„Er muos liden und tragen die búrden und boeugen sich under die gewaltige hant Gottes, das sú lident innewendig und ussewendig wanne es her kummet.“1651
„Er muss leiden und die Bürden tragen und sich beugen unter die gewaltige Hand Gottes, dass er leidet innerlich und äußerlich, woher es (auch immer) kommt.“
Wer diesen Weg des Leidens in „aller demuetekeit und gelassenheit“1652 („aller Demut und Gelassenheit“) geht, folgt Christus auf dem Weg des Kreuzes:
„Lieben kinder, ich bevilhe úch von grunde mins hertzen under das gevengnisse des crútzes unsers herren Jhesu Christi, das daz si in úch und usser úch, hinder úch und fúr úch, und mit starker truckunge, mit grundeloser gelossenheit, wie Got wil und eweclich gewellet hat.“1653
„Liebe Kinder, ich befehle euch vom Grunde meines Herzens aus in die Gefangenschaft des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus, auf dass (das Kreuz) in euch und außer euch sei, hinter euch und vor euch, und (dass ihr tragt) den starken Druck mit grundloser Gelassenheit, wie Gott will und ewiglich gewollt hat.“
Das Bewusstsein, den Weg des Kreuzes zu gehen, soll ermutigen, auch alles zukünftige Leiden anzunehmen, z.B. Schmähungen und Verleumdungen durch die Mitmenschen.1654 Der Mensch soll sich also Gott und den Menschen beugen.
Das andere Leiden unter dem Alten Bund besteht darin, die „gruwelich urteil und swere bewisunge der gerehtekeit Gottes“1655 („furchtbaren Urteile und schweren Offenbarungen der Gerechtigkeit Gottes“) zu ertragen, worunter Tauler vor allem die „bissen der conciencien“1656 („Gewissensbisse“) versteht. Dabei unterscheidet Tauler nun zwischen den einfachen Leuten1657 und denen, die zu einem „höheren Weg“ berufen sind, das sind die, die „Gottes innewendig und ussewendig wellent sin“1658 („Gott innerlich und äußerlich angehören wollen“). Tauler weiß als Seelsorger, dass die Gewissensbisse allein durch Beichten nicht immer beseitigt werden können1659; es gibt viele, die trotz Beichte von einer inneren Dunkelheit erfüllt bleiben1660, d.h. sie finden keinen Seelenfrieden. Während nun das einfache Volk immer wieder bei einem Beichtvater oder bei Predigern Hilfe sucht1661, soll der, der Gott ganz gehören will, nicht dergleichen tun: Er soll sich allein Gott „lossen und liden bitz das es Got guot machet: bihte ime“1662 („überlassen und leiden bis es Gott gutmacht: Beichte ihm“) und nicht immer wieder erneut einen Beichtvater aufsuchen. Er soll Hilfe innerlich erwarten1663: „So muessent ir uwer ussuochen begeben und úch in keren“1664 („So müsst ihr euer äußerliches Suchen aufgeben und euch nach innen kehren“). In dieser zweiten Form des Leidens unter dem Alten Bund überlässt sich der Mensch gewissermaßen „direkt“ der Gerechtigkeit Gottes und nicht einzig und allein der Wirkung der Sakramente1665, so dass er nur von ihnen die Erlösung von allen Gewissensbissen erhofft. Vielmehr soll der Mensch, wenn ihm dieses Leiden durch die Sakramente nicht genommen wird, es annehmen und sich dabei allein der Gerechtigkeit Gottes überlassen. Entscheidend ist:
„Alleine minnent und meinent Got von grunde uwers hertzen und uwer nehsten also úch selber, und lossent alle ding uf in selben ston.“1666
„Liebt Gott alleine und habt (nur ihn) im Sinn vom Grunde eueres Herzens, und (liebt) eueren Nächsten wie euch selber, und lasst alle Dinge stehen, wie sie sind.“
Durch die Gewissensbisse – als seelische Reaktion auf die Sündenerkenntnis – wird der Mensch auf sein „Nichts-Sein“ verwiesen.1667 Das Positive der Sündenerkenntnis und der Gewissensbisse erklärt Tauler mit Hilfe des folgenden Gleichnisses:
„Das pfert daz machet den mist in dem stalle, und wie der mist einen unflat und einen stang an im selber het, daz selbe pfert zúhet den selben mist mit grosser arbeite uf daz velt, und wehsset dannan uzzudel schoene weisse und der edel suesse win, der niemer also gewuehsse und were der mist nit do. Also din mist das sint dine eigene gebresten, den du nit getuon enkanst und nút abegelegen noch úberwinden kanst, die trag mit arbeit und mit flisse uf den acker des minnenclichen willen Gottes in rechter gelossenheit din selbes. Spreite dinen mist uf das edel velt, on allen zwifel do wehsset in einer temuetigen gelossenheit edel wunnecliche frucht us.“1668
„Das Pferd macht den Mist im Stall, und wie der Mist Unsauberkeit und einen Gestank in sich selbst hat, (so) zieht dasselbe Pferd denselben Mist mit großer Mühe auf das Feld, und daraus wächst der edle, schöne Weizen und der edle, süße Wein, der niemals so wüchse, wäre der Mist nicht da. Also, dein Mist sind deine eigenen Gebrechen, die du nicht beseitigen und nicht ablegen noch überwinden kannst, die trage mit Mühe und Fleiß auf den Acker des liebreichen Willens Gottes in rechter Gelassenheit deines Selbst. Streue deinen Mist auf das edle Feld; ohne allen Zweifel, daraus wächst in einer demütigen Gelassenheit edle, wonnigliche Frucht.“
Die dritte Weise des Leidens nennt Tauler die „vinster hoffnunge und verre einer erloesunge“1669 („finstere und weite Hoffnung auf Erlösung“). Hier geht es um den Zeitpunkt der Gottesgeburt im Menschen.1670 Niemand kann diese von sich aus erzwingen. Er muss warten können – und das fällt schwer:
„Also muos der mensche sich lossen einvalteclichen in gantzer getruwunge und in sinen ewigen willen, wenne er wil daz es geschehe in gebeitsamer gelossenheit: sicher so kummet er, er wurt geboren. Aber wanne? daz los ime ... und lident und lossent úch in allen dingen: sicher so wurt in úch geboren Cristus, die nuwe e, fride in der worheit und froeude in dem heiligen geiste.“1671
„Also muss der Mensch sich Gott schlicht (über)lassen in vollem Vertrauen und in seinem ewigen Willen, wenn er will, dass es geschehe, in geduldiger Gelassenheit: So kommt er sicher, er wird geboren. Aber wann? Das (über)lass ihm ... und leide und überlasst euch (Gott) in allen Dingen: So wird Christus sicher in dir geboren, der Neue Bund, Friede in der Wahrheit und Freude im Heiligen Geist.“
Gottes Geist aber erweckt dann im Menschen „ein wor goetlich leben sin selbes úber alle engelsch leben oder verstentnisse, úber alle sinne und vernunft“1672 („ein wahrhaft göttliches Leben seiner selbst, übersteigend alles engelhafte Leben oder menschliche Verständnisse, alle Sinne und alle Vernunft“). Doch dahin gelangt man nur über den Weg des Alten Bundes – durch das Leiden: durch „wore gelossenheit“1673 („wahre Gelassenheit“). Wer sich ganz loslässt und Gott überlässt, wird zwar nicht frei von äußerem und innerem Leiden, aber es erfüllt ihn der wahre göttliche Friede, der ihn fähig macht, alles zu tragen, denn dann
„treit uns Got in allen dingen, in allem lidende, in allen búrden, so bútet Got sin ahssele under unser búrden und hilffet uns unser liden tragen.“1674
„trägt uns Gott in allen Dingen, in allem Leiden, bei allen Bürden; so schiebt Gott seine Schulter unter unsere Bürde und hilft uns, unser Leiden zu tragen.“
In seiner Predigt am Dreikönigsfest deutet Tauler die Geschenke der drei Könige als Gaben der Menschen auf dem Weg in Gottes Gemeinschaft.1675 Der Weihrauch entspricht dabei der Liebe des Menschen zu Gott, die im wahren Gebet zum Ausdruck gebracht wird, im „ufgang des gemuetes in Gott“1676 („Aufgang des Gemütes in Gott“). Auf die Bedeutung des Goldes geht Tauler indes nicht ein.
Der Schwerpunkt in Taulers Predigt liegt auf der Bedeutung der Myrrhe1677: „Die ist bitter und meinet die bitterkeit die darzuo gehoeret das der mensche Got vinde“1678 („Die ist bitter und bedeutet die Bitterkeit, die dazu gehört, dass der Mensch Gott finde“). Was versteht er darunter? Eine erste Form der Bitterkeit1679 – des Leidens – empfindet der Mensch, wenn er sich von der Welt abkehrt und sich Gott zukehrt1680,
„e er denne alle die lúste und genuegede uzgetribe; wan daz muos von not sin, daz alles daz zu muos daz der mensche mit gelust besessen hat. Daz ist zuo dem ersten gar bitter und bar swere.“1681
„ehe er noch alle die Lüste und Befriedigung ausgetrieben hat; denn das muss notwendigerweise (so) sein, dass alles das heraus muss, was der Mensch mit Lust besessen hat. Das ist zuerst gar bitter und (sehr) schwer.“
Der Mensch kann seine notwendigen Bedürfnisse weiterhin befriedigen – wie z.B. den Hunger, den Durst, genügend Schlaf und Kleidung –, aber diese Befriedigung darf keinesfalls die zentrale Rolle im Leben einnehmen, damit das Begehren nicht zur Begierde wird.1682 Mit Hilfe seines natürlichen Verstandes soll er sich deshalb selbst beobachten:
„Do muostu natur mit natur toeten und úberwinden, ja die genuegede die du vindest mit den gotzfrúnden und guoten menschen, daz und alles daz do dich geneiget vindest, daz muostu als zuomole úberkommen ... . Darumbe nút enbetrúg dich selber, besich vil ebene wie es mit dir ste und nút en sist zuo fri.“1683
„Da musst du Natur mit Natur töten und überwinden, ja sogar die Befriedigung, die du findest bei den Gottesfreunden und guten Menschen; das alles, wohin du dich hingezogen fühlst, das musst du überwinden ... . Darum betrüge dich nicht selbst, schau sorgfältig, wie es um dich steht, und sei nicht zu frei.“
Es gibt aber noch eine Myrrhe, welche die Bitterkeit der ersten weit übersteigt:
„Das ist die mirre die Got git, es welicher kunne liden daz si, innewendig oder ussewendig.“1684
„Das ist die Myrrhe, die Gott gibt, welcher Art Leiden das auch sei, innerlich oder äußerlich.“
Wer dieses Leiden – ob groß oder klein – aus Liebe zu Gott annimmt, in dem wird ein neues Leben geboren: Freude und Frieden.1685 Denn alles von Gott gegebene Leiden entspringt „uz dem grunde siner unsprechenlichen minnen“1686 („aus dem Grunde seiner unaussprechlichen Liebe“) und „dienet alles zuo dem edeln wunnenclichen wesende“1687 („dient alles der edlen freudenvollen Wesensgestaltung“) des Menschen. Alles ist von Gott so geordnet, gemessen, gewogen und gezählt worden, und anders soll es nicht sein1688, denn das „ungeliche vil fruchtberer, nútzer und besser wan daz geliche, dis bringet di wesende worheit“1689 („ungleiche [d.h. das angefochtene] Leben ist viel fruchtbarer, nützlicher und besser als das unangefochtene ebenmäßige Leben, [denn] jenes [nämlich] bringt die wesenhafte Wahrheit hervor“). Im ebenmäßigen Leben ist es möglich, dass Gott nicht wirklich geliebt wird.1690 Deshalb betont Tauler:
„Ensol ich denne nút mine innerlichen ougen uf tuon oder oren und danken des mime Gotte daz sin ewiger rat an mir vollenbracht ist? Solte mir daz leit sin? Es solte mir wunderlich zuo dancke sin. Dis ist an verlust der frúnde oder des guotes oder der eren oder des trostes oder waz daz si daz dir Got git, dis bereitet dich alles und dienet dir zuo worem friden, kanstu es allein genemmen.“1691
„Soll ich dann nicht meine inneren Augen oder Ohren öffnen und meinem Gott danken, dass ein ewiger Rat an mir vollbracht worden ist? Sollte mir das leid sein? Es sollte mir zu sehr viel Dank (Anlass) sein. So ist es mit dem Verlust an Freunden oder an Gut und Ehre oder von Trost oder was das sei, was dir Gott gibt, dies alles bereitet dich (vor) und dient dir zu wahrem Frieden, wenn du es nur annehmen kannst.“
Eine weitere bittere Myrrhe, die Gott dem Menschen auferlegt, ist die „indewendige getrenge und indewendig vinsternisse“1692 („innerliche Bedrängnis und innerliche Finsternis“). Der Mensch gerät in eine Krise, in der er nicht wahrnehmen kann, dass Gott ihm diese Myrrhe aus Liebe gibt1693, d.h. es wird kein Sinn für ihn darin erkennbar. Aber
„der des wol war nimmet und sich darin lat, daz verzert fleisch und bluot und die nature und verwandelt die varwe vil me daz indewendige werg wan gros uebunge von ussen, wan Got kumet mit gruwelichen bekorungen und in wunderlichen und sunderlichen wissen die nieman erkennet wanne der sú bevindet. Es hant soliche lúte also wunderlichen liden under in, also sunderliche mirre, daz kume ieman sich darabe gerichten kan; aber Got weis wol war er mit wil.“1694
„wer das wohl wahrnimmt und sich darin fügt, dem verzehrt es Fleisch und Blut und die Natur und verwandelt das Aussehen viel mehr als das innerliche Werk, als große äußere Übungen, denn Gott kommt mit furchtbaren Versuchungen in wunderlichen und sonderbaren Weisen, die niemand erkennt, außer der, der sie erlebt. Es gibt unter solchen Leuten sehr wunderliche Leiden, sonderbare Bitterkeiten, dass kaum jemand sich darin zurechtfinden kann; aber Gott weiß wohl, was er damit will.“
Schädlich ist es, wenn der Mensch in dieser schweren Krise träge wird und sich nur noch um das eigene Leid in der Finsternis und Trockenheit dreht: „Vil liebes kint, dem warte, so bistu vil bas daran denne obe du in grosseme bevindende werest“1695 („Vielgeliebtes Kind, warte ab, so bist du viel besser dran, als wenn du Großes in dir fühltest“). Er soll das Leiden annehmen, ohne darum zu kreisen, und nicht durch Verdrängung Widerstand leisten.1696 So wird die äußere Myrrhe von den Sinnen des Menschen bekämpft, indem er sich z.B. einredet, dass ihn seine Weisheit vor Unglück bewahren könne und dass die äußerlichen Schicksale allein vom Glück oder Unglück des Menschen abhängig seien, nicht aber von Gott1697:
„Sú wellent Gotte zuo wise sin und in leren und in meistern, und enkunnent nit die ding von ime genemen.“1698
„Sie wollen weiser als Gott sein und ihn lehren und ihn meistern, und (sie) können nicht die Dinge von ihm annehmen.“
Der inneren Myrrhe widerstehen die Menschen „mit irre naturlichen behendekeit und brechent sich uz diseme getrenge, daz enist mit vernunftigen bilden“1699 („mit ihrer natürlichen Geschicklichkeit, und [sie] brechen aus dieser Bedrängnis durch Vorstellungen [mit Hilfe] der Vernunft“).1700 Für Tauler kommen deshalb die schlichten Leute schneller vorwärts auf ihrem Weg zu Gott, weil es für sie selbstverständlicher ist, alles als von Gott kommend anzunehmen.1701 Dabei könnte die Klugheit der vernünftigen Leute sie zu großen Dingen führen, wenn sie sich nur Gott einzig und allein überließen.1702 Wer sich aber Gott – in allem Leiden – überlässt, aus dem geht ein edles Pflänzchen hervor, der edle Weihrauch.1703 Dieser wird vom göttlichen Feuer erfasst, wodurch des Menschen Leben zu einem wahren Gebet und zu einer wahren Andacht gewandelt wird; es kommt zu einem wahren Aufschwung des menschlichen Gemütes in Gott1704:
„Kinder, wesenliche andaht das ist ein gemuetlich anhangen Gottes mit einem bereiten gemuete, minnen und meinen alles daz Gotte zuogehoeret, und das man sich innerlich Gotte verbunden habe und welle und meinen in allen dingen.“1705
„Kinder, wesentliche Andacht ist ein Anhangen des Gemütes an Gott mit einem bereiten Gemüte, mit Liebe und (voller) Verlangen nach allem, was zu Gott gehört, und dass man sich innerlich mit Gott verbunden habe und (verbinden) wolle und alles Verlangen (auf Gott richte) in allen Dingen.“
Mit all seinen äußeren und inneren Kräften – d.h. mit seinem Gemüt – ist der Mensch auf Gott hin ausgerichtet; er ist bereit, sich mit Gott zu vereinen und sich ihm zu überlassen.1706 Von dorther ist Andacht für Tauler
„ein inwendig verbinden mit Gotte mit einer bewegunge der ewikeit. Wenne du dich Gotte also verbindest, alsus gelobest, so hest du andaht, du sist wo du sist oder waz guoter wercke du tuost, welicher kunne die sint.“1707
„ein innerliches Verbinden mit Gott in einer Bewegung in die Ewigkeit. Wenn du dich also mit Gott verbindest, (dich ihm) also gelobest, so hast du Andacht, wo du (auch immer) bist oder welche guten Werke du tust, welcher Art sie auch seien.“
Die eigentliche Andacht, das wahre Gebet, ist also Tauler zufolge „in eime nehern sinne ... ein vereinender inker des geschaffenen geistes in den ungeschaffenen geist Gottes“1708 („in einem näheren Sinne ... eine vereinende Einkehr des geschaffenen Geistes in den ungeschaffenen Geist [Gottes]“).1709 Damit das so bleibt, besteht das „praktische Werk“ der Andacht darin, dass
„der grunt mit minnen und mit flisse werde dicke erfrischet und ernuwet und angesehen weles der grunt der meinungen in allen wisen unde werken si, daz sich nút valsches dorin verberge und do nature wúrcke do man wenet daz es alles Got si.“1710
„der Grund mit Liebe und Eifer und mit Fleiß oft erneuert werde und dass gesehen (werde), welches der Grund der Gesinnung in allen Weisen und Werken sei, damit sich nichts Falsches darin verberge und dort die Natur wirke, wo man glaubt, dass es allein Gott sei.“
Zu dieser Haltung der Andacht gegenüber Gott gelangt der Mensch durch Leiden. Alle Leiden aber – die der ersten Umkehr und die von Gott gesandten äußeren und inneren sowie die innere Bedrängnis – haben das Ziel, dass sich der Mensch allein dem Willen und Wirken Gottes überlässt. Denn nur, wenn sich der Mensch völlig Gott überlässt, kann er wieder in Gott einkehren durch Gottes Gnade.
Wer sich äußerlich von allem abkehrt, was den Weg zu Gott behindert, und alles annimmt, was ihm widerfährt durch Gott und den Menschen, wer die innerliche Bedrängnis und Finsternis aushält, der findet in aller Bedrängnis, in allem Unfrieden, dennoch den wahren Frieden: Er wird zum wahren Zeugen Christi in „Jerusalem“, in „Judäa“ und „Samaria“.1711 Er wird Zeuge in „Jerusalem“, die eine „stat des friden und ouch eine stat des unfriden“1712 („Stadt des Friedens und auch eine Stadt des Unfriedens“) ist, da „Cristus do so unmessekliche leit und bitterlichen starp“1713 („Christus dort so unermesslich litt und bitterlich starb“). Der Mensch muss wie Christus „fride in unfrieden“1714 („Friede in Unfrieden“) suchen, Frieden und Gelassenheit im Leiden, denn nur in diesem Unfrieden wird der „gewar friede geborn, der blibende und werende were“1715(„wahre Friede geboren, der bleibend und von Dauer wäre“). Der Mensch wird schließlich auch ein wahrer Zeuge in „Judäa“, was in Taulers Auslegung „ ‘Got begehen‘ oder ‚Got loben‘“1716 („‘Gott bekennen‘ oder ‚Gott loben‘ “) bedeutet. In allen Werken, Weisen und in allen Absichten bekennt sich der wahre Zeuge zu Gott, d.h. er findet Gott in allen Dingen1717:
„Die Gottes gezúge sint in der worheit, die gestont wol in liebe, in leide uf Gotte und in sime willen sunder wang, er gebe er neme. Sú ensint ouch nút enthalten uf iren eigenem ufsetzen.“1718
„Die Gotteszeugen sind in der Wahrheit, stehen in Liebe, in Leiden auf Gott und in seinem Willen ohne Wanken, er gebe (oder) er nehme. Sie halten auch nicht an ihren eigenen Vorsätzen fest.“
Wer Gott aber in allen Dingen finden kann, der kann ihn auch loben um aller Dinge willen, wie immer sie ihm auch zufallen „ussewendig oder indewendig, mit ime oder wieder in, so het er wol geroten“1719 („äußerlich und innerlich, für ihn oder gegen ihn, so wäre er [auf den rechten Weg] geraten“). Er wäre des Weiteren dazu in der Lage, Gott alles wieder zurückzugeben, was er von ihm als Ursprung aller Gaben erhalten hat:
„Ouch kinder, das er alle ding mit dangnemekeit Gotte wieder uftruege, daz wer ein sicher und ein war gezúg. Trage es rehte wieder in den grunt do es usgeflossen ist.“1720
„Auch, Kinder, dass er alle Dinge mit Dankbarkeit wieder Gott zurücktrage; das wäre ein sicherer und ein wahrer Zeuge. Trage es recht wieder in den (göttlichen) Grund, wo es ausgeflossen ist.“
Alle Dinge aber zu Gott zurücktragen heißt, sie und dabei sich selbst Gott opfern:
„Dar trag din ufvelle und din invelle, was es ist und wo es her kummet, oppfers ime wider uf und dich domitte.“1721
„Dahin trage, was auf dich fällt und was dir einfällt, was es (auch) sei und wo es herkommt, opfere es ihm wieder und dich damit.“
Der Mensch hält sich selbst für nichts, so dass er selbst „mit allen dingen“1722 in den göttlichen Grund fließt. Dort aber wird das „wore lop Gottes geborn und bringet in der worheit fruht“1723 („wahre Lob Gottes geboren und bringt in Wahrheit Frucht“).
Der wahrhaftige Zeuge ist dies auch in „Samaria“. „Samaria“ aber bedeutet „ein vereinunge mit Gotte“1724 („Vereinigung mit Gott“):
„Da ist daz allerwareste sicherste gezúg, do man Gotte vereinet ist in der worheit. Do entwúschet der geist ime selber und allen creaturen, wan in Gotz einikeit do verlúret man alle manigvaltekeit und wort do erhaben úber manigvaltikeit.“1725
„Da ist das wahrste und sicherste Zeugnis, wo man mit Gott in der Wahrheit vereinigt ist. Da entwischt der (menschliche) Geist sich selber und allen Geschöpfen, denn in Gottes Einigkeit, da verliert man alle Mannigfaltigkeit und da (wird) man erhoben über (alle) Mannigfaltigkeit.“
Die obersten Kräfte des Menschen werden zu Gott in den Himmel erhoben, und sie ziehen von dorther die niederen Kräfte nach sich1726:
„Do in disem gezúge so werdent die obersten krefte ufgefuert in den himmel, do der heilge Got vereinet ist und so sú ire selikeit inne enpfindent und do sú Gotz gebrúchent in der worheit, und sú ziehent die nidersten krefte noch in also verre also múgelich ist.“1727
„Dort, in diesem Zeugnis, da werden die obersten Kräfte hinaufgeführt in den Himmel, dort, wo der heilige Gott vereinigt ist, und dort empfinden sie ihre Seligkeit und genießen Gott in der Wahrheit, und sie ziehen die niederen Kräfte nach sich, so weit es möglich ist.“
In dieser Himmelfahrt aller Kräfte „vergehen“ diese, in der Art, dass der Mensch im Wirken nichts zum Ausdruck bringt, „denne Got loben aller minneklicher sunderlichen goben die der herre mit ime getan hat, wanne er bekennet sú in Gotte und ennimmet er sich zumole nút an“1728 („als Gott zu loben aller lieblichen, besonderen Gaben wegen, die der Herr ihm gegeben hat, denn er erkennt, dass sie von Gott sind, und er schreibt sie sich nicht zu“).
Die Himmelfahrt aller Kräfte führt also zu der Erkenntnis, dass alles von Gott stammt, wodurch der Mensch sich nun noch mehr Gott überlässt. Dann aber führt ihn Gott in den „andern himmel“1729 („anderen Himmel“), d.h.
„in daz goetteliche wesen; do verlúret der geist so gar in dem himmele daz er sich selber do verlúret alzuomole, und do versincket er.“1730
„in das (eine) göttliche Sein; dort verliert sich der (menschliche) Geist ganz und gar in dem Himmel, (so) dass er sich dort selber gänzlich verliert und dort versinkt.“
In dieser Einheit mit Gott löst sich die menschliche Person nicht auf, wie z.B. im Sinne des buddhistischen Nirwana.1731 Der Mensch bleibt weiterhin mit seinen niederen Kräften – selbst, wenn er mit seinen oberen Kräften in Gott wohnt – mit allem Irdisch-Kreatürlichen und mit der Zeitlichkeit verbunden, was immer wieder neuen Unfrieden und neues Leiden in ihm hervorruft: „Und alsus hanget rechte der mensche enzwúschent himmel und erden“1732 („Und so hängt der Mensch recht zwischen Himmel und Erde“). Dieser Unfriede führt jedoch zu einer vertieften Demut, da sich der Mensch beständig genötigt sieht zu prüfen, ob er in seinem Grund Gott oder etwas anderes wohnen hat.1733 Deshalb bleibt er – egal wie weit er auf seinem Weg in Gott fortgeschritten ist – immer ein Anfänger1734:
„In der allerniedersten uebunge kan er sich halten, do er es zuo dem aller ersten begunde, und verkleinet kein ding, wie snoede es ouch si, und het in eime ieglichem gewaren frieden; und alsus ist er ein wesenlich gezúg unsers herren.“1735
„In der allerniedersten Übung kann er verweilen, mit der er zuerst begann, und er verkleinert kein Ding, wie schnöde es auch sei, und er hat in einem jeden wahren Frieden; und so ist er ein wirklicher Zeuge unseres Herrn.“
Die Einheit des Menschen mit Gott führt zu einer größeren Verbundenheit mit den Menschen und der Schöpfung. So weinen diese wahren Gottesfreunde stellvertretend für die Sünder der Welt, damit diese sich bessern können.1736 Doch kann die Vereinigung Gottes mit den Menschen mit irdisch-menschlichen Maßstäben nicht gemessen werden1737, denn
„der geist enweis es selber nút, wanne er ist also versmoltzen in das goetteliche abgrunde das er nút enweis, enfuelet noch ensmacket dan einen einigen lutern blossen einvaltigen Got.“1738
„der Geist (des Menschen) weiß es selber nicht, denn er ist so verschmolzen mit dem göttlichen Abgrund, dass er nichts weiß, fühlt noch empfindet, außer den einen einigen lauteren bloßen ungeteilten Gott.“
Die „Erfahrung“ des einen ungeteilten Gottes ist aber ein „Nicht-Erfahren“, da der eine Gott allem irdisch-menschlichen Erfahren entzogen ist.1739 Halten wir mit Taulers Worten fest:
„Du solt liden die urteil und die verhengnisse Gottes, wo und wie die uf dich vallent, es si von Gote oder von den lúten. Dir sterbent dine frúnt oder verlúrest des guotes oder der eren, des trostes indewendig oder ussewendig, Gottes oder der creaturen, die búrde soltu lichtecliche tragen und dine eigene gebresten, die dir leit sint und nit überwinden kanst noch enmachst; so leg dich under die búrde zuo lidende in den goettelichen willen und gip es Gott. ... Wer sich truckete under dise und alle die urteil und verhengnisse Gottes in demuetiger gelossenheit und litte sich in Gottes willen, in habende und in darbende, mit eime biblibenden ernste in demuetiger hoffenunge, und alle ding von Gotte nemen und sú ime wider uftragen in rechter abgescheidenheit und mit eime inneblibende bi ime selber, und sich insenken in den ewigen willen Gottes in eime verloeickende sin selbes und aller creaturen, so wer dis tete und in disem stunde, dem wer die búrde Gottes lichte in der worheit ... , wanne got truege die búrde und der mensche wer zuomole lidig und also uz gegangen und Got ginge zuomole in aller wise in in alles des menschen tuon und lossen.“1740
„Du sollst leiden die Urteile und Fügungen Gottes, wo und wie sie auch auf dich fallen, seien sie von Gott oder von den Leuten. Dir sterben deine Freunde oder du verlierst Gut oder Ehre, inwendig oder äußerlich, mag es von Gott oder von den Geschöpfen kommen; diese Bürden sollst du leichtlich tragen und deine eigenen Gebrechen, die dir leid tun, (aber) nicht überwinden kannst noch es vermagst; so lege dich unter die Bürde, um zu leiden unter dem göttlichen Willen und gib (dein Leiden) Gott. ... Wer sich beuge unter diese und alle Urteile und Schickungen Gottes in demütiger Gelassenheit und sich Gottes Willen füge, in Haben und Darben, mit einem anhaltenden Ernst in demütiger Hoffnung, und (wer) alle Dinge von Gott annehme und sie ihm wieder zurücktrage in rechter Loslösung und mit einem bei sich bleiben, (wer) einsinkt in den ewigen Willen Gottes in Verleugnung seiner selbst und aller Geschöpfe, wer (also) dies täte und darin stünde, dem wäre die Bürde Gottes in Wahrheit leicht... , denn Gott trüge die Bürde und der Mensch wäre völlig ledig und so ausgegangen (aus sich selbst), und Gott ginge völlig, in aller Weise, in alles Tun und Lassen des Menschen.“
Wir wollen nun noch genauer auf die dritte Form des Leidens eingehen. Tauler umschreibt dieses Leiden als finstere und weite Hoffnung auf Erlösung1742, als innerliche Bedrängnis und Finsternis1743, und er nennt es schließlich auch die „Arbeit der Nacht“:
„Das ist in gelossenheit, in armuote und stark kreftig dúnsternisse und untrost, also das si habent enkeinen enthalt noch lúchten noch burnen in bevintlicher wise noch in smackender wise.“1744
„Das bedeutet in Gelassenheit, in Armut und in starker, kräftiger Düsternis und in mangelndem Trost (zu stehen), so dass (diese Menschen) weder einen Halt, noch Licht, noch Glanz in empfindender oder verkostender Weise (haben).“
Die „Arbeit der Nacht“ ist die radikalste Form der Gelassenheit. In dieser Art des Leidens empfindet der Mensch weder Trost noch Freude in seinem Leben mit Gott; er spürt nicht mehr, dass Gott ihm nahe ist:
„Alle die fúrwurfe und die engegenwúrfe in aller der wise im Got hie fúr gehalten wirt, ... das im das alzemole als gar benomen wirt, und wirt als gar umbekert als er es nie noch nie engewunne.“1745
„Alle Vorstellungen und alle Weisen der (Lebens)entwürfe, in denen Gott sich ihm darstellt, ... werden ihm ganz und gar genommen und werden ganz umgekehrt, als ob er sie niemals gewonnen hätte.“
Tauler spricht auch von Gottes Faust1746, durch die der Mensch „mit troewende, mit schreckende“1747 („mit Drohungen und mit Schrecken“) erfüllt wird: Zu Beginn seines geistlichen Lebens – wenn sich der Mensch mehr in die Einsamkeit zurückzieht und er alle Zerstreuungen hinter sich lässt – hebt ihn Gott über alle äußeren und inneren Dinge und „ergetzet in sines langen beitendes“1748 („entschädigt ihn für sein langes Ausharren“), d.h. er erfüllt ihn mit Freude.1749 Damit er sich aber in dieser Freude, „in disem bevindende nút ... erhebe“1750 („in diesem Empfinden nicht ... überhebe“), „trukt“1751 („beugt“) er ihn nieder in eine „vinsternisse begegent im inwendig, und ein tief ellent weg und enweis noch enhat nút“1752 („Finsternis, die ihm innerlich begegnet, und ein tiefer elender Weg [ist], auf dem er weder etwas weiß noch hat“).1753 Zudem bedrängen ihn längst überwunden geglaubte Versuchungen und Sünden, wie z.B. Unglaube, Hoffart, Unkeuschheit.1754 Mit seinen „Fäusten“ aber reinigt Gott den „boesen vergiftigen grunt der hofart“1755 („bösen, vergifteten Grund der Hoffart“).
Durch dieses Leiden soll der Mensch dazu gebracht werden, sich völlig dem Wirken der göttlichen Gnade hinzugeben. Deshalb ist ihm alles entzogen worden, was sein bisheriges geistliches Leben getragen hat; er spürt, „das ensmakt im nút me“1756 („das schmeckt ihm nicht mehr“). Aber das, was ihm schmeckt und was er sucht, die vollkommenere Vereinigung mit Gott, „des envint er nút me und stot in grossem starkem getrenge und in bancheit“1757 („das findet er nicht mehr, und [so] steht er in großer Drangsal und in Bangigkeit“). Der Weg wird finster, weil der Mensch plötzlich in einer „unbekenntnisse“1758 („Unkenntnis“) gegenüber Gott steht: „Die ... wandelunge die ist unbiltlich sunder alle bilde“1759 („Dieser Wandel ... ist unbildlich, ohne alles Bildhafte“), d.h. außerhalb anschaulicher Vorstellungen und Phantasiebilder. Aufgrund seiner menschlichen Natur bleibt der Mensch jedoch mit dem Bildhaft-Sinnlichen und der Vernunft verbunden; aufgrund seiner auf Gott hin ausgerichteten menschlichen Seite sucht er dagegen den unbildlichen Gott, d.h. sein wahres Wesen. Das führt zu einem inneren Konflikt:
„In disem vinsternisse kumet die nature in gros getrenge und unfride, wan der mensch stot hie enzwischent zwein enden in einem mittel: das sint bilde und unbilde.“1760
In dieser Finsternis gerät die Natur (des Menschen) in große Bedrängnis und in Unfrieden, denn der Mensch steht hier zwischen zwei Richtungen: das sind Bildhaftigkeit und Bildlosigkeit.“
Auf diesem finsteren Weg verlässt der Mensch die breite Strasse und beschreitet einen schmalen Weg, der zwischen zwei „oertelin“1761 („Orten“) hindurchführt: zwischen Wissen und Unwissen, Sicherheit und Unsicherheit, Friede des Geistes und Unfriede der menschlichen Natur, Zuversicht und Furcht1762:
„Die unwissen sol man nemen nach dem inwendigen grunde. Mer in dem usseren menschen und in den kreften do sol man entruwen wissen wie man dran si und wo mit man umbe gange.“1763
„Das Unwissen soll man annehmen bezüglich (des Wirkens) des inwendigen Grundes. Aber über den äußeren Menschen und über die Kräfte, da soll man wahrhaftig wissen, woran man ist und womit man umgeht.“
Doch er soll sich weder beim Wissen noch beim Unwissen lange aufhalten, denn auf „beiden mocht er irren: das ein in erheben und das ander in entsetzen“1764 („beiden [Wegen] vermag er sich zu irren: der eine kann ihn erheben und der andere niederdrücken“): Das Wissen auf rein natürlicher intellektueller Basis kann zu Überheblichkeit, das mangelnde Wissen zu Verzweiflung führen. Doch diese Spannung muss der Bedrängte aushalten. Er darf nicht den Fehler begehen, den finsteren Weg zu verlassen und dadurch sein Ziel aus den Augen zu verlieren.1765 Durch Unwissen und Wissen gelangt er mit Hilfe eines „einvaltigen geloben“1766 („einfachen Glaubens“): „henk dich und leine dich zartlichen und guotlichen an dinen guoten Got“1767 („Halte und binde dich zärtlich und gütlich an deinen guten Gott“). Mit der heiligen Hoffnung überwindet er Sicherheit und Unsicherheit, mit rechter Gelassenheit Friede des [menschlichen] Geistes und Unfrieden in der Natur des Menschen, und mit rechter Demut gelangt er durch Zuversicht und Furcht.1768
Entscheidend ist, dass sich der Mensch passiv-empfangend, abwartend und duldend, d.h. sich leidend verhält.1769 Damit ist gemeint: Er nimmt all das an, was Gott ihm gibt und in ihm und mit ihm wirkt. Denn die Aufgabe des Menschen ist es, von Gott zu empfangen, was immer es auch sei:
„Das werg sol gottes sin und nit unser, und got in nemen, wan der mensche mag von nature me liden denne wúrken, me nemen denne geben; wan ein iegliche gobe die bereitet und wiget die begerunge zuo tusent werbe meren goben, der sich wolte ehte müssigen und lidigen und in innewendigen stillen halten und warten gotz werkes in ime, und gebe gotte stat und litte got in ime das in ime gewúrcken möhte sin edel götlich werk; wan got ist ein luter wúrken, und der geist in ime selber ein luter liden.“1770
„Das Werk soll Gottes Werk sein und nicht unseres, und (wir sollen) Gott in (uns) aufnehmen, denn der Mensch kann von Natur (aus) mehr leiden als wirken, mehr nehmen als geben; denn eine jegliche Gabe bereitet und regt das Begehren zu tausendfach mehr Gaben an, wenn er sich wollte echt müßigen und befreien und in innerer Stille halten und warten auf Gottes Werk in ihm, und er gebe Gott eine Wohnstatt (in ihm) und (er) erleide Gott in sich, dass er in ihm wirken könne sein edles göttliches Werk; denn Gott ist lauteres Wirken und der Geist in ihm selber ist ein lauteres Leiden.“
Dieses „innewendig got liden“1771 („innerliche Gott leiden“) ist die würdigste und edelste Form des Leidens überhaupt1772, weil Gott völlig ungehindert im Menschen wirken und sich mit ihm vereinen kann.1773 Was der Mensch in diesem Gott-Leiden erdulden muss, ist das namenlose, formlose und bildlose Sein des einen Gottes.1774 Das wahre Wesen Gottes ist dem Menschen unbekannt und finster, und deshalb fühlt sich der Mensch von Gott verlassen, von allem geistlichen Trost beraubt. Der Mensch glaubt sich in der göttlichen Finsternis verloren, „das ist in das vinsternisse der unbekantheit Gots“1775 („das ist in die Finsternis der Unbekanntheit Gottes“). Doch in dieser Finsternis wird der Mensch „wider bilt und ernúwet, und also vil wirt der geist úber gossen und úberformet von Gotz geiste“1776 („neu gebildet und erneuert, und genauso viel wird der Geist [des Menschen] übergossen und überformt von Gottes Geist“).
„Och kinder, die minneklichen menschen die sich us lident in disem ellenden vinsternisse, das werdent die aller liebsten edelsten menschen ... . Kinder, der mensche muos hert und vaste ston in den minneklichen fuosstaphen ... , das muos sin. ... Nu wo gelendent dise lúte? Weles ist nu ir ende? Das ist das der herre in einer kurzen stunde gehelingen – so kumet ein blik – und der bringet in so minneklichen die verborgene guote: do wirt es in alles uf geton in dem wunderlichen liechte und in den blicken in dem klaren schine, die in dem inwendigen grunde gelúchtet hant, die verborgene worheit.“1777
„Ach Kinder, die liebreichen Menschen, die diese elende Finsternis durchleiden, werden die allerliebsten, edelsten Menschen ... . Kinder, der Mensch muss hart und fest stehen in den liebreichen Fußstapfen (unseres Herrn) ... , das muss sein. ... Nun, wo gelangen diese Leute hin? Was ist nun ihr Ziel? Das ist, dass der Herr plötzlich kommt – wie ein Blitz – und er bringt ihnen so liebevoll die verborgene Güte: Da wird ihnen alles offenbart in dem wunderbaren Lichte und im Glanz dieses klaren Scheins, die verborgene Wahrheit.“
Zusammenfassend beantwortet Tauler die Frage, warum gute Menschen überhaupt leiden müssen, unter Berufung auf Albertus Magnus1778, wie folgt:
„Das eine: das er den menschen versuochen wil, ob im menschen út getúrre geloben und getrúwen. Darumbe lot Got dicke den menschen in not komen, das er in lere gelossenheit, und och, als er ime usser der not gehilfet, das er in denne bekenne und sine frúntschaft und sin helfe, das sine minne und danknemkeit dannan ab wachse, und Gotte naher kome und lieber werde, oder das er hie mit im sin vegfúr minren wil, oder zuo eime urteil die die es wol besseren múgent und es nút entunt.“1779
„Das eine: dass er den Menschen prüfen will, ob im Menschen wirklich Mut ist, ihm zu glauben und zu vertrauen. Darum lässt Gott den Menschen oft in Not kommen, damit er ihn lehre Gelassenheit, und auch, wenn er ihm aus der Not geholfen hat, dass er ihn (Gott) erkenne und seine Freundschaft und seine Hilfe, (und) dass seine Liebe und Dankbarkeit (gegenüber Gott) von da an wachse und (er) Gott näher komme und (ihm) lieber werde, oder dass er hiermit (d.h. mit dem Leiden) sein eigenes Fegfeuer mindern will, oder denen zur Verurteilung, die dieses (Leiden) bessern könnte, aber es nicht tun.“
In der Predigt am Mittwoch vor Palmsonntag vergleicht Tauler die Situation des Menschen mit dem Winter. Im Winter lebt zunächst derjenige, der sich von Gott entfernt hat, weil die nicht angenommene Gnade Gottes das Herz erkalten lässt.1780 Wichtiger ist Tauler jedoch eine andere Form des Winters, die nämlich, unter der der Mensch leidet, wenn er sich ganz auf Gott eingelassen hat:
„Do ein guot goetlich mensche, der Got minnet und meinet und sich mit flisse huetet vor súnden, und doch von Gotte gelossen wurt in bevintlicher wisen, und dúrre und vinster und kalt wurt von allem goetlichen troste und suessikeit.“1781
„Da ein guter, göttlicher Mensch, der Gott liebt und (ihn allein) im Sinn hat und sich vor Sünden hütet, aber dennoch von Gott gelassen wird in empfindender Weise, in Dürre und Trockenheit, und (ihm) kalt wird von allem göttlichen Trost und aller Süßigkeit.“
Wer diesen Weg gehen muss, der folgt auf diese Weise dem Beispiel des leidenden und sterbenden Jesus Christus, denn Jesus Christus ist den gleichen Weg gegangen – allerdings war sein Leiden größer1782: Am Kreuz war Christus
„also gar gelossen ... von sime vatter in helffender wisen und der gotheit, der er doch natúrlichen waz vereiniget, daz ein einig troppfe sinre gotheit der krancker durchlidender menschheit nie einen ougenblig zuo helffe enkam in allen sinen noeten und in sime unsprechenlicheme lidende“1783
„völlig verlassen (gelassen) … von der Hilfe seines Vaters und von der Gottheit, mit der er doch von seiner Natur her vereinigt war, dass nicht einmal ein kleiner Tropfen seiner Gottheit (seiner) kranken, leidenden Menschheit auch nur einen Augenblick zu Hilfe kam in allen seinen Nöten und in seinem unaussprechlichen Leiden.“
Mit Hilfe des Beispiels Jesu Christi ist es dem Menschen möglich, diese Dunkelheit zu ertragen: Wie ein Schaf folgen die Bedrängten ihrem „minneclichen hirten“1784 („geliebten Hirten“) auf dem Weg in diesen Winter, „in gelossenre gelossenheit von innan und ussen“1785 („in gelassener Gelassenheit von innen und außen“); sie freuen sich ihres einzig und allein auf Gott hin ausgerichteten „frien willen“1786 („freien Willens“), und nehmen es hin, von allen Geschöpfen und von ihren persönlichen Vorstellungen über Gott „befreit“ zu sein.1787 Denn in dieser Gelassenheit – die keine irdische Vernunft begreifen kann1788 – ist ihnen „Got Jhesus werlicher und nútzlicher ... gegenwertig“1789 („[die] Göttlichkeit Jesu wahrhaftiger und nützlicher gegenwärtig“) als im Gottgenießen mit den äußeren Sinnen oder in der Erkenntnis mittels der natürlichen Vernunft. In Gleichmut soll der Mensch alle Dinge Gott anbefehlen1790 und ein mit innerem Frieden erfüllter gelassener Mensch werden1791:
„Also es zuomole winter ist und dúrre vinstere quetschlicher quellende vinsterkeit gelossenheit, daz geht úber alle bevindende gebrúchlicheit, so man sich hielte in gelicher gelicheit.“1792
„Wenn es also gänzlich Winter ist und (man sich) in dürrer, finsterer, bedrängender, anschwellender Finsternis (und) Gelassenheit (befindet), (dann) geht das über alles empfindende Genießen, wenn man sich hielte in gleicher Gleichmäßigkeit.“
Keinesfalls soll der Mensch vor dem Leiden davonlaufen:
„Blibe allein bi dir selber und enlof nút us und lide dich su und ensuche nút ein anders.“1793
„Bleibe allein bei dir selber und lauf nicht davon und leide und suche nichts anderes.“
Der Leidende beachtet weder die aufkommenden Zweifel noch sucht er Hilfe bei anderen Menschen, vor allem bei den Lehrmeistern.1794 Wichtig ist aber, dass der Mensch in dieser Krise allein auf Gott vertraut; nur auf diese Weise kann er in den göttlichen Ursprung geführt werden:
„In der worheit blibest du do bi, die geburt die ist nach und sol in dir geborn werden. Und wissist uf mich das niemer enkein getrenge in den menschen uf gestot, Got enwelle noch dem eine núwe geburt in im ernúwen.“1795
„Wahrhaftig, bliebest du dabei, die Geburt (Gottes in dir) ist nahe und soll in dir geboren werden. Und glaube mir, dass keine Drangsal im Menschen entsteht, (es sei denn), Gott wolle eine neue Geburt in ihm herbeiführen.“
Leiden unter der Finsternis Gottes bedeutet aber auch, von Christus verlassen zu sein, womit Tauler den irdischen Jesus, d.h. die Menschheit Christi meint. Denn wer nur die Menschheit Christi betrachtet, der verliert womöglich den Bezug zur Gottheit Christi; die Gottheit Christi ist jedoch – wie das Sein des einen Gottes – allem Irdisch-Kreatürlichen entzogen.1796 In dieser Gelassenheit aber ist der Weg frei für die Vereinigung mit der Gottheit Christi – für die Geburt des Sohnes im Grund der Seele.1797
Dass der Mensch in die Finsternis Gottes einkehrt, ist für Tauler ein Zeichen dafür, dass Gott den Menschen weiter führt: Der Geist des Menschen wird in der Unbekanntheit und Finsternis Gottes „wider bilt und ernúwet“1798 („neu gebildet und erneuert“). Deshalb soll der Mensch in diese Finsternis Gottes einkehren und sich in ihr Gott überlassen; diese Hinkehr ist für Tauler die „weseliche kere“1799 („wesentliche Kehr“). In sie kann sich der Gläubige einüben:
„Her zuo ist die nacht der stillen ein alzemole nútze und fúrderlich dinge. So wenne der mensche einen guoten slaf hat geton vor der mettin, denne sol er sich verstelen allen sinen sinnen und sinlichen kreften und er sol sich mit allen sinen kreften nach der mettin recht in senken úber alle bilde und formen und úber alle sin krefte erswimmen.“1800
„Hierzu ist die Stille der Nacht ganz und gar nützlich und förderlich. Wenn der Mensch gut geschlafen hat vor der Mette, dann soll er sich entziehen allen seinen Sinnen und sinnlichen Kräften, und er soll sich mit allen seinen Kräften nach den Metten versenken über alle Bilder und Formen hinaus und über alle seine Kräfte sich emporschwingen."
Aufgrund seiner Schwächen und Sünden darf und kann sich der Mensch von sich aus der göttlichen Finsternis überhaupt nicht nähern. Allein auf Gottes Gnade kommt es an. So soll sich der Mensch dem Wirken, der Gnade des unbekannten Gottes überlassen:
[Er] „losse sich do inne Gotte einvalteklichen und enfroge nút noch envordere nút, denne meine und minne Got, und wirf in den unbekanten Got alle ding, och dine gebresten und dine súnde und alle die sache die du vor haben macht, alles in der wúrklichen minne; wirf es alles in den vinsteren unbekanten goetlichen willen.“1801
[Er] „(über)lasse sich Gott (in aller) Schlichtheit, und er frage nicht noch fordere er; nur Gott (soll) er im Sinn haben und (nur) ihn lieben, und wirf in den unbekannten Gott alle Dinge, auch deine Gebrechen und deine Sünden und alle die Sachen, die du vorhast in der wirkenden Liebe; wirf es alles in den finsteren, unbekannten göttlichen Willen.“
Gefordert ist von Seiten des Menschen eine passiv empfangende Haltung gegenüber Gottes unbekanntem Willen.1802 Passivität meint aber Bereitschaft zum Tun aus dem Geist Gottes heraus:
„Nu als dis mensche in disem inwendigen werke were, gebe im denne Gott das er das hoch edele ding liesse und solte einem siechen gon dienen, im lichte ein suffe machen, das solt der mensche mit grossem friden tuon. Und ob ich der menschen einer were und solte das denne lossen und solte her us keren ze brediende oder des gelich tuon, es moechte wol geschehen das mir Got gegenwúrtiger werde und me guotz tete in dem usserlichen werke denne lichte in vil grosse schouwelicheit.“1803
„Nun, wenn der Mensch in diesem inneren Werk wäre, (und) Gott gäbe ihm dann, dass er dieses hohe edle Werke ließe und er solle einem Kranken dienen, ihm vielleicht ein Getränk zubereiten, dann soll der Mensch das in großem Frieden tun. Und wäre ich ein solcher Mensch und sollte (die innere Übung) lassen und sollte hinausgehen, um zu predigen oder dergleichen zu tun, es könnte wohl geschehen, dass mir Gott gegenwärtiger wäre und mehr Gutes täte in dem äußeren Werk als vielleicht in großer Beschauung.“
Es kommt also einzig und allein darauf an, sich Gott für das Werk zur Verfügung zu stellen, für das der Einzelne bestimmt ist – sei es ein äußeres Werk der Nächstenliebe, sei es ein rein kontemplatives beschauendes geistliches Leben oder ein zugleich kontemplatives und aktives Leben. Eines aber wird deutlich: Ein Leben im tiefen und stillen Gebet – d.h. in der reinen Kontemplation – kann sich niemals von den Menschen entfernen. Die Glaubwürdigkeit und Echtheit eines christlichen Lebens zeigt sich also in der Haltung zum Mitmenschen, in der Bereitschaft zur Nächstenliebe.
„Also súllen dise edele menschen, als si sich des nachtes vil wol hant geuebet in disem innerlichen kere und des morgens och ein wening: su súllent si denne fúrbas in guotem friden ir geschefte tuon, ein iekliches als es im Got fueget, und nem Gotz in den werken war, wan er si sicher: eime geschicht etwenne in disem me guotz denne in yerne.“1804
„So sollen (sich) diese edlen Menschen (verhalten), wenn sie sich in der Nacht und (auch) ein wenig am Morgen gar wohl geübt haben in dieser innerlichen Kehr: So sollen sie dann in gutem Frieden ihre Geschäfte tun, ein jeder, wie es Gott ihm fügt, und (er) nehme Gott in den Werken wahr, denn man kann sicher sein: Es geschieht einem in diesem mehr Gutes als in jener (Beschauung).“
Diejenigen, die so leben, sind für Tauler die „woren armen des geistes“1805 („wahren Armen des Geistes“), die „ir selbes und des iren verloeigent hant und Gotte volgent, war er si haben wil“1806 („sich selbst und das Ihre verleugnet haben und Gott dahin folgen, wohin er sie haben will“). Diese Menschen wissen auf diesem Weg oft selbst nicht, „das si als vil wol dar an sint“1807 („wie nahe sie wohl daran sind [d.h. in Gott]“), aber sie gehen ihren Weg dennoch weiter. Gott „verbirgt“ sich ihnen, damit sich nicht deren menschliche Natur über sie erhebe und sie sich Gaben zuschreiben, die Gott ihnen in Wahrheit geschenkt hat.1808
Einem wahren demütigen Menschen aber, dem gibt Gott durchaus die Höhe seines Zustandes zu erkennen1809: „wan der rechte tiefmuetige mensche, so er me bekent siner eren, so er tieffer in den grunt versinket, wan er enzelt im enkein guot zuo“1810 („Denn der rechte tief demütige Mensch, je mehr er seine Ehre erkennt, um so tiefer versinkt er in den Grund, denn er rechnet sich nichts Gutes zu“). Diese Menschen wachsen durch das Leiden, u.a. durch das schlechte Verhalten anderer: Während früher die Nichtchristen die heiligen Menschen marterten, sind das heute diejenigen, die „vil heilig schinent und vil grossen schin hant“1811 („sehr heilig und groß erscheinen“) und große Werke verrichten. Bei diesen Martern handelt es sich um ganz alltägliche Erfahrungen: „Wan dise sprechent, dir zemole unrecht, und sie haben vil gesehen und grossen bredier gehoert und wissen wol“1812 („Denn diese sprechen, du hättest unrecht [mit deinem Weg], und sie [aber] haben große Prediger gehört und wissen [deshalb] gut Bescheid“). Derartige Leiden soll der Mensch annehmen und ertragen:
„Nu lide dich und la dich und bucke und swig stille und sprich inwendig: ‚lieber herre, du weist wol, ich enmeine nút denne dich‘.“1813
„Nun, erleide das und lass dich und beuge dich und schweig in Stille und sprich: ‚Lieber Herr, du weißt wohl, ich habe nichts im Sinn als dich allein‘.“
Wer sich also Gott und allen Geschöpfen beugt – wer also von sich selbst nichts hält – wird in Gott erneuert1814:
„Ja das ist ungedenklich und ungeloeiplich, wie das zuonemen ist, das ist in einem ieklichen gedanke, wie klein ein wort, ein werk ist, do in im selber nút vil an notdurft enist.“1815
„Ja, das ist nicht auszudenken und unglaublich, wie sehr deren Fortschritt ist (auf dem Weg in Gott); in jedem Gedanken, wie klein ein Wort, ein Werk auch ist, mag es auch selbst nicht sehr bedeutend sein.“
Diese Erneuerung strahlt auch nach Außen aus, denn Gott „bringet im in einem blicke gehelingen die wúrkliche minne, das dem menschen inne ist“1816 („bringt ihm in einem Augenblick die wirkende Liebe, die im Menschen ist“). Der Mensch möchte für die Christenheit, für Verstorbene und Lebende tätig werden.1817 Die Erneuerung des Menschen betrifft nicht nur den Einzelnen positiv, sondern hat auch Auswirkungen auf die Welt.1818
Zu den Leiden an Gott gehören für Tauler auch die Versuchungen. Wenn der Mensch sich von Gott verlassen wähnt, bedrängen ihn auch längst überwunden geglaubte Versuchungen wieder.1820 Wir werden im Folgenden sehen, dass die Versuchungen durch den bösen Feind1821 keinesfalls von Gott zu trennen sind: Auch die Versuchungen durch das Böse kann Gott in seinen „Dienst“ stellen, um den Menschen zu sich zu rufen.1822 Der böse Feind
„der tuot all sine liste und behentkeit dar zuo ane underlos, das uns verleite und eweklich verderbe, und nimet sterklichen war wo er eine stunde oder einen ogenblick vint das wir nút flis der andacht enhan und einer vensteren offen vergessen unserre usserer sinne und uf unserre huete nút entston.“1823
„wendet alle seine List und Geschicklichkeit ohne Unterlass dazu an, dass er uns verleite und ewiglich verderbe; und er nimmt genau wahr, wo er eine Stunde oder einen Augenblick findet, in dem wir nicht fleißig der Andacht obliegen und (wir) ein Fenster unserer äußeren Sinne offen gelassen haben und (wir) nicht auf unserer Hut sind.“
Die Versuchung ist für Tauler der „inval der gebresten“1824 („Einbruch der Sünde“) in das Leben eines Menschen. Man soll sie selbst weder „willen noch erwelen“1825 („wollen noch wählen“), doch die „pinlicheit die in dem widerstanden und in dem úberwindende ist“1826 („Pein, die im Widerstand und in der Überwindung liegt“), ist sehr nützlich. Um den Versuchungen entsprechend begegnen zu können, soll der Mensch ohne Unterlass über seine inneren und äußeren Kräfte wachen und in seinen Grund eingekehrt leben, denn sobald Hochmut, Selbstgefälligkeit, Vermessenheit oder Eigenwille den Grund erfüllen1827, „so zehant ist der vigent do und snit im sine sekel ab, den richen sekel aller siner guoter werke“1828 („sogleich ist der Feind da und schneidet ihm seine Börse ab, die reiche Börse mit allen seinen guten Werken“). Denn es gibt viele, die von außen betrachtet gute Werke getan und sich zahlreichen Übungen der Frömmigkeit hingegeben haben, dann aber hat sie übermäßiges Wohlgefallen am Vollzug ihrer Übungen befallen, und sie haben alles verloren, was an Gutem in ihnen war.1829
„Und dar umbe wachent mit wakerigem gemuete und mit offenen ogen und ir súllent sehen die blossen worheit mit underscheide und ane underscheit, in gedenken, in worten, in werken, in tuonde, in lossende, in tugentlichen werken, in gedultigem lidende, und nement úwer selbes mit flisse war inwendig und uswendig!“1830
„Und darum wacht mit wackerem Gemüt und mit offenen Augen, und ihr werdet sehen die bloße Wahrheit, mit oder ohne Unterschied, in Gedanken, in Worten, in Werken, im Tun, im Lassen, in tugendhaften Werken, in geduldigem Leiden, und nehmt euer Selbst fleißig wahr, innerlich und äußerlich.“
Was die Wachsamkeit betrifft, gibt Tauler folgende Ratschläge: Zunächst soll die „gelustikeit der sinne“1831 („Freude [am Gebrauch] der Sinne“) gezügelt, schließlich Werke der Gottes- und Nächstenliebe getan1832 und in all diesen Dingen das Kommen des Herrn erwartet werden.1833 Wenn der Mensch in rechter Wachsamkeit auf den Herrn wartet, dann findet im Grund der Seele die Hochzeit zwischen Gott und dem Menschen statt.1834 Aber auch wer mit bereitem und freiem Grund auf das Kommen Gottes wartet, wird vom bösen Feind in Versuchung geführt:
„Als der herre ze lange ist, so kumet er und bringet inen etwas lustes in, es si inwendig oder uswendig, das si do mit beliben. Liebes kint, do enhalt nút, denne blibe uf diner warte.“1835
„Wenn der Herr zu lange aus bleibt, so kommt (der Feind) und bringt ihnen etwas, das ihr Wohlgefallen erregt, es sei innen oder außen, so dass sie sich damit genügen. Liebes Kind, davon halte nichts, sondern bleibe wachsam.“
Genauso wenig soll leidvollen Gedanken ein Gehör geschenkt werden, durch die vor allem jene versucht werden, die sich in die Einsamkeit zurückgezogen haben1836, dass z.B. der Weg zu Gott eine Torheit und nicht durchzuhalten sei.1837 Auch diejenigen, die ihre eigenen Sünden erkennen, „bringet der vigent also gerne ... in ungeordnete trurikeit“1838 („bringt der Feind sehr gerne ... in ungeordnete Traurigkeit“). Der Betroffene wird von Trauer und Angst erfüllt, und Einflüsterungen wollen ihn vom Weg abbringen:
„ ‚Sich, solt du alsus in sorgen und in rúwen leben? Nein, es ist ein affenheit. Lebe du in froeiden als andere lúte und gebruche dines lebens; Got sol dir wol rúwe geben an dinem ende. Lebe nach dinem willen unde gebruche der creaturen die wile du jung bist; als du nun alt wirst, so wirt denne heilig‘.“1839
„ ‚Siehe, willst du also in Sorgen und in Betrübnis leben? Nein, das ist eine Torheit. Lebe in Freuden wie andere Leute (auch) und genieße dein Leben; Gott wird dir schon am Ende (deines Lebens) Reue geben. Lebe (jetzt) nach deinem Willen und genieße die Geschöpfe, solange du jung bist; wenn du alt wirst, dann kannst du immer noch heilig werden‘.“
Oder dem Menschen fällt eine Sünde ein, aber es ist kein Beichtvater zugegen; dann denkt er: „ ‚Hettest du nu einen bichter. ... Woffen, wo bist du nu dran‘ “1840 („ ‚Hätte ich nur einen Beichtvater. ... Ach, wie [arm] bin ich nur dran‘)!“ Diese und andere Gedanken können den Menschen mit großer Verzweiflung erfüllen, so dass er glaubt: „ ‚Es ist ze mole verlorn‘ “1841 („ ‚Es ist alles verloren´).“
Tauler rät, sich weder auf beunruhigende Gedanken einzulassen und ihnen Aufmerksamkeit zu schenken noch sich von der Verzweiflung vom Weg abbringen zu lassen.1842 Was soll der Mensch aber tun? „Er sol sine sorge al ze mole legen in Got“1843 („Er soll seine Sorgen alle auf Gott legen“), ihm allein vertrauen und seine ganze Hoffnung auf ihn setzen.1844 Vertrauen aber bedeutet, dass
„der mensche us dem grunde der woren demuetkeit und minne bekenne sin nicht vermúgen und valle do mit in rechter bescheidenheit in die helfe Gotz. Und das tuo mit einem gantzen woren kere froelich, wan den froelichen uf geber den minnet Got.“1845
„der Mensch aus dem Grunde der wahren Demut und Liebe sein Nichtvermögen erkenne und sinke so mit rechter Einsicht in die Hilfe Gottes. Und das tue fröhlich mit einer ganzen, wahren (Um)kehr, denn den, der fröhlich aufgibt, liebt Gott.“
Obwohl die Versuchungen den Menschen von seinem Weg abbringen wollen, sieht Tauler in ihnen auch einen wunderlichen Nutzen1846:
„Wanne in der bekorunge so leret sú sich selber bekennen wie sú ist. ... Man wurt dis grundes gewar in den bekorungen.“1847
Denn in der Versuchung lernt sie sich (d.h. die Braut Gottes) selber kennen, so wie sie ist. ... Man wird dieses Grundes gewahr in den Versuchungen.“
Auf diese Weise also wird der Mensch „groesselichen mit disen anstoessen bereit“1848 („von diesen Anstößen besonders [für Gott] bereitet“). Für Tauler haben die Versuchungen sogar den gleichen Nutzen wie die Tugenden,
„wanne die tugent wirt gedoht in der bekorunge, so wurt sú do inne vollebroht; das muos von not sin, sol sú zuo wesende komen, und alle die wisen do der mensche in geruoffet wurt,innewendig und ussewendig, do muos er von not bekort werden.“1849
„denn die Tugend wird erfasst in der Versuchung; sie wird darin vollendet; das muss notwendigerweise so sein, soll die Tugend zu ihrem Wesen kommen, und in allen Lebenslagen, in die der Mensch gerufen wird, innerlich oder äußerlich, da muss er notwendigerweise versucht werden.“
In der Versuchung werden die „flecken und die zecken bekannt“1850 („Flecken und das Unkraut erkannt“), die den Weg zu Gott behindern. Daraus entsteht wahre Gottesfurcht, aus welcher Demut im Menschen geboren wird, so dass der Mensch nun zu Gott „flúhe und helffe an ime suoche und den kampf uf in lege“1851 („fliehe und Hilfe bei ihm suche und den Kampf [gegen die Versuchungen] ihm übertrage“). Die Versuchungen sind also insofern nützlich, als sie den Menschen dazu bewegen, sich in seinem Widerstand Gott zu überlassen. Versuchungen sind deshalb auch kein Hindernis, um mit Gott vereinigt zu werden; sie sind für Tauler sogar ebenso sinnvoll wie die Tugenden und die Sakramente.1852
Auch der Mensch, der in die göttliche Finsternis geraten ist und sich mit dem göttlichen Ursprung vereinigt hat, kann in Versuchung geraten, seinen Zustand mit Hilfe des natürlichen Verstandes verstehen zu wollen, was jedoch nicht möglich ist1853:
„So kummet denne die geistliche schalkeit in den himeln, daz sint subtile geiste, die túfele die verre úber die andern sint in subtilkeit und in bosheit; und bekennent denne ettewenne von disem zuomole goettelichen menschen das sú ire stette súllent besitzen in dem himelriche; des hant sú so wunderlichen grossen has das sú dise hohe edeln menschen niemer lossent gerasten; under andern wisen so bringent sú in in, sú sin selber Got, und das were der sorglicheste val.“1854
„So kommt dann die geistliche Bosheit in diesen Himmel, das sind scharfsinnige Geister, Teufel, die weit über andere sind in Scharfsinn und Bosheit; und (sie) erkennen, dass diese göttlichen Menschen eines Tages ihre Stätte im Himmelreich besitzen werden; das hat in ihnen einen so besonders großen Hass (erzeugt), dass sie diese edlen Menschen niemals zur Ruhe kommen lassen; unter anderem bringen sie sie zu dem Glauben, sie seien selber Gott, und das wäre der bedenklichste Sturz.“
Gegen diese Versuchung hilft nur der feste Glaube, dass es nur einen Gott gibt – und daran soll sich der Mensch festmachen.1855
Die wirkungsvollsten Waffen gegen Versuchungen sind für Tauler die Tugenden Demut und Sanftmut.1856 Demütig sein heißt, sich Gott und den Menschen zu beugen.1857 Aus diesem Grund fordert Tauler Standhaftigkeit gegenüber jeder Versuchung. Der Mensch darf keinerlei Kompromisse eingehen:
„Aber alle die wile der mensche sin oren dar zuo als vil erbút das er es ansicht und mit dem koset und si undersehent sich und stat also als in eime wanke ab oder zuo ze kerende, so ist er nach úberwunden und ist die bekorunge in dem swersten. Al zehant so kere mit herzen verwegenlich din ore ze male dar ab: so hast du nach úberwunden.“1858
„Aber solange der Mensch seine Ohren (der Versuchung) leiht, so dass er sie ansieht und mit ihr spricht und geheime Aussprachen zustande kommen und er ins Wanken gerät, ob er sich ihr zu- oder abkehren soll, so ist er schon besiegt und die Versuchung ist am kritischen Punkt angelangt. Kehre (vielmehr) sofort mit ganzem Herzen schnell dein Ohr von ihr ab: so hast du (sie) schon (fast) überwunden.“