Tauler vergleicht die Kirche mit einem Garten, der aus zahlreichen Obstbäumen besteht:
„Kinder, wissent wie disem ist. In disem garten der heiligen kilchen do stot manig wunneklich bom mit vollen frúchten: das ist manig guot demuetig mensche an dem allein die ware frucht hanget, und anders nieman. Under den stont bome, die tragent alles wurmessig obs, und das obs die oephel die stont und schinent als recht geil und als schoen, etwenne vil geiler und vil schoener wan die guoten. Und als lange als stille und sues wetter ist, so stont si vaste. Aber als ungewitter wirt und wint und sturm, so vallent si ab, und fint man das si ze mole vol wúrme sint und niergent zuo guot ensint, und dar zuo ir wúrme verderbent und entreinent das guot krut.“1206
„Kinder, wisset, wie es sich verhält. Im Garten der heiligen Kirche stehen viele köstliche Bäume voller Früchte: das sind die vielen guten, demütigen Menschen. An ihnen allein hängen die wahren Früchte und an sonst niemand. Aber zwischen den (guten Bäumen) stehen Bäume, die wurmstichiges Obst tragen. Ihr Obst oder ihre Äpfel scheinen zwar üppig und schön auszusehen, vielleicht sogar üppiger und schöner als das Obst der guten Bäume. Und solange das Wetter still und schön ist, bleiben sie hängen. Kommen aber Unwetter und Wind und Sturm, dann fallen sie ab, und man sieht, dass sie voller Würmer und zu nichts gut sind. Und dazu verderben und verschmutzen ihre Würmer auch noch das gute Gemüse, das im Garten wächst.“
Die guten Obstbäume in der Kirche, die demütigen Menschen, sind für Tauler die wahren Gottesfreunde, die er allen falschen Gottesfreunden als positives Beispiel gegenüberstellt.1207 Die Gottesfreunde sollen den wurmstichigen, gefangenen und kranken Menschen bei der Rückkehr zu Gott helfen.
Der Begriff „Gottesfreund“ stammt aus dem Alten Testament1208 und wurde im 12. Jahrhundert auf die Apostel und Heiligen übertragen.1209 Im 13. Jahrhundert sieht man im wahrhaft Frommen einen Gottesfreund, einen, der sich von der Mannigfaltigkeit der Welt absondert, um Gott im Geist und in der Wahrheit zu lieben.1210 Absonderung von der Welt bedeutet jedoch nicht, dass sich der Gottesfreund aus der Welt zurückzieht und sich nicht mehr als Teil der Welt ansieht, wie z.B. der Freigeistige. Absonderung von der Welt bedeutet für einen Gottesfreund vielmehr freie Gelassenheit im Vertrauen auf Gottes Treue, Konzentration voll und ganz auf den Willen Gottes, um in der Welt zu leben.
Tauler folgt dieser Sicht: Die Gottesfreunde, die in seinen Predigten im ekklesiologischen Zusammenhang behandelt werden1211, überlassen sich dem Willen Gottes völlig und halten ihm auch im Leiden die Treue. Sie nehmen alles von Gott an, Freude und Leid, und bringen es ihm „luterliche wider uf mit minne und mit dangberkeit in eime verloeickende sin selbes und gantz gon in Gotte luterliche“1212 („mit reiner Absicht wieder dar, mit Liebe und Dankbarkeit im Verleugnen ihres Selbst und in völligem lauteren Aufgehen in Gott“). Wer sich so verhält, ist für Tauler der „aller gantzeste frúnt Gottes“1213 („allervollkommenste Freund Gottes“). Deshalb erreichen die wahren Gottesfreunde bereits zu ihren Lebzeiten die Einheit mit Gott, d.h. „sie erreichen zumindest inchoativ eine ununterbrochene Gottverbundenheit“1214. Auf ihre Bereitschaft zur völligen Gelassenheit antwortet Gott mit sich selbst:
„Disen menschen, der Gotte alsus gevoelgig ist und im in disem getrenge trúwe gehalten hat, dem muos der herre mit im selber antwúrten und zúhet disen menschen also grundeloslichen in sich selber und in sins selbes selikeit; do wirt der geist also wunneklichen in gezogen, und wirt alzemole mit der gotheit durchflossen und úber gegossen und in in gezogen, das er in Gottes einikeit verlúret alle manigvaltikeit.“1215
„Diesem Menschen, der Gott so gefolgig ist und ihm in dieser Drangsal die Treue gehalten hat, dem muss der Herr mit sich selber antworten, und (er) zieht diesen Menschen (auf) unergründliche (Weise) in sich selbst und in seine eigene Seligkeit. Dort hinein wird der Geist (des Menschen) so wonnevoll gezogen, und er wird ganz mit der Gottheit durchflossen und übergossen, dass er in Gottes Einigkeit alle Vielfältigkeit verliert.“
Im 14. Jahrhundert existierte im Rheintal, von Basel über Straßburg bis Köln, eine am mystischen Leben interessierte Erneuerungsbewegung, die sich Gottesfreunde nannte, und zu der Tauler regen Kontakt hielt.1216 Zu dieser Bewegung gehörten nicht nur Laien, sondern neben Dominikanern und Dominikanerinnen auch andere Ordensleute sowie Weltpriester.1217 Die Gottesfreunde bildeten keine eigene Organisation innerhalb der Kirche, die z.B. von einem Gründer geleitet wird, sondern nur die gemeinsame religiöse Auffassung und Gesinnung war das Verbindende.1218 Der Unterschied zwischen den gelehrten Ordensleuten und den weniger gebildeten Weltpriestern, zwischen den Laien und Klerikern spielte innerhalb dieser Bewegung kaum eine Rolle.1219 Die Mehrheit der Laien unter den Gottesfreunden bestand aus Menschen, die über Ansehen und auch Reichtum verfügten.1220 Zu den Gottesfreunden zählte Taulers Beichtkind, der Straßburger Kaufmann Rulman Merswin (1307 – 1382), eine reiche Gottesfreundin in Basel, die sich Margaretha zum goldenen Ring nannte, und sogar Königin Agnes von Ungarn (+1364), die sich ins schweizer Klarissenkloster Königsfelden zurückgezogen hatte.1221 Aber ebenso gehörten Beginen, die am Rande der Gesellschaft oder im niedrigsten Sektor der Mittelschicht beheimatet waren, zu den Gottesfreunden.1222 Tauler selbst nennt einen einfachen Ackersmann „den aller hoechsten frúnt Gotz“1223 („den allerbesten Freund Gottes“). Dort, wo ein Gottesfreund in einem Kloster lebte, entstanden bisweilen auch geistige Zentren, d.h. Anlaufstellen für die vereinzelt lebenden Gottesfreunde.1224 In Basel (vor allem zwischen 1339 und 1349) und Straßburg, wo Tauler und der Weltpriester Heinrich von Nördlingen (+ nach 1356) wirkten, bildeten die Gottesfreunde sogar Konventikel. In Straßburg war es nach Taulers Tod (1361) der bekehrte Bankier Rulman Merswin, der den Gottesfreunden in einem ehemaligen Kloster eine Heimat bot. Große Anziehungskraft übte auch die von Johannes Tauler hoch geschätzte Dominikanerin Margaretha Ebner (um 1291 – 1351) im Kloster Medingen (bei Dillingen) auf die Gottesfreunde aus.1225 Zwischen den Gottesfreunden bestanden enge Verbindungen. Von 1338 an unternahm Tauler die eine oder andere Reise zu Gottesfreunden im Gebiet am Oberrhein.1226 1339 traf er in Basel, wo die Straßburger Dominikaner nach ihrer Ausweisung von den dortigen Dominikanern aufgenommen worden waren, auf Heinrich von Nördlingen, in dem er einen geeigneten Mitarbeiter fand.1227 Beide besuchten immer wieder die Gottesfreunde. Doch das eigentliche Kommunikationsmittel der Bewegung war der Briefverkehr.1228 Das galt vor allem für Schwestern, die ihr Kloster nicht verlassen durften. Die älteste in deutscher Sprache erhaltene Briefsammlung stammt aus der Bewegung der Gottesfreunde.1229 Es sind die Briefe Heinrichs von Nördlingen an Margaretha Ebner.1230 Aus diesen Briefen geht hervor, dass Tauler für Heinrich und Margaretha eine geistliche Vaterfigur war. Heinrich nennt Tauler „unseren lieben und getreuen Vater“.1231 Und der einzige als echt anerkannte Taulerbrief (von 1346) ist an Margartha Ebner und an die Priorin des Klosters Medingen, Elisabeth Scheppach, gerichtet:
„Min träwen früinden in got domine E. der priorin und Margaretha der Ebnerin ze Medingen ich bruder T. mein gebet. als das ir mir gewinst und begert hant zu einem neuwen in ganden jar, das beger ich euch hundertfeltich von der kintlicher güt unsers heren Jhesu Christi. ich lob in umb euwer gesunthait und beger, das er euch gesund behalt an sel und an leib, uns zu ainem trost und im zu einem ewigen lob. got danck euch ewer sandung und aller der träu, die ir zu mir hand. ich send euch, domina E. in Christo multum dilecta, zwen kesz und Margaretha und iren kinden zwai keslach und beger, das sie sie gesssen vor der diser fasznacht. wissent, das ich si euch mit freuden send. da von bit ich euch, das ir si mit begird enpfenhent von mir, ewerm armen fründ und diener in Christo. wissent, das bruder H. wol mag und wolt tut und fast mesze spricht. er zirnt vast umb das urlaub. bittent got für mich und meine süne. pax Christi vobismum. Amen.“1232
„Meine treuen Freundinnen in Gott dem Herrn, Frau E(lisabeth) Scheppach, der Priorin, und Margaretha Ebner zu Medingen (widme) ich Bruder T(auler) mein Gebet. Was ihr mir gewünscht und für mich erbeten habt zu Beginn des neuen Jahres, das erbitte ich für euch hundertfach von der kindlichen Güte unseres Herrn Jesus Christus. Ich lobe ihn um euerer Gesundheit willen und erbitte, dass er euch gesund halte an Seele und Leib, uns zum Trost und ihm zum ewigen Lob. Gott möge euch danken für euere Sendung und für all die Treue, die ihr mir entgegenbringt. Ich sende euch, in Christus innigst geliebte Herrin E(lisabeth), zwei Käse, und Margaretha und ihren (geistigen) Kindern zwei Käslein, damit sie vor dieser Fastnacht gegessen werden. Wisset, dass ich sie euch mit Freuden schicke. Darum bitte ich euch, dass ihr sie mit Vergnügen annehmt, von mir, euerem armen Freund und Diener in Christus. Wisset auch, dass Bruder H(einrich von Nördlingen) wohlauf und daran ist und eifrig die Messe liest. Er zürnt beinahe über die Erlaubnis dazu. Bittet Gott für mich und für meine Söhne. Der Friede Christi sei mit Euch. Amen.“
In den Gottesfreunden sieht Tauler wichtige Vorbilder und Helfer auf dem Weg zurück zu Gott. Ihrem Vorbild sollen alle Christen folgen: „Bittent die Gottes frúnt daz sú úch darzu helffen, hangent den an die Gott anhangent“1233 („Bittet die Gottesfreunde, dass sie euch dabei helfen, hängt an denen, die Gott anhängen“). Denn diese zeigen den Weg zur wahren Gottesfreundschaft:
„In dem ersten zu gange das ist ein angesicht und ein wor tief bekennen diner gebresten. Dis ist aller userwelten frúnde Gotz erster zu gang. Und die gebresten, weler kúnne die sint, die sol man Gotte minnekliche klagen, und vor weler kúnne gnade oder tugende oder wes du begerest, als dinem einigen aller liebsten frúnde offenen unde fúrbringen unde alle dine werrunge ime do klagen und dine gebresten, und du solt ime sicher getrúwen.“1234
„Der erste Schritt besteht im Anblick und in dem wahren tiefen Erkennen deiner Gebrechen. Dies ist aller auserwählten Gottesfreunde Anfang. Und die Gebrechen, welcher Art sie (immer auch) seien, soll man Gott liebevoll klagen, und was für Gnade oder Tugend oder was immer du begehrst, sollst du deinem einzigen liebsten Freund öffnen und vorbringen und alle deine Hindernisse ihm dabei klagen und deine Gebrechen. Und du sollst ihm sicher vertrauen.“
Der Gottesfreund folgt Christus auf dem Kreuzweg, indem er sich selbst verleugnet und alles loslässt. Tauler geht sogar soweit, dass der Gottesfreund auch die Befriedigung, die er in der Gemeinschaft mit gleichgesinnten Gottesfreunden empfindet, ganz lassen soll.1235 Denn alle, die Gottes Freunde sein wollen, müssen allein Gott gehören1236, d.h.
„daz wir von keinen dingen besessen anders ensint und das wir alle ding also haltent also sú Got in uns wil gehalten haben“1237
„dass wir von keinen anderen Dingen besessen sind und dass wir alle Dinge so nehmen, als ob Gott sie in uns so haben will.“
Der Gottesfreund soll „in daz minnencliche bilde unsers herren Jhesu Cristi“1238 („in das liebliche Bild unseres Herrn Jesus Christus“) gezogen werden und wie Christus die „grosse gehorsame gelossenheit die er hette in alle wege“1239 („große gehorsame Gelassenheit, die er auf allen Wegen hatte“) gegenüber dem Willen des Vaters leben. Er folgt Christus also nicht nur in der Art und Weise, wie dieser zu seinen irdischen Zeiten seinen Freunden und Feinden begegnete1240, sondern er folgt ihm auf dem Weg der absoluten Gelassenheit, d.h. der vollkommenen Hingabe an Gott durch die Verlassenheit und den Tod am Kreuz. Tauler scheut sich dabei auch nicht, „die Gottesfreunde im Ertragen von Feindseligkeiten in Vergleich mit Jesus Christus zu bringen.“1241 Denn wie einstmals die Pharisäer und Schriftgelehrten Christus und den Jüngern feindselig gegenübertraten, so bekämpfen nun die pharisäischen Christen die Gottesfreunde.
„Och was vindet man noch cristenre: wenne sú Gottes frúnt sehent in guter wisen und in guten werken, so hant sú rehte also ein contrarie wider sú und bitterent rehte ir hertze wider sú und vernútent ire werke und ir leben, sú vindent so vil glosen wider sú.“1242
„Ach, was findet man doch für Christen: Wenn sie Gottes Freunde sehen in guter Lebensweise und bei guten Werken, so erfasst sie ein rechter Widerwille gegen sie und sie verbittern recht eigentlich ihr Herz gegen sie. Und sie machen ihre Werke und ihr Leben schlecht, sie erfinden so viele Einwände gegen sie.“
Die Gottesfreunde leben in der wahren Gottes- und Nächstenliebe. Auch hier hebt Tauler die Autorität der Gottesfreunde hervor, indem er sie auf eine Ebene mit dem Apostel Paulus hebt. Tauler zitiert in Predigt V 76 aus dem Philipperbrief, doch ist es bei ihm nicht Paulus, der die Christen ermahnt, sondern es sind die Gottesfreunde. Wenn Paulus spricht:
„ ‚Bruedere, ich bitte úch daz uwere minne me und me wahsse und úberflússig werde‘ ... . ‚Got ist min gezúg wie ich uwer aller begere in minem gehugnisse Jhesu Cristi‘ “1243
„ ‚Brüder, ich bitte euch, dass eure Liebe mehr und mehr wachse und überfließe‘... . ‚Gott ist mein Zeuge, wie ich mich nach euch allen sehne in meiner Erinnerung (der Liebe) Jesu Christi‘ “,
dann sind es für Tauler die Gottesfreunde, die zu mehr Liebe in der Welt aufrufen und die den Christen ihre Zuwendung versichern. Ihrem Vorbild sollen die Menschen folgen:
„So solte uns das als wunderliche sere reissen das Gottes frúnt also wunderlichen von grunde von uns begerent das wir unserme dinge rehte tuont, und solten iren begerungen gnuog sin vil billichen, enwoltent wir anders nút tuon.“1244
„So sollte uns das gar wunderbar anregen, dass Gottes Freunde so wunderbar von Grund aus von uns begehren, dass wir unsere Dinge in rechter Weise tun, und wir sollten ihren Wünschen schon aus diesem Grund Genüge tun, selbst wenn wir nichts anderes tun wollten.“
Mit Paulus fordern also die Gottesfreunde, dass die Liebe der Menschen immer mehr wachse und überfließe.1245 Die Liebe ist für Tauler das „edelste und daz wunnenclichste“1246 („Edelste und Wonnenreichste“); die Liebe ist das, worauf es ihm jetzt ankommt:
„Got enheischt nút grosse vernunft noch tieffe sinne noch grosse uebunge, alleine man guote uebunge niemer súlle verlossen, doch allen uebungen git minne ir wúrdekeite; Got enheischet alleine minne, wanne sú ist ein bant aller vollekomenheit noch sant Paulus lere.“1247
„Gott verlangt weder eine große Vernunft noch tiefes (sinnliches) Empfinden noch viele (asketische) Übungen, allerdings soll man gute Übungen niemals aufgeben, doch allen Übungen (der Frömmigkeit) gibt erst die Liebe ihre Würde; Gott verlangt einzig und allein die Liebe, denn sie ist nach Sankt Paulus´ Lehre das Band der Vollkommenheit.“
In der wahren Liebe sollen sich die Christen, die ja alle Gottesfreunde sein sollen, von den übrigen Menschen – Tauler nennt sie Heiden und Juden – unterscheiden, denn diese besitzen zwar auch „grosse Vernunft und behendeheit“1248 („große Vernunft und tiefe Gedanken“) und sind zu gerechten Werken fähig, doch die Liebe – hier trennt Tauler nun nicht mehr Christen und Heiden bzw. Juden – unterscheidet den „valschen von den guoten“1249 („Falschen von den Guten“), denn Gott ist „die minne, und die in der minne wonent, die wonent in Gotte und Got in in“1250 („die Liebe, und die, die in der Liebe wohnen, die wohnen in Gott und Gott in ihnen“). Wer in Gottes Liebe lebt, ist Gottes Freund. Die wahre Liebe zeigt sich in der Gottes- und Nächstenliebe, im „innerlich werg“ und „usserlich werg“: „Das usser werg ist gekert zuo dem nehsten, und das inre werg get in Got sunder mittel“1251 („Das äußere Werk ist zum Nächsten gekehrt, und das innere Werk geht unmittelbar auf Gott“).1252 Weil die Gottesfreunde von jeglichem Eigenwillen befreit sind, sind sie völlig offen und aufnahmebereit für die göttliche Liebe. Gottes Liebe kann nun ungehindert im und durch den Menschen in der Welt wirken. Gänzlich von Gott erfüllt, ist der Gottesfreund sogar bereit, alle Bürden und Pein des Lebens willig auf sich zu nehmen: „Obe Got daz wolte gelitten han von ime bis untze an den júngesten Tag, das er daz gerne von minnen liden wolte Gott zuo liebe und ime zuo eren“1253 („Wenn Gott das von ihm erlitten haben wollte bis zum jüngsten Tag, dann sollte er das aus Liebe erleiden wollen, Gott zuliebe und zu Ehren“). In schwerem Leiden
„fliehent die woren Gottes frúnde in zuo Gotte und lident dis ie me und nement dis von ime, also das sú es mit ime oder in ime lident, oder sú verlierent es in ime alzuomole, das in Got so innan wurt das in liden nút liden enist in ime, danne es wurt in ein froide und eine wunne.“1254
„fliehen die wahren Gottesfreunde hin zu Gott und erleiden dies und nehmen es von ihm an, so dass sie es mit ihm oder in ihm erleiden; oder sie verlieren es in ihm völlig, da Gott sich so innerlich (mit ihnen verbindet), dass ihnen das Leiden in ihm kein Leiden (mehr) ist, denn es ist ihnen eine Freude und eine Wonne geworden.“
Statt um das eigene Leiden zu kreisen, denken die Gottesfreunde an ihre Mitmenschen und gönnen ihnen mehr an göttlicher Liebe als sich selbst. Von solch einem Gottesfreund berichtet auch Tauler:
„Jo ich horte von eime grossen gotzfrúnde und der ein wunderlich heilig mensche waz, das er sprach: ‚ich enkan noch enmag nút anders, ich muesse mime nehesten himelriches me wúnschen und wellen in begerender wisen danne mir selber‘: dis hies ich minne.“1255
„Ja, ich hörte von einem großen Gottesfreund, der ein staunenswerter heiliger Mensch war, dass er sagte: ‚Ich kann und mag nicht anders, ich muss meinem Nächsten das Himmelreich mehr wünschen und in verlangender Weise wollen als mir selbst‘: Darunter verstehe ich Liebe.“
Wirkliche Gottesfreunde unterscheiden sich also durch ihr Verhalten von der übrigen Welt. Sie meiden zwar Menschen und Orte, die ihr Leben behindern oder gefährden, doch sie bilden deswegen keine „secten“1256 („Sekten“), auch wenn sich „Gottes frúnt ungelich usgebent der welte frúnde“1257 („Gottes Freunde anders geben als die Freunde der Welt“). Die Gottesfreunde leben in der Welt und gehen in Treue ihren Pflichten nach:
„Ich weis einen den aller hoechsten frúnt Gotz, der ist alle sine tage ein ackerman gewesen me denne vierzig jor und noch ist. Und er fragte einest unsern herren ob er wolte das er das begebe und in die kilchen gienge sitzen. Do sprach er: nein, er ensol es nút tuon; er solte sin brot mit sinem sweisse gewinnen sinem edelen túren bluote ze eren.“1258
„Ich kenne einen der allerbesten Freunde Gottes, der ist alle seine Tage ein Ackerbauer gewesen, mehr als vierzig Jahre, und er ist es immer noch. Und er fragte einst unseren Herrn, ob er seine Arbeit aufgeben und zur Kirche gehen soll, um dort zu sitzen. Da sprach (der Herr): Nein, er soll es nicht tun. Er soll sein Brot mit seinem Schweiße verdienen, (Christi) edlem teueren Blute zu Ehren.“
Die alltäglichen Pflichten sind kein Hindernis für ein Leben mit Gott. Selbst ein Ackerbauer, eine Spinnerin oder ein Schuster können für Tauler Gottesfreunde sein1259, denn „ein ieklich kunst oder werk, wie klein die sint, das sint alles sament gnaden“1260 („jeder Dienst und jedes Werk, wie gering es auch ist, sind allesamt Gnaden“). Deshalb soll jeder „guote nútze uebunge haben, als es gevelt“1261 („gute, nützliche Arbeit verrichten, wie sie ihm zufällt“). Wer also seinen alltäglichen Pflichten nachkommt und das Wohl der Menschen dabei im Blick behält, der wird von der wahren Liebe Jesu Christi erfüllt: „Dis ist, lieben kinder, des uns die woren Gotz frúnt mit grossem ernste begerent und des sant Paulus bittet das wir in den minnen úberflússig werdent“1262 („Dies ist, liebe Kinder, was die wahren Gottesfreunde mit großem Ernst von uns wünschen, und deshalb bittet Sankt Paulus, dass wir in der Liebe überfließen“).
Die wahren Gottesfreunde leiden mit Gott unter dem Pharisäismus in der Welt, so dass ihnen
„ir hertze dorren und kelten mag in irme libe, daz sú daz sehent daz irme Gotte so gros unreht geschiht in vil menschen von dem mordigen schaden der lúte.“1263
„ihr Herz (in der Brust) verdorren und erkalten könnte, da sie sehen, dass ihrem Gott so großes Unrecht geschieht in vielen Menschen von dem verderblichen Schaden der Leute.“
Die wahren Gottesfreunde weinen nicht mehr über ihre eigenen Sünden, sondern über die Sünden der Welt. Sie leiden stellvertretend für die Sünder, die ihre eigene Schuld nicht wahrnehmen:
„Die edelen gotzfrunt ... die hant ire súnde uzgeweinet, und endúrffent darumb nút me weinen; und doch so ensint sú nút sunder weinen, sunder sú weinen bitterlichen die súnde und gebresten irs nehsten ... . Alsus weinent die woren gotzfrúnde fúr die blintheit und die iomerkeit der weltesúnden.“1264
„Die edlen Gottesfreunde ... haben ihre Sünden ausgeweint, und brauchen darum nicht mehr weinen; und doch sind sie nicht ohne Weinen. Sie weinen bitterlich um der Sünden und Gebrechen ihres Nächsten willen ... . So also weinen die wahren Gottesfreunde über die Blindheit und über den Jammer der Sünden dieser Welt.“
Diese Stellvertretung reicht sogar bis zu den Verstorbenen:
„Man vindet das ein geist eime Gottes frúnde erschein in einre liehten flammen unmenschlichen allezuomale vackelnde, und sprach were darumbe alleine das er fúrsúmig were gewesen an dem enpfengnisse des heiligen lichamen unsers herren Jhesu Cristi und litte darum unsprechenliche pine der nieman gelouben moehte. Aber sprach er zuo dem guoten menschen: ‚wiltu einest mit andaht den werden licham unsers herren Jhesu Cristi enpfohen fúr mich, daz sol mir helffen‘; der det dis; der geist kam zuohant des nehsten tages zuo dem menschen und blickete und glenzete me denne die sunne und was von dem einen enpfengnisse aller sinre unlidelicher pinen quit worden, und fuor alzuohant in das ewige leben.“1265
„Man findet, dass ein Geist einem Gottesfreund erschien, in einer lichten Flamme, unmenschlich wie eine Fackel brennend; und er sprach, das sei nur darum, weil er im Empfang des Leibes unseres Herrn säumig gewesen wäre, und darum litte er unaussprechliche Pein, die niemand glauben könnte. Aber er sprach zu dem guten Menschen: ‚Willst du einmal für mich mit Andacht den werten Leib unseres Herrn empfangen? Das soll mir helfen.‘ Jener tat dies. Der Geist kam sogleich am nächsten Tag zu dem Menschen und er erstrahlte und glänzte mehr als die Sonne. Und so geschah es, dass durch den einmaligen Empfang er all seiner unerträglichen Qualen befreit worden war, und er fuhr sogleich in das ewige Leben.“
Tauler berichtet von einem anderen Gottesfreund, der auf außergewöhnliche religiöse Erfahrungen verzichtet, um für die armen Seelen der Sünder weiterhin beten zu können:
„Es geschach einem sunderlichen frúnde unsers herren, dem bot unser herre sinen goetlichen kus. Do sprach der geist: ´entrúwen, lieber herre, des enwil ich recht nút. Wan so keme ich von der wunne als gar us mir selber, das ich dir fúrbas nicht nútze enkoende gesin. Wie wolt ich denne fúr dine armen selen gebitten und in usser dem vegfúr gehelfen, und fúr die armen súnder?´“1266
„Es geschah, dass einem besonderen Freund unseres Herrn unser Herr seinen göttlichen Kuss anbot. Da sprach der Geist (dieses Menschen): ´Wahrhaftig, lieber Herr, diesen möchte ich nicht. Denn dann brächte mich die Wonne außer mir, so dass ich dir dann nicht mehr nützlich sein könnte. Wie könnte ich dann noch für deine armen Seelen und für die armen Sünder bitten und ihnen aus dem Fegfeuer helfen?´“
Wahre Gottesfreunde sind von der vollkommenen göttlichen Liebe Christi erfüllt, um den Menschen einen Weg zur Gottesfreundschaft und damit zu einer grundlegenden Erneuerung zu weisen. Ihre Liebe umfasst aber auch die, die ihnen feindlich begegnen bzw. die von einer Gottesfreundschaft im Sinne Taulers nichts wissen wollen. Das Ziel der Gottesfreundschaft ist die Rettung und Einheit aller Christen, der wahren und falschen Gottesfreunde. Aus diesem Grund übernimmt der wahre Gottesfreund stellvertretend Aufgaben und Funktionen für die schwachen oder versagenden Glieder der Christenheit.1267 Taulers Gottesfreunde verstehen sich nicht als eine Elite gegenüber den gewöhnlichen Christen, sondern als Teil der Christenheit. Sie sind bereit, Verantwortung für andere zu übernehmen. Tauler siedelt also die Gottesfreundschaft bzw. die Gottesfreundebewegung innerhalb der Kirche an.1268 Auch wenn Tauler nicht selten Kritik an den institutionalisierten Vertretern der Kirche übt1269, so stellt er doch niemals den hierarchischen Aufbau der Kirche, ihre Ämter und Funktionen in Frage.1270 Für den Prediger haben „alle wise und uebunge der heiligen kilche ... den inwendigen menschen“1271 („alle Formen und Übungen der heiligen Kirche ... den inneren Menschen“) zum Ziel. Die Aufgabe der Kirche besteht also darin, das religiöse Leben der Menschen zu fördern. Hierbei kommt den Gottesfreunden eine wichtige Aufgabe zu. Tauler hat dabei das paulinische Bild vom geistigen Leib der Kirche („Corpus mysticum“) vor Augen1272, dessen Kennzeichen auf der einen Seite die Einheit1273, auf der anderen Seite die strikte Ausrichtung auf Jesus Christus ist1274:
„Also ist ein ordenunge in der heiligen kilchen, das heisset Corpus misticum: ein geistlicher licham, und des ist unser herre Jhesus Christus ein hobt. In disem ist vil gelider. Das ein ist ein oge, und das sicht allen den lichamen und nút sich selber. Und ein ander ist ein munt, und der isset und trinket alles dem lichamen vor und nút im selber. Also die hant, der fuos, und alsus vil und maniger kúnne gelider. Und ein ieklichs hat sin sunder werk, und dis gehoert alles dem lichamen zuo und under ein hobt. Also enist in aller der cristenheit enkein werk so snoede, so klein, weder gloggen noch kerzen, es diene alzumole zuo disem inwendigen werke, das dis werk vollebracht werde.“1275
„So besteht eine Ordnung in der heiligen Kirche, die heißt Corpus mysticum: ein geistlicher Leib, dessen Haupt unser Herr Jesus Christus ist. Dieser (Leib) besteht aus vielen Gliedern. Das eine ist ein Auge, und das sieht (für) den ganzen Leib und nicht für sich selbst. Und ein anderes ist der Mund, der isst und trinkt für den ganzen Leib und nicht für sich selbst. Genauso ist es mit der Hand, dem Fuß und mit den vielen verschiedenen Gliedern. Und ein jegliches Glied hat sein besonderes Werk, und dies gehört alles zum Leib und unter das eine Haupt. Es gibt also in der ganzen Christenheit kein Werk, so gering (und) so klein (es auch sei), (wie zum Beispiel) das Läuten der Glocken oder die (brennenden) Kerzen, das nicht der Vollendung dieses inneren Werkes dient.“
Die Kirche als Leib des Herrn soll nach 1 Kor 12 von einer inneren Eintracht geprägt sein, d.h. von einer „selbstlosen Solidarität“1276, in welcher die Glieder Christi füreinander da sind, die Stärkeren die Schwächeren stützen und einer dem anderen mehr gönnt als sich selbst. Die Gottesfreunde Taulers verstehen sich als solche Glieder der Kirche:
„Lieben kinder, in disem Corpus misticum, in disem geistlichen lichamen, do sol gros eindrechtikeit sin als ir sehent das úwere gelider hant, und ein ieklich gelide als fúr sich selber den andern dehein leit tuon oder drang, alles gelich im selber, alle in ein und ein in alle. Und in disem lichamen wo wir edelr gelit wistin denne wir uns bekennen, den sollten wir vil werder haben denne uns selber.“1277
„Liebe Kinder, in diesem Corpus mysticum, in diesem geistlichen Leib, soll eine solch große Eintracht herrschen, wir ihr sie unter euren (eigenen) Gliedern (des Leibes) herrschen seht. Und ein jegliches Glied soll nicht, als wenn es nur für sich selber da wäre, den anderen ein Leid antun oder eine Bedrängnis. Es muss alle gleich wie sich selber achten, alle in einem und einer in allen. Und wenn wir in diesem Leib von einem edleren Glied wissen, (edler) als wir uns selbst kennen, dann sollten wir es viel mehr schätzen als uns selbst.“
Diese selbstlose Solidarität innerhalb der Kirche macht aber auch nicht vor den Feinden und Andersgläubigen Halt:
„Und solt mir sin von eime der úber mer were, und ob er och min vijent were. Dise eindrehtikeit die gehoert zuo disem geistliche lichamen.“1278
„Und ebenso sollte ich mich verhalten gegen einen, der jenseits des Meeres lebt [gemeint sind die Muslime] und wäre er auch mein Feind. Diese Eintracht gehört zu diesem geistlichen Leib.“
Und in einer anderen Predigt betont Tauler:
„Wissent, kinder, wo die woren gelúterten verklerten Gotz frúnt sint, den versmilzet recht ir herze von minnen aller menschen, lebent und tot.“1279
„Wisset, Kinder, wo die wahren geläuterten verklärten Gottes Freunde sind, denen schmilzt ihr Herz von Liebe für alle Menschen, Lebende und Verstorbene.“
Wer diese selbstlose solidarische Liebe der wahren Gottesfreundschaft lebt und sich mit allen Menschen verbunden weiß, bekommt Anteil an
„alles des guotz das in dem himel und in der erden ist in allen gotzfrúnden und in dem hobte; es mueste wúrklichen und weselich in mich alles flissen das dis hobt mit den lidern hat in himel und in erden, in engelen und in heiligen, ob ich alsus in Gottes willen gebilt wúrde under dis edel hobt in minnen gelichen der gelider in disem geistlichen lichamen, und were dem ze mole gelich und denne dar in gebilt und mins selbes entbilt.“1280
„all dem Guten, das im Himmel und auf Erden ist und in allen Gottesfreunden und im Haupt (des Leibes). Es müsste wirklich und wesentlich alles in mich fließen, was dieses Haupt mit den Gliedern im Himmel und auf Erden besitzt, in den Engeln und in den Heiligen, wenn ich denn also in Gottes Willen gestaltet würde unter dieses edle Haupt, in Liebe den Gliedern gleich in diesem geistlichen Leib. Und ich würde dem (Leib) vollkommen gleich und in ihn hineingebildet und meines Selbst entbildet.“
Auch in einer anderen Predigt versucht Tauler seinen Zuhörern unter dem Bilde von Aarons Bart die Notwendigkeit der Einheit der Kirche mit dem Haupt zu verdeutlichen1281:
„Von dem sprach der prophete: ‚recht als die salbe nider gieng von dem hobte in dem bart her Aarons‘. Der bart der hat vil hars, und ist das alles ein bart; in den get die suesse salbe in sú alle; aber weles har, wie klein es were, das usser der einikeit sich schiede, in das enflússe die edel salbe nút: also, alle die wile ein ganze minne, ein ganze ungeteilet gunst ist, so flússet in den menschen die suesse edel salbe alles guotes; aber scheidest du út oder ieman von dem selben, so enwirt dir siner salbe nút.“1282
„Von dem [Teil all des Guten an der Liebe Gottes] sprach der Prophet: ‚Gerade so wie das Salböl niederfloß vom Haupt in den Bart Herrn Aarons.‘ Der Bart hat viele Haare, und diese alle sind ein Bart, und in diesen geht das süße Salböl. Aber ein Haar, wie klein es auch wäre, das sich aus der Einheit löste, in das flösse die edle Salbe nicht. Also, so lange eine ungeteilte Liebe, eine ganze ungeteilte Gunst besteht, so lange fließt in den Menschen die süße edle Salbe alles Guten. Schließt du aber etwas oder jemanden davon aus, dann bekommst du nichts von seiner Salbe.“
Die Gottesfreunde stellen sich dem Willen Gottes völlig zur Verfügung und lassen es zu, dass Gott durch sie uneingeschränkt in der Welt sein Heil wirken kann.
„Die in den Liebeskreislauf im Corpus mysticum einbezogenen so genannten Gottesfreunde vermögen in ihrer überfließenden allgemeinen Liebe auch stellvertretend heilswirksam zu sein und ... spirituell am Heilswerk für alle mitzuarbeiten beziehungsweise ihm dienend zur Verfügung zu stehen.“1283
Auf diese Weise werden die Gottesfreunde zu „súlen uf den die cristenheit bestet“1284 („Säulen, auf denen die Christenheit steht“). Die Gottesfreunde dienen also der Einheit und der Erneuerung von Kirche und Welt:
„Und also úber flússet ir mosse in alle die heiligen kilchen, in guoten und in boesen, und tragent es alles wider in den grunt alles das ie geworcht wart. Sie lossent nút verlorn werden von dem minsten in dem meisten das ie geschach, noch enkein so klein gebettelin noch bilde och globen der lúten: alles tragent si es Gotte uf mit irre wúrklicher minne und opherent es alles dem himelschen vatter, alles das alle engele und heiligen in himelrich hant: ir minne, ir selikeit, nút enget irme úbergange irre mosse. Kinder, hetten wir diser menschen nút so weren wir úbel dran.“1285
„Und so strömt ihr Maß [der Liebe] in die ganze heilige Kirche, über die Guten und die Bösen, und sie tragen alles wieder in den Grund zurück, alles, was je getan wurde. Sie lassen nichts verloren gehen von dem Geringsten bis zum Größten, das je geschah, kein noch so kleines Gebetlein oder Vorbild oder Glaubensakt der Leute. Alles tragen sie hinauf zu Gott in ihrer wirkenden Liebe und opfern dies alles dem himmlischen Vater, alles, was alle Engel und Heiligen im Himmelreich besitzen: ihre Liebe, ihre Seligkeit, nichts entgeht dem Überlauf ihres Maßes [der Liebe]. Kinder, hätten wir diese Menschen nicht, dann wären wir übel dran.“
1206 V 43, 188,11 – 19 (H 45). Taulers weitere Ausführungen: V 43, 188,20 – 189,9 (H 45). Vgl. Eck 2006, 38ff.
1207 Vgl. u.a. V 9, 41,5 – 21; V 10, 47,35 – 48,3.8f.; V 54, 246,13 – 247,32 (H 52); B II, 509,8 – 513,11 (H 77). Zu den Gottesfreunden vgl. Langner 2008 (allgemein); McGinn 2008, 674 – 711; Gnädinger 2004, 193 – 200; Dies. 1993, 39 – 43. 96 – 103; Haas 2004, 195 – 202; Mohr 1998, 197; Rapp 1994, 55 – 62; Dinzelbacher 1994, 331f..; Weitlauff 1988, 303 – 352; Ringler 1985, 178 – 200; Gorceix 1984; Strauch 1966; Egenter 1935, 105 – 129; Wilms1933.
1208 Vgl. McGinn 1999, 537. Vgl. u.a. Psalm 127, 2.
1209 Vgl. Rapp 1994, 57. Tauler über den Evangelisten Matthäus in V 55, 253,30 (H 64): „Dieser minnekliche heilige ... was zem ersten ein grosser súnder, als die schrift von ihm schribet, und wart dar nach der aller groeste Gotz frúnt einer“ („Dieser liebenswerte Heilige ... war zunächst ein großer Sünder, wie die Schrift über ihn sagt, und war danach einer der allergrößten Gottesfreunde“). In V 76, 407,27 wird Paulus als Freund Gottes bezeichnet.
1210 Vgl. Rapp 1994, 57; Mohr 1998, 197.
1211 Vgl. Gnädinger 2004, 193.
1212 V 10, 49,1 – 3.
1213 V 10, 49,4.
1214 Gnädinger 2004, 200.
1215 V 40, 169,20 – 25. Vgl. Gnädinger 2004, 200f.
1216 Vgl. Rapp 1994, 59.
1217 Vgl. Rapp 1994, 58f.; Gnädinger 1994, 495f.
1218 Vgl. Rapp 1994, 58; Gnädinger 1993, 30.
1219 Vgl. Rapp 1994, 59: „Man traf sie im Rheintal an, von Köln aufwärts über Straßburg nach Basel und Konstanz; in Schwaben waren sie bis in die Nähe von Bayern und Franken zu finden; die schweizerische Berglandschaft ... übte eine fühlbare Anziehungskraft auf sie aus; von St. Gallen bis Luzern, mit Einsiedeln, Engelberg und Sarnen, stößt man auf ihre Spuren.“
1220 Vgl. Rapp 1994, 59. In den Briefen Heinrichs von Nördlingen werden zahlreiche Gottesfreunde auch namentlich erwähnt: Heinrichs Mutter, eine nicht weiter bezeichnete aber oft erwähnte Irmel und Ofim (Eufemia) Frickin, eine Irmel von Baldolfin von Eringen, eine Frau von Wildenroden und eine Frau, die Stauferin genannt wird. Genannt werden ein Herr Heinrich von Rheinfelden, ein Ritter von Pfaffenheim, ein Ritter von Landsberg und dessen gotterleuchtete Frau, eine Frau von Falkenstein im Dominikanerinnenkloster Klingenthal zu Basel, Christina Ebner, nicht mit Margaretha Ebner verwandt, im Dominikanerinnenkloster zu Engelthal bei Nürnberg, Anna, eine „große und treue Freundin“ Heinrichs, eine Adelheid und Heinrichs liebes Kind „Chüntzlin“ aus Nördlingen. Mitglieder finden sich in dem zur Diözese Basel gehörenden Zisterzienserkloster Lützel, im Frauenkloster Unterlinden zu Colmar, im Zisterzienserkloser Kaisheim sowie in den ihm untergeordneten Frauenklöstern Ober- und Niederschönenfeld und Zimmern bei Nördlingen (vgl. Strauch 1966, XXXIXf., LIII).
1221 Zu Agnes von Ungarn vgl. Ruh 1996, 309f.. Meister Eckharts „Liber benedictus“ ist an Königin Agnes von Ungarn adressiert.
1222 Vgl. Rapp 1994, 59.
1223 V 42, 179,20 (H 47).
1224 Vgl. Rapp 1994, 58.
1225 Vgl. Rapp 1994, 59.
1226 Vgl. Gnädinger 1993, 33. Er reiste mit Heinrich von Nördlingen zu Margaretha Ebner nach Kloster Medingen.
1227 Vgl. Heinrich an Margaretha Ebner, Brief XXXII, Fastenzeit 1339, in Strauch 1966, 217,9-12: „Dar nach kam ich gen Baszel zu meinem und auch deinem lieben getruwen vatter Tauler, der mit mir bi dir was, und der half mir mit ganzen träwen“ („Danach kam ich nach Basel zu meinem und auch deinem lieben, getreuen Vater Tauler, der mit mir bei dir war, und er half mir mit großer Treue, so viel er konnte.“
1228 Vgl. Rapp 1994, 59f. ; Gnädinger 1993, 41ff. Gottesfreunde-Briefe: Siehe Strauch 1966, 270 – 278.
1229 Vgl. Rapp 1994, 59; Strauch 1966, LXII.
1230 Strauch (Hg.) 1966. Leider existieren nur Heinrichs Briefe.
1231 Vgl. Heinrich an Margaretha, Brief XXXII, Fastenzeit 1339, in Strauch 1966, 217,10f. 218,61. 219,69; Ders., Brief XXXV, 21. September 1339, in Strauch 1966, 229,84; Ders., Brief LI, 1347/48, in Strauch 1966, 263,83.
1232 Tauler an Elisabeth Scheppach und Margaretha Ebner, Brief LVII, vor Fastnacht (28. Februar) 1346, in STRAUCH 1966, 270f. Im Brief wurde nach dem Satzende die Kleinschreibung beibehalten. Zur Übersetzung vgl. Gnädinger 1993, 41.
1233 V 10,50,20f. . Vgl. V 49, 223,21ff.: „Und dar umbe were es gar sicherlich das die menschen die der warheit gerne lebtin, das die einen Gotz frúnt hetten dem si sich under wúrffen und das si die richten nach Gotz geiste“ („Und darum wäre es für die Menschen, die gerne in der Wahrheit [Gottes] lebten, am sichersten, wenn sie einen Gottesfreund hätten, dem sie sich unterwürfen, damit er sie nach Gottes Geist ausrichte“).
1234 V 71,385,8-13 (H 80).
1235 Vgl. V 3, 17,15f.: „Ja die genuegede die du vindest mit den gotzfrúnden und den guoten menschen.“
1236 Vgl. V 8, 36,26f.: „Das ist das Got uns alleine besitze.“
1237 V 8, 36,27f.
1238 V 15, 70,17f.
1239 V 15, 70,20ff.
1240 Vgl. V 15, 70,17 – 22.
1241 Gnädinger 2004, 195.
1242 V 13, 62,37 – 40. Siehe hierzu auch die Beschreibung der Pharisäer in diesem Teil, sechstes Kapitel, I, 1.
1243 V 76, 407,19 – 21. Vgl. Phil 1,8: „Gott ist mein Zeuge, wie ich mich nach euch allen sehne mit der herzlichen Liebe, die Christus zu euch hat.“
1244 V 76, 407,27 – 30.
1245 Vgl. V 76, 30ff.
1246 V 76, 407,32.
1247 V 76, 407,33 – 408,4. Vgl. Kol 3, 14: „Vor allem liebt einander, denn die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält.“
1248 V 76, 408,4.
1249 V 76, 408,6.
1250 V 76, 408,6f. 1 Joh 4, 16b: „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm.“
1251 V 76, 408,13f.
1252 Vgl. u.a. Seite 559 – 570.
1253 V 76, 410,16 – 18.
1254 V 10, 49,9 – 13. Vgl. V 23, 93,22 – 26: „Nu so wellent soliche lúte dis durchbrechen rechte mit gewalte in eime gestúrme und machent boese hobeter, oder soliche louffent zuo den lerern und zuo den Gottes frúnden, und wenig kan sich ieman hie zu verrichten, und sú wurdent ettewenne vil me verirret“ („Nun, so wollen solche Leute dieses [Leiden] mit Gewalt durchbrechen, [entfachen] einen [wahren] Sturm, und sie zerbrechen sich [darüber] böse ihre Köpfe, oder solche laufen zu den Lehrern und zu den Gottesfreunden, aber nur wenig kann hier jemand verrichten, und [so] werden sie gar noch mehr verwirrt“).
1255 V 76, 410,28 – 31. Vgl. Gnädinger 2004, 19446.
1256 V 76, 411,2.
1257 V 76, 411,2.
1258 V 42, 179,20 – 24 (H 47).
1259 Vgl. V 42, 177,19f. (H 47).
1260 V 42, 177,16f. (H 47).
1261 V 42, 178,25 (H 47).
1262 V 76, 412,23ff. . Tauler bezieht sich auf Phil 1,9: „Ich bete darum, dass euere Liebe immer noch reicher an Einsicht und Verständnis wird.“ Tauler zitiert den Vers jedoch mit Abweichungen: „Brüder, ich bitte euch, dass euere Liebe mehr und mehr wachse und überfließe.“ Vgl. V 76, 407,19f.
1263 V 10, 48,18 – 21.
1264 Hel 2, 356 (H 71).
1265 V 33, 130,33 – 131,4.
1266 V 39, 160,33 – 161,3 (H 40). Vgl. V 36, 138,19ff.: „Als si daz denne alles gelident, so súllent si denne so unsprechelichen verre sin von den sunderlichen frúnden Gotz her ab in einem winkellin verre“ (Wenn sie das dann alles durchlitten haben [gemeint sind die Leiden im Fegfeuer], so werden sie unaussprechlich weit entfernt sein von den besonderen Freunden Gottes in einem abgeschiedenen Winkel“).
1267 Vgl. Gnädinger 2004, 198.
1268 Vgl. Gnädinger 2004, 198: „Hierin zeigt sich der ekklesiologische Hintergrund“ von Taulers Gottesfreundidee.“ Vgl. Dies. 2004, 198ff.
1269 Siehe dieser Teil, sechstes Kapitel, I, 1 den Vergleich mit den Pharisäern. Vgl. Gnädinger 1993, 348: „Im Predigtcorpus, so wie es überliefert ist, findet sich Kritik an den institutionellen Vertretern der Kirche nicht selten. Im Gegenteil, die Kritik und Zurechtweisung des kirchlichen Klerus und vor allem der Ordensangehörigen – Tauler fasst sie manchmal unter dem Sammelbegriff ‚Geistliche‘ zusammen – nimmt einen breiten Raum in Taulers Predigten ein. Allerdings kritisiert Tauler niemals destruktiv: der Darstellung des negativen Ist-Zustands folgen konkrete und real erfüllbare Vorschläge zur Verbesserung.“ Zur Kirche in Taulers Predigtwerk vgl. Gnädinger 2004, 180 – 193; Mieth 1969, 266 – 270; Zahn 1920.
1270 Vgl. Gnädinger 2004, 180 – 186: Die Verfügungen der Amtskirche sind für ihn bindend. Tauler anerkennt die Autorität des Papstes. Vgl. Mieth 1969, 266: „Tauler hält an der irdisch konkreten Gestalt der Kirche ebenso fest wie an ihrer inneren Heiligkeit, und dies in einer Zeit der allgemeinen kirchlichen Unsicherheit.“
1271 V 69, 377,4f. (H 68).
1272 Einen, wie Gnädinger 2004, 18826 betont, „damals neuartigen, ‚modernen‘ Terminus“, der erstmals 1302 von Papst Bonifaz VIII. in der Bulle „Unam Sanctam“ in einem kirchlichen Dokument gebraucht wird. Vgl. Bonifatius VIII., Bulle „Unam sanctam“, DH 870, 1302.
1273 Vgl. Gnädinger 2004, 187 – 190. Vgl. 1 Kor 12, 12 – 31a, besonders 12, 20 – 27: „So aber gibt es viele Glieder und doch nur einen Leib. Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich bin nicht auf dich angewiesen. Der Kopf kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht. Im Gegenteil, gerade die schwächer scheinenden Glieder des Leibes sind unentbehrlich. Denen, die wir für weniger edel ansehen, erweisen wir umso mehr Ehre, und unseren weniger anständigen Gliedern begegnen wir mit mehr Anstand, während die anständigen das nicht nötig haben. Gott aber hat den Leib so zusammengefügt, dass er dem geringsten Glied mehr Ehre zukommen ließ, damit im Leib kein Zwiespalt entstehe, sondern alle Glieder einträchtig füreinander sorgen. Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm. Ihr aber seid der Leib Christi, und jeder einzelne ist ein Glied an ihm.“ Vgl. Röm 12, 4f.; Eph. 1, 22. 4, 15; Kol 1, 18 – 20. Vgl. Gnädinger 2004, 180. „Eine systematische Ekklesiologie ist in Predigtform selbstverständlich nicht zu erwarten, somit auch kein dogmatisch geschlossenes Bild der Kirche“ (180). Zum Thema Kirche als Corpus mysticum in Taulers Predigten: Vgl. auch Gnädinger 1993, 347 – 356; Mieth 1969, 268ff., Hoffmann 1961, 232 – 240.
1274 Vgl. Gnädinger 2004, 189: „Tauler besteht auf einer strikten Ausrichtung sämtlicher Glieder auf das Haupt, also auf einer ausgeprägten Christozentrik.“
1275 V 39, 158,24 – 33 (H 40).
1276 Gnädinger 2004, 187.
1277 V 39, 158,34 – 159,3 (H 40). Vgl. V 39, 159,12ff. (H 40).
1278 V 39, 159,15f. (H 40).
1279 V 44, 193,21ff. (H 49).
1280 V 39, 259,17 – 22 (H 40). Vgl. Gnädinger 2004, 199.
1281 Tauler bezieht sich auf Ps 133: „Seht doch, wie gut und schön ist es, wenn Brüder miteinander in Eintracht wohnen. Das ist wie ein köstliches Salböl, das vom Kopf hinabfließt auf den Bart, auf Aarons Bart, das auf sein Gewand hinabfließt. Das ist wie der Tau des Hermon, der auf den Berg Zion niederfällt. Denn dort spendet der Herr Segen und Leben in Ewigkeit.“ Vgl. Gnädinger 2004, 199f.; Dies. 1993, 354ff.: „Vermutlich hatte Johannes Tauler die Deutung, welche der Psalmvers von Aarons Bart ... durch Bernhard von Clairvaux erfährt, in Erinnerung“ (354f.). Vgl. Bernhard, Cant. 14, 3, Winkler V., 203.
1282 V 62, 339,29 – 340,4 (H 39). Vgl. Gnädinger 2004, 199.
1283 Gnädinger 2004, 203.
1284 V 75, 407,5f. Vgl. Gnädinger 2004, 202.
1285 V 62, 340,32 – 341,6 (H 39). Vgl. Gnädinger 2004, 200 zu dieser Predigtstelle: „Die Bezeichnung Gottesfreund findet sich an dieser Predigtstelle nicht, dennoch kann Tauler – bedenkt man seine Charakterisierung der Gottesfreunde – nur sie meinen.“