Zehntes Kapitel

Übungen zur Gelassenheit – die Tugenden

Wenn Johannes Tauler von Tugenden spricht, dann versteht er darunter diejenigen Haltungen, die ein Leben fördern, das zu Gott führt. Alles, was diesen Wegen förderlich ist, ist deswegen für ihn eine Tugendübung.1969 Ob der Begriff Tugend in diesem Zusammenhang immer richtig gewählt ist, ist für den Dominikaner weniger von Belang. Wir dürfen nicht vergessen, dass es nicht Taulers Absicht ist, eine Tugendlehre zu entfalten.

Die Tugenden sind zum einen Haltungen, es sind die Mittel, die zur vollkommenen Gelassenheit führen sollen. Sie sind zum anderen gleichzeitig Ausdrucksformen für ein Leben in Gelassenheit. Das wird sich besonders deutlich, wie im Übrigen auch bei Meister Eckhart1970, in der Armut des Geistes und in der Abgeschiedenheit zeigen.1971 Das Ziel aller Tugenden ist die Gelassenheit.

I. Die Tugenden Jesu Christi

Die Tugenden sind für Tauler im Zusammenhang mit dem Wirken Jesu Christi und des Heiligen Geistes sowie im Kontext der Nachfolge Christi zu sehen. Nachfolge Christi konkretisiert sich im Tugendleben: Jesus Christus zieht als Gekreuzigter durch „demütikeit, mit gedult und mit minnen“1972 („Demut, mit Geduld und mit Liebe“) die Menschen an sich; so wie Christus gelitten hat, sollen ihm die Menschen, entsprechend ihrer vorhandenen Kräfte, nachfolgen.1973 Durch das Vorbild Jesu soll der Mensch „blos werden alles das das got nút enist“1974 („von allem entblößt werden, was nicht Gott ist“). Das ist das Ziel aller Tugenden. Deshalb fordert Tauler, dass der Mensch sich bekleide mit den „tugenden unsers herren Jhesu Christi, als ist: demuetkeit, senftmuetikeit, gehorsamkeit, luterkeit, gedultikeit, barmherzikeit, swigen und gemeine minne und diser gelich“1975 („Tugenden unseres Herrn Jesus Christus, als da sind: Demut, Sanftmut, Gehorsam, Lauterkeit, Geduld, Barmherzigkeit, Schweigen, Nächstenliebe und dergleichen mehr“).1976 Wer Christus im Tugendleben nachfolgt und wie Christus sanftmütig und geduldig gegenüber Freund und Feind die Widrigkeiten des Lebens aushält, geht wahrhaftig in den „fusspúren“1977 („Fußspuren“) Christi.1978 Die Bilder früherer Gewohnheiten werden „vertriben mit den minneklichen bilden unsers herren Jhesu Christi“1979 („vertrieben durch das liebevolle Bild unseres Herrn Jesus Christus“) und durch sein Bild ersetzt.

Auf diese Weise wird der Mensch offener für das Wirken des Heiligen Geistes, der den Menschen wiederum mit seinen Tugenden erfüllt, d.h. mit seinen sieben Gaben:

„Sencke dich in sin armuote, in sine kúscheit, in sine gehorsamkeit und nim von allen tugenden; und hie in ime werdent eime menschen gegeben die heilgen súben goben des heiligen geistes.“1980

„Versenke dich in (Christi) Armut, in seine Keuschheit, in seinen Gehorsam und nimm von allen (seinen) Tugenden, und hierin werden einem jeden Menschen die sieben Gaben des Heiligen Geistes gegeben.“

Neben den Gaben des Heiligen Geistes, wird der Mensch aber auch mit den göttlichen Tugenden – Glaube, Hoffnung und Liebe – erfüllt.1981

In Predigt V 46 (H 54) versteht Tauler unter den fünf Wunden Christi fünf Pforten1982, durch die der Mensch in das ewige Erbe Gott-Vaters gelangen kann1983:

„Kinder, in disen minnenklichen wunden súllen wir fúnf lectien leren, die uns ane alles mittel in leitent. Das sol sin: miden, liden, swigen, verachten und din selbes verloeigenen in worer gelossenheit.“1984

„Kinder, mit diesen liebevollen Wunden sollen wir fünf Lektionen lernen, die uns ungehindert hineinführen (in Gott). Das soll sein: Meiden, Leiden, Schweigen, Verachten und Sich-selbst-Verleugnen in wahrer Gelassenheit.“

Konkret bedeutet das:

„Senke dich in den linggen fuos und suge da, das du do von enphahest kraft ze vermidende allen den lust und genuegde die du haben oder enphohen macht usser ime. Denne mit allem dinem vermúgende so senke dich in die wunden des rechten fuosses, und do lere liden was úber dich kunt inwendig und uswendig, wo es her kunt.“1985

„Senke dich über den linken Fuß und sauge da, damit du Kraft empfängst, alles zu vermeiden, was Lust und Befriedigung (verspricht), die du ohne ihn (Christus) haben oder empfangen könntest. Dann senke dich mit all deiner Kraft in die Wunde des rechten Fußes, und dort lerne zu leiden, was über dich innerlich und äußerlich kommt, wo es (auch immer) herkommt.“

Die Wunde der rechten Hand gibt dem Menschen die notwendige Kraft, innerlich und äußerlich zu schweigen; die der linken Hand, zu verachten, d.h. „unruochsam sin zitlicher dinge uswendig und inwendig“1986 („gleichgültig zu sein gegenüber zeitlichen Dingen, äußerlich und innerlich“). Die fünfte Wunde ist Jesu Herz:

„Und do inne sol man leren sin selbes verloeigenen in allen wisen: in lieben, in leiden, in habende, in darbende, in zit und in ewekeit, wie es der herre wil und sinem goetlichen herzen behagt in dir und in allen creaturen. La stieben und fliegen alle ding, das es im allein behage!“1987

„Und darin soll man lernen, sich in allen Weisen selbst zu verleugnen: in Lieben, in Leiden, im Haben, im Darben, in Zeit und in Ewigkeit, wie es der Herr will und wie es seinem göttlichen Herzen behagt, in dir und allen Geschöpfen. Lass alle Dinge davonstieben und davonfliegen, dass es ihm allein behage.“

1. Tugendleben als Nachfolge – Demut, Sanftmut und Geduld1988

Am Fest des Apostels Matthäus spricht Tauler über die Nachfolge1989:

„In disen sechs stúcken volget der mensche unserm herren nach. Der sint drú in den nidersten kreften und drú in den obersten. In den nidersten: das ist mit demuetkeit und senftmuetikeit und gedult. Die andern drije die tragent sich úber die krefte alle: das ist gelobe, zuversiht und minne.“1990

„Mit diesen sechs Stücken folgt der Mensch unserem Herrn nach. Da sind drei in den niederen Kräften und drei in den oberen. In den niederen sind das Demut und Sanftmut und Geduld. Die anderen drei erheben sich über alle Kräfte: es sind Glaube, Hoffnung und Liebe.“

Demut, Sanftmut und Geduld gehören gemeinsam mit der Güte, der Barmherzigkeit und dem Stillschweigen für Tauler zu den natürlichen Tugenden des Menschen.1991 Wer sich in Demut, Sanftmut und Geduld übt, folgt Christus auf seinem Weg:

„Durch dise minnekliche túr sol man gan mit einem durbruche der nature und in uebunge der tugende mit demuetkeit und senftmuetikeit und mit gedult.“1992

„Durch diese liebenswerte Tür (Christus) soll man gehen, indem es zu einem Durchbruch in der Natur (des Menschen) kommt, und in der Übung der Tugenden, mit Demut und Sanftmut und mit Geduld.“

Glaube, Hoffnung und Liebe, die übernatürlichen göttlichen Tugenden, erlangt der Mensch durch das Wirken des Heiligen Geistes.1993 Mit Hilfe der natürlichen und göttlichen Tugenden wird also der gesamte äußere und innere Mensch geordnet und auf Gott hin neu ausgerichtet.1994 In der oberen Kraft wirkt der Glaube: So entzieht er der Vernunft „alles ir wissen und machet sie blint“1995 („all ihr Wissen und macht sie blind“); die Hoffnung nimmt dem Menschen schließlich die „sicherheit und das haben“1996 („Sicherheit und [die Gewissheit etwas] zu haben“), und die Liebe beraubt den Willen „aller eigenschaft und besitzunge“1997 („allen Eigensinnes und Besitzes“). Mit anderen Worten: Durch die göttlichen Tugenden vermag der Mensch alles einseitige Vertrauen in die eigene natürliche Vernunft, alle Eigenliebe und allen Eigenwillen loszulassen, um sich Gott in Gelassenheit hinzugeben.1998

Die Tugenden in den niederen Kräften „antwurtent“1999 („antworten“) den drei Tugenden der oberen Kräfte:

„Dise demuetkeit die entsinkt al ze mole in ein abgrúnde und verlúret den namen und stet uf irem luterem núte und enweis nút von demuetkeit. Die senftmuetikeit die hat die minne von eigenschaft berobet des willen, und do sint ir die ding alle gelich und enhat enkein wider. Dar umbe enweis si sich der tugende nút haben, und do hat si die ding in dem gelichen friden. Die tugent hat iren namen verlorn und ist wesen worden. Also ist och mit der gedult. Dise menschen die minnent, und si túrst nach lidende, und do von enwissent si nút von gedult.“2000

„Die Demut versinkt gänzlich in einem Abgrund und verliert ihren Namen und steht auf ihrem lauteren Nichts und weiß nichts (mehr) von Demut. Die Sanftmut hat die Liebe allen Eigenwillens beraubt, und dadurch sind ihr alle Dinge gleich und nichts ist ihr zuwider. Darum weiß sie nichts davon, Tugenden zu haben, und sie hat alle Dinge in gleichem Frieden. Die Tugend hat ihren Namen verloren und ist zum Sein geworden. So ist es auch mit der Geduld. Diese Menschen lieben, und es dürstet sie nach Leiden, (aber) sie wissen nichts von ihrer Geduld.“

Die Tugenden Demut, Sanftmut und Geduld erneuern das äußere Tun des Menschen und befreien es von allem Egoismus und Egozentrismus. Deshalb sind diese Tugenden von Gott in die menschliche Natur gesenkt worden.2001 Doch werden sie nur über Widrigkeiten Teil der menschlichen Gesinnung und Haltung:

„Kinder, dise tugende enwerdent dem menschen nút, es ensi denne das ime die ding engegen loffen die ime wider sint. Das ein mensche vil gedenke an demuetkeit, er enwerde getrucket, und vil an gedult, er enwerde an gevochten, und der gelich: das ist zemole nút.“2002

„Kinder, diese Tugenden erwirbt der Mensch nicht, es sei denn, dass ihm Dinge begegnen, die ihm zuwider sind. Dass ein Mensch viel an Demut denkt, er (dabei) aber nicht niedergedrückt wird, und viel an Geduld, er aber nicht angefochten wird, und dergleichen mehr: das ist alles nichts.“

Die Grundlage für das ganze Menschenleben und für alles Tun sieht Tauler vor allem in der Demut.2003 Der Mensch soll sich „temuetigen under die gewaltige hant Gottes“2004 („demütigen unter die gewaltige Hand Gottes“); das bedeutet, sich selbst erniedrigen und sich klein machen2005 – d.h. gänzlich zu einem Nichts werden2006 – gegenüber Gott, aber auch gegenüber den Menschen2007:

„Daz der mensche von ime selber zuomole nút enthalte und kúnne sich in lidender wisen gedrucken under Got und alle creaturen unde ein ieglich ding wo es herkome, das er daz demuetecliche von Gotte neme und von nieman anders, und las sich Gotte in demuetigen vorhte, in woreme versmohende sich selber in allen dingen, in liebe und in leide, in habende und in darbende.“2008

„Dass der Mensch von sich selber gar nichts halte und sich in leidender Weise unter Gott und alle Geschöpfe beugen könne, und jegliches Ding, woher es auch komme, demütig als von Gott kommend annehme und von niemanden anderem, und er (über)lasse sich Gott in demütiger Furcht, in wahrer Verschmähung seiner selbst in allen Dingen, in Liebe und in Leid, im Haben und im Darben.“

Der Mensch wird demütig, wenn er sich selbst erkennt – als Mensch, der zu Sünden neigt und Sünden begeht2009:

„Uf dise tugent wiset uns unser nature, wo wir uns anesehent indewendig oder ussewendig, das wir bevindent daz wir nút guotes hant noch vermúgent.“2010

„Auf diese Tugend weist uns unsere Natur, wenn wir uns innerlich oder äußerlich ansehen, damit wir wahrnehmen, dass wir nichts Gutes haben noch vermögen.“

Auf dem Grund dieser Verkleinerung können die Sanftmut und Geduld gedeihen. Für Tauler stehen Demut und Sanftmut wie „zwo gespilen, zwo geswesteren“2011 („zwei Gespielinnen, zwei Schwestern“) zueinander, die nicht voneinander zu trennen sind. Die Demut fördert aber auch die Geduld, denn wer „wandelt in demütikeit, der wurt behalten in der pinlicheit“2012 („in der Demut wandelt, wird in der Pein [im Leiden] gehalten“) – der wird leidensfähig. Die „Mutter“ der Demut jedoch ist die wahre Liebe zu Gott, durch die der Mensch erst zur wahren Demut gelangt.2013

Wer von wahrer Demut erfüllt ist, kann demjenigen mit Sanftmut begegnen, der ihn in Wort und Tat geringschätzt:

„Als dem menschen smocheit und unwert geschehen in worten oder in werken, so solte der mensche mit minneklicher senftmuetikeit guotlichen und gesasselichen recht ilen wie er eime einen minneklichen dienst getete. Versmohet es denne jenre als ob er in verspúwe, dar umbe sol der mensche nút ablossen, er tuo ime einen sunderlichen dienst als verre als er iemer vermag.“2014

„Wenn dem Menschen Schmach und Geringschätzung geschieht, in Worten oder in Werken, so sollte der Mensch sich mit liebevoller Sanftmut, freundlich und besonnen beeilen, diesem (der ihn beleidigt) einen Liebesdienst zu erweisen. Verschmäht jener diesen, so als ob er ihn anspuckt, so soll der Mensch darum nicht davon ablassen; er tue ihm einen besonderen Dienst, so weit er nur immer kann.“

Die Demut fördert ein paradoxes, fast schon humorvoll anmutendes Verhalten, das die Aufmerksamkeit von den Anfeindungen weglenken will:

„Duo solt gedenken ach duo wurde des nie wurdig, daz dich so ein edel mensche versmahete, und solt dergegen neigen dich und nigen und es nút ahten.“2015

„Du sollst denken, ach, du würdest niemals würdig sein, dass dich so ein edeler Mensch verschmäht, und du sollst dich vor ihm verneigen und (dich) beugen und es nicht beachten.“

Besonders die Sanftmut liegt Tauler am Herzen.2016 Denn die Sanftmut „sicht me in wert in den grunt“2017 („sieht mehr innerlich in den Grund“), d.h. sie verbessert die Gesinnung und die innere Haltung des Menschen. Sie „tribet usz alle bitterkeit und zornikeit und unwarsamkeit“2018 („treibt alle Bitterkeit und allen Zorn und alle Unwahrhaftigkeit aus“), die den Menschen erfüllen kann, wenn ihm durch andere Schaden und Beleidigungen zugefügt werden2019:

„Do kummet die senftmütikeit und wiset und vert in den grunt zuo dir selber das du dis also nemest von gotte und nit von den menschen; und also blibest du in geworem friden.“2020

„Dann kommt die Sanftmut und weist dich (auf den Weg) und fährt in den Grund zu dir selber ein, so dass du dies (die Beleidigung) als von Gott und nicht von den Menschen (kommend) nähmest; und so bleibst du in wahrem Frieden.“

Der Sanftmütige „bellent und bissent“2021 („bellt und beißt“) nicht wie ein Hund wegen der Bosheit des anderen, sondern er soll durch seine Sanftmut „eins andern bitterkeit heilen“2022 („eines anderen Bitterkeit heilen“). Damit aber der Mensch sich nach außen hin sanftmütig verhalten kann, wird er dabei von der Geduld unterstützt, die konkreter auf das äußere Tun des Menschen zielt2023: „Also sol ein senfter mensche einen herten strengen menschen senft machen mit siner gedult“2024 („So soll ein sanfter Mensch einen strengen Menschen sanft machen mit seiner Geduld“).

Durch die Demut als Grundlage und durch Sanftmut und Geduld folgt der Mensch Christus in der Nächstenliebe: Sie ertragen „eins des anderen gebresten in der minne“2025 („einander des anderen Gebrechen in der Liebe“).

Die Liebe – d.h. die Gottes- und Nächstenliebe – ist für Tauler eine weitere Tugend, durch die der Mensch auf den „Ruf Gottes“ antwortet und zu ihm zurückkehren kann.2026 Wir müssen hier allerdings unterscheiden zwischen der Liebe als göttlicher Tugend2027 und der Liebe als einer von Gott eingepflanzten und im Menschen verwurzelten Tugend2028, durch die sich seine Affekte ganz auf Gott und den Nächsten richten. In der Liebe als eingepflanzter „innerer Kraft“2029, d.h. als natürliche Tugend, kann der Mensch sich üben2030; die Liebe als göttliche Tugend aber wird dem Menschen durch den heiligen Geist geschenkt.2031 Die Voraussetzung dafür ist allerdings, dass sich der Mensch in der Liebe als natürlicher Tugend übt.2032

In einer Predigt am dritten Sonntag nach Dreifaltigkeit erwähnt Tauler eine andere Tugendtriade: Demut, Liebe und „bescheidenheit“2033 („Besonnenheit“2034).2035 Der besonnene Mensch lässt sein Tun immer auch von der natürlichen Vernunft regieren.2036 Gerade zu Beginn des Weges zurück in Gott ist das für die Neuorientierung des Lebens wichtig. Die Besonnenheit

„kunt von der vernunft, wanne der mensche ist ein redeliche creature. Wissent, wel werg ir wúrckent das die bescheidenheit nút meistert, das ist nút guot, wanne es ist Gotte nút geneme. ... uwer bescheidenheit sol nuechterlingen richten und regieren des menschen werg und sine wort und sin leben in allen stetten und in allen lúten, zuo allen ziten und in allen wisen indewendig und ussewendig.“2037

„kommt von der Vernunft, denn der Mensch ist ein vernünftiges Wesen. Wisset, welches Werk ihr (auch) tut, wenn es nicht die Besonnenheit leitet, ist es nicht gut, denn es ist Gott nicht genehm. ... Euere Besonnenheit soll des Menschen Werk nüchtern ausrichten und regieren, sein Wort, sein Leben an allen Stätten und gegenüber allen Leuten, zu allen Zeiten und in allen Weisen, innerlich und äußerlich.“

2. Die Evangelischen Räte – die Armut des Geistes2038

In Predigt V 53 (H 65) kommt Tauler auf die Evangelischen Räte, den „rat Gotz“2039 („Rat Gottes“) zu sprechen2040:

„Nu ist ein ander hoher grat, das heisset der rat Gotz, und der ist vil noher, und die menschen die dem rate volgent, die koment vil und verre úber dise menschen. Und dis sint die wege der tugende, als kúscheit des lichamen und armuot und gehorsamkeit. Dirre ruof ist vil hoeher und anders wan der erste mit den gebotten.“2041

„Nun ist da ein höherer Grad, der Rat Gottes, und dieser ist viel höher, und die Menschen, die diesem Rat folgen, kommen viel und weit über diese Menschen (der ersten Stufe)2042. Und dies sind die Wege der Tugenden: Keuschheit des Leibes, Armut und Gehorsam. Dieser Ruf (Gottes an den Menschen) ist viel höher und anders als der erste, der mit den Geboten2043.“

Diese göttlichen Räte sind die Tugenden, durch die Christus den Menschen von seinen Gebrechen befreit und die seine Lebenshaltung nicht nur auf das Wirken der natürlichen Tugenden neu ausrichtet2044, sondern sie auch für die göttlichen Tugenden und für die sieben Gaben des Heiligen Geistes öffnet und sie damit vollkommener macht:

„Hie in ime werdent eime menschen gegeben die heilgen súben goben des heiligen geistes und die drige goetteliche tugende..., und alle vollekomenheit und worheit und innerliche froeide und fride in dem heilgen geiste.“2045

„Hier in (Christus und seinen Tugenden) werden einem die heiligen sieben Gaben des Heiligen Geistes gegeben und die drei göttlichen Tugenden..., und alle Vollkommenheit und Wahrheit und innerliche Freude und Friede im Heiligen Geist.“

Auf die Keuschheit des Leibes geht Tauler nicht ein. Wichtiger ist ihm der Gehorsam und die Armut. Vollkommener Gehorsam bedeutet willige Gelassenheit

„alles des do duo dich und das dine anehast, das si was das si, da duo dich vindest do lo dich zuohant.“2046

„gegenüber alldem, womit du dich verbunden hast; was das (auch) immer sei, wenn du dich darin findest, (über)lass dich sofort (Gott).“

Zum vollkommenen Gehorsam gegenüber Gott gelangt aber der Mensch über den Gehorsam gegenüber der Obrigkeit und der Kirche.2047 Doch ganz oben steht für Tauler der Gehorsam gegenüber Gott2048, „wan sine gehorsamin die get fúr alle gehorsamin“2049 („denn sein Gehorsam geht über allen anderen Gehorsam“), aber in dem Sinne, dass der Gehorsame seinen Eigenwillen und seine Gewohnheiten aufgibt2050, um in vollkommener Gelassenheit ganz von Gott erfüllt zu werden. Denn

„in dises gehorsamen menschen grunt dar in setzet sich Got ze lerende: wan Got git da grosse gnade und alsoliche lere das der mensche von Gote von innen geleret wirt.“2051

„in des gehorsamen Menschen Grund setzt sich Gott, um zu lehren: Denn Gott gibt da so große Gnaden und solche Lehren, dass Gott den Menschen von innen lehrt.“

Tauler weiß, dass nur derjenige Gott gehorsam sein kann, der sich auch den Menschen unterzuordnen vermag, d.h. wer seine Selbstbezogenheit aufgibt. Deshalb fordert er auch, dass

„der mensche ein grundelos gehorsam gemuete demuetig habe under Got und under allen menschen, den aller minsten als den aller meisten.“2052

„der Mensch ein grundloses gehorsames und demütiges Gemüt gegenüber Gott und allen Menschen habe, gegenüber dem Geringsten und dem Höchsten.“

Der Gehorsam macht wahre Demut erst möglich.

„Und ir súllent wissen: das aller minste snoedeste werk das getan wirt in worer gehorsamin, das das selbe klein werk von der gehorsamin wegen wirdiger und besser und lonberer ist wan alle die grossen werk die dehein mensche wúrket.“2053

„Und ihr sollt wissen: Das geringste und unbedeutendste Werk, das in wahrem Gehorsam getan wird, ist wegen des Gehorsams würdiger und besser und verdienstlicher als alle großen Werke, die irgendein Mensch vollbracht hat.“2054

Ganz im Sinne seiner dominikanischen Tradition hebt Tauler, wie auch vor ihm Meister Eckhart, besonders die Armut hervor.2055 Der Prediger unterscheidet zwischen der äußerlichen, zufälligen Armut materiell armer Leute und der inneren, wesentlichen Armut.2056 Die innere Armut ist eine freiwillige Armut, die ein Mensch auf sich nimmt, um eins mit Gott zu werden. Sie ist für Tauler die Pforte zur Gesundung des Menschen2057 und der Beginn eines vollkommenen Lebens in Gott.2058 Die wesentliche Armut nennt Tauler in Anlehnung an Meister Eckhart die Armut des Geistes2059:

„Das ist das Got uns alleine besitze unsern grunt und daz wir von keinen dingen besessen anders ensint und das wir alle ding also haltent alsu sú Got in uns wil gehalten haben in armuote unsers geistes, also sant Paulus sprach: ´also die nút enhabent und alle ding besitzent´.“2060

„Das heißt, dass Gott allein besitze unseren Grund und dass wir von keinen anderen Dingen besessen sind und dass wir alle Dinge so besitzen wie sie Gott von uns besessen haben will in Armut unseres Geistes, so wie Sankt Paulus sprach: ´wie die, welche nichts haben und (doch) alle Dinge besitzen´.“

Unter dieser Form der Armut – der Gelassenheit – können wir also ein ausgeglichenes, gleichmütiges Verhältnis zu allen Dingen und zu allem Geschehen verstehen, ein Unabhängig- und Freisein von allem. Deshalb könnte, so Tauler, ein solch armer Mensch ein ganzes Königreich besitzen, ohne dass er davon gehindert werde, in Gott einzukehren.2061 Denn diese Menschen

„habent ein fri lidig, erhaben gemuete, das ungevangen ist von allen dingen, noch mit luste noch mit liebe, und stet in der bereitschaft alle ding zu lossende, obe es Got wolte gelossen haben.“2062

„haben ein freies, lediges, erhabenes Gemüt, das ungefangen ist von allen Dingen, weder mit Lust noch mit Liebe, und (es) steht in der Bereitschaft, alle Dinge zu lassen, wenn Gott es wollte gelassen haben.“

Die wesentliche, geistige Armut ermöglicht es also, sich ungehindert dem Willen Gottes zu überlassen.

In dieser geistigen Armut unterscheidet Tauler drei Formen: In einer niederen Form muss der Mensch nicht auf das Notwendige verzichten. Hier ist Armut vielmehr so gedacht, dass sich der Mensch mit Hilfe seines Besitzes in Tugenden einübt2063 und davon abgehalten wird, sich dauernd mit der Suche nach dem täglichen Einkommen zu befassen, denn

„maniges mensche gemüte ist luterre und lidiger, also es notdurft het, danne ob es sú alle tage suochen müste, wanne die notdurft het, mit urloube und des gebruchent mit bedengnisse, der ist wol lidiger dan er es suochen muos.“2064

„manches Menschen Gemüt ist lauter und lediger, wenn es das Notwendige hat, als wenn es alle Tage (danach) suchen müsste, denn (wer) das Notwendige hat, mit Erlaubnis (der Oberen), und es mit Bescheidenheit gebraucht, der ist wohl lediger als der, der es suchen muss.“

In der nächsten Form der Armut im Geiste liebt der Mensch Gott so innig, dass seine Liebe von keinen Dingen behindert werden kann, sondern diese sogar eine Hilfe sind. Denn dieser Mensch bleibt „unberúret von allem dem das nút luter blos got enist“2065 („unberührt von allem, was nicht lauter und rein Gott ist“). Diese Menschen können deshalb reich sein und Gott trotzdem ungehindert dienen.2066

Die letzte Weise der Armut ist für Tauler die lauterste, denn in ihr begibt sich der Mensch in die radikale Nachfolge Christi:

„Das ist von minnen arm sin ussewendig und innewendig, von minnen umb das minnencliche bilde unsers herren ihu xri, sime lutern blossen, armüte nochzuovolgende von rehter worer minnen, und unbekúmbert und umbehangen sin innewendig und ussewendig, dennen alleine ein blos luter unmittelcih widerflus und widergang des gemütes on underlos in sinen ursprung und in sinen begin.“2067

„Das ist aus Liebe arm zu sein, äußerlich und innerlich, aus Liebe zum liebevollen Bild unseres Herrn Jesus Christus, seiner lauteren, bloßen Armut nachzufolgen aus rechter, wahrer Liebe und unbeeinträchtigt und unbeschwert („ungeschmückt“) sein, innerlich und äußerlich, allein ein bloßes, lauteres unmittelbares Rückfließen und Rückgehen des Gemütes ohne Unterlass in seinen Ursprung und in seinen Beginn.“

Wenn der Mensch völlig arm, d.h. völlig frei für Christus ist, dann kann er mit allen Kräften seines Gemüts ungehindert in Gott zurückfließen, in seinen Ursprung. Durch Christi Hilfe wird der Grund frei, damit Gott den Menschen finden kann:

„Got wil haben einen armen menschen. La dich. Man sol dir das guot nemen oder den frúnt, den mogen, den schatz, was das ist do du an klebest, das du dinen grunt blos und arm Gotte múgest geantwúrten. Got suochet dich do: lo dich vinden.“2068

„Gott will einen armen Menschen haben. Laß dich (los)! Man soll dir das Gut nehmen oder den Freund, den Verwandten, den Schatz, was das auch immer sei, woran du klebst; (das ist notwendig), damit du deinen Grund bloß und arm Gott mögest überantworten. Gott sucht dich dort: Lass dich finden.“

Menschen, die sich in der geistigen Armut Gott ganz gelassen haben, die sich mit allen ihren Kräften und Befähigungen Gott zur Verfügung stellen, wird der Seelengrund nun von Gott bereitet:

„Die lossent Got iren grunt bereiten und lossent sich Gotte zuomole und gont des iren us in allen dingen und behaltent in nút in keinen dingen noch in werken noch in wisen, in tuon noch in lossende, noch sus noch so, in liebe noch in leide, sú nement alle ding von Got in demuetigen vorhten und tragent sú ime zuomole uf wider in eime blossen armuote irs selbes in einre williger gelossenheit, und boeugent sich demuetecliche under den goetlichen willen; wie Got welle in allen dingen, des sint sú zuofriden, in friden und in unfriden, wanne in smacket alleine der guote wolgevallende wille Gottes.“2069

„Diese lassen Gott ihren Grund bereiten und lassen sich Gott ganz und gehen aus dem Ihren in allen Dingen und behalten sich nichts vor in keinerlei Dingen, weder in Werken noch in Weisen der Frömmigkeit, weder im Tun noch im Lassen, weder so noch anders, weder in Lieb noch in Leid. Sie nehmen alle Dinge von Gott in demütiger Furcht und bringen sie ihm vollständig zurück in der bloßen Armut ihres Selbst, in einer freiwilligen Gelassenheit, und sie beugen sich demütig unter den göttlichen Willen. Wie immer es Gott wolle in allen Dingen, sie sind zufrieden, in Frieden und in Unfrieden, denn ihnen sagt allein der gute, wohlgefällige Wille Gottes zu.“

Der arme, gelassene Mensch behält nichts für sich zurück noch beansprucht er irgendetwas2070:

„Kinder, der wille der muos ab. ... Als lange und alle die wile das du stest in dime eigen willen, so wissest das dir diser selikeit gebristet. Wan alle die gewore selikeit die gelit an rechter gelossenheit, willeloskeit; dis wirt alles geborn us dem grunde der kleinmuetikeit: do wirt der eigen wille verlorn; wan der wille ist recht als ein sul da alle unordenunge sich inne enthaltet: koenden wir die gevellen, so vielen die muren alle dar nider. Ie kleiner, ie minre willen.“2071

„Kinder, der (Eigen)wille muss weg. ... So lange und all die Zeit, die du in deinem Eigenwillen stehst, wisse, dass dir an dieser Seligkeit gebricht. Denn die ganze wahre Seligkeit, die liegt an rechter Gelassenheit, an Willenlosigkeit. Dies alles wird aus dem Grund der Kleinmütigkeit geboren: da wird der Eigenwille verloren. Der Wille ist nämlich recht eine Säule, in der alle Unordnung enthalten ist: Könnten wir sie stürzen, dann fielen die Mauern darnieder. Je kleiner, umso weniger Wille.“

Der Verzicht auf den Eigenwillen, auf die Kraft der Selbstbehauptung, wird von Tauler noch gesteigert. Er fordert:

„Stuonde das himelreich vor dir offen, du ensoltest nút wellen drin gon; du solltest zem ersten war nemen ob es Got also von dir haben wolte.“2072

„Stünde das Himmelreich vor dir offen, du solltest nicht hineingehen wollen. Du solltest zuerst wahrnehmen, ob es Gott von dir haben wollte.

In der Armut des Geistes übernimmt Gott alles Wirken im Menschen, wenngleich der Mensch nichts davon spürt.2073 Die Armut des Geistes findet schließlich ihren Höhepunkt, ihre ganze Radikalität, in der „resignatio ad infernum“, in der Bereitschaft, selbst die Höllenqualen auf sich zu nehmen, d.h. die Gottesferne zu ertragen, wenn es Gottes Wille sei2074:

„Ir tieffe ist als abgrúndig: si zúhet si in den grunt der helle, also – wers múgelich und het es Got also geordent (das er nít enhat) – das alle die in der helle sint, das die us moechtent komen und er fúr si alle alleine da solte bliben: das tete er von minnen gerne.“2075

„Ihre Tiefe ist so abgründig: Sie zieht sie in den Grund der Hölle, so dass – wäre es möglich und von Gott so angeordnet, was er aber nicht getan hat – alle, die in der Hölle sind, sie verlassen dürften, sie selbst aber alleine an ihrer Stelle dort blieben: das täten sie aus Liebe gerne.“

Als Beispiele für die Praxis der „resignatio ad infernum“ nennt Tauler neben dem Dominikaner Wigman2076 und der Zeitgenossin Taulers, die er mit der Kanaanäerin in Mt 15,21 – 28 gleichstellt2077, den alttestamentlichen Gerechten Hiob2078:

„Der heilig man Job, den unser herre lobte und sprach das er were gerecht und einvaltig und das sin gelich nút funden enwere, und stat das er nie tumplich wort engesprach, der sprach: ‚ich mit allem dem mime gehoeren in das aller tiefste des abgrúndes der helle‘.“2079

„Der heilige Mann, Ijob, den unser Herr lobte und von dem er sprach, dass er gerecht und schlicht sei und dass man seinesgleichen nicht finden würde, und von dem geschrieben steht, dass er nie ein törichtes Wort aussprach, er sagte: ‚Ich mit all dem Meinen gehöre in den tiefsten Abgrund der Hölle‘.“

In Taulers Deutung wollte „diser gerechter mensche ... von siner schuld wegen varn ... in das vinsterste der helle“2080 („dieser gerechte Mensch ... seiner Schuld wegen ... in den finstersten Teil der Hölle“). Der tiefsten Selbsterniedrigung, der extremsten Form der Armut, kommt Gott mit der Gnade der höchsten Erhöhung entgegen2081, wie Tauler am Beispiel Wigmans verdeutlicht: „Kum balde her uf in den obersten tron, in das vetterliche herze“2082 („Komm rasch herauf bis zum obersten Thron, in das väterliche Herz“).

II. Die Klugheit und die Abgeschiedenheit zur Vorbereitung auf den Empfang des Heiligen Geistes

Auch beim Wirken des Heiligen Geistes haben die Tugenden eine wichtige Aufgabe: Wenn sich der äußere Mensch in den natürlichen Tugenden und der innere, „vernünftige“ Mensch sich in den sittlichen Tugenden geübt hat und sich die Kräfte in ihm beruhigt haben, dann wird der Heilige Geist die oberen Kräfte – bzw. den Grund – mit den göttlichen Tugenden erfüllen.2083

In zwei Predigten2084 geht es um die Frage: Welche Vorbereitungen soll der Mensch treffen, um den Heiligen Geist zu empfangen? Tauler kommt es in diesem Zusammenhang vor allem auf die Klugheit und auf die von Meister Eckhart geprägte Abgeschiedenheit an.2085

„Nu kummet sant Peter und wiset uns also klerlich und eigenlich weles die bereitunge sint hergegen, und sprach: ‚estote prudentes‘.“2086

„Nun kommt Sankt Peter und weist uns klar und deutlich, welches die Vorbereitungen hierfür sind, und (er) sprach: ‚estote prudentes‘, seid besonnen.“

Unter dieser Besonnenheit versteht Tauler nicht Weisheit, sondern „kúndekeit“2087 („kluge Kenntnis“), Klugheit. Kluge Kenntnis erlangt der Mensch, wenn er etwas

„wol und dicke versuoht het, so ist ime das wol kúndig unde het es wol durchsehen und ist wol getreigert in den dingen.“2088

„gut und oft geübt hat; dann ist er wohl (darin) kundig, und er hat es gut durchschaut und ist gut bewandert in den Dingen.“

In der klugen Kenntnis geht es um ein mit der natürlichen Vernunft erlangtes Wissen bzw. um eine rechte Erkenntnis über Dinge, mit denen der Mensch zu tun hat.

„Also meinet dis wort, ... daz wir kúndekeit súllent han und soellent an allem unserm tuonde und lossende mit eime lichte unser redelicheit ein iegelich ding durchsehen, daz wir wol wissent und uns wol kúndig si womitte wir umbegont.“2089

„Also bedeutet dieses Wort, ... dass wir eine kluge Kenntnis haben sollen und all unser Tun und Lassen mit dem Licht unserer Vernunft, ein jegliches Ding, durchschauen sollen, dass wir wohl wissen und wohl kundig darin sind, womit wir umgehen.“

Das Ziel ist, alle äußeren und inneren Kräfte des Menschen zu sammeln, damit der Heilige Geist im Menschen vollkommener wirken kann, um ihm in der Wahrheit, gemeint ist der Wille Gottes, einen Sitz zu geben.2090

Weitere wichtige Tugenden, die den Menschen für das Wirken des Heiligen Geistes öffnen, sind „abgescheidenheit und lidikeit und innikeit und einikeit“2091 („Abgeschiedenheit und Ledigkeit und Innigkeit und Einigkeit“). Was ist unter wahrer Abgeschiedenheit zu verstehen?2092

„Das ist daz sich der mensche abekere und abescheide von allem dem das nút Got luter und blos enist.“2093

„Das ist, dass der Mensch von allem abkehre und sich abscheide von allem, was Gott nicht lauter und rein ist.“

Abgeschiedenheit bedeutet also nicht Rückzug in die Stille, sondern die Abkehr bzw. die Trennung2094 von Verhaltensweisen und vom Gebrauch all der Dinge, die nicht der Vertiefung der Gottesbeziehung dienen. Dabei überprüft der Mensch mit dem Licht seiner natürlichen Vernunft sein ganzes Tun,

„obe út do si in dem grunde das Got nút luterlich ensi oder Got nút bloeslichen enmeine in allen dingen, in tuonde und in lossende, und vindet er út do das do gemeinet wurt anders denne Got, das man das abescheide und uzsliesse.“2095

„ob da etwas in dem Grunde sei, das Gott nicht lauter sei oder Gott nicht allein im Sinn hat in allen Dingen, im Tun und im Lassen, und findet er etwas, das etwas anderes meint als Gott, dass (er) es absondere und ausschließe.“

Damit der Heilige Geist im Grund ungehindert wirken kann, bedarf es der klugen Kenntnis, um zu erkennen, welche Dinge und Verhaltensweisen sein Wirken behindern, und es bedarf der Abgeschiedenheit, d.h. der Trennung von den erkannten Hindernissen:

„O wie wunnenklich vindet der heilige geist do sine stat! Und do werdent sine goben edellichen enpfangen noch goettelicher wisen. Und also dicke also der mensche herinloget mit dem liehte der redelicheit und hie zuo Gotte keret, also dicke wurt ein vereinunge do und eine núwe ingeistunge des heilgen geistes in eime iegelichen ogenblicke, und enpfohet núwe goben und gnode, also dicke er sich hiezuo keret mit dieser kúndekeit und wore abegescheidenheit.“2096

„O wie wonnengleich findet der Heilige Geist dort seine Wohnstatt! Und dort werden seine Gaben edelst empfangen auf göttliche Weise. Und so oft also der Mensch mit dem Licht seiner Vernunft hereinschaut (in seinen Grund) und sich hier zu Gott kehrt, genauso oft kommt es dort zu einer Vereinigung und eine neue Einhauchung des Heiligen Geistes in einem jeden Augenblick, und (der Mensch) empfängt neue Gaben und Gnaden, so oft er sich hierin kehrt mit dieser klugen Kenntnis und wahren Abgeschiedenheit.“

Die kluge Kenntnis prüft und korrigiert auch die Tugenden; zunächst die natürlichen Tugenden:

„Dis lieht sol berihten mit sime liehte die natúrlichen tugende, sú sint demuetikeit, senftmuetikeit, miltekeit, barmhertzikeit, stillekeit, und dieser glich das natúrliche tugende sint.“2097

„Dieses Licht soll mit seinem Licht die natürlichen Tugenden berichtigen; das sind Demut, Sanftmut, Milde, Barmherzigkeit, Stillschweigen und dergleichen, was natürliche Tugenden sind.“

Der Mensch soll mit ihrer Hilfe erkennen, ob die Tugenden in ihrem Vollzug „uz Gotte geborn“2098 („aus Gott geboren“) sind. Deshalb durchleuchtet sie ebenso die sittlichen Tugenden2099, um sie in eine „goetteliche ordenunge“2100 („göttliche Ordnung“) zu bringen: „also ist wisheit, gerechtikeit und stercke und messikeit“2101 („das sind Weisheit, Gerechtigkeit und Stärke und Mäßigkeit“). Der Mensch vermag also mit Hilfe der klugen Kenntnis und der Abgeschiedenheit teilweise das Wirken des Heiligen Geistes in sich zu fördern, wobei die Fähigkeit dazu erst Dank des Heiligen Geistes möglich wird.2102 Die Fähigkeiten allein von Seiten des Menschen genügen nicht für ein wahrhaft göttliches Leben.

Der Mensch braucht das Vorbild der Tugenden Christi – das sind z.B. die Evangelischen Räte: Armut, Keuschheit, Gehorsam – 2103, und er braucht Gott selbst: Sein Heiliger Geist kann den Weg in den göttlichen Ursprung vollenden, nämlich mit den übernatürlichen, göttlichen Tugenden:

„Also der heilige Geist dann vindet daz der mensche das sine getuot, so kummet er mit sime liehte danne und úberlúhtet daz natúrliche lieht und gússet darin úbernatúrliche tugende, also gelobe, hoffenunge, goetteliche minne und sine genade.“2104

„Wenn der Heilige Geist dann findet, dass der Mensch das Seine getan hat, so kommt er mit seinem Licht und überleuchtet das natürliche Licht (der Vernunft) und gießt da hinein die übernatürlichen Tugenden, Glaube, Hoffnung, göttliche Liebe und seine Gnade.“

Durch kluge Kenntnis und wahre Abgeschiedenheit auf der einen und vor allem durch Gottes Wirken selbst, als Sohn und Geist, auf der anderen Seite, empfangen die Menschen den Heiligen Geist

„in das verborgen abgrunde, in daz heimeliche rich, in den wunnenclichen grunt, do daz edele bilt der heiligen drivaltikeit verborgen lit, das daz alleredelste der selen ist.“2105

„in dem verborgenen Abgrund, in dem heimlichen Reich, in dem wonnengleichen Grund, wo das edle Bild der Heiligen Dreifaltigkeit verborgen liegt, welches das alleredelste der Seele ist.“

III. Die Liebe als Weg zur Einheit mit Gott

Tauler beschreibt den Weg zurück in den göttlichen Ursprung als Weg der Liebe. Wer sich in der Nächstenliebe übt, gelangt zur wahren Gottesliebe und damit zu Gott selbst, dessen Wesen die Liebe ist.2106 Bei der Beschreibung dieses Weges wird Tauler maßgeblich beeinflusst von Richard von St. Viktor, der von einer verwundeten, gefangenen, quälenden, rasenden oder verzehrenden und betrogenen Liebe spricht2107, und von Bernhard von Clairvaux, der in seiner 20. Hoheliedpredigt die süße, weise und starke Liebe unterscheidet.2108

1. Die verwundete, gefangene, quälende und rasende Liebe

Der Weg der Liebe beginnt mit der verwundeten Liebe2109, denn

„die sele mit der stralen der minne von Gotte wirt verwunt, das ir dis lebende wasser wirt geschenket der woren minne: so wundet si Got wider mit irre minne.“2110

„die Seele wird mit den Strahlen der Liebe Gottes verwundet, so dass ihr das lebendige Wasser der wahren Liebe geschenkt wird: So aber verwundet sie Gott wieder mit ihrer Liebe.“

Die Liebe Gottes zum Menschen ruft die Liebe bzw. die Sehnsucht des Menschen nach Gott hervor. In seiner Liebe richtet sich der Mensch mit seiner ganzen Erkenntniskraft und mit seinem Gemüt ganz nach Gott hin aus, und mit dieser lauteren und ungetrübten Liebe „verwundet“ er seinerseits Gott.2111 Ein Gleichnis soll das Gemeinte verdeutlichen:

„Der verwunt ist von minnen, der tuot recht als ein kofmann der ein schif wil us fueren umbe gewin: so ist recht sin herze als es verwunt si von begerunge, das er vil gesamene aller leige; so respet er hie, so samenet er do, das sin schif vol werde. Also tuot der verwunte mensche: er samenet und zúhet ze samene alle bilde und gedenke und uebunge was er mag, dem minner ze liebe den er minnet.“2112

„Wer verwundet ist von der Liebe, der tut recht wie ein Kaufmann, der ein Schiff ausfahren will um des Gewinnes willen: So ist recht sein Herz wie verwundet von dem Verlangen, vielerlei zusammenzutragen; so rafft er hier, so sammelt er dort, damit sein Schiff gefüllt werde. Genauso tut der verwundete Mensch: Er sammelt und zieht zusammen alle Bilder und Gedanken und Übungen, was er mag, dem Geliebten zu Liebe, den er liebt.“

Der Mensch in der verwundeten Liebe ist noch ganz Herr seiner selbst: Er navigiert sein Schiff in den Sturm Gottes und fährt nach seinem eigenen Willen und entsprechend seines Wohlwollens auf dem Meer Gottes. Je weiter er hinaus auf das Meer Gottes fährt, desto empfänglicher wird er für die göttlichen Ausflüsse – für die göttlichen Gnaden –, die jedoch neue Wunden der Liebe verursachen. Dann aber schneidet Gott plötzlich die Taue des Schiffes entzwei. Der Mensch kann sein Schiff nicht mehr selbst manövrieren. Der Mensch ist nicht mehr Herr seiner selbst.2113 Das aber ist der nächste Grad: die „gevangene minne“2114 („gefangene Liebe“). Gott hat die Taue des Eigenwillens entzwei geschnitten:

„Do bist du ungewalt din selbes: do ist weder gedanke noch uebunge der krefte noch werk der tugende.“2115

„Dann hast du keine Gewalt mehr über dich: da ist weder Gedanke noch Übung der Kräfte noch ein Werk der Tugend.“

In der gefangenen Liebe soll sich der Mensch ganz dem Wirken und Willen dieser Liebe überlassen. Tauler vergleicht den Menschen in der gefangenen Liebe mit einem Ritter, der schwer verwundet wurde. Trotz schwerer Wunden vermag er jedoch zu fliehen, wird aber dennoch gefangen genommen; er ist nicht mehr sein eigener Herr.2116 Doch auch wenn der Mensch von der Liebe gefangen wird, ist es möglich, dass er erneut in die verwundete Liebe zurückfällt, d.h. wieder Herr all seiner Gedanken werden will – dagegen aber soll der Mensch aufbegehren und zur gefangenen Liebe zurückkehren:

„So tuo al zehant eine swank und richte und reisse dich in sturm mit der minne und beger und bit und trib die minne.“2117

„So tue alsogleich einen Schwenker und richte und reiße dich (wie ein) Sturm mit der Liebe und begehre und bitte und treibe die Liebe (an).“

Das ganze Begehren des Menschen soll sich wieder auf Gott richten. Dabei kann er folgendes Gebet des Hl. Augustinus sprechen2118:

„ ‚Herre, du begútest mir das ich dich minne: gib mir das du mir gebútest; du gebútest mir dich ze minnende von allem herzen, von aller sele, von allen kreften und von allem gemuete: gib mir, herre, das ich dich minne fúr al, úber al‘.“2119

„ ‚Herr, du gebietest mir, dass ich dich liebe: Gib mir das, was du mir gebietest; du gebietest mir, dich zu lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit allen Kräften und mit ganzem Gemüt: Gib mir, Herr, dass ich dich liebe, vor allem, über allem‘.“

Nach der gefangenen Liebe kann die Seele des Menschen in die „qwellende minne“2120 („quälende Liebe“), dann in die „verzerende“2121 („verzehrende“) bzw. „rasende minne“2122 („rasende Liebe“) gelangen.2123 Zur quälenden und verzehrenden Liebe äußert sich Tauler nicht sehr ausführlich.2124

Mehr sagt Tauler zur rasenden Liebe, die er unterschiedlich bezeichnet: Er nennt sie eine „unsinnige minne“2125 („unsinnige Liebe“) und ein anderes Mal den „sturme der minne“2126 („Sturm der Liebe“). Tauler vergleicht sie mit einer „lucernen“2127 („Lampe“). Ihre „minne hitze“2128 („Liebeshitze“) macht den Menschen „ungestueme in allen sinen kreften“2129 („ungestüm in all seinen Kräften“), so dass er „qwilt nach der minne“2130 („seufzt [voller Schmerz] nach der Liebe“): „Si verzert dir marg und das bluot“2131 („Sie verzehrt dir Mark und Blut“). Der Schmerz ist groß, denn „das er si hat, des enweis er nút“2132 („dass er sie [die Liebe] bereits hat, das weiß er nicht“). Die rasende Liebe entfacht im Menschen einen Sturm, da ihm die eigenen natürlichen Kräfte nicht mehr helfen. Sie können sogar zum Hindernis werden:

„Hie sich fúr das du die nature nút mit dinen uswendigen ufsetzen enverderbest, wenne die minne ir werk súlle wúrken, das du ir denne út entwichen dúrfest, du múgist ir denne gevolgen in irme sturme und in ir uswúrklicheit.“2133

„Hier sieh dich vor, dass du die (menschliche) Natur nicht mit deinen äußeren Vorsätzen verdirbst. Wenn die Liebe ihr Werk wirken soll, dann darfst du ihr nicht entweichen, du musst ihr in ihrem Sturm und in ihrem Hinausdrängen folgen.“

Der Mensch soll sich diesem Sturm der rasenden Liebe überlassen, denn in diesem geht alles menschliche Wirken unter.2134 Weder von negativen noch von positiven Gedanken soll sich der Mensch vom Weg abbringen lassen:

„Kinder, wenne der mensche in disem sturme der minne ist, so ensol er nút gedenken uf sine súnde noch uf demuetkeit noch nút denne das er der minne genuog si in irem werke.“2135

„Kinder, wenn der Mensch in diesem Sturm der Liebe ist, dann soll er weder an seine Sünden denken noch an Demut noch an (irgendetwas anderes), sondern (nur), dass er der Liebe genug tue in ihrem Werke.“

Er hält voller Vertrauen allein dieser Liebe die Treue, indem er in Gelassenheit auf alles verzichtet, was ihr Werk behindern könnte, und all das begehrt, was ihr Werk fördert:

„Da sol man sich der minne lossen und halten ir gantze trúwe und arm und ellent sin von allem dem das die minne nút enist, und habe stets emzeklich begerunge und ein gantz sicher getrúwen und halt dich hert zuo der minne.“2136

„Da soll man sich der Liebe (über)lassen und ihr völlig die Treue halten und arm und elend sein, von allem, was die Liebe nicht ist, und habe stets ein emsiges Begehren und ein ganz sicheres Vertrauen und halte dich fest an der Liebe.“

Wer der Liebe aber nicht die Treue hält, bei dem nimmt das Begehren nach dieser Liebe ab und sie erlischt.2137 Verliert aber der Mensch das Zeugnis der Liebe, dann ist alles verloren.2138 In diesem Zusammenhang weist Tauler auf die „betrogene minne“2139 („betrogene Liebe“) hin:

„Och wol maniges dunket es habe die minne; aber sehe er tief in den grunt, er fúnde wol wie es umbe sine minne stuonde.“2140

„Ach, manchen dünkt, er habe die Liebe; aber sehe er tief in den Grund, er fände wohl, wie es um seine Liebe stünde.“

Der Mensch mag äußerlich viele gute Werke tun, aber wenn dies ohne Liebe geschieht, dann ist die Liebe betrogen. Durch Einwirkung des Feindes, der den Menschen die guten äußeren Merkmale der Liebe belässt2141, entsteht eine ihn verderbende „guotdunkende“2142 („Selbstzufriedenheit“). Diese Selbstzufriedenheit aber verhindert, dass der Mensch in seinem Grund der göttlichen Gnaden teilhaftig wird.2143 Diese Gnaden aber „fueren und bringen in alsolich vereinunge das er in der zit befúnde des er eweklich gebruchen sol“2144 („führen und bringen [den Menschen] in solch eine Vereinigung, dass er in dieser Zeit fände, was er in der Ewigkeit genießen soll“). Dann kommt der Herr und spricht sein Wort in den Seelengrund des Menschen:

„ ‚Do wirt der grunt ein mit dem worte unde wirt das selbe selb in dem worte, allein doch der grunt sine geschaffenheit behalte in der weslicheit, mer in der vereinunge‘.“2145

„ ‚Da wird der Grund eins mit dem Wort und wird dasselbe in dem Worte, wobei der Grund seine Geschaffenheit behält in seinem Wesen (auch) in der Vereinigung‘.“

Das Wort, mit dem der Grund des Menschen eins wird, ist Jesus Christus:

„Und das bezúget usner herre do er sprach: ‚vatter, das si ein werden als wir ein sint‘; und als er och sprach zu S. Augustinus: ‚du solt gewandelt werden in mich‘.“2146

„Und das bezeugt unser Herr, da er sprach: ‚Vater, dass sie eins werden, so wie wir eins sind‘; und wie er auch zu St. Augustinus sprach: ‚Du sollst gewandelt werden in mich‘.“

Der Mensch gelangt in der rasenden Liebe durch Jesus Christus in den göttlichen Ursprung.2147

2. Die süße, weise und starke Liebe

In der zweiten Predigt vom 13. Sonntag nach Dreifaltigkeit2148 bezieht sich Tauler auf die süße, weise2149 und starke Liebe2150 des hl. Bernhard von Clairvaux2151:

„Kinder, von diser minne, die ein gebot ist, von der spricht S. Bernhardus und heisset ein minne ein susse minne und die ander ein wise minne; die dritte heisset er ein starke minne.“2152

„Kinder, von dieser Liebe, die uns geboten ist, spricht Sankt Bernhard. Und er nennt eine Liebe eine süße und die andere eine weise Liebe; die dritte nennt er eine starke Liebe.“

Dabei vergleicht er diese Arten der Liebe mit drei verschiedenen Bildwerken:

„Das eine das ist ein húltzin bilde und ist úber gúlt. Das ander das ist ein silberrin bilde und ist och úber gúlt. Das dritte das ist ein bilde von vinem luterem golde.“2153

„Das eine ist ein hölzernes Bildwerk, das vergoldet ist. Das andere ist ein silbernes Bildwerk, welches ebenfalls vergoldet ist. Das Dritte ist ein Bild aus reinem, lauterem Gold.“

Wie bei Bernhard beginnt der Weg des Menschen zurück zu Gott mit der „süßen Liebe“, d.h. mit der Liebe zur irdischen Gestalt Jesu Christi.2154 Bei Tauler entspricht die „süße Liebe“ dem hölzernen, vergoldeten Bild: In dieser Liebe wird der Mensch mit einem Gefühl von „grosser lust“2155 („großer Freude“) erfüllt, weil etwas „wol geformiert und gebilt ist“2156 („wohl geformt und gebildet ist“). Er erfreut sich an der äußeren Gestalt, am äußeren Sein, an der „Vergoldung“.

Die „süße“ oder „biltlicher minne“2157 („bildhafte Liebe“) erfreut also „gar lustlich den sinnen in der naturen“2158 („gar sehr die Lust der sinnenhaften Natur“) des Menschen. In dieser Form der Liebe betrachtet und bedenkt der Mensch z.B. mittels seiner Phantasie „die geburt oder an die wise und werk“2159 („die Geburt oder die Art und das Werk“) des irdischen Jesus von Nazareth. Gott bedient sich der sinnlichen Freude des Menschen, damit dieser sich auf den Weg macht, Gottes wahre Liebe zu erlangen:

„Got zúhet und reist mit alsolicher suessikeit den menschen fúrbas in einen fúrgang das die wore minne mit disem bevinden zuo lege und in ime gebilt und geboren werde.“2160

„Gott zieht und reißt mit solcher Süßigkeit den Menschen vorwärts in einen Fortschritt, dass die wahre Liebe mit diesem Empfinden zunehme und in ihm gebildet und geboren werde.“

Das Streben des Menschen richtet sich durch die süße Liebe immer mehr nach der wahren Liebe Gottes aus, wodurch der Mensch allerdings den Geschmack an den äußeren Dingen, an den sinnlichen Erfahrungen, also an dem, was ihm die süße Liebe schenkt, immer mehr verliert. Nur Gott allein kann den Durst löschen, den der Mensch empfindet.2161 Die Liebe muss sich wandeln. Sie muss zur weisen Liebe werden.

In der weisen Liebe betrachtet der Mensch laut Bernhard nicht mehr den „fleischlichen“ Jesus, sondern er möchte die Weisheit Christi erkennen.2162 Aus diesem Grund ist die weise Liebe auf die Vernunft begründet.2163 Auch bei Tauler steht die „wise minne“2164 („weise Liebe“), die dem silbernen Bildwerk entspricht2165, über der „süßen Liebe“. Entsprechend Bernhards Deutung ist sie für ihn auch eine „vernúnftige minne“2166 („vernünftige Liebe“), in der es um eine tiefere Erkenntnis des göttlichen Geheimnisses Christi geht.2167 Die Wahrheit oder Weisheit, die der Mensch mit Hilfe seiner Vernunft erkennen soll, ist die innertrinitarische Seinsweise Gottes:

„Also ker dich nu an die inwendige wise und werk, an die ewige geburt: wie das ewige wort wirt geborn in dem vetterlichen herzen, usgeborn und inne blibende, und wie der heilig geist ustringet und us bluot in einer unsprechelichen minne und in einem wol gevallen, und wie das goetliche wesen in drin personen ein einvaltig luter einikeit ist.“2168

„So kehre dich nun in die innere Weise (seines Lebens) und (in sein inneres) Werk, in die ewige Geburt: wie das ewige Wort im väterlichen Herzen geboren wird, getrennt von ihm und (doch) in ihm bleibend, und wie der Heilige Geist ausfließt und sich (aus Vater und Sohn) ausbreitet in unaussprechlicher Liebe und in Wohlgefallen, und wie das göttliche Wesen in drei Personen eine einfache lautere Einheit ist.“

Es geht also Tauler in der Erkenntnis von Gottes Wahrheit um die Lehre von der Trinität Gottes. Wichtig ist Tauler aber vor allem, dass dieses Wissen ein innerlicher, im einzelnen Menschen stattfindender Erkenntnisvorgang ist: Durch die Einkehr in den Seelengrund wird dem Einzelnen das Geheimnis Gottes – sein trinitarisches Wesen – offenbar. Es geht Tauler dabei nicht in erster Linie um Übereinstimmung mit den dogmatischen Lehren der Kirche, wie bei Bernhard2169, sondern um die Erkenntnis der eigenen Nichtigkeit:

„Als der Mensche dis gesmakt innerlichen, das tuot in versinken und versmelzen in sin eigen nicht und in sin kleinheit; wan ie klerlicher und bloslicher in lúcht Gottes grosheit, so im ie bekentlicher wirt sin kleinheit und sin nichtkeit.“2170

„Wenn der Mensch diese (Liebe) innerlich geschmeckt hat, dann lässt ihn das versinken und verschmelzen mit seinem eigenen Nichts und mit seiner Kleinheit; denn je klarer und reiner Gottes Größe in ihn einleuchtet, um so deutlicher wird ihm seine Kleinheit und seine Nichtigkeit.“

Das hat Auswirkungen auf die Beziehung zu den äußerlichen, sinnlichen Dingen. Ähnlich wie Bernhard betont er deshalb:

„Kinder, dise wise minne die zúhet des menschen gemuete verre von disen froemden usserlichen dingen, das er ir rechte kumet als mer als in ein vergessen. ... Hie in disem enpfallent im die ding und versmehet die ding und wirt in im geborn recht ein urdrutz und ein unwertikeit zuo allem dem das unordenlich ist.“2171

„Kinder, diese weise Liebe zieht des Menschen Gemüt fernab von diesen fremden, äußerlichen Dingen, dass er ihrer schließlich ganz vergisst. ... Hier in dieser (weisen Liebe) entfallen ihm die (äußeren) Dinge, und (er) verschmäht die Dinge, und es wird in ihm ein rechter Überdruss und eine Verachtung geboren alles dessen, was unordentlich ist.“

Tauler geht in der Deutung der „weisen Liebe“ dann jedoch noch etwas weiter als Bernhard. Er sieht sie nicht nur im christologischen Zusammenhang, sondern verknüpft sie mit dem theologischen Denken Dionysios des Areopagiten2172: Durch die „weise Liebe“ wird der Mensch in die Erkenntnis des einen Gottes geführt. Diese Erkenntnis aber ist eine, welche die natürliche Vernunft des Menschen übersteigt; der Glanz dieser Erkenntnis ist so hell, dass diese als eine Finsternis empfunden wird:

„Kinder, hie wirt der mensche naher in geborn und sicht an das goetliche vinsternisse, das von úberflússikeit der unbekentlicheit und ansenlicheit vinster ist allem geschaffenem verstentnisse, engele und aller creaturen, also als die sunne die ogen des menschen vervinstert von ir klarheit, und als S. Dyionisius schribet das Got ist úber alles das man im zuo gelegen mag von namen oder von wisen oder von bilden, úberweselichen úber alle ding.“2173

„Kinder, hier wird der Mensch in innerlicher Weise in (Gott) geboren und schaut die göttliche Finsternis, die ein Ausfließen des Nichterkennens (ist) und das Schauen verfinstert (in) jeder geschaffenen Verstandeskraft, die der Engel und aller Geschöpfe. So wie die Sonne die Augen des Menschen durch ihre Klarheit blendet (wörtl. „verfinstert“), so schreibt Sankt Dionysios, dass Gott über allem steht, was man an Namen, Weisen oder in Bildern von ihm sagen kann, jenseits des Wesens aller Dinge.“

Diesem dionysischen Denkschema bleibt Tauler nun auch in der Behandlung der „starken Liebe“ treu. Die starke und freie Liebe entspricht dem reinen, goldenen Bildwerk.2174 Diese Liebe erfüllt den ganzen Menschen, denn sie ist die „weseliche minne“2175 („wesenhafte Liebe“). In ihr vereinigt sich Gott mit dem Menschen, d.h. Gott wirkt in und durch diesen Menschen.

Auch die „starke Liebe“ hat Tauler aus dem christologischen Kontext Bernhards gelöst.2176 Taulers Interesse liegt hauptsächlich bei der „geistigen Vereinigung“ des Menschen mit der Liebe Gottes. Tauler fragt, was in der einzelnen Seele des Menschen eigentlich geschieht, wenn diese mit der „starken Liebe“ erfüllt wird. Die „starke Liebe“ ist für ihn deshalb die „weseliche minne“2177 („wesentliche Liebe“). Tauler vergleicht sie mit dem reinen Gold:

„Kinder, dis golt das wir bi diser minne nemen, das ist so gepaliert und glisset, das man es vor siner klarheit kume mag gesehen. Der glantz ist den ogen ze stark. Also geschicht dem geiste in diser starken minne der gegenwúrtikeit des herren.“2178

„Kinder, dieses Gold, mit dem wir diese Liebe vergleichen, ist so glänzend und strahlend, dass man es wegen seiner Klarheit kaum ansehen kann. Der Glanz ist den Augen zu stark. Genauso geschieht dem (menschlichen) Geist in dieser starken Liebe, in welcher der Herr gegenwärtig ist.“

Die Einung zwischen Gott und Mensch findet im Grund der Seele statt. Was geschieht dadurch im Menschen? Während dem Menschen durch das Wirken der „weisen Liebe“ Gottes Geheimnis jenseits aller Sinnenkräfte und aller natürlichen Vernunft bewusst wird und dadurch die sinnlichen, äußeren Kräfte, die äußeren Dinge, schließlich sogar die natürliche Vernunft selbst, der er sich bediente, als nichtig erfahren werden, kommt es durch die „starke Liebe“ im Grund der Seele zur Einung mit Gott selbst. Der Mensch wird eins mit Gottes Liebe. Dadurch wird der Mensch derart „überwältigt“, dass nun nicht nur alle „Äußerlichkeiten“ an Bedeutung verlieren, wie in der „weisen Liebe“, sondern jetzt wird sogar das eigene Selbst vollkommen nichtig. Die gesamte Existenz, das eigene Sein, wird gegenüber dem überragenden Sein Gottes als absolutes Nichts erkannt, denn Gott selbst wird durch diese Liebe als gegenwärtig erfahren:

„Also geschicht dem geiste in diser starken minne der gegenwúrtikeit des herren. Und die lúchtet so weselich dem grunde in das des der geist nút erliden mag von siner menslicher krankheit, und muos do von not versmelzen und wider uf sin unvermúgen geslagen werden. Und denne enhat der geist enkein enthalt denne das er versinke und ertrinke in das goetlich abgrúnde und in dem sich verliere, als das er von im selber nút enweis, und denne der goetliche fúrwurf der dirre starken minne antwúrt, die ist im ze úberswenkig. ... Got muos alle ding do in ime wúrken, in im bekennen, in im minnen, wan er ist im selber in diser starken minne entsunken in den geminten in dem er sich verlorn hat als der tropphe wassers in dem tieffen mere, und ist verre me mit im eins worden denne der luft si vereiniget mit der klarheit der sunnen, als die schint an dem liechten tag. Wie es do get, do ist bas ab ze bevindende denne man dar ab gesprechen kúnne.“2179

„Genauso geschieht dem (menschlichen) Geist in dieser starken Liebe, in welcher der Herr gegenwärtig ist. Und (die Liebe) leuchtet so wesentlich in den Grund, dass der Geist (des Menschen) dies in seiner menschlichen Schwäche nicht zu ertragen vermag, und er muss da notwendigerweise verschmelzen und wieder in sein Unvermögen zurückgeworfen werden. Und da hat der (menschliche) Geist keinen Halt mehr, so dass er im göttlichen Abgrund versinkt und ertrinkt und sich in ihm verliert und er nichts mehr von sich selber weiß. Denn der göttliche Gegenstand, der dieser starken Liebe entspricht, ist ihm zu übermächtig. ... Gott muss alle Dinge dort in ihm wirken, in ihm erkennen, in ihm lieben, da er in dieser starken Liebe in dem Geliebten entsunken ist, in dem er sich verloren hat wie der Tropfen Wasser in dem tiefen Meer, und er ist weit mehr mit ihm eins geworden als wie sich die Luft mit der Klarheit der Sonne vereinigt, wenn sie am hellen Tag scheint. Was dort geschieht, das kann man eher erleben als davon sprechen.“

Überwältigt von Gottes Liebe, verzichtet der Mensch auf alle „eigenschaft an willen und an gemuete in wisen und an lebende“2180 („Eigenheit an Willen, an Gemüt, an Weisen und am Leben“):

„Wan alhie in diser verlornheit do versinkt der mensche als gar ze grunde; moechte er tieffer sinken denne das er ze núte wúrde von minnen und von demuetkeit, das tet er úber gerne; wan alsolich vernúten sin selbes ist in im geborn.“2181

„Denn hier in dieser Verlorenheit versinkt der Mensch ganz zu Grunde; könnte er noch tiefer versinken, so dass er zunichte würde aus Liebe und Demut, das täte er sehr gerne; denn das Vernichten seiner Selbst ist in ihm geboren.“

Bei dieser „Selbstvernichtung“ handelt es sich um die Gleichförmigkeit mit der „Erniedrigung“ und „Erhöhung“ der Gottheit Christi2182:

„Aber das liden unsers herren und sin heilige menschheit die enwart im nie so gruntlichen lieb, und denne dunkt in das er welle alr erst beginnen ze lebende, und vohet recht an allen tugenden und heiligen uebungen. Und dis wirt in ime in einer weselicher wise in dem minsten als in dem aller groesten; wan das meiste und das minste sint in im ein. Wan Got hat also och in der naturen geordent das dis niderste das antwúrt dem obersten. Der himel ist das oberste und das ertrich ist das niderste. Nu enwúrkt der himel niergent als fruchtberlichen als er tuot in der niderheit der erden. Und also enwúrket die hocheit Gotz niergen als fruchtberlichen noch als goetlichen als in der tiefster niderheit des menschen; und als die sunne uf zúhet die fúchtikeit us der niderre erden, also zúhet der hoch Got den geist uf in sich.“2183