Zu den religiösen Bewegungen gehörten – neben neuen Orden – auch zahlreiche religiöse Laienbruderschaften, kleine Genossenschaften z.B. für Krankenpflege (Spitalorden) und verwandte Zwecke.302 Am Beispiel der Humiliaten zeigt sich der Wandel in der Einstellung der Kirche zu den religiösen Laienbewegungen.303
Die Humiliaten in der Lombardei (Mailand) waren eine Bruderschaft von Handwerkern (Wollwebern und Tuchmachern), die im Gegensatz zu vielen Gemeinschaften von Wanderpredigern innerhalb eines bürgerlichen Daseins ein Leben nach dem Evangelium führen wollte. Konkret sah deren Leben so aus:
„Vermeidung des Kleiderluxus, Erwerb des Lebensunterhalts durch Handarbeit, Enthaltung von Wucher und Rückgabe von unrecht erworbenem Gut, Abgabe überschüssiger Einkünfte als Almosen an die Armen, Einhaltung der Ehepflichten, und ein friedfertiges sittenreines Leben in Demut, Geduld und Liebe.“304
Wie Waldenser und Katharer lehnten auch die Humiliaten den Eid ab und wollten ihren Mitgliedern das Schwören ganz verbieten.305 Mit ihrem Lebensstil nach dem Evangelium wollten sie den ketzerischen Sekten entgegenwirken und den katholischen Glauben verteidigen. Diese Zielrichtung „tritt bei den Humiliaten zuerst deutlich hervor.“306 Dennoch wurden sie – wegen ihrer evangelischen Lebensform – selbst der Ketzerei bezichtigt. Deshalb begab sich – gleichzeitig wie die Waldenser – eine Abordnung der Humiliaten nach Rom, um die Erlaubnis für ihre Lebensweise zu bekommen und von den Verdächtigungen freigesprochen zu werden. Zugleich baten sie um Genehmigung, gegen die Irrlehren predigen und öffentliche Versammlungen abhalten zu dürfen. Papst Alexander III. (1159 – 1181) genehmigte 1179 zwar deren Lebensform, verbot allerdings – wie auch den Waldensern – die Predigt und öffentliche Versammlungen.307 Die Humiliaten waren jedoch nicht dazu bereit, das Predigen zu unterlassen bzw. das Versammlungsverbot zu befolgen. Ein Teil der Humiliaten ging daraufhin zu den Waldensern über und wurde von Papst Lucius III. (1181 – 1185) 1184 als Ketzer exkommuniziert.
Erst Innozenz III. (1198 – 1216) erkannte die Bedeutung der religiösen Bewegungen für die Kirche.308 Unter seinem Pontifikat kam es endlich zur Versöhnung mit den romtreuen Humiliaten (aber auch mit Teilen der Waldenser309). Dieser Teil der Humiliaten wurde 1201 als regulierter Orden bestätigt.310 Innozenz versuchte mit Beginn seines Pontifikats,
„die Kluft zwischen der religiösen Bewegung und der hierarchischen Kirche zu überbrücken..., indem er der Forderung der apostolischen Wanderpredigt und der evangelischen Armut Wirkungsmöglichkeiten innerhalb der Kirche selbst zugestand, sofern nur dabei die rechtgläubige Lehre unangetastet und die päpstliche und hierarchische Autorität grundsätzlich anerkannt blieb.“311
Damit wurde das Bekenntnis zur apostolischen Armut und Predigt nicht mehr grundsätzlich mit Ketzerei identifiziert. Zugleich war es Anhängern dieser Bewegung möglich, innerhalb der Kirche wirksam zu sein. Diese neue Politik des Papstes begann mit den Verhandlungen und der Versöhnung mit den Humiliaten, mit einigen Gruppen der Waldenser und führte schließlich zur Förderung der neuen Bettelorden (Franziskaner und Dominikaner).312 Vor allem an den Dominikanern wird die neue Gangart des Papstes offenbar: Die Prediger sollten auf gleiche Weise wie die Ketzer auftreten, als arme Wanderprediger, und sie argumentativ und durch ein glaubwürdiges Leben zur Rückkehr in die Kirche bewegen.313
Die ethische Maxime der Humiliaten wurde – wie bereits von Alexander III. – anerkannt. Innozenz erlaubte nun aber auch öffentliche Versammlungen und sogar die Predigt. Zwar galt weiterhin die Erlaubnis der Bischöfe als Voraussetzung, doch Innozenz forderte ausdrücklich, „diese Erlaubnis nicht zu verweigern.“314 Um die Erlaubnis zur Predigt zu ermöglichen, wurde zwischen Sittenpredigt und dogmatischer Glaubenspredigt unterschieden. Der Papst erlaubte den Humiliaten fortan die Sittenpredigt über das praktische religiöse Leben.315 Dadurch blieb der Grundsatz,
„dass niemand predigen dürfe, der nicht dazu ordiniert sei, ... gewahrt, aber er wurde wesentlich modifiziert, dass zum ersten Male eine Laiengemeinschaft die päpstliche Vollmacht erhielt, ihre eigenen Prediger aufzustellen – ein Ereignis von weittragender Bedeutung für die Zukunft.“316
Eine weitere große Aufgabe war, eine Gemeinschaft, die inzwischen aus Kanonikern, Mönchen und Laien bestand, zu einem gemeinsamen kirchenrechtlichen Verband zusammenzuschließen. Es musste zunächst eine neue Form gefunden werden.317 Die Humiliaten lebten, nach Abschluss der Verhandlungen (1199 – 1201), fortan als Kleriker und Chorfrauen nach der Regel des hl. Augustinus, als Klosterbrüder und Nonnen nach der Regel des hl. Benedikt sowie in einem „dritten Orden“ als Laien, die ihre bürgerliche Lebensform nicht aufgaben.318 Ab 1246 ist ein General-Minister verbürgt, der die Leitung über alle drei Zweige des Ordens hat.319
„Die große Masse der Humiliaten ... hat in den neuen kirchlich anerkannten Formen eine rege Tätigkeit entfalten können. Fünfzehn Jahre nach der Neuordnung berichtet Jakob von Vitry, dessen Blick für die Erscheinungen der religiösen Bewegung durch reiche Erfahrung geschult war, er habe in der Ketzerstadt Mailand feststellen können, dass die Humiliaten fast die einzigen sind, die der Ketzergefahr wirksam standhalten und entgegenwirken. 150 Gemeinschaftshäuser dieser frommen Männer und Frauen gab es nach seinem Zeugnis um 1216 allein im Bistum Mailand, ungerechnet die Angehörigen des 3. Ordens, die in ihren Häusern lebten; sie haben alles um Christi willen verlassen, leben von der Arbeit ihrer Hände, predigen und hören das Wort Gottes – denn sie haben vom Papst die Erlaubnis zu predigen und gegen die Ketzer zu wirken.“320
Mit der Kurie haben die Humiliaten kaum noch Schwierigkeiten gehabt. Allerdings spielten sie später auf wirtschaftlichem Gebiet, gerade in der Wollindustrie, und in der städtischen Verwaltung eine größere Rolle als innerhalb der religiösen Bewegungen.321 Für die Weiterentwicklung der religiösen Bewegungen bleiben die Humiliaten dennoch bedeutend,
„weil der Kurie mit ihnen zum ersten Male die Durchführung der dringenden Aufgabe gelungen war, die Anhänger der religiösen Bewegung … durch rechtliche Neuordnung in den Verband der Kirche einzugliedern und sie zugleich als Gegenwirkung gegen die häretische Gefahr zu benutzen.“322
Die Versöhnung mit Teilen der Waldenser erwies sich als schwieriger. Während nämlich die Humiliaten sesshaft waren, waren die Waldenser ein „Verband heimatlos wandernder Prediger ohne Besitz und Einkommen, die von den Almosen ihrer Hörer leben wollten.“323 Die Lehren der Waldenser – teilweise mit dem Katharertum vermischt – hatten sich über Länder verbreitet und waren nicht in bestimmten Städten erfassbar. Außerdem lehnten sie den Gehorsam gegenüber den Bischöfen und dem Papst ab:
„Gegen die katholische These, dass nur predigen darf, wer vom Papst oder den Bischöfen dazu ordiniert ist, erklären die Waldenser, dass nach dem Willen des Evangeliums jeder predigen dürfe, auch die Laien und sogar die Frauen, und dass es keiner kirchlichen Ordination dazu bedürfe.“324
Die Spendung der Sakramente stehe ebenso den frommen Laien offen: Jeder könne das Altarsakrament vollziehen und Beichte hören.325 Allerdings haben die Waldenser niemals völlig die Berechtigung des Priesters bestritten, Sakramente spenden zu können; sie meinten allerdings, dass die Wirksamkeit der Sakramente von der Würdigkeit („Meritum“) des Priesters abhängig sei, das heißt davon, ob dieser nach den Geboten des Evangeliums in Armut lebe. Deshalb könne im Notfall auch ein „guter Laie“ die Sakramente gültig spenden. Der entscheidende Gegensatz zwischen den Waldensern und der Kirche lag also darin:
„Nach katholischer Meinung gibt der Ordo und das Officium, nach der Meinung der Waldenser aber gibt das Meritum allein das Recht zu binden und zu lösen, zu weihen und zu segnen, die Sakramente zu verwalten und das Wort Gottes zu predigen.“326
Dementsprechend steht die Vorstellung der Waldenser von der apostolischen Nachfolge aller Laien im Gegensatz zur Idee der apostolischen Sukzession in der hierarchischen Ordnung der Kirche. Dies waren die größten Gegensätze, die es zu überwinden galt. Ansonsten aber standen die Waldenser, die sich nicht mit dem Katharertum völlig vermischt hatten, in allen
„dogmatischen Fragen ... nach wie vor auf dem Boden der Kirche und genau wie die Humiliaten haben sie, Seite an Seite mit katholischen Priestern gegen die ‚Ketzerei‘ gekämpft, das heißt gegen die dualistischen Irrlehren der Katharer.“327
Der Wandel im Umgang mit kirchlich gesinnten Waldensern und der Armutsbewegung zeigt sich erstmals 1199 in einem Brief des Papstes Innozenz an den Bischof Bertram von Metz, der diesen um Rat bat, wie mit einer Versammlung von Laien umgegangen werden solle, die – wie die Waldenser – miteinander eine französische Übersetzung der Heiligen Schrift lese, die Texte auslege und darüber predige.328 Darüber hinaus verweigerten sie den Priestern den Gehorsam in Berufung auf die Bibel, da sie glaubten, die Heilsworte besser auslegen zu können als die einfältigen Priester.329
Zunächst vertrat Innozenz den bisher offiziellen Standpunkt des Laterankonzils von 1179: Die Anmaßung des Predigtamtes durch nicht von der Kirche beauftragte Prediger sei grundsätzlich nicht gestattet. Innozenz forderte aber den Bischof auf, die Bibelübersetzungen zu prüfen und herauszufinden, woher sie stammen; außerdem soll untersucht werden, wie es um den Glauben dieser Sektierer bestellt sei.330 In einem Bericht teilte der Bischof sodann dem Papst mit, die Sektierer erklärten, sie würden auch gegen den Willen der Bischöfe und des Papstes weiterhin Versammlungen abhalten, in denen sie die Bibel auslegten und predigten, denn man müsse Gott mehr gehorchen als dem Menschen.331 Innozenz aber wollte sich selbst ein Bild von der Lage machen. Aus diesem Grund schickte er drei Zisterzienseräbte nach Metz. Diese sollten prüfen, ob es sich bei den Sektierern wirklich um Ketzer handle. Diese drei Äbte entschieden später, dass die Sektierer als Ketzer zu bezeichnen seien.
Die Bekehrung der Waldenser von Metz scheiterte zwar, aber es zeigt sich gerade in deren Fall, mit welcher Zurückhaltung und Besonnenheit der Papst gegen diese religiöse Bewegung vorging:
„Konventikelbildung, unbefugte Predigt und Ungehorsam gegen die bischöflichen Anordnungen erklärt er natürlich für unerlaubt; aber damit ist für ihn die Sache nicht erledigt. Er forscht nach dem Glauben der Sektierer, nach ihrem religiösen Verhalten, ehe er eine Entscheidung darüber treffen will, ob sie Ketzer sind. In dem Brief an den Metzer Bischof hat er das programmatisch begründet: die Kirche hat gewiss die Pflicht, die Füchse zu fangen, die den Weinberg des Herrn zerstören, das heißt die Ketzer zu vernichten. Aber sie darf nicht um dieser Aufgabe willen die wahre und schlichte Frömmigkeit gefährden, das religiöse Empfinden des einfachen Gläubigen lähmen und verwirren. Sie muss sich hüten, die religiöse Einfalt der Ketzerei in die Arme zu treiben. Innozenz hatte also, wie diese Worte zeigen, seit dem Beginn seines Pontifikats die Gefahr erkannt, dass durch die starre Haltung der bisherigen Politik die ganze religiöse Bewegung zur Ketzerei werden musste. Er wollte dieser Gefahr begegnen durch eine besonnene und energische Scheidung zwischen Ketzerei und kirchentreuer religiöser Bewegung.“332
Dass die Kirche auch neue Wege in der direkten „Ketzerbekämpfung“ eingegangen war, zeigt ein Ereignis, das 1207 in Pamiers, in Südfrankreich, geschah: Dort fand nämlich eine Disputation zwischen Katholiken und Ketzern statt. Die Kirche war also inzwischen dazu übergegangen, auf friedlichem Wege die „Ketzerei“ zu bekämpfen.
Einer der Initiatoren dieser Disputation war der spanische Bischof Diego von Osma (+ 1207), der auf einer Reise durch Südfrankreich (1203/04 und 1205/06) die katharische Ketzerei kennenlernte und daraufhin unermüdlich versuchte, nicht mit Gewalt sondern mit Argumenten die Ketzer vom katholischen Glauben zu überzeugen und wieder für die Kirche zu gewinnen. Diegos Begleiter und Vertrauter war der Kanoniker Dominikus Guzmán (1173/74 – 1221). Dieser gründete Jahre später den „Predigerorden“ (Dominikaner). 1234 wird Dominikus heiliggesprochen.
Dominikus Guzmán333 wurde zwischen 1173 und 1175 im kastilischen Dorf Caleruega (Spanien) geboren. Nach dem Studium der sog. „Freien Künste“ und der Theologie, trat er in das Domkapitel zu Osma ein und wurde Priester. Die Hauptaufgabe dort war die Pflege der Liturgie und die Kontemplation. Im Januar 1201 wurde Dominikus Subprior des Domkapitels. Zur Wende in seinem beschaulichen Leben kam es infolge zweier Reisen (1203/04 und 1205/06), die ihn zusammen mit Bischof Diego nach Deutschland und Skandinavien führten, um im Auftrag König Alfons´ VIII. von Spanien für den Prinzen Ferdinand um die Hand einer adeligen Dame zu werben. Während dieser Reisen lernte Dominikus in Südfrankreich die Häresie der Katharer und Waldenser sowie in Norddeutschland das heidnische Nomadenvolk der Kumanen334 kennen, die als Hilfstruppen dem böhmischen König dienten und in Thüringen schreckliche Frevel verübt hatten.335 Dominikus und Diego wollten zunächst vom Papst die Erlaubnis erhalten, den Kumanen zu predigen. Dieser erteilte ihnen jedoch 1206 den Auftrag, sich der Waldenser- und Katharermission in Südfrankreich anzunehmen. Im Auftrag des Papstes setzte sie der Bischof von Toulouse ganz offiziell als Diözesanprediger ein. In Südfrankreich angekommen, begegneten ihnen in der Nähe von Montpellier drei Zisterzienser, die völlig resigniert von ihren Bekehrungsversuchen berichteten und aufgeben wollten. Diego und Dominikus brachten jedoch eine neue Taktik für diese Mission mit:
„Apostolische Wanderpredigt zu treiben wie die Ketzer selbst, ohne den Prunk und die Machtzeichen der hierarchischen Kirche einherzuziehen, zu leben wie die Ketzer, aber zu lehren wie die Kirche.“336
Es ist nicht auszuschließen, dass Diego und Dominikus in der Frage, wie diese Irrlehren am wirksamsten bekämpft werden könnten, vom Papst die entsprechenden Anweisungen bekommen haben.337 Denn als Innozenz 1204 die Zisterzienser Arnald von Cîteaux, Petrus de Castro Novo und Radulfus, beide von Fontfroid, die zwei Jahre später völlig frustriert auf Diego und Dominikus trafen, mit der Mission gegen die Katharer beauftragt hatte, hatte er sie am Ende seines Schreibens ermahnt,
„durch ein offen sichtbares bescheidenes Auftreten alle törichten Einwände zu entkräften und in Worten und Taten alles zu vermeiden, was selbst einem Ketzer Grund zu Vorwürfen geben könnte.“338
Leider hielten sich die zisterziensischen Legaten nicht an die Ratschläge des Papstes. Diego und Dominikus dagegen beherzigten diese päpstlichen Anweisungen, als sie 1206 in Montpellier eintrafen. Dem Legaten Raoul von Fontfroid hatte der Papst in einem Schreiben vom 17. November 1206 ausdrücklich die neue Methode aufgetragen,
„geeignete Leute … zu schicken, die in Nachfolge des armen Lebens Christi in schlichter Kleidung unter die Ketzer gehen und sie durch Beispiel und Rede zurückgewinnen sollen.“339
Bischof Diego vertrat nun in Montpellier die Strategie des Papstes:
„Seht die Häretiker, wie sie unter Vortäuschung, fromm, evangelisch arm und diszipliniert zu sein, die Einfältigen überzeugen können. Wenn ihr ihnen aber das Gegenteil davon zeigt, werdet ihr wenig aufbauen, viel zerstören und nichts erreichen. Schlagt sie mit ihren eigenen Waffen, vertreibt ihre vorgetäuschte Heiligkeit durch ein echtes religiöses Leben.“340
Da Bischof Diego nach Spanien zurückkehren musste und dort starb (1207), übernahm Dominikus die Verantwortung für die Mission. Er fand immer mehr gleichgesinnte Gefährten, die ihm helfen wollten. So nahm im Laufe von fast zehn Jahren das Predigtwerk des Dominikus immer festere Strukturen an. Deshalb baten Dominikus und Bischof Fulko von Toulouse auf dem Laterankonzil von 1215, die neue Gemeinschaft als Orden anzuerkennen. Jordan von Sachsen (+ 1237), Nachfolger des hl. Dominikus in der Ordensleitung, schreibt in seinen Buch über die „Anfänge“ des Ordens:
„Bruder Dominikus schloss sich diesem Bischof (Fulko) an und gemeinsam gingen sie zum Konzil. Dort baten sie beide den Herrn Innozenz, dass er den Orden des Dominikus und seiner Gefährten bestätigte. Der Orden solle ‚Predigerorden‘ genannt werden und auch ein solcher sein. Ebenso sollten den Brüdern ihre Einkünfte, die sie vom Grafen (Montfort von Toulouse) und vom Bischof bekommen hatten, bestätigt werden. Nachdem sich der Bischof von Rom ihr Ansuchen angehört hatte, forderte er Bruder Dominikus auf, zu seinen Mitbrüdern zurückzukehren, um sich mit ihnen zu beraten und nach reiflicher Überlegung gemeinsam eine bereits approbierte Ordensregel auszuwählen. Wenn dies geschehen sei, solle er zum Papst zurückkehren, damit dieser alles bestätige.“341
Unter Papst Honorius III. (1216 – 1227) wurde der neue Orden – der sich für die Regel des hl. Augustinus entschieden hatte – durch die Bullen von 1216 und 1217 bestätigt. Das erste Generalkapitel des Ordens erarbeitete 1220 in Bologna die Konstitutionen des Ordens, die erst 1259 abgeschlossen wurden.342 Dominikus starb 1221 in Bologna.
Während die neue Form der „Ketzerbekämpfung“ bei den Katharern bzw. Albigensern (benannt nach der südfranzösischen Stadt Albi) wenig erfolgreich war, griff sie bei waldensischen Gruppen. In Pamiers gelang 1207 in Gegenwart der Bischöfe von Toulouse und Conserans und einiger Äbte der Durchbruch, und eine waldensische Gruppe unter der Führung des Spaniers Durandus von Huesca kehrte zur Kirche zurück.343
Ein Jahr später, 1208, wurde die Rückkehr der Gruppe des Durandus in Rom formell vollzogen. Nach einer eingehenden Glaubensprüfung erhielt die Gruppe, die sich fortan die „Katholischen Armen“ nannte, eine offizielle Bestätigung und Anerkennung. Die „Katholischen Armen“ waren kein religiöser Orden im eigentlichen Sinne, sondern ihre vom Papst genehmigte Regel ist „vielmehr ein erster Versuch, eine Organisationsform zu schaffen für einen Verband kirchlich anerkannter Wanderprediger.“344 Voraussetzung war die Anerkennung der hierarchischen Kirche und der Sakramente, die auch unabhängig von der Würdigkeit des jeweiligen Priesters ihre Gültigkeit haben. Ihre Lebensgewohnheiten konnten sie, d.h. den Verzicht auf Eigentum und Besitz, um von den Gaben der Gläubigen zu leben; als Genossenschaft päpstlichen Rechts erhielten sie auch die Erlaubnis zu predigen, gegen Ketzer aber auch in ihren eigenen Versammlungen („Scholae“, „Schulen“); sie durften auch neue Gesinnungsgenossen, d.h. „Freunde“, wie sie sich gegenseitig nannten, aufnehmen.345
Dieses Entgegenkommen Roms trug schnell Früchte.346 Nachdem Durandus auf dem Rückweg von Rom in Mailand zu wirken begann, erklärten sich ungefähr 100 Waldenserprediger zur Aussöhnung mit Rom bereit, wenn man ihnen das Recht gäbe, in ihren „Schulen“ eigene Versammlungen abzuhalten und ihnen ein beschlagnahmtes Grundstück zurückgäbe. Nach sorgfältiger Prüfung gestattete Innozenz auch dieser Gruppe nach derselben Regel wie Durandus als Wanderprediger im Dienst der Kirche zu wirken.347
Die „Katholischen Armen“ des Durandus haben jedoch nicht nur den Versuch unternommen, Waldenser mit der Kirche auszusöhnen, sondern sie sahen ihre wesentliche Aufgabe in der Bußpredigt, um Menschen für ein glaubwürdiges evangeliengemäßes christliches Leben zu gewinnen. Und dabei waren sie nicht erfolglos.348 Die neubekehrten „Katholischen Armen“ begannen nun nicht zwangsläufig ein Leben als Wanderprediger zu führen; vielmehr – wie z.B. im südfranzösischen Bistum Elne – wollten die „Freunde“ in einem Gemeinschaftshaus miteinander ein religiöses Leben führen, Frauen und Männer getrennt voneinander; sie beabsichtigten sogar eine Kirche und ein Hospital für die Kranken zu bauen.349 Doch verstanden sie diese sozialen Werke der Nächstenliebe mehr als Ergänzung ihrer religiösen Pflichten, wie Fasten, Beten und Predigtgottesdienst.
Die Genossenschaft der „Katholischen Armen“ blieb allerdings nicht lange bestehen.350 Die Entfaltung scheiterte am Widerstand der lokalen kirchlichen Würdenträger, wie z.B. in Spanien, Südfrankreich oder Norditalien. Da die „Katholischen Armen“, mit päpstlicher Erlaubnis zwar, den gleichen Lebensstil pflegten und das gleiche taten wie die verketzerten Waldenser, unterschieden die Bischöfe und Prälaten nicht zwischen ihnen und den Waldensern.351 Sie behielten die alte, rückständige Ketzerpolitik der Kirche bei und durchkreuzten damit immer wieder die Ziele des Papstes.352
Die Spuren der „Katholischen Armen“ lassen sich noch bis 1256 verfolgen; nach 1212 werden sie nicht mehr in den Briefen Innozenz´ III. erwähnt353; 1237 versuchten sie vergeblich in den Provinzen Tarragona und Narbonne von Papst Gregor IX. (1227-1241), als Orden bestätigt zu werden; 1247 entzog ihnen Papst Innozenz IV. (1243-1254) schließlich wieder die Predigterlaubnis; 1256 verschmolz der lombardische Zweig der „Katholischen Armen“ mit den Augustiner-Eremiten.
Einen weiteren Wendepunkt stellt die Anerkennung der Gemeinschaft des hl. Franz von Assisi (1181/82-1226) dar:
„Bisher hatte es Innozenz III. immer mit Gruppen von Wander- predigern und religiösen Gemeinschaften zu tun gehabt, die seit langem bestanden und sich betätigten, durch die frühere Politik der Kurie aber aus der Kirche ausgeschlossen und zu Ketzern erklärt worden waren ... . Als Franziskus und seine Genossen an die Kurie herantraten, war es die Frage, ob die gleichen Zugeständnisse: Wanderpredigt, freiwillige Armut und Gemeindebildung, auch einer neu entstandenen Genossenschaft gemacht werden sollten, die noch nicht wie die Waldenser und Humiliaten durch die frühere Politik der Kurie gegen die religiöse Bewegung betroffen worden war, noch nicht durch Ungehorsam gegen päpstliche Verbote in die Gefahr gekommen war, als Ketzerei verfolgt zu werden, und bei der es sich also nicht um Rückgewinnung für die Kirche handelte.“354
In der Anerkennung der Gemeinschaft des Franziskus ging es um sehr viel, nämlich um eine offizielle Bestätigung der Armutsidee und der Wanderpredigt als solche durch die Kirche.
Die „Imitatio“ des armen, wandernden und predigenden Jesus Christus wurde, ausgelöst durch die Schriftlesung von Mt 10, 5-16, zum Lebensprogramm des Franz Bernardone. Ihm schlossen sich Gefährten an. Zu zweit zogen sie durch Stadt und Land und predigten die frohe Botschaft. Da Franziskus eine Lebensform gewählt hatte, die der der verfolgten „Ketzer“ ähnelte, blieben die Bischöfe misstrauisch. Franziskus wollte jedoch von der Kirche anerkannt werden. Deshalb pilgerte er 1206 nach Rom zum Papst.355 Der Papst jedoch entschied nicht sofort, sondern ließ die Gemeinschaft des Franziskus zunächst weiter gewähren. Erst 1210 erhielt Franziskus – mit Hilfe des in Rom weilenden Bischofs von Assisi und des Kardinals Johannes Colonna – von Innozenz die Anerkennung.356 Die Bestätigung wurde jedoch an zwei Bedingungen geknüpft: Franz und seine Gefährten mussten die Tonsur empfangen und zu Klerikern werden. Außerdem mussten Franz und seine Gefährten dem Papst den Gehorsam geloben.357 Weitere Verpflichtungen sowie Regeln über die Lebensgestaltung der Gemeinschaft legte ihnen der Papst nicht auf. Er gab ihnen auch keine schriftliche Erlaubnis zur Predigt bzw. irgendein formelles Privileg. Erst wenn die Genossenschaft größer geworden sei, solle sich Franz wieder an die Kurie wenden, um eine verbindlichere Regelung zu treffen.358
Der Papst gab Franziskus zwar nur eine mündliche Bestätigung, diese war aber faktisch die Anerkennung des evangelisch-apostolischen Lebensideals, wie es in den religiösen Bewegungen hervorgetreten war. Der Papst und die Kurie hatten endlich verstanden, dass ihnen „nicht nur die äußere Handhabe, sondern auch das religiöse Recht fehlte“359, diese Lebensform weiter zu unterdrücken. Erst 1223, Franziskus hatte sich bereits 1220 von der Leitung der Gemeinschaft zurückgezogen, erhielt die Gemeinschaft der Minderbrüder – so nannten sie sich nach ihrer Bestätigung – eine kirchlich-rechtliche Regel. Diese Regel wurde zum Grundgesetz des neuen Ordens.360 Zur gleichen Zeit, als Franziskus um Anerkennung seines Lebensideals bat, wurden auch die Weichen gestellt, die zur Gründung des anderen Bettelordens führte: des Predigerordens des hl. Dominikus (Dominikaner).
302 Zum Beispiel die Hospitaliter vom hl. Antonius (Antoniter), die Hospitaliter vom hl. Geist, die Johanniter; die Laienbruderschaft der Brückenbauer, die an Pilgerstrassen Brücken bauten, die Trinitarier widmeten sich der Befreiung der christlichen Gefangenen aus der Hand der Sarazenen sowie die zahlreichen Gildenbruderschaften. Siehe: Borst 2007, 495f.; Ders. 2004, 265 – 278; Hauschild I 1995, 329 – 332.
303 Vgl. Angenendt 2005. 59f.
304 Grundmann 1977, 79.
305 Vgl. Grundmann 1977, 65.
306 Grundmann 1977, 65.
307 Vgl. Grundmann 1977, 65f.
308 Vgl. Grundmann 1977, 72.
309 Vgl. Grundmann 1977, 91-100.
310 Ausführlicheres zur Versöhnung: Siehe Grundmann 1977, 72 – 91.
311 Grundmann 1977, 71.
312 Vgl. Grundmann 1977, 100.
313 Siehe hierzu dieses Kapitel, II.
314 Grundmann 1977, 81.
315 Vgl. Grundmann 1977, 82.
316 Grundmann 1977, 82.
317 Vgl. Grundmann 1977, 83.
318 Vgl. Grundmann 1977, 78.
319 Vgl. Grundmann 1977, 84.
320 Grundmann 1977, 89f.: Jakob von Vitry, Brief vom Jahre 1216, in Boehmer 1930, 65f.
321 Vgl. Grundmann 1977, 91.
322 Grundmann 1977, 91.
323 Grundmann 1977, 92.
324 Grundmann 1977, 9443. Vgl. Bernhard von Fontcaude (+ 1193), Liber contra Waldenses, PL 204, c. 4 – 5.8; Alanus von Lille (+ 1202), De fide contra hereticos, PL 210, c. 1.
325 Grundmann 1977, 9544. Vgl. Bernhard von Fontcaude (+ 1193), Liber contra Waldenses, PL 204, c. 2; Alanus von Lille (+1202), De fide contra hereticos, PL 210, c. 7-8.
326 Grundmann 1977, 9546. Vgl. Alanus von Lille (+1202), De fide contra hereticos, PL 210, c. 8.
327 Grundmann 1977, 9650. Vgl. Wilhelm von Puy-Laurens, Cronica (Prolog), ed. Beyssier 1904, 119.
328 Vgl. Grundmann 1977, 9954. AlberichL von Troisfontaines, MGScr. XXIII, 878, bezeichnet die Sektierer aus Metz als Waldenser.
329 Vgl. Grundmann 1977, 97: Der Brief des Bischofs ist nicht erhalten. Die Fragen ergeben sich jedoch aus dem Antwortbrief des Papstes an den Bischof und das Kapitel von Metz vom 12. Juli 1299 (PL 214, Sp. 698f.) und aus einem Hirtenbrief an Stadt und Bistum Metz (undatiert, PL 214, 695ff.).
330 Vgl. Grundmann 1977, 98.
331 Vgl. Grundmann 1977, 99.
332 Grundmann 1977, 10055. Vgl. PL 214, Sp. 698f.
333 Vgl. u.a. Hellmeier 2007; Angenendt 2005, 61; Jordan von Sachsten, Anfänge, 2002, 3; Wolter 1999, 219 – 223; Koudelka 1989; Grundmann 1977, 100 – 118.
334 Türkischsprachiges Steppenvolk (vom Kuma-Fluss [im Nordkaukasus]), das im 11. Jh. in Ungarn eindrang; um 1240 wurden die Kumanen z.T. von den Mongolen unterworfen bzw. siedelten sich fest in Ungarn zwischen Theiß und Donau an (Kumanien). Seit 1350 wurden sie christianisiert (vgl. Das aktuelle Wissen-Lexikon, Bd. 12, 2004).
335 Vgl. Koudelka 1989, 15.
336 Grundmann 10262. Vgl. Petrus von Vaux-Cernay, hist. Albigensis, ed. Luchaire 1908, c.3 S. 12.
337 Vgl. Grundmann 1977, 103.
338 Grundmann 1977, 10364. Vgl. Epistel 7, 76, PL 215, Sp. 358ff.
339 Grundmann 1977, 10466. Vgl. Epistel 9, 185, PL 215, Sp. 1024f.
340 Jordan, Anfänge, 2002, 41.
341 Jordan, Anfänge, 2002, 51f.
342 Ein Grund dafür war die nicht gelöste Frage der Frauenklöster: Siehe zweiter Teil, sechstes Kapitel, II.
343 Vgl. Grundmann 1977, 10158. Vgl. Petrus von Vaux-Cernay, hist. Albigensis, ed. Luchaire 1908, c.6 S. 20f.; Wilhelm von Puy-Laurens, Cronica, c.8, ed. Beyssier 1904, 127.
344 Grundmann 1977, 107.
345 Vgl. Grundmann 1977, 109.
346 Vgl. Grundmann 1977, 118: Im Jahre 1210 versöhnte sich die Kirche mit einer anderen Gruppe von Wanderpredigern unter der Führung des Bernard Prim und Wilhelm Arnaldi (Siehe ebd.118-127); im selben Jahr kam vermutlich auch Franz von Assisi mit elf Gleichgesinnten nach Rom, um die Erlaubnis zur apostolischen Predigt und zum Leben in Armut zu erhalten.
347 Vgl. Grundmann 1977, 110f.
348 Vgl. Grundmann 1977, 111.
349 Vgl. Grundmann 1977, 112.
350 Vgl. Grundmann 1977, 115.
351 Vgl. Grundmann 1977, 113.
352 Vgl. Grundmann 1977, 115f.: „In Aragonien werden die Prediger von den Zivilbehörden verfolgt. Fast überall sucht man ihnen die Almosen zu entziehen, von denen sie leben wollten. Immer von neuem wurden sie als Ketzer verdächtigt. Man versuchte ihnen gegen ihren Willen andere Vorsteher aufzudrängen.“
353 Vgl. Grundmann 1977, 116. 136. 140.
354 Grundmann 1977, 128; vgl. Hauschild 1995, 319 – 324.
355 Vgl. Wolter 1999, 224.
356 Franziskus erwies sich bei den Konsultationen als schwieriger Verhandlungspartner: So schlug ihm die Kurie z.B. vor, er und seine Gefährten sollten als Mönche und Eremiten leben und eine der bestehenden Ordensregeln übernehmen. Franziskus lehnte ab. Mit Hilfe von Kardinal Johann Colonna gab die Kurie den Wünschen des Franziskus nach. (Vgl. Grundmann 1977, 129 – 132).
357 Vgl. Grundmann 1977, 129.133.
358 Vgl. Grundmann 1977, 134.
359 Grundmann 1977, 133.
360 Vgl. Wolter 1999, 225.