Nie werde ich lange Haare haben. Meine Haare sind wie Schnittlauch, sie wachsen nicht, und außerdem ist ein Kurzhaarschnitt so viel praktischer, wird behauptet, und so viel schicker. Ich möchte nicht schick sein, ich möchte mich hinter langen Haaren verstecken können wie die saubere Doris in der Schule neben mir. Sie zieht ihre dichten weizenblonden Haare wie einen Vorhang einfach zu. Mit langen Haaren wäre ich eine andere. Unbedingt möchte ich eine andere sein, nur weiß ich nicht genau, wer. Meine Freundin N schrieb einen Song: »Somebody else, I wish I could be somebody else«, sie versteht diese Sehnsucht. Meine Mutter auch. Manchmal rennen meine Mutter und ich um Viertel nach sechs noch schnell in die Stadt, obwohl alle Geschäfte um halb sieben zumachen, und stromern im Laufschritt durch die Gänge des einzigen etwas flotteren Mode-Kaufhauses. Es ist nicht schwer, meine Mutter zum Spontankauf von ausgefallenen Klamotten zu überreden, sie versteht den Zauber, der von ihnen ausgeht, das Versprechen. Als ich fünfzehn bin, schenkt sie mir einen bodenlangen, unpraktischen, aber wundervollen schwarzen Samtmantel, den ich jahrelang nicht mehr ausziehe. Er verleiht mir etwas Geheimnisvolles, wie ich meine, wahrscheinlich sehe ich eher aus wie ein Mitglied der Addams Family. Eine weiße Jacke mit Flokatiflusen, die an Hühnerfedern erinnern, einen roten Knautschlackledermantel, in dem ich mir vorkomme wie Emma Peel, die ich in Ermangelung eines Fernsehers nur aus den Fernsehprogrammzeitschriften im Altpapierstapel kenne.
Ich erinnere mich an einen roten Samtrock mit Trägern, da war ich vielleicht sechs oder sieben. Er ist rubinrot wie Rotkäppchens Umhang und macht aus mir Rotkäppchens Schwester, ich kann meine Augen kaum von dem Rock über meinen Beinen abwenden, so schön ist er. Ich laufe über einen Sandweg in meinem roten Rock unter den grünen Bäumen wie in einer Kinderzeichnung, links über mir vor Blau die gelbe Sonne, ich laufe heiter und leicht wie ein kleiner Wind mit aufgeblasenen Backen, da höre ich ein Geräusch hinter mir, und als ich mich umwende, sehe ich einen schwarzen, großen Hund in schnellen Sprüngen auf mich zuhechten, sehe sein Maul, seine spitzen Zähne, seine rosa Zunge. Ich laufe schneller, mein Rock wippt auf und ab, meine Beine fliegen, ich höre den Hund hinter mir schnaufen, er kommt näher, ich laufe so schnell ich kann, so schnell, wie ich noch nie gelaufen bin, der Hund schnappt nach mir, nach meinem Rock, immer wieder, bis er ihn zu fassen bekommt. Ich stolpere, falle hin, knurrend steht der Hund über mir, ich weiß genau, er wird mich fressen. Ganz still liege ich unter ihm, sein Sabber tropft auf mich herab, ich überlege, wie es sein wird, wenn ich tot bin. Ein Erwachsener kommt und verscheucht den Hund, trocknet meine Tränen, aber ich weine gar nicht, weil ich Todesangst hatte, sondern weil mein roter Samtrock zerrissen ist. Ich bin untröstlich. Meine Mutter versteht und flickt ihn auf zarteste Weise, aber der Riss ist für immer zu sehen. Der Rock hat seinen Zauber verloren. Ich ziehe ihn nicht mehr an.
Schreib über ein Kleidungsstück, das du als Kind hattestSchreib über ein Kleidungsstück, das du als Kind hattest. Das du geliebt oder gehasst hast, das wie eine Rüstung für dich war oder dich der Lächerlichkeit preisgegeben hat. Das du anziehen musstest oder unbedingt anziehen wolltest. Mach eine Liste von Kleidungsstücken, an die du dich erinnerst. ErinnerungenBleib in der Kindheit. Dort sind die Erinnerungen oft besonders präzise. Wie hat sich der ungeliebte Pullover genau angefühlt? Die schreckliche Strumpfhose? Die heißgeliebten Schuhe?