»Unser Gehirn ist nicht dafür gebaut, dauernd glücklich zu sein, aber es ist süchtig danach, nach Glück zu streben.«
Manfred Spitzer, deutscher Neurowissenschaftler und Psychiater (geb. 1958)
Für jeden scheint Glück etwas anderes zu sein. Die Suche nach einer allgemeingültigen Definition von Glück ist schwierig. Wikipedia spricht von einem mehrdeutigen Begriff. Der Duden definiert Glück als eine »angenehme und freudige Gemütsverfassung, in der man sich befindet, wenn man in den Besitz oder Genuss von etwas kommt, was man sich gewünscht hat«. Es handle sich um einen »Zustand der inneren Befriedigung und Hochstimmung«.35
Glücksforscher sprechen von einem subjektiven Wohlbefinden, das für jeden etwas anderes bedeuten kann. Ein Wohlbefinden, das nicht dauerhaft auftritt und nicht gleichzusetzen ist mit einer permanenten Positivität, die ins Toxische kippen kann. Es geht um das häufige Auftreten und Wahrnehmen positiver Gefühle. Das heißt aber nicht, dass Gefühle wie Unzufriedenheit, Angst, Wut oder Trauer nicht ihre Berechtigung haben und überdeckt werden müssen. Denn nur durch eine Bandbreite der Gefühle kann das Glücksgefühl auch wahrgenommen werden.
Du siehst, Glück ist vielschichtig. Was hältst du von dieser Version: Glück ist, wenn Menschen sich richtig wohlfühlen, mit sich im Reinen sind und Freude erleben und ausstrahlen. Glücklich sind Menschen, die freudvolle Momente intensiv genießen und erleben. Es handelt sich um eine Momentaufnahme und keinen Dauerzustand.
Dass glückliche Menschen eine hohe Anziehungskraft ausüben, ist offensichtlich. Wenn wir durch die Straßen gehen, fallen uns positive Menschen dadurch auf, dass sie lächeln, Charisma ausstrahlen und zugewandter wirken. Die Frage ist nur, ob das angesichts unserer ganzen Alltagsbeschäftigungen überhaupt ankommt oder ob wir einen einen anderen Wahrnehmungsfilter aufgelegt haben. Das heißt, wir gehen mit einer selektiven Wahrnehmung durch die Welt. Wir nehmen die Welt nicht wahr, wie sie ist, sondern sehen sie durch unseren Filter. »Wir besitzen demnach eine begrenzte Kapazität der Informationsaufnahme und -verarbeitung«, sagt Sebastian Mauritz, Inhaber der Resilienzakademie.36
Wenn du ein neues E-Bike kaufen möchtest, fallen dir alle elektrischen Fahrräder in der Stadt auf. Wenn du Nachwuchs erwartest, siehst du überall Mütter und Väter mit Kinderwägen. Und soll es ein neuer Porsche sein, nimmst du jeden Porsche wahr. Du siehst, deine Filter sind auf deine Themen gerichtet – oder »Energy flows where attention goes«. Halte kurz inne und verdeutliche diesen Gedanken.
Wer glücklich ist, ist wirksam
Daniela Blickhan beschreibt in ihrem Praxishandbuch Positive Psychologie die Auswirkungen des Glücks37 folgendermaßen:
»Glückliche Menschen pflegen und genießen Beziehungen zu Familienmitgliedern und Freunden.
Sie drücken ihre Dankbarkeit aktiv aus.
Sie bieten anderen Hilfe an, zum Beispiel Kollegen oder Passanten.
Sie blicken optimistisch in die Zukunft.
Sie genießen ihr Leben und sind innerlich mehr im gegenwärtigen Moment als in der Vergangenheit oder Zukunft.
Sie treiben regelmäßig bzw. häufig Sport.
Sie verfolgen Ziele und Ideale.
Sie erfahren ebenso Stress, Krisen und Tragödien wie andere Menschen, doch sie gehen konstruktiver mit diesen Herausforderungen um.«
Blicken wir auf diese Auswirkungen des Glücks, geht es nicht um Geld, Vermögen und Wohlstand. Es gehört inzwischen zum Allgemeinwissen, dass Geld allein nicht glücklich macht und dass ab einem gewissen Einkommen andere Faktoren zählen. Es wird geforscht, geschrieben und philosophiert, welches die weiteren Einflüsse sind, die glücklich machen. Und tatsächlich gibt es Länder wie Bhutan, die neben ihrem Bruttoinlandsprodukt auch das Bruttonationalglück messen und bewerten. Dabei sind sich alle einig: Glück ist individuell. Bevor ich dich zum Selbstcheck einlade, dein eigenes Glücksempfinden zu testen, noch ein Impuls der anderen Art. Vielleicht relativiert dies unseren Anspruch an das Thema Glück.
Grundbedingungen für Glück laut UNO38:
mindestens 2 500 Kalorien pro Tag
einen Wasserverbrauch von 100 Litern am Tag
einen Platz zum Kochen
mindestens sechs Quadratmeter Wohnraum
eine mindestens sechsjährige Schulbildung
Übung
Glücksbilanz
Wie sieht es mit deinem Glücksfeeling aus? Um regelmäßig Bilanz zu ziehen, bietet sich der folgende Fragebogen der Glückspsychologin Bea Engelmann39 an. Zieh regelmäßig Bilanz über dein Glücksfeeling, einmal die Woche zu einem festen Tag über drei Monate hinweg. Es dauert nur kurz und du beschäftigst dich mit etwas, wonach sicherlich auch du strebst. Nutze dabei eine Skala von 1 (»Ich war eher unglücklich«) bis 10 (»Ich fühlte mich sehr glücklich«)?
»Wie glücklich fühle ich mich heute? Diesen Wert habe ich angekreuzt, weil …
Wie glücklich war ich eigentlich letzte Woche? Diesen Wert habe ich angekreuzt, weil …
Wie glücklich war ich eigentlich letzten Monat? Diesen Wert habe ich angekreuzt, weil …
Wie schätze ich das für die nächste Woche ein? Diesen Wert habe ich angekreuzt, weil …«
Wenn du dir diese Fragen regelmäßig stellst, kannst du explorieren, was dein eigener Beitrag fürs empfundene Glück ist und was du in Zukunft tun kannst, damit die nächste Woche eine glückliche Woche wird. Und falls du noch nicht so genau weißt, was dich glücklich macht, lass dich auf die Suche ein und werde dein eigener Glücksforscher.
Um herauszufinden, was dich glücklich macht, kannst du eine individuelle Glücksliste anlegen. Sie erinnert dich daran, was dir guttut und wie du dich in einen guten Zustand versetzen kannst. Schreibe deine eigene Glücksliste und nutze die unten stehenden Impulse als Anregung! Aber vergiss nicht: Glück ist individuell.
Lerne dich selbst besser kennen und nimm dich liebevoll an (viele Anregungen dazu findest du in diesem Ratgeber).
Führe ein »Glückstagebuch« mit den Fragen:
Was hat mich heute glücklich gemacht?
Was habe ich dazu beigetragen?
Übe dich im Optimismus und der Wahrnehmung deiner Emotionen und frage dich:
Was habe ich heute Positives erlebt?
Welche schönen Gefühle habe ich heute erlebt?
Schaffe dir ein Umfeld, in dem du dich wohlfühlst und beantworte diese Fragen:
Was liebe ich in meinem Umfeld?
Was stört mich in meinem Umfeld?
Was kann ich daran ändern?
Nimm dir Zeit für dich, gehe deinen Hobbys nach und lass die Seele baumeln. Auf deine Weise!
Übe dich im Loslassen – und sei es nur das T-Shirt aus dem Kleiderschrank, das du seit Jahren nicht mehr trägst.
Leg dein Smartphone regelmäßig zur Seite und verordne dir eine Social-Media-Auszeit.