Kleiner, ich habe es gesehen! In deinen wunderschönen Augen!
Ich schlucke hart. „Niemand spielt einen Erguss, Kim. Ich wus ste aber nichts von der Negationssache. Und ich weiß auch nicht ... Wie kann das sein? Also, dass du mich gespürt hast, aber sonst bisher niemanden?“
Er hebt die Schultern. „Keine Ahnung, ehrlich! Ich weiß nur, dass ich mich noch nie so gefühlt habe.“
„Du hattest vorher nie Spaß beim Sex?“, hake ich schockiert nach.
„Oh doch! Wenn ich losgehe in die Clubs, kriege ich jede Menge anonymen Spaß, keine Sorge. Aber dabei bin ich nicht passiv.“
„Ich verstehe. Schnellfick und fertig.“
„Ja, ich weiß, du magst das nicht . Aber eine Beziehung ist einfach undenkbar für mich. Ich glaube nicht an Liebe oder so was. Mir reicht es, wenn ich den Druck loswerde.“
„Dann kennst du auch keine Zärtlichkeiten und so?“, will ich leise wissen und setze mich etwas weiter auf, während ich näher zur Mitte rücke. Nur ein bisschen, ich will ihn ja nicht überfallen. Trotzdem habe ich das dringende Bedürfnis, ihm nah zu sein.
„Nein, keine Streicheleinheiten, keine Küsse, keine Neckere ien. Nur Ficks, schnell und unkompliziert.“
Er klingt nicht so bitter, wie sich seine Worte für mich a nfühlen.
„Weißt du eigentlich, was du dadurch verpasst?“
„Seit Montag, ja.“
Autsch.
Ach, Kleiner, warum ist das alles so kompliziert?!
Er setzt sich ebenfalls etwas auf. Zu mir hochzug ucken ist wohl nicht sein Fall. Einen Augenblick später lehnt seine linke Schulter an meiner und seine Hand landet auf meinem Oberschenkel. Ich ergreife sie wie in einem Reflex.
„Liegt es an deinem Deal mit van Keppelen, dass du so gegen Beziehungen bist?“, flüstere ich.
„Ich … es gab da mal was, vor der Sache mit Lu. Es war scheiße. Er hat mich betrogen und hintergangen auf jede nur erdenkliche Art. Natürlich gab er mir die Schuld für seine Untreue. Das hat mich gelehrt, niemandem zu vertrauen und wenn ich so drüber nachdenke ... Ich glaube nicht, dass ich etwas anderes als Neugierde empfunden habe, nichts, was du vermutlich als ‚Liebe‘ bezeichnen würdest. Also, ich wollte wissen, wie es ist, zu jemandem zu gehören. Dabei habe ich das nie.“
Ich verspüre Mitleid. Tiefempfundenes Mitgefühl für seine gesamte Situation – und ich weiß, dass dieses mir jede Menge Schwierigkeiten bereiten wird.
Ohne weiter darüber n achzudenken, lege ich einen Arm um seine Schultern und ziehe seinen Kopf an meinen.
„Ich wünsche dir, dass du irgendwann jemanden findest, dem du vertrauen kannst.“
Er lacht leise. „Maik, ich will so jemanden gar nicht finden! Ich will hier auf dem Gestüt bleiben, hier alt werden, hier arbeiten und leben.“
„Das nennst du leben?“
„Ja, schon. Ich habe alles, was ich will. Lu verlangt nur diese eine Sache von mir. Na ja, und neuerdings will er nicht, dass ich mich von jemand anderem ficken lasse ... Früher war ihm das egal. Aber es ist ja nicht so, als würde ich dabei auf irgendwas verzichten müssen ... Zumindest nicht, wenn ...“ Er bricht ab und sieht mich an. Das kleine Licht an der Terrassentür beleuchtet uns nur spärlich.
„ … wenn ich nicht mit dir schlafe?“, frage ich sanft.
Er nickt und schüttelt sofort danach den Kopf. „Ich bin mir nicht sicher, ob das noch mal so sein kann. Ich meine, wenn diese Negation vergangen wäre, müsste ich ja Schmerzen h aben, wenn Lu mich fickt ...“
Meine Finger streichen über seine Stirn, schieben sein Haar be iseite. „Du verdienst so viel mehr als das, Kim“, murmele ich und lege meine Lippen an seine Schläfe.
„Das mag sein, aber ich vermisse nichts. Ich meine, ich ke nne es ja letztendlich nicht anders ... Nein, falsch. Ich kannte es nicht anders.“
Hallo, schlechtes Gewissen! Nett, dass du mal vorbeischaust . Komm rein, setz dich, nimm dir ’nen Keks ... Ich bin das größte Arschloch dieses Planeten, spätestens, wenn ich in siebeneinhalb Wochen von hier verschwinde.
„Wirst du irgendwann noch mal mit mir schlafen?“
Ich blinzle. Hat er das wirklich gefragt? Noch dazu mit diesem unsicheren Unterton? Mir will einfach kein lockerer Spruch einfallen, auch kein zweideutiger. Scheiße!
„Würdest du das denn wollen?“ Meine Stimme klingt sogar in meinen Ohren sanft und weich.
Er nickt. „Klar, du weißt doch, wie du auf mich wirkst.“
Ja, eben! Und genau deshalb darf ich dich nicht noch einmal flachlegen, Kleiner.
Schön, dass mein Körper ganz andere Ideen hat als mein Gehirn. Bevor ich es richtig kapiere, habe ich ihn dichter an mich gezogen und eine Hand in seinen Nacken geschoben. Meine Li ppen finden seine und ich atme scharf ein, als ich das überwältigende Prickeln in ihnen spüre.
Er erwidert den Kuss nicht sofort, aber in dem Moment, in we lchem er es tut, stöhne ich auf und lasse meine Zunge über seine Unterlippe gleiten. Das Stechen in meiner Brust weicht einem Flattern, mein Herz bringt es tatsächlich fertig, für ein paar Schläge auszusetzen.
Scheiße, Scheiße, Scheiße!
Er küsst mich !
Starr bleibe ich sitzen und warte ein paar S ekunden lang ab. Immerhin ist er das letzte Mal, als er mich geküsst hat, danach aufgesprungen und abgehauen. Der Gedanke macht mir Angst und gleichzeitig bin ich endlich mutig genug, diese sanfte Berührung zu erwidern.
Seine Zungenspitze gleitet über meine Unterlippe, es kribbelt und ich öffne ohne darüber nachzudenken den Mund ein w enig. Ich will ihn spüren, diese Nähe, diese Wärme.
Besonders die, die in meiner Brust erwacht. Keine A hnung, was das ist, aber es fühlt sich toll an, einfach richtig!
Meine Hände gleiten um seine Seiten, über das enge Shirt, das er trägt. Selbst durch den Stoff kann ich die sanften Bewegungen seiner Muskeln spüren, die Kraft, die in ihm schlu mmert.
Maik ist mir näher als jeder andere bisher und ich fühle mich in seinen Arme n ohne jede Frage so, als gehöre ich hier her.
Genau hier her, direkt zu ihm – angeschmiegt und festgehalten. Ohne Frage, es macht mir Angst.
Seine warme Zunge berührt meine, beginnt einen vorsicht igen, langsamen Tanz, dem ich nur zu gern folge. Jeder kleine Zungenschlag wischt die aufkeimende Angst weiter beiseite.
Der Einzige, der mir die Hölle heißmachen könnte, ist weit weg und wird das hier niemals erfahren. I rgendetwas in mir lehnt sich zurück und lässt sich fallen. Voller Vertrauen, dass es aufgefangen und beschützt wird.
Er zieht mich auf seinen Schoß, küsst mich, streichelt mich, lässt seine Finger unter mein Hemd gleiten und liebkost meine Haut, auf der sich ganz sicher gerade eine Gänsehaut bildet. J edenfalls durchläuft mich ein Schauer nach dem anderen und ich seufze leise in Maiks Mund.
Er löst den Kuss und sieht mich an. Forschend und durc hdringend. Ich wüsste so gern, was er in meinen Augen sieht.
Erkennt er die Unsicherheit darin? Oder die Nerv osität?
Ich schlucke und erwidere sein Lächeln. Eine seiner Hä nde legt sich an meine Wange, sein Daumen streicht darüber und er wirkt so, als wolle er in meinen Augen abtauchen.
Geht so was? Schwachsinn!
Hm, aber eine schöne Vorstellung wäre es wohl doch ...
„Bist du okay?“, fragt er leise und ich spüre seinen Atem an meine n Lippen. Ein leichter Schauder, dann nicke ich. Sprechen fällt mir schwer.
Wie schafft er es eigentlich, mich von einem souveränen Gestütsleiter in ein zitterndes, unsicheres Bündel zu ve rwandeln?
Mit einem einzigen Blick!
Seine Augen sind dunkel, glaube ich. Das Licht hier reicht nicht aus, um Farben zu erkennen, aber sie wirken tiefer als sonst.
Ist das Verlangen in seinen Ir iden? In seinen Lenden spüre ich davon jedenfalls eine Menge. Ihm ergeht es also wirklich nicht anders als mir ...
„Du springst gar nicht auf und flüchtest“, stelle ich fest und mir ist nicht mal der wackelnde Ton meiner Stimme peinlich. Bringt ja doch nichts, immerhin gibt es kaum etwas Peinlich eres als das, was Lu mir gestern angetan hat. Zumindest nichts, was mich in Sachen Maik noch mehr mit Scham erfüllen müsste.
„Soll ich denn?“, erkundigt er sich und lächelt noch mehr.
Egal ob er gerade am liebsten in meinen Augen versinken will, ich will jedenfalls nichts anderes mehr. In ihm versinken, mich fallenlassen, bei ihm ankommen.
Ein wehmütiges Seufzen rollt aus meiner Kehle. „Nein, n atürlich nicht.“
„Du wirkst so anders jetzt. Wie am Montag. Viel weicher und zarter, als wenn du über den Hof gehst und der Boss bist.“
Ich schlucke noch einmal. Was soll ich dazu sagen? Ich fühle mich ja grade auch alles andere als überlegen oder in irgendeiner Form höhergestellt!
„Fürchtest du dich davor, so zu sein?“
Ohne Zögern nicke ich, nur um gleich darauf den Kopf zu schütteln und meine Hände in den Stoff seines Shirts zu krallen. Ich will nicht, dass er Abstand schafft. „Dir gegenüber kann mir wohl nichts peinlicher sein, als das, was Lu gestern getan hat ...“
Ich höre die Bitterkeit meiner Worte selbst, obwohl ich sie nur flüstere.
Sofort zieht er mich dichter an sich. „Denkst du, ich verurteile dich wegen einer Sache, die van Keppelen getan hat?“
Meine Schultern heben sich. „Ich habe jedenfalls zwische nzeitlich den Eindruck, dass es dir keineswegs egal ist, was er mit mir tut.“
„Aber doch nur, weil ich finde, dass du ganz etwas anderes ve rdienst! Du magst es ja für albernen Schwachsinn halten, aber es gibt Liebe, Vertrauen und echte Beziehungen, in denen beide Seiten gleich viel geben und nehmen.“
Ich seufze noch einmal. „Das ist Utopie, Maik. Für dich mag es so was geben, für mich sehe ich das ei nfach nicht“, murmele ich und spüre doch ein wenig Wehmut deshalb.
Klar, ich würde mir so was gern für mich wünschen, aber wenn ich das jetzt einmal erlaube, werde ich diese Sehnsucht immer verspüren. Für den Rest meines Lebens, den ich unumstößlich hier auf dem Gestüt verbringen werde.
„Sagst du das, weil du denkst, du hättest dein Leben schon hi nter dir?“, fragt er und zum ersten Mal wird mir richtig klar, dass er viel erwachsener und weiser wirkt, als er mit grade mal 21 sein sollte.
„Keine Ahnung, ich meine ... Nein, ich bin natürlich noch jung, wenn auch nicht so jung wie du ... Ich sehe diese Perspektive nicht für mich, seitdem ich ... Na ja, seitdem ich Lu für meine Zwecke eingespannt habe ...“
„Hm, letztlich ist eure Abmachung wohl auch ein Geben und Nehmen.“
Ich lache auf, es klingt bitter, was mich ziemlich erstaunt. Meine Hände legen sich um Maiks Gesicht. „Es ist eine geschäftliche Vereinbarung, keine echte Beziehung, wie du sie haben willst.“
Oder hat er eine solche Beziehung längst? Meine Hände si nken herab, als habe ich mich verbrannt.
„Du bist sicher für irgendwen auf dieser Welt der perfekte Partner.“
Er lächelt schief. „Meinst du? Wie kommst du darauf?“
„Nur so ein Gefühl. Ich könnte mir jedenfalls vorstellen, dass i rgendwo ein Typ auf dich wartet, der all das in dir sieht, was du in ihm siehst. Inklusive dieser Sache, die man gemeinhin ‚Liebe‘ nennt ...“
„Du bist viel zu zynisch für dein Alter.“
Ja, ganz sicher sogar, aber ich bin doch zufrieden mit dem, was ich habe!
Na ja, ich war es – bis vor kurzem. Weiter will ich nicht darüber nachdenken.
„Ich bin nur realistisch, Maik. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich mich an diese Küsse gewöhnen könnte.“
Er lächelt breiter und zieht mich wieder an sich, nur einen Wimpernschlag später liegen seine Lippen wieder an meinen.
Scheiße, das fühlt sich viel zu gut an, viel zu echt.
Ich vergesse die Zeit, bis uns irgendwann zu kalt wird, um hier draußen herumzuliegen.
„Lass uns reingehen, ja?“, schlage ich vor und er z ögert.
„Jeder in sein Bett“, stellt er klar und ich kapiere, dass mich diese wenigen Worte gleichzeitig enttäuschen und mit Hochachtung erfüllen.
Ich spüre noch immer deutlich, wie sehr ihn diese Nähe erregt. Dass er jetzt so klar denken kann, rechne ich ihm enorm hoch an – allein schon, weil ich es nicht kann.
Total verkatert wache ich auf und reibe mir die Augen, nachdem ich den Wecker ausgeschaltet habe. Dabei habe ich kein bisschen Alkohol gehabt!
Heute muss ich sechs Pferde bewegen und auf dem Springplatz sollen ein paar Hindernisse neu angestr ichen werden.
Ich habe diese Instandhaltungsarbeiten ebenso übernommen wie das morgendliche Putzen der Tiere. Genug Zeit dazu habe ich.
Tom und Lukas , die ebenfalls für die Bewegung der Turnierpferde sorgen, machen das schließlich auch.
Ihr Argument, dass der Boss mich schließlich fürs Reiten und nicht für den Rest eingestellt hätte, zieht einfach nicht durch ständige Wiederholung. Und ich wüsste auch gar nicht, was ich machen sollte, wenn ich mittags schon mit dem Bewegen der Pfe rde fertig wäre und danach freihätte.
Nur Timo und Pascal, die beiden Stallknechte, haben mich gebeten, ihnen nicht beim Misten zu helfen, weil ich damit ihren täglichen Arbeitsplan über den Haufen werfen würde. Wenn ich ehrlich bin, stört es mich nicht, dass ich nicht ständig Pferdeäpfel und nasses Stroh zum Mistplatz karren muss.
Morgen kann ich den ganzen Tag reiten – Kim hat seinen freien Tag. Das bedeutet, ich bewege mindestens acht Pferde. Natürlich übernehme ich Kims Pferde nicht allein.
Tom, Lukas, Ferdinand – der Reitlehrer – und ich teilen nach Kims Dienstplan alles unter uns auf.
Ferdinand Lohner ist knappe vierzig und sehr freundlich. Er übernimmt derzeit beinahe alle Unterrichtsstunden, weil Kim im Büro zu viel zu tun hat. Deshalb wird heute auch reger Betrieb im Turnierstall herrschen und der Außenreitplatz ist dauerhaft von seinen Reitschülern blockiert.
Ich glaube, so eine Dressurstunde bei Kim würde ich gern mal mitansehen. Das könnte sehr interessant werden. Er unterrichtet beides, Springen und Dressur .
Hm, ich habe längere Zeit niemanden mehr unterrichtet. Neben dem Studium und meinen eigenen Training ist dazu auch kaum Zeit geblieben.
Gähnend stehe ich auf und schleiche unter die Dusche. Auf dem Weg dorthin erinnere ich mich an den gestrigen Abend. Ich habe ihn geküsst, immer wieder! Stundenlang!
Verdammt , hat sich das gut angefühlt, ihn im Arm zu halten, auf meinem Schoß ...
Kim ist so viel mehr , als ich anfangs vermutet hätte. So viel mehr, als ich ihm zutrauen wollte!
Irrtum, dein Name ist Dexter!
Kim ist ... toll .
Wie er auf meine Berührungen reagiert, auf meine Kü sse ... mit welcher zarten Leidenschaft er sie jedes Mal erwidert!
Ich gerate ins Schwärmen und schüttle knurrend den Kopf. Das Wasser der Dusche wird dazu verdonnert, mich aus dieser Tagträumerei zu erlösen, die Gedanken an ihn aus meinem Kopf zu spülen wie das Shampoo aus meinem Haar.
Trotzdem erwische ich mich wenig später am Küchentisch beim Essen meines allmorgendlichen Joghurts wieder bei einem unsa gbar dämlichen Grinsen.
Das darf einfach nicht wahr sein! Wie kann und soll ich das J eremy erklären? Er wird am Samstag noch deutlicher merken, wie verwirrt ich bin. Das hat er ja am Telefon schon herausgehört, obwohl ich wirklich versucht habe, es zu verstecken.
Ab in den Stall, die Pferde werden mich ablenken. Ich kann gerade kein schlechtes Gewissen gebra uchen und erst recht keine Gefühlsduseleien.
Blöd ist daran nur, dass jede einzelne Sekunde von gestern Abend in meinem Kopf eingebrannt ist – und nicht nur dort.
Ach, Scheiße!
Ich ziehe meine Stiefel an und stakse in den Stall. Heute stehen die Springer auf dem Plan und ich sollte mit Constance ins Gelände. Mal sehen, Gelände hebe ich mir wohl besser für heute Abend auf. Da ist es vielleicht schön genug, um noch kurz in den Badesee zu springen.
Ja, das klingt super!
Meine steifen Schritte werden lockerer, schwingender und ich schnappe mir das Putzzeug, um das erste Pferd für heute – Mirabeau, den großen Schecken – zu putzen.
Er ist in Sachen Springen nicht ganz so gut wie die anderen, deshalb steht heute ein echtes Stiltraining für ihn an. Mal s ehen, wie gut er sich machen wird.
Schon um viertel nach sieben bin ich mit ihm auf dem Springplatz und wärme ihn auf. Um ihn vollkommen zu l ockern, lasse ich ihn wieder und wieder über eine Reihe von Cavaletti gehen.
Mirabeau wird heute nur über einen einzigen Sprung gehen, den ich sehr niedrig , aber weit eingestellt habe.
Das Training hat den Vorteil, dass ich mich voll und ganz auf den Wallach konzentrieren muss, um seine Schrittfolge und seinen Rhythmus nicht durcheina nderzubringen.
Tja, das bedeutet dann eben auch, dass ich nicht an Kim und seinen sinnlichen Körper denken kann. Nicht an die Küsse und die Nähe, die wir ohne jeden Sex geteilt haben.
Das Frühstück bei Theodora ist heute anders, ich kann nicht einmal genau sagen, woran das liegt.
Oh doch, an Maik! Er sitzt zwischen Gerdchen und mir und immer wieder streift sein Oberschenkel meinen, sein Handr ücken meinen Arm. Kleine Stromschläge, die meinen Puls hochtreiben und mich mehr als einmal zusammenzucken lassen.
Ich sehe ihn trotzdem nicht übermäßig oft an, denn ich kann durchaus erkennen, dass Theodora uns alle mit Argusaugen b elauert.
Auf ein weiteres ‚Du magst ihn, aber es wäre besser, wenn du dich nicht dabei erwischen lässt ‘-Gespräch habe ich keine Lust.
Stattdessen freue ich mich auf heute Abend, glaube ich. Vielleicht ist das ein Fehler, aber ich fange bei dem Geda nken daran, dass er heute wieder mit mir gemeinsam essen und auf der Dachterrasse sitzen könnte, an zu lächeln.
Nach dem Frühstück muss ich ins Büro und meinen Te rminplan für heute durchsehen. Irgendwann im Laufe des Vormittags wird eine Stute für den Turnierstall gebracht. Ein gewisser Herr Tinnard bringt ein wirklich edles Tier vorbei. Den Namen weiß ich nicht, aber er hat eine Box für den Sommer gebucht und ich bin sehr gespannt auf die Stute. Dabei fällt mir ein, dass ich mir nicht sicher bin, ob irgendwer bereits eine der Boxen im Quarantänestall eingerichtet hat.
Seufzend verlasse ich das Büro, sehe , wie Maik auf Lupinia zum Springplatz reitet, und betrete den Stall durch das große, offenstehende Tor.
„Tom?!“
„Ja, Boss?“
„Heute Vormittag kommt ein Pferd für den Quarantän estall.“
„Ja, ich weiß, Timo richtet die Box gerade ein, wir haben eine besonders große ausgesucht, wie bestellt.“
„Ah, gut, ich war mir nicht mehr sicher, ob ich euch schon i nformiert hatte.“
„Was ist denn das für ein Wundertier?“, erkundigt er sich neugierig und stützt sich auf die Mistgabel, mit der er ger ade die leere Box von Cato ausmistet.
„Ich weiß noch nichts Genaues, einer der Gründe für die Quarantäne. Ich weiß nur, dass sie ein En glisch Vollblut mit einigen Turniersiegen ist. Lassen wir uns also überraschen!“
„Die Weide für sie ist ein wenig von den anderen abgetrennt, alles wie immer bei einem Neuz ugang.“
Ich grinse. „Super. Ist ein tolles Gefühl, sich so auf seine Mita rbeiter verlassen zu können, Tom.“
Ich gehe durch die Sattelkammer, einen Gang und zwei Türen und betrete eine weitere Sattelkammer, die deutlich kleiner ist als die vom Hauptstall. Dahinter gibt es nicht fünfzig, sondern nur zehn Boxen und sie dienen ausschließlich als Zwischenstation für Pferde, die möglicherweise trotz aller Transport- und Gesundheitsbestimmungen eine Krankheit einschleppen könnten.
Wenn wir uns hier auf dem gesamten Gestüt eines nicht e rlauben können, sind es ansteckende Krankheiten.
Timo ist bereits fertig, als ich bei ihm ankomme. „Na? Alles schon klar? Echt super, dass du dran gedacht hast.“
„Na, Hauptsache, das Tierchen langweilt sich hier nicht, so ganz ohne Gesellschaft ...“ Timo sieht mitleidig aus.
„Ach, sie wird es ja nicht lange aushalten müssen. Und manche Pferde lieben es ja sogar, ganz allein herumz ustehen. Ich denke, unserem Gast wird es gut gehen.“
Timo horcht ebenso auf wie ich, als ein Wagen auf der Einfahrt neben dem Stall entlangkommt. Klingt nicht nach einem einzelnen PKW, sondern nach einem großen Fahrzeug mit Anhänger.
Ich gehe durch die vordere Tür des Quarantänestalls ins Freie und folge dem Pferdehänger, den ich nun von hinten s ehe.
„Sie ist da. Ich bringe sie gleich rüber!“, rufe ich über die Schulter und mache mich auf den Weg.
Neben dem Weg zu den Außenreitplätzen bleibt der Hänger st ehen und ich hole auf, während ein Mann Mitte zwanzig aus dem riesigen Geländewagen steigt, der den edlen Neuzugang gezogen hat.
Er ist dunkelblond und kommt mir mit federnden Schritten en tgegen.
„Jeremy Tinnard, guten Tag.“ Er streckt mir die Hand hin, wä hrend sein Blick mich ebenso taxiert wie meiner ihn. Er erinnert mich an jemanden. Ich komme nur nicht drauf, an wen. Er hat einen echt niedlichen, englischen Akzent und seinen Namen spricht er sehr britisch aus. Das klingt irgendwie sexy und unwillkürlich bedaure ich, dass Maik nicht auch mit Akzent Deutsch spricht.
„Kim Andreesen. Guten Tag."
„Ah, mit Ihnen habe ich gesprochen wegen der jungen Dame hier!“ Er deutet auf den Hänger und entriegelt die Ladeklappe. Ich helfe ihm sofort dabei und merke, dass ich gespannt ins Innere des Transporters blicke.
Dunkelbraunes, glänzendes Fell, ein schwarzer, mit einer Bandage umwickelter Schweif, der mich unwe igerlich an mein eigenes Haar erinnert. Knallrote Transportgamaschen und eine ebenso rote Decke.
Tinnard löst die Transportschranke und klettert zu ihr hinein, um nur Augenblicke später eine wahre Schönheit auf dem Hof des Gestüts abzul aden.
Ich schnappe kurz nach Luft.
„Darf ich vorstellen?“, beginnt der Blonde und lächelt mich an, während er den Hals der Stute tätschelt und ich unwillkürlich meine Hand ausstrecke, um sie daran schnüffeln zu lassen. „Das ist CD.“ Auch diese anscheinende Kurzform spricht er englisch aus – Cie-Die.
„CD?“, wiederhole ich erstaunt und blinzle, bevor ich meine Hände sacht über ihren Nasenrücken und ihre Nüstern gleiten lasse.
Ein Vorteil, den ich durch mein ungewöhnliches Talent habe: Pferde zeigen keine Angst vor mir, auch dieses hier nicht.
CDs Kopf ist edel und ihre dunklen Augen blicken mich so wissend an, dass ich lächeln muss. Längst habe ich angefangen, mit ihr zu sprechen.
„Celebrity Darling.“ Klingeling!
Ich stutze und starre ihn an. „ Das hier ist Celebrity Darling?!“
Er nickt und grinst. „Sie haben schon von ihr g ehört?“
Ob ich ...?! Hat Maik nicht gesagt, dass sie sein Pferd ist?
„Ja, ich denke schon ... Wir sollten ihr die Gamaschen abnehmen und sie in ihre Box bringen.“
„Okay. “ Er will mir den Führstrick reichen, doch ich schüttle den Kopf.
„Ich mach das, kein Problem.“ Sofort beginne ich damit, die la ngen Gamaschen mit integrierten Hufglocken abzunehmen und taste gleich über ihre Beine. Ihr Fell ist warm und durchgeschwitzt darunter, vielleicht wäre es gut, ihr ein kleines Fußbad zu gönnen.
„Wo finde ich denn Maik?“, fragt er und ich sehe, dass er den Hals über den hohen Rücken der Stute streckt.
Ich verspüre einen kleinen Stich irgendwo in meiner Brust. Schnell löse ich die letzten Klettverschlüsse und befreie das edle Tier von dem zusätzlichen Ballast.
„Er ist auf dem Springplatz. Wenn Sie wollen, gehen Sie den Weg dort entlang, ich kümmere mich um diese Schö nheit.“
Er zögert. „Nein, bitte, ich würde ihm gern sofort s agen, dass sie hier ist ...“
Ich nicke ergeben und lege die Gamaschen beiseite, bevor ich mi r an einem Waschbecken am Stall die Hände gründlich wasche und mich auf den Weg zum Springplatz mache.
Ich sehe mich noch einmal um. Tinnard und Celebrity Da rling stehen auf dem Hof wie ein Denkmal.
Meine Fresse , sieht der gut aus! Dieser schlanke Körperbau, die langen, kräftigen Beine. Sexy! Was hat er wohl mit Maik zu schaffen?
Ich finde das Ziel meiner heimlichen Gedanken auf Lupinia genau dort, wo ich ihn vermutet habe. „Maik! Du ... äh ... könntest du mir mal helfen?“ Irgendwie will ich Tinnard die Überraschung nicht verderben, deshalb stammele ich lieber blöde rum.
Er reitet zum Tor, welches ich für ihn öffne , sitzt ab und landet direkt neben mir. Ganz kurz berühren wir uns und er lächelt auf mich herab. „Wobei kann ich dir denn helfen?“
Seine Stimme klingt weich und einen Moment lang ve rgesse ich das Atmen. „Äh ... auf dem Hof, ich nehme Lupinia, geh doch schon mal vor ...“
Er kraust die Augenbrauen, aber er nickt und setzt sich in B ewegung, nachdem er mir die Zügel gereicht hat.
Ich folge ihm langsamer und tätschele dabei Lupinias Hals.
Neugier treibt mich, ansonsten wäre ich jetzt aufgesessen und hätte ihr Training fortgesetzt.
So aber komme ich den Weg hinab und sehe die innige U marmung der beiden Männer, die deutlich länger anhält als eine normale Begrüßung.
Wieder so ein blöder Stich.
Was die beiden reden, höre ich auch im Näherkommen nicht. Aber sobald Tinnard mich sieht, löst er sich von Maik und tritt einen Schritt zurück.
„Du kannst sie doch nicht einfach hierher bringen!“, höre ich Maik sagen, der nur Augenblicke später am Hals seiner Stute hängt. „Hallo, mein Mädchen! Hat er dich wirklich hierher geschleppt ... Dabei solltest du doch zu Hause auf mich warten!“
Ich gehe mit Lupinia zum Tor des Stalles und rufe nach Lukas. Die Quarantäne hat wenig Sinn, wenn ich jetzt eines der Turnierpferde in die Nähe der neuen Stute bringe.
Lukas kommt auf uns zu und äußert Komplimente über den Neuzugang, bevor er mir Lupinia a bnimmt.
„Sie ist wirklich schön“, sage ich und sehe Maik an , als ich neben ihn trete. Es kostet mich erstaunlich viel Kraft, so ruhig zu sprechen. Vielleicht liegt das daran, dass Tinnard und Maik sich diese innigen Blicke zuwerfen?
So ein Quatsch!
„Bring sie bitte in den Q-Stall, Maik. Die Box ist fertig und dort hat sie Ruhe.“
Er nickt und lächelt mich strahlend an, bevor er sich mit seinem Pferd in Bewegung setzt.
Tinnard bleibt bei mir stehen und wirft mir einen weiteren, abschätzenden Blick von Kopf bis Fuß zu. Was er sieht, scheint ihm zu gefallen, jedenfalls lächelt er vor sich hin. Egal!
„Soll ich Ihnen schnell helfen?“ Ich deute auf den noch geöf fneten Hänger, damit ich nicht hinter Maik her und auf seinen süßen Arsch starre, während mich jemand beobachtet ...
Wir schließen den Transporter und ich deute zum Stall.
„Ihre ganzen Sachen sind im Landrover. Könnten Sie mir beim Ausladen helfen?“, fragt Tinnard.
Ich nicke und auch Tom und Pascal kommen aus dem Stall, um mit anzufassen.
„Alles rüber in die kleine Sattelkammer“, sage ich und weiß doch, dass eigentlich alle bescheid wissen.
Wir finden Maik bei Celebrity Darling in der Box, schm usend und mit ihr sprechend. Seine sanften Gesten und Worte berühren mich, zeigen mir einmal mehr, wie sehr er sich auf die Tiere einlassen kann, mit denen er umgeht.
Und ja, das hier ist, wie ich anfangs einmal überlegt habe, noch viel intensiver und feinfühliger, als alles, was ich bi sher von ihm gesehen habe.
Gefühlt habe ich dagegen etwas sehr Ähnliches. Zuletzt gestern Abend – auf meiner Haut.
Mein Blick fällt auf den schlanken Tinnard, der nicht nur genauso groß ist wie ich, sondern auch eine frappierend ähnliche Gestalt hat. Mit einer gewissen Bitterkeit oder vie lleicht auch Wut, beobachte ich, wie Maik aus der Box tritt, sie schließt und Tinnard erneut umarmt.
„Danke!“
„Hast du was zu trinken für mich, Süßer?“, höre ich Tinnard fragen und Maiks Blick huscht kurz zu mir.
Tja, tut mir leid, ich hab’s gehört. Oh ja, es tut mir sogar doppelt leid.
Mit einem einzigen Wort verabschieden sich meine Ideen für heute Abend, meine Hoffnungen auf weitere durchgefühlte Stunden mit Maik. Und ich begreife, wie nahe die zwei sich wirklich stehen.
Ich nicke und zwinge mich zu einem Lächeln, das sich a nfühlt, als hätte ich eine Gipsmaske auf dem Gesicht. „Du kannst die restlichen Pferde später bewegen. Viel Spaß!“
Ich mache auf dem Absatz kehrt und versuche auf dem Weg über den Hof zu meinem Büro nicht weiter darüber nachz udenken, was die beiden jetzt wohl in Maiks Wohnung tun werden.
„Hey, Kim!“, ruft Maik mir nach.
Ich bleibe stehen, wende den Kopf.
„Ich ... Willst du nicht mitkommen? Ich wollte dir Jeremy vorstellen ...“
Ich weiß nicht, klingt nicht nach einer guten Idee. Erst mal muss ich rauskriegen, wieso mich das Auftauchen di eses echt scharfen Typen so stört. Ich schüttle den Kopf.
„Nein, ich will euch nicht stören. Ich habe heute echt viel B ürokram vor mir. Morgen habe ich frei, weißt du doch!“
Ja, perfekte Ausrede. Aber wieso wirkt er enttäuscht? Seine Schultern sinken sogar ganz kurz he rab.
Ich wende mich wieder um und gehe zum Büro. Kein en Bock auf komplizierte Sachen.
Erst als ich meine Bürotüren, alle beide!, schwungvoll hinter mir zugeworfen habe, begreife ich, wie wütend mich das Au ftauchen von Jeremy Tinnard macht.
Wieso es mich so wütend macht, nun ja, das kann ich mir dagegen leider nicht erklären.
Ich sehe Kim nach, der mit viel zu schnellen und sehr harten Schritten über den Hof verschwindet. Ja, ich bin enttäuscht von seiner Flucht.
Nichts anderes ist es. Aber daran kann ich jetzt nichts ändern. Jeremys Hand umfasst meine und ich blicke zu ihm. Er lächelt und ich atme tief durch.
„Komm, ich zeige dir mein ausgesprochen luxuriöses So mmerquartier“, sage ich und ziehe ihn mit mir.
„Gute Idee, das mit dem Durst war mein Ernst.“
Wir sitzen wenig später in meinem Wohnzimmer und er setzt das zweite Glas Mineralwasser an die Lippen.
„ Also? Wieso hast du sie hergebracht?“
Jeremy lächelt und stellt das Glas auf den Tisch. „Weil ich dir einen Gefallen tun wollte. Na ja, euch beiden. Sie hat dich sicher genauso vermisst wie du sie.“
Ja, vermutlich, aber noch mehr habe ich ihn vermisst, glaube ich.
„Ich freue mich, dass du hier bist.“
Er nickt. „Ich hoffe, du kommst am Wochenende trotzdem zu mir.“
„Klar! Ich hab Sonntag frei, ich werde ganz sicher nirgendwo a nders sein als in deiner Nähe!“
„Aha?“ Seine Finger gleiten über meinen Arm und er grinst. „Das heißt also, ich habe eine extraheiße Nacht vor mir?“
Mein Nicken kommt prompt. Ganz sicher ist die beste Methode, Kim aus meinem Kopf zu kriegen, meine Energie mit Jeremy zu verpulvern ...
„Soll das heißen, du hast noch keinen sexy Stallburschen oder Reiter gefunden?“, will ich wissen. Normalerweise hat Jeremy keinerlei Probleme damit, sich jemanden zu suchen, mit dem er die eine oder andere heiße Nacht verbringen kann.
Er lacht. „Doch, klar, aber das ist doch kein Vergleich zu dir!“
Sicher, wir kennen uns seit dem Kindergarten . Er weiß, was ich mag und ich weiß ebenso gut, worauf er abfährt ...
„Dieser Kim ist ja echt der Hammer, leihst du mir den mal?“ Er lehnt sich in das Sofa und seufzt.
„Never, Sweetheart!“, entfährt es mir und ich ernte ein weiteres Lachen.
Verdammte Tat, ich kann und will ihm nicht jetzt und hier alles erzählen. Dazu reicht die Zeit auch gar nicht. Ich sehe auf die Uhr, in einer halben Stunde macht sich Jeremy schon wieder auf den Weg. Aber es sind nur noch zwei Tage bis zum Wiedersehen.
„Oh, du willst ihn nicht teilen?“ Seine rechte Augenbraue rutscht in seine Stirn.
„ Da stellt jemand anderes Besitzansprüche.“ Ich hoffe, dass ich nicht so bitter klinge, wie diese Worte auf meiner Zunge schmecken.
„Klingt logisch“, sagt er und nickt. „So ein Kerl muss besetzt sein. Schade eigentlich, der wäre doch genau dein Kaliber, streite das erst gar nicht ab!“
Ich seufze noch einmal. „Ach, Jeremy, ich bin nicht de shalb hier und das weißt du.“
„Wie weit bist du denn mit deinen Nachforschungen? Denkst du, du wirst finden, was du suchst?“
„Nicht weit, aber van Keppelen ist gestern abgereist, ich habe ein Zeitfenster von etwa zwei Wochen, bis er zurückkommt. Mit etwas Glück finde ich im Gutshaus wirklich was Brauchbares.“
„Besser wäre es! Ich will nicht in zwei Monaten hören, dass ich ganz umsonst so lange auf dich verzic htet habe!“ Er sieht mich streng an und reizt mich zu einem Grinsen.
„Du vermisst es höchstens, mich flachzulegen, Jers.“
Er nickt ernst. „Auch das, ja. Aber viel mehr vermisse ich deine heißen Küsse und deine Nähe.“
„Kriegst du alles am Samstagabend“, erwidere ich und eine Sekunde später hat er mich an sich gezogen.
„Aber nur, wenn du dann nicht mehr so durcheinander bist“, stellt er klar.
„Ja, ich werd’s versuchen.“
„Das ist gut! Hauptsache du hältst mich auf dem Laufenden, was deine Nachforschungen angeht. Eh rlich, wenn du da keine Ergebnisse hinbekommst, bin ich sauer. CD ist in Bestform und würde in diesem Sommer jedes meiner Pferde schlagen. Es ist eigentlich total fahrlässig von dir, sie nicht in den wichtigen Turnieren gehen zu lassen.“
„Du weißt doch, wieso es nicht geht. Ich habe nur diesen einen Sommer Zeit für meine Rache und CD wird deine Hottis auch im nächsten Jahr schlagen.“
Er lacht und drückt mich an sich. „Denkst du wirklich, Ju stin würde das wollen?“
„Mir ist egal, ob er es will, Jers, ich will es! Und ich ziehe das jetzt auch durch, komme, was wolle.“
„Tust du mir einen Gefallen?“ Er sieht mich noch ernster an und wartet, bis ich nicke. „Wenn du merkst, dass dich diese Rache irgendwie negativ beeinflusst, dir etwas kaputtmacht oder so ... dann wirst du aufgeben, ja?“
Ich schweige lange, dann ringe ich mich zu einem zähnekni rschenden Nicken durch. „Ich werde nichts tun, das mir meine Zukunft versaut, das verspreche ich.“
Er küsst mich kurz und lächelt dieses unwiderstehliche L ächeln, in das sich vermutlich jeder schwuler Mann und wohl auch mehr als die Hälfte aller Frauen verlieben könnte.
„Gut, dann kann ich ja beruhig t fahren und mich auf Samstag freuen. Jam hat sich gestern übrigens super geschlagen. Ich kann ihn auf jeden Fall noch auf weiteren Turnieren vorstellen. Er übertrifft meine Erwartungen bei Weitem!“
Er hat wieder diesen glücklichen, in die Ferne gerichteten Blick drauf, für den ich ihn anhimmeln möchte. Ich lehne mich an ihn und küsse ihn auf den Mundwinkel. „Ich liebe dich, Jers, so sehr.“
„Ich dich auch!“
Oh Mann, hoffentlich hört Kim so ein Gespräch niemals. Vielleicht ist es doch ganz gut, dass er ins Büro abgerauscht ist.
Wir verlassen meine Wohnung und umarmen uns noch ei nmal neben seinem Geländewagen.
„Wir werden beobachtet“, sagt Jeremy, als er mich loslässt und einsteigt. Ich blicke durch die Fenster des Wagens zu Kims Büro und Jeremy lacht prompt los. Na bravo, nun hat er mich wieder mal vollkommen durchschaut.
„Also , Interesse hast du eindeutig an ihm. Sei so gut und hol dir keine blutige Nase, ja?“
Ich nicke. „Werd’s versuchen.“
Er startet den Motor und wendet, dann kann ich nichts weiter tun, als ihm hinterher zu sehen.
Erst danach wird mir klar, dass kein Hindernis mehr zw ischen mir und dem Büro von Kim liegt. Ich sehe hinüber, kann seine Silhouette aber weder am Fenster noch im Türrahmen sehen. Offensichtlich hat er sich wieder verzogen.
Ein Tropfen Wehmut mischt sich in meine Freude da rüber, CD bei mir zu haben. Ich wende mich um und gehe zu ihr, um noch einmal ausgiebig mit ihr zu schmusen, bevor ich mit dem Bewegen der Turniertiere weitermache. Und mit welchem Pferd ich heute Abend zum Badesee reiten werde, steht nun auch fest.
„Ich hätte nicht gedacht, dass er so schnell wieder fährt.“
Ich fahre herum, als ich Kims Stimme hinter mir höre. Er lehnt im Torrahmen des Quarantänestalls, nur als Silhouette gegen das Sonnenlicht zu sehen. Seinen Ton zu analysieren fällt mir schwer.
„Er reitet beim Großen Preis.“
„Das erklärt, wieso mir sein Gesicht so bekannt vorkam.“ Kim stößt sich ab und kommt näher.
Wieder erwische ich mich dabei, seine fließenden Bewegu ngen zu beobachten, anstatt mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Mein Mund fällt trocken, als er vor der Box stehenbleibt.
„Ja, es gibt öfter mal Berichte über ihn in den einschlägigen Zeitschriften.“ Verdammt, reden wir jetzt wirklich so stocksteif über Jeremy?
„Sah aus, als würde euch weit mehr als die Liebe zu Pferden verbinden.“
Ja, hau es mir um die Ohren, Kleiner!
Uns verbindet tatsäc hlich sehr viel mehr, aber das werde ich nicht zum Thema machen. Ich nicke. Soll er denken, was er will! Wobei ... ist das nicht der sprichwörtliche goldene Weg aus dem Chaos der letzten Tage? Eine Möglichkeit, endlich wieder den nötigen Abstand aufzubauen?
Ein Witz, echt. Erst will ich unbedingt, dass er sich in mich verknallt, dann will ich es nicht mehr, weil er mir zu symp athisch wird. Ironie, Ironie!
„Er ist mir sehr wichtig, ja.“
Kim nickt. Was er darüber denken mag, bleibt mir verborgen, aber ich bilde mir ein, dass in seinen Augen etwas Ähnliches wie Traurigkeit liegt.
Scheiße, wie soll ich aus dieser Nummer nur wieder rau skommen?!
„Sie ist wirklich schön“, sagt er und nickt auf Möhrchen, die sich von mir noch immer den Hals und den Kopf kraulen lässt.
„Ja, das ist sie. Danke, dass sie hier stehen darf.“
Er lächelt. „Hey, schöne Pferde dürfen hier immer ankommen. Ich würde sie gern in Aktion sehen, sobald sie sich eingewöhnt hat. Bist du so nett und sagst mir bescheid, wenn du sie das erste Mal reitest?“
„Klar, kann ich machen.“ Hm, der Weg in das Herz eines Reiters führt ganz sicher auch über dessen Reittier. Kims Bewu nderung für meine Liebste rinnt wohlig warm durch meinen Körper. Eigentlich ist das ja albern, aber es erfüllt mich mit einem gewissen Stolz, dass er die Schönheit meiner Stute anerkennt.
„Danke.“ Kim lächelt und es wirkt nicht mehr ganz so aufgesetzt wie vorhin, als er abgehauen ist. Irgendwie e rstaunt mich sowieso, dass er von sich aus wieder hier aufgetaucht ist.
„Ich denke, ich werde sie heute Abend zu einem ruhigen Au sritt mitnehmen, vielleicht magst du mitkommen?“ Ja, ich hab wirklich tolle Ideen, nicht wahr? Wieso um alles in der Welt frage ich denn so was?
Er hat doch eben angedeutet, dass er denkt, ich hätte was mit Jeremy ... Aber irgendwie ... gefällt mir das nicht.
Scheiße, Mann, ich kann mir grade wirklich vieles erlauben, aber nicht, dass ich mich tatsächlich in diesen zweig esichtigen Mann verliebe!
„Wegen der Quarantäne ist das keine gute Idee, andererseits g ehe ich davon aus, dass CDs Papiere alle in Ordnung sind und sie wirklich nichts einschleppt. Von daher ... ja, wieso nicht? Ich wollte dich sowieso noch gefragt haben, ob deine Süße Gesellschaft braucht. Ich könnte Sphinx hierher umquartieren.“
Ich kann mir wegen seiner Umsicht ein breites Lächeln nicht verkneifen , und bevor ich es so richtig raffe, habe ich Darlings Kopf losgelassen und meine Hände auf Kims gelegt, die noch immer um die Holme der Boxentür liegen. Sphinx ist seine Stute. Dass er sie hierher stellen will, rechne ich ihm hoch an und ich sehe die Zuneigung zu mir, die hinter dieser Geste schlummert nur zu deutlich.
„Das ist lieb, Kim. Ich denke, sie würde etwas Gesellschaft m ögen. Zu Hause steht sie in einem echt großen Stall.“ Ich trete dichter an ihn heran.
„Ihr seid ein schönes Paar“, höre ich ihn sagen.
„Wer?!“
„Na ja, du und Jeremy.“ Er meidet meinen Blick und seufzt tief.
Scheiße, was sage ich denn jetzt?
Wenn dieser schöne Mann vor mir wüsste, was für einen miesen Plan ich von Anfang an mit ihm gehabt habe, würde er vollkommen anders reagieren, da bin ich sicher.
„Das sagen alle.“ Super, am besten rede ich mich wirklich noch in diesen Unsinn rein!
Aber ... ich könnte seine Vermutung dazu nutzen, um ihm lieber jetzt sofort als später weh zu tun ...
Er zuckt tatsächlich ein wenig zusammen und zerrt seine Finger schnell unter meinen hervor, um einen Schritt zurüc kzutreten.
„Diese ‚alle‘ haben recht. Ich verstehe jetzt, wieso du gesagt hast, dass du Beziehungen sehr hoch achtest ... Aber ich verstehe nicht, wieso du mit mir geschlafen und mich geküsst hast.“
Ich komme nicht schnell genug aus der Box heraus . Bis ich die Tür hinter mir wieder zugeschoben habe, ist er bereits durch die Sattelkammern verschwunden. Ich renne ihm nach, und erst als ich seinen Oberarm umfasse und ihn zu mir herumdrehe, kapiere ich diesen Umstand.
Bin ich gerade wirklich einem Kerl nachgelaufen? Her rgott, was ist denn mit mir los?!
„He, Kim ...“
„Lass mich los“, zischt er mit einem warnenden Unterton, trot zdem kann ich meine Hand nicht öffnen.
„Nein, bitte, hör mir zu“, setze ich an und atme tief durch, nachdem er genickt hat. „Ich habe mit dir g eschlafen, weil du mich unglaublich faszinierst. Weil ich kaum noch klar denken kann, sobald du in der Nähe bist.“
„Aber du bist mit Jeremy zusammen!“, faucht er. „Ist das deine Auffassung von Treue? Wie kannst du ihn so hinterg ehen?!“
Oh, oh, jetzt wird’s kompliziert! Wie bringe ich dir das bei, Kleiner?
„Er ist nicht eifersüchtig ... Wir ... Es ist eine sehr offene Beziehung, verstehst du?“ Ja, genau der richtige Weg. Gratuliere, Dexter, das hast du wunderbar hingekriegt!
Er reißt sich los und ein wütendes Funkeln liegt in seinen Augen. „Nein, das verstehe ich nicht! Ach, Scheiße, Maik! Du behauptest, Beziehungen sind das Nonplusultra und gleichzeitig treibst du es mit jedem, der so blöd ist, sich auf dich einzulassen! Hast du nicht vor wenigen Tagen noch die Nase über mich gerümpft, weil ich so ehrlich bin, zu sagen, dass anonymer Sex mir reicht?!“
Er starrt mich noch immer so an und ich spüre, wie ich unter seinem Blick ein wenig in mi ch zusammenschrumpfe.
„Ja, habe ich, aber ...“
„Ach, fick dich! “ Er macht kehrt. „Dein ‚aber‘ kannst du dir echt sparen!“
D iesmal folge ich ihm nicht. „Weil du nicht kapierst, dass ich Angst davor habe, mich ausgerechnet in einen Mistkerl wie dich zu verknallen!“, schreie ich ihm nach und wende mich ebenfalls um. Allerdings nur, um in der Box von Finchen zu verschwinden. Sie ist als nächstes in Sachen Springtraining dran.
Ob Kim, mein hilfloses Brüllen, mit dem ich leider, leider die Wahrheit und meine schlimmste Befürchtung brühwarm herausposaunt habe, noch gehört hat, weiß ich nicht. Und es interessiert mich auch nicht.
Diese ganze Sache wird immer chaotischer.
Wehmütig denke ich an Jeremy und merke voller Unmut, dass meine Gedanken jedes Mal mit einem schmerzhaften Stich in der Brust wieder bei Kim landen. Während ich Finchen sattle, kehrt keine Ruhe in mir ein und ich überlege ernsthaft, ob das vor meiner Abreise in sieben Wochen überhaupt noch einmal so sein wird.
Denke immer an deine Rache . Denke an das, was du van Keppelen antun willst. Du musst ihn zerstören, vernichten, zu Fall bringen!
Ob diese Ermahnungen mich lange genug aufrecht halten werden? Ich weiß es nicht. Ich weiß es ve rdammt noch mal nicht!
Na bravo!
Worte, die mich eigentlich verdammt kalt lassen müssten, treffen mich stattdessen sehr tief. Irgendwo in der Brust, so langsam geht mir das auf den Sack.
Ich will gar nicht erst darüber nachdenken, was das bede uten könnte. Ich bin kein Opfer von Gefühlen! Diesen angeblichen Luxus, den ich persönlich für eine fehlinterpretierte hormonelle Störung halte, kann und will ich mir nicht leisten.
Warum brennen seine Worte dann in meinen Ohren? Wieso wirken sie wie ein Knüppel, den er mir zwischen die Beine wirft, wenn ich auf ihn zu laufe?
Oh, Moment mal! Erst jetzt begreife ich wirklich, dass ich eben geflohen bin. Zum zweiten Mal!
Das muss aufhören. Sofort. Ich bin hier immer noch der Boss und der rennt gefälligst vor gar nichts davon – jedenfalls nicht, wenn während eines Streits noch andere im Stall sind und jedes Wort mithören. Verdammt. Nur gut, dass mein Team nicht unbedingt zur schlimmsten Tratschfraktion gehört.
Ich gehe nicht ins Büro, sondern zurück in den Stall. Schnurstracks zur Sattelkammer, auch wenn ich dabei an Maik vorbei muss, der mit Finchen in der Stallgasse steht.
Eine Sekunde lang bin ich versucht, ihn anzusprechen. Ich muss doch was dazu sagen, oder nicht?
Ich meine, immerhin hat er grade durch den ganzen Laden gebrüllt, dass er Schiss davor hat, sich in mich zu ve rlieben.
Tja, da vor hätte ich an seiner Stelle wohl auch Angst ...
Was soll ich denn nun machen? Es einfach ignori eren?
Ich fange im Vorbeigehen einen Blick von Tom auf, den ich noch weniger deuten kann , als meine eigenen Emotionen.
In mir streiten Wut, Unsicherheit und irgendetwas anderes mi teinander.
Ich schnaube genervt und hole den Sattel für Hellygirl. Auf dem Rückweg bleibe ich neben der Box stehen, in der Tom gerade mi stet.
„Tom, kannst du dafür sorgen, dass neben Celebrity Darling e ine weitere Box eingerichtet wird? Ich werde Sphinx später rüberbringen.“
„Sphinx? Aber wieso? Gilt die Quarantäne für sie nicht?“
Ich lächle. „Sphinx ist uralt und geht keine Turniere mehr. Ich denke, angesichts der Tatsache, dass Celebrity aus sehr gutem Hause kommt und ihre Papiere in Ordnung sind, ist das Risiko vertretbar.“ Ja, ja, von wegen. Ich will meine alte Stalloma doch nur dort einstellen, weil ich Maik einen Gefallen tun will!
Tom nickt. „Geht klar, ich bereite alles vor.“
„Danke.“ Ich gehe weiter und ignoriere Maik, der neben Finchen steht und mich anstarrt.
Also, ich gebe vor, ihn zu ignorieren. Meine Selbstsicherheit kehrt Stück für Stück zurück und meine Arroganz tut ein Übriges. Niemand sieht jemals wieder hinter meine Fa ssaden, komme, was wolle.
M eine Schultern straffen sich wieder. Das tut gut. Einen Augenblick lang flackert Scham in mir auf, dass ich innerhalb so kurzer Zeit so viel von mir preisgegeben, mich so verwundbar gemacht habe. Und wofür?
Für einen einzelnen Fick, bei dem ich etwas gespürt h abe? Für einen Abend voller Knutscherei?
Ich sattle Hellygirl und sitze auf. Der Außenreitplatz ist mein Ziel und ich arbeite intensiv mit der Stute. Ferdinand habe ich mit seinen zahlreichen Reitschülern in die Reithalle verbannt.
Natürlich sehe ich Maik auf Finchen über die Hindernisse des nebenan liegenden Springplatzes fliegen, aber es ... lässt mich kalt. Zumindest rede ich mir das halbwegs erfolgreich ein.
Ich brauche diesen Schutzwall. Diese Absperrung und A bgrenzung. Er ist nur ein Ferienjobber. Ein Typ, der in ein paar Wochen auf Nimmerwiedersehen verschwinden wird.
Seltsam, dieser Gedanke weckt weder Genugtuung noch Wehmut in mir. Bingo, Ziel erreicht. Er ist mir tatsächlich gleichgültig!
~*~
Das Mittagessen bei The odora ist wie immer, also wie früher. Es wird viel gelacht, zotige Sprüche fliegen über den Tisch hin und her, es macht Spaß.
Nur Maik wirkt teilnahmslos. So sehr, dass nicht einmal Gerdchens offensichtliche Baggerversuche fruchten.
Theodora wirft mir diese furchterregend wissenden Blicke zu, aber auch die ignoriere ich und sorge dafür, nicht wieder als Letzter den Raum zu verlassen. Nachmittags bringe ich Sphinx zu CD und atme – sehr zu meinem eigenen Ärger – erleichtert durch, als mir klarwird, dass Maik nicht bei seiner Stute herumlungert.
Ich bleibe kurz an ihrer Box stehen und spreche mit ihr. Sie sieht mich mit ihren klugen Augen an und ich verstehe einmal mehr, wieso Maik so verliebt in sein Pferd ist.
Verliebt. Da ist dieses blöde Wort ja schon wieder.
Es kreist in meinem Kopf und gleichzeitig tauchen Bilder von Maik auf. Seine hellgrünen Augen, die so sehr an Jade eri nnern, die kleine Narbe in seiner rechten Augenbraue, seine schönen Lippen, die sich so unglaublich gut auf meinen angefühlt haben ...
Ich schüttle abrupt den Kopf. Trotzdem bleibt die Frage in me inem Bewusstsein, ob ich ihm mit meinem Verhalten weh tun könnte. Dicht gefolgt von dem Wissen, dass ich das gar nicht will.
„Ich bin mir nicht sicher, ob dein Herrchen immer noch will, dass ich euch nachher auf eurem Ausritt begleite ...“, murmele ich und seufze tief.
„Du könntest ihr Herrchen danach fragen.“
Ich fahre herum, keine zwei Meter von mir entfernt lehnt Maik seitlich mit vor der Brust verschränkten Armen an der Boxenwand von Sphinx und mustert mich. Seine Geste wirkt ebenso abwehrend wie sein Tonfall.
„Und?“
Er zuckt die Schultern. „Ich soll dir eine Gelegenheit bieten, mich zu beobachten? Wofür?“
Hm, vielleicht genau deshalb? Damit ich dich ungestraft a nschmachten kann?
„Weil es immer etwas Besonderes ist, einen Reiter auf seinem e igenen Pferd zu erleben. Das sagte ich doch schon mal, als du mir von deinem Möhrchen erzählt hast.“ Ein kleines Lächeln kräuselt meine Mundwinkel.
„Hältst du es wirklich für eine gute Idee, mit mir auszure iten?“
Nein, absolut nicht. Immerhin werden wir am Ende hunder tprozentig wieder streiten oder wie wütende Vollidioten in unterschiedliche Richtungen wegrennen.
Die Vorstellung hinterlässt einen harten Klumpen in meinem Magen.
„Ich will nicht mit dir streiten“, sage ich fest.
„Ich auch nicht mit dir. Aber das scheint eine Art Naturg esetz zu sein“, erwidert er voll Spott.
„Vielleicht sollten wir eine Art ... Nichtangriffspakt schließen?“
Er lacht hart auf. „Wie wäre es stattdessen mit einem Nicht-Erregungs-Pakt? Oder einem Küss-mich-nie-wieder-Pakt?“
Autsch! Wenn er nur nicht so verdammt recht hätte!
Ich schüttle mit einem tiefen Durchatmen den Kopf. „Ich denke, es ist besser, wir verschieben den gemei nsamen Ausritt. Ich werde euch zwei schon irgendwann beobachten können.“
Ich sehe in seine Augen, sie weiten sich erstaunt. Was da an g eheimen Botschaften in dem hellen Grün liegt, weiß ich nicht. Vielleicht will ich es auch nicht wissen.
Ich wende mich ab und verlasse den Quarantän estall.
Ja, das war gut. So überlebenswichtig ist das mit dem Zusehen nun auch nicht.
Ich bin noch keine Woche hier auf dem Gestüt und trotzdem habe ich langsam, aber sicher den Eindruck, dass ich innerhalb dieser wenigen Tage um Jahre gealtert bin. Kim spukt durch meinen Kopf, vertreibt immer wieder die Gedanken an meine Rache, obwohl ich mir vieles, aber ganz sicher nicht das erlauben kann und will.
Nein, ich fasse schon beim Löffeln meines Joghurts den Entschluss, dass ich heute Abend endlich mit dem Schnü ffeln im Gutshaus anfangen werde.
Van Keppelens Büro ist mein Ziel. Ich gehe nicht davon aus, dass er dort noch Hinweise auf seine M achenschaften von vor 25 Jahren lagert, vermutlich gibt es darüber gar keine Unterlagen mehr, aber ich muss mir einen Überblick verschaffen. Ich bin mir sicher, dass er nicht mit dem Betrug aufgehört hat. Deshalb dürfte auch heute noch einiges an Geld aus den Betrügen in das Vermögen der Zucht fließen.
Als ich aus dem Haus komme, sehe ich sofort, dass der Sportwagen von Kim nicht auf seinem Parkplatz steht. Kein Wunder, er hat seinen freien Tag. Aber ich hätte eher damit gerechnet, dass er ausschläft und dann erst das Gut ve rlässt.
Wo er sich wohl herumtreibt?
Scheiße, was interessiert mich das?! Er kann machen, was immer er verdammt noch mal will, und es geht mich nichts an. Na wenigstens funktioniert mein Kopf noch – im Gegensatz zu einem anderen Körperteil, welches mich spontan mit einem heftigen Stich daran erinnert, dass es mir alles andere als egal ist.
Nein falsch, dass er mir alles andere als egal ist.
Fuck!
Es wird wirklich Zeit, dass ich mit Jeremy reden kann. Er wird mich verstehen und auffangen. Mit ein wenig Glück wird er es sogar fertigbringen, dass ich ein paar Stunden nicht an hellgraue Augen und pechschwarzes Haar denken muss. Nicht an dieses unglaubliche Lächeln und die Unsicherheit in seinem Blick, nicht an seine vorsichtigen Küsse.
Ich stöhne laut und fühle mich einfach furchtbar. Wieso eigen tlich?
Ich muss mich endlich fokussieren. Dringend!
Am besten dürfte das gehen, indem ich mich um die Pferde kümmere. Heute stehen eine ganze Menge davon auf dem Plan und heute Abend will ich wieder mit meinem Möhrchen an den Badesee.
Ich grinse, als ich mich an gestern erinnere. Im Gegensatz zu den Pferden hier aus dem Stall darf meine Süße sich durchaus mal ihre Beine im Wasser vertr eten. Ich habe sie abgesattelt und abgezäumt, mich bis auf meine Badeshorts ausgezogen und bin mit ihr in den See geritten.
Toll ist das gewesen! Sie liebt Wasser genauso wie ich. Und der See ist erstaunlich warm abends. Vermutlich, weil das Wasser von morgens bis abends in der prallen Sonne liegt.
Tom, Timo und die anderen begrüßen mich fröhlich. Bisher haben sie mich nicht auf meinen gestrigen Ausbruch angesprochen, aber wenn etwas kommt, dann heute, wo Kim ganz sicher nicht da ist.
Was soll ich ihnen erzählen? Ich verstehe mich wirklich gut mit den vieren. Im Grunde besteht kein Anlass dazu, sie zu belügen oder so. Andererseits ist das was-auch-immer da zwischen Kim und mir nicht läuft so gar nicht ihre Sache!
~*~
Auch wenn ich eigentlich froh darüber sein müsste, Kim heute nicht über den Weg laufen zu können, vermisse ich ihn. In den letzten Tagen, in denen für mich alles so neu war und dabei so aufregend, weil ich einfach noch nicht genau wusste, auf was für ein Spiel ich mich mit meinem Wunsch nach Rache eingelassen habe, stellte er doch eine echte Konstante dar.
Seltsam, dabei ist doch rein gar nichts, was Kim betrifft, konstant! Es ist vielmehr ein ständiges Auf und Ab, das gewa ltig an meinen Nerven zerrt ...
Frühstück, Mittagsessen, das alles vergeht ebenso wie acht Trainingsstunden mit Turnierpferden. Danach gehe ich schnell duschen, packe mir belegte Brote, Apfelschorle und ein Handtuch in meinen Rucksack, um anschließend mein Möhrchen aus dem Stall zu holen und loszureiten.
Herrlich! Die Insekten im kniehohen Gras an den Feldwegen summen und brummen im Abendlicht, der leichte Wind rauscht in den Pappelhainen am Bach, in den Halmen der Getreidefe lder ...
Ich schließe die Augen und lehne mich auf Celebritys Hals, während sie mich im Schritt unserem Ausflugsziel entgege nträgt.
Den Sattel und die Trense hänge ich über den Koppelzaun, me ine Tasche landet am Strand und ich reite mit Möhrchen in das flache Wasser, bis meine Beine nass sind und ich mich von ihrem Rücken in die Fluten fallenlasse.
Es tut so gut, so unfassbar gut, wenn das angenehm temperierte Nass mich umgibt. Möhrchen stapft wieder in Richtung Ufer. Sie wird nicht weglaufen. Sie ist seit zwei Monaten zehn Jahre alt und kennt mich, seitdem sie geboren wurde. Ich bin damals dabei gewesen. Sie ist mehr oder weniger auf mich fixiert, benimmt sich eher wie ein Hund – zumindest, solange ich in der Nähe bin. Sie ist supergut eingeritten und trainiert. Auch Jeremy, mein Großvater und die Pfleger können wunderbar mit ihr umgehen, aber niemandem folgt sie so wie mir.
Ich lasse mich auf den Rücken sinken und sehe in den Abendhimmel. Die zwei Wolken, die ich dort finde, sehen lustig aus. Unten rötlich, oben hell. Abendrot ist das Tollste. Wenn der ganze Himmel sich kurzfristig verfärbt.
Ich höre die Geräusche der Vögel und Insekten in den Bä umen am Ufer, das Plätschern des Wassers an meinen Ohren.
Möhrchens Schritte klingen dumpf vom festeren Ufer und sehe zu ihr. Einen Moment später tauche ich vor Überraschung unter und komme prustend wieder hoch.
Meine Süße steht nicht allein dort, sondern mit Kim!
Wo kommt der denn plötzlich her?!
Ich trete Wasser und beobachte schweigend, wie sie ihren Kopf an seiner Brust reibt und ihn dabei vor sich her schiebt. Er lacht fröhlich und lehnt sich an sie, seine Hände kraulen zwischen ihren Ohren und unter ihrer Kehle. Er trägt ein weißes Kurzarmhemd, das in seinen hautengen, hellblauen Jeans steckt. Weiße Sneakers an seinen Füßen, kurzum, Kim sieht aus wie aus einem Katalog ausgeschnitten.
Soll ich was sagen? Ich wüsste ja schon gern, was er ihr da g erade erzählt ... Seine schönen Lippen bewegen sich konstant.
Ich schwimme näher heran und spreche letztlich nur, weil ich meine blöde Klappe nicht schnell genug halten kann. „Lass dir nichts erzählen, Möhrchen, am Ende will er dich entfü hren!“
Kim sieht auf und lächelt mich so strahlend an, dass ich e inen Moment lang das Wassertreten vergesse. Scheiße, wie macht der das?!
„Keine Chance, Maik, sie weiß schon alles von mir.“
„Hä?“, entfährt es mir.
Kim lässt meine Süße los und sinkt mit einer einzigen Bew egung auf den Hosenboden, um seine Schuhe und Socken auszuziehen. Danach krempelt er seine Jeans ein wenig hoch, erhebt er sich beinahe genauso fließend und kommt über den losen Sand des Strandes zum Wasser.
Meine Fresse, sieht das sexy aus! Ich bin gerade heilfroh, dass sich die sichtbar erregten Körperteile von mir unter Wasser befi nden. Ich schnappe nach Luft und starre ihn an.
Kim setzt sich dicht ans Wasser, umschlingt die angewinkelten Beine mit seinen braungebrannten Armen und sieht mich an. „Hi.“
„Hallo. Wie war dein freier Tag?“ Interessiert mich gar nicht, aber irgendwas muss ich doch sagen ...
„Ganz okay. Bist du mit allem zurechtgekommen?“
Ich nicke. „Sicher. Ich kühle meinen wunden Arsch gerade auf ziemlich angenehme Art!“ Oh ja, muss das denn sein? Kann ich nicht einmal meine Klappe halten? Aber hey, ich bin grad ziemlich angetörnt, da sollte mich so was nicht wundern.
Er lacht noch einmal. Muss das so gut klingen? Zum Kotzen! Ach was, zum Dahinschmelzen.
„Du bist ein Spinner!“
„Was tust du hier?“, will ich wissen, bevor das Gespräch wi eder abdriftet.
Hm, was sage ich denn jetzt? Dass ich nach ihm gesucht habe und irgendwann den Geistesblitz hatte, dass er mit CD hierher geritten sein könnte?
„Ich bin abends oft hier am See.“ Sein dunkles Haar steht wild von seinem Kopf ab, seine Augen leuchten im Abendrot und er wirkt neugierig, aber nicht besonders glücklich d amit, dass ich hier aufgetaucht bin.
„Seitdem ich hier bin, warst du jeden Abend am G estüt.“
Ich nicke. „Ja, das ist wahr. Lag wohl daran, dass da jemand sehr Interessantes unterwegs war.“ Diese Anspielung muss er doch verstehen. Denn interessant ist er allemal. Faszinierend s ogar.
„Aha?“
Ich schweige und atme tief durch. Das, was er mir gestern an den Kopf geknallt hat, muss ich jetzt klären.
„Hast du das ernst gemeint?“
„Was?“
„Na, dass du ... Angst hast, dich in mich ...“
„… zu verlieben?“
Ich nicke erneut. Der Abstand zwischen ihm und mir ist viel zu groß, das scheint auch CD so zu sehen, denn sie tritt hinter mich und schubst mich mit ihrem Kopf in den Rücken. „Hey!“, maule ich sie an und kichere.
Ein kleiner Pfiff von Maik lässt sie sofort Abstand ne hmen. Ich sehe zu ihm und staune.
„Ja ... genau ...“, antworte ich verwirrt von CDs Verhalten und beobachte, wie Maik näherkommt und sich bäuchlings im flachen Wasser auf die Unterarme stützt.
„Ja, habe ich.“
„Aber wieso? Ich meine, hallo? Du hast diesen Halbgott Jeremy Tinnard, den besten Springreiter Englands und dann hast du Sorge, dass du dich in eine ... wie hast du es ausgedrückt? ... eine rückgratlose Hure verlieben könntest?“
Mist, ich sollte aufpassen. Muss ich denn jetzt mit Vorwürfen um die Ecke kommen?
Seine Lippen pressen sich zu einem schmalen Strich zusammen.
„Du hast recht“, sagt er und steht auf, um an mir vorbei zu einer Tasche zu gehen, die auf dem Strand herumliegt. Ich beobachte, wie er ein Han dtuch herausnimmt, sich abtrocknet, und ohne mich eines Blickes zu würdigen, die nassen Shorts gegen Pants, schwarze Reithosen und ein hautenges T-Shirt tauscht. Ich starre ihn sprachlos an. Das Muskelspiel unter seiner Haut, seine abgehackt wirkenden Bewegungen bannen mich. Ich kann mich nicht rühren, obwohl alles in mir danach schreit, aufzuspringen und ihn an mich zu ziehen.
Irgendwie schaffe ich es endlich, aufzustehen und zu ihm zu gehen. Längst ist er angezogen und sieht mich noch i mmer nicht an. Stattdessen sattelt er CD und zäumt sie auf.
„Warte, Maik!“
„Worauf? Darauf, dass ein göttliches Licht vom Himmel herabstrahlt und dich erleuchtet? Darauf, dass du kapierst, wie wenig Einfluss man auf seine Gefühle hat? Darauf, dass ich mich einmal mehr zum Affen mache und dir zu nahe komme? Vergiss es!“
Sein Fauchen lässt mich in meinen Bewegungen stocken, aber schließlich stehe ich dicht vor ihm und sehe ihn fest an. „Nein. Ich versteh das – alles. Es ist ganz sicher besser, keine Gefühle in jemanden wie mich zu investieren. Aber du solltest das deinem Freund nich…“
„Halt die Klappe, Kim!“, fährt er mir dazwischen und starrt ebenso fest zurück. „Ich fange an zu kotzen, wenn ausgerechnet du jetzt den Moralapostel herau skehrst!“
Okay, es mag nicht oft passieren, aber jetzt hat er es g eschafft, mich sprachlos zu machen. Was soll ich darauf auch erwidern?
Er sitzt auf und mustert mich aus zusammengekniffenen Augen. Ich will schrumpfen unter diesem Blick, einfach so. Am be sten im Boden versinken.
„Ich habe noch nie im Leben etwas so sehr bereut wie die beiden Abende mit dir, Kim.“
Bamm. Da geht er hin, nein, er reitet. Und ich fühle mich, als hätte er mich geschlagen. Deutlich härter als neulich mit der Faust. Deutlich schmerzhafter, als er es mit seinen Händen jemals könnte.
Scheiße.
Den Ritt zurück zum Hof kriege ich gar nicht richtig mit, ich lenke Möhrchen über die Wege und versorge sie ausgi ebig, bevor ich in meiner Wohnung verschwinde und die Tasche auspacke.
Nachdenken? Will ich nicht! Ich esse etwas und stelle fest, dass es erst acht Uhr abends ist. Viel zu früh, um ins Gut shaus zu schleichen. Deshalb setze ich mich an den Laptop und beschäftige mich mit den bisherigen Erkenntnissen meiner Nachforschung.
Was mir mein Vater vor fast zehn Jahren darüber gesagt hat, habe ich wieder und wieder gelesen, mir vergegenwä rtigt und nach Wegen gesucht, diesen Rufmord richtigzustellen.
Damals sind nicht so viele Köpfe gerollt, wie man zu Anfang erwartet hätte. Ich kenne alle Zeitungsau sschnitte, jede noch so kleine Randnotiz, aus Tageszeitungen und Magazinen. Jede Bemerkung, die im Fernsehen, in Talkshows, Reportagen und Nachrichten gesagt wurde, habe ich gesehen. Die meisten davon befinden sich tatsächlich sogar auf der Festplatte dieses Laptops.
Ich kann zwar nicht gerade behaupten, dass ich ein Comp uterfreak bin, aber immerhin finde ich den Knopf zum Einschalten und meine Dateien.
Ich habe dort auch Notizen abgelegt, die ich meinem Vater verdanke, und die niemals in Zeitungen oder Fernsehen g enannt wurden.
Unter anderem auch die möglichen Orte, an denen van Ke ppelen seine Unterlagen aufbewahrt.
Es gab damals welche, es wird heute welche geben, denn, das steht nach meinen aktuellen Ermittlungen außer Frage: van Ke ppelen begeht diesen Rennbetrug noch immer. Nur, dass er, sollte man selbigen heutzutage aufdecken, nicht wieder meinen Vater über die Klinge springen lassen kann.
Neben ein paar Namen von alten Mittelsmännern und Buchhaltern hat mir mein Vater auch gesagt, wo früher die Aufzeichnu ngen der Geldverschiebungen nachgehalten wurden. Es existierte demnach ein in Leder eingebundenes Kassenbuch.
Ich bezweifle, dass das heute auch noch so ist, aber irgen dwelche Beweise werde ich finden können – hoffe ich.
Heute steht als Erstes das Büro von van Keppelen auf me inem Plan. Aber ich werde warten müssen, bis Kim im Bett liegt.
~*~
Gegen ein Uhr nachts kann ich endlich aus dem Haus schleichen. Ich bin ziemlich zufrieden, dass es im Gutshaus keine Alarmanlage gibt. Ich habe immer darauf geachtet, da ist einfach keine. Faszinierend ist das, denn immerhin finden sich hier nicht nur die edelsten Reittiere und Galopper, sondern auch einige Vermögenswerte innerhalb des Hauses.
Es gibt natürlich Wachpersonal, sogar eine ganze Menge. Es patrouilliert an den äußeren Grenzen des gigantischen Hofes. In regelmäßigen Abständen stehen kleine Wachhäuschen und man kommt ohne Genehmigung nach Einbruch der Dunkelheit nicht auf das Gelände.
Tagsüber muss man sich an der Haupteinfahrt melden und die Wachmänner rufen in der Besamungsst ation an, um die Namen der Besucher und den Grund des Aufenthalts zu nennen.
Erst danach darf man passieren. Im dortigen Büro liegt eine Li ste mit den Namen angekündigter Gäste, das weiß ich von dem Rundgang über den Hof.
Mein Vater hat mir gesagt, dass das Kassenbuch damals in einem geheimen Versteck in van Keppelens Schreibtisch gel egen hat. Aber ich habe nicht die Hoffnung, dort noch etwas zu finden.
Vermutlich gibt es heute eher eine CD mit der I nformation oder eine externe Festplatte, vielleicht auch nur einen USB-Stick, aber was es auch sein mag, ich werde versuchen, es zu finden. Nebst anderen Beweisen.
Ich schleiche durch das Portal in das riesige, dunkel dali egende Haus und wende mich nach rechts. Am Ende des Hauptflures liegt, direkt neben der zweigeschossigen Bibliothek, das Büro von van Keppelen.
Ich weiß, dass er oben im ersten Stock in seinem Salon einen weiteren Schreibtisch hat. Auch dort könnte ich etwas finden, aber heute ist das untere Büro dran.
Der Geruch von Leder, schweren Teppichen und poliertem Holz umfängt mich, sobald ich die Tür des Büros öffne.
Ich lasse sie leise wieder zuschnappen und richte meine Taschenlampe auf den Boden. Ich muss aufpassen. Das normale Licht kann ich nicht einscha lten, weil die Fenster zum Teil auf den Hof zeigen. Aber auch der kleine Lichtkegel könnte entdeckt werden, falls noch mal jemand über den Platz zwischen den Ställen und Häusern geht.
Ein Kitzel bemächtigt sich meiner. Etwas Verbotenes zu tun, hat doch immer wieder einen großen Reiz. Meine Schultern spa nnen sich an, meine Sinne scheinen sich extrascharf auf alles auszurichten, das außerhalb dieses Raumes liegt.
Ich lausche und zucke mehrmals zusammen, weil vor den Fen stern ein Baum rauscht oder ein Tier schreit.
Verdammt, ich brauche wirklich bessere Nerven!
Der Morgen nach einem freien Tag ist für mich immer etwas seltsam, besonders, wenn es ein Samstag ist. In diesem Fall wohl aus weiteren Gründen, denn heute steht natürlich wie jeden Samstag der Großputz in allen Stall ungen und auf dem Hof an. Vermutlich ist das Bedeutsamste an diesem Samstag, dass Maik seit fast einer Woche hier ist.
Hab ich das grade wirklich gedacht? Unfassbar!
Was ist schon Besonderes daran, dass ein Typ – na gut, ein fleischgewordener Traummann – hier arbeitet? Also, abgesehen vielleicht von der Tatsache, dass er mir den bislang besten Sex beschert hat, als wir uns keine zwei Tage gekannt haben?
Ich schnaube wütend, vielleicht auch hilflos.
Gott verflucht, ich will mich nicht so fühlen! Ich will mein sorgloses, altes Leben zurück, ohne Maik! Ohne den ständigen Wunsch, ihn festhalten oder küssen zu wollen.
Die Dusche schafft es, meine miese Laune noch weiter in den Keller zu treiben. Oh ja, so sollte ich gleich in den Stall ko mmen. Ein Ekel auf zwei Beinen, das jeden zur Sau macht, der es auch nur wagt, guten Morgen zu wünschen ...
Na ja, ich sollte mich zusammenreißen. Letztlich habe ich heute neben dem Helfen im Reitpferdestall auch noch einen kleinen Kontrollgang durch alle and eren Örtlichkeiten des Gestüts vor mir.
Eine Menge Leute, bei denen ich mich unbeliebt machen könnte – wenn ich es denn wollte.
Aber natürlich will ich das nicht! Ich bin ein netter Chef, mit mir kann man reden, genau das ist der Grund, wieso mich alle akzeptieren, sogar wenn ich deutlich jünger als die Angestel lten bin. Respekt eben. Auch das habe ich von Lu gelernt: Sei bestimmt, aber nett, dann machen die Angestellten alles, was du willst.
Ich zwinge mich zu einem Lächeln, das sich anfühlt, als habe ich es mir wie der Joker aus Batman ins Gesicht schneiden lassen. Mit Unbehagen denke ich an Maiks Wo rte.
Ja, vielleicht bin ich so sauer und getroffen, weil er tatsäc hlich recht hat. Ich bin wirklich nicht derjenige, der ihm Vorhaltungen in Sachen Moral machen sollte.
Ich betrete den Stall und schnappe mir gewoh nheitsmäßig das Putzzeug, um in der ersten Box zu verschwinden. Heute läuft alles etwas anders ab. Alle Stallhelfer, Pferdepfleger und Bereiter putzen zunächst die Pferde. Danach werden jene Tiere, die nicht hochträchtig oder zu jung sind, auf die umliegenden Weiden gebracht, und anschließend die komplette Einstreu aus allen Boxen erneuert. Im Nachgang werden Fenster, Lampen, offenes Dachgebälk, Tore, Stallgassen, Außenputzstände und der Hof von Staub und Dreck befreit. Um das Unkraut kümmert sich der Gärtner mit zwei Helfern.
Erst wenn das Meiste erledigt ist, fangen die Pferdepfleger mit dem Training an. Bei besonders wichtigen Tieren g eschieht das sogar noch vor dem eigentlichen Dienstbeginn um sechs Uhr.
Ja, jeder Samstag ist generalstabsmäßig durchgeplant, und von den Turnierpferden werden heute nur vier trainiert. Die anderen bleiben bis zum Abend auf den Weiden.
Ich putze zwei Pferde, bringe sie raus auf die Weide, versorge die nächsten zwei und so weiter. Unabgesprochen haben wir, Maik, Tom, Lukas und ich, an den vier unterschiedlichen Seiten des Stalls begonnen. Dadurch, dass nicht alle Pferde hier sind, hat jeder acht zu versorgen und auf die Koppeln zu bringen. Maik wechselt kommentarlos in den anderen Stallteil und bringt Sphinx und CD auf eine abgelegene Weide.
Ich versuche, ihn nicht zwischenzeitlich immer wieder zu b eobachten. Ich kann ihm vertrauen, was die Pferde angeht. Er weiß, was er tut, das steht ja völlig außer Frage. Aber diese Anziehung ist auch durch seine Worte nicht abgeklungen.
Scheiße verdammt, ich will ihn nicht so begehren! Ich will ihn ja nicht einmal mögen! Und doch tue ich es, so sehr.
Mit ziehendem Schmerz in den Lenden versuche ich mich auf etwas anderes als seinen muskulösen Körper oder die Erinnerung an seine Küsse, den Sex mit ihm zu konzentrieren.
Ich sehne das Mittagessen herbei, denn danach kann ich endlich aus dem Stall abhauen und den Rundgang durch die anderen Gebäude machen.
Maik beobachtet mich genauso wie ich ihn, zweimal spricht er mich sogar an. Kurze Fragen, die kurze Antworten erfordern, danach verfallen wir wieder in Schweigen.
Es ist kein gutes Schweigen, absolut nicht. Es drückt auf meine Brust und hinterlässt eine nac hdenkliche Taubheit in meinen Ohren. Dumpf und unangenehm.
Das muss doch mal wieder aufhören!
Ich beginne damit, im Geiste meinen heutigen Abend zu planen. Klar, ich werde ihn in einem Club und nach Möglichkeit mit dem Schwanz in diversen Typen verbringen. Ein paar anonyme Ficks, vielleicht noch ein Blowjob oder so ... Möglicherwiese sollte ich einplanen, die ganze Nacht wegzubleiben? Aber das geht nicht. Im Gegensatz zu Maik habe ich morgen nicht frei.
Ich brauche etwas anderes als meine Hand, etwas and eres als Gedanken an Maiks perfekten Körper.
Ich beginne prustend loszulachen, als mir klarwird, dass ich auch bei diesen Gedanken an Befriedigung wieder nur Maik im Kopf habe. Viel erschreckender aber ist, dass ich in meinen wilden Fantasien grundsätzlich der Flachgelegte bin, sobald Maik mein Sexpartner ist.
Seltsam, dabei weiß ich sehr genau, dass ich ihn auch gern mal v ögeln würde. Oh ja, er dürfte mich jederzeit reiten ...
Aber das ist ... eine vergleichsweise unbefriedigende Vorstellung.
Maik in mir, das törnt mich über die Maßen an.
Verdammt, nein! Heute Abend gibt es genug Frischfleisch, außerdem freue ich mich darauf, mal wieder eine Runde zu tanzen.
Beim Mittagessen in der Gesindeküche herrscht gute Stimmung, mehr noch als an den bisherigen Tagen. Lautes Lachen hallt durch den Raum, dazu das Geklapper von Geschirr und jede Menge Gespräche, die sich um das anstehende Wochenende, die geplanten Ausflüge und Unternehmungen, um Familien, Partner und Kinder drehen.
Es macht Spaß, zuzuhören, auch wenn mir die Vertrau theit, die familiäre Stimmung sehr genau vor Augen führen, was mir seit ein paar Tagen fehlt.
Natürlich läuft alles ein wenig anders ab auf dem Gestüt meines Großvaters, aber wir haben auch dort immer viel Spaß. Und dort könnte ich jetzt damit beginnen, mir das kleine Haus in der Nähe des Hauptt ores umzubauen. Eine richtige Praxis werde ich nicht brauchen, ich bin spezialisiert auf Nutz- und Großtiere.
Ein richtiger Landtierarzt, würde man wohl sagen. Da ich hauptsächlich vorhabe, die umliegenden Gestüte zu b etreuen, werde ich die meiste Zeit mit meinem Wagen unterwegs sein.
Ob und wann ich eine Tierklinik aufbauen will, weiß ich noch nicht.
Vorerst aber will ich Erfahrung sammeln, mich beweisen.
Theodoras Lachen reißt mich aus meinen Gedanken, bringt mich zurück in die Küche und an den riesigen Es stisch. Neben mir sitzt Sandra aus dem Stall der Renner. Sie ist zierlich, schmal, eigentlich schon fast winzig, aber sie entspricht in jeder Hinsicht dem, was man sich unter einem guten Jockey vorstellen will. Hätte sie kurzes Haar und ein etwas markanteres Gesicht, hätte ich sie vermutlich für einen halbwüchsigen Jungen gehalten.
Sandra ist witzig, lässt sich von keinem der anwesenden Männer die Butter vom Brot nehmen und hat immer eine kesse Erwiderung parat. Ja, sie ist schlagfertig und blitzgescheit.
Mir schräg gegenüber sitzt das ungeplante Ziel all meiner Gedanken.
Kim, so bildhübsch wie immer ...
Ich unterdrücke ein Seufzen und vermeide direkte Blicke, aber das klappt nicht jedes Mal. Vielleicht kann mir auch gleichgültig sein, ob er meine Aufmerksamkeit bemerkt.
Einem Teil von mir ist er nämlich noch immer nicht egal. Mein Schwanz teilt mir erneut fröhlich pochend mit, wie sehr er sich nach Kim verzehrt.
Ich kann schließlich nichts dafür, dass Kim so vollkommen u nvollkommen ist, und mich genau damit mehr reizt, als jeder andere Mann bisher es vermocht hat!
Beim Nachtisch – Erdbeeren mit Schlagsahne – kehren die Unterhaltungen mehr und mehr zum Gestüt zurück, zu den noch zu erledigenden Arbeiten und damit auch für mich zu meinen Plänen bezüglich der Zeit nach dem heutigen Dienst.
Jeremy.
Ich freue mich wahnsinnig auf ihn. Immerhin habe ich ihn einmal mehr dazu auserkoren, meinen rettenden Anker zu spielen.
Ich seufze leise und schiebe mir schnell eine Erdbeere in den Mund. Prompt stößt Gerdchen mir in die Rippen und grinst.
„Was man damit alles anstellen könnte ...“, sinniert er und hält seinen Dessertlöffel hoch, auf dem eine Erdbeere mit Sahnehäubchen thront.
Ich schlucke hart, besonders, weil ich aus dem Augenwinkel s ehe, dass Kim uns genau beobachtet. Soll ich jetzt dreist sein und Gerdchens Erdbeere klauen?
Ich weiß, das wäre dem Jockey gegenüber total u nfair – davon abgesehen nutzt es mir auch nichts. Aber Kims Reaktion darauf würde ich schon gern sehen ...
Nein, so etwas gehört sich nicht. Hastig sehe ich wieder in meine Dessertschale und umgehe jeden weiteren Komme ntar, indem ich mir eine Ladung Sahne mit dem süßen Obst in den Mund schaufele.
Verdammt, bin ich froh, wenn ich nachher hier abhauen kann!
Kims Blick brennt noch immer auf mir. Was denkt er wohl gerade? Ob er mich einmal mehr für etwas verurteilt, dessen ich mich gar nicht schuldig gemacht habe?
Irgendwie finde ich seine Einstellung zum Thema Treue ja schon spannend. Hätte nicht gedacht, dass er Wert auf so was legt, wo er doch selbst dem anonymen Spaß frönt und sich gleic hzeitig zur Hure macht ...
Ganz schön verquer, der Kleine.
~*~
Die Dusche tut unglaublich gut. Endlich Wochenende, en dlich kann ich zu Jeremy! Ich rasiere mich gründlich und ziehe eine schwarze Lederhose mit Schnürungen außen am Bein an, dazu ein knallenges, weißes Shirt mit kurzen Ärmeln, die meine Oberarmmuskeln eher betonen als verdecken. Meine Boots stehen noch unter der Garderobe im Flur, ich packe schnell eine Tasche mit Übernachtungskram, dann schnappe ich mir meine Lederjacke, den Nierengurt, den Helm und die Schlüssel für mein Bike.
Ich spüre das Adrenalin durch meine Adern rauschen, lege Helm und Tasche auf die Sitzbank und gehe noch kurz zu Möhrchen in den Quarantänestall. Natürlich nicht, ohne ihr noch eine Portion ihrer Lei bspeise zu geben. Sphinx bekommt auch ein paar Möhren und nach einigen Streicheleinheiten für beide mache ich mich auf den Weg.
Lukas, der morgen Dienst hat, hat mir versprochen, sich um die zwei zu kümmern, weil ich noch nicht weiß, wann ich wi eder hier sein werde.
Ich hole die Handschuhe aus dem Helm, ziehe sie an und starte die Maschine, nachdem ich das Visier geschlossen habe. Ich liebe den satten Sound meiner California .
Die Fahrt dauert eine gute Stunde, wenn ich über Landstr aßen düse. Das ist mir deutlich lieber als der Verkehr auf der Autobahn. Es ist gerade mal 18 Uhr und Jeremy ist sicher noch auf dem Turniergelände. Deshalb parke ich auf einem der vorgeschriebenen Behelfsparkplätze und gehe wie jeder normale Besucher zu einem der Ticketschalter.
Über die Lautsprecher höre ich Aufrufe zu den Diszipl inen, aber die momentanen Wettbewerbe interessieren mich nur mäßig. Dem Programm entnehme ich, dass die heutigen, großen Springprüfungen in einer Stunde erst beginnen. Zeit genug, um mich an den Stallungen und vor allem nach Jeremy umzusehen.
Ich habe Glück, niemand erkennt mich, während ich über die öffentlich zugänglichen Bereiche zum Zentrum der Anl agen gehe.
Ich betrete das Meldebüro und hole mir einen Zugangspass für den Stallbereich. Natürlich muss ich dafür ein brandneues Foto von mir machen lassen und meinen Ausweis vorzeigen, aber nach einer knappen halben Stunde trage ich deutlich sichtbar den scheckkartengroßen Pass an einem blauen Stoffbändchen um den Hals.
Ich mache mich sofort auf den Weg, frage mich bei den Ordnern und Helfern zu den Boxen von Dexter’s Breed durch und stehe endlich vor Jeremy.
Einen Moment lang stockt mir der Atem, als er sich umwendet und mich ansieht. Er trägt, natürlich, weiße Reith osen, glänzend polierte Lederstiefel, ein schwarzes Jackett und ein weißes Hemd. Die Reitkappe liegt auf einem kleinen Bord an der Wand, hinter ihm steht Portos fertig aufgezäumt und gesattelt. Der helle Fuchs glänzt wunderschön und seine rötliche Mähne ist perfekt eingeflochten. Ich trete zu Jeremy, umarme ihn und will ihn gar nicht loslassen. Irgendwann begreife ich, dass ich mich tatsächlich an ihm festhalte.
„Ich hab dich vermisst und ich brauche dich!“ , bringe ich hervor.
Er lacht leise und küsst mich kurz auf die Wange, ganz dicht am Ohr. „Du bist süß, Maiky. Ich muss gleich rüber zum Abreit eplatz, willst du mitkommen?“
„Klar! Ich lasse dich keine Sekunde aus den Augen!“
„Deshalb bist du mein Glücksbringer!“, erwidert er lachend und schiebt mich etwas von sich. „Du kannst den Helm und die Jacke hierlassen. Übrigens ... verdammt heiß, die Hose.“
Ich lache auf. Klar, die Lederhose ist eng und vermutlich bringt sie meinen Hintern so richtig zur Ge ltung.
Ich lege Jacke und Niergengurt neben den Helm, dann gehe ich mit meinem Freund durch den Stallbereich zum Abreit eplatz.
Die Zeit vergeht rasend schnell, obwohl das natürlich a lbern ist. Ich freue mich mit jeder Minute mehr darauf, nachher mit Jeremy in dessen Hotelzimmer abtauchen zu können.
~*~
„Meine Güte, früher haben wir nicht so schöne Zimmer gehabt ...“, entfährt es mir, als wir sein Apartment betreten.
Jeremy schließt die Tür und eine Sekunde später hat er mich zu einem tiefen Kuss an sich gerissen. Oh ja, Leidenschaft, Wil dheit. Zwei Markenzeichen von ihm.
Natürlich kann er auch zärtlich sein, aber jetzt ist mir seine fo rsche und fordernde Art gerade recht.
Ich erwidere Kuss und Umarmung ebenso stürmisch und es dauert nicht allzu lange, bis wir auf seinem Bett landen.
Seine Hände sind überall, seine Zähne ziehen an meiner Unterlippe, ich genieße jede Sekunde und stöhne laut auf, als seine Hand sich an meinen Hosen zu schaffen macht und dabei immer wieder neckend und verlangend über meinen harten Schwanz streift.
Yeay! Endlich Ablenkung. Es ist nach 22 Uhr, der Club, den ich mir heute ausgesucht habe, ist im Grunde mein Stammlokal, wenn ich auf Beutezug bin.
In leuchtendgelber Schreibschrift steht Cri aigu – Spitzer Schrei – über dem Eingang. Davor tummeln sich diverse Jungs und Männer, die der lauten Musik für ein paar Minuten entkommen wollen. Ein paar von ihnen kenne ich vom Sehen, andere sogar etwas genauer ...
Ich nicke grüßend und betrete den Club durch die zweiflügelige, mit schwarzen Folien abgedunkelte Ei ngangstür. Am Ende des breiten Ganges stehen zwei Security-Mitarbeiter in dunkelblauen Jacketts, dahinter liegen die Kassen.
Ich werde durchgewinkt und hole mir meine Verzehrkarte. M ichel, der Kassierer, grinst mich an. „Na? Auch mal wieder im Lande? Wo warst du denn letztes Wochenende?“
„Hatte zu tun, wenn du verstehst ...“, erwidere ich mit einem süffisanten Lächeln und er wirft mir den üblichen, schmachtenden Blick zu. Ich seufze lautlos. Na klar, ich weiß zu genau, wie ich auf etliche schwule Männer wirke. Ich werde mich auch sicher nicht drüber beschweren.
Immerhin beschert mir mein Aussehen genau das, we shalb ich hergekommen bin.
Nach den Kassen macht der G ang einen Knick nach links, dort befindet sich auch die Garderobe, an der ich meinen halblangen Ledermantel abgebe.
„Süßer! Na , da geht doch gleich die Sonne auf!“, zwitschert es von jenseits der Theke und wie immer erhalte ich Küsschen auf beide Wangen.
Jens, der Garderobier, flirtet wesentlich offensiver mit mir als Michel, aber das ist schon eine Art Ritual zwischen uns. Wir ha tten nie etwas miteinander und werden wir auch nie haben, denn Jens ist in festen Händen und mir definitiv zu alt. Davon abgesehen zelebriert er eine Tuckenhaftigkeit, die mich immer wieder daran erinnert, dass es auch diese vollkommen überzeichneten Klischeeschwuchteln gibt.
Ich grinse in mich hi nein, denn ich habe Jens einmal auf der Straße getroffen. Dort ist er nicht geschminkt und trägt auch keine hellgrüne Federboa zu einem Paillettenkleidchen mit Netzstrümpfen ...
Ich mag seine durchgeknallte Art sehr, er spielt hier die Obert ucke und ist draußen in der realen Welt einfach nur ein ganz normaler Mann Mitte dreißig. Bei unserem Treffen hat er mir verraten, dass er die Extreme liebt und seine Dienstabende im Cri aigu für ihn eine Art Karneval darstellen. Er spielt eine Rolle, die perfektes Make-up und Fistelstimme beinhaltet.
„Ich freue mich auch, dich zu sehen, Jens. Alles fit bei dir?“
„Oh, du treuloser Schuft! Wie kannst du es wagen, einfach nicht herzukommen wie am letzten Wochenende?“ Er kichert albern und ich merke, wie meine Laune sich mehr und mehr bessert.
„ Du weißt doch, wie das ist … Hast du schon irgendwelches Frischfleisch für mich erspäht?“
„Aber ja! Große Auswahl heute! Du wirst schon was Passendes finden, mein Schöner!“
Ich lache und mache mich auf den Weg in den eigentlichen Club. Neben dem breiten Torbogen, der den Blick auf eine wild beleuchtete, zuckende Masse von männlichen Leibern gewährt, die zwei Stufen ti efer auf der Tanzfläche wogt, befindet sich, auf dem die gesamte Tanzfläche umrundenden Podest, eine der zwei Theken. Ich gehe darauf zu, ohne mich durch die Herumstehenden schlängeln zu müssen.
Hat seine Vorteile, dass die meisten mich anstarren und Platz machen, wenn ich vorbei will. Irgendwie ist das eine schockiere nde Tatsache. Ich bin doch auch nur irgendein Typ, der irgendwelche anderen Typen abschleppen will. Aber hey, auch darüber werde ich mich sicher nicht beschweren, denn immerhin kann ich dabei schon mal die Lage checken.
An der Bar bestelle ich mir eine Apfelschorle und trete an die kleine Balustrade, die freien Blick auf die Tanzfläche ermöglicht.
Ich lehne die Unterarme auf die breite Oberfläche des Gelä nders und drehe mein Glas, immer wieder daran nippend, in meinen Händen, während ich den Tanzenden zusehe. Im Gegensatz zu den meisten, die ihr Shirt ausgezogen und seitlich in den Hosenbund gesteckt haben oder jenen, die ihre Hemden komplett aufgeknöpft wie Fahnen tragen, ziehe ich mein schwarzes Shirt, welches sich wie eine zweite Haut um meinen schlanken Körper legt, nicht aus. Ich bin wie immer im Cri aigu komplett in Schwarz gekleidet. Passt einfach am besten zu meinen Absichten und meiner Haarfarbe!
Des Öfteren spüre ich Hände über meine Seiten und meinen ein wenig herausgestreckten Hintern gleiten, mache mir aber nicht die Mühe, mich nach den Betatschern umzusehen.
„Hätte nicht gedacht, dass man dich so einfach anfassen darf“, höre ich, während eine Hand über me inen Rücken zu meinem Nacken gleitet und jemand in mein Blickfeld tritt, den ich durchaus kenne.
„ Timeon? Was tust du denn hier?“, frage ich perplex und lasse meinen Blick gewohnheitsmäßig über seine Körperlänge gleiten, als er sich neben mir an die Balustrade lehnt und hinabsieht.
„Ich bin öfters hier, wusstest du das nicht?“
Nein, wusste ich nicht, stört oder wundert mich aber auch nicht.
„Soll das heißen, du lässt dich neuerdings von den Typen hier nageln?“ Ehrlich, das verwirrt mich! Timeon ist überhaupt nicht der Typ für so einen Schuppen. Der Kleine braucht einen festen Freund mit Beziehung und ... Mein Gedanke bricht ab.
Moralapostel -Kim ist mir also hierher gefolgt, wie albern!
„Klar, du kommst ja auch her, um irgendwelche Typen zu nageln!“, schießt er zurück und ich nicke, während sich ein breites Grinsen auf meine Lippen schleicht.
„Aber du denkst nicht ernsthaft, hier die Liebe deines L ebens zu finden, oder?“
Er lacht fröhlich auf. „Mann, Kim! Ich bin grade mal zwanzig, und wenn du nicht zufällig einen Superhelden mit blauen Augen in der Hosentasche versteckt hältst, der sich mit Pferden auskennt, eine Figur hat wie du und vielleicht nebenbei noch solo ist, solltest du dir das Gerede von Liebe sparen!“
Ich stocke, schlucke hart und blinzle ihn erstaunt an. So e ine klare Vorstellung hat er von seinem Traumtypen? Ist ja krass!
„Mann, da sag noch mal einer, Schwule wären nicht oberflächlich!“, meckere ich. „Wo willst du so einen denn herkri egen? Hast du vielleicht auch noch Wünsche, was Schwanzlänge und Haarfarbe angeht?“ Die Ironie tropft aus meinen Worten, aber ich weiß, dass Timeon das richtig versteht.
„Äh ... blond wäre toll! Aber in Sachen Schwanzlänge ... egal! Hauptsache schwul!“
Okay, nun muss ich wirklich lachen. Die Ernstha ftigkeit, mit der er seine Wünsche beschreibt, lässt mich spontane Vergleiche ziehen. Vergleiche mit mir.
„Bin ich jetzt beleidigt oder froh, dass ich überhaupt nicht deinem Beuteschema entspreche?“, frage ich mit neckendem Unte rton und trinke einen Schluck.
„Na ja, Kontaktlinsen, Haare färben ...“ Er kichert, als ich mich verschlucke und huste.
„Du Spinner!“
Er nickt grinsend. „Klar, aber es war einfach göttlich, dein Gesicht zu sehen!“
Das glaube ich ihm anstandslos. Mein Blick gleitet noch einmal über die Tanzenden, dann wende ich mich ihm ganz zu. „Sobald ich so jemanden treffe, der ...“ Ich breche ab. Habe ich nicht exakt seinen Wunschpartner erst vor wenigen Tagen gesehen?
„Was denn? Versprichst du, dass du ihn mir vo rstellst?“
Ich nicke abwesend. Nein, der Mann, der mir spontan ei nfällt, ist nicht solo. Außerdem steht er auf Muskeln und Typen, die größer sind als er ...
„Hey, lass uns tanzen, ich brauche dringend noch was für den Darkroom“, verkündet er und ich stelle mein Glas ab, um ihm zu folgen.
Ich sehe nicht aus wie der typische Jäger, denke ich, aber das ist mir egal. Bislang habe ich immer gekriegt, was ich wol lte.
Wir tanzen und machen dabei das, was jeder hier tut: Wir beha lten ein Auge stets auf der Umgebung, vielleicht auch auf der Tür. Immer auf der Suche nach etwas Besserem als dem, was wir vor Augen haben.
Auf keinen Fall werde ich heute Abend was mit dem Kleinen anfangen. Er ist einfach zu nett und mir auch zu sy mpathisch, um ihn als Ablenkung und Druckabbau zu missbrauchen. Letztes Wochenende auf dem Gestüt war das noch anders, aber mir ist nicht ganz klar, was sich seitdem eigentlich geändert haben soll.
„Sag mal, ist es eigentlich wirklich okay für dich, dass ich ab August ständig bei euch auf dem Gestüt bin?“, erkundigt sich Timeon, als wir uns für ein weiteres Getränk an die zweite Theke trollen.
„ Sicher ist das okay, aber dir muss klar sein, dass wir ... Na ja, dass ich damit dein Chef bin und wir ganz sicher nie wieder vögeln werden ...“
Er nickt. „Logisch! Würde sich auch nicht besonders gut m achen. Davon abgesehen bist du ja nur bedingt mein Typ!“, zieht er mich auf und irgendwie gefällt mir seine Schlagfertigkeit sehr.
„Ich frage mich immer noch, wieso du Pferdewirt werden willst.“ Das frage ich mich wirklich, denn i mmerhin besitzt seine Mutter eine Handtaschenfabrik und braucht irgendwann einen Nachfolger.
„Das ist doch vollkommen klar: Ich bin nicht der Typ für Handtaschen und meine Mutter hat das eingesehen, als Gabriele sich diesen schnuckeligen B etriebswirt geangelt hat ...“ Er lacht und trinkt von seiner Cola.
„Klingt halbwegs logisch. Aber dass sie das einfach so akzeptiert, hätte ich nie gedacht.“ Ich sehe rucka rtig woanders hin, als ich einen jungen Mann mit dunkelbraunem Haar und muskulösen Armen sehe.
Nein, nicht an Maik denken. Nicht . An. Maik. Denken!
„Ach, komm schon, Kim, das können wir doch kommende Woche besprechen, wenn ich Don Juan und Zaphiras Dream zum Gestüt bringe!“ Er mustert mich durchdringend und einen schrecklichen Moment lang habe ich den Ei ndruck, dass er mir meine Gedanken ansehen kann. „Du hast doch ganz was anderes auf dem Herzen.“
Habe ich? Was denn?
„Auf dem Herzen weniger“, erwidere ich bedeutungsvoll und sehe kurz an mir herab.
„Spinner! Sobald ein dunkelhaariger Typ mit geilem Obe rkörper in dein Blickfeld kommt, starrst du woanders hin. Denkst du, ich sehe das nicht? Ich hab mich immer gefragt, worauf du wohl abfährst ...“
Oh? Also: Oh???
Timeons Kichern wird begleitet von einer tröstend meine Schulter tätschelnden Hand. „Na? Wer hat denn braunes Haar und solch ansehnliche Muckis?“
Maik.
Aber das kann ich doch nicht ... Ach, scheiß drauf.
„Maik“, gebe ich zu. Allein dieser Name klingt wie ein wehmüt iges Seufzen und ich hasse mich dafür.
„Hm, kenne ich den? Oder besser: Woher kennst du ihn? E ine deiner Fickgeschichten?“
Ich schüttle kraftlos den Kopf. „Ist einer der Ferienjo bber ... Du kennst ihn noch nicht.“
„Das dürfte sich ja bald ändern. Und der hat dem eiska lten Kim den Kopf verdreht?“
„Was? Nein!“, antworte ich schnell und viel zu hart. Das z umindest zeigt mir Timeons Gesichtsausdruck.
„Verarsch mich nicht! Der Typ hat’s dir voll angetan! Du guckst ja nicht mal ernsthaft nach Beute heute Abend!“
Ja, reib es mir doch noch unter die Nase.
„Ich will nicht drüber reden, okay?“
Er mustert mich, schürzt die Lippen und nickt schließlich. „Klar, ist deine Sache.“
„Danke“, erwidere ich erleichtert und löse genau damit nun doch eine endlose Fragenkette aus. Allerdings nicht von Timeon, sondern von mir.
„Schon okay. Und? Soll ich dir heute Abend einen suchen?“, bi etet er an und reizt mich zum Lachen.
„Nein, lass mal, ich glaube, ich hab schon wen gesichtet.“ Das stimmt tatsächlich. Seit ein paar Minuten steht ein zie mlich passend aussehender Junge an der Balustrade zur Tanzfläche. Seine Rückansicht ist ziemlich reizvoll, und vor wenigen Augenblicken hat er sich umgedreht und beobachtet mich seitdem. Ich drehe mich weiter zu ihm und Timeon schlägt mir vor die Brust.
„Viel Erfolg, Mann, ich bin dann mal auf der Tanzfl äche ...“ Er verschwindet und ich sehe ihm lachend nach, bevor ich die wenigen Schritte zu meinem ersten Opfer überwinde.
„Tanzen?“, frage ich ohne Umschweife und betrac hte ihn. Er ist ganz hübsch, vielleicht 22, schlank, fast so groß wie ich ... durchaus okay für einen schnellen Fick. Der Bengel gehört zur Offenes-Hemd-Fraktion und zeigt mir genug, um zu wissen, dass er genau das ist, was ich jetzt brauche.
„Vorher oder hinterher?“, fragt er keck. Ich trete dichter auf ihn zu, drücke ihn ganz leicht gegen das Geländer und lasse ihn sp üren, was sich in meinen Jeans gerade tut. Er schlingt seine Arme um mich und sieht mich grinsend an.
„Wie du willst“, gebe ich zurück.
Minuten später sind wir natürlich nicht auf der Tanzfläche, sondern in einem der drei Darkrooms.
Dieser hier ist unterteilt. Der lange Raum besitzt einen ebe nso langen Gang, von dem aus zu beiden Seiten kleine Separees abgehen. Keine Türen, nur Trennwände und nach vorn zum Gang eine, die Hälfte der Breite verdeckende, schmalere Wand. Wie passieren Hand in Hand ein paar davon, blicken kurz in die schattenhaft und spärlich beleuchteten Kabinen, in denen Paare und Dreiergruppen beschäftigt sind. Weiter hinten finden wir ein freies Separee und ich streife ihm das Hemd bereits ab, kaum dass wir drinnen sind.
Das dunkle Licht, irgendetwas zwischen Dunkelblau und Tieflila, zeigt wenig und doch genug. Er nestelt an meiner Hose, wä hrend ich seinen Oberkörper streichle und meine Lippen auf sein Schlüsselbein senke. Er schmeckt salzig, ganz leicht. Es gefällt mir und ich lasse meine Zunge über seinen Hals zum Ohr wandern. Sein warmer, leicht herber Geruch gefällt mir ebenso, ich sauge ihn tief ein und stöhne auf, als er meine Hosen hinabschiebt und meinen Schwanz umfasst.
Bevor ich ihn seiner Hosen berauben und ihn umdrehen kann, sinkt er auf die Knie und verpasst mir einen Blowjob.
Ich lege den Kopf in den Nacken und halte mich an seinen Schultern fest. Oh ja, das ist gut! Sogar sehr gut!
Seine Zungenschläge wirken wir kleine Stromstöße, ich schließe die Augen und mit jedem Schlag blitzt ein Bild in me inem Kopf auf.
Maiks Gesicht. Immer wieder. Ich versuche, es zu verdrä ngen, mich zu konzentrieren, vorzugsweise auf das Hier und Jetzt, aber mein Kopf ist hartnäckig. Zu dem Bild kommen der unwiderstehliche Geruch von Maiks Haut, seine Stimme und seine Berührungen. Ich stöhne laut auf, spüre, wie meine Knie weich werden wollen, und halte mich stärker fest. Er entlässt meinen Schwanz aus seinem Mund, massiert weiter meine Eier und fragt: „Alles okay bei dir?“
Ich lasse den Kopf nach vorn schnellen, sehe ihn im Hal bdunkel an und nicke hastig.
„Ja, alles in Ordnung.“
„Na gut ...“ Er macht weiter, seine Zunge tanzt über meine Erektion, seine Finger reizen mich, necken und fordern. Ich schließe wieder die Augen und glaube, das Trommeln meines Herzens ist für alle weithin hörbar. Egal, alles egal, ich will es, jetzt!
„Maik!“, hauche ich und im nächsten Moment steht mein Sexpartner direkt vor mir und sieht mich an.
„Hör mal, nicht, dass es mich stören würde, dass du meinen Namen nicht wissen willst, aber mir hier einen anderen vorzusäuseln, ist echt unter meinem Niveau.“
Spricht’s und verschwindet mit einem leisen Fluch, wä hrend er sein Hemd wieder überstreift.
Ich sinke mit einem deutlich saftigeren Fluch gegen die Trennwand. Der kühle Kunststoff lässt mich kurz zusammenzucken, dann lege ich den Kopf in den N acken und schließe frustriert die Augen.
Scheiße, wieso ist mir denn der Name rausgerutscht? Dreht mein Kopfkino jetzt durch? Echt mal, der Arsch soll sich aus meinem Kopf verpissen! Er gehört da nämlich nicht rein! Er gehört zu Jeremy und das kotzt mich an!
Ich stocke und schlage wütend mit der Faust gegen die Trennwand, dann ziehe ich mich wieder an und kehre unve rrichteter Dinge in die Disko zurück.
„Na? Alles okay bei dir?“, fragt Timeon, der mich auf dem Weg zur Bar abfängt und seine Finger um mein Handgelenk schließt.
Ich starre ihn sekundenlang perplex an.
„Sicher. Alles bestens!“, fahre ich ihn an und ernte einen überraschten Gesichtsausdruck. Mist, schnauze ich jetzt wirklich den Kleinen an, weil meine Gedanken mein Kopfkino vermurkst haben?! „Sorry“, schiebe ich nach.
„Schon okay. War der Typ doch nicht nach deinem Gu sto?“
„Äh ... doch, aber ich ...“
„Ja?“
Ehrlich, das ist mir viel zu peinlich!
„Nichts.“
„Aha?“
Timeon ist süß und irgendwie besorgt, das sehe ich ihm an. Sein Blick wandert an mir herab, natürlich, mein Schwanz mag ja etwas abgeschwollen sein, aber eindeutig muss er erkennen, dass ich nicht zum Schuss gekommen bin.
„Lass gut sein, ich brauche jetzt Alkohol!“
Wir plaudern an der Theke über ein paar andere Typen, Timeon war eindeutig erfolgreicher als ich und hat sich bereits zweimal erlegen lassen. Das müsste mich eigentlich noch mehr frustrieren, aber im Gegenteil, es erschreckt mich aus anderen Gründen.
Gibt nicht viele Männer oder Jungs, denen ich die echte, große Liebe wünschen würde, aber Timeon ist so einer.
Ich muss lächeln, während ich ihn ansehe, und bevor ich es b egreife, gleiten meine Finger zärtlich über seine Wange. Ich weiß genau, ich lächle ihn grad reichlich dämlich an.
„Kim?“, fragt er unsicher und schluckt sichtbar.
„Keine Sorge, ich will nichts von dir. Du bist im Grunde doch viel zu erwachsen für diesen Scheiß hier ...“ Ich trinke von meinem Bier und proste ihm zu.
„Erwachsener als du?“, hakt er nach und kraust seine Bra uen.
Ich nicke spontan. „Klar! Du suchst was Festes, nicht nur eine oberflächliche Ficknummer jedes Wochenende. Du weißt, worauf es ankommt, und was du willst. Das ist gut!“
Oh weh, das halbe Bier macht mich schon redseliger , als ich jemals sein wollte!
„Vielleicht brauchst du so was auch?“
„Klar, mit Zuckerguss und ’nem Sahnehäubchen, bitte!“, gebe ich bitter zurück. Woher soll der Kleine auch wissen, dass eine echte Beziehung für mich nicht einmal infrage käme, wenn ich nicht Lus Privatbesitz wäre?
„Hey, was ist denn mit diesem Maik?“
Danke, wie aufs Stichwort.
Ich schüttle den Kopf und trinke das Glas leer, bevor ich es schwungvoll auf die Theke setze und dem Barmann zu verst ehen gebe, dass ich davon mindestens noch eines brauche. Scheiße, ich vertrage überhaupt keinen Alkohol! Ich trinke doch höchstens mal ein Glas Wein bei diesen gesellschaftlichen Dinnern mit Geschäftsfreunden. Dann esse ich aber auch genug dazu und halte mich wirklich den ganzen Abend an dem einen Glas Wein fest!
„Er hat mich flachgelegt ...“ Das habe ich nicht laut gesagt und erst recht nicht vor mich hin gejammert. Nein, ganz sicher nicht!
Ich trinke vom zweiten Bier und ignoriere den leicht bi tteren Nachgeschmack. Den würde ich bei anderer Flüssigkeit mehr als billigend in Kauf nehmen …
A ber wenn ich Durst habe?
Durst? Egal! Alles egal. Ich habe längst kapiert, dass ich heute Abend niemanden mehr ficken werde. Geht einfach nicht. Zumindest nicht, ohne andauernd an Maik zu de nken.
Klar, irgendwie könnte ich wohl auch damit leben, dass der j eweilige Kerl nur Mittel zum Zweck ist, aber ... Ich starre auf meinen Schritt. Nein, keine Chance, mittlerweile ist der kleine Kim schlafen gegangen und aufwachen wird er sicher nicht mehr.
„Ist das ...? Ich meine ...! Du hast dich flachlegen lassen?!“
Ja, fantastisch . Kann der Kleine Gedanken lesen? Ich nicke abgehackt und sehe selbstmitleidig in mein Glas. Noch einen Schluck, irgendwann schmeckt das Zeug sicher besser.
„Wahnsinn! Hey, das ist doch ... Kim! Der muss dir ja echt ’ne Menge bedeuten!“
Genau. Wenn er jetzt hier vor mir stünde, würde ich ...
Ich sehe auf. Keine zwei Schritte entfernt steht er. Dunkles Haar, helle Augen, markantes, schmales Gesicht, tolle Oberarme, V-förmige Brust ...
Ich stelle das Glas ab, stehe vom Barhocker auf und hole aus. „Du bist blödes Arschloch, Maik!“
Meine Faust trifft den jungen Mann am Kinn und irgen dwie wird es ziemlich wild und laut um mich herum, besonders, weil mich etwas in die Magengrube trifft und ich dem schwarzen Kunststoffboden hallo sagen darf.
„Mann, Kim!“, höre ich noch und versuche, mich umzudr ehen.
Seine Küsse schmecken so gut, so vertraut, ich könnte ihn ewiglich so an mich gedrückt halten. Aus dem anf angs sehr wilden Geknutsche ist etwas anderes geworden, behutsamer, nicht weniger leidenschaftlich.
Es kommt mir vor, als habe Jeremy die gleichen Gefühle g ehabt.
Das hier müssen wir auskosten, keine Ahnung, wieso, aber es fühlt sich einfach so an.
Wirklich sanft sind wir deshalb noch lange nicht, aber in jeder Geste, jedem Kuss liegen nun nicht mehr nur Trieb und Lustbefriedigung, sondern auch Wärme und Leidenschaft.
Brennend heiß rinnt das Blut durch meine Adern. Wir liegen nackt auf seinem Bett und momentan ist er über mir. Ich will ihn, so sehr!
Er soll mich erlösen, mir das geben, was ich brauche.
Natürlich will ich ihm das Gleiche geben. Das steht für mich außer Frage! Immerhin ist er mein bester Freund, mein Ve rtrauter, mir näher als ein Bruder es sein könnte ... und ganz nebenbei ist er der Mann, der mich jederzeit flachlegen darf.
Mein Sweetheart, eben!
Ich sehe ihn an, will für einige Augenblicke in seinen tiefen, dunkelblauen Augen versinken. Will mich ergeben und hingeben.
Wow, seit ungefähr einer halben Stunde habe ich nicht an Kim gedacht!
Tja, das war’s dann wohl. Sofort tritt ein Bild seiner grauen Augen in mein Bewusstsein, überlagert das Blau in Jeremys und lässt mich wütend aufknurren.
Jeremy legt den Kopf schief und mustert mich. „Was ist los?“
Ich wende den Kopf ab und sehe in das Zimmer hinein. „Ach, nichts.“
Ich will noch viel wütender losfluchen, als Jeremy seinen schlanken Körper von mir rollt und sich neben mich legt, um se inen Kopf auf seinen angewinkelten Arm zu lehnen und mich so wissend und durchdringend anzusehen, dass ich nur noch nervös schlucken kann.
„Sollst du mich denn anlügen?“ Seine Augenbraue hebt sich und ich weiß, er ist nicht halb so ernst, wie sein Tonfall mich Glauben machen soll.
„Tut ... tut mir leid, Sweetheart.“
„Was denn?“
„Ach, keine Ahnung!“, fauche ich und versuche, von ihm wegzukommen. Blitzschnell legt sich sein freier Arm über meine Mitte und hält mich fest.
„Hey, hey, ganz ruhig.“ Er beugt sich über mein Gesicht und l ächelt. Seine Lippen legen sich an meine schweißnasse Stirn. Es ist kein Blick nötig, um zu sehen, dass meine Erregung sich gerade grußlos von dannen gemacht hat.
Ve rdammt noch mal, wie kann denn das sein? Jeremy ist ein absoluter Traumtyp!
„Erzähl mir, weshalb du so durch den Wind bist, ja?“
Seine sanfte Bitte kann ich nicht ausschlagen, auch wenn ich es wirklich gern täte.
Trotzdem seufze und schweige ich noch eine Weile vor mich hin.
Das einzig Nennenswerte, zu dem ich in der Lage bin, ist, mich an ihn zu kuscheln und meinen Kopf in seine Armbeuge zu legen. Ich kann und will ihn nicht ansehen, wenn ich das alles erzähle.
„Na los, Süßer, spucks aus.“
„Hm, das ist echt nicht leicht ...“, druckse ich schließlich herum. „Du hast ihn ja gesehen ...“
„Oh? Warte, wir reden hier tatsächlich über Kim? Kim Andreesen ist der Grund für deine geistige U mnachtung?“
Ich schnaube und sehe ihn doch an. „Wenn du das so siehst, sage ich gar nichts mehr!“
„Hey, ganz ruhig.“ Er streicht mir das Haar aus der Stirn und ich lehne mich ganz kurz mit geschlossenen Augen an diese Berührung. Wehmut erfüllt mich. Ich will das hier nicht verlieren. Niemals!
„Ich hab mit ihm geschlafen.“
„Ich weiß.“
Ja, natürlich . Jeremy hat immer gewusst, was mit mir los ist, wieso sollte es dieses Mal anders sein?
„Und ich hab ihn geküsst ... mehrfach.“
„Oh!“
Ich knurre leise und unwillig. „Ja, ich weiß! Ich bin bescheuert und darf mich über gar nix wundern!“
Jeremys Lachen ist warm und weich, darin liegt kein Spott, höchstens Zuneigung und das ultimative Wissen über mich und meinen Geisteszustand.
„Du bist verliebt.“ Wieder streicheln seine Finger sacht über meine Haut. „Machst du dir das wirklich zum Vorwurf?“
„Ja, verdammt!“, fauche ich. „Ich bin nicht auf den Hof g egangen und habe auf die Sommerturniere verzichtet, weil ich Langeweile hatte und einen geilen Typen zum Ficken brauchte!“
„Ich weiß.“ Noch immer bleibt Jeremy ganz ruhig, egal wie sehr ich auch ausraste. Ich bin ihm so u nendlich dankbar dafür.
„Ich will mich rächen, Sweetheart! Ich will den Namen me ines Vaters reinwaschen, ich will Ludwig van Keppelen seinen dreckigen Hals brechen! Er allein hat meinen Vater über die Klinge springen lassen!“
„Scht, Süßer, das weiß ich doch alles. Vielleicht ist es aber viel wichtiger, was du vorgefunden hast? Also, der Grund, aus dem du auf das Gestüt gekommen bist ... vielleicht ist der nebensächlich, wenn du daf…“
„Was? Wenn ich dafür mit einem selbstsüchtigen, geldgeilen, arroganten, rückgratlosen Scheißkerl in den Sonnenu ntergang reiten kann? Drauf geschissen, Jers! Kim Andreesen ist eine blöde, habsüchtige Hure, nichts weiter!“
„Und wieso regt dich das so auf?“
Tja, äh ... gute Frage! Ich sehe ihn perplex an und blinzle ein paarmal. „Weiß nicht?“
Er lacht, wieder, schüttelt mich damit sogar ein wenig durch. „Süßer ... Du. Bist. Verliebt.“
„Weißt du, dadurch, dass du diesen Schwachsinn wiede rholst, wird’s auch nicht besser!“, jammere ich.
„Aber du musst zugeben, dass du es tust. Er ist dir alles a ndere als egal, sonst ginge dir am Arsch vorbei, was er macht.“
Ich nicke. Die Bewegung ist so langsam und zäh, und doch e rkennt Jeremy sie.
„Na, siehst du. Und ... wie war der Sex mit ihm?“
Ich traue meinen Ohren kaum, doch schließlich ist das hier ein nackter Jeremy, mein bester Freund, der neben mir liegt. Natü rlich fragt er so was.
„Es war toll“, nuschele ich in seine Armbeuge. „Unbeschrei blich.“
„Aber es war nur einmal?“
„Hm, einmal Sex, einmal knutschen ... Im Mondlicht, auf seiner Dachterrasse ...“
„Awww, das ist so süß, Maiky! Wer hätte das gedacht? Eh rlich, ich bin froh darüber, weißt du?“
„Ja, sicher, weil wir ab jetzt nicht mehr hemmungslos vögeln werden, wann immer uns danach ist?“
„Würdest du das denn wollen?“
Ich schüttle den Kopf, bevor ich auch nur ‚nein‘ denken kann. „Ich ... es ist komisch, schließlich hab ich ja nichts weiter mit ihm ... Um genau zu sein ...“ Ich atme tief durch und erzähle von sämtlichen Begebenheiten.
Angefangen mit meiner Ankunft auf dem Gestüt, über den Sex, das Abendessen, diverse Frühstückssessions, den Einkauf, ach ... einfach alles, was passiert ist. Auch den Faustschlag und das gestrige Treffen am Badesee lasse ich nicht aus.
„Mann, wenn du sein Herz gewinnen willst, ist das echt der fa lsche Weg!“, entfährt es Jeremy und ich schnaube ihn an.
„Von wegen! Ich will ihn mir vom Leib halten! Kannst du mir verraten, was ich mit so einem soll?“
„Was ist denn an ihm nun so schrecklich? Also, was genau hat er getan, das dich so aufbringt?“
Stimmt, eine einzige Sache habe ich bisher nicht wirklich e rklärt ...
„Er hält für van Keppelen den Arsch hin.“
Jeremy lacht los und diesmal rolle ich mich wirklich von ihm weg.
„Das ist nicht witzig!“
„Oh doch!“
„ Wie kannst du das sagen?! Was findest du komisch daran, dass er sich von van Keppelen so behandeln lässt, nur weil er in vielen Jahren dafür das gesamte Gestüt erben wird?!“
„Aha, das ist also dein Problem ... Er nutzt sein Aussehen als sein Kapital, um für später vorzusorgen ...“
„Nein, er benutzt van Keppelen und lässt sich b enutzen! So was ist rückgratlos!“, schnauze ich ihn an, während ich vom Bett steige und mir meine Schlafhose herauskrame. Ich steige hinein und setze mich wieder auf die Bettkante.
„Lass uns das mal zusammenfassen ...“, beginnt er ruhig und verzichtet auch weiterhin darauf, sich zu bedecken. Mich stört es nicht, aber irgendwie redet es sich besser, wenn man was am Leib trägt, finde ich ...
Ich nicke. „Na los, sag es.“
„Du bist vor einer knappen Woche mit dem festen Vorsatz, van Keppelen zur Strecke zu bringen, auf dieses Gestüt gegangen. Vorher hast du jahrelang alles an Infos zusammengetragen, dessen du habhaft werden konntest.“
Ich werde ungeduldig. Ob er heute noch was Neues sagt?
„Und dann hast du von Kim erfahren, beziehungsweise von einem jungen Mann, der mehr zu sein scheint, als nur van Keppelens rechte Hand. Du wusstest von den Gerüchten und du hast volles Risiko gespielt, ihn für deine Zwecke zu benutzen.“
Widerwillig nicke ich.
„Tja, mein Lieber, du hast ihn genauso ausgenutzt, wie van Keppelen es tut. Nur, dass du dem Ganzen mit deiner Vorgaukelei von Verliebtheit noch die Krone aufgesetzt hast.“
Ich höre das wirklich nicht gerne , und wenn Jeremy nicht der mir nächste Mensch auf diesem Planeten wäre, würde ich ihn für seine Worte vermutlich anbrüllen und stehenlassen – oder liegenlassen. Aber er hat recht. So ungern und zähneknirschend ich das auch zugeben mag, ich habe Kim auf eine echt perfide Art missbraucht.
„Und weil das Leben sich solche gemeinen Pläne nur ungern g efallen lässt, hast du dich in ihn verknallt. Ehrlich, das ist voll ironisch ... und irgendwie echt niedlich!“ Jeremy streckt sich über das Bett und zieht mich an sich, legt seinen Kopf auf meinen Bauch und sieht zur Decke. „Ich würde was drum geben, jemanden durch solche Widrigkeiten hinweg zu lieben ...“
„Du bist ein hoffnungslos romantischer Spinner, Sweeth eart!“
„Wieso? Du doch auch! Nun tu mal nicht so. Du suchst schon seit Jahren nach deinem Mister Right und irgendwie war doch klar, dass du ihn da findest, wo du ihn erstens nicht gebrauchen kannst , zweitens auch nicht haben willst und drittens nicht erwartet hast ...“ Er dreht den Kopf in meine Richtung und sieht mich ernst an. „Was wirst du jetzt tun?“
Ich weiß genau, er will, dass ich jetzt verspreche, die ganze S ache abzublasen, mir Kim zu schnappen und zurück nach England zu gehen, aber das kann ich nicht.
„Es geht nicht.“
„Was?“
„Na, das mit Kim ... Ich verachte ihn für das, was er tut.“
„Und verachtest du dich für das, was du ihm vorgelogen hast wenigstens auch?“ Er sagt das ganz locker und ruhig, aber jedes Wort trifft mich mitten ins Herz. Es tut weh, diese Wahrheiten von ihm gesagt zu bekommen.
Ich seufze tief. „Es ist ja nicht nur das ...“
Jeremy dreht sich auf den Bauch und sieht mich an. Seine Wange liegt auf meiner Brust, wie im Reflex – vielleicht aus auch liebgewonnener Gewohnheit – streiche ich mit den Fingern durch sein kurzes, blondes Haar.
„Sondern?“
„Na ja ... Er glaubt nicht an Liebe und Beziehungen.“
„Mann Kim! Nun komm endlich mal zu dir!“ Ich höre die Stimme, aber es dauert, bis ich die Augen aufkriege.
„ Timeon? Was ist ...?“, bringe ich hervor und versuche, mich aufzurichten. Es ist ziemlich dunkel. „Wo ...?“
Er seufzt vernehmlich. „Bei dir zu Hause. Ich musste dich herbringen.“
Aha? Musste er?
„Äh ...?“
Seine Hand legt sich kühl auf meine Stirn. „Ganz ruhig, es ist noch mitten in der Nacht.“
Das beruhigt mich. Ehrlich!
„Und was ist passiert?“ Irgendwie tut mein Brustkorb mir weh und ich liege, oh, mein Bett! Ich sehe an mir herab. Die Decke liegt auf mir, Timeon sitzt auf der Bettkante und mustert mich.
„Du hast es geschafft, dich mit sagenhaften zwei Bier abz uschießen und eine Schlägerei mit einem fremden Typen anzuzetteln. Ich bin echt stolz auf dich! So männlich ist schon lange keiner mehr zu Boden gegangen ...“ Er kichert, aber ich kann nicht mal sauer drüber sein. Er hat vermutlich recht!
So nach und nach dämmert mir, was ich angestellt habe. Herrgott wieso hab ich ...?
Maik!
Klar, alles wegen Maik. Zum Kotzen.
„Ich erinnere mich ... Und was ist passiert, als ich ... na ja, du weißt schon ...“
Timeon seufzt erneut und erhebt sich, ich höre mehr, als dass ich es sehe, wie er ins Bad geht und den Wasserhahn laufenlässt. Dann kommt er zurück und legt mir einen nassen Lappen auf die Stirn.
„Ich wollte dir ein Steak auf dein Auge legen, aber du hattest keins da ...“
Ich taste hastig nach meinem Gesicht. „Mein A uge?!“
„Keine Panik, ich hab dauernd neue Lappen drau fgelegt, es ist schon ein wenig abgeschwollen. Immerhin siehst du mich aus beiden Augen an, oder?“ Er lächelt und ich bin ihm unglaublich dankbar dafür, dass er mich hergebracht hat.
„Danke, Kleiner“, sage ich und lächle.
„Kein Problem. Wieso bist du so sauer auf Maik?“
Die Frage erwischt mich eiskalt. „Weil er mich für ... Ich kann dir das nicht erklären, okay? Er weiß etwas über mich, das er mir sehr übel nimmt.“
Timeon nickt nur. „Schon okay. Ich muss jetzt aber mal langsam los. Der blöde Butler meiner Mutter hat die dumme Angewohnheit, ihr jeden Sonntagmorgen direkt mitzuteilen, wann ich nach Hause gekommen bin ...“
Es gefällt mir nicht, dass er gehen will. Deshalb setze ich mich weiter auf und mache ihm einen Vorschlag. „Du kannst hier übe rnachten, da neben der Treppe zur Dachterrasse ist ein Gästezimmer.“
„Echt?!“ Er grinst. „Dann soll der Blödmann ihr morgen früh ... äh ... in drei Stunden ... mal stecken, dass ich nicht nach Hause gekommen bin!“
Ich lache, weil er sich so freut, seiner Mutter eins ausw ischen zu können. Na gut, mir soll es recht sein.
„Du kannst dich ruhig hinlegen. Ich bleibe einfach hier liegen und versuche, weder zu sterben noch einen Kater zu kriegen ... Maik hat morgen frei und ich muss seine Pferde mitversorgen.“
„Ich kann dir helfen!“
„Hm, klingt gut. Dann kannst du auch die beiden Stallgenossinnen von deinen zwei Lieblingen kennenlernen.“
„Cool! Okay, ich bin wirklich ziemlich müde ... brauchst du noch was?“
Ich schüttle den Kopf. „Nein, danke, alles okay. Schlaf schön, Kleiner ... und .. danke!“
Er lächelt, nickt und wendet sich um. Ich sehe ihm nach, h öre die Tür des Gästezimmers und drehe mich auf die Seite. Schlafen, ich will einfach nur schlafen ...
~*~
Um sieben klingelt mein Wecker. Viel zu früh, für meinen Geschmack, aber das habe ich davon, dass ich abends rausgegangen bin, obwohl ich am Sonntag so viele Pferde bewegen muss.
Wer feiern kann, kann auch arbeiten , das zumindest behauptet mein Großvater immer.
Ich gähne, strecke mich und verschwinde im Bad. Die D usche ist auch heute nicht meine beste Freundin, aber sie schafft es, mich ein wenig wacher zu bekommen.
Erst als ich in die Küche komme und mein Blick auf die Gard erobe jenseits der Theke fällt, wird mir klar, dass ich nicht allein bin. Ich mache kehrt, klopfe an die Tür des Gästezimmers und höre Timeon darin murren.
„Schlaf weiter, Kleiner, ich bin im Stall. Du findest alles fürs Frühstück in der Küche.“
Ich mache mir noch einen Kaffee und in der Zeit höre ich, wie Timeon ins Gästebad schleicht und duscht. Er erscheint mit frisch gekämmtem, noch nassem Haar und in Jeans und T-Shirt in der Küche.
„Guten Morgen!“, wünscht er und lächelt.
„Guten Morgen. Kaffee?“
„Latte Macchiato, wenn’s geht ...“
„Geht.“ Ich mache ihm eine Tasse fertig und stelle meine in den Geschirrspüler.
„Ich bin im Stall. Wenn du was essen willst, bedien dich, okay?“
„Nein, ich kann später frühstücken. Ich komme gleich nach, s obald ich den Kaffee aufhabe.“
Ich nicke und steige in meine Reitstiefel. „Oh, wenn du Rei thosen anziehen willst, der linke Teil in meinem Schrank.“
Sie dürften ihm halbwegs passen, er hat zwar kürzere Beine als ich, aber er ist ansonsten nicht schlanker als ich.
„Ja, wäre gut. Mit Jeans reiten ist echt uncool.“
„Welche Schuhgröße hast du?“
„42.“ Ich habe ziemlich kleine Füße für einen Mann, aber dass Timeon die gleiche Schuhgröße hat, reizt mich zum Lachen.
„Dann kannst du die Stiefeletten und Chaps nehmen.“ Ich deute darauf und er lächelt.
Im Stall b egrüßt mich Lukas, der extrem gute Laune zu haben scheint.
Ich bemühe mich um Freundlichkeit und stelle ihn und Timeon einander vor, als der Kleine im Stall auftaucht.
„Das ist Timeon Wienert, ab August einer der Auszubildenden zum Pferdewirt Schwerpunkt Reiten. Timeon, das ist Lukas Menk, einer der beiden, die für dich zuständig sind, wenn ich mal nicht da bin.“
Timeon lächelt, schüttelt Lukas’ Hand und wenig später sitze ich auf dem Ersten von zehn Pferden.
~*~
Zum Frühstück gehen wir in meine Wohnung, zum Mittagessen nehme ich den Kleinen mit in die Gesindeküche. Auch dort stelle ich ihn allen vor, er wird spontan – und wie von mir nicht anders erwartet – herzlich aufgenommen und Theodora verkneift sich sogar jeglichen Spruch. Ich bin ihr unendlich dankbar dafür, auch wenn sie mir komische Blicke zuwirft, die ich vorzugsweise ignoriere.
Danach geht es weiter mit dem Training, wobei Timeon mehrere Pferde übernimmt. Und wie versprochen zeige ich ihm Möhrchen und Sphinx im Quarantänestall.
„Hier werden deine zwei auch erst einmal stehen. Mindestens zwei Wochen. Das hier ist Möhrchen und das da ist eine von meinen dreien: Stalloma Sphinx.
Er kichert und tritt langsam an CDs Box heran. „Möh rchen?!“
„Eigentlich heißt sie Celebrity Darling“, erwidere ich und er fährt mit riesigen Augen zu mir herum.
„Sie ist Maiks Pferd.“
Ich staune und runzle die Stirn, doch auf meine Nachfr age sagt er nur, dass sie ziemlich bekannt ist. So langsam glaube ich, dass ich mich in den letzten Jahren etwas mehr mit dem Springreiten auf Turnierebene hätte beschäftigen sollen.
„Ja, Maik Fallner ist ihr Besitzer. Wenn du jemals erleben willst, wie liebevoll ein Mensch mit einem Pferd umgehen kann, während es einen S-Springparcours meistern soll, sieh ihm dabei zu ...“
Timeon dreht sich ganz zur mir herum und sieht mich ernst an, während er die Arme vor der Brust verschränkt. „Du bist in ihn verliebt.“
Nein, unmöglich! Obwohl ... ich hab schlichtweg keine Ahnung ...
„Wie ... fühlt es sich an? Ich meine, woran merkt man, ob man verliebt ist?“
Seine ernste Miene wird weicher und er lächelt. „Fühlt sich schräg an. Das Herz beginnt , ohne Grund zu rasen ... die Knie werden weich, man redet unsinniges Zeug und wünscht sich irrsinnigerweise, dass der andere sich genauso bescheuert vorkommt, wenn er einen sieht oder an einen denkt ...“
Oh ja, das kommt mir bekannt vor …
„Außerdem wirst du in den blödesten Situationen unsicher und …“ Er grinst nun, vermutlich, weil ich ihn mit offenem Mund anstarre.
Ich habe seine kleine Aufzählung mit den Situat ionen der vergangenen Woche abgeglichen und bei einigen Punkten durchaus ein kleines Häkchen setzen müssen. Ich schlucke hart und nicke langsam.
„Woher weißt du das, wenn du doch solo bist und dich in Clubs rumtreibst?“
„Ich hab dir doch neulich erzählt, dass ich jemanden hatte, den ich richtig toll fand ... Nur war er es am Ende nicht. Verliebt hab ich mich trotzdem ...“ Er schneidet eine Grimasse. „Ist jetzt vier Monate her oder so ... und trotzdem tut’s manchmal noch weh ...“
„Oh, Mann , das tut mir wirklich leid für dich!“
„Mir nicht. Er war ein Arschloch.“ Timeon zuckt die Schultern. „Irgendwann werde ich schon gefunden werden.“
„Gefunden werden ...“, wiederhole ich gedankenverloren. „Klingt irgendwie ... ganz nett ...“
Oder auch nicht. Immerhin hat Lu mich gefunden und ... Oh, Moment mal! Seit wann stört mich das denn? Ich habe hier ein tolles Leben, alles ist super!
Und doch ...
Maiks Bild erscheint wieder vor meinem inneren Auge. Nein, seit Maik mich gefunden hat – sogar gegen meinen und durch Lus Willen – weiß ich erst, was es bedeutet, Gefühle für jemanden ...
Ich beginne zu lachen und ernte einen verwirrten Blick von Timeon.
„Was ist los?“
„Nichts, mir ist nur grad klargeworden, dass ich weder finden noch gefunden werden will ...“ Ich lache noch immer, auch wenn es mir im Hals steckenbleiben will.
Mist, wieso tut das denn so weh? Dieses Ziehen in der Brust, seltsam!
Ich richte mich wieder auf und sehe Timeon ernst an. Er schürzt die Lippen und mustert mich abschätzend.
„Kim, du bist schon gefunden worden. Jetzt musst du dir nur drüber klarwerden, ob du nicht über deinen Schatten springen und es ihm sagen willst ... Immerhin hast du dich von ihm flachlegen lassen! Er muss dir doch was bedeuten! Und überhaupt! Hast du dir gestern Nacht Prügel bei einem Fremden abgeholt, weil Maik dir so egal ist?“
Verflucht, wieso muss er denn recht haben?!
Ich seufze tief. „Keine Ahnung, Kleiner, ehrlich. Ich kenne das alles nicht. Ich ... hab nie geplant, mich zu verlieben ...“
„Ha! Also gibst du endlich zu, dass du es bist! Wenn du mich fragst, sogar über beide Ohren! Mann, ich bin mir sicher, dass ich mich auf morgen freue. Diesen Wunderknaben will ich sehen!“
Vielleicht ist es ganz gut, dass Jeremy und ich nicht die halbe Nacht gevögelt haben ...
Irgendwann gegen ein Uhr sind wir aneinandergekuschelt eingeschlafen und es ist ein unglaublich gutes Gefühl, ihn beim Aufw achen noch so dicht an mir zu spüren.
Ich grinse ihn an, als wir gemeinsam duschen gehen. Das e rscheint mir alles so herrlich normal, so unkompliziert! Ich will einfach nicht über Kim nachdenken. Auch nicht darüber, ob es mit ihm auch so – vielleicht sogar noch dichter, besser – sein könnte.
Ein Seufzen rollt durch meine Kehle und ich frottiere mich schnell ab. Noch rasieren, anziehen ...
Jeremy und ich sitzen g emütlich beim Frühstück im Speisesaal des Hotels und albern herum.
Er ist ein wenig nervös, das wird er schnell vor so großen Turnieren. Die meisten würden ihm das nicht anmerken, aber ich kenne ihn manchmal besser als er sich selbst ... Eben ganz so, wie er mich besser kennt als ich mich selbst.
Sonst hätte er mir ja heute Nacht nicht so glasklar sagen können, dass ich mich verliebt habe.
„Ich hatte nicht damit gerechnet, dich hier zu treffen“, höre ich eine mir so altbekannte und vertraute Stimme hinter mir, dass ich meine Kaffeetasse schwungvoll zurück auf ihren Untersetzer fallen lasse. Ich fahre herum und springe gleichzeitig auf.
„Grandpa!“ Schon umarme ich den großen, breitschultrigen Mann, dem ich ganz sicher meine Statur verdanke.
„Maik, schön, dass du auch hier bist!“, sagt er und entlässt mich aus seiner Bärenumarmung, um Jeremy ebenso zu begrüßen und anschließend mit uns am Tisch Platz zu nehmen.
„Ich wusste gar nicht, dass du zum CHIO kommen würdest!“, sage ich und trinke meinen Kaffee aus.
„Aber sicher doch. Ich war gestern schon hier, aber ich hatte so viele Termine, dass ich erst heute Zeit für Jeremy habe.“ Der Vollbart meines Großvaters, der nur an den Mundwinkeln langsam heller wird, schafft es nicht, das freundliche Lächeln, das er Jeremy zuwirft, zu verdecken.
Unwillkürlich grinse auch ich. Na klar, Jeremy ist der bess ere Reiter von uns. Er kann praktisch jedes Pferd zum Sieg reiten. Ich schaffe das nur mit Möhrchen wirklich verlässlich ...
Aber das ist okay für mich, immerhin bin ich kein Profireiter, sondern Tierarzt.
Es ist schön, während der Läufe, in denen mein bester Freund antritt, nicht allein auf der Tribüne zu sitzen. Wenn Jeremy den jeweiligen Parcours abgehen darf, halte ich solange sein Pferd – heute im ersten Springen ist es Jam – und warte.
Meinen Großvater zu sehen ist toll, auch wenn ich ihn am Samstag letzter Woche noch gesehen habe.
„Wie geht es Mum und Grandma?“, erkundige ich mich, während wir auf den nächsten Durchgang warten.
„Beiden gut. Hast du dich gefreut, als Jers dir dein Möhrchen gebracht hat?“
Ich nicke. „Klar, auch wenn ich das eigentlich vermeiden wollte ... Über sie könnte man zu schnell herauskriegen, wer ich wirklich bin.“
Er lacht. „Junge, du weißt, was ich von deinem Himme lfahrtskommando halte. Dein Vater würde es nicht wollen!“
„Aber ich will es!“, erwidere ich trotzig und reize ihn damit nur zu einem weiteren Lachen. „Das ist nicht witzig, Gran dpa! Der Scheißkerl wird kriegen, was er verdient!“
„Hm, du wirst dich nicht davon abbringen lassen, das ist mir klar. Ich bin nur wirklich gespannt, ob es dir etwas nutzt.“
Keine Ahnung, woher soll ich das wissen? Vielleicht bringt es mir Genugtuung und Befriedigung. Es spielt letztlich gar keine Rolle, denn alles, was ich will, ist, dass van Keppelen mit seinen Machenschaften auffliegt und alles verliert – wie mein Vater damals.
~*~
Zwischendurch habe ich hin und wieder ein paar Minuten mit Jeremy allein, die ich wohl ebenso sehr genieße wie er. Oh ja, er ist nervös, aber schließlich schaffe ich es, ihn ein wenig zu beruhigen.
„Hör zu, Süßer, das spukt mir seit heute Nacht im Kopf herum ...“, sagt er irgendwann, während er direkt vor mir steht und mein Gesicht mit beiden Händen umfasst. Ich versinke in seinen blauen Augen und mir ist schlagartig klar, dass es um etwas sehr Ernstes gehen muss. Ich nicke angedeutet.
„Ich werde hier heute für dich gewinnen, aber du versprichst mir etwas dafür.“
Ich will protestieren, immerhin soll er doch für sich gewinnen, doch er schüttelt sofort den Kopf und setzt hinzu: „Wir wissen beide, dass dieser Sieg die Preise für Jam und die anderen Nachwuchspferde enorm steigern kann, aber das ist mir gar nicht so wichtig. Wichtig ist mir nur, dass ich für dich gewinnen kann, weil es mich beruhigt, etwas für dich zu tun ...“
Dieses kleine Geständnis lässt mich lächeln, so süß finde ich es. Ich beuge mich kurz zu ihm und küsse ihn.
„He, das betrifft den zweiten Teil unserer Abmachung.“
„Aha?“, murmele ich.
„Oh ja! Denn du wirst mir versprechen, dass du, falls ich gewinne, Kim genau die Chance gibst, die er verdient! Du wirst nach allen Regeln der Kunst versuchen, sein Herz zu gewinnen und zu behalten!“
Ich schlucke hart. Ich soll etwas tun, das mein Herz sofort mit heftigem Nicken akzeptieren, dem mein Kopf aber mit entschiedenem Widerwillen hohnlachen will!
Ist doch wahr! Er ist süß und liebenswert auf der einen und einfach nur widerlich eke lerregend auf der anderen Seite! Bei Kim Andreesen stimmt das Gesamtpaket nicht. Da beißt die Maus keinen Faden ab, und ich bin mir auch gar nicht sicher, ob meine momentane Verliebtheit dazu ausreicht, meinen Abscheu zu ignorieren!
„Ich soll ...?“
„He, Süßer, du bist so wahnsinnig in ihn verliebt, dass du gar keine andere Wahl hast ... Mach, was immer nötig ist bezüglich deiner Rache, aber verscherz es dir auf gar keinen Fall mit Kim!“
Ich brummele vor mich hin, zögernd und unsicher.
„Keine Widerrede, wenn ich gewinne, wirst du ihn verführen und aus den Klauen von Ludwig van Keppelen befreien.“
Na gut . Ich nicke.
„Aber nur, wenn du mich tröstest, falls es nicht klappt ...“
Er lacht leise und küsst mich. „Wenn es einer schafft, dann du.“
Ich nicke ergeben. „Okay, versprochen, aber dafür will ich heute bei jedem einzelnen Ritt perfekte Zeiten sehen!“
„Klar, und wenn ich Jam und Portos drübertragen muss!“
Wir lachen gemeinsam, umarmen uns und halten uns einfach fest.
„Irgendwann wirst d u deinen Traumkerl finden, Jers ... Das wird der schwärzeste Tag meines Lebens ...“, nuschele ich an seinem Hals.
„Du bist ein Spinner, Maiky. Ich weiß zu genau, dass du das nicht ernst meinst und du mir Glück wünschst, was das a ngeht ... Und dafür liebe ich dich.“
„Ja, du hast recht, ich wünsche dir tatsächlich den süße sten, besten, schlauesten und liebenswertesten Mann für dein Leben. Weil ich dich genauso liebe ...“
Wir lösen uns voneinander, als er zum Abreiteplatz muss, ich kehre zu meinem Großvater zurück auf die Tribüne und höre nur mit halbem Ohr zu, während er sich mit einem der and eren Sponsoren unterhält.
~*~
Das Mitfiebern von der Tribüne aus fällt mir nicht so schwer, wie ich befürchtet habe. Ich weiß zwar, dass mein Möhrchen hier an diesem Wochenende so einige Reiter abgehängt hätte, aber ich reite ja wirklich nur mit ihr auf diversen internationalen Turnieren. Ich stelle auch nur ausgesprochen selten neue Pferde aus dem Gestüt meines Großvaters vor, das alles habe ich – allein schon wegen meines Studiums – immer Jeremy überlassen. Er ist nun mal der Profi von uns beiden und das zu Recht!
Dementsprechend jubele ich genauso wie alle anderen, als er mit Portos über das letzte Hindernis setzt und mit einer Traumzeit durch die Lichtschranke kommt.
Mich hält nichts mehr auf meinem Sitz und ich springe die Stufen der Tribüne hinab und renne zum Stadionausgang, um ihn gleich in Empfang zu nehmen. Er gleitet aus dem Sattel, umarmt mich freudestrahlend und erinnert mich natürlich augenblicklich an das an seinen Sieg gekoppelte Versprechen.
„Herzlichen Glückwunsch!“
„Danke, Süßer. Und nun siehst du zu, dass du Kim davon überzeugst, dass es nichts Wichtigeres auf der Welt gibt als Liebe.“
Ich grinse ihn an und streichle Portos’ Hals. Irgendwie e rscheint mir das Versprechen gar nicht mehr so abwegig.
Ich meine, ich mag Kim! Ob mir das nun gefällt oder nicht, steht vollkommen außer Frage.
Vielleicht ist das auch gut so. Immerhin habe ich ihn von einer Seite kennenlernen dürfen, die niemand außer mir jemals gesehen und erlebt hat ...
Ach, Scheiße, es geht doch gar nicht um Sex! Es geht um das rückhaltlose Vertrauen, das er mir dabei entgegeng ebracht hat. Kim ... seine grauen, wunderschönen Augen, so dunkel, so voller Staunen und Hingabe.
Ich schlucke hart und kehre in die Gegenwart zurück, kaum dass mein Großvater neben uns erscheint und die Ansag estimme die Siegerehrung einleitet.
Jeremy sitzt wieder auf, reitet zum Podium, genießt das Bad in der Menge während der Ehrenrunde und erscheint wieder bei uns.
„Wir haben gleich einen Termin zum Abendessen, Maik. Willst du noch mitkommen?“
Ich denke ganz kurz darüber nach und sehe auf die Uhr. „Nein, ich muss morgen verdammt früh raus und habe he ute noch eine gute Stunde Fahrt vor mir ...“, erwidere ich auf die Frage meines Großvaters.
Er nickt und wir gehen zu dritt – ein Pfleger übernimmt Portos – los, um zu den Stallungen zu gelangen.
Natürlich schaffen wir das nicht . Ein oder zwei Fernsehteams schneiden uns den Weg ab und Jeremy bekommt Mikrofone unter die Nase gehalten, von dämlichen Fragen wie ‚Haben Sie gewusst, dass Sie heute so gut abschneiden würden, Herr Tinnard?‘ oder ‚Wo sehen Sie sich und Ihren Superhengst Portos in dieser Saison?‘ begleitet.
Ich rolle die Augen, tausche einen Blick mit meinem Großvater und versuche, mich unauffällig an den Rand zu drängen. Nicht, dass noch jemand mich erkennt und ausfragt.
Ich kann mir ja grade vieles leisten, aber ein Interview oder nur ein Foto von mir in den einschlägigen Zeitungen oder TV-Sendungen würde mein Lügenkonstrukt vollkommen zum Einsturz bringen!
Und das, obwohl ich weiß, dass Kim mit diesem ganzen Turnie rkram nichts am Hut hat.
Ich verabschiede mich eine gute halbe Stunde später mit e inem Kuss von Jeremy und einer Umarmung von meinem Großvater, dann mache ich mich auf den Weg zu meinem Motorrad und fahre in Richtung Gestüt.
Mit einem Motorradhelm auf dem Kopf denkt es sich nicht u nbedingt besser als sonst, aber die röhrende Maschine unter meinem Hintern erlaubt mir tatsächlich, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen.
Ich grinse sicherlich total dämlich vor mich hin. Liegt wohl d aran, dass ich Kim im Kopf habe.
Seine grauen Augen, sein pechschwarzes Haar ... Meine Lenden reagieren prompt und irgendwie stört es mich zum ersten Mal nicht.
Es hat etwas Befreiendes, auf die neue Art an ihn denken zu können. Denn nicht allein das Versprechen treibt mich dazu, es zu tun.
Da ist diese Erleichterung in mir, ich glaube, sie kommt d aher, dass ich mir nun endlich eingestehen kann, wie wichtig er einem Teil von mir ist.
Seltsam ... kann es sein, dass gerade Kims Ambivalenz, seine unterschiedlichen Aspekte – und vor allem seine daraus erwachsende Unvollkommenheit – mich so sehr an ihm reizen?
Ich versuche die gesamten hundert Kilometer der Strecke herauszufinden, was genau es ist, das dieses gewisse Etwas für mich darstellt. Denn er muss es doch haben, dieses Extra, das mich so fühlen lässt ...
Hm, ich will ihn plötzlich nicht mehr als den berechnenden Scheißkerl sehen, auch nicht als Beute oder Opfer, über de ssen Rücken hinweg ich mich an van Keppelen rächen will.
Nein, ich will ihn, einfach ihn.
Küssen und lieben und davon überzeugen, dass Liebe letzten Endes das ist, was zählen muss, darf und soll.
Also, ich bin grade ziemlich froh, dass ich den Helm trage, ansonsten würde jeder mein breites Grinsen sehen, vie lleicht auch das unsagbar dämliche Leuchten in meinem Augen, das mich als eine Art liebeskranken Volltrottel brandmarken dürfte ...
Egal!
Ich fabuliere noch eine Weile. Male mir aus, wie ich gleich zu ihm gehe und ihn um ein Gespräch bitte. Vor allem aber wohl um Verzeihung für meinen widerlichen Ausbruch am Badesee.
Ich muss ihm ein paar Dinge über mich sagen. Welche? Hm, das wird schwierig. Ich kann ihm ja schlecht auftischen, we shalb ich ausschließlich auf dem Gestüt bin, wieso ich mich beworben habe ... ach, verdammt, ich kann ihm ja nicht einmal sagen, dass ich nicht 21, sondern nur wenige Monate jünger bin als er!
Ich habe ich mich eine beschissene Lage manövriert und die Steine, die ich mir selbst in den Weg gelegt habe, jede einzelne Lüge, werden mich unweigerlich zu Fall bringen, wenn es d arum geht, Kims Vertrauen zu gewinnen.
Oh Scheiße, eigentlich hatte ich sein Vertrauen doch schon!
Aber ... okay, zunächst muss ich ihm auf jeden Fall erklären, dass Jeremy und ich nur Freunde sind. Nichts weiter ... also ... nicht mehr, zumindest. Dass ich am Wochenende nicht wild herumgevögelt habe, obwohl ich es wollte, um ihn aus meinem Kopf zu verbannen ...
Ja, das hört sich gut an. So sollte ich anfangen. Und dann?
Mal nachdenken ... ich könnte ihm mehr über meinen Vater erzählen, über das, was damals war ... vielleicht kriege ich das hin, ohne von meiner Rache und meinen ursprünglichen Plänen ...
Das ist es!
Ich muss Kim reinen Wein einschenken! Dass dieser Sex mit ihm, meine Behauptung, in ihn verliebt zu sein und meine Absichten ihm gegenüber nur Mittel zum Zweck waren.
Ja, prima ...
‚Hallo Kim, pass auf, am Anfang wollte ich dafür sorgen, dass du dich in mich verknallst und ich über dich an Infos über van Keppelen herankomme. Du weißt schon, ein bis schen schöne Augen machen, ein bisschen ficken, ein bisschen herumsäuseln ... Nimmst du mir doch bestimmt nicht übel, oder? Immerhin hat mein bester Freund mich am Samstag nicht flachgelegt, weil er mir stattdessen erst mal erklären musste, dass ich mich wirklich in dich verliebt habe!‘
So in etwa?
Bullshit, das geht nicht!
Wenn diese Situation nur nicht so wahnsinnig verfahren w äre!
Aber da muss ich jetzt durch. Immerhin schlägt mein Herz wir klich für ihn, da muss ich schon dazu bereit sein, mir erst mal eine richtig heftig blutende Nase einzufangen ...
Hm, schon komisch, wozu ich plötzlich bereit bin ...
Ich passiere das Eingangstor zum Gestüt und fahre die lan ggezogene Allee zum Gutshaus hinauf. Kurz bevor ich die ersten Stallungen erreicht habe, sehe ich den Wagen.
Er parkt gerade von Kims Parkplatz aus und es ist nicht sein schwarzer Sportflitzer.
Ich werde langsamer, fahre auf meinen Stellplatz und werfe einen Blick in den fremden – übrigens silbernen Wagen – an dessen Steuer ein ziemlich niedlicher Typ sitzt.
Ich steige ab und versuche, mir nichts anmerken zu lassen. Kann ja sonst wer sein, oder nicht? Nein, nur keine voreiligen Schlüsse ziehen, jetzt!
Das Auto entfernt sich erst, als ich den Helm abgenommen habe, auch wenn ich mir das vielleicht nur einbilde. Ich will auch gar nicht weiter auf den blonden Fahrer achten, sondern erst mal aus den Klamotten raus und duschen.
Ich gehe mit dem Helm in der Hand auf die Tür zur Ferie nwohnung zu und sehe erst jetzt, dass Kim mich die ganze Zeit beobachtet hat.
Ich will ihn anlächeln, aber sein Anblick macht mir das verdammt schwer. Er trägt Boxershorts, die me ine Lenden sofort anspringen lässt.
Nicht weiter.
Wie ein Schlag in den Magen kommt die Erkenntnis in meinem Kopf an, dass hier etwas ganz und gar nicht zu meinen Plänen passt.
„Hey Maik, wie war dein Wochenende?“, frage ich und hoffe inständig, dass er Lust auf ein Gespräch hat.
Ich habe ihn vermisst, so bescheuert das ja klingen mag, denn im Grunde gebe ich damit zu, dass mir die ewigen Auseinande rsetzungen mit ihm fehlen.
Er misst mich mit einem finsteren Blick von Kopf bis Fuß und zischt: „Nicht so gut wie deines. Oder sollte ich sagen: nicht so erfolgreich?!“
Er wendet sich ab und schließt die Tür auf.
„Es ist nicht so, wie du ...“, ich breche ab und merke, wie meine Schultern herabsinken. Interessiert ihn das denn? Was ist bei ihm und Jeremy schief gegangen, dass er so eine Laune hat? „Hast du dich mit deinem Freund gestritten?“
Der Blick, der mich auf diese freundliche und nun mal vollkommen ernstgemeinte Frage trifft, lässt mich sichtbar z urückschrecken und es ist mir in diesem Moment nicht einmal peinlich. Auch nicht, dass mir voll kalt wird.
Eine Antwort bleibt er schuldig, schnaubt stattdessen abfällig und ve rschwindet hinter seiner Tür.
Na bravo! Und jetzt? Ich sehe an mir herab und kapiere erschr ocken, dass ich nur Boxershorts trage.
Ich bin doch zur Tür gehastet, obwohl ich schon so gut wie u nter der Dusche gestanden habe. Und das nur, weil ich Angst hatte, dass er Timeon sehen könnte! Schon seit über einer Stunde habe ich auf das Knattern seiner Maschine gelauscht und gehofft, ihn zum Essen oder einem gemütlichen Abend einladen zu können.
Es i st noch genug da ...
Ich schließe die Tür und grüble, was passiert sein kann, dass Maik so miesgelaunt wieder aufgetaucht ist.
Ob ich schnell dusche, mir was anziehe und einfach zu ihm gehe?
Vielleicht braucht er jemanden zum Reden oder besser zum Zuhören. Ich bin zwar sicher nicht seine erste Wahl in so e inem Fall, aber anbieten kann ich es ihm doch mal. Immerhin steckt dahinter auch mein Wunsch, in seiner Nähe sein zu wollen.
Und dass er nicht die beste Meinung von mir hat, allein schon wegen meines Deals mit Lu, weiß ich nur zu genau.
Ja, eine prima Gelegenheit, ihm zu zeigen, dass es mich interessiert, wie es ihm geht.
~*~
Ich stehe in vollständiger Kleidung vor seiner Tür und erwische mich allen Ernstes dabei, zu zittern, als ich die Hand hebe, um auf die Klingel zu drücken. Bislang habe ich sie nicht benutzt. Gab ja auch kaum Anlass dazu. Letzten Montag bin ich einfach nach oben geschlichen, weil ich dachte, dass es besser sei. Aber jetzt?
Nein, ich muss die Form wahren, ihm die Möglichkeit geben, mich oder die Klingel zu ignorieren.
Ha, feige bin ich! Ich suche ja nur nach einer ersten, schnellen Ausrede, um ihn in Ruhe lassen zu können und mir möglichen Ärger zu ersparen.
Immerhin war seine Antwort grade nicht die nette ste ...
Mein Zeigefinger trifft den Klingelknopf nun wirklich und ich h öre, wie der Gong oben durch die Diele schallt.
Ich warte scheinbar minutenlang auf eine Reaktion, doch als ich mich abwenden will, höre ich polternde Schritte auf der Tre ppe, die sich mir schnell nähern.
Dann steht er vor mir und zum ersten Mal im Leben vergesse ich, was ich sagen will. Mir bleibt nichts anderes, als ihn anz usehen, seinen Blick zu suchen und zu warten.
„Was?!“, faucht er und ich bin mir sicher, dass er mein Zurüc kschrecken bemerkt. Irgendwie macht er mir Angst, auch wenn ich das nie öffentlich zugeben würde.
Mit Lus miesem Verhalten komme ich klar, ich bin daran gewöhnt, aber bei Maik ...?
Klar, er hat mir schon mal eine verpasst, aber seine verbalen Ausbrüche verletzen mich deutlich mehr, als seine Faust es kann.
Ich öffne zaghaft den Mund und muss ihn noch einmal schließen, um zu schlucken. Schließlich schaffe ich es, etwas zu sagen: „Ich wollte sehen, ob es dir besser geht.“
„Nein.“
Oh, na ja, dann kommt mein geplantes Angebot, sich mal in Ruhe auskotzen zu können vielleicht gerade recht? Versuch macht klug!
„Vielleicht magst du ... drüber reden?“, beginne ich und setze schnell, mit sich beinahe überschlagenden Worten, hinzu: „Manchmal ist es gut, sich auskotzen zu können, ich kenne das. Und weil du hier auf dem Hof doch kaum jemanden hast, dachte ich, ich biete dir das mal an. Aber wenn du es nicht willst, musst du es nur sagen! Dann lasse ich dich in Ruhe! Ehrlich!“
Ich breche ab und atme aus, wieder fallen meine Schultern nach vorn, mein Kopf und mein Blick ebenso. Ich starre auf meine Fußspitzen, als fände dort gerade etwas ähnlich Spa nnendes wie der Urknall statt.
Er schweigt, viel zu lange! Ist er überhaupt noch da oder hat er sich schon abgewandt?
Ich sehe auf, versuche, meinen Blick nicht auf diesen gnadenlos sexy Lederhosen ruhen zu lassen und schaffe es doch nicht, in sein Gesicht zu sehen. Stattdessen fixiert mein Blick das kleine Muttermal neben seiner Kehle. Es ist wirklich winzig, ich glaube, man sieht es nur, wenn man schon mal von ganz Nahem gesehen hat ...
Immerhin, er ist nicht fluchtartig nach oben verschwunden. Aber er sagt auch nichts, verflucht!
Bitte, Maik, rede mit mir! Bin ich in deinen Augen nicht einmal eine Antwort wert?
Der Gedanke tut weh, unerträglich weh. Wenn ich nur ve rstehen könnte, wieso! Aber ... das hat Timeon mir doch heute mehrfach erklärt ...
„Was ist mit deinem Auge passiert?“
Der weiche Klang seiner Stimme überrascht mich so sehr, dass ich hastig einen Schritt zurückweiche. Was soll ich jetzt sagen?
„Schlägerei gehabt“, nuschele ich.
„Eine Schlägerei? Mit wem?“
Bilde ich mir das nur ein oder klingt er jetzt wirklich b esorgt?
Ach was, ich muss aufhören mit diesem Scheiß! Vielleicht wäre es besser gewesen, mich in mein Heimkino zu verziehen, eine Schnulze einzulegen und wie ein Schlosshund zu heulen. Da kann ich das nämlich. Im wahren Leben zu heulen ist schlichtweg keine Option.
„Mit einem Typen halt ... Nicht weiter wichtig.“
Ich merke erst, wie nah er mir gekommen ist, als seine Fi nger über meine linke Augenbraue tasten, und ich wie unter einem Hieb zusammenzucke.
Mist! Seit wann bin ich denn so eine verhuschte Mimose? Ich versuche mich zu straffen, ihn anzus ehen. Sei nicht so feige, Kim!
„Wieso hat er dich geschlagen?“ Maiks Atem streift meine Haut.
„Ich habe ihn zuerst geschlagen. Aber er hat mich ausgeknockt.“ Ja, verdammt, es ist mir peinlich! „Timeon hat mich hergebracht. Alles gut, nichts weiter passiert.“
Wieso jammere ich eigentlich jetzt hier rum? Wollte ich ihm nicht die Gelegenheit bieten, sich bei mir auszuqua tschen?
„Tut mir leid, interessiert dich sicher gar nicht ... Ist auch echt unwichtig!“ Ich winke ab und trete einen weiteren Schritt zurück. „Ich wollte dir doch zuhören. Tut mir leid.“
Tja, den Schritt von ihm weg hätte ich mir sparen können . Kaum habe ich ihn gemacht, steht er wieder dicht vor mir und diesmal legen sich seine Hände auf meine Schultern. Ich schließe die Augen und gönne mir anderthalb Sekunden, um diese Nähe zu genießen.
„Natürlich interessiert es mich, wie es dir geht.“
Oh, echt?
Stirnrunzelnd sehe ich ihn an. „Wieso?“
Er seufzt und streicht noch einmal vorsichtig mit den Fingerspitzen über den kleinen Riss an meiner Braue. Es tut nicht weh, dazu ist er wirklich zu sanft. Scheiße, ich will mich an ihn schmiegen und alles vergessen. Den Frust und die Angst, die Unsicherheit und seinen Freund.
Peng.
Seinen Freund. Jeremy Tinnard, den Springreiter. Den Mann, bei dem er die letzte Nacht und das ganze Wochenende verbracht hat. In meiner Brust stochert irgendein langes, teuflisch heißes Messer herum.
„Weil niemand dir wehtun darf.“
Ich blinzle. Ganz sicher, ich habe mich verhört!
„Wie bitte?“
Statt einer Antwort neigt er sich zu mir, seine Hände legen sich um meinen Kopf und er hebt mein Gesicht zu seinem an. Was soll das denn nun werden? Will er mich etwa küssen?
Ein flaues Gefühl in meinem Magen breitet sich aus. Das ist nicht gut, gar nicht gut. Und doch ist es genau das, was ich mir wünsche!
Verdrehte Welt. Soll das etwa Liebe sein? Die Begründung für alles Schlechte, das man einem anderen Menschen nur antun kann?
Apropos antun, wenn ich diesen Kuss erlaube, dann ist das e twas, was sich einfach nicht gehört! Er hat einen Freund, ich will nicht daran schuld sein, dass ...
Seine Lippen treffen meine, bevor ich etwas sagen oder re agieren kann.
Maiks Kuss dauert nicht lange, ist federleicht und sanft, dann nimmt Maik Abstand und sieht mich ernst an, während seine Finger mein Gesicht streicheln. Ich schlucke hart. Das hier ist wie die schrecklichste Achterbahn aller Zeiten!
In mir kämpfen mein Ehrgefühl, mein Sinn für Gerechtigkeit, meine Zuneigung und meine Leidenschaft eine aussichtslose Schlacht um die Vorherrschaft.
„Du hast einen Freund, Maik. Bitte ...!“, bringe ich hervor und hasse mich im selben Moment dafür.
Was auch immer ich an Reaktion einkalkuliert haben mag, es passiert etwas ganz anderes.
Maik lächelt breiter, schüttelt leicht den Kopf und sagt: „Ich habe dich in dem Glauben gelassen, dass Jeremy mein fester Freund ist, dafür möchte ich mich entschuldigen. Er ist mein bester Freund, ja, und wir haben auch Sex, wenn wir beide solo sind, aber mehr nicht.“
Ich blinzle schockiert. Das ist ja ...!
„Letzte Nacht hatte ich jedenfalls keinen Sex mit ihm.“
Oh? Wow! Wieso, verdammt noch mal, erzählt er mir das?!
„Aber ...! Du warst eben so ... wütend!“
Yeay, mache ich ihm doch einfach noch einen Vorwurf, nachdem er mir dieses Geständnis gemacht hat! Ich will mir g edanklich auf die Schulter schlagen, bis ich im Boden versinke, doch mein Körper reagiert etwas passender als mein Kopf.
Meine Hände heben sich endlich, hängen nicht länger schlaff zu meinen Seiten herab, und ich lasse sie um seinen Körper gleiten. Meine Finger halten sich an seinem Shirt fest, als brauchten sie den Halt.
Und ja, den brauche ich auch!
„Das hatte nichts mit Jeremy zu tun.“
Aha, sondern? Nein, ich frage nicht. Das endet nur wieder in einem Streit oder so. Außerdem bleibt dann ja wohl nur ein Grund. Der, den ich befürchtet habe.
„Abgesehen von der Schlägerei hatte ich an diesem Woche nende wohl noch weniger Spaß als du ...“ Versteht er das? Muss ich deutlicher werden? „Ich meine, ich hab’s versucht! Ich wollte ein paar Typen flachlegen. Aber es ging irgendwie nicht.“
Den Grund dafür werde ich niemals verraten!
Das seltsame Gespräch hier mitten in der Einfahrt wird unterbrochen von einem Magenknurren bei Maik. Ich grinse. „Wenn du Hunger hast, es ist noch jede Menge vom Abendessen übrig.“
Er nickt. „Klingt gut, ich war zu faul, um mir was zu m achen.“
Wir lösen die Umarmung zeitgleich . Bevor ich mich umwenden kann, um vorauszugehen, ergreift er noch einmal meinen Arm und dreht mich zu sich herum.
„Kim, ich … Was ich am Badesee gesagt habe … Es stimmt nicht. Ich bereue höchstens, dass wir nicht jeden Abend miteinander verbracht haben.“
Ich starre ihn an. Einmal mehr bin ich sprachlos. Allein schon, weil ich diese Worte von ihm so gut es eben geht aus meinem Gedächtnis verbannt habe. Nun sind sie wieder da und ich zittere ganz sicher spürbar.
Er beugt sich zu mir und küsst mich , ganz kurz nur, und ich kann es nicht erwidern. Ich bin einfach zu durcheinander.
„Kannst du mir das verzeihen?“, will er wissen und ich bringe es irgendwann fertig, zu nicken. Ich mache mich von ihm los und gehe zu meiner Tür. „Ich hoffe, du magst Chinesisch?“
„Ich glaube, jetzt gerade würde ich sogar Schlangenfilet essen. Aber Chinamampf klingt tausendmal besser!“, qui ttiert er und folgt mir.
Seltsam fühlt es sich an, als er am Tisch sitzt und ich ihm einen Teller und auf seinen eigenen Wunsch hin Essstä bchen reiche. Eine Schüssel mit Quellreis und Hühnchen süß-sauer stelle ich, nachdem ich beides aufgewärmt habe, ebenfalls vor ihm ab.
„Was magst du trinken?“, erkundige ich mich und bringe ihm noch eine Cola, bevor ich mich zu ihm setze.
„Ich bin leider schon vollgefressen, deshalb musst du nun allein essen.“
Maik füllt seinen Teller und grinst mich an. „Bleibt mehr für mich!“
Er reizt mich zum Lachen. Es tut gut. Meine Angst verfliegt ein wenig, aber die große Unsicherheit bleibt.
Und das, obwohl nach und nach in meinem Kopf ankommt, dass er Single ist. Solo. Ohne feste Bi ndung!
Das müsste mich doch in wahre Jubelstürme ausbrechen lassen, aber irgendwie macht es mich nur noch unsicherer.
„Ich wollte noch einen Film gucken, wenn du magst, bist du eingeladen, mitzuschauen.“ Ja, gute Idee. Das Heimkino ist toll, bequem und erlaubt echte Filmerlebnisse.
Wer hätte das gedacht? Kim hat tatsächlich ein Heimkino! Ein ausgesprochen schönes, das muss ich zugeben.
Die Treppe zur Dachterrasse hat auf halber Strecke einen Abzweig, der direkt in ein großes, unglaublich gemütliches Zimmer führt.
Der Raum ist etwa vier mal fünf Meter groß und die Tür liegt mittig in der langen Wand. Kim geht hindurch und ich folge ihm, um mit den Knien prompt gegen etwas Schwarzes zu stoßen.
Er schließt die Tür, während ich den fensterlosen, nun durch in die Decke eingelassene Strahler beleuchteten Raum sondiere.
Das, wogegen ich gelaufen bin, ist eine gigantische Liegefläche, die einen nur einen Meter breiten Rand als Fußweg an der Türwand freilässt. Auf den ersten Blick halte ich es für ein großes Polstersofa, aber es ist eine komplette Liegefläche mit hohen Rückenlehnen an der kurzen und der gegenüberliegenden langen Wand.
Eine Menge heller Kissen lieg t verstreut an den Rückenlehnen und eine ordentlich aufgefaltete Kuscheldecke sehe ich am Rand ebenfalls.
Ich krabbele hinter Kim her auf das schwarze Polster, das sich wie eine angenehm harte Matratze anfühlt. Ich strecke mich lang darauf aus, Kim links von mir, der sich zuerst noch neben mich kniet und die Projektoranlage bedient.
Wir entscheiden uns aus seiner beachtlichen DVD-Sammlung, die in Regalen an den Wänden ein Stück oberhalb der Rückenlehnen stehen, für Fluch der Karibik und ich staune, dass Kim offenbar gewohnheitsmäßig den Originalton anschaltet.
Über den Polstern, erstaunlich weit weg von unseren ausgestreckten Beinen, ist die Leinwand befestigt.
„Das Essen war superlecker, Kim. Woher kannst du so gut k ochen?“
Er lacht und sieht mich an. Wir lehnen nebeneinander in den Kissenhaufen und es fällt mir einige rmaßen schwer, ihn nicht in meine Arme zu ziehen. Ich hab mich so scheiße benommen! Aber ich glaube, er hat mir wirklich verziehen.
„Keine Ahnung, von meiner Mutter, denke ich. Vielleicht auch ein bisschen von Theodora.“
Mir wird bewusst, wie wenig ich über ihn weiß, dass ich gern so viel mehr von ihm hören und erleben wollen würde. Vielleicht muss ich einfach nur die richtigen Fragen stellen? Vielleicht wird er sie – wie er es ja schon seit Beginn meines Aufenthalts hier tut – ehrlich beantworten.
Aber mir ist auch klar, dass eigentlich ich dran bin, was Plaud ereien und Wahrheiten angeht. Leider habe ich nur keine Idee, wie ich anfangen soll!
Immerhin ist nicht einmal mein Name echt.
Das schlechte Gewissen, das an mir nagt, rührt eindeutig von meinen Gefühlen für ihn her. Wie soll ich ...?
Mein Körper entscheidet einmal mehr über meinen Kopf hinweg, was jetzt das Beste ist, und ich lasse meinen Blick noch einmal über seinen schlanken, so perfekten Körper gle iten, bevor ich ihn an mich ziehe und einfach festhalte.
Sein erstaunter Blick sucht meinen, aber mir fehlen die Wo rte, um das hier, mein Bedürfnis an Nähe, auch nur annähernd zu erklären.
Er scheint das zu merken und legt seinen Kopf auf meiner Schulter ab. Meine Hand streichelt sacht durch sein kurzes, weiches Haar, die andere hat seine ergriffen und beinahe automatisch haben sich unsere Finger ineinander ve rschränkt. Tolles Gefühl!
Ich überlege kurz, wann ich dieses Prickeln zuletzt verspürt h abe, wie lange meine letzte echte Verliebtheit her ist, aber schließlich muss ich mir eingestehen, dass nichts aus der Vergangenheit dem hier entspricht.
Ich bin durchaus erregt, aber ich will keinen Sex. Krasse Sache, aber es reicht mir vollkommen, ihn so nah bei mir zu h aben, seine Wärme zu spüren und einfach diesen Film zu sehen.
Es dauert eine ganze Weile, bis ich merke, dass er an mich g ekuschelt eingeschlafen ist. Gegähnt hat er vorher zwar ein paarmal, aber ich habe darüber nicht weiter nachgedacht.
Jetzt betrachte ich ihn und werde das dämliche Grinsen auf meinem Gesicht nicht mehr los – bis mein Blick auf den kleinen Schnitt in seiner Augenbraue fällt. Schlagartig kocht Wut in mir hoch.
Ich würde dem Mistkerl, der ihn geschlagen hat, am liebsten das Gleiche antun, also mindestens! Wie kann es wer wagen, di esen Mann zu verletzen?
Eine durchdringende Stimme in meinem Kopf weist mich höflich, aber bestimmt darauf hin, dass ich ebendiesen schönen jungen Mann auch schon g eschlagen habe, und einmal mehr tut es mir unendlich leid, so ausgeflippt zu sein. Auch wenn ich jetzt durch Jeremys Analyse weiß, woran das lag, macht es nichts ungeschehen oder besser.
Reflexartig ziehe ich Kim dichter an mich, küsse seine ve rletzte Augenbraue und lasse meine Lippen leicht über seine Stirn gleiten.
Was hast du nur an dir, das mich so wahnsinnig anzieht, Kleiner?
Ich denke über meine Ankunft hier nach, darüber, wie eifersüchtig und verletzt ich war, als ich diesen, wie heißt er noch mal? Timeon? Na ja, diesen jungen, echt niedlichen Typen gesehen habe. Irgendwie erinnert er mich jetzt so im Nachhinein fast an eine jüngere Ausgabe von Jeremy. Zumindest haben sie fast die gleiche Haarfarbe, glaube ich.
Egal, wenn er sagt, dass er an diesem Wochenende nichts mit irgendwem hatte, dann kann ich ihm das glauben. Also wozu soll ich darüber noch nachdenken?
Ich kann nicht aufhören, ihn anzusehen und zu stre icheln. Kim murmelt leise im Schlaf und kuschelt sich dichter an, er winkelt sein oberes Bein an und legt es über meine. Verdammt, fühlt sich das gut an!
Kein Vergleich zu letzter Nacht. Und das, obwohl ich mit J eremy so wahnsinnig viel verbinde!
„Ach, Kim ... wenn das alles nur etwas einfacher wäre“, murmele ich und rutsche mit ihm im Arm etwas tiefer, um wenig später die Augen zu schließen und einfach nur an ihn zu denken.
Es ist warm und doch irgendwie kalt. Ich habe meine Decke weggestrampelt, glaube ich. Im Halbdunkel taste ich danach und wundere mich im nächsten Augenblick darüber, dass der Unte rgrund um einiges härter ist als meine Matratze.
Untergrund?
Tastend lasse ich meine Hand noch einmal wandern. Hm, das ist das Polster im Kino ... Aber wieso ...?
Auf der Leinwand wird das Hauptmenü von Fluch der Kar ibik angezeigt, daher kommt also das unwirkliche Licht im Raum.
Ich begreife erst weitere, endlose Momente später, dass ich nicht allein bin, dass meine Rückseite an jemandem lehnt.
Timeon? Nein, der ist nach Hause gefahren.
Maik! Ich drehe mich hastig um, das heißt, ich versuche es. Denn er hält mich fest und zwingt mich zu ruhigeren Bew egungen, die wohl auch besser sind, wenn ich ihn nicht wecken will.
Schließlich schaffe ich es. Seine Arme sind noch immer um mich geschlungen, aber ich kann ihn ansehen, beim Schlafen beobac hten.
Wie lange ist es her, dass ich neben jemandem aufg ewacht bin? In jemandes Armen?
Ein wehmütiges Seufzen entkommt mir, weil ich mir eing estehen muss, dass es weit mehr als acht Jahre her ist.
Und ehrlich, das ist nicht der Rede wert. Betrug und Vera rschungen, mehr war es ja im Grunde nie ...
Ich mustere Maik wieder und kann ein kleines Lächeln nicht verhindern. Er bewegt die Beine leicht, ich höre das leise Kni rschen seiner Lederhose. Ob er eine Ahnung davon hat, wie unfassbar sexy er damit aussieht? So ein bisschen verwegen und wild, irgendwie.
Meine Finger streifen sanft über sein Gesicht. Er sieht anders aus im Schlaf. Ein wenig weicher und gleichzeitig ein wenig ang espannter.
In jedem Fall deutlich erwachsener.
Ich kann nicht anders, ich recke mein Kinn ein wenig und küsse ihn. Ich will seine warmen, weichen Lippen an me inen spüren und mich einen Augenblick lang der Illusion hingeben, dass alles in Ordnung ist zwischen uns.
Aber das kann es gar nicht sein. Selbst wenn ich mir zug estehe, mit verliebt zu haben, ihn zu wollen, so richtig ernsthaft, bleibt da immer noch mein Deal mit Lu.
Ich weiß nicht, ob ich den jemals aufgeben könnte. Ich weiß auch nicht, ob ich es wollen würde. Immerhin arbeite ich seit einigen Jahren daran, das alles hier eines Tages zu überne hmen.
Seine Lippen reagieren und er zieht mich dichter an sich, als ich zurückweichen will.
„Stiehlst du dir ein paar Küsse, Kleiner?“
Wieso nennt er mich eigentlich so? Nur, weil ich ein paar Zentimeter kleiner bin als er? Egal, irgendwie klingt das nicht herabwürdigend aus seinem Mund.
„Klar, wer weiß, wann ich noch mal die Gelegenheit dazu h abe“, gebe ich zurück und beuge mich noch einmal über ihn.
Meine Zunge gleitet leicht über seine Unterlippe, trifft nur Augenblicke später auf seine und ich stöhne auf, weil er mich ei nfach auf sich zieht und den Kuss vertieft.
Verdammt, fühlt sich das gut an! So, als hätte ich die ganze Zeit darauf gewartet, ihm noch einmal so nah zu sein ...
Es führt kein Weg daran vorbei: Ich habe mich zum ersten Mal im Leben verliebt.
Und das Ziel meiner Wünsche liegt unter mir und hält mich fest, küsst mich sanft und tief zugleich.
In meiner Brust schreckt ein ganzer Schwarm wilder V ögel hoch und flattert herum, als gäbe es kein Morgen. Herrliches Gefühl!
Ob das anhalten kann? Kann Maik Fallner der Mann sein, den ich treffen musste, um herauszufi nden, dass Gefühle mehr sind als ein Trick der Natur?
Ich weiß es nicht. Vielleicht brauchte ich ihn wirklich, um das zu erkennen, aber eigentlich … brauchte ich ihn nicht.
Ich habe doch alles! Also alles, was ich bislang haben wollte. Und jetzt ... ist irgendwie alles anders.
Nein, es ist alles gut.
In genau diesem Augenblick, so nah bei ihm, versunken in einem liebevollen Kuss, ist alles richtig und gut.
„Wie spät ist es?“, fragt er, als ich den Kuss noch einmal unte rbreche, um ihn anzustarren. Ich will mir jede Regung seines Gesichts einprägen, jede Kontur, einfach alles.
„Kurz nach drei. Wir sollten sehen, dass wir ins Bett kommen“, antworte ich und lächle ihn hundertpr ozentig saublöd an. Egal, ich bin verliebt! Was schert es mich, ob das albern aussieht? Ich kann es ja doch nicht ändern und wohin es führt, wenn ich es verleugne, habe ich ja in den letzten Tagen erlebt.
„Ins Bett?“ Er grinst mich diebisch an und ich nicke, b evor ich mich von ihm runter rolle und den Projektor ausschalte. Durch eine Spezialschaltung flammen sofort die in die Decke eingelassenen Strahler wieder auf.
„Ins Bett“, bestätige ich und will über ihn hinweg zum Au sgang klettern, doch er umfasst meine Taille und zieht mich an sich, während er seinen Oberkörper aufrichtet.
Auf seinem Schoß zu sitzen ist irgendwie schön. Ich mag es.
„Bleibst du bei mir?“, frage ich leise und bin mir nicht sicher, ob er mir anhören kann, wie sehr ein ‚nein‘ mich verletzen könnte.
Er nickt, doch dann sieht er mich forschend an. „Wenn du das möchtest, ja. Ich ... will nicht noch mehr falsch machen, als ich es bisher getan habe.“
Dieser Satz lässt mich lächeln. „Was hast du denn falsch gemacht?“
Seine Miene wird ernst. „So vieles ... eigentlich alles. Bis auf zwei Sachen, vielleicht ...“
Diese kryptischen Worte erfüllen mich mit Angst, ob ich das nun will oder nicht. Was soll das heißen?
„Die zwei Dinge, von denen ich behauptet habe, sie zu bereuen.“ Er seufzt tief und zieht mich dichter an sich, so dicht, dass er seinen Kopf auf meiner Schulter ablegen kann. Sein Atem streift meinen Hals, während er weiterspricht: „Ich würde dir so gern alles erklären, aber ich kann nicht, Kim. Noch nicht. Bitte gib mir etwas Zeit, ja?“
Ich verstehe überhaupt nichts, das muss ich zugeben, aber letz tlich ... Wenn er nur Zeit braucht, die kann er gern haben!
„So viel Zeit , wie zu brauchst, mach dir keine Sorgen, ja? Ich ... sei mir nicht böse, aber ich bin hundemüde ...“
Er sieht auf und lächelt. „Meinst du das ernst? Du willst nicht jetzt gleich alles wissen?“
Das klingt echt übel und einen Augenblick lang schwanke ich. Vielleicht sollte ich es doch besser sofort erfahren?
„Ich will nichts wissen, das du nicht sagen kannst. Ich halte nichts von Zwängen und Druck.“ Damit schwinge ich mich von seinem Schoß und strecke ihm die Hand hin. Wir verlassen das Heimkino und verschwinden nacheinander im Bad, um wenig später in Shorts und T-Shirts in meinem Bett zu liegen.
Ich kuschele mich grinsend an ihn. Die Gedanken und Erinnerungen an letzten Montag kehren zurück. Daran, wie zär tlich er mich genommen hat. Daran, wie unglaublich sich dieser erste, erfüllende Passivsex angefühlt hat. Meine Lenden reagieren natürlich sofort. Ich spüre auch, dass es Maik nicht anders ergeht, und doch scheint uns beiden klar zu sein, dass wir ganz sicher keinen Sex haben werden.
„Ich mag dich“, sage ich leise und seine Reaktion ist ein fe stes Drücken. Ich glaube, er mag mich auch.
Das ist ... ein Anfang.
Ein gruseliger, Angst einflößender Anfang.
Lächelnd schließe ich die Augen und küsse ihn, bevor ich gähne und mich in seinem Arm zusammenrolle.
Ich stehe in der Box gegenüber von Möhrchens und verteile Einstreu für einen der zwei Neuzugänge des heutigen Tages.
Kim hat mich darum gebeten. Ich glaube, das hat er g etan, weil er weiß, wie sehr Möhrchen es mag, wenn ich in ihrer Nähe bin.
Immerhin habe ich sie gestern nicht mehr b esucht ...
Ich denke an die vergangene Nacht und kann mir ein kleines, hoffnungsvolles Lächeln nicht verkneifen. Auch wenn das a bsurd ist.
Jede Hoffnung wird in dem Augenblick sterben, in we lchem ich Kim sage, wer ich wirklich bin, und dass alles, wirklich alles gelogen war, was er bisher von mir weiß.
Nun ja, fast alles. Aber ich werde nicht den Fehler beg ehen, ihn emotional abhängig zu machen, indem ich ihm gestehe, wie sehr ich mich in ihn verliebt habe.
Das wäre einfach nicht fair und es würde das, was uns u nweigerlich bevorsteht, nur verschlimmern.
Davon abgesehen ist da noch van Keppelen, der eindeutige B esitzansprüche an Kim stellt. Allein der Gedanke an das, was ich in Kims Büro mitansehen musste, lässt mich die Heugabel wütend in die Stroheinstreu stoßen.
Es ist mittlerweile zehn Uhr, Sphinx darf gleich nach draußen auf die Weide, mit meiner Süßen muss ich noch traini eren. Aber erst die Boxen.
Die Neuankömmlinge heißen Don Juan und Zaphiras Dream, so viel weiß ich bereits. Wem sie gehören? Keine A hnung. Ist auch egal, denke ich.
Kim erscheint aus der Sattelkammer und lächelt zu mir he rüber, während er auf mich zukommt.
„Wenn du mit Möhrchen los willst, mache ich hier weiter“, bietet er an und ich spüre, wie die Wärme dieser Geste meine Brust e rfüllt. Kim kann echt süß sein.
Aber auch das ist keine echte Überraschung für mich. Immerhin ist er nur in einer Hinsicht wirklich vollkommen entg egen meinen persönlichen Präferenzen gelagert. In Bezug auf van Keppelen und seinen Deal mit ihm.
Ich stelle die Heugabel beiseite und trete auf die Stallgasse. Dicht vor mir bleibt er stehen und lächelt mich noch immer an.
„Ich mache das hier noch fertig, dann will ich mit ihr auf den Parcours. Magst du mitkommen?“
Bitte, sag ja! Ich habe dich so gern in meiner Nähe!
Er schüttelt bedauernd den Kopf. „Die beiden Neuen kommen doch gleich. Danach kriegt der Besitzer einen Rundgang über das Gestüt.“
„Ah, ich verstehe.“ Die andere Box ist schon eingerichtet, im Grunde kann ich jetzt weitermachen mit dem Bewegen der Tiere.
„Sag mal, wenn ihr am Wochenende keinen Spaß hattet, dann hat Jeremy derzeit einen Freund? Ich meine, du hast doch gesagt, wenn ihr solo seid ...?“
Seine Worte lassen meine Kinnlade herabfallen und ich blinzle ihn perplex an. Was soll das denn nun wieder he ißen? Steht er etwa gar nicht auf mich, sondern auf Jeremy?!
„Äh, nein, er hat keinen Freund, wieso fragst du?“ Na los, Maik, sei kein Feigling. Lieber jetzt die Wahrheit hören als sp äter!
Kim winkt ab und grinst. „Ach, ich hatte so ne Idee ... Der Kleine hat mir gestern Samstagnacht verraten, worauf er abfährt und ... Na ja, ich hätte schwören können, dass dein bester Freund quasi perfekt für ihn wäre ...“
Welcher Kleine? Das frage ich auch reichlich blöd nach.
„Timeon Wienert. Der Blondschopf, der mich aus dem Club ... äh ... gerettet hat.“
Ich kann das erleichterte Aufseufzen nicht unterdrücken und grinse breit. „Was denn, du willst Amor spielen für ihn?“
Er zuckt die Schultern und mustert mich ernst. „Weißt du, ich hatte zweimal was mit dem Kleinen, aber er ist einfach kein Typ für ... Er braucht was Festes. Und er ist irgendwie ... Na ja, er verdient jemanden, der wirklich zu ihm passt und so.“
„Und du denkst, das könnte Jers sein?“
Er zuckt die Schultern. „Keine Ahnung, ehrlich! Vielleicht irre ich mich ja auch.“ Er seufzt. „Okay, ich bin wohl wirklich der Letzte, von dem irgendwer Hilfe in Liebesdingen gebrauchen kann ...“
Oh, Kim, kein Problem! Hilf mir!
„Du bist echt süß, manchmal. Timeon sah recht jung aus, wie alt ist er?“
„ Zwanzig. Hat grade sein Abi gemacht.“
„Weißt du, Jers ist vielleicht ein bisschen alt für ihn? Der ist immerhin grade 27 geworden ...“
„Hm, keine Ahnung, spielt das Alter eine Rolle?“
Gute Frage. Tut es das für dich, süßer Kim?
„Also für mich nicht, aber der Unterschied zwischen den beiden wäre schon ein wenig groß oder?“, gebe ich zu b edenken.
„ Timeon ist eindeutig erwachsener als ich, das kann ich dir versichern.“ Er klingt ein wenig bitter jetzt. Denkt er das wirklich? Hält Kim sich für infantil?
Ich trete noch dichter an ihn heran und meine Arme umschlingen ihn. Herrje, wie sehr ich es mag, seinen schla nken Körper an mich zu ziehen, zu halten. Das ist so ein leichtmachendes Gefühl!
„Erklärst du mir mal, wieso du denkst, dass alle anderen um dich he rum eine Beziehung brauchen und davon profitieren könnten, nur du nicht?“
„Ich denke, das liegt an meiner Vergangenheit“, sagt er und seufzt erneut. Seine Augen suchen meine. „Ich erzähle es dir he ute Abend, ja?“
„Gern. Soll ich heute kochen?“ Komisch, irgendwie ist mir völlig klar, dass wir zusammen essen werden. Dabei ist das eine dreiste Selbsteinladung, oder nicht?
„Hm, ich weiß nicht, man sagt den Briten nicht die besten Kochkünste nach …!“ Er verzieht den Mund und lacht laut los, als ich ihn etwas von mir schiebe.
„Du bist ein Rabenaas, Kim!“
„Ich weiß! Und nun schwing deinen Hintern auf dein Pferd, Timeon dürfte jeden Augenblick auftauchen und ich will dir, so lange wie es geht, zusehen.“
Ich sitze auf dem Zaun des Springparcours und sehe ihm zu. Ich mag das voll gern. Seine weichen, fließenden Bewegungen. Einfach toll.
„Hey, Kim, hilfst du mir schnell mal?“
Ich wende mich um und grinse. Timeon kommt über den Weg heran und deutet zum Hof. „Donny ist heute ein wenig nervös, ich muss ihn ganz schnell ausladen.“
Ich springe vom Zaun zu ihm auf den Weg und nicke. „Klar!“
Maik ist gerade in die andere Richtung unterwegs und Timeon bleibt sprachlos stehen. „Das ist er, nicht wahr? Maik?“
Ich nicke erneut. „Ja, ist er . Du wirst ihn nachher kennenlernen. Nun komm schon!“
Er folgt mir und wir öffnen den Hänger, entfernen die Haltesta nge und führen beide Pferde auf den Hof. Lukas und Tom kommen heran, um uns zu helfen.
„Nein, die Bandagen bei Donny müssen dranble iben, bis wir im Stall sind. Der ist echt angefressen heute“, warnt Timeon und geht mit seinem Wallach voraus, auf den er kontinuierlich einquatscht.
Ich folge mit der Stute Zaphiras Dream, nachdem Tom ihr die Transportgamaschen abgenommen hat. Sie ist deutlich ruhiger als ihr Stallkumpan und folgt mir ohne nennenswerte Schwierigkeiten zum Quara ntänestall.
Als ich ihn erreiche, hat Timeon seinen Don Juan schon angebunden und nimmt nun auch ihm die Bandagen ab.
„Mann, Dicker! Du stellst dich an wie ein Sack Sülze!“, m eckert der Blondschopf und löst den Panikhaken, um den Wallach am Halfter in seine neue Box zu führen.
Zaphira schiebt sofort ihre Nase durch die Trennstäbe zu i hrem Freund und schnaubt ihn an, als ich sie in ihr neues zu Hause entlasse. Wir schließen die Boxentüren und sehen uns an.
„Der braucht jetzt Ruhe. Ich fürchte, ich brauche nachher eine halbe Stunde, bevor er sich irgendwie vernünftig an die Hilfen stellen lässt. Ehrlich, manchmal hasse ich diesen S atansbraten wirklich!“
Ich lache kopfschüttelnd. „Nun beruhig dich mal, er ist doch jetzt ganz ruhig. Und du hast nachher ja eh zwei Stunden bei mir ...“
„Ja, das wird ein Fest!“, schnaubt er und wirft Don Juan e inen weiteren strafenden Blick zu. „Den Transporter kann ich doch wie besprochen hier abstellen, oder?“
„Ja, klar. In der Remise links hinterm Gutshaus ist Platz genug. Unsere großen Transporter sind auße rdem derzeit alle unterwegs. Heute Nachmittag kommen Marvin und Clemens aus Ascot zurück, soweit ich weiß, aber das stört nicht weiter.“
„Hm, dann fahre ich das Ding gleich mal da rüber, bevor ich mir deinen Wunderknaben in Ruhe ans ehe ...“
„War ja klar, dass du deiner Neugier nicht lange nachgeben kannst. Aber es steht noch eine Führung durch alle Bereiche an.“
Er mustert mich enttäuscht. „Das heißt, ich darf nicht erst mal ankommen? Und überhaupt, reicht es nicht, wenn ich den Rundgang mit den anderen Azubis im August mache?“
Hm, eigentlich reicht das tatsächlich ...
„Na gut, dann heute nur die schnelle Einführung durch den Turnierstall und die dazugehörigen Anl agen. Du wirst also gleich wieder am Springplatz vorbeikommen ...“
„Weißt du, es ist echt schade, dass er am Wochenende nicht beim CHIO dabei war ...“
„Wer?“
„Na, Maik! Aber immerhin hat sein Teamkollege gewonnen ...!“ Timeons Blick geht in eine unbestimmbare Ferne, die mich die Lippen schürzen lässt, um nicht laut loszulachen.
„Ah, Jeremy Tinnard wäre also genau dein Fall, ja?“
Timeons Augen werden groß und er starrt mich ertappt an. „Äh, nein ... Keine Ahnung ... Na ja, du musst zugeben, dass er schon echt geil aussieht!“
Ich nicke schwach. „Er hat Möhrchen hierher g ebracht. Was ich da so von ihm gesehen habe, lässt mich dazu tendieren, dir zuzustimmen.“
Timeon deutet auf meine Augenbraue. „Sieht ja heute schon viel besser aus. Hat Maik was dazu gesagt?“
Was sag ich denn jetzt?
„Und überhaupt, wieso hast du denn da so einträchtig bei ihm auf dem Zaun gesessen, wenn du am Samstag noch einen halbwegs so aussehenden Typen vermöbeln wolltest?“
Erwischt! Der Kleine ist echt zu sehr auf Draht!
„Er hat gestern noch bei mir gegessen.“ Mehr sage ich nicht, auf keinen Fall! „Na los, wir müssen das Zubehör deiner Lieblinge noch holen.“
Als wir aus dem Tor treten und zum Anhänger sehen, entd ecken wir Tom und Lukas, die bereits alles ausgeladen haben und dabei sind, Sättel, Decken, Führstricke, Putzkasten, Zaumzeug anderes auszuladen. Ein für mich momentan undefinierbarer Sack steht am Hänger herum. Wir bringen alles in die Sattelkammer des Quarantänestalls und Timeon räumt den Sack, in dem sich Wickelbandagen, Einflechtbänder, Haargummis, Salben und ein Tiegel Huffett befinden, in ein Fach im Putzschrank.
„So, alles verstaut.“
Ich grinse, weil ich seine Worte durchaus verstehe. Er will endlich hinaus zum Springplatz.
„Dein Anhänger ...“, eri nnere ich ihn und er seufzt. „Du findest mich am Springplatz. Deinen Wagen kannst du auf einem der Parkplätze vorm Gutshaus abstellen.“
Er nickt und setzt sich hinters Steuer. Ich muss ihn nachher unbedingt noch fragen, ob es Ärger mit seiner Mu tter gegeben hat, weil er am Sonntag erst so spät nach Hause gekommen ist ...
„Die Neuen sind schon da?“, fragt Maik, als er mich wi eder am Zaun auftauchen sieht.
„Ja, Timeon bringt grade den Anhänger weg, dann will ich ihm die Außenanlagen zeigen.“
„Klingt gut. Ich reite meine Süße noch trocken, dann bringe ich sie und Sphinx auf die Weide.“
Das Mobilteil meines Bürotelefons, das ich eigentlich immer bei mir habe, wenn ich außerhalb des Büros auf dem Hof unterwegs bin, beginnt zu klingeln. Ich nehme das Gespräch an und wende mich mit einem entschuldigenden Blick ab.
„Gestüt am Feuerried, Andreesen am Apparat. Wie kann ich Ihnen helfen?“, sage ich in den Hörer und bin schon auf dem Weg zu meinem Schreibtisch.
Unterwegs lausche ich dem Anliegen des Anrufers – es ist der Besitzer eines Turnierpferdes, das bei uns in Pension steht – und nicke Timeon grüßend zu, der von der Remise zurückkehrt.
Ich lasse Möhrchen noch eine Runde im Schritt gehen, bevor ich absitze und mit ihr zum Tor des Springplatzes gehe. Ich will es gerade öffnen, als der kleine Blondschopf von gestern Abend vor mir erscheint und mir die Arbeit abnimmt.
„Hi, ich bin Timeon!“, grüßt er und ich nicke.
„Maik. Danke!“ Ich führe CD durch das Tor und warte, bis er es geschlossen hat.
„Dein Möhrchen habe ich gestern schon kennengelernt, Kim war nicht in der Verfassung, alle Pferde allein zu bewegen.“
Oh? Hat er etwa gestern für ihre Bewegung gesorgt?
Er scheint mir meine Gedanken anzusehen, jedenfalls sagt er: „Keine Sorge, ich hab sie nur longiert. Kim hat mir verboten, sie zu reiten.“
Hat er? Aber wieso? Ich habe doch Lukas darum gebeten, sich um sie zu kümmern.
„Dann ... nochmals danke.“
„Ach, nicht der Rede wert! Wann komme ich schon mal dazu, so ein Springtalent zu longieren? Sie ist echt schick und hat ein tolles Gebäude. Kein Wunder, dass sie so über die Hinde rnisse fliegt.“
Wir machen uns auf den Weg zum Stall, wo ich meine Süße a bsattle und schon mal einen oder zwei Blicke auf die beiden Neuen riskiere.
„Das sind deine? Die Stute hat eine hübsche Ble sse.“
Er lächelt stolz. „Ja, das ist Zaphiras Dream. Sie ist erst si eben. Ich will sie am Ende des Sommers auf ein paar regionalen Turnieren vorstellen. Bis dahin haben wir beide aber noch eine Menge Training vor uns.“
„Ach, das wird schon. Dressur oder Springen?“
„Beides. Mit ihr soll ich endlich vernünftig springen lernen. Ich mag Dressurreiten aber viel lieber!“
„Dann wird Kim dich trainieren, nicht wahr?“
„Ja, er ist super darin, Pferde zu versammeln. Ich werde nie ve rstehen, wieso er keine Turniere reitet.“
Ich auch nicht, aber ich kann ihn ja mal danach fragen. Das ist bestimmt interessant zu erfahren. Immerhin trainiert er Turnie rreiter.
Timeon geht in die Box des Fuchses, der ja nur Don Juan sein kann, und spricht auf ihn ein, während er ihn herausführt und zu putzen beginnt.
„Willst du ihn so kurz nach seiner Ankunft schon reiten?“, frage ich erstaunt.
Er sieht mich an. „Ja, ich habe gleich zwei Stunden bei Kim.“
„Hör zu, ich will seine Autorität sicher nicht untergraben, aber du solltest die beiden heute nicht trainieren. Don Juan sieht ve rspannt aus.“
Ich entlasse CD kurz in ihre Box und schließe sie, bevor ich neben ihn und den Wallach trete. Meine Hände gleiten über den Rücken des Tieres.
„Schau hier, er steht ziemlich verkrampft. Seine Muskeln sind steinhart und du wirst weder dir noch ihm einen Gefallen damit tun, wenn du ihn jetzt sattelst.“
Ich taste den Widerrist gründlich ab, prüfe die Wirbel und rede weiter. „Hat er beim Transport Zug luft gekriegt?“
Timeon sieht mich an und schüttelt den Kopf. „Hm, nein, die Decke lag fest auf seinem Rücken, als ich ihn rausgeholt habe ... Aber mir ist so ein Penner unheimlich dicht aufgefahren ...“
„Okay, dann solltest du ihn jetzt unterm Solarium parken, bis er schön warm ist, Decke drauf und B ewegung. Wenn das danach nicht besser wird, sollte sich ein Osteopath das ansehen. Auch wenn die Wirbelsäule sich gut anfühlt, könnte er eine Blockade im Sakralgelenk haben.“
„Sag mal, ich welchem Semester bist du noch gleich?“, fragt er und starrt mich an. „Und wo wir schon dabei sind“, setzt er hinzu und sieht sich um, als wolle er sichergehen, dass uns niemand b elauscht.
„Ja?“
„Wieso heißt du hier Maik Fallner ? Jeder, der schon mal einen Bericht über Dexter’s Breed gesehen hat, weiß, dass Celebrity Darling dem Enkel von William Dexter gehört, und der heißt nicht Fallner!“
Ich seufze. „Musste ja passieren, dass es mal einer rau skriegt ...“
„Ist Kim deshalb so sauer auf dich gewesen?“
„Sauer?“, hake ich verwirrt nach. „Wann?“
„Na , am Samstag! Er hat sich betrunken und eine Schlägerei mit einem großen, dunkelhaarigen Typen angefangen. Hat den Kerl als Arschloch beschimpft und Maik genannt.“
„Wie bitte?“
Timeon nickt heftig. „Irgendwie war er voll auf Krawall aus! Also war er nun deshalb sauer auf dich?“
Ich schüttle matt den Kopf und führe Don Juan in das Solarium. „Nein, ich denke nicht. Ich hab etwas sehr Blödes gesagt, am Freitag.“
„Tust du mir einen Gefallen?“
„Welchen?“ Es ist mehr ein Reflex, dass ich nachfrage.
„Pass gut auf ihn auf, ja?“ Timeon sieht mich so ernst und bittend an, dass ich lächeln muss. Wenn das mal so einfach wäre!
„Ja, ich werde es versuchen.“
„Gut! Und danke wegen Donny. Ich werde deinen Rat befolgen, Herr Doktor.“
Erschrocken bleibe ich stehen. „Und ich deinen. Bitte sag ihm nichts, ja? Ich will heute Abend mit ihm spr echen.“
„Ist gut. Ich kann schweigen.“
~*~
Während ich Sphinx und Möhrchen auf die Weide bringe, denke ich darüber nach, dass ich mich eben bei Don Juan fast um Kopf und Kragen geredet hätte. Ich kann doch nicht einfach so mögl iche Diagnosen stellen, wenn man mich für einen Studenten in den ersten Semestern hält!
Aber mir gefällt die Reaktion von Timeon. Er hätte mich gestern schon verpfeifen können. Bei Kim, bei allen. Aber er hat es nicht getan. Ich frage mich, was der wirkliche Grund dafür ist ...
Weiß Timeon von Kims und van Keppelens Deal? Sieht er das Ganze vielleicht ähnlich wie ich und will Kim da rausholen?
Nein, ich kann mir nicht vorstellen, dass Kim ihm was erzählt hat. Aber da ist diese andere Sache ...
Kim war sauer auf mich und hat tatsächlich versucht, sich mit einem Kerl anzulegen, der in etwa aussieht wie ich?
Das weckt erschreckend gemischte Gefühle in mir. Klar, ich weiß, dass er sich von mir angezogen fühlt, dass es ihm im Grunde nicht anders ergeht als mir. Aber wieso zum Teufel legt er sich dann in einem Club mit einem Fremden an, anstatt mit mir?
Ich beobachte die beiden Stuten noch ein paar Minuten, während sie die Koppel erkunden, als wären sie zum ersten Mal auf ihr. Mit einem Seufzen wende ich mich ab und gehe zum Stall zurück.
Als ich dort ankomme, sehe ich Kim, der mit seinen schlanken Fingern Don Juans Wirbelsäule abtastet, harte Muskeln bearbeitet und dabei kontinuierlich mit dem Wallach spricht. Timeon hält den Führstrick des Pferdes, das immer wieder nervös beiseite trippeln will.
Ich gönne mir Zeit, um diesen Anblick in mich aufzune hmen.
Kims Hände in dem fuchsroten Fell, seine behutsamen B ewegungen, die Fürsorge, die darin schlummert. Unweigerlich erwacht in mir der Wunsch nach einer Massage und ich muss mich sehr zusammenreißen, um jetzt keinen wirklich blöden Spruch loszulassen.
„Oh, hi Maik!“, sagt Timeon und lächelt.
„Hi. Bist du schon mit dem Dicken herumgegangen?“, erkund ige ich mich.
Kim sieht erst verzögert auf und lächelt. „Er wollte grad los, als ich hier ankam. Aber wenn er vom Solarium so schön warm ist, sollte man das ausnutzen, um die schlimmsten Verhärtungen ein wenig zu ma ssieren.“
Ich nicke, denn da hat er vollkommen recht. Ob Kim so e twas instinktiv macht? Immerhin ist er ein Pferdeflüsterer. Nicht so hollywoodmäßig, aber dafür ausgesprochen wirkungsvoll, wenn ich mir das so ansehe.
„Kann ich hier noch was helfen?“, erkundige ich mich.
„Nein, dass du seine Verspannung bemerkt hast, ist super.“ Kim wirft einen schnellen Blick zu Timeon und sieht mich wieder an. „Hast du dir schon überlegt, was es heute Abend zu essen geben soll?“
„Hm , ich dachte an Toad in the hole oder Lamm mit Minzsoße. Ich muss gleich noch einkaufen“, erwidere ich knochentrocken und kann sehen, wie beide zusammenzucken. Das allein ist es mir schon wert und ich lache laut los. „Es gibt Salat mit Putenbrust. Wir essen doch nachher bei Theodora, dann brauchen wir heute Abend ja nichts Gigantisches mehr, oder?“
Kim atmet erleichtert auf. „Ehrlich, wenn du mich so schockst, hab ich am Ende keinen Hunger mehr!“, mault er und grinst doch.
~*~
Der Nachmittag verläuft in recht geregelten Bahnen, obwohl mehrere große Transport-LKW auf den Hof gefahren kommen. Zwei davon halten am Stall der Renner und ich sehe, während ich auf Cato zur Außenbahn reite, wie die Galopper aus Ascot in ihre Boxen gebracht werden.
Lauter schmale, wunderschöne Tiere. Allesamt Englisch Vollblut in teilweise sehr schönen Farben. Dieser Anblick eri nnert mich an das Gestüt meines Großvaters. Natürlich züchtet er hauptsächlich Renner, keine Springpferde. Nur seinem untrüglichen Gespür ist es zu verdanken, dass Tiere wie Portos, Jam und auch Möhrchen nicht im Rennsport verheizt, sondern zu Spring- und Dressurpferden ausgebildet werden.
Und das bekanntlich mit Erfolg.
Mein Großvater hat den nächsten Transport für Jeremys Pferde schon veranlasst. Nur zum CHIO waren es zwei, bei den anderen Turnieren wird er mindestens vier dabei haben und auch zwei andere neue vorstellen. Riccarda und Solomon. Die beiden sind zu jung für den Großteil der CHIO-Springen, es lohnte sich schlichtweg nicht, sie schon mitzubringen, zumal die Stallplätze in Aachen immer sehr begrenzt sind.
Neben den zahlreichen Pferdepflegern, die um die Transpo rter herumwuseln, sehe ich auch zwei deutlich kleiner geratene Männer, die offensichtlich die Jockeys sind.
Einen Augenblick lang sehe ich meinen Vater vor mir ... Ich kenne nicht mal Fotos aus der Zeit, zu der er hier gearbeitet hat. Er ist einer der engsten Vertrauten von van Keppelen gewesen und ich denke noch immer, dass genau das der Grund für den Verrat war.
Ja, van Keppelen hat meinen Vater verraten. Wobei van Ke ppelen das sicher anders sieht. Immerhin hat mein Vater das Gestüt und den Rennstall verlassen, ist zu einem kleinen, heruntergekommenen Gestüt gewechselt und hat dort geholfen, die Geschäfte wieder in Gang zu bringen.
Ich weiß, dass Justin nie versucht hat, Geld von Ludwig zu erpressen, dass er seine Mitwisserschaft an den Rennb etrügen nie ausgenutzt hat, um seinem neuen Stall finanziell unter die Arme zu greifen.
Er hat es allein schaffen wollen, legal und sauber.
Doch legal und sauber sind schon immer zwei Worte gewesen, die nicht in van Keppelens großen Plan passten.
Ob ich Kim das heute Abend auch sage? Soll ich ihn einwe ihen in die wahren Machenschaften seines ... Mentors?
Ich schnaube leise und mache meine Trainingsstunde mit Cato. Danach sind Finchen auf dem Pa rcours und Jazira auf dem Platz dran. Es ist unsäglich heiß heute und wie jeder Reiter weiß ich, dass man trotzdem nicht auf die dumme Idee kommt, in diesen Breiten kurze Hosen zu tragen, wenn man mit Pferden zu tun hat. Es sei denn, man will abends mit Bremsenstichen oder wahlweise einem dicken Sonnenbrand bedeckt sein. Ich bin Brite, sehr hellhäutig und anfällig für Sonne. Ich bin zwar mittlerweile durchaus gebräunt, aber empfindlich bin ich trotzdem noch. Die Mittagshitze jedenfalls erspare ich meiner Haut, soweit es geht.
Und ehrlich, ich bin zu eitel für einen Sonnenbrand, deshalb trage ich auch heute ein langärmeliges, sehr weites Hemd, das luftig genug ist und dennoch rinnt mir der Schweiß in Bächen über Brust und Rücken.
Ich bin versucht, mich so wie ich bin mit Cato unterm Hintern von einem der großen Sprinkler nassregnen zu lassen, die die derzeit ungenutzten Weiden um die Reitplätze herum bewässern.
Aber das wäre zumindest für den nassgeschwitzten Wallach nicht gut. Ich bringe ihn zum Stall, versorge ihn und entlasse ihn noch für ein paar Stunden auf die Weide, bevor ich mich mit Fi nchen auf den Weg mache.
~*~
Endlich Feierabend! Auch wenn ich hin und wieder ein paar Blicke auf Kim habe werfen können, bin ich doch sehr froh, dass ich jetzt nur noch Jazira versorgen muss. Sobald sie auf der Weide ist, spritze ich noch den Außenputzplatz ab und hänge den Schlauch über ein Gatter, während er weiterhin Wasser verteilt. Ich schiebe das Stroh, herumliegendes Heu und die Dreckbrocken, die beim Hufauskratzen herabfallen, mit einem alten Besen von den Betonplatten in die flache Ablaufrinne.
Ein fröhliches Pfeifen klingt von meinen Lippen, weil ich mich einfach wahnsinnig darauf freue, den Abend mit Kim zu verbri ngen. Auch wenn ich mich ein wenig davor fürchte, ihm womöglich zu viel zu sagen, ihn zu verärgern.
Ja, verdammt, ich will eben nicht, dass er sich wieder von mir abwendet, dass wir erneut an einer Tour streiten, obwohl wir engumschlungen irgendwo zusammen sein sollten!
Ich weiß, es ist irgendwie albern. Vielleicht auch kindisch, schließlich sind wir beide erwachsen und stehen doch mi tten im Leben.
Er ist, wie ich selbst schon einige Male erlebt habe, der geb orene Vorgesetzte, ein vorbildlicher Gestütsleiter, den alle Mitarbeiter akzeptieren und respektieren. Ein guter Chef. Ernst und hilfsbereit, zu keiner Zeit hochmütig oder bösartig ...
Okay, genug geschwärmt, aber immerhin ist mir klar, dass er eben genauso erwachsen und vernunf tbegabt ist wie ich!
Etwas Nasses, erfrischend Kaltes trifft mich im Nacken und ich wirbele mit einem erschrockenen Aufschrei herum, während Kims Lachen über den Seitenhof des Turnierstalls schallt.
„Kann ich dir helfen, Maik?“, fragt er zuckersüß und ric htet den Wasserschlauch erneut auf mich.
Binnen Sekundenbruchteilen ist mein weißes Hemd durc hsichtig und klebt pitschnass an meiner Haut. Es ist erschreckend kalt, aber auch unglaublich angenehm. Und da ich nun sowieso schon nass bin, kann ich die Sache mit dem Erwachsensein auf später vertagen und mich auf ihn stürzen, um ihn zumindest ebenso zu durchnässen.
„Na warte!“, brülle ich ausgelassen und ringe mit ihm um den Schlauch, der in der Zeit auch seine Vorderseite vollko mmen durchnässt.
Ich entwinde ihm den Schlauch und lasse ihn fallen, als ich b emerke, wie das Wasser in glitzernden Perlen aus seinem schwarzen Haar in sein nasses Gesicht tropft. Sprachlos hebe ich die Hand und lasse meine Finger über seine Haut streichen, über seine Augenbraue, schaffe es nicht, den Blick von seiner gebräunten Haut zu nehmen, obwohl ich bemerke, dass er mich mit großen Augen anstarrt. Abwartend und schweigend, genauso ernst wie ich.
Scheiße, wieso kann ich ihm nicht einfach sagen, wer ich bin, ihn in einen Wagen setzen und mit mir nach England en tführen?
Tja, weil ich da noch eine Rechnung mit dem Scheißkerl offen habe, der Kim, meinen Kim!, seit so vielen Jahren mis sbraucht!
Na ja, verdrehen wir die Tatsachen nicht, Kim mis sbraucht van Keppelen ja genauso. Was das angeht, schenken die zwei sich nichts, aber das heißt noch lange nicht, dass ich das gut finden muss oder kann!
Davon abgesehen will ich mir nicht einmal vorstellen, was passiert, wenn van Keppelen aus Dubai z urückkommt!
„Du bist so schön“, murmelt jemand mit belegter Stimme und ich stelle überrascht fest, dass ich selbst es bin.
Kim lächelt und seine Hände heben sich an mein Gesicht. „Dito.“
Ich blicke in seine Augen und wir schweigen uns erneut einfach nur an. Mein Herz schlägt hart gegen mein Brustbein, die nassen Sachen auf meiner überhitzten Haut sorgen für eine Gänsehaut, in meinem Magen flattern ein paar Wimpel wild hin und her, auf denen Dinge wie ‚Kim forever‘ und ‚Go for it!‘ oder auch ‚Love is in the air‘ stehen.
Ich muss kichern und komme mir dabei nicht einmal blöd vor. Verliebtsein hat schon seine Vorteile. In Sachen Peinlic hkeit kann man sich plötzlich alles leisten, solange das Gegenüber mitmacht.
Kim streckt sich zu mir und seine nassen Lippen streifen meine, kühl und so heiß zugleich. Ich öffne meine n Mund und koste von ihm, beinahe augenblicklich erwidert und vertieft er den Kuss.
Er schmeckt gut, ebenso salzig wie ich sicherlich auch. Me ine Hände umfangen ihn, seine Arme gleiten um mich, die kühle Nässe unserer Hemden stört kein bisschen.
Aber das hier macht keinen Sinn, nicht, bevor ich ihm nicht das gesagt habe, was mir hoffentlich dabei helfen wird, mein Gewissen zu erleichtern.
Dabei will ich gerade nur eines sagen! Gottverfluchte Scheiße!
„Ich muss hier fertig werden, sonst meckert der Boss“, flüstere ich gegen seine Lippen und ernte ein kleines L achen.
„Ich leg ein gutes Wort für dich ein“, nuschelt er und küsst mich erneut.
„Machst du das für alle Typen, die sich trauen, dich zu küssen?“, necke ich ihn.
„Klar, aber sag’s nicht weiter.“
Wir sehen uns an, lachen erneut los und trennen uns endlich voneinander.
„Wenn ich mir dich so angucke, musst du dringend unter die Dusche und dann das Abendessen machen. Ich räume hier auf und sehe dich später bei mir?“
„Guter Vorschlag, Kleiner. Und danke!“ Ich küsse ihn auf die Wange und mache kehrt.
Tatsache, er ist sich für keine Arbeit zu schade. Ich bewu ndere das. Sehr sogar.
Mit einem dümmlichen Grinsen auf den Lippen gehe ich duschen und hole danach jedes bisschen salattauglichen Gemüses und das Putenfleisch aus meiner Küche. Ich we rde unten alles vorbereiten, Kim hat einfach die größere und besser ausgestattete Küche. Ich wasche gerade alles gründlich ab, als Kim hereinkommt und seine Stiefel auszieht.
Er sieht mich über die Theke hinweg an und lächelt. „Es ist irgendwie seltsam, hier reinzukommen und jemanden vorz ufinden ... Aber es gefällt mir.“
„Oh warte, du glaubst ja wohl nicht, dass ich das Hei mchen am Herd für dich spiele!“
Er lacht. „Natürlich nicht. Aber die Stelle als Butler wäre noch frei!“, schießt er zurück.
Herrlich, ich mag es, wenn er so albern wird. Überhaupt hat er einen erstklassigen Sinn für Humor – zumindest gemessen an meinem.
Ich komme aus der Dusche zurück in die Küche, als das Putenfleisch schon fröhlich in der Pfanne brutzelt. Maik zerkleinert die Salatblätter und Tomaten, als ich hinter ihn trete und meine Hände an seine Seiten lege.
Ich kann nicht einmal genau sagen, wieso ich das tue. Ebenso wenig wie ich weiß, warum ich ihn eben auf dem Hof geküsst h abe. Es erfüllt mich sogar ein wenig mit Sorge. Was, wenn jemand von den Angestellten uns gesehen hat und bei Lu plaudert?
Das wäre ganz sicher nicht gut für Maik!
Ich lege mein Kinn auf seine Schulter und sehe ihm zu, bis er den Kopf wendet und ich einmal mehr in seine hellgrünen Jadeaugen sehen kann. Meine Unsicherheit ist heute nicht so stark wie gestern.
Auch wenn ich keine Ahnung habe, wohin sie sich verzogen haben könnte, genieße ich das hier viel zu sehr , als dass ich darüber nachdenken will. Außerdem muss ich ihm noch einiges erklären, und er mir, wenn ich das heute Morgen richtig verstanden habe.
„Kann ich dir was helfen?“, erkundige ich mich und gebe ihn frei, um mir ein Küchenmesser zu schna ppen.
Wir arbeiten erstaunlich gut zusammen, nicht nur im Stall. Zwischendurch hält Maik mir ein Stück rote Paprika hin und ich esse es ihm aus der Hand, er bekommt dafür ein Stück Gurke, und wir reden, als wäre es das Normalste der Welt, hier gemeinsam in meiner Küche zu stehen.
Es erfüllt mich mit einem Gefühl, das mich überschäumen lassen will. Es steigt mir zu Kopf, ein bis schen wie Alkohol, aber es macht mich nicht müde oder duselig im Kopf. Es ist nur ... leicht und befreiend, irgendwie.
Wir essen den Salat gemütlich auf dem Riesensofa auf der Dac hterrasse. Dazu gibt es Zitronensprudel, weil Maik darauf bestanden hat. Ich habe ihm ein Radler angeboten, aber er hat mir erklärt, dass er genauso klar im Kopf sein will wie ich.
Schließlich stellen wir die Teller beiseite und er zieht mich an sich. Es fühlt sich so gut an!
„Ich muss dir ein paar Geständnisse machen, Kim.“ Damit beginnt er und ich lausche ihm aufmerksam. Wird er sagen, dass er sich in mich verliebt hat? Dass er sich genauso irre fühlt wie ich mich?
„Es gibt einen Grund für all die Lügen, der nichts mit dir zu tun hat, okay? Ich meine, ich habe auch dich damit b elogen, aber das war ... ist nicht meine Intention ...“ Er sieht mich an und etwas Unsicheres flackert in seiner gesamten Mimik. Er schluckt sichtbar. „Meine Bewerbung war schon eine einzige Lüge ...“
Okay, jetzt wird’s verrückt. Seine Bewerbung war eine Lüge? Was denn daran? Ich brauche nicht zu fragen, er seufzt leise und setzt fort: „Kim, ich bin am 29. Juli 1987 als der Sohn von Justin Fallner und Helen Dexter geboren.“
Dann ist er fast so alt wie ich! Von wegen 21! „Was?!“
Er nickt und meidet meinen Blick. Ich will von ihm abrücken, mich entfernen und ihn finster anstarren, nein, anbrüllen, aber es geht nicht.
„Du warst die ganze Zeit ehrlich zu mir, deshalb tut es mir auch so leid!“, bringt er hervor. „Ich bin fast so alt wie du und ich bin kein Student mehr, verstehst du? Ich bin fertig. Ich kann und darf praktizieren. Meine Doktorarbeit reiche ich im Dezember ein. Es ... Du denkst jetzt ganz sicher – und das zu Recht – dass ich ein verlogener Scheißkerl bin, aber ... bitte versuch, weiter zuzuhören, ja?“
Ich nicke – gegen meinen Willen. Eindeutig. Ich will nicht zustimmen und auch nicht glauben, was ich höre!
„Das ...! Wieso bist du dann hier? Wieso hast du dich beworben?!“
„Weil ich der Sohn von Justin Fallner bin, Kim. Und weil Ludwig van Keppelen vor 25 Jahren etwas getan hat, für das ich ihn zur Rechenschaft ziehen will.“
„Geht’s noch kryptischer?“, fahre ich ihn an und rücke nun doch etwas ab. „Ich meine, hallo? Was hat Lu getan, dass du di ese ... diese Märchen nötig hast?!“
Er lächelt traurig, vielleicht verzieht er auch nur den Mund, aber in seinen Augen liegt tatsächlich so etwas wie Trauer. Und Angst.
Wieder schluckt er sichtbar. Sein normalerweise kaum sichtbarer Adamsapfel bewegt sich ruckartig.
„Kim, ich kann es dir nicht sagen, noch nicht, ve rstehst du? Ich muss erst ein paar Dinge herausfinden. Deshalb bin ich hier. Ich ... mir geht es darum, dass du wissen sollst, wer ich wirklich bin. Ich habe nie offiziell den Namen meines Vaters getragen. Ich bin Maik Dexter. Meine Eltern konnten wegen der Dinge, die van Keppelen getan hat, nie wirklich zusammen sein!“
„Was? Wie hätte er das denn verhindern sollen?“ Das ist irre! Wie soll denn Lu so etwas beeinflussen können?
„Justin hat sich geweigert, Mum zu heiraten, weil er Angst hatte, dass dein Lu uns findet und den Ruf meines Großvaters ebenso in den Dreck zieht wie seinen.“ Das klingt bitter, ein wenig verächtlich. Aber auch logisch. Und wenn mir eines immer wichtig ist, dann Logik!
„Und weiter?“, hake ich nach und wende mich richtig zu ihm. Meine Hände liegen auf meinem angewi nkelten Bein und eine davon macht sich selbständig, um nach Maiks zu greifen. Ich brauche diesen Kontakt, wenn ich das hier irgendwie verstehen und überleben soll. Seine bisherigen Geständnisse und die Behauptungen über Lu ziehen mir den Boden unter den Füßen weg.
„Mein Vater hat hier noch gearbeitet, als ich bereits geboren war. Es ging damals um verdammt viel Geld, Kim. Um Milli onen, die bei Pferdewetten, wohlgemerkt, in manipulierten Rennen, verschoben wurden. Gekaufte Jockeys, gekaufte Juroren, gekaufte Veterinäre.“
Das ist ja ...! Mein Mund klappt auf und wortlos wieder zu.
„Als mein Vater diesen Rennstall verließ, sah es ein paar M onate lang so aus, als würde es gutgehen. Aber dann ...!“
Maiks Finger krampfen sich um meine Hand. Es tut weh, aber ich beiße die Zähne aufeinander.
„Was dann?“, frage ich leise. Er sieht mich an und blinzelt ein paarmal. Nimmt ihn das alles so sehr mit?
„Er hat meinen Vater zerstört, Kim.“
Oh ja, es nimmt ihn wirklich so sehr mit! Ich weiß nicht, wie ich reagieren soll. Aber irgendwie scheint es für verliebte Vol ltrottel eine Art Instinkt zu geben. Ich handle einfach, ohne nachzudenken, und setze mich rittlings auf seinen Schoß, um sein Gesicht mit beiden Händen zu umfassen und mit meinen Daumen unter seinen Augen entlangzustreichen.
„Scht, dann mag ich also nicht Maik Fallner, sondern Maik Dexter so gern, ja?“ Ich lächle ihn an und erwidere seinen Blick lange, bevor ich mich zu ihm herabbeuge und ihn küsse.
„Du ...? Kim, ich habe dich belogen, bist du nicht sauer?“
Hm, gute Frage. Ist schon ziemlich harter Tobak, was er da alles gelogen hat ...
„Nein. Ich mag es, wenn jemand ehrlich ist. Und das warst du doch jetzt.“
Sein Lächeln lässt seine Augen schmaler werden und eine einzelne Tränenspur rinnt an meinem Daumen entlang.
„Darf ich dich einfach festhalten?“, fragt er ganz leise und ich kann nur noch nicken.
„Wenn du nicht, dann niemand.“ Ich muss mich räuspern, weil meine Stimme plötzlich total belegt ist. Ich spüre, wie seine Arme mich umfangen und an ihn pressen. Er lehnt seinen Kopf an meine Schulter.
„Danke.“
Aufzuwachen, wenn Kims perfekter Körper sich so nahtlos an meinen schmiegt, ist ein wahnsinnig gutes Gefühl, beso nders nach diesem Abend.
Ich kann noch nicht ganz fassen, dass ich beinahe geheult hä tte, als ich davon gesprochen habe, wie sehr van Keppelen meinen Vater zerstört hat.
Ich küsse Kims nackte Schulter und ziehe vorsichtig meinen Arm unter ihm hervor. Einmal mehr ist er in meinen Armen eingeschlafen, hat mir seinen warmen Duft und seine Nähe geschenkt. Rückhaltlos und ve rtrauensvoll. Es führt einfach kein Weg daran vorbei, er ist genauso verliebt wie ich, und wenn ich ihn aus all dem heraushalten will, werden die kommenden Wochen und meine Nachforschungen hier zu einem Eiertanz sondergleichen.
Ich will nicht aufstehen und ihn hier allein lassen, aber ich muss herausfinden, was immer ich kann, solange ich hier bin, solange van Keppelen nicht hier ist.
Ich bleibe vor dem Bett stehen und sehe auf Kims wild abstehendes Haar, sein weiches, schmales Gesicht, den leichten Bartschatten.
Je schneller ich finde, was ich suche, desto eher kann ich hier verschwinden.
Mit Kim.
Ich will nicht ohne ihn hier abhauen, aber besteht auch nur die leiseste Chance, dass er mitkommen wollen könnte?
Ein tiefes Durchatmen, dann schaffe ich es endlich, mich umzuwenden und anzuziehen. Ich schleiche hinaus und in meine Ferienwohnung, ziehe mir dun klere Sachen an und hole meine Taschenlampe.
Letzten Freitag habe ich nur wenig herausgefunden. In van Ke ppelens Büro stehen Aktenordner, die die Rennen mit allen Starts und Läufen dokumentieren. Jedes seiner Pferde ist dort mit jedem noch so kleinen Rennen vermerkt. Ebenso finden sich dort weitere Aktenordner mit den Monatsabrechnungen des Gestüts. Bis auf jenen des laufenden Monats.
Ich verm ute ihn bei Kim im Büro, aber daraus werde ich nichts erfahren. Die anderen habe ich mir angesehen. Vorne befindet sich jeweils ein Stapel Ausdrucke, die der Steuerberater des Gestüts angefertigt hat. Dahinter Rechnungen, Lieferscheine, Warenein- und –ausgänge sowie An- und Verkäufe von Pferden.
Allerdings beides, Renndaten und Buchhaltung sordner, nur auf zwei Jahre zurück. Der Rest, also auch die Unterlagen, die ich benötigen würde, lagern offenbar in einem Archiv, das ich jedoch noch nicht gefunden habe. Ich werde wohl den Rest des Hauses danach durchsuchen müssen. Aber nicht heute Nacht.
Zuerst muss ich van Keppelens Schreibtisch gründlicher durc hsuchen. Hinter die zwei großen Bilder im Büro habe ich auch noch nicht gesehen. Vielleicht hat er ganz klassisch dort einen Tresor, an dessen Kombination ich kommen muss.
Eine fast u nlösbare Aufgabe, das muss ich schon zugeben, aber genau dafür habe ich ja ursprünglich Kim in meinen Plan eingebaut. Über sein Vertrauen hätte ich ganz sicher besseren Zugang zu allem.
Aber es steht vollkommen außer Frage, ihn in irgendeiner Form in diese Sache hineinzuziehen.
Ich schleiche durch das Erdgeschoss und halte im Dunklen inne.
Kann es wirklich sein, dass meine Zuneigung zu ihm meine Meinung so verändert hat? Will ich ihn nur deshalb schützen?
Wenn ja, bin ich oberflächlicher und vor allem egoistischer, als ich bislang für möglich gehalten hätte.
Ein wenig besch ämen mich diese Gedanken. Da mag das Ziel noch so ehrenhaft sein, mein vorab durchgeplanter Weg erscheint mir heute undenkbar und geradezu bösartig!
Die Tür des Büros schließe ich lautlos hinter mir und g ehe zum Schreibtisch. Lade für Lade öffne ich, fotografiere sie mit meinem Smartphone, räume alles aus und untersuche die Schubfächer sogar von unten. Immerhin habe auch ich in etlichen Filmen gesehen, dass Leute die Schlüssel zu wichtigen Räumen oder Fächern unter Schubladen kleben ...
Einmal mehr überfällt mich dieses Gangster-Gefühl. Ich tue e twas Verbotenes und dieses Wissen kribbelt unter meiner Haut.
Die dritte Lade links enthält stapelweise lose Blätter, die wie Durchschriften aussehen. Die Schrift darauf ist blass, im Licht meiner LED-Lampe kaum lesbar, und das Papier ist hauchdünn. Ich nehme eines der Blätter heraus und versuche es im Schein meiner Taschenlampe zu entziffern.
Es ist eine Abrechnung, eine offenbar noch nicht ordnung sgemäß abgeheftete Quittungsdurchschrift über eine enorme Geldsumme. Der Verkauf eines Renners. Das Datum zeigt den Donnerstag vor meiner Ankunft.
Wahnsinn. Ich meine, ich weiß ja durchaus, was die erfolgreichen Galopper aus dem Stall meines Großvaters bri ngen, aber das hier ist schon extrem. Ich lege das Papier beiseite und beleuchte das nächste oben liegende.
Okay, da ist die Summe nicht ganz so hoch, aber dennoch ... Wenn das alles Kaufsummenquittungen sind, frage ich mich, wieso sie hier liegen und nicht in den Aktenordnern abgeheftet sind. Das hier sind Beträge, von denen jeder einzelne ein Gestüt dieser Größenordnung auf Monate finanziell versorgen könnten!
Ich stehe auf und gehe zu dem breiten Regal mit den Monatsabrechnungen , um den Ordner vom vergangenen Monat mit mir zu nehmen und mich wieder vor die Schublade zu hocken. Auf dem Register des Ordners stehen verschiedene Teilbereiche verzeichnet.
Rennstall, Turnierstall, Besamungsstation, Landwirtschaft, A nschaffungen Großgeräte und Verkauf Pferde.
Also ganz nach hinten blättern und gegenchecken.
Es sind nur wenige Blätter unter dieser Registerkarte abgeheftet, ich zähle drei. Da sollte es doch nicht schwer sein, sie mit den Durchschriften aus der Lade zu vergleichen.
Hm, selbst wenn ich den Durchschriftstapel weiter abtrage, finde ich keine der drei abgehefteten Abrechnungen dabei wi eder.
Sind das hier also schwarze Abrechnungen? Das würde zumindest erklären, wieso es allesamt Barza hlungen sind und wieso keinerlei Briefkopf des Gestüts darauf steht. Ganz anders bei den drei Verkaufsabrechnungen im Ordner.
Da gibt es einen – übrigens sehr hübschen – Briefkopf mit einem kleinen stilisierten Bild des Gutshauses, der Adresse des Gestüts und den Angaben zu Besitzer und Gestütsleiter.
Mein LED-Lichtkegel fällt auf den zweiten Namen. K . Andreesen. Ich schlucke.
Wenn ich das hier durchziehe, bringe ich ihn um alles, was er sich hiervon verspricht.
Sein Deal mit van Keppelen wäre nichtig, weil einfach kein Erbe mehr übrigbliebe ...
Verdammt, ich darf so nicht denken!
Ich räume die Durchschriften und den Aktenordner wieder weg, durchsuche die nächste Lade, nachdem ich ein Foto von dem Papierstapel gemacht habe, und arbeite mich weiter vor, bis ich bei der rechten Seite des Schreibtisches angekommen bin.
Ich lasse mir Zeit. Morgen einmal unausgeschlafen und vollkommen übernächtigt meine Arbeit zu m achen, wird nicht das Problem sein, immerhin habe ich am Mittwoch schon wieder meinen freien Tag.
Die letzte Schublade enthält neben einem Sammelsurium an Krimskrams nichts Interessantes, aber unter ihr klebt ein Zettel. Ich muss mich auf den Rücken rollen und darunter leuc hten, um ihn sehen zu können.
Ein Zifferncode in einer schrägstehenden, geschwungenen Handschrift steht darauf und ich habe Mühe, ihn zu entzi ffern. Ich mache ein Foto davon und nehme mir vor, das Bild später am Laptop gründlicher anzusehen.
Ich bin seit Stunden hier, der Morgen wird bald grauen. Leise schließe ich die letzte Lade wieder und sehe mich noch einmal um, bevor ich den Raum ve rlasse.
Zurückschleichen, duschen und irgendwie wach bleiben, das sind meine nächsten Ziele.
Vielleicht aber sollte ich ...?
Ein breites Lächeln schleicht sich auf mein Gesicht. Ich we rde mich umziehen, alle Beweise sichern und wieder zu Kim schleichen. Seine Wohnungstür lässt sich von außen öffnen, solange er von innen nicht abgeschlossen hat, und das konnte er ja schlafend kaum. Immerhin bin ich mit ihm eingeschlafen, dann sollte ich wohl auch noch dort sein, wenn er aufwacht ...
Ich gähne und strecke mich nach dem Wecker, um ihn abzuschalten, dann drehe ich mich um und gri nse breit.
Maik ist offenbar schon wach und beobachtet mich. Fühlt sich gut an.
Er dürfte mich jederzeit beim Schlafen beobachten ...
„Guten Morgen“, murmele ich und fahre mit den Fingern durch mein Haar.
„Den wünsche ich dir auch.“ Er beugt sich zu mir und küsst mich auf diese weiche, warme Art, die mir das Gefühl gibt, auf eine ganz besondere Weise nicht allein zu sein.
Klar, ich meine, ich weiß ja, dass ich es nicht bin, immerhin habe ich Augen im Kopf! Aber es ist mehr als der optische Ei ndruck, mehr als Haut an Haut. Viel tiefer und ernsthafter.
Ich will nicht darüber nachdenken, ob das hier ein Dauerz ustand werden kann. Denn ich kenne die simple, vernichtende Antwort darauf.
Nein.
Das hier, dieses Wir mit Maik ist zeitlich begrenzt, vollkommen egal, ob ich es mir anders wünschen würde. Denn sobald Lu wieder zurückkommt, wird alles, was bis dahin geschehen ist, alles, was ich mir zusammengesponnen habe, wie ein Nebelfetzen im Sonnenlicht vergehen.
Mein Deal hat Bestand, ohne ihn bekomme ich nicht, worauf ich seit Jahren hinarbeite. Und ich will es! Das alles hier – das Gestüt am Feuerried! – gehört mir. Nichts und niemand wird mich davon abbringen können.
Ich kann das tiefe Seufzen nicht aufhalten und Maik sieht mich fragend an. Was soll ich sagen?
„Was ist das hier, Maik?“, plappere ich los und weiß doch nicht, ob ich eine Definition haben will.
„Was genau meinst du?“
„Na ja, wir verbringen viel Zeit miteinander, wir küssen uns, wir schlafen nebeneinander ein und wachen auch so auf ...“ Ich breche ab, weil er grinst und seine Finger über mein stoppeliges Kinn streichen lässt.
„Du meinst, weil wir nicht miteinander schlafen?“
Ich nicke. Genau das ist es. Wir tun irgendwie alles andere, aber diesen einen Schritt geht keiner von uns mehr. Wieso nicht?
„Vielleicht ist mir das hier zu wichtig.“
Ich lausche diesen Worten nach und lasse sie auf mich wirken. Was lösen sie aus? Freude? Angst? Unsicherheit?
„Zu wichtig, um zu vögeln?“
„Falsch“, murmelt er und beugt sich über mich, während er mein Kinn festhält und mich küsst. „Zu wichtig, um irgendetwas zu überstürzen.“
„Aber wir haben schon ...!“
„Stimmt, dennoch möchte ich ... dich einfach erst besser kennenlernen. Mehr von dir erfahren, ohne dass meine Libido mich mit Hormonen überflutet.“
Das lässt mich kichern. Immerhin schlagen meine Ho rmone die gleichen Kapriolen und sie tun das gänzlich unabhängig davon, ob wir nun Sex haben oder nicht!
„Was möchtest du wissen?“
„Alles!“, erwidert er und wir stehen endlich auf.
„Alles? Na gut, wo fange ich denn mal an?“ Ich gehe ins Bad und bei unserem gemeinsamen Kaffee erzähle ich, was ich mir überlegt habe. Maik lauscht mir j oghurtlöffend und ernst.
„Also geboren wurde ich im Februar 1987 auf einem Bauer nhof in Norddeutschland. Der Hof gehört auch heute noch meinem Opa. Meine Eltern ... Na ja, mein Vater ist tot. Meine Mutter arbeitete als Verkäuferin in einem Supermarkt und irgendwie haben eher meine Großeltern es übernommen, den lästigen Nachwuchs der Schwiegertochter zu erziehen.“
Er sieht mich betroffen an. „Dein Vater ist tot? Wie ist er gesto rben? Wie alt warst du da?“
„Nicht ganz vier. Ich kann mich kaum an ihn erinnern.“ Ich trinke von meinem Kaffee und lächle traurig. Über meinen V ater spreche ich sonst nie.
„Tut mir leid, ich ... Erzählst du weiter?“
Ich nicke. „Ich tat, was alle tun. Ging zur Schule, verbrachte meine Freizeit mit den Tieren auf dem Hof und den wenigen Freunden, die ich hatte. Alles ganz normal also.“
„Und es gab dort auf dem Hof auch Pferde?“
„Ja, eine ganze Menge, im Grunde war es ein Pensionshof für Pferde. Auf denen, die meinem Opa selbst gehörten, habe ich reiten gelernt. Opa hat mich unterrichtet und er hat mir auch die Ausbildung organisiert, als klar war, dass ich Pferdwirt werden sollte mit meinem Talent ...“
„Ja, ich habe es gestern gesehen . Du scheinst magische Hände zu haben ...“
Das lässt mich auflachen. „Magische Hände? Ich weiß nicht, ich mache das, ohne darüber nachzudenken. Es ist keine Wisse nschaft oder auch nur etwas, das ich erklären könnte. Es ist einfach da und ich vertraue darauf, dass es dem jeweiligen Tier hilft.“
„Geht das auch mit anderen Tieren? Sagen wir ... Ziegen oder Kühen?“
„Bedingt ja. Nicht so gut wie bei Pferden. Zu denen habe ich ei nfach den besseren Draht. Jedenfalls ... Ich war fast fertig mit meiner Ausbildung zum Pferdewirt Schwerpunkt Reiten, also ich Lu begegnete. Ich hab damals auf einer Rennbahn in der Nähe als Stallbursche gejobbt. Es brachte Geld und manche Besitzer waren recht großzügig, sobald sie mit ihren Pferden gewonnen hatten. Da gab’s immer gutes Trinkgeld ...“
Seine Miene verdunkelt sich ganz leicht, als ich von Lu spr eche, aber es erfüllt mich mit Wärme, die wie die Wellen auf der Oberfläche eines Sees durch meine Brust schwappt. Ist er eifersüchtig oder nur sauer?
„Na ja, und schließlich erhielt ich das Jobangebot hier. Ich ... muss das genauer erklären, aber dazu fehlt uns jetzt die Zeit.“
„Ich verstehe. Ist nicht schlimm. Ich bin mir nicht mal s icher, ob ich den Rest wirklich so genau wissen will.“
Meine Hand legt sich auf seine und ich blicke fest in seine sch önen Augen. „Wenn du mich kennenlernen willst, wirst du es dir anhören müssen, Maik. Übrigens ... Weißt du, was mich schon die ganze Zeit wundert?“
„Was denn?“
„Na, die Schreibweise deines Vornamens. Das ist doch alles, nur nicht Englisch!“
Er grinst. „Stimmt! Meine Mutter hat ihre Ausbildung in Deutschland gemacht und es gab da einen Maik, den sie auch heute noch als einen ihrer besten Freunde bezeichnet. Und weil sie die Schreibweise so schön fand, hat sie b eschlossen, mich mit a-i und nicht M-i-k-e zu schreiben.“
Er steht auf und bringt seinen leeren Joghurtbecher in den Müll, den Löffel in die Spülmaschine. „Ich fand das sehr nervig, besonders früher in der Schule, weil ich meinen Namen stä ndig buchstabieren musste.“
„Ja, kann ich mir vorstellen.“
Als ich aufstehe und ihm folgen will, kann ich einfach nicht anders, ich umfasse sein Handgelenk und halte ihn fest, um ihn noch einmal an mich zu ziehen, bevor wir stundenlang keine Gelegenheit dazu haben werden. Er lächelt und küsst mich.
Keine Ahnung, wie er das macht, aber in jedem einzelnen dieser Küsse könnte ich versinken und ihn ins Unendliche ausdehnen. Nur weil er sich so gut a nfühlt.
Ich muss nur daran denken, wie seine Oberarmmuskeln u nter seinem weiten Hemd spielen, um leise aufzuseufzen.
Wie gern würde ich ihn jetzt in mein Schlafzimmer schleppen und stundenlang meine Finger über seine Haut gleiten lassen!
~*~
Der Rest des Tages vergeht beinahe ereignislos. Ich gebe Timeon, der nachmittags erscheint, eine Stunde auf Zaphiras Dream. Don Juan habe ich morgens schon massiert und seine verspannten Muskeln lockern sich langsam aber sicher wieder.
Während ich Timeon in diversen Variationen durch die Reithalle jage, denke ich darüber nach, dass Maik so alt ist wie ich. Dass er fertiger Tierarzt ist und diesen Job hier nur angenommen hat, weil er sich an Lu rächen will.
Ich frage mich schon seit seinem Geständnis, inwiefern sich di ese Rache auf mich auswirken könnte. Was genau will Maik tun?
Besteht Gefahr für Lus Leben oder ‚nur‘ für seinen Besitz? Denn, das beträfe ja mehr oder weniger unmittelbar auch mich und me ine Zukunft!
Hm, das könnte allerdings zu einem echten Problem für mich werden ...
Ich schüttle den Gedanken ab. Er macht keinen Sinn, denn für logische Erklärungen brauche ich einfach mehr Informati onen. Vielleicht sollte ich endlich damit anfangen, den Hinweisen von Theodora, die Maik ja bestätigt hat, nachzugehen. Ich überlege, wann ich ins Archiv abtauchen könnte und erinnere mich daran, dass Maik morgen frei hat.
Er wird mir fehlen. Nicht wegen der zusätzlichen Arbeit für mich, sondern einfach, weil er nicht hier sein wird. Ve rdammt, dieses Verliebtsein hat echte Nachteile!
Gegen sechzehn Uhr verlässt Maik auf seinem Motorrad den Hof, weil er noch etwas einkaufen will , und einmal mehr bemerke ich, wie sehr mich das in Angst und Schrecken versetzt.
Auch wenn er in Lederklamotten fährt, immer einen Niere ngurt und natürlich einen Helm trägt, habe ich echt Schiss, dass ihm etwas passiert. Mir sind Motorräder sehr suspekt!
Ich mag sie zwar ansehen und finde den satten Sound klasse, aber selbst fahren? Niemals!
Als er zurückkehrt, bin ich bereits in der Küche und b ereite das Abendessen für uns. Heute gibt es Bruschetta mit Tomaten, Rucola, Zwiebeln und Basilikum. Etwas nicht zu Schweres eben, denn natürlich hat Theodora uns heute wieder gut aufgetischt.
Er geht zuerst nach oben, ich höre seine gedämpften Schri tte, dann kommt er herunter und klopft wie immer an, um zu warten, bis ich ihn hereinrufe.
„Hm, das riecht aber super!“, verkündet er und begrüßt mich mit einem Kuss.
Ich muss kichern, weil mir das Bild meiner Großeltern vor Augen erscheint. Ein uraltes Ehepaar, das sich abends nach getaner Arbeit zum Essen trifft.
„Was kicherst du denn?“, fragt er und nimmt A bstand.
„Ich weiß nicht, das hier ist ... Sag mal, haben wir heute Morgen geklärt, was wir hier haben?“
Er schmunzelt. „Einen Anfang.“
Diese Antwort verdient einen Kuss, den ich ihm auch sofort gebe. Gleichzeitig tauchen Fragen in meinem Kopf auf. Wie sollen wir das hier vor Lu geheim halten? Geht das überhaupt? In jedem Fall weiß ich jetzt schon, dass ich Maik vor Lu beschützen müssen werde.
Am Tisch sitzend verspeisen wir die gerösteten Brotsche iben mit dem fruchtig-tomatigen Belag. Maik sieht mich an und sagt: „Ich habe eine Idee.“
„Aha?“
„Ich habe doch morgen meinen freien Tag und du deinen übermorgen ...“
Ich nicke. „Ja, stimmt. Wieso?“
„Na ja, was meinst du, schaffen wir es, vormittags alles so weit fertig zu kriegen, dass wir einfach zwei halbe Tage freihaben? Also zusammen?“
„Hm, klingt machbar. Hast du was Bestimmtes vor, dass du de inen freien Tag mit mir verbringen willst?“
„Ja, habe ich, aber das verrate ich noch nicht.“
Oh, eine Überraschung also? Interessant!
„Na gut, zwei halbe freie Tage hören sich in jedem Fall gut an!“
„Was hattest du denn bisher für übermorgen geplant?“
„Ich unternehme dann eigentlich nichts Besonderes ... Im Grunde wollte ich mit Sphinx an den Badesee reiten und den ganzen Tag dort bleiben.“
„Dann nutzt du die Zeit gar nicht, um hier endlich mal rau szukommen?“
Das reizt mich zu einem kleinen Lachen. „Nein, nicht bei dem Wetter und nicht, wenn es sich verme iden lässt. Letzte Woche hatte ich außerhalb zu tun, aber normalerweise bin ich in einer kleinen, ziemlich privaten Bucht am See.“
Seine Augenbrauen heben sich. „Kleine, private Bucht?“
Ich grinse diebisch. Oh ja, sehr privat, niemand außer mir kennt den Zugang, der bis ans Ufer führt. Meine Lenden springen natürlich sofort darauf an, dass dieser Ort ausgesprochen intim und geheim ist. Was ich dort alles mit ihm anstellen könnte!
Oh ja, da fällt mir mit einem Kribbeln in den Fingern wi eder die Massage ein, die ich ihm gern verpassen würde ...
Ja, ich könnte mich daran gewöhnen, jeden Abend mit Kim zu verbringen, auch wenn ich meine eigentlich neben den Nachforschungen geplanten Fortbi ldungen für meine Seminare dadurch vernachlässige.
Es ist schlichtweg zu schön, meine Zeit mit ihm zu verbri ngen, dabei herauszufinden, wie gebildet und vielseitig interessiert er ist. Auch wenn er das Gestüt augenscheinlich kaum verlässt, beschäftigt er sich mit anderen Dingen als jenen, die in irgendeiner Art und Weise mit Pferden zu tun haben.
Ich bin gestern Abend schon um 20 Uhr eingeschlafen, zumindest erzählt mir Kim das gerade. Wir sitzen beim morgendlichen Kaffee und ich esse einen Kirschjoghurt, damit ich die Zeit bis zum Frühstück übe rstehe.
„Echt? So früh?“, hake ich erstaunt nach und lasse den noch g efüllten Löffel sinken.
Er nickt und lächelt mich auf eine verzückt wirkende Art an. „Ja, noch vor den Nachrichten. Offensichtlich hast du den Schlaf gebraucht. Vielleicht hättest du diese kuriose Idee mit den zwei halben freien T agen aufschieben sollen?“
„Nein! Alles gut“, erwidere ich. Klar, die zum Großteil durc hgemachte gestrige Nacht hat ihren Tribut gefordert, aber ich bin doch wirklich nicht in einem Alter, in dem mich so etwas aus der Bahn werfen kann! Zumal ich ja Kims Bericht zufolge alles wieder aufgeholt habe. „Ich freue mich schon auf heute Nachmittag. Was denkst du, wann können wir los?“
Auf dem Weg zum Stall sehe ich mehrfach prüfend in den Himmel. Es ist heute durchwachsener als in den letzten Tagen. Große Wolkenfelder ziehen über den Himmel. Mit etwas Glück wird es nicht so brüllend heiß werden. Es sollte aber auch nicht regnen, sonst fällt meine Überraschung für Kim ins Wa sser.
Es war gar nicht so leicht, gestern Nachmittag noch die passe nde Ausrüstung für ihn zu finden.
„Um zwölf dürften wir mit allem durch sein, wenn wir nicht al lzu sehr trödeln. Ich muss nachher noch im Büro bescheid sagen, damit alle Anrufe aufgezeichnet werden und niemand eine Vermisstenanzeige schaltet, weil ich heute weg bin.“ Er grinst mich spitzbübisch an. Schon süß, wie er manchmal diesen Schalk im Nacken sitzen hat, und trotzdem darüber seine Pflichten und die enorme Verantwortung für diesen Betrieb nicht aus den Augen verliert.
Ehrlich, ich bewundere ihn dafür. Mein Großvater kümmert sich zu Hause um alles. Ich habe damit quasi nie e twas zu tun gehabt, und nach ihm wird so oder so erst meine Mum alles übernehmen. Im Grunde hat sie das vielleicht auch schon. Sie arbeitet Hand in Hand mit meinem Großvater, während meine Großmutter eine ähnliche Stellung innehat wie Theodora hier.
Wenn ich hier erfolgreich bin, kann meine Mum meinen V ater vielleicht doch noch dazu überreden, sie zu heiraten. Sie wünscht sich das sehr.
Immerhin setzt sie sich seit Jahren über Justins Wunsch hinweg und besucht ihn regelmäßig. Ich weiß nicht genau wo, beide haben mir verboten, diesbezüglich Nachforschu ngen anzustellen, um meinen Namen auch ganz sicher aus allem herauszuhalten. De facto kenne ich nicht einmal den Namen, unter welchem er heute lebt.
Tja, das ist der wahre Grund, wieso ich meinen Vater seit fast acht Jahren nicht gesehen habe. Wir halten dennoch Ko ntakt, über Internettelefonie und Emails.
Auch das kann und werde ich Kim noch erzählen, aber ich denke, die Wahrheit in verdaubaren Häppchen zu liefern, macht es für ihn ebenso leichter wie für mich. Ich gebe diese ganzen Lügen und meine Tarnung nicht gern auf. Und aus keinem anderen Grund als dem, dass mir Kim viel zu wichtig geworden ist, mache ich es überhaupt.
~*~
Kurz nach zwölf gehen wir ins Haus, duschen – jeder in seiner Wohnung – und ich gehe danach mit den gestern organisierten Sachen nach unten zu ihm.
Er starrt mich groß an, als ich in Lederhose und Lederj acke vor ihm stehe und ihm einen Stapel ganz ähnlicher Kleidung nebst Nierengurt auf die Theke lege.
„Du wirst das hier anziehen müssen. Und dazu deine Boots. Ich packe noch was ein , dann können wir los.“
„Warte mal!“, sagt er und ich mustere ihn fragend. „Soll das he ißen ...? Ich meine ... du willst doch nicht, dass ich auf ein Motorrad steige, oder?“
Ich trete dicht zu ihm und ziehe ihn an mich. „Nicht auf e ines, sondern auf meines.“
„Aber ...!“
„Ja?“
„Hm ...“, macht er nur noch und zuckt die Schultern. Unsicherheit flackert in seinem Blick, nein, er zittert sogar. Was zum Teufel ist hier los?
„Kim, ist alles okay mit dir?“
Er blinzelt ein paarmal, dann nickt er und ich atme erleichtert auf. Es wäre einfach zu schade, wenn der Ausflug aus irgendwelchen Gründen nicht stattfinden könnte!
„Doch, schon okay“, bringt er heraus und so ganz kann ich ihm das nicht glauben. Andererseits ist er doch immer ehrlich. De shalb nicke ich schließlich zögernd.
„In Ordnung, dann ziehst du dich um und wir sehen uns gleich draußen?“
„Ja, bis gleich.“ Er greift nach den Sachen und verschwindet damit in Richtung Schlafzimmer. Ich sehe ihm lächelnd nach – klar, einen ausgedehnten Blick auf seine Heckansicht werde ich mir sicher nicht entgehen lassen!
In meiner Ferienwohnung packe ich schnell etwas Prov iant und zwei Flaschen Mineralwasser in meinen Rucksack und schnappe mir die beiden Helme. Natürlich habe ich gestern nicht nur eine lederne Jacke und Hose für ihn besorgt, sondern eben auch einen Nierengurt, Handschuhe und einen Helm.
Für den Helm musste ich den Umfang seines Reithelms ausme ssen, aber das war weniger schwierig als befürchtet.
Als ich wieder unten auf dem Parkplatz ankomme, taucht Kim gerade auf und ich kann mir einen anerkennenden Pfiff nicht ve rkneifen.
Meine Güte, diese engen Hosen stehen ihm hervorragend! Finden übrigens auch meine Lenden.
Er bleibt stehen und mustert mich misstrauisch. „Was?“
„Rattenscharf, Kleiner! Komm!“
Er lacht auf und schüttelt den Kopf. „Du bist unverbesserlich, Maik. Übrigens ... das mit dem ‚Kleiner‘ musst du mir mal erklären.“
„Mach ich, aber später. Jetzt fahren wir erst mal los. Ich bin echt froh, dass es heute nicht so heiß ist und die Sonne sich z urückhält.“
Sein Blick geht prompt zum Himmel. „Ja, sonst hätte ich dieses Zeug auch nicht angezogen.“
Ich reiche ihm den Rucksack, den er sich aufsetzt, danach Handschuhe und Helm. „Wow, der passt ja perfekt!“, befindet er, nachdem er das Visier hochgeklappt hat.
„Wie deine Reitkappe.“
„Ich verstehe!“
Nur Augenblicke später habe ich meine Moto Guzzi ausg eparkt und bin aufgestiegen. Ich wende den Kopf. „Setz dich dicht hinter mich, stell deine Füße auf die Rasten und halt dich einfach an mir fest. Ich verspreche, du wirst nichts weiter tun müssen.“
Es sieht lustig aus, wie er mit dem Helm ruckartig nickt, b evor er aufsteigt und sich an mich klammert. Ich starte den Motor und los geht die Fahrt.
Das erste Ziel unseres Ausflugs ist eine Tropfstei nhöhle, die ich heute so oder so besucht hätte. Bei den Kassen dürfen wir die Helme, Jacken, Handschuhe und den Rucksack stehenlassen, sodass wir ohne zusätzlichen Ballast bei der geführten Wanderung mitmachen können.
Ich bin mir nicht sicher, ob wir fünf oder fünfzig Schritte m achen, bevor unsere Hände sich finden und unsere Finger sich ineinander verschränken, aber es fühlt sich klasse an!
Wir tauschen einen Blick und ein Lächeln, dann folgen wir dem Führer und lauschen den teilweise witzigen, stets info rmativen und hin und wieder abstrusen Beschreibungen und Namen der einzelnen Tropfsteinformationen.
Ich weiß seit dem zweiten Satz des Führers wieder, dass Stala ktiten von der Decke herabwachsen und Stalagmiten vom Boden aus. Und morgen habe ich es ganz sicher wieder vergessen. Das sage ich auch im Flüsterton zu Kim, der mich angrinst.
„Ist ganz einfach. Auch wenn weder du noch ich damit ne nnenswerte Erfahrungen sammeln werden: Titten hängen – Stalak-Titten auch.“
Wir prusten gleichzeitig los und stören damit nicht nur die direkt vor und hinter und stehenden Besucher der Hö hle, auch der Führer wirft uns einen mahnenden Blick zu, den wir jeder mit einem entschuldigenden Lächeln quittieren.
Nach anderthalb Stunden sind wir aus der Höhle wieder heraus und das wenige, nur vereinzelt durchkommende Sonnenlicht blendet uns sehr. Bevor wir uns auf die näch ste Etappe unseres Ausflugs machen, kaufe ich drei Postkarten und adressiere sie an meine Mum, meine Großeltern und Jeremy.
Einer genialen Idee von Kim folgend, legen wir die drei Karten nebeneinander und ich schreibe in langen Zeilen quer über das feste Papier.
„Sie werden zusammen an einem Ort sein müssen, um sie lesen zu können“, verkündet Kim und sein Lachen trifft mich mitten ins Herz. Ich will dahinschmelzen und gleichzeitig über mich hinauswachsen. Dieses Gefühl kann nur er in mir wecken.
Ich drehe den Kopf und küsse seine Wange. „Hast du eine Ahnung, wie unglaublich süß du bist, Kim? Ich frage mich dauernd, wieso dir nicht zig Kerle nachrennen ...“
Er sieht mich ernst an und schweigt einige Augenblicke, in denen ich Gelegenheit habe, in seinen grauen Augen zu ve rsinken.
„Ich meide Nähe und gehe nur in die Clubs, in denen jeder weiß, dass ich nur für Spaß zu haben bin.“
Das macht mich traurig.
„Hast du ... ich meine, außer mit van Keppelen und dem einen untreuen Ex, schlechte Erfahrungen gemacht?“, frage ich leise und bemerke, dass ich mitten in einem Wort aufgehört habe zu schreiben. Egal. Kim ist viel wichtiger als eine Postkarte!
Er weicht meinem Blick aus und presst die Lippen aufeina nder. Wir sind hier draußen an der Picknickbank, die auf dem Aussichtspunkt an der Seite der Tropfsteinhöhle liegt. Die meisten anderen Führungsteilnehmer sind im Café der Höhle, um sich mit Kaffee und Kuchen vollzustopfen.
Ich ziehe ihn etwas an mich, das Leder unserer Hosen knirscht und knarrt leise. „He, Kleiner, ich passe auf dich auf, das verspr eche ich.“
Er zittert noch einmal, als meine Finger über seine Wange stre ichen.
„Ich war vierzehn und ich will das vergessen“, bringt er leise hervor und ich schlucke trocken.
„Ist okay, Kim. Du musst nichts sagen. Komm, hilf mir, die Karten vollzukriegen, ja? Du wirst so oder so mindestens auf der an Jers mit unterschreiben müssen ...“
Seine Augen werden groß. „Wieso das denn?“
„Na, weil mein bester Freund mich letzten Samstag nicht flachlegen wollte wegen dir.“
Sein verständnisloses Blinzeln wird von einem breiten Gri nsen abgelöst. „Warte mal ... du lässt dich von ihm ...? Hätte ich nicht gedacht!“
„Was?“
„Na, dass der große Maik sich von irgendwem vögeln lässt.“
Oh ja, super, sind wir jetzt wirklich durch meine Schuld wi eder beim Thema Ficken angelangt? Verdammt, das ist in dieser Lederhose echt keine Option!
„Ich habe nie behauptet, dass ich das nicht tue. Alle rdings darf das ganz sicher nicht jeder, mit dem ich Sex habe.“
„Hm, ich glaube, wir sollten das Thema wechseln . Ich fange grad an zu schwitzen ...“ Kim grinst spitzbübisch und ich atme erleichtert auf, dass er nicht mehr traurig wirkt.
Meine Fragerei darf ihn nicht weiter runterziehen. Dieser Ausflug soll ihm doch schließlich Spaß bri ngen ... und uns Zeit zu zweit ergaunern.
Vielleicht muss ich ihm doch sagen, dass ich mich verliebt h abe? Dass er mir viel wichtiger ist als alle zuvor?
„Kim, ich ... meinte das ernst eben. Ich werde auf dich aufpassen, okay?“
Er beginnt unvermittelt zu lachen und stupst mit seiner Nase gegen meine. „Das kannst du nicht, Maik. Egal wohin uns di eser ‚Anfang‘ hier führt, Lu wird mindestens einem von uns das Leben zur Hölle machen und aller Voraussicht nach nicht mir ...“
„Du meinst, er wird, sollte er herausfinden, wie gut wir uns verstehen, dafür sorgen, dass ich das Gestüt vorzeitig verla sse?“, hake ich nach.
„Das wäre wohl die harmloseste Variante.“ Er seufzt tief und seine langen Finger legen sich um mein Kinn. „Maik, wenn es schlimm werden sollte, versprichst du mir, dann abzuhauen?“
Wenn er das so sagt, macht er mir Angst. Ich umfasse ihn fester. „Ich lasse dich nicht mit dem Mistkerl allein.“
Er seufzt erneut, dann lächelt er mich wieder so strahlend an, dass ich verglühen will. „Irgendwie hab ich gehofft und befürchtet, dass du das sagen wü rdest.“
Ich küsse ihn anstelle einer Antwort, spüre nur Augenblicke später seine Zunge an meiner. Warm und süß. Er schmeckt ein wenig nach Pfefferminz, vie lleicht von dem Bonbon, das er vorhin in der Höhle gelutscht hat?
„Hm, du schmeckst so gut ...“, murmele ich, als wir uns trennen.
„Wir sollten die Karten fertig schreiben oder hast du für heute nichts anderes mehr geplant?“ Er deutet auf die ve rschoben auf dem Tisch liegenden Ansichtskarten und grinst mich wieder an. „Jeremy denkt also, dass aus uns mehr wird?“
Ich kann nur nicken und meide seinen Blick. Nein, es wäre nicht gut, ihm jetzt meine unsterbliche Liebe vorzusäuseln. Vie lleicht ist es sogar Selbstschutz.
„Ich hab ihm erzählt, dass wir ... am Montag Sex hatten und er hat daraufhin beschlossen, die ‚weitere Entwicklung‘ abzuwarten.“ Okay, nicht ganz ehrlich, obwohl Jeremy exakt diesen Wortlaut zwischenzeitlich wirklich benutzt hat, aber für mich gehört zu ‚nach allen Regeln der Kunst von der Liebe überzeugen‘ eben nicht, einfach nur feuchtwarme Liebesschwüre auszusprechen und in der Kiste zu landen.
Ich will ihn und das heißt, ich will ihn von Kopf bis Fuß und von innen wie außen. Keine Intrige mehr ihm gegenüber, kein Falschspiel und keine Gaukele ien. Ich werde ihm zeigen – nicht sagen! – was er mir bedeutet und was ihn erwartet, wenn er sich darauf einlassen kann.
Ich möchte auf gar keinen Fall, dass er sich zu irgendetwas verpflichtet fühlt oder gar aus Mitleid ... Nein! Undenkbar.
Kim ist nicht länger Beute, er ist das Ziel. Und das erreicht man nicht in einem Spiel, egal bei welchem Risiko.
Einen so misstrauischen und der Liebe abgeneigten Mann wie Kim gewinnt man über Taten.
Maiks nachdenklichen und tiefgehenden Blick auf mir ruhen zu spüren hat etwas Verrücktes an sich. Vielleicht, weil ich mir durchleuchtet vorkomme. Jetzt gerade gäbe ich so einiges, um seine Gedanken zu erfahren.
Ich lehne mich wieder neben ihn, als er den Kugelschreiber ergreift und das Wort zu Ende schreibt, welches er vorhin einfach mittendrin abgebrochen hat.
Er schreibt auf Englisch, was mich ja nicht wirklich wundern dürfte, und ich ertappe mich bei dem Gedanken, ob mein En glisch ausreichen würde, um mich im Vereinigten Königreich verständigen zu können.
Klar, ich schaue alle Filme und Serien ausschließlich im Or iginalton, aber wenn ich an meine Schulzeit zu Hause denke, war ich wohl eher eine Niete in Sachen Sprachen. Ehrlich, in der Realschule konnte man mich mit dem Englischunterricht jagen! Erst vor ungefähr sechs Jahren habe ich angefangen, mich privat damit zu beschäftigen.
„Bist du eigentlich zweisprachig aufgewachsen?“, frage ich aus meinen Gedanken heraus und er hält wieder inne.
„Hm, irgendwie schon, denke ich. Die Mutter meines Vaters war Deutsche, deshalb hat er auch hier gearbeitet. Er und meine Mutter sprechen fließend Deutsch und meine Mum hat eben drauf bestanden, dass ich auch beides lerne, damit ich die Chance bekomme, es akzentfrei zu sprechen. Ich hatte ab der Grundschule schon Deutsch im Unterricht.“
„Cool, ich wusste gar nicht, dass man an britischen Grundsch ulen Deutsch lernen kann!“
Er lächelt. „Wieso hast du gefragt?“
„Na ja, ich bewundere Menschen, die Fremdsprachen sprechen können, noch dazu, wenn sie es so gut können wie du. Einer meiner Lehrer hat immer gesagt, deutsch wäre eine der schwierigsten Sprachen, wenn man sie nicht von klein auf lernt.“
„Sprichst du englisch?“
„Äh ... ein wenig, würde ich sagen. Die Gespräche mit Züchtern und Rennställen kriege ich hin ...“
Er lächelt und dreht sich ganz zu mir. „Hast du wegen mir ne ulich den Film auf Englisch geschaut?“
„Nein, ich mache das standardmäßig. Bei Fluch der Kar ibik war das auch ne sehr gute Idee, weil Captain Sparrow in Teil vier von jemand anderem synchronisiert wurde. So etwas würde mich unendlich nerven. Dann lieber das Original ...“
„Ich verstehe. Okay, ich sollte das hier endlich fertig kriegen, damit wir noch was anderes machen können, als hier herumzusi tzen ...“
Ich sehe ihm dabei zu, wie er die Karten beschriftet und tatsäc hlich muss ich am Ende auf jeder einen Gruß hinterlassen. Da Maik sie mir in die Hand drückt, um sie auf dem Weg zum Motorrad gleich in den Briefkasten zu werfen, sieht er nicht, was ich auf Jeremys geschrieben habe.
Mal sehen, ob Maiks bester Freund ihn darauf ansprechen wird ... Ich grinse vor mich hin und spüre, wie ebendieses Grinsen auf meinem Gesicht gefriert, während ich mich der pechschwarzen Maschine nähere, an der Maik lehnt.
Selbst dass er unsagbar sexy aussieht in schwarzem Leder, macht es mir nicht leichter, noch einmal au fzusteigen. Klar, er ist vorhin wirklich super gefahren, ich kann mich gar nicht beschweren, aber es genügt einfach nicht, eine gute Fahrt auf einem Zweirad zu erleben, um zu vergessen, was vor 22 Jahren passiert ist. Ich bleibe im Abstand von etwa drei Metern stehen und mustere Mann und Motorrad kritisch.
„Was hast du?“, fragt er auch sofort und ich wundere mich nicht einmal darüber. Er ist ein verdammt guter B eobachter.
„Ich ... Weißt du, ich habe Angst vor Motorrädern ...“
Sein ganzes Gesicht spiegelt Überraschung wider. Er kommt auf mich zu und umfasst mich. „Und dann bist du vorhin ei nfach so aufgestiegen?!“
„Na ja, ich ...“ Ein Seufzen entrinnt meiner Kehle. „Mein Vater starb bei einem Motorradunfall. Ich nehme an, das verfolgt mich einfach ...“
„Wieso hast du das nicht vorher gesagt?“ Seine Worte klingen gar nicht vorwurfsvoll, nur nach Mitgefühl und So rge.
„Ich hab mich drauf gefreut, mit dir wegzufahren. Die Aussicht auf einen Ausflug hat die Angst ein wenig b etäubt ...“
„Scheiße, wie kriege ich dich denn jetzt zurück zum Gestüt?“, fragt er leise und ich reiße die Augen auf.
„Indem du genauso fährst wie vorhin ... Es ... Auf dem Hinweg hatte ich nur vorher Angst, während der Fahrt war alles okay.“
Er mustert mich kritisch. Ob er mir das glaubt?
„Ich fahre immer vorsichtig, wenn ich jemanden bei mir habe, Kim. Glaubst du, ich würde riskieren, dass dir etwas passiert?“ Seine Stimme klingt tiefer, noch ernster als sonst, seine Finger streichen über meine Wange, seine Worte über meine Seele.
Die Berührung löst die Angst ein wenig auf. Ehrlich gesagt, ärgert es mich sowieso, dass ich ausgerechnet jetzt davon abgefangen habe ...
„Tut mir leid, ich hab heute echt mieses Timing ...“
Er öffnet den Mund, schließt ihn aber wieder, ohne etwas zu sagen. Es wirkt, als habe er sich entschlossen, etwas sehr Wichtiges doch nicht auszusprechen. Das erfüllt mich mit Wehmut.
Ich strecke mich etwas und küsse ihn. „Ich vertraue dir.“
„Ich werde auf dich aufpassen, das habe ich doch verspr ochen, Kim. Du bist mir viel zu wichtig, als dass ich dich in Gefahr bringen wollen würde.“ Er sagt das so leise, als wäre es ein Geständnis, das ihn Kraft kostet. Vielleicht ist das auch so?
Ich lächle ihn an. „Ich glaube, es geht wieder. Vielleicht muss ich mich erst daran gewöhnen.“
„Woran?“
„Daran, nicht immer nur allein auf mich aufzupa ssen.“
Sein Blick wird dunkler, traurig irgendwie. „Danke, dass du es mir erlaubst!“
~*~
Erstaunlich, wie sehr er es schafft, mir die Angst zu ne hmen – und ich meine nicht nur die vor seinem eigentlich wirklich coolen Motorrad!
Wir fahren nach Maiks spontanem Entschluss nicht mehr weiter und danach erst zum Gestüt, sondern direkt zurück.
Ich kann auch nicht sagen, dass ich traurig darum bin, denn immerhin ist es früh genug, um mit meinem Geländewagen noch einmal loszufahren. Wir ziehen uns um, weil die Lederklamotten zwar sexy, aber zumindest für mich sehr ungewohnt sind.
In e inem Restaurant essen wir zu Abend, danach fahren wir an einen meiner Lieblingspunkte außerhalb des Gestüts. Um genau hierher zu fahren, habe ich darauf verzichtet, meinen Alfa zu nehmen.
Ich steige aus dem Wagen , setze mich auf die Motorhaube und lehne den Rücken an die Frontscheibe, um über den vor uns liegenden Abgrund in das Tal zu blicken. Maik kommt zögerlich zu mir und ich greife nach seiner Hand, um ihn neben mich zu ziehen.
Es gibt hier kein Geländer, ein Schritt zu weit in der Dunke lheit bedeutet einen ziemlich langen Sturz in die Tiefe.
„Ich bin gern hier. Von hier aus erscheint alles so klein und u nbedeutend.“
„Was ist das da unten? Das Gestüt?“, fragt Maik und ich n icke.
„Ja ... Weißt du, ich arbeite seit so vielen Jahren darauf hin, dass es mir gehört, aber manchmal erscheint mir das so sinnlos.“
„Sinnlos?“ Er starrt mich an, ich sehe, wie sich das Licht des Mondes in seinen Augen spiegelt. „Du lässt ihn diese Scheiße mit dir tun und nennst das sin nlos?!“
Ich seufze tief und ziehe ihn an mich. „Maik, ich spüre nichts von dem, was er tut, das habe ich dir doch schon gesagt!“
„Aber du kannst nicht selbst über einen Körper bestimmen. Das ist es, was mich daran so wütend macht. Niemand sollte so über jemand anderen bestimmen können, verstehst du? Ich möchte doch nur, dass du selbst entscheiden und herausfinden kannst, ob das böse Wort ‚Liebe‘ für dich nicht doch irgendwann eine Bedeutung bekommen kann, die deine Welt verändert – zum Positiven!“
„Für mich bedeutet Liebe das ständige Eingehen von Ko mpromissen, bei denen am Ende einer immer nachgibt und einer immer bekommt, was er will. Bei Lu kriege ich, was ich will als Ausgleich. Es ist ein Handel, den ich mir selbst eingebrockt habe.“
Ich muss es ihm erzählen.
„Ich habe das provoziert, verstehst du? Als es damals anfing, war er die Triebfeder in der Sache. Er fickte mich alle paar Wochen, wenn er auf der Rennbahn war, auf der ich gearbeitet habe.“ Ich sehe ihn an, und lehne meinen Kopf an seine Schulter.
„Und dann?“ Seine Stimme zittert und sein Griff verstärkt sich. Hat er Angst um mich oder ist er wieder wütend wegen der S ache?
„Na ja, es ging monatelang so, bis ich begriffen habe, dass er niemand anderen flachlegen wollte. Es gab einige echt niedl iche Jungs da auf der Bahn. Aber er kam immer zu mir. Und er tat es widerwillig. Er schlich um mich herum, als müsste er einen Kampf mit sich selbst ausfechten.“
Ich schnaube leise. „Das war sein Schwachpunkt und ich habe ihn erkannt und genutzt. A lso ... ich war – und bin – sein Schwachpunkt. Er ist besessen davon, mich zu besitzen. Mich haben zu können, wann immer er will. Und er will das nicht.“
Maik knurrt leise. „Und wieso tut er es dann?!“
„Weil ich die Droge bin, die er will. Ich habe ihn abhängig gemacht, ganz bewusst, Maik. Es ist nicht so sehr Lus wie meine Schuld, dass ich heute in dieser Situation bin.“
„Nimmst du das, was er mit dir tut, wirklich in Schutz?“ Seine Stimme klingt nach Schmerz.
„Das muss ich gar nicht. Er liebt und hasst mich zugleich, deshalb fickt er mich, ohne dass ihn intere ssiert, wie geil ich dabei werde – oder ob überhaupt. Um seiner Schwäche eine Stärke abzugewinnen, verlangt er von mir, dass ich winsele und um Gnade bettele. Er will Macht über mich haben und auf diese Art bekommt er beides: Befriedigung und Macht über den einzigen Menschen, der ihm seine Schwäche ständig durch bloße Anwesenheit vor Augen hält.“
Maik seufzt tief. „Wieso erzählst du mir das?“
Ich zucke die Schultern. „Vielleicht, weil ich will, dass du diesen Deal richtig verstehst. Ich kann alles von ihm erpressen, nur weil ich seine persönliche Droge bin, weil ich mich unterwürfig gebe, sobald er seinen Schwanz auspackt.“
„Du bist also ein kleiner Ganove, der die Schwäche eines anderen zu seinem persönlichen Vorteil au snutzt?“ Er lacht hart auf. „Und dafür nimmst du in Kauf, nichts zu spüren beim Sex? Die Kontrolle abzugeben? Deinen Körper für Luxus und Geld zu verkaufen?“
Seine Worte treffen mich, aber ich nicke. „ Ja, bin ich. Aber ich nehme nichts in Kauf. Seit dem ersten Mal spüre ich nichts. Welche Veranlassung hätte ich also in den ganzen Jahren gehabt, auf diesen Deal zu verzichten?“
„So bist du nicht“, sagt er fest und umklammert meine Obe rarme.
„Was lässt dich das denken?“
Er scheint darüber nachzudenken, lässt mich nicht los und starrt mich wieder an. „Ich habe dich erlebt, wie du sein kannst, wenn man zärtlich zu dir ist, wenn man dich liebt und nicht rücksichtslos durchfickt. Du bist verletzbarer, als du zugeben willst, Kim. Und das macht mir Angst.“
Ich bin sprachlos.
Drücken diese Worte mehr aus, als ich bislang vermutet habe? Ich meine, ja, klar, ich hab schon so eine Ahnung oder Hoffnung, dass ich mit meinen Gefühlen nicht ganz alleine dastehe, aber wenn er sich wirklich in mich verliebt hat, wird es richtig übel für ihn, und das wünsche ich mir ganz sicher nicht!
Die Erinnerung an jenen Sex mit ihm wirft mich zusät zlich aus der Bahn. Mir bleibt nichts, als schweigend dazusitzen und darauf zu warten, dass ich entweder daraus aufwache oder mir irgendetwas Geistreiches als Antwort einfällt.
Ich gefalle mir in der Rolle desjenigen, der die wahre Macht hat . Ich bin der, der bestimmt, wie das bei mir und Lu läuft, bis auf diese eine Sache eben.
Aber seltsamerweise will ich bei Maik anders sein. Vielleicht auch, weil mir gar keine andere Wahl bleibt.
In Maiks Nähe werde ich noch immer unsicher, ängstlich und verletzbar. Muss an der Verliebtheit liegen.
„Halt mich fest, bitte!“, würge ich hervor und mir ist erst, als er seinen Griff von meinen Oberarmen um meinen Körper he rum verlagert bewusst, dass er mich die ganze Zeit gehalten hat.
„Ich will dich niemals loslassen, Kim!“, flüstert er atemlos und eine Sekunde später küsst er mich hungrig und voller Leidenschaft.
Ich klammere mich an ihn, halte mich fest, erwidere den Kuss und lasse mich einfach in seine Umarmung fallen. Ich vertraue ihm, keine Ahnung wieso. Möglicherweise ist das auch eine Nebenwirkung der Gefühle für ihn, mir egal!
Ich werde so verdammt gut auf ihn aufpassen mü ssen!
Erst nach Mitternacht verlassen wir das Plateau und Kim fährt uns zurück zum Feuerried.
Wir haben die ganze Zeit geknutscht, uns festgehalten, nein, aneinandergeklammert. Ich bin mir jetzt sicher, auch wenn er diese Gefühle vielleicht nicht wahrhaben oder erkennen kann, er ist genauso in mich verliebt wie ich in ihn. Ohne jeden Zweifel.
Ich lehne im Beifahrersitz und beobachte ihn, seine fließe nden Bewegungen, die seine Geschmeidigkeit und Eleganz gleichermaßen verraten.
Ein Seufzen entkommt mir und er wirft mir einen schnellen Blick zu.
„Ich könnte dich von morgens bis abends anstarren, weißt du das?“ Meine Lenden verlangen, dass ich mich etwas anders hinsetze. „Würdest du ...?“
„Was?“
„Wenn du die Wahl hättest, würdest du es wagen, alles hinter dir zu lassen?“ Ich weiß gar nicht genau, woher dieser Gedanke jetzt kommt, aber ich frage mich das schon seit ein paar Tagen. Wäre ich selbst dazu bereit?
„Alles hinter mir lassen? Du meinst, mein bisheriges L eben?“
„Hm-hm.“
„Hm, keine Ahnung, eher nicht. Ich habe zu viel investiert, denke ich. Und du?“
„Weiß nicht, ich glaube, man kann das sowieso nicht . Also wirklich alles hinter sich lassen ... Die Erinnerungen werden immer bleiben.“
„Wieso klingst du jetzt so bitter? Was genau ist in deiner Vergangenheit, das du gern vergessen würdest? Also, abgesehen von der Sache mit deinem V ater, meine ich.“
Das weiß nur Jeremy und ich gehe davon aus, dass das immer so bleiben wird …
Ich schüttle den Kopf statt einer Antwort, denn egal was ich s age, es würde Mitleid erregen, das mir falsch vorkäme. „Schon gut.“
Er fährt die Einfahrt hoch und parkt ein, es ist wirklich Zeit fürs Bett, wie wir uns mit einem gleichzeitigen Gähnen mitte ilen und loslachen.
„Zu mir oder zu dir?“, frage ich und kann mein Lachen schon nicht mehr zurückhalten, bevor er mich mit großen Augen a nstarrt.
„Dein Bett ist zu schmal für uns zwei“, erwidert er dann trocken und geht los, um seine Haustür aufzuschließen.
„In jedem Bett ist genug Platz, dass zwei liegen und zwei stehen können“, verkünde ich und merke selbst, dass ich übe rtrieben albern bin. Aber hey, es gefällt mir, mal so sein zu können, und Kim scheint das ähnlich zu sehen.
Er lehnt sich in seinen offenen Türrahmen und mustert mich im Schein der Außenlampe. „Du bist ein Widerspruch auf zwei Be inen, Maik. Ich weiß nie, was als Nächstes kommt, und du schaffst es doch immer, mich mit deiner jeweiligen Laune anzustecken.“
Ich gehe zu ihm und grinse breit. „Da muss irgendwas in der C ola gewesen sein beim Abendessen. Aber ich hole jetzt gern mein Zeug für morgen und komme gleich zu dir.“ Ich küsse seine Nasenspitze und ernte einen Rempler dafür.
„Klingt nach einem Anfang“, raunt er, und bevor ich reagi eren kann, hat er mein Hemd ergriffen und mich an sich gezogen, um mich zu küssen.
„Du willst ...?“, frage ich erstaunt nach. „Kim, ich bin müde.“
Er lacht kehlig. „Na klar, spüre ich doch.“
Seine Hand gleitet ganz sicher nicht zufällig an meinen Schritt und ich zucke mit einem Stöhnen zurück. „Der ist immer wach, wenn du in der Nähe bist“, maule ich gespielt genervt und ernte ein Kichern.
„Gleiches Recht für alle“, erwidert er. „Na los, hol dein Zeug, ich warte drinnen auf dich. Möchtest du noch was trinken?“
~*~
Der Wecker dringt unbarmherzig an meine Ohren und ich spüre die ruckartigen Bewegungen von Kim in meinen A rmen, der den Störenfried ausschaltet und sich wieder zu mir dreht.
„Guten Morgen“, nuschele ich und ziehe ihn dichter an mich, um seinen warmen Duft einzuatmen.
„Guten Morgen. Wir sollten duschen und loslegen, umso schneller sind wir am Badesee.“
Guter Plan! Ich stehe auf und denke darüber nach, was mich e igentlich davon abhält, mit ihm zu schlafen. Ich schlafe neben ihm, halte ihn fest, spüre dabei doch jede Nacht sehr deutlich und nur durch dünnen Stoff verhüllt, wie sehr wir es beide wollen. Also, rein körperlich.
Aber das war von Anfang an so und ich will einfach ... keine Ahnung, nichts überstürzen?
Dabei habe ich seit heute Morgen ziemlich klare Vorstellu ngen davon, wie es sein wird, mit ihm in dieser lauschigen und geheimen Bucht am See zu sein.
Sonne, Kim und Baden, das klingt doch nach einer perfekten Kombination!
Wir erledigen die Stallarbeit so schnell es geht, zwische ndurch geht Kim ins Büro, um die angefallenen Arbeiten aufzuholen. Das meiste macht ja das Büro in der Besamungsstation, aber ein paar Dinge sind eben doch immer Chefsache.
Ich bin mit Finchen auf dem Springplatz und denke einmal mehr über ihn nach.
Dass ich dabei jedes Mal ins Schwärmen gerate, schiebe ich einfach auf meine Gefühle für ihn, aber ich versuche doch auch, etwas Objektivität beizubehalten.
Geht das mit rosaroter Brille überhaupt?
Ich bin mir sicher, wenn ich ihn in den letzten Tagen nicht so viel besser kennengelernt hätte, wäre ich gestern nicht auf die Idee gekommen, ihm zu sagen, dass er ganz anders ist, als er sich selbst sieht.
Einen Moment lang war ich sogar versucht, ihm doch meine Liebe zu gestehen, einfach als Argument für meine Behau ptungen. Dennoch habe ich es mir verkniffen.
Taten. Ich brauche T aten.
Davon abgesehen wundert mich noch immer, dass ich seine wirklich grenzwertige Beziehung zu van Keppelen und die Wahrheit dahinter so wegstecken konnte. Ich suche noch nach einer Begründung für sein Verhalten, immerhin steckt da eine Menge eiska lter Berechnung hinter, wenn er van Keppelen wirklich so in diese Abhängigkeit getrieben hat. Das hat schon was Böses an sich.
Nun ja, vielleicht kann er mir das heute Nachmittag am B adesee zwischen heißen Küssen, Schwimmen und Sonnenbaden erklären?
~*~
Möhrchen und Sphinx stehen auf einer kleinen, schattigen Koppel am See und wir liegen auf einer großen Decke im Gras am Ufer. Keine Ahnung, wie Kim diesen Rückzugsort gefunden hat, aber er ist perfekt.
Überall am Ufer des Sees stehen Weiden mit weit hinabhängenden Zweigen, die das dahinterliegende Land verd ecken. So auch in dieser kleinen Bucht. Eine Weide verdeckt mit ihren tiefhängenden Ästen, die sogar ins Wasser eintauchen, den Zugang zum See und wir brauchen aus der Bucht nicht heraus, um schwimmen zu können. Die Lichtung, auf der die Decke und wir gerade herumliegen, ist halbschattig, je nach Stand der Sonne, so dass ich wenigstens nicht Gefahr laufe, mir doch noch einen Sonnenbrand zu holen. Obwohl das kaum passieren kann, weil Kim mich höchst fürsorglich mit meinem Sonnenschutzspray einsprüht und sich viel Zeit beim Verteilen nimmt.
Sphinx und Möhrchen sind ab gesattelt und abgezäumt. Wir haben Longen mitgenommen, an zwei kleineren Bäumen angebunden und lassen die zwei ein wenig herumlaufen. Sie erreichen im Radius der Longen den saftig-grün mit Gras bedeckten Waldrand, ohne gesehen zu werden. Der geheime Platz hier hätte schließlich wenig Sinn, wenn man unsere Pferde auf einer nahegelegenen Weide sehen könnte. Außerdem hat Kim hier eine Balltränke herumstehen, die er irgendwann mal hergebracht hat, und die wir mit frischem Wasser aus dem See nachfüllen können.
Kim liegt neben mir und hat den Kopf auf den angewinkelten Arm gestützt. Er beobachtet mich , und das, obwohl sein E-Book-Reader zwischen uns liegt.
„Was geht dir grade durch den Kopf?“, frage ich eher im R eflex, als ich seinen Blick richtig bemerke und mich zu ihm drehe, um seine Körperhaltung zu spiegeln.
Er lächelt. „Ich sehe dich einfach gern an.“ Kim streckt seinen Arm aus und fährt mit zwei Fingern über meinen ang espannten Oberarm. „Allerdings ... immer wenn ich diese Muskeln sehe, will ich dich viel lieber anfassen als anstarren ...“
Ich grinse. „Du stehst auf meine Muskeln?“
Dabei bin ich ganz s icher weit davon entfernt, als Bodybuilder durchzugehen. Meine Muskeln verdanke ich ausschließlich der Stallarbeit und dem Reiten. Dass sie nicht so flach und sehnig wie Kims Muskeln wirken, liegt wohl nur daran, dass ich andere Gene habe als Kim.
Er nickt. „Auf diese hier ... Aber nur bei dir. Normalerweise hab ich eher ... schmalere Typen gehabt, aber das war ja auch ...“ Er bricht ab und ich könnte losschreien, weil ich wirklich gern gehört hätte, was genau der Unterschied zu heute und mir ist.
„Das war was?“, hake ich deshalb nach und merke, wie au fgeregt ich klinge. Peinlich! Nein, eigentlich ist es das gar nicht. Kim gegenüber zumindest nicht.
„Na ja, anonymer Spaß eben. Nichts Ernstes.“ Er sieht auf se inen E-Reader, aber der hat sich längst abgeschaltet.
Und ich bin was Ernstes? Willst du das damit sagen, Kle iner?!
Ich strecke meine Hand nach seinem G esicht aus, um es wieder anzuheben und mich vorzubeugen. „He, Kleiner, wer mit dir nur Spaß will, ist selbst schuld ... Ehrlich, es tut mir sehr leid, dass ich es am Anfang auch wollte. Du bist viel zu wertvoll für so was.“
„Wertvoll? Ich?“ Er schüttelt ruckartig den Kopf. „Habe ich dir nicht gestern erst erklärt, dass ich das nicht bin?“
„Du kannst erklären, was immer du willst, Kim, ich sehe doch, wie du wirklich bist.“ Ich flüstere das gegen seine Lippen, direkt, bevor ich ihn küsse. Ganz leicht nur, und doch jagt diese sachte Berührung einen Stromschlag durch meinen Körper.
Ja, verdammt, er ist etwas Besonderes und ich bin ve rliebt, und wenn ich eines ganz sicher nicht will, dann ist es, dass er sich für schlecht hält!
Ich ziehe ihn mit mir, auf mich, entlocke ihm damit ein übe rraschtes Keuchen und spüre deutlich, wie unsere Erektionen durch die Stoffe der Schwimmshorts aneinanderreiben. Verdammte Tat, so werde ich es kaum fertigbringen, mich zurückzuhalten!
Wie kann er mich für wertvoll halten? Wenn ich eines nicht bin, dann das! Aber, das muss ich zugeben, sein Verhalten mir gegenüber deutet darauf hin, dass er mich wir klich so sieht ...
Ein Lächeln schleicht sich in meine Züge, als er mich auf sich zieht und ich den ersten Schreck ve rdaut habe.
„Hey!“
„Was hey?“, fragt er mich rauchig-belegter Stimme und ich spüre, wie mich ein Zittern durchläuft. Unter anderem wohl auch, weil sein harter Schwanz direkt an meinem liegt und eine Vorfreude in mir erwacht, die mich anderthalb Wochen zurückwirft.
„Hey: Das ist nicht fair!“ Ich stütze mich auf seiner Brust ab und winkle meine Beine an, um mich rittlings auf seine Oberschenkel zu setzen. Entspannung für meine Lenden, die ich gerade definitiv brauche.
Ich habe nicht vergessen, was er zum Thema Sex gesagt hat.
Zu wichtig also. Zu ernst.
„Baby, mit dir auf mir ist gar nichts fair, da hast du meine volle Zustimmung!“ Er lacht auf und seine Hände legen sich an meine Seiten, streicheln sanft darüber.
„Warte, ich glaube, ich brauche erst eine Abkühlung“, bekenne ich und grinse breit. Na klar brauche ich die, sonst ziehe ich ihn nämlich aus und verwöhne ihn ein wenig ...
Andererseits ... spricht denn wirklich etwas dagegen, genau das zu tun?
Kaum!
Meine Hände streichen über seine Brust, fahren die Konturen seiner Muskeln nach. Verdammt definiert, das Ganze. Und im Licht der Sonne ungleich schöner als in meinem Schlafzimmer.
„Ich mag deine Muskeln wirklich“, murmele ich und sehe in se ine Augen. Er ist jetzt ganz ernst, mustert mich, als wolle er ergründen, was in meinem Kopf passiert.
Aber das weiß ich ja selbst nicht einmal so ganz g enau!
„Nicht nur die“, setze ich hinzu und schlucke hart. „Sag mal, hast du mich eben allen Ernstes ‚Baby‘ g enannt?“
Er nickt und lächelt. „Ja. Stört es dich?“
Ich beuge mich vor, lasse meine Hände zu seinen Schultern und schließlich neben seinem Kopf auf die Decke gleiten, bevor ich ihn küsse. „Und wenn? Würdest du es seinlassen?“
„Ja, sofort.“
„Hm, nein, ich mag es, genau wie ‚Kleiner‘. Du sagst das nicht auf eine überhebliche Art, sondern irgendwie ... zärtlich.“ Wow, habe ich das gerade gesagt?!
Er umschlingt mich und sieht tief in meine Augen. Nie hat j emand meinen Blick so gefangen nehmen können.
„Du hast tolle Augen.“ Ja, ich muss unbedingt weitermachen mit diesen Komplimenten, als wenn man mir die dann eher glaubt ...
„Findest du? Hm, das kann ich wohl nur zurückgeben.“ Er küsst mich und lächelt wieder. „Wolltest du dich nicht abkü hlen?“
Ich nicke. „Wenn du mitkommst, klar!“
Im Wasser ist alles anders, schwerelos und leicht. Nicht, dass mir irgendetwas sonst wirklich schwerfiele, aber es ist doch etwas ganz anderes, mit ihm in der Mitte der Bucht zu schwimmen, bis er mich an sich zieht und einfach nicht mehr loslässt. Man kann dort nicht stehen, so tief ist das Wasser, deshalb gehen wir mehrfach fast unter und lachen uns halbtot über unsere Tollpatschigkeit.
Immerhin sehen wir recht schnell ein, dass Knutschen und gleichzeitiges Untergehen nicht unbedingt die besten Voraussetzungen für das Überleben bieten, und setzen u nser Treiben im flachen Wasser liegend fort. Kleine Wellen schwappen an unseren Körpern entlang und auch das angenehm frische, wenn auch nicht kalte, Wasser schafft es nicht, unsere Erregung abklingen zu lassen.
Meine Finger suchen den absoluten Kontakt, ich will jedes noch so kleine Muskelspiel unter seiner Haut ertasten, will es genießen.
Es liegt gar nicht an seinen Muskeln, dass er diese Stärke auf mich abstrahlt, aber sie sind ein Sinnbild für das, was ich mit jeder Minute in seiner Nähe deutlicher in ihm sehe.
Er ist – zumindest jetzt gerade sogar wörtlich – eine Art Fels in der Brandung.
Dabei weiß ich genau, sobald Lu wieder hier ist, werde ich verdammt gut auf Maik aufpassen müssen. Es gibt einfach keinen Weg daran vorbei, dass er i rgendetwas unternehmen wird, sobald er spitzkriegt, was Maik und mich verbindet.
Ich kann ein Zittern nicht unterdrücken und er hält damit inne, mein Gesicht mit Küssen zu bedecken. Ich liege ger ade unten und blinzle ein paarmal, bevor ich seinem fragenden Blick standhalten kann.
„Was hast du? Ist es dir zu kalt?“
„Nein, ich ... schon gut.“
Skeptisch bohren seine Augen sich in meine. „Und wieso zi tterst du dann immer noch?“
Tja, was sag ich denn jetzt? Gar nichts!
Ich stemme die Arme hoch und schiebe ihn neben mich, nur um Augenblicke später über ihm zu knien. „Ich möchte, dass du ganz still liegenbleibst, okay?“
Maik nickt nac h einem weiteren nachdenklichen Blick und ich lächle ihn so strahlend an, wie ich kann.
„Keine Angst, ich möchte nur gern endlich tun, wovon ich seit Tagen träume ...“, murmele ich und lasse meine Lippen und meine Zunge in einer heißen Spur über seine Brust wandern.
Er stöhnt auf und ich höre, wie seine Hände ins Wasser pla tschen. Mein Blick fällt kurz darauf und ich sehe, dass er sie in den losen Sand hier am Rand des Ufers krallt.
Ich genieße jede Minute, in der meine Hände, Lippen und Zunge seine feuchte Haut erkunden und erobern. Genieße sein Scha udern und Seufzen, seine Erregung.
„Dreh dich um“, murmele ich irgendwann, als ich wieder an se inem Gesicht angekommen bin und ihn küsse.
Er spricht nicht, nickt nur und folgt meiner Bitte, was mich durchaus ein wenig wundert und mit einem kleinen Triump hgefühl erfüllt.
Bisher war er eher selten der Typ, der sich in solche Passiv ität begibt.
Ich setze mich rittlings auf seinen wohlgeformten, straffen Hintern und lasse meine Hände über seinen Rücken bis zu den Schultern hinaufgleiten. Ich seufze leise, will jede noch so kleine Bewegung unter der Haut ertasten, sie liebkosen und kü ssen.
Sein wohliges Seufzen ruft mir hin und wieder ins Bewuss tsein, dass er wach und nicht einfach unter meinen sanften Berührungen eingeschlummert ist.
Meine Erektion presst sich an seinen Hintern, wann i mmer ich mich weiter vorbeuge und seine Schultern küsse.
„Gefällt dir das?“, flüstere ich dicht an seinem Ohr und ernte ein kehliges Lachen.
„Das fragst du nicht ernsthaft, oder? Man könnte meinen, du bist kein Pferde-, sondern ein Männerflüsterer.“
Das reizt mich ebenso zum Lachen und ich gleite neben ihn, um ihn zu mustern. Er stützt sich auf seine Unterarme und sieht mich an.
„Das war toll. Darf ich mich dafür revanchieren?“ Der Beiklang seiner Stimme lässt meine Fantasie davongaloppieren. Oh, ich habe eine sehr genaue Vorstellung davon, was er damit meint, trotzdem schüttle ich den Kopf.
„Ich bin noch nicht fertig“, verkünde ich und richte mich auf, um ihm eine Hand hinzustrecken und mit ihm zurück zu u nserer Decke zu gehen.
Auf dem Weg schon zieht er mich an sich und küsst mich stü rmisch, verlangend und fordernd. Ich mag das. Bei ihm liegt in diesen tiefen Berührungen nichts anderes als Leidenschaft, die er mit mir teilen will. Er zeigt mir damit sehr deutlich, was er sich wünscht, was wir in seinen Augen längst sind.
Der Gedanke erschreckt mich noch immer. Es gibt einfach kein dauerhaftes Wir . Das wiederum macht mich traurig, aber das werde ich jetzt nicht zulassen!
Wir liegen wieder auf der Decke, ich drehe ihn auf den Rücken und schiebe seine nassen Schwimmshorts von se inen Hüften und Beinen. Neben ihm kniend lasse ich so lange ich es schaffe, ohne mich zu bewegen und ihn zu berühren, meinen Blick über ihn schweifen.
Seine V-förmige Brust, sein flacher, harter Bauch, sein Nabel, der wie ein kleiner Anker geformt ist, sein kurzes, dunkles Schamhaar, von welchem sich seine Erektion hell und verheißungsvoll abhebt. Meine Blicke liebkosen die unvergleichlich weiche haut daran, verfolgen die Wege der dicken Adern, die sich darin abzeichnen … Seine Schenkel, muskulös und kräftig, aber nicht zu sehr, seine Knie … Auf dem linken hat er zwei kleine Narben, die sich hell gegen seine leicht gebräunte Haut abheben, die dunkle Behaarung seiner Beine, seine Füße …
Er stellt für mich ein Gesamtbild dar, eine Sinfonie von Körperteilen, die erst in ihrer Verbindung eine Vollkommenheit sondergleichen zeigen.
Es ist, als könnte ich ihn so für immer in mein Gedächtnis bannen. Für immer diesen einen Tag festhalten. Diesen Augenblick.
Ich schlucke hart und sehe wieder in Maiks Augen.
Schließlich halte ich es nicht mehr aus und muss ihn berü hren, küssen, streicheln, alles gleichzeitig. Oh und schmecken!
Meine Lippen gleiten wieder über seine Haut, locken ihn, n ecken ihn und diesmal kann und soll er seine Hände nicht bei sich behalten ...
Er scheint das zu spüren, denn seine Finger schi eben sich sanft in mein Haar, über meine Wangen, über meinen Oberkörper, irgendwie berührt er mich an jeder Stelle, die er erreichen kann.
Als meine Zunge seine Eichel streift, stöhnt er laut auf und bewegt sich mir entgegen. Ich finde keine Worte, um das G efühl zu beschreiben, das mich durchflutet. Er erlaubt mir alles, einfach alles. Ein tolles Gefühl!
Sein Stöhnen wird zu einer Melodie, die ich ebenso in meine E rinnerungen einfrieren will wie alles andere an und von ihm. Er bringt etwas in mir zum Klingen. Keine Ahnung, wie er das macht, wo er doch noch immer passiv bleibt und sich mir hingibt.
Hingibt?
Das ... Da stocken sogar meine Gedanken!
Noch nie habe ich ... stimmt nicht. Ich habe, letzten Montag, mit ihm, Maik.
Meine Lippen schließen sich um seine Erregung, meine Hä nde liebkosen seine Hoden, ich will ihm mehr geben, so vieles schenken, einfach, weil er mir diese wahnsinnig guten Gefühle verschafft.
Maik sieht mich aufmerksam an, während ich ihn verwöhne, lächelt und stöhnt, schreit sogar zwische nzeitlich auf vor Lust und ich schmecke voller Genuss die ersten heißen Tropfen seiner Leidenschaft auf meiner Zunge.
„Davon will ich mehr“, bringe ich mühsam hervor und scha ffe es nicht, das erregte Beben aus meinen Worten zu verbannen. Muss ich das denn?
Er lächelt und seine Hand streckt sich nach meinem Gesicht aus.
Ich knie mittlerweile zwischen seinen geöffneten Beinen, erlebe jede unkontrollierte Bewegung seines Beckens wie in einem Rausch und will nie mehr aufhören. Zumindest nicht, bevor er gekommen ist. Ich will alles von ihm schmecken, will ihm Erlösung schenken. Ohne Gegenleistung.
Maik stellt seine Beine auf und seufzt. Ich verstehe die Geste und lasse meine Hände wandern, meine Zunge ebenso. Ein warmes, nein, heißes, Ziehen in meiner Brust setzt sich augenblicklich in meinen Lenden fort.
Ich darf offensichtlich, was, laut seiner Aussage, nicht viele dürfen …
Kein Plan, wie viel Zeit vergeht, während ich ihn langsam, mit vielen Streicheleinheiten, Zungenschlägen, massierenden und neckenden Berührungen an und in ihm, in Richtung Höhepunkt bringe.
In sein Stöhnen mischen sich Worte, abgehackt und fl ehend, er windet sich unter meinen Berührungen, zittert vor Lust und stößt mir sein Becken entgegen, bis ich die süße Qual schließlich beende und die heißen Spritzer seiner Erlösung auf meiner Zunge spüre.
Ich stöhne ebenso laut wie er, sehe ihn wie eine satte, zufriedene Stallkatze an und kann mir ein Grinsen nicht ve rkneifen.
Ein paarmal muss ich blinzeln, weil ich so sehr im Rausch se iner Lust gefangen bin, dass ich gar nicht kapiere, wie er sich aufrichtet und mich auf seinen Schoß zieht. Tiefe, heiße Küsse erobern meine Lippen, während ich ebenso keuchend atme wie er.
Wir sprechen nicht, ist auch gar nicht nötig . Stattdessen halten wir uns gegenseitig fest und vertiefen die Küsse immer wieder zu hitzigen Zungengefechten, bei denen mal mein und mal sein Mund zum Schauplatz wird.
Herrlich!
Irgendwann liegen wir wieder eng umschlungen auf der Decke und er streicht mir das Haar aus der Stirn. Es ist längst wieder trocken, genau wie meine Shorts. Die habe ich noch immer an, während Maik nackt neben mir liegt.
„Du hast nicht eine Sekunde lang an dich gedacht, nicht wahr?“ Diese Frage ist das Erste, was in unserem lausch igen Versteck gesprochen wird, seitdem wir aus dem Wasser gekommen sind.
„Nein, stimmt.“
Er küsst meine Stirn, hält meinen Kopf im Nacken und lässt wenig später eine Spur von Küssen über meinen Körper wandern. Seine Lippen brennen auf meiner Haut, geben mir ein Gefühl von absoluter Exklusivität, und ich gebe mich mit einem langgezogenen Seufzen ganz in seine Obhut.
Gedanken verschwimmen, zurück bleiben nur Gefühle. Ich sp üre jede seiner Berührungen, jeden seiner Küsse und doch reagiere ich rein instinktiv. Ich weiß nicht wann und wie ich die Beine an den Leib ziehe, warum ich es tue oder was Maik mir Gutes tut. Ich weiß nur, unumstößlich und mit einer Gewissheit, die über jeden Zweifel erhaben ist, dass er mich mindestens so gern hat wie ich ihn.
Er liebt mich. Und das nicht nur im körperlichen Sinne.
Wahnsinn.
Ich ergebe mich endgültig, als seine Zunge meinen Eingang lie bkost, und sinke mit einem Keuchen in ein Meer von Lust.
Die Stallarbeit zieht sich heute enorm. Ich habe überhaupt keine Lust dazu! Pferde, Striegel, Zaumzeuge, Sättel, Hinde rnisse und Außenreitbahn sind mir dermaßen egal, so etwas habe ich noch nie erlebt!
Es liegt an gestern, da bin ich sicher.
An etwas, das Kim geflüstert hat. Das nur für meine Ohren bestimmt gewesen ist.
Mein Kopf schüttelt sich von allein . Nein, ich will darüber nicht nachdenken. Ich will ihn hier bei mir haben, auf Tuchfühlung, besser noch Haut an Haut, aber das geht nicht.
Er ist seit dem Frühstück im Büro abgetaucht. Zu viel Papierkram. Er hat gesagt, bevor er das nicht a bgearbeitet hat, kann er keines der Pferde bewegen.
Glücklicherweise ist Timeon seit sieben Uhr im Stall und hilft nach Kräften. Er bewegt die Dressurpferde auf dem Außenplatz, longiert die Springpferde, bis ich ihm sage, dass er Finchen satteln und zum Springplatz reiten soll, um dort auf mich zu warten.
Ich folge ihm mit Hellygirl und gebe ihm eine Stunde Sprin gunterricht, während ich Helly bewege. Timeon hat Angst vor den Hindernissen, die ich ihm nach und nach nehmen muss.
Cavaletti-Arbeit immer auf dem Hufschlag des Platzes, bis Finchen und Timeon gleichermaßen durchgelockert sind.
Der Blondschopf bemüht sich wirklich und er hat jede Menge Pferdeverstand, sonst hätte ich ihm diesen Unterricht nicht geg eben.
„Echt mal, ich krieg schon Magenflattern, wenn ich sehe, wie du Helly über die Hindernisse jagst, denkst du wirklich, dass ich das mit Finchen auch schaffe?“
Ich lache auf. „Wenn nicht mit ihr, dann mit keiner. Mach dir keine Sorgen, sie springt zur Not auch von allein, wenn du sie vernünftig am Zügel behältst, und das solltest du als Dressurreiter ja wohl drauf haben!“
Er nickt und presst die Lippen zusammen.
„Gut, dann noch eine Runde über die Cavaletti und danach den grünweißen Sprung auf der langen Geraden“, kommandiere ich und er macht sich auf den Weg.
Wie nicht anders zu erwarten, setzt Finchen mit deutlich mehr Kraft als nötig über den vielleicht 60 Zentimeter h ohen Sprung, und bringt Timeon sicher mit hinüber.
„Na , siehst du, wenn du ruhig genug bleibst, klappt das auch. Wieso springst du so ungern?“, erkundige ich mich.
„Keine Ahnung, wie gesagt, ich bewundere, wie ihr das macht, ich hab wohl nicht genug Mumm in den Knochen ...“
Ich muss die Lippen nach innen ziehen, um nicht loszul achen. „Sei froh, dass nur ich dir die Stunde gebe. Bei Jeremy hättest du mehr Angst vor ihm als vor den Hindernissen!“
Er starrt mich erschrocken an und Finchen buckelt kurz, weil er die Zügel zu hart fasst. „Was?!“
Ich nicke gewichtig. „Glaub mir, er ist echt furchteinflößend als Trainer.“
„Bei dem würde ich aus ganz anderen Gründen vor Ehrfurcht erstarren“, murmelt Timeon, aber ich höre es trotzdem.
Aha? Wieso?
„Ich hätte gedacht, dass du eher irgendwelche Dressurreiter h eroisierst, nicht grad einen Springreiter.“
Er hebt die Schultern. „Na ja, Jeremy Tinnard ist schon äh ...“
„ Ja?“ Ich kann einfach nicht locker lassen. Nicht nach dem, was ich neulich von Kim gehört habe. Vielleicht ist das etwas unfair, aber wie soll er denn jemals normal mit Jeremy umgehen, wenn der mich nächste Woche hier besucht?
„Ich find ihn schon ziemlich ... äh ... vergiss es! Ich weiß, dass er dein bester Freund ist.“
„Stimmt. Und deshalb weiß ich auch, dass er genauso gut mit Wasser kocht wie du und ich.“
„Ja, schon klar, aber er ist eben doch was Besonderes. Immerhin hat er letztes Wochenende den CHIO Aachen gewonnen!“
Ich lache nun doch auf. „Ja, ich war dabei.“
„Wieso bist du eigentlich hier, Maik?“
„Weil ich es will.“
„Ha ha, sehr witzig! Ich meine, wieso reitest du dein Möhrchen nicht von Sieg zu Sieg in diesem Sommer?“
Oh, das meint er? Na ja, die Wahrheit fällt als Antwort wohl aus ...
„Persönliche Gründe.“ Es tut mir wirklich leid, ihn so abka nzeln zu müssen, aber jede andere Antwort wäre eine echte Lüge oder viel zu viel Wahrheit.
„Oh, sorry. Geht mich ja auch nichts an ...“
„Hey, schon okay. Wenn du mich nächstes Jahr noch nicht ve rgessen hast, würde ich mich freuen, wenn du zu dem einen oder anderen Turnier kommst, um Möhrchen anzufeuern!“
„Klar, mach ich gern. Ich schlepp dann Kim mit, damit er endlich mal sieht, was bei so einem Turnier hinter den Kulissen a bgeht ...“
Ich stutze. „Warte mal, soll das heißen, er weiß das nicht?“
Timeon schüttelt mit einem gutmütig-spöttischen Lächeln den Kopf. „Er weigert sich beharrlich. Ich kenne ihn ja durch meine Mutter schon eine Weile ... Jedenfalls weiß ich, dass er selbst nie bei einem Turnier gestartet ist.“
Genau, da war doch was! Ich wollte ihn längst danach gefragt haben, wieso das so ist, aber irgendwie haben wir i mmer genug andere Gesprächsthemen ... Oder wie gestern genug zu tun, ohne überhaupt ein Wort zu reden.
Mein verzücktes L ächeln ist mir in Gegenwart von Timeon schon ein wenig peinlich, besonders, als er mich so wissend mustert.
Ich räuspere mich und versuche, die Erinnerungen an ge stern zu verdrängen. „Na, dann sollte ich ihn wohl zum nächsten Turnier mitnehmen, bei dem Jeremy startet, was?“
Timeon Augen leuchten förmlich auf.
„Würdest du auch gern mitkommen?“, frage ich deshalb.
„Logo! Mann, das wäre der Hammer!“ Er nickt eifrig.
„Na los, dann noch mal das Ganze. Eine Runde Cavaletti, danach grünweiß!“, kommandiere ich mit gespielt strengem Ton und beobachte, wie er sich in Bewegung setzt.
Endlich Pause! Das Telefon steht seit dem Frühstück kaum still und ich will doch nichts weiter, als wieder im Stall zu verschwi nden.
Bei Maik sein ...
Mein breites Grinsen lässt sich nur bedingt verst ecken, als ich aus dem Büro in das Gutshaus gehe, und mich wenig später ebenso in der Gesindeküche einfinde wie alle anderen, die zum Essen eingeplant sind.
Maik wirft mir einen Blick zu, den ich extra-lange erwidere, b evor ich mich neben ihn setze. Wie zufällig streift meine Hand seinen Unterarm und er lacht leise.
„Hi, wie schmeckt der Papierkrieg?“
Ich verziehe das Gesicht. „Furchtbar! Wobei ... Ich komme zu gar nichts heute. Das Scheißtelefon steht einfach keine fünf Minuten still. Irgendwie scheinen alle gerochen zu haben, dass ich heute wieder erreichbar bin ...“
„Dann kommst du heute nicht mehr in den Stall?“, hakt er nach und ich merke, dass er seine Enttäuschung nur mühsam unterdrücken kann. Ob die a nderen das auch merken?
Theodora vielleicht? Ich werfe ihr einen Blick zu, aber sie ist a bgelenkt und in ein Gespräch vertieft. Gut so!
„Nein, ich kann froh sein, wenn heute keine Überstunden anstehen. Ich muss das echt vorm Wochenende noch abarbe iten.“
„Ich verstehe.“ Das tut er wirklich, ich sehe es ihm an.
„Mit viel Glück kann ich noch bei mir Abendessen, bevor ich mich in den Endspurt stürze.“ Das versteht er sicher auch. Eine Bitte, dass er sich heute um das Essen kümmert.
„Ich muss nachher noch einkaufen. Soll ich dir was mitbri ngen?“, fragt er und lächelt.
„Wäre super, wenn du mir alles für einen Salat und Kräuterbutterbaguettes mitbringen könntest.“
So, nun wissen wir auch, was es heute Abend geben wird ... Innerlich muss ich lachen. Diese Art von Inkognito-Gespräch hat ihren Reiz, unbestritten.
Es macht das, was wir haben nur noch wertvoller für mich. Auch wenn ich unter anderen Umständen überhaupt kein Problem damit hätte, ihn aller Welt als meinen Freund vorz ustellen ...
Denn genau das ist er doch? Spätestens seit ge stern ...
Oh nein, jetzt nur nicht dorthin abdriften!
Schnell konzentriere ich mich auf das Schollenfilet mit Salzkartoffeln und versuche zu ignorieren, dass meine Lenden sehnsüchtig ziehen – fast so sehr wie mein Herz.
Bevor ich in eine Hätte-wäre-könnte-Gedankenspirale verfallen kann, lenkt mich ein and eres Tischgespräch ab, in dem es um Dubai und die bisherigen Starts der Galopper geht.
Gerdchen und zwei andere Jockeys sind seit gestern in Dubai Stadt und offenbar haben sie bereits anger ufen.
~*~
Zurück im Büro bleibt mir nur, mich auf das Abendessen mit Maik zu freuen. Zeit für meine gedanklichen Ausflüge habe ich nicht. Neben Abrechnungen und Kaufverträgen muss ich mich um die Unterbringung der Neuerwerbungen kümmern.
Zwei neue Leihstuten, drei Turnierpferde und zwei neue Pe nsionsgäste sollen in der kommenden Woche angeliefert werden.
Das wird ein Chaos, zwischen all den abreisenden Re nnern und Turnierpferden, die André sich holen wird ...
Nein, ich kann nicht sagen, dass ich mich darauf freue.
Davon abgesehen muss ich die mittlerweile eingetroffenen Angebote für eine neue Landmaschine vergleichen. Vielleicht lässt sich da preislich noch was machen.
Ich sollte nachher daran denken, dass ich aus Lus Büro die let zten Angebote holen und mit den neuen abgleichen muss.
Als wäre das alles noch nicht genug, hat die Besamungsst ation einen Neubedarf für eine zweite Sterilbank angemeldet. Ich durchsurfe das Internet nach Lieferanten, erbitte Angebote und hoffe, dass ich möglichst bald Antwort bekomme, um die Kosten noch in den Haushaltsplan dieses Monats einbauen zu können.
Etwas Spielraum haben wir immer, das kalkuliere ich schon a bsichtlich so, aber ich hasse diese kurzfristigen Gesuche der Abteilungen, gerade wenn sie zum Monatsanfang eintrudeln und meine bisherigen Pläne über den Haufen werfen.
Während mein Blick über die Zettelstapel auf meinem Schreibtisch gleitet, bin ich erneut sehr froh, dass Lu mir nach meiner Ausbildung zum Pferdewirt noch eine verkürzte kaufmännische verpasst hat. O hne diese wäre ich an einem Tag wie dem heutigen hoffnungslos überfordert.
Auch wenn ich keine Kassenbücher wälzen muss, ist es sehr beruhigend, es im Zweifelsfall zu können, und für die Budgetierung des Gestüts schlicht une rlässlich.
Um 19 Uhr schaffe ich es, mich für eine halbe Stunde freizumachen, um in meine Wohnung und damit zu Maik zu g ehen.
Das Essen ist lecker wie immer, womit für mich eindeutig bewiesen ist, dass nicht alle Briten auf kulinarische Bein ahe-Katastrophen stehen.
„Ich vermisse dich“, entfährt es mir, als ich hinter ihn tr ete und er den Kopf in den Nacken legt. Ich küsse ihn und setze mich zu ihm an den Tisch.
„Ich dich auch. Musst du noch mal ins Büro oder hast du jetzt Feierabend?“
„Schön wär’s. Ich verstehe gar nicht, wie sich da so viel ansammeln konnte!“
„Tut mir leid, meine Idee mit den zwei halbfreien Tagen war wohl nicht die Beste ...“ Er sieht mich traurig an und ich lächle.
„Keine Sorge, daran liegt es nicht. Die haben nur heute alle gedacht, sie könnten mir mal schnell noch neue Bedarfe a nmelden. Freitags! Noch dazu fünf Tage nach Monatsbeginn! Echt, die wissen alle ganz genau, dass sie Neuanschaffungen rechtzeitig melden sollen ...“
„Und das haben sie nicht getan?“
Ich schüttle den Kopf. „Nein, natürlich nicht.“ Ein tiefes Durchatmen. „Aber es nutzt nichts, mich drüber aufzuregen. Ich fürchte nur, dass du heute allein schlafen musst ...“
„Hm, schade. Dann werde ich die ungewohnte Freizeit eben anders nutzen müssen. Ich hätte da noch einiges aufzuarbe iten für die Seminare im Herbst.“
„Seminare? Ich denke, du bist fertig?“
„Ja, bin ich auch, aber ich gebe ab und zu Wochenendseminare in Sachen Pferdepflege und Pferdegesundheit. Du weißt schon ... Früherkennung von diversen Krankheiten und so.“
„Ah, ich verstehe. Das ist cool. Kann man dich buchen, d amit du auch hier mal so ein Seminar hältst?“ Klar, wenn schon mal jemand da ist, der solche Seminare halten kann ...
„Nicht jetzt. Ich möchte einfach nicht, dass irgendwer a ußer dir und Timeon weiß, dass ich längst fertig bin.“
„Ist okay. Na gut, dann sollten wir schnell essen, damit ich wieder in meine ganz private Hölle schle ichen kann“, murre ich und ernte ein aufmunterndes Lächeln und Streicheleinheiten. Maik beugt sich zu mir und sein Daumen gleitet sacht über meine Wange.
„Du siehst abgespannt aus. Übertreib es nicht, ja?“
Ich winke ab. „Keine Sorge, morgen bin ich wieder im Stall. Deshalb will ich ja heute fertig werden.“
Auch wenn ich diesen Abend tausendmal lieber mit Kim ve rbringen würde, trifft sich seine Beschäftigung sehr gut mit der Tatsache, dass ich noch immer jede Menge Details über van Keppelens Machenschaften finden muss. Ebenso wie ich das Archiv finden muss!
Ich habe die Fotos von meiner letzten Schnüffelei bereits tausendmal angesehen. Besonders den Zahlencode. Sec hzehn Ziffern in Viererblöcken.
Das könnte alles Mögliche sein ... Eine Kreditkartennummer vielleicht. Oder ein Schweizer Nummernkonto. Eventuell aber auch der Zugriffscode für eine Computerdatei oder ganz banal, der Code eines Safes.
Um das herauszufinden, muss ich auf jeden Fall noch mal in van Keppelens Büro.
Zwanzig Minuten vor Mitternacht mache ich mich in schwarzer Kleidung und mit meiner kleinen Taschenlampe wieder auf den Weg ins Gutshaus.
Das Licht, das aus Kims Bürofenstern auf den Hof fällt, zeigt mir, dass er noch immer über seinen Geschäftsb üchern oder dem Briefverkehr hockt.
Er tut mir leid. Vermutlich würde er sich jetzt ebenso gern an mich kuscheln wie ich mich an ihn. Aber man kann eben nicht alles haben, und vielleicht ist das eine der besten Gelegenheiten, um weiterzuschnüffeln.
Durch diese immer enger werdende Bindung zwischen uns wird es ja schon fast unmöglich, noch einen Schritt ohne ihn zu m achen.
Schon ein paarmal habe ich mit dem Gedanken gespielt, ihn in meine Pläne einzuweihen. Allein schon, weil sie, wenn das Gestüt in irgendeiner Form von den Rennbetrügen betroffen ist, eben auch Kims Pläne durchkreuzen könnten.
Ihm bliebe nichts, wenn ich hier alles hochgehen lassen muss, um van Keppelen als den Mistkerl zu entlarven, der er seit so vi elen Jahren ist.
Und doch ist genau diese Tatsache der Grund für mein Schwe igen. Kim könnte sich bedroht fühlen und versuchen, mich davon abzuhalten.
Ich betrete das Büro und schließe die Tür. Letztes Mal habe ich nicht nach den Bildern und einem möglicherweise dahinter ve rborgenen Tresor geschaut. Das werde ich heute als Erstes nachholen.
Die modernen Gemälde auf Keilrahmen, die sehr stilisierte Rennpferde in Galoppstudien zeigen, lassen sich leicht anheben und ich kann dahinter leuchten. Nein, kein Safe. Dabei hätte ich van Keppelen ein so klassisches Versteck zugetraut ...
Eventuell gibt es aber auch in irgendeinem anderen der zahlre ichen Räume einen Tresor. Das werde ich noch überprüfen müssen, wenn ich herausfinden will, ob mein Zahlencode dazugehört.
Na gut, als o kein Geheimversteck hinter den Bildern. Dann ist heute Nacht der Aktenschrank mit den zwei Schubladen dran. Er steht links hinter dem Schreibtisch und ist mit ‚Personal‘ und ‚Tierbestand‘ beschriftet.
Personal klingt halbwegs spannend. Ich ziehe die obere Lade auf und wundere mich, während ich versuche, das metallische Schleifen so leise wie möglich zu halten, darüber, dass die Laden nicht abgeschlo ssen sind.
Me ine Finger gleiten über die Reiter der in Schienen hängenden Aktenmappen, als ich die Tür hinter mir höre und mich umdrehe, anstatt hinter dem Schreibtisch abzutauchen, um mich zu verbergen.
Das Licht flammt auf, obwohl es nicht nötig gewesen w äre, um zu erkennen, wer dort auf der Schwelle steht.
Im hellen Licht des Flures habe ich seinen Umriss sofort e rkannt.
„Was tust du hier?!“, faucht Kim und ich bleibe eine Antwort schuldig.
Ende Band 1
Natürlich geht es zügig weiter mit der Strategie in Scherben und es wird noch 3 weitere Bände geben, in denen die Charaktere Maik Dexter und Kim Andreesen sich näher und ferner sind.
Dennoch freue ich mich natürlich auch jetzt über eine Rezension auf Deinem Blog, Deiner Homepage, bei den einschlägigen Online-Buchhändlern oder über eine andere Rückmeldung per Mail oder Email direkt an mich.
Auf Facebook und in meinem Blog Nathans Wächter bin ich jederzeit zu finden!
Wer nicht warten möchte auf die nächsten Bände, kann in der Zeit noch andere Geschichten von mir mit homosexuellen Protagonisten finden.
Ich hoffe, Du hast beim Lesen so viel Spaß, wie ich ihn beim Schreiben hatte!
Nathan Jaeger
Das Ende seiner Beziehung zu Cédric ist für Valentin eine logische Konsequenz ungezählter Seitensprünge und er rechnet mit kleinen Seitenhieben und Fallstricken auf seinem weiteren Weg. Als dieser Weg sich mit dem des Modefotografen Mark kreuzt, ahnt Valentin noch nicht, dass das Spiel von Aktion und Reaktion sich zu einem Horrortrip in seine ganz private Hölle aufschaukelt. Auch nicht, dass er einen alten Bekannten von einer völlig anderen Seite kennenlernt …
ASIN: B00BENG9IO / ISBN-13: 978-1482526943
Graues Meer und blaue Sonnen
Julius Claasen verliert den Glauben an sein Leben und die Liebe. Deshalb liegt er stumm und starrsinnig in einer Psychiatrie herum und beginnt aufzuschreiben, wieso sein Leben ein M ärchen war ... Märchen fangen immer wie an? Ach ja, 'es war einmal' ... und dann wird von stolzen Prinzen und wunderschönen Prinzessinnen gefaselt und am Ende steht was von 'glücklich bis an ihr Ende' ... Das impliziert doch, dass beide gleichzeitig abtreten, nicht wahr? Aber was passiert, wenn das Märchen anders endet? Wenn einer von beiden stirbt und der andere allein bleibt? Ist dann das Happy End vorbei? Oder gab es nie eines? Weiß man also eigentlich erst ganz am Ende, ob es eines war? Ich denke nicht. Denn nicht jedes Märchen muss gut enden, um eines zu sein. Nicht jedes Märchen braucht ein 'und sie lebten glücklich bis an ihr Ende'. Und doch wünschte ich manchmal, es hätte genau diesen Satz für uns gegeben. Und das, wo ich - ein 'stolzer Prinz' - keine Prinzessin hatte oder jemals haben wollte. Ich wollte nur IHN ...
ASIN: B00BXUA1RI / ISBN-13: 978-1490452210
Zweifel in Worten
Neue Stadt. Neues Leben. Der 26-jährige Bibliothekar Frank ist von Köln nach Berlin geflohen, um mit seiner Vergangenheit abzuschließen. An den ominösen ‚Mister Right‘ glaubt er nicht und seit einem einschneidenden Erlebnis zieht er es vor, nicht einmal mehr flüchtige Dates zu haben. Die unerwartete Bekanntschaft zu Sam und Gabriel ist dabei eine Wildcard, die er nicht einkalkuliert hat.
ASIN: B00D0TZH6K / ISBN-13: 978-1490368115