Was Tauler noch konkreter unter den Versuchungen versteht, hören wir in der Predigt am Vorabend von Dreikönig.1859 Hier beschreibt er, welche Versuchungen den Menschen bedrängen, wenn er sich von der äußeren Welt zurückgezogen hat:

„Ein gantze welt stet dennoch in dir die du niemer úberwindest, es ensi denne daz grosse uebunge und flis und Gottes helffe darzuo kumme.“1860

„Eine ganze Welt steht dennoch in dir auf, die du niemals überwindest, außer durch viel Übung und Fleiß und wenn Gottes Hilfe dazu kommt.“

Die „Welt“ führt den Menschen mit geistlicher Hoffart in Versuchung, insofern er gesehen, geachtet und herausgehoben sein will, er Gefallen finden will durch Kleidung, Lebenswandel, Worte, Benehmen, Weisheit, aber auch durch Verwandtschaft und Freunde, durch Gut und Ehre.1861

Ein weiterer „Feind“ ist das eigene „Fleisch“, das den Menschen mit „geistlicher unkúschheit“1862 („geistlicher Unkeuschheit“) anficht. Tauler unterscheidet zwischen innerer – d.h. geistlicher – und äußerer Unkeuschheit. Der Mensch ist von Sünden bedroht, wenn er sich von seinen Sinnenkräften leiten lässt oder sich auf die Geschöpfe einlässt.1863 Doch weit bedenklicher ist für Tauler die innere Unkeuschheit – wenn der Mensch z.B. allein auf seine natürliche Vernunftbegabung setzt –, denn „also vil also der geist edelre ist wanne daz fleisch, also vil ist es schedelicher wan die ander“1864 („soviel edler der Geist [des Menschen ist] als das Fleisch, ebensoviel ist auch [diese Unkeuschheit] schädlicher als die andere“).

Der dritte „Feind“ versucht den Menschen mit bitterem Argwohn, bösem Urteil und mit Hass- und Rachegefühlen:

„ ‚Hie so hat man mir das geton und gesprochen‘, unde bewiset du dan swere antlitze, swere geberde und swere wort, und wilt daz an den verentwurten mit worten und werken, dis ist alles des vigendes same und sine werg one allen zwifel.“1865

„ ‚Hier hat man mir dies getan und jenes gesagt‘, und du zeigst (dann) ein ärgerliches Gesicht, ärgerliche Gebärden und verärgerte Worte, und du willst das denen gegenüber rechtfertigen mit Worten und Werken; (doch) das ist alles des Feindes Same und sein Werk, ohne Zweifel.“

Der Mensch – auch derjenige, der ganz bewusst ein geistliches Leben führt – wird also niemals frei von Versuchungen sein. Diese sind – entsprechend seiner menschlichen und geistlichen Entwicklung – unterschiedlich:

„Nu dise hant dise beide, und ist doch der grunt von beiden gar ungelich. Dem weltlichen menschen dem get diese bekorunge us einem ungestorbenen grunde und naturen des fleisches und bluotz, und dar umbe slecht er die bekorunge do nider und volbringet das werk. Und der vigent endarf nút me in bekoren, denne er blaset si dar, und er endarf nút me dar zuo tuon. Aber der guote mensche stot in siner luterkeit, und si kumet im von ussen zuo und nút us sinem grunde ane ein wening. Das ist aber der vigent. Es vint ein neigklicheit in dem menschen, wie er doch luter si, als ob ein mensche von naturen geneigt were zuo zornlicheit: als der vigent des gewar wirt, so leit er riemen zuo mit allen sinen listen und boeser schalkeit.“1866

„Nun diese (Versuchungen) haben alle beide (weltliche und innerliche Menschen), und dennoch ist der Grund von beiden gar ungleich. Dem weltlichen Menschen kommt diese Versuchung aus einem nicht abgestorbenen Grund, aus der Natur des Fleisches und Blutes, und darum entledigt er sich der Versuchung, (indem) er das Werk vollbringt, (das sie will). Und der Feind braucht ihn nicht mehr zu versuchen, denn er haucht sie (in ihn) hinein, und mehr braucht er dafür nicht zu tun. Aber der gute Mensch steht in seiner Lauterkeit, und (so) kommt (die Versuchung) von außen zu ihm und nicht aus seinem Grund, oder nur ein wenig. Das (aber weiß) der Feind. Er findet eine Neigung in dem Menschen, wie lauter er auch (immer) sei, (z.B. dass) ein Mensch von Natur aus die Neigung zum Zorn habe: Wenn dem Feind das gewahr wird, so setzt er Ruder in Bewegung mit all seiner List und Bosheit.“

Während also der weltliche Mensch sofort den Versuchungen erliegt, leistet der lautere Mensch Widerstand, so dass ihn die Versuchungen – durch den Feind – immer wieder und sogar umso heftiger bedrängen:

„An disen wirft er rechte als der kletten uf einen menschen wúrffe und wúrffe ein fúr und die ander nach, bis das der mensche als vol kletten wúrde. Also tuot der vigent: als er den menschen vint geneiget zuo zornlicheit, so wirffet er ein bilde der materien hin fúr und das ander nach, das in dar zuo reissen mag das der mensche ze lest also gar zornig wirt, und ruoft und gilt als ob er slahen und stechen welle.“1867

„An diesen wirft (der Feind) recht, wie einer, der Kletten auf einen Menschen wirft, und er wirft und wirft eine nach der anderen, bis dass der Mensch voller Kletten hängt. So tut der Feind: Wenn er den Menschen zum Zorn geneigt findet, so wirft er ein (materielles) Bild dem anderen zu, das ihn reizen mag, (zornig zu werden), so dass der Mensch zuletzt also sehr zornig wird; er ruft und schreit, als ob er schlagen und stechen wollte.“

Der lautere Mensch wird also gerade immer wieder und wieder von den Gegenständen und Ereignissen bedrängt, die seine Schwäche geradezu provoziert. Er mag dagegen ankämpfen, aber je bedrängender die Bilder werden, die ihn z.B. zum Zorn reizen, desto wahrscheinlicher wird es, dass er der Versuchung doch erliegt. Für Tauler ist in dieser Situation entscheidend: Der lautere Mensch muss eindeutig erkennen, dass er einer Versuchung erlegen ist, und er soll sofort bei Gott Zuflucht suchen, dem es allein möglich ist, ihn von seinen Schwächen zu befreien. Die Versuchung gibt somit Anlass zu noch mehr Demut gegenüber Gott – der Mensch wird sich seines Nichts bewusst –, wodurch er sich jedoch dem Wirken und Willen Gottes umso mehr überlässt. Auf diese Weise wird sogar eine Versuchung, der man erlegen ist, zu einem Weg zu Gott1868:

„Koende denne der mensche zuo im selber komen und einen tieffen underval getuon in den grunt der demuetkeit fúr Got, ob er enkeinen bichter enmoechte gehaben, und als er sich mit dem menschen berichte und dem genuog getete, das er denne under viele sunder al entschuldigung in sin nút und in sinen gebresten: kinder, in dem so versmúlze der gebreste vor Gotte al zehant als de sne vor der heissen sunnen, und wurde alles versuont, und der vigent der scheit mit lediger hant von dannan.“1869

„Könnte dann der Mensch zu sich selber kommen und einen tiefen Fall vor Gott tun in den Grund der Demut, wenn er keinen Beichtiger hat, und (könnte) er sich mit dem Menschen (dem er in Zorn begegnet ist) ausgleichen und ihm genugtun, dass er dann, ohne viel Entschuldigung, in sein Nichts und in sein Gebrechen (versänke): Kinder, in dem schmelze das Gebrechen vor Gott genauso wie der Schnee von der heißen Sonne, und alles würde versöhnt, und der Feind zöge mit leeren Händen davon.“

4. Der Mensch wird gejagt – die Dynamik

Mit dem Bild vom Winter – seine trüben und dunklen Tage – will Tauler das Leiden des Menschen, der sich auf Gott eingelassen hat, veranschaulichen.1870 Doch die Dynamik und die Dramatik dieses Geschehens wird noch anschaulicher in Taulers Vergleich mit der Jagd eines Hirsches bzw. eines wilden Tieres. Der Mensch ist dabei allerdings nicht der Jäger, sondern der Gejagte1871:

„Zuo glicher wise wurt der mensche gejaget also ein wildes tier daz man dem keiser wil geben: daz wurt gejaget, von den hunden gerissen und gebissen, und das ist dem keiser vil genemer denne obe man es senfteclichen genomen hette. Got ist der keiser der dise gejagete spise essen wil.“1872

„Zu gleicher Weise wird der Mensch gejagt wie ein wildes Tier, das man dem Kaiser schenken will: dieses wird gejagt, von Hunden gerissen und gebissen, und das ist dem Kaiser genehmer als wenn man es ohne Wunden gefangen hätte. Gott ist der Kaiser, der diese Speise essen will.“

Die Jagdhunde, die Gott gehören1873, sind laut Tauler ungestüme Leute, die andere mit harten Worten verurteilen, die Erkenntnis über die eigenen Sünden, die Anfälligkeit der menschlichen Natur für Sünden1874 und sogar der böse Feind:

„Der viget jaget den menschen mit maniger hande bekorunge; der slichet zuo allen enden in, in allen wisen, und jaget dich mit maniger hande bekorunge: es ist mit hochvart, mit grite, mit allerleige untugende; so ist denne missetot und ungeordente trurikeit.“1875

„Der Feind jagt den Menschen mit mancherlei Versuchungen; er schleicht von allen Enden in (dich hinein), in allen Weisen und jagt dich mit mancherlei Versuchungen: mit Stolz, Geiz, mit allerlei Untugenden; so ist es dann Missetat (Entmutigung)1876 und ungeordnete Traurigkeit.“

Der Mensch soll diese Jagd aushalten, denn sie schadet ihm nicht: „du solt gejaget sin“1877 („Du sollst gejagt sein“). Der Gejagte soll in Demut, Sanftmut und Geduld durchhalten, indem er um Erbarmen betet für sich und für „die gruwelichen menschen die in jagent und in uzgent als obe er ein boese mensche si“1878 („für die schlechten Menschen, die ihn jagen und ihn ausgeben als bösen Menschen“). Er hütet sich also, gleichsam wie diese Jagdhunde mit verletzenden Worten „zurückzubeißen“ oder laut „zurückzubellen“ auf ein ungerechtes Vorurteil.1879 Auf die tiefen Verletzungen antwortet der Gejagte wie Christus mit Nächstenliebe: „Nút sol dine minne alleine sin uf die von diner stat oder von diner wise sint“1880 („Deine Liebe soll nicht alleine [denen gelten], die deines Standes oder von deiner Art sind“). Der Gejagte soll in Treue auf seinem Weg bleiben – d.h. sich jagen lassen und das dabei erfahrene Leiden gelassen und schweigsam tragen – und keine Auswege suchen.1881 Diese Haltung steht höher als alle anderen Übungen der Frömmigkeit, wie Fasten, Wachen, mündlich beten oder Geißeln.1882 Wahre Zuflucht findet der Mensch allein bei Gott:

„Also als den hirtz wurt túrstende noch dem jagende, also soltu richte slechteclichen loffen und las dich túrsten in núwer wise noch Gotte: du wirst darumb gejaget.“1883

„Wie der Hirsch nach der Jagd durstig wird, so sollst du immer geradewegs weiterlaufen und lass dich dürsten in neuer Weise nach Gott: darum wirst du gejagt.“

Hinter allem Jagen steht also Gott – selbst das Jagen des bösen Feindes darf von Gott nicht einfach getrennt werden: „Unser herre jaget einen ieglichen noch dem das im nútze und not ist“1884 („Unser Herr jagt einen jeden nach der Art, die ihm nützlich und notwendig ist“).

In der Predigt am Montag vor Palmsonntag steht mehr das Prozesshafte und Dynamische dieser Jagd im Vordergrund.1885 Ausgangspunkt für Taulers Darlegung ist ein Vers aus Psalm 42: „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele, Gott, nach dir.“1886 Durch das Wirken des Heiligen Geistes kommt es in der Seele des Menschen zu einem „minnen fúr“1887 („Liebesbrand“) nach Gott, was einen Überdruss an allem, was den Weg zu Gott behindert, zur Folge hat.1888 Das Verlangen nach Gott wird immer größer, allerdings in unterschiedlicher Weise, weil dies vom Fortschritt des Menschen auf dem Weg zu Gott abhängig ist:

„Dise begerunge ist drier leige in drier lúten und sint vil ungelich. Die erste ist in anhebenden lúten, die ander ist in zuonemenden lúten, die dritte in den die volkommen lúte heissent, also hie múgelich ist in diesem lebende.“1889

„Dieses Begehren ist dreifach in dreierlei Leuten, die verschieden sind. Die erste (Weise) ist in den beginnenden Leuten, die andere in den Zunehmenden, die dritte (Art) ist in den vollkommenen Leuten, soweit (Vollkommenheit) in diesem Leben möglich ist.“

Was geschieht nun, wenn der Liebesbrand im Menschen entfacht wird und er sich als Anfangender von allen äußerlichen, weltlichen Dingen und Geschöpfen trennen will?

„Rehte also der hirtz wurt gejaget von den hunden, rehte also wurt der anhebende mensche gejaget von den bekorungen, also er alrerst abekert von der welte, und sunderlichen von sinen starcken grossen groben gebresten so wurt der mensche stergliche gejaget. Das sint die súben hobetsúnden.“1890

„Ebenso wie der Hirsch von den Hunden gejagt wird, so wird der beginnende Mensch von den Versuchungen gejagt, sobald er sich gerade von der Welt abgekehrt hat, besonders von seinen starken, großen, groben Gebrechen wird der Mensch heftig gejagt. Das sind die sieben Hauptsünden.“

Vor seiner Umkehr wurde der Mensch auch von Versuchungen bedrängt, doch im Unterschied zur Zeit nach seiner Umkehr, bemerkte er dies überhaupt nicht, weil er völlig von den äußerlichen, sinnlichen Dingen gefangen war.1891 Jetzt aber wird der Mensch „ir jagen gewar“1892 („ihres Jagens gewahr“). Entsprechend der Heftigkeit dieser Jagd sollen der Durst und die Sehnsucht nach Gott zunehmen, denn in Gott allein ist Wahrheit, Friede, Gerechtigkeit und Trost zu finden.1893

Die Sehnsucht nach Gott ist also die wirkungsvollste Waffe gegen den Ansturm der Versuchungen. Im gekreuzigten Sohn findet der Bedrängte eine wirkliche Hilfe:

„Nu geschiht underwilen das der hunde einer den hirtz ervolget und vert ime mit den zenen in den buch; so der hirtz des hundes nút kan lidig werden, so sleiffet er den hunt nach ime bitz an einen bom und sleht in denne wol herte umb einen bom und brichet ime den kopf und wurt sin also lidig. Rechte also sol der mensche tuon; wanne er sine hunde, sine bekorunge nút kan úberwinden, so sol er loffen mit grossem ilen an den bom des crútzes und des lidendes unsers heren Jhesu Cristi, und also sleht er sinen hunt, daz ist sine bekorunge, den kopf enzwei, das ist: er úberwindet do alle bekorunge und wurt ir alzuomole lidig.“1894

„Nun geschieht es zuweilen, dass einer der Hunde den Hirsch erreicht und ihm mit den Zähnen in den Bauch fährt; wenn der Hirsch sich des Hundes nicht entledigen kann, so schleift er den Hund mit sich bis an einen Baum und schlägt ihn dann heftig gegen (den) Baum und bricht ihm den Kopf und wird so seiner ledig. Genauso soll der Mensch (es) tun; wenn er seine Hunde, seine Versuchungen nicht überwinden kann, so soll er zum Kreuz unseres Herrn Jesus Christus eilen und so seinem Hund, das heißt seiner Versuchung, den Kopf entzwei schlagen; das bedeutet: Er überwindet dort alle Versuchungen und wird ihrer gänzlich ledig.“

Wenn sich der Mensch nun mit Christi Hilfe von großen Versuchungen befreit hat, so gibt es aber immer noch die kleinen Hunde – die kleinen Versuchungen1895, d.h. die „gespilen oder kleinoeter oder die geselleschaft oder die kutzewile und der menschlichen guotlicheit“1896 („Gespielen oder Kleinode oder die Gesellschaft oder die Kurzweil oder menschliche Liebenswürdigkeit“). Diese Versuchungen können viel schädlicher sein als die großen, da der Mensch deren Gefährlichkeit nicht erkennt und sich deshalb weniger vor ihnen hütet.1897 Auf diese Weise kann sein Leben in Gott unbemerkt immer mehr abnehmen – alle Gnade, alle Andacht, aller göttlicher Ernst und alles Gotterfahren.1898

Wenn der Hirsch den Jägern nicht entweichen kann, er aber sehr geschwächt ist, so kommt es vor, dass die Jäger ihre Hunde zurückhalten, damit sich der Hirsch neu stärken kann, bevor die Jagd weitergeht.1899 Ähnlich verfährt auch Gott:

„Also er siht das den menschen die bekorunge und das jagen zuo gros und zuo swere wurt, so haltet er sú ein wenig uf, und wurt dem menschen ein troppfe in den munt des hertzen, ein smag von suessekeit von goettelichen dingen.“1900

„Wenn Gott sieht, dass dem Menschen die Versuchungen und das Jagen zu groß und zu schwer werden, so hält er sie ein wenig auf, und (es) wird dem Menschen ein Tropfen in den Mund des Herzens (gegeben), ein Geschmack von Süßigkeit göttlicher Dinge.“

Gott schenkt dem Menschen neue Kraft, so dass ihm alle Dinge zuwider sind, die nicht Gott sind – ihm aber bisher immer noch stark zusetzten –, so dass er sogar übermütig glaubt, alle Versuchungen seien überwunden.1901 Das aber ist ein Trugschluss. Die Stärkung hat einen anderen Sinn: „Dis ist nút dan ein erstercken zuo eime nuwen jagende“1902 („Das ist nichts anderes als eine Stärkung für ein neues Jagen“). Denn plötzlich und ganz unerwartet hängen ihm wieder „die hunde uf dem halse und lagent ime vil me danne e“1903 („die Hunde am Halse und stellen ihm viel mehr nach als zuvor“). Aber für diesen noch heftigeren Angriff ist der Mensch nun gestärkt und er „vermag ouch ungliche me wan e“1904 („vermag auch ungleich mehr [ertragen] als zuvor“). Irgendwann aber – so Tauler weiter – hat der Mensch mit Gottes Hilfe alle Hunde überwunden. Eine neue Phase beginnt. Der Beginnende wird zum Zunehmenden1905:

„Wane so der hirtz dise hunde alle úberwunden hat und zuo wasser kummet, so lat er sich mit voelleclichem munde in daz wasser und trincket mit gantzer genuegede, wie er mag; also tuot der mensche, also er sich mit der hellfe unseres herren lidig gemachet alles dis gezoges der grossen und der kleinen hunde unde entruwen mit disem turste kummet zuo Gotte.“1906

„Wenn so der Hirsch alle diese Hunde überwunden hat und zum Wasser kommt, so beugt er sich mit dem Munde völlig in das Wasser und trinkt mit großem Vergnügen, so (viel) er mag; genauso tut (dies) der Mensch, wenn er sich mit Hilfe unseres Herrn von der ganzen Schar der großen und kleinen Hunde befreit hat und vertrauensvoll mit diesem Durst zu Gott kommt.“

Die Betroffenen nehmen soviel des göttlichen Trunkes in sich auf, dass sie ganz trunken werden – „dis heisset jubilieren“1907 („dies nennt man jubilieren“); es herrscht eine solche Freude in ihnen, dass sie sich selbst vergessen und dabei sogar glauben, Wunder bewirken zu können.1908 Dieser Mensch „enforhtet weder leben noch tot, noch liep noch leit“1909 („fürchtet weder Leben noch Tod, weder Lieb noch Leid“). Was immer im Jubelnden geschieht, immer bleibt er in „worem friden und froeiden“1910 („wahrem Frieden und in wahrer Freude“).

Die „dirten“1911 („Dritten“) schließlich, die Vollkommenen, „sterbent, den brichet das hertze entzwei das sú die grossen werg Gottes nút liden enkunnent“1912 („sterben, denen bricht ihr Herz entzwei, davon, dass sie die großen Werke Gottes nicht ertragen können“). Der Mensch könnte den göttlichen Jubel, wenn er ihn in vollem Maße erleben müsste, nicht ertragen, weil Gott für den Menschen zu groß ist. Darüber hinaus kann sich der Betrunkene übernehmen; er kann nach dem Rausch süchtig werden; deshalb muss er wieder zur Nüchternheit gelangen:

„Also unser liber herre dis siht das sú alsus dis dinges zuo vil wellent machen und sich alsus ertrenckent, so tuot er rehte also ein guot biderbe husman, der vil edeln guoten win het bi ime stonde und leit sich nider und sloffet, und gant denne sine kint dar und trinckent des edeln wines also vil das sú wol truncken werdent; so der guote man ufstet und daz sihet, er machet eine guote ruote und zerslecht sú wol, das sú also trurig werdent alsu sú ie fro wurdent, und git in des wassers also vil daz sú also nuechtern werdent also sú ie truncken wurdent.“1913

„Wenn unser lieber Herr dies sieht, dass sie also von diesen Dingen zuviel und sich auf diese Weise (in diesem Jubel) ertränken (wollen), so tut er recht wie ein guter, tüchtiger Hausmann, der viel edlen, guten Wein bei sich hat und sich niederlegt und schläft, und dann gehen seine Kinder hin und trinken des edlen Weines zu viel, so dass sie sehr betrunken werden; wenn der gute Mann aufsteht und das sieht, macht er eine gute Rute und verhaut sie kräftig, so dass sie genauso traurig werden, als sie zuvor froh waren, und (er) gibt ihnen so viel Wasser, dass sie ebenso nüchtern werden, als sie zuvor betrunken waren.“

Gott entzieht dem Jubelnden allen Trost und alle Freude, so dass ihn nun Traurigkeit erfüllt und aller Trost und alles Empfinden ihm wie etwas Fremdes scheint.1914 Die Freude und der Trost sind nicht das Ziel des Weges, sondern nur ein Mittel, denn „hiemitte locket und loste er sú zuo in selber und usser allem leide gevengnisse der leiden creature“1915 („hiermit lockte und löste er [die Menschen] aus sich selber und aus allem Schmerz der Gefangenschaft der armen Geschöpfe“).

Wenn also der Mensch von allen Abhängigkeiten an die Welt befreit ist, erfüllt ihn Freude und Trost; beides kann zu Selbstüberschätzung führen – „Nu ist ir zuo vil wilde worden“1916 („Nun sind sie zu wild geworden“), sagt Tauler dazu. Also werden sie nun „getemperieret“1917 („gemäßigt“), indem sie „sehent ... wer sú sint und waz sú vermúgent, die wile sú zuo in selber kummen sint“1918 („sehen ... wer sie sind und was sie vermögen, weil sie zu sich selber gekommen sind“). Ganz auf sich selbst gestellt – da Gott sich „zurückgezogen“ hat –, erkennen sie nun, dass sie allein nichts vermögen:

„So kúnnent sú kume ein kleine werg tuon one grosse swerheit und ein kleine woertelin kume getragen; in diseme so sehent sú wer sú selber sint und waz sú vermúgent mit irre kost und mit irre eigenen kraft, und in diseme so werdent sú denne also gesast, also wesenlich geloeibig und also stille.“1919

„So können sie kaum ein kleines Werk tun ohne große Beschwernis und ein kleines Wörtlein kaum ertragen; (hierbei) sehen sie (nun), wer sie selber sind und was sie (wirklich) können mit ihrem eigenen Wert und mit ihrer eigenen Kraft, und dadurch werden sie dann ganz besonnen, also wirklich gläubig und ganz still.“

Der Mensch erfährt, dass er mit seinen niederen und oberen Kräften nichts erreichen kann und wird – durch diese Ernüchterung – über alle Kräfte hinweg durch Gottes Gnade in Gott geführt.1920 Diese Vereinigung zieht jedoch keinesfalls einen neuen Jubel nach sich, sondern in dieser Vereinigung wird der Mensch in eine „wueste wilde, do nieman kan gesprechen“1921 („wüste Wildnis, von der niemand sprechen kann“) geführt, nämlich in die „einikeit in der simpelen wiselosen einikeit“1922 („Einigkeit in der einfachen weiselosen Einigkeit“) Gottes. Das Wesen des einen Gottes, in der sich alle Mannigfaltigkeit vereinigt1923, ist für Tauler die „verborgen vinsternisse des wiselosen guotes“1924 („verborgene Finsternis des weiselosen Gutes“). Aber erst in dieser Finsternis der göttlichen Einheit und Einfachheit kann der Mensch zu sich selber kommen.1925 Er gelangt zu einer „schoenre wunneclicher underscheid“1926 („schöneren, wonnengleicheren Unterscheidung“) von allen Dingen; und es „enverstet nieman bas ... dan die die geratent in die einikeit“1927 („versteht niemand besser ... als die, die in die Einheit geraten sind“), wie Vater, Sohn und Geist verschieden, aber doch ein Gott sein können. Wohlgemerkt, dieses Verstehen ist kein verstandesmäßiges, weil es in unaussprechlicher Finsternis stattfindet.1928 Diese Finsternis ist paradoxerweise „ein lieht do enkein geschaffen verstentnisse zuogelangen noch verston enmag von naturen“1929 („ein Licht, zu dem kein geschaffenes Verstandesvermögen gelangen noch das es zu verstehen vermag von seiner Natur her“). In dieser Finsternis versinkt der Mensch in seinen Seelengrund, wo er aus der wahren Quelle trinken kann, da er sich dort in seinem Ursprung – d.h. in Gott – wiederfindet.1930 Dieser Mensch beugt sich mit allen seinen Kräften demütig dem Willen Gottes1931, denn Gott

„heischet dan in dem menschen grosser abegescheidenheit dan ie, aber ie in einer edelicher wisen vil edellich dan ie oder ie, und merre luterkeit, blosheit, unverbildete friheit und einikeit und innerliche und usserliche swigen und tieffer demuetikeit und alle tugende in den nidersten kreften, und do wurt danne der mensche Gotte heimelich und wurt ein goettelich mensche darus.“1932

„will dann in dem Menschen eine größere Lostrennung denn je, aber je in einer edleren Weise, viel edler als bisher, und mehr Lauterkeit, Bloßheit, unverbildete Freiheit und Einheit und innerliches und äußerliches Schweigen und tiefe Demut und alle Tugenden in den niederen Kräften, und da wird dann der Mensch Gott vertraut, und (es) wird ein göttlicher Mensch daraus.“

Gott selbst will den Menschen ungehindert auf wilden Wegen in sich, in seinen göttlichen Abgrund führen, und dort gibt er „alhie sich selber ungelich dem ersten“1933 („sich hier selbst, anders als zuvor“). Der Mensch wird von Gott mit dessen wahren einen Wesen vereinigt. Ein „ieglich gelit“1934 („jegliches Glied“) des Menschen wird vom Trank der göttlichen Liebe erfüllt1935, so dass „alle sine werg bas geordent werdent, das sú nút bas geordent moehtent sin“1936 („alle seine Werke besser geordnet werden, so dass sie nicht besser geordnet sein könnten“). Was der Mensch in dieser Vereinigung mit Gott findet, ist ein „fúrsmag des ewigen lebendes“1937 („Vorgeschmack des ewigen Lebens“).

In einer anderen Predigt wird das Erleben des Gejagtwerdens theologisch und anthropologisch weiter erhellt.1938 Tauler fragt: „Weles ist nu dis jagen“1939 („Was ist nun dieses Jagen“)? Das Gejagtwerden ist für Tauler ein Gleichnis für den Konflikt, der im Menschen entsteht, wenn er sich Gott ganz hinkehrt:

„Nút anders denne das der indewendige mensche gerne zuo Gotte were, do sin eigen stat ist, und tribet und jaget ussewendigen menschen, und der ussewendige mensche jaget einen andern weg und wil ussewendig zuo den nidern dingen, do sin stat ist, alsus ist eine zweiunge in disen.“1940

„Nichts anderes, als dass der innere Mensch gerne bei Gott wäre, wo sein eigentlicher Platz ist, und (dorthin) treibt und jagt er den äußeren Menschen, und der äußere Mensch jagt (ihn wiederum) auf einen anderen Weg und will als äußerer Mensch zu den niederen Dingen, wo sein eigentlicher Platz ist; also entsteht ein Zwiespalt in diesem (Menschen).“

Der Mensch wird von zwei Richtungen hin und her gezogen; die eine will zu Gott, die andere strebt danach, die äußeren Sinne zu befriedigen: „Alsus jagent dise wider ein ander“1941 („Also jagen sich diese gegenseitig“). Aber damit sich die beiden Seiten im Menschen überhaupt jagen können, werden sie auch von der Gnade Gottes gejagt, der „jaget sú beide“1942 („jagt sie beide“). Dieses Jagen führt nun zu Angst und Bedrängnis:

„So kummet die welt mit iren starcken stúrmen und der vigent mit sinen behenden listen und das fleisch und die sinne und zuomole die nidersten krefte mit grosser krangheit und neigent sich nider zuo ussern dingen. Und hie wider wurt der innewendige mensche getriben von Gotte und von dem natúrlichen neigende daz er zuo Gotte het; hie wurt billich bandekeit und getrenge.“1943

„So kommt die Welt mit ihren starken Stürmen und der Feind mit seiner gewandten List und das Fleisch und die Sinne und zumal die niederen Kräfte mit großer Schwachheit und neigen sich nieder zu den äußeren Dingen. Und hier wird wiederum der innere Mensch von Gott getrieben und von der natürlichen Neigung, die er zu Gott hat; hieraus wird, von Rechts wegen, Angst und Bedrängnis.“

Wer dieses Jagen in rechter Weise zu verstehen bzw. anzunehmen vermag und sich von Gott jagen lässt, der ist für Tauler ein Kind Gottes.1944 Wer sich dieser Angst und dieser Bedrängnis nicht stellt, kommt nicht zu sich selbst und der erfährt auch nicht, was in ihm ist.1945 Die einzig wirksame Hilfe in dieser Bedrängnis aber ist Jesus Christus, denn „on allen zwifel so kumet Jhesus und get on allen zwifel in“1946 („ohne allen Zweifel kommt Jesus und geht, ohne allen Zweifel, in ihn ein“). Wie die heidnische Frau, die um Heilung ihrer Tochter bittet, aber von Jesus zunächst nicht beachtet wird1947, soll der Mensch Jesus immer wieder um sein Erbarmen anrufen: „O kinder, in disem jagen wurt geborn ein unmessig ruof“1948 („O Kinder, in diesem Jagen wird ein unermesslicher Ruf geboren“). Denn dieser menschliche Ruf um Erbarmen geht über alle menschliche Natur hinaus, weil er vom Heiligen Geist vollendet wird.1949 Auf diese Weise wird „der grunt bereit obe allen den bereitungen die man iemer erdenken mag in der zit“1950 („der Grund bereitet, über allen Bereitungen hinaus, die man je zu erdenken vermag in der Zeitlichkeit“).

Obwohl der Ruf nach Erbarmen „durch die himmele tringet“1951 („durch den Himmel dringt“) und Gott erreicht, verhält sich dieser wie Jesus gegenüber der heidnischen Frau: Er scheint ihr Rufen nicht zu hören.1952 Wie Jesus der Frau, versagt Gott dem Bedrängten den Brunnen der vollkommenen Barmherzigkeit; wie Jesus verfährt er noch härter und schmählicher, indem er dem Menschen das Recht abspricht, seine Gnade überhaupt empfangen zu dürfen.1953 Damit aber versagt er ihm das Recht, Kind Gottes sein zu dürfen; mehr noch, er versagt ihm sogar, sich überhaupt einen Menschen zu heißen, höchstens einen Hund.1954 Dieses Schweigen Gottes aber ist eine Prüfung1955, durch die Gott die Geduld und die Bereitwilligkeit des Menschen herausfordert.1956 Dieser Herausforderung soll sich der Mensch stellen, indem er dem Beispiel der heidnischen Frau folgt:

„Sú lies sich jagen und jagete sich selber noch tieffer dan er sú gejagen moehte, sú ging mit dem jagen in den grunt, noch naher trang sú hinin in daz abgrunde und sprach: ‚nein, herre, nút alleine ein hunt, mer also ein kleines welfelin‘.“1957

„Sie ließ sich jagen und jagte sich selbst noch tiefer als er sie jagen wollte; sie ging mit dem Jagen in den Grund, noch tiefer drang sie hinein in den Abgrund und sprach: ‚Nein, Herr, (ich bin nicht nur) ein Hund, (sondern) mehr noch, ein kleines Hündchen‘.“

Die Frau macht sich noch geringer, doch verliert sie in ihrer Selbstverkleinerung und Selbstvernichtung niemals das Vertrauen in Jesus Christus, so dass sie ihn darauf hinweist, sogar die kleinen Hunde würden mit den Resten gespeist, die vom Tisch fallen.1958 Diese radikalere Vernichtung des Selbst – die totale Gelassenheit – ist die Voraussetzung für eine „waren inslag“1959 („wahre Entrückung“), die im Grund des Menschen stattfindet, eine Entrückung, die über alle Worte und Sinne hinausgeht.1960 Diese Tiefe ist nur zu erreichen, wenn man sich selbst noch mehr vernichtet und verkleinert als dies schon durch Gottes Schweigen geschieht: Weder

„Got noch alle creaturen so tief nút kundent vertrucken noch vernúten noch versencken, er sunke in der worheit noch vil tieffer, und noch enmoehtent sú ime so sere nút versagen noch vernúten und abegetriben, er blibe ie stande in vollehertunge und trucke alles hin nahere in gantzer zuoversicht und liesse sienen flis ie me und me wahssen.“1961

„Gott noch alle Geschöpfe könnten ihn so tief niederdrücken noch vernichten noch versenken, er versinke in der Wahrheit noch viel tiefer, und noch könnten sie ihm so sehr (alles) versagen noch vernichten und vertreiben, er bliebe in Beharrlichkeit stehen und drücke alles noch tiefer in ganzer Zuversicht und ließe seinen Eifer immer mehr und mehr wachsen.“

Wer sich also in seiner göttlichen Prüfung noch mehr selbst verkleinert, dessen „wege die leitent in der worheit alleine reht an alle mittel in Got“1962 („Wege führen in die Wahrheit allein recht unmittelbar in Gott“). Gott „antwortet“ auf die Selbstvernichtung wie Jesus der heidnischen Frau:

„ ‚O wip, gros ist din geloube, also daz du gloubest, daz geschehe dir, also du wilt, also gewerde dir.‘ In der worheit, alle die in disen wisen und in disem wege werdent rechte funden, den sol also geantwurtet werden: alles daz du wilt, das sol dir geschehen in aller der wisen also du wilt; wanne du uz bist gegangen des dinen, so mustu gelich ingon in als dis mine.“1963

„ ‚O Frau, groß ist dein Glaube. Was du glaubst, das geschehe dir, wie du es willst, so werde es dir.‘ In Wahrheit, alle die in dieser Weise und auf diesem Weg wahrhaft gefunden werden, denen soll so geantwortet werden: Alles das, was du willst, soll dir geschehen in all der Weise, wie du willst; denn du bist ausgegangen aus dem Deinen, so musst du gleichsam eingehen in all das Meine.“

Je mehr der Mensch sich selbst loslässt, umso tiefer gelangt er in das göttliche Sein hinein:

„Alles daz du wilt, daz sol der sin und geschehen; diz enmag nút geschehen dan in dem verloeuckende der mensche dez sinen; also der mensche uzget, rehte also vil gat Got in, in der worheit.1964

„Alles, was du willst, soll dir sein und (dir) geschehen; dies kann (aber) nur geschehen, wenn der Mensch sein Selbst verleugnet; (So viel) also der Mensch (aus sich) ausgeht, genauso viel geht Gott in ihn hinein, wahrhaftig.“

Das Selbst verleugnen heißt, sich dem Willen Gottes überlassen, auch im Leiden1965:

„Beger also es Got eweclich gewellet hat und also er es von dir angesehen hat in sime allergevellichesten willen do dine stat súlle sin. Kinder, in dieser wisen gat man in Got, daz man sich sin selbes verzihe gantz in allen wisen, in allem habende.“1966

„Begehre, wie es Gott ewiglich gewollt hat und wie er es für dich vorgesehen hat nach seinem allergefälligsten Willen, wo dein Platz soll sein. Kinder, in dieser Weise geht man in Gott (ein), (indem) man sich von seinem Selbst ganz lossagt in allen Weisen, in allem, was passiert.“

Das Leiden innerhalb der Welt und an Gott ist zum einen ein Prüfstein für das wirkliche Vertrauen und den Glauben an das Wirken Gottes, und es ist zum anderen zugleich der Weg zu einem größeren Glauben, zu einer vollkommenen Hingabe an Gott, durch die der Mensch ungehindert und frei von Gott in den göttlichen Ursprung geführt werden kann.

„Kinder, ich enwil úch nu zuomole nút me sagen wanne ein klein merlin daz hierin wol gat. Ich weis ein Cananee, wol mag sú also heissen; dis ist geschehen innewendig vier joren, und sú lebet noch; dise wart enzúcket us den sinnen zuomole und kam also verre untze daz sú Got sach und unser frowen und alle heiligen. Do sú dis sach, do sach sú sich in einer unsprechen verre von Gott; do geschach dem geiste unsprechenlichen und unglouplichen we und bevant sich in helscher pine von diser verre wegen, wanne daz ist ouch die meiste pine der hellen das sú sich kennent gefuert von Gotte. In diser unsprechenlicher not do diser geist inne was, do kerte er sich zuo unser frowen und zuo allen heiligen und bat sú alle sament das sú ir hulfen. Dise alle sament die sach sú daz sú also groeslichen in Got worent verstart und gestecket das sú sich noch menschlicher wisen zuo der heiligen pinen und der pinen in den tot und zuo den wunden unsers herren Jhesu Christi; do wart ir geantwurtet, waz ir die an solte geruoffet den sú nie enkein ere hette gebotten? Do sú daz sach das ir weder unser frowe noch die heiligen noch die heilige pine unsers herren nút enhalf, do kerte sú sich zuo dem herren selber, und sprach der geist des menschen: ‚o herre, sit daz mir nieman enhilffet, so sich, minneclicher Got, daz ich din arme creature bin und du min Got bist, und valle rechte in din urteil noch dime liebsten willen, ob du mich in diser grundeloser helscher pine eweklichen wellest haben, daz lan ich, lieber herre, alzuomole an dinen wolgevallenden willen.‘ Und aldo lie sú sich zuo grunde in ein ewikeit; su gelie sich nie so balde, sú wurde do alzuohant gezogen verre úber alle mittel und wart alzuomole indas abgrunde Gottes gezogen, sú wart rehte von der wunderlichen gotheit ingeslunden. O wie ein wunneclich slunt ist diz!“1967

„Kinder, ich will euch nun gar nichts mehr sagen; nur eine kleine Geschichte, die wohl hierher gehört. Ich kenne eine kanaanäische Frau, so darf sie wohl heißen. Dies ist ihr in ihrem Inneren vor vier Jahren geschehen. Diese Frau lebt noch. Sie wurde aus ihren Sinnen entrückt und kam so weit, dass sie Gott sah, unsere Liebe Frau und alle Heiligen. Als sie diese sah, erkannte sie, dass sie sich in einer unaussprechlichen Ferne von Gott befände. Da ward ihrem Geist unsagbar und unglaublich wehe, und sie fühlte höllische Pein dieser Entfernung wegen, denn darin besteht die größte Pein der Hölle, dass man sich dort von Gott getrennt fühlt. In dieser unaussprechlichen Not, in der sich ihr Geist befand, wandte sie sich an unsere Liebe Frau und an alle Heiligen und bat sie allesamt, ihr zu helfen. Sie sah aber, dass diese alle aufs höchste in Gott versunken und verhaftet waren, dass sie ihres Rufes gar nicht achteten; so groß war deren Wonne und Freude, dass sie ihren Ruf weder hörten noch beachteten. Da wandte sie sich in menschlicher Weise zu den heiligen Schmerzen und der Todespein und den Wunden unseres Herrn Jesus Christus; da ward ihr geantwortet, was ihr die Anrufung derer solle, denen sie nie Ehre erwiesen habe. Da sie sah, dass ihr weder unsere Liebe Frau noch die Heiligen noch die heiligen Schmerzen unseres Herrn halfen, wandte sie sich an den Herrn selbst, und es sprach ihr menschlicher Geist: ‚O Herr, da mir niemand hilft, so sieh, lieber Gott, dass ich deine arme Kreatur bin und du mein Gott bist, und nach deinem liebsten Willen fälle dein Urteil, ob du mich in dieser grundlosen höllischen Pein ewiglich belassen willst; das, lieber Herr, überlasse ich ganz deinem wohlgefallenen Willen.‘ Und dann ließ sie sich in den Grund niedersinken für alle Ewigkeit. Sobald sie sich aber gelassen hatte, da wurde sie sogleich weit über alle Hindernisse gehoben und in den Abgrund Gottes gezogen; sie wurde geradezu von der wunderbaren Gottheit verschlungen. O welch ein wonniglicher Abgrund ist das!“