Wir schlagen einen Begriff vor, der die verschiedenen Institutionen der Klasse der Datenkolonialisten zusammenfasst: den Wirtschaftsbereich der Quantifizierung des Sozialen (WQS).[1] Bislang von keinem Amt für Wirtschaftsstatistik berücksichtigt, vereinigt dieser Wirtschaftsbereich sämtliche Akteure, die damit beschäftigt sind, so viele Aspekte unseres Lebens wie möglich gewinnbringend in Form von Daten zu quantifizieren. Dabei erstreckt sich der WQS über mehrere andere Wirtschaftsbereiche: den Energiesektor, das Gesundheitswesen, den Bildungsbereich und die Landwirtschaft, die alle zunehmend versuchen, unsere Daten profitabel zu verwerten. Das gilt natürlich auch für die zahllosen Plattformen der Gig-Economy wie Uber und viele spezialisierte Unternehmen, die Daten verarbeiten, ohne selbst über eine Schnittstelle mit Endkunden zu verfügen.

Am WQS sind zahlreiche Akteure aus der ganzen Welt beteiligt, die eine Reihe von Aufgaben erfüllen. Kein einzelnes Unternehmen kann die Art von umfassender Extraktion durchführen, die mit dem Datenkolonialismus verbunden ist. Auch kann eine solche Aktion nicht von einem einzelnen Machtzentrum aus koordiniert werden. Wie wir immer wieder betont haben, geht es beim Datenkolonialismus nicht nur um die anfängliche Extraktion von Daten: Es geht um eine veränderte Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, die um die Sammlung und Nutzung von Daten und die daraus resultierende Macht organisiert ist. Dazu sind Akteure aller Art vonnöten.

Fest steht jedenfalls, dass der Einfluss eines Unternehmens nicht von seiner Größe abhängt. In ihrer Blütezeit verfügte die East India Company über eine Privatarmee von 250000 

Nicht vergessen darf man auch, dass der Datenkolonialismus ganz wie der historische Kolonialismus ein globales Phänomen darstellt, wenn auch die Welt von heute eine völlig andere geworden ist. Jede neue Form des Kolonialismus muss sich im Rahmen der Geopolitik des 21. Jahrhunderts entfalten, die sich von der des 16., der des 18. und auch der des 20. Jahrhunderts deutlich unterscheidet. Die heutige Welt ist zumindest bipolar, wobei China nicht nur wirtschaftlich und technologisch, sondern auch in der Softpower gegenüber den USA aufholt, während weitere Mächte wie Indien im Kommen sind. Viele Narrative über Big Tech, die im Westen und für den Westen erzählt werden, ignorieren China und reden stets nur vom Silicon Valley – ein Fehler, den es unbedingt zu vermeiden gilt.

Die Ursprünge der sich schnell ausbreitenden Klasse der Datenkolonialisten reichen mindestens bis in die 1980er Jahre zurück, als noch weitgehend unklar war, wohin die Reise gehen würde. Den Anfang machten die Kreditkartenunternehmen. Sie sammelten Daten aus Einkäufen und versuchten, entweder selbst daraus Verbraucherprofile zu erstellen, oder verkauften sie an darauf spezialisierte Marketingunternehmen weiter.[4] Kundenkarten und ähnliche Anreizsysteme gehören ebenfalls zu den frühen Versuchen, solche Daten zu sammeln. Anfang

Ziel war es, die Kunden in Kategorien einzusortieren, die treuesten herauszufiltern und diesen Anreize zu bieten. Als sich den Unternehmen dann Möglichkeiten boten, auch Daten über ihre Kunden zu sammeln, die nichts mit ihren Einkäufen zu tun hatten, begann die Suche im größeren Bestand der Alltagsdaten. Aber erst in den späten 1990er Jahren fand diese Frühversion der umfänglichen kommerziellen Datenerfassung Eingang in die Managementtheorie. Das können wir daraus schließen, dass 1998 Peter Drucker, damals einer der führenden Management-Gurus, noch sagen konnte: »Je mehr interne Informationen das Top-Management erhält, desto mehr muss es diese mit externen Informationen abgleichen – die noch nicht zur Verfügung stehen.«[6] Drucker hatte die Richtung des Wandels bereits erfasst: Die Wirtschaft suchte, womöglich in Erwartung eines langfristig rückläufigen Konsums, bereits nach neuen Wegen, sich das Alltagsleben der Menschen als Wertschöpfungsquelle zu erschließen. Niemand fand etwas dabei, diese Art Kontrolle anzustreben, es gehörte einfach zum Spiel. In den Worten einer damaligen Führungskraft: »Ich habe den Eindruck, dass wir mittlerweile alles aus internen Informationen herausgequetscht haben. Vielleicht wird es Zeit, dass wir uns um die weite Welt der externen Informationen kümmern.«[7] Dies ist, in der nüchternen Sprache der Managementtheorie ausgedrückt, im Grunde genau die extraktivistische Vision, die den Landraub des

Zumindest schienen Daten das Potenzial dafür zu haben. Denn wie man das anstellen sollte, war in den frühen 1990er Jahren noch nicht klar. Ende des Jahrzehnts (noch Jahre vor dem Aufkommen von Big Tech) war dem visionären und umstrittenen US-Unternehmer Josh Harris aufgegangen, dass das Geschäftsmodell des Internets darauf beruhte, uns erst unsere Daten abzunehmen, und sie uns dann zurückzuverkaufen. Harris führte auch ein Experiment durch, in dem er Menschen Tag und Nacht von Kameras und Mikrophonen beobachten ließ. Es trug den treffenden Titel »Pst! Wir leben in der Öffentlichkeit« (Quiet: We Live in Public). Harris erklärte dazu den Teilnehmern: »Alles ist hier für Sie kostenlos, außer den Videoaufnahmen, die wir von Ihnen machen. Die gehören uns … Ich werde Ihnen Ihr Leben zurückverkaufen.«[8]

Fast zwei Jahrzehnte später ist es so normal geworden, dass Unternehmen routinemäßig auf eine Flut von Daten aus dem Leben ihrer Kunden zurückgreifen, dass immer erstaunlichere Prognosen gewagt werden. So meinte im Jahr 2015 ein Werbemanager, dass »bis 2028 die Hälfte der Amerikaner (und bis 2054 fast alle) Geräteimplantate tragen werden, über die sie mit dem Laden kommunizieren, zwischen dessen Regalen sie schlendern.«[9]

Dies also ist die jüngste Entwicklung des folgenschweren gesellschaftlichen Trends, den Soziologen als »Datafizierung« bezeichnen: Die ganze Welt wird zu einer Datenquelle für die Wirtschaft. Manche sehen darin ein Infrastrukturprojekt vom Range der Encyclopédie der französischen Aufklärung. Ein Großprojekt und die Grundlage einer neuen gesellschaftlichen

Erst in jüngerer Zeit wird diese Entwicklung kontrovers diskutiert. Das ist vor allem eine Folge des sogenannten »Techlash«, der Kritik an der Marktmacht von Internetkonzernen, ausgelöst durch den Cambridge-Analytica-Skandal von 2018. Für die Managementtheoretiker von heute bleibt die Datafizierung jedoch eine sinnvolle Erweiterung der Informationen, auf die Unternehmen zugreifen können, wenn auch eine so durchschlagende, dass manche gar von einer »Managementrevolution« sprechen. »Wir alle sind heute wandelnde Datengeneratoren«, meinten die Schöpfer dieses Begriffs.[11] Dabei lassen sie allerdings die Mechanismen der Datenextraktion, die dafür eingerichtet werden mussten, unerwähnt; auf den Datenraub gehen sie nicht ein. Das wird eher verständlich, wenn man sich vor Augen führt, dass aus Unternehmenssicht der Mensch immer schon ein Störfaktor war. »Eines der größten Erfolgshindernisse von Big Data ist der menschliche Faktor«, meinte der Datenexperte eines Unternehmens.[12] Das, was man als Quantifizierung des Sozialen bezeichnet, versucht dem abzuhelfen.

Welche Arten von Unternehmen betätigen sich aber eigentlich im Bereich der Quantifizierung des Sozialen? Beginnen wir mit einem Überblick über die größeren, die den Kern der neuen Klasse der Datenkolonialisten bilden.