Ich ritze die Buchstaben seines Namens in meinen Schultisch, jede Schulstunde handwerkliche Schwerstarbeit. Ich bin verknallt und will seinen Vor- und Nachnamen in den Tisch schnitzen, riesengroß, von einem Ende zum anderen. Gerade noch waren es die Namen der Pferde. Gemini steht noch da, das Pony, das einem dünnen Mädchen gehört, das nicht gut reiten kann und immer Angst hat. Manchmal darf ich Gemini reiten, und ich bilde mir ein, dass er viel lieber mir gehören will. Meine Geheimnisse flüstere ich ihm in die Ohren, aufmerksam dreht er sie nach hinten, er hört jedes Wort, er hört mir zu. Immer hört er mir zu. Die Liebe zu Pferden ist noch größer als zu Jungens, weil sie so verlässlich erwidert wird. Ich hocke im Stall, esse Pferdefutter, Karotten aus einer großen Kiste, im Winter sind sie angefroren und faulig. Ich kann mich nicht trennen von Gemini. Er ist Gemini 6 und ich bin Gemini 7. Wir treiben im Weltraum aufeinander zu und docken aneinander

Das dünne Mädchen springt auf Gemini über ein Hindernis und verunglückt tödlich. Ich darf Gemini nun fast immer reiten und frage mich, woran er sich erinnert. An das Mädchen, wie es unter ihm am Boden lag? Nicht heulend aufstand, wie wir sonst doch alle immer gleich wieder aufstehen und wieder aufsteigen, was man uns so beigebracht hat. Ich fühle mich schuldig, dass ich ihn jetzt ganz für mich habe, und kann ihn nicht mehr ganz so lieben wie zuvor.

Eine Faschingsparty findet statt im Reiterverein. Warum verkleide ich mich als Mozart? Ich trage eine Perücke aus Watte mit Zopf und Locken an den Seiten, die ich selbst gebastelt habe, ein Rüschenhemd,

Ich flüchte in den Stall zu Gemini. Er begrüßt mich mit leisem Gewieher. Vertraute Geräusche, Schnauben, Stampfen, hier ist es friedlich und dunkel. Ich hocke mich neben Gemini ins Stroh, er bläst seinen warmen Atem in mein Haar. Ein Gerücht

Mozart bleibt bis spät in der Nacht im Pferdestall. Ich möchte nicht mehr teilnehmen an diesen blöden Spielen zwischen Männern und Frauen.

Die Buchstaben im Schultisch werden immer tiefer, aber bevor ich den vollen Namen des Angebeteten fertiggeritzt habe, werde ich erwischt und muss nach der Schule den gesamten Tisch abhobeln und neu streichen. Doch kaum sitze ich an dem wie neu aussehenden Tisch, fange ich von vorne an. Kann es nicht lassen. Es ist eine Beschwörung, ein magisches Ritual. Er wird mich erhören, wenn sein Name vollständig ins Holz eingraviert ist, da bin ich ganz sicher. Aber ich werde nie fertig, weil der Unterricht umstrukturiert wird und wir ständig die Klassenzimmer wechseln, und so erhört er mich nie. Wie sollte er auch? Er weiß ja gar nichts von meiner brennenden Liebe.

Schreib über deinen ersten SchwarmLangsam verlässt du die Kindheit. Schreib über deinen ersten Schwarm. Hat er dich erhört? Oder nicht? Wovon hast du geträumt? Wer warst du in diesen Träumen?

Schreib übers Verkleiden, ein KostümSchreib über Fasching, Karneval. Wer wolltest du sein? Hast du dich wohlgefühlt in deinem Kostüm?

ErinnerungenDas Glück des Schreibens Ihn aufzuschreiben, macht seltsam froh. Die Erinnerungen, die aufsteigen, sind unser Besitz. Sie machen uns aus. Sie erzählen, wie wir bis hierher gekommen sind, an diesen Punkt in unserem Leben. Sie versetzen uns gleichzeitig in die Vergangenheit und Gegenwart unserer Existenz, mit all ihrer Schönheit und ihrem Schrecken.