Ich ritze die Buchstaben seines Namens in meinen Schultisch, jede Schulstunde handwerkliche Schwerstarbeit. Ich bin verknallt und will seinen Vor- und Nachnamen in den Tisch schnitzen, riesengroß, von einem Ende zum anderen. Gerade noch waren es die Namen der Pferde. Gemini steht noch da, das Pony, das einem dünnen Mädchen gehört, das nicht gut reiten kann und immer Angst hat. Manchmal darf ich Gemini reiten, und ich bilde mir ein, dass er viel lieber mir gehören will. Meine Geheimnisse flüstere ich ihm in die Ohren, aufmerksam dreht er sie nach hinten, er hört jedes Wort, er hört mir zu. Immer hört er mir zu. Die Liebe zu Pferden ist noch größer als zu Jungens, weil sie so verlässlich erwidert wird. Ich hocke im Stall, esse Pferdefutter, Karotten aus einer großen Kiste, im Winter sind sie angefroren und faulig. Ich kann mich nicht trennen von Gemini. Er ist Gemini 6 und ich bin Gemini 7. Wir treiben im Weltraum aufeinander zu und docken aneinander an, werden uns nie mehr verlieren. Alle reden über die Mondlandung. Wir haben keinen Fernseher, aber ich gebe vor, auch ich hätte sie live gesehen. Ohne Fernseher ist man nicht von dieser Welt. Wir spielen Mondlandung, springen von den Strohballen und imitieren Schwerelosigkeit. Die Pferdepfleger, alte, rauhe Kerle, manche von ihnen waren im Krieg, machen mit den halbwüchsigen Jungens versaute Witze, die ich nicht verstehe. In den Boxen nebenan wird geknutscht und gekichert. Es ist kalt, die Pferde sind warm, die Luft strömt in weißen Wölkchen aus ihren Nüstern, im Stall riecht es gemütlich nach Pferdemist und Hafer.
Das dünne Mädchen springt auf Gemini über ein Hindernis und verunglückt tödlich. Ich darf Gemini nun fast immer reiten und frage mich, woran er sich erinnert. An das Mädchen, wie es unter ihm am Boden lag? Nicht heulend aufstand, wie wir sonst doch alle immer gleich wieder aufstehen und wieder aufsteigen, was man uns so beigebracht hat. Ich fühle mich schuldig, dass ich ihn jetzt ganz für mich habe, und kann ihn nicht mehr ganz so lieben wie zuvor.
Eine Faschingsparty findet statt im Reiterverein. Warum verkleide ich mich als Mozart? Ich trage eine Perücke aus Watte mit Zopf und Locken an den Seiten, die ich selbst gebastelt habe, ein Rüschenhemd, Wams und Kniebundhose, ich finde mich gut gelungen, stolz mache ich mich auf den Weg. Ungewöhnlich viel Schnee ist gefallen, die Straßenbahnen fallen aus. Mozart verbringt Stunden an der Haltestelle und stapft schließlich die letzte Strecke durch den tiefen Schnee, die Kniebundhose durchnässt, die Perücke wie eine nasse weiße Katze auf dem Kopf. In einem schummrig rot erhellten Raum hängen ein paar trostlose Girlanden, ein paar Jungs stehen herum und trinken Bier, kein einziges anderes Mädchen ist gekommen. Sie haben die Beatles aufgelegt, All You Need Is Love. Mädchenmusik. Wer cool sein will, findet die Beatles blöd und die Stones gut. Die Jungens lachen über Mozart, ziehen mir die Perücke vom Kopf und spielen mit ihr Fangen. Stumm und starr stehe ich da, entsetzt über meine verklebten, verschwitzten Haare, die nun jeder sehen kann. Ich versuche zu kichern, aber es gelingt mir nicht. Keinen Ton bringe ich heraus. Die Jungens wenden sich bald wieder ihrem Bier zu, ich bin uninteressant für sie. Erst jetzt fällt mir auf, dass ich mich als Mann verkleidet habe. Warum? Warum denn nur?
Ich flüchte in den Stall zu Gemini. Er begrüßt mich mit leisem Gewieher. Vertraute Geräusche, Schnauben, Stampfen, hier ist es friedlich und dunkel. Ich hocke mich neben Gemini ins Stroh, er bläst seinen warmen Atem in mein Haar. Ein Gerücht geht um, ein Pferdepfleger habe eine Stute mit einem Besenstiel vergewaltigt. Ich weiß nicht, was das heißen soll, ich kann es mir nicht vorstellen.
Mozart bleibt bis spät in der Nacht im Pferdestall. Ich möchte nicht mehr teilnehmen an diesen blöden Spielen zwischen Männern und Frauen.
Die Buchstaben im Schultisch werden immer tiefer, aber bevor ich den vollen Namen des Angebeteten fertiggeritzt habe, werde ich erwischt und muss nach der Schule den gesamten Tisch abhobeln und neu streichen. Doch kaum sitze ich an dem wie neu aussehenden Tisch, fange ich von vorne an. Kann es nicht lassen. Es ist eine Beschwörung, ein magisches Ritual. Er wird mich erhören, wenn sein Name vollständig ins Holz eingraviert ist, da bin ich ganz sicher. Aber ich werde nie fertig, weil der Unterricht umstrukturiert wird und wir ständig die Klassenzimmer wechseln, und so erhört er mich nie. Wie sollte er auch? Er weiß ja gar nichts von meiner brennenden Liebe.
Schreib über deinen ersten SchwarmLangsam verlässt du die Kindheit. Schreib über deinen ersten Schwarm. Hat er dich erhört? Oder nicht? Wovon hast du geträumt? Wer warst du in diesen Träumen?
Schreib übers Verkleiden, ein KostümSchreib über Fasching, Karneval. Wer wolltest du sein? Hast du dich wohlgefühlt in deinem Kostüm?
ErinnerungenWir sind immer wieder andere, am Abend nicht die, die wir am Morgen waren. Aber wir können uns an die, die wir waren, erinnern. Der Kosmos von Eindrücken in unseren Gehirnen ist ein großer Schatz (und auch oft großer Mist, keine Frage). Das Glück des Schreibens Ihn aufzuschreiben, macht seltsam froh. Die Erinnerungen, die aufsteigen, sind unser Besitz. Sie machen uns aus. Sie erzählen, wie wir bis hierher gekommen sind, an diesen Punkt in unserem Leben. Sie versetzen uns gleichzeitig in die Vergangenheit und Gegenwart unserer Existenz, mit all ihrer Schönheit und ihrem Schrecken.